AUGUST STRINDBERG (continued 3)
Emil Schering translation
Dieser Gedanke erfüllt meinen Geist so, dass er sich von frommer Eitelkeit bläht. Ich rühme mich meiner widrigen Geschicke, die zu Ende gehen, und höre nicht auf, zu wiederholen: Seht, wie ich gelitten habe! Und ich beklage mich über den Wohlstand, den ich hier bei meinen Verwandten finde; die Rosenkammer ist ein bitterer Spott. Man macht sich lustig über meine aufrichtige Reue, indem man mich mit Wohltaten und kleinen Genüssen des Lebens überhäuft. In Summa: ich bin ein Auserwählter, Swedenborg hat es gesagt, und des Schutzes des Ewigen sicher, fordere ich die Dämonen heraus....
Acht Tage bin ich in dem rosa Zimmer, als die Nachricht ankommt, die Grossmutter, die am Ufer der Donau wohnt, sei krank geworden. Ein Leberleiden hat sie befallen, das von Erbrechen, Schlaflosigkeit und nächtlichen Herzkrisen begleitet ist. Meine Tante, deren Gast ich bin, wird zu ihr gerufen, und ich werde eingeladen, zu meiner Schwiegermutter nach Saxen zurückzukehren.
Ich wende ein, die Alte habe es verboten: aber sie scheint ihren Ausweisungsbefehl zurückgezogen zu haben, und es steht mir frei, zu weilen, wo ich will.
Dass die Grollende ihren Entschluss so plötzlich ändert, setzt mich in Erstaunen, und ich wage diesen glücklichen Umschwung nicht der ihr zugestossenen Krankheit zuzuschreiben.
Am nächsten Tag erzählt man, der Zustand der Kranken habe sich verschlimmert. Meine Schwiegermutter bringt mir als Zeichen der Versöhnung einen Blumenstrauss von ihrer Mutter, und sie vertraut mir an, die Alte bilde sich ein, eine Schlange im Magen zu tragen, habe auch andere Phantasien ähnlicher Art.
Dann erzählt man, der Kranken seien zweitausend Kronen gestohlen worden, und sie habe ihre vertraute Dienerin in Verdacht. Die ist entrüstet über den ungerechten Verdacht und will ihre Herrin wegen Verleumdung verklagen. Der häusliche Friede herrscht nicht mehr in dem Haus einer gebrechlichen Frau, die sich von der Welt zurückgezogen hat, um in Frieden zu sterben.
Jeder Bote bringt uns entweder Blumen oder Früchte oder Wildbret, Fasanen, Kücken, Hechte.
Ist es die göttliche Gerechtigkeit, die straft, und hat die Kranke eine Vorstellung davon? Erinnert sie sich, dass sie mich einmal auf die Landstrasse gestossen hat, die mich ins Krankenhaus führte?
Oder ist sie abergläubisch? Hält sie mich für fähig, sie behext zu haben? Sollten die angebotenen Geschenke nur Opfer sein, um den Rachedurst des Zauberers zu stillen?
Unglücklicherweise kommt gerade in diesem Augenblick ein Buch über Magie von Paris und gibt mir Auskunft über die Kunstgriffe, die man Behexung nennt. Der Autor rät dem Leser, sich nicht für unschuldig zu halten, weil er die magischen Kunstgriffe, die darauf hinauslaufen, jemand zu schaden, meide; man muss auch den bösen Willen überwachen, denn der genügt, um auf einen Menschen, auch wenn er abwesend ist, einen Einfluss auszuüben.
Diese Lehre hat für mich eine doppelte Folge: zuerst empfinde ich Gewissensskrupel, da ich in einer zornigen Regung die Hand gegen das Bild der Alten erhoben und eine Verwünschung ausgestossen hatte; dann erwacht wieder mein alter Argwohn, ich könnte selber der Gegenstand geheimer Freveltaten sein, nämlich von seiten der Okkultisten oder Theosophen.
Gewissensqual auf der einen Seite, Furcht auf der andern, und die beiden Mühlsteine beginnen mich feinzumahlen.
So schildert Swedenborg die Hölle. Der Verdammte bewohnt einen entzückenden Palast, findet das Leben lieblich und glaubt zu den Auserwählten zu gehören. Nach und nach lösen sich die Herrlichkeiten in nichts auf und verschwinden, und der Unglückliche bemerkt, dass er in einer elenden Baracke eingeschlossen ist, die Exkremente umgeben. (Siehe das Folgende.)
Dem rosa Zimmer habe ich Lebewohl gesagt, und als ich in ein grosses Zimmer einziehe, das neben dem meiner Schwiegermutter liegt, ahne ich, dass der Aufenthalt nicht von langer Dauer sein wird.
Tausend Kleinigkeiten, die das Leben unerträglich machen, vereinigen sich in der Tat, um mir die für meine Arbeit notwendige Ruhe zu rauben.
Die Bretter des Fussbodens schwanken unter meinen Schritten, der Tisch steht nicht fest, der Stuhl zittert, die Toilette wackelt, das Bett knarrt, und die andern Möbel bewegen sich, wenn ich durchs Zimmer gehe.
