Ludwig Fugeler (continued 5)
Reading edition
Wie wenn er meinen Gedanken gefolgt wäre, sagte da Herr Kasimir: „Erinnern Sie sich eigentlich noch daran, daß wir seinerzeit so halb und halb ausgemacht haben, Sie müßten zu uns zurückkehren? Und ist es Ihnen noch so, daß Sie es gerne täten? Es würde mich freuen, wenn Sie wieder in mein Geschäft eintreten wollten. Es ist ja viel kleiner als das, in dem Sie jetzt sind, natürlich. Aber Sie wissen ja, das hat seine Vorzüge. Man ist nicht auf eine bestimmte Arbeit beschränkt, sondern übersieht das Ganze und hat es in der Hand; es ist anregender und vielseitiger, und außerdem – ich hätte eigentlich einen Plan mit Ihnen. Ich möchte es mir allmählich leichter machen und einen Nachfolger einarbeiten. Dazu hätte ich Sie im Sinn. Es hängt da so allerlei drum und dran, was sich vielleicht nach und nach einrichten ließe. Ich möchte nicht gern verkaufen und drausgehen; ich hätte lieber die Hände noch darin. Auch habe ich ungern immer wieder neue Leute. Und so weiter. Kurzum, Sie würden mir passen. Überlegen Sie es einmal. Es ließe sich vielleicht einrichten, daß Sie gar kein Kapital brauchten, sondern vorläufig bei mir angestellt wären. Später sähe man dann wieder.“
Mir hing der Himmel voller Geigen. Am liebsten wäre ich aufgestanden und zu Maidi gelaufen. Denn war hier nicht wieder einmal das Zufällige oder Gefügte mein Freund? Und hatte ich nicht immer gewußt, daß es bei mir so gehe? Einfach, es lag so in meiner Lebenslinie. Daneben mußte ich natürlich dennoch ein tüchtiger Kerl sein und war es auch. Maidi hätte nur zuhören sollen: „Und kurzum, Sie passen mir.“ Und so weiter.
Aber sie hatte nie darauf eingehen wollen, daß etwas Glückliches irgendwoher kommen konnte, es mußte immer alles erworben sein. Was mich betraf, ich ließ mir gern etwas in den Schoß werfen. Das Haus Hagenau war vornehm, alt, angesehen und das Geschäft ein Goldgrüblein, wie ich es schon hatte nennen hören. Ich reiste mit Extrapost in meinen Gedanken. Daneben sprach Herr Kasimir weiter. „Wohnung und Tisch im Hause könnte ich Ihnen freilich vorläufig nicht anbieten; die Umstände sind nicht so gelegen dafür. Dagegen sind Sie selbstverständlich stets willkommen als Abendgast und etwa Sonntags. Ich würde mich immer freuen.“ Jetzt fuhr wieder er mir zu schnell. Ich hatte ja noch gar nicht gesagt, ob ich wollte. Ich war hier auch nicht schlecht angeschrieben. Auch stand mir noch die Welt offen. Ich machte ein weises und undurchdringliches Gesicht und sagte, es müsse überlegt sein. Es sei sehr freundlich von ihm und habe viel Verlockendes, indessen könne ich nicht nur so handumkehr mein Leben darauf einstellen. Im Geschäft gebe es ohnehin auch zur Zeit Veränderungen, und ich habe alle Aussicht, vorzurücken. Doch wolle ich es mir merken. Es müsse doch nicht heute entschieden sein? Nein, das müßte es nicht, doch sollte es auch nicht mehr lang hinausgeschoben werden. Und, wenn er das sagen dürfe, Selbständigkeit sei doch auch eine schöne Sache. Ja, ja, das war es; wenn er nur schon abgereist wäre, daß ich hätte zu Maidi gehen können. Es brannte mich; ich dachte in diesem Augenblick nicht an die trübseligen Tage, die hinter mir lagen, und an alles Halbdunkle, das zwischen dem letzten Beisammensein und heute schwebte, und an meinen Freund, der mit trauriger Bitterkeit und einer Herzenswunde in die Welt hinausfuhr, sondern nur an Maidis staunendes Gesicht und an meinen Triumph, und daß wir alles miteinander besprechen würden.
Aber ich mußte mich noch eine Nacht und einen Tag lang gedulden, und als ich am Montag abend zu ihr kam, war sie selber voll von einer großen Neuigkeit, die sie mir erzählen mußte. Einer der Lehrer an der Kunstgewerbeschule hatte den Auftrag übernommen, den neuen und prächtigen Landsitz eines Großindustriellen, der an einem herrlichen Platz im Gebirge lag, künstlerisch auszuschmücken, und er hatte Maidi mit noch ein paar andern Schülern und Schülerinnen der obersten Klasse den Vorschlag gemacht, ihm dabei zu helfen. Er wollte schon während des Semesters mit ihnen dahin ausrücken, da er ein paarmal in der Woche die nicht ganz kleine Fahrt in die Stadt machen konnte, um seine Stunden zu geben, und da sie ihre Arbeit als praktische Vorbereitung auf die Prüfung ansehen konnten. Maidi war voll brennenden Eifers, mir die Vorzüge dieser Abmachung auseinanderzusetzen. Sie hatte schöne Entwürfe für Vorhänge und Wandbekleidungen im Kopf, und auf dem Tisch lagen geöffnete Mappen mit Zeichnungen, die sie sich einmal für ein Kinderspielzimmer ausgedacht hatte: ein Fries mit allerlei Tieren: Schnecken, Fröschen, Käfern und Schmetterlingen, und eine Tapete mit Bienen und Hummeln, die auf Blumen saßen.
Wenn Maidi etwas Schweres durchgemacht hatte, wie ich ja annehmen mußte, so kam ihr freilich die neue Aufgabe mit allen Veränderungen und Kraftanstrengungen, die sie mit sich brachte, sehr zustatten. Sie sah auch freudig angeregt aus und kam mir höchstens etwas schmäler vor, und als ob sie in der Zwischenzeit noch gewachsen sei, was ja freilich nicht sein konnte. Ich hielt mich auch nicht mit Betrachtungen auf, sondern eilte, meine Sache auch anzubringen, und nun sangen wir wieder einmal ein Duett, in dem jedes die erste Stimme haben wollte, denn es war alles neu und wichtig, und jedes mußte dem andern zugeben, daß es vorwärts ging im Leben, und daß freilich beides am Werk sei, Glück und Verstand, aber welches am meisten, das konnte man nicht ausmessen. Der Professor hatte auch bei Gelegenheit der Abmachung gesagt, daß er für Maidi bereits eine schöne Arbeit in Aussicht habe, die sie, wenn sie wolle, sofort nach der Prüfung, die im Herbst stattfand, antreten könne. Es war die Stelle einer Lehrerin an derselben Anstalt, für die sie sich nach der Ansicht des Professors besonders gut eignen würde, und die ihr auch einen festen, wenngleich bescheidenen Grund unter die Füße gab. Das war es ja, was Maidi gewollt hatte, und ich fragte sie, ob sie dazu entschlossen sei, die Stelle anzunehmen oder sich etwa schon verpflichtet habe. Es war aber bis jetzt weder das eine noch das andere der Fall. Maidi sagte, träumerisch vor sich hinblickend, sie wolle jetzt auch einmal eine Weile das Land unbegrenzter Möglichkeiten vor sich haben, oder ob ich es vielleicht allein gepachtet habe? Bei dieser Frage sandte sie mir unversehens einen Blick zu, der mich an die alte Neckerei erinnerte, die von Olbrich und ihr mit diesem Wort getrieben worden war, und ich sagte, eifrig darauf eingehend: „Sehen Sie jetzt, wie schön es ist, wenn man alles vor sich hat, was einen freuen kann, aber immer noch frei ist, zu tun, was man will? Es ist ein so behaglicher Zustand, daß man ihn ausdehnen sollte, solang es irgend geht.“
Aber es war nicht ganz das Rechte gewesen, wie ich merkte, denn Maidi sagte leise und fing an, die Mappen wieder einzupacken: „Ich habe es ein bißchen anders gemeint,“ und dabei wurde sie wieder einmal rot, was ich wohl sah, obgleich sie sich im Hintergrund des Zimmers an einem Schrank zu schaffen machte. Sie hatte dieses Kommen und Gehen der Farbe von jeher an sich, wie sie mir schon erzählt hatte, und ärgerte sich oft darüber, weil es das geheime Leben ihres Herzens allzu offenkundig zeigte; es war aber immer lieblich anzusehen, und ich hätte es gern häufig hervorgerufen, um sie dann betrachten zu können. Diesmal aber fiel mir mit Gewalt ein, was Olbrich mir erzählt hatte und was über all den Neuigkeiten eine Weile im Hintergrund gestanden war.
Ich sah auf einmal Maidi vor mir stehen wie ein Paradiesgärtlein, in das durchaus nicht jeder eintreten durfte, aber das in aller Stille für mich erblühte, so unbegreiflich es eigentlich war. Es wurde mir heiß dabei, aber auch seelenwohl, und ich machte unwillkürlich einen Schritt vorwärts, auf Maidi zu, denn da war kein Überlegen, ich wußte plötzlich alles von ihr und von mir; es war wie vom Himmel gefallen. Sie sah aber meine Augen, in denen das neu erwachte Leben freudig und stürmisch loderte, und beugte sich, noch tiefer erglühend, über eine offene Truhe, in die sie die Mappen legte. Das dauerte eine ziemliche Weile, dann sagte sie, ohne sich umzusehen und eifrig beschäftigt dem Anschein nach: „Jetzt wird einmal vor allen Dingen das Examen gemacht, dann sieht man weiter. Man muß sich in der Hand behalten und wissen, was man will; dann ist es immer noch Zeit, ja zu sagen.“ Das sollte freilich dem Professor gelten mit seiner Stelle, aber mir machte sie nichts mehr weis. Es mußte heißen: „Warte noch ein Weilchen, frage mich jetzt nichts, denn im Augenblick ist nicht Zeit dazu.“ Sie wollte selber etwas sein, wenn sie sich hingab, etwas Ganzes und Fertiges, denn sie hatte ihren Stolz und ihre Arbeit darangesetzt, und wer sie bekam, der mußte froh sein an ihrer Liebe und ihrem blühenden Leben und selber auch Liebe und Leben hergeben; um anderes ging es nicht bei ihr. Es war begreiflich, und man mußte ihren Willen ehren, aber so sehr ich vorhin die Freiheit gepriesen hatte, so fiel es mir doch sauer, daß Maidi sich ihrer jetzt bediente. Ich hätte sie gerne leise in den Arm genommen und geküßt und mußte mich doch still halten. Es sang und musizierte aber in mir, wie noch nie zuvor.
Darauf brachten wir noch einmal ein erträgliches Gespräch zustande. Maidi mußte schon in acht Tagen abreisen und hatte vorher noch alle Hände voll zu tun mit Vorbereitungen. Sie freute sich auf die Arbeit; es wurde ein Gartensaal ausgemalt, dessen Schmuck, vom Professor entworfen, von den Schülern ausgeführt werden sollte. Und es gab eine heitere Gesellschaft von jungen Leuten, die zusammen arbeiteten den Sommer lang. Aber ich hatte keinen Teil daran, sondern mußte allein in der Stadt zurückbleiben, die mir öd und ausgestorben vorkam, wenn ich nur daran dachte.
Ich sagte bedrückt, am liebsten möchte ich auch gleich abreisen und meine neue Stelle antreten, es sei dann ohnehin nichts mehr hier. Da lachte Maidi und fragte mich, ob ich denn schon entschieden sei und ob ich denn nicht vielmehr noch eine Zeitlang in der schönen Entschlußfreiheit leben wolle? Und wie es dann im Herbst wäre, wenn sie zurückkäme? Da würde dann wohl die Stadt auch ausgestorben sein. Ich sagte, wie es im Herbst werde, das komme noch auf sie selber an; es müsse ja nun vor allem, wie ich habe sagen hören, das Examen gemacht werden, und sie könne dann auch immer noch hingehen, wo sie wolle. Das alles brachten wir im heiteren Ton der Neckerei vor, wie sie manchmal zwischen uns hin und her ging, aber wir waren nicht frei dabei, denn auf einmal stand Trennung und Abschied zwischen uns, und wir waren noch gar nicht beisammen gewesen. Ich machte bald, daß ich fort kam, denn ich war es nicht gewöhnt, mich zu beherrschen, und es ging zu vieles zu stark in mir um.
