II. Im Ostindischen Archipel.
Reading edition
Der Balinese.
Östlich von Java, und von dieser Insel nur durch einen schmalen Seearm getrennt, liegt das zwar kleine, aber wunderschöne, gebirgige Eiland Bali,, von einem kriegerischen, kräftigen, arbeitsamen Volke bewohnt und bis in seine Berge hinauf vortrefflich cultivirt und angebaut.
Trotz seiner Nähe bei dem schon längst den Holländern unterworfenen Java hatte es sich dennoch bis zur neueren Zeit seine vollkommene Unabhängigkeit zu bewahren gewußt, und erst in den letzten Jahren gelang es den Holländern, theils durch Verrath unter den Eingeborenen, theils durch ihre Truppen unter dem Commando Sr. Hoheit des Herzogs Bernhard von Weimar, die Rajahs Balis wenigstens dahin zu bringen, daß sie ihre Oberherrschaft anerkannten.
Die Balinesen sind, was die Missionäre „blinde Heiden“ nennen, d. h. sie haben ihre eigenen Götter (Brachma, Schiwa und Wischnu) und ihren eigenen Glauben, den sie sich entschieden weigern abzulegen. Ihre Javanischen Nachbarn gingen ihnen darin allerdings schon seit längerer Zeit mit gutem Beispiel voran, indem sie zum Islam übertraten. Von den muhamedanischen Priestern besonders, aber auch dann und wann von christlichen Missionären sind schon verschiedene Versuche gemacht, sie das abschwören zu machen, was andere Nationen eine Irrlehre nennen. Bis jetzt war es jedoch vergeblich, und wenn es irgend noch eines Beweises bedürfte, daß die christliche Religion keineswegs unumgänglich nothwendig dazu ist, ein wildes Volk zu civilisiren, so liefern diese Balinesen als Heiden, und ihre Nachbarn, die Javanen, als Muhamedaner davon den schlagendsten Beweis.
Was die Cultur Balis' betrifft, so läßt diese nichts zu wünschen übrig. Jedes Plätzchen, das Frucht liefern kann, ist benutzt, und die Balinesen bauen sogar weit mehr, als sie zu ihrem eigenen Bedarf brauchen. Manches Schiff hat dort schon für den europäischen Markt seine Ladung von Reis, Zucker, Kaffee und anderen Produkten eingenommen, während hunderte von Prauen (die inländischen Fahrzeuge) der benachbarten Inseln, ja selbst bis von China herüber, in stetem und lebendigem Verkehr mit dem kleinen Reiche stehen. Die Balinesen haben dabei ihre eigenen Rajahs oder Fürsten, und die dem Lande dienlichen Gesetze werden mit unnachsichtlicher Strenge von ihren weltlichen und geistlichen Oberhäuptern in Kraft gehalten. Auf allen schweren Vergehen, selbst auf Diebstahl, steht Todesstrafe. – Außerdem sind sie aber auch noch in vielen Künsten geschickt und erfahren. Vorzüglich ihre Stahl- und Goldarbeiten, ihre Korbflechtereien und Webereien sind berühmt in der ganzen Inselgruppe des ostindischen Archipels. Ihre Landestracht ist dabei anständig und geschmackvoll, und dem Klima vollkommen angemessen.
So viel als kurze Einleitung für den Leser, der die kleine Insel bis jetzt vielleicht kaum dem Namen nach oder doch nur nach Beschreibungen kannte, welche ihre Bewohner beinah wie eine Räuber- und Piratenbande erscheinen ließ. Jede Sache hat freilich ihre zwei Seiten.
1.
Es war im September des Jahres 184*, als in dem südlichsten Rayat von Bali, in Badong, ein junger Bergbewohner rüstig aus der fruchtbaren Hochebene nieder der Süd-West-Küste der Insel und der Bai von Balikota zu stieg. Wohl führte eine breite, gut unterhaltene und fahrbare Straße von Badong zu dem kleinen Städtchen Kota an dieser Bai hinab. Der junge Balinese hätte aber, um auf sie zu gelangen, zu weit westlich aus dem Wege gehen müssen, und da er überdies auch nicht gewohnt war, einer breiten, bequemen Straße zu folgen, so suchte er sich lieber in gerader Richtung die nähere, wenn auch nicht eben so glatte Bahn.
Diese führte ihn durch weite mit Mais und Zuckerrohr bepflanzte Flächen und an den schmalen Dämmen bewässerter Reisfelder hin, zu den Rändern steiler, dichtbewaldeter Ravinen, die das Land durchschnitten und mit ihrer wilden üppigen Vegetation in die urbar gemachten und in vollkommenster Cultur gehaltenen Felder gar wunderlich hinein griffen.
Der Thau lag noch in voller funkelnder Pracht auf den Blättern und Blüthen, und hing in schweren Tropfen an den blitzenden Halmen, das saftige Grün der Hänge mit zauberhaftem Schimmer übergießend. Hoch und kühn daraus hervor ragte die stolze Cocospalme, die Königin der Wälder, mit ihrer schwankenden, zitternden Blattkrone, die der Südost-Monsoon hier nur in leichtem Säuseln erreichen konnte, und die Arekapalme streckte aus kleinen Fruchtdickichten den schlanken, zierlichen, pfeilartigen Stamm. Tief und schattig in den reizenden Hainen lagen die Bambushütten der Eingeborenen gar still versteckt, und die dunklen Ränder derselben wurden nur hie und da durch die purpurrothe Blüthenmasse des Tjanging[34] unterbrochen, der mit seinen unregelmäßig und reich über die Landschaft gestreuten Bäumen der ganzen Scenerie eine eigene wunderbare Färbung gab.
Wo der junge Eingeborene seinen Pfad suchte, war noch wenig Leben. Hie und da arbeiteten erst einzelne Gruppen in den Feldern, meistens Frauen, die mit der Hand den reifen Reis abschnitten und auf die Ränder trugen. Der Sikup[35] strich noch einsam nach Beute über die stille Gegend. Hie und da stand auch wohl ein einsiedlerischer Tjanga mit den langen Beinen und riesigem, fast unverhältnißmäßig großem Schnabel am Rande der Reisfelder und trat dem rasch Heranschreitenden mehr, wie es schien, aus Höflichkeit, als aus besonderer Sorge für seine eigene Sicherheit ein paar Fuß aus dem Weg. Oder eine Schaar wilder Pfauen, die an dem Rand der Ravine gesessen und sich gesonnt hatte, bäumte auf und schaute mit den langen Hälsen neugierig nach dem einzelnen Wanderer nieder.
Dieser aber war viel zu sehr mit sich selber und seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um solchen, überdies durchaus gewöhnlichen Gegenständen auch nur einen Blick zu widmen. Rasch nur suchte er durch manche sich ihm in den Weg stellende Hindernisse seine Bahn, und hielt zum ersten Male an, als er eine Art Absatz oder Terrasse des Hanges erreicht hatte, von der aus sich eine weite Aussicht nach Süden und Südwest über die Küste und das ferne Meer gewinnen ließ.
Über Gebüsch und Palmen hin, die den steilen, tiefablaufenden Hang bedeckten, konnte er den breiten Cocoshain überschauen, der das kleine Städtchen Kota mit der ganzen dortigen Küste umgürtete, während das blaue freundliche Meer an dessen anderer Seite den Strand beschäumte. Massen kleinerer Segel, meist inländische Prauen, hie und da aber auch chinesische Dschunken, kreuzten durch das stille, von einer leichten Brise kaum bewegte Wasser, und nur ein einziges europäisches Schiff lag gerade über der Corallenbank und durch die südlich auslaufende Spitze des Landes (von den Engländern Tafelhoek genannt) gegen den Südost-Monsoon geschützt, draußen vor Anker. Seine Segel waren zwar noch fest, aber es schien ziemlich schwer geladen und ging tief im Wasser, während einzelne Boote noch immer mehr Fracht hinüber brachten. Die holländische Flagge wehte von des Fremden Gaffel.
Der junge Balinese blieb hier stehen und schaute lange und sinnend in das freundliche Thal hinab, das sich seinen Blicken öffnete. Aber seine Gedanken waren nicht mehr freundlicher Art. So frisch und froh vorher sein Auge dem niederen Lande entgegengeleuchtet hatte, so zog sich jetzt seine Stirn in düstere, krause Falten, und mit untergeschlagenen Armen schaute er schweigend zu dem fremden, unwillkommenen Gast, zu der ihm verhaßten, feindlichen Flagge hinüber.
Es war eine edle, schöne, schlanke und doch so kräftige Gestalt, wie sie unter der einzelnen wehenden Palme stand. Und Hoheit und Schmerz lag in den Zügen, als ob der zürnende Gott der Berge selbst aus seines Waldes Schatten getreten sei und jetzt den Feind seines Landes, seines Volkes vor sich erblicke. Die Züge seines Gesichts konnten fast griechisch genannt werden. Die leicht gebogene Nase, die hohe Stirn, die schwellenden und doch zart geschnittenen Lippen schienen kaum einem indischen Stamme anzugehören; aber die dunkle Bronzefarbe der Haut, die dunklen feurigen Augen, das lange, rabenschwarze aber weichlockige Haar verriethen den Sohn dieser Küste, das Kind dieser Berge. Er ging ganz in die Landestracht gekleidet. Um den Kopf trug er fast turbanähnlich ein dunkelfarbiges, mit rothen und gelben Streifen durchzogenes Tuch, nur daß oben die üppige Masse seines schwarzen, langen Haares herausquoll. Um seine Hüften, bis fast zu den Knieen niederreichend, schlang sich ein gleiches von ähnlicher Farbe, der sogenannte Kammen, und der Sappot, eine Art schottischer Plaid, aber auch aus inländischem Zeug gewebt, hing ihm in leichtem, malerischem Wurfe über die Schulter, mit dem einen langen Zipfel die rechte Brust bedeckend.
In dem Kammen stak vorn, wie bei allen Balinesen, die Kompec oder Sirihtasche (zum Betelkauen) aus feingeflochtenem und buntgefärbtem Bambus verfertigt, und hinten, wie bei den Südamerikanern, der lange Dolch oder Khris (im Balinesischen Radotan) in hölzerner, wunderlich geformter und mit Goldplättchen zierlich ausgelegter Scheide, während der Griff aus einem dunklen fein gravirten Metall bestand und ebenfalls mit Gold eingelegt war. An den Füßen trug er zierlich genähte Ledersandalen mit einem schmalen, goldgestickten Band quer über den Spann herüber. Sonst waren Arme und Beine nackt, aber voll und kräftig geformt, und nur um das Gelenk der linken Hand schlang sich ihm ein fast weibischer Schmuck, ein schmales Armband aus den purpurrothen, steinharten und herzförmigen Beeren einer Akazienart aufgereiht und zum schmalen Bande zusammengeflochten.
Als einzige Waffe hielt die Hand dabei ein langes dünnes Blasrohr, aus hartem schwerem Holz gebohrt, von etwa fünf Fuß Länge, an das oben mit Streifen Rattan (spanischem Rohr) eine eiserne Lanzenspitze so an der Seite befestigt war, daß sie dem Schuß des Pfeils oder Bolzens nicht hinderlich sein konnte. Der Köcher, der die kleinen aus Bambus gefertigten, mit einer Pflanzenmark-Mundspitze versehenen und mit Gift bestrichenen Pfeile trug, stak ebenfalls in Kammen, an der linken Seite.
Die Waffe stemmte er jetzt auf einen Stein, und mit dem linken Arm sich daran stützend, daß sein Haupt sich sinnend an die Lanzenspitze legte, murmelte er mit leiser, halbunterdrückter Stimme vor sich hin:
„Wieder so ein Schiff mit seiner stolzen dreifarbigen Fahne, wieder und wieder eins, in Handel und Freundschaft scheinbar, und uns zum Nutzen, wie sie sagen, heimlich aber nur sich und ihr räuberisches Ziel im Auge. Halb sind wir ja schon besiegt,“ setzte er mit finsterem Grimm hinzu, die Worte durch die zusammengepreßten Zähne zischend, „und wenn nicht noch der wackere Dewa Argo dem Treiben fest entgegenstünde und mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht an unsern Sitten und Gesetzen hielte, den Fremden keinen Fuß breit Boden weiter gönnend, wie säh's um Bali aus! Hielt er die Hand nicht über unser Land gestreckt, wie bald würden die Fremden, die Brachma verdammen möge, das Land überschwemmen und den ganzen Fluch ihres Geschlechts über uns bringen. In den Thälern wüthet schon die furchtbare Radjadja[36], und die Leichen ihrer Opfer verpesten die Luft.“
„Die alten Prophezeihungen werden wahr,“ fuhr der Einsame in seinem Selbstgespräch inzwischen fort. „Der weiße Jakal hat den schwarzen überlistet und wüthet in seinem Jagdgrund, während unsere Götter ihr Haupt abwenden, um die Schmach ihrer muthlosen Kinder nicht zu schauen. „Der weiße Tiger wird kommen und uns verschlingen, wenn wir ihm nicht gehorchen,“ sagt der Orakelspruch jenes weisen Rajah, der tausende von Armen schon entnervt und die Herzen mit Angst und Muthlosigkeit gefüllt hat. Ei, er möchte kommen und es versuchen, und unsere Lanzen und Pfeilspitzen würden sein Herz finden, daß sein Blut den Boden düngte. Aber nur zusammen müßten wir stehen, in innigem Bündniß, nicht jeder Rajah für sich selber aus kleinlicher, erbärmlicher Furcht das Bündniß des Feindes suchen, um von sich selber dessen Rache abzuwenden, für sich selber die Regierung zu erhalten. Das Wohl der Völker, lügen sie dabei, hätten sie im Auge, und nur ihr eigener Ehrgeiz macht sie blind gegen Ehre und Pflicht, und treibt sie, die Völker, die ihrem Schutz durch Brachma anvertraut, nichtswürdig zu verrathen.“
„Wie stehen wir jetzt dem Feinde gegenüber? – Unsere Prauen liegen müssig am Strande, unsere Arme werden durch gefährliche Unterhandlungen gefesselt gehalten, und die Flagge jener Fremden weht stolz unseren Tempeln entgegen, und schändet uns und unsere Götter. Fluch über solche Unthätigkeit, über das Zaudern und Zögern und Wählen und Fürchten. Wenn das so fort geht, wird der Name Balinese bald gleichbedeutend werden mit Sklave und Feigling. O mein schönes, armes Vaterland!“
Er stand noch lange da, seinen finsteren, schmerzlichen Gedanken sich überlassend, als sein Auge plötzlich auf das Armband fiel, das er am linken Handgelenke trug, und ein freundlicherer Ausdruck seine schönen und edlen Züge belebte.
„Kassiar,“ murmelte er leise, indem ein flüchtiges Lächeln über sein Antlitz glitt, „Kassiar, du Blume des Thales, dich wenigstens will ich dem giftigen Einfluß jener Fremden entreißen und mit mir in meine Berge führen. Dort bieten wir dem fremden Einfluß Trotz, und kommt einmal die Zeit, in der mein Vaterland den Fluch erkennt, den es sich selber muthwillig aufzuladen scheint, dann brechen wir hervor, und unser Schlachtschrei soll die Feinde zurück auf ihre Schiffe schrecken. – Kassiar!“
Und mit dem Namen der Geliebten auf den Lippen, griff er die Lanze auf, und sprang mit leichtem Schritt den Hang hinab, der Richtung Kota's zu. Hier mußte er freilich noch ein breites mit Zuckerrohr bepflanztes Feld durchschneiden, das nördlich von dem kleinen in die Tanjong-Bai ausmündenden Kali oder Flusse lag. Eine Brücke gab es über den Strom nicht, aber eine Cocospalme, die dicht am Uferrand gestanden, war von dem angeschwellten Wasser unterwühlt hinübergestürzt, daß ihr Wipfel eben das jenseitige Ufer berührte. Auf dieser lief er hinüber, drängte sich durch den morastigen, mit niedrigen Büschen bedeckten Uferstrich, der die nördliche Seite der von Tuban nach Kota führenden Straße und den Palmenwald begrenzte, und fand sich bald im Schatten der wundervollen Punjannjo's, der Cocospalmen, wo er auf glattem, ebenem Wege rüstig dahin schritt.
2.
Wie das über ihm rauschte und zitterte, in einsamer, wundervoller Waldespracht! – Wie das flüsterte und raschelte, und mit den langen, herrlichen Blättern wehte und ineinandergriff! – Hier war nichts Fremdes, nichts Verhaßtes mehr; das war sein eigenes, schönes Vaterland, die Cocospalme seines Stammes Bild, und wie das Herz ihm wieder aufging in Stolz und Lust und die Sehnsucht nach der Geliebten es rascher schlagen machte, wurde sein Schritt auch leichter und elastischer, und freundlich nickte er den Leuten zu, die er am Wege traf, und die Reis und andere Feldfrüchte, oder Matten und Körbe in die Stadt zu Markte trugen.
Schon hatte er hier die Gärten erreicht, die theils mit der rothblühenden Butju (rosa sinensis), theils mit der Buntaja (einer sehr giftigen Rankenpflanze, welche durch bloße Berührung schon Entzündungen und Anschwellungen bewirkt) eingezäunt waren, und hie und da schaute aus dem dunklen Laub einzelner Kaffee- und Muskatnußbüsche, oder zwischen den hochgezogenen Sirih-Ranken die stille, lauschige Bambushütte der Eingeborenen hervor, während die Cocospalmen in einem dichten Hain ihre Kronen in einander legten und kühlen Schatten auf den zwischen ihnen durchführenden Weg warfen.
Jetzt hatte er die ersten Wohnungen der Stadt erreicht; rechts am Wege leuchtete ihm schon das helle Dach des Gustis – des Dorfoberhauptes – entgegen, und von dort hinauf, der Cocosnußölmühle zu, die von den Weißen angelegt worden, gleich über dem breiten Platz, der sich dort ausdehnte – wie rasch das Herz ihm an zu pochen fing – dort wohnte Kassiar, und mit fast kindischer, jubelnder Lust malte er sich schon im Geiste die Überraschung der Geliebten aus, die keine Ahnung von seiner Nähe hatte.
Mehrere junge Mädchen waren ihm begegnet; manche aufgeputzt, wie zu einem ihrer Feste, andere in das einfach gewebte Zeug des Landes gekleidet. Aber er achtete ihrer nicht; sein Auge suchte zwischen den an ihm vorbeigleitenden Dächern hin, die wohlbekannte Gruppe schlanker Arekapalmen, die das Haus der Geliebten umstanden, und jetzt – schon wollte er um des Gustis Garten in die Straße einbiegen, denn dort ragten die schlanken Wipfel grüßend und freundlich nickend schon hervor, – da schritt ein junges Mädchen die Straße herab, und sein Fuß haftete wie angewurzelt an dem Boden fest.
Das war Kassiar – und wieder war sie's nicht. Die lieben dunklen Augen gehörten freilich ihr – der schlanke Wuchs, der leichte elastische Gang, dem Kiedang ihrer Wälder gleich – und dennoch schien sie ihm vollkommen fremd, denn Tracht und Sitte, wie er's bis jetzt an ihr gewohnt gewesen, glich sich gar nicht mehr. Das dunkle volle Haar war mit Blumen, rothen Beeren und kleinen farbigen Muscheln geschmückt, wie den Putz ähnlich auch andere eingeborene Mädchen trugen, aber in den Ohren hingen ihr goldene Zierrathen, wie sie die verhaßten Weißen mit herüber gebracht, den weichen runden Arm umschloß ein goldenes, steinbesetztes Band, und um die Schultern lag ihr ein himmelblau und roth gestreiftes seidenes Tuch und hing mit dem einen Zipfel vorn über die linke Brust herab. Leichten Schrittes kam sie den Weg herab, der nach dem Strande nieder führte, und wenn ihr Blick auch auf den jungen Krieger über die Straße herüber fiel, war sie doch zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um viel auf ihn zu achten. So wollte sie eben an ihm vorüber eilen, als sein Ruf sie aufhielt und rasch nach ihm herüber sehen machte.
„Kassiar!“ – Der eine Blick genügte – zitternd und erschreckt, die Hände vorgestreckt, ihre Farbe, die selbst unter der zarten aber dunklen Haut sichtbar wurde, kommend und schwindend, die Arme halb nach dem geliebten Manne ausgestreckt, halb ihn damit abwehrend, stand das junge Mädchen einer schönen Statue gleich da.
„Glentek!“ hauchte sie dabei, „wo kommst du her, oder liegt dein Körper oben in den Bergen, von scharfer Waffe oder Tigerzahn zerrissen, und nur dein Geist hat mich hier aufgesucht?“
Glentek barg einen Augenblick die Stirne in der Hand und strich sich die langen Haare dann zurück, indem er seinen Blick dabei scheu und erstaunt auf die Jungfrau heftete.
„Und das ist Kassiar?“ sagte er endlich halblaut und schüchtern, indem er langsam über die Straße hinüber schritt und vor dem zitternden Mädchen stehen blieb; „ist das das Weib, das ich mir in die Berge holen wollte, um sie der Gefahr hier zu entziehen, die ihr von Fremden und fremdem Glanz und Luxus droht? – Es ist zu spät, wie ich sehe, und Kassiar hat nicht allein Glentek vergessen, sondern auch ihr Vaterland. Wie sie sich da aufgeputzt, mag sie wohl einem der fremden Männer für kurze Zeit gefallen; werden aber die jungen Leute von Bali ihr wieder ihre Heldenlieder singen?“
„Glentek!“ bat das Mädchen, ihm die Hand entgegen streckend mit herzlichem, flehendem Ton, „ist das dein Gruß, mit dem du mich nach so langer Zeit der Trennung empfängst, und hast du in den Bergen oben deine Kassiar so ganz vergessen – so ganz vergessen und verlernt sie zu lieben?“
Glentek erwiderte nichts darauf, aber sein Blick hing noch immer fest und vorwurfsvoll an dem bunten, fremdländischen Staat, der die Geliebte schmückte, an den goldenen Ringen im Ohr und um den Arm, an dem seidenen Tuch, das ihre Schultern umschloß. Endlich sagte er langsam und traurig:
„Dich vergessen, Kassiar? – Mächtiger Brachma, mein Herz vergäße ebenso leicht zu schlagen, mein Ohr den Ruf des Vaterlandes zu hören! Dich vergessen, Kassiar? – Und bin ich deinetwegen nicht drei Tage gewandert und die letzte Nacht, um nur recht bald dein liebes Antlitz wieder zu schauen, deine Hand in der meinen zu fühlen, dem Flüstern deiner Worte zu lauschen? Die Sterne haben mir von dir gesprochen, wenn sie vom dunklen Himmel niederfunkelten, der Wasserfall rauschte mir deinen Namen Tage lang, Nächte lang, und meiner Palmen Wipfel kannten keinen andern Laut. – Dich vergessen, Kassiar? – Jeder Vogel zwitscherte mir das liebe Wort, in jedem Tropfen perlenden Thaues sah ich dein Bild, und nur die Sehnsucht nach dir hielt Schritt mit der wachsenden Liebe – und jetzt –“
„Und jetzt, Glentek?“ sagte das Mädchen und streckte ihm freundlich die Hand entgegen, „war das nun der ganze Gruß, den du deiner Kassiar bieten konntest?“
„Ich weiß nicht,“ entgegnete der junge Krieger leise und mit tief bewegter Stimme, „ich weiß ja gar nicht, ob es noch meine Kassiar ist. Die Augen lachen mich noch so freundlich an, wie vordem, wenn auch nicht so offen, so treuherzig mehr. Die süße Stimme ist es immer noch, aber der äußere Tand, der sie umschlossen hält, der Schmuck des Fremden, der ihre schlanken Glieder entstellt, anstatt sie zu zieren – der ist mir fremd, der verhüllt mir Kassiar, daß mein Auge das alte Herz nicht mehr darunter finden kann. Und ich weiß nicht, wem es jetzt entgegenschlägt.“
„Du böser Glentek,“ lächelte die Maid, seine Hand ergreifend und ihr Haupt an seine Schulter lehnend, „du weißt nicht, wem es schlägt?“
„Von wem ist denn der Putz – von wem das Tuch?“ sagte der junge Balinese noch immer nicht beruhigt.
„Wenn es dich ärgert, nehm ich's ab und trag's im Leben nicht wieder,“ rief schnell Kassiar, das Tuch von ihren Schultern ziehend.
„Und wer gab es dir?“ fragte Glentek finster. „Kassiar ist nicht so reich, daß sie der Fremden kostbarste Stoffe mit Reis und Kaffee kaufen könnte.“
„Du brauchst mich deshalb nicht so finster anzusehen, Glentek,“ sagte, mit einem halbscheuen Blick zu ihm empor, das junge Mädchen. „Du weißt, daß – daß die Fremden jetzt alles thun, der Balinesen guten Willen zu erkaufen und sie zu Freunden sich zu machen – und da –“
„Und da?“ wiederholte Glentek finster, aber seine Frage wurde überhört.
Rasches, donnerndes Pferdegestampf schallte die Straße nieder, die von Tuban herüber führte, und als sich die beiden jungen Leute darnach umsahen, kam ein kleiner Trupp Europäer, mit einer Dame an der Spitze, an deren Seite ein paar eingeborene Rajahs und auch der Gusti von Kota dahin sprengten. Sie wollten quer über den mit Waringhis bewachsenen Platz hinüber nach eines Holländers Wohnung, die dort lag. Die Dame warf auch nur im Vorbeisprengen einen flüchtigen Blick auf das junge Paar, als sie plötzlich ihrem Pferd rasch in die Zügel griff, daß es aufbäumte und schäumend in sein Gebiß knirschte und zurücklenkte, wo jene Beiden standen.
„Mein Tuch!“ rief sie dabei; „beim Himmel, die Dirne dort hält mein gestohlenes Tuch!“
„Aber, liebes Kind!“ rief ihr Gatte, der Capitain des auf der Rhede liegenden holländischen Schiffes, „mach' hier keine Scene. Reite hinüber zum Haus, ich werde das Tuch reclamiren und sehen, wie es sich damit verhält.“
Die Dame aber, taub gegen die Vorstellungen, rief gereizt:
„Daß mir die Diebin in die Hecken schlüpft und sich nicht wieder an der Küste sehen läßt, nicht wahr. Mich hat ein glücklicher Zufall hierher geführt, und den will ich benutzen.“
„Was ist – was gibt's?“ rief der Gusti, der ebenfalls sein Pferd rasch parirt hatte und gerade an ihre Seite sprengte, als sie vor dem trotzig zu ihnen aufschauenden Glentek und dem Mädchen hielten.
„Das Tuch ist, glaub' ich, gestohlen und Madame hat es wieder erkannt,“ dolmetschte ein anderer Europäer dem eingeborenen Richter in balinesischer Sprache.
„Gestohlen?“ schrie Glentek, der die Worte gehört hatte, wild emporfahrend, und seine Hand zuckte wie unwillkürlich nach dem Radotan.
„Ruhig, mein Bursche!“ rief aber finster der Gusti; „die Sache wird sich finden. – Her das Tuch, Kassiar – zögerst du, Dirne?“
Kassiar hatte erbleichend die Beschuldigung gehört, und ihr Auge haftete eine Weile in Angst und Schrecken auf dem einen Fremden, dem Capitain des Schiffs, als ob sie von ihm Schutz und Entschuldigung erwarten dürfe. Der Gusti hatte ihr indeß das Tuch aus der Hand genommen und der weißen Frau hingereicht, damit sich diese überzeugen könne, ob es wirklich das ihre sei.
„Gewiß – gewiß!“ rief aber diese, als sie es auf dem Pferd mit der einen Hand in die Höhe hob und einen forschenden Blick darauf geworfen. „Das ist mein Tuch, das ich seit Jahren nicht mehr getragen und in meines Mannes Sekretär liegen hatte. Als ich aber neulich zufällig einmal darnach fragte und es zu sehen verlangte, war es verschwunden. Niemand konnte sich erklären wie, und jetzt trägt es die Dirne in der Hand.“
„Und hast du keine Vertheidigung für dich, Kassiar?“ rief mit unterdrückter Stimme, aber in Todesangst der junge Bergbewohner. „Läßt du die Fremden dich eine Diebin nennen, und wirfst ihnen die Lüge nicht zurück in ihr Gesicht?“
„Woher hast du das Tuch?“ fragte jetzt der Gusti das zitternde und mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stehende Mädchen. „Nun, wirst du deinem Richter antworten, Dirne?“
Wieder hob sich der Blick Kassiars scheu und flüchtig zu dem Fremden empor, aber nur einen Moment weilte er dort. Erbleichend wandte sie ihr Haupt ab, dem Geliebten zu, und barg ihr Antlitz dann, wie ihre Schuld bekennend, in den Händen.
„Man wird dich reden machen,“ sagte indessen ruhig der Gusti. „Cheh Lascie, Maras, führt sie in mein Haus und haltet sie dort bewacht, bis ich selbst hinüber komme.“
Und seinem Pferd die Sporen gebend, winkte er der übrigen Gesellschaft freundlich, ihren Weg fortzusetzen. Die kleine Cavalcade sprengte auch gleich darauf wieder dem Hause des Holländers zu, wo sie zahlreiche Diener empfingen, ihnen die Pferde abnahmen und sie in die Halle geleiteten. Sie waren alle dort zu Tische geladen, ebenso der Gusti von Kota, und es wurde neun Uhr Abends, ehe dieser wieder in seine Wohnung hinüber ging, um der Verhafteten für die Nacht in einem der Gefängnisse einen Platz anzuweisen. Das Hauptverhör sollte am nächsten Morgen sein.
3.
Der nächste Morgen kam, und Maderai, der Gusti von Kota, hatte seinen Platz zwischen den übrigen Richtern eingenommen, während das Volk in neugierigem, dichtem Schwarm den weiten Raum der großen Bambushütte füllte. Jedes Schmuckes baar, die Haare glatt und schlicht herabgekämmt, die Schultern mit einem dunklen selbstgewebten Zeug bedeckt, ohne Goldringe in den Ohren oder um die Arme, stand das wunderschöne Mädchen seitwärts in einer kleinen Einfriedigung von Bambusstäben und harrte der Klägerin, die vorgefordert war, gegen das des Diebstahls beschuldigte Mädchen aufzutreten. Das verhängnißvolle Tuch hing an einem Stab neben des Gusti Sitz. Immer aber noch erschien die Klägerin nicht, und draußen das Schiff in der Bai, das seine Segel heute Morgen schon gelöst, seine Flagge aufgehißt und seine Boote an Bord genommen hatte, war augenscheinlich im Begriff, ihre Küste zu verlassen. Ließen die Weißen also die Klage gegen das Mädchen fallen, so war sie frei. Von den Eingeborenen konnte ihr Niemand die Schuld beweisen.
Da senkte sich wieder eins der Boote zum Wasser nieder, deutlich konnte man, selbst von hier aus, erkennen, wie der Capitain mit seiner Frau hineinstieg, die hellen Kleider der Europäerin, die noch einmal an Land kam, um eins der eingeborenen Mädchen verurtheilen zu lassen, schimmerten bis hier herüber, und langsam und regelmäßig fielen die Ruder ein, das scharfgebaute Boot zum Ufer treibend, das bald seinen scharfen Bug an dem Corallensand des Strandes scheuerte.
Capitain Van Soeken kam aber nicht freiwillig heute Morgen zum Gericht. Das Schiff lag zur Abfahrt bereit mit Fracht und Wasser an Bord, Wind und Strömung waren günstig, seine Papiere in Ordnung und selbst den Anker hatte er schon früh am Morgen heben lassen, um jeden Augenblick die Segel loswerfen und in See gehen zu können.
„Was liegt denn an dem Tuch?“ sagte er beschwichtigend, als seine Frau am frühen Morgen darauf drang, hinüber zu rudern an Land und es beim Gusti, mit Hinterlegung ihrer Klage, abzuholen. „Du mochtest es so nicht mehr tragen, und kommen wir nach Amsterdam zurück, so sollst du dir eins dafür aussuchen, wie es dein Herz verlangt.“
„Mir liegt nichts an dem Tuch,“ entgegnete aber, den Blick fest und mißtrauisch auf den Gatten geheftet, die Frau. „Mir ist's der Sache selber wegen, die Diebin zu bestrafen. Drei- oder viermal hab' ich sie schon hier an Bord gesehen; was hatte sie anders hier zu thun, wenn nicht – Gelegenheit auszuspüren?“
„Sie kam mit den andern Mädchen,“ sagte kopfschüttelnd der Capitain, „lieber Gott, bei dem Volke muß man der Neugierde auch etwas zu gut halten.“
„Und wie kam sie in die Kajüte hinunter und in den Sekretär?“ rief Madame, die Worte scharf betonend. „Van Soeken, hier liegt, wie ich fast fürchte, ein Geheimniß zu Grunde, das die Schuld der Dirne um ein gewaltiges vergrößert – und verringert. Ich gebe dir mein Wort –“
„Aber liebes, gutes Kind,“ bat sie der Capitain, „sei doch vernünftig, und setze dir nicht eine Menge thörichter Sachen muthwillig in den Kopf. Wenn wir hinüber könnten zum Verhör, würde ich dir rasch beweisen, wie das Ganze ein einfacher Diebstahl ist, wegen dem ich dich aber recht herzlich bitte, kein großes Aufheben zu machen und die Sache lieber fallen zu lassen. Du weißt, wie furchtbar streng die Eingeborenen jeden Diebstahl unter sich strafen, wie die Frauen schwere jahrelange Gefängnißstrafe in niederen Bambuskäfigen und Verbannung, die Männer den Tod zu gewärtigen haben. Die Eingeborenen sind dabei so unendlich freundlich und gastfrei gegen uns gewesen; laß uns nicht mit einer solchen Erinnerung, einer solchen Kleinigkeit wegen, von ihnen scheiden.“
„Wenn wir hinüber könnten, sagst du?“ rief die Frau. „So willst du nicht gehen?“
„Aber siehst du denn nicht, daß unser Fahrzeug segelfertig liegt und ich wahrhaftig vor meinen Leuten nicht verantworten kann, die schöne Zeit zu versäumen?“
„Das Schiff ist dein – ist unser Eigenthum, wir können damit thun, was wir wollen. – Aber ich sehe schon, wie es ist. – Rücksicht auf die Leute willst du nehmen – auf dein Weib nicht. Und soll ich dir sagen, weshalb du dich fürchtest, das Land wieder und jenen Gerichtshof zu betreten?“
„Fürchten? – Aber, bestes Kind –“
„Soll ich's dir sagen, oder glaubst du gar, ich sei blind und hätte den Blick nicht gesehen, den das Mädchen gestern auf dich warf, als ich sie des Diebstahls beschuldigte?“
„Auf mich?“
„Auf dich, hab' ich gesagt, und wagtest du heute, der Dirne mit einer Klage gegenüber zu treten, würfe sie dir entgegen, daß du ihr das Tuch geschenkt.“
„Aber liebe, beste Marie!“
„Das Tuch geschenkt, sag' ich!“ rief die Frau, mehr und mehr in eifersüchtigen Zorn gerathend, da die augenscheinliche Verlegenheit des Mannes ihren Verdacht nur mehr und mehr bestätigte. „Und wenn du mir das Gegentheil jetzt nicht beweisest, so schwör' ich dir, so wahr ich Marie heiße und das Unglück habe, dein Weib zu sein, das Schiff hier zu verlassen und am Lande Schutz zu suchen.“
„Aber Marie, so nimm doch nur Vernunft an!“ bat der Capitain.
„Und weigerst du dich, auch mich an Land zu setzen, dann, bei dem ewigen Gott, spring ich über Bord und mache diesem Leben, das doch von da an nur Qual und Elend für mich haben müßte, ein rasches Ende. – Verrathen und betrogen – lieber nicht leben, als mit der Gewißheit dem Grabe langsamer aber ebenso sicher entgegen sehen.“
„Aber so sprich doch nur vernünftig!“ rief Van Soeken, so gewissermaßen zur Verzweiflung getrieben. „Wenn dir das Schiff selber so wenig am Herzen liegt, einer solchen Bagatelle, einer wahnsinnigen Idee wegen Wind und Strömung zu versäumen, gut, so sag' mir wenigstens, was du verlangst und eile damit.“
„Was ich verlange?“ rief rasch triumphirend die Frau, „augenblicklich mit dir an Land zu fahren und Zeuge der Gerichtsverhandlung zu sein.“
„Du mit mir? weshalb? – Einer genügt vollkommen, und wenn du es verlangst und wenn es dich beruhigt, will ich hinüber fahren, die Klage einlegen und dir das Tuch, an dem dein Herz so hängt, zurückbringen.“
„Du allein? – Das glaub' ich dir!“ lächelte die Frau den Gatten hämisch an. „Wenn du mich hier an Bord wüßtest, wär' das Geschäft da drüben wohl bald und glücklich abgemacht. Fort mit dir! Euch allen ist nicht zu trauen, und wo der Eine den Andern unterstützen kann, thut er's mit Freuden, gilt es ja doch nur, das arme, verrathene Weib zu täuschen.“
„So komm denn, meinetwegen,“ sprach der Capitain, der keinen Ausweg weiter sah, der peinlichen Geschichte zu entgehen, „du bist auch im Stande, eher den Lügen der Dirne zu glauben, wenn sie sich irgend eine Ausflucht suchen sollte, als deinem Mann. Aber komm, du sollst wenigstens sehen, daß ich deine wahnsinnige Anklage nicht fürchte und mit gutem Gewissen dem Verhör entgegen gehe. Ist mein Boot noch unten, Steuermann?“ rief er dann mit lauter Stimme dem vorn am Anker stehenden Officier hinüber.
„Ja, Mynheer,“ lautete die Antwort zurück; „soll gleich aufgeholt werden. Alles fertig.“
„Halt! – wir fahren noch einmal an Land.“
„Noch einmal an Land?“ brummte der Steuermann nicht wenig erstaunt, „na, da bitt' ich zu grüßen, Ebbe und Brise, wie sie im Buche stehen, alles klar, und noch einmal an Land? Wo so eine Schürze an Bord ist, hört doch der ordentliche Dienst gleich auf. Hol's der Teufel, möchte nur wissen, was jetzt wieder im Wind ist.“
Das Brummen half ihm aber nichts. Die Jölle wurde langseits gehalten, der Kajütsjunge hing die Treppe wieder aus, und wenige Minuten später schnitten die Ruder in die klare Fluth und trieben das schlanke Boot pfeilschnell dem Lande zu.
4.
Lautes Murmeln durchlief die Versammlung der Eingeborenen, zu denen sich auch jetzt der auf Bali wohnende Europäer eingefunden hatte, um Zeuge der Verhandlung zu sein.
„Dort kommt der Fremde mit der weißen Frau – arme Kassiar – wie viel lange Jahre wird sie in dem Käfig sitzen müssen, des bunten Lappens wegen – und wie bleich sie aussieht und geknickt! – Wie rachsüchtig die Fremden sind und wie habgierig – arme Kassiar!“
Zwischen den Eingeborenen lehnte ein junger Mann an einer der hölzernen Stützen des Hauses. Er ging in die Tracht der Bergbewohner gekleidet, mit dem Radotan im Gürtel, und sein Blasrohr mit der Lanzenspitze im Arm. Aber er sprach mit Niemand; kein Laut kam über seine Lippen, kein Ton des Mitleidens mit dem Opfer, oder des Hasses gegen die Kläger. Es war Glentek, und als Kassiars Blick ihn dort erspäht, wo er stand, hatte ihr Auge den Boden gesucht und sich noch nicht wieder von dort gehoben.
Jetzt traten die Fremden in den Saal. Der Holländer war ihnen entgegen gegangen, die Dame zu dem für sie bestimmten Sitz zu führen. Der Gusti nickte ihnen freundlich zu, und als das Geräusch verstummt war, das ihr Betreten des Raumes verursacht hatte, erhob sich der Gusti von seinem Sitz, überflog mit flüchtigem, aber strengem Blick die Versammlung, und begann dann mit seiner lauten, klangvollen Stimme die Anrede.
„Männer von Bali! wir sind versammelt, die Anklage einer weißen Frau zu hören gegen eine unseres Stammes, die des Diebstahls bezüchtigt wird. Ihr wißt, wie streng unsere Gesetze sind, wie sie den Diebstahl beim Mann mit dem Tode, bei der Frau mit schwerem Kerker strafen, und ihr werdet Zeugen sein, daß den Fremden Gerechtigkeit werde in unserm Lande.“
Nach dieser Einleitung forderte er den der Bali-Sprache vollkommen mächtigen Europäer, der sich erboten hatte, für die Dame zu dollmetschen, auf, seine Klage vorzubringen und hier, öffentlich vor Gericht, zu bestätigen, daß das Tuch der Europäerin und von Bord des Schiffes entwendet sei. Sie habe dabei anzugeben, ob es dort offen gelegen, oder aus einem verschlossenen Raum genommen wurde, was die Strafe für das Vergehen noch verschärfen würde.
Die Klage lautete jetzt, von dem Dollmetscher in balinesischer Sprache vorgetragen, auf allerdings erschwerende Umstände, da das Tuch von Bord, und zwar aus einem verschlossenen Kasten gestohlen sei. Hiergegen trat aber der Capitain selber auf, indem er erklärte, er habe mehrere jener Stücke Zeug vor einiger Zeit aus seinem Kasten genommen und draußen liegen lassen. Das Tuch könne darunter gewesen sein.
Kassiar wurde jetzt gefragt, wie sie zu dem Tuch gekommen sei, ob sie es wirklich heimlich von Bord genommen, oder irgend etwas vorzubringen habe, was zu ihrer Entschuldigung in der Sache reden könne. Zitternd stand das Mädchen von ihrem Sitze auf. Mehrere Minuten gebrauchte sie, sich so weit zu sammeln, daß sie den Blick zu ihrer Klägerin erheben konnte. Neben dieser stand der Capitain, und ihr Auge schweifte kurze Zeit von Van Soeken zu dessen Gattin und zurück, bis es sich endlich auf den Seemann heftete. Dieser aber konnte dem Blick, so viel Mühe er sich auch gab, nicht begegnen. Langsam erhob sich dabei ihr Arm, bis er auf den Kläger deutete, und eine Weile stand sie so, einer wunderschönen Statue gleich, kein Glied des Körpers regend, nicht mit den Wimpern zuckend, dem Manne gegenüber. Auch die Frau des Capitains war aufgesprungen, der nächste Moment sollte vielleicht schon ihren längst gefaßten Verdacht bestätigen, und ihr Auge flog wild, in fast peinlicher Spannung, von den Lippen des Mädchens zu den unverkennbar bleichen Zügen des Gatten.
„Ihr wollt wissen, woher das Tuch in meine Hand gekommen?“ sagte da endlich Kassiar mit leiser, wunderbar ruhiger Stimme, ohne ihre Stellung auch nur mit dem Zucken einer Muskel zu verändern, – „und jene Frau dort klagt Kassiar des Diebstahls an – so hört denn – ich habe jenes Tuch –“
Dicht hinter dem Holländer hob sich in diesem Augenblick die schlanke Gestalt Glenteks still und ruhig empor, und auch sein Blick hing in athemloser Spannung an den Lippen der Angeschuldigten. Da traf ihn Kassiars Auge, und plötzlich in sich zusammenbrechend, ihr Antlitz in den Händen bergend, rief sie mit markdurchschneidender Stimme aus:
„Gestohlen!“ und sank bewußtlos auf den Boden nieder.
„Armes Kind – arme Kassiar!“ klang es von den Lippen der Eingeborenen, und einige der Frauen drängten sich durch die Wachen, die Ohnmächtige zu unterstützen und ins Leben zurückzurufen.
„Das Geständniß genügt,“ sagte da der Gusti ernst, der sich ebenfalls von seinem Sitze erhoben hatte, indem er das neben ihm hängende Tuch von dem Stabe herunter nahm und einem seiner Diener übergab, damit er es der Europäerin, als ihr Eigenthum, zurückbringe. – „Das unglückliche, junge Mädchen mag indeß der Sorgfalt der Frauen überlassen bleiben, bis es sich erholt hat, dann aber der Obhut der Gefängnißwärter übergeben werden. In dem Krankeng büße sie fünf Jahre lang.“
„Halt!“ rief da eine ernste, klangvolle Stimme in den Tumult von Tönen hinein, der diesem Urtheilsspruch folgte, „halt, hört erst mich. – Das Mädchen ist unschuldig!“
Wunderbar war die Wirkung, die diese wenigen Worte auf die Versammelten ausübten, und selbst die Ohnmächtige schienen sie ins Leben zurückgerufen zu haben. Zu gleicher Zeit sprang Glentek, der junge Krieger aus den Bergen, die Ballustrade, die ihn von dem innern Raume trennte, mit einem Satz überspringend, in diesen hinein und ging mit leichtem Schritt dem Gusti zu, vor dem er, auf seine kurze Lanze gestützt und das Haupt vor ihm beugend, ehrerbietig, doch fest entschlossen stehen blieb.
„Wer bist du?“ fragte dieser freundlich den ihm fremden Krieger, indem sein Auge mit Wohlgefallen auf den schlanken, kräftigen Gliedern, wie den offenen Zügen des Jünglings hafteten. „Was weißt du von der Schuld des Mädchens hier, das ihr Vergehen schon offen eingestanden?“
„Ich selber bin der Dieb,“ sagte der Eingeborene, und wenn auch seine Lippen bei der Lüge zitterten und seine Wangen sich entfärbten, begegnete er fest und unerschüttert dabei dem Blick des erstaunt zu ihm niederschauenden Richters.
„Du wärst der Dieb?“ sagte da der alte Gusti nach langer, peinlicher Pause, indeß er sorgfältiger als vorher noch die edle Gestalt des jungen Eingebornen gemustert hatte und ernst und zweifelnd dabei mit dem Kopfe schüttelte; „wer bist du und woher stammst du?“
„Ich heiße Glentek und meines Vaters Haus liegt in dem Hochland von Benoi.“
„Bist du mit dem Rajah Glentek dort verwandt?“ rief rasch und erschreckt der Gusti.
„Er ist mein Vater,“ erwiderte mit kaum hörbarer Stimme der junge Balinese.
„Unglücklicher!“ rief der Gusti da, die Hand abwehrend vor sich ausstreckend, „wozu bekennst du dich? Und weißt du, welche Strafe dir bevorstände?“
„Der Tod!“ sagte Glentek ruhig und unerschüttert – „ich weiß es, Gusti; aber ein Glentek kann nicht dulden, daß ein Weib seinetwegen unschuldig leide.“
Ein wildes Gemurmel durchlief wieder die Schaar der Eingeborenen, und der Holländer war zu seinen Freunden hinüber getreten, diesen die Wendung mitzutheilen, welche die Sache zu nehmen schien.
„Wie kann der Bursche dort der Dieb sein?“ rief da Mevrouw Van Soeken rasch und zürnend, „ich habe ihn noch nie an Bord gesehen. Er hat, so viel ich weiß, das Schiff in seinem Leben nicht betreten.“
„Das ist eine Liebesgeschichte,“ sagte der Holländer kopfschüttelnd, „ich glaube selbst nicht, daß der junge Bursche mit der ganzen Geschichte etwas zu thun gehabt, und will dem Gusti wenigstens meine Meinung darüber sagen.“
„Du siehst nun, liebes Kind,“ flüsterte der Capitain, dem sich bei dieser Wendung eine große Last von der Seele wälzte, der Gattin zu, „daß dein Verdacht vollkommen grundlos war. Der Bursche dort ist sehr wahrscheinlich der Bräutigam, vielleicht der Mann der Dirne, der jetzt bekennt, das Tuch entwandt zu haben, um der Geliebten ein seiner Meinung nach kostbares Geschenk damit zu machen.“
„Wir wollen sehen, wir wollen sehen!“ murmelte Madame in fast fieberhafter Aufregung. „Aber – sie können ihn doch nicht deshalb ermorden?“
„Der Balinesen Strafe auf Diebstahl ist der Tod,“ sagte der Capitain gleichgültig. „Ich glaube nicht, daß sie mit ihm eine Ausnahme machen werden. Doch will ich sehen, was sich bei dem Gusti für ihn thun läßt. Lieber Gott, wenn wir jetzt nur nicht Wind und Strömung damit versäumten!“
Der Gusti hörte aufmerksam an, was ihm der Weiße als Aussage der Klägerin mittheilte, und wandte sich dann langsam und ernst an den Jüngling.
„Hast du das Schiff dort draußen je betreten, Glentek?“ fragte er ihn, und sein Auge haftete dabei fest und prüfend auf den Zügen des jungen Mannes.
„Könnt' ich das Tuch sonst entwendet haben?“ entgegnete dieser finster.
„Zu welcher Zeit war das?“
„Bei Nacht.“
„Bei Nacht, und die Wachen entdeckten dich nicht?“
„Die stumpfsinnigen Europäer sind nicht so schlau, daß sie ein Balinese nicht betrügen könnte,“ rief aber der Krieger zornig, „Glenteks Fuß berührt den Boden, wie des Nachtvogels Flügel die Luft. Nicht der Tiger hört ihn, wenn er im Teing Dickicht ihn beschleicht, nicht der scheue Hirsch im Alang Alang.“
„Glentek!“ rief da Kassiars Stimme mit herzzerreißendem Ton ihn an. „O glaubt ihm nicht, meinetwegen will er dem ehrlosen Tode trotzen. So edel jeder Tropfen Blutes in ihm, er lügt, wenn er sich meinetwegen schuldig nennt.“
„Hörst du das Mädchen?“ sagte der Gusti auf die Jungfrau zeigend, die sich in angstvoller Hast jetzt vom Boden hob und, die Haare aus der Stirn streichend, auf den Jüngling zustürzte, vor ihm zu Boden sank, seine Knie umfaßte und bittend ausrief:
„O Glentek, Glentek, kannst du deiner Kassiar verzeihen?“
Starr und regungslos blieb der Krieger stehen, und nur ein eigener Ausdruck von Schmerz und Liebe durchzuckte seine Züge. Doch auch diese Schwäche, wenn es je etwas derartiges gewesen, schwand im Augenblick. Eisern wie vorher blieb das Antlitz der edlen, dunklen Gestalt, und er sagte finster:
„Hat das Wort einer Dirne hier Gewicht gegen die Aussage Glenteks von Benoi? – Ihr seid Männer, und euch gegenüber erkläre ich, daß ich jenes Tuch vom Bord des Schiffes heimlich entwendet habe. Wie und weshalb, darauf weigere ich die Antwort. Jetzt thut mit mir nach dem Gesetz.“
„Darnach bleibt nichts mehr zu erfüllen als der Richterspruch,“ sprach feierlich und ernst der Gusti. „Glentek von Benoi, bereite dich zum Tode, denn du hast keine Viertelstunde mehr zu leben.“
„Ich bin bereit,“ erwiderte ruhig und mit fester Stimme der junge Balinese.
„Halt – das geht nicht – das kann nicht sein!“ rief aber hier der Capitain, der ebenfalls hinzugetreten war, und genug vom Balinesischen verstand, den Sinn des eben hier Verhandelten zu begreifen.
„Weiß der Europäer etwas, das die Schuld von den Händen des Verurtheilten nimmt?“ sagte der Gusti rasch.
„Nein, das nicht,“ versetzte halb scheu und doch auch wieder entschlossen der Capitain; „aber – giebt es nichts in euren Gesetzen, das im Stande ist, den Urtheilsspruch zu mildern? – Kann das Verbrechen nicht durch irgend eine Buße – durch Geld vielleicht – gesühnt werden? Ich mag die Küste hier nicht verlassen und das Blut eines ihrer Kinder, die mich alle so freundlich hier empfangen haben, mit hinaus nehmen auf das blaue Wasser.“ –
Aus der Schaar der Eingeborenen war indessen auf des Gusti Wink ein Einzelner, der sich sonst in nichts von den Übrigen unterschied, heraus und vor den Verurtheilten getreten. Hier zog er langsam sein Messer, den balinesischen Radotan, aus dem Gürtel und wartete der weiteren Befehle seines Oberen.
„Unsere Gesetze,“ sagte der Gusti ernst, „verlangen für solchen Diebstahl den Tod des Missethäters. Aber das Verbrechen ist an einem Fremden verübt, und wenn er selbst auf Milderung besteht, giebt es einen Ausweg.“
„Gott sei Dank!“ rief der Capitain, als er die Worte vernahm. „Nennt mir die Summe. Ich will lieber einen großen Verlust leiden, als Blut – dies Blut auf meiner Seele wissen.“
„Die Summe ist nicht so groß,“ erwiderte der Gusti, „und ebenfalls durch unsere Gesetze vorgeschrieben. Wenn der Fremde zwei Säcke Kupfer (der Sack etwa dreißig Gulden) zahlt und sich verbindlich macht, den Verurtheilten, der von da an sein Sklave ist, mit fortzuführen und nie wieder an diese Küste zurück zu bringen, von der er verbannt ist für immerdar, so ist sein Leben gerettet.“
„Verbannt – ich von Bali, von meinem Vaterland?“ rief da Glentek, wild emporfahrend und die Waffe, die er in seinen Händen trug, fester fassend – „nie, nie im Leben! Ihr mögt mich tödten – ich habe den Tod verdient und mag nicht länger leben, aber verbannen könnt und dürft ihr mich nicht. Ein Sklavenleben für Glentek, fern von der Heimath, fern von meiner Palmen Wehen? – Nie – nie und nimmer!“
„Ich zahle die zwei Säcke Kupfer!“ rief aber rasch der Capitain. – „Gebt mir einen eurer Leute mit an Bord, Gusti, der mag sie zurückbringen, und mein Freund dort bürgt euch indessen dafür. – Laßt den Verklagten hier und seiner Wege gehen. Er hat Strafe genug durch die Angst ausgestanden.“
„Sein Urtheilsspruch ist gefällt,“ entgegnete finster der Gusti. „Ließen wir um geringe Geldstrafe den Diebstahl frei, ihr Weißen selber wäret die Ersten, die Klage auf Klage häuften und uns am Ende zwängen, unsere Gesetze zu ändern. Aber nicht allein das Verbrechen,“ setzte er mit einem ernsten Blick auf den jungen Mann hinzu, „nein auch der Wille der Menschen mag seine Geltung finden. Er, dessen Adern noch junges, rasches Blut durchströmt, wollte den Tod, und seines Vaters wegen freut es mich, daß ich die Strafe in Verbannung mildern darf. Wer sich aber einmal eines solchen Verbrechens selbst geziehen, kann nicht in unserer Gemeinschaft lebend bleiben. Er hat sich selbst gerichtet.“
„Gusti!“ rief der Gefangene, sich stolz, ja selbst drohend gegen den Richter wendend.
Der alte Mann aber, ohne die Bewegung weiter zu beachten, schüttelte nur langsam mit dem Kopf und sagte wieder finster:
„Sendet das Geld an Land und nehmt dafür den Gefangenen hier mit in See. Vielleicht macht ihr noch einmal einen tüchtigen Matrosen aus ihm. – Kein Wort weiter,“ setzte er rasch und fast ängstlich hinzu, als sich der Verurtheilte noch einmal an ihn wenden wollte; – „ich habe den Urtheilsspruch gefällt; an meinen Leuten hier liegt es jetzt, ihn ausgeführt zu sehen.“
Und mit den Worten verließ er rasch das Haus.
Gegen den Spruch des Gusti gab es keine Appellation. Wenn aber ein Wesen in dem weiten dichtgedrängten Raum in steigendem Interesse, in erwachender Hoffnung und endlich in jubelnder Lust der Wendung gefolgt war, die das Todesurtheil nahm, so war das Kassiar, die Angeklagte. Nur so lange des Gusti Gegenwart ihr Herz mit Scheu und Angst erfüllte, wagte sie nicht zu sprechen, wagte sie nicht, ihren Gefühlen Worte zu geben. Jetzt aber, als er den Rücken gewandt und in der zusammendrängenden Masse der Übrigen verschwunden war, hob sie sich vom Boden auf, flog auf Glentek zu und bedeckte seine Hände und Knie mit Küssen. Aber Glenteks Geist war weit von da, in seinen Bergen, die er von nun an nie wieder betreten sollte. – Sein Auge blickte stier in die Leere und krampfhaft hielt indeß die Rechte das treue Rohr, die Linke seinen Radotan gefaßt.
„Glentek, Glentek,“ bat da Kassiar, noch immer zu seinen Füßen hingeschmiegt, – „o sage, daß du mir nicht zürnst, sage, daß du mich nicht hassest und ich dir folgen darf, wohin dein Schritt sich wendet – weit über das Meer, an ferne, wüste Küsten, in nebelbedeckte Länder, in öde Steppen, wohin es ist, wenn nur dein Blick mir dort wieder freundlich lächelt, wenn nur dein Liebeslaut wie früher zu meinem Herzen dringt.“
Glentek hörte sie nicht. – Still und regungslos stand er da und vor seinen Augen wehten die Farnpalmen seiner Berge, vor seinen Ohren rauschten die wilden plätschernden Quellen und tönte der schrille Ruf des wilden Huhns, der gellende Schrei des Tigers.
Da berührte eine Hand leicht seine Schulter, und als ob ihn ein elektrischer Schlag getroffen hätte, zuckte er empor und sah wild um sich her.
„Es wird Zeit, Glentek,“ sagte da die freundliche Stimme des Holländers, der gut genug mit den Sitten der Eingeborenen bekannt war, um zu wissen, daß den Meisten Verbannung viel fürchterlicher ist als der Tod, und der Mitleid mit dem jungen Burschen fühlte. – „Der Capitain will segeln, und du weißt, daß dir die Gesetze deines eigenen Landes nicht gestatten, länger – lebendig – auf diesem Boden zu weilen.“
„Es ist gut,“ entgegnete Glentek, der sich rasch sammelte und jetzt wohl fühlte, daß er sich dem Unvermeidlichen auch wie ein Mann fügen müsse. „Es ist gut – ich bin bereit.“
„Und darf ich mit dir gehen, mein Glentek – darf ich dir folgen, wohin dein Fuß sich wendet?“ bat das Mädchen, noch immer an seine Knie geschmiegt.
Der junge Bursche schüttelte langsam mit dem Kopf.
„Fahre wohl, Kassiar,“ sagte er ernst aber ohne Bitterkeit im Ton, indem er leise mit seiner Hand ihr Haupt berührte. „Unsere Wege trennen sich hier. Ich träumte einst von einem Glück an deiner Seite – das ist vorbei.“
„Glentek!“ klagte in herzzerreißendem Tone das arme Kind.
„Lebewohl!“ sprach der Jüngling und schob leise die Hand, die sein Gewand noch immer fest gefaßt hielt, zurück. Kassiar gehorchte der Bewegung und ließ ihn los, während sie flehend die Arme zu ihm ausstreckte, aber er wandte sich langsam von ihr ab und schritt, dem Winken des Europäers folgend, ohne auch nur noch einmal den Blick zurückzuwerfen, dem Strande zu.
5.
Fünf Jahre waren nach den im vorigen Kapitel beschriebenen Vorgängen verflossen, und manches hatte sich indessen auf Bali verändert. Den Holländern war der kriegerische Geist des Nachbarvolkes, der auch oft in übermüthigen, seeräuberischen Thaten ausbrach, schon lange lästig geworden, und sie hatten gesucht die Rajahs von Bali für sich zu gewinnen, daß sie wenigstens ihre Oberherrschaft anerkannten, wenn sie auch jetzt keine anderen Schritte weiter thaten. Dem entgegen stand aber stets der einflußreichste Mann von Bali, der alte Dewa Argo, der Oberpriester der Insel. Dieser trat mit allen Kräften für die Unabhängigkeit der Insel in die Schranken, wollte von keinen Verträgen mit den Fremden wissen und behauptete, daß sie selbst noch so viel Gewalt wie Fähigkeit hätten, ihre Insel zu regieren und in Ordnung zu halten. Allen versuchten Bestechungen blieb er ebenfalls unzugänglich, bis ihn ein plötzlicher Tod jählings hinwegraffte. Die allgemeine Stimmung sagte, er sei durch Gift gestorben.
Schon vorher hatten die Holländer versucht, sich die Insel durch die Gewalt der Waffen zu unterwerfen. In offener Schlacht und im niedern Küstenland waren die Insulaner, obgleich sie sich mit wilder Tapferkeit den überlegenen Waffen der Feinde entgegenwarfen, auch besiegt worden, in ihren Bergen hätten sie sich aber noch lange und für immer halten können. Die Holländer sahen das auch recht gut ein. Um das Leben ihrer eigenen Leute zu schonen, die bei einem fortgesetzten Kampf mit den zähen Bergvölkern den Gefahren des Klimas nicht allein, sondern auch den furchtbaren Strapazen und Entbehrungen ausgesetzt bleiben mußten, begannen sie nach des Dewa Argo Tode friedliche Verhandlungen mit den Rajahs, die ihnen jetzt nicht mehr so feindlich entgegen standen. Diese wußten sie größtentheils für sich zu gewinnen, brachen dadurch die Einigkeit derselben und rückten ihrem Ziele, das sie mit ihren Geschützen und Bajonetten vielleicht im Leben nicht, oder doch nur mit furchtbaren und unverhältnißmäßigen Opfern erreicht hätten, durch Geduld und Schlauheit näher und näher.
Der Gusti von Kota, einer der den Holländern am meisten geneigten Balinesen und der intime Freund des jetzt dort installirten holländischen Consuls, saß in dieser Zeit Morgens nach dem Frühstück, und eben aus einer langen europäischen Pfeife rauchend, in seinem Hause, als ein Eingeborener in schmutzigen, zerrissenen Kammen, den Oberleib nothdürftig durch den ebenfalls zerfetzten Sappot bedeckt, selbst ohne Kopftuch, die wilden langen Haare nur durch Bast auf seinem Scheitel zusammengebunden, die Veranda betrat, und ohne sich vorher bei dem Richter anmelden zu lassen, ja ohne, wie es die Sitte gebot, auf der Erde knieend seinen Befehl zu erwarten, rasch an den Wachen vorüber in das Zimmer schritt, in dem der Gusti sonst die kleineren Verhöre abzuhalten und Bittende zu empfangen pflegte.
Der junge Eingeborene glich aber keinem Bittenden. Den Radotan ausgenommen, der im Kammen stak, war er allerdings völlig unbewaffnet, doch seine ganze Haltung war trotz der zerrissenen Kleidung so kühn und edel, daß selbst die Gerichtsdiener, die das Haus umlagerten und den Hofstaat des Gustis bildeten, nicht wagten, ihn zurück zu halten. Nur an die Thür drängten sie sich, um dem leisesten Ruf ihres Gebieters rasche Folge leisten zu können, wenn der Fremde, den Niemand von ihnen kannte, etwa gar Unehrerbietiges oder Böses im Schilde führen sollte. Daß er ein Recht hatte, aufgerichtet zu ihrem Gusti hineinzutreten, konnten sie nicht bezweifeln, er hätte es sonst nicht gewagt, da ihm die Strafe gleich auf dem Fuße folgen müßte.
Der Gusti lehnte auf seinem mit weichen Kissen der Dapatwolle belegten Bambussopha und hob sich allerdings überrascht empor, als er die wilde Gestalt so kühn und trotzig zu sich eintreten sah.
„Ist das Landessitte?“ sagte er strafend, indem er den Fremden dabei mit forschendem Blick musterte, „in solcher Art den Gusti aufzusuchen? – Waren keine Diener an der Thür, die dich melden konnten? Bist du hier zu Hause, auf deiner eigenen Schwelle, daß du die schuldige Ehrfurcht vergissest, die dem Obern gebührt?“
„Verzeih den raschen Eintritt, Gusti!“ rief mit tiefbewegter aber unterdrückter Stimme, vielleicht um nicht von den außenstehenden Dienern gehört zu werden, der Fremde. „Aber der Zweck, um den ich komme, mag mich entschuldigen, mein Name dir bürgen, daß ich als Gleicher dir nahen darf. Kennst du mich noch?“
Der Gusti musterte die edlen, aber wild verstörten Züge des Fremden, die fahlen Wangen und eingefallenen Augen, dann sagte er kopfschüttelnd:
„Nein. Zu viele Gestalten ziehen an meinem Blick vorüber. Dein Antlitz ist mir bekannt, und doch weiß ich nicht, wo ich zum letzten Mal dich sah. Dein Name?“
„Glentek von Benoi.“
„Glentek?“ rief der Richter, erschreckt von seinem Sitz emporspringend. „Unglücklicher, was treibt dich wieder her zu uns? – Weißt du nicht, daß dein Leben in dem Augenblick verfallen ist, wo du des Landes Küste wieder betrittst, das dich verbannte und von sich stieß?“
„Ich weiß es,“ sagte Glentek ruhig, „mein Leben aber wäre von geringem Werth für das, was jetzt mich herführt.“
„Kassiar?“ rief der Richter, und ein Zug des Mitleidens zuckte über das sonst so starre strenge Antlitz des Mannes. „Sie ist todt, Glentek. Der Gram um dich vielleicht, vielleicht die Reue hat sie das erste Jahr hinweggerafft. Die kühle Erde deckt ihr gebrochenes Herz.“
„Arme Kassiar!“ seufzte Glentek leise. – „Doch ihr ist wohl – wohler als mir, der ich fünf Jahre der Verzweiflung fern von meinem Vaterland gelebt. Nein, Gusti, nicht die Liebe zu dem Mädchen führt mich an diesen Strand zurück, – seit jenem Tag schon war sie für mich begraben, und was ich seitdem erlebt, hat mir bewiesen, daß Kassiar Glenteks von Benoi doch nicht würdig war. Sie ruhe sanft; ich habe ihr verziehen.“
„Und was trieb sonst dich her?“ fragte erstaunt der Gusti.
„Mein Vaterland!“ rief der Balinese mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme. „Ich habe ertragen,“ fuhr er nach einer kleinen Pause, in der er sich gewaltsam sammelte, ruhiger aber immer noch in großer Aufregung fort, – „ertragen die langen Jahre hindurch, was nur ein Mensch ertragen kann. Die Feinde – denn unsere Feinde sind jene Männer, deren Flaggen jetzt von vielen Schiffen im Hafen draußen wehen, wenn sie auch freundlich und mit gleißnerischer Zunge zu uns kommen – die Feinde halten uns nun einmal für eine untergeordnete Raçe bestimmt zu gehorchen und ihnen Schätze anzusammeln, die sie weit überm Meere drüben dann verprassen. Ich bin dort gewesen, ich habe ihre Macht und Größe gesehen, ihre zahlreichen Schiffe, ihre zahllosen Mannschaften, ihre künstlichen mörderischen Waffen, die Wagen, die mit Blitzesschnelle das Land durchfliegen, ihre Häuser, in denen sie tausende von Menschen zu einem Zweck beschäftigen. – Aber ich habe auch ihre Waarenplätze gesehen, in denen sie die Produkte einer Welt aufhäufen, und dort begriffen, wie ein Volk, das erst so weit gegangen, das solche Bedürfnisse für sein Leben hat, nicht stehen bleiben kann und wird, mehr und mehr zu gewinnen, mehr und mehr an sich zu reißen. Die Holländer haben das Geld und die Macht in Händen, und Freundschaft zwischen einem solchen Staat und uns ist nicht mehr denkbar. Der Schwache wird und muß des Stärkeren Beute werden.“
„Aber was hat das alles mit dir zu thun?“ sprach der Gusti, erstaunt den Beredten anschauend. „Ich weiß das alles,“ fügte er mit Stolz hinzu, „es ist ein mächtiges Volk und unser Freund, – und um mir das zu sagen, brauchtest du dein Leben nicht zu wagen.“
„Mein Leben!“ rief der Balinese wieder, verächtlich mit dem Fuße den Boden stampfend. „Was gilt mein Leben hier, wo Balis Heil das Losungswort sein muß? Höre mich weiter. – Ich wanderte, lebte fünf lange Jahre zwischen ihnen und lernte ihre Sprache, lernte lesen und schreiben mit ihren Zeichen und Worten und eine neue Welt eröffnete sich mir. Nicht mehr auf Andere brauchte ich mich zu verlassen, um Nachricht aus der Heimath zu vernehmen. – Mit eigenen Augen konnte ich in all den Blättern, die täglich dort im Volk verbreitet werden, selber lesen, wie sich mein Volk hier wacker allen Eingriffen in seine Rechte, die jene Fremden wagten, widersetzt. O wie mir das Herz pochte, als ich die Kunde mit eigenen Augen sah, daß meine Landsleute mit Lanze, Bogen und Blasrohr herab ins flache Land gestiegen waren, dem Feind die nackte Brust entgegenzuwerfen und ihn zurück ins Meer zu treiben! O wie das da im Herzen stach und brannte, daß ich nicht Theil nehmen durfte an ihren Kämpfen, an ihren Siegen, daß ich verbannt von Bali war, ein Ausgestoßener von meiner Mutter Erde, und doch für sie die heiße, brennende Liebe im Innern tragend! So war mir zu Muth, als ich von Balis Siegen las. Wie aber, als ich von unserer Niederlage hörte, von Vortheilen, die die Holländer über uns gewonnen, von Bedingungen, die uns vorgelegt wären, ihren Frieden anzunehmen und ihre Oberherrschaft anzuerkennen!“
„Mich litt es nicht mehr in Europa. – Längst schon hatt' ich die Summe, die jener Weiße für mich gezahlt, abverdient – mehr noch vielleicht, als er mir dankte. Ich rettete sein Weib bei einer Landung mit dem Boot in einer Stadt im brittischen Indien, und wenn ich das Verhältniß recht begreife, in dem die beiden Gatten mit einander leben, so glaub' ich, hab' ich mich für vergangenes Leid gerächt. So, frei von ihm, schiffte ich mich auf einem andern Fahrzeug ein, das mich nach Soerabaja an der Javanischen Küste brachte, und hier – Brachma versenge mich, wenn mich die Nachricht nicht wie ein Todesstoß im Herzen traf – hörte ich, daß das einzige Herz von Bali, das voll Kraft und Vaterlandsliebe im Stande war, die feindlichen und eifersüchtigen Rajahs mit starker Hand zusammenzuhalten, daß das einzige Herz in Bali, das, von reiner Liebe für die Heimath beseelt, auch die Gefahr begriff, in der wir schwebten, daß der Dewa Argo von feiger, verrätherischer Hand vergiftet und der Fremde im Begriff sei, mit vorgeschützter Freundschaft mein Vaterland zu unterwerfen. Wohl hörte ich von tapferen Schaaren, die aus den Bergen mit Radotan und Speer hernieder stiegen, dem Feinde zu begegnen. Aber die Seele fehlt, die jetzt die Massen im Zügel halten könnte. Mein Vater selber ist alt; viele der anderen Rajahs standen schon früher im Verdacht, mit fremdem Gelde, wenn nicht gekauft, doch arg geblendet zu sein. Dumpfe Gerüchte gingen dabei umher, daß Bali Priester nach Indien abgesandt habe, die Lehre des Islam zu prüfen und zu bestimmen, ob wir selber den alten Göttern treulos werden sollten. Da litt es mich nicht mehr in Feindes Land; die Gefahr, die meinem Leben drohte, durfte mich nicht schrecken. Mein Leben gehört ja Bali, mein Arm, mein Herz. – Für das ersparte Geld erhandelte ich mir ein kleines Boot, setzte meine Segel und steuerte, selig in dem Gedanken, welchem Ziel ich entgegenflog, der vaterländischen Küste wieder zu. In Tabannar wollt' ich landen und von dort meine Heimat erreichen, als mich der Sturm erfaßte, der vor wenigen Tagen diese Küste peitschte, und mich herunter in die Bai warf. Mein Kahn füllte sich und sank unfern von Sersek, und mit Schwimmen rettete ich mich wieder an die Küste, die mich vor so viel Jahren einst als Verbrecher von sich stieß.“
„Und was suchst du hier, Verblendeter?“ fragte der Gusti, der der leidenschaftlichen Erzählung des Flüchtlings ernst und kopfschüttelnd gelauscht hatte.
„Was ich suche?“ rief aber Glentek staunend aus. „Ein Heer, dem Feind zu begegnen! – Die Schaaren der Unseren suche ich, die sich um die wehenden Lanzen ihrer Rajahs gesammelt haben, die Pässe unserer Berge zu besetzen und Tod und Verderben in die Reihen der Feinde zu schleudern, wenn sie es wagen sollten, uns da anzugreifen. – Dich hab' ich aufgesucht vor allen anderen, weil ich wohl wußte, Gusti, du würdest den Sohn deines Freundes, wenn du ihn einst auch zum Tode verurtheilen mußtest, nicht verrathen, und dich bitte ich jetzt, mir die Pässe zu nennen, in denen die Unseren stehen, daß ich im Stande bin, mich ihnen anzuschließen. Gram und Leid haben mir so tiefe Furchen in die Haut gegraben, daß ich nicht fürchte, dort erkannt zu werden, – nur meinen Vater will ich sehen, und dann ja gern das Leben, das doch dem Vaterland gehört, für dieses opfern.“
„Du träumst, Glentek,“ entgegnete ihm da ruhig der Gusti. – „Was sprichst du von gerüsteten Schaaren, von Feinden und Gefahren, die dem Lande drohen? Bali hat sich seit langer Zeit keines so ungetrübten Friedens erfreut als gerade jetzt. Nicht geschlagen, wenn auch in kleinen Gefechten besiegt, haben unsere Rajahs doch eingesehen, daß es für das Volk besser sei, sich die Freundschaft des mächtigen Nachbars zu erhalten. Dessen Truppen sind jetzt nach Java zurückgezogen, die wenigen ausgenommen, die er zum Schutz seines Handels hier zurückgelassen. Kein Blut wird mehr auf Bali vergossen werden, eingebildeter, thörichter Rechte oder Vorurtheile wegen.“
„Kein Blut auf Bali vergossen?“ rief Glentek, einen Schritt entsetzt zurücktretend, „und ist der Mord des Dewa Argo denn gerächt?“
„Der Mord des Dewa Argo? Wer sagt dir, daß ein Mord geschehen sei? Der Dewa Argo starb natürlichen Tod.“
„Und Bali ist nicht in Aufruhr?“ rief Glentek, kaum seinen Sinnen trauend; „die Krieger ziehen nicht in Schaaren, um endlich den letzten Feind von unserem Boden zu vertreiben?“
„Du träumst, sag' ich dir!“ sprach kopfschüttelnd der Gusti. „Bali ist ruhig, und wenn du hier herüber kamst, die Hoffnung auf blutige Kämpfe im Herzen tragend, so hast du dich zu unserem Heil getäuscht. Es wäre dir besser gewesen, du hättest Bali nie wieder gesehen.“
„Friede und Freundschaft mit den Mördern des Hohenpriesters!“ schrie da Glentek, sich mit blitzenden Augen emporrichtend. „Ha, Gusti, da kennst du nicht die Stimme der Gebirge und ihren Geist! Hier im flachen Lande, unter Malayen und Chinesen magst du, an sklavische Sitten gewöhnt, dich auch dem Willen fremder Eroberer haben fügen lernen, aber besser kenne ich dort mein Volk. Mein Ruf soll durch die Berge schallen, mein wohlbekanntes Flammenzeichen die Brüder zusammenrufen und wenn sie in jubelnden Schwärmen aus den Klüften und Schluchten unserer bergigen Heimath niederbrechen –“
„Wahnsinniger, halt ein!“ rief der Gusti, von seinem Lager emporspringend und den Arm in Zorn und Abscheu gegen ihn ausstreckend. „Krieg und Verderben willst du aufs Neue in diese Thäler bringen, in denen der Schlachtenschrei kaum erstorben, das Blut kaum ausgetrocknet und verdampft ist? Das Messer des Richters hängt über dir, und du wagst es, uns mit Meuterei zu drohen! – Weißt du, daß ein Wort von mir dich den draußen nur darauf harrenden Dienern in die Hände wirft?“
„Glaubst du, den Glentek fingen sie lebendig?“ lachte da der junge Balinese wild auf, „wenn er sich nicht geben will? Denkst du, dieser Radotan wäre nicht im Stande, sich die Bahn zu brechen? Und zehn Fuß Vorsprung dann, mit all deinem Schwarm von Dienern auf den Fersen, brächte mich nicht in wenigen Minuten in die Dickichte dieser Wälder und unerreichbar frei von euren Sclaven? Hältst du es mit den, dann schlimm für dich, wenn wir als rächendes Gericht wieder von den Bergen und über dich hereinbrechen! Kein Erbarmen hast du dann von uns zu hoffen. Und nun thue dein Schlimmstes, denn in wenigen Minuten bin ich frei.“
„Verblendeter!“ sagte aber der Gusti, ohne seine Stellung auch nur um eines Zolles Breite zu verändern. „Zum Glück für Bali kommt dein wilder Schlachtenschrei zu spät. Schon vor zwei Monaten ist der Handels- und Schutz- und Trutz-Vertrag mit Holland abgeschlossen, und während wir die Oberherrschaft der Fremden, die uns nun doch einmal in den Waffen und an Macht überlegen sind, anerkennen mußten, haben wir uns heilig verpflichtet, die Waffen nicht mehr gegen sie zu ergreifen.“
„Die Oberherrschaft der Fremden anerkannt? – verpflichtet die Waffen nicht mehr aufzugreifen gegen den Feind des Vaterlands?“ rief Glentek entsetzt und seinen Ohren kaum trauend – „das ist Landesverrath!“
„Ein Friedensbündniß ist geschlossen;“ erwiderte der Gusti, „und wer eine Waffe hebt, das zu brechen, den trifft nach unserem Gesetze der Tod.“
„Der Tod!“ wiederholte Glentek in hohlem geisterhaftem Ton, und sein Schultertuch um das Haupt ziehend, blieb er viele Minuten lang zerknirscht, vernichtet stehen. Alles war verloren, worauf er noch seine Hoffnung gesetzt – ihre Schwerter in die Scheiden zurückgestoßen, ihre Hände selber durch das Friedensbündniß gekettet.
Der Gusti fühlte Mitleid mit dem Jüngling, und das eigene Mißtrauen vielleicht, ob jenes Bündniß für Bali so segensreich wirken könne, wie er es einst gehofft, mochte ihn mit antreiben, die junge Kraft dem Vaterlande zu erhalten, sie nicht muthwillig zu zerstören.
„Du warst im Irrthum, Glentek,“ sagte er, aufstehend und freundlich seine Schulter berührend, „als du das Land in Waffen wähntest. Es ist tiefer Friede, und wir können und wollen uns nicht länger mit dem mächtigen Gegner messen, dessen Geschütze unsere jungen Leute zu Hunderten niedermähten. Die alten Gesetze dieses Landes sind aber noch in Kraft geblieben und denen wärst du verfallen, entdeckte außer mir auch noch ein anderer deinen Namen – deine Schuld. Tritt hier hinein und erfrische deinen Körper erst mit den Speisen, die hier stehen, und dann geh' hinunter zum Strand. – Gerade dem Wrack gegenüber, das an der Küste liegt, findest du ein kleines grün gemaltes Boot. Es ist mein Eigenthum. Nimm es und kehre damit nach Java zurück.“
Glentek schwieg, und ohne seine Stellung zu verändern, barg er noch immer das Antlitz in dem Sappot. Als er die Arme endlich sinken ließ, war sein Gesicht fahl und todtenähnlich geworden, und er sagte mit leiser, aber fest entschlossener Stimme: „Ich bleibe hier!“
„Unglücklicher!“ schrie aber der Gusti, „willst du denn muthwillig in dein Verderben rennen? Täusche dich nicht, ich selber, wenn ich es wollte, könnte dich nicht schützen.“
„Das sollst du auch nicht, Gusti!“ sagte da der Jüngling plötzlich, und ein eigenes wildes Feuer glühte aus den rastlos umherblitzenden Augen. „Ich sehe, wie es ist; mein Vaterland ist verrathen und verkauft, unsere Tempel werden zerstört, unsere Priester und Rajahs vertrieben, unser freier Boden selbst wird unter das Joch gedrückt, und ehe ein Jahrzehnt vergeht, weht von diesen Bergen die verhaßte dreifarbige Fahne. Stirb Glentek, stirb, du nicht allein bist Sclave, dein ganzes Volk hat sich verkauft – verrathen!“
„Wahnsinniger!“ rief der Gusti, seinen Arm ergreifend. „Du wirst dich selbst den Häschern überliefern, die deinen Namen draußen vor der Thür gehört.“
„Zurück von mir!“ schrie aber Glentek, aus dessen Augen ein rothes wildes Feuer zu glühen schien. – „Zurück! – Den Häschern überliefern? – Hahaha, sie sollen's wagen, den Tiger zu halten, wenn er im Ansprung ist! Uhi!“ schrie er da plötzlich mit wildgellendem Ton, indem er mit der Rechten den Radotan aus der Scheide riß, während die Linke den Bast aus seinem Haar warf, daß die langen rabenschwarzen Locken ihm wild die Schultern und Stirn umflatterten. – „Uhi! Glentek ist frei, aus den Bergen stürzt sich der Strom ins flache Land, von Stein zu Stein den Abgrund niederspringend, aus dem Dickicht schnellt sich der Tiger seiner Beute zu. Die Anaconda liegt im Palmenwipfel und schießt, dem Pfeil gleich, von der Höhe nieder auf ihren Raub, und so bricht Glentek jetzt hinaus in's Freie – uhi! Dewa Argo, wo sind deine Mörder, wo die feigen Schurken, die dich verrathen haben? – Ich komme, ich komme dich zu rächen!“
Entsetzt war der Gusti zurückgesprungen und hatte die eigene Waffe von der Seite gerissen, um sich zu vertheidigen. Aber ihm galt der Angriff nicht, und mitten hinein zwischen die Häscher, die jetzt die Thür aufgerissen, den Rasenden zu fassen, sprang Glentek, den geflammten Radotan in der Faust. – „Da und da!“ schrie er, nach links und rechts hinüberstoßend, „habt ihr Stahl – theilt euch drein, uhi!“ Und wie die beiden zum Tod getroffen zusammenbrachen, flog der Rasende mit einem Satz über sie fort dem Ausgang zu und auf die Straße hinaus.
Wunderbarer Weise kommt dieser Zustand, der in seinem ganzen Wesen die vollkommenste Ähnlichkeit mit der beschriebenen Berserkerwuth unserer Vorfahren hat und im Norden jetzt ganz verschwunden scheint, sehr häufig auf den Inseln des indischen Archipels vor. Das Volk schreit dann Amok, Amok (ein Wahnsinniger), und alles, was nicht bewaffnet ist, flieht scheu zur Seite, während die Bewaffneten den Wüthenden so rasch wie möglich zu tödten suchen – wie man bei uns einen tollen Hund unschädlich machen würde. Dieser Zustand von Raserei endet jedesmal mit dem Tode des Unglücklichen, den er erfaßt hat.
„Amok, Amok!“ schrie das Volk draußen und stob auseinander. Die Fruchtverkäufer ließen ihre Körbe fallen und flohen in die Seitenstraßen hinein, die Reisträger ließen ihre zusammengedrehten Bündel im Stich, die Frauen rafften ihre Kinder auf und flohen in die nächsten Häuser, deren Thüren zugeschlossen wurden; einzelne junge Burschen flüchteten sogar vor der furchtbaren, den Weg niederrasenden Gestalt in Areka- und Cocospalmen hinauf, um dem unmittelbaren Anprall zu entgehen.
Vom Hause des Gusti sprang der Unglückliche aber, unbekümmert um das ihm folgende Geschrei, quer über den Marktplatz fort, mitten zwischen die Chinesen hinein, die hier feil hielten und Tische und Stände überstürzend zur Seite stoben. Fünf oder sechs von ihnen verwundete oder tödtete der Rasende, wild und rücksichtslos nur nach allem stoßend, was ihm in den Weg kam, gerade wie ein toller Hund schnappt und um sich beißt, und übersprang jetzt, ohne Achtung auf Weg und Steg, einzelne der Butju und giftigen Buntajahecken, deren stachliche Zweige ihn blutig rissen.
Der Schrei Amok zuckte indessen wie ein Blitz durch die Stadt, auch den Entferntesten Warnung gebend, und von allen Seiten stürmten Bewaffnete herbei, den Rasenden unschädlich zu machen und sich selbst, wie Frauen und Kinder von der Gefahr zu befreien.
Glentek hatte unter der Zeit die einzelnen Hecken übersprungen. – Er fühlte es nicht, daß ihm die Glieder brannten von dem Gift, und mit gezücktem Messer floh er jetzt gerade über den nächsten offenen Zaun, in dem sich die Netzlegereien und Webereien befanden. „Amok, Amok!“ tönte der Schrei hinter ihm her, und die Weber und Netzstricker flohen entsetzt zur Seite. Nur ein junger Bursche, ein Knabe von kaum mehr als zehn oder zwölf Jahren, faßte keck und rasch ein quer über den Platz liegendes Seil von Cocosbast, das an der andern Seite an einem Pflock befestigt war, und hob es in die Höhe. Der Rasende stürmte heran, die Haare hingen ihm wild über das Gesicht nieder, und mit der blanken Waffe stieß er blind in die Luft. Da blieb sein Fuß in dem ausgespannten Seile hängen, und während er der Länge nach zu Boden schlug, entfiel seiner Hand die Waffe. Zwar raffte er sich im Augenblick wieder empor, aber ehe er den Radotan wieder ergreifen konnte, fielen die Weber und Netzstricker mit ihren Bäumen und eigenen Messern über ihn her. – „Amok, Amok!“ schrie die Schaar. Glentek griff des einen Arm, brach ihn mit Gewalt ab im Gelenk und warf sich dann auf einen andern, um ihn mit den Zähnen zu fassen und zu zerfleischen. Aber ein furchtbarer Schlag, der ihn über die Stirn traf, warf ihn bewußtlos zurück und zu Boden, und im nächsten Augenblick suchten die Waffen Aller seinen Körper – wühlten in seiner Leiche.
Unten am Strand, zwischen diesem, dem Fahrweg, der von Kota nach dem Banksal führt, und den beiden malayischen Begräbnißplätzen, steht eine einzelne, vom Wetter zerrissene, von unzähligen Orchideen überwachsene und von Pandanus und wilden Strandgewächsen dicht umgebene Cocospalme. Unter der ruht der Körper Glenteks von Benoi. Sein Land ist allerdings in Frieden mit den Fremden, die Waffen sind begraben und Friedenstraktate unterzeichnet worden. Aber die Macht und der Einfluß der Holländer wachsen dort von Tag zu Tag, ihre Flagge weht schon am Strand, und nicht lange wird es dauern, so flattert sie auch von den Bergen des einst freien Volkes.
Fußnoten:
Der Menschentiger.
1.
In den Preanger Regentschaften auf Java in Tji-dasang, einem kleinen Dorf oder Kampong, hatte sich schon seit einiger Zeit, und mit Bewilligung der holländischen Behörden, ein chinesischer Kaufmann niedergelassen, der mit den Eingeborenen in seiner Nachbarschaft nicht allein einen einträglichen Tauschhandel trieb, sondern auch ein ziemlich großes, dort in der Nähe gelegenes Gut gepachtet hatte, und Kaffee, Reis und andere Landesprodukte selber darauf zog.
Im Handel mit den Eingeborenen nahm er alles an, was ihm diese bringen konnten: eingekochten Arenzucker und geflochtene Matten, Hüte, ge„badek“te[37] Tücher und Sarongs, gewebte Zeuge, Hühner, Wild, Cocosöl, kurz alles Mögliche. Er selber brachte ihnen dabei eine Masse Dinge von Batavia mit, die sie oft noch nicht einmal dem Namen nach kannten, lehrte sie Spiegel und Schmuck, bunte Kattune und andere Sachen kennen und that, als Vertreter der Civilisation in dieser Berggegend, sein Möglichstes, die einfachen Menschen mit so viel neuen Bedürfnissen bekannt zu machen, als irgend anging.
Die Chinesen sind im Ganzen, wie sonst auch nur zu häufig ihre Moralität beschaffen sein mag, ein ungemein fleißiges und unternehmendes Volk, und so geschah es denn auch hier, daß Schang-hai, wie er nach seinem Geburtsort hieß, obgleich er nur ein sehr kleines Kapital und einen geringen Waarenvorrath mit in die Berge gebracht hatte, bald sein Vermögen verzehn-, ja verhundertfachte und für einen der Reichsten in der dortigen Gegend, jedenfalls unter den Eingeborenen galt.
Die Javanen sind ziemlich abergläubischer Natur und haben, wenn sie sich auch meist zum Islam bekennen, doch noch manches von ihren alten heidnischen Überlieferungen beibehalten, an denen sie mit außerordentlicher Hartnäckigkeit hängen. Es kommt dazu, daß dergleichen Aberglauben meistens von der wilden, sie umgebenden Natur nicht nur begünstigt, sondern oft auch durch sie begründet wird. So schrieben sie auch Schang-hai, dessen rasch wachsenden Reichthum sie natürlich nicht allein von seinem Unternehmungsgeist und seiner Schlauheit abhängig glaubten, ebenfalls bald geheime Kräfte und Künste zu. Daß er sich gern im Wald aufhielt und oft Tage lang ausblieb – wobei er in Wirklichkeit nur kleine geheimgehaltene Geschäftsreisen machte – konnte sie nur noch mehr darin bestärken. Ebenso schien er nicht die mindeste Furcht vor den in jener Gegend noch in ziemlicher Anzahl sich aufhaltenden Tigern zu haben, und das war ihnen besonders verdächtig.
Der Tiger, wie die Gefahr, der sie von diesen wilden Bestien stets ausgesetzt waren, spielte überhaupt in ihrem ganzen Leben eine sehr bedeutende Rolle, und wunderliche Sagen über das geheimnißvolle Treiben dieser Thiere, das sie nur aus seinen furchtbaren Angriffen und blutdürstigen Verheerungen, wie aus seiner rücksichtslosen Grausamkeit kannten, waren dort überall im Umlauf.
Eine der bekannteren ist die vom Menschentiger, die in mancher Hinsicht unserer deutschen Sage vom Wehrwolf entspricht.
Es soll nämlich im Wald, nur von wenigen Auserwählten gekannt, ein Kraut wachsen, daß die wunderbarsten Kräfte besitzt. Der Genuß der Wurzel besonders verwandelt den Menschen in einen Tiger, und zwar in der wörtlichen Bedeutung des Wortes, in all seiner zähnefletschenden gestreiften Furchtbarkeit, und nur der Genuß einer anderen heilwirkenden Wurzel ist im Stande, ihm seine menschliche Gestalt zurückzugeben. Diese Menschentiger sind dann die gierigsten, grausamsten Bestien in der ganzen Thierwelt, und besonders dem Menschen gefährlich. Dabei haben sie ihren Menschenverstand bewahrt und wissen jeder ihnen drohenden Gefahr auch auf das Schlaueste und Geschickteste zu entgehen.
Auch in der Nähe von Tji-dasang hatten die Tiger, trotz der vom Staat ausgesetzten Prämien von fünfzehn Gulden, sehr überhand genommen, und besonders in einzelnen Kampongs große Verwüstungen unter den Heerden angerichtet, ja gar nicht selten sogar die mit dem Auskochen von Arenzucker beschäftigten Arbeiter überfallen und zu Holz geschleppt. Wohl waren die Eingeborenen außerordentlich thätig gewesen, durch Fallen und Gruben einen Theil dieser gefährlichen Raubthiere in ihre Gewalt zu bekommen und unschädlich zu machen; aber dies gelang ihnen bei nur sehr wenigen, und Jäger sind die Malayen und Javanen überhaupt nicht. Sie wissen zum Beispiel gar nicht mit Schießgewehren umzugehen, und wenn sie auch dann und wann einmal in Begleitung der Holländer eine solche Waffe führen, gefährden sie sich selbst und ihre Nachbarn weit mehr damit, als das Wild. Selbst Bogen und Pfeile führen sie nur zum Spiel, und ihre eigentlichen Waffen sind die Lanze, eine auf einen Bambus befestigte damascirte Stahlspitze, und der stets an der Seite getragene Klewang, eine Art kurzes Schwert, das ihnen hauptsächlich dazu dient, sich in den Dickichten Bahn zu hauen. Dazu ist es freilich auch dadurch vortrefflich geeignet, daß es vorn an der Spitze am schwersten ist und daher zum Hiebe die nöthige Wucht erhält. Den Khris oder Dolch haben sie fast alle im Gürtel stecken; die Lanze tragen sie dagegen nur ausnahmsweise, auf der Jagd und bei besonders festlichen Gelegenheiten.
Die Chinesen auf Java sind indessen noch viel weniger Jäger, und führen selbst nicht einmal eine Waffe – es müßte denn hie und da einmal heimlich geschehen, wozu sich aber wieder die leichte Nationalkleidung nicht eignet, die sie nach einem Gesetz der Holländer auf Java tragen müssen.
Schang-hai war unverheirathet. Wie sich indessen seine Vermögensverhältnisse von Tag zu Tag besserten, fühlte er auch das Bedürfniß, eine Lebensgefährtin zu wählen und sich damit endlich einmal eine „häusliche Bequemlichkeit“ zu schaffen. Es fing an ihm ungenehm zu werden, in seinem Hause allein zu sitzen, und als er alle seine übrigen Geschäfte besorgt hatte, glaubte er sich auch diesen „Luxus“ – wie er es bis dahin genannt – gestatten zu dürfen.
Das wäre nun allerdings vortrefflich gewesen, wenn er daran schon vor einer längeren Reihe von Jahren gedacht und es ausgeführt hätte. Leider hatte aber der Chinese seine besten Lebensjahre damit verschwendet, Reichthümer aufzuhäufen, und da er nie, selbst nicht in seiner Jugend, auf Körperschönheit Anspruch machen durfte, so konnte ihm das Alter in dieser Hinsicht noch weniger günstig sein. Schang-hai war mit einem Wort ein kleiner, dicker, häßlicher, unansehnlicher Chinese, dessen Zopf sich schon grau zu färben begann, und die kleinen, etwas feuchten, brennend schwarzen Augen bekamen durch einen schielenden Blick selbst einen widerwärtigen, abstoßenden Ausdruck. Nichts desto weniger wußte er, was ihm auch der Spiegel über seine eigene Persönlichkeit sagte, doch recht gut, daß in der Welt mit Geld vieles, wenn nicht alles zu erreichen ist, und vielleicht war dies auch die Ursache, daß er seine beste Lebenszeit ebenso sorglos und unbekümmert hatte verstreichen lassen.
Da er dabei vernünftig genug war, bei einer Heirath nicht an die Vergrößerung seines Reichthums zu denken, sondern sich bereits entschlossen hatte, ein armes, aber hübsches junges Mädchen zu seiner Gattin zu erheben, so brauchte er, zumal da ihn die etwas wunderlichen gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes, in dem er sich befand, darin begünstigten, an einem Erfolg nicht einen Augenblick zu zweifeln. Die Eltern, die eine unbeschränkte Gewalt über ihre Kinder, besonders über ihre Töchter besitzen, verkaufen dieselben meist an gute „Partieen“, denn eine Heirath kann man ein solches Ehebündniß kaum nennen. Der Mißbrauch geht darin so weit, daß die Europäer auf Java sich oft Mädchen auf eine bestimmte Reihe von Jahren für eine zwischen beiden Theilen bestimmte Summe ins Haus kaufen und dabei nicht einmal eine Ceremonie für nöthich halten.
Das war übrigens Schang-hai's Absicht nicht. Er wollte sich wirklich eine Frau nehmen, die ihm dann nicht bei der ersten passenden oder unpassenden Gelegenheit wieder davonlaufen und der Unbequemlichkeit der Wahl aufs Neue aussetzen konnte. Sein Auge fiel dabei auf die Tochter eines armen Javanen, den er sich in der letzten Zeit besonders verpflichtet und ihn so in Händen hatte, daß er überhaupt gar nicht seine Einwilligung hätte verweigern können – wenn ihm das überhaupt in den Sinn gekommen. Kelah, wie der Eingeborene hieß, dachte aber auch nicht einmal an etwas derartiges, und wenn er den kleinen dicken Chinesen mit dem „falschen Blick“ auch sicherlich mehr fürchtete als liebte, fühlte er sich doch durch den eines Tages ganz unerwartet gestellten Antrag viel zu sehr geehrt, als daß er mit seiner Einwilligung als Vater auch nur einen Augenblick hätte zögern können. Was Laykas, die Tochter, anbetraf, so war es eine Sache, die sich ganz von selbst verstand, daß sie weiter nichts zu thun hatte, als den ihr vom Vater gegebenen Befehlen zu folgen. Hätte das Mädchen denn auch ein größeres Glück, eine größere Ehre träumen können? Daß Laykas den Chinesen lieben sollte, verlangte kein Mensch von ihr – nicht einmal ihr Bräutigam selber, und daß sie diesen jetzt, wie alle Kinder und Mädchen des Kampongs, fürchtete, und ebenso gern einem Tiger als ihm in den Weg gelaufen wäre, wenn er einmal die Straße herab kam, war eine Sache, die sich jedenfalls – wenn sie nur erst einmal seine Frau war – von selber gab. Ihr Schicksal sollte ihr aber nicht lange verborgen, ja nicht einmal Raum zum Überlegen bleiben.
Schang-hai hatte nämlich schon seit einer Woche, ohne irgend Jemand zu sagen weshalb, die Vorbereitungen zu der Festlichkeit herrichten lassen, die er auf das Glänzendste auszustatten gedachte. Der reiche Chinese wollte den Eingeborenen einmal zeigen, was er im Stande sei an Glanz und Pracht in diesen Bergen zu leisten. Das Anhalten um die Braut selber verschob er natürlich als eine Sache, die in wenigen Minuten abgemacht werden konnte, bis zum letzten Augenblick. Bedurfte es ja doch unter solchen Umständen auch nur eigentlich des Befehls, sie in sein Haus zu führen.
2.
Eines hatte er dabei übersehen oder, wenn es ihm je eingefallen, so gering angeschlagen, daß es eine weitere Beachtung nicht verdiente, – daß nämlich seine von ihm ausersehene Braut schon eine andere frühere Zuneigung haben könne. Das Herz eines jungen Mädchens fragt ja auch nicht immer erst die Eltern, ehe es sich zu einem andern Herzen hingezogen fühlt. Darauf kam hier aber gar nichts an; das Herz verlangte Schang-hai überhaupt nicht weiter, als es eben zu seiner bequemen Häuslichkeit unumgänglich nöthig war; er wollte die Hand des Mädchens, und die gehörte bis jetzt noch Niemand.
Laykas war eine wunderliebliche Maid, und der alte Chinese hatte keinen schlechten Geschmack in ihrer Wahl bewiesen. Schlank und voll von Körper, mit Reizen, die von der dunklen Bronzefarbe der Haut eher noch erhöht als vermindert wurden, mit einem Antlitz von fast griechischer Schönheit, wie man es da oben in den Bergen auch gar nicht so selten findet, die dunklen Wangen von so sanfter Frische, daß das steigende und schwindende Blut deutlich auf ihnen sichtbar ward, mit feurigen offenen Augen und Händen und Füßen, um die sie manche stolze Weiße beneidet haben würde, war sie die Zierde ihres Stammes, der Stolz ihrer Eltern, und selig wäre der Mann unter ihren Landsleute gewesen, den sie einst mit ihrer Liebe beglückt hätte.
Leichten und frohen Herzens hatte sie sich dabei willig und gern jeder noch so schweren Arbeit in ihrer Eltern Hause unterzogen. Nie kam eine Klage über ihre Lippen, und ein freundliches Wort, einen freundlichen Blick hatte sie für alle – konnte sie den Sturm ahnen, der sich über ihrem Haupte zusammenzog?
So kam sie auch heute, singend und mit den Kindern lachend, die neben ihr herliefen, den Berg herauf, denn sie hatte unten im Thale, in den breiten, hohen Bambusstöcken[38] Wasser heraufgeholt. Nur einen Sarong[39] von blau und rothem, selbstge„badek“tem Stoff, der ihr bis zur halben Wade niederhing und die zarten feingeformten Knöchel zeigte, trug sie um die schlanke Hüfte festgesteckt; der Oberkörper, wie das in den Preanger Regentschaften meist Sitte ist, war vollkommen nackt, und die schwere Wucht des rabenschwarzen Haares hielt sie mit einer großen Schildplattnadel befestigt. Die beiden mit Wasser gefüllten Bambusstöcke, die wohl bei drei Fuß Länge, fünf Zoll und mehr im Durchmesser haben mochten, trug sie an einem Querstock, an dem sie vorn und hinten herunterhingen, auf der Schulter, und trotz der gar nicht unbedeutenden Last war doch der Schritt des jungen, frischen, kräftigen Mädchens leicht und elastisch.
In der Thür der Hütte begegnete ihr aber schon der Vater, der eben, noch freudestrahlend, von Tji-dasang zurückgekehrt war und den Augenblick nicht erwarten zu können schien, wo er der Tochter die Freudenbotschaft mittheilen sollte.
„Was hast du, Vater?“ rief das Mädchen, dem die fröhliche Bewegung in dem sonst ziemlich mürrischen, einsilbigen Alten nicht entgangen war, und mitten im Gang hielt sie, die Hände zur Stütze auf die Hüften stemmend, an, daß die beiden Bambusröhren langsam herüber und hinüber schwankten. „Was hast du, Vater? Es ist doch nicht –“ und das Blut schoß ihr in diesem Augenblick vor freudigem Schreck in Wangen und Schläfe, als sie daran dachte, daß vielleicht Maono, der brave arme Bursch, hier bei ihrem Vater gewesen wäre und – sie konnte keinen Gedanken ausdenken, so wirr und toll schwirrten ihr die Vermuthungen durch den Kopf. Und so treu und rein war dabei der Jungfrau Seele, daß kein schlimmer Verdacht, keine Furcht den Spiegel ihres Herzens trüben machte. Lachte doch ihr Vater, und das konnte ja nur Gutes für die Tochter deuten.
„Freu' dich mit mir, Laykas!“ rief ihr dieser, als er sie halten sah, entgegen, „freu' dich mit deinen Eltern, denn dein und ihr Glück ist gemacht.“
„Maono?“ war alles, was Laykas herausbringen konnte, und sie fühlte dabei, wie roth sie wurde.
„Maono?“ meinte der Alte, verächtlich mit den Schultern zuckend, während sich doch ein verschmitztes Lächeln über seine Züge stahl, „wer ist Maono? So viel für den! Hat er doch nicht Reis genug für den morgenden Tag und steckt nicht umsonst da mitten im Walde, um von Früchten und Waldfleisch sein Leben zu fristen! Laykas ist für etwas Besseres aufbewahrt.“
„Für Besseres, Vater?“ sagte das Mädchen leise, und die mit Wasser gefüllten Bambus wurden ihr in dem Augenblick so schwer, als ob sie sich in Blei verwandelt hätten. Kaum konnte sie mit ihnen den letzten Gang bis zur Hütte ersteigen. „Für was Besseres, Vater?“ wiederholte sie hier noch einmal. „Ich verlange nichts Besseres von Allah – möge er es mir gewähren.“
„Nichts Besseres?“ lachte aber der Alte und konnte sich gar nicht wieder zufrieden geben. „Wenn die Kinder nicht wissen, was ihnen gut ist, müssen's die Alten soviel besser verstehen. Aber hör', Laykas was ich dir sagen will, und fasse dich, denn solche Freude und Ehre wirst du nicht erwartet haben.“
„Freude? – Ehre?“ rief das arme Mädchen erstaunt und eingeschüchtert, denn bei all den Vorbereitungen begann ihr nichts Gutes zu ahnen.
„Nun, ich will dich nicht länger zappeln lassen,“ schmunzelte der Alte; „so höre denn, Schang-hai hat dich von mir zum Weib begehrt.“
„Schang-hai?“ rief Laykas, und der Stab glitt von ihrer Schulter nieder, daß die beiden Bambus umfielen und das Wasser in sprudelndem Quell wieder den Berg hinunterschickten.
„Ja – der reiche Schang-hai,“ erwiderte mit selbstzufriedenem Lächeln der Javane, den Schreck der Tochter natürlich der Freude und Überraschung zuschreibend. „Aber läßt du nicht das ganze Wasser wieder den Berg hinunterlaufen, Laykas? Nun laß nur sein, von jetzt an wirst du Diener haben, die das für dich thun. Allah segne mich! Hätte ich doch nie geglaubt, die Freude an meinem Kind – und nur eine Tochter – zu erleben! Aber morgen mit dem Frühsten gehst du zum Bach hinab und badest dich, bindest dann deinen besten Sarong um, und wenn die Sonne über die Palmen steigt, werde ich dich zu deinem Bräutigam führen!“
„Bräutigam?“ stöhnte Laykas, ihr Antlitz in den Händen bergend und dann mit stierem, entsetztem Blick zu dem Vater aufschauend; „Schang-hai – der furchtbare, entsetzliche Mensch, mein – mein Bräutigam?“
„Nun ja, hübsch ist er gerade nicht,“ lachte der Alte gutmüthig, „darauf kommt auch nicht viel an. Aber reich ist er – steinreich, und dein Vater braucht jetzt nicht Haus und Feld aufzugeben und wieder in den Wald hineinzuziehen, wie ich es thun müßte, wenn Schang-hai nur daran dächte, seine Forderung einzutreiben. – Du bist ein braves Kind, mein Herz, und machst deinen Eltern viele, viele Freude.“
Laykas erwiderte kein Wort; wo sie stand, kauerte sie sich auf den Boden nieder und legte den Kopf auf ihren Arm. Sie wußte, ihr Schicksal war besiegelt, ihres Vaters Wille Gesetz, und kannte den Alten zu gut, um auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, daß er Ernst, bittern Ernst aus seiner Drohung machen würde. Sie war das Weib des gefürchteten Schang-hai, dessen Nähe allein sie schon mit Entsetzen erfüllte, und wenn die morgende Sonne über die Wipfel ihrer Bäume schien, – ein Schauder überrieselte sie – führte sie ihr Vater in die Arme des Schrecklichen, der von da an Macht und Gewalt über sie haben sollte ihr Leben lang.
Kelah betrachtete die ineinandergeknickte Gestalt der Tochter wenige Minuten schweigend. Er mochte wohl ahnen, was in ihr vorging, kannte er doch den Abscheu, den alle Kinder – ja fast alle Erwachsene in den Bergen vor dem alten Chinesen hatten, und fürchtete er ihn doch selbst weit mehr als er ihn liebte. Die Sache war aber einmal abgemacht und nichts weiter daran zu thun, und die Tochter mochte jetzt, ehe er weiter mit ihr darüber sprach, mit dem Gedanken ein wenig vertraut werden. Daß sie sich seinem Willen nicht widersetzte, verstand sich von selbst. Er ging deshalb in sein Haus zurück, um für sich selber auf den morgenden Tag seinen besten Staat, Kopftuch und Sarong, die rothe Kattunjacke und seinen schönsten Khris hervorzusuchen. Es war ja auch eigentlich bei der ganzen Sache nichts weiter zu besprechen und alles Nöthige so gut wie abgemacht.
Staunend sahen indeß Laykas' Geschwister die Trauer der Schwester, über deren Ursache sie sich nicht Rechenschaft zu geben wußten. Was es bedeute, des Schang-hai Frau zu sein, wußten sie noch nicht, und darum brauchte Laykas doch nicht das mühsam heraufgetragene Wasser wieder den Berg hinunterlaufen und den Kopf hängen zu lassen. Nur ein unbestimmtes Gefühl sagte ihnen, daß mit der geliebten Schwester doch eigentlich Alles wohl nicht so sei, wie es sein solle, und wie der Vater nur erst einmal ins Haus gegangen war, drängten sie sich ängstlich schüchtern um sie her, zupften sie am Sarong und baten sie leise und schmeichelnd aufzustehen und sie wieder anzusehen wie vorher.
Das Zureden der Kinder aber weckte den bis dahin gewaltsam zurückgedrängten Schmerz der Jungfrau. Alles, was sie bis dahin lieb gehabt, an dem ihr Herz gehangen, sollte sie jetzt verlassen und dafür das Furchtbarste eintauschen, was ihrer Seele nur in Schrecken und Entsetzen vorschwebte – das Weib des Mannes zu werden, von dem sie jetzt nicht einmal wußte, ob sie ihn mehr fürchtete oder mehr verabscheute. Ihre Thränen flossen unaufhaltsam, und der ganze zarte Körper zitterte in der furchtbaren, kaum mehr gebändigten Bewegung.
Die Sonne sank, und sie saß noch immer auf der Stelle – die Kinder waren zum Haus hinaufgelaufen, dem Vater zu sagen, daß Laykas krank wäre und weinte. Dieser bedeutete sie aber, die Schwester zufrieden zu lassen, sie würde schon wieder von selber froh und heiter werden.
Als es dunkelte, ging endlich die Mutter zu ihr hinaus.
„Laykas,“ sagte sie freundlich, die Hand auf ihre Schulter legend, „komm herein ins Haus – der Vater wird sonst böse, und der Thau fällt auch schon stark.“
„Mutter,“ stöhnte das arme Kind und faßte die Hand der Frau; „ich kann nicht – ich kann nicht das Weib Schang-hai's werden.“
„Der Vater hat's gesagt,“ seufzte die Frau leise und mitleidig, das zu ihr gewendete, von Thränen überströmte Gesicht des Mädchens streichelnd. „Du weißt, was der sagt, müssen wir thun. Mir wär's auch lieber, ein armer Javane hätte sein Jawort erhalten, als der alte reiche Sünder, aber – was geschehen, ist nun einmal nicht zu ändern. So komm, Laykas, komm mit ins Haus und fasse Muth. Es wird vielleicht noch Alles besser gehen, als wir jetzt denken.“
„Und Maono?“ seufzte das Mädchen mit angstgepreßter, zitternder Stimme.
„Wer kann's ändern?“ meinte die Mutter, mit den Achseln zuckend. „Unser Geschlecht ist dazu bestimmt, Leiden zu ertragen, und wir dürfen nicht murren. Es ist Allahs Wille. Der arme Bursch thut mir auch leid,“ setzte sie leise hinzu, „aber was kann er gegen den reichen Chinesen in die Wagschale werfen?“
„Und opfert er jetzt nicht sein Leben, die Nachbarschaft von den gefährlichen Tigern zu befreien?“ rief Laykas. „Haust er jetzt nicht allein und abgeschieden mitten im Wald in steter Gefahr, von den Bestien selber erfaßt zu werden, nur um eine kleine Summe zu erschwingen, daß wir zusammen den Hausstand beginnen könnten, gegen den selbst der Vater bis jetzt nichts einzuwenden gehabt?“
„Das ist alles wahr, mein Kind,“ sagte die Mutter, das aufgeregte Mädchen freundlich begütigend, „aber damals hatte Schang-hai noch nicht um dich gefreit, und du weißt selber, welche große Hülfe der für uns ist. Das einzige Reisfeld, von dem wir unsere Nahrung ziehen, ist in den Händen deines künftigen Mannes, selbst die Arenpalmen um unsere Hütte her gehörten nicht mehr unser, wenn es Schang-hai gefiele, sie zu fordern. Die Büffel, die unser Feld bearbeiten, haben wir von ihm geborgt, er kann sie jeden Augenblick zurückfordern. Die Weide selbst, auf die wir sie treiben, gehört dem Chinesen, und schon lange habe ich mir gedacht, daß er nicht umsonst so nachsichtig und gütig mit uns gewesen und seinen Lohn wohl eines Tages einfordern würde. – Und doch hab' ich ihm unrecht damit gethan, denn er hat dich zum Weibe begehrt, und damit uns armen, niederen Leuten, wie auch dir, die größte Ehre erwiesen, die ein so hochstehender Mann Jemand nur erweisen kann.“
„Ehre – Ehre!“ jammerte das arme Mädchen, „mir bringt diese Ehre den Tod – und Maono, armer Maono!“
Sie stand langsam auf, schüttelte die Thränen von ihren Wimpern und folgte der Mutter langsam in das Haus, wo sie den Vater schon behaglich auf seiner Matte ausgestreckt und seine Pfeife rauchend fanden.
3.
Laykas ging ruhig in die Ecke, in der ihr Lager auf einem niederen Bambusgestell bereitet war, und wenn sich der Alte auch ein paarmal nach ihr umdrehte und sie augenscheinlich anzureden wünschte, unterließ er es doch jedesmal wieder. Sie mochte sich die Sache die Nacht über durchdenken, wenn sie nur morgen dann ein fröhliches Gesicht zeigte – nur bis die Feierlichkeit überstanden war. Nachher mochte Schang-hai allein sehen, wie er mit ihr fertig wurde.
Nach und nach wurde es still in dem kleinen dunklen Raum; draußen rauschten die Palmen ihr flüsterndes Nachtlied durch den Wald und der unten vorbeispringende Bergstrom sandte das Geräusch des fallenden Wassers in leisem, dumpfem Murmeln bis hierher. Dann und wann vielleicht unterbrach der gellende Schrei eines Nachtvogels die heilige Stille, und einmal tönte dumpf und hohl das gierige Gebrüll eines Tigers vom Wald herüber. Dann war alles wieder still. Laykas konnte ihr Herz schlagen hören, wie es mit ängstlichem Klopfen ihr den Schlaf von den Lidern trieb.
Und morgen? – Der Kopf brannte ihr im Fieber, wenn sie an den morgenden Tag dachte! So mußte dem unglücklichen Verbrecher zu Muthe sein, der mit der nächsten Sonne zum Richtplatz geführt werden sollte und jetzt, an Ketten, im festen, verschlossenen Raum, des Henkers harrte, der ihn hinaus zum Galgen führen sollte. – Und war sie denn eingeschlossen und gefesselt? – Als ob ein scharfer Khris ihr Herz getroffen, so fuhr sie bei dem Gedanken empor. – Flucht – Flucht vor der Gefahr war noch möglich – aber wohin? –
Wohin? – Gleichviel, und wenn in den Tod! Lieber die Glieder im tiefen Strom gebettet, als in das Haus jenes furchtbaren Menschen! Lieber von den Tatzen des gierigen Tigers zerrissen, als von den Armen des Gefürchteten umschlungen! Und hatte sie denn nicht des Vaters Spruch dem Tode schon geweiht? War denn das Leben, wenn sie Tage, vielleicht gar Wochen, Jahre in jenem furchtbaren Elend vergehen – sterben mußte?
In immer rascheren Schlägen pochte ihr Herz, das die fest darauf gepreßte Hand nicht mehr zu bändigen vermochte, und der Athem stockte ihr, als sie sich leise und geräuschlos auf ihrem Lager aufrichtete, um auf den Schlaf der Ihrigen zu lauschen. – Sie athmeten tief und ruhig – ihr Vater träumte wohl gar von dem „Glück und Heil“, das er mit der Tochter Opfer über seine Hütte gebracht, und sah im Geist sich schon geachtet und geehrt – ja warum nicht auch gefürchtet von den Nachbarn. – Fort! – Das war der einzige Gedanke, der sie jetzt trieb. – Fort aus der Heimath – aus der Eltern Haus, von dem Herzen der Mutter fort, an der sie mit inniger Liebe hing, von den Geschwistern, für die sie ihr Leben gern geopfert hätte – denn das war mehr als Tod, was man von ihr verlangte!
In der Hütte war es vollkommen dunkel; nur durch einen Spalt der geflochtenen Bambuswand schaute hell und blinkend ein Stern herein. Geräuschlos glitt sie von ihrem Lager nieder und über den Boden hin. Hätten sie selbst gewacht, sie würden die Flucht des Mädchens nicht vernommen haben. Wie sie die Thüre erreichte, richtete sie sich auf und blieb an der Schwelle stehen. Ohne Abschied sollte sie fort, von allen, die ihrem Herzen theuer waren – ohne ein freundliches Wort von der Mutter, ohne eine Umarmung von den Geschwistern? – Aber sie durfte nicht zögern – der Vater regte sich auf seinem Lager. Wenn sie jetzt entdeckt wurde, ehe sie das Freie erreicht hatte, war sie verloren.