Die Lampe raucht, das Tintenfass ist so eng, dass der Federhalter sich beschmutzt. Es ist ein Landhaus, das Dünger, Jauche, Schwefelwasserstoffammoniak, Schwefelkohlenstoff ausdünstet. Den ganzen Tag hört man Kühe, Schweine, Kälber, Hühner, Puter, Tauben. Fliegen und Wespen stören mich am Tage, und nachts sind es die Mücken.
Beim Kaufmann des Dorfes ist fast nichts zu bekommen. Da ich keine bessere habe, muss ich ihre Tinte nehmen, die hochrosenrot ist! Seltsam: ein Päckchen Zigarettenpapier enthält zwischen hundert weissen Blättern ein rosenrotes Blatt (rosenrotes!).
Es ist die Hölle bei kleinem Feuer; gewohnt, die grossen Leiden zu ertragen, leide ich sehr unter diesen kleinlichen Stichen, um so mehr als meine Schwiegermutter mich trotz ihrer sorgsamen Pflege unzufrieden glaubt.
17. September.—Ich erwache in der Nacht davon, dass ich die Dorfkirche dreizehn Male schlagen höre. Sofort fühle ich die elektrische Einwirkung, und auf dem Boden über meinem Kopfe wird ein Geräusch hervorgebracht.
19. September.—Als ich den Boden durchsuche, entdecke ich ein Dutzend Spinnrocken, deren Räder mich an Elektrisiermaschinen erinnern. Ich öffne einen grossen Koffer: er ist beinahe leer und enthält nur fünf schwarz gestrichene Stäbe, deren Gebrauch mir unbekannt ist; in der Form eines Pentagramms liegen sie auf dem Boden. Wer hat mir diesen Streich gespielt, und was hat das zu bedeuten? Ich wage nicht danach zu fragen, und die Sache bleibt rätselhaft.
In der Nacht wütet ein furchtbares Gewitter zwischen Mitternacht und zwei Uhr. Gewöhnlich erschöpft sich ein Gewitter in kurzer Zeit und zieht davon; dieses bleibt zwei Stunden über dem Dorfe stehen. Ich empfinde das wie einen persönlichen Angriff: jeder Blitz zielt auf mich, ohne mich zu treffen.
An den Abenden erzählt mir meine Schwiegermutter die gegenwärtige Chronik der Gegend. Welche ungeheure Sammlung Tragödien, häuslicher und anderer! Ehebruch, Scheidung, Familienprozesse, Mord, Diebstahl, Vergewaltigung, Blutschande, Verleumdung. Die Schlösser, die Villen, die Hütten bergen Unglückliche aller Art, und ich kann nicht auf den Strassen spazieren gehen, ohne an die Hölle Swedenborgs zu denken. Bettler, Irre, Kranke, Krüppel halten die Gräben der grossen Landstrasse besetzt, zu Füssen eines Gekreuzigten, einer Madonna, eines Märtyrers kniend.
In der Nacht irren diese Unglücklichen, die unter Schlaflosigkeit und Alpdrücken leiden, auf den Wiesen und in den Wäldern umher, um die Müdigkeit zu finden, die ihnen Schlaf geben wird. Unter diesen Heimgesuchten sind Leute aus der guten Gesellschaft, wohlerzogene Damen, sogar ein Pfarrer.
Ganz in unserer Nähe liegt ein Kloster, das als Strafanstalt für gefallene Mädchen dient. Es ist ein wahres Gefängnis und hat die strengste Zucht. Im Winter, bei zwanzig Grad Kälte, müssen die Büsserinnen in ihren Zellen auf den eisigen Steinfliesen schlafen; und da das Heizen verboten ist, haben sich ihre Füsse und Hände mit aufgesprungenen Frostbeulen bedeckt.
Unter andern ist dort eine Frau, die mit einem Mönch gesündigt hat, und das ist eine Todsünde. Von Gewissensqual gepeinigt, zur Verzweiflung getrieben, läuft sie zum Beichtvater; der verweigert ihr aber die Beichte und Abendmahl. Für ihre Todsünde sei sie verdammt! Da verliert die Unglückliche den Verstand, bildet sich ein tot zu sein, irrt von Dorf zu Dorf, das Mitleid der Geistlichen anrufend, um in geweihter Erde bestattet zu werden. Verbannt, verjagt, geht und kommt sie, wie ein wildes Tier heulend; und das Volk das ihr begegnet, ruft: "Da ist die Verdammte!" Niemand zweifelt, dass ihre Seele schon im ewigen Feuer ist, während ihr Schatten hier umherstreift, eine wandernde Leiche, um als abschreckendes Beispiel zu dienen.