In der Nacht fiel es mir noch ein, daß ich Maidi am nächsten Sonntag ein gutes Stück weit begleiten konnte über einen Gebirgskamm hinüber und bis an eine kleine Station, von der sie dann an die Hauptbahnlinie gelangen und zu ihren Gefährten stoßen konnte. Ich stand auf und suchte auf der Karte und mit dem Wanderbuch den Weg und wäre am liebsten noch einmal ausgegangen, um es Maidi durchs Fenster zuzurufen. Aber es schlug zwölf Uhr, und sie war nicht Olbrich, sondern ein feines und köstliches und vornehmes Frauenwesen, das jetzt hinter zugezogenen Vorhängen schlief und nicht auf Pfeifen ans Fenster kam.
Also behielt ich meinen Vorsatz bei mir und schlief auch mit ihm ein, so daß es weiter nicht verwunderlich war, daß auch meine Traumgebilde auf Wanderfüßen gingen. Sie führten mich aber nicht in die dortige Gegend, sondern auf einen Berg bei uns daheim und auf einen grasigen Platz, wo ich folgendes Schauspiel hatte: Es stand eine hohe und dunkle Tannenfront da, die den Weg begrenzte. Die Bäume waren aufrecht und in Reih' und Glied gestellt, sie konnten sich nicht mucksen. Aber an ihnen vorbei trippelten mit zierlichen Schritten schlanke junge Birken in weißen Kleidern und mit grünen Seidentüchern, die leicht um sie herumwehten, und lachten mit ganz hellen und hohen Stimmen, so daß es mehr gesungen als gelacht war. So gingen sie an den dunklen Bäumen vorbei, die sich nicht rühren konnten. Es waren aber eigentlich Männer, die ums Leben gern die feinen Mädchen, die die Birken eigentlich waren, zum Tanzen aufgefordert hätten. Sie zwirbelten ihre Bärte mit düsteren Gesichtern und ließen die Augen herumlaufen, als wollten sie sagen: Wartet nur, bis wir dann nachher aufgewacht sind. Da wollen wir euch schon kriegen. Aber die Birken schwänzelten weiter, nur die größte und schönste blieb ruhig stehen und ließ ihre Schleier wehen. Da war es auf einmal Maidi und winkte mir mit der Hand zum Mitkommen. Aber ich konnte nicht zu ihr und sie nicht zu mir, und sie nickte mit dem Kopf. „Ich bin gewiß nicht schuldig,“ sagte sie zärtlich und traurig und hatte die leuchtenden Augen voller Tränen.
Wenn ich nun den letzten Tag beschreiben will, den ich mit Maidi erlebte, so zittert mir aufs neue das Herz, und ich weiß nicht, ist es mehr die Wonne, ihn erlebt, oder die Trauer, ihn nicht genützt zu haben, was mich im tiefsten bewegt. Doch kann man beides nicht auseinander halten; es ist ineinander verflossen und läßt sich nicht trennen. Auch habe ich mir vorgenommen, mir in diesen Blättern das Wort der Selbstbespiegelung und der Klage abzuschneiden, so oft es sich auch hervordrängen will. Denn was mache ich anders damit? Und liegt es nicht an mir, vergangene Lieblichkeiten und Schmerzen, die sich stets erneuern, zu nützen, so daß noch eine späte Ernte daraus hervorgeht?
Maidi war auf dem Weg, den sie mit leichten Schritten und wie beschwingt neben mir beging, von der goldensten Laune und glich so recht dem Frühlingstag, der über uns blaute, und der alles sprossen und blühen ließ, was nur im Lichte webte und sich drängte. Sie schwang ihren Wanderstab wie eine glückspendende Göttin oder Fee ihr Zauberstäbchen, und überall, wo er seine Kreise zog, lagen Sonnenlichter auf dem Boden, wehte ein leichtes, frisches Lüftchen um uns her und rauschten klare Brunnen oder blühende Bäume uns entgegen. Sie war so voll freudigen Überschwangs, daß sie jedem Begegnenden ins Gesicht sah mit sonnigem Lachen und ihn grüßte, Mann, Weib oder Kind, und jeder, ob es auch der griesgrämlichste Gesell gewesen wäre, dankte ihr, freilich mehr oder minder freundlich, und sah ihr mit zurückgebogenem Kopfe nach, was ich alles aufs genaueste beobachtete und einheimste wie einen Zoll, dessen Ertrag nun für eine Zeitlang meinen Lebensunterhalt bilden mußte. Ich war ein wenig schwermütig aufgestanden an diesem Morgen, weil mir die nächste Zeit in gähnender Leere zu liegen schien, und vielleicht hätte ich auf dem Weg meine sentimentale Stimmung weiter gepflegt, aber das war nicht möglich neben dem freudigen Leben, das erwartungsvoll in den Tag hinein schritt und doch auch ganz hier zur Stelle war, um nichts zu versäumen. Wir gerieten, als wir an verschiedenen Bauernhöfen vorbei, die übereinander an einem Bergabhang lagen, die Höhe erklommen hatten, und nun auf einem leicht gewellten Gebirgskamm dahinschritten, in ein trauliches und ausgiebiges Geplauder, wie wir es unter den mancherlei Stürmen der letzten Zeit schon lang nicht mehr geübt hatten, und besonders Maidi brachte alles Mögliche hervor, das sie gedacht, erlebt und geträumt hatte. Wenn ich heute noch einmal denselben Weg gehen sollte, wozu ich mich bis jetzt nicht aufgeschwungen habe, und was ich auch nicht so leicht tun werde, so könnte ich sicher noch aus der Erinnerung sagen: Das haben wir an der alten hohlen Eiche geredet, und das bei dem Wegkreuz mit der seltsamen Inschrift, dies an der Aussichtsstelle in das wildromantische Felsental, und dies, als wir an der halbzerfallenen Holzknechtshütte vorübergingen. Es wären alle diese Orte wie Blätter eines Buches, dessen Lettern im Dunkeln frisch und neu geblieben sind; aber ich brauche nicht darin zu lesen, denn ich kenne die Geschichten, die darin stehen, aus- und inwendig.
Maidi hatte auf dem Ausflug, den sie mit der Pfarrerswitwe gemacht hatte, in deren früherer Heimat einen Bauersmann kennen gelernt, einen entfernten Verwandten der Pfarrfamilie, die auch aus bäuerlichen Verhältnissen stammte. Sie mußte es dem ernsten und schweigsamen Mann, der ein Witwer war und allein mit einer alten Magd lebte, durch den Liebreiz und die offene Zutraulichkeit ihres Wesens angetan haben, so daß er ihr ein leidvolles Stück seiner Lebensgeschichte erzählte, die sie mir nun wiedergab. Wenn ich sie jetzt aufschreibe, so geschieht es, daß ein Menschenleben, das sonst wohl schon vergessen wäre oder es doch bald sein würde, noch einmal eine kleine Wellenbewegung macht auf der Oberfläche des Stromes, der uns alle mitnimmt, was vielleicht mir einmal nicht geschieht, wenn ich vergangen sein werde. Wer weiß?
Der Bauer war der ältere Sohn seines Vaters gewesen, oder vielmehr längere Zeit der einzige, und hatte sich als solcher schon im Besitz des Hofs gesehen, an dem er mit allen Eigentumsgedanken und Gefühlen hing, als nach einer Reihe von Jahren noch ein Nachzügler erschien und das ganze Zukunftsbild durch sein bloßes Erscheinen auslöschte, da in jener Gegend die Erbschaftsgebräuche dem Jüngsten den Besitz zusprachen, während die älteren Kinder anderweitig abgefunden wurden. Diese feststehende Regel umzustoßen, konnte niemandem einfallen, sie war durch das Herkommen geheiligt und wurde so wenig angetastet wie das Erbfolgerecht eines regierenden Hauses. So sah der Älteste bereits den Tag vor sich, an dem er den geliebten Hof verlassen mußte, um irgendwo anders unterzukommen, sei es durch Einheirat oder durch das Erlernen eines anderen Berufes, falls er nicht als Knecht dem Bruder dienen wollte, was ihm alles gleich schrecklich war. Er warf im stillen einen Haß auf den Bruder, den er aber so gut als möglich zu verbergen und auch zu überwinden trachtete, wovon ihm aber nur das erstere gelang, und auch das nicht immer. Der Kleine, der ein schönes und zutrauliches Kind war, hing an dem großen Bruder und ging ihm auf Schritt und Tritt nach, obgleich dieser ihn kalt und oft abstoßend behandelte; das schien ihn nur noch mehr zu reizen, sich seine Liebe zu erringen. Der Ältere wurde auch manchmal gerührt, wenn der kleine Lockenkopf sich an ihn drängte und ihn liebkoste, aber mitten drin kam wieder der Groll über ihn, daß dieser Blondkopf ihm durch sein bloßes Dasein die Heimat nehme, und er wurde von dunklen Gewalten umhergerissen, die ihn allmählich so in die Hand bekamen, daß er den Tod des Bruders wünschte.
Es begab sich nun das Unglück, daß dieser Wunsch erfüllt wurde, und zwar durch seine eigene schuldig-unschuldige Hand, indem ein Gewehr, mit dem die beiden Buben spielten, und das sie für entladen hielten, losging und den Kleinen niederstreckte, ohne daß dieser noch einen Laut von sich gab. Der Große war durch diesen erschütternden Vorfall plötzlich im Tiefsten wach geworden und sah sich als den Mörder seines Bruders an, der er ja freilich auch war, wenngleich nicht mit Willen im Augenblick des Geschehens, aber hundertfältig in Gedanken und Wünschen. Er verfiel in eine schwere Gemütskrankheit, von der er nur langsam genas, und von der ihm immer ein Rest dunkler Melancholie zurückblieb, auch als er dann in den Besitz des gewünschten Erbes kam, das ihm nun ein Reichtum und eine Armut zugleich war. Er heiratete eine Bauerntochter, die ihm sein Vater aussuchte, und neben der er gleichgültig hinlebte, ohne zu sehen, daß sie ihm mit aller Frauenliebe anhing. Wenn er etwas wünschte, so war es ein Erbe, und auch diesen begehrte er nur um des Hofes willen, der nicht in fremde Hände kommen durfte. Als er nun nach einer Reihe von Jahren erschien, starb die Mutter, die mit dem Sohn die Liebe ihres Mannes zu erwerben gehofft hatte, hinweg, und auch hier war es so, daß diesem erst die Augen aufgingen, als sie ihm sterbend sagte, wie sehr sie ihn geliebt habe. Er wollte nun aber nichts mehr versäumen in seinem Leben und nahm sich vor, dem Sohn ein so guter Vater zu sein, als irgend möglich, und auch nicht mehr zu heiraten, um nicht von neuem den schweren Konflikt in ein Gemüt zu werfen, das von sich aus schuldlos ins Leben hineinging, und das hier vor ihm in der Wiege friedlich schlummerte. Aber als das Bübchen die Augen aufheben sollte, fand es sich, daß sie blind waren, und so schloß nun auch dieser teuer bezahlte Reichtum eine Armut ein. Doch blieb der Vater dennoch seinem Vorsatz getreu und lebte für den Sohn, der ein feines, zartes und reich veranlagtes Kind und trotz des großen Mangels in seinem Dasein von einer sonnigen Heiterkeit war, wovon der Vater manche Züge zu erzählen wußte. Die Sonne habe der Blinde, der sie nur vom Hörensagen kannte, innig geliebt und Gesicht und Hände ihren Strahlen ausgesetzt, auch die Arme ausgebreitet, um sie zu umfangen, und wenn sie nicht gekommen sei, so habe er sehnlich auf sie gewartet. Wie die meisten Blinden war er musikalisch und spielte mit seinen feinen, beweglichen Händen leise, träumerische Melodien auf dem Harmonium, das der Vater ihm kaufte, so daß es rührend und erbaulich anzusehen und zu hören gewesen sei. Er habe auch eine sonderbar wohlklingende, weiche und doch volle Stimme gehabt, die schon beim Sprechen wie eine Melodie gewesen sei. Mit dieser Stimme habe er Menschen und Tiere gewonnen, so daß er aller Liebling gewesen sei. Gerade diese Stimme sei aber auch sein Verhängnis gewesen, wie denn (wie der nachdenkliche Bauer sagte) jeder sein Schicksal und auch seine Todesart in sich trage, er brauche nicht viel hinzuzutun.
