Jay-hawkers. (continued 3)
Reading edition
Und waren sie dem Buben denn wirklich endlich einmal auf der Fährte? – Er mußte es sein – ein Irrthum ließ sich nicht mehr denken. Er hatte die beiden Backwoodsmen, wie er sie da zum Weiterritt schon gerüstet fand, erkannt und wußte, was ihm drohte, wenn er in ihre Hände fiel. – Wären sie nur gleich zu seinem Haus geritten, so lief er ihnen dort selber in das Garn – nein, blind und toll mußten sie die falsche Fährte annehmen, die er ihnen gegeben, und jetzt hatten sie ihm sogar Zeit gelassen, seinen Raub zusammenzuraffen und in die Wildniß hineinzureiten. – Aber ein Trost blieb ihnen – ein grimmer Trost, denn nicht plötzlich und unerwartet war der Verbrecher in ihre Hände gefallen und bestraft, nein, er mußte jetzt erst die Qualen des Verfolgten leiden. Er wußte die Rächer auf seinen Fersen, wußte, welches Schicksal ihm bevorstand, wenn nur sein Pferd strauchelte oder das Geringste ihn aufhielt, und kannte die Männer, die nur das eine Ziel haben konnten, seinen Tod, oder sie wären ihm nicht mit solcher Hartnäckigkeit selbst bis in diesen entlegenen Theil der Union gefolgt.
Erbarmen? – er hatte es nie gezeigt, also auch nicht zu hoffen und nur sein flüchtiges Thier konnte sein Schicksal noch hinausschieben – wahrlich nicht mehr ändern, denn nun, auf der frischen Fährte, ja den Buben fast in Sicht, dachten seine Feinde nicht daran, die einmal begonnene Verfolgung je wieder aufzugeben.
Noch an den Grenzen der Stadt begegneten diese einigen Deutschen, die theils aus dem Walde, theils von anderen Ansiedlungen vielleicht herüber kamen und erschreckt zur Seite bogen, als sie auf die wie rasend an ihnen vorbei sprengenden Männer trafen. Waren das die Räuber, die man in den letzten Tagen gejagt? – Aber voran ritt ja der Amerikaner, dessen Schwiegervater man gerade ermordet, während man die andern beiden gar nicht kannte. Floh er vor diesen, oder verfolgten sie alle ein und dasselbe Ziel? – Ehe sie sich aber nur denken oder vermuthen konnten, was hier vorgehe, waren die drei Reiter, die sich in längeren Zwischenräumen von einander hielten, auch vorbeigebraust, und diese drehten nicht einmal den Kopf nach ihnen um.
John und Jim hatten allerdings vollkommen ausgeruhte und auch zähe und kräftige Thiere, aber es zeigte sich trotzdem bald, daß sie keinen Fuß breit an dem Fuchs gewinnen konnten, den Hendricks ritt und der, von seinem Reiter nur noch zu rasenderem Lauf gespornt, wie ein Pfeil mit ihm über den Boden flog.
John behielt ihn allerdings noch, so lange sich die Straße fortzog, im Auge, oder kam wenigstens dann und wann wieder in Sicht von ihm, und einmal, als Hendricks zuerst einen ziemlich abschüssigen Hang erreichte, an dem er nicht so rasch hinabreiten konnte, schien es seinem Verfolger auch, als ob er an ihn gewönne. Aber unten lag wieder ebener Boden und der Fuchs benutzte den nach besten Kräften – ja der Weg zog sich hier mehr links in den Wald hinein und in dessen Schatten verschwand bald darauf der Reiter; deshalb entging er aber freilich seinem Verfolger noch nicht, denn hier war der Boden nicht, wie in der Nähe der Stadt, von den Hufen anderer Pferde zerstampft. Die Spuren prägten sich deutlich oder doch wenigstens erkennbar, dem Boden ein, und einen besseren Nachsucher auf einer Fährte als John Wells, gab es nicht in dem weiten Wald.
John ritt dabei ein besseres Pferd als Jim Jenkins, der auch bald merkte, daß er mehr und mehr zurück blieb, aber trotzdem folgte er den voran eingedrückten Fährten und wußte, daß er bei der geringsten Zögerung seines Feindes rasch das Versäumte wieder nachholen konnte.
So hatte diese wilde Jagd wohl sechs volle Stunden gedauert und einen Waldweg gab es schon lange nicht mehr – nur noch einen Pfad, der sich durch die Wildniß zog, aber dafür auch in dem abgefallenen Laub nur soviel deutlicher die Spuren zeigte. Die Thiere konnten vor Erschöpfung kaum noch weiter, aber immer wieder trieb sie der scharfe Sporn zu neuen Anstrengungen, und Jim besonders, der jetzt eine gute Strecke zurückgeblieben, fühlte, wie sein Thier anfing, zu ermatten.
Da erreichte er eine Stelle, an welcher sich der Pfad theilte. John selbst hatte keinen Moment dort gezögert, denn sein scharfes Auge erkannte die rechts abführende Spur sogleich und folgte ihr ebenso rasch. Jenkins dagegen zügelte sein Thier ein und als er sich der rechten Spur vergewissert hatte und es weiter treiben wollte, konnte es nicht mehr von der Stelle. So lange es in Gang geblieben, wäre es wohl fortgerannt, bis seine Kräfte vollständig erschöpft waren und dann wahrscheinlich mit einem Schlag zusammengebrochen; jetzt aber, wo die angestrengte Kraft und Erregung der Muskeln, wenn auch nur für wenige Minuten, bei dem todtmüden Thiere nachließ, war es nicht möglich, sie wieder von Neuem zu beleben. Es strauchelte und knickte in die Knie, wollte sich noch einmal emporraffen und stürzte dann auf die Seite nieder, wo es liegen blieb und alle viere von sich streckte.
Jenkins fluchte still und erbittert vor sich hin, aber an der Sache war weiter nichts zu ändern, und das Pferd jedenfalls zu fernerem Gebrauch, wenigstens in der nächsten Zeit unnütz. Nur das Einzige blieb ihm zu thun, den Spuren so rasch als irgend möglich zu folgen.
Allerdings hatte er eine Strecke zurück, seitwärts vom Weg eine kleine Farm gesehen. Sollte er sich dorthin wenden und um ein frisches Pferd bitten? wer hätte es ihm aber geborgt, kaufen konnte er sich keines, und wie viel Zeit verlor er ohnedies damit. Dagegen lag die Möglichkeit vor, daß er noch später eine Hütte im Wald oder vielleicht selber Pferde traf – das erste beste und wenn er es hätte stehlen sollen, er fühlte sich nicht in der Stimmung, besonders wählerisch zu sein, und mit dem Gedanken war sein Entschluß gefaßt.
Ohne Zögern sattelte er sein marodes Thier ab trug den Sattel in den Busch und verdeckte ihn dort mit Laub und Reisig – die Stelle war, an dem getheilten Pfad, leicht wieder zu erkennen. Dann nahm er den Zaum, hing sich denselben um und folgte nun, die Büchse auf der Schulter, zu Fuß den, deutlich genug in den Boden eingedrückten Spuren. Kaum eine Stunde mochte er aber so gewandert sein als der mehr und mehr verschwimmende Pfad an einer breiten Waldwiese vollständig aufhörte, oder sich vielmehr hier nach allen Seiten auszweigte. Es war ein gewöhnlicher Kuh- oder Wildpfad, wie sie sich so häufig im Wald finden und das Ziel desselben schien dieser Weidengrund – ein etwas tief liegender feuchter Wiesenplan zu sein.
Ueber denselben hin waren die Hufe der galoppirenden Pferde auch noch deutlich – ja sogar deutlicher als bisher zu erkennen. Weiter aber schien sich der Verfolgte mehr links und einem kleinen Höhenzug zugewandt zu haben; er hatte wenigstens plötzlich und in einer scharfen Biegung seinen Cours geändert. John konnte ihm aber dabei nicht in Sicht gewesen sein, denn er würde sonst jedenfalls diese Biegung abgeschnitten haben. Das war nicht geschehen, sondern seine Spuren blieben, wie bisher oder doch überall, wo es der Weg erlaubte, links neben denen des Flüchtigen sichtbar. Er war ihm also bis dahin nicht näher gekommen, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach sogar noch eher weiter zurückgeblieben.
Jenkins hielt sich aber nicht lange bei Vermuthungen auf. Weiter ging die Jagd. Der Schweiß lief ihm in Strömen an der Stirn nieder, aber er zögerte auch nicht einen Moment in seinem Schritt.
Das Terrain wurde hier felsig und hatte die Reiter jedenfalls aufgehalten, denn wild zerstreut lagen große und kleine Granitblöcke über dem ganzen Abhang. Wie er aber wieder zu Thal lief, sah er einen, wenn auch nicht sehr breiten, doch ziemlich tiefen Bergstrom mit vollkommen klarem Wasser zu seiner Linken, den die beiden Reiter angenommen hatten. – Und sollte er selber da hindurch. Das Wasser war, wie er die Hand hinein hielt, eisig kalt; kam ihm wenigstens so vor, und er in Schweiß gebadet – er konnte den Tod von einer solchen Schwimmpartie haben. Doch nur ein Gedanke beseelte ihn: der der Rache, den Feind wollte er erreichen und was ihn selber betraf, vergaß er ganz. Nur Büchse und Kugeltasche nahm er in die linke Hand, um sie trocken zu halten, und warf sich ohne Zögern in den Strom.
Einen anderen Menschen hätte vielleicht unter solchen Umständen der Schlag gerührt; dem zähen Backwoodsman schadete das kalte Bad nicht allein Nichts, sondern es erfrischte ihn sogar nach dem heißen Lauf. Drüben angekommen war auch sein erster Blick nach den Spuren der Pferde – aber was war das? – nur die Hufe eines Pferdes und zwar Johns, dessen Spuren er genau kannte, sah er hier dem Boden eingedrückt – und herüber und hinüber gingen sie, als ob er selber nicht gewußt habe, welche Richtung er einschlagen sollte – oh wie viel kostbare Zeit mußte er damit verloren haben – weshalb hatte er sich nur nicht gleich stromab gewandt. Der Flüchtige konnte ja gar nicht gegen die Strömung angeschwommen sein.
Er selber suchte augenblicklich nach dieser Richtung zu, mußte aber eine lange Strecke am Ufer hinabwandern ehe er die Stelle fand, wo der gehetzte Räuber wieder an Land gegangen war, und erst als er hier den Spuren eine Weile gefolgt war, sah er, daß John die Fährte ebenfalls wieder aufgenommen hatte.
Jetzt kam ein weites rauhes Terrain von Stein und Kies, wo man die Spuren kaum erkennen konnte, und hier plötzlich theilten sie sich, ohne daß Jim im Stande gewesen wäre, die Ursache zu errathen, denn so deutlich war die Fährte immer geblieben, daß sie John nicht verlieren konnte. Und welches war jetzt Johns Pferd gewesen, denn auf den Steinen ließ sich kaum hier und da ein schwaches Zeichen erkennen. Er begriff das Ganze nicht und wählte endlich die links abführende Fährte, die ihn aber eine Weile in gerader Richtung abführte, dann rechts einbog, wieder links hinüber hielt und dann noch einmal einen andern Cours nahm.
Jetzt kam er auch auf weichen Boden und den Büchsenkolben stieß er verzweifelnd vor sich in die Erde – denn er hatte John's Fährte angenommen und der Verbrecher war jedenfalls entkommen.
Was nun thun? – Daß John den Wald hier nur auf gut Glück, bald herüber, bald hinüber abgesucht, war ihm klar genug, aber er begriff nicht, daß John hier die Fährte verloren haben konnte. Es gab ja keinen besseren Waldmann am ganzen Fourche-la-Fave. Sollte er jetzt zurück und an dem Bergstrom die andere Spur aufnehmen? Dadurch erhielt der Flüchtige einen Stunden weiten Vorsprung und dann – konnte er überhaupt noch fort? Die Sonne neigte sich schon dem Horizont und jetzt, da er endlich still stand, fühlte er erst, wie furchtbar müde er selber geworden war.
Die Knie fingen ihm an zu zittern, ein Frösteln lief über seinen ganzen Körper und er mußte sich unter einen Baum legen, um nur etwas auszuruhen. Menschliche Kräfte hielten es eben nicht länger aus.
So lag er etwa eine halbe Stunde, aber der Frost trieb ihn wieder in die Höhe, denn die nassen Kleider an seinem Körper kälteten ihn zu sehr. Er konnte auch wieder marschiren, denn die kurze Rast hatte wenigstens genügt, ihn in etwas aufzufrischen. Eine Zeitlang folgte er auch noch Johns Spuren, um doch vielleicht mit diesem wieder zusammen zu treffen, aber er mußte das bald als ein vergebliches Mühen aufgeben, denn nur zu deutlich sah er, daß dieser keine feste Richtung gehalten habe und trotzdem noch immer in wilder Eile fortgejagt sei. Brach aber die Nacht an, so verlor er die Fährten, die sich überhaupt nur sehr schwach auf dem Felsenboden zeigten, doch aus den Augen – ja er war jetzt schon unsicher geworden, ob er noch die richtige hielt. Hier herum hatten sich jedenfalls eine Anzahl Pferde auf der Weide herumgetrieben und als er der einen Spur noch eine Weile folgte, traf er mitten im Wald einen alten lahmen Schimmel, der sich ruhig an einem dünnen Baumstamm die Seite rieb.
Es war vorbei – nicht einmal die Hoffnung konnte er mehr hegen, daß John wenigstens allein sein Ziel erreicht habe, und durch das viele Hin- und Herziehen irre gemacht, wußte er kaum selber mehr, wo er sich befand, viel weniger denn, wo er einen Andern suchen sollte. An der untergehenden Sonne konnte er aber doch die Himmelsrichtung erkennen, und beschloß nun seine Bahn nach jenem letzten Hause zu nehmen, dessen Fenz er im Vorbeijagen gesehen – möglich, daß ihn John dort ebenfalls aufsuchen würde, und that er das nicht, so wollte er zurück nach Blumenthal kehren und ihn dort erwarten.
Elftes Kapitel. Die Ueberraschung.
Jim war todtmüde geworden und hätte sich gern gleich da, wo er stand, zum Schlafen niedergeworfen, aber der Durst peinigte ihn außerdem; er mußte jedenfalls Wasser suchen, und hielt deshalb, da er sich von dem Fluß zu weit entfernt hatte, über den nächsten Hügelhang hinüber, an dessen anderer Seite er einen Bach anzutreffen hoffte. Dort konnte er auch ein Feuer anzünden, um sich zu trocknen, und etwas Brot und Fleisch trug er ja in seiner Kugeltasche bei sich.
Das Terrain war hier außerordentlich steinig. Es sah fast so aus, als ob sich irgend ein Riese den Spaß gemacht habe, Tausende von kleinen Felsblöcken über das weite Land auszustreuen, so dicht lagen sie beieinander, und zu Pferde wäre hier überhaupt schwer durchzukommen gewesen. Langsam schritt er dazwischen hin, traf endlich auf ein paar feuchte Stellen, an denen sich etwas Wasser gesammelt hatte, und kniete bei einer derselben nieder, um sich wenigstens erst einmal satt zu trinken. Es war auch die höchste Zeit gewesen, denn die rothen Abendwolken verriethen schon den Untergang der Sonne und das rasch eintretende Dämmerlicht legte sich über den Wald.
Er trank lange und um Athem zu holen, hob er endlich den Kopf, zuckte aber bis in jeden Nerv seines Körpers zusammen, denn kaum hundert Schritt von ihm entfernt – oh, nicht so viel, es konnten kaum mehr als achtzig sein, da die Dämmerung die Entfernung vergrößert, sprang ein Mann, eine Büchse in der Hand haltend, rasch über den hier ziemlich offenen Plan von einem Stein zum andern. Seine Richtung aber lag dem nicht weit davon wieder höher und dichter werdenden Holze zu, und Jim erkannte auf den ersten Blick seinen Feind. Es war Hendricks.
Fast krampfhaft griff er, in seiner gebückten Stellung verharrend, nach der neben ihm liegenden Büchse; aber wie hätte er jetzt, in schon halber Dunkelheit, sein Ziel treffen wollen; und die Glieder flogen ihm dabei, wie in Fieberfrost.
Hendricks konnte ihn da, wo er mit seinem dunklen Kopf kaum über die fast gleichfarbigen Felsstücke heraussah, nicht erkennen, schien auch kaum die Nähe eines Menschen hier zu fürchten, sondern nur allein darauf bedacht zu sein, keine Fährten mehr zu hinterlassen, was ihm auch auf den Steinen vollkommen gelingen mußte.
Wie in aller Welt hatte er John überlistet? – war sein Pferd ebenfalls gestürzt oder vielleicht absichtlich an einer Stelle aufgegeben, wo er seine eigenen Fährten gut verbergen konnte? Aber wild und verworren zuckten solche Fragen durch des jungen Backwoodsmans Hirn, und mit heftigen Schlägen klopfte ihm das Herz in der Brust, denn an ihm vorüber floh der Bube und wenn er jetzt im Wald verschwand – Langsam und vorsichtig, mit so wenig als möglich Bewegung, hob er seine Büchse und suchte sie auf einen der Felsblöcke zu bringen; aber der vor ihm liegende war zu niedrig – er konnte nicht darauf zielen; – er kroch etwas weiter nach rechts hinüber. Dort sah er einen passenden Platz, aber Hendricks, mit keiner Ahnung in welcher Gefahr er sich befand, sprang leichtfüßig von einem Stein zum andern und ehe Jenkins nur die Büchse an die Backen und den Feind auf's Korn bekommen konnte, war er in dem Gestrüpp, wenn auch nicht verschwunden, doch so in den immer stärker werdenden Schatten gekommen, daß ein richtiges Ziel zur Unmöglichkeit wurde. Einen gewissen Schuß mußte Jim aber haben oder der Verbrecher war nicht allein gewarnt und dann auf immer für ihn verloren, sondern er war auch viel stärker bewaffnet, als er selber. Jim hatte nur die eine Kugel im Rohr, Hendricks dagegen, außer seiner Büchse noch wenigstens einen sechsläufigen Revolver im Gürtel, und nur sein böses Gewissen oder seine natürliche Feigheit mußten ihn, bei seiner Uebermacht der Waffen, selbst beiden Verfolgern gegenüber, zur Flucht getrieben haben.
Jim sah sich jetzt, da wo er gerade lag, durch einen ziemlich hohen Felsblock gedeckt. Er wartete noch einen Moment und da Hendricks nicht auf der anderen Seite desselben wieder zum Vorschein kam, glitt er wie eine Schlange über den Boden und zu jenem Felsen hin, an dem er sich, die Büchse aber zum augenblicklichen Gebrauch im Anschlag, langsam emporrichtete, um darüber hin sehen zu können. Er schrak aber ordentlich zusammen, denn dort – kaum zwanzig Schritt mehr von ihm entfernt und an der nämlichen Quelle, an der er, etwas weiter unten getrunken, lag Hendricks – ebenso verdurstet wie er selber und ihm den Rücken zukehrend. Im Nu hob sich auch Jenkins Büchse und sein Auge suchte das Korn – aber es war nicht mehr möglich. Er selber stand hier vollständig gedeckt unter einem dichten Dogwood-Busch, und dort der Trinkende lag ebenso im tiefen Schatten, daß er wohl noch die Gestalt erkennen, aber nicht mehr darauf zielen konnte. Und selbst, wenn er es gekonnt hätte, sollte er den Buben mit einer Kugel tödten – ihn seiner selbst unbewußt von der Erde nehmen, der ihm so entsetzliches Weh angethan?
Jetzt hob sich die Gestalt vom Boden auf, und wieder suchte Jenkins' Auge das Korn seiner Büchse zu fangen; da sah er, wie Hendricks, der sich hier vollkommen sicher glauben mußte, seine Büchse nahm und an einen Baum lehnte, den Blick noch einmal vorsichtig umherwarf und dann alle Anstalten machte, als ob er dort, wo er sich gerade befinde, etwas ausruhen wolle. Die Nacht war eingebrochen, die Sterne traten heraus, und nur bei ihrem Schein konnte Jim erkennen, wie der wahrscheinlich ebenfalls zum Tod Ermüdete sich Laub unter dem nächsten Baum zusammenschob, um sich ein nur einigermaßen trockenes Lager herzurichten. Natürlich wollte er nicht im Dunkeln marschiren, wo er einer ihm drohenden Gefahr nicht hätte ausweichen können.
Jim Jenkins blieb unbeweglich hinter seinem Stein liegen, denn daß er selber dort keine Gefahr lief, entdeckt zu werden, wußte er gut genug. Er sah, wie sein Opfer noch einmal in langen Zügen trank und sich dann endlich, die Büchse und den Revolver neben sich, auf das Laub, das er rascheln hörte, niederwarf. Er war selber todtmüde gewesen, aber er dachte nicht mehr an Schlaf und überlegte sich nur jetzt, wann der Mond herauskommen müsse, um ihm zu seinem weiteren Handeln zu leuchten.
Gestern war der Mond ziemlich spät aufgegangen – wohl erst um neun Uhr – heute kam er noch später und ehe er nicht ziemlich hoch stand, konnte er Nichts beginnen – aber was that das. Und wenn er hätte zwölf Stunden da liegen sollen, er würde nicht gemurrt haben, glaubte er sich doch jetzt seiner Rache sicher. So regungslos wie der kalte Stein selber, an den er sich lehnte und ebenso erbarmungslos hielt er, als er selbst nicht mehr die Umrisse des Feindes in dem Dunkel erkennen konnte, die Augen noch immer fest auf den Platz gerichtet und horchte, mit Anspannung aller seiner Kräfte, dem geringsten Geräusch, was von dort zu ihm herüberdrang.
Hendricks mußte unruhig schlafen; er warf sich auf seinem Laubbett herüber und hinüber. War etwa der auf ihm haftende Blick seines Feindes daran Schuld? Jim dachte selber daran und wandte ihn ab, aber kein Rascheln eines Blattes entging seinem scharfen Ohr.
So stand er, oder lag halb an dem Felsen, viele Stunden lang – dort drüben war Alles ruhig geworden – endlich, endlich ging der Mond auf, stand aber noch viel zu tief hinter den Bäumen, um hell genug zu leuchten. Jenkins erwartete seine Zeit mit fast übermenschlicher Geduld und rührte sich nicht eher, als bis Mitternacht schon lange vorüber sein mußte, und jetzt rüstete er sich zum Handeln.
Geräuschlos streifte er Alles ab, was ihn an seiner freien Bewegung hindern konnte, selbst die Kugeltasche, Jagdhemd und Leggings – die Nacht war ziemlich kalt, aber ihn fror nicht, der Kopf brannte ihm sogar wie in Fieberhitze. Jetzt war er soweit fertig und nur nach seiner Büchse sah er noch, und setzte ein frisches Zündhütchen auf, daß sie ihm nicht im entscheidenden Moment versagte. Dann aber, wie ein Panther auf seine Beute, und ebenso mordgierig, ebenso geräuschlos verließ er den Stein, hinter dem er sich bisher verborgen und glitt auf sein Opfer zu.
Schlief Hendricks? – Er wußte es nicht. Lag er wach und hörte den Anschleichenden, so war es um ihn geschehen, aber was kümmerte ihn die Gefahr, in der er sich befand. Rache wollte er, Rache an dem Mörder seines Vaters und mit keinem Gedanken weiter, aber auch mit jeder nur möglichen Vorsicht, schlich er näher und näher an sein Opfer hinan, immer wieder horchend, ob er das Laub nicht könne rascheln hören. – Aber Alles blieb ruhig wie das Grab – ja, jetzt tönte schon deutlich das langsam schwere Athmen des Schlafenden zu ihm herüber.
Aber war das nicht etwa Täuschung? stellte sich der Bube nicht vielleicht nur schlafend und lag, mit gespanntem Revolver des Nahenden harrend? Vorwärts! Jetzt konnte er die ausgestreckte Gestalt deutlich im Licht des Mondes, der gerade einen Strahl durch die Baumwipfel warf, erkennen. Neben ihm blitzte etwas – es war der Revolver, auf dem seine Hand ruhte – die Büchse lag ebenfalls zum Griff bereit.
Jim zögerte einen Augenblick – aber auch nur einen – jetzt war er neben dem Schlafenden – geräuschlos legte er die eigene Büchse neben sich auf das Gras nieder, von dem Hendricks selber das Laub weggescharrt – ein Griff nach dem Revolver mit der linken Hand, und wie der Mörder wild und entsetzt durch die Berührung emporfuhr, traf ihn ein mit aller Wucht geführter Faustschlag Jims so kräftig gegen den rechten Schlaf, daß er bewußtlos und wie todt auf das Laub zurücksank. – Es wäre besser für ihn gewesen, er wäre todt geblieben.
Jim, den Revolver neben sich legend, warf sich auf ihn, riß aus seiner Tasche ein Stück derbes Seil, wie es meist alle Jäger bei sich führen, und schnürte ihm damit die Hände auf den Rücken – jetzt erst hatte er ihn sicher und nur der eine Wunsch drängte sich über seine Lippen: Oh, wäre John jetzt hier! – Aber dem Gedanken gab er sich nicht weiter hin, denn wer wußte wo der Freund jetzt war. Die Schnur reichte noch gerade aus, um den Gefangenen an einen jungen Stamm anzubinden. Nicht weit davon stand ein niederer Dogwood, dorthin schleppte er ihn und hatte sich seiner vollkommen versichert, als der bis dahin vollständig Bewußtlose seine Besinnung wieder gewann.
Aber er kümmerte sich in dem Augenblick gar nicht um ihn – und zu dem Felsblock sprang er, um von dort seinen Zügel herüber zu holen und als er jubelnd wieder zurück zu dem Gefangenen eilte, hatte sich Hendricks halb auf seinem Ellbogen aufgerichtet und starrte ihn mit stieren entsetzten Blicken an.
»Jenkins« – war Alles was sich seiner Brust entrang – »oh mein Gott!«
»Ja ruf Deinen Gott an, Schuft,« lachte aber der junge Backwoodsman, ingrimmig zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. »Der, zu dem Du betest, ist der Teufel, der Dich so lange beschützt hat – aber Deine Zeit ist um. Du siehst die Sonne nicht wieder.«
»Jenkins,« sagte Hendricks mit leiser, heiserer Stimme, »Ihr wollt mich doch nicht hier in der Nacht mit kaltem Blut morden.«
»Gerade recht mahnst Du mich an das kalte Blut, mit dem Du meinen armen alten Vater und den alten Wells, Rankins Hogan und viele Andere ermordet hast. Scheusal wie es kein zweites die Welt trägt – aber Deine Zeit ist um; Erbarmen hast Du von mir nicht zu hoffen.«
»Jenkins,« stöhnte Hendricks – »ich bin reich – ich habe bei Blumenthal viel Geld vergraben – es soll Alles Euer sein, wenn Ihr mich nur dorthin führt, und ich bleibe ja doch in Eurer Gewalt.«
»Dein Blutgeld, nicht wahr, um das Du auch wohl den armen Deutschen ermordet?« – knirschte Jim – »Deine Zeit ist um und Bitten oder Versprechungen helfen Dir nicht mehr.«
Noch während er sprach hatte er den starken Zügel von dem Gebiß gelöst und eine Schlinge daraus geformt. Jetzt sah er zu dem Dogwood auf – einer der Aeste zog sich gerade etwa hoch genug über dem Gefangenen hin und so, daß er ihn bequem erreichen konnte. Hendricks suchte mit der Kraft der Verzweiflung die Bande, die ihn hielten, zu zerreißen und Jim hielt dabei vorsichtig den Revolver in der Hand – doch das Seil hielt; er schob die Waffe wieder in den Gürtel zurück, und ging dann kaltblütig daran, den Riemen über den Ast zu werfen und zu befestigen.
»Jenkins,« flehte Hendricks, »seid ein Mensch! Um Gottes Barmherzigkeit willen mordet mich nicht hier im dunklen Wald – o, laßt mich nur leben, bis der Tag anbricht, nur noch eine Stunde, um meine Sünden zu bekennen. Ich habe viel verbrochen. – Ihr müßt mich hören.«
»Ich weiß genug von Dir mein Bursche,« sagte der junge Backwoodsman trocken, »um Dir zehnfachen Tod zu sichern – komm! Du weißt, daß Du verloren bist und selbst der Teufel, Dein Cumpan, könnte Dich nicht mehr retten. Gieb Deinen Hals gutwillig her, denn ich werde noch genug Mühe haben, Dich da hinauf zu ziehen.«
Er warf ihm dabei die Schlinge um den Hals – und »Hülfe! Mörder! Mörder!« schrie mit gellender Stimme der Unglückliche durch den Wald, indem er sich am Boden wand und krümmte – »Hülfe! Hülfe!«
Jim lachte – aber plötzlich horchte er hoch auf und hielt mit seiner Arbeit inne. »Hülfe!« rief der Gefesselte wieder, und der Schrei wurde beantwortet – in weiter Ferne zwar, aber der junge Backwoodsman konnte genau einen Ruf unterscheiden. – Sollte der Bube wirklich noch Helfershelfer haben, – aber nicht zehn von ihnen hätten sein Geschick mehr wenden können.
Da hörte er wieder einen Ruf und Jim ließ den Riemen fahren, legte die Hände trichterförmig an den Mund und beantwortete selber den Ton. – Das war John's Jagdruf. – Wieder gab er das Zeichen – näher und näher kam der Gerufene – jetzt konnte er ihn schon durch die Büsche brechen hören.
»Ach John! bist Du das?«
»Wo steckst Du Jim – wer schrie da?«
»Hierher – ich hab' ihn!«
Ein gellendes Jubelgeheul, wie es sonst nur ein Indianer ausstoßen kann, schmetterte durch den Wald, und rücksichtslos um Dorn oder Schlingpflanze brach im nächsten Augenblick John durch die Büsche und jauchzte laut auf, als er den Gebundenen am Boden erkannte.
Doch die jetzt folgende Scene ist zu furchtbar, um sie zu beschreiben. Hendricks war in erbarmungslose Hände gefallen und seine verbrecherische Laufbahn zu Ende. Mit der Kraft der Verzweiflung kämpfte er wohl noch eine Weile gegen seine Richter an – vergebens, und bald schien der Mond auf die lang gestreckte, regungslose Gestalt, die an dem Ast des Dogwood-Baumes hing und langsam in der leichten Morgenbrise hin und her schwankte. Und die beiden jungen Leute lagerten so lange bei dem Baume, bis sie sich von dem wirklichen Tod ihres Opfers vollständig überzeugt hatten – dann nahmen sie die Leiche ab, um, wie John Wells meinte, den Wölfen ihr Recht nicht zu entziehen.
John untersuchte auch Hendricks Taschen – er trug drei Uhren, um den Leib einen selbstgenähten Gürtel mit den verschiedenartigsten Schmucksachen und Goldstücken gefüllt, und in der Kugeltasche ebenfalls ein Päckchen Geld, das noch nicht einmal geöffnet schien, wie eine Anzahl loser mexicanischer Dollar.
Seine Waffen nahmen sie ebenfalls und verließen dann nach Sonnenaufgang den schauerlichen Richtplatz, um ihren Weg vor der Hand nach Blumenthal zurückzusuchen – möglich daß sie, in den bei ihm gefundenen Gegenständen, Beweise seines mörderischen Wirkens hatten.
Aber es bedurfte deren nicht mehr. Als sie nach zwei Tagen, die sie gebraucht, um ihre Pferde wieder aufzusuchen, den kleinen Ort erreichten, hatte man schon, auf Peters Veranlassung, Hendrick's verlassene Wohnung untersucht und die zweifellosesten Beweise gefunden, daß er an allen kürzlich dort verübten Morden wenigstens betheiligt gewesen, wenn er sie nicht am Ende gar allein ausgeführt hatte.
Das noch eingenähte Geld hatte übrigens dem alten Fischer gehört, und Catharina selber das Päckchen für ihn zurecht gemacht – ebenso war eine der Uhren die seinige gewesen, wie sich auch sein Trauring unter den Sachen fand.
Was nicht reclamirt wurde, nahmen Jim und John auf ihrem Rückweg nach dem Fourche-la-Fave mit – es war ihr wohlerworbenes Eigenthum, so lange sie nicht die früheren Besitzer auffanden, – aber Jim litt es nicht lange in der alten Heimath, die zur viel der schmerzlichen Erinnerungen für ihn trug. Auch John zog von dem alten Platz weg, aber nur in ein anderes County über den Arkansas hinüber und Jim, nachdem er noch Johns Heirath mit seiner Schwester beigewohnt, setzte sich auf ein, seinen Bruder Bill auf ein anderes Pferd, und ritt zurück nach Texas, nach der kleinen, abgeschiedenen Colonie Blumenthal, in welcher er gesonnen war, sich häuslich niederzulassen.
Am Fourche-la-Fave herrschte von da an Frieden – aber der Frieden des Grabes. Die Jay-hawkers waren allerdings theils ausgerottet, theils vertrieben und die Anwohner des kleinen Stromes brauchten keine Meuchelmörder mehr zu fürchten: aber wie viele, wie entsetzlich viele sonst so friedliche Hütten, die glückliche brave Menschen und Familien bargen, lagen verwüstet, zerstört, eingeäschert. Rings umher der Wald war wild aufgewachsen und dornige Schlingpflanzen überwucherten die früheren Spielplätze des jungen Volkes.
Krieg und Mord hatten dem armen Land ihr Brandmal aufgedrückt; die wenigen Hinterbliebenen, ihre Ernährer und ihren ganzen Reichthum, ihre paar Kühe und Pferde verloren und Armuth und Elend war eingekehrt, wo sonst glücklicher Frieden und verhältnißmäßiger Reichthum herrschte – der wenigstens dem Besitzer Alles das gewährte, was er zum Leben brauchte und verlangte, so wenig das auch sein mochte.
Drei Jahre später ritt John Wells wieder einmal nach Texas hinüber, um Jim Jenkins bei seinem zweiten Sohn zu Gevatter zu bitten, und ihn zu überreden, nach dem Fourche-la-Fave zurückzuziehen, weil sich die Schwester so nach den beiden Brüdern sehne.
Bill, der ein tüchtiger Bursch geworden war, konnte abkommen und zog, wenigstens auf Besuch, mit zurück; Jim aber nicht. Er hatte im vorigen Jahre Catharine Fischer, die frühere Braut des Jay-hawkers geheirathet und – konnte jetzt gerade die blühende Ansiedlung und sein junges Weib nicht verlassen.