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Legenden und Geschichten

Die Leiden der heiligen Jungfrau

Arthur Luther translation

1.

Als sie den Purpur von seinen Schultern gerissen und ihn in seinem ärmlichen Gewand auf die Gasse geführt hatten, als er unter dem Geschrei und Pfeifen der erregten Menge nach der Schädelstätte getrieben ward, — da wußte alle Kreatur davon: es wußte es der Wald, wo der Dornstrauch stand; es wußte es das Meer, wo der Schwamm wuchs; es wußten es die Tiere und der Weingarten, die Berge und das Feuer, das die Nägel und den Speer geschmiedet hatte. Nur die heilige Jungfrau wußte es nicht.

Das ganze jüdische Volk verlangte nach seinem Blut:

„Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“

Das reine Blut des Heilands tropfte in den Straßenstaub, während er in der Dornenkrone unter der Last des schweren Kreuzes vorwärtsschritt; — schon stand die Sonne feuerrot über Jerusalem und verkündete einen heißen blutigen Tag — — wie viel hatte sich ereignet! — — und die heilige Jungfrau wußte nichts.

Die heilige Jungfrau schlief.

Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan, und erst gegen Morgen war sie am Fenster sitzend eingeschlafen.

2.

In der Hölle ging es hoch her. Ihre Bewohner gebärdeten sich wie toll.

Wie ein Blitz hatte die Kunde eingeschlagen, daß das Licht und die Sonne, die Krone und der Ruhm der Welt, der eingeborene Sohn Gottes, der Menschensohn gefangen genommen sei und nach Golgatha geführt werde.

Und die rasende Hölle donnerte, wie eine dräuende unbarmherzige Gewitterwolke; die Hölle brüllte, wie ein gereizter

Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende!

Und die finstern Teufel heulten und schwangen sich vor Freude in wildem, rasendem Tanz.

Der Teufel, der nur ein Hühnerbein hatte, der böse Knecht der Schlange, hüpfte auf dem einen Hühnerbein bis zu den höchsten Türmen empor, die den Eingang in den finsteren Wohnort der finstern, stolzen, unglücklichen Dämonen, in das Reich der ewigen Qualen, schützten. Und die boshaften Ratgeber der Schlange, die nur Knorpeln statt Knochen haben, kletterten in tollem Spiel einer auf den andern und bliesen und pfauchten, daß der giftige Dunst und Staub, der ihren Mäulern entquoll, durch die Mauern der Hölle bis auf die Erde drang. Und inmitten des wüsten Gewirbels leuchtete wie ein Smaragd das grüne Auge Satans.

Die wächserne Brücke der Prüfungen zwischen Paradies und Hölle und die Brücke der Toten, die über den brausenden Pechstrom führt, brach zusammen. Und die unersättliche höllische Flamme leckte an den Säulen des Himmels.

Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende.

3.

Entsetzen packte die Engel und Erzengel, die Seraphim und Cherubim. Alle himmlischen Heerscharen gerieten in Bewegung.

Hilflos schlossen die Engel ihre unsterblichen Augen.

Wer wird zur heiligen Jungfrau gehn, wer soll ihr die traurige Kunde bringen, wer soll ihr den unerschütterlichen Willen des allwaltenden Gottes mitteilen, der von Ewigkeit den Tod seines Sohnes beschlossen hat?

Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen keinen Trost geben.

Der Herr sprach:

„Du, Gabriel, warst der Bote der Freude. So sei denn heute der Bote des Leids.“

Und Gabriel antwortete:

„Wie soll ich, der ich die große Freude von der Fleischwerdung des Wortes verkündigte, nun seine Kreuzesmarter verkündigen?“

Und der Herr sprach:

„Du, Michael, du Führer der himmlischen Heerscharen, der du im Namen des Allmächtigen mit deinem Speer deinen großem Bruder Lucifer trafst, du Sieger, gehe hin und bring ihr die Kunde. Du wirst als Kriegsmann den Schmerz leichter tragen.“

Und Michael antwortete:

„Mein Arm hat den Stolzen geschlagen; ich bin stark im Kampf gegen Gewalt und Macht, aber nicht gegen Demut und Leid.“

Da sprach der Herr:

„Du, Rafael, der du deine Hand hilfreich aller Kreatur entgegenstreckst, du Fürsprecher vor dem Antlitz des Allgegenwärtigen, — gehe hin und hilf dem ewigen Willen, daß die Marter des Wortes kund werde der, die das Wort geboren hat.“

Und Rafael antwortete:

„Ich bin das Werkzeug der Liebe Gottes, ich bin der Trost der Leidenden, — soll ich der größten aller Frauen Schmerz bereiten?“

In Angst und Schmerz bebten und rauschten die weißen Flügel. Tränen traten in die sonnenklaren Augen.