Es war nämlich auf dem Hof ein wilder, störrischer und gefährlicher Zuchtfarren, den zu bändigen, wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen wollte, so daß man schon verschiedene Male seinen Tod beschlossen hatte und ihn nur immer wieder behielt, weil er von vorzüglicher Rasse und zur Zucht besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete es sich, daß, als der kleine Blinde einmal in die Nähe kam und vor den Augen des entsetzten Vaters auf das um sich stoßende Tier zuging, ehe dieser es hindern konnte, der Bulle durch die sanfte und helle Kinderstimme beruhigt wurde und sich sogar von den kleinen Händen streicheln und führen ließ. Das alles war noch nie erhört und ging von Mund zu Munde, so daß das blinde Bübchen eine Art Sehenswürdigkeit wurde und zum Wundertun ausersehen von vielen, denen das, was da und wirklich war, noch nicht genügte, sondern nur ein Angeld und eine Verpflichtung auf Ferneres schien.
Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern als man das blinde Kind nach öfterem Gelingen des seltsamen Versuchs allmählich mit dem Stier umgehen ließ wie mit einem gänzlich unterjochten Feind, ohne genaueste Aufsicht, wurde es zur bösen Stunde von ihm totgedrückt. Es habe noch einen hellen Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier aber sei darauf in solche Raserei geraten, daß man ihn schleunigst habe erschießen müssen; er sei mit einem dumpfen Brüllen in sich zusammengestürzt und habe also leben müssen, bis er sein Werk getan habe.
Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes und doch stets Gegenwärtiges ruhig und mit tiefer Stimme erzählt und dabei mit seinen stahlblauen Augen unter weißen, buschigen Brauen wie in eine große Weite gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend gefragt, ob er sich vielleicht damals wieder habe Vorwürfe machen müssen, daß er den Stier nicht früher erschossen, das Kind nicht ängstlicher behütet habe. Darauf habe er erwidert, nein, sondern es sei ihm auf einmal aufgegangen, daß alles geschehe, wie es sein müsse, doch aber so, daß der Mensch trachten müsse, aus aller seiner Schuld und dem Bösen, das in ihm sei, und aus dem Unglück, das ihm widerfahre, wenn auch durch eigene Mängel, das Beste zu machen und noch etwas zu tun oder zu werden, was ohne das nicht geschehen wäre. Man dürfe sich natürlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht entziehen wollen, denn dann geschähe erst das eigentliche Unglück, ja das Verderben, nämlich das Versinken in Stumpfheit und Gleichgültigkeit, worin dann die Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid seines Lebens aus dem Niederen erlöst, und er beklage sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht gesehen und seine Seele sei genesen.
Das alles erzählte Maidi mit der staunenden Verwunderung, mit der sie es das erstemal mochte vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu: „Ach, wenn es doch anginge, daß man, ohne schuldig zu werden und ohne solche Abgründe in sich und im Leben zu entdecken, dennoch ein guter und gottgefälliger Mensch werden könnte! Denn das möchte ich, aber vor Schmerzen und besonders vor solchen, die aus eigener Schuld kommen, fürchte ich mich entsetzlich.“ Sie sah mich fragend und von plötzlicher Kümmernis befallen an und sah dabei so unendlich unschuldig und lieblich beseelt aus, daß ich, obgleich mir ähnliches durch den Sinn gegangen war, doch eifrig und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen, die ganz lauter und schuldlos durchs Dasein gehen, und die man gerade wie sie seien lassen müsse als Beweise des Guten an sich und als Herz- und Augenweide für die andern. Das alles wußte ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein, es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entzückt und belehrend zugleich angesehen haben, so daß sie, die ein so starkes Gefühl für das Komische hatte, plötzlich anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer dazwischen hinein, sagte: „Ach, ich glaube, wir müssen es abwarten. Sagen Sie aber noch mehr solche weisen und angenehmen Sachen; sie freuen mich inzwischen, bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.“
Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von der Geschichte weg und hielten uns besonders damit auf, uns das Unglück des Blindgeborenseins so recht innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere hellen Augen in der lichten Welt herumzuschicken, deren Höhen und Weiten vor uns ausgebreitet lagen. „Ich will es einmal versuchen,“ sagte Maidi träumerisch, „mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine Weile, fünf Minuten lang. Freilich hätte ich dann immer noch viel vor dem blinden Bübchen voraus, das die schöne Welt nie gesehen hat, während ich mir dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt hätte für dunkle Tage.“
Sie schloß die Augen und ging mit tastend ausgestreckten Händen, deren eine ich als Führer erfaßte, auf dem moosigen Pfad weiter, während sie offenbar alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann, sich vorzutäuschen suchte, denn ihr Gesicht wurde merklich blässer, und ihre blühenden Lippen zitterten. Sie atmete hörbar und fragte nach einer kleinen Weile: „Sind denn die fünf Minuten noch nicht um?“ Es waren aber erst zwei, und ich riet ihr, doch die Augen aufzumachen, da es schad um jeden Augenblick sei, den man sich trübe. Aber sie schüttelte den Kopf und wollte ihren Vorsatz durchführen, und dabei faßte sie meine Hand fester, um einen sicheren Halt zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und schöne Gesicht, und es zog mich unsäglich, es zu küssen, jetzt, da die Augen nicht darüber wachten. Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und um mein Vergnügen bei der Sache zu haben, schlug ich mit der vorsätzlich Blinden einen düsteren Seitenweg ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen hinging, so daß sie, als ich nun den Ablauf der fünf Minuten ausrief, entsetzt die aufgeschlagenen Augen im Halbdunkel umhergehen ließ und vielleicht in den ersten Sekunden fürchtete, zur Strafe für das Spiel mit der Blindheit nun an den Augen gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst gleich vorüber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen Lichte stand, tief atmend: „Ich tue es nicht mehr. Es ist zu schrecklich. Ich habe es alles durchgelebt in den paar Minuten und dabei das Gefühl gehabt, ich sei selber schuldig, so daß ich nun schon ein bißchen weiß, wie es ist, wenn man ein schlechtes Gewissen hat im Unglück.“ Sie breitete wie zur Entsühnung ihre Arme aus und hob die beiden und auch das Gesicht der vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht wieder in die Arme zu werfen, das sie einen Augenblick verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund, unverstellt und lauter sie von Grund aus war, und spürte mit einer zornigen Verlegenheit, wie wenig ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen könne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein schlechtes Gewissen gehabt, aber die Ursachen dazu hatten anders ausgesehen.
Wie nun Maidi ihre Hände ausreckte und eine kleine Weile in der sonnigen Helle badete, kam ein schöner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt und setzte sich auf das ausgebreitete, rötlich durchleuchtete Stück Leben, das er für eine schöne Blume halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als Maidi entzückt und vorsichtig ihre Hand zurückzog, und ließ sich ein Stück weitertragen, flog dann auf, um zwischen den Bäumen umherzuwirbeln, und kam noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zurück, bis er an einer blühenden Waldwiese seine rechte Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis gehört zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen Tag entsinne. Unser Weg neigte sich abwärts, und wir sahen schon von weitem die Schienen der Eisenbahn in der Sonne blitzen und hörten das Fauchen der Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station vorüberjagte. Wir stiegen den schmalen, trockenen Fußweg hinunter, neben dem schon der Ginster zu blühen anhob, hörten Lerchen singen und sahen weiße Wolken im Blauen dahinziehen und erschraken plötzlich vor der Nähe des Abschieds, denn es war auf Monate, wie wir meinten, und schon das schien uns lang genug. Ich beklagte mich plötzlich wieder über den leeren Sommer, den ich vor mir hatte; und Maidi sagte: „Aber wir haben ja doch beide unsere Arbeit.“ Sie meinte etwas Tröstliches damit zu sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut für sich als für mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch dadurch heraus, denn es konnte kein Vergleich sein zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte und die meinige mich gleichgültig ließ, und da sie außerdem Maidi bei sich hatte, die ich entbehren mußte. Das brachte ich ein wenig störrisch heraus, denn es war mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi fing über die letztere Begründung so hell und sonnig an zu lachen, daß ich wider Willen, wenn auch etwas knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der Zug, der an der kleinen Station ganz kurz anhielt, so daß Maidi noch lachend einstieg, so wenig es ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund einer Fröhlichkeit erfasse, die ich an andern sehe und höre; es ist dies bei mir, was man eine lange Leitung nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles Gesicht und flatterndes Tüchlein undeutlich zu werden und zu verschwinden begann, daß ihr Lachen vom hohen Glück selber eingegeben war; denn ich hatte ihr in meiner augenblicklichen Verdrießlichkeit deutlicher als es sonst meine Art war, gezeigt, wie köstlich es mich dünkte, bei ihr sein zu dürfen.
*
Ich kehrte nun allein in die Stadt zurück; es dünkte mich aber, als hätte ich nicht mehr viel darin verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu besinnen, ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn Kasimirs Vorschlag nun ehestens annehmen solle. Es sprach eigentlich fast alles dafür; nur war es mir, als sei ich, wenn ich in das alte Haus zurückgehe, dann für alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote Nebel, in dem mir stets die Zukunft gestanden war, verflüchtigte sich dabei, um einem nüchternen Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen und Weiten mehr, wenn mich eine scharf umrissene Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die Erfüllung lange nicht so schön, als die Träume von allen Möglichkeiten. Ich dachte hin und her, überlegte, beschloß und verwarf wieder und kehrte immer wieder in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug zurück: zu unserer Gemeinschaft, Maidis und meiner.
Ich war nun sicher, daß sie mich liebte, und es war unsäglich schön, rückwärts blickend einen Beweis um den andern zu finden. Ein gutes Wort, einen überraschten Blick, ein helles Erröten; ich hatte nicht so darauf geachtet, so lange ich immer neue, schöne Dinge bei ihr fand. Nun, da ich vom Vergangenen zehren mußte, wurde mir eins ums andere klar und beweiskräftig. Es war, wie wenn beim Einnachten ein Stern um den andern aus dem Dunkel taucht, bis allmählich die ganze lichte Schar zu Häupten steht, so daß man nicht mehr an sie zu glauben braucht, sondern von ihrem Glanz beschienen wird. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es in Maidi aussähe. Vielleicht hatte sie mit Staunen und zuerst mit Unwillen einen Riß in dem festen Gefüge ihrer Pläne und Vorsätze entdeckt und ihn auszubessern oder zu verkleben gesucht durch vermehrten Eifer und größere Hingabe an ihre Arbeit. Und doch immer wieder aufs neue schien der goldene Tag zu neuen Fugen und Spalten herein, so daß sie sich nicht mehr anders zu helfen wußte, als daß sie ihn einließ. Ich dachte mir aus, wie es bei Olbrichs Werbung zugegangen sei, und wie sie da nur mühsam verborgen habe, daß sich ihr Herz mir zuwende, so daß es ihm, dessen Blicke durch die Leidenschaft geschärft gewesen waren, unausgesprochen klar geworden sei. Alles das machte, daß mir nicht nur Maidi immer lieber wurde, sondern auch, daß ich vor mir selber gewann, da solch ein feines Wesen sich mir zuneigte und mich andern vorzog.
Ich zögerte noch, wie gesagt, mich über die Zukunft zu entscheiden, denn ich war nicht mehr frei und unbeladen wie früher. Ging ich, so fand mich Maidi im Herbst nicht mehr, wenn sie zurückkam; blieb ich aber, so ließ ich die erwünschte Gelegenheit zum schnellen Vorwärtskommen hinaus, und um nicht das eine oder andere erwählen zu müssen, flüchtete ich mich immer wieder in meine leichten Wonnen und Schmerzen hinein, da ich ja morgen oder übermorgen immer noch tun konnte, was ich wollte.
In dieses Schwanken hinein kam ein Brief von Herrn Kasimir, der auf einmal dem Zünglein der Wage einen Stoß gab, so daß es sich zum Gehen neigte. Er fragte mich dringlich nach meinen Entschlüssen und bat, ich möchte mich rasch entscheiden, wenn ich auf seinen Vorschlag einzugehen gedenke; er habe geschäftliche und andere Gründe, die Veränderungen, die er im Sinn habe, in möglichster Bälde vorzunehmen. Die Energie, mit der er auftrat, steckte mich an; ich ließ plötzlich alles Hin- und Herdenken fahren und schrieb ihm, daß ich komme, da ich eigentlich keinen schwerwiegenden Grund dagegen hatte. Es war mir aber, als ich den Brief mit meiner Zusage in den Kasten gesteckt hatte, nicht ganz wohl bei der Sache aus irgend einem dunklen Gefühl heraus. Ich besann mich, was es wohl sein könnte und hatte, wie ich damit einschlief, in der Nacht einen wunderlichen Traum.