Man erzählt mir auch, dass ein Mann derart vom Teufel besessen war, dass der Unglückliche seine Persönlichkeit änderte: er war durch den bösen Geist gezwungen, Gotteslästerungen auszustossen, trotzdem ihm das den grössten Widerwillen einflösste. Nachdem man lange einen Beschwörer gesucht hat, entdeckt man einen jungen Franziskaner, jungfräulich und von anerkannter Herzensreinheit. Dieser bereitet sich durch Fasten und Bussübungen vor. Als der grosse Tag gekommen ist, führt man den Besessenen in die Kirche, und er beichtet vor allem Volk, coram populo. Dann macht sich der junge Mönch ans Werk. Indem er vom Morgen bis zum Abend betet und beschwört, gelingt es ihm, den Teufel auszutreiben. Unter welchen Umständen der Teufel geflohen ist, haben die entsetzten Zuschauer nicht zu erzählen gewagt. Ein Jahr darauf starb der Franziskaner.
Solche und noch schlimmere Geschichten bestärken mich in meiner Überzeugung, dass diese Gegend ein zum Büssen vorherbestimmter Ort ist, und dass es eine geheimnisvolle Beziehung zwischen diesem Lande und den Stätten gibt, die Swedenborg als Hölle malt. Hat er diesen Teil von Niederösterreich besucht und, gleichwie Dante die Gegend südlich von Neapel schildert, seine Hölle nach der Natur gezeichnet?
Nachdem ich vierzehn Tage gearbeitet und studiert habe werde ich noch einmal aus meinem Lager aufgestört. Da der Herbst sich nähert, wollen meine Tante und meine Schwiegermutter in Klam zusammenziehen. Wir brechen das Lager also ab. Um meine Unabhängigkeit zu wahren, miete ich ein Häuschen, das aus zwei Zimmern nebst einer Küche besteht, ganz in der Nähe meines Töchterchens.
Am ersten Abend, nachdem ich meine Wohnung in Besitz genommen habe, empfinde ich eine Angst, als sei die Luft vergiftet. Ich gehe zu meiner Mutter hinunter.
—Wenn ich dort oben schlafen gehe, werdet ihr mich morgen tot im Bett finden. Beherberge einen Obdachlosen für die Nacht, gute Mutter!
Sogleich wird mir das rosa Zimmer zur Verfügung gestellt; aber wie hat es sich seit der Abreise meiner Tante verändert! Schwarze Möbel; ein Büchergestell mit leeren Fächern, die mich wie ebensoviel Rachen angähnen; aus den Fenstern sind die Blumen verschwunden; ein gusseisener Ofen, hoch, dürr, schwarz wie ein Gespenst, mit den Ornamenten einer hässlichen Phantasie, Salamandern und Drachen. Es ist eine Disharmonie, die mich krank macht.
Übrigens fällt mir alles auf die Nerven, weil ich ein Mann von geregelten Gewohnheiten bin, der alles zu seiner Stunde tut. Trotzdem ich mir alle Mühe gebe, meinen Verdruss zu verbergen, weiss meine Mutter meine Geheimnisse zu lesen:
—Immer unzufrieden, mein Kind!
Sie tut ihr Möglichstes und mehr, um mich zufrieden zu stellen, aber die Geister der Zwietracht mengen sich ein, und nichts hilft. Sie erinnert sich meiner kleinen Liebhabereien, aber immer geht es verkehrt. So gibt es wenige Gerichte, die mir so zuwider sind, wie Bregen in brauner Butter.
-Heute habe ich etwas Gutes, besonders für dich, sagt sie.
Und sie legt mir Bregen in brauner Butter vor. Ich verstehe, dass es ein Missverständnis ist, und ich esse, aber mit einem schlecht verborgenem Widerwillen und einem erkünstelten Appetit.
—Du isst ja nichts!
Und sie füllt meinen Teller noch einmal ...
Das ist zu viel! Früher schrieb ich alle diese Plagen der weiblichen Bosheit zu; jetzt erkenne ich ihre Unschuld an und sage mir: es ist der Teufel!
Seit meiner Jugend widme ich meinen Morgenspaziergang Betrachtungen, mit denen ich mich auf die Arbeit des Tages vorbereite. Ich habe niemals jemand erlaubt, mich zu begleiten, nicht einmal meiner Frau.
Tatsächlich erfreut sich mein Geist des Morgens einer Harmonie und einer Expansion, die an Ekstase streift. Ich gehe nicht, ich fliege; der Körper hat alle Schwere verloren, alle Traurigkeit ist verdunstet: ich bin ganz Seele. Das ist meine Sammlung, meine Gebetstunde, mein Gottesdienst.
Jetzt, da ich alles opfern, mich selbst und meine billigsten Neigungen verleugnen muss, zwingen die Mächte mich, auf dieses Vergnügen, das letzte und höchste von allen, zu verzichten.
Es ist mein Töchterchen, das den Wunsch ausdrückt, mich zu begleiten. Ich lehne ihr Anerbieten ab, indem ich sie sehr zärtlich küsse, aber sie begreift nicht, warum ich mit meinen Gedanken allein sein möchte. Sie weint. Da kann ich ihr nicht mehr widerstehen und nehme sie mit auf den Spaziergang, aber entschlossen, diesen Missbrauch ihrer Rechte nicht wieder zu erlauben.
