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Ludwig Fugeler

Ludwig Fugeler (continued 2)

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Doch sagte mir keine Ahnung, auch nicht die leiseste, daß meine Mutter jetzt eben den Tod erlitt. Er war ihr lind und gut; er trat nur an sie heran, als sie erschöpft auf dem Steinhaufen saß und legte ihr die Hand auf das Herz, da hörte es auf, zu schlagen. Vielleicht sah sie ihn herankommen, ich weiß es nicht. Wenn sie ihn gesehen hat, das glaube ich, dann hat sie ihre hartgeschaffte Hand mit einem geduldigen Seufzer in seine knöcherne gelegt und sich von ihm führen lassen. Denn es war nichts von Widerstreben und darum auch nichts von Angst in ihr.

Als der leere Müllerwagen kam, den sie gehört hatte, saß sie in sich zusammengesunken da, die Hände müd im Schoß und den Kopf auf der Brust. Die Sonne lag auf ihrem grauen Scheitel und der Müllerknecht meinte, sie schlafe.

Als er merkte, daß sie tot sei, packte ihn ein Grauen, und er hieb auf seine Schimmel ein, daß sie die Steige hinaufrasselten, wie auf der Flucht. „Da unten sitzt ein totes Weib,“ rief er, als er mich sah, „weißt du, wer sie ist?“

Da löschte mir mit einem Male die fröhliche Fackel aus, die mir den ganzen Morgen ins Leben hinein geleuchtet hatte, und es kam eine dunkle Wolke, die überzog Land und Himmel und meine Jugend und mich. Ich lief in verzweifelten Sprüngen die Steige wieder hinab, bis ich bei ihr war, und blieb in Herzensnot und Grauen bei ihr sitzen, bis Leute von oben herunterkamen, von dem Müllerknecht geschickt und sich unser annahmen.

Sie wurde dort droben in dem Albdörflein begraben. Da war ein Platz frei in dem ganz zusammengesunkenen Grab der Großmutter meiner Mutter, das einst von der Familie gekauft worden war.

„Da liegt sie gut,“ sagte der Vetter, den wir hatten besuchen wollen.

„Die Großmutter ist ein braves Weib gewesen, bei der hat sie ihren Frieden. Und sie liegt im eigenen Grund und Boden, das hättet ihr in der Stadt drunten nicht zahlen können.“

Da kam in aller Trauer noch ein kleines, bescheidenes Stölzlein in uns auf, auch in den Schwestern, die gekommen waren, daß wir hier an diesem Platz sozusagen ansässig seien, und wir waren einig damit, die Mutter hier zu lassen.

Das liegt tiefer als es viele wissen, im Menschenherzen, daß es irgendwo unvertrieben sein will, daß es ein Stücklein Land besitzen will und wäre es noch so klein, teilhaben an der Erde, die unser aller Mutter ist.

Im Leben hatte die Mutter immer im Hauszins wohnen müssen, nun ererbte sie im Tode ein eigenes, enges Häuslein und war nur gehalten, die bleichen, weißen Knöchelein der Urahne bei sich ruhen zu lassen, denn diese war immerhin vorher dagewesen.

*

Ein halbes Jahr nach der Mutter Tod wurde uns das Häuschen gekündigt, weil die Stadtverwaltung irgendeine Änderung in dieser Gegend vornehmen wollte. Da gab es einen schweren Abschied zwischen Meisters und uns. Denn wir zogen nun in zwei verschiedene Stadtteile. Auch Lotte hatte die Kündigung getroffen, und es war nun zwischen ihr und meiner Schwester Luise ein Abkommen wie zwischen Abraham und Lot: „Willst du zur Rechten, so geh' ich zur Linken, willst du aber zur Linken, so geh' ich zur Rechten.“ Luise wollte nun ein eigenes Bügelgeschäft aufmachen mit Lehrmädchen und Pariser Neubügelmethode, und dazu brauchte sie ein Feld für sich. Lotte aber zog ihre bisherige Kundschaft nach sich in ein Haus, das in der Nähe des alten lag. Sie waren beide wie Schwestern miteinander, es war nichts von Neid und Streit in ihrem Auseinandergehen, sondern, weil das Leben mit seinen Bedürfnissen es so verlangte, darum trennten sie ihre Wege und blieben sich um so mehr in Freundschaft zugetan.

Wir zogen an einem Tag nach verschiedenen Seiten hin. Unsere Möbel waren aufgeladen und zeigten sich im Tageslicht und unter freiem Himmel als eine ärmliche Habe. Einmal waren sie auch neu gewesen und aus vielen Spargroschen mit Lust und Liebe nach und nach erworben worden, nun sah die neue Generation darüber hin als über etwas Abgängiges, es war aber so der Lauf der Welt. Wir gingen noch einmal durch die leeren Räume und sahen an den dunklen Stellen auf den verschossenen Tapeten, wo die Bilder gehangen waren: Hier des Vaters Bild und hier die Schlacht bei Leipzig, und dort der Haussegen, der die heilige Dreieinigkeit zeigte, je nachdem man links oder rechts oder in der Mitte stand, den Vater oder den Sohn, oder den heiligen Geist als Taube. Über der Bank war eine fettige Fläche, da hatte der alte Heinrich Kilian immer seinen Kopf angelehnt. Die Schwestern waren in gerührter Stimmung, als sie sich noch einmal hier umsahen und lehnten sich aneinander, wie um sich zu vergewissern, daß keine von ihnen allein in die Fremde geht. Mir aber war es unbehaglich zumute. Es ging so allerlei durch einen durch, wenn man hier seinen Gefühlen nachhing, es war wohl am besten, vorwärts zu gehen und sich nicht mehr viel umzusehen, sonst tat es in der Brust weh, und das Herz klopfte einem; das war aber eines bloßen Umzuges wegen nicht nötig, meinte ich.

Da kam soeben Lotte Meister zur Tür herein, um Luise noch etwas zu sagen. Sie stand so groß und hoch und stattlich in der niederen Stube, aber sie hatte ein Glänzen in den Augen, aus dem man schließen mußte, daß sie geweint habe. Denn sie nahm ja freilich hundertfache Erinnerungen mit sich fort. Es war bei ihr nicht wie bei uns das Geschehen zu tragen, das im Gang des Menschenlebens von vornherein liegt, daß die Alten davongehen und zu den Vätern versammelt werden, sondern sie hatte die Unnatur des Zerreißens erlebt, der Trennung mitten auf der gemeinsamen Bahn. Die alte, leidende Mutter aber ging mit ihr und freilich auch die Kinder, das kommende Geschlecht, das hier seinen Ursprung genommen hatte.

Man konnte aber mit keinem mitleidigen Gedanken an Lotte herankommen, obgleich man ihre Tränenspuren noch sah. Denn sie beherrschte ihr Gesicht und ihre Haltung vollständig und war dem Leben gewachsen, wie es auch verfahren mochte, man konnte in allem nur Respekt vor ihr haben. Als sie ihre Sache an Luise ausgerichtet hatte, sah sie mich lächelnd an, wie früher, da ich noch als lockiges Bürschlein neben ihr am Bügelbrett gestanden war und sagte: „Wie ist's, Ludwig, wird man dich auch noch hie und da zu sehen bekommen, wenn man eine Viertelstunde Wegs zueinander hat, oder müssen wir gleich ganz Abschied nehmen?“ Sie streckte mir aber dabei ihre schöne, kräftige Hand hin, und ihr Gesicht war so voll von einer unwandelbaren Güte und Zuversicht, daß es mich heiß durchfuhr, und ich in einem Augenblick die ganze Zukunft durchreiste, in der es immer eine Lotte Meister geben mußte, sie war nicht wegzudenken. Ich spürte, daß ich feuerrot wurde und daß mich ein ungestümes Verlangen packte, sie wieder für mich zu haben, wie einst, aber ich tat nicht dergleichen, sondern sagte nur, ich werde schon kommen, wenn ich Zeit habe und ich müsse jetzt so viel lernen, weil der Professor so streng sei. Darauf sah sie mich einen Augenblick prüfend an und erklärte dann, eigentlich habe sie fragen wollen, ob eins von uns den Rollstuhl mit der Großmutter in die neue Wohnung führen wolle. Die Kinder könnten es ja, aber die Großmutter vertraue sich ihnen nicht an, weil sie ohnehin vor dem fremden, entlehnten Rollstuhl und vor dem Fahren durch die Straßen eine entsetzliche Angst habe. Ich spürte, daß ich dazu vermeint sei, aber ich konnte mich nicht schnell entschließen, denn es konnte mir jemand begegnen, etwa der Stadtpfarrer, der dann sagen würde, so sei es recht, oder meine Kameraden, die lachen würden, wenn die alte Frau immer mit dem Kopf wackelte, und da war eines so schlimm, wie das andere. Es gab eine Verlegenheitspause, und in die Stille hinein sagte meine Schwester Helene ganz freundlich und bereitwillig, ja natürlich, das tue sie gern, und Lotte empfahl sich, ohne noch einmal etwas zu mir zu sagen. Sie mußte schleunigst hinter ihrem Möbelwagen, auf dem hoch oben die drei Kinder saßen, eng in dem geblumten Sofa aneinandergeschmiegt, lustig und lachend, weil ihnen das Fahren ein Fest war. Wir sahen ihnen nach, und dann gingen wir gleichfalls davon und ließen die Türen hinter uns offen, weil nichts mehr im Haus war, das man verschließen mußte. Aber nun hatte ich auch mein Teil an Abschiedsschmerzen, und es war mir vielleicht übler zumut als den andern allen, sie brauchten es aber nicht zu wissen.

Die neue Wohnung, die wir bezogen, lag mitten in der Altstadt, in einer engen Gasse, in der die Häuser nah beisammen standen, und in der es mit Sonne, Mond und Sternen nicht besonders leuchtend zuging. Ich allein hatte in meiner Kammer hoch oben unter dem Dach Licht genug, und die Nelken des alten Heinrich Kilian, die meine Schwestern sorglich ausgegraben und in Töpfe gepflanzt hatten, führten vor meinem Fenster ein blühendes Leben, so lang die gute Jahreszeit währte. Unten im Haus, im Kellergeschoß, da war es fast den ganzen Tag dämmerig; es mußte gut gehen, wenn einmal ein wenig Sonne hereinkam. Aber es ging hell und heiter zu trotzdem. Da ging es mit glühenden Bügelstählen um und mit Lachen und Schwatzen und oft mit Singen daneben her. Sie schafften selbdritt oder viert, Luise und ihre Lehrmädchen. Sie hatten Kundschaft genug, denn schön gebügelte Kragen und Manschetten, das war etwas, das jedermann brauchte; auch der einfachste Mann wollte wenigstens am Sonntag glänzen und gleißen mit sauberer Wäsche.

Luise spielte so wenig wie Lotte Meister die hohe Vorgesetzte. Sondern sie zeigte, wie die Sache gemacht werden mußte, und da hieß es parieren, denn was aus dem Haus kam, das mußte tadellos sein; aber im übrigen war eine schöne und freudige Arbeitsgemeinschaft, und es war hier nichts von „Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ und von bitteren Standesunterschieden. Um die Vesperzeit ging das jüngste Lehrmädchen, wie es ging und stand, mit aufgekrempelten Ärmeln und in weißer Schürze, über die Gasse zum Dreikönigswirt und holte so viel Gläser Bier, als Personen da waren, und dann gab es eine vergnügliche Pause, in der man sich von den Stadtneuigkeiten unterhielt und von den privaten Erlebnissen, etwa einem neuen Kleid oder einem Sonntagsausflug, oder auch, wenn man gerade recht in Stimmung war, von dem jeweiligen Schatz und den Zukunftsaussichten mit ihm.

Das taten sie nicht gern vor mir, der ich mich oft um diese Stunde auch da unten herumdrückte. „Was braucht so ein Bub davon zu wissen?“, sagten sie und steckten wispernd die Köpfe zusammen. Aber gerade davon hätte ich gern gewußt. Es schienen mir lauter hübsche Mädchen zu sein, fast eine wie die andere. Sie hatten bloße Hälse und Arme und junge, frische Gesichter und meistens ein hübsches Band im Haar oder so etwas, und es mußte eine schöne Sache sein, mit solch einem Geschöpf einmal spazieren zu gehen oder gar zu tanzen. Daß sie Du zu mir sagten, störte mich hier im Hause, wo es niemand sonst sah und hörte, nicht, ich gab es ihnen heim und es war mir behaglich dabei. Ich saß auf einem umgestülpten Waschkorb oder einer Stärkekiste, trank gleichfalls mein Bier und machte billige Witze, bis Luise ihr leeres Glas wegstellte und sich die Hände wusch, was ihr die andern nachtaten, und was das Zeichen zum Wiederanfangen war. Dann ging ich mit meinem Bücherpack, den ich unter dem Arm getragen hatte, in meine Kammer hinauf und ließ den Eindruck zurück, als ob ich mich in meine Arbeit vergrabe. Das tat mir wohl, daß die Mädchen das von mir dachten; aber ich stand oft genug am Fenster und sah ins Wetter, denn es ging noch manches mit mir um, was ich unten gesehen und gehört hatte. Da war ein hübsches, weißblondes Mädchen namens Hermine, das ein so lustiges Gesicht und ein ganz schlankes, feines Hälschen hatte, und das schon einen Bräutigam besaß. Er war Feldwebel bei den Pionieren, und sie wollte um Geld bügeln, wenn sie verheiratet war, darauf freute sie sich, als ob es in ein lustiges Leben hinein ginge. „Den Tag über schaffen wir, und abends geht's zur Musik oder sonstwohin,“ sagte sie und zeigte alle ihre weißen Zähne. Da wäre ich auf einmal gern Feldwebel gewesen, denn man konnte nicht wissen, ob es nicht auf dem wissenschaftlichen Weg, den ich eingeschlagen hatte, viel langweiliger zuging, und ich wußte manchmal nicht recht, warum ich gerade studieren sollte. Da horchte ich hinunter in die enge Gasse, ob ich nicht einen Zipfel von dem vergnügten Leben da unten wahrnehmen könne. Aber nach einer Weile war die Anwandlung vorüber, und ich saß wieder an meinen Büchern und hielt mich ordentlich zur Arbeit, ohne besondere Begeisterung dafür, nur weil so eines aus dem andern folgte und ich nichts anderes vorhatte. So kam ich voran, wie andere auch und bestand, als ich etwas über das achtzehnte Jahr hinaus war, die Reifeprüfung für die Universität. Jetzt galt es aber, sich endgültig für ein Fach zu entschließen, denn das hatte ich bis jetzt immer noch hinausgeschoben, weil ich für keines eine besondere Liebe hatte und an jedem etwas auszusetzen war. Da fragte mich der Rektor, als ich mein Abgangszeugnis von ihm holte, ob ich nicht Lust hätte, in eine vornehme Universitätsbuchhandlung einzutreten und das Studium überhaupt zu unterlassen. Er sei von einem Freund, der der Inhaber sei, gefragt worden, ob er nicht einen tüchtigen jungen Menschen wisse, der eine gute Vorbildung habe und Lust zu den Büchern, aber auch zu einem soliden und praktischen Geschäftswissen, und der es bei ihm zu etwas Rechtem bringen könne. Er habe mich vorgeschlagen, weil er gemerkt zu haben glaube, daß ich Freude an der Literatur habe und auch nicht unpraktisch sei, und weil, – setzte er väterlich hinzu, – es vielleicht doch auch ratsam sei für mich, daß ich es in absehbarer Zeit zu einer Selbständigkeit bringe.

Er kannte meine Schwestern und besonders Helene, die bei ihm im Hause nähte und seiner Frau die Kleider machte, und hatte einen hohen Respekt vor ihrer arbeitsamen Tüchtigkeit. Vielleicht ärgerte er sich auch im stillen, daß ich den braven Mädchen so ganz auf der Tasche lag, aber davon sagte er nichts, sondern fragte nur, ob ich vielleicht schon eine starke Vorliebe für ein besonderes Fach habe, was dann freilich die Sache verändern würde.

Aber das hatte ich nicht, sondern es war gut für mich, daß mir jemand einen Schub gab von außen her, und ich sagte nach kurzem Zögern, daß ich morgen kommen und mit dem Herrn reden wolle, der gerade in der Stadt zum Besuch war, und daß es vielleicht ganz gut für mich passe, ein Buchhändler zu werden, weil es mich immer nach Büchern gelüstet habe, schon seit ich mir denken könne.

*

Daheim war ein großes Erstaunen, als ich mit meinem Plan daherkam, der schon auf dem kurzen Weg nach Hause deutliche Gestalt in mir gewonnen hatte. Die Buchhandlung, um die es sich handelte, war in einer Stadt, von deren Schönheit ich schon viel gehört hatte, unfern des Rheins und des Schwarzwaldes, also immerhin weit genug von meiner Heimat entfernt, um den Zauber der Ferne und Fremde für mich zu haben. Die Schwestern waren ein wenig enttäuscht, daß nun kein Student zu ihnen in die Ferien kommen würde und kein studierter Herr einmal mit einem guten Titel etwa in der Zeitung stehe, von dem sie dann sagen konnten, das sei ihr Bruder. Auch ging es vielleicht tiefer bei ihnen, daß sie mir in Wahrheit alle Pforten des Lebens wollten aufgetan wissen. Aber ich sagte mit schnell angenommener Überlegenheit, daß ich es auf diesem Wege mindestens gerade so weit bringen werde, als auf dem andern, und daß ich überhaupt trachten werde, so bald als möglich selbständig zu werden. Das rührte die Schwestern tief, denn ich hatte ihnen noch nicht oft gezeigt, daß ich an ihre Arbeit und Mühe für mich denke, und so gern sie alles für mich taten, so tat es ihnen doch wohl, daß ich nicht nur so ins Blaue hinein alles anzunehmen schien. Aber sie wußten nicht, daß ich vor dem Besuch bei dem Rektor noch keinen Augenblick daran gedacht hatte, und von mir aus brauchten sie es auch nicht zu wissen.

Am andern Tag ging ich wieder zu dem Rektor hin, und da war dann auch der Buchhändler, der ein alter Junggeselle war und äußerlich nichts vorstellte. Er trug sich in einem lederfarbigen Braun und hatte selber eine etwas vergilbte, pergamentene Haut, und ich weiß nicht, wie mir so geschwind der Gedanke kam, er sehe aus, wie ein antiquarisches Exemplar etwa des Horaz oder sonst so eines alten Weisen, in Leder gebunden. Darüber ging mir, ehe ich es verhindern konnte, ein Lachen über das Gesicht, und der Rektor, der dabeistand, fragte mich: „Was haben Sie Heiteres, Fugeler?“ Aber ich faßte mich schnell und machte ein ernsthaftes Gesicht und sagte, es sei mir draußen auf der Gasse ein Kameltreiber begegnet mit drei Äffchen, die seien so possierlich gewesen. Das war schon wahr, aber gelacht hätte ich darum nicht.

„Sie sind noch sehr jung, mein Lieber,“ sagte der alte Herr, der Hagenau hieß, und meckerte ein wenig. Das war bei ihm gelacht. Ich sagte, daß ich achtzehn sei und das Maturum gemacht habe, und das hatte er ja auch schon gewußt und die Bemerkung nur meines unzeitigen Lachens halber gemacht.

Wir kamen aber darauf gut ins Gespräch und einigten uns auch darauf, daß ich am ersten Oktober bei ihm eintreten und drei Jahre lernen solle, ohne Gehalt, aber mit freier Kost und Wohnung in seinem Hause. Später sehe man wieder. Er habe es mit einem, der sich zur Sache anlasse, gut im Sinne, wolle aber vorher sehen, was an mir sei. Darum, daß er ein Junggeselle sei, brauche ich mich nicht um das leibliche Auskommen bei ihm abzukümmern. Er habe eine Schwester bei sich, die mich so wohl versorgen werde, als eine rechte Hausfrau, und sie sei auch sonst gut, ich komme bei ihr in gute Hände. Zu lernen gebe es genug für einen, der strebsam sei, es müsse nicht alles auf Universitäten erworben werden, es gebe auch sonst noch Möglichkeiten. Das kam mir alles ganz richtig und vernünftig vor, und auf dem Heimweg kaufte ich mir ein steifes Hütlein, weil ich das Gymnasiastenwesen abgelegt hatte und in eine Bahn einlenken wollte, auf der es frühzeitig dem Ernst des Lebens zuging.

Als ich aber nur noch ein paar Schritte von unserem Haus entfernt war, sah ich eine helle, schlanke Mädchengestalt in Luisens Bügelstube von der Straße her eintreten, und als ich gleich nach ihr auch dort hineinging, war es Maidi, mit er ich als kleiner Bube im Garten gespielt und Kirschen gegessen hatte, und die ich noch gut genug kannte. Sie war eine Berühmtheit unter den Gymnasiasten ihrer feinen Schönheit wegen, und es galt für eine Ehre, wenn man sie grüßen konnte; da neigte sie leicht den Kopf, wie ein Königskind, und war dabei doch keine stolze Jungfer, sondern eine freudige Augenweide.

Geredet hatte ich nie mehr mit ihr seit jenem Gartentag, nun stand sie hier in der halbdunkeln Bügelstube, in der man schon das Gas anzünden mußte und war wie eine Sonne darin. Da ärgerte mich auf einmal mein steifes Hütlein, und ich tat es schnell in ein Fach hinein, in dem Stärkwäsche lag, weil es gar nicht zu ihr paßte. Sie hatte ein hellblaues Kleid an und niedere braune Schuhe, und ihren langen, blonden Zopf hatte sie hinten im Nacken mit einer blauen Schleife hinaufgebunden, auf der kleine rote Punkte saßen, wie lauter Herrgottskäfer. Um ihr Gesicht her aber drängten sich lustige Löckchen unter dem breiten Hut hervor, und auf dem Hut lag ein Kranz von Margeriten. Sie sah aus, als ob sie zu einem Fest ginge, aber das war bei ihr immer so, und das Fest war ihr junges Leben, in das schritt sie hinein in ihren hübschen braunen Schuhen.

Ich konnte sie beobachten, ohne daß sie mich sah, denn ich war hinter den Vorhang getreten, der den Eingang in ein Nebenkämmerchen verdeckte und sah hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie hatte eine Bestellung zu machen. Es sollte regelmäßig zu bestimmten Zeiten Wäsche abgeholt und wieder hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus ihres Großvaters, in dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen gehörte, war nicht mehr vorhanden, und ich wußte, daß er irgendwie nebenhinaus gegangen war auf der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr zu den Seinigen gehörte. Wie es zusammenhing, wußte ich nicht, aber es hatten also doch auch schon dunkle Schatten das junge Leben gestreift, das hier in aufblühender Pracht in unserer Stube stand und mit meiner Schwester sprach. Als mir das einfiel, gewann ich auf einmal die Macht, hinter meinem Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn sonst wäre sie mir zu schön dazu gewesen und zu hoch, so freundlich sie auch aussah.

Ich überlegte mir auch, was ich zu ihr sagen wollte. Sie hatte einen Vetter, der war mein Schulkamerad gewesen und war nun seit einem Jahr bei der Marine, und er war es auch gewesen, der bei den Kameraden immer ihren Preis verkündigt hatte. Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es nicht gewohnt, junge Mädchen anzureden, so oft ich es auch in der Phantasie tat, und so stand ich etwas verlegen herum, als ich sie gegrüßt hatte.

Da sah ich an ihrem Gesicht, daß sie mich auch kannte, vielleicht noch von damals her, und daß lustige Lichter darüberflogen wie Sonnenvögel und sie ein Lachen unterdrücken wollte, das um jeden Preis gelacht sein mußte.

Es war sicher, sie kannte mich noch und auf einmal sagte sie: „Da wohnen Sie jetzt? Seit wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erzählten mir von Ihrem Garten, und –“ da wurde sie doch ein bißchen rot und ich auch, denn es war ein heikler Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide an zu lachen und wurden dadurch ganz erlöst. Denn wenn man darüber lachen konnte, dann war es nicht mehr schlimm. „Ja, ja“ sagte ich, „ich habe damals, glaub' ich, ein bißchen dazu erfunden, und nachher hatte ich immer Angst, Sie könnten einmal kommen und ich stehe dann mit Schanden da.“

Aber als ich das sagte, war es mir inwendig heiß vor Glück, daß sie mich so gut kannte, und daß sie noch an damals dachte, und es kam mir auch sonderbar vor, daß wir nun Sie zueinander sagten, denn ich hatte immer in Gedanken Du zu ihr gesagt.

„Ich bin auch einmal gekommen,“ sagte sie, „das Verlangen war immer stärker geworden in mir, und der Garten immer größer und die Nelken immer röter. Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen und Funken sprühen sollte und von der Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es einmal mit List heraus, wo Sie wohnten und suchte mir den Weg. Aber als ich die Häuschen sah und die kleinen Gärtchen davor, da wurde ich böse und traurig und hätte fast geweint vor Zorn und Enttäuschung. Und meine Mutter sagte nachher, als ich es ihr erzählte: „Siehst du, man muß auch nicht alles untersuchen wollen, das geht noch mit vielem so im Leben.“ Und sie sagte, daß das Bübchen damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im Herzen gehabt, wie es gesagt habe.“

Als Maidi das alles erzählte, sah ich so unbegreiflich deutlich wieder das kleine Mädchen von damals vor mir und die schöne junge Frau mit dem Kinde, und es war mir, als gehöre ich irgendwie zu ihnen. Die Bügelmädchen sahen mit Staunen zu und Luise auch, daß wir so ins Reden miteinander kamen, aber ich machte mir gar nichts daraus, sondern als Maidi gehen wollte, fragte ich ganz kecklich, ob ich ein Stückchen mit ihr gehen dürfe, ich müsse sowieso noch einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja, das dürfe ich gerne, und wir wollen dann über den Marktplatz gehen, weil Messe sei.

Da ging ich denn nun neben dem allerschönsten Mädchen her, das ich kannte, aber ich hatte meine Schülermütze aufgesetzt und das Hütlein daheim gelassen, und nun pochte mir das Herz wie ein Schmiedehammer, weil solche Dinge geschahen, nicht in Träumen, sondern im hellen Wachen.

Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich daher, und wir plauderten, als ob vieles nachzuholen sei, aber es war mir immer darunter hinein unbegreiflich, daß es ihr nicht zu wenig sei, mit mir zu gehen, und ich hielt mich so aufrecht wie möglich. Inzwischen kamen wir auf den Marktplatz, wo sich eine bunte Menge von Menschen hin und her schob, unter die wir uns fröhlich mischten. Maidi fragte mich, wo ich eigentlich hin wolle, weil ich von einer Besorgung gesagt hatte, die ich machen müsse, aber ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit, und wir waren wie rechte Kinder, die nicht viel an nachher denken, sondern sich an dem, was gerade vor Augen ist, ganz vergessen.

Es war ein selten schöner Tag, der dem Marktleben wohl bekam.

An den Ständen der Schuster, der Hut- und Kappenmacher, der Messerschmiede und Wollwarenhändler drängten sich die Albbauern und ihre Weiber, aber da hatten wir nichts verloren, sondern wir gingen den Ausrufern nach, die vor ihren Schaubuden standen und alle Seltenheiten der Welt anpriesen. Da war ein ärmliches Leinwandzeltchen, in dem ein lebendiges Kalb mit zwei Köpfen zu sehen war, und daneben wurde eine Riesendame gezeigt, deren Bildnis in grellen Farben auf der Eingangsseite der Bude prangte und einem schlanken Herrchen zulächelte, das ihr auf einem Brett Würste, Schinken und einen angeschnittenen Brotlaib hinhielt und wie ängstlich schien, es möchte etwa aus Versehen mitgeschluckt werden. Ein Wachsfigurenkabinett war da, und ein schwindsüchtig aussehender Mensch in einem fadenscheinigen Frack lud die Leute hustend ein, hereinzuspazieren. Es sei da zu sehen die Ermordung Wallensteins, die Hamburger Kindsmörderin soundso, der Ritter Blaubart aus dem Märchen und Schneewittchen mit der bösen Königin, alles beweglich und in voller Arbeit. Er sah selber einer vergilbten Wachsfigur nicht unähnlich und bewegte wie automatisch den Kopf hin und her, um nach rechts und links hin die Leute einzuladen. Am Eingang der Bude saß ein prächtig gekleideter und angemalter Türke, der aus einer langen Pfeife sehr natürlich zu rauchen schien, und an seinen Knien lehnte eine wunderschöne Frau, die todunglücklich aussah und deren rabenschwarzes Haar ihr am Rücken hinunter und bis auf den Boden hinabfloß. Sie zwinkerte beständig mit den Augenlidern und hob hie und da in abgemessenen Zwischenräumen die beringte Hand, was alles ein wenig gespenstig aussah. Auch schien sie die Lippen zu regen, wenn man länger hinsah, und der schwindsüchtige Ausrufer sagte, es sei die Scheherazade, die beständig unter dem Henkersbeil lebe und sich nur ihr Leben retten könne, indem sie dem Sultan tausend und eine Nacht lang Geschichten erzähle. Es gingen ziemlich viele Leute hinein, Soldaten und Mägde und Arbeiter, die gerade aus den Fabriken kamen, und auch Schulkinder. Wir sahen einander fragend an, ob wir es auch wollten. Aber Maidi schüttelte nach kurzem Besinnen den Kopf, denn innen waren sicher grausige Dinge zu sehen, und sie ging lieber den fröhlichen nach, deren es genug hatte auf dem Markt. Da war gleich in nächster Nähe das Kasperletheater, das kam uns so recht gelegen. Wir stellten uns hinter den Seilen, die den Zuschauerraum umgrenzten, auf, und sahen zu, wie der Kasperle mit einem Prügel auf den armen Bauern einhieb, der ihm eine Katze in einem Sack hatte verkaufen wollen. Das war nichts so Besonderes, aber wir hatten schon selber die nötige Fröhlichkeit in uns und brauchten nicht viel Anstoß dazu, um mitzulachen. Es stand ein kleines Kerlchen neben uns, das sich vergebens auf die Zehen stellte, um etwas zu sehen. Das setzte ich auf meine Achsel, und nun schrie und strampelte es vor Wonne und brachte die ganze Umgebung ins Feuer mit seiner Begeisterung. Maidi aber lachte uns beide gut und freundlich an, das Kind und mich, und mich dünkte, es sei bis jetzt kein Tag in meinem Leben gewesen, der diesem gleichzustellen sei. Ich kaufte ihr ein Rosensträußchen aus Zucker und sie mir einen roten Ballon, den ich mit seinem Schnürchen in meinem Knopfloch befestigte, und das geschah beides neben dem Kasperle her, denn es gingen hausierende Verkäufer über den ganzen Markt hin und an uns vorbei. Da kam die Frau des Besitzers mit einem Sammelteller in unsere Nähe, und ich wollte mich eben davon drücken, wie wir Buben das in solchen Fällen sonst getan hatten, aber das schöne und anständige Wesen neben mir legte mir in aller Stille eine moralische Verpflichtung auf, so daß ich männlich in die Tasche griff und ein paar Nickel in den Teller legte: „Für uns beide,“ sagte ich wie selbstverständlich, und die Frau dankte achtungsvoll. Da überkam es mich wie eine heimliche Besitzerfreude, daß ich für Maidi bezahlt hatte und sie in diesem Augenblick zu mir gehörte, und es flog mir durch den Sinn, daß ich ungeheuer arbeiten wolle die nächsten Jahre, weil ich es bald zu etwas Rechtem bringen müsse. Aber es war nur so ein Augenblicksgedanke, und der nächste mußte wieder hier auf dem Platze sein, sonst verging etwas von dieser Stunde, ohne daß ich es genoß. Sie war ohnehin vorbei, eh' man es dachte. Vom hohen Kirchturm herunter schlug es sieben Uhr, und Maidi sagte mir wie erwachend, daß sie nach Hause müsse, und gab mir die Hand, als ob wir täglich beisammen wären. Aber als ich ihr mit plötzlichem Ernst sagen wollte, daß ich sie nun wahrscheinlich nie mehr sehe, weil ich in die Fremde gehe, sah sie drüben zwischen den Buden ihren Großvater gehen, der den Hut in der Hand trug, und in der ganzen Pracht seiner silbernen Haare und seines heiteren Gesichts einherschritt, und sie ging rasch davon, um ihn noch einzufangen und winkte nur noch einmal mit Hand und Augen grüßend zurück. Ich sah die beiden miteinander gehen und sah wohl, daß sie eines Blutes und einer Art waren: königlich, heiter, vornehm und frei. Mich aber hatte nur ein Sonnenstrahl getroffen, der gerade vorüberflog. Doch hatte er mein junges Blut erfreut und erwärmt, und es malte mir nun zum Dank tausend Bilder, die eine schöne, freudige Zukunft gaben. Ich hatte aber freilich noch nie daran gezweifelt.

Wenn ich jetzt an meine Lehrjahre denke und sie an mir vorbeigehen lasse, so wundert es mich immer aufs neue, wie zufällig und ohne Einmischung von irgend einer väterlichen oder beratenden Stimme, ausgenommen meinen Rektor, meine Berufswahl vor sich gegangen war. Ich hatte wohl einen Vormund, den bäuerlichen Vetter, den ich damals mit der Mutter auf ihrem letzten Wege besucht hatte, aber er war froh, wenn wir Geschwister uns selber rieten, und sagte zu allem Ja und Amen. So sah ich mich auf einmal in der neuen Umgebung auf eine Bahn gestellt, von der ich gar nicht wußte, ob ich für sie und sie für mich tauge und von deren Möglichkeiten ich wenig genug kannte. Es hätte aber schlimmer ausfallen können, als es geschah, denn ich hatte tüchtige Lehrmeister, wenn auch meiner Meinung nach nicht die angenehmsten, nämlich lauter ältere Männer, die einer um den andern so vertrocknet waren, wie alte Wüstenheilige; wenigstens kamen sie mir so vor. Sie waren alle, ein Buchhalter und ein paar Gehilfen, schon lang im Hause Hagenau, dem sie mit großer Zähigkeit anhingen, und wußten, wie es mir schien, nichts Besseres, als auch vollends darin abzusterben, was mich mit Grauen und einem zornigen Widerstand erfüllte. Ich kam mir vor wie das Entlein auf dem gefrierenden Teich im Märchen, das rudert und rudert, um nicht mit einzufrieren, und das eines Morgens dennoch tot im Eise steckt, so frostig dünkte meiner warmen Jugend das umgebende Alter, dem ich dennoch nicht entfliehen konnte. Doch muß ich ja sagen, daß man in unreifen Jahren die Altersgrenze bei andern, die einem um ein Stück voraus sind, niedrig genug steckt, und sie erst sachte hinauszurücken anfängt, wenn man selber dabei in Betracht kommt. Es war vielleicht nicht gar so weit damit bei den Herren, von denen nur einer, der die Bücher führte, angegraute Haare hatte, während ein anderer, der sein intimer Freund war, mit einer tüchtigen Glatze herumlief, was mir alles für mich selbst in unendlichen Fernen zu liegen schien. Heute denke ich schon etwas anders darüber. Der Buchhalter war mir eigentlicher und nächster Vorgesetzter, da der lederbraune Herr Hagenau stets in seinem kleinen Privatkontor steckte und nur zu besonderen Gelegenheiten daraus hervorkam, wo er mich kaum beachtete; wenigstens kam es mir so vor. Das war mir einesteils angenehm, da ich mich törichterweise schämte, von ihm gesehen zu werden, wenn ich, der ich noch vor kurzem ein Primaner gewesen war und ein Student hatte werden wollen, nun Dinge zu tun hatte, die jeder frisch entlassene Volksschüler auch konnte, denn die geschäftserfahrenen Herren schenkten mir nichts von allem, was einem Lehrling gebührt. Ja, sie hielten mich wohl grundsätzlich ein wenig drunten, als sie meine junge Überheblichkeit bemerkten, der dies und jenes unnötig erschien, was durch Brauch und Herkommen geheiligt, sein und geschehen mußte, und das mir tödlich langweilig war. Ich hatte nicht von ferne gedacht, daß es solches auf der Welt gebe. Da waren Register zu führen von solcher Umständlichkeit, und die so vielfach verästelt waren, daß es mir vorkam, als ob ein findiger Kopf, dem es zugleich um eine tüchtige Bosheit zu tun gewesen sei, ein System ausgeheckt habe, das unzweifelhaft alle, die sich damit befaßten, in die Irre und im Kreis herum führen müsse.

Einmal getraute ich mir, einem der Gehilfen, der es mir auseinandersetzte, einen Vorschlag zu machen, wie man irgend ein Ding meiner Ansicht nach etwas einfacher angreifen könnte. Aber der sah mich von seinem Schreibbock herunter an mit einer strafenden und doch milden Überlegenheit, daß mir das Blut in den Kopf stieg vor Scham und ich mich über meine Zettel beugte, ohne mehr ein Wort zu sagen. Ich sah wohl, ich mußte mich da durchbeißen, es war nichts anderes zu machen, und nach und nach kam auch ein Sinn in das Irrsal. Aber lieber war es mir doch, wenn die Bücher selbst durch meine Hand gingen und ich einen Blick hinein tun konnte, gerade lang genug, um zu sehen, daß es für mich noch unabsehbare Goldfelder umzupflügen, Meere zu befahren, Bergwerke auszugraben gab in der Welt der Dichter und der Weisen. Nach und nach fingen einzelne Namen an, aus den vielen anderen herauszuglänzen, wie an dem unübersehbaren Sternenhimmel dem Liebhaber und Beobachter, je fleißiger er hinaufschaut, einzelne herausleuchten in besonderer Klarheit, um die sich dann wieder andere zu sammeln scheinen in milderem Glanze. Wenn mein Prinzipal im Laden stand und etwa mit einem der bekannteren Kunden verhandelte, so konnten sie miteinander in ein Feuer geraten über dies oder jenes Buch, daß der trockene und etwas angestaubte Mann wie verjüngt und verwandelt schien. Dann horchte ich auf meiner Leiter oder wo ich gerade war, und beschloß, mir das Kleinod dem Inhalt nach auch anzueignen, denn es stand mir ja die ganze Schatzkammer offen. Ich fing an, in meinen Freistunden zu lesen, über Mittag und am Abend bis tief in die Nacht hinein und es schien mir, als ob ich nicht aufhören könne, ehe ich alle Schönheit und allen Reichtum in mich hineingetrunken hätte, und kam mir ja freilich dazwischen hinein vor wie das Knäblein des heiligen Augustin, das in seine kleine Schale das große Weltmeer fassen wollte.

Aber ich hätte mich vielleicht doch verirrt in den weiten Gärten der schönen Literatur, denn dahinein zog es mich zuerst und mit aller Macht, wenn sich mir nicht ein besonderes Schloßgärtlein aufgetan hätte, in dem das Schönste vom Schönen blühte. Es war ein kleiner, offener Mahagonischrank, mit Büchern angefüllt, der in dem Zimmer des Fräulein Brigitte Hagenau stand. Das war die Schwester des Prinzipals, und ich kann kaum erwarten, von ihr zu reden.

Ich habe bei ihr viel für meinen Beruf gewonnen, was mir sonst niemand geben konnte; aber noch mehr fürs Leben. Die Werke der Dichter hatten eine stille Heimat bei ihr; sie sprach von den besten unter ihnen als von ihren Freunden und lehrte mich, den Edlen aufgeschlossen und ehrfürchtig entgegen zu kommen, nur dadurch, daß sie selbst es tat. Was echt war und aus den Tiefen des Lebens stammte, das nahm sie freudig auf, und lehnte alles Halbe, Oberflächliche, oder was nach Gunst und Mode ging, ab; so war sie mir ein Wegweiser, als ich dessen sehr bedurfte, und glücklicherweise ohne einen solchen darstellen zu wollen.

Ich hatte noch nie gesehen, daß man so las wie sie, die ein Buch genoß, wie man edlen Wein aus kristallenen Kelchen langsam schlürft, zugleich den Duft genießend mit dem kühlen Labsal; ich selbst hatte, von dem großen Reichtum berauscht, angefangen, eins ums andere zu verschlingen, wie man wohl an heißem Tage ein Glas Apfelmost nach dem anderen mit langen, durstigen Zügen leert, ohne doch mehr davon zu haben, als den prickelnden Reiz, mit dem er durch die Kehle fließt.

Nun, ich war jung und fing erst an, in dieser Welt daheim zu werden; sie aber lebte schon lang darin und verlangte nichts von mir, was meinen Jahren nicht natürlich war, denn sie war keine vorsätzliche Einwirkerin, sondern lebte, wie sie ihrem Wesen nach mußte, ohne damit Schule zu machen.

Es war viel anderes, was ich von ihr hatte, und mehr, was ich hätte haben können, wenn ich den Sinn dafür gehabt hätte. Sie ist einer der wenigen Menschen aus meinen jungen Jahren, an die ich ohne Leid und Reue zurückdenken kann, und wenn ich auch zuzeiten manches vergaß oder in den Winkel stellte, was Lebendiges von ihr hätte mit mir gehen und mein Tun bestimmen sollen, so habe ich doch sie selber verehrt und sie hochgehalten, und sie ist mir gut gewesen wie eine Mutter oder eine Freundin.

Davon will ich nichts vergessen.

Als ich sie zum erstenmal sah, erschrak ich vor ihr, denn sie war klein und stark verwachsen und hatte den Kopf tief zwischen den Schultern sitzen. Sie saß mir am Tisch gegenüber, neben ihrem Bruder, und sprach unbefangen, frei und heiter, fragte mich nach der Reise, von der ich gerade erst herkam, und nach allerlei anderem und war in allem ein Mensch, der dem Schicksal gewachsen oder sogar überlegen ist, da sie doch mit einem mißratenen Körper hausen mußte und von Rechts wegen hätte bedrückt und kleinlaut sein sollen meiner Meinung nach. Denn ich begriff nicht, wie man leben und dazu noch heiter sein mochte, wenn man nicht aufrecht und gerade gewachsen war.

Es sahen auch lauter stattliche Leute auf sie hernieder von den Wänden, nämlich eine Anzahl von gemalten Vorfahren, die mit klugen und aufrecht getragenen Köpfen unter feinen Hauben oder Perücken hervor zu fragen schienen, wie eins aus der Familie so kümmerlich habe werden können, und deren Gesichter sie aber nicht im mindesten zu scheuen schien. Im Gegenteil blickte sie aus großen grauen Augen warm lebendig drein und hatte alle Augenblicke ein solches Lächeln um den Mund, als ob sie über alles hinüber inwendig etwas freue, und ich hielt mein Gesicht nicht im Zaum, das sie erstaunt betrachtete.

Es fiel mir auch auf einmal ein Spiel ein, das wir daheim gehabt hatten mit zerschnittenen menschlichen Figuren, die man wechselsweise zusammensetzen konnte nach Belieben; und es fuhr mir so durch den Sinn, daß hier aus Versehen oder im Spiel ein feiner, wohlgebildeter Kopf auf ein Körperlein gesetzt sei, das ihn nicht aufrecht zu tragen vermöge, während vielleicht anderwärts ein grotesker Schädel auf schönen, schlanken Schultern ruhe und man nun die Figuren wieder verwechseln müsse, daß sie in Richtigkeit seien.

Darüber kam mich ein kleines dummes Lachen an, das ich mit aller Mühe nicht schnell genug erwürgen konnte, und plötzlich sah ich die schönen Augen der Hauswirtin groß und ein wenig verwundert auf mir liegen, so als ob sie schon alles wüßten, und kam mir unter ihnen wie ein rechter Schulbub vor, da ich doch hatte in allem Ernst mit der Männlichkeit anfangen wollen.

Sie ließ es mich aber nicht entgelten, sondern lachte mich auch ein wenig an ohne alle Empfindlichkeit, aus einer ganz jugendlichen Seele heraus, die alles versteht, was junge Dummheiten sind, so daß ich mit einem Schlag für sie gewonnen war und ihr am liebsten alle meine Gedanken gesagt hätte.

So kann es zugehen, daß man einen achtzehnjährigen Jüngling gewinnt, habe ich später oft gedacht, denn es wissen es nicht alle Leute so gut anzugreifen. Aber es gibt freilich auch nicht viel Brigitten.

An jenem Abend, den ich noch ein wenig vor mir ausbreiten will, weil es der erste war, stand sie gleich nachher auf und ging ans Klavier, da spielte sie ohne Noten eine Musik, welcher der Bruder, in einer Ecke sitzend, mit in die Hände vergrabenem Kopf zuhörte und welche mich fremd und geheimnisvoll berührte. Ich hatte bis jetzt noch nicht viel Musik gekannt, und jedenfalls gar keine intime, wie diese hier, die eigentlich nur auf einen Zuhörer berechnet war, denn ich, das fühlte ich wohl, saß nur dabei und störte vielleicht sogar. Aber ich schaute doch aufmerksam nach dem Klavier hin und mußte mich wundern, wie sicher und kräftig das Fräulein mit schlanken, schönen Händen auf den Tasten herumregierte und das Instrument nach einem inneren Wissen zum Erklingen brachte, so, daß es inwendig in mir mitklang.

Ich mußte an daheim denken, an meine Mutter und an Heinrich Kilian, die beide schon lange vom Leben hinweggegangen waren, und die mir nur ganz selten einfielen, und auch an meine Schwestern, wie sie morgens an der Eisenbahn gestanden waren in ihren grauen Regenmänteln und mit ihren freudlosen Gesichtern, die meinem Fortgehen galten. Es rührte sich allerlei in mir, daß ich ihnen gern ein gutes Wort gesagt hätte, weil sie immer im Geschirr stehen mußten und nie hinauskamen, und weil ihnen nie etwas zu viel war für mich. Aber sie waren nun fern von mir, und am Ende hätte ich doch nichts gesagt, wenn ich sie dagehabt hätte, denn es war nicht der Brauch bei uns. Das machte alles nur die Musik, ich wußte nicht, wie es zuging.

Als sie zu Ende war, kam der Prinzipal wie erwachend aus seiner Ecke hervor. „Das war schön, Brigitte,“ sagte er, und sie nickte ihm zu, noch den einen oder andern Ton leise anschlagend: „Das freut mich, Bruder, es war aber auch Beethoven.“ Er nannte sie immer beim Taufnamen, dabei die mittlere Silbe betonend, sie aber sagte nie anders als Bruder zu ihm. Das sei, erfuhr ich später, darum der Fall, weil er Kasimir heiße und den Namen nicht ausstehen könne, was ja auch wohl zu begreifen war. Ich nannte ihn aber von da an im stillen und nenne ihn auch in diesen Aufzeichnungen so.

Er hatte damals recht geredet, als er sagte, daß ich bei seiner Schwester in rechten Händen sei. Ich hätte, grün und unreif, wie ich von daheim fortkam, in keine besseren fallen können.

Sie hatte nicht nur ein schönes Gesicht und schöne Hände, sondern es brannte auch aus ihrem Wesen heraus eine stille und helle Flamme von unüberwundener Liebe zu allem Schönen und Guten, und sie war nicht nur nicht zu bemitleiden, sondern sie stand weit über unsereinem, der noch am Leben herumtastete als ein Neuling.

Es erging mir mit der Zeit sonderbar genug mit ihr. Nachts, wenn ich im Bett lag und im Begriff war, ins Nichts hinüberzuträumen, dann kam es mir hie und da vor, als ob ich in sie verliebt sei. Dann sahen mich ihre großen, klaren Augen wundergütig an, und ihr feiner Mund lächelte unendlich lieblich, und ich ahnte hinter beidem verborgene Schmerzen und Reichtümer. Die Musik, die sie gemacht hatte, schien mir ihre eigene Sprache zu sein, die mir jungem Knaben das Herz umdrehte und alles, was sie am Abend getan und gesagt hatte, übte noch im Nachhall einen Zauber auf mich aus, so daß ich etwa aufstand und nach dem nächtlichen bewaldeten Berg hinüber und auf das in den Nachthimmel hinein dunkelnde Münster schaute, was beides von meinem Zimmer aus zu sehen war, und dabei die Ströme meines warmen Blutes ziehen hörte. Dann dachte ich mir aus, daß sie eine wunderschöne Prinzessin sei, die ein böser Zauberer in einer Mißgestalt gefangen halte und die sich selbst erlösen müsse in viel Mühsalen, bis ein Stück des Häßlichen ums andere von ihr abfalle und sie in lauterer Schönheit dastehe. Es brannte etwas in mir und riß mich mit sich fort, und ich entsinne mich noch einer stürmischen Februarnacht, in der es mich dergestalt überwältigte, daß ich in meine Kissen hineinschluchzte, wie ein unglücklicher Verliebter, bis ich daran müde wurde und einschlief. Aber am Morgen war alles anders. Da konnte ich froh sein, daß sie nichts von dem allem wußte. Denn sie regierte das Haus so ruhig und sicher wie eine brave Bürgersfrau und ging auch selber auf den Markt, von der Magd Salome begleitet, und sah kümmerlich genug dabei aus.

Man konnte auch sogleich sehen, wer einheimisch war und wer fremd. Denn die Einheimischen grüßten, soweit sie honorige Leute waren, das Fräulein mit viel Respekt, und sie dankte mit ruhiger Höflichkeit, aber wer fremd war, sah sich, wenn sie vorbeigegangen war, kopfschüttelnd nach ihr um, und ich war dumm genug, froh zu sein, daß ich nicht neben ihr gehen mußte. Sie aber schien nichts von meinen heimlichen Gedanken zu merken. Sie versorgte mich im Leiblichen so gut, daß ich kräftig aufschoß und auseinanderging, wie ein junger Baum, und tat zu allem noch etwas hinzu von einer schönen, geistigen Wärme und Bildung, die ich bisher nicht einmal vom Hörensagen gekannt hatte, und die mich umgab wie eine heilsame Luft. Sie scheint mir, wenn ich an sie zurückdenke, eine jener Frauen gewesen zu sein, denen das Schicksal darum eigene Kinder versagt, damit sie um so ungeminderter allen, die in ihren Weg kommen, etwas von der wahren, durchschauenden und alliebenden Mütterlichkeit zu geben vermögen, die einem jeden not tut. Gott mag wissen, woher sie ihre eigene Nahrung beziehen, aber sie scheinen nur leben zu können, indem sie andern geben und für sie da sind, was dann ihr Glück ausmacht und sie aufleuchten läßt in einem milden und warmen Glanz.

*

Unter den Herren im Geschäft war einer, der sich hie und da etwas mehr mit mir zu schaffen machte, als unumgänglich nötig war. Er lockte mich zu dieser und jener Arbeit heran, etwa zur Ausschmückung eines Schaufensters, zum Zusammenstellen einer Auswahlsendung und dergleichen, wobei er mich um meine Meinung fragte und mich etwas gelten ließ, was mir zwar wohl gefiel, mich aber doch wunderte, da er diese Dinge sehr gut allein machen konnte und jedenfalls besser als ich, wenigstens für jetzt noch. Es kam mir mehr und mehr vor, als ob er etwas Besonderes von mir wolle, ich konnte mir aber nicht denken, was es sei. Hie und da sah ich, daß er mich mit auf die Seite geneigtem Kopf anschaute, als ob er über irgend etwas im Zweifel sei, und ich war mehr als einmal nahe daran, ihn zu fragen, was er damit meine, ließ es aber, weil es mich dann doch wieder nicht genug interessierte. Er war ein Österreicher, der schon in seiner frühen Jugend zu uns verschlagen worden war durch irgend ein Schicksal, wie ich gelegentlich erfuhr, und hieß Frerichs. Von den andern Herren wurde er nicht besonders geschätzt, wie ich merkte, trotzdem er ein stiller, friedlicher Mensch und ein überaus fleißiger Arbeiter war. Sie machten sich gern über ihn lustig, und besonders tat das der rotbärtige Giller, den ich im stillen den Kettenhund hieß, denn er war wie ein solcher knurrig und bissig und hatte eine Bewegung an sich, die aussah, als ob er zuschnappen wolle. Dieser sprach von Frerichs als dem Dichter, aber in einer Weise, wie wenn ein anderer von einem Dummkopf spricht, oder wie einer der Josephsbrüder auf der Weide bei Sichem gesagt haben mag: Seht, da kommt der Träumer her. Das hörte ich aber nur nebenbei, denn mit mir sprach er nur über geschäftliche Dinge. Da begab es sich, daß ich eines Abends mit Frerichs zugleich das Kontor verließ, um noch einen Gang zu tun vor dem Abendessen, das ich allein von allen Angestellten im Hause einnahm, wie ich auch allein darin wohnte. Er sah mich wieder so zweifelhaft an und sagte dann mit der kindlichen Stimme, die mir immer an ihm auffiel, weil sie gar nicht zu seinem Äußeren paßte: „Ich möchte Sie schon lang etwas fragen, Fugeler. Ich habe nämlich, – ich mache nämlich hie und da Gedichte, oder auch“ – er neigte den Kopf zu mir her und sah sich um, ob niemand in der Nähe sei, und flüsterte: „ich verfasse auch hie und da Novellen oder dergleichen, und würde Ihnen gern einmal etwas zeigen. Das heißt, wenn Sie es gerne wollen.“

Da war nun das Rätsel gelöst. Ich ging mit ihm in seine Stube, die hoch gelegen war und eine schräge Wand hatte, wie sich das für einen Dichter gehört, und er hatte auf einmal einen festlichen Glanz in den Augen und ein aufgewachtes Wesen, und holte aus einem Wandschränklein ein Bündel Hefte hervor, die alle mit einer kleinen, schnörkeligen Schrift beschrieben waren, von denen sollte ich dies und das mitnehmen und lesen, wenn ich nämlich so gut sein wolle. Ich fühlte mich nicht wenig geschmeichelt, daß er mich ins Vertrauen zog, und las auch seine Sachen, die mir aber teilweise irgendwie bekannt vorkamen, ohne daß mir beikommen wollte, woher. Einmal erinnerte mich etwas an diesen Dichter, einmal an jenen; ich wurde nicht recht klug daraus. Dann wieder auf einmal kam ein Gedicht, in dem sonderbar traurige oder sehnliche Gedanken in eine ungefüge Form gefaßt und so halblebendig geblieben waren, da man doch den Eindruck hatte, als ob gerade diese ihm ganz eigen seien und er nur nicht die Kraft besessen habe, sie herauszumeißeln. Frerichs wartete geduldig, bis ich etwas sagte, ich sah ihm aber wohl an, wie gern er mich gefragt hätte, während es mir doch schwer fiel, eine Kritik zu üben, die eigentlich kein Lob enthielt, da ich doch ein junger Mensch war seinem reifen Alter gegenüber und auch gar keine Übung darin hatte, was ich meinte, sachlich zu begründen.

Einmal mußte es aber doch sein. Ich gab ihm die Hefte zurück und sagte zögernd, manches habe mir gut gefallen; ob es aber nicht schwer sei, zu vermeiden, daß einem fremdes dazwischen komme, wenn man unter so vielen Büchern lebe?

Da sah er mich erschrocken an und sagte: „Also das haben Sie auch gemerkt? Und so hilft denn alles nichts!“ Und er bekannte mir, daß er an einer Art von Dichtkrankheit leide, die ihn zwinge, immer, wenn er etwas recht Schönes gelesen habe, etwas dem Ähnliches zu verfassen, das ihm aber während des Schreibens nach und nach so eigen werde, als ob es ganz allein aus ihm heraus entstanden sei, so daß er die Dinge eigentlich geistig wiederkäue oder vielmehr wiedergebäre und sie trotzdem dann liebe wie eigene Kinder. Er habe deren auch, denn hie und da falle ihm, etwa Sonntag morgens im Bett, etwas ein, das ihn dann nicht mehr loslasse, bis er versuche, ihm eine Form zu geben, was aber meistens nur halb gelinge, so daß die Lebewesen dann nicht ganz entstünden und etwa mit dem Kopf oder Oberleib aus dem Stein herausschauten, mit den übrigen Teilen aber stecken blieben, was ihn dann kläglich plage.

Er sagte das alles so bekümmert und ehrlich, wie ein Patient dem Doktor, zu dem er Zutrauen hat, die Symptome seines Leidens mitteilt, und mir blieb das Gelächter, in das ich schon hatte ausbrechen wollen, im Hals stecken und zuckte nur immerfort in den Kinnbacken, so daß ich das Gesicht verziehen mußte, als ob mir etwas weh tue. Denn es war eine solche Mischung von Torheit und von Ehrlichkeit und eigentlich rührendem Ernst in seinem Gesicht, als er die Sache vorbrachte, daß ich mich gar nicht dabei zu behaben wußte.

Er fügte noch hinzu, wenn die Spiegelgebilde, wie er sie wohl nennen dürfe, da sie im Spiegel der echten Werke entstanden seien, dann allemal ein gewisses Alter erreicht hätten, und er sie wieder ansehe, so sei es ihm oft, als ob sie ihren Urbildern doch nicht so ähnlich seien und er sie eigentlich wohl für eigene ausgeben dürfe. Dann reize es ihn immerfort, sie in die Welt hinauszugeben und ihnen so ein eigenes Leben zu verschaffen, und er müsse sie vor sich selber verstecken, damit er es nicht tue, bis er wieder etwas Neues mache und das Spiel von vorne anfange.

Ich hatte mich inzwischen gefaßt und sagte einige weise Worte, die mir im Gefühl meiner Wichtigkeit einfielen, wie, daß nicht jeder Mensch ein Dichter sein könne und man freilich jedem das Seinige lassen müsse, da das Nachahmen keine schöne Sache sei, und solcher Binsenwahrheiten mehr.

Denn damals wußte ich noch nicht, was ich jetzt weiß, daß nicht alle, die an dieser Krankheit leiden, sich damit hinter Schloß und Riegel setzen, sondern manche der Patienten machen ein großes Geschrei und tun noch, als ob die Bastarde die rechten Kinder wären.

Der Nachdichter, wenn ich ihn so heißen soll, hatte in einer Anwandlung von Schwäche erhofft, meine Jugend und Unerfahrenheit, die aber doch wieder nicht gar zu groß sei, werde das Verfahren nicht merken, so daß ihm vielleicht in mir einer entstehe, gleichsam als Vertreter einer Sorte von Lesern, der sich unbefangen an seinen Schätzen erfreue und den zweiten Aufguß für einen ersten nehme. Denn es verlangte ihn nach einem kleinen Ruhm oder einer Wirkung bei aller Wahrhaftigkeit, die ihm immer wieder das Gelüste totschlug, und er hatte sich mit den zwei Seelen, die er in der Brust trug, tüchtig herumzuplagen.

Für den Augenblick war er jetzt verlegen und enttäuscht und sah aber auch an meiner Findigkeit hinauf, die mir selber erstaunlich war, und mich vor mir erhob, so daß ich, ohne es zu wissen, für einige Zeit den raschen, federnden Gang und die elegante Handbewegung des Herrn Hubli annahm, der mir am meisten von den Gehilfen imponierte trotz seiner großen Glatze. Denn ich war selber ein Nachahmer, wenn auch in andern Dingen, nur mir selber unbewußt; ich merkte es immer erst nachträglich.

Mit Herrn Frerichs kam ich in ein halb freundschaftliches Verhältnis, das bei mir aber mit ein wenig Überheblichkeit vermischt war, so daß ich in meiner Jugend väterlich über ihn lächelte, was dann wieder den Kettenhund Giller reizte, da es nach seiner Meinung nicht dasselbe war, ob er oder ich über den seltsamen Kauz urteilte.

Wir gingen hie und da miteinander spazieren in fleißigen Gesprächen, und ich merkte wohl, daß er freilich dennoch ein Dichter sei, da er selig empfand, was tief und schön sei, und da er litt, wenn er nicht das Wort fand für das, was in ihm lebte.

So ging ich einige Zeit mit dem reiferen Alter um, ohne Verkehr mit Jugendgenossen; es konnte aber nicht lange so bleiben.

Eines Wintersonntags kamen wir beide von einem Waldspaziergang her auf die breite, mäßig abfallende Steige, die von dem bewaldeten Berge nach der Stadt hinunterführt. Es lag ein schöner Schnee, der in der blassen Wintersonne frisch erglänzte. Im Wald war es traumhaft still gewesen, bis wir uns dem Ausgang genähert hatten, wo dann die Ausläufer eines lustigen Lärms hereingeschallt waren und mich ungeduldig getrieben hatten, an die Quelle solcher Fröhlichkeit zu kommen. Denn es war Zeit bei mir, daß ich wieder unter meinesgleichen kam, nachdem ich lange nur im Bücherlesen und im Umgang mit den Alten gelebt hatte. Als wir nun an den Tag traten, wimmelte der Berg von einer fröhlichen Jugend, die auf Schlitten die glatte Bahn hinuntersauste mit Geschrei und Lachen, von dem die Luft widerhallte. Es waren da viele rote und blaue Mützen und farbige Brustbänder der Studenten zu sehen, und dazwischen mischten sich zierliche Pelzmützen, die auf blonden oder braunen Locken oder Zöpfen saßen, ungerechnet das Gewimmel der Schulkinder, das barhäuptig, in gestrickten Sturmhauben oder Kapuzen erschien und den weitaus größten Lärm machte, denn es mußte die überschüssige Kraft los werden.

Das alles rührte mich heimatlich an und rief mich zu sich, daß ich mitkommen möge, so daß ich es nicht erwarten konnte, bis ich den Frerichs los hatte, der mir auf einmal in seinem langen Überzieher und mit dem milden Gesicht vor aller Lustbarkeit zu stehen schien. Ich stand begierig zusehend still, bis er kalte Füße bekam und entschuldigend sagte, wenn es mir nichts ausmache, so wolle er vorausgehen, da er noch etwas zu tun habe; denn er hatte wieder ein neues Buch gelesen, das ihm keine Ruhe ließ, soviel ich schon unterwegs gemerkt hatte.

Da stand ich denn nun in der Freiheit auf dem Berge und überlegte mir, wie ich zu einem Schlitten kommen solle, denn ich mußte fahren, das war ausgemacht.

Als ich nun so sinnierte und nicht recht den Rang bekam, einen der Schulbuben darum zu fragen, ertönte auf einmal neben mir ein helles Gelächter und ich sah, mich umwendend, drei lustige junge Mädchen, die mich vergnügt betrachteten. Sie hatten einen langen Schlitten, den sie miteinander an einem Strick den Berg hinaufgezogen hatten, und waren jetzt im Begriff, wieder abzufahren. Es waren offenbar Mädchen, die am Werktag in irgend einer Brotarbeit standen, das konnte ich wohl sehen, so sauber sie auch jetzt in einem billigen Sonntagsputz aussahen. Vielleicht waren es Bügelmädchen, wie die, die daheim meiner Schwester Luise halfen.

„Wollen Sie aufsitzen?“ fragte die eine, die eine weiße wollene Mütze auf den krausen Haaren trug und ein paar frische rote Backen hatte von der Schneeluft. Aber als sie das gesagt hatte, lachten alle drei aufs neue, denn sie waren in dem Alter, wo man keinen besonderen Grund zum Lachen braucht, sondern nur in der passenden Stimmung sein muß, um unaufhörlich fortzulachen. Da war ich nun in der Lage, die ich mir gewünscht hatte, ich hätte nur ja sagen oder mit dem Kopf nicken müssen, so hätte ich ohne weiteres den Strick in die Hand bekommen und auch etwa das eine oder andere der jungen Geschöpfe hinter mich auf den Schlitten für eine oder ein paar Fahrten den Berg hinab. Denn sie waren einfachen Wesens und nicht zimpferlich, das war leicht zu sehen. Mir aber schoß auf einmal eine hochmütige Regung durch den Sinn, so daß ich dachte: „Das denn doch nicht,“ obgleich ich soeben noch voller Verlangen nach der Jugendlust gewesen war. Und weil ich nicht wußte, warum sie lachten, und dachte, ihre Fröhlichkeit sei irgendwie auf mich gemünzt in spöttischer Weise, so stieg mir das Blut in den Kopf wie einem gereizten Truthahn, und ich gab dem Schlitten einen Stoß mit dem Fuß, damit immerhin und ohne meinen Willen zeigend, daß ich kein vornehmer junger Herr sei, sondern eher in etwa ihresgleichen, aber es doch nicht sein wollte. Sie waren ein wenig betreten wegen meines unfreundlichen Wesens und sahen einander und mich einen Augenblick erstaunt an. Aber der Schaden war nur auf meiner Seite, denn die kecke Blonde mit der weißen Mütze sagte mit schnell wiedergewonnener Fassung: „So kommt und lasset den Herrn. Er wird schon zu alt sein zu solchen Sachen, und es könnte ihm auch sein Hütlein davonfliegen.“ Und darauf stiegen sie alle drei ohne viel Umstände wieder auf den Schlitten; aber als ich unwillkürlich den Abfahrenden noch einen Blick nachsandte, da traf mich aus einem Paar guten braunen Augen, die der Letzten auf dem Fahrzeug gehörten, ein Strahl, der mir Herzklopfen machte, weil er freundlich und gut war und zu sagen schien: Wir haben es nicht bös gemeint, du hättest immerhin aufsitzen können. Da war es bei mir aus mit der Lust; ich ging mißmutig nach Hause und vergrub mich in meine Kammer. Ich konnte es aber nicht lassen, zum offenen Fenster hinauszuhorchen, ob ich von ferne den Schlittenjubel vernehme, und wenn ein Jauchzen die dünne Luft zerschnitt, so spürte ich, daß ich meiner Jugend etwas schuldig geblieben sei.

*

Bald darauf schmolz der Schnee, der nur noch ein Nachzügler gewesen war, und der Frühling kam ins Land mit allen guten Dingen, die er hatte: mit frischen Winden, die er den Leuten lachend ins Gesicht blies, mit Starengeschwätz, mit singenden Bächen, die überall von den Bergen herunter kamen, mit Palmkätzchen, die die Bauernweiber auf dem Münsterplatz feil hielten, und dergleichen, so daß wieder einmal die Zeit war, in der man nicht wußte, was noch werden mag.

An einem sonnigen Nachmittag trat ich unter die Ladentür, die offen stand, um etwas von dem leiernden Lied eines Orgelmanns, der draußen vorbeiging, aufzunehmen. Er spielte und sang dazu mit mißtöniger Stimme Bertrands Abschied, und hatte einen Schweif von Gassenkindern hinter sich drein. Neben uns lag ein Blumenladen, dem eine sehr stattliche Dame vorstand, deren Leibesfülle ich schon oft angestaunt hatte. Sie hatte ein kleines Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und gar nichts von einer Flora an sich. Aber an diesem lichten Frühlingstag trat auf die Schwelle heraus ein schlankes, braunhaariges Mädchen, das einen angefangenen Kranz in den Händen hielt, und dessen Gesicht ich früher schon gesehen haben mußte, aber ich wußte nicht gleich, wo. Das Mädchen ging, nachdem es einen Augenblick gehorcht hatte, in den Laden zurück und kam gleich darauf mit einem Nickelstück wieder heraus, das sie dem Orgelmann auf seinen Kasten legte. Sie lächelte ihn gut und freundlich an, und in dem Augenblick wußte ich auch, daß sie das Mädchen von dem Schlitten war, das mich so tröstlich angeblickt hatte. Da besann ich mich nicht lange, sondern ging, weil es Frühling und mein Blut in frischer Regung war, ohne Scheu über die Straße, um ein gleiches Stück daneben zu legen und gleichfalls einen guten Blick aus den braunen Augen zu erhaschen. Der Leiermann ließ sich nicht in seinem Lied stören, er nickte uns beiden, dem Mädchen und mir, nur beifällig zu und wir hielten uns auch nicht mit ihm auf, sondern lachten einander an wie alte Bekannte, und das war der Eingang zu einer kleinen Unterhaltung. „So, also da sind Sie?“ sagte ich, denn es fiel mir nichts anderes ein; „was tun Sie denn da?“

Da lachte sie ohne allen ersichtlichen Grund noch mehr, vielleicht bloß, weil es ihr gefiel, zu lachen. „Das hätten Sie schon lang sehen können, daß ich da bin,“ sagte sie, „aber wenn man immer so ernsthaft herumgeht und die Augen nicht aufmacht, dann kann viel vorbeigehen, was man nicht sieht.“

Und sie erzählte mir ohne aller Ziererei, daß sie schon damals, als die Schlittengeschichte gewesen war, meine Nachbarin gewesen sei, und daß es ihr immer leid getan habe, daß ich ihr nie einen Blick geschenkt habe. „Lieber Gott, wenn man so jung ist,“ sagte sie, „dann muß man doch auch ansehen, was jung ist, und einander ein gutes Wort gönnen, alt wird man bald genug, meinen Sie nicht auch?“

Da hatte sie recht, das fühlte ich deutlich. Aber noch war es ja Zeit, und es mußte jetzt anders kommen, sonst ging mir irgend etwas vorbei, das schön sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht aufmachte. Sie mußte wieder zu ihrem Kranz zurückkehren, der Eile habe, wie sie sagte. Er sei ganz aus einem hellen Moos mit lauter Veilchensträußen rings herum, und er sei für ein junges Mädchen, das an der Auszehrung gestorben sei. Als sie das sagte, wurde ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es so unbegreiflich war, daß man vom Jungsein hinwegsterben konnte. „Ich trage ihn nachher selber auf den Friedhof,“ sagte sie, „denn ich will das Mädchen sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd hier, ein Herr hat den Kranz bestellt, ich glaube, es ist ihr Schatz gewesen, aber ein vornehmer. Er hätte sie doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt hätte.“

Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich wußte nicht, ob er dem toten Mädchen galt oder dem verlassenen, das es wahrscheinlich geworden wäre, wenn es gelebt hätte, und ich mochte auch nicht fragen, weil mir zu viel Neues auf einmal im Kopf herum ging.

Das Mädchen sah mich einen Augenblick prüfend an, dann fügte es hinzu: „Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote? Ich schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen habe, daß man auch tot sein kann.“ Es war mir nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor dem Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich mochte es jetzt nicht gestehen, weil sie so ganz natürlich davon sprach, und ich mochte ihr das Mitgehen auch nicht abschlagen, sonst saß ich wieder allein da. So sagte ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also eine Verabredung mit einem hübschen jungen Mädchen, das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht gekannt hatte. So ging es zu im Frühling.

Die dicke Dame mit dem Schnurrbärtchen rief: „Hertha!“ mit ihrer tiefen Stimme, und das Mädchen enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt zu meinen Büchern zurück, denn es ging allerlei in mir um.

Ich war kaum fünf Minuten draußen gewesen. Auf dem Ladentisch lag ein Stoß Landkarten, denen ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete und räusperte sich im Kontor, dessen Tür offen stand, und Herr Hagenau ging drinnen auf und ab und hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher angefangen hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich hatte in der Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich eine Tür aufgetan, die seither verschlossen gewesen war, und ich stand unter ihr und sah allerlei schöne Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn draußen stand die Jugend und das Leben und hatte lachende braune Augen und einen Kranz von braunen Zöpfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod zusammen. Man konnte davonkommen, eh' man es dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst hätte kommen sollen.

Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war man nicht Mensch geboren. Aber andererseits: Wie konnte ich es möglich machen? Ich hatte nach Ladenschluß beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen und ehrbar am Tisch zu sitzen bei Fräulein Brigitte und Herrn Kasimir. Das waren alte Leute, von meiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir zum Umgang keineswegs genügen. Bis aber das Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der Abend war hin. Da wurde mein Gemüt borstig und sträubte sich, denn es wollte nicht an der Kette liegen, und es tat nichts zur Sache, daß es diese bis heute nicht empfunden hatte. Ich schmiß die Karten mit einem zornigen Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen die Ordnung zu tun, und beschloß bei mir, der alten Salome zu sagen, daß ich in einen Vortrag gehe und nicht beim Abendessen erscheinen könne. Das war frank und frei gelogen, und es war eine Kunst, die ich bisher nicht geübt hatte. Aber es kam mir nicht unmännlich vor, daß ich es tat, im Gegenteil. Denn man brauchte nicht alles zu wissen, was ich vorhatte, da ich immerhin über neunzehn war. Da, als ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle, kam zur Ladentür herein ein junges Menschenpaar, Bruder und Schwester, wie man sogleich sah. Sie waren beide hoch und schlank und von einem hellen, kühlen Blond, und ich wußte, als sie nach Herrn Hagenau fragten, daß es erwartete Gäste waren, Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her. Man hatte bei Tisch von ihnen gesprochen und sie wohl an einem andern Tag erwartet. Aber nun sie da waren, gab es ein großes Grüßen und Händeschütteln. Herr Kasimir verjüngte sein Faltengesicht in der Freude an der Familienjugend und ließ es sich gefallen, daß er auf beide Backen geküßt wurde; das mochte dem Weib- und Kinderlosen ein seltenes Streicheln sein.

Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir einen Augenblick, als sähe ich einen alten ledernen Geldbeutel auseinandertun, verwittert und abgerutscht, aus dessen Innerem es plötzlich hervorgleißte von Gold und Silber, was ihm äußerlich niemand zugetraut hätte, so zum Lebendigen verändert schien es aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so durchsonnt gesehen hatte.

Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was die Tischgesellschaft bei uns betraf, denn Jugend gab es nun gleichfalls im Hause, es war nur die Frage, ob sie etwas von mir wissen wollte.

Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas einzukaufen, an der offenen Ladentür vorbei, und ich wäre vielleicht wohlfeil davongekommen, wenn ich mich bei ihr abgemeldet hätte. Aber ich tat es nicht, es war keine Rede mehr davon bei mir, sondern ich ging nach einer Zeit, als ich gerufen wurde, mit einer neuen Krawatte geschmückt, zum Tisch und saß herzklopfend neben dem jungen Mädchen, das Eleonore hieß, Eleonore Bitterolf nämlich, und vielleicht zwischen siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um es gleich zu sagen, kein junges Mädchen, was man so heißen konnte, sondern eine Dame, vor deren sicherem und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich verkriechen konnte. Der Bruder hieß Hermann, hatte ein freies und heiteres Gesicht, erzählte frisch und munter, brachte alle und auch mich zum Lachen und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das Fräulein brachte sogleich die Überzeugung in mir auf, daß es auf mich herabsehe und mich gering schätze, was mich tief kränkte, obgleich ich keinen Beweis dafür hatte. Sie hatte einen kühl-erstaunten Blick zu versenden, wenn ich, von des Bruders frohmütigem Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltung eingriff in meiner schwäbischen Mundart. Dann wurde ich verlegen und zornig auf mich selbst, daß ich es wurde, sprach schriftdeutsch und stolperte dabei und machte eine unglückliche Figur, vor mir selbst vielleicht mehr als vor den andern, die mich gewiß nicht so wichtig nahmen.

Fräulein Brigittens schöne Augen lagen des öftern aufmunternd auf meinem Gesicht, und sie versuchte mein Schifflein zu steuern und brachte es auch in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches Dabeisein. Das Mädchen war vielleicht so übel nicht, wenn man es recht überlegte, es war ihm alles fremd hier unten im Süden, und es hatte von Natur eine andere Gemütsart und Sprache als wir, nämlich eine norddeutsche, da konnte man nichts machen. Dazu kamen die großen hellblauen Augen und die Last des ganz ährenblonden Haares samt der weißesten Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und vornehm aussah, so daß man zwar vorläufig einen vorsichtigen Bogen um die ganze Erscheinung herum machte, aber zum Haß keinen ausreichenden Grund hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als der Abend vorrückte. Nach dem Nachtessen gab es Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung ein, ein Glas mitzutrinken, und ich ließ mich ohne Mühe halten, trotzdem ich Hertha das Mitkommen versprochen hatte. Es wurde musiziert, das Fräulein Eleonore spielte die Geige, die sie mitgebracht hatte, und ich hing mit den Augen an ihr, wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen Kleid und mit sicherer Bewegung den Bogen führte, während dagegen Fräulein Brigitte recht kümmerlich am Klavier saß, was mir heute auf einmal wieder auffiel und mir ein peinliches Gefühl schuf. Aber das konnte bei ihr nie lange dauern. Man brauchte bloß in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht zu blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen und sie für eine verkleidete Göttin halten, und dafür sprach auch die Musik, die unter ihren Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach.

Es war Mozart, was sie spielten, und es war eine so reine, leichte Heiterkeit und ein so frühlingshafter Duft und Wohlklang darin, daß meine törichte Wichtignehmerei davor in nichts verging und ich nur begierig war, mich noch länger so dahintragen zu lassen ohne Gedanken und auch ohne persönliche Ansprüche.

Es war mir zumute wie einst beim Baden im heimatlichen Fluß, wo ich mich gern auf den Rücken gelegt und von den lauen, durchsonnten Wellen hatte tragen lassen. Aber das konnte nicht ewig fortgehen. Die Musik jubelte noch einmal auf und schwieg dann, und es wurde einiges darüber geredet, von dem ich nichts verstand. Ich saß auf einem Stuhl am Fenster, von dem ein Spalt geöffnet war, und sah bald auf die schwach erhellte Straße hinaus, bald nach dem blonden Fräulein hin, und es ging allerlei in mir um, von dem ich am Morgen noch nichts gewußt hatte. Ich dachte, wer solche Musik spielen könne, der sei freilich zu bewundern und habe allen Grund, viel auf sich zu halten, denn er habe einen Schlüssel zu hohen und schönen Welten. Und ich bat es dem Fräulein Bitterolf ab, daß ich sie im stillen ein steifes und hochmütiges Ding genannt hatte, und schickte meine Augen unverhüllt nach ihr hin. Da lächelte sie plötzlich und wurde ein wenig rot und sah auf einmal aus wie ein siebzehnjähriges Mädchen, das sich gern in seiner schönen Jugendpracht ein bißchen bewundern läßt. Und ich war froh und befreit, denn lange hätte ich das verehrende Gefühl doch nicht ausgehalten, ich hatte keine Übung darin.

Der Bruder sang noch ein paar Lieder mit einer hübschen, warmen Stimme; ich fühlte mich zu ihm hingezogen und wünschte ihn mir zum Freund zu haben, und er war auch ganz harmlos herzlich und einfach mit mir, obgleich er älter war als ich.

Die Geschwister blieben etwa vierzehn Tage da, und es war in dieser Zeit ein anderes Leben im Hause als sonst. Es ging allerlei Jugend aus und ein, es wurde gespielt und musiziert, und ich nahm an allem Anteil, als verstehe es sich von selbst. Da verging manches Unsichere, Ungelenke und es fiel auch manches trotzige Wehren gegen bloß vermutete Geringschätzung von mir ab, da mir niemand etwas zuleide tat und ich im allgemeinen ein fröhlicher Bursch war, wo ich mich heimisch und im Recht fühlte. Es wurden Nachenfahrten und Ausflüge gemacht, und ich bekam zum einen und andern ein paarmal Urlaub, was mir freilich den zornigen Ingrimm der alten Garde zuzog, wie ich die Herren bei mir hieß, die für sich selber nie eine freie Stunde außer der Regel nahmen. Das focht mich aber wenig an, denn es ging mir im allgemeinen viel zu gut, es sollte nur brummen, wer es nicht lassen konnte, bei mir ging es mit vollen Segeln ins Jungsein hinein.

Ich kaufte mir ein Fahrrad und mußte ja freilich meinen Schwestern die Rechnung darüber schicken und einen Brief, in dem geschrieben stand, daß ich es später einmal zahlen wolle, denn jetzt brauche ich es unbedingt. Denn es war so, daß ein ganzer Trupp junger Leute von beiderlei Gattung sich zum Radfahren zusammentat und am letzten Tag, den die Geschwister Bitterolf unter uns waren, einem Sonntag, eine weite Fahrt in die Rheinebene hinunter machen wollte. Dabei aber zurückzustehen, wäre mir bitter gewesen, und ich sah keinen Grund ein, es zu tun. Gelernt hatte ich die Kunst schon auf dem klapprigen Rad unseres Ausläufers, und als der Sonntag kam, saß ich auf meinem Wanderer und fuhr leicht wie ein Vogel dahin in einem fröhlichen Schwarm.

Die Stadt lag in einem weiß- und rosafarbigen Blütenstrauß und spiegelte sich im Fluß, wie ein junges Mädchen, das Freude an seinem hübschen Bilde hat, und wir, als wir unter dem blauen Himmel in einer leichten Staubwolke dahinflogen, die unsere Räder aufwirbelten, fühlten uns so recht im Besitz der schönen Welt. Ich lenkte mein Rad neben das der Fräulein Eleonore, die soeben ein wenig hinter den andern zurückgeblieben war. Denn ich hatte einen ganzen Sack voll Lebensmut an diesem schönen Sonntagsmorgen, und ich wollte ihn vor ihr auftun und spielen lassen, da sie morgen wieder fortging und ich noch etwas bei ihr auszuwetzen hatte vom ersten Abend her. Es peinigte mich, daß sie mich als einen ungeschickten Burschen in der Erinnerung behalten sollte, was ich meiner Meinung nach gar nicht war. Denn ich hatte doch viel gelesen und gelernt und war überhaupt nicht dumm, ich konnte mich ganz gut unterhalten, wenn jemand auf mich einging. Auch fielen mir oft die lustigsten Sachen ein, wenn ich nur jemanden gehabt hätte, dem ich sie erzählen und der mit mir hätte lachen können.

Also nahm ich einen Anlauf mit einem Strauß Maiblumen und einer höflichen Anfrage, ob ich sie am Rad befestigen dürfe. Es fiel aber, um es gleich zu sagen, nicht gut aus. Denn das Fräulein, das hoch und nobel auf seinem Rad saß in seinem blauen Leinenkleid, blieb unlebendig und höchstens höflich und ließ seine Augen nach unserem Vordermann, einem Mediziner, hingehen, der sich soeben zu einer dicken und lustigen Studentin gesellt hatte und ihr etwas Lachendes zurief, das man bei uns nicht verstehen konnte. Es war meiner Dame nicht recht, daß der Mediziner nicht neben ihr fuhr, das mochte ich ihr aber in meinem Innern gönnen, ja es erhob mich, daß sie auch nicht alle Trümpfe in der Hand hatte, und ich bekam plötzlich Oberwasser und fing an, vom schönen Wetter und der schönen Gegend zu reden und, als das nicht recht verschlagen wollte, vom Geigenspiel und der Musik überhaupt. Ich verstand zwar nichts davon, aber das schadete nichts, darum konnte ich doch davon reden, und die Dame wurde auch dabei auf einmal lebendig und munter und belehrte mich aufs beste.

Da kamen wir schön in Zug miteinander. Ich bekam vor lauter Fröhlichkeit eine Suada, als ob ich süßen Wein getrunken hätte, und brachte das Fräulein einmal ums andere zum Lachen. Die Trauben wuchsen mir nur so zu, und sie sah mich drunterhinein erstaunt an, was ich so auslegte, als ob sie mich nun erst recht kennen lerne, und ich ihr imponiere, und ich dachte: Ja, schau nur, du wirst dann später schon noch das Nähere von mir erfahren, nämlich, daß Ludwig Fugeler es mit allerlei Leuten aufnimmt, ob sie nun aus Preußen oder Schwaben seien.

Da mußte aber gerade in diesem erhebenden Augenblick der Mediziner dazwischenfahren, der mit einem schönen Gruß von der Gesellschaft kam und uns meldete, daß man keine Zeit habe, aufeinander zu warten und auch nicht zu dem Schneckentempo, das wir neuerdings eingeschlagen hätten. Er fuhr auf die andere Seite des Fräuleins und sagte mit Lachen: „Oder haben Sie eine dringende Unterhaltung? In diesem Fall bedaure ich, stören zu müssen.“ Da fuhr dem Fräulein Bitterolf eine kleine Röte und ein gehöriger Schuß Hochmut in den Kopf, und sie sagte, kalt wie ein Eiszapfen: „Ich wüßte nicht,“ und gab ihrem Roß die Sporen, daß es flog. Wir beide danebenher im Saus, eine Strecke geradeaus und dann um eine scharfe Wegbiegung. Vor uns stob die weiße Wolke, in der die andern daherfuhren, aber dazwischen drin war etwas lebendig, nämlich eine Gruppe junger Mädchen, die den Weg gerade vor uns überquerten, als wir um die Ecke bogen. Sie waren in hübschen, farbigen Sonntagskleidern und hatten Maiblumensträuße in den Händen, die sie im Wald geholt hatten, nun flatterten sie auseinander im Schreck vor dem Überfahrenwerden und schrien auf wie eine Herde Küchlein, in die der Habicht stößt. Das Unglück wollte es, daß meine Nachbarin Hertha darunter war, derentwegen ich schon seit jenem Abend, da ich sie hatte warten lassen, ein schlechtes Gewissen in mir herumtrug. Sie erkannte mich und ließ mir einen Blick zulaufen über die Schulter zurück, der war mit allerlei beladen, was ich so schnell nicht auseinanderklauben konnte, und in dem Augenblick fuhr das Fräulein mit dem Rad in ihre Blumen und ihr blauweißes Sonntagskleid hinein. Es gab eine Erschütterung beider Parteien, bei welcher die Blumen in den Straßenstaub fielen, das blauweiße Kleid einen langen Riß bekam, und das Fräulein auf seinem Sitz schwankte. „So machen Sie doch die Augen auf,“ herrschte sie das Mädchen an, das verwirrt, erschrocken und in Staub gehüllt dastand und seinen verdorbenen Sonntagsputz ansah. Niemand, und auch ich nicht, gab ihm ein freundliches und gutes Wort, wir fuhren weiter und sprachen davon, daß am Sonntag die Landstraßen so voll seien von gewöhnlichem Volk. Daß man eigentlich besser täte, werktags zu fahren, und daß es zum Glück noch gut abgelaufen sei. Das heißt, die andern sprachen davon, aber ich war still dazu und hatte nur immer das Mädchen vor Augen, wie es im Straßenstaub stand und seine Blumen am Boden lagen. Es hatte mir vor dem Unglück einen Blick zugesandt, und ich hätte etwas gegeben, wenn ich ihn hätte deuten können: ein bißchen traurig und ein bißchen schelmisch und in allem lieb und schön. Den Augenwink hatte es nun zahlen müssen mit einem zerrissenen Sonntagskleid und einem herrischen Wort in sein sonntagsfrohes Gemüt hinein. Mir war nicht gut zumute, aber ich ließ nichts davon verlauten, denn es brauchte niemand zu wissen, daß ich das Mädchen gekannt hatte. Es war ein unfrohes Lustigsein den Sonntagmorgen hindurch, bis ich, was mich bedrückte, pfeifend in den Wind schlug, da ich es doch nicht ändern konnte.

*

In der Nacht, die darauf folgte, ging es mir sonderbar. Es war mir, als gehe meine Tür auf und ein Mensch komme herein mit einem Licht in der Hand. Es war eine alte Ölampel, wie wir zu Hause eine gehabt hatten, und zu deren Öl ich die Buchelen selber im Stadtwald gesammelt hatte. Die Ampel kannte ich sogleich wieder, sie war von Zinn und blank geputzt, und ihr Licht schien durch eine vorgehaltene Hand, an der ein dünner silberner Ring schwach erglänzte. Die Hand war rot durchleuchtet und als ich sie ansah samt dem Ring, wußte ich, daß sie meiner Mutter gehöre. Da dachte ich: Das ist ein Traum, denn deine Mutter lebt ja nicht mehr. Aber es ging mir durch und durch ein wehes Wohlsein und ein lebendiges Gefühl von einer lieben Nähe, und ich war begierig, wie es weiter komme. Die Mutter stellte die Ampel auf den Nachttisch, und dann sah ich sie vor mir stehen, klein und kümmerlich und mit einem angstvollen Ausdruck in ihrem schmalen Runzelgesicht. Sie sah über mich hin, und ich erkannte durch die geschlossenen Lider ihren Mund, der schmallippig und eingesunken war, wie er sich leise flüsternd bewegte. Lieber Gott, laß mir meinen Buben recht werden, sagte sie, ich bin ein einfältiges Weib. Es ging mir durch und durch, ich hätte ihr gern gesagt, daß alles im besten Schick sei mit mir, aber ich konnte mich nicht rühren. Da fühlte ich eine große Träne heiß und schwer auf mein Gesicht niederfallen. Sie brannte mich und ich stöhnte und wollte sie wegwischen, aber es ging nicht, es wurde mir angst und bang. Ich versuchte, mein Kinderverslein zu beten, das ich abends beim Schlafengehen mit der Mutter gesprochen hatte, aber ich konnte nur einen Satz daraus finden: Alle Kindlein, bloß und arm, decke du sie weich und warm. Aber es war nicht das, was ich sagen wollte, ich mühte mich vergebens, und als ich es nicht zuwege brachte, ging die Mutter kopfschüttelnd wieder weg. Das Licht nahm sie mit. Da, als sie die Tür hinter sich zumachte, trat mir das Elend und das Verlassensein ans Herz. Ich hätte sie gern zurückgerufen und ihr Liebes gesagt, aber es war zu spät, und auf einmal liefen mir die Tränen stromweis übers Gesicht.

Eine Uhr schlug von irgend einer Kirche her, vielleicht vom nahen Münster, ein Luftzug wehte über mich hin. Da saß ich plötzlich aufrecht im Bett mit offenen Augen und hatte in Wahrheit noch nasse Backen von den vergossenen Tränen des Traumes.

Der Mond sah neugierig ins Zimmer und legte eine lange, schmale Lichtbahn auf den Fußboden. In dieser Lichtbahn war wohl vorhin die Mutter gestanden, an die ich schon so lang nicht mehr gedacht hatte. Es plagte mich, wo sie wohl auf einmal hergekommen sei, denn, Traum oder nicht Traum, sie war mir auf einmal nah und lebendig und regte allerlei in mir auf; ich mochte mich auf die rechte oder linke Seite legen, so blieb das helle, aufgestörte Wachsein, das mir fremd und ungewohnt war, und das Denken an Dinge, die weit von mir lagen am Tag und für gewöhnlich.

Zum Beispiel sah ich hell und deutlich zum Greifen unsere Stube daheim an einem Himmelfahrtsfestmorgen vor mir. Ich hatte einen Frühspaziergang in den Wald gemacht und einen Hut voll von den rosasamtigen Blümlein mitgebracht, die man bei uns Himmelfahrtsblümlein hieß. Sie wuchsen an einer heimlichen Stelle, tief im Wald, und ich hatte den Kuckuck schreien und eine Drossel singen gehört, hatte Eichhörnchen ihre Sprünge machen und ihre stolzen Fahnen dennoch leicht und zierlich tragen sehen und hatte etwas von Morgenfrische mit in die niedrige Stube gebracht. Die Mutter machte ein Kränzlein aus den Blumen und hängte es um das kleine, verblaßte Bildchen eines jungen Weibes, das einmal ihre Mutter gewesen war. „Sieh, Ludwig,“ sagte sie, „man muß die nicht vergessen, die fortgegangen sind. Sie sind nicht tot, sie sehen uns und brauchen, daß wir sie lieb haben. Wenn wir sie vergessen, so friert sie's und tut ihnen weh. Dann klopfen sie an, oder sie kommen uns im Traum, oder es zerspringt ein Glas, das ihnen gehört hat, oder ein Spiegel, und anders können sie nicht sagen, was sie gern wollen: denkt an uns, vergesset uns nicht, denn ihr seid Fleisch von unserem Fleisch, und es ist um eine Zeit, so kommet ihr auch zu uns. Jetzt freut's vielleicht die Großmutter, daß du ihr das Kränzlein gebracht hast.“

Das alles war mir damals nicht wichtig. Ich war von Kindesbeinen an ein Bub, der vor sich hin und in den Tag hinein lebte ohne viel sinnige Gedanken, und die Blümlein hatte ich nur geholt, weil es mich freute, in der Morgenfrühe in den Wald zu gehen, die Großmutter war gar nichts für mich, ich hatte sie nie gekannt.

Aber mein Hirn hatte getreulich alles aufbewahrt mit allen Tönen und Farben, was an jenem Morgen gewesen war, und noch vieles dazu, das schüttete es aus, wie ein Säcklein voll Raritäten und breitete es um mich herum aus, ein Stück ums andere. Ich sah die ganze Heimat. Die Mutter hatte sie mir mitgebracht, aber es war etwas dabei, das mich nicht recht freuen konnte. Denn sie hatte mich traurig angesehen, ich war ihr nicht recht irgendwie. Und es war jetzt zu bedenken, daß sie vielleicht lebte auf irgend eine Art, wenn man es auch nicht erklären konnte, wie, und daß sie zur Tür hinausgegangen war, weil ich meinen Vers nicht konnte, und daß sie mich mahnen wollte, ich solle sie nicht vergessen. Bei dem allem wurde es mir eng und schwül zumute, wie ich es vordem kaum je so empfunden hatte, und ich erhob mich aus dem Bett, um ans Fenster zu treten und die frische Nachtluft über mich hinströmen zu lassen. Da geschah es, daß mir beim Vorübergehen mein Bild aus dem Spiegel entgegensah, vom Mondlicht schwach beleuchtet, und ich erschrak daran, stellte mich aber trotzdem aufmerksam davor hin und sah mein Gesicht seine Augen auf mich richten, als ob es mich prüfen und ergründen wollte. Es war mir, als sei es ein zweiter Mensch, einer, der zu meinem Ich du sagen könne, und der mich durch und durch sehe, und es war mir nicht im mindesten möglich, mich von ihm abzuwenden oder ihm das Anstarren zu verbieten, ich war festgehalten, wie das Eisen vom Magneten. Dergleichen hatte ich vordem nie erlebt. Was bist du für einer? schien mir das Spiegelbild zu sagen. Dich sollte ich kennen, meine ich. Schon von früher, von lang her. Du bist schon lang nicht mehr bei mir gewesen, es ist eigentlich schade. Aber wie ich, mich dem Bilde befreundend, es näher ansah, und der Mond mir dazu leuchtete, faßte mich auf einmal ein Grauen vor mir selbst und dem Spiegelbild, das ich als mein Selbst erkennen mußte; es war, als ob aus den glänzenden Punkten meiner Pupillen ein Dritter heraussehe, der wieder ich war. Es konnte ins Unendliche so fortgehen, man wußte nicht mehr, wer man selber war und wer sich fremd in einem bewegte, und dazu tauchten Möglichkeiten und Fragen auf, die einem nie kamen, wenn man unbesehen für sich hinlebte und vor denen es einen ins Mark hinein fror. Da riß ich mich mit Gewalt von mir selber los und flüchtete mich ans Fenster, meine aufgeregten Pulse im Anschauen des stillen Nachtbildes beruhigend, das da draußen für sich hinlebte, gleichgültig, ob einer es ansah oder nicht. Die herrliche Pyramide war ganz vom Mondlicht durchflossen, es war, als bade sie alle ihre Blumen, Rosetten, Knäufe und Spitzen darin und sei lebendig in ruhevollem Atmen, und hinter ihr stieg der Berg auf mit seinen dunklen Bäumen, deren Wipfel in den silberlichtbeglänzten Himmel tauchten, ohne sich zu rühren. Die Häuser aber standen von innen heraus verdunkelt und ganz im Schlaf, und nur ich junges Blut wachte und wäre gern gut, einig mit mir und den ewigen Lebensgewalten und allem, zu dem ich im stillen du sagen konnte, gewesen, denn ich war wunderlich aufgerührt. Und ich hätte auch gern jemanden gehabt, zu dem ich nah gehörte, einen Freund oder so. Aber das dauerte nicht lange, und es kam nicht viel darnach. Es schauerte mich am offenen Fenster und im leichten Hemd, und ich kroch ins Bett zurück, den Spiegel vermeidend. Da nahm mich der Schlaf in die Arme bis der Morgen kam.

*

Als die Geschwister Bitterolf abgereist waren, ging das Leben im Hause wieder seine alten Gleise hin. Mir war es recht, daß sie dagewesen, und daß sie wieder gegangen waren, beides hatte sein Gutes. Ich war in allerlei Leben hineingekommen, das ich vordem nicht gekannt hatte. Zum Beispiel konnte ich auf der Straße hie und da den Hut abziehen vor angesehenen Leuten, deren Namen und Art ich kannte, die mich wieder grüßten mit Höflichkeit und Achtung, und konnte jungen Mädchen unter den Hut schauen mit Fug und Recht, weil ich schon mit ihnen gespielt und geredet und ihnen etwa das Jäckchen oder den Schirm getragen hatte. Im Laden aber gab es Gelegenheit, mit Studenten oder anderen jungen Leuten Gespräche zu führen. Da war ich nicht mehr nur der junge Mensch mit dem braunen Haarbusch, als der ich etwa schon bezeichnet worden war, sondern ich hieß Herr Fugeler oder auch Fugeler kurzweg, je nach der Intimität. Und ich strengte mich an, in meine Arbeit hineinzuwachsen, da ich gern etwas Rechtes darin vorstellen wollte.

Es war, wie man so sagt, ein Knopf gebrochen bei mir, das hing mit dem Besuch insofern zusammen, als ich durch ihn unter die Menschen und mit ihnen in eine Gleichartigkeit gekommen war. Aber es war auch wieder gut, daß er vorüber war, denn ich war doch nicht ganz gleichartig mit den Bitterolfschen, ich mochte mich strecken, wie ich wollte. Sie hatten etwas mitbekommen von klein auf, und es war noch in ihnen großgezogen worden, das ich kaum vom Hörensagen kannte. Das konnte man nicht mehr nachholen. Es war vielleicht ein Erbteil von vielen Vorfahren her, die sich selbst und ihre Kinder geschult und erzogen hatten, daß sie leicht und frei und ohne Mühe sich im Leben bewegen konnten und nirgends anstießen durch Unbehilflichkeit oder Nichtwissen. Auch hatten sie, wie sie sprechen und hören lernten, gleich eine Luft um sich herum gehabt, in der es mit allerlei Geistigem reichlich umging. Vielleicht waren schöne Bilder und Musik, und Frauen in feinen Gewändern um sie her gewesen, und sie hatten kluge Männer von aller Kunst und Weisheit reden hören; das war ihnen alles gewesen wie das tägliche Brot. Mit dem allem war ihnen der Tisch gedeckt von Jugend an, da wuchsen sie heran und wurden Auserwählte und hielten sich auch dafür. Und es war so, daß man vieles erwerben und in manches hineinwachsen konnte, wenn man sich darnach sehnte und alle Kraft anspannte, sie aber waren da von jeher daheim und lebten hochgemut und auch hochmütig, wie es mir schien, und es blieb immer ein Zaun, an dem man sich stoßen konnte, zwischen ihnen und unsereinem. Dann, wenn man sich stieß, sahen sie einander an und lächelten erstaunt oder verzeihend, und man sah, daß sie hinter ihren klugen Stirnen dachten: ach du, du kennst ja unsere Sprache nicht, du bist aus einem andern Land.

Sonst, für dich selbst betrachtet, wärest du ganz recht, aber unsereiner kannst du ja nicht sein.

Solche Gedanken gingen viele mit mir um, als wir wieder wie sonst im Hause Hagenau zusammen lebten.

Aber halt, kam es mir dann: ist nicht Fräulein Brigitte auch eine von derselben Art, klug, vornehm und von reicher Bildung, sicher in sich selber und vor den andern? Ungescheut trägt sie ihre Last auf dem Rücken und hat eine stolze Würde, als wäre sie die aufrechteste Frau. Sie aber zieht keine Grenzen um sich, sondern ist gleich nah und gütig mit allen und auch mit mir. Was also ist besonders an ihr – und wie kommt es, daß man Vertrauen und Verehrung zu gleicher Zeit bei ihr empfindet?

Sie ist eine Persönlichkeit, entschied der Verstand, stolz über die Formel, die er gefunden hatte; eine solche wird nicht geboren, sondern entwickelt sich erst.

Ja, aber wie? Einfach mit dem Alter? Oder durch Leiden, wie bei ihr?

Das blieb immer noch die Frage, die indessen wieder in den Hintergrund trat, weil die Gegenwart fortwährend Neues an den Tag brachte.

Ich war wieder mit dem Blumenmädchen Hertha zusammengekommen, was sich bei unserer nahen Nachbarschaft fast von selber machte und was ich auch wünschte, denn so unbekümmerlich ich auch für gewöhnlich meines Weges ging, so ertrug ich doch nicht leicht das Gefühl, daß irgend jemand mir böse oder von mir beleidigt sei, ich wollte nirgends einen schlechten Eindruck machen. Das hing freilich nicht mit irgendeiner Tugend in mir zusammen, sondern nur mit der Gewöhnung daran, daß jedermann mir wohlgesinnt und zugetan sei, die ich in nichts unterbrochen wissen wollte.

Das gute und natürliche Mädchen machte es mir auch leicht, meine Entschuldigung anzubringen; es genügte ihr, daß ich im Grunde der war, für den sie mich gehalten hatte und mit dem man ein harmloses Wort sprechen konnte, was sie so gern tat, und wozu sie den Tag über bei ihrer etwas griesgrämlichen Frau wenig Gelegenheit hatte.

Eines Abends begegnete sie mir in der Nähe des Kirchhofeingangs, an dem ich zufällig auf einem Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wieder so gute Freunde, daß ich auf ihre Einladung mit ihr hinein ging, da sie, wie sie sagte, den Oberaufseher besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei. Wir gingen durch die Gräberreihen, zwischen denen wie schwarze Schatten hie und da Trauernde wandelten, nach einer Gegend hin, wo alte Bäume zwischen eingesunkenen Hügeln standen, und wo die Steine verwittert und die Namen fast unleserlich und mit feinem Moos ausgefüllt waren. Es war eine längst verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte aber nicht mehr viel von den stillen Bewohnern der unterirdischen Kammern übrig sein. Während dort immer noch Trauer und Tränen umgingen, war hier längst Ruhe eingekehrt, und die Vögel bauten ihre Nester an den Sträuchern, die aus den Gebeinen der längst Gewesenen entsprossen waren.

„Sehen Sie,“ sagte Hertha vorstellend, als müsse sie mir die Bekanntschaft der Ruhenden vermitteln, „hier liegt ein alter Junggeselle oder doch wahrscheinlich ein Junggeselle. Es hat niemand um ihn geweint, als er gestorben ist, das hat mich schon schwer erbarmt. Ich habe ihm schon einmal einen Syringenstrauß gebracht, aber freilich, es hilft ihm nichts mehr. Man sollte leben, so stark man kann, solange man da ist, denn nachher ist es zu spät, und man läßt nichts hinter sich.“

Ich sah sie verwundert an. Woher wußte sie die Lebensgeschichte dessen, der unter dem ganz bemoosten Stein lag, und wie kam sie dazu, ihm Blumen zu bringen, wenn er sie doch nichts anging? Und wie kam aus ihrem jungen und blühenden Munde solche Erfahrungsweisheit?

„Da, sehen Sie!“ Sie schob ein paar Zweige des Efeus, der von der Mauer hergekrochen war und das Grab umarmte, zurück.

„Hier ruht ein Fremdling, Herr Vinzentius Burhagen, hier gestorben Anno 1799, dem Gott gnädig sei.“

So hieß die Grabschrift. Die Buchstaben waren einmal ausgekratzt worden, das sah man, damit sie wieder lesbar wurden. Aber als ich Hertha fragend ansah, ob sie das getan habe, schüttelte sie den Kopf.

„Das hat der Zeitler getan, der über den Ort hier gesetzt ist. Er kennt alle Begrabenen hier und weiß von ihnen, woher, das weiß kein Mensch. Er ist einmal in der Fremde gewesen und hat auf die Gelehrsamkeit studiert, aber es ist ihm etwas dazwischen gekommen, und er ist heimgekommen und hat angefangen, die Toten zu hüten. Sie seien so friedlich, sagt er, und hätten alles hinter sich, Dummheit und Bosheit und Schmerzen, alles, es sei gut mit ihnen auskommen. Da ist er,“ unterbrach sie sich und strebte vorwärts nach einer halbrunden Bank hin, die auf einem winzigen Hügel stand. Dort saß ein älterer Mann in ausruhender Haltung. Er trug Kopf und Schultern vorgeneigt und hatte die lässigen Hände zwischen die Knie gelegt; ein paar rote Nelken hielt er lose darin. Als ich ihn sah, war es mir sogleich, als ob ich ihn schon irgendwo einmal gesehen hätte, vielleicht vor langer Zeit, ich wußte aber nicht wann und wo. Das erinnerte mich an meine Kindertage, wo ich ein ähnliches Erlebnis hier und da gehabt hatte. Ich sah einen Ort oder Menschen oder ein Ding zum erstenmal, und es war mir, als sähe ich etwas Altbekanntes und ließ es mir auch nicht ausreden, daß es in Wahrheit so sei. In solchen Fällen pflegte meine Mutter zu sagen: Du wirst es noch von damals kennen, als du das erstemal auf der Welt gewesen bist, und ich wußte nicht, ob sie das im Spaß oder im Ernst sagte und dachte auch nicht tiefer darüber nach.

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