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Isländische Märchen und Volkssagen

Sagen vom Pfarrer Erik in Vogsosar

Å. Eskil (Åge Eskil) Avenstrup translation

1. Das Bettelweib

Einmal kamen, wie es häufig geschah, zwei Männer zu Pfarrer Erik und baten ihn, sie das Zaubern zu lehren. Er antwortete, daß er nichts von Zauberei verstünde, sie dürften aber gern die Nacht über bei ihm bleiben. Sie nahmen die Einladung mit Dank an.

Am Morgen bat Erik seine Gäste, vergnügungshalber mit ihm auf die Felder um den Hof hinauszureiten. Als sie ein kurzes Stück vom Hof entfernt waren, begegnete ihnen ein altes Weib. Sie hatte ein Kind an der Brust und bat Erik um eine kleine Gabe. Erik war zornig über ihre Bitte und sagte, daß er ihr nicht das allergeringste geben würde. Die Alte sagte, sie sei eine arme Witwe und sehr bedürftig, und sie klagte gottsjämmerlich. Erik aber wurde immer aufgebrachter gegen sie und sagte, daß er es satt habe, das ewige Jammern von Bettlern mitanzuhören. »Es wäre am besten, Euch Landstreicher umzubringen!« Das und noch viel mehr sagte Pfarrer Erik der Alten, sie aber bat ihn nur um so flehentlicher.

Da sagte Erik zu den Männern: »Ihr müßt mir die Alte da umbringen, wenn ich Euch etwas lehren soll!« Der eine Gast antwortete: »Nie hätte ich gedacht Erik, daß Ihr ein so gottvergessener Mensch seid, und nie werde ich solche Untat ausführen, welcher Lohn mir auch dafür geboten würde.«

»Ich aber glaube nicht, daß ich mich dadurch von Sira Erik fortjagen lasse,« sagte der andere Gast, »ich bin gewillt, die Alte zu töten; diese Landstreicher haben sowieso nichts Besseres verdient, als daß man sie umbringt. Ich denke, solche Lumpen müßten dankbar sein, wenn sie das Leben verlieren.«

Diesen Menschen jagte Erik fort und sagte, daß niemand ihn dazu bringen könnte, solchen hartherzigen Menschen etwas zu lehren. Den andern dagegen nahm er in die Lehre. Erik hatte eine Augentäuschung bei ihnen hervorgerufen, um sie zu prüfen, denn in Wirklichkeit hatten sie gar kein altes Weib gesehen.

2. Das Gesicht im Hügel

Ein junger Mann bat einmal Sira Erik um die Erlaubnis, mit ihm gehen zu dürfen, wenn er eines Sonntags abends den Hof verließe. Der Pfarrer sagte lange nein, weil er fand, daß er nicht viel Nutzen davon haben würde. Der Mann aber bat immer eifriger, und schließlich versprach denn Erik, daß er den jungen Mann gelegentlich mitnehmen würde.

Einige Zeit später nahm also Erik den Jüngling mit. Das Wetter war schön und hell. Sie gingen auf das Feld hinaus und kamen an einen Hügel. Der Pfarrer schlug mit einem Stäbchen auf den Hügel. Er öffnete sich, und ein ältliches Weib trat zu ihnen heraus. Sie begrüßte Erik sehr vertraulich und bat ihn hereinzukommen. Die beiden leisteten der Einladung Folge und kamen in eine Badstube hinein. Darin saßen viele Menschen ringsumher. Erik und sein Begleiter nahmen an der einen Seite der Tür Platz, der Pfarrer aber saß zu innerst. Niemand sprach ein einziges Wort, worüber der Begleiter des Pfarrers sich schier verwunderte.

Die Weiber gingen aus der Stube hinaus, kamen aber nach einem Weilchen zurück. Da trugen sie ein Messer und einen Trog in der Hand und gingen auf den Mann zu, der zu äußerst an der entgegengesetzten Seite der Tür saß. Sie packten ihn, legten ihn neben den Trog, zerschnitten ihn wie ein Schaf und steckten ihn in den Trog. Darauf nahmen sie den nächsten, und so einen nach dem andern, die ganze Reihe durch, und alles ging in derselben Weise zu. Niemand versuchte, sich zur Wehr zu setzen, und alle schwiegen ganz still. An Erik war kein Erstaunen über dieses Verhalten zu bemerken, sein Begleiter aber war sehr entsetzt darüber. Er sah, daß diese Weiber wohl kaum daran denken würden aufzuhören, bis alle entzweigeschnitten wären; denn als sie zu Sira Erik kamen, packten sie ihn und zerschnitten ihn genau wie die anderen. Da schrie der Mann laut auf, nahm Reißaus, stürzte zur Tür und aus der Stube hinaus. Er rannte heim nach dem Hof und dankte Gott für seine flinken Beine. Als er aber an den Eingang des Hauses kam, stand Pfarrer Erik in der Tür und stützte die Hand gegen den oberen Teil des Pfostens. Er lächelte, als er den jungen Mann sah und sagte: »Warum rennst du so sehr, mein Lieber?« Der Mann wußte nicht, was er darauf antworten sollte; denn jetzt schämte er sich, weil er einsah, daß der Pfarrer ihm eine Augentäuschung vorgemacht hatte.

Da sagte Erik: »Das habe ich mir gedacht, mein Lieber, daß du nicht vertragen kannst, etwas zu sehen!«

3. Der Pferdediebstahl

Sira Erik hatte sowohl die Hirten wie andere Burschen in Selvog gebeten, sich zu hüten, ohne seine Erlaubnis seine Pferde zu nehmen, indem er ihnen drohte, daß es ihnen dabei übel ergehen würde, und so hüteten sich alle Hirten wohl, seine Reitpferde anzufassen. Es waren jedoch einmal zwei Burschen, die sich nicht nach seinem Verbot richteten. Kaum aber waren sie auf die Rücken der Pferde gestiegen, als diese spornstreichs nach Vogsosar jagten, ohne daß die Burschen Gewalt über sie hatten. Sie wollten sich hinunterschwingen, da sie die Pferde nicht zum Stehen bringen konnten, das ging aber nicht, denn ihre Hosen waren an den Rücken festgewachsen. »Das geht nicht,« sagte der eine der Burschen, »wir müssen von den Pferden herunter, sonst fallen wir Meister Erik in die Hände, und da würde sich wohl keiner in unsere Haut wünschen.« Er holte ein Messer hervor und trennte den Schritt von seinen Hosen ab und kam auf diese Weise von dem Pferde herunter. Der andere dagegen war entweder nicht geschickt genug, dasselbe zu tun,oder wollte vielleicht seine Hosen nicht verderben. Die Pferde liefen heim nach Vogsosar, das eine mit dem heulenden Burschen, das andere mit dem Hosenfetzen auf dem Rücken. Als die Pferde auf den Hof kamen, stand der Pfarrer draußen; er strich dem ledigen Pferd den Fetzen vom Rücken, sagte aber zu dem Burschen, der auf dem andern Pferd saß: »Siehst du, es ist nicht gut, dem Pfarrer Erik in Vogsosar Pferde zu stehlen; komm jetzt herunter und nimm nie wieder meine Pferde, ohne mich um Erlaubnis zu bitten. Dein Kamerad war schlauer als du und verdiente, daß man ihn die Buchstaben kennen lehrte; denn aus ihm könnte etwas werden.«

Etwas später kam dann dieser Bursch zu dem Pfarrer. Dieser zeigte ihm den Stoffetzen und fragte ihn, ob er ihn wiedererkenne. Der Bursch ließ sich nicht ins Bockshorn jagen und erzählte dem Pfarrer, wie alles zugegangen war. Der Pfarrer lächelte und forderte ihn auf, zu ihm zu kommen. Dieses Anerbieten wurde mit Dank von dem Burschen angenommen, der später lange im Hause des Pfarrers blieb und ihm sehr gehorsam war, und man sagt, daß der Pfarrer ihn viel alte Weisheit gelehrt habe.

4. Erik und der Bauer

Als Erik Pfarrer in Vogsosar war, wohnte in seinem Sprengel ein Bauer, der nie die Kirche besuchte, und der, um den Pfarrer zu ärgern, an den Feiertagen stets zum Angeln hinausruderte, sobald das Wetter es nur einigermaßen erlaube.

Einmal mußte der Pfarrer zur Kirche, um Gottesdienst abzuhalten. Da richtete der Bauer es so ein, daß er gerade dabei war, sich seine Lederhosen anzuziehen, als der Pfarrer bei ihm vorbeiging.

Der Pfarrer fragte den Bauern, ob er nicht auf seine Bitte heute dem Gottesdienst beiwohnen wolle. Der Bauer antwortete nein und begann, die Lederne anzuziehen. Der Pfarrer verließ ihn, hielt den Gottesdienst ab und ging nach der Kirchzeit denselben Weg heimwärts. Da traf er den Bauern, der immer noch auf derselben Stelle stand und nur das eine Bein hatte in die Hose stecken können. Der Pfarrer meinte, daß er wohl einen guten Fang getan habe, da er schon wieder an Land gekommen sei. Der andere schämte sich sehr, als er den Hergang erzählen mußte, daß er dort gesessen habe, seitdem sie sich getrennt hätten. Er bat nun den Pfarrer, ihn zu befreien. Der Pfarrer sagte; »Wenn du schon jetzt findest, daß dir der Teufel zu stark ist, wie soll es dann später werden?« Der Pfarrer gebot darauf dem Teufel, den Bauern fahren zu lassen. Er wurde befreit und besuchte von diesem Tage an fleißig die Kirche.

5. Erik und das alte Weib

Pfarrer Erik wollte einmal ostwärts über den Thjorsbach reiten. Auf dem Ritt kam er nach Oerebakke und wollte dort in den Kramladen gehen, um ein bißchen in seine Flasche gießen zu lassen (er nahm nämlich ganz gern einen Schluck). Als er in den Laden hineinging, sah er zwei alte Weiber draußen sitzen. Das eine Weib fragte, wer denn da ginge, worauf das andere antwortete: »Kennst du denn nicht den Grauen von Vogsosar? Er ist doch leicht zu erkennen.« Dann hörte ihr Gespräch auf. Erik aber setzte seinen Ritt fort.

Als er an den Hraunsbach gekommen war, sah sein Begleiter ein altes Weib hinter ihnen herlaufen und bat den Pfarrer, ein bißchen zu warten. Dieser aber sagte, dazu sei seine Zeit zu knapp, und sie ritten ziemlich rasch weiter, bis sie nach Sandholar, der Fährstelle am Thjorsbach, kamen, wo sie von den Pferden stiegen. Da kam die Alte, die noch rannte, nachdem sie sie von Oerebakke an verfolgt hatte, halbtot vor Müdigkeit und Mattigkeit, und ihrer ganzen Oberkleidung entledigt. Da wandte sich Erik zu der Alten und sagte: »Kehre nun wieder um, meine Liebe, nun hast du den Grauen von Vogsosar gesehen; unterlaß es aber in Zukunft, anständige Leute zu verhöhnen.«

Da kehrte die Alte um; der Pfarrer aber sagte zu seinem Begleiter, daß er das Weib habe hinter ihnen herlaufen lassen, um ihr abzugewöhnen, Schimpfnamen zu gebrauchen und anständige Leute zu verhöhnen.

6. Erik und der Bischof

Der Bischof von Skalholt hörte so viele Zaubergeschichten von Pfarrer Erik, daß es ihm schließlich zu bunt wurde und er sich entschloß, ihn abzusetzen. Eines Winters sandte er deshalb achtzehn Schüler zu Erik, die ihm den Rock ausziehen sollten. Als eines Tages schönes Wetter war, zogen sie davon, und nun sollten große Dinge geschehen.

Eines Morgens war Pfarrer Erik sehr früh aufgestanden und vor das Haus gegangen; als er wieder hineinkam, seufzte und stöhnte er. Er verbot seinen Knechten, das Vieh heute aus dem Stall zu lassen; denn das Wetter gefiele ihm nicht; und sie versprachen zu tun, was er wollte. Bald darauf zog ein entsetzliches Unwetter auf, mit Sturm und Schneetreiben, so daß man kaum auf den Füßen stehen oder aus der Tür gehen konnte. Nach dem Mittag wurde an die Tür geklopft, und das war einer von den Schülern, der ankam. Sie waren im Schneetreiben auseinander gekommen, erreichten aber alle Vogsosar, wenn auch jeder einzeln, und so verging der ganze Tag bis zum Abend, ehe sie wieder zusammen waren. Erik nahm sie freundlich auf und erwies ihnen alles erdenkliche Gute, und unversehens liebten sie ihn so, daß sie sich nicht entschließen konnten, den Auftrag des Bischofs auszuführen, ihm den Rock auszuziehen, und sie zogen daher unverrichteter Sache wieder nach Hause. Sie erzählten dem Bischof, wie sich alles zugetragen hätte, er aber war sehr wenig zufrieden damit und sagte, daß er selber Erik besuchen und sehen wolle, ob er seine Absicht ebenso schlecht ausführen würde. So verstrich der Winter, und es ging auf den Sommer.

Da brach der Bischof auf, und viele Schüler begleiteten ihn. Er kam nach Vogsosar und schlug sein Zelt außerhalb der Umzäunung auf. Es war ein Wochentag, und der Bischof entschloß sich, den Sonntag abzuwarten, um dem Pfarrer den Rock auszuziehen. Er bat seine Leute, sich zu hüten, irgendein Geschenk von Erik anzunehmen. Er ging dann auf den Hof und ließ den Pfarrer holen. Erik empfing den Bischof mit großer Freude und war außerordentlich fröhlich. Der Bischof wünschte die Kirche zu besichtigen. Erik zeigte sie ihm, und der Bischof bewunderte die gute Ordnung, in der er alles fand. Während sich aber der Bischof in der Kirche aufhielt, kam einer seiner Schüler, um Feuer zu holen, und traf Erik an. Der Pfarrer begrüßte ihn freundlich und holte eine Weinflasche, die er bei sich trug, hervor, und bot ihm einen Schluck an. Der Schüler aber wollte nicht trinken, denn der Bischof, sagte er, hätte ihm das streng verboten. Da nötigte ihn Erik noch eifriger zu trinken und sagte, das könne er ruhig tun. Er gab dann nach und nahm einen Schluck aus der Flasche. Da schien es dem Schüler, als hätte er nie zuvor einen so feurigen Wein gekostet, und er bat den Pfarrer um die Flasche, um den Bischof mit dem köstlichen Wein erquicken zu können. Erik war bereit, sie ihm zu geben. Der Schüler kehrte wieder in das Zelt zurück. Beim Mittagstisch goß der Schüler von dem Wein in das Glas des Bischofs, ohne zu erwähnen, woher er den herrlichen Trank hatte. Der Bischof leerte das Glas, und der Wein schmeckte ihm sehr, und während er trank, wandelten sich seine Gedanken über Erik. Nach der Mahlzeit ging er nach Hause zu ihm und blieb eine Woche bei ihm und lebte wie ein Prinz in einem Bäckerladen.

Dann zog er heimwärts, und es wurde nichts daraus, daß Erik seinen Priesterrock verlor.

7. Wie Erik dem Bauern seine Frau wieder verschaffte

Ein junger und tüchtiger Bauer auf den Westmändsinseln, der sich eben verheiratet hatte, verlor seine Frau, als sie nach ihrer Gewohnheit eines Morgens früh aus dem Bett gestiegen war, während der Bauer liegen blieb; sie ging hinaus, um das Feuer zu entfachen, wie sie es jeden Morgen zu tun pflegte, blieb aber diesmal länger als gewöhnlich fort, so daß der Bauer sich zu langweilen begann. Er stand daher auf, um sie zu suchen, fand sie aber nirgends auf dem Hof. Da ging er umher von Hütte zu Hütte, um nach ihr zu fragen; niemand aber hatte sie an diesem Morgen gesehen. Sowohl an diesem Tage wie an vielen der folgenden waren viele Leute draußen, um sie zu suchen, sie war aber nicht zu finden. Der Bauer nahm sich ihr Verschwinden so sehr zu Herzen, daß er sich zu Bett legte und weder Schlaf noch Speise genießen wollte. Es verstrich nun eine lange, lange Zeit, und je länger er lag, desto elender wurde er, am meisten aber ging es ihm nahe, daß er nicht wußte, auf welche Weise seine Frau gestorben war; denn das nahm er als ganz sicher an, daß sie tot sei, und er hielt es für das Wahrscheinlichste, daß sie in der See ertrunken sei. Man glaubte, daß der Bauer hinsiechen und sterben würde, denn trotz aller möglichen Trostgründe wurde es schlimmer mit ihm.

Da kam eines Tages ein Freund zu ihm und sagte: »Ob du nicht doch versuchen solltest aufzustehen, wenn ich dir einen Rat gäbe, der dich möglicherweise dazu führen könnte, daß du erführest, was aus deiner Frau geworden ist?« »Das würde ich schon versuchen, wenn ich nur könnte,« erwiderte der Bauer. Da sagte der andere: »Raffe dich jetzt auf, verlasse dein Lager und nimm Nahrung zu dir; begib dich dann aufs Festland und nach Selvog hinunter zu Pfarrer Erik in Vogsosar und bitte ihn zu versuchen, deiner Frau auf die Spur zu kommen.«

Der Bauer wurde durch diesen Rat sehr gestärkt; er zog sich an und aß und erholte sich allmählich, bis er sich zutraute, aufs Festland zu ziehen, und es wird nun nichts von seiner Fahrt erzählt, bis er nach Vogsosar kam. Erik stand vor seinem Haus, empfing ihn gut und fragte nach seinem Begehr. Der Bauer erzählte, wie alles war. Da sagte Erik: »Ich weiß nicht, was aus deiner Frau geworden ist; hast du aber Lust dazu, dann kannst du ein paar Tage hier bleiben, und wir können sehen, was zu tun ist.« Der Bauer nahm die Einladung an.

Nach zwei oder drei Tagen ließ sich Erik zwei graue Pferde nach Hause bringen; das eine war ein schönes Pferd, das andere aber war häßlich und mager. Erik ließ das letztere Pferd für sich satteln, während das andere für den Bauern gesattelt wurde; dann sagte er: »Jetzt werden wir auf den Sand hinausreiten.« Der Bauer sagte: »Besteigt das dürre Gerippe da doch nicht, das kann Euch ja nicht tragen.« Erik tat, als hörte er nicht, was der andere sagte. Sie ritten nun fort, in Sturm und schwerem Regen. Als sie außerhalb der Öffnung der Bucht waren, begann das magere Pferd stärker zu traben und ließ bald das andere zurück. Der Bauer ritt hinter ihm her, so schnell er konnte. Erik aber war ihm bald entschwunden. Er ritt jedoch weiter, bis er nach Gedeli kam und zu den Steinen, die die Sysselsteine genannt werden und das Grenzzeichen zwischen Arnes- und Guldbringesyssel bilden. Dort war Erik schon angelangt. Er hatte ein großes Buch auf den größten Stein gelegt, und kein einziger Tropfen fiel auf das Buch, und keins von den Blättern bewegte sich, obgleich es in Strömen goß und furchtbar stürmte. Erik ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte etwas zwischen den Zähnen, worauf er zu dem Bauern sagte: »Jetzt gib acht, ob du deine Frau siehst.« Eine Menge Menschen kamen nun an den Stein, und der Bauer ging zwischen den Gruppen umher, von einem Menschen zum andern, fand aber seine Frau nicht. Das sagte er Erik, der die Leute anredete: »Fahrt nun dahin in Frieden und habt Dank dafür, daß ihr gekommen seid!« Sogleich verschwanden alle. Erik wandte einige Blätter in dem Buch um, und es ging ebenso wie zuvor. Da versuchte er es zum drittenmal, und es geschah alles in derselben Weise. Als die letzte Schar weggegangen war, sagte Erik: »War sie denn nicht in einer der Gruppen?« Als der Bauer auf die Frage nein antwortete, errötete Erik und sagte: »Jetzt beginnt es, bunt auszusehen, mein Lieber; ich habe nun alle die Huldren hergeladen, die auf der Erde, in der Erde und im Wasser leben, und deren ich mich erinnern konnte.« Er holte darauf ein kleines Buch aus seiner Brusttasche hervor, sah hinein und sagte: »Mir fehlt noch das Ehepaar aus Höieli.« Er legte das kleine Buch auf das große, ging gegen die Sonne um den Stein herum und murmelte wie zuvor. Da erschien das Ehepaar und trug ein Glashäuschen zwischen sich; in dem Häuschen aber sah der Bauer seine Frau. Erik redete sie folgendermaßen an: »Schlecht habt ihr gehandelt, als ihr die Frau ihrem Manne nahmt; packt euch, und Schande über euch für diese Tat, und laßt mich nicht sehen, daß ihr solches öfter tut.« Sie gingen sofort davon, Erik aber zerschlug das Glashäuschen, nahm die Frau und die Bücher und stieg mit allem zu Pferde. Da sagte der Bauer: »Laßt mich meine Frau zu mir aufs Pferd nehmen, denn Euer Pferd kann euch beide ja nicht tragen.« Erik sagte, dafür würde er schon sorgen, ritt fort und verschwand bald zwischen den Lavasteinen.

Der Bauer ritt weiter ostwärts, bis er nach Vogsosar kam, wo Erik schon angelangt war; in der Nacht ließ dieser die Frau in seinem Bett schlafen, lag aber selber vor ihr am Bettrand. Am nächsten Morgen machte sich der Bauer zum Heimritt bereit. Da sagte Erik: »Es ist kaum ratsam, die Frau solcherweise bei dir zu lassen; ich werde sie selbst nach Hause bringen.« Der Bauer dankte ihm.

Der Pfarrer bestieg die dürre Kracke, setzte die Frau vor sich und ritt davon. Der Bauer ritt hinterher, merkte aber nichts von Erik, bis er an die Insel kam; da war er schon dort mit der Frau. Abends ging der Bauer mit ihr zu Bett. Erik aber wachte drei Nächte bei ihr. Dann sagte er: »Es ist nicht sicher, ob jeder daran Vergnügen gefunden hätte, diese Nächte zu wachen, am wenigsten die letzte Nacht.« Von dieser Nacht an hatte aber die Frau nichts mehr zu befürchten. Während Erik bei der Frau wachte, gab er ihr jeden Morgen einen Trunk, und so erlangte sie ihr Gedächtnis wieder, das sie ganz verloren hatte. Danach zog Erik wieder heimwärts, erhielt aber erst reiche Geschenke von dem Bauern.

8. Wie Erik des Bauern Frau vor den Huldren errettete

Ein Bauer von den Landinseln, der gut Freund mit Erik war, kam eines Frühjahrs, als die Fischzeit vorbei war, von Süden her aus Njardvig zu Pfarrer Erik. Er war beritten, denn er hatte sein Pferd den Winter über bei sich behalten. Als er nach Vogsosar kam, nahm ihn Pfarrer Erik, der vor dem Hause stand, gut auf und fragte dann: »Bist du gut beritten, mein Lieber?« Darauf antwortete der Bauer nein; das Pferd sei ebenso mager wie schlecht beschlagen, meinte er. Erik sagte: »Da mußt du dich beeilen, nach Hause zu kommen, denn deine Frau liegt im Sterben.« Der Bauer äußerte: »Ja, was soll ich nun tun?«

Erik trat auf das Pferd zu, sah die Hufeisen nach und spuckte unter die Hufe, und dann sagte er: »Steige jetzt zu Pferd, und reite, was das Zeug hält; es wäre ja möglich, daß es zähe im Aushalten ist. Wenn du nach Hause auf den Hof kommst, wirst du die Schreie deiner Frau bis hinaus hören; gehe dann mit großer Eile hinein, grüße nicht, sondern sage schroff: »Erik in Vogsosar will mit dir sprechen,« und sieh dann zu, wie es wird.« Der Bauer dankte ihm für den guten Rat und ritt davon. Das Pferd lief schneller mit ihm fort, als er sich besinnen konnte, und er erreichte sein Heim an demselben Tag. Bei der Ankunft hörte er das Geschrei seiner Frau, und er benahm sich genau so, wie Erik ihm geraten hatte. Mit der Frau nahm es eine solche Wendung, daß sie eine Stunde später wieder ganz gesund war.

An demselben Abend klopfte es hart an das Tor von Vogsosar. Erik ging hinaus, um zu öffnen, blieb ein Weilchen draußen und kam dann wieder herein. Er wurde gefragt, wer denn gekommen sei. Er antwortete: »Ach, es war nur jemand, der etwas mit mir zu sprechen hatte.«

Als der Bauer das nächste Mal zum Fischplatz zog, vergalt er die Hilfe, die Erik ihm geleistet hatte, reichlich.

9. Pfarrer Eriks Tod

Als Erik fühlte, daß sein Tod herannahte, wählte er selbst die Männer aus, die seine Leiche tragen sollten. Er sagte, daß, wenn er zur Kirche hinausgetragen würde, ein schwerer Hagelschauer sie überfiele; er bat sie aber, den Sarg von dem Augenblick an, in dem sie ihn aufhöben, nicht abzusetzen, bis sie ihn in die Kirche hineingetragen hätten. Dann würde der Schauer aufhören, sagte er, und man würde über der Kirche zwei Vögel sehen, einen weißen und einen schwarzen, die erbittert miteinander kämpften. Er bat sie, wenn der weiße Vogel in dem Kampf siege und sich auf den Dachfirst der Kirche setze, ihn auf dem Kirchhof zu begraben, siege dagegen der schwarze Vogel, und setze er sich auf die Kirche, so sollten sie ihn außerhalb des Kirchhofs bestatten; denn dann wäre es aus mit ihm.

Bei Eriks Tod geschah, was er gesagt hatte. Der Hagelschauer prasselte herab, und die Vögel kämpften miteinander; der weiße Vogel aber siegte über den schwarzen, und deshalb bekam Erik sein Grab innerhalb des Kirchhofs.

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