Es ging nämlich meine Tür auf, und ein Unbekannter kam auf mich zu und setzte sich auf meinen Bettrand, mich unverwandt ansehend. Unter seinen Blicken wurde es mir sehr unbehaglich zumute, und ich fing an, damit er etwas von seiner Starrheit verlieren möge, ihm, obwohl ungern, von mir zu erzählen. Ich sagte aber lauter furchtbare Dinge, die ich getan hätte oder zu tun im Begriff sei, und konnte kaum atmen vor Angst und Grauen. Er sah mich immerfort ernst und aufmerksam an und sagte dann kopfnickend: „Da will ich dich lieber gleich totschlagen,“ und er tat es auch.
Dieser Traum lag schwer und bedrückend auf mir, als ich zu mir kam. Ich schüttelte ihn aber ab und hatte auch in dem erlangten Wachsein ein, wie ich meinte, scharfes und klares Denkvermögen, in dem ich beschloß, nun einmal ohne nutzlose Quälerei einen Schritt um den andern zu tun. Maidi, mit der mir der dumpfe Druck zusammenzuhängen schien, den ich immer noch nicht ganz los war, – Maidi hatte sich ja selber alle Freiheit vorbehalten und sie auch mir gelassen.
Ich wußte mich liebend und geliebt und dennoch frei, und wenn ich eines Tages zu ihr kam, um sie an mich zu binden, so würde sie, daran zweifelte ich nun nicht mehr, sich mir nicht versagen. Inzwischen baute ich an der Zukunft und ging guten Verhältnissen entgegen, die ich schon ausnützen und immer besser ausgestalten wollte; es war nicht einzusehen, was Beklemmendes um den Weg sein sollte.
Auf einmal fiel mir auch noch das Fräulein Bitterolf ein, der gehörig zu imponieren ich mir schon jetzt vornahm, und deren erstaunte Augen, wenn ich einmal mit Maidi vor ihr erscheinen würde, mir heute schon Freude bereiteten. Aber, wie war denn das? Sie wohnte ja in dem alten Hause, das ich selber beziehen wollte? Zog sie denn mit Herrn Kasimir aus und ließ uns hinein? Aber es gehörte ja nicht mir, und ich konnte es auch nicht kaufen. Und es fiel ihnen auch nicht ein, auszuziehen. Da waren schon wieder neue Fragezeichen, und es eilte mir auf einmal, sie aufgelöst und beantwortet zu sehen. Ich traf meine Vorbereitungen zum Weggang, zu dessen Beschleunigung Herr Kasimir alles beitrug, was in seinen Kräften stand, so daß er ziemlich rasch geschehen konnte. Ich feierte allerlei Abschiede mit allerlei Genossen und schied von ihnen als einer, der auszog, sein Glück zu machen.
Und nichts und niemand sagte mir, daß ich von meiner besten und glücklichsten Zeit Abschied nehme, und daß ich einmal in sie wie in ein verlorenes Paradies zurückschauen werde von vergeblicher Reue gepeinigt.
Als ein Mannhafter und Freier glaubte ich in alte Stätten zurückzukehren, um mir dort ein Leben zu bauen, das meiner würdig und voller Reichtum von außen und innen sei, und wußte nicht, daß ich in mir selber gefangen sei, unfrei zu sein und zu handeln, den Gesetzen nach, die sich mein selbstisches Ich geschaffen hatte eine ganze Jugend hindurch.
*
Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien mir zuerst alles eng, niedrig und kleinlich zu sein. Ich hatte ein Gefühl wie ein Primaner, der probeweise wieder einmal seine langen Glieder in das winzige Bänkchen der Vorschule klemmt und nicht glauben kann, daß er jemals darin sich habe rühren können. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was nur scheinbar so eng gewesen war. Ich sah, daß in den beschränkten Räumen, in denen nur wenige Menschen sich regten, dennoch alle Fäden zusammenliefen, die der menschliche Geist gesponnen hat, und von ihnen wieder hinausgingen in menschliche Herzen und Gehirne, so daß wir eine Art von geistiger Speisekammer oder Apotheke für die Stadt waren, die noch dazu Rat und Anweisung von uns empfing, während das groß angelegte Unternehmen, in dem ich bis jetzt tätig gewesen war, nichts von persönlichem Verkehr mit den Menschen gestattete, sondern wie ein Meer in Flut und Ebbe die Ströme der geistigen Produktion anzog und wieder ausstieß, ohne sich darum zu kümmern, wo der Segen schließlich landete.
Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschränkten Arbeitskreises bald zu paß, als ich mit steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge, Lenker und Leiter eines, wenn auch mäßigen Reiches zu sein, nachdem ich dort nur ein Rad in dem großen Getriebe gewesen war. Es ging mir wie Cäsar, der lieber auf jenem Dorfe der erste, als in Rom der zweite sein wollte. Die alte Garde war in den Jahren meines Fernseins stark zusammengeschmolzen, da der Buchhalter gestorben und seinem Freund, dem ältesten Gehilfen, ein kleines Erbe zugefallen war, das er stracks benützt hatte, sich ein freikommendes Buchlädchen in einer naheliegenden Kleinstadt zu erwerben. Nur Herr Frerichs und der rotbärtige Giller, der jetzt die Bücher führte, waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten Verlegenheit gegenübertrat, da sie doch geholfen hatten, mich zu meinem Beruf vorzubilden, und ich ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begrüßte mich mit der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht je und je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen den Wechsel der Dinge zu haben. Ich fragte ihn, ob er wieder etwas geschrieben habe, da lächelte er freudig und verschämt und sagte flüsternd: „Ja; und diesmal ist es etwas nach dem Leben,“ worauf er mich erwartungsvoll ansah, bis ich sagte, ich wolle es einmal lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen, und ich hatte bei ihm die Bahn frei, während mir von Giller etwas Feindseliges zu kommen schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen, sondern ganz als Herr aufzutreten beschloß, da ich es ja nun einmal zu werden im Begriff sei. Freilich hätte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer, als nur angehender Geschäftsführer zu sein, und ich zerbrach mir vergebens den Kopf, wie das zu machen sei, fand aber keinen Rat dazu.
Auch wartete ich täglich darauf, daß Herr Kasimir mir mitteile, was für dringende und eilige Gründe ihn bewogen hatten, mich schnellstens herbeizurufen. Ich legte mich mit allen Kräften ins Zeug, um ihm zu zeigen, daß ich etwas von den Sachen verstehe, und nahm ihm mit ungeduldigem Eifer eine Funktion nach der andern aus der Hand. Das ließ er auch eine Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir vorkam, wohlgefällig betrachtend, bis er eines Tages seine endlichen Absichten vor mir ausbreitete.
Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir miteinander von dem schönen Garten in halber Bergeshöhe herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann noch etwas zu tun zu haben, wenn ihm nun die Jugend über den Kopf wachse.
Es stand ein hübsches steinernes Gartenhaus an der höchsten Stelle des Gartens, groß genug, um einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als Wohnung zu dienen, wenn er sich zurückziehen wollte, und mit herrlichem Ausblick auf Stadt und Flußtal mit Bergen und Wäldern.
Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartensälchen im Erdgeschoß gelangte man auf eine große Terrasse, deren Geländer mit Reben bewachsen war und die aussah, als ob schon manche fröhliche Gesellschaft sich auf ihr versammelt hätte. Sie war auch jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet, und auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt gewesen und teilweise noch versammelt, als schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden Himmel auftauchten.
Fräulein Bitterolf – von der ich nun anfangen muß, zu reden, da sie sich nicht mehr verschieben läßt – verstand es in der Tat gut, ein Haus zu machen, wie mir Herr Kasimir schon im voraus erzählt hatte. Sie hatte sich nicht sehr verändert, seit ich sie das erstemal gesehen hatte, wenigstens kam es mir so vor. Sie war damals älter gewesen, als ihre Jugend es wollte, und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine gewandte, sicher auftretende Dame von klarem, kühlem Wesen und von ziemlich großen Ansprüchen an das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend (wenigstens für mich, aber wie ich sah, auch für andere) durch die vornehm-überlegene Gelassenheit, mit der sie alles handhabte und allem gegenübertrat, und die zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich hätte sie einmal mögen aus der Fassung kommen sehen, hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem warmen Gefühl durchglüht, so sehr, daß sie es nicht gleich in einem geordneten Register untergebracht hätte. Sie hätte dann überaus anziehend aussehen müssen, denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen Zügen, schönen Farben und Formen, dem allem nur eine stärkere Belebung fehlte. Ich mißtraute aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe und nur verberge, und strich daher fleißig um sie herum, um den Augenblick nicht zu verpassen. Von der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war nichts mehr übrig geblieben, das hatte ich mir richtig prophezeit, dagegen merkte ich nicht, was ich jetzt weiß, daß an ihre Stelle eine andere Schwäche getreten war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel meines Herkommens hatte, nämlich die Sucht, ihr mein gesellschaftliches Fertiggewordensein unter die Augen zu rücken und sie zur Anerkennung desselben zu nötigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich und sogar ein wenig vertraulich gegen mich, nahm mich hie und da zu kleinen Diensten in Anspruch und unterstützte Herrn Kasimirs Aufforderung, daß ich viel im Hause verkehren möge, auch ohne daß Gesellschaft da sei, so daß ich mir als Günstling vorkam und mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann in dem großen Wohnzimmer unter den Familienbildern beisammen waren, und Fräulein Bitterolf den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt hatte, so schien sie mir etwas von der feinen Fraulichkeit, die die Verstorbene ausgestrahlt hatte, an sich zu haben, nur daß sie bei ihr verschlossener und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend. Ich dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben, und es komme nur auf die richtigen Umstände an, daß sie sich entwickeln könnten, was alles mit Maidi zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch kam es mir nicht in den Sinn, ihr darüber zu schreiben, sondern es war mir, wenn ich im Geiste lange Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und es fehle mir nur der Widerhall.
Auch kam es immer bald wieder anders, und das hätte ich ihr ohnehin nicht geschrieben. Nämlich in Gesellschaft war das stolze Fräulein unversehens wieder kühl und unnahbar gegen mich, ließ sich in feiner und selbstverständlicher Weise von andern den Hof machen, ohne übrigens gefallsüchtig zu wirken, unterhielt sich leicht und gewandt über alle erdenklichen Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder älteren Damen, wie es sich begab, und handhabte die Geheimsprache, wie ich es nannte, in einer Weise, die mich zugleich entzückte und zornig eifersüchtig erregte. Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir immer gewünscht hatte, in ausgiebiger Weise und war in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz selbstverständliche und unauffällige Vermittlung. Es ebnete sich alles für mich, ohne daß ich einen Finger dazu zu rühren brauchte, und doch stand mein unersättliches Verlangen immer nach mehr.
Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach ihr, die mir hie und da mitten aus aller freudigen und gedeihlichen Arbeit heraus Grüße schickte, aber daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr gefangen, so daß ich oft Mühe hatte, mir ihr Bild vor Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt, ihr Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht oder im Gesicht nicht die Augen, was mich wunderlich quälte.
An diesem Abend hätte ich sie gern dabei gehabt oder vielmehr sie als von weitem zusehend und hörend gewußt, weil es sich traf, daß ich eine gute Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das hätte triumphierend vorweisen mögen.
Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der in einer der Kliniken der Stadt als Assistent angestellt war. Ich kannte ihn von früher her aus der Zeit, da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der Stadt gewesen waren, und wo er an der dortigen Universität studiert hatte. Er hatte sich damals eifrig um die Gunst des Fräuleins Eleonore beworben und es gut mit ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in ihrer Heimat aufgesucht, wie ich erfuhr, und setzte nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten, den Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir von Maidi und mir her geläufig war, halb kameradschaftlich, aber mit einem kleinen Anklang von Zärtlichkeit, wenigstens von seiner Seite. Das Fräulein hatte sich gut in der Gewalt, falls sie je etwas Wärmeres für den Mediziner empfand, was mich mehr interessierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand, da es mich ja, wie ich mir selber sagte, gar nichts anging.
Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete sich selbst zum Singen kleiner Lieder, die er ohne Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit Lebendigkeit und Wärme vorzutragen verstand und mit denen er ziemlich viel Beifall erntete. Heute war er etwas heiser gewesen und hatte die Bitte der Gesellschaft, etwas vorzutragen, ablehnen müssen, was allgemein beklagt wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene, aber innerlichem Frohlocken, gesagt, vielleicht könne ich in die Lücke treten, da ich auch etwas singe, und allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht verstehe, aber doch einige Akkorde dazu greifen könne. Denn das letztere hatte ich kurze Zeit zuvor bei einem Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male geübt aus Lust an dieser Art von Musik.
Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit etwas Mißtrauen gemischt war, ob ich auch etwas könne, und währenddem nahm ich die Laute und begann ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen war, zu singen, ohne Scheu, denn ich wußte, daß ich es konnte und daß ich überhaupt mit dem Gesang auf sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gefühl in mir machte, daß meine Stimme gut und ausgiebig klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren und wurde darin durch den Beifall der Anwesenden ermutigt, so daß ich auf eine Stunde der Mittelpunkt des Kreises war, was mir außerordentlich wohlgefiel. Besonders das Fräulein Bitterolf sah mich aus großen, erstaunten Augen an und sagte: „Sie verstehen ja Ihre Talente vorzüglich zu verbergen. Haben Sie etwa noch mehr geheime Künste im Hintergrund? Und werden Sie uns diese nach und nach erst zu genießen geben?“ Und Herrn Kasimir hörte ich zu seinem Nachbar, einem älteren Gelehrten, der sich hie und da dem mehr jugendlichen Kreise im Garten anschloß, etwas von großen Vorzügen sagen, die an der rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten würden, was ich ohne weiteres auf mich bezog und freudig einheimste, so daß ich selber überrascht war, welch vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich auch gleich nachher, von so viel Vorzüglichkeit geschwellt, und sagte, ich bedaure, mich nun entfernen zu müssen, da ich noch im Geschäft die späte Post nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte, und hatte nun sowohl das Bedauern über mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung meiner Tüchtigkeit auf mich zu nehmen, so daß ich förmlich gespreizt den Berg hinunterstieg. Kaum aber war ich einige Schritte vom Gartentor entfernt, als ich Herrn Kasimir hinter mir herkommen hörte, der sich mir anschloß, weil er, wie er sagte, etwas mit mir zu besprechen habe, das er nun nicht mehr hinausschieben wolle.
Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben, der um sein Geschäft und Haus und der um seine Nichte. Oder eigentlich wünsche er eine einzige daraus zu machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres vereinigen lassen, und er hoffe, ich helfe ihm dabei, was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten geschehe.
Er habe, sagte er, sein Vermögen fast ganz im Haus und Betrieb stecken und wünsche es auch darin zu erhalten, da das Geschäft schon so lange in der Familie sei und er es nicht in ganz fremde Hände kommen lassen wolle. Wenn er einen Sohn hätte, läge die Sache einfach, er hätte dann einen natürlichen Nachfolger und wäre aller Sorgen ledig. Da er aber ohne Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten, die Sache so einzurichten, daß dennoch ein Glied der Familie in dem alten Anwesen sitze. Der Sohn Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu bewegen gewesen sei, in das Geschäft einzutreten, scheide aus, und es sei nur noch die Tochter Eleonore da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese sei, wie ich ja sehe, ein etwas verwöhntes Mädchen, das es nicht billig tue mit seinen Ansprüchen, sie dürfe es aber auch sein, da das Leben sie mit allerlei Vorzügen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden, das heißt reichen und behaglichen Umgebung zur Geltung kämen. Sie habe auch noch andere, mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewiß auch entwickeln würden, und sei nicht kalt, sondern nur ihrer niederdeutschen Art nach gehalten und karg mit Gefühlsäußerungen, und es werde sich einer, den sie wirklich liebe, einmal nicht über sie zu beklagen haben. Das alles hätte er mir nicht gesagt, wenn nicht besondere Gründe ihn jetzt dazu getrieben hätten, sondern hätte mir überlassen, es nach und nach herauszufinden. Ich sei ihm lieb wie ein Sohn, und er wünsche, daß ich die Nichte für mich gewinne, wodurch ja dann auch mein eigenes Glück gemacht wäre.
Es sei nun aber eine Störung seines Planes in Gestalt des jungen Mediziners aufgetreten, der Eleonore für sich zu haben wünsche und auch redlich in sie verliebt zu sein scheine. Ob das Mädchen ihn wolle, wisse er noch nicht sicher, doch scheine es ihm so. Er habe an sich nichts gegen den Doktor, möchte aber womöglich die Nichte anders beeinflussen und sage mir das, damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber auszustechen, da es ihm vorkomme, als ob ich auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und da ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr ins Ansehen zu setzen, wie er mit Vergnügen sehe. Am besten wäre es, wenn alles schnell geschähe, wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das Seinige beitragen werde, und kurzum, er habe nun geredet.
Ich hatte das alles stumm mit angehört und war froh, daß es dunkel war, so daß Herr Kasimir mein Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den weiteren Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen, in deren Schatten wir nun hingingen.
Doch hörte er mich, als er aufgehört hatte, ein paar schwerere Atemzüge tun als sonst und fragte mich, da ich nicht antwortete: „Oder sind Sie am Ende schon anderweitig gebunden? Das wäre freilich schade, denn es würde alles ändern von Grund aus.“
Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden, es sei mir nur alles überraschend und neu, und Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die Sache zu überlegen.
Er mochte den Eindruck haben, daß ich von dem Glücksfall, den das Anerbieten für mich bedeute, ein wenig überwältigt sei, und daß es besser sei, wenn er mich nun vorläufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir selbst ins reine komme; so verließ er mich, und ich setzte meinen Weg allein fort. Das Geschäft aber und die späte Post kam mir für heute nicht mehr in den Sinn.
*
Ich will nun nichts beschönigen von dem, was an diesem Abend und in den Tagen, Abenden und Nächten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie könnte ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und Echteste, was in mir war, dabei unterlag, obgleich es sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte ich es ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage, ob ich schon gebunden sei, mit nein antwortete, wenn ich es auch nicht tatsächlich war. Nicht gegen ihn, sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet, und als ich unter den dunklen Bäumen hinging, klopfte mir das Herz hart und stark, als ob ich mich schon entschieden hätte ohne alles Nachdenken, dem Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen, und als ob ich nun nicht mehr zurück könnte, obgleich mich eine zärtliche und lebensvolle Stimme riefe.
Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte, so müßte ich bekennen, daß es nicht ein Auf und Ab oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen Geistern in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von frohen und traurigen Gefühlen. Es schmerzte mich wohl heftig, daß ich nicht beides beisammen haben konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch glaube ich nicht, daß ich jemals schwankte, was ich wählen würde, wenn ich es mir auch zuweilen vortäuschte. Im Grunde wußte ich wohl, daß ich mir die sichere Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen, Schönheit und Ansehen verknüpfte Lebenslage nicht würde entgehen lassen, ja es schien mir sogar männlich und zielbewußt, daß ich es nicht tat. Ich könnte vieles nennen, was ich mir an guten Gründen für meine Handlungsweise vorredete, unter anderem auch das, daß ich Herrn Kasimir gegenüber Verpflichtungen hätte, da er mir so sorglich und väterlich gesinnt sei, doch will ich es mir nicht antun, noch einmal alle Geister der längst vergangenen Zeit, die immer noch zuweilen Macht haben, mich zu überfallen, heraufzubeschwören. Es ist genug, daß ich nichts von allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in was ich jetzt hineinging.
Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen will, zum erstenmal wiedersah, ein paar Tage nach der Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich bereits so viel über das neue Verhältnis nachgedacht, in das ich zu ihr zu treten bestimmt schien, daß es mir nicht mehr ganz überwältigend war, mir vorzustellen, ich könnte sie einmal mit du anreden, könnte sie am Arm durch die Straßen führen, ihr am Tisch als Hausherr gegenübersitzen und dergleichen, was mir alles, als ich es zum erstenmal in Gedanken übte, so unwahrscheinlich vorgekommen war, wie daß die steinerne Justitia am Rathaus von ihrem Sockel herabstiege und sich zu mir auf das Sofa setzte. Ich mußte freilich sagen, daß sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst mit der allgemeinen Lebensveränderung befaßt hatten, die mir die Verbindung mit ihr bringen würde, da ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte leiden wollen, daß sie hochmütig über mich hinweg sähe.
An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem Herzklopfen entgegengesehen hatte, schien sie mir aber in etwas verändert zu sein gegen sonst, so daß ich den Vorsatz, ihr kühn und selbstbewußt entgegenzutreten, den ich mir im stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht ausführen konnte. Sie hatte etwas Müdes in Gesicht und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen hatte, und das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeit ein wenig ausruhe im Familienschoß. Es konnte aber auch sein, daß sie irgend ein Leiden hatte, das sie innerlich quälte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich, wenn ich nach ihren Augen sah, die vielleicht im Verborgenen geweint haben konnten, dem feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles zusammen machte, daß ich keinerlei Minen springen ließ, sondern mich einfach und bescheiden benahm mit rücksichtsvoller Höflichkeit, was dann wieder sie an mir nicht gewöhnt war, so daß wir einander gegenseitig neugierig und erstaunt betrachteten und dachten: Aha, so kannst du also auch sein? Ich muß sagen, es gefällt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr dergleichen im Hintergrund. Oder wenigstens ich dachte so.
Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir saß zufrieden lächelnd in seinem Sessel und ließ sich von der Nichte töchterlich bedienen, so daß wir schon wie eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde auch gebeten, zu singen, und als ich mich wehrte, da ich ja keine ausgebildete Stimme habe und neulich nur mit kleinen Volksliedchen in die Lücke getreten sei, sagte Eleonore lächelnd: „Das sagen Sie zu spät, denn es ist nun schon am Tage, daß Sie singen können, es wird Ihnen nicht mehr geschenkt,“ und Herr Kasimir ermahnte mich, nicht über das erlaubte Maß bescheiden zu sein, sondern mein Licht auf den Leuchter zu stellen, so daß es mir wind und weh wurde vor lauter Wohlsein. Das Fräulein schlug vor, mich auf dem Klavier zu begleiten und belehrte mich in so wenig schulmeisterlicher Weise, ja in einer fast demütigen Liebenswürdigkeit über gewisse Schwierigkeiten an den Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, daß ich dachte, sie werde bereits zahm, was mir aber nicht erstaunlicher war als der ganze Zustand, der mich umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die mir in den Mund geflogen kam.
Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch leicht errungene Erfolge geschwellt und ermutigt, stets wieder neue, und zwar sowohl in der Gesellschaft, in der ich mich so leicht bewegte wie ein Seiltänzer, aber mit der Miene und Haltung des gediegenen Geschäftsmannes, als auch, eben dadurch unterstützt, bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft die Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben, kam aber doch immer wieder mit liebenswürdigen und angenehmen Zügen zwischen der Kühle und Unnahbarkeit ihres Wesens heraus, so daß ich dachte wie einst bei Maidi: Mir machst du nichts mehr weis. Ich glaubte allmählich den Mediziner in Wahrheit auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines Tages verschwand er auch von der Bildfläche, um, wie ich hörte, einen Urlaub anzutreten, und ich machte mich darauf gefaßt, nun den großen Schritt wagen zu können.
Es war auch nötig, daß es geschah, denn es hatte sich meiner eine Unruhe bemächtigt, die ich mir selber nicht gestand, die mich aber besonders bei Nacht überfiel, so daß ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir noch nie geschehen war, so lange ich denken konnte. Um dem zu entgehen, gewöhnte ich mir an, sehr spät nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief in die Nacht im Geschäft, wo ich aber nicht etwa angestrengt arbeitete, sondern irgend etwas zu lesen oder zu studieren versuchte, was mir oft gelang, oft auch nicht, so daß ich bleich auszusehen und für einen spekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne daß ich etwas Besonderes geleistet hätte.
Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die Seite und ermahnte mich, es mir nicht zu schwer zu machen, da es nicht nötig sei, ich werde, so viel er merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte, ich plage mich als ein unglücklicher Verliebter mit mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut gebreche, hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders. Doch hatte sein Anstoß, wie schon ein paarmal in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte, es würde alles anders und besser, wenn die Sache einmal im reinen wäre, und wenn ich mich vor mir selber mit meinen geteilten Gefühlen und Gedanken in die kühle und klare Ruhe Eleonorens flüchten könne.
Es kam aber noch etwas anderes dazu, daß ich es tat, etwas, das mich ebensogut hätte von der begonnenen Bahn zurücktreiben können, wenn ich nicht schon das weitaus größere Übergewicht meines Begehrens und Wollens auf diese Seite gelegt gehabt hätte. Es war ein Brief von meiner Schwester Luise, die mich mit herzlichen und freundlichen Worten schalt, daß ich so lange nichts von mir hören lasse, da sie doch zu Hause mit Stolz und Freude meine Schritte in Gedanken begleiteten. Sie nannte, wie immer, wenn sie etwas so recht innig bewegte, den Namen meiner Mutter und schrieb, es sei doch ihr Segen über mir; sie habe sich so viel darum gekümmert, daß es gut mit mir komme, wie würde sie sich nun freuen, daß ich in eine gute und sichere Bahn gerate, auf der ich als ein rechter Mann bestehen und gedeihen könne. Dann fuhr sie fort, sie wisse nämlich mehr von mir, als ich denke. Es sei lieber Besuch dagewesen, den ich wohl kaum errate, oder doch?
Der Besuch war Maidi, die ihre Arbeit auf einige Tage unterbrochen hatte, um eine Zusammenkunft mit ihrem Bruder zu haben, das neu errichtete Familiengrab mit dem Grabmal des Großvaters anzusehen und sich einiges aus der verschlossenen Schatzkammer, von der ich ja auch wußte, zu holen. Dies konnten freilich alles Gründe sein, aber nicht der Hauptgrund, der Maidi hergetrieben hatte, und der wohl darin bestand, daß sie meine Schwestern hatte besuchen wollen, um von mir mit ihnen reden zu können. In dem Briefe stand das freilich nicht ausdrücklich, aber es ging für mich aus dem Folgenden hervor. Luise erzählte wie beiläufig, daß sie viel von mir gesprochen hätten, und fragte, ob mir nicht etwa die Ohren geläutet hätten? Maidi sei begierig gewesen, durch sie von mir zu erfahren, da sie seit längerem nichts von mir wisse, und habe lächelnd hinzugefügt, sie sei nämlich verwöhnt durch das häufige persönliche Zusammensein mit mir, so daß es dann um so leerer sei, wenn die Post ausbleibe. Sie, Luise, habe ihr aber gesagt, daß es meine Art nicht sei, viele Briefe zu schreiben, das müsse man bei mir in den Kauf nehmen, wobei das feine und liebherzige Wesen nachdenklich und wie mit einem Blick ins Weite dann mit dem Kopf genickt habe.
Sie habe Maidi auch zu Helene geführt, die eben ihr zweites Kindchen an der Brust gehabt und daher habe auf sich warten lassen. Da habe Maidi aber gebeten, doch dabei sein zu dürfen, und habe die liebe Gruppe mit entzückten und zärtlichen Augen angesehen, so daß man wohl gemerkt habe, wie sie sich auch dergleichen wünsche. Kurzum, der ganze Brief war voller Maidi und so gehalten, als ob mir die Schreiberin eine rechte Herzensfreude damit machen wollte, da sie keine Brille brauchte, um zu sehen, wie es stand. Sie schloß mit dem Versprechen, mir, falls ich es wissen wolle, dann einmal alles zu erzählen, was sie geredet hätten – hoffentlich an Weihnachten, wenn es da das Geschäft erlaube, heimzukommen, was ja natürlich Vorbedingung sei, wie sie wohl einsähe.
Ich konnte kaum zu Ende lesen, so sehr überfiel mich aus dem Brief heraus alles Holde und Liebliche, das in der Ferne treumeinend auf mich wartete, und dem das Herz schwer und unruhig klopfte, weil ich so lange stumm blieb. Es war in der Mitte des Nachmittags an einem schönen, sommerheißen Tage. Ich nahm meinen Hut und ging aus dem Kontor und Hause und wäre gern gelaufen, so weit mich meine Füße trugen, denn es war alles vorbei und umsonst, ich kam nicht mehr zu Maidi zurück, ich war hier angeschmiedet mit ganz andern Fesseln, als sie wußte, und so, daß ich nicht mehr heraus konnte, aber mein unterjochtes und zum Schweigen verdammtes Herz rief nach ihr wie ein verlorenes Kind.
Und so, in dieser Erregung, mit klopfenden Pulsen und vor schmerzlicher Leidenschaft flimmernden Augen kam ich, ohne mich besonnen zu haben, wohin ich gehe, auf dem Berg an, wo Eleonore war, um die Vorbereitungen für eine Gesellschaft zu treffen, die sich am Abend da versammeln wollte. Sie hatte soeben das Mädchen, das bei ihr war, noch einmal ins Haus hinunter geschickt, um einiges zu holen, und war allein. Ich sah sie an dem steinernen Tisch auf der Terrasse sitzen mit einem Haufen abgeschnittener Blumen vor sich, die sie in Vasen ordnen wollte, aber ihre feinen, weißen Hände lagen unbeschäftigt mitten in den Blüten; sie sah aus, als erleide sie Schmerzen oder sinne etwas Schwerem und Traurigem nach, und von ihrer verschlossenen Kühle war nichts zu sehen. Als sie mich erblickte, kam eine jagende Röte in ihr Gesicht; sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und sah mir erschreckt in die Augen, denn sie hatte mich noch nie so gesehen wie jetzt. Ich besann mich aber keinen Augenblick, ihr zu sagen, warum ich hier sei. So oft ich mir vorher in kühler Überlegung ausgedacht hatte, wie ich es angreifen wolle, so unbedacht flossen mir nun die Worte von verhaltener Leidenschaft für eine andere erfüllt, von den Lippen. Was ich gesagt habe, weiß ich jetzt nicht mehr, da es in einem Rausch geschah, doch mußte sie aus der drängenden Glut meines Wesens ja schließen, daß ich in glühender Liebe, die sich nicht mehr zurückhalten lasse und nicht mehr auf Antwort warten könne, für sie entbrannt sei. Es dröhnte mir dabei ein Wasserfall in den Ohren, dessen stürzende Wellen zu schreien schienen: du lügst, und den ich übertäuben mußte, da er mich sonst vernichtete. Ich weiß noch, daß Eleonore tief erblaßt und hoch aufgerichtet vor mir stand und mir wie gebannt in die Augen sah, und daß ein schluchzender Laut aus ihr hervorbrach, als ich schwieg. Ihre Lippen zuckten, und es kam etwas von Feuer in ihre Augen. Sie stützte sich mit einer Hand auf den Tisch, mitten in die Blumen hineingreifend, als suche sie einen Halt, und sagte mit einer Stimme, die mir fremd klang vor der starken Bewegung, die darin zitterte, und die sie unterdrückte: „Sie sind anders, als ich meinte. Ich wußte, daß Sie kommen würden, aber ich glaubte, es würde anders sein.“
Und dabei sah sie mich immer noch staunend an, schloß aber plötzlich die Augen mit einem tiefen Seufzer und litt es, daß ich sie heftig an mich zog, wobei ich spürte, daß sie am ganzen Leibe zitterte. Der Wasserfall meines Blutes und wohl auch meines Gewissens brauste stärker. „Willst du mein sein?“ fragte ich in sein Dröhnen hinein, und sie nickte geisterhaft mit geschlossenen Augen, so daß es mir fast unheimlich war.
Es dauerte aber vielleicht nur Sekunden, so richtete sie sich auf und löste sich aus meinen Armen. „Man muß mich nehmen, wie ich bin,“ sagte sie, und zwang sich zu einem Lächeln, „ich kann keine Zärtlichkeit geben; sie liegt mir nicht, oder wenn doch, dann tief unten.“ Da bezwang ich mich, aber ich dachte, ich wolle sie heraufholen, denn wie sollte ich sonst leben können mit der neuerwachten und ungebändigten Glut meines Innern?
Sie las aber wohl meine Gedanken, was nicht schwer gewesen sein mag bei meinem Zustand, und sagte mit Angst in der Stimme, wie ich deutlich hörte, aber doch in der Haltung einer Herrin: „Ich brauche Zeit zu dem allem; es kam so plötzlich.“ Auf ihrem weißen Gesicht kam und ging die Farbe, sonst hatte sie sich wieder ganz in der Gewalt und nun auch mich. Sie setzte sich an den Steintisch nieder, so daß der Tisch zwischen uns war, und bedeutete mich, es auch zu tun, und mich überkam nach der heftigen Bewegung etwas wie Mattigkeit, so daß es mir recht war, wie es geschah.
Wir fingen an, dies und das von der Zukunft zu reden, indes Eleonore fortfuhr, ihre Blumen zu ordnen; das schien sie zu beruhigen, obgleich ihre Hände, beseelter und erregter als ihr Gesicht, hier und da noch leise zuckten, was ich mit einer gewissen Neugierde sah.
Das ist nun deine Braut, dachte ich; es war mir aber, als gehe die Tatsache einen andern Menschen an, und ich hatte Mühe, sie mir vorzuhalten; denn die steil aufschießende Flamme war wie ein bengalisches Licht in sich zusammengesunken, und ich wunderte mich, wie ich vorhin hatte Mut und Worte zu meiner Tat finden können.
*
Es ist mir, wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der wir beide ein Brautpaar vorstellten, als sei immer ein steinerner Tisch zwischen uns gewesen, an dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir hatten viele Glückwünsche, Blumen, Geschenke, Einladungen und dergleichen über uns ergehen zu lassen. Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend sachverständige Lächeln, das man den Brautpaaren entgegenbringt, um ihnen zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung, wie selig eine solche Zeit sei, und es sei einem jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in dem man sich befinde. Ich dachte dann, ich möchte wohl wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit seliger gewesen seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen hätten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht nichts zu verzeihen. Wir erfüllten alle geselligen Pflichten mit Hingabe und Anstand und man nannte uns ein schönes Paar, das sich gut zu benehmen wisse, weil uns keine heimliche Sehnsucht nach dem Alleinsein zu zweien erfüllte, wenn wir unter Menschen waren, keine zärtliche Unruhe uns von der Gegenwart ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im offenen Wagen durch die Straßen fuhr, um Besuche zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die Menschen, die uns nachsahen, für einen glücklichen Mann halten, dem alles gelinge, was er wolle, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß mir ja nun alle meine Wünsche erfüllt seien und fragte mich, ob denn jetzt noch etwas nachkomme, da es nicht alles sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in mir fühlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen, daß ich ja immer noch in einem Zwischenzustand mich befinde, und daß gerade bei solchen Leuten, wie wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im Ehestand das bessere Teil sei. Da würde dann auch, hoffte ich, Eleonore allmählich ihre Zurückhaltung, die mir künstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu seinem Recht kommen lassen. Sie erschien mir oft, als litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu ihr, denn ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Sprödes an sich zu zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise nicht ein, daß etwas anderes zwischen uns stehen könnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt hätte. Ich traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur ganz, daß sie das wähle und tue, was ihr innerlich gemäß sei und stellte sie viel zu hoch, als daß ich hätte denken dürfen, sie habe mir ohne Liebe die Hand gegeben, ohne dabei zu erwägen, wie sehr ich mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl der Glücklichste von uns dreien. Er war rastlos beschäftigt, uns die Wege zu ebnen, Verschönerungen in der Wohnung anbringen zu lassen und mit uns Möbel, Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er an nichts sparte. Wir sollten in dem alten Hause wohnen, in dem er sich auch ein oder zwei Zimmer vorbehielt, während er sich im übrigen in das Gartenhaus auf dem Berge zurückzog, in dem er noch allerlei ausbauen und verbessern ließ, um es auch im Winter bewohnen zu können, wenn er Lust hätte. Doch verkündigte er im voraus, daß er nicht allzuviel in der Stadt sein werde, da er endlich einmal seinen alten Wunsch, in Muße auf Reisen zu gehen und bald da bald dort sich aufzuhalten, wo es schön sei, in Erfüllung bringen wolle. Das genoß er alles im voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil seiner Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte.
Wir waren alle drei einig, daß die Hochzeit in aller Bälde stattfinden solle, vielleicht jeder aus einem andern Grunde, aber die Sache war darum doch dieselbe. Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute in Schwung zu bringen, so daß sie ihr alle zu Willen waren, mit wenigen Worten und in ruhiger, fast nachlässiger Weise zu bestimmen, wie dies und das gehalten werden sollte. So und so wünsche ich das, sagte sie, und die Geschäftsleute sahen sie dann bewundernd an und fügten sich, auch wenn sie es ganz anders gemeint hatten. Sie wurde angeregt und frisch während der Besprechungen über Einrichtung und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als gehe sie darauf ein, machte es aber dann doch so, wie sie zuerst gemeint hatte, und es war auch immer besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und Erfindungsgabe zugleich.
„Eigentlich hätte ich gern ein neues Haus draußen in den Gärten,“ sagte sie, „das müßte dann von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet sein; aber Onkel Kasimir will, daß wir in dem alten Hause wohnen, und es ist ja auch vornehmer als mancher neue Kasten, man muß nur nach und nach herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei Möglichkeiten im Sinn.“ Sie sah nachdenklich aus, als ob sie über etwas Tiefes nachsinne, und ich lachte, denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig war; sie freute sich doch, darin zu wohnen und es war uns ja gemeinsam. Es mußte ja doch gut kommen. So konnte ich es nicht lange mehr aushalten, wie es jetzt war. Ich war nervös geworden und schlief nicht, oder wenn ich schlief, hatte ich unruhige Träume, von denen ich dann schreckhaft und mit schwerem Druck erwachte. Eigentlich hätte ich mich besinnen müssen, was immer auf mir liege, aber gerade das wollte ich nicht wissen. Nachher kommt es anders, wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich, und das war mein Beruhigungsmittel. Ich hatte lange daran herumgedrückt, bis ich meinen Schwestern die Anzeige von meiner Verlobung schickte. Denn da war der letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig ihre Hoffnung auf eine andere Verbindung für mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen voraussetzte. Wie sollte ich ihr begreiflich und faßbar machen, was nun inzwischen geschehen war und was sie mit ihrem schlichten Empfinden, das immer in seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte? Ich konnte es ja selber nur, wenn ich von allem wegsah, was ich nun außerhalb meiner Bahn gestellt hatte und was für mich nicht mehr in Betracht kommen durfte. Denn ich wollte ein Ehrenmann sein, und ein solcher mußte Opfer bringen können, wie ich mir vorsagte. Zuletzt entschloß ich mich, eine gedruckte Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende Worte kritzelte, die von Arbeitshäufung und Zeitmangel redeten und für die nächste Zeit einen ausführlichen Brief verhießen. An Maidi schickte ich keine Anzeige und schrieb auch nicht. Darüber will ich kein Wort verlieren. Ich konnte nicht. Sie war irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt hatte, und von der ich nun geschieden war.
Eines Abends, als ich noch nach einem Buch suchte, in dem ich lesen wollte, bis ich schläfrig werde, fiel mir das Volkmann-Leandersche Märchenbüchlein in die Hände und darin das Märchen von dem reichen Mann, der sich, in der Ewigkeit angekommen, die Lebensweise aussuchen darf, die er führen will, und der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im Himmel wähnt. Aber eines Tages merkt er, daß er in der Hölle ist, und zwar recht tief drin, denn was er hat an Gütern, sättigt ihn nicht, und er sehnt sich, der Arme zu sein, der auf einem Schemelchen zu Gottes Füßen sitzt, wie er sich gewünscht hat, aber es ist zu spät.
Da fing mein übelberatenes Herz an, sich aufzubäumen, denn es wollte leben und nicht zusammengedrückt sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot ihm Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was es jetzt auch hätte. Das tat ich manche Nacht.
Bei Tage war ich rastlos tätig, so sehr, daß der rotbärtige Giller knurrend sagte, man habe zu der Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon gearbeitet, es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagd wolle er sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen etwas vorstehenden Augen, die er böse rollen konnte, der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem er die gelben Schaufelzähne drohend hervorblöckte, mehr als je aus wie ein grimmiger Kettenhund, vor dem ich mich auch fürchtete, ohne eigentlich zu wissen, warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus. Man sagt ja auch, daß die Hunde spüren, wenn ein Vorübergehender oder ins Haus Eintretender ein tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher schärfer anfallen als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit Auftretenden, so daß hier das Bild einigermaßen passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte Mensch mir wohl anspürte, daß etwas mit mir nicht in Ordnung sei und mich daher mißtrauisch anknurrte. Denn als den Herrn der Firma konnte er mich bis jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so viel er konnte, in allen Dingen an Herrn Kasimir, was diesem wohlzutun schien, obgleich er ihn meistens von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es gleich sein, denn ich übernahm ja doch bald das Geschäft, und wem es dann nicht gefiel, der war ja nicht ans Bleiben gebunden.
Frerichs sah mich hie und da scheu an. Er hatte ein Gedicht zu unserer Verlobung gemacht, voller Süße und voller Weissagung des Schönsten und hatte begierig auf mein Lob gewartet, das aber ausblieb. Nun dachte er, daß er es nicht recht gemacht habe; er kannte sich nicht aus bei mir und hätte mich gern gefragt, aber ich half ihm nicht dazu. Für Eleonore hatte er eine stumme Verehrung; manchmal traute er sich, ein Wort von ihr zu sagen, ob mir das vielleicht die Zunge löse gegen ihn. Er hatte schon eine Hochzeitsdichtung angefangen, wie er durchblicken ließ; am liebsten hätte er den Plan dazu mit mir besprochen. Aber ich war nicht mehr der Alte ihm gegenüber. Es tat mir weh, denn ich wußte, er hing an mir, aber es kam nun auf einen, den ich kränkte, nicht mehr an, es waren deren noch mehr auf der Welt.
*
So kam die Hochzeit näher. Es wurde jetzt beraten, wie sie gefeiert werden sollte. Eleonore wollte eine große Gesellschaft dabei haben, denn sie gedachte, als verheiratete Frau viel und ansehnlichen Umgang zu pflegen, wie sie das ja auch jetzt schon getan hatte, und mit einer strahlenden Hochzeitsfeier gewissermaßen die Türen unseres Hauses zu öffnen. Bei dieser Beratung kam es zwischen uns zum ersten Streit; wir waren einander seither in allem so gut als möglich entgegengekommen und hatten darum friedlich gelebt. Oder eigentlich muß ich wohl sagen, daß ich selber in vielen Dingen meiner Braut freie Hand gelassen hatte, weil sie mir nicht so wichtig waren, und weil ich sie gern gut gestimmt sah. Als wir nun die Personen aufzählten, die zur Hochzeit geladen werden sollten, und ich die Liste überlas, fehlten auf derselben meine Schwestern, und ich fühlte, daß es Absicht sei, sagte aber so ruhig als möglich, daß hier zwei wichtige Namen ausgelassen seien, die an einem guten Platz eingeschoben werden müßten. Ich hatte mit Eleonore schon öfters von den Meinigen zu reden versucht; sie wußte aber immer das Gespräch auf etwas anderes zu bringen, und ich ließ mich auch dazu bewegen; doch spürte ich, daß es eine Auseinandersetzung geben müsse, die sich nicht mehr lang verschieben lasse. Sie wollte nichts von meiner Herkunft und meiner Familie wissen, das sah ich wohl, und wenn ich nicht blind und taub gewesen wäre, so wäre es mir wohl ein sicheres Zeichen gewesen, daß sie auch mich nicht liebe. Denn Liebe hätte den Hochmut überwunden, der in ihr groß und mächtig war.
Heute nun merkte sie, daß es nicht mit Ablenken getan sei und sagte gleichmütig: „Ach, ich dachte, du würdest sie nicht einladen wollen, was sollen sie denn dabei? Sie würden sich ja doch nicht wohl fühlen.“ Dabei sah sie mir lächelnd ins Gesicht und blies ein Stäubchen von meinem Rock, weil wir gleich nachher ausgehen wollten. Ich fühlte dunkel, daß es jetzt gelte, und nahm mich zusammen, mit männlicher Betonung zu sagen, was mir ganz selbstverständlich und mühelos hätte vom Herzen kommen sollen: „Wie kann ich denn daran denken, meine Schwestern nicht einzuladen? Es sind meine einzigen Verwandten, und ich bin ihnen viel Dank schuldig. Sie müssen kommen, es geht gar nicht anders.“ Vielleicht polterte ich das, weil es mit einem Anlauf geschah, ein wenig gröblich heraus, was ich mir sonst Eleonore gegenüber noch nie gestattet hatte. Sie sah mich unwillig errötend an und sagte kühl verwundert: „Was ist das für ein Ton? Laß mich dir sagen, daß ich sie nicht bei meiner Hochzeit wünsche. Sie passen nicht zu der übrigen Gesellschaft, und ich fühle mich ihnen nicht verpflichtet. Wenn du ihnen etwas dankst, so ist das deine Sache.“
Sie sah dabei unendlich hochfahrend aus, und mich überkam ein Trotz und ein Elend zugleich; ich fühlte mich selber geschmäht und heruntergesetzt in meinen Schwestern, denen in diesem Augenblick mein Herz sehnlich entgegenwallte; ich hätte meine Braut am liebsten in ihr weißes Gesicht geschlagen und ihr den Trauring auf den Tisch geworfen. Aber ich wußte, daß ich es nicht tun und daß ich ihr nachgeben würde, obgleich ich dachte: „Du Affe, du bist sie ja gar nicht wert.“ Da änderte sie auf einmal den Ton und das Gesicht, faßte mich am Arm und schmiegte sich an mich. „Sei doch lieb,“ sagte sie, „verstehe mich doch. Ich will nur dich, die Deinen kenne ich nicht. Du lebst doch nun in meiner Welt und mußt Rücksicht darauf nehmen. Wir können sie ja auf der Hochzeitsreise besuchen, das ist für alle Teile besser, du siehst es später selber ein.“
Und ich gab ihr in allem Elend recht, denn vielleicht war es tatsächlich besser, so wie die Dinge jetzt lagen, und hoffte, als sie mich neben sich aufs Sofa zog und mit meiner Hand spielte, ich werde sie nach und nach zu allem gewinnen, was sein mußte und recht war.
Wir machten Besuche und nachher noch Besorgungen und standen auf einmal in einem Blumenladen in der Nähe des Friedhofs meiner alten Freundin Hertha gegenüber. Sie hatte, wie ich schon erfahren hatte, einen Gärtner geheiratet und also ihren Vorsatz ausgeführt, was ja auch bei ihr nicht zu bezweifeln gewesen war. Aufgesucht hatte ich bis jetzt weder sie noch den alten Zeitler, so oft ich auch daran gedacht hatte, es zu tun. Anfangs hatte ich den festen Vorsatz und auch das Verlangen darnach gehabt und es nur immer wieder verschoben, und nun, da ich keine Lust und auch keinen Mut mehr dazu hatte, kam ich von ungefähr dazu.
Sie stand in einer blühenden Fraulichkeit unter ihren Blumen und hatte eine anständige Würde in ihrer Erscheinung. Ich hätte sie wohl freundschaftlich begrüßen und meiner Braut von ihr sagen können, und sie schien es auch zu erwarten, daß ich es tue, denn sie sah mich mit herzlichem Freudenblick des Wiedersehens an, merkte aber dann bald, daß nichts von mir ausgehen würde und wandte sich bedienend an die Dame. Es wurde ausgemacht, daß bei unserer Trauung die Kirche geschmückt werden solle, und es wurden Sträuße für die Brautjungfern bestellt; ich wurde bei dem und jenem um Rat gefragt und gab ihn blindlings, und es war mir übel zumute. Es ging aber heute in einem hin. Ich dachte, so lange Eleonore in ihrer kurzen und sachlichen Weise Anweisungen gab, wählte und verwarf, an einen Tag, da Hertha gesagt hatte, daß sie einmal meiner Braut den Hochzeitskranz machen wolle, wenn es eine sei, die gut zu mir passe, und ich besann mich, ob sie ihr wohl so erscheine, und warf einen heimlichen Blick nach den ungleichen Frauen hinüber. Da fing ich einen von Hertha auf, der schien mir spöttisch und traurig zugleich zu sein, auch glitt er nur an mir vorüber und endigte in einem Kopfnicken, als gebe sich die Gärtnersfrau selber Antwort auf eine Frage, da ich ihr keine gab. Da war es mir wie heute schon einmal, als gleite mein Nachen stetig und unaufhaltsam an allen blühenden Ufern vorbei, die ich jung und schuldlos betreten hatte, und ich selber sitze darinnen wie im Zwang eines argen Traumes und sehe Menschen und Ufer hinter mir verschwinden. So ging es mir in der Zeit, die meine hohe sein sollte.
Es war meine niedrigste.
Ich sah Hertha noch einmal und auch den Zeitler. Ich kaufte einen Kranz mit roten Rosen und trug ihn mit Herrn Kasimir auf das Grab von Brigitte Hagenau am Abend vor ihrem Geburtstag. Eleonore war da nicht dabei; sie ging nicht gern auf den Friedhof, das sagte sie offen. Hertha war nicht im Blumenladen, ein kleines Dienstmädchen gab mir den Kranz. Ich traf sie aber mit einem Bübchen auf dem Arm im Friedhof; sie stand neben einem starken, kräftigen Mann in einer grünen Schürze, der ein paar Gärtnerburschen anwies; sie waren beide große, stattliche Leute und sahen fest und freudig aus, so als ob sie auf sicherem, gutem Boden ständen. Es brannte in mir, daß ich nicht mit Hertha reden konnte, wie ich wollte. Ich wäre gern noch einmal eine Stunde mit ihr allein gewesen, oder ein paar Minuten. Aber das war drüben am andern Ufer. Doch faßte ich den Mut, sie zu fragen, wie es gehe, obgleich ich sah, daß es gut sei, und sie gab mir ruhigen und freundlichen Bescheid; vielleicht sah sie, daß ich nicht glücklich sei, und es tat ihr leid. Der Zeitler kam auch herbei; er gab mir die Hand und sagte, daß er gehört habe, ich sei wieder in der Stadt, und daß er gedacht habe, ich komme dann einmal. Die Hertha habe auch darauf gewartet. Ich stammelte etwas von viel Arbeit und Abhaltung, und er sah mich ruhig an und sagte: „Ja, Sie sind ja auch verlobt und machen bald Hochzeit. Da wünsche ich Glück.“ Er hatte für mich keine Ähnlichkeit mehr mit alten Gesichtern aus meiner Kindheit; er war auch im Nebel und stand auch am Ufer, an dem ich vorüberfuhr. Vielleicht hatte er mir viel zu sagen, früher hatte ich das immer gemeint; jetzt durfte ich nichts hören, denn wie sollte ich sonst vollenden, was ich angefangen hatte? Ich redete einige nichtssagende Worte und stand an Brigittens Grab. Sie war über allem draußen und hatte es gut; ich wollte, sie wäre noch dagewesen in ihrer schönen und klaren Freudigkeit. Herr Kasimir saß auf dem Bänkchen unter der Linde, die neben dem Grab stand; ich hörte, daß er den Zeitler mit du anredete, und daß sie irgendwie von alten Zeiten sprachen. Das wunderte mich, aber es fiel mir ein, daß der Zeitler so gut Bescheid mit der Jugend der Hagenausgeschwister wußte, und ich dachte, daß gewiß alle Menschen irgendwie miteinander zusammenhingen, nur ich trennte mich von meiner Welt und wurde ganz einsam. Der Zeitler sagte lind und freundlich zu mir, ich solle einmal abends kommen, vielleicht morgen? Da sagte ich, ja, ich komme bald, aber ich hatte nicht im Sinn, es zu tun, und wir gingen. Auf dem Heimweg erzählte mir Herr Kasimir, daß der Zeitler sei, was man eine verkrachte Existenz nenne. Er hätte es weiter bringen können, da er von guten Gaben und guter Bildung sei. Es sei aber einmal ein Bruch in sein Leben gekommen durch eine leidenschaftliche Liebe, um derentwillen er einen Menschen beinahe umgebracht und dafür eine Strafe verbüßt habe, während deren ihm dann die Geliebte untreu geworden sei. Brigitte habe ihn aber immer hoch geschätzt. Sie habe gesagt, daß, wer aus Liebe sündige, lebendiger sei, als wer aus kalter Tugend gerecht bleibe, und daß Zeitler einer von denen sei, die wissend geworden seien durch heißes Verschulden. Wissend und verstehend.
Als Herr Kasimir mir das erzählte, da war es mir, als ob ich doch morgen zu dem Zeitler gehen wolle, denn vielleicht verstand er auch mich. Aber gleich darauf wußte ich, daß es nicht sein konnte; denn ich sündigte weder aus Liebe, noch blieb ich aus Tugend gerecht. Ich mußte meines Weges gehen und durfte niemand fragen.
*
Ich habe den Brief, den ich in dieser Zeit an Luise schrieb, später wieder gelesen, als ich ihn in ihrem Nachlaß fand, und tat mir selber leid darin, so sehr ich mich hätte verdammen müssen. Denn es war kein freies und trotziges Sündigen eines einfachen Selbstlings, der sich in dem, was er tut, im Rechte meint, und über das, was ihn hemmen will, hinwegschreitet ohne Reue, sondern ich litt, während ich tat, was ich verurteilte, und tat es dennoch, weil ich das Geschlinge um meine Füße nicht zerreißen und den Preis, den mich das vorschwebende Bessere gekostet hätte, nicht bezahlen konnte meiner Meinung nach. So tat ich denen, die ich liebte, weh, ohne mir selber wohlzutun, und stand unfrei vor mir und vor ihnen, und es ging mir beides verloren, das gute Gewissen dessen, der vor sich selber richtig handelt, und die Lust des Unrechts, das ich tat. Doch habe ich eine Erlösung erlebt, nicht unähnlich der, die die Frommen Bekehrung nennen, die mich mit Gewalt umkehrte, indem sie mir das selbstgebaute Haus zerbrach, mir unter freiem Himmel mich selbst zeigte, wie ich war, und mich mir, arm und zerschlagen, in die Hand gab.
Es war über allem dem Herbst geworden. Eines Morgens erwachte ich an dem Klang einer Stimme, die laut und deutlich sagte: „Heute kehrt Maidi in die Stadt zurück.“ Ich schlug verwundert die Augen auf, aber es war niemand bei mir im Zimmer, und ich hatte wohl selbst die Worte ausgesprochen. Ich erinnerte mich auch noch eines soeben entschwindenden Traumes, dessen Gestalten vor dem Tageslicht erblaßten, in dem es mir aber seltsam wohl gewesen war, so daß es mir leid tat, erwacht zu sein. Denn auch das Wohlsein schwand, je wacher ich wurde.
Ich stand auf und trat ans Fenster, und immer noch hatte ich das gesprochene Wort in den Ohren. Als ich Maidi hinausgeleitet hatte, war der Wald jung belaubt gewesen; jetzt lag er hier und wohl auch dort in herbstlichen Farben. Die Schwalben sammelten sich zur Reise und saßen dichtgedrängt auf den Telephondrähten. In wenigen Tagen würde auch ich mit Eleonore dem Süden entgegenfahren. Wir waren dann Mann und Frau und mußten uns miteinander ein Leben bauen. Das, was ich früher gelebt hatte, lag dann noch weiter dahinten als jetzt; es mußte so sein, ich wußte es. Würde es mir dann auch noch hie und da ans Herz treten, so wie im Traum des heutigen Morgens? Und würde es mir lieb oder leid sein, wenn es geschähe? Es war so lieb und so leidvoll zugleich. Draußen war eine warme, föhnige Luft; die Höhen und Wälder lagen nahe zusammengerückt in Glanz und Klarheit; ich fühlte mich sonderbar laß und müde und hätte am liebsten meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Den hatten sie schon lang nicht mehr; ich hatte mir das Tagträumen abgewöhnt. Sie wollten unruhig flattern wie die Schwalben, denen die Reisesehnsucht keine Ruhe mehr ließ; sie wollten fragen, wie es nun dort sei? Ob Maidi traurig sei oder ob sie mich verachte? Ob sie gehört hatte, daß ich verlobt sei und daß das Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun erst ganz und auf immer hinter mir liege? Wenn sie es wußte, dann wußte sie auch, warum ich ihr nicht geschrieben hatte. Es war mir, als wisse und verstehe sie alles und als liebe sie mich immer noch, und das legte sich wie eine abgrundtiefe Traurigkeit auf mich, denn es war fern, fern, und es führte keine Brücke und kein Steg mehr dorthin. Plötzlich wurde ich gewahr, daß die Pyramide des Münsters mich ansehe. Sie lag in einem merkwürdig grellen Licht; ihre Steine glänzten, und sie war ganz durchschienen von einer heißen Sonne, was so früh am Morgen und um diese Jahreszeit ungewöhnlich war. Es fiel mir ein, wie oft ich sie von meiner Mansarde aus gegrüßt hatte, als ich zum erstenmal in der Stadt und ein Lehrling war, und es schien mir, als frage sie mich, was ich nun inzwischen aus mir gemacht habe? Ich trat vom Fenster zurück, aber nun war es mir, als warte sie draußen, daß ich ihr Antwort gebe. Die Rosette hatte ein Gesicht, und alle die Luken, durch die das Licht fiel, waren Augen, die mich ansahen. Sie hatte ihre stille, hehre Schönheit verloren und war unerbittlich und furchtbar. Ich versuchte zu lachen, denn das war ja doch wieder das Tagträumen, was ich jetzt hatte. Aber es gelang mir nicht so recht. Da sagte ich mir, daß es der Föhn sei, der mich so sonderbar errege. Ich wusch mich mit kaltem Wasser und brachte meine Gedanken in Ordnung. Sie hatten hier am Platze genug zu tun. Es wollte noch viel in die Tage hinein. Herr Kasimir wollte mir das Geschäft übergeben und allerlei niet- und nagelfest machen. Er blieb noch da, so lange wir reisten, dann wollte er sein Bündel schnüren und ebenfalls reisen. Ich war dann Inhaber von Haus und Geschäft und hatte eine Frau und war ein Mann, der hier am Platze zu sein hatte mit aller Kraft und allen Sinnen. Darüber hinaus gab es nichts. Wenn es doch etwas gab, so war es nicht für mich. Ich bemühte mich, an Eleonore zu denken; nicht an das Steinbild, das sie hie und da sein konnte, herb und hochmütig, sondern an die Stunden, in denen sie unter ihrer eigenen zurückhaltenden Art zu leiden schien. Sie hatte dann brennende Augen und sah blaß und schmal aus, es war, als ob ein verstecktes Feuer in ihr lodere. So hatte ich sie noch lieber, als wenn sie, wie es auch geschah, kleine bräutliche Zärtlichkeiten für mich hatte. Denn ich dachte gern, daß sie ein heißes Herz in sich trage, das für mich glühe und das im Kampf mit ihrer kargen Natur sich verwunde und abmühe, um leben zu können. Es schien mir an der Zeit, daß es zu seinem Recht komme, das ich ihm ja gegeben hatte. Gestern abend war sie so gewesen, müde und unruhig zugleich. Sie hatte mir beim Gutenachtsagen eine heiße Hand und kalte Lippen gegeben und gesagt: „Ich wollte, wir wären schon weit fort, und es wäre alles vorüber.“ Das hatte mich gewundert, denn sie selbst hatte doch die glänzende Hochzeitsfeier angeordnet und sich nicht genug tun können, alles bis ins kleinste festlich auszugestalten. Es war wohl so, wie ich dachte, daß sie sich sehnte, bei mir zu sein, und ich nahm mir vor, es solle sie nicht gereuen. Es gab wohl viele Männer, die eine Jugendliebe in sich begruben, wenn es das Leben erforderte, und auch ich wollte das tun; da brachte ich, der ich so gewandt im Zudecken, Flicken und Übermalen meines Innern geworden war, es denn auch an diesem Morgen so weit, daß ich als ein Tüchtiger und ein Ehrenmann das Zimmer und das Haus verließ mit straffen Schritten. Sie waren beide froh, daß sie mich hatten, Eleonore und Herr Kasimir, und das konnten sie auch wohl sein, denn alles lag bei mir in guten Händen, und daß es mich viel gekostet hatte, das gab mir Ernst und Tiefe, wie ich mir selbst, vor diesem bedeutenden Einfall leicht erschauernd, sagte.
Am Vormittag dieses Tages hörte ich, nach langer Zeit wieder zum erstenmal, Eleonores Geigenspiel gedämpft aus dem Zimmer über mir her erklingen. Sie hatte nie gespielt, seit wir verlobt waren, und wenn ich in sie gedrungen war, so hatte sie mich auf später vertröstet, wo sie wieder Ruhe und Stimmung dazu haben werde. Jetzt schien es mir, als ob sie mich zu sich riefe mit feurigen und verheißenden Tönen und mit hinströmender Klage über ihre eigene eingeschlossene Seele, so daß ich es kaum erwartete, bis ich von den Geschäften loskommen und hinaufgehen konnte, denn ich war begierig, ihr zu zeigen, daß ich für sie da sei und sie verstanden habe. Sie hatte aber, als ich kam, die Geige schon wieder in ihr Futteral geschlossen und verwahrt und schien sich zu wundern, daß ich mitten im Vormittag heraufkomme. Die Geige hing stumm an der Wand, als ob sie nie geklagt und gerufen hätte, und als ich sagte, daß ich sie gehört habe, zog Eleonore die Brauen leicht zusammen, wie unwillig. „Ich habe etwas geübt,“ sagte sie, „was ich lange nicht gespielt habe und was ich heute abend zu spielen versprochen habe.“ Wir waren beide zu einer Geburtstagsfeier in eine bekannte Familie eingeladen, deren Wohnhaus über den sonnigen Rebbergen der Stadt in Waldeshöhe stand. Ich wußte, daß der Hausherr, der ein alter Freund des Hauses war, Eleonore schon manchesmal umsonst gebeten hatte, zu spielen, freute mich, daß sie es heute tun wollte, und bat sie nur, es spät genug zu tun, daß ich das Stück auch hören könne, das mich so angezogen hatte. Denn ich konnte des Geschäfts und vieler Arbeit wegen erst am Abend nachkommen. Sie versprach es auch, und ich dachte, sie sei doch eine rätselhafte Natur, anziehend und abstoßend zugleich, ich wolle aber alle Rätsel in ihr auflösen, da sie ja eine Seele habe, die darnach verlange, wie ich sicher zu wissen glaubte.