Hätte doch lieber der Herr seinen Engeln, den sanften, zornigen oder gnädigen, befohlen, die Seele der heiligen, ewigen Jungfrau aus der Gefangenschaft des Leibes zu befreien!

Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen keinen Trost geben.

4.

Ein kleines Vöglein war hoch zu den Wolken empor geflogen. Ein Hänfling war’s, der seinen Durst aus einem frischen Waldquell gestillt hatte. Er vernahm, was die Engel redeten, und flog eilig wieder zur Erde hinab, zum Hause, in dem die Mutter des Heilands wohnte.

Er setzte sich aufs Fenster und zwitscherte traurig, den sonnenbeschienenen Hals hin und her drehend.

Da schlug die heilige Jungfrau die Augen auf.

Sie erhob sich und fiel gleich wieder auf die Bank zurück.

Ein Augenpaar, weiß vor Verzweiflung, ohne Lider, blickte sie aus dunkeln Höhlen an: Judas Ischarioth, einer der zwölf Jünger Christi, der den Meister verraten hatte, stand vor dem Fenster.

Traurig zwitscherte der Hänfling, das graue, einfältige Vöglein.

Und ein Schauer überlief die heilige Jungfrau, ihr Herz ahnte, was geschehen sollte. Sie sprang auf und stürzte zur Tür.

„Maria,“ trat ihr an der Schwelle ein anderer Jünger entgegen, der Liebling des Meisters, Johannes, „Maria, wo ist dein Sohn, wo ist unser Herr und Meister?“

Und die Straße entlang, am Hause vorbei, an den Fenstern vorbei, ging der Zug, der den Heiland zur Schädelstätte geleitete.

Freiwillig ging er in den Kreuzestod . . .

Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat? Wer beschützt sie, wer hütet sie in der finstern Nacht? Zu wem soll sie gehen?

Erschreckt durch das Lärmen, Pfeifen und Schreien, war das Vöglein davon geflogen. Der bittre Schmerz preßte dem Johannes die Lippen zusammen. Wer wird sie trösten?

Allein war die heilige Jungfrau geblieben, allein, wie das Gras, das Rosseshufe zerstampft haben.

Halb von Sinnen warf sie sich auf den Boden. Und dann

Und als sie ihren Sohn sah, zerriß sie ihren Schleier.

Bittre Tränen brannten ihre Augen. Ihr Herz blutete, es suchte einen Ausweg und fand keinen. Und sie schlug sich an die Brust, zerkratzte ihre Wangen, raufte ihr Haar.

Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die heilige Jungfrau hinter ihrem Sohn her.

„Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen I“

Das schwere Kreuz drückte seine Schultern. Seine Knie knickten unter den Schlägen zusammen. Mit jedem Schritt beugte er sich tiefer und tiefer zur Erde nieder.

Und die Last ward ihm zu schwer, und er fiel hin.

Der kräftige Simon von Kyrene, der hinter dem Heiland in der Menge ging, trat vor, nahm das Kreuz auf seine Schulter und trug es.

Die Menge pfiff. Steine flogen. Ein Wind erhob sich, wirbelte Staub auf, blies ihn den Leuten in die Augen, daß sie kaum sehen konnten.

„Freue dich, König der Juden!“ spotteten sie des Gepeinigten und trieben ihn mit Stößen vorwärts.

Und nicht Tränen — Blut rann seine Wangen hinab. Kein heiles Fleckchen war mehr an seinem Leibe.

Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verlor? Wer beschützt sie, wer hütet sie in der finstern Nacht?

Man sagt zu ihr: „Geh nach Hause!“

Wer aber zeigt ihr jetzt ihr Haus? Wer stillt, wer bändigt ihren Schmerz, wer gibt Antwort auf die Seufzer ihres Herzens?

Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die heilige Jungfrau hinter ihrem Sohne her.

„Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen!“

5.

Als sie ihn ans Kreuz geschlagen hatten, strömte das Blut aus seinen Wunden.

Und der Boden unter dem Kreuz wurde rot.

Trostlos stand die heilige Jungfrau unter dem Kreuz und neben ihr Johannes, des Meisters Lieblingsjünger.

Schwer litt der Heiland. Sie sah es und konnte ihm nicht helfen.

Er bat zu trinken. Sein Herz verging in bittrer Pein.

Und sie konnte ihn nicht tränken, denn sie wagte nicht von dem Kreuze fortzugehn. Sie fürchtete, er könnte in ihrer Abwesenheit sterben.

Und der Himmel verfinsterte sich.

Gewitterwolken türmten und ballten sich am Himmel. Eine tiefschwarze Wolke hing über der Stadt. Und Funken sprühten über der Stadt, als brenne oben in den Wolken ein mächtiger Feuerherd.

Das Gesicht des Heilands am Kreuz verzerrte sich. Es war ganz bleich.

Die Haare klebten an der Stirn.

Und seine Stimme ertönte vom Kreuze:

„Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Und das Blut rann über sein Antlitz und verschloß ihm den Mund.

Und sein Haupt senkte sich auf die Brust.

Und am andern Ende der Stadt Jerusalem, im Garten der Magdalena, hing an seinem Ledergürtel bis tief zur Erde herab Judas, der den Herrn verraten hatte. Die verzweifelten weißen Augen ohne Lider blickten aus ihren dunkeln Höhlen auf die schwere Erde und sein Mund war voll Erde.

Das Herz der unglücklichen Mutter ward entzweigerissen. Es schmolz, wie rote Kohlen, es glühte und brannte.

Schon schwebte ein Rabe über dem Kreuz.

Wie schmelzendes Pech glänzten die Rabenfedern, wie helle Wachskerzen brannten die starren Rabenaugen.

„War es denn eine Unglücksnacht, in der du geboren wardst, du mein Herr und mein Sohn, Jesus?! Du Unsterblicher, der die Toten auferweckte! Und nun sehe ich, daß der unerbittliche Tod auch dich rauben will! Du konntest ihm nicht entgehn! O mein geliebter Sohn, o mein Jesus, um wen mußt du leiden, für wen nimmst du den Tod auf dich? An das Holz sind deine Hände geschlagen, deine Zunge ist stumm!“

Jesus hob sein heiliges Haupt und sprach zu seiner Mutter:

„Weine nicht um mich, Maria, meine Mutter, habe Geduld. Die Seele verläßt den Leib, ich will meinen Geist dem Vater befehlen. Ich gebe dir den Johannes an meiner Statt, sei du ihm Mutter, er wird dein Sohn sein.“

Bitter sprach die heilige Jungfrau:

„Kann ich den Schöpfer für das Geschöpf hingeben? Wo gehst du hin? Und wie soll ich leben ohne dich? Wem lässest du mich? Nimm mich mit! Laß auch mich sterben! Ich leide bittre Pein! Mein Herz bricht.“

Und einer weißen Birke gleich beugte sich die heilige Jungfrau auf die Steine vor dem Kreuz hernieder und bat und flehte um den Tod.

Sie mochte die Menschen nicht sehn, mochte das Licht nicht schauen, sie wollte sich nicht wieder erheben.

Entzweigerissen war das Herz der unglücklichen Mutter. Es schmolz wie rote Kohlen, es glühte und brannte.

6.

Drei Stunden waren vergangen, seit man ihn grausam ans Kreuz geschlagen zu ewigem, bösem Gedächtnis und Unheil des jüdischen Volkes.

Drei Stunden hing er, der die Erde geschaffen, über seiner von Ewigkeit freien Erde.

Alle Schmerzensschreie, alle Seufzer, die je auf Erden laut geworden, oder die bis zum jüngsten Tage noch lautwerden

Und er schrie zum Vater und es ward Nacht vor seinen Augen.

Und Finsternis senkte sich auf die Erde herab.

Das Licht erlosch. Die Sonne erstarrte, in Finsternis gehüllt. Die Sterne blitzten auf, zitternd, wie Smaragde, und erloschen. Der Mond verbarg sich in einer Wolke, auch er ward bleich. Und die Erde erbebte. Flüsse und Seen traten aus ihren Ufern. Das Gras auf den Feldern ging in hohen Wellen. Aus dem rauschenden Schilf flogen erschreckte Wildgänse und Schwäne empor. Die Wälder brausten. Die Bäume bogen sich zur Erde. Blätter fielen von den Zweigen. Das trockne Unterholz brach.

Wie ein verglimmendes Holzscheit im Feld lag die heilige Mutter Gottes unter dem Kreuz.

Und das Grauen ging über die Erde.

Die Toten vom Friedhof gingen nach der Stadt. Die Toten mengten sich an den Kreuzwegen unter die Lebenden.

Kalt wehte die Luft.

Es fror.

Und in der Finsternis flog etwas umher, brummte und zischte. Und immer heftiger wehte der Wind. Es dröhnte und hämmerte, als ob irgendwo Eisen geschmiedet würde. Es weinte und seufzte, als ob ein Mensch getötet würde. Feurige Pfeile flogen den Himmel entlang und verschwanden wieder. Und es war, als peitschte eine unsichtbare gewaltige Geißel die zitternde Luft.

Und von einem Ende zum andern erbebte der Tempel. Der Vorhang vor dem Allerheiligsten riß mitten entzwei. Die Steine bröckelten ab. Und alle Kreatur stöhnte auf.

Tiere, Vögel, Felder, Wälder, Sümpfe, Gräser, Blumen, Sträucher, Bäume, Wasser und Steine, — alle Kreatur stöhnte, und die heilige Mutter Gottes weinte:

„Herr, vergib ihnen, sie wußten nicht, was sie taten!“

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