Ein Kind ist reizend, entzückend durch seine Ursprünglichkeit, seine Mutwilligkeit, seine Dankbarkeit für ein Nichts, wohl verstanden, wenn man nichts anderes zu tun hat. Wenn man aber mit seinen Gedanken beschäftigt ist, wenn man geistesabwesend ist, wie kann das kleine Ding uns mit seinen endlosen Fragen, seinen unvermuteten Launen die Seele zerreissen. Mein Töchterchen ist wie eine Geliebte auf meine Gedanken eifersüchtig; sie passt den Augenblick ab, da ihr Geplauder ein gut gesponnenes Gedankennetz zerreissen kann.... Doch nein, das ist nicht ihre Absicht, aber man unterliegt der Illusion, ein Raub der überlegten Anschläge einer armen unschuldigen Kleinen zu sein.
Ich gehe mit langsamen Schritten, ich fliege nicht mehr; meine Seele ist gefangen, mein Gehirn leer, wie ich mich anstrengen muss, um mich auf das Niveau des Kindes herabzulassen.
Was mich bis zur Marter leiden lässt, das sind die tiefen, vorwurfsvollen Blicke, die sie mir zuwirft, wenn sie sich einbildet, mir zur Last zu fallen und meine Abneigung zu erregen. Dann verfinstert sich das offene, freimütige, strahlende Gesichtchen, ihre Blicke ziehen sich zurück, ihr Herz schliesst sich, und ich fühle mich des Lichts beraubt, das dieses Kind in meine düstere Seele wirft. Ich küsse sie, ich trage sie auf meinen Armen, ich suche ihr Blumen und Kiesel; ich schneide eine Rute ab und spiele die Kuh, die sie auf die Weide treiben soll.
Sie ist glücklich, zufrieden, und das Leben lächelt mir. Ich habe meine Stunde der Sammlung geopfert! So sühne ich das Böse, das ich in einem wahnsinnigen Augenblick auf das Haupt dieses Engels herabziehen wollte.
Geliebt werden: die Sühne für ein Verbrechen! Wahrhaftig, die Mächte sind nicht so grausam wie wir!
11.
Auszüge aus dem Tagebuch eines Verdammten.
Oktober, November 1896. Der Brahmane erfüllt seine Pflicht gegen das Leben, indem er ein Kind erzeugt. Dann geht er in die Wüste, um sich der Einsamkeit und der Entsagung zu weihen.
MEINE MUTTER.—was hast du, Unglücklicher, in deiner früheren Inkarnation getan, dass das Schicksal dich so schlecht behandelt?
ICH.—Rate! Erinnere dich eines Mannes, der zuerst mit der Frau eines andern verheiratet war, wie ich es gewesen bin; der sich dann von ihr trennt, um eine Österreicherin zu heiraten, wie ich es getan habe! Und dann entreisst man ihm seine liebe Österreicherin, wie man mir die meine geraubt hat, und beider einziges Kind wird am Abhang des Böhmerwaldes gefangen gehalten, wie mein Kind es wird. Erinnerst du dich an den Helden meines Romans "Am offenen Meer", der auf einer Insel mitten im Meer elend umkommt....
MEINE MUTTER.—Genug! Genug!
ICH.—Du weisst nicht, dass die Mutter meines Vaters Neipperg hiess....
MEINE MUTTER.—Schweig, Unglücklicher!
ICH.—... und dass meine kleine Christine dem grössten Menschenschlächter des Jahrhunderts auf ein Haar gleicht; sieh sie nur an, die Despotin, die mit ihren zweieinhalb Jahren schon Männer bändigt....
MEINE MUTTER.—Du bist toll!
ICH.—Ja! Und ihr Frauen, wie habt ihr früher gesündigt, da euer Los noch grausamer ist als unseres? Wie recht ich hatte, das Weib unsern bösen Dämon zu nennen. Jedem nach seinem Verdienst!
MEINE MUTTER.—Ja, es ist doppelte Hölle, Weib sein!
ICH.—Und doppelter Dämon ist das Weib. Übrigens ist die Reinkarnation eine christliche Lehre, die nur von der Geistlichkeit beiseite geschoben ist. Jesus Christus behauptet, Johannes der Täufer sei eine Reinkarnation von Elias. Ist das eine Autorität oder nicht?
MEINE MUTTER.—Allerdings; aber die römische Kirche verbietet das Forschen in dem Verborgenen!
ICH.—Und der Okkultismus erlaubt es, da die Wissenschaften erlaubt sind!
Die Geister der Zwietracht wüten. Trotzdem wir ihr Spiel genau kennen und von unserer gegenseitigen Unschuld überzeugt sind, hinterlassen die sich wiederholenden Missverständnisse einen bitteren Nachgeschmack.
Obendrein argwöhnen die beiden Schwestern, bei der Krankheit ihrer Mutter sei mein böser Wille im Spiel; weil ich kein Interesse daran habe, dass das Hindernis, das mich von meiner Frau trennt, fortgeräumt wird, können sie den ganz natürlichen Gedanken nicht unterdrücken, der Tod der Alten würde mir Freude machen. Dass dieser Wunsch überhaupt vorhanden ist, macht mich verhasst, und ich wage mich nicht mehr nach der Grossmutter zu erkundigen, aus Furcht, als Heuchler behandelt zu werden.
Die Situation ist gespannt, und meine alten Freundinnen erschöpfen sich in endlosen Erörterungen über meine Person, meinen Charakter, meine Gefühle, darüber, ob meine Liebe zu meinem Kind aufrichtig ist.
An einem Tage hält man mich für einen Heiligen, und die Narben in meinen Händen sind Wundmale. Tatsächlich gleichen die Zeichen in der Handfläche Löchern grober Nägel. Um aber jeden Anspruch auf Heiligkeit zurückzuweisen, sage ich, ich sei der gute Schächer, der vom Kreuz gestiegen sei und sich auf der Wallfahrt befinde, um das Paradies zu erringen.
An einem anderen Tage hat man über das Rätsel, das ich bin, gegrübelt und hält mich für Robert den Teufel. Ein Vorfall flösst mir die Furcht ein, die Bevölkerung werde mich steinigen. Hier der einfache Sachverhalt:
Meine kleine Christine hat eine übertriebene Furcht vor dem Schornsteinfeger. Eines Abends beginnt sie beim Essen plötzlich zu weinen, zeigt mit dem Finger auf einen Unsichtbaren hinter meinem Stuhl und schreit:
—Der Schornsteinfeger!
Meine Mutter, die an das Hellsehen von Kindern und Tieren glaubt, wird bleich; und ich, ich habe Furcht, besonders da ich bemerke, dass meine Mutter das Zeichen des Kreuzes über dem Haupt des Kindes macht.
Ein Todesschweigen folgt auf diesen Vorfall, der mir das Herz bedrückt.
Der Herbst mit seinem Sturm, Regen und Dunkel ist gekommen. Im Dorf und im Armenhaus verdoppeln sich die Kranken, die Sterbenden und die Toten. In der Nacht hört man das Glöckchen des Chorknaben, welcher der Hostie vorangeht. Am Tage läuten die Glocken der Kirche die Toten ein, und die Leichenzüge folgen dicht aufeinander. Zum Sterben traurig und düster ist das Leben. Und meine nächtlichen Anfälle beginnen wieder.
Man spricht Gebete für mich, man betet den Rosenkranz, und in meinem Schlafzimmer ist der Weihkessel mit Weihwasser gefüllt, das der Pfarrer gesegnet hat.
—Die Hand des Herrn ruht schwer auf dir!
Es ist meine Mutter, die mich mit dieser Anrede zermalmt.
Ich beuge mich, und ich richte mich wieder auf. Kraft einer eingewurzelten Zweifelsucht und eines geschmeidigen Geistes befreie ich meine Seele von diesen düsteren Vorstellungen. Nachdem ich gewisse okkultistische Schriften gelesen habe, bilde ich mir ein, von Elementargeistern, von Inkuben, Lamien verfolgt zu sein, die mich verhindern wollen, mein grosses alchimistisches Werk zu vollenden. Durch die Eingeweihten unterrichtet, verschaffe ich mir einen Dolch aus Dalmatien, und glaube nun gegen die bösen Geister gut bewaffnet zu sein.
Ein Schuhmacher des Dorfes, Atheist, Gotteslästerer, ist eben gestorben. Eine Dohle, die er besass, ist sich jetzt selbst überlassen und haust auf dem Dach eines Nachbarn. Während der Totenwache entdeckt man die Dohle im Zimmer, ohne dass die Anwesenden ihre Gegenwart erklären können. Am Tage der Beerdigung begleitet der schwarze Vogel den Leichenzug und auf dem Kirchhof setzt er sich während der Totenfeier auf den Deckel des Sarges.
Morgen folgt mir dieses Tier längs der Wege, was mich beunruhigt, da die Bevölkerung, abergläubisch ist. Eines Tages—es war ihr letzter—begleitet mich die Dohle durch die Strassen des Dorfes, indem sie hässliche Schreie ausstösst; dann und wann wirft sie grobe Worte dazwischen, die ihr der Gotteslästerer beigebracht hat. Da erscheinen zwei kleine Vögel, ein Rotkehlchen und eine Bachstelze, und verfolgen die Dohle von Dach zu Dach. Die Dohle rettet sich aus dem Dorf hinaus und flüchtet sich auf einen Schornstein einer Hütte. Im selben Augenblick springt ein schwarzes Kaninchen vor dem Hause auf und verschwindet im Grase.
Einige Tage später stellt man fest, dass die Dohle tot ist. Sie ist von den Gassenjungen getötet worden, die sie nicht leiden konnten, weil sie diebisch war.
Den ganzen Tag arbeite ich in meinem Häuschen, aber es scheint, dass die Mächte mir seit einiger Zeit ihre Gunst entzogen haben. Oft wenn ich eintrete, finde ich die Luft dick, wie vergiftet, und dann muss ich bei offener Tür und offenen Fenstern arbeiten. Mit einem warmen Mantel und einer Pelzmütze bekleidet, sitze ich am Tisch und schreibe, indem ich gegen die sogenannten elektrischen Anfälle kämpfe, die mir die Brust zusammendrücken und mir in den Rücken stechen. Oft ist mir, als stehe jemand hinter meinem Stuhl. Dann richte ich Dolchstösse nach hinten, indem ich mir einbilde, einen Feind zu bekämpfen. Das dauert bis fünf Uhr abends. Wenn ich über diese Stunde sitzen bleibe, wird der Kampf furchtbar; meine Kräfte sind erschöpft, und ich zünde meine Laterne an und steige zu meiner Mutter und meinem Kind hinunter.
Ein einziges Mal verlängere ich den Kampf bis sechs Uhr, um einen Artikel über Chemie zu vollenden, während ich wegen der dicken und erstickenden Luft meines Zimmers im Zuge sitze. Ein Marienkäfer, schwarz mit gelben Flecken, klettert auf einem Blumenstrauss herum, tastet, sucht einen Ausweg. Schliesslich lässt er sich auf mein Papier fallen und schlägt mit den Flügeln, ganz wie der Hahn, der auf der Kirche Notre-Dame-des-Camps in Paris steht. Dann kriecht er das Manuskript entlang, entert meine rechte Hand und klettert hinauf. Er blickt mich an und fliegt dann dem Fenster zu. An dem Kompass, der auf dem Tisch steht, sehe ich, dass er nach Norden fliegt.
—Gut sage ich mir, nach Norden also! Aber wenn ich will und wann es mir gefällt. Bist zu einer neuen Aufforderung bleibe ich, wo ich bin.
Als es sechs Uhr wird, ist es mir nicht mehr möglich, in diesem Spukhaus zu bleiben. Unbekannte Kräfte heben mich vom Stuhl, und ich muss das Haus räumen.
Es ist Allerseelen, gegen drei Uhr nachmittags; die Sonne scheint, die Luft ist ruhig. Die Prozession der Einwohner, voran die Geistlichkeit, die Fahnen und die Musik, bewegt sich nach dem Friedhof, um die Toten zu begrüssen. Die Glocken der Kirche fangen an zu läuten. Da bricht, ohne Vorzeichen, ohne dass sich eine Wolke an dem blassblauen Himmel gezeigt hätte, ein Sturm los. Das Fahnentuch klatscht gegen die Stangen, die Gewänder der in der Prozession gehenden Männer und Frauen sind ein Spiel des Windes, Staubwolken erheben sich in Wirbeln, die Bäume biegen sich....
Es ist ein wahres Wunder.
Ich fürchte mich vor der nächsten Nacht, und meine Mutter ist vorbereitet. Sie hat mir ein Amulett gegeben, damit ich es um den Hals trage. Es ist eine Madonna und ein Kreuz aus heiligem Holz, das zu dem Balken einer mehr als tausendjährigen Kirche gehört hat. Ich nehme es als ein kostbares Geschenk an, das aus gutem Herzen angeboten ist, aber ein Rest der Religion meiner Väter verbietet es mir, es um meinen Hals zu hängen.
Beim Abendessen, es ist gegen acht Uhr und die Lampe ist angesteckt, herrscht eine unglücksverheissende Stille in unserem kleinen Kreise. Draussen ist es dunkel, die Bäume schweigen. Ruhe überall.
Da dringt ein Windstoss, ein einziger, durch die Ritzen der Fenster und stösst ein Gebrüll aus, das dem Laut der Maultrommel ähnlich ist. Dann ist es zu Ende.
Meine Mutter wirft mir einen entsetzten Blick zu und drückt das Kind in ihre Arme.
In einer Sekunde begreife ich, was dieser Blick mir sagt: Weiche von uns, Verdammter, und ziehe nicht die rächenden Dämonen auf Unschuldige herab.
Alles stürzt ein; das einzige Glück, das mir geblieben ist, bei meinem Töchterchen zu weilen, wird mir genommen, und in dem traurigen Schweigen nehme ich in Gedanken Abschied vom Leben.
Nach dem Abendessen ziehe ich mich in das rosa Zimmer zurück, das jetzt schwarz ist, und bereite mich auf einen nächtlichen Kampf vor, denn ich fühle mich bedroht Durch wen? Ich weiss es nicht; aber ich fordere den Unsichtbaren heraus, wer es auch sei, der Teufel oder der Ewige, und ich werde mir ihm ringen, wie Jakob mit Gott.
Man klopft an die Tür: das ist meine Mutter, die eine schlechte Nacht für mich ahnt und mich einlädt, auf dem Sofa im Salon zu schlafen.
—Des Kindes Gegenwart wird dich retten!
Ich danke ihr, versichere aber, dass keine Gefahr ist und dass nichts mir Furcht einflösst, da mein Gewissen rein ist. Mit einem Lächeln wünscht sie mir eine gute Nacht.
Ich kleide mich wieder in Schlachtmantel, Mütze und Stiefel, fest entschlossen, in Kleidern zu schlafen, bereit, als tapferer Krieger, der dem Tod trotzt, nachdem er das Leben verachtet hat, zu sterben.
Gegen elf Uhr beginnt die Luft im Zimmer dick zu werden, und eine tödliche Angst bemächtigt sich meines Mutes. Ich öffne das Fenster: ein Luftzug droht die Lampe auszulöschen; ich schliesse es wieder.
Die Lampe beginnt zu singen, zu seufzen, zu wimmern. Dann Schweigen.
Da stösst ein Dorfhund klagende Laute aus; das bedeutet nach dem Volksglauben eine Totenklage.
Ich sehe zum Fenster hinaus: der grosse Bär ist allein sichtbar. Unten im Armenhaus brennt ein Licht, und eine alte Frau wartet, über ihre Handarbeit gebückt, auf die Befreiung; vielleicht fürchtet sie den Schlaf und die Träume.
Da ich müde bin, lege ich mich wieder auf mein Bett und versuche einzuschlafen. Bald wiederholt sich das alte Spiel. Ein elektrischer Strom sucht mein Herz, die Lungen hören auf zu arbeiten, ich muss aufstehen, wenn ich dem Tode entgehen will. Ich setze mich auf einen Stuhl, bin aber zu erschöpft, um lesen zu können; so sitze ich eine halbe Stunde starr da.
Dann entschliesse ich mich, bis der Morgen anbricht, spazieren zu gehen. Ich gehe hinunter. Die Nacht ist dunkel und das Dorf schläft; aber die Hunde schlafen nicht, und als einer von ihnen anschlägt, umringt mich die ganze Bande; ihre gähnenden Rachen und ihre funkelnden Augen zwingen mich zum Rückzug.
Als ich wieder die Tür meines Zimmers öffne, ist es mir, als sei die Stube von lebendigen und feindlichen Wesen bewohnt. Das Zimmer ist davon erfüllt, und ich glaube durch eine Menge zu dringen, als ich mein Bett zu erreichen suche; resigniert und zum Sterben entschlossen, falle ich darauf nieder.
Aber im letzten Augenblick, wenn der unsichtbare Geier mich unter seinen Schwingen ersticken will, reisst mich jemand vom Bett, und die Jagd der Furien beginnt wieder. Besiegt, zu Boden geschlagen, in Unordnung gebracht, verlasse ich das Schlachtfeld und weiche in dem ungleichen Kampf gegen die Unsichtbaren.
Ich klopfe an die Tür des Salons, der auf der anderen Seite des Flurs liegt. Meine Mutter, die noch auf ist und betet, kommt und öffnet.
Der Ausdruck, den ihr Gesicht annimmt, als sie mich bemerkt, flösst mir vor mir selbst ein tiefes Entsetzen ein.
—Du wünscht, mein Kind?
—Ich wünsche zu sterben, und dann verbrannt zu werden; oder vielmehr, verbrennt mich lebendig!
Kein Wort! Sie hat mich verstanden, sie bekämpft ihr Entsetzen: Mitleid und Barmherzigkeit der religiösen Frau tragen den Sieg davon, und mit eigener Hand macht sie das Sofa zurecht; dann zieht sie sich in ihr Zimmer zurück, wo sie mit dem Kinde schläft.
Zufällig—immer dieser teuflische Zufall!—steht das Sofa dem Fenster gegenüber, und derselbe Zufall hat es gewollt, dass keine Vorhänge da sind, dass also die schwarze Fensteröffnung, die in die Dunkelheit der Nacht hinausgeht, mich angähnt; und ausserdem ist es gerade dieses Fenster, durch das der Windstoss heute abend während des Essens geheult hat.
Am Ende meiner Kräfte angelangt, sinke ich auf mein Lager nieder, indem ich diesen allgegenwärtigen und unvermeidlichen Zufall verwünsche, der mich in der offenbaren Absicht verfolgt, den Verfolgungswahn hervorzurufen.
Ich ruhe mich fünf Minuten aus, indem ich die Augen auf das schwarze Viereck hefte, da gleitet das unsichtbare Gespenst über meinen Leib, und ich erhebe mich. Mitten im Zimmer bleibe ich stehen wie eine Statue, ich weiss nicht wie lange; in einen Säulenheiligen verwandelt, schlafe ich auf absonderliche Art.
Wer verleiht mir Kräfte, um mich leiden zu lassen? Wer versagt mir den Tod, um mich meinen Folterqualen auszuliefern?
Ist er es, der Herr über Leben und Tod, den ich beleidigt habe, als ich nach der Lektüre der "Freude zu sterben" Selbstmordversuche machte, da ich mich schon reif für das ewige Leben hielt?
Bin ich Phlegyas, der für seinen Hochmut zur Todesstrafe der Angst im Tartarus verurteilt wurde? Oder Prometheus, der durch den Geier bestraft ward, weil er den Sterblichen das Geheimnis der Mächte enthüllt hatte?
(Indem ich dies schreibe, denke ich an die Szene in der Passion Christi; die Soldaten speien ihm ins Gesicht; die einen geben ihm Backenstreiche, die andern schlagen ihn mit Ruten, indem sie sagen: Christus, weissage uns, wer hat dich getroffen!—Mögen sich meine Jugendgenossen an die Stockholmer Orgie erinnern, auf welcher der Schreiber dieses Buches die Rolle des Soldaten spielte....)
Wer hat ihn getroffen? Die Frage ohne Antwort, der Zweifel, die Ungewissheit, das Geheimnis: das ist meine Hölle.
Möge er sich enthüllen, auf das ich mit ihm kämpfe, ihm Trotz biete!
Aber gerade davor hütet er sich, um mich mit Wahnsinn zu schlagen, mich mit dem schlechten Gewissen, das mich überall Feinde suchen lässt, zu geisseln. Feinde, das sind die, welche durch meinen bösen Willen verletzt worden sind. Und jedesmal, wenn ich einen neuen Feind aufspüre, wird mein Gewissen getroffen.
Als mich am andern Morgen, nachdem ich einige Stunden geschlafen habe, das Geplauder meiner kleinen Christine weckt, ist alles vergessen, und ich widme mich meinen gewöhnlichen Arbeiten, die auf dem rechten Wege sind. Alles, was ich schreibe, wird alsbald gedruckt; das beruhigt mich über meinen gesunden Menschenverstand und meine Intelligenz.
Die Zeitungen verbreiten das Gerücht, dass ein amerikanischer Gelehrter eine Methode, Silber in Gold zu verwandeln, gefunden habe. Das befreit mich von dem Verdacht, ein Schwarzkünstler, ein Verrückter, ein Scharlatan zu sein.
In diesem Augenblick bietet mir mein Freund, der Theosoph, der mich bisher unterstützt hat, die Hand, um mich für seine Sekte zu gewinne.
Er schickt mir die "Geheimlehre" der Frau Blawatsky, indem er schlecht seine Unruhe verbirgt, dass er meine Ansicht kennen lernen möchte; auch ich bin unruhig, weil ich argwöhne, dass unsere freundschaftlichen Beziehungen von meiner Antwort abhängen.
Diese "Geheimlehre", ein Sammelsurium aller sogenannten okkulten Lehren, ein Ragout aller wissenschaftlichen Ketzereien neuer und alter Zeit, nichtig und wertlos, wenn die Dame ihre eigenen Ansichten, die albern sind, vorbringt, ist interessant durch die Zitate aus wenig bekannten Schriftstellern und verabscheuungswert durch die bewussten oder unbewussten Betrügereien und durch die Fabeln über die Existenz der Mahatmas. Es ist die Arbeit eines Mannweibes, das den Rekord des Mannes hat schlagen wollen und sich einbildet, Wissenschaft, Religion, Philosophie gestürzt und eine Isispriesterin auf den Altar des Gekreuzigten erhoben zu haben.
Mit aller Zurückhaltung und Schonung, die man einem Freunde schuldig ist, teile ich ihm meine Meinung mit. Ich erkläre ihm, dass der Kollektivgott Karma mir missfällt, dass ich aus diesem Grunde nicht einer Sekte beitreten könne, die den persönlichen Gott, der allein meine religiösen Bedürfnisse befriedigt, leugnet. Ein Glaubensbekenntnis verlangt man von mir, und obgleich ich überzeugt bin, dass mein Wort einen Bruch veranlassen und damit die Unterstützung aufheben wird, spreche ich aus, was ich denke.
Da verwandelt sich der aufrichtige, hochherzige Freund in einen Rachegeist, schleudert den Bannstahl gegen mich, droht mir mit okkulten Mächten, schüchtert mich durch Andeutung einer Strafe ein, weissagt wie ein heidnischer Opferpriester. Er schliesst damit, dass er mich vor ein okkultistisches Gericht ladet und mir schwört, dass ich den 13. November nicht vergessen werde.
Meine Lage ist schlimm: ich habe einen Freund verloren, und ich bin in Not gebracht. Durch einen teuflischen Zufall ereignet sich während unseres brieflichen Krieges noch dies:
Die Zeitung "Initiation" veröffentlicht einen Aufsatz von mir, in dem ich das heutige astronomische System kritisiere. Einige Tage darauf stirbt Tisserand, der Direktor der Pariser Sternwarte. In einer Anwandlung von Ausgelassenheit stelle ich diese beiden Tatsachen zusammen und erinnere daran, dass Pasteur am Tage nach dem Erscheinen von "Sylva Sylvarum" starb. Mein Freund, der Theosoph, versteht keinen Scherz; leichtgläubig wie kein anderer, vielleicht auch mehr als ich in die Schwarzkunst eingeweiht, hat er mich im Verdacht, dass ich die Künste des Verhexens übe.
Man stelle sich meinen Schreck vor, als nach dem letzten Schreiben unseres Briefwechsels der berühmteste Astronom Schwedens am Schlaganfall stirbt. Ich werde ängstlich, und mit gutem Recht. Der Ausübung von Zauberkünsten verdächtig zu sein, ist eine schlimme Sache, und "wenn der Zauberer selbst dabