I. In der Südsee. (continued 3)
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„Das ist schon wahr, und wenn wir's hätten haben können, wie wir's uns im Anfang gedacht, wär' ich der Letzte, der die Veränderung bereute; aber gleich als Versorger von einer Frau und vier Kindern hingestellt zu werden, das heißt die Häuslichkeit doch ein Bißchen übertreiben. Wer steht uns außerdem dafür, daß wir nicht, wenn ihnen hier wieder ein halb Dutzend Ehemänner wegsterben, vielleicht noch Jeder ein oder zwei Frauen zugelegt bekommen, und dann sieh Legs an, wie's dem jetzt geht! – Hast du denn schon von dem neuen Kriegszug gehört?“
„Gewiß; sie rüsten schon mit aller Macht, und die Geschichte wird nächstens losgehen.“
„Na, ja,“ sagte Jonas, „und wir sollen auch dabei sein und unsere Haut zu Markte tragen; das ist aber gegen den Contrakt, und ich müßte mich sehr irren, wenn ich nicht gerade in der Zeit sterbenskrank würde.“
„Hallo! ein Segel!“ rief da Mac Kringo plötzlich, der, während Jonas sprach, durch die Büsche hin auf das Meer hinausgesehen hatte. „Das Weiße dort drüben muß ein Segel sein!“
„Gewiß ist das ein Segel!“ bestätigte Jonas, nachdem er eine Weile – seine Augen mit der Hand gegen die Sonne schützend – nach der angedeuteten Richtung hinausgeschaut hatte.
„Das muß aber noch weit sein, denn es kommt mir so klein vor. Kannst du ausmachen, nach welcher Richtung es steht?“
„Spitz jedenfalls, und am Ende nach uns zu, denn wenn es hier vorbeigesegelt wäre, hätten wir es schon früher sehen müssen. – Das kann auch kein Wallfischfänger sein, man kann ja den ganzen Rumpf erkennen, und doch zeigt er nicht viel Segel.“
„Am Ende ist das einer der kleinen Schooner,“ sagte der Schotte, „die zwischen den Inseln herumkreuzen und Cocosöl und Perlmutterschalen eintauschen. Das wäre am Ende eine Gelegenheit, von hier fortzukommen.“
„Aber wer weiß, wie wir es nachher finden?“ meinte Jonas, „und solche kleine Fahrzeuge haben auch selten viel Platz an Bord. Ja, wenn man wüßte, daß man damit nach Australien könnte! Dort soll ein tüchtiger Arbeiter in ein paar Jahren ein reicher Mann werden.“
„Auf einen Wallfischfänger gehe ich nicht wieder, so viel weiß ich,“ sagte der Schotte; „hol' der Teufel das Hundeleben, die Pferdearbeit, und die Capitaine, die wahrhaftig gar nicht wissen, wie sie einen armen Teufel von Matrosen nur genug quälen und schinden sollen!“
„Wahrhaftig, das Schiff hält gerade auf uns zu!“ rief jetzt Jonas, der indessen keinen Blick von dem fernen Segel verwandt hatte. „Hinunter möchte ich doch jedenfalls, wenn es vielleicht ein Boot ans Land schickte.“
„Hör einmal, Jonas, ich will dir was sagen,“ meinte der Schotte, nachdem beide eine Weile schweigend das ansegelnde Fahrzeug betrachtet hatten. „Wozu ich selber Lust habe, weiß ich in dem Augenblicke selbst noch nicht, und um zu einem Entschluß zu kommen, muß man natürlich doch erst wissen, was das für ein Fahrzeug ist und wohin es geht. Jedenfalls wollen wir aber unten in der Nähe sein, wenn es wirklich landet oder wenigstens ein Boot herüberschickt; denn in die Corallenriffe wird es sich keinesfalls hereingetrauen. Wann glaubst du, daß es heran sein kann?“
„Heute Abend kaum mehr,“ sagte Jonas, „der Wind ist fast ganz eingeschlafen, und es kann nur langsam vorwärtsrücken. Hat es übrigens Lust, Monui anzulaufen, so können wir uns fest darauf verlassen, daß es morgen früh mit Tagesanbruch vor den Riffen liegt.“
„Gut, dann sei du morgen, gleich nach Tagesanbruch, unten bei Toanonga; eine Ausrede wirst du schon finden; bringe aber Legs mit, denn es ist am Ende besser, daß wir so viel als möglich von uns beisammen sind.“
„Wenn wir nur wüßten, wo Pfeife steckt!“
„Den hat der Alte jedenfalls in die Nähe der Canoes gesetzt,“ sagte Mac Kringo, „das Segelwerk derselben in Ordnung zu bringen, und Spund wird dort wohl mit ihm zusammengekommen sein. Spund sehe ich aber jedenfalls heute Abend, denn Toanonga hat ihn hinbestellt, etwas mit ihm zu besprechen.“
„Verstehen sie denn einander?“
„Vortrefflich! Spund, in der festen Überzeugung, daß er die Leute hier bekehren muß, hat das Unglaubliche geleistet und spricht die Sprache schon fast so gut wie ich; dem Alten wird er aber langweilig, weil er ihn nie zufrieden läßt.“
„Seit wann ist denn da die Frömmigkeit bei ihm zum Durchbruch gekommen?“
„Ach, du weißt ja,“ lachte der Schotte, „daß er uns schon immer am Bord Predigten gehalten hat; es ist einmal seine schwache Seite. Aber ich will machen, daß ich wieder hinunter komme, denn er möchte früher dort sein, und ich finde ihn nachher nicht mehr.“
„Wird aber der Alte nichts merken, wenn wir dort alle zusammentreffen?“ fragte Jonas.
„Hm!“ meinte der Schotte, „besser ist es freilich, wir lassen uns nicht gleich alle zusammen sehen, wenn wir nur in der Nähe sind. Legs mag deshalb auf die Landspitze hinaus gehen, wo wir damals die Woche gesessen haben, und dorthin soll Spund auch Pfeife schicken, wenn er ihn auftreiben kann. Wir Übrigen müssen dann sehen, wie wir uns am besten in der Nähe halten. Wirst du übrigens fortgeschickt, so widersprich nicht, sondern geh' in den Wald hinein, als ob du nach Hause wolltest, und sieh dann zu, daß du ebenfalls unbemerkt zu den Andern auf die Landspitze kommst.“
„Und sollen wir Waffen mitbringen?“
„Wenn es heimlich geschehen kann, ja! Man weiß nie, was vorfällt; die Eingeborenen gehen ja auch jetzt alle schwer bewaffnet umher; aber je weniger ihr euch damit sehen laßt, desto besser ist es.“
„Gut, das wäre also abgemacht. Auf Wiedersehen morgen! Hol's der Teufel! es ist doch endlich einmal eine Abwechselung in diesem so verzweifelt langweiligen Leben. Ob wir nun dableiben oder nicht, jedenfalls können wir doch von dem Schiff etwas Tabak bekommen, und ich kann dir versichern, ich habe einen ordentlichen Heißhunger darauf. Donnerwetter, da fällt mir ein! hast du denn neulich von dem Wallfischfänger keinen mitgebracht?“
„Ein verwünscht kleines Stückchen,“ sagte zögernd der Schotte. „Die Leute waren schon drei Jahre aus, und der Capitain hielt sie furchtbar knapp mit Tabak.“
„Hast du welchen bei dir?“ fragte Jonas gierig.
„Hm, ich weiß selber nicht einmal – einen Mund voll höchstens.“
„Junge, Junge! und da läßt du mich hier die ganze Zeit mit trockenem Maule stehen! Du wirst doch wahrhaftig mit mir theilen?“
Mac Kringo suchte eine lange Weile in seinen Taschen, endlich brachte er ein kleines Stückchen heraus, daß er indessen mühsam von einem größern in der Tasche abgedreht.
„Das ist alles, was ich noch habe, kaum ein Bissen, aber schneide dir die Hälfte herunter, daß du wenigstens einmal wieder den Geschmack davon bekommst.“
„Hurrah! Tabak!“ schrie Jonas, der das Stück schon vorher mit den Blicken verschlang. „Junge, wenn ich meine Familie gegen Tabak und Grog eintauschen könnte, so wollte ich mir kein besseres Leben, wie das hier auf der Insel, wünschen. Na, vielleicht bekommen wir morgen einen ordentlichen Vorrath. So viel weiß ich, ich packe meiner Frau ganze Toilette morgen ein, um wenigstens zum Tauschen irgend etwas bei der Hand zu haben. Und nun good-bye! mit Tagesanbruch morgen früh bin ich unten bei Toanonga's Haus.“
Damit winkte er dem Freunde einen kurzen Gruß zu und verschwand bald in den Büschen. Mac Kringo verharrte noch eine Weile auf seiner Stelle, sich über die Richtung des Segels größere Gewißheit zu verschaffen. Es blieb aber bald keinem Zweifel mehr unterworfen, daß es wirklich näher kam. Mit dem Winde hätte es auch gar nicht von ihnen fortsegeln können, und darüber beruhigt, stieg er den Weg zurück ins Thal, den er vorher herauf gekommen.
2.
Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen herrschte an der Landung von Monui ein außerordentlich reges Leben und Treiben. Schon gestern Abends hatten die Insulaner von ihrem Strand aus das nahende Segel erkannt, und Früchte und Gemüse wurden gepflückt und ausgegraben und alle möglichen anderen Gegenstände hervorgesucht, um, sobald das fremde Fahrzeug herankäme, einen lebhaften Tauschhandel mit ihm zu eröffnen. War doch schon vieles, was ihnen die weißen Männer bringen konnten, auf der sonst so einfachen Insel zum Bedürfniß geworden, während sie jetzt bei dem bevorstehenden Krieg auch noch hofften, mehr Feuerwaffen und Munition und damit den gewissen Sieg über die feindlichen Stämme zu erlangen.
Mac Kringo hatte Spund noch am vorigen Abend getroffen und ihm seinen Plan mitgetheilt. Zu seinem Erstaunen schien der würdige Bursche aber nicht die mindeste Lust zu haben, darauf einzugehen. Seit er nämlich die Bibel erhalten und fleißig darin gelesen hatte, war das, was bei ihm früher nur eine Art von stiller Neigung gewesen, zur wirklich fixen Idee geworden, daß er nämlich berufen sei, diese Heiden zu Christen zu machen.
Vergebens suchte ihm der Schotte eine solche Idee auszureden und ihm begreiflich zu machen, daß er ganz gewiß ein tüchtiger Matrose und Böttcher sei, höchst wahrscheinlich aber einen nur sehr mittelmäßigen Prediger abgeben würde. Spund ließ sich nicht irre machen; entgegnete, daß Petrus auch nur ein Fischer gewesen sei, also auch nicht einmal ein Böttcher, und Alles nur eben auf den Beruf ankomme. Dabei war er fest überzeugt, daß ihr Schiff, die „Lucy Walker,“ nur seinetwegen verbrannt sei, um ihn hier, an dieser für ihn bestimmten Stelle festzuhalten, und die Übrigen – Mac Kringo wie die anderen Kameraden – konnten Gott danken, daß sie mit ihm in einem Boote gewesen seien, sonst wären sie auch zu Grunde gegangen.
Über den Brand des Fahrzeuges hätte ihm nun allerdings der Schotte einen besseren Aufschluß geben können, und schien einmal nicht übel Lust dazu zu haben, überlegte sich aber doch die Sache anders und schwieg. Vergebens waren aber alle Versuche seinerseits, den Kameraden von dem einmal gefaßten Vorsatz abzubringen. Nur dazu verstand er sich, ihren Planen, wenn sie wirklich fliehen wollten, kein Hinderniß in den Weg zu legen, ja, sie eher nach besten Kräften zu fördern. Und das geschah noch in seinem eigenen Interesse; denn von dem Christenthum der Kameraden hielt er außerordentlich wenig und fürchtete eher, in seinen neuen und frommen Planen durch die Anderen gestört und verspottet zu werden. Je früher sie also die Insel verließen und ihm das Feld räumten, desto eher durfte er hoffen, ein Resultat zu erreichen.
Das Fahrzeug war indessen mit der frischen Morgenbrise rasch näher gekommen, und es ließ sich jetzt deutlich erkennen, daß es keineswegs ein großer Wallfischfänger, sondern, wie die beiden Matrosen gestern Abends richtig gesehen hatten, nur ein kleiner Schooner von vielleicht hundert oder hundertzwanzig Tonnen war. Im Anfang hatten die Insulaner auch ihre Canoes bereit gehalten, mit denen sie das fremde Fahrzeug anlaufen wollten, und Mac Kringo überlegte sich schon dabei, ob es in dem Falle nicht möglich sein würde, ein Canoe selbst mit Gewalt zu nehmen und einen offenen Fluchtversuch zu wagen. Da änderten die Indianer plötzlich ihren Plan. So wie das Fahrzeug nahe genug kam, die Stärke desselben deutlich erkennen zu können, hatte Toanonga seine Egis zu einer raschen Berathung zusammenberufen. Die Unterredung mußte auch sehr wichtig sein, denn sie besprachen sich lange und heimlich mit einander, und als sich ihnen der Schotte nähern wollte, wurde er zurückgewiesen.
Das sah nun allerdings aus, als ob die Indianer etwas im Schilde führten; aber was konnten sie beabsichtigen? einen offenen Angriff? Ihre Canoes lagen sämmtlich in einer kleinen, durch Mangrove-Büsche geschützten Bai, um aber mit ihnen hinaus in See zu kommen, mußten sie über das offene, wohl eine halbe Stunde breite Binnenwasser, das zwischen den Corallenriffen und dem Ufer lag, und nur ein einziger schmaler Weg blieb ihnen durch die Riffe und die darüber stürzende Brandung ins Freie. Das fremde Fahrzeug hätte also in einem solchen Falle entweder Zeit genug behalten, sich gegen einen solchen Angriff zu rüsten oder demselben auch, mit der jetzt frisch wehenden Brise, leicht entgehen können.
Das schien aber auch nicht in der Absicht der Eingeborenen zu liegen, denn ihre Canoes wurden nicht gerüstet. Nur ein einzelnes, ganz kleines ruderte, von zwei Insulanern bemannt, hinaus, der Einfahrt zu.
Bis jetzt hatte sich nun allerdings Mac Kringo als Dolmetscher der Insel betrachtet, und daß Toanonga diesmal seine Hülfe nicht in Anspruch nehmen wollte, machte ihn stutzig. Jedenfalls aber bekam er dadurch einen Vorwand, den alten Häuptling nach der Ursache zu fragen, und ging deshalb langsam auf ihn zu. Hatte er ein Geheimniß, so wollte er es bald aus ihm heraus bekommen.
Jonas war vor einer Viertelstunde, der gestrigen Verabredung gemäß, richtig eingetroffen, von dem Alten aber augenblicklich wieder fortgeschickt worden und befand sich jetzt mit Legs auf der Landzunge und ziemlich in der Nähe. Nur von Pfeife hatte der Schotte nichts erfahren können. Spund wußte seiner Aussage nach allerdings die Stelle, wo seine Wohnung stand, wollte ihn aber in den letzten vier Wochen mit keinem Auge gesehen haben und behauptete nur, daß er einige Mal längere Unterredungen mit Toanonga selber gehabt.
Der alte Häuptling saß wie gewöhnlich vor seiner Hütte und nickte dem Schotten, als er ihn kommen sah, freundlich und herablassend zu.
„Willst du keinen Handel mit dem Schiff treiben, Toanonga?“ fragte ihn dieser, als er, neben ihm angekommen, sich bei ihm niedergelassen hatte. „Brauchst du keinen Tabak und keine Beile mehr?“
„Je nun, Ma Kino,“ schmunzelte der Alte, „können immer Alles gebrauchen. – Wenn Papalangis aber mit Toanonga handeln wollen, mögen sie selber herüberkommen.“
„Aber ein Canoe ist doch schon zu ihnen hinübergefahren.“
„Ja,“ sagte der Alte gleichgültig, „habe es auch gesehen; sind neugierige junge Leute, die vielleicht einmal zuschauen wollen, was die Papalangis an Bord haben.“
Mac Kringo wußte recht gut, daß sich der Alte nur so stellte, als ob jenes Canoe aus freien Stücken dort hinüber gefahren sei. Ohne seine Erlaubniß durfte nämlich gar kein Fahrzeug das Binnenwasser verlassen, mit irgend einem Schiffe Handel zu treiben. Er ließ sich jedoch nichts merken und antwortete nur ruhig:
„Sie werden aber nicht verstehen, was die Papalangis zu ihnen sagen.“
„Bah!“ lachte der Alte, „ist auch nicht nöthig! was werden die Papalangis viel sagen? Aber weißt du, Ma Kino, was das für ein Schiff ist? doch keines, das herumfährt, Wallfische zu fangen?“
„Ich glaube kaum,“ sagte der Schotte, „und denke eher, daß es zu euch kommt Cocosnußöl einzutauschen.“
„Hm, das habe ich mir auch gedacht! Ob sie wohl Kanonen an Bord haben?“
„Jedenfalls,“ meinte Mac Kringo, der dadurch alle etwaigen Gelüste des Häuptlings auf das Schiff abzuwenden suchte. „Bewaffnet sind derartige Schiffe immer gut, denn sie wissen nie, ob sie Freunde oder Feinde auf den Inseln finden.“
Toanonga erwiderte nichts hierauf, sondern sah eine Weile nachdenkend vor sich nieder; endlich sagte er:
„Wär' ein vortrefflich Ding, wenn wir auch Kanonen hätten; was meinst du, Ma Kino? könnten nach Hapai hinüberfahren und die ganze Insel wegnehmen. Bum – bum! wie die Hapai-Burschen laufen würden, wenn Toanonga mit solchen großen Dingern zu ihnen käme!“
„Die Papalangis verkaufen nur nicht gern ihre Kanonen,“ meinte der Schotte, „sie brauchen sie immer selber und können hier keine anderen dafür wieder bekommen.“
„Wär' auch gar nicht nöthig,“ sagte Toanonga finster, „brauchen hier nicht herzukommen und Tonga-Leute todt zu schießen – Tonga-Leute gehen auch nicht zu den Papalangis und fangen dort Krieg an.“
Wieder machte er eine Pause, und Mac Kringo schwieg ebenfalls, da er nicht recht wußte, was er ihm darauf erwidern sollte! Jedenfalls merkte er aber, daß der Alte etwas auf dem Herzen habe und nur nicht recht mit der Sprache herauswollte.
„Sag einmal, Ma Kino,“ fuhr da endlich Toanonga fort, „gefällt es dir auf Monui?“
„Mir? gewiß!“ erwiderte durch die Frage etwas überrascht der Schotte, denn bis jetzt hatte sich der alte Häuptling entsetzlich wenig darum gekümmert, ob ihnen das Leben dort zusagte oder nicht.
„Und möchtest du wieder hinaus und Wallfische fangen?“
„Ich danke schön, wenn es nicht sein muß, gewiß nicht!“ lachte der Matrose.
Toanonga schien mit der Antwort zufrieden, denn er nickte leise vor sich hin.
„Gut,“ sagte er dann, „und wenn wir jetzt so ein paar Kanonen und solch ein großes Schiff hätten, dann könnten wir's bald noch besser bekommen. Wenn Ma Kino mit nach Hapai geht und dort viel Beute macht, kann er sich Frauen nehmen, so viel er will, die Mädchen von Hapai sind jung und schön.“
„Wo, zum Henker! will der Alte hinaus?“ dachte der Schotte. „Hat er doch am Ende Absichten auf das Schiff, und sollen wir ihm die Castanien aus dem Feuer holen? darin irrst du dich aber, mein Bursche, denn was du wegschenkst, ist auch gewöhnlich nicht werth, daß man es aufhebt.“
„Pfeife ist ein guter Bursche,“ sprang da plötzlich Toanonga auf ein anderes Thema über, „und Spund sehr gut, nur ein Bißchen dumm, Jonas nicht viel werth, Schmied gar nicht, und Koch ganz schlechter Kerl – werde ihm noch zwei Frauen geben, wenn er mit denen nicht Frieden hält.“
Mac Kringo lachte, denn er dachte in dem Augenblicke daran, was ihm Jonas gestern Abends erzählt und welche schwere Zeit der arme Legs schon jetzt mit seinen Frauen hatte. Die Gelegenheit war aber auch zu günstig, etwas von Pfeife's Aufenthalt zu erfahren, und er fragte deshalb den Alten, wo er stecke und was er treibe.
„Pfeife,“ sagte Toanonga, der nur die Spitznamen der Matrosen erfahren hatte und sie danach nannte, „Pfeife geht es sehr gut. Braver Papalangi, arbeitet fleißig und macht Segel für die Canoes, und Lemon hilft ihm.“
„Lemon ist bei ihm?“ rief Mac Kringo schnell.
Toanonga antwortete ihm nicht darauf, denn seine Aufmerksamkeit wurde in diesem Augenblicke zu sehr durch den Schooner in Anspruch genommen. Dieser kreuzte jetzt dicht vor den Riffen und hatte gerade das zu ihm ausgekommene Canoe langseit genommen. Mac Kringo lag auch nichts daran, sich jetzt noch länger hier aufzuhalten, denn er wußte Alles, was er wissen wollte, und da Toanonga das Gespräch nicht wieder aufnahm, erhob er sich und verließ langsam, als ob er in den Wald wieder hineinschlendern wollte, den Platz. Sobald er dem Alten übrigens aus Sicht war, eilte er, jeden gebahnten Weg vermeidend, so rasch er konnte, der Landspitze zu, auf der er die Kameraden wußte. Diesen mußte er seine Vermuthungen mittheilen und gemeinschaftlich mit ihnen einen Plan berathen.
3.
Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich unbemerkt verfolgen zu können. Das, sah er bald, war nicht möglich, denn von allen Seiten kamen Insulaner und besonders Frauen herbei, und zwar die letzteren nur aus Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, wie ein fremdes Schiff, zu betrachten. Im Anfange suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch Verdacht zu erregen fürchtete, folgte er zuletzt dem offenen Fußweg und unterhielt sich mit denen, die ihm begegneten. Allerdings wurde er einige Male gefragt, warum er nicht am Strand bliebe und wohin er wolle; er gab aber ausweichende Antworten und meinte, es würde wohl noch eine Weile dauern, bis die Weißen ans Land kämen, und er könne vielleicht indessen selber einige Yams aus einem dort in der Nähe liegenden und ihm gehörenden Felde holen, um sie nachher gegen Tabak einzutauschen.
So kam er endlich zu dem Gebüsch, das die Landspitze begränzte, und einmal dort, traf er auch Niemanden mehr, denn die da draußen stehende Hütte lag unbewohnt. Nur die Fischer übernachteten manchmal in derselben, wenn sie von dort aus mit der Morgendämmerung auf den Fang gehen wollten.
An der bezeichneten Stelle fand er übrigens die ihn schon ungeduldig erwartenden Kameraden und zu seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der Nähe der Canoes angetroffen und dorthin bestellt hatte.
„Donnerwetter! daß ist gut, daß du kommst, Lord Douglas!“ schrie ihm Legs, der eine mächtige Kriegskeule in der Hand trug, schon von Weitem entgegen. „Ich weiß hier ganz in der Nähe ein kleines Canoe, und in einer halben Stunde können wir draußen an Bord und in Sicherheit sein. Hol' der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich hab's zum Sterben satt und will mein Lebtag an Monui denken.“
„Unsinn!“ sagte aber Jonas, „wenn wir jetzt hier mit einem Canoe abfahren, schneiden sie uns den Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus sind, und dann dürfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht vergehen lassen.“
„Wo ist Pfeife?“ fragte Mac Kringo, „den dürfen wir doch auf keinen Fall zurück lassen.“
„Pfeife steckt drüben bei den Canoes,“ rief Lemon, „und näht Segel. Da müssen wir Spund aber auch mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis wir erst alle Sechse einmal zusammen haben, können wir uns auch darauf verlassen, daß wir sitzen bleiben.“
„Jungens,“ sagte da Mac Kringo, der indessen gesucht hatte, durch die dichten Mangrove-Büsche einen Überblick nach der innern Bai zu gewinnen, „mit eurem Plane ist es nichts. Da draußen fährt eben das Schiffsboot, von dem Canoe begleitet, das heute Morgen hinausgegangen ist, durch die Riffe, und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, und es würde auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam machen.“
„Und weshalb brauchen wir es anzurufen?“ rief Legs ärgerlich, „laß die immer fahren. Wenn wir nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die Rothfelle wahrhaftig nicht wieder herunter bringen.“
„Du redest, wie du's verstehst,“ erwiderte ruhig der Schotte, „und glaubst du denn, Toanonga hat nicht Verstand genug, die Weißen in dem Falle als Geißel an Land zu behalten? So wie der merkte, daß wir ihm durchs Netz gingen, machte er die Klappe zu und hätte die Anderen fest, und der Capitain von dem Schooner wird uns wahrhaftig nicht mit in See nehmen und seine eigenen Leute dafür zurück lassen.“
„Dann ist die ganze Geschichte wieder faul!“ fluchte Legs; „das kommt aber von dem ewigen Trödeln und Berathen her! Erst hat der ein Bedenken und dann der, und dabei bleiben wir richtig jedesmal in der Falle sitzen. Das sag' ich euch, wenn sich mir irgend eine Gelegenheit zur Flucht bietet, auf euch warte ich nicht, denn mit euren überklugen und ewigen Bedenklichkeiten kommt ihr überall zu kurz.“
„Renn' du nur mit dem Kopf gegen die Wand,“ sagte Mac Kringo ruhig, „so wirst du schon bei Zeiten finden, wo du bleibst. Übrigens sei so gut und schrei nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom Wege entfernt, und deine und Pfeife's Stimme hört man eine Meile durch den Wald.“
„Na gut,“ sagte Legs, der Warnung jedoch Folge leistend und nicht so laut als vorher, „wenn du denn so genau weißt, was wir thun und lassen müssen, so erzähl' uns auch jetzt, was nun werden soll und was du im Sinne hast!“
„Ja, wenn ich überhaupt etwas im Sinne hätte!“ entgegnete Mac Kringo, „darüber scheinen wir allerdings einig zu sein, daß wir hier fort wollen, um auf irgend einer andern Insel als freie Männer auftreten zu können. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen kann, ist noch die Frage. Wir wissen ja nicht einmal, ob der Capitain Platz für uns an Bord und überhaupt Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche dieser Herren sind verdammt mißtrauisch, und hüten sich, besonders in der Nähe von Australien, englische Matrosen in größerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen nicht, ob es nicht am Ende statt verunglückter oder entlaufener Seeleute entsprungene Sträflinge aus den dortigen Colonien sind.“
„Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen?“ rief Lemon. „Wenn wir nicht wenigstens einen Versuch machen, fährt das Boot wieder ab, und wir bleiben so klug wie vorher.“
„Lord Douglas steckt überhaupt immer voller Plane, aus denen nie etwas wird!“ rief Legs ärgerlich. „Wie klug konnte er damals sprechen, als die Lucy Walker noch hier lag! und wäre das Feuer nicht da zufällig ausgebrochen, so schwämmen wir jetzt wieder ganz ruhig mit dem alten Kasten im Eismeer umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter schmierigen Wallfischen drein.“
„Ja, aber“ ... wollte Jonas etwas darauf entgegnen, der Schotte unterbrach ihn jedoch und sagte:
„Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen wären, Legs, dann glaube ich allerdings, daß du uns allein helfen könntest. Jetzt aber sei so gut und laß uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hört erst einmal meinen Vorschlag. Wißt ihr dann was Besseres, so soll es mich freuen, ich bin gern erbötig, euch Folge zu leisten.“
„Na, da komm endlich einmal klar, und reib' nicht so lange auf dem Sand herum!“ rief Lemon; „die Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine übrig.“
„So hört,“ sagte Mac Kringo, „ich muß vor allen Dingen jetzt zum Alten, um dort zu dolmetschen, wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder wer nun gerade an Land gekommen ist, schon Gelegenheit finden, ein paar Worte allein zu sprechen. Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich selber nichts dagegen, daß wir es zum Äußersten treiben und Gewalt brauchen, wenn wir eben auf keine andere Weise fortkommen können. Können sie uns freilich nicht mitnehmen, dann bleibt es für uns das Beste, uns so ruhig wie möglich zu verhalten. Jeder geht nachher wieder seiner Beschäftigung nach, und wir warten eine günstige Gelegenheit ab.“
„Doch wie dem auch sei, von da drüben werde ich euch ein Zeichen geben, damit ihr wißt, was ihr zu thun habt. Seht ihr jene in die Bai auslaufende spitze Corallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? – Die behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin, und winken sie euch von Bord aus, so gilt das als ein Zeichen, daß sie uns mitnehmen können, dann kommt so rasch ihr könnt an die Landung, bringt auch irgend eine Waffe mit, im Nothfall unseren Weg mit Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr aber von dem Boot kein Zeichen, dann heißt das so viel, daß sie uns nicht haben wollen, und dann versteht es sich von selbst, daß wir für jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben.“
„Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft,“ brummte Legs. „Nun mach' aber, daß du fortkommst, denn mir brennt der Boden schon unter den Füßen. Ha, ha, ha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn ich heute nicht zum Essen komme.“
„Und was wird aus Pfeife?“ fragte Jonas.
„Ihr habt ja Zeit genug, dem unsern Plan mitzutheilen,“ entgegnete der Schotte; „kommt ihr mit dem Canoe, so nehmt ihn ein; im andern Falle sagt ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht Alle in einem Klumpen, sondern vertheilt euch hübsch, daß die Insulaner nichts merken. Es muß aussehen, als ob ihr nur zufällig an den Strand kommt. Und jetzt good-bye! wenn das Glück gut geht, sehen wir uns vielleicht an Bord wieder!“
Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft eines Bootes von dem fremden Fahrzeug entgegengesehen, und an ihm bemerkte man nicht das Geringste von der Aufregung, die unter den Egis selber zu herrschen schien. Daß diese dagegen etwas Besonderes und Außergewöhnliches erwarteten, war augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und in der Nähe versteckt, und in Toanonga's Hause selber die bis dahin eingepackten Musketen hervorgesucht und geladen, ohne daß sich jedoch der alte Häuptling im Geringsten selbst darum bemüht hätte. Er ließ das alles seine Häuptlinge besorgen, und wenn man ihn so dasitzen sah, würde man kaum geglaubt haben, daß all das thätige Leben um ihn her nur einzig und allein von ihm selber ausgegangen sei.
Um die Papalangis hatte sich indessen Niemand bekümmert, und eigentlich war es Toanonga ganz recht, daß sie sich gerade jetzt nicht am Strand befanden. Spund allein kam endlich langsam dort herauf geschlendert, und ohne sich an die geheimnißvolle Geschäftigkeit der Insulaner zu kehren oder selbst besonders auf das Schiff zu achten, das ihn doch eigentlich hätte interessiren müssen, schien er ein ganz anderes Ziel im Auge zu haben.
Feierlich schritt er auf den alten Häuptling zu, mit dem er sich in seiner Sprache schon recht gut unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal ein wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga immer, was er eigentlich sagen wollte.
„Ah Spund,“ redete ihn der Häuptling freundlich an, „es ist gut, daß du gerade kommst. Ma Kino steckt wer weiß wo im Busch, und wenn Papalangis ans Land kommen, muß doch Jemand da sein, der mit ihnen spricht; Papalangis schrecklich dummes Volk! müssen erst immer zu Tonga-Inseln kommen, um die Sprache zu lernen!“
Spund ließ sich ohne Weiteres neben dem alten Häuptling nieder und sagte.
„Ja, Toanonga, Papalangis mögen in Manchem dumm sein, aber sie haben doch wenigstens den rechten Glauben.“
„Glauben? Glauben haben wir auch!“ sagte Toanonga. „Ich glaube, daß da drüben von dem fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstößt und zu uns herüber kommen wird.“
Spund seufzte tief auf.
„Ach,“ stöhnte er, „daß du nur immer an irdische Dinge denken willst, Toanonga! Weißt du denn, was uns bevorsteht, wenn wir plötzlich sterben?“
„Sterben? wer denkt an Sterben!“ lachte Toanonga. „Wenn das kommt, ist es Zeit genug, und dann gehen wir hinüber nach Bolutu[33] und werden Hotuas.“
„Ja, Hotuas!“ ächzte Spund, „man wird euch behotuan! Sieh, Toanonga!“ setzte er dann gutmüthig hinzu, „du bist sonst ein braver Mann, und ich mag dich gern leiden, und deshalb thut es mir immer leid, wenn ich dich ansehe, und weiß, in welcher entsetzlichen Gefahr du schwebst.“
„Gefahr?“ sagte der alte Häuptling, und sah rasch und mißtrauisch in die Augen des Seemannes, „und was weißt du von Gefahr?“
„Ich weiß, was hier in dem Buche steht,“ sagte Spund, auf die Bibel zeigend, die er sorgfältig unter dem linken Arme trug. „Und daß wir einmal an einen sehr bösen Platz kommen, wenn wir uns hier nicht zum rechten Glauben bekehren.“
„So?“ lächelte Toanonga, vollkommen beruhigt, denn die Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn bisher außerordentlich gleichgültig gelassen. Er selber versuchte übrigens nie einen der Weißen zu der Annahme seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er sich nicht denken konnte, daß Papalangis auf Bolutu zugelassen würden. Was hätte es ihm also geholfen, seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche Gleichgültigkeit gegen die Schrecken nach dem Tode reizte den Matrosen aber nur noch mehr, ihm nachdrücklich in das Gewissen zu reden, und das Buch vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus:
„So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber sterben, werden wir nicht mehr so sagen; dann kommen wir an einen Ort, wo da ist Heulen und Zähneklappern und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt werden von Ewigkeit zu Ewigkeit.“
„Ist das euer Glaube?“ fragte Toanonga, „und kommen die Papalangis wirklich an solchen Platz?“
„Allerdings!“ rief Spund, der jetzt endlich des Häuptlings Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin er sie haben wollte. „Wenn wir nicht fromm und gottesfürchtig auf dieser Erde leben, wenn wir nicht an Gott glauben, wenn wir sündhafte, schlechte Menschen sind und uns nicht zu dem bekennen, was in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut schaudert, wenn man nur daran denkt. Und was sagst du nun, Toanonga?“
Der alte Häuptling hatte ihm aufmerksam zugehört und nickte dabei langsam mit dem Kopfe.
„Hm, hm, hm!“ sagte er dann, „das ist sehr schlimm für Papalangis!“
„Für Papalangis?“ rief Spund überrascht, den diese Wendung ganz außer Fassung brachte.
Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen auf die Bai, auf der das Boot der Weißen jetzt, von einem Canoe begleitet, schon heranglitt, und das Gespräch war dadurch natürlich abgebrochen.
„Verdammter, dickköpfiger Heide!“ murmelte aber Spund in sehr unchristlicher Entrüstung halblaut und ärgerlich vor sich hin. „Na, daß du einmal den ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf kannst du dich doch fest verlassen.“
Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste Notiz von ihm.
Einer der Egis war wieder zu ihm getreten und hatte ihm etwas ins Ohr geflüstert, und der alte Häuptling stand auf, die Fremden zu begrüßen.
Die Leute im Boot ließen sich jetzt deutlich erkennen. Am Steuer saß ein Europäer, die vier Rudernden waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen ganz vortrefflich umzugehen wußten. Einige der Insulaner liefen ihnen entgegen, und halfen ihnen das Boot auf den Corallensand ziehen, während sie mit den Fremden ihre Begrüßungen wechselten. Die Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine von den Tonga's sehr verschiedene Sprache, und die Indianer konnten sich nicht unter einander verständigen, während der Fremde die Tonga-Sprache vollkommen gut und fließend redete.
Es war eine breitschulterige, kräftige und ächte Seemanns-Gestalt, die den Engländer nicht verläugnen konnte, mit blauen, klaren Augen, wettergebräunten Zügen und festgelocktem hellbraunem Haar. Er ging auch ohne Weiteres auf Toanonga, den er bald als den How der Insel erkannt hatte, zu, schüttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem üblichen Gruße der Insel an. Auf Spund, der mit der Bibel unter dem Arm nicht weit davon stand, warf er nur einen flüchtigen und wie überraschten Blick – denn der Bursche sah in seiner halb indianischen halb Matrosen-Tracht, mit dem dicken Buch unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber nur zu und achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch lange genug die verschiedenen Inselgruppen besucht, um daran gewohnt zu sein, Missionare und weggelaufene Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch nicht gleich wußte, zu welcher der beiden so verschiedenen Classen der Weiße hier gehören mochte.
Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von vorn herein erklärte, Alles von Cocosnußöl, was auf der Insel vorräthig sei, aufzukaufen und dafür Waaren, wie sie die Insulaner gerade gebrauchten, einzutauschen.
Toanonga hörte ihm aufmerksam zu und sagte ihm dann, daß er die nöthigen Befehle dazu geben werde. Damit ließ er den Fremden stehen und wandte sich seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der jungen Bursche, der mit dem Canoe draußen an Bord des Fahrzeugs gewesen war, an seine Seite glitt.
„Nu, Tibi–ano,“ sagte da der Alte, als er weit genug von dem Fremden entfernt war, um nicht von ihm gehört zu werden, „wie viel Weiße sind draußen auf dem großen Canoe?“
„Noch fünf, Toanonga;“ lautete die Antwort, „außer dem hier und noch drei Kanakas. Der hier Capitain.“
„Ah, vortrefflich!“ nickte Toanonga, „sehr gut das! und haben sie Kanonen?“
„Zwei; nicht sehr große.“
Der alte Häuptling schmunzelte vergnügt vor sich hin, und warf dabei vorsichtig den Blick umher, sich zu überzeugen, ob seine Anordnungen ausgeführt würden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der Egis und sechs oder acht andere Insulaner, während die Kanakas, von einem der Monui-Leute geführt, zu einer kleinen Gruppe von Cocospalmen gegangen waren, dort eine Anzahl Nüsse herunter zu werfen. Der Capitain des Schooners stand neben Spund, der ihm gerade Bericht über den Untergang der Lucy Walker abstattete.
Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nächsten Pandanus-Dickicht und ging auf den Capitain zu. Zu seinem Erstaunen sah er aber, daß nicht allein eine Menge Indianer bewaffnet waren, sondern ein Theil von ihnen sogar im Dickicht versteckt blieb. Mit den Sitten der Insulaner bekannt, zweifelte er keinen Augenblick daran, daß sie irgend etwas Böses gegen die Fremden beabsichtigen, und je eher er deshalb den Bedrohten warnen konnte, desto besser.
Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich lebhaftem Gespräch schräg an der Corallenbank hinausgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt, zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Corallensand aufhörte und der Fruchtboden begann, stand ein kleiner Streifen von Casuarinen mit ein paar Pandanus-Bäumen und einem Unterwuchs von einzelnen niederen Büschen. Im Schatten derselben lagen etwa acht oder neun Insulaner. So wie jedoch der Capitain an ihnen vorüberschritt und hinter dem kleinen Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus nicht mehr gesehen werden konnte, sprangen diese plötzlich empor und warfen sich auf ihn.
Überrascht wie er war, gelang es dabei Zweien, sich seines linken Armes zu bemächtigen, aber sicher zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten schlug er sie mit zwei rasch geführten Stößen, auch schon im nächsten Augenblick bewußtlos zu Boden. Die Überzahl war jedoch zu groß; ehe er sich gegen die Anderen wenden konnte, hingen diese überall um ihn her, und trotz seinem wüthenden Sträuben fand er sich bald gebunden und in der Gewalt der Feinde.
Spund war ein höchst überraschter Zeuge des Ganzen gewesen, und Alles so schnell gekommen, daß er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem Landsmann beizustehen.
Mac Kringo, der ebenfalls in der Nähe war, hatte allerdings etwas Ähnliches gefürchtet, aber er übersah auch mit einem Blick, daß sie hier mit Gewalt gegen die Übermacht der Eingeborenen nichts ausrichten konnten und verhielt sich deshalb gleichfalls ganz ruhig.
„Hallo, ihr Halunken!“ schrie dabei der Engländer in der Tonga-Sprache, „ist das eure Gastfreundschaft, mit der ihr einen Fremden bewillkommt, und ihm vorher euer verrätherisches chio do fa entgegen ruft? und ihr da,“ wandte er sich gegen die Weißen, als er Mac Kringo gerade erblickte, „zwei Engländer und lassen mich hier von den verdammten Rothfellen mißhandeln? Ihr seid schöne Canaillen! hätte ich nur Einen von meinen weißen Leuten hier an Land, ein ganzes Schock dieser braunen Schufte wäre mir nicht zu nahe gekommen.“
Die Kanakas hatten allerdings ihrem Capitain im Anfang zu Hülfe springen wollen, da sie aber von allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten auftauchen sahen, wichen sie scheu zurück, es ihrem Führer überlassend, sich allein aus dieser Verlegenheit heraus zu arbeiten.
Vollkommen ruhig bei diesem plötzlich hereingebrochenen Kampfe war Toanonga geblieben, der nun erst, als er den Weißen gebunden und unschädlich gemacht sah, zu ihm trat.
„Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein Canoe hast anbieten lassen, wortbrüchiger Häuptling?“ rief ihm der gereizte Engländer entgegen.
„Ruhig, mein Freund!“ suchte ihn indessen Toanonga zu beschwichtigen. „Du bist jetzt in unserer Gewalt, und es ist außerordentlich leichtsinnig von dir, durch nutzloses Schimpfen einen mächtigeren Feind zu reizen. Wenn wir dir hätten ein Leids zufügen wollen, so brauchten wir dir nur den Schädel einzuschlagen, und die Sache wäre abgemacht gewesen. Wenn du dich aber ruhig verhältst und das thust, was wir von dir verlangen, so hast du nicht allein für dich oder die Deinen nichts zu fürchten, sondern kannst auch nach einiger Zeit deine Reise ungehindert fortsetzen.“
„Und was verlangst du von mir?“ fragte der Fremde. „Wenn es etwas ist, das ich erfüllen kann, wär' es doch wohl vernünftiger gewesen, mich auf andere Weise darum zu fragen, als so über mich herzufallen!“
„Daß du es erfüllen kannst, wußte ich vorher,“ erwiderte vorsichtig Toanonga, „nur darauf kam es an, ob du es erfüllen wolltest, und ich hielt es deshalb für besser, mir eben diesen guten Willen vorher zu sichern.“
„Eine verdammt schöne Art!“ fluchte der Capitain, „wenn du dich nur nicht darin geirrt hast!“
„Ich glaube kaum,“ sagte vollkommen gleichmüthig der Häuptling. „Wie heißest du?“
„Jacobs,“ brummte der Fremde verdrießlich.
„Und dein Schiff?“
„Bonito.“
„Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf Monui dein Schiff und deine Kanonen, um nach Hapai hinüber zu fahren, und die Häuptlinge zu züchtigen, die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfüllt haben.“
„Mein Schiff!“ schrie Jacobs wild emporzuckend, „den Teufel auch! das brauche ich selber! und wenn ihr das haben wollt, so holt es Euch draußen; seid aber versichert, daß euch mein Steuermann auf eine Art empfängt, die euch nicht behagen wird.“
„Das habe ich mir etwa gedacht,“ lachte der Alte, „und dich hier festgehalten, um uns die Mühe zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt, wie du recht gut weißt, und meine Egis haben beschlossen, dir das Leben zu nehmen, wenn du nicht nach unserem Willen thust. Fügst du dich aber in das, was du doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich dir, daß wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und deine Kanonen gebrauchen werden, daß du es aber wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt haben.“
„Der Teufel trau' euch!“ rief Jacobs, „und im allergünstigsten Falle hätte ich ein paar Monate von meiner besten Zeit verloren. Nein! Thut mit mir, was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. Und darauf verlaßt euch, daß mein Bruder, der Steuermann an Bord des Bonito ist, blutige Rache nehmen wird, wenn ihr mir ein Leides thut.“
„Sei vernünftig, Freund! Was kann er uns zufügen?“ sagte Toanonga, „er muß froh sein, wenn er unseren Canoes entgeht. Du hast nur noch fünf weiße Männer an Bord, und der Wind draußen wird schon schwächer. Wenn wir noch ein paar Stunden warten und rudern dann hinaus, so könnt ihr nicht einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du bekommst nie etwas davon wieder.“
Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo aber, der indessen hinzugetreten war, blinzelte ihm heimlich zu und sagte dann zu dem Alten:
„Laß mich mit ihm reden, Toanonga; er wird Vernunft annehmen, wenn er einsieht, daß er doch nichts daran ändern kann.“
Toanonga sah den Schotten etwas überrascht an, denn er hatte sein Kommen gar nicht bemerkt und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen. Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt wußte, schien er dem Vorschlage nach einiger Überlegung beizustimmen.
„Gut, Ma Kino,“ sagte er, „sprich du mit ihm.“
„Und was willst du, daß er thun soll?“ fragte der Schotte.
„Er soll hinausschicken und die anderen weißen Männer an Land rufen. Er mag ihnen sagen lassen, daß sie Messer und Tabak mitbringen, um dafür Cocosöl einzutauschen!“
„Daß ich ein Esel wäre!“ rief Jacobs. „Ich soll mir selber die Hände binden, nicht wahr?“
„Seid ihr der Capitain des Schooners?“ fragte ihn der Schotte in englischer Sprache.
„Ja wohl, der bin ich. Waret ihr mit auf der Lucy Walker?“
„Ja. – Wie viel Weiße habt ihr noch am Bord, auf die ihr euch fest verlassen könnt?“
„Fünf, mit dem Steuermann.“
„Den Steuermann können wir nicht rechnen,“ sagte der Schotte, „der muß an Bord bleiben. Wissen die anderen Vier mit Gewehren umzugehen?“
„Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, und der Vierte ist ein Deutscher. Aber glaubt ihr wirklich, daß die Rothfelle ihre Drohung ausführen würden?“
„Ich fürchte fast, ja. Sie sind sonst gutmüthig und friedlich genug, aber jetzt gerade zu einem Kriege gerüstet, und ich möchte euch nicht rathen, sie zum Äußersten zu treiben.“
„Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, bin ich verloren, denn sobald sie ihre Canoes hinausschicken, kann mein Steuermann mit den paar Kanakas das Fahrzeug nicht allein halten.
„Habt ihr Musketen an Bord?“
„Gewiß.“
Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder. Toanonga aber, der ein paar Schritte davon entfernt mit einem Häuptling sprach, wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um.
„So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte,“ sagte da der Schotte. „Gebt ihr euch ihnen nicht gutwillig, so brauchen sie Gewalt, und euer eigenes Leben ist dann in ihren Händen. Mit so schwacher Besatzung hättet ihr nicht so leicht an Land kommen sollen. Trotzdem ist es doch am Ende noch möglich, sie anzuführen, wenn ihr euch verpflichten wollt, uns Europäer von dieser Insel mit fortzunehmen.“
„Wie viel seid Ihr?“
„Sechs; und so tüchtige Matrosen, wie ihr euch wünschen könnt.“
„Aber hier stehen wenigstens sechszig bewaffnete Insulaner um uns her.“
„Deshalb müssen wir euere vier Leute noch vom Boot zu Hülfe haben.“
„Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen?“
„Wir müssen es versuchen! Ich weiß wenigstens keine andere Möglichkeit, euch zu helfen.“
„Und wer bürgt mir dafür, Freund, daß ihr es ehrlich mit mir meint?“ sagte Jacobs. „Ihr habt mich hier ohne Warnung den Rothfellen in die Hände laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob ihr nicht mit ihnen unter Einer Decke steckt!“
„Das Mißtrauen muß ich euch allerdings zu Gute halten,“ sagte Mac Kringo, „und wenn ihr meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich keine weitere Bürgschaft für euch, als die Versicherung, daß uns allen, oder wenigstens Fünfen von uns, der Boden hier unter den Füßen brennt, und wir Gott danken wollen, wenn wir die Insel im Rücken haben. Jetzt thut was ihr wollt; wenn ihr einen anderen Rath wißt, euch zu helfen, so ist es mir lieb, wo nicht, so sagt mir euere Meinung bald, denn wie ich sehe, fängt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren.“
„Ihr habt Recht,“ sagte Jacobs nach kurzer Pause, „es ist das die einzige Rettung. Im allerschlimmsten Falle kann dann mein Bruder, der Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas und dem Fahrzeug entkommen, sobald er merkt, daß für uns Alles verloren ist. Aber auf welche Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner wenigstens meine Leute zurückrudern ließen!“
„Ich glaube schwerlich, daß Toanonga das zugiebt,“ sagte der Schotte, „denn der günstige Erfolg seiner ganzen List beruht nur darauf, daß die am Bord keinen Verdacht schöpfen. Aber da kommt er selber, jetzt wollen wir gleich hören, wie er sich die Sache weiter ausgedacht hat.“
Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, denn da er sich nun einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, das Schiff den Fremden wegzunehmen und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, erschien es ihm höchst rücksichtslos von dem Papalangi, daß er ihn auch noch so lange darauf warten ließ.
„Nun mach rasch, Ma Kino,“ sagte er, als er zu ihm trat, „meine Leute wollen nicht länger warten, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren, denn der Tag vergeht. Was sagt der Papalangi?“
„Er fügt sich deinem Willen,“ erwiderte der Schotte; „wenn ihr keinem von ihnen ein Leides thun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es gebraucht habt, zurückgeben wollt.“
„Nun versteht sich, versteht sich,“ erwiderte der Alte, ungeduldig mit dem Kopfe schüttelnd.
„Aber der Steuermann hat Antheil an dem Fahrzeug,“ fuhr Mac Kringo fort, „und wird es nicht gutwillig hergeben wollen.“
„Nicht gutwillig hergeben wollen?“ lachte Toanonga, „wenn wir die Weißen erst an Land haben, brauchen wir ihn nicht lange zu fragen.“
„Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga?“ fragte der Schotte. „Wer soll hinüberfahren, sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir nicht hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben.“
„Du hast Recht,“ sagte Toanonga, und sah sinnend vor sich nieder. Den Papalangi selber durfte er nicht schicken, der wäre natürlich nicht wieder gekommen, und die Kanakas durfte er auch nicht hinüber lassen, da die ja Zeuge des Überfalls ihres Capitains gewesen waren.
Mac Kringo, wie einem der anderen Weißen auf der Insel traute er ebenfalls nicht, und das Einzige blieb, daß er ein paar von seinen eigenen Leuten hinüber rudern ließ. Dabei konnte er sich aber nicht verhehlen, daß die Fremden kaum einem Befehl Folge leisten würden, der ihnen von den Eingeborenen einer fremden Insel gebracht wurde. Ein paar Mal kam ihm freilich der Gedanke, ohne Weiteres mit seinem Canoe hinauszufahren und den Schooner, der doch nicht ohne seinen Capitain absegeln konnte, zu entern; aber er fürchtete die Kanonen und durfte seine kriegsfähigen, jungen Leute, gerade im Begriff, einen Kriegszug zu unternehmen, nicht also gefährden; so lange er deshalb hoffen durfte, seinen Plan mit List durchzusetzen, wollte er jede Gewaltthat gern vermeiden.
„Spricht jemand bei euch an Bord die Tonga-Sprache?“ fragte da Mac Kringo, während der Alte noch mit sich zu Rathe ging, den fremden Capitain in englischer Sprache.
„Nein, kein Mensch,“ sagte dieser.
„Desto besser,“ nickte der Schotte und fuhr dann, zu Toanonga gewendet, fort: „Darf ich dir einen Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen zu lassen, was du willst?“
„Allerdings, sehr gern!“ rief der Alte, dem damit ein großer Gefallen geschehen wäre.
„Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten hinüber.“
„Spund?“ fragte Toanonga, und schüttelte bedenklich mit dem Kopf.
„Spund ist eine gute, ehrliche Haut,“ beruhigte ihn der Schotte, „und wenn du dem drohest, du würdest ihm den Schädel einschlagen, sowie er das Geringste verriethe, warnte er seinen eigenen Vater nicht. Außerdem braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weißt, daß die Papalangis die Kunst verstehen, auf ein weißes Stück Zeug Zeichen zu malen, die einem Anderen sagen, was er wissen soll.“
„Da kann der Fremde aber darauf setzen, was er will!“
„Er mag es in der Tonga-Sprache thun, und du kannst dich dann selber überzeugen, daß er nichts sagt, als was du von ihm verlangst.“
Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze gemeint sei. Auf Spund glaubte er sich übrigens am ersten verlassen zu können, und wollte jetzt wenigstens sehen, was die Fremden im Sinne hätten. Er gab auch des Gefangenen Hände frei, und dieser ging rasch auf Mac Kringo's Plan ein, nahm seine Brieftafel aus der Tasche, riß ein Blatt heraus und schrieb darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich die vier Papalangis herüber und laß sie Messer und Tabak mitbringen; darunter aber setzte er in Englisch nur die Worte: Verrath! schicke die vier Matrosen gut bewaffnet!
Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm aufmerksam zugesehen, war aber sehr erstaunt, daß der Fremde so rasch damit fertig wurde.
„Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet?“ fragte er lachend. „Nun wartet, das wollen wir gleich erfahren. Geh' einmal weg, Ma Kino, der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf gemalt hat.“
Der Schotte trat zurück, und Jacobs las Toanonga die im Tonga-Dialekt geschriebenen Worte langsam vor. Darauf ging der Häuptling mit dem Zettel zu Mac Kringo, und war aufs Äußerste erstaunt, als dieser ihm jede Silbe genau wiederholte, wobei sich dieser jedoch wohl hütete, das Englische mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; denn die Beiden konnten sich auch über diese Worte vorher verständigt haben. Er ging also wieder zu Jacobs zurück und flüsterte ihm zu, die beiden Worte Monui und Toanonga aufzuzeichnen. Davon konnte Mac Kringo jetzt nichts wissen, als er aber diesem das Blatt zeigte, und der die Worte ohne Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine Gränzen. Besonders konnte er sich gar nicht denken, daß er Monui gleich erkannt habe, da die fünf sehr auffälligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu unterscheiden waren.
Er machte den Versuch auch noch mit ein paar andern Worten, und würde sich wahrscheinlich den ganzen Tag damit unterhalten haben, hätte die Zeit nicht gedrängt. Von dem also abgefaßten Briefe versprach er sich aber einen außerordentlichen Erfolg, nahm Spund zur Seite und flüsterte lange und heimlich mit ihm. Spund schien auch mit Allem einverstanden und nickte in Einem fort mit dem Kopfe. Die beiden Insulaner, die vorher mit dem Canoe an Bord gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weißen mit Spund abgeschickt, und dieser würdige Mann war jetzt nur in Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche indessen sollte. An Land durfte er es nicht lassen; denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den Kopf gesetzt, daß es Beschwörungen und Zauberformeln enthalte, hatten ihm schon eine Menge Blätter herausgerissen, wo sie deren nur habhaft werden konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen, und beschloß deshalb, es lieber mitzunehmen.
Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Corallensand gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm vorbei an Bord stieg, flüsterte er ihm zu. „Bringe Hülfe, oder wir sind verloren!“
„Ja, aber!“ rief Spund ganz verblüfft, da er der erhaltenen Befehle Toanongas gedachte. Mac Kringo ließ sich jedoch auf keine weitere Erklärung ein, im nächsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen.
5.
Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im Reinen; die Kameraden durften keinen Fluchtversuch im Canoe machen, so lange noch der Capitain des Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre einzige Rettung lag im Gegentheil darin, daß sie mit der Verstärkung vom Schooner, die jedenfalls Gewehre mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und dann den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. Langsam ging er deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen schon im Voraus bezeichnete Corallenbank hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte dann zum Ufer zurück. Er wußte jetzt, daß er die Kameraden bald in der Nähe hatte, und gelang es ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drängen und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, ihre Flucht glücklich zu bewerkstelligen.
Allerdings waren alle in der Nähe wohnenden Indianer an der Landung versammelt, da Toanonga seine Leute zusammen halten wollte, um die vier Matrosen in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen jedoch, das Boot zu besetzen, so hatten sie dadurch auch wieder den Vortheil, daß die Indianer die wohl eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so rasch erreichen konnten und ihnen einen tüchtigen Vorsprung lassen mußten. In dem Bewußtsein freilich, daß sich jetzt der entscheidende Augenblick näherte, und daß ihnen entweder Freiheit winkte, oder im Falle des Mißlingens die größte Gefahr von den gereizten Eingeborenen drohe, schlug ihm das Herz stürmisch und ängstlich in der Brust. Die Minuten dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der Unruhe, in der er sich befand, schritt er den Büschen zu, vielleicht einem der Kameraden zu begegnen und ihm Vorsicht zu empfehlen.
Dort kam er an Toanonga's Haus vorbei, und wenn die Eingebornen auch eines Häuptlings Wohnung nicht betreten dürfen, besonders wenn sich die Frauen darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert zu sein, hatte man es mit ihm, der als ein Häuptling der Weißen und als ein Fremdling betrachtet wurde, nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von Anfang an den Frauen stets willkommen gewesen, da er, der Sprache mächtig, ihnen viel vom Lande und von den Frauen der Papalangis erzählen konnte. So trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm nachschauenden Indianer glauben zu machen, er schlendre nur wie gewöhnlich absichtslos in der Nachbarschaft umher.
Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen, so änderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu plötzlichem Gebrauch bereit gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwünscht, denn diese brannten vor Neugierde, etwas Näheres über das zu hören, was außen vorging. Etwas Außergewöhnliches war jedenfalls im Werke, darüber konnten sie sich nicht täuschen, wären die Gewehre auch nicht hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon erzählen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als Mac Kringo.
Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und unzusammenhängende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre bemächtigen könnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehörige Munition, und mißlang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens für die Insulaner unbrauchbar zu machen, und darüber mit sich im Reinen, begann er plötzlich eine lebendige Erzählung. Er beschrieb den Frauen, wie sie nun bald in Besitz eines großen Schiffes mit Kanonen sein würden, mit dem sie nach Hapai hinüberfahren und die dortigen Insulaner züchtigen könnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung dort und ihren Angriff, und erfaßte dazu, um das anschaulicher zu machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser für sie furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Köpfe und baten ihn, die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff zurück, bis er von sämmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die Frauen aber schöpften natürlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht wissen, daß der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen im Stande sein sollte, die Waffen vollständig unbrauchbar zu machen.
Darüber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt durch die offenen Bambusstäbe der Hütte, daß Jonas draußen angekommen und von Toanonga gesehen war. Das Boot mußte auch den dicht vor der Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drängte ihn, zu wissen, ob die übrigen Kameraden in der Nähe und seines Rufs gewärtig seien.
Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe hinüber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn der Wind war so schwach geworden, daß die Mannschaft an Bord nicht mit Unrecht fürchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das Boot war schon auf dem Rückweg, und die nächste halbe Stunde brachte ihnen entweder Hülfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je.
Toanonga schien indeß gar nicht mit der Ankunft des andern Weißen einverstanden, ging auch ohne weitere Umstände auf Jonas zu und fragte ihn, was er da schon wieder wolle.
„Was ich da will?“ entgegnete dieser etwas verblüfft, „Tabak, bei Gott, wenn das Boot landet, denn ich denke, es ist lange genug, daß wir keinen gesehen haben.“
„Gut, Freund,“ entgegnete Toanonga ruhig, „du sollst Tabak haben, jetzt aber geh hin, wo du hergekommen bist, und laß dich nicht eher wieder hier sehen, als bis ich dich rufe.“
„Aber ...“ sagte der Matrose, der jetzt nicht wußte, ob er dem erhaltenen Befehle folgen solle oder nicht. Der alte Häuptling ließ ihn jedoch gar nicht ausreden.
„Hast du gehört, was ich mit dir gesprochen?“ fragte er, und zwar viel ernster, als er ihn noch je gesehen. „Komm her, Ma Kino, schicke mir den Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll weggehen, und ich will ihn hier nicht länger sehen.“
Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, herangetreten. Wollten sie sich aber jetzt schon dem Befehl widersetzen, so mußte er fürchten, daß ihr ganzer Plan scheitern würde. Unter einer Viertelstunde konnte das Boot nämlich nicht heran sein, und bis dahin würden die Eingeborenen sie leicht bewältigt haben.
„Komm, Jonas,“ sagte er deshalb zu dem Kameraden, „geh zurück in den Busch, es hilft jetzt nichts, wir müssen ihm gehorchen – aber nicht zu weit fort. Wo sind die Anderen?“
„Nicht hundert Schritte von hier, wo da drüben die rothen Blumen stehen.“
„Desto besser, in einer Viertelstunde kann das Boot da sein; so wie ihr mich aber Hülfe schreien hört, kommt herbei, so rasch euch eure Füße tragen.“
Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem Gespräch mit unruhigem Blicke gelauscht. Es gefiel ihm nicht, daß sich die Beiden jetzt gerade in ihrer Sprache so lange unterhielten, und natürlich wäre es ihm sehr unbequem gewesen, Leute in der Nähe zu haben, die am Ende den andern Weißen hätten beistehen können. Übrigens ließ er sich gegen Mac Kringo nichts merken, nahm eine junge neben ihm am Boden liegende Cocosnuß auf und sagte zu dem Schotten. „Hast du ein Messer bei dir?“
„Ja wohl,“ erwiderte rasch dieser, dem daran lag, Toanonga nicht auch gegen sich mißtrauisch zu machen. „Soll ich sie dir öffnen?“
„Laß nur sein,“ erwiderte der Alte, „ich thue es selber.“ Damit nahm er das Messer und stach ein Stück aus der weichen Schale der Nuß heraus, trank den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac Kringo streckte die Hand aus, das Messer wieder zurück zu empfangen, Toanonga aber schob es mit vollkommener Gemüthsruhe in sein eigenes Lendentuch und sagte:
„Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst es doch jetzt nicht, nachher sollst du es wieder bekommen. Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer, und unsere Freunde werden gleich da sein.“
Der Schotte biß die Zähne auf einander vor Wuth, von der alten Rothhaut auf eine solche Art um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten Augenblick hatte er auch nicht übel Lust, auf ihn zu springen und es ihm mit Gewalt zu entreißen. Gerade jetzt aber kamen vier der Egis an ihm vorbei und gingen nach der Landung hinunter, während sich von den übrigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, die ankommenden Weißen gleich in Empfang zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den Kameraden in die Hütte warf und die dort liegenden Gewehre aufgriff – es war das vielleicht die letzte Hülfe, und in dem ersten panischen Schrecken der Eingeborenen durfte er hoffen, das rasch herbeischießende Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war ihm der Weg abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler Krieger sammelte sich eben vor dem Eingang der Hütte.
Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain des Schooners zuschritt und neben ihm stehen blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten Mittel. Er schritt auf die Beiden zu und fragte den Engländer mit vor innerer Aufregung bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, kein Pistol bei sich habe.
„Nichts,“ sagte dieser, „als meine Hände; ich habe keine Gefahr gefürchtet, und als ich vom Bord ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop eingesteckt.“
„Bei Gott, das thuts!“ lachte Mac Kringo wild vor sich hin. „Zieht es heimlich in der Tasche aus, fasst dann den Alten, haltet es ihm vor den Kopf, und droht ihm, daß ihr ihn über den Haufen schießen wollt, so wie er sich rührt.“
„Mit dem Teleskop?“ fragte der Capitain überrascht.
„Was wissen die von einem Teleskop?“ rief Mac Kringo, „sie sehen das blitzende Metall und halten das – aber wir versäumen die Zeit, es ist kein Augenblick mehr zu verlieren.“
Toanonga hatte den Schotten, während er sprach, aufmerksam betrachtet, als ob er den Sinn der ihm fremden Worte errathen wolle. Das Boot war aber kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und die rudernden Matrosen hatten in diesem Augenblicke ihre Riemen eingeworfen, weil sie wahrscheinlich nicht näher an die vielen Eingeborenen fahren wollten.
Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, als er plötzlich die Hand des Fremden auf seiner Schulter fühlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach ihm um, stieß aber ein überraschtes und erschrecktes Oiau! aus, als er plötzlich vor seinen Augen das unbekannte drohende Instrument erblickte.
„Rühre dich, und du bist des Todes!“ schrie dabei der Engländer, und „Hülfe! Hülfe!“ tönte Mac Kringo's gellende Stimme über den Platz.
Die ihm nächsten Insulaner wollten herzuspringen, ihrem Häuptling beizustehen. Mit ausgebreiteten Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo entgegen und rief. „Halt! halt! um Toanonga's willen, er bringt ihn um, so wie ihr euch ihm naht!“
„Hurrah, Jungen! Hurrah!“ tönte in diesem Augenblicke Legs' Jubelruf durch den Lärm, „hier sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen!“
Überrascht wandten die Insulaner dorthin den Kopf, als vom Wasser her schnell hinter einander zwei Schüsse fielen und die Kugeln dicht über ihnen in die Stämme der Palmen schlugen. Jacobs stieß zugleich einen scharfen, eigenthümlichen Schrei aus, ein Zeichen für seine Leute, und während die beiden Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt über Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, griffen zwei der Leute wieder zu den Rudern, und die andern Beiden stießen Patronen in ihre abgeschossenen Gewehre nieder.
Mac Kringo war aber indessen auch nicht müßig gewesen. Mit raschem Griff hatte er sich wieder in den Besitz seines Messers gesetzt, und sein scharfer Pfiff zeigte den Gefährten die Stelle, auf der er sich befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner erfaßt zu haben, die mit dem bedrohten How vor sich und den Feinden an beiden Seiten nicht wußten, welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten.
„Nach dem Boot! Nach dem Boot!“ rief Mac Kringo, der recht gut fühlte, daß sie diesen ersten Moment der Bestürzung benutzen mußten, und mit der Rechten Toanonga's Arm ergreifend, während er in der linken das gezückte Messer hielt, folgte Jacobs an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser hielt aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen blitzender Nähe der erschreckte Häuptling sein Leben aufs Äußerste gefährdet glaubte.
Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestürzt Raum gegeben, da sie nur unbewaffnete Weiße zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf vorbereitet waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu begegnen. Das Boot berührte in diesem Augenblick den Strand, und Spund, der nur ein halb freiwilliger Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, Pfeife und Lemon durch die Schaar der am Ufer gedrängten Männer und Frauen hindurchbrach, den sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten sie dabei Keulenschläge aus, und Jonas, Pfeife und Lemon erfaßten schon den Rand des Bootes und schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich plötzlich und rücksichtslos auf Legs warfen und ihn schreiend zurückhielten.
„Du bist unser, du darfst nicht fort!“ schrien sie dabei, und eine ergriff die kurze Kriegskeule, die er geführt, und riß sie ihm aus den Händen, während sich die andere an seinen Hals hängte und laute Wehklagen dabei ausstieß.
Mac Kringo und Jacobs hatten indeß den ihnen Schutz gebenden Häuptling bis fast zum Boote geschleppt. Jetzt aber brach auch die Wuth der Eingeborenen aus, die wahrscheinlich glauben mochten, die Papalangis wollten ihren How gefangen mit fortführen. Mit wildem Aufschrei stürmten sie herbei, und eben von Toanonga's Hause wieder kam ein kleiner Trupp von Kriegern mit den dort aufgegriffenen Musketen gesprungen.
„Hieher, Legs! hieher Spund!“ schrie da Mac Kringo, indem er Toanonga los ließ und an Jacobs' Seite mit flüchtigen Sätzen zum Boot hinunter floh.
„Bestien!“ knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, und ohne die geringste Rücksicht auf das zarte Geschlecht versetzte er den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schläge zwischen die Augen, daß sie mit einem Weheruf zurücktaumelten. Im nächsten Augenblicke war er frei und rannte an Toanonga vorüber dem Boote zu. Die Eingeborenen aber, die jetzt ihren Häuptling außer Gefahr sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen nach, während die mit Musketen Bewaffneten anlegten, aber vergebens die Hähne schnappen ließen.
Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell auf einander gefolgt. In demselben Moment aber, in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang, war Spund vollständig einig mit sich geworden, seine Kameraden allein flüchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen hatte er nämlich die halbe Mißhandlung bemerkt, die Toanonga, den er sehr schätzte, erlitten, und eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hülfe anzubieten. Toanonga dagegen hielt gerade Spund für den ärgsten Verräther von Allen, da er, anstatt die Weißen in seine Hände zu liefern, die Leute an Bord jedenfalls gewarnt und sie bewaffnet herüber gebracht hatte. So ruhig und leidenschaftlos er sich deshalb auch sonst benahm, so zornig und empört war er jetzt. War nicht die Häuptlingswürde in ihm geschändet? hatten die Weißen nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser Insel, zu legen? Deshalb also dem ihm nächsten Krieger eine Keule entreißend, führte er einen so gutgemeinten und raschen Schlag nach dem Schädel des armen Teufels, daß er ihm jedenfalls verderblich geworden wäre. Zu seinem Glück schleppte Spund aber noch immer das Buch mit sich herum, daß er fast unwillkürlich mit beiden Händen empor hob, als er die Keule niedersausen sah. Allerdings brach der dicke Band die Gewalt des Schlages in etwas; derselbe war aber zu kräftig geführt worden, um sich ganz aufhalten zu lassen, und wie das getroffene Buch auf Spund's Kopf niederprallte, warf es den Böttcher hinterrücks auf die scharfen Corallen.
Toanonga sah ihn stürzen, kümmerte sich aber nicht weiter um ihn, denn wichtigere Sachen erforderten seine Aufmerksamkeit. „Nach den Canoes, nach den Canoes!“ donnerte seine Stimme die Bai entlang, und während die mit den Musketen bewehrten Insulaner noch immer umsonst versuchten, die verstümmelten Waffen abzudrücken, sprang die Mehrzahl der jungen Leute flüchtigen Fußes am Wasserrand hin, die Canoes zu erreichen. Konnten sie doch dem schwer geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg abschneiden.
Einzelne waren jedoch noch zu Toanonga's Schutze zurückgeblieben und ein paar von diesen sprangen auf Spund zu, den also Niedergeworfenen völlig abzufertigen. Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr des Kameraden gesehen, und während die Mannschaft desselben das halb auf den Strand gerathene Fahrzeug zurück in ein tiefes Wasser drückte, griff er eine der Musketen auf und feuerte sie über die Köpfe der Insulaner in die Luft. Das rettete Spund. Bei dem Schuß fuhren die Wilden unwillkürlich zurück, während derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte. Mit einem Satze war er in die Höhe, und Buch wie Glaubenseifer hinter sich lassend, warf er sich Hals über Kopf in das Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der mit so grimmer Wuth nach ihm geführte Schlag des alten Häuptlings hatte ihn, wenn auch nicht beschädigt, doch so erschreckt, daß er gar nicht daran dachte, einen zweiten derartigen Angriff abzuwarten.
6.
Die Engländer kletterten, so wie das Boot flott war, hinein und griffen die Ruder auf, während die Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im Anschlag stehen blieb, ihren Rückzug zu decken. Das Boot ging aber durch die vermehrte Besetzung ziemlich schwer im Wasser und machte keineswegs so raschen Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte.
„Teufel noch einmal!“ flüsterte er Lemon, der auf der Ruderbank vor ihm saß, zu, „die Rothfelle bekommen doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes den Weg abzuschneiden.“
„Wenn ich ihnen den Spaß nicht verdorben hätte!“ lachte aber Lemon ingrimmig vor sich hin. „In alle die Canoes, die dort lagen, habe ich ein wunderhübsches Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder ausschöpfen und flott machen, sind wir lange draußen.“
„Das war gescheidt, mein Bursche!“ rief der Schotte, „hehehe, wie sie uns verwünschen werden, wenn sie den Streich merken! Das war aber auch nöthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade so durchs Wasser, als wenn wir in einem Spülfaß säßen.“
Ein paar Schüsse wurden in diesem Augenblicke vom Ufer ihnen nachgefeuert. Entweder hatten die Insulaner den Verlust der Steine bemerkt und ersetzt, oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln traf jedoch das Boot; eine zischte vorüber, und die anderen fielen schon zu kurz.
Sie näherten sich jetzt dem schmalen Eingang der Riffe, als sie die ersten Canoes der Verfolger aus einer geschützten Bucht vorschießen sahen. Durch Lemon's List waren sie aber hinlänglich aufgehalten worden, um den Flüchtigen einen ziemlichen Vorsprung zu gestatten, und da Leute genug im Boot saßen, einander abzulösen, so ließen sie die Ruder aus Leibeskräften arbeiten.
Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle auf einmal flott bekommen zu haben; denn als das Boot die Riffe verließ, folgten ihnen erst zwei, und ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die über die Corallen stürzende Brandung das innere Wasser der Bai ihren Blicken, und sie konnten nichts weiter von dem, was dort vorging, erkennen.
Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile weiter draußen. Der Steuermann hatte aber vom Masttop aus die Flucht des Bootes und die verfolgenden Canoes bemerkt, ja, sogar die Schüsse von dort herüber gehört und, trotz der Gefahr, die ihm selber von den Riffen drohte, die Segel backgebraßt, seine Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, als die ersten Canoes schon im Eingang der Bai sichtbar wurden und mit reißender Schnelle näher kamen; aber überholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt lief es langseit, und wenige Secunden später kletterten schon die Matrosen mit lautem Jubelruf an den ihnen zugeworfenen Tauen empor.
Alle wußten aber, daß sie sich trotzdem nicht eher für gerettet halten konnten, als bis sie die Insel windwärts brachten und die drohenden Riffe hinter sich ließen. Die Segel flogen deshalb herum, um auch den geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die schwache Brise bot, und während der Bug nach Westen abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang Mac Kringo an der Want des Vordermastes empor, einen Überblick nach der Insel zu gewinnen.
Er kannte nämlich das Binnenwasser von Monui genau und wußte, daß gerade nach Westen zu den übrigen Canoes ein anderer Paß blieb. Den mußten sie nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden wollten; und daß der Schooner nicht nach Osten entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug. In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch nicht geirrt, denn oben kaum angelangt, erkannte er schon sieben stark bemannte Canoes, die über die glatte Bai herüberschossen und denen der Schooner gar nicht mehr vorbeilaufen konnte.
Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes übrig, als sich zu einem Kampfe zu rüsten; denn daß die Insulaner, solcher Art um die schon sicher geglaubte Beute betrogen, ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen würden, ließ sich denken. Jacobs erfuhr übrigens kaum die neue Gefahr, die ihm drohte, als er auch mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er allerdings an Land zurück lassen müssen – und den Sandwichs-Insulanern schien diese Gelegenheit sehr erwünscht gekommen zu sein –, dafür war aber seine Mannschaft durch sechs tüchtige Matrosen verstärkt worden, und mit den zwei kleinen Kanonen, die er am Bord führte, hoffte er sich die Wilden schon vom Leibe zu halten.
Mac Kringo that es freilich leid, daß er jetzt vielleicht genöthigt sein sollte, auf die zu schießen, die ihn doch eigentlich freundlich aufgenommen. Dabei wußte er aber recht gut, daß sie keine Gnade zu erwarten hätten, wenn sie zum zweiten Male in die Hände der Eingeborenen fielen, und der Selbsterhaltung mußte jede andere Rücksicht weichen.
Ihre einzige Hoffnung war noch, daß die Brise stärker werden sollte, wo sie den Canoes dann bald entgangen wären. Im Gegentheil schien aber der Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewißheit, nach welcher Richtung hin hier die Strömung ging, donnerte ihnen die Brandung schon drohend in das Ohr. Der Capitain ließ allerdings das Senkblei werfen, aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr so weit von den Riffen entfernt, keinen Grund.
Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich hoch nach Norden hinauf, und wenn sie diese umschiffen konnten, hofften sie an den dort mehr ablaufenden Riffen eher hinunter zu können. Gerade dort aber wurden jetzt die ersten Canoes sichtbar, während die drei, die ihnen gefolgt waren, ihren Angriff nur zu verzögern schienen, bis sie von ihren Freunden unterstützt werden konnten.
Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die Feindseligkeiten eröffnen wollen, jetzt aber sah er ein, daß ihm keine weitere Wahl blieb; denn einen Erfolg konnte er sich nur, bei der großen Übermacht der Insulaner, in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, sie etwas einzuschüchtern. Die vorn am Bug stehende Kanone wurde deshalb gerichtet, Jacobs ergriff selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich darauf so glücklich ein, daß sie das geschnitzte Hintertheil eines der Canoes wegriß und, wie es schien, den Steuernden beschädigte.
Das ließen sich die Insulaner übrigens zur Warnung dienen; denn während sie bis jetzt ihre Fahrzeuge auf einem Trupp zusammen gehalten hatten, vertheilten sie dieselben, und es schien, daß sie einen Angriff von allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten.
„Da kommt die Brise!“ rief da plötzlich der Steuermann des Schooners, der seinen Stand an der hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich alle Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That die Oberfläche der See nach Osten zu dunkel färbte und kräuselte. Aber die Canoes mochten das ebenfalls bemerkt haben und wußten jetzt, daß sie ihren Angriff keinen Augenblick mehr verzögern durften. Die Ruderer strengten alle ihre Kräfte an, die verschiedenen, ihnen angewiesenen Plätze so rasch als möglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie von allen Seiten zugleich heran.
Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit klopfenden Herzen, denn über das ganze Fahrzeug zerstreut, konnten sie kaum mehr als einen Mann jedem Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Näher und näher kam auch der dunkle Wasserstreifen geflogen. Schon konnten sie erkennen, wie sich die kleinen Wellen tanzend hoben, und jetzt – jetzt schlugen die Segel flappend gegen den Mast und – blähten aus. Vorn unter dem Bug kräuselte und schäumte das klare Wasser, und während sie sich den vorderen Canoes rasch näherten, ließen sie die hinteren zurück.
„Alle nach vorn, Jungens!“ jubelte da Jacobs' Stimme über Deck. „Das kam zur rechten Zeit! und Bill, du hältst den Schooner gerade auf das größte Canoe da vorne mitten darauf!“
Immer stärker wurde die Brise, schon begann sich das schlanke Fahrzeug ein wenig zu neigen, und die hinter ihm befindlichen Canoes durften nicht mehr hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem gaben die vorderen den Angriff nicht auf. Sie wußten wie wenig Leute ihnen die Papalangis entgegenstellen konnten, und daß die erste Kanonenkugel keinen größeren Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch eher erhöht. Noch ging das Fahrzeug auch nicht rasch genug durchs Wasser, daß sie nicht hätten anlaufen und entern können; aber mit immer größerer Anstrengung mußten die an der Seite Befindlichen arbeiten, um nicht zurückgelassen zu werden. Vor dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes gesammelt, und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn hindurch zu lassen. Gegen den Wind, wußten sie recht gut, konnte er nicht weiter aufluven, und unter dem Wind lagen die Corallen.
Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei mittelmäßiger Brise mit vier und einem halben Strich ganz vortrefflich segelte und dem Wind ordentlich in die Zähne lief. So wie er deshalb die Absicht der Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefaßt.
„Gebt Feuer,“ rief er, so wie ihr das Weiße von ihren Augen sehen könnt!“ und dann selber an sein Steuer springend, ließ er sein Fahrzeug trotz der Corallen wohl zwei Strich abfallen. Den von rechts herbeikommenden Canoes wich er dadurch aus und überraschte die beiden an der linken Seite so vollkommen, daß der Bug des Bonito das Hintertheil des einen ergriff und übersegelte. Die Mannschaft desselben hielt sich allerdings zum Theil selbst an dem vorderen Tauwerk des Schooners und suchte an Bord zu klettern. Nachdem die Matrosen aber ihre Gewehre in die nächsten Canoes abschossen und dort Verwirrung verbreitet hatten, drehten sie die Musketen um, und wo sich ein Kopf über der Schanzkleidung zeigte, traf ihn auch ein wohlgezielter Schlag.
Noch heulten und tobten die Eingeborenen in wilder Wuth um sie her, als der Bug des Schooners schon wieder scharf gegen den Wind aufluvte. Im nächsten Moment schossen sie so dicht an der Corallenspitze vorüber, daß sie mit einem Steine hätten in die Brandung werfen können, und ließen jetzt die letzten Canoes, die dieser Gefahr selber entgehen mußten, zurück. – Noch wenige Secunden, und sie waren gerettet, jede Gefahr lag hinter ihnen, und Bill, der Steuermann, sprang mit seiner Lunte an die hinterste Kanone, den Feinden noch eine Kugel zurück zu schicken. Das aber litt Jacobs nicht.
„Laß sie laufen, mein Junge,“ sagte er, indem er den Arm des Steuermannes zurückhielt. „Sie werden Noth genug haben, von der Ecke dort weg zukommen; vor uns aber liegt die blaue weite See, und mit dem Bewußtsein, all jenen Gefahren so glücklich entgangen zu sein, mag ich kein Menschenleben mehr zerstören.“