AUGUST STRINDBERG (continued 5)
Emil Schering translation
Der Doktor, vernichtet vor Scham, sich in Gegenwart seiner Mutter skandalisiert zu sehen, beteuert ihr, dass er unschuldig sie, obgleich er auf frischer Tat ergriffen zu sein scheint.
Welche peinliche Szene für einen Sohn!
Als er mir dies Abenteuer erzählte, das mir wie ein böser Traum vorkam, unwahrscheinlich in seiner ungerechten Grausamkeit, sah der arme Doktor erbärmlich aus.
—Das ist ja der Teufel selbst, nicht wahr! Unschuldig an einer Sache sein, die übrigens keinen etwas angeht, und dann öffentlich auf diese Weise hingerichtet werden!
—Ja, der Vorfall erscheint mir dunkel. Das ist ja unglaublich! Zwanzig Jungen, die auf einen Hof kommen, ein liederliches Weib, dem nichts an der Ehre gelegen sein kann und das sich nicht zu rächen sucht! Was bedeutet das? Eine Lektion! Es ist deutlich, dass die Mächte in der Sittlichkeit strenger werden. Und wie modern sie geworden sind! Keine Träume, keine Geschichte, da die Leute sich an so etwas nicht mehr kehren. Nein, statt dessen ganze Inszenierungen von vollendeten Realismus, Dinge zum Anschauen ausgebreitet, bei denen man mit Räsonnement nicht weit kommt.
—Du glaubst also, dass es ein Verweis war. Aber, wenn ich dir sage, dass ich ohne Schuld war, wirklich unschuldig.
—Unschuldig gestern, ja, aber nicht am Tage vorher!
—Jedenfalls war es kein Komplott, da das Mädchen mich ja nicht erkannte. Ein teuflischer Zufall....
—Ja, aber ein Zufall, dessen Fäden von einer Meisterhand geflochten waren!
Um sich etwas Zerstreuung zu verschaffen, unternahm mein Freund Martin eine Rundreise nach Norrland und Norwegen; er erwartete davon ein wirkliches Gefühl von Freiheit und viel Vergnügen.
Nach einigen Wochen begegnete ich Freund Martin auf einer Strasse in Lund.
—Hast du eine schöne Reise gehabt?
—Eine teuflische Reise! Jetzt weiss ich nicht mehr, was man glauben soll. Es gibt ganz gewiss jemand, der mich herausfordert, und der Streit ist ungleich. Höre nur! Ich kam nach Stockholm, um mich auf der grossen Ausstellung zu amüsieren, und obgleich ich in der Stadt fast hundert Freunde habe, traf ich nicht einen einzigen. Alle waren auf dem Lande! Allein!—Ich wohne einen Tag in meinem Zimmer und werde dann von einem andern hinausgeworfen, dem mein Bruder aus Versehen ein älteres Versprechen gegeben hat. Das Pech macht mich so stumpfsinnig, dass ich nicht in die Ausstellung gehe, und als ich mich—auf den Strassen herumtreibe, schliesse ich mich einem Mädchen an. In diesem Augenblick fällt eine schwere Hand auf meine Schulter nieder, und ein Onkel, sehr ernst angelegt, den ich nicht mehr als zweimal in meinem Leben gesehen habe, dem ich zuletzt von allen hätte begegnen mögen, ladet mich ein, den ganzen Abend mit ihm—und seiner Frau zusammen zu sein!
Alles, vor dem mir ekelt, muss ich schlucken! Das ist verhext!—Weiter, tausend Kilometer—allein!—in einem Eisenbahnwagen durch eine tödlich langweilige Landschaft.
Am Oreskutan, dem hauptsächlichen Ziel meiner Exkursion, gab es nur ein einziges Hotel, und in diesem Hotel hatten alle meine Antipathien sich zusammengefunden. Der Chef der Freikirchlichen weidete die Herde, und man sang Psalmen morgens, mittags und abends. Man hätte wütend werden können, aber es ging ganz natürlich zu. Nur eine Sache erscheint mir immer noch etwas wunderbar—hm! okkult! Nämlich dass man in diesem ruhigen und geordneten Hotel des Nachts Warenkisten zunagelte!
—Über deinem Kopf?
—Ja! Und sonderbar war, dass dieses Nageln mich nach Norwegen verfolgte. Wenn ich eine Erklärung vom Hotelwirt verlangte, behauptete er nichts gehört zu haben.
—Das ist ja ganz wie mit mir!
—Ja, es ist wie mit dir! Was mir aber in Christiania passierte, übertrifft alles, was meine schlimmsten Feinde hätten ausfindig machen können. Ich kenne viele Leute in Christiania, sie waren noch in der Stadt und ich konnte doch nicht einen einzigen treffen! Allein, immer allein!
Wie ich im Café des Grand Hotel so allein sitze, werde ich von einem jungen Mann angesprochen, der an einem Nebentisch sitzt. Glücklich, eine Gelegenheit zu finden, meine eigene Stimme wieder hören zu können, antworte ich, gegen meine Gewohnheit in solchen Fällen. Da er wohlerzogen aussah und es sich mit ihm sprechen liess, lud ich ihn schliesslich ein, mir Gesellschaft zu leisten.
Wir bringen den Abend zusammen zu. Ich muss zugeben, dass mir der junge Mann nach einigen Stunden den unbestimmten Argwohn einflösste, er sei nicht der, für den er sich ausgab. Er widersprach sich selbst und redete ohne Zusammenhang, und ich wusste nicht, wo ich ihn unterbringen sollte.
Schliesslich gegen Nacht, blieb ein norwegischer Freund, den ich drei Jahre nicht gesehen hatte, vor unserm Tisch stehen; er begrüsst mich mit einer pfiffigen Miene, die diesem ernsten Charakter ganz fremd war, und schielt nach meinem Begleiter. Darauf lacht er und schleudert mir eine Beschimpfung ins Gesicht, indem er sich stellt, als glaube er, mein Kamerad stehe in einem Verhältnis unnatürlicher Intimität zu mir. Auf meine Proteste antwortet er nur, indem er wiederholt:
—Genieren Sie sich nicht! genieren Sie sich nicht! Hier ist man wie bei sich zu Hause und braucht sich nicht zu genieren.
Was sollte ich sagen? Was sollte ich tun?
Der junge Mann wurde nicht böse, und da warf der norwegische Freund, der wohl ein Glas zu viel im Kopfe hatte, folgenden Einfall hin, vielleicht ganz ohne Hintergedanken:
—Übrigens ist nichts Böses dabei; das ist ein verkleidetes Weib.
Da steht der junge Mann auf und macht, mitten im Café, das vollgepfropft von Leuten war, eine Gebärde, wie um das Gegenteil zu beweisen.
—Das geht über alle Grenzen!
—Es ist ungeheuerlich, und es ist Wahrheit! Und niemand erhebt dagegen Protest; man lacht nur! Aber es ist noch nicht zu Ende! Im selben Augenblick, wie ich aufbrechen will, bittet der unbekannte Jüngling mich, ihm Geld zu leihen. Beschimpft, kochend vor Entrüstung, kann ich jedoch nicht nein sagen, da ich aber kein Wechselgeld habe, gehe ich ans Büffet, von dem Fremden begleitet. Stelle dir die Szene vor, wie ich diesem verdächtigen Schlingel, der aussieht, als bekomme er seine Bezahlung, Geld gebe. Ein alter Lehrer aus Lund, der hinter uns beiden stehen geblieben ist, fixiert mich mit einem Blick, der Gewissheit über den abscheulichen Argwohn ausdrückt. Das ist schön!
—Weisst du was: Ich muss bei dem, was du eben erzählt hast, an gewisse Märchen von Hoffmann denken. Und als ich neulich wieder einmal die "Elixiere des Teufels" las, kam es mir vor, als beruhten die Phantasien des deutschen Dichters auf erlebten Begebenheiten.
—Bald kann man alles Mögliche glauben!—Aber nun die moralische Seite der Sache? Ist eine Vernunft darin, mich vor einem Freund, vor einem ganzen Publikum in falsches Licht zu stellen! Was sollte denn bestraft werden?
—Man darf nicht auf die Mächte böse werden, weil sie sich solcher Massregeln bedienen. Glaubst du, ich tat Schritte, die falschen Gerüchten zu dementieren, die von einem deutschen Schriftsteller verbreitet wurden, als er mich unnatürlicher Instinkte beschuldigte: Nein! Ich verfluchte ihn damals, aber seitdem überwache ich meine Sinnlichkeit. Übrigens hat Swedenborg mich gelehrt, dass solche Bestrafungen, die ohne Unterschied zugefügt werden zu dem Zweck auferlegt werden, uns die Märtyrerschaft schmecken zu lassen, die wir selbst unschuldigen Menschen durch schändliche Verleumdungen und leichtsinnige Äusserungen verursacht haben.
—Mag sein, aber ich werde in den Gedanken meines Freundes immer mit dem Stempel des Lasters gezeichnet sein, und ich werde niemals diese seine Ansicht ausroden können.
—Das ist unangenehm, aber es ist nun einmal so!
Diese banalen und an sich widerwärtigen Geschichten hätte ich wahrhaftig nicht erzählt, wenn sie nicht durch ihre Ungereimtheit den Gedanken auf das Dasein einer Realität leiteten, die nicht reell ist und nicht Vision, sondern eine Phantasmagorie, hervorgerufen von den Unsichtbaren in dem bestimmten Zweck, zu warnen, zu lehren, zu strafen.
Dieser Zustand, von den Theosophen die Astralebene genannt, wird von Swedenborg, Arcana, letzter Teil, also geschildert:
"Visiones und Visa."
"Es gibt zwei Arten Gesichte, die ausserordentlich sind, in welche ich versetzt worden bin, bloss um zu wissen, wie es sich mit ihnen verhält, und was darunter zu verstehen ist, was man im WORT liest: dass sie vom Körper entzückt wurden und dass sie vom Geist fortgeführt wurden nach einem anderen Ort.
1. Der Mensch wird in einen Zustand versetzt, der mitten zwischen Schlaf und Wachen ist; und wenn er in diesem Zustand ist, kann er nicht anders wissen, als dass er vollkommen wach sei. Das ist der Zustand, von dem gesagt wird: entzückt werden vom Körper, und in dem man nicht weiss, ob man im Körper ist oder ausserhalb des Körpers.
2. Durch die Strassen einer Stadt und über Feld wandernd, auch da in Gespräch mit Geistern, wusste ich nicht anders, als dass ich so wach und sehend war, wie bei andern Gelegenheiten; so wanderte ich, ohne vom Wege abzuweichen, und inzwischen war ich in einem Gesicht und sah Haine, Flüsse und Paläste, Häuser, Menschen und anderes; nachdem ich aber so einige Stunden gewandert, war ich plötzlich in dem Gesicht des Körpers, und wurde gewahr, dass ich mich höchlich wunderte, und ich merkte, dass ich in einem solchen Zustand gewesen war wie die, von denen gesagt wird, dass sie vom Geist fortgeführt wurden an einen andern Ort."
Freund Martin wohnt nach der Rückkehr von seiner Vergnügungsreise allein im Elternhaus, weil die Familie sich nach verschiedenen Seiten zur Sommerfrische zerstreut hat. Ich will nicht behaupten, dass er ängstlich ist, aber er fühlt sich unbehaglich. Zuweilen hört er Schritte und andere Laute von dem Zimmer seiner abwesenden Schwester, bisweilen Niesen.
Vor einigen Tagen hörte er mitten in der Nacht einen knirschenden Laut, wie von einer Sense, die geschärft wird.
—Alles in allem, schloss er, es gehen sonderbare Dinge vor, aber im selben Augenblick, in dem ich mich mit den Mächten in Unterhandlungen einlassen würde, wäre ich verloren.
Das war sein letztes Wort, und da näherte sich der Herbst mit grossen Schritten.
8.
Studien in Swedenborg.
Während sich dieses im täglichen Leben zutrug, setzte ich meine Schwedenborgstudien fort. Seine Arbeiten, deren schwer habhaft zu werden ist, fielen mir in die Hände, eine nach der andern, in recht grossen Zwischenräumen.
In den "Arcana Coelestia" ist es die Hölle für ewige Zeit, ohne Hoffnung auf ein Ende, von jedem Wort des Trostes entblösst. "Apocalypsis revelata" führt die Bussordnung aus, und zwar mit der Wirkung, dass ich bis zum Frühling unter ihrem Banne lebte. Bisweilen schüttelte ich ihn ab, indem ich mir eine Hoffnung einrede, dass der Prophet sich in den Einzelheiten getäuscht hat, und dass der Herr des Lebens und des Todes sich barmherziger erweisen wird. Was sich aber nicht verhehlen lässt, ist die in die Augen fallende Übereinstimmung zwischen Swedenborgs Visionen und allen grossen oder kleinen Begebenheiten, die mich und meine Freunde während dieses Schreckensjahres betroffen haben.
Erst im März finde ich bei einem Antiquar die "Wunder des Himmels und der Hölle" und nachher "Von der ehelichen Liebe". Erst dann werde ich von dem Alp befreit, der mich seit der ersten Offenbarung der Unsichtbaren heimgesucht hat.
Gott ist die Liebe; er regiert nicht über Sklaven, und deshalb hat er die Sterblichen sich eines freien Willens erfreuen lassen. Es gibt keine Mächte der Bosheit, sondern ein Diener des Guten versieht das Amt eines Zuchtgeistes. Die Strafen sind nicht ewige, es steht einem jeden frei, geduldig zu sühnen, was er verbrochen hat.
Die Leiden, die uns auferlegt werden, haben die Besserung des Ichs zum Zweck.
Die Verfahren, welche die Vorbereitung zu einem geistlichen Leben bilden, beginnen mit Verwüstung (vestatio) und bestehen aus Brustbeklemmungen, Atemnot, Erstickungssymptomen, Herzstörungen, Angstanfällen, Schlaflosigkeit, Alpdrücken. Diese Prozedur, der Swedenborg in den Jahren 1744 und 45 ausgesetzt war, wird in den "Träumen" geschildert.
Und die Diagnose dieses Krankheitszustandes entspricht in jedem Punkt den jetzt üblichen Affektionen, so dass ich nicht vor dem Schlusssatz zurückschrecke: wir befinden uns vor einer neuen Ära, in der "die Geister erwachen und es eine Lust ist zu leben". Diese angina pectoris, der Fall der Schlaflosigkeit, all die nächtlichen Schauder, die den Gemütern Schrecken einjagen und welche die Ärzte gern als Epidemien bezeichnen wollen, sind weiter nichts als die Arbeit der Unsichtbaren. Wie kann man das für eine epidemische Krankheit erklären wollen, dass gesunde Menschen systematisch von unvorhergesehenen, sonderbaren Begebenheiten, von Unruhe und Verdriesslichkeiten verfolgt werden? Eine Epidemie zusammentreffender Umstände? Das ist ja ein Unsinn!
Swedenborg ist mein Vergil geworden, der mich durch die Hölle geleitet, und ich folge ihm blind. Wohl ist er ein furchtbarer Strafer, aber er versteht auch ebenso gut zu trösten, und er kommt mir weniger streng vor als die protestantischen Pietisten.
"Ein Mann kann Reichtümer häufen, wenn er es nur auf ehrliche Weise tut und ebensolchen Gebrauch von ihnen macht; er kann sich kleiden und wohnen nach seinen Verhältnissen; mit Leuten von gleicher gesellschaftlicher Stellung verkehren, des Lebens unschuldige Freuden geniessen, froh und zufrieden aussehen und nicht wie ein mürrischer Mensch mit blassem Gesicht; er kann mit einem Wort leben und auftreten wie ein reicher Mann in dieser Welt und nach seinem Tode gerade hinein in den Himmel gehen, wenn er nur in seinem Innern Glauben an Gott und Liebe zu ihm besitzt und sich seinem Nächsten gegenüber so benimmt, wie es seine Pflicht ist."
"Ich habe mich mit mehreren von denen unterhalten, die, ehe sie starben, der Welt entsagt und sich in die Einsamkeit zurückgezogen hatten, um dort ein Leben zu leben, das der Betrachtung der himmlischen Dinge gewidmet war, und so sich einen sicheren Weg zum Himmel zu bahnen; beinahe alle hatten ein düsteres und schwermütiges Aussehen, schienen verdriesslich darüber zu sein, dass die anderen ihnen nicht glichen und dass sie selbst nicht mit grösserer Ehre und einem glücklicheren Los belohnt worden waren; sie wohnen an verborgenen Orten und leben dort als Einsiedler beinahe auf gleiche Weise, wie sie in unserer Welt gelebt hatten. Der Mensch ist geschaffen, in Geselligkeit zu leben; in der Gemeinschaft und nicht in der Einsamkeit findet er zahlreiche Gelegenheiten, Christenmilde gegen den Nächsten zu üben...."
"Im einsamen Leben sieht man nur sich selbst, man vergisst alle anderen; daher kommt es, dass man bloss an sich selbst denkt, an die Welt nur, um sie zu fliehen oder sie zu vermissen, was das Gegenteil von christlicher Liebe ist."
Was die sogenannten ewigen Strafen betrifft, so tritt der Seher im letzten Augenblick als Erlöser auf, indem er uns einen Strahl von Hoffnung aufschimmern lässt.
"Die unter ihnen, für die man auf Erlösung hoffen kann, werden an verwüsteten Stellen ausgesetzt, die nur ein Bild von Trostlosigkeit bieten; und man lässt sie dort zurückbleiben, bis ihre Trauer darüber, sich dort zu befinden, sie auf die Höhe der Verzweiflung gebracht hat, weil das die einzige Art ein dürfte, das Böse und Falsche, das sie beherrscht, zu meistern. So weit gelangt, schreien sie, dass sie nicht besser sind als Tiere, dass sie voll sind von Hass und allerhand Greuel und dass sie Verdammte sind; man verzeiht ihnen das als Schreie der Verzweiflung, und Gott mildert ihren Sinn, damit sie sich nicht in Vorwürfen und Schmähungen ergiessen über die Grenzen hinaus, die festgestellt sind. Wenn sie alles gelitten haben, was gelitten werden kann, so dass ihr Körper gleichsam tot ist, bekümmern sie sich nicht darum, und man bereitet sie zur Erlösung. Ich habe einige von ihnen zum Himmel fortführen sehen, nachdem sie mit all den Leiden, von denen ich gesprochen habe, geprüft worden waren. Als sie dort eingelassen wurden, legten sie eine grosse Freude an den Tag, dass ich davon bis zu Tränen gerührt wurde."
Was die Katholiken conscientia scrupulosa, Gewissenszartheit, nennen, leitet seine Herkunft von böswilligen Geistern her, welche die Gewissensqual um nichts und wieder nichts erwecken. Es macht ihnen Freude, so eine Last auf das Gewissen zu legen, und dieses Verhalten hat nichts mit der Besserung des Sünders zu tun.
Ebenso gibt es ungesunde Versuchungen. Böswillige Geister rufen in der Tiefe der Seele all das Böse hervor, das sie seit der Kindheit begangen hat, und zwar so, dass es nach der schlimmen Seite verdreht wird. Aber die Engel entschleiern, was sich von Gutem und Wahrem bei dem Gemarterten findet. Das ist der Streit, der sich unter dem Namen Gewissensqual offenbart.
Ich bleibe hier stehen, weil ich meinem Meister unrecht tun würde, wenn ich das zerrisse, was er so gut zusammengewebt hat, und die Fetzen als Probestücke vorzeigte.
Swedenborgs Werk ist unermesslich umfassend, und er hat mir auf alle meine Fragen geantwortet, wie pochend sie auch gewesen sein mögen.
Unruherfüllte Seele, leidendes Herz, nimm und lies!
9.
Canossa.
Von den geheimnisvollen Verfolgungen ermattet, habe ich schon längst eine sorgfältige Prüfung meines Gewissens vorgenommen; getreu meinem neuen Programm, mir selbst dem Nächsten gegenüber unrecht zu geben, finde ich mein verflossenes Leben abscheulich, und Ekel erfasst mich vor meiner eigenen Persönlichkeit. "Es ist Wahrheit, dass ich die Jugend in Harnisch gebracht habe gegen das Bestehende, gegen Religion, Gesetze, Obrigkeit, Sittlichkeit. Es ist meine Gottlosigkeit, die jetzt bestraft worden ist, und ich nehme zurück."
Nach einer Pause im Gedankengang kehre ich dann die Frage um, indem ich das Gegenteil aufstelle, und ich frage: "Und die anderen, die Gegner meiner umstürzenden Ansichten, die frommen Verteidiger der Sittlichkeit, des Staates, der Religion, können die denn nachts schlafen, haben die Mächte denn ihnen Erfolg in ihren weltlichen Angelegenheiten geschenkt?"
Wenn ich einer Musterung der Stützen der Gesellschaft und ihrer Geschicke anstelle, bin ich genötigt zu antworten: nein!
Der tapfere Vorkämpfer für das Ideale in Poesie und Leben, ein Dichter für die zuverlässigen und guten Mitbürger, er kann des Nachts nicht schlafen, weil er von der grossen Hysterie betroffen ist; die weckt ihn mit Anfällen, die man Clownssprung und Schwibbogen nennt und in der Salpétrière bekannt sind. Auch liess ihn sein Schutzgeist im Stich, und der Dichter geriet in Schwierigkeiten, als er sich vor einigen Jahren auf geschäftliche Spekulationen einliess; die hätten ihn beinahe in eine entblösste Lage gebracht. Es ist mir keine Freude, daran zu erinnern, denn es vergrössert nur meinen Kummer, wenn ich sehe, wie die erhabenen Bestrebungen nur um Zusammenbruch führen.
Und meine Gegner in der Religion? Der mich einmal ins Gefängnis bringen wollte für Lästerungen, ist selbst in Haft genommen wegen betrügerischen Bankerotts. Glaube nun nicht, mein Leser, dass ich meine Lästerungen mit seinem Verbrechen entschuldige! Ich bin betrübt, nicht mehr an die reinigende Aufgabe des Christentums glauben zu können, angesichts eines so niederschlagenden Beispiels.
Und dann diese Frau, welche die Sittlichkeit unter den Schatten ihrer Flügel nahm, die Freundin der unterdrückten Frauen, die Prophetin, die in feurigen und aufrichtigen Vorträgen den jungen Männern das Cölibat predigte?
Wo ist sie geblieben? Niemand weiss es, aber auf ihrem Haupte lastet eine Anklage, die auf schauderhafte Dinge hinausläuft. Erbaulich, nicht wahr?
Was die anderen Stützen der moralischen und religiösen Ordnung betrifft, so übergehe ich sie, sei es, dass sie sich eine Kugel vor die Stirn geschossen oder aus Furcht vor unglücksbringendem Verhör das Feld geräumt haben.
Kurz, das Gericht scheint die Gerechten wie die Ungerechten zu treffen, ohne Unterschied, und der eine mag ebenso gut sein wie der andere!
Was ist es denn, was sich heute in der Welt zuträgt?
Ist es das Gericht, das unerbittlich über Sodom ausgesprochen wurde?
Müssen alle vergehen: gibt es keinen Gerechten? Nicht einen!
Mögen wir dann Freunde sein und gemeinsam leiden, als Mitschuldige und ohne uns über einander zu erheben.
Ich habe Abbitte getan für meine tadelnswerten Handlungen, und ich verleugne meine Vergangenheit. Lasst mich nun ein Wort zur Selbstverteidigung sagen.
Die Jugend ist zu jeder Zeit aufrührerisch, leichtfertig, ausschweifend gewesen; bin ich es da, der die Empörung, das Laster erfunden hat? Vorher war ich der Junge, der Verführte, das Kind meiner Zeit, der Schüler meiner Lehrmeister, das Opfer der Verführungen. Wer hat die Schuld, und warum hat man mich zum Sündenbock gemacht? Angenommen, es war eine Lüge, und ich bin nicht der, für den die Menschen mich halten.
Da legt die schwarze Magie sich in die Wagschale!
Aber es geschah aus Unwissenheit, dass ich sie versuchte.
Dann aber die Erhebung gegen die Unsichtbaren?
Jawohl, die Erhebung! Doch die andern, die ihr Leben auf den Knien zubrachten, unter Anbetung und Selbstverleugnung, und die alle desavouiert worden sind!
Geben wir zu, dass die Lage verzweifelt ist! Und dass wir alle dem Weltfürsten überliefert sind, um in den Staub gebeugt und erniedrigt zu werden, auf dass wir uns vor uns selber ekeln, auf dass wir Heimweh nach dem Himmel empfinden! Selbstverachtung, Entsetzen vor der eigenen Persönlichkeit, gewonnen durch die vergeblichen Anstrengungen, sich zu bessern: das ist der Weg zu einem höheren Dasein.
Und behalte noch eine Sache im Gedächtnis: der Weg nach Rom, der Kaiserweg, führte durch Canossa!
10.
Der Geist des Widerspruchs.
Trotz aller Marter, die ich ausgestanden habe, hält sich der Geist des Aufruhrs aufrecht und redet mir Zweifel ein, ob die Absichten meines unsichtbaren Wegführers wohlwollend sind.
Ein Zufall (?) hat mir die "Zauberflöte", Schikaneders Operntext, in die Hand gegeben. Die Prüfungen und Versuchungen des jungen Paares flössen mir den Gedanken ein, dass ich mich von den verleitenden Stimmen habe täuschen lassen; da ich die Mühen und Leiden nicht habe aushalten können, habe ich mich gekrümmt und sei unterlegen.
Sogleich erinnere ich mich an Prometheus, der immer die Götter anspeit, während der Geier seine Leber zerfleischt. Und zuletzt wird der Aufrührer, ohne öffentliche Abbitte zu leisten, in den Kreis der Olympischen aufgenommen.
Das Feuer ist jetzt angezündet, und sogleich tragen die bösen Geister Nahrung herbei.
Eine okkultistische Zeitschrift, die mit der Post gekommen ist, muntert meinen kleinmütigen Sinn auf, indem sie mir nur Umsturz-Lehren wie diese vorlegt.
"Wie man weiss, wird in den alten Vedabüchern die Schöpfung als eine einzige grosse Opferhandlung betrachtet, wo Gott, Priester und Opfer, sich selbst opfert, indem er sich teilt."
(Da haben wir ja meine Idee, die ich in dem Mysterium ausgedrückt habe, das ich "Inferno" voranstellte.)
"Alle Elemente, die zusammen das Weltall bilden, sind nichts anders als gefallene Gottheitspersonen, die durch das Stein-, Pflanzen-, Tier-, Menschen- und Engelreich wieder zu den Himmeln aufsteigen, um aufs neue herabzufallen."
Diese Idee, welche der berühmte Alexander von Humboldt wie der Historiker Cantü als erhaben bezeichneten....
(Ja, sie ist erhaben!)
"Wie man weiss, waren die Götter von Griechenland und Rom Menschen gewesen. Jupiter selbst, der grösste von allen, war auf Kreta geboren, wo er von der Ziege Amalthea gesäugt wurde. Er stiess seinen Vater vom Thron und traf alle Vorsichtsmassregeln, um nicht selbst entthront zu werden. Beim Angriff der Giganten, als die meisten der Götter ihn feige im Stich liessen und sich in Ägypten verbargen, indem sie Pflanzengestalten annahmen, hatte er das Glück, mit Hilfe der Tapfersten Sieger zu bleiben. Aber es war auch mit genauer Not."
"Bei Homer kämpfen die Götter gegen die Menschen und werden bisweilen verwundet. Unsere gallischen Vorväter stritten auch gegen den Himmel und schossen Pfeile gegen ihn ab, wenn sie sich von dort bedroht glaubten."
"Die Juden wurden von denselben Gefühlen belebt wie die Heiden. Wie sie ihren Jehova (Gott) hatten, so hatten sie auch Elohim (die Götter). Die Bibel beginnt also:
"Und er der ist, der war und der sein wird Die Götter Die Einheit in der Mehrzahl."
"Als Adam diese ewig gesegnete Sünde begangen hatte, die, weit entfernt ein Fall zu sein, ein erhabener Schritt nach der Höhe war, wie die Schlange vorausgesagt hatte, sagte Gott: "Siehe Adam ist geworden wie einer von uns und weiss, was gut und böse ist." Und er fügte sogleich hinzu: "Nun aber, auf dass er nicht seine Hand ausstrecke und nehme desgleichen vom Baum des Lebens, und esse, und lebe ewiglich...."
"Die Alten sahen also in den Göttern Menschen, die sich zu höchsten Machthabern aufgeschwungen hatten und durch einen Staatsstreich den Besitz der Macht zu behalten suchten, indem sie andere hinderten, sich ihrerseits aufzuschwingen. Daher kam der Streit von seiten der Menschen, um die Usurpatoren fortzujagen, und deren Widerstand, um sich die unrechtmässig angeeignete Macht zu bewahren."
Und da haben wir die Schleuse geöffnet.
—Denkt, wir sind Götter!
"Und die Söhne der Götter stiegen zur Erde nieder und ehelichten die Töchter der Sterblichen, und die gebaren Kinder. Und aus dieser Mischung stammten die Riesen her und alle berühmten Männer, Krieger, Staatsmänner, Schriftsteller, Künstler."
Das war eine gute Aussaat in ein aufsässiges Gemüt, und das Ich bläst sich von neuem auf: denkt, wir sind Götter.
Am selben Abend, als die Stimmung im Wirtshaus hoch ging, bildet man einen Kreis um einen Doktor der Musik.
Mein Freund, der Philosoph, dem ich die Entdeckung unserer Verwandtschaft mit den Göttern mitgeteilt habe, bittet Mozarts "Don Juan" hören zu dürfen, vor allem das Finale des letzten Aktes.
—Wovon handelt das? fragt einer, der nicht im klassischen Repertoire zu Hause ist.
—Der Teufel kommt und holt den Wüstling!
Und die höllischen Qualen, die Mozart so gut schildert, da er Gewissensbisse dieser Art gekannt haben dürfte, denn der Mann einer Frau, die er verführt hatte, beging seinetwegen Selbstmord,—die höllischen Qualen werden aufgerollt in jammererfüllten Tonfolgen wie eine schneidende Neuralgie. Das Lachen verstummt, die Spötteleien hören auf, und als das Stück zu Ende ist, herrscht ein ängstliches Schweigen.
—Nein, Prosit!
Man stösst an! Aber die Munterkeit ist fort, die olympische Stimmung ist erloschen, denn die Nacht ist im Anzuge, und die grauenhaften chromatischen Tonfolgen hallen wider gleich unermesslichen Wogen, die steigen und fallen

und das Menschenwrack hinauf in die Luft schleudern, um es im nächsten Augenblick zu ertränken.
Während die Abkömmlinge der Götter vergebliche Anstrengungen machen, eine ihrer hohen Geburt entsprechende Art anzunehmen, ist die Nacht hereingebrochen und das Restaurant wird geschlossen. Man muss aufbrechen und gehen ein jeder nach seinem einsamen Bett. Als man an der Domkirche vorbeiging, die in die Schatten der Nacht eingehüllt war, brach ein Blitz hervor und warf einen weissen Schein au die Fassade, wo Heilige und Verdammte vor dem Throne des Lammes knien.
—Was war das?
Denn es war kein Gewitter!
Man schauerte zusammen und blieb stehen.
Es war der Momentphotograph, der in seinem Laden bei Magnesiumblitzen arbeitete.
Man wird ärgerlich über seine Furchtsamkeit, und ich für meinen Teil kann eine Erinnerung an die Theaterblitze bei der Fortführung Don Juans nicht unterdrücken.
Als ich in mein Zimmer trat, bekam eine zugleich eisige und erhitzende Angst Macht über mich. Und als ich den Überrock ausgezogen habe, höre ich, wie sich die Garderobentür von selbst öffnet.
—Ist jemand da?
Keine Antwort! Der Mut sinkt mir, und einen Augenblick fühle ich Lust, wieder hinaus zu gehen und die Nacht auf den schmutzigen dunklen Strassen zuzubringen. Aber Müdigkeit und Verzweiflung drücken mich nieder, und ich ziehe vor, in einem schönen Bett zu sterben.
Während des Auskleidens sehe ich einer schweren Nacht entgegen, und glücklich im Bett, nehme ich ein Buch, um mich zu zerstreuen.
Da fällt meine Zahnbürste vom Waschtisch auf den Boden herab! Ohne sichtbare Ursache. Weiter und unmittelbar danach hebt sich der Deckel von meinem Eimer und fällt mit einem Knall wieder zu. Und zwar vor meinen Augen, ohne dass eine Erschütterung stattgefunden haben könnte, so vollkommen still war die Nacht.
Das Weltall hat keine Geheimnisse mehr für Riesen und Genies, und doch kommt die Vernunft zu kurz vor einem Deckel, der den Gesetzen der Schwerkraft trotzt.
Und die Furcht vor dem Unbekannten lässt einen Mann zittern, der das Rätsel der Sphinx gelöst zu haben glaubte!
Ich war bange, schrecklich bange, aber ich wollte den Walplatz nicht verlassen, sondern fuhr fort zu lesen. Da fällt ein Funke oder ein kleines Irrlicht wie eine Schneeflocke von der Decke herab und erlischt über meinem Buch.
Und ich wurde nicht toll, Leser!
Der Schlaf, der heilige Schlaft, nimmt die Form des Hinterhalts an, in dem Mörder sich verbergen.
Ich wage nicht mehr zu schlafen und habe keine Kraft übrig, mich wach zu halten. Das ist ja die Hölle! Als ich die Schlummerbetäubung mich überschleichen lasse, trifft mich ein galvanischer Stoss gleich einem Donnerschlag, ohne mich jedoch zu töten.
Schleudere deine Pfeile, stolzer Gallier, gegen den Himmel, der Himmel ruht nie!
Da aller Widerstand vergeblich ist, strecke ich die Waffen, jedoch nach Rückfällen in die Widersetzlichkeit. Während dieses letzten ungleichen Kampfes geschieht es oft, dass ich Irrlichter sogar am hellen Tage sehe, aber ich schreibe die Erscheinung einer Augenkrankheit zu.
Da erhalte ich von Swedenborg eine Aufklärung über die Bedeutung dieser Flackerflammen, die ich seitdem nie mehr gesehen habe.
"Andere Geister suchen mir das Gegenteil von dem einzureden, was die Lehrgeister mit gesagt haben. Diese Widerspruchsgeister sind auf Erden Menschen gewesen, die infolge ihrer Frevelhaftigkeit aus der Gesellschaft verwiesen sind. Man erkennt ihr Nahen an einer flackernden Flamme, die sich einem vor das Gesicht zu senken scheint; sie nehmen auf dem Rücken des Menschen Platz, von wo sie sich bis in die Glieder vernehmen lassen. Sie predigen, man solle nicht glauben, was die Lehrgeister in Übereinstimmung mit den Engeln gesagt haben; man solle seinen Wandel nicht der Unterweisung anpassen, die man von ihnen genossen hat, sondern in Ungebundenheit und Freiheit leben, nach eigenem Behagen. Gewöhnlich finden sie sich ein, wenn die anderen verschwunden sind; die Menschen wissen, was sie gelten, und kümmern sich wenig um sie; lernen aber doch durch sie, was gut und böse ist, denn man erwirbt Kenntnis von der Beschaffenheit des Guten durch dessen Gegenteil."
11.
Auszug aus meinem Tagebuch.
1897.
7. Februar.
Ein Schlagregen von Steinen gegen die Fenster in meiner neuen Wohnung die ganze erste Nacht. Am nächsten Tage klärt man mich darüber auf, dass es Eissplitter gewesen sind.
12. Februar.
Aus dem Bett gezerrt, nachdem ich eine Frauenstimme gehört habe. Der heilige Chrysostomus, der Weiberhasse, gibt mir zu verstehen:
"Was ist das Weib? Der Feind der Freundschaft, die unvermeidliche Strafe, das notwendige Übel, die natürliche Versuchung, das ersehnte Unglück, die Quelle unversieglicher Tränen, das schlechte Meisterstück der Schöpfung in blendend weisser Ausstattung."
"Da schon das erste Weib einen Vertrag mit dem Teufel einging, warum sollten seine Töchter es nicht genau so machen? Geschaffen wie es ward aus einer krummen Rippe, ist seine ganze Sinnesrichtung krumm und schief geworden, geneigt nach dem Bösen!"
Gut gesagt, Sankt Chrysostomus, Goldmund!
28. Februar.
Der Buchfink zwitschert, der blaue Streifen des Meeres in der Ferne lockt und zieht mich an, aber sobald ich nach der Reisetasche greife, werde ich von den Unsichtbaren angefallen. In der Tat ist die Flucht für mich abgeschnitten; ich bin hier interniert.
Um mich zu zerstreuen, will ich anfangen an dem Buch "Inferno" zu schreiben; aber das wird mir nicht gestattet. So wie ich die Feder anfasse, ist das Gedächtnis wie ausgelöscht, und ich kann mich an nichts mehr erinnern; oder alles erscheint als Begebenheiten ohne eine Spur von Bedeutung.
2. April.
Ein deutscher Schriftsteller bittet mich um meine Meinung über Fürst Bismarck, für Rechnung einer Zeitschrift, in welcher der Kanzler allgemeiner Abstimmung unterzogen wird.
"Ich muss einen Mann bewundern, der es verstanden hat, seine Zeitgenossen so anzuführen wie Bismarck. Sein Werk soll die Einheit Deutschlands sein, und doch hat er das grosse Reich in zwei geteilt, mit einem Kaiser in Berlin und einem in Wien."
Am Abend verbreitet sich ein Duft von Jasminblüten in meinem Zimmer, ein lieblicher Friede bemächtigt sich meines Gemüts, und ich schlafe ruhig diese Nacht. (Swedenborg sagt, dass die Gegenwart eines guten Geistes, eines Engels, sich durch balsamischen Duft verrät. Die Theosophen behaupten dasselbe, aber übersetzen Engel mit Mahatma.)
5. April.
Man erzählt mir, dass ein grosses Skulpturwerk von Ebbe, ein gekreuzigtes Weib darstellend, während des Transportes nach der Stockholmer Ausstellung zerschlagen worden ist. Ein Gegenstück: meines Freundes H. Gemälde mit dem gekreuzigten Weib, das für Schulden in Beschlag genommen und in einem Hof über dem Kehrrichtkasten aufgehängt wurde. (Siehe "Inferno".)
10. April
Las allerlei. Chateaubriands "Mémoires d'outretombe". Las Cases' Tagebuch von St. Helena. Wer war Napoleon? Von wem war er eine Reïnkarnation?
Geboren in Ajaccio, einer griechischen Kolonie, die ihren Namen von Ajax herleitet. 1. Ajax, Telamons Sohn, wurde von Odysseus besiegt; wahnsinnig vor Gram, machte er die Viehherden der Griechen nieder, im Glauben, Tod unter den Feinden zu verbreiten. Eines Tages, als einer von Trojas Schutzgöttern beide Heere in eine Wolke gehüllt hatte, um die Flucht der Trojaner zu begünstigen, rief er: Hoher Gott, schenk uns das Tageslicht wieder und kämpfe gegen uns. 2. Ajax, Sohn des Oïleus, litt Schiffbruch auf der Heimfahrt von der Belagerung Trojas, rettete sich auf eine Klippe, wo er trotzig gegen die Götter schalt; zur Strafe wurde er in die Tiefe des Meeres versenkt. Ajax, den Göttern trotzend, ist eine feststehende Wendung geworden.
Napoleon kam unvermutet zur Welt auf einem Teppich, der mit Darstellungen aus der Ilias geschmückt war.
Paola a Porta sagte eines Tages zu dem jungen Napoleon: Es ist nichts von neuer Zeit bei dir; du bist ein Mann aus Plutarch.
Rousseau hatte vor Napoleons Geburt sich mit Korsika beschäftigt, dessen Einwohner ihn zum Gesetzgeber haben wollten. "Es gibt noch ein Land in Europa, in dem es möglich ist, Gesetze zu geben: das ist die Insel Korsika ... Ich habe ein Vorgefühl davon, dass einmal diese kleine Insel Europa mit Verwunderung schlagen wird."
Nordille Bonaparte hatte 1266 seine Ehre zum Pfande gesetzt für Konradin von Schwaben, den Karl von Anjou hinrichten liess.
Der Zweig Franchini Bonaparte trug in seinem Wappen drei goldene Lilien wie die Bourbonen.
Napoleon war verwandt mit Orsini. Orsini war der Name des Mörders, der ein Attentat gegen das Leben Napoleons III. unternahm. Auf drei Inseln hatte Napoleon seine schweren Tage: Korsika, Elba und St. Helena. In einer Geographie, die er in seiner Jugend niederschrieb, erwähnt er die letzte mit den beiden Worten: "kleine Insel!" (Allzu klein, leider!) Während des Krieges mit den Engländern sandte er ohne ersichtliche Veranlassung einen Kreuzer in das Fahrwasser von St. Helena.
Napoleons Tod gibt der Einbildungskraft eines Okkultisten reichen Stoff.
"Es war ein schreckliches Wetter, der Regen fiel ununterbrochen, und der Wind drohte alles wegzufegen. Der Weidenbaum, unter dem Napoleon frische Luft zu holen pflegte, war umgebrochen worden; unsere Baumpflanzungen waren mit den Wurzeln ausgerissen, umhergestreut; ein einziger Gummibaum hielt noch stand, als ein Wirbelwind ihn ergriff, ihn aufhob und in den Schmutz legte. Nichts von dem, was der Kaiser liebte, durfte ihn überleben."
Der Kranke konnte das Licht nicht vertragen; man musste ihn in einem dunklen Zimmer pflegen. Er sprang, schon sterbend, aus dem Bett, um in den Garten zu gehen.
"Krampfhafte Zuckungen über dem Nabel und im Bauche, tiefe Seufzer, Klageschreie, konvulsivische Bewegungen, die beim Todeskampfe in ein lautes und schmerzvolles Schluchzen endigen."
Noverrez, der krank geworden war, fiel in Fieberphantasie: "Er bildet sich ein, dass der Kaiser bedroht sei, und ruft nach Hilfe."
Nachdem Napoleon den Geist aufgegeben hat, breitet sich ein friedvolles Lächeln um seine Lippen, und die Leiche behält noch nach neunzehn Jahren in der Gruft diesen Ausdruck der Ruhe bei. Als man im Jahre 1840 das Grab öffnete, war der Körper vollständig erhalten. Die Fusssohlen waren weiss. (Weisse plantae pedis bedeuten nach Swedenborg: Deine Sünden sind vergeben.)
Gut erhalten waren die Hände (die linke jedoch nicht weiss), waren weich geblieben und hatten ihre schöne Form bewahrt. Der ganze Körper mattweiss: "als sähe man ihn durch einen dichten Tüll." Im Oberkiefer fanden sich bloss drei Zähne. (Ein merkwürdiges Zusammentreffen: der Herzog von Enghien hatte nur noch drei Zähne, als er füsiliert worden war. Und in Parenthese sei hinzugefügt: der Herzog von Enghien kam zur Welt nach 48stündigen Wehen. Er war schwarzblau und ohne ein Zeichen von Leben. In eine spiritusgetränkte Binde gewickelt, wird er zu nahe an ein brennendes Licht gehalten und fängt Feuer. Da erst beginnt er zu leben!)
Napoleon war im Sarge in seine grüne Uniform gekleidet. (Zauberer kennzeichnen sich durch ihre grüngefärbten Kleider.)
Chateaubriand schreibt: Napoleons Kapitänsvollmacht ist unterzeichnet von Ludwig XVI. am 30. August 1792, und der König entsagte der Krone am 10. August.
"Erkläre das wer kann. Welcher Beschützer förderte die Unternehmungen dieses Korsikaners? Dieser Beschützer war der Herr der Ewigkeit."
18. April. Ostertag.
Auf einem Feuerbrand im Kachelofen sah ich die Buchstaben J. N. R. J. (Jesus Nazarenus Rex Judaeorum.)
2. Mai.
Ich sah den Neumond und wurde froh davon.
3. Mai.
Mithin fange ich an "Inferno" zu schreiben.
Man erzählt mir, dass eine sehr bekannter Zeitungsmann plötzlich attackiert worden ist durch nächtliche Anfälle des jetzt üblichen Schlages. Und die Okkultisten setzen das in Zusammenhang mit einem rücksichtslosen Nachruf über einen verdienten Mann, der neulich verstorben ist.
Als ich Wagners "Rheingold" lese, entdecke ich einen grossen Dichter und begreife nun, warum ich das Grosse an diesem Musiker nicht verstanden habe: dessen Musik ist allein Begleitung zu seinen Textworten. Übrigens ist "Rheingold" für meine Rechnung geschrieben:
Wellgunde. Weisst du denn nicht, Wem nur allein Das Gold zu schmieden vergönnt? Woglinde. Nur wer der Minne Macht versagt. Nur wer der Liebe Lust verjagt, Nur der erzielt sich den Zauber Zum Reif zu zwingen das Gold. Wellgunde. Wohl sicher sind wir Und sorgenfrei: Denn was nur lebt will lieben, Meiden will keiner die Minne. Woglinde. Am wenigsten er, Der lüsterne Alp:
Alberich. (Die Hand nach dem Golde ausstreckend.) Das Gold entreiss' ich dem Riff, Schmiede den rächenden Ring: Denn hör' es die Flut—So verfluch' ich die Liebe!
12. Mai.
Mit dumpfer Resignation habe ich fünf Monate lang Cichorienkaffee getrunken, ohne mich zu beklagen. Ich wollte sehen, ob es eine Grenze gebe für die Kühnheit einer unehrlichen Frau (die meinem Morgenkaffee kocht). Ganze fünf Monate habe ich gelitten, jetzt will ich mich des Göttertrankes mit dem berauschenden Duft erfreuen. Zu diesem Zweck kaufe ich ein Pfund der teuersten Kaffeesorte. Das war zur Mittagszeit.
Am Abend lese ich in Peladan, L'Androgyne, Seite 107: "Er erinnert sich folgender Anekdote eins alten Missionars. Am Ende seiner Missionsreise, während einer Anfangspredigt von grosser Wichtigkeit wurde ich von Unfähigkeit getroffen, sobald ich das Wort "meine Brüder" ausgesprochen hatte; kein Gedanke in meinem Gehirn, nicht ein Wort, auf meinen Lippen. Heilige Jungfrau—bat ich in mir—ich habe nur eine Schwäche beibehalten, meine Tasse Kaffee, ich opfere sie dir; und sofort kam die Spannkraft meiner Seele wieder, ich übertraf mich selbst und tat manchen Seelen viel Gutes."
Welche Rolle als Hausfriedensstörer hat nicht der Kaffe in meiner Familie gespielt! Ich schäme mich daran zu denken, umsomehr da ein glückliches Resultat nicht vom guten Willen und Geschicklichkeit abhängt, sondern von unberechenbaren Umständen.
Morgen also der grösste Genuss oder der grösste Schmerz!
13. Mai.
Die Aufwärterin hat den elendesten Kaffee gekocht, den man sich denken kann.
Ich bringe ihn als Opfer den Mächten dar, und von diesem Tage an trinke ich Schokolade, ohne zu murren!
26. Mai.
Ausflug nach Buchenwald. Einige hundert Leute haben sich dort versammelt. Die singen Lieder aus der Zeit, da ich jung war, vor dreissig Jahren; sie spielen Spiele meiner Jugend und tanzen deren Tänze.
Die Traurigkeit bekommt Macht über mich, und mit einem Schlag rollt sich mein vergangenes Leben vor den Augen der Seele auf, ich kann die durchlaufende Bahn messen und werde wie erblindet. Ja, es ist bald zu Ende; ich bin alt, und der Weg geht abwärts, dem Grabe zu. Ich kann meine Tränen nicht zurückhalten—ich bin alt.
1. Juni.
Ein junger Arzt von weicher Natur und so empfindlicher Seelenanlage, dass er schon dadurch zu leiden scheint, dass er existiert, leistet mir abends Gesellschaft. Auch er ist bedrängt von Gewissensskrupeln; er bereut die Vergangenheit, die sich nicht bessern lässt, wenn sie auch nicht schlimmer ist als die aller anderen. Er legt mir das Mysterium von Christus aus.
—Man kann nicht ändern, was man einmal getan hat; man kann keine einzige schlechte Tat streichen: daher unsere Verzweiflung. Dann offenbart sich Christus. Er allein vermag die Schuld, die nicht bezahlt werden kann zu tilgen, das Wunder zustande zu bringen und die Last des Gewissens und der Selbstvorwürfe abzunehmen. Credo quia absurdum, und ich bin gerettet.
—Aber das kann ich nicht; und ich ziehe vor, meine Schulden selbst durch Leiden zu bezahlen. Es gibt Augenblicke, da ich mich nach einem grausamen Tod sehne, auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt werden möchte, um die Schadenfreude zu empfinden, meinem eigenen Körper, diesem Gefängnis der Seele, die zu den Höhen strebt, wehe zu tun. Und das Himmelreich ist für mich, von materiellen Bedürfnissen befreit zu werden; Feinde wiederzusehen, um ihnen zu verzeihen und ihre Hände zu drücken. Keine Feinde mehr! Kein Groll! Das ist mein Himmelreich!—Weist du, was das Leben erträglich für mich macht? Dass ich mir zuweilen einbilde, es sei nur eine Halbwirklichkeit, ein böser Traum, der uns als Strafe auferlegt ist; und dass man im Augenblick des Todes zu der wirklichen Wirklichkeit aufwacht, indem man zum Bewusstsein kommt, das es bloss ein Traum war; alles Böse, das man getan hat, nur ein Traum. So werden die Gewissensbisse ausgetilgt in und mit der Handlung, die nicht begangen worden ist! Das ist Erlösung, Errettung!
25. Juni.
"Inferno" ist jetzt fertig geschrieben. Ein Marienkäfer hat sich auf meine Hand gesetzt. Ich warte ein Wahrzeichen ab für die Reise, die ich vorbereite. Der Marienkäfer fliegt auf und nimmt den Kurs nach Süden! Südwärts also.
Von diesem Augenblick setzte ich meine Abreise nach Paris fest. Aber es scheint mir zweifelhaft, ob die Mächte mir ihre Zustimmung geben. Ein Raub innerer Kämpfe lasse ich den Juli verfliessen, und mit dem Eintritt des August erwarte ich ein Zeichen, um mich zu bestimmen. Zuweilen fällt mir ein, dass die Lenker meines Schicksals nicht unter sich einig sind, und dass ich der Gegenstand einer längeren Erörterung bin. Einer treibt mich an, und ein anderer hält mich zurück.
Schliesslich am Morgen des 24. August steige ich aus dem Bett, ziehe die Fenstergardine auf und erblicke eine Krähe, die auf dem Schornstein eines sehr hohen Hauses sitzt. Sie nimmt sich ganz so aus wie der Hahn auf dem Turm der Kirche Notre-Dame-des-Champs (siehe "Inferno"), stellt sich, als fliege sie ihres Weges, mit den Flügeln schlagend und nach Süden gewandt.
Ich öffne das Fenster. Da erhebt sich der Vogel, laviert, fliegt gerade auf mich zu und verschwindet.
Ich nehme das Wahrzeichen an und packe meine Sachen.
12.
In Paris.
Noch ein Mal—ob es das letzte ist?—steige ich auf dem Nordbahnhof aus. Ich frage jetzt nicht: was habe ich hier zu tun, da ich mich zu Hause fühle in der Hauptstadt Europas. In mir ist allmählich der Entschluss gereift, nicht ganz klar, das gestehe ich ein, im Benediktinerkloster zu Solesmes eine Zuflucht zu suchen.
Aber erst gehe ich und besuche die alten Stellen mit ihren schmerzlichen und doch so lieben Erinnerungen. So sehe ich wieder den Luxemburg-Garten, Hotel Orfila, den Kirchhof von Montparnasse, den Jardin des Plantes. In der Rue Censier bleibe ich einen Augenblick stehen, um einen verstohlenen Blick in das Gärtchen meines Hotels an der Rue de la Clef zu werfen. Gross ist meine Gemütsbewegung, als ich den Pavillon mit meinem Zimmer sehe, wo ich dem Tode entging in jener schrecklichen Nacht, als ich mit dem Unsichtbaren rang, ohne es zu wissen. Man kann sich meine Gefühle denken, als ich meine Schritte nach dem Jardin des Plantes lenke und die Spuren der Wasserhose sehe, die gerade meine Allee verheert hat, die vor den Bären und Bisonochsen.
Auf dem Rückweg die Strasse Saint-Jacques hinuntergehend, entdeckte ich die Buchhandlung der Spiritisten und kaufe das "Buch der Geister" von Allan Kardec, das mir bisher unbekannt war.
Ich nehme und lese. Das ist ja Swedenborg und vor allem die Blavatzky, und als ich überall meinen eigenen "Casus" wiederfinde, kann ich mir nicht verhehlen, dass ich Spiritist bin. Ich Spiritist! Hätte ich gewusst, dass ich als Spiritist enden würde, als ich mich über meinen früheren Chef an der Königl. Bibliothek in Stockholm lustig machte, weil er Anhänger des Spiritismus war! Man weiss nie, in welchen Hafen man schliesslich einläuft!
Während ich meine Studien in Allan Kardec fortsetze, bemerke ich ein stufenweise geschehendes Wiederauftreten der beunruhigenden Symptome von früher. Das Gepolter über meinem Kopfe beginnt, ich werde von Beklemmung angefochten, eine Furcht vor allem zeigt sich. Aber ich lasse mir nicht beikommen und fahre fort, die spiritistischen Zeitschriften zu lesen, während ich genau meine Gedanken und Handlungen überwache.
Da werde ich nach ganz unzweideutigen Warnungen eines Nachts genau um zwei Uhr von einer Herzaffektion geweckt.
Ich habe den Wink verstanden: Es ist verboten, in den Geheimnissen der Mächte zu forschen. Ich schleudere die unerlaubten Bücher weg, und sogleich kommt der Friede zurück; ein hinreichender Beweis für mich, das der höhere Wille befolgt worden ist.
Am folgenden Sonntag gehe ich in Notre-Dame und wohne der Vesper bei. Von der Ceremonie ergriffen, obwohl ich kein Wort davon verstehe, zerfliesse ich in Tränen und gehe mit der Überzeugung fort, dass sich hier in der Mutterkirche der erlösende Hafen befindet.
Doch nein, es war nicht so! Denn am Tage danach lese ich in La Presse, dass der Abt des Solesmes-Klosters soeben wegen Sittlichkeitsvergehens abgesetzt ist.
Bin ich denn immer ein Spielball, ein Gelächter für die Unsichtbaren! rief ich aus, von einem so gut gerichteten Stoss getroffen. Danach schweige ich und unterdrücke die ungebührliche Kritik, fest entschlossen, abzuwarten!
Das nächste Buch, das mir zufällig in die Hand fällt, lässt mich die Absichten meines Lenkers hervorschimmern sehen. Es ist die "Versuchung des heiligen Antonius" von Flaubert. "Alle diejenigen, die von Sehnsucht nach Gott gemartert werden, habe ich verschlungen", sagt die Sphinx.
Dieses Buch macht mich krank, und ich werde bange, wenn ich darin die Gedanken erkenne, die ich in meinem Mysterienspiel ausgedrückt habe: das Einsetzen des bösen in die Rechte des guten Gottes. Und ich werfe es nach dem Durchlesen von mir als eine Versuchung des Teufels, der es verfasst hat. "Antonius macht das Zeichen des Kreuzes und versinkt wieder in Gebet." So schliesst der Verfasser sein Buch, und ich folge seinem Beispiel.
Danach und zu rechter Stunde bekomme ich "En Route" von Huysmans. Warum ist dieses Bekenntnis eines Okkultisten mir nicht früher in die Hände gefallen? Weil es notwendig war, dass zwei analoge Geschicke sich parallel entwickelten, damit das eine mittelst des andern gestärkt werden könnte.
Ein Neugieriger, der die Sphinx herausfordert und von dieser verschlungen wird, damit seine Seele am Fusse des Kreuzes erlöst werde.
So, nun mag meinetwegen ein Katholik zu den Trappisten gehen und vor dem Priester beichten, für mein Teil aber dürfte es genügen, dass ich mea culpa schriftlich coram populo bekannt habe. Übrigens können die acht Wochen, die ich in Paris zugebracht habe, während ich dieses Buch schrieb, gegen den Eintritt in das Kloster und mehr noch aufgehen, weil ich vollständig wie ein Eremit gelebt habe.
Eine kleine Kammer, nicht grösser als eine Klosterzelle, mit Gitterfenstern oben unter der Decke, hat mir zu Wohnung gedient. Durch das Gitter in der Fensteröffnung, die nach einem tiefen Hof zu geht, kann ich ein Stück vom Himmel sehen und eine graue Wand mit Efeu, der hinaufklettert dem Lichte zu.
Die Einsamkeit, die an und für sich schrecklich ist, wird noch düsterer im Restaurant unter einer lärmenden Schar Leute, zwei Male am Tage. Dazu die Kälte, ein beständiger Zug quer durchs Zimmer, von dem ich eine fressende Neuralgie bekommen habe; Sorgen, binnen kurzem ohne Hilfsmittel dazustehen, die Rechnung, die beständig wächst. Möchte glauben, dass das verschlägt!
Und dann die Gewissensbisse! Früher, als ich mich selbst für verantwortlich ansah, war es nur die Erinnerung an begangene Dummheiten, die mich peinigte. Jetzt ist es das Böse selbst, meine schlechten Handlungen, die meine Geissel ausmachen. Und zum Überfluss erscheint mir mein vergangenes Leben als ein einziges Gewebe von Verbrechen, wie ein Gewirr von Gottlosigkeiten, Bosheiten, Missgriffen, Grobheiten in Wort und Handlung. Ganze Szenen aus meiner Vergangenheit rollen sich vor meiner Anschauung auf. Ich sehe mich in der einen und der andern Situation, und immer ist es eine abgeschmackte. Ich wundere mich, dass jemand mich hat lieben können. Ich klage mich alles Möglichen an; keine Niedrigkeit, keine widrige Handlung, die nicht mit schwarzer Kreide auf dem weissen Schleier steht. Ich werde von Entsetzen vor mir selbst erfüllt und möchte sterben.
Es gibt Augenblicke, da die Schamröte das Blut in meine Wangen jagt, bis in meine Ohrläppchen. Selbstsucht, Undankbarkeit, Groll, Neid, Hochmut, all die Todsünden führen ihren Gespenstertanz vor meinem erwachten Gewissen aus.
Und während mein Gemüt sich martert, verschlechtert sich mein Gesundheitszustand, vermindern sich die Kräfte, und mit dem Hinschwinden des Körpers beginnt die Seele ein Vorgefühl von ihrer Befreiung aus dem Schmutz zu bekommen.
Ich lese gegenwärtig Töpffers "Presbytere" und Dickens' Weihnachtserzählungen, und die schenken mir eine unsägliche innere Ruhe und Freude. Ich kehre zu den Idealen meiner besten Jugendzeit zurück und nehme von neuem die Kapitale, die ich im Spiel des Lebens verloren habe, in Besitz. Der Glaube kommt zurück, das Vertrauen zu der natürlichen Güte der Menschen, der Glaube an die Unschuld, die Uneigennützigkeit, die Tugend!
Die Tugend! dieses Wort ist verschwunden aus den modernen Sprachen, es ist verworfen worden als durch und durch lügenhaft!
(In diesem Augenblick ersehe ich aus den Zeitungen, dass mein Schauspiel "Frau Margit" in Kopenhagen aufgeführt worden ist. In diesem Stück siegen Liebe und Tugend, ganz wie im "Geheimnis der Gilde". Das Schauspiel hat nicht gefallen, ebenso wenig jetzt wie bei der ersten Aufführung im Jahre 1882. Warum nicht? Weil man findet, es sei veraltetes Geschwätz, diese Geschichte von der Tugend!)
Ich habe soeben wieder Maupassants "Horla" gelesen. Das ist ja das Finale aus dem "Don Juan", nicht wahr? Jemand kommt, unsichtbar, mitten in der Nacht ins Schlafzimmer hinein. Er trinkt Wasser und Milch und schliesst damit, Blut aus dem armen Don Juan zu saugen, der, zu Tode gejagt, gezwungen wird, Hand an sich selbst zu legen.
Dies ist etwas wirklich Erlebtes: ich kenne mich darin wieder, und ich leugne nicht, dass eine Geistesstörung vorhanden ist, aber ich sehe jemand dahinter.
Meine Gesundheit verschlechtert sich immer mehr, da Risse in den Wänden sind, so dass Rauch und Kohlendunst in mein Zimmer eindringen. Als ich heute auf der Strasse ging, bewegte sich das Pflaster unter den Füssen gleich einem Schiffsdeck in langen Schwankungen. Nur mit merkbarer Schwierigkeit kann ich die Höhe zum Luxemburggarten hinaufgehen. Der Appetit wird immer geringer, und ich esse nur, um die Schmerzen im Magen zu stillen.
Eine Erscheinung, die sich oft wiederholt nach meiner Ankunft in Paris, hat mir verschiedenes zu denken gegeben. Im Innern meines Rockes, auf der linken Seite, gerade da wo das Herz sitzt, hört man nämlich ein regelmässiges Klopfen; es erinnert an den Tick-tack-Laut, der in Wänden von dem Käfer hervorgebracht wird, der in Schweden "Zimmermann" genannt wird, aber auch "Totenuhr"; es soll jemandes Tod ankündigen. Ich glaube erst, es sei meine Taschenuhr, aber das hielt nicht Stich, da das Klopfen fortfuhr, nachdem ich die Uhr weggelegt hatte. Es sind auch nicht die Federn meiner Tragbänder oder das Futter der Weste. Ich nehme die Deutung der Totenuhr an, weil die mir am meisten behagt.
Vor einigen Nächten hatte ich einen Traum, der aufs neue meine Sehnsucht weckte, sterben zu dürfen, indem er mir die Hoffnung auf ein besseres Dasein wiedergab, wo man keine Gefahr läuft, einen Rückfall in die Qual des Lebens zu tun.
Als ich auf einem Vorsprung, der von einer jähen in Dunkel gehüllten Tiefe begrenzt wurde, zu weit vorgetreten war, fiel ich mit dem Kopf voran in einen Abgrund. Aber ich fiel eigentümlicher Weise hinauf statt hinunter. Und unmittelbar umgeben wurde ich von einem blendendweissen Lichtschimmer, und ich sah——
Was ich sah, flösste mir zwei gleichzeitige Vorstellungen ein: ich bin tot, und ich bin erlöst! Und ein Gefühl der höchsten Seeligkeit umhüllte mich bei dem Bewusstsein, dass das andere nun zu Ende sei. Licht, Reinheit, Freiheit erfüllten mein Gemüt, und indem ich ausrief: Gott!, empfand ich die Gewissheit, dass ich Vergebung bekommen habe, dass die Hölle hinter mir liege, dass sich der Himmel öffne.
Seit dieser Nacht fühle ich mich noch heimatloser als vorher hier in der Welt, und gleich einem müden, schläfrigen Kinde verlange ich, "heim gehen" zu dürfen, den schweren Kopf an einen mütterlichen Busen zu legen, im Schoss einer Mutter zu schlafen, der keuschen Gattin eines unermesslich grossen Gottes, der sich mein Vater nennt und dem ich nicht zu nahen wage.
Aber dieser Wunsch verbindet sich mit einem andern: nämlich die Alpen zu schauen und genauer bestimmt die Dent du Midi im Kanton Wallis. Ich liebe diesen Berg mehr als die andern Alpen, ohne erklären zu können weshalb. Vielleicht dass es die Erinnerung an meinen Aufenthalt am Genfersee ist, wo ich die "Utopien in der Wirklichkeit" (Schweizer Novellen) schrieb, und an die Landschaft dort, die mich an den Himmel "erinnerte".
Dort habe ich die schönsten Stunden meines Lebens gelebt, dort habe ich geliebt! Geliebt Frau, Kinder, die Menschheit, das Weltall, Gott!
"Ich hebe meine Hände auf zu Gottes Berg und Haus!"
Paris, Oktober 1897.
Zweiter Teil
Jakob ringt
(Ein Fragment)
Als ich Ende August 1897 nach Paris zurückkehrte, fand ich mich plötzlich isoliert. Mein Freund der Philosoph, dessen tägliche Gesellschaft für mich eine moralische Stütze geworden war, und der versprochen hatte, mir nach Paris zu folgen, um dort den Winter zuzubringen, hat sich in Berlin verzögert. Er ist nicht imstande, zu erklären, was ihn in Berlin zurückhält, da Paris das Ziel seiner Reise ist und er vor Verlangen brennt, die Lichtstadt zu schauen.
Ich habe nun drei Monate auf ihn gewartet und bekomme den Eindruck, dass die Vorsehung unter vier Augen mit mir hat sein wollen, um mich von der Welt los zu machen, mich in die Wüste zu treiben, auf dass die Zuchtgeister dort meine Seele recht schütteln und sieben könnten. Und darin hat die Vorsehung recht getan, denn die Einsamkeit hat mich erzogen, indem sie mich zwang, auf die mässig zugenommenen Freuden des Verkehrs zu verzichten, und mich jeder Stütze eines Freundes beraubte. Ich habe mich gewöhnt, zum Herrn zu sprechen, mich nur ihm anzuvertrauen, und habe so gut wie aufgehört, Bedürfnis nach Menschen zu empfinden; was mir stets vorgeschwebt hat als das Ideal von Unabhängigkeit und Freiheit.
Selbst dem Kloster, in dem ich den Schutz der Religion und der Geselligkeit für mich erwartete, muss ich entsagen. Das Leben des Eremiten war mir auferlegt, und ich habe es hingenommen als eine Strafe und eine Erziehung, trotzdem es einem hart ankommt, im Alter von achtundvierzig Jahren seine eingewurzelten Gewohnheiten gegen neue vertauschen zu müssen.
Ich wohne in einer kleinen Kamme, eng wie eine Klosterzelle, mit einem vergitterten Fensterloch oben unter der Decke, das auf einen Hof und eine Steinwand mit ungeheurem Efeu geht.
Dort sitze ich nach meinem Morgenspaziergang, bis halb sieben Uhr abends; das Frühstück lasse ich auf einem Tablett herauftragen.
Abends gehe ich aus, um zu Mittag zu speisen, und gehe direkt, ohne mir erst einen Appetit-Likör zu verschaffen, der mir jetzt zuwider ist. Warum ich das kleine Restaurant am Boulevard St. Germain ausgewählt habe, würde mir schwer fallen zu erklären. Vielleicht ist es eine Erinnerung an die beiden schrecklichen Abende, die ich im vorigen Jahre mit meinem okkulten Freund, dem Deutsch-Amerikaner, dort verbrachte, die mich dort fest hext, bis zu dem Grad, dass jeder Versuch, nach einem andern Ort zu gehen, mit einem Unbehagen schliesst, das ich tendenziös nennen möchte und das mich zurück nach dieser Kneipe treibt, die ich verabscheue. Und die Gründe dafür: mein früherer Freund hat hier Schulden hinterlassen, und man hat mich als seinen Begleiter erkannt. Aus dieser Ursache und weil man uns hat deutsch sprechen hören, werde ich als Preusse behandelt, das heisst, sehr schlecht bedient. Es hilft nicht, dass ich stille Proteste einlege, indem ich meine Visitenkarte zurücklasse oder mit Absicht Briefumschläge, die in Schweden abgestempelt sind, vergesse. Ich sehe mich genötigt, für den Schuldigen zu leiden und zu bezahlen. Kein anderer als ich sieht die Logik in diesem Sachverhalt ein, dass es eine Sühne ist für ein Vergehen.... Es ist ganz einfach eine Rechtsübung in untadeliger Form, und zwei Monate lang kaue ich das entsetzlich schlechte Essen, das nach der Anatomie riecht.
Die Wirtin, die bleich wie eine Leiche an der Kasse thront, grüsst mich mit einer triumphierenden Miene, und ich übe mich in mir zu sagen:
Arme Alte, sie hat wohl 1871 während der Belagerung von Paris Ratten essen müssen!
Aber es scheint, als ob sie Mitleid mit mir empfinde, als sie meine dumpfe Ergebenheit und meine Ausdauer wahrnimmt. Es gibt Augenblicke, da sie mir noch bleicher zu werden scheint, wenn sie mich so allein kommen sieht, immer allein, und immer magerer. Es ist nur die nackte Wahrheit: als ich mir nach zwei auf diese Weise verlaufenen Monaten neue Halskragen anschaffte, musste ich an Stelle der Kragen von 47 Zentimeter solche von 43 kaufen, was 4 Zentimeter Unterschied macht. Die Wangen sind hohl geworden und die Kleider hängen in Falten.
Da zeigt man sich auf einmal bemüht, mir besseres Essen vorzusetzen, und die Wirtin lächelt mich an. Im selben Augenblick hörte die Verhexung auf, und ich ging meiner Wege, ohne Groll und wie von einer Last befreit, mit der Gewissheit, dass die Sündenbusse für meinen Teil erfüllt sei und vielleicht auch für den meines abwesenden Freundes. Falls es eine Einbildung von mir war, dass ich schlecht behandelt worden sei, und falls die Wirtin ohne Schuld daran war, bitte ich sie um Verzeihung; dann war ich es, der sich selbst gestraft hat, indem er sich eine wohlverdiente Züchtigung gab.
"Die Zuchtgeister nehmen die Einbildungskraft des Strafwürdigen in Besitz und wirken durch dieses Mittel zu seiner Besserung von der Schlechtigkeit, indem sie ihn alles in entstellter Form wahrnehmen lassen." (Swedenborg.)
Wie oft ist es mir nicht passiert, wenn ich mir eine wirklich feine Mahlzeit hatte leisten wollen, dass alle Gerichte mir Ekel einflössten, als ob sie faul wären, während meine Tischkameraden sich einstimmig in Lobreden über das gute Essen ergossen!
Der "beständig Unzufriedene" ist ein Unglücklicher unter der Geissel der Unsichtbaren, und mit allem Grund weicht man ihm aus, denn er ist dazu verurteilt, ein Freudenstörer zu sein, der, zur Einsamkeit und deren leiden verurteilt, verborgene Versehen sühnt.
So bleibe ich denn mit mir allein, und als ich, nachdem ich ganze Wochen lang nicht Gelegenheit gehabt habe, meine eigene Stimme zu hören, jemand aufsuche, überhäufe ich diesen Unglücklichen so mit meinem Redefluss, dass er sich ermüdet aus dem Spiele zieht und, ohne es zu wollen, zu verstehen gibt, dass er das Zusammensein nicht zu erneuern wünscht.
Es gibt andere Augenblicke, wo die Verlockung, ein menschliches Wesen zu sehen, mich dazu treibt, schlechte Gesellschaft aufzusuchen. Dann geschieht es, dass mitten im Gespräch ein Gefühl des Unbehagens, das von Kopfschmerzen begleitet wird, mich ergreift; ich werde stumm, bin unfähig, ein Wort hervorzubringen. Und ich sehe mich genötigt, den Kreis zu verlassen, der nie zu zeigen versäumt, wie zufrieden man ist, eine unerträgliche Figur, die nichts dort zu tun hatte, los zu werden.
Zur Isolierung verurteilt, unter den Menschen in Acht erklärt, nehme ich meine Zuflucht zu dem Herrn, der für mich ein persönlicher Freund geworden ist; oft ist er zornig auf mich, und dann leide ich; oft scheint er abwesend zu sein, von anderer Seite in Anspruch genommen, und dann ist es noch viel schlimmer. Aber wenn er gnädig ist, wird mir das Leben süss, besonders in der Einsamkeit.
Ein eigentümlicher Zufall hat es gefügt, dass ich mich in der Rue Bonaparte, der katholischen Strasse, niedergelassen habe. Ich wohne gerade der Ecole des beaux-arts gegenüber, und wenn ich ausgehe, wandre ich durch eine Allee von Schaufenstern, wo Puvis de Chavannes' Legenden, Botticellis Madonnen, Raffaels Jungfrauen mich zum oberen Teil der Rue Jacob begleiten; von dort folgen mir die katholischen Buchhandlungen mit ihren Gebetbüchern und Missalen bis zur Kirche St. Germain des Pres. Die Läden mit ihren Andachtsgegenständen bilden von dort ein Spalier von Erlösern, Madonnen, Erzengeln, Engeln, Dämonen und Heiligen, all den vierzehn Stationen in Christi Leiden, der Weihnachtskrippe; dies alles zur Rechten; und linker Hand fromme Bilderbücher, Rosenkränze, Gottesdienstgewänder und Altargefässe, bis zum Saint-Sulpice-Markt, wo die vier Löwen der Kirche, mit Bossuet an der Spitze, den göttlichsten Tempel in Paris bewachen.
Nachdem ich dieses Repertorium der Heiligen Geschichte musternd durchgangen bin, trete ich oft in die Kirche, um mich an Eugène Delacroix' Gemälde "Jakob ringt mit dem Engel" zu stärken. Die Sache ist die, dass diese Szene mir stets etwas zu denken gibt, indem sie gottlose Vorstellungen bei mir weckt, trotz dem Orthodoxen im Gegenstande. Und wenn ich durch die Knienden wieder hinausgehe, bewahre ich die Erinnerung an den Ringer, der sich aufrecht hält, obgleich seine Hüftsehne gelähmt worden ist.
Danach gehe ich am Jesuitenseminar vorbei, einer Art furchtbaren Vatikan, das unermessliche Fluten seelischer Kraft ausdünstet; deren Wirkungen machen sich von weitem fühlbar, wenn man den Theosophen glauben darf. Ich bin nun an meinem Ziel angekommen, dem Luxemburg-Garten.
Schon seit meinem ersten Besuch in Paris 1876 hat dieser Park eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Es war mein Traum, in seiner Nähe wohnen zu dürfen. Dieser Einfall wurde 1883 Wirklichkeit. Von der Zeit an, jedoch mit Unterbrechungen, ist dieser Garten meinen Erinnerungen einverleibt worden, in meine Persönlichkeit übergegangen. Obgleich in Wirklichkeit nur mässig ausgedehnt, ist er in meiner Einbildung unermesslich gross. Ganz wie die heilige Stadt im Buch der Offenbarung hat er zwölf Tore, und, um die Ähnlichkeit voll zu machen, "nach Osten drei Tore, nach Norden drei Tore, nach Süden drei Tore, nach Westen drei Tore" (Offenbarung, 21, 13). Und jeder Eingang schenkt mir einen verschiedenen Eindruck, der auf Anordnung der Pflanzungen, der Gebäude, der Statuen beruht, oder, auch auf persönlichen Erinnerungen, die damit verknüpft sind.
So fühle ich mich herzensfroh, wenn ich durch das erste Tor von der Rue de Luxembourg eintrete, wo man vom Saint-Sulpice kommt: die efeubewachsene Hütte des Wärters erzählt mir ein nicht herausgegebenes Idyll mit Ententeich und Paulownien. Weiterhin liegt das Museum für die Gemälde lebender Künstler in klaren, sonnigen Farben. Der Gedanke, dass meine Jugendfreunde Carl Larsson, der Bildhauer Ville Vallgren, Fritz Thaulow dort Stücke ihrer Seele niedergelegt haben, stärkt und verjüngt mich; ich fühle die Strahlung ihres Geistes durch die Mauern dringen und mich einladen, Mut zu fassen, da ich Freunde ganz nahe habe.
Weiter hin haben wir Eugène Delacroix, dessen Lorbeeren von Zeit und Nachwelt in Frage gestellt werden.
Das zweite Tor von denen, die nach der Rue des Fleurus gehen, führt mich auf die Rennbahn, die breit wie ein Hippodrom ist und mit einer Blumen-Terrasse endet, wo der Sieg in Marmor als Malpfeiler steht und von wo in der Ferne das Pantheon mit dem Kreuz zu sehen ist.
Das dritte Tor bildet die Fortsetzung der Rue Vanneau und führt mich in eine dämmerige Allee, die sich links in eine Art elysäisches Feld verliert. Dort haben die Kinder ihre Spielplätze und erfreuen sich an den Holzpferden, die mit Löwen, Elefanten und Kamelen zusammengehen, ganz wie im Paradies; weiter hin das Ballspiel und das Kindertheater zwischen Blumenquadraten, das goldene Zeitalter, Noahs Arche: der Frühling des Lebens begegnet mir dort im Herbste meines Lebenslaufes.
Auf der Südseite, nach der Rue d'Assas, geben mir der Obstgarten und die Baumschule ein Bild des Hochsommers; die Blütezeit ist aus! Es ist die Jahreszeit der Früchte; und die Bienenstöcke daneben mit ihren bürgerlich angelegten Einwohnern, die Goldstaub für den Winter sammeln, verstärken den Eindruck des reifen Alters.
Das zweite Tor gerade gegenüber dem Lyzeum Louis le Grand tut eine paradiesische Landschaft auf. Sammetgleiche Grasmatten mit beständig jungem Grün; hier und dort ein Rosenbusch und ein einziger Pfirsichbaum; ich werde nie vergessen, wie dieser eines Frühlings, mit seinen Blüten in der Farbe der Morgenröte geschmückt, mich verlockte, eine ganze halbe Stunde im Anschauen oder richtiger in Anbetung vor seiner kleinen schmächtigen, jugendlichen, jungfräulichen Gestalt zu verweilen.
Die Avenue de l'Observatoire schliesst am Tor des Haupteingangs, das mit seinen vergoldeten Fasces wirklich königlich ist. Da dieses zu majestätisch für mich ist, bleibe ich gewöhnlich draussen stehen: morgens bewundere ich den Palast, abends betrachte ich die Lichtlinien des Montmartre über den Dachstuben und bei klarem Wetter den Grossen Bären und den Polarstern; die kreisen über dem grossen Gittertor, das mir bei meinen astrologischen Betrachtungen zum Mauerquadranten dient.
Die östliche Seite versucht mich nur mit dem Tor von der Rue Soufflot. Von dort habe ich meinen Garten entdeckt, dieses Meer von Grün mit den entzückend feinen Linien der Riesenplatanen und in blauender Ferne voll von Geheimnissen; damals kannte ich die Rue de Fleurus noch nicht, die mir später als Propyläe zu einem neuen Leben so lieb wurde. Dort pflege ich einen Rückblick über die zu Ende gelaufene Bahn zu werfen, die vom Teich unterbrochen wird und auf dieser Seite von dem kleinen David mit dem zerbrochenen Schwert.
Eines Morgens im vorigen Herbst zeigte die Wasserkunst das Schauspiel eines Regenbogens. Das brachte mir den Färbereiladen der Rue de Fleurus wieder in Erinnerung, wo mein Regenbogen ausgespannt war als ein Zeichen meines Bundes mit dem Herrn der Ewigkeit. (Siehe "Inferno".) Wenn ich an den Abhang der Terrasse trete, habe ich an der Statuenreihe von Frauen vorbeizugehen, die mehr oder minder Königinnen oder Missetäterinnen gewesen sind; und ich bleibe an der grossen Treppe stehen, die zur Frühlingszeit von blühenden Rotdorn gekrönt ist, einer Einrahmung zu diesem ausgedehnten Blumenzirkus. Im Herbst bekomme ich von den Granatbäumen und den Rosenlorbeeren (Nerium), hundertjährigen, fast historischen Exemplaren, wie den Fächerpalmen, welche die ungeheuren Chrysanthemum-Rabatten einfassen, um die sich Schmetterlinge tummeln, Turteltauben girren, Kinder lachen, Illustrationen zu den Feenmärchen.
Und oben über den Sykomoren und den Spitzen Klein-Luxemburgs die Zwillingstürme von Saint-Sulpice, die keinen andern gleichen und nicht einmal sich gegenseitig.
Die Nordseite gibt Zutritt durch drei Tore, aber ich mache nur von zweien Gebrauch, weil das dritte von einem Soldaten bewacht wird. Das Tor vom Odeon bildet eine Opernouvertüre: das antike und einzigdastehende Haus, in dem sich alle Göttinnen des Gesanges unter den Arkaden zusammengefunden haben, stimmt zu der soliden Freude des Herzens, das nach Schönheit und Wissen begehrlich ist. Die Ecke der Jugenddichter Murger und de Banville ladet unmittelbar zu jugendlichen Schwärmereien ein, den Träumen des zwanzigjährigen Studenten.
Die Medici-Fontaine, ein ovidianisches Gedicht in weissem Marmor, befindet sich in einer neuen Auflage am Teiche; da bleiben die Raben stumm stehen angesichts der jungen Liebe, die sich ohne Scham vor den Augen des schwarzen Zyklopen (er hat zwei) entfaltet, während das Ganze von jungem Weinlaub umkränzt und von den schönsten Platanen in Frankreich überschattet ist.
Das ist schön! Das ist ein Fest! Ein heidnisches! Orpheisch! Und trauervoll zugleich, wehmütig wie die Elegie von einer Liebe, die eine unglückliche Wendung für Galatea nehmen wird, denn deren Akis wird durch einen Felsblock, den ein Polyphem schleudert, zermalmt werden.
Das letzte Tor, das beim Museum, behält den gemischten Eindruck von dem Geier, der ohne sichtbaren Grund auf das Haupt der Sphinx herabgestossen ist, und von Heros Kuss auf Leanders Stirn, als er von vorzeitigem Tod geerntet wird, infolge eines Unglücksfalls, der leicht vorherzusagen gewesen wäre. Danach nehme ich noch ein wenig Landkennung, indem ich am Museum für zeitgenössische Meister vorbeistreife, und vertiefe mich in die Rosengartenallee mit ihren Zehntausenden von Rosen.
Das ist mein Morgenspaziergang; und indem ich das Eingangstor wähle, stimme ich meinem Gemütszustand nach der Tonweite, die ich wünsche. Für den Rückweg benutzte ich den Boulevard Saint-Michel und fasse die Turmspitze der Sainte-Chapelle ins Auge; die leitet mich zwischen den Blindschären der Eitelkeit hindurch, die in den Ladenfenstern ausgebreitet und den Trottoiren in Form von Freudenmädchen und Kindern der Welt ausgestellt ist. Wenn ich am Saint-Michel-Markt ankomme, fühle ich mich beschützt von dem erhabenen Erzengel, der die Schlange tötet. Nicht der Eidechsenschwanz macht, dass man in diesem Kunstwerk den bösen Geist offen zutage hat; auch nicht die Widderhörner oder die erhobenen Augenbrauen, sondern der Mund, der in den Mundwinkeln nicht schliesst, während die Lippen vorn zusammengekniffen werden, um die vier Vorderzähne zu verbergen. Die Eckzähne können nicht versteckt werden, und das grausame Lächeln, das sich gleichsam abseits Luft macht, enthüllt das unsterbliche Böse, das mit der Speerspitze im Herzen noch höhnisch grinst.
Drei Male in meinem Leben bin ich diesem Munde begegnet: bei einem Schauspieler, einer Malerin und noch einer Frau, und ich habe mich nie darin betrogen.
Der Augustiner-Quai führt mich, nachdem ich einen Blick auf Notre-Dame geworfen habe, durch eine Allee von Büchern und Platanen zur Mündung der Rue Dauphine bei deren Zusammenfluss mit dem Pont-neuf.
Das ist der farbenreichste offene Platz, und er macht mich so froh, dass ich die Lust fühle, mich auf der Terrasse des Weinhändlers niederzulassen und dort das Ende meiner Tage zu erwarten. Eine Landschaftsecke mit den schönsten Platanen; Heinrich IV., diese Inkarnation von Frankreich; und die Naturalienhändler, die hier den Platz der Antiquare mit ihren Kästen einnehmen, in denen man Schmetterlinge, Schnecken, edle oder wenigstens funkelnde Steine sieht; ferner all diese Schilder in lebhaften Farben, Weinflaschen, Gemüse; und vor allem der Gedanke, dass dies der Pont-neuf ist, die schönste Brücke von Europa mit ihren Masken von Waldgöttern, Dryaden, Satyrn, zaubert mich an diesem Platz fest. Oder vielleicht, weil verschiedene frohe Begebenheiten in der Zeit, die vergangen ist, diesen Kreuzweg zum Treffpunkt gewählt haben und weil das Lachen noch in der Luft weht, abgeprallt vom Boden und den Mauern, die seine Wellenbewegungen bewahrt haben.
Das Münzhaus, vornehm, feierlich und schweigsam, ein Palast so gut wie einer, verschlossen, gibt einem keine Ahnung von dem kleinlichen Gold, das in den Kellern angehäuft liegt.
Das Institut, das die Arme dem Louvre zustreckt, gleicht dem Sonnenlustschloss eines Riesen, so hoch sind die Fenster. Und der Palast auf der anderen Seite des Flusses, das ist nicht ein Gebäude, das ist eine ganze Bergkette, wo ein Riese wohnt, ein Nachkomme der Atlantiden, der noch im Schlaf versenkt ist, auf dass er seine Kräfte für den Tag der Auferstehung sammle. Vor einigen Abenden, als ich am Palais Mazerin vorbeiging, war die Sonne hinter den Höhen von Passy untergegangen, aber ihre letzten Strahlen spiegelten sich in den Fensterscheiben des Louvre wieder; und als ich ein Stück weiter gekommen war, sah ich die Fenster der Tuilerien aufglänzen, eins nach dem andern, bis zum Pavillon der Flora. Die magische Wirkung liess mich daran denken, dass Frankreichs Barbarossa erwacht sei, dass Ludwig der Heilige seinen Krönungstag mit einem Galafeste feiere, zu dem alle Monarchen der Erde in Büsserkuttte eingeladen seien, kniend bei der Tafel zu bedienen.
Ich habe nun die mächtige Flutmündung der Rue Bonaparte erreicht. Dieser Hohlweg bildet einen Abfluss für die Viertel Montparnasse, Luxembourg und teilweise Faubourg Saint-Germain. Man muss geschickt manövrieren, um in den Ausfluss hinein zu dringen, versperrt wie er ist von Fussgängern und Fuhrwerken, wo der feste Boden aus einem meterbreiten Trottoir besteht. Indessen bin ich vor nichts so bange, wie vor diesen Omnibussen, die mit drei weissen Pferden bespannt sind, weil ich sie in Träumen gesehen habe; übrigens erinnern diese weissen Pferde vielleicht an ein gewisses Pferd, von dem im Buch der Offenbarung erzählt wird. Besonders abends, wenn sie aufeinander folgen, je drei mit der roten Laterne darüber, bilde ich mir ein, dass sie die Köpfe mir zuwenden, mich mit boshaften Augen ansehen und mir zurufen: Warte nur, wir werden dich schon fassen.
Mit einem Wort, das ist mein Circulus vitiosus, den ich zweimal am Tage durchlaufe. Mein Leben ist in den Rahmen dieser Umlaufbahn so vollständig eingefasst, dass, nehme ich mir einmal die Freiheit, einen andern Weg einzuschlagen, ich in die Irre gerate, als habe ich Stücke meines Ichs, meine Erinnerungen, meine Gedanken, sogar meine Ergebenheitsgefühle verloren.
Eines Sonntagnachmittags im November begab ich mich nach dem Restaurant, um zu essen, allein. Zwei kleine Tische sind auf das Trottoir am Boulevard St. Germain gestellt, zu ihren Seiten stehen zwei grüne Töpfe mit Oleandern und zwei Bastmatten, die Schutzwände bilden, beschatten sie. Die Luft ist weich und still, die angezündeten Laternen beleuchten das lebensvollste kinematographische Bild, da Omnibusse, Kaleschen, Droschken von den Waldparks festlich gekleidete lustige Menschen heimfahren, die singen, Horn blasen und die Fussgänger anrufen.
Als ich mit der Suppe beginne, kommen meine beiden Freunde, zwei Katzen, und nehmen ihre gewöhnlichen Plätze zu beiden Seiten von mir ein, auf das Fleischgericht wartend. Da ich meine eigne Stimme mehrere Wochen lang nicht gehört habe, halte ich eine kleine Rede an sie, ohne Antwort zu bekommen. Zu dieser stummen und hungrigen Gesellschaft verurteilt, wie ich schlechter Gesellschaft ausgewichen bin, in der mein Ohr von gottloser und plumper Rede verletzt wurde, fühle ich eine Empörung in mir gegen eine solche Ungerechtigkeit. Ich verabscheue nämlich Tiere, Katzen wie Hunde, wie es mein Recht ist, das Tier in meinem Innern zu hassen.
Wie kommt es, dass die Vorsehung, die sich Umstände mit meiner Erziehung macht, mich immer an schlechte Gesellschaft verweist, während eine gute eher geeignet sein würde, mich durch die Macht des Vorbildes zu bessern?
Im selben Augenblick kommt ein schwarzer Pudel mit rotem Halsband und jagt meine Freunde vom Katzengeschlecht fort; nachdem er ihre Bissen verschlungen hat, zeigt er seine Erkenntlichkeit, indem er meinen Stuhlfuss nässt; dann nimmt der undankbare Cyniker eine sitzende Stellung auf dem Asphalt ein und dreht mir den Rücken. Aus der Asche ins Feuer! Sich zu beklagen, lohnt nicht, denn es könnte ja geschehen, dass statt dessen Schweine kämen und mir Gesellschaft leisteten, wie sie mit Robert dem Teufel oder Franz von Assisi taten. Man darf so wenig vom Leben verlangen. So wenig! Und doch ist es zu viel für mich.
Eine Blumenverkäuferin bietet mir Nelken an. Warum gerade Nelken, die ich verachte, weil sie rohem Fleisch gleichen und nach der Apotheke riechen! Schliesslich nehme ich, um ihr zu Willen zu sein, ein Büschel, das nach Belieben zu bezahlen ist; da ich die Entschädigung reichlich zumesse, belohnt die Alte mich mit einem: Gott segne den Herrn, der mir so hübsches Handgeld heute abend gegeben hat! Obwohl ich den Kniff kenne, klingt der Segen lange und angenehm nach, denn ich habe ein grosses Bedürfnis danach nach so vielen Flüchen.
Um halb acht machten die Zeitungsverkäufer mit Notrufen La Presse bekannt, und das ist für mich ein Signal aufzubrechen. Wenn ich sitzen bleibe, um noch ein Dessert zu schmausen und ein extra Glas Wein zu trinken, bin ich gewiss, auf die eine oder andere Weise gepeinigt zu werden, sei es von einem Trupp Kokotten, die sich mir gegenüber niederlassen, oder von herumstreichenden Strassenjungen, die mich beschimpfen. Ganz gewiss bin ich auf Diät gesetzt, und wenn ich drei Gerichte und eine halbe Flasche Wein überschreite, findet sich die Strafe ein. Nachdem die ersten Versuche, bei den Mahlzeiten unmässig zu sein, auf diese Weise abgeschnitten sind, wage ich keine Ausschweifung mehr und befinde mich zuletzt wohl dabei, auf halben Sold gesetzt zu sein.
Ich stehe also vom Tisch auf, um mich nach der Rue Bonaparte zu begeben und von dort hinauf nach dem Luxemburg-Garten.
An der Ecke der Rue Gozlin kaufe ich Zigaretten; gehe am Restaurant "Goldfasan" vorbei. An der Ecke der Rue du Four halte ich mich bei einem Christusbild von schlagendem Naturalismus auf. Die Kunst der geistlich Gesinnten hat sich während ihrer Feldzüge gegen die Zola-Literatur der Geister des Realismus nicht erwehren können, und mit Hilfe dieses Beelzebub soll der andere aus getrieben werden. Unmöglich, an diesen Bildern vorbei zu gehen, ohne sie zu betrachten, gemacht wie sie sind nach lebenden Modellen und versehen mit den schreienden Farben des Impressionisten.
Der Laden ist geschlossen, in Schatten gehüllt, und der Erlöser steht da in seiner kaiserlichen Tunika, von den Gaslaternen beleuchtet, sein blutendes Herz zeigend und die Dornenkrone ums Haupt. Seit mehr als einem Jahre werde ich von dem Erlöser verfolgt, den ich nicht verstehe und dessen Hilfe ich überflüssig machen möchte, indem ich mein Kreuz selber trage, wenn es möglich ist. Das ist der Rest eines männlichen Stolzes, der etwas Widriges in der Feigheit findet, seine Vergehen auf die Schultern eines Unschuldigen zu werfen.
Ich habe den Gekreuzigten überall gesehen: in den Spielsachenläden, bei den Bilderhändlern, in den Buchhandlungen, besonders auf den Kunstausstellungen, im Theater, in der Literatur. Ich habe ihn auf meinem Kissenbezug gesehen, auf den Feuerbränden im Kachelofen, im Schnee oben in Schweden und auf den Klippen an der Küste der Normandie. Bereitet er seine Wiederkunft vor oder ist er schon angelangt? Was will er?
Hier im Fenster in der Rue Bonaparte ist er nicht mehr der Gekreuzigte; er kommt von seinem Himmel als Siegesherr, von Gold und Edelsteinen glänzend. Ist er Aristokrat geworden wie das niedere Volk? Ist er es, der "gute Tyrann", den die Jugend sich träumt, ein friedenstiftender, erleuchteter Heros?
Er hat sein Kreuz weggeworfen und das Zepter wieder genommen; zur selben Stunde, wie sein Tempel auf dem Mont de Mars (früher Mont des Martyres genannt) fertig ist, wird er kommen und selbst die Welt regieren; wird vom Thron stossen den ungetreuen Stellvertreter, der es zu eng findet in den elftausend Zimmern, die man in "infamia Vaticani loca" gezählt hat; der sich über seine luxusgefüllte Gefangenschaft beklagt und die Zeit mit kleinen Ausschweifungen auf das Feld der Poesie tötet.
Den Erlöser verlassend, wundere ich mich, als ich zum Saint-Sulpice-Markt komme, dass die Kirche so sehr entfernt zu liegen scheint. Sie hat sich mindestens ein Kilometer zurückgezogen, und die Fontäne im Verhältnis dazu. Habe ich den Sinn für Distanzmessen verloren? An den Mauern des Seminars entlang gehend, meine ich, es nimmt nie ein Ende, so unermesslich kommt es mir diesen Abend vor. Ich wende eine halbe Stunde an, um dieses Stückchen der Rue Bonaparte zu gehen, das sonst nur fünf Minuten erfordert. Und vor mir her schreitet eine Figur, deren Gang und Art mich an jemand erinnern, den ich kenne. Ich beschleunige meine Schritte, ich laufe, aber der Unbekannte setzt seinen Weg mit so genau übereinstimmender Schnelligkeit fort, dass es mir nicht gelingt, den Abstand, der uns trennt, zu verkürzen.
Schliesslich habe ich das Gittertor des Luxemburg erreicht. Der Garten, der bei Sonnenuntergang geschlossen wird, liegt in Ruhe und Einsamkeit, die Bäume sind nackt und die Rabatten von Frost und Stürmen des Herbstes verwüstet. Aber er riecht gut, er dunstet einen Duft von trocknen Blättern und frischem Humus aus.
Der Einhegung folgend, gehe ich die Rue de Luxembourg hinauf und sehe immer vor mir den Unbekannten, der mich zu interessieren beginnt. In eine Pilgerkutte gekleidet, die meiner gleicht, aber von opalweisser Farbe, und schlanker und grösser als ich, geht er vorwärts, wenn ich es tue, bleibt stehen, wenn ich stehen bleibe; er scheint von meinen Bewegungen abzuhängen, und es sieht aus, als sei ich sein Wegweiser. Aber ein Umstand zieht ihm ganz besonders meine Aufmerksamkeit zu, nämlich, dass sein Mantel in einem heftigen Wind flattert, von dem ich nichts merke. Um darüber ins klare zu kommen, zünde ich eine Zigarette an; da ich wahrnehme, wie der Rauch gerade aufsteigt, ohne nach der Seite abzuweichen, wird meine Überzeugung, dass es nicht windig ist, bestätigt. Übrigens rühren sich die Bäume und Büsche drinnen im Garten nicht.
Nachdem wir zur Rue Vavin gekommen sind, biege ich rechts ab und im selben Augenblick finde ich mich vom Trottoir mitten in den Garten versetzt, ohne zu verstehen, wie es zugegangen ist, da die Pforten geschlossen waren.
Vor mir, zwanzig Schritte entfernt, steht mein Begleiter, mir zugewendet, und sein bartloses, blendendweisses Gesicht breitet einen leuchtenden Dunstkreis in Form einer Ellipse, deren Mittelpunkt von dem Unbekannten eingenommen wird. Nachdem er mir ein Zeichen gegeben hat, ihm zu folgen, geht er weiter und führt seinen Strahlenkranz mit sich, so dass der düstere, kalte und schmutzige Garten hell wird, wo er geht. Und noch mehr, die Bäume, die Büsche, die Kräuter grünen und kleiden sich in Blüten, und zwar in einer Ausdehnung, die mit dem Bereich seiner Strahlenglorie übereinstimmt, erlöschen aber wieder, wenn er vorbei ist. Ich kenne die grossen Cannagewächse mit Blättern wie Elefantenohren oberhalb der Statuengruppe Adam und seine Familie wohl wieder, wie das Beet von Salvia fulgens, der feuerroten Salbei, den Pfirsichbaum, die Rosen, die Bananenpflanze, die Aloen, alle meine alten Bekannten und jeder auf seinem Platz. Das einzige ist, dass die Jahreszeiten durcheinander gemischt zu sein scheinen, so dass die Frühlingsblumen gleichzeitig sind mit den Herbstblumen.
Was mich aber am allermeisten verwundert, ist, dass nichts von all dem mich verwundert, sondern dass alles erscheint, als sei es ganz natürlich und wie es sein soll. So, als ich am Bienengarten vorbeigehe, schwärmt ein Bienenschwarm um die Stöcke und nimmt die Blumen daneben in Angriff, aber auf einem so genau abgesteckten Umkreis, dass die Insekten im selben Augenblick, wie sie in den Schatten hineinfliegen, verschwinden, und dass der beleuchtete Teil einer Salbei mit Blättern und Blüten bedeckt ist, während der beschattete Teil welk und vom Reif schwarzgebrannt bleibt.
Unter den Kastanienbäumen wird das Schauspiel hinreissend schön, als unter dem Laubwerk ein leeres Waldtaubennest auf einmal von girrenden Gatten eingenommen ist.
Schliesslich sind wir am Fleurus-Tor angelangt, wo mein Wegweiser mir ein Zeichen gibt, stehen zu bleiben, und in einer Sekunde ist er an das andere Ende des Gartens, ans Gay-Lussac-Tor, versetzt; eine Entfernung, die mir unermesslich erscheint, obgleich sie nur ein halbes Kilometer umfasst; und trotz der Entfernung kann ich den Unbekannten von seinem ovalen Lichtrand umgeben sehen. Ohne ein Wort hervorzubringen, befiehlt er mir mit kleinen Bewegungen der Mundmuskeln, mich zu nähern. Ich glaube seine Ansicht zu begreifen, in dem ich die endlose Allee zurücklege, den Hippodrom, den ich seit Jahren wohl kenne; in der Ferne begrenzt ihn das Kreuz des Pantheon, das sich in blutroter Farbe auf dem schwarzen Himmel abzeichnet.
Der Weg des Kreuzes, und vielleicht die vierzehn Stationen! wenn ich nicht irre. Ehe ich beginne mache ich Zeichen, dass ich sprechen, fragen, Aufklärung erhalten will; und mein Wegweiser antwortet mit einer Neigung des Hauptes, dass er bereit sei, zu hören, was ich vorzubringen habe.
Im selben Augenblick ändert der Unbekannte den Platz, ohne die kleinste Bewegung oder das geringste Rascheln vernehmen zu lassen; das einzige, was ich merke, ist, dass er, als er mir näher kommt, einen balsamischen Duft verbreitet, der mein Herz und meine Lungen schwellen lässt und mir Mut einflösst, den Strauss zu wagen.
Und ich beginne mein Verhör.
—Du bist es, der mich seit zwei Jahren verfolgt; was wünschest du von mir?
Ohne den Mund zu öffnen, antwortet mir der Unbekannte mit einer Art Lächeln voll übermenschlicher Güte, Nachsicht und Bildung:
—Warum fragst du mich, da du die Antwort selbst kennst? Und wie in meinem Innern höre ich eine Stimme widerklingen:
—Ich wünsche dich zu einem höheren Leben zu erheben? Dich aus dem Schmutz zu ziehen.
—Geboren aus dem Schmutz, geschaffen für das Niedrige, mich vom Moder nährend, wie soll ich anders von der Grobheit befreit werden als durch den Tod? Nimm denn mein Leben!—Du willst nicht! Die auferlegten Strafen sollen also die Mittel zur Erziehung ausmachen. Aber ich versichere dir, die Demütigungen machen mich hochmütig, der Verzicht auf die kleinen Genüsse des Lebens erzeugt Verlangen, Fasten ruft Schwelgerei hervor, was nicht meine Haussünde ist; die Keuschheit verschärft die Begierde des Fleisches, die aufgezwungene Einsamkeit erzeugt Liebe zur Welt und ihren ungesunden Vergnügungen, Armut gebiert Geiz; und die schlechte Gesellschaft, auf die ich angewiesen bin, flösst mir Menschenverachtung ein und erregt in mir den Argwohn, dass die Gerechtigkeit schlecht gehandhabt wird. Ja, in gewissen Augenblicken scheint es, als sei die Vorsehung ungenügend unterrichtet von ihren Satrapen, denen sie die Regierung über die Menschenwelt anvertraut hat; dass ihre Präfekten und Unterpräfekten sich Unterschleife, Fälschungen, unbegründete Anzeigen zu schulden kommen lassen. So ist es mir geschehen, dass ich bestraft worden bin, wo andere gesündigt haben; Prozesse gehalten worden sind, bei denen ich nicht nur unschuldig war, sondern noch dazu Verteidiger der Billigkeit und Ankläger des Verbrechens; und gleichwohl hat die Strafe mich getroffen, während der Schuldige triumphierte. Gestatte eine offene Frage: sind etwa Frauen zu Mitregentinnen angenommen worden? Die gegenwärtige Regierungsart scheint mir so reizbar, so kleinlich zu sein, so ungerecht, ja ungerecht! Jedes Mal, wenn ich eine gerechte und gesetzliche Sache gegen eine Frau geführt habe, ist sie, wie gemein sie auch gewesen sein mag, freigesprochen und ich bin verurteilt worden! Du willst nicht antworten! Und da forderst du von mir, dass ich die Verbrecherischen lieben soll, die Seelenmörder, die das Gemüt vergiften und die Wahrheit verfälschen, die Meineidigen! Nein, tausendmal nein! "Ewiger, sollte ich nicht die hassen, die dich hassen? Sollte mir nicht grauen vor denen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie aus dem Grunde: ich halte sie für meine Feinde." So spricht der Psalmist, und ich füge hinzu: ich hasse die Bösen, so wie ich mich selbst hasse! Und mein Gebet ist dieses: Strafe, o Herr, die mich verfolgen mit Lügen und Bosheiten, wie du mich gestraft hast, wenn ich boshaft und lügnerisch gewesen war! Habe ich nun gelästert, habe ich nun den Ewigen beschimpft, Jesu Christi Vater, den Gott des Alten und Neuen Testamentes? Ehemals hörte er auf die Einwürfe der Sterblichen und erlaubte den Angeklagten, sich zu verteidigen. Höre nur, wie Moses seine Verteidigungsrede vor dem Herrn formte, als die Israeliten Ekel vor dem Manna bekommen hatten: "Warum bekümmerst du deinen Diener? Und warum finde ich nicht Gnade vor deinen Augen, dass du so die ganze Last des Volkes auf mich legst? Habe ich nun alles dieses Volk empfangen und geboren, dass du zu mir sagst: Trage sie auf deinen Armen, wie eine Amme einen Säugling trägt, in das Land, das du ihren Väter zugeschworen hast? Woher soll ich nun Fleisch nehmen, das ich allen diesem Volk gebe? Denn sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch, dass wir essen. Ich vermag nicht allein zu tragen alles dieses Volk, denn es ist mir zu schwer." Ist das nicht Freimütigkeit von einem Sterblichen? Ist sie ganz gebührlich, diese Rede eines zornigen Dieners? Und sein Herr erschlägt den Aufrührerischen nicht mit dem Donnerkeil, sondern lässt sich belehren und nimmt ihm seine Last ab, indem er siebzig Anführer auswählt, die mit Moses die Bürde des Volkes teilen. Des Ewigen Art, das Volk zu erhören, da es ihm um Fleisch zum Essen anruft, ist nur ein bisschen verächtlich, wie die eines gutmütigen Vaters, der sich den Wünschen seiner unverständigen Kinder fügt: "Darum wird euch der Herr Fleisch geben, auf dass ihr esset: Nicht einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang; sondern einen Monat lang, bis dass es euch zur Nase ausgehe und euch ein Ekel werde." Das ist ein Gott nach meinem Ideal, und er ist derselbe, den Hiob anruft: "O, dass es dem Menschen erlaubt wäre, mit Gott zu rechten, so wie ein Mann tut mit seinem vertrauten Freund!" Aber ohne diesen Zustand abzuwarten, nimmt der mit Unglück Geschlagene sich die Freiheit, Erklärungen von dem Herrn zu verlangen über die schlechte Behandlung, der er ausgesetzt worden ist. "Ich werde zu Gott sagen: Verdamme mich nicht; zeige mir, warum du gegen mich ins Gericht gegangen bist. Kann es dir gefallen, mich niederzudrücken, deiner Hände Werk zu verwerfen und die Absichten der Boshaften zu fördern?" Das sind doch Vorwürfe und Beschuldigungen, die der gute Gott ohne Groll hinnimmt, und auf die er antwortet, ohne sich des Donners zu bedienen. Wo ist er, der himmlische Vater, der zu den Torheiten der Kinder gutmütig lächeln und verzeihen konnte, nachdem er gestraft hatte? Wo verbirgt er sich, der Hausherr, der das Haus in guter Ordnung hielt und die Aufseher überwachte, um Ungerechtigkeiten zu hindern? Ist er vom Sohn abgesetzt worden, dem Idealisten, der sich nicht mit weltlichen Dingen befasst? Oder überlieferte er uns dem Fürsten dieser Welt, der Satan genannt wird, als er nach dem Fall der ersten Menschen seinen Fluch über die Erde schleuderte?
Während dieser meiner unzusammenhängenden Verteidigungsrede betrachtete der Unbekannte mich mit demselben nachsichtigen Lächeln, ohne Ungeduld zu verraten; als ich aber zu Ende gekommen war, war er verschwunden, eine erstickende Atmosphäre von Kohlenoxyd um mich zurücklassend, und ich fand mich einsam stehend auf der düsteren, schmutzigen, herbstschauerlichen Rue Medicis.
Während ich den Boulevard St. Michel hinunterging, war ich auf mich selbst ärgerlich, dass ich die Gelegenheit versäumt hatte, alles rund heraus zu sagen. Ich hatte noch viele Pfeile im Köcher, wenn nur der Unbekannte geruht hätte, zu antworten oder eine Anklage gegen mich zu richten.
Aber im selben Augenblick, wie sich jetzt die Menschenmenge um mich drängt, im starken Schein der Gaslaternen, und alle Realitäten der ausgestellten Handelswaren mich wieder an das Leben in seiner ganzen Kleinlichkeit erinnern, erscheint mir die Szene im Garten wie ein Wunder, und ich eile erschreckt nach meiner Wohnung, wo Meditationen mich in einen Abgrund von Zweifel und Angst versenken.
Etwas trägt sich zu in der Welt, und die Menschen warten auf etwas Neues, das sich in Schimmern hat wahrnehmen lassen. Es ist das Mittelalter, die Zeit des Glaubens und der Glaubenslehre, das in Frankreich wieder im Anzuge ist, nachdem es durch den Sturz eines Kaisertums und eines Miniatur-Augustus eingeleitet worden, ganz wie beim Verfall der Römermacht und den Einfällen der Barbaren; und man hat Paris-Rom in Flammen stehen und die Goten sich im Kapitol-Versailles krönen sehen. Die grossen Heiden Taine und Renan sind zur Vernichtung hinabgestiegen und haben ihren Skeptizismus mit sich genommen; aber Jeanne d'Arc ist wieder zum Leben erwacht. Die Christen werden verfolgt, ihre Prozessionen von Gendarmen auseinander getrieben, während an den Karnevalstagen Saturnalien gefeiert werden und ihre Schändlichkeiten auf offener Strasse ausbreiten, unter dem Schutz der Polizei und mit dem Gelde der Regierung, die den Unzufriedenen zum Trost Circenses bietet, mit oder ohne durch Gladiatoren gefällte wilde Tiere. Panem et circenses, (teures) Brot und Zirkusspiel! Alles ist feil für Geld; Ehre, Gewissen, Vaterland, Liebe, Rechtsprechung: wahrhaftig beweisende und regelrechte Symptome des Auflösungsprozesses einer Gesellschaft, bei der das Wort und die Sache Tugend seit dreissig Jahren in den Bann getan ist.
Das ist doch Mittelalter, Tracht und Haar des Primitiv-Weibes. Die jungen Männer kleiden sich in Mönchskutten, schneiden das Haar mit Tonsur und träumen von Klosterleben; schreiben Legenden und führen Mirakelspiele auf, malen Madonnen und schnitzen Christusbilder, Eingebung aus der Mystik des Magiers holend, der sie mit Tristan und Isolde, Parcifal und Gral verzaubert hat. Die Kreuzzüge beginnen von neuem, gegen Türken und gegen Juden; die Antisemiten und Philhellenen sorgen für die Sache. Die Magie und Alchemie haben sich schon eingenistet, und man wartet auf den ersten beweisbaren Fall von Verhexung, um den Scheiterhaufen zu errichten als Folge der Hexenprozesse. Mittelalter! Die Wallfahrten nach Lourdes, Tilli-sur-Seine, Rue Jean Goujon! Und selbst der Himmel gibt der dumpf und stumpf gewordenen Welt Zeichen, sich bereit zu halten; der Herr spricht durch Wasserhosen, Cyklone, Überschwemmungen, Donnerschläge.
Mittelalter ist der Aussatz, der von neuem auftritt und gegen den die Ärzte von Paris und Berlin soeben ein Bündnis geschlossen haben.
Das schöne Mittelalter, als die Menschen zu geniessen und zu leiden verstanden, als die Kraft und die Liebe, die Schönheit in Farbe, Linienspiel und Harmonie sich zum letzten Mal offenbarten, ehe sie durch die Renaissance des Heidentums, die man Protestantismus nennt, ertränkt und niedergesäbelt wurden.
Der Abend ist da, und ich brenne vor Sehnsucht, die Begegnung mit dem Unbekannten zu erneuern, wohl vorbereitet, wie ich jetzt bin, alles zu gestehen, und mich zu verteidigen, ehe ich verurteilt werde.
Nachdem ich mein tristes Mittagessen eingenommen habe, gehe ich also den Calvarienweg die Rue Bonaparte hinauf. Niemals ist mir diese Strasse so gross vorgekommen, wie jetzt am Abend, und die Ladenfenster gähnen wie Abgründe, in denen Christus in vielfacher Gestalt auftritt, bald gemartert, bald triumphierend. Und ich gehe und gehe, während mir der Schweiss in grossen Tropfen rinnt und die Stiefelsohlen gegen die Füsse brennen, ohne dass ich doch einen Schritt vorwärts komme. Bin ich Ahasver, der dem Erlöser einen Trunk Wasser verweigert hat, und bin ich jetzt, da ich ihm zu folgen und ihm nachzueifern wünsche, unfähig, mich ihm zu nähern?
Schliesslich und ohne selbst zu wissen wie, befinde ich mich vor dem Fleurus-Tor und im nächsten Augenblick im Garten, der dunkel, feucht und still da liegt. Sofort setzt ein Windstoss das Gerippe der Bäume in Zittern, und der Unbekannte nimmt eher Stellung, als dass er sich nähert, in seiner Hülle von Licht und Sommer.
Mit demselben Lächeln wie das vorige Mal, ladet er mich mit einem Zeichen ein, zu sprechen.
Und ich spreche!
—Was verlangst du von mir, und warum plagst du mich mit deinem Christus? Vor einigen Tagen legtest du mir auf unverkennbare Weise "Christi Nachfolge" in die Hand, und ich las das Buch wie in meiner Jugend, als ich die Welt verachten lernte. Wie kann ich recht haben, des Ewigen Schöpfung und die schöne Erde zu verachten? Und wohin hat deine Weisheit mich geführt? Dazu meine Angelegenheiten zu versäumen, dass ich für meine Mitmenschen eine Last geworden bin, dass ich als Bettler geendet habe. Dieses Buch, das Freundschaft verbietet, das den Verkehr mit der Welt in den Bann tut, das Einsamkeit und Entsagung fordert, ist für einen Mönch geschrieben und ich habe nicht das Recht, Mönch zu werden und mich der Gefahr auszusetzen, dass meine Kinder aus Mangel umkommen. Sieh, wohin die Liebe zu einsamen Leben mich geführt hat! Auf der einen Seite befiehlst du ein Eremitenleben, und sobald ich mich von der Welt zurückziehe, werde ich von den Dämonen der Verrücktheit angegriffen, meine Angelegenheiten geraten in Unordnung, und in meiner Isolierung besitze ich keinen Freund mehr, von dem ich Hilfe begehren könnte. Auf der anderen Seite, sobald ich Menschen aufsuche, treffe ich die Schlimmsten, die mich mit ihrem Hochmut quälen, und zwar nach dem Mass meiner Demut; denn ich bin demütig und behandle alle als gleiche, bis sie mich unter ihre Füsse treten; dann benehme ich mich wie der Wurm, der den Kopf erhebt aber nicht zu beissen vermag. Was verlangst du denn von mir? Mich um jeden Preis martern zu können, ob ich deinen Willen tue oder ihn verachte! Willst du mich zum Propheten machen? Das ist zu grosse Ehre für mich, und ich ermangele der Berufung. Übrigens kann ich die Haltung eines solchen nicht anlegen, weil alle Propheten, die ich gekannt habe, schliesslich entlarvt worden sind, halb als Charlatane, halb als verrückte Gesellen, und ihre Prophezeiungen sind nie eingetroffen. Und noch mehr, wenn du mir eine Berufung vorbehalten hast, müsste ich mit der Gnade der Auserwählung beschenkt worden ein; müsste befreit sein von allen verderblichen Leidenschaften, die erniedrigend für einen Prediger sind; meine Lebensbahn müsste von Anfang an unterstützt worden sein, statt dass ich jetzt von der Armut beschmutzt worden bin, die den Charakter verdirbt und einem die Hände bindet. Es ist wohl wahr, und ich gebe es zu, dass die Weltverachtung mich dazu geführt hat, mich selbst zu verachten und meinen Ruf durch Geringschätzung der Ehre zu schädigen; und ich gestehe ein, dass ich mich meiner Person schlecht angenommen habe, aber das ist infolge der Überlegenheit meines besseren Ichs geschehen, das sich aus dem unreinen Futteral erhob, in das du meine unsterbliche Seele gesteckt hast. Schon von den Kinderjahren an habe ich Reinheit und Tugend geliebt, ja das habe ich. Und doch hat mein Leben sich durch Unsauberkeit und Laster geschleppt, so dass ich oft glaube, die Sünden seien als Strafen auferlegt worden, und in der Absicht, dauernden Ekel vor dem Leben selbst zu erzeugen. Warum hast du mich zur Undankbarkeit verurteilt, die ich am meisten von allen Lastern verabscheue? Mir, der von Natur erkenntlich ist, hast du Schlingen gelegt, um mich zu zwingen, in Verbindlichkeit zu dem ersten Besten zu geraten. So bin ich in Abhängigkeit und Sklaverei verwickelt worden. Da die Wohltäter als Entgelt die Gedanken, Wünsche, Neigungen und Ergebenheitsgefühle verlangen, mit einem Wort die ganze Seele, bin ich immer gezwungen worden, mich schuldbeladen und undankbar zurückzuziehen, um meine Persönlichkeit und meine menschliche Würde zu retten; gezwungen worden, die Bande zu zerreissen, die meine unsterbliche Seele zu erwürgen drohten. Und zwar mit der Seelenqual und den Gewissensbissen eines Diebes, der mit fremdem Eigentum seiner Wege geht.
Und jetzt, da ich anfange meine Seele zu pflegen nach den Geboten in "Christi Nachfolge", ist es billig, von einem Menschen zu fordern, dass er sich Gott selbst zum Muster nehmen und sich einbilden soll, imstande zu sein, sich die Vollkommenheit des Vollkommenen zu erwerben? Das heisst ihm Grössenwahn einblasen. Aber wenn er nun durch die Unmöglichkeit, dem Erlöser nachzueifern, zur Einsicht über das Unsinnige seiner Absichten kommt, versinkt er in Verzweiflung und endet damit, in der Erfüllung seiner weltlichen Pflichten und in geistigen Genüssen Trost zu suchen. Wenn die Weisheit dieser Welt der Verachtung wert ist, warum lässt du uns in Schulden erziehen, in denen man Prügel bekommt, um die grossen Gelehrten verehren, die Heroen der Literatur, Künste, Wissenschaft lobpreisen zu lernen? Nein, dem Ewigen nachzueifern ist gottlos, und wehe dem, der sich die Fähigkeit zutraut. Da ist es bescheidener Mensch zu bleiben und sich nach den Besten unter den sündigen Sterblichen zu formen suchen, als davon zu träumen, den Göttern gleich zu werden. In diesem Fall sündigt man wenigstens nicht durch Hochmut, der die Todsünde ist. Jesu Christi Nachfolge macht mich zu einem Heuchler. Indem ich meinen Hass gegen die Bösen unterdrücke, lerne ich Nachsicht gegen die Bosheit und damit gegen mich selbst, während ich in der Tiefe meines Herzens meinen gerechten Unwillen bewahre. Böses mit Gutem vergelten, heisst das Laster, den Hochmut ermuntern; und die Apostel haben mich gelehrt, dass man gegenseitig die Fehler berichtigen soll, und ich versichere, dass meine Mitmenschen mich nie geschont haben.
Genau genommen, habe ich dadurch, dass ich den Königsweg des Kreuzes wählte, mich in die Dornenhecken der Theologie verstrickt, so dass Zweifel, schrecklicher als je, sich meines Geistes bemächtigt und geradezu in mein Ohr geflüstert haben, dass alles Unglück, alle Ungerechtigkeit, das ganze Erlösungswerk nur eine ungeheure Prüfung sei, der man tapfer standhalten müsse. In manchen Augenblicken glaube ich, dass Swedenborg mit seinen grauenhaften Höllen nichts anders ist als eine Feuer-und Wasserprobe, die man durchmachen muss; und obgleich ich in einer Dankbarkeitsschuld, die nie bezahlt werden kann, zu diesem Propheten stehe, der mich vom Wahnsinn gerettet hat, fühle ich in meinem Herzen immer wieder ein brennendes Verlangen, ihn zu verwerfen, ihm zu trotzen, als dem Geist einer Bosheit, der darauf erpicht ist, meine Seele zu verschlingen, um mich zu seinem Sklaven zu machen, nachdem er mich zu Verzweiflung und Selbstmord getrieben hat. Ja, er hat sich zwischen mich und meinen Gott geschlichen, dessen Platz er hat einnehmen wollen. Er ist es, der mich durch die Schrecken der Nacht bezwingt, und mir mit Wahnsinn droht. Mag sein, dass er sein Amt vollbracht hat, mich zum Herrn zurückzuführen, auf dass ich mich vor dem Ewigen beuge! Mag sein, dass seine Höllen nur eine Vogelscheuche sind, ich nehme sie hin als solche, aber ich glaube nicht mehr an sie, und ich habe kein Recht, an sie zu glauben, ohne den guten Gott zu verunglimpfen, der fordert, dass wir vergeben sollen, weil er selbst vergeben kann. Wenn Unglück und Trübsale, die mich treffen, nicht Strafen sind, so sind sie Aufnahmeprüfungen. Ich bin geneigt sie auf diese Weise auszulegen, und Christus mag das Muster sein, da er viel gelitten hat, obwohl ich nicht begreife, wozu so viel Leiden dient, wenn es nicht einen Vordergrund bilden soll, um die Wirkung der zukünftigen Seeligkeit zu erhöhen. Ich habe gesprochen! Gib mir jetzt Antwort!