Die Leiden des Heilandes
Arthur Luther translation
1.
Auf Golgatha, über dem Grabe Adams, richtete man den Baum der Erkenntnis auf und der Schädel des ersten Menschen ward zur Stütze des Kreuzes, an dem der Menschensohn hing.
Der Baum der Erkenntnis, den einst Satan gepflanzt, da Gott den Garten des Paradieses schuf, dessen Frucht den Menschen die Augen öffnete über Gut und Böse, dessen Zweig die tote Stirn Adams bekränzte, — er ward jetzt zum Baum des Heils, zum Kreuz des Erlösers.
Man schlug ihn mit Händen und Füßen an das Kreuz mit eisernen Nägeln, man kleidete ihn in ein grünes Hemd aus grünen Nesseln, man gürtete ihn mit Weißdorn, band ihn mit Hopfen und Binsen, durchstach seine Seite mit einem Speer, stieß ihm Weidenruten unter die Nägel und legte ihm eine Dornenkrone auf das Haupt.
Wo die Nägel eingeschlagen wurden, da floß das Blut. Wo man ihn gürtete, da floß Schweiß. Wo die Krone sein Haupt berührte, da flossen blutige Tränen aus seinen Augen.
Die am Kreuze vorübergingen, schüttelten die Köpfe und spotteten.
„Der du den Tempel zerbrichst und in drei Tagen wieder aufbaust! Hilf dir selber! Wenn du der Sohn Gottes bist, so steig herab vom Kreuz!“
„Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht helfen! Wenn du der König von Israel bist, so steig herab vom Kreuz, dann wollen wir an dich glauben!“
„Er hat auf Gott gehofft, so mag Gott ihm helfen, wenn Gott ihn lieb hat! Hat er nicht gesagt: Ich bin Gottes Sohn!?“
„Freue dich, König der Juden!“
Unzählige Scharen von Dämonen und dunkeln Teufeln
Wie weißer Schnee schmolz der weiße Mond, und Tränen verdunkelten das lichte Antlitz der Sonne, bis es sich endlich ganz verbarg.
Und es war Finsternis auf der ganzen Erde von der sechsten bis zur neunten Stunde.
Aus blutunterlaufenen Augen sahen die Dämonen in das gemarterte Antlitz des Erlösers, mächtige Pergamente rollten sie vor ihm auf, — da waren alle Sünden der Menschen vom ersten Tage bis zum letzten verzeichnet. Und kein Ende nahmen die Rollen, kein Ende die Sünden der Menschen.
Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen.
Und es kamen von allen Enden, da sie von den schweren, blutigen Sünden hörten, schreckliche, erbarmungslose Engel: ihre Gesichter waren wutverzerrt, die Zähne ragten weit aus dem Munde heraus, die Augen waren wie Sterne, und ihr Atem war flammendes Feuer. Das waren die Engel, die nach den Seelen der Sünder kommen, um sie ins Reich der ewigen Qual zu führen. Unendlich war die Zahl dieser Engel, denn nicht zu zählen war die Menge der Sünden, — aller Sünden vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende.
Kein Ende nahmen die Sünden der Menschen.
Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen.
Die Schächer, die rechts und links vom Heiland an ihren Kreuzen hingen, konnten die Qual nicht länger ertragen, und weil sie auf keine Rettung mehr hofften, machten sie sich in Schmähreden Luft und schalten den Gottessohn einen Betrüger.
Am Fuße des Kreuzes aber, vor dem mit Christi Blut besprengten Haupt Adams, klirrten schon die Folterwerkzeuge: Schwerter, Messer, Sägen, Sicheln, Pfeile, Äxte. Die furchtbaren, unbarmherzigen Engel rissen die Glieder des gemarterten Leibes auseinander, hackten die Beine ab, dann die
Die Dämonen rollten die schwarzen Pergamente zusammen. Und einer von ihnen, ein Teufel mit Gänsefüßen und einem Schweinsleib ohne Borsten, kletterte am Kreuzesstamm hinauf bis dicht vor das Antlitz Christi und hielt ihm eine große Schale hin, gefüllt mit Bitternis bis zum Rand.
Und Christus trank die Schale leer bis auf den letzten Tropfen und schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“
Da erhob sich auf den Ruf des Verlassenen, der der Welt Sünde auf sich genommen hatte, von seinem Wolkenthron im Norden um die neunte Stunde Satan, der Fürst der Finsternis. Und sein schwarzmähniges Roß trug ihn, wie ein Falke, wie der Sturm, wie der Donner, wie der Blitz, zum Kreuz des Gottessohnes.
Auf flogen die Winde, wie Adler, hoch wirbelten sie den Staub auf den Straßen empor. Die Berge erbebten. Aufgewühlt wurden die Tiefen der Erde. Gewaltig wogte und brauste das Meer. Weit aus ihren Ufern traten die Ströme. Und in der Glut der Höllenflamme rollte der Himmel sich zusammen, wie ein Pergamentblatt. Und die Erde wallte und brannte, wie Eisen im Schmelzkessel.
„Freue dich, König der Juden!“ sprach Satan und trat vor das Kreuz hin.
Satan stand vor dem Kreuz und sah Christus an, und vom Kreuz, die schweren Lider mühsam hebend, blickte Christus auf Satan.
So blickten sie sich an, wie König und Sklave, wie Bruder und Feind, wie König und König, wie Bruder und Bruder, wie Feind und Feind, wie der Retter und der Verlassene. Und alle Kreatur sank nieder in bebendem Entsetzen in dieser Stunde des Grauens.
Und mit schnellen Schritten kam vom blauen Meer, aus unbekanntem Land, über weite Felder, über grünes Gras, über verwehende Spuren, über wogende Saaten ein schöner Jüngling — der sanfte Tod.
Ohne viel zu fragen, schob er das Eisengitter auseinander. Festen Schrittes stieg er den Hügel von Golgatha hinauf und trat vor den Gekreuzigten.
Leise nahm er das Haupt Christi in seine Arme.
Und Christus neigte das Haupt und verschied.
2.
Abends kam zu Pilatus ein reicher Mann aus Arimathia, namens Joseph, und mit ihm Nikodemus, die beide heimliche Jünger Christi gewesen waren, und baten Pilatus, er möge ihnen den Leib Christi überlassen.
Und Pilatus gestattete es ihnen.
Sie nahmen den Leichnam Christi und hüllten ihn in reine, wohlriechende Tücher, und legten ihn im Garten in ein neues Grab. Dann wälzten sie einen Stein vor des Grabes Tür und gingen von dannen.
Und als die letzten Menschenschritte verklungen waren und die Kriegsknechte, die den Schächern die Knie gebrochen hatten, Golgatha verlassen hatten, und die Toten, die aus ihren Gräbern auferstanden waren, sich in den Straßen der Stadt verloren hatten, um die schlaflose Nacht mit Grauen zu erfüllen — da erhob sich ein wilder Lärm, Geschrei, Gestampf, Geheul, als wäre die ganze Welt toll geworden. Und der Garten, da der Leib Christi bestattet war, ward zum höllischen Abgrund, denn Satan selbst, der Fürst der Finsternis, hielt sich hier auf mit all seinen Heerscharen.
Mit höllischen Künsten blendete Satan die Augen der Menschen und aller Lebewesen, hüllte die Seelen in die Nacht des Wahnsinns, senkte sie in einen teuflischen Zauberschlaf, und der finstere Teufelszauber hielt die Welt zwei Tage und
Die Teufel stürzten sich auf den Leichnam Christi, rissen die Tücher herunter, zerteilten den reinen heiligen Leib: das Fleisch gaben sie der Erde, das Blut dem Feuer, die Knochen dem Stein, den Atem dem Wind, die Augen den Blumen, die Adern dem Gras, die Gedanken den Wolken, den Schweiß dem Tau, die Tränen dem salzigen Meer.
Es wogte und brauste das Meer von bösen Geistern. Wild wirbelten die Dämonen durcheinander, stießen sich, schrien, spotteten, grinsten und fluchten. Aus allen Tiefen waren sie emporgestiegen, liefen sie, hüpften sie, krochen sie, wälzten sie sich heran — schmutzig und übelriechend, krummbeinig und bucklig, dickbäuchig und spindeldürr. Und sie traten den Leichnam des Heilands mit den Füßen, zerrten ihn hin und her, beschmutzten und schändeten ihn . . .
Und um Mitternacht tat sich der Himmel auf und über der Erde stieg eine strahlende Sonne empor, wie die Welt sie noch nie gesehn hatte.
Die Dämonen zerrten den Leib Christi aus dem neuen Grabe und hüllten ihn in köstliche königliche Gewänder und trugen ihn auf den höchsten Berg und setzten ihn auf einen Königsthron.
Und vor den Thron stellte sich Satan hin und zeigte den Völkern der Erde — allen, die schon gelebt hatten, und allen, die noch kommen sollten — den Leichnam im königlichen Purpur und verkündete mit lauter Stimme:
„Sehet, das ist euer König!“
Und von der Höhe des Thrones blickten auf die wogende Menge von Köpfen, auf die flehend ausgestreckten Arme die großen bleiernen Augen des entseelten, verunstalteten Leichnams. Und im grellen Licht des plötzlich aufgegangenen Tages glaubte man sehen zu können, wie unter dem königlichen Gewand die starren Glieder auseinanderzufallen begannen.
Verzweiflung lastete über dem Weltall. Und das Maß der ganzen Erde schien nicht größer als vier Schritte — so lang, wie ein Grab sein muß.
Von Land zu Land, von Reich zu Reich, über Felder und Wiesen, durch Städte und Dörfer, mitten durch die unermeßlichen Menschenmengen aller Zeiten und Völker und Länder, jagte ein Wagen, von wilden Rossen gezogen, und in dem Wagen saß ein zähnefletschendes Gerippe mit einer Dornenkrone auf dem kahlen Schädel.
„Sehet, das ist euer König!“ sagte Satan und zeigte den Menschen das grauenhafte, zähnefletschende Gerippe.
Und dunkel wurden die lichten Gewänder der Völker. Das Lachen ward zum Weinen. Die Menschen fielen hin und starben, einer neben dem andern, der Bruder in den Armen des Bruders, das Kind auf dem Schoße der Mutter, die Mutter an der Brust der Tochter.
Von dem Geschrei und den Seufzern bog sich die Erde, spalteten sich die unfruchtbaren Steine, taten sich gewaltige Abgründe auf, und weinten das Meer und die Ströme und alle Tiefen der Unterwelt.
Da zeigte sich hoch über der strahlenden Sonne am Himmel als letzte Verheißung ein Kreuz und an dem Kreuz hing festgenagelt ein entstellter Leichnam.
„Sehet, das ist euer König!“ verkündete Satan stolz von seinem Wolkenwagen herab, und er blies das Kreuz an.
Und das Kreuz und der Leichnam wurden zu Staub.
Und die reine Luft der Erde ward vom Qualm aufgesogen, die Quellen vertrockneten, die Bäume verloren ihre Blätter, die Sonne erlosch und der giftige Hauch aus Satans Munde zerfraß die Rinde der Erde.
So wütete Satan zwei Tage und zwei Nächte lang und säte Aufruhr in die Herzen, flößte ihnen das Gift des Wahnsinns ein, erfüllte sie mit Angst und Verzweiflung.
3.
Grausame, undurchdringliche Finsternis hüllte die Stadt in banges Schweigen.
Die Toten irrten in den Straßen umher, klopften an die Türen. Und wie in den Tagen des schwarzen Todes wagten die Menschen nicht, ihre Häuser zu verlassen. In den menschenleeren Gassen tauchten Reiter auf: ihre Gesichter konnte man nicht sehen und auch ihre Pferde nicht, man hörte nur die Hufe aufs Pflaster schlagen.
Und durch die schwarze Einsamkeit ertönte von der verödeten Schädelstätte her das Wehklagen der Gottesmutter.
Marias Herz bebt in bangem Entsetzen, ihr Kopf geht in die Runde, ihre Zunge redet irre. Und sie ist nicht imstande, die Augen aufzuschlagen.
„Steh auf, mein Sohn, erwache, hebe deine Augen auf, sag ein Wort! Fest schläfst du, tief ist dein Schlaf, nie wirst du erwachen! Ich trage Leid um dich! Meine Seele ist betrübt! Du hast dein Herz verhärtet, daß es dem Stein gleich ward, und nirgends sehe ich dich mehr! Steh auf, mein Sohn, erwache, nimm mich zu dir! Ich trage Leid um dich! Meine Seele ist tief betrübt!“
Und neben der Mutter Gottes stand auf dem Hügel von Golgatha, das Haupt an den Kreuzesstamm gelehnt, ein schöner Jüngling.
Und bis zum Morgengrauen des dritten Tages, da mit der auferstandenen Sonne der Engel des Herrn kommen sollte und den Stein von des Grabes Tür wälzen, bis zum lichten Ostermorgen ging er nicht fort von dem lebenspendenden Kreuz, der Unersättliche, der schöne Jüngling, der sanfte Tod.
Der Tod Christi ist das ewige Leben, die Gewähr des Heils.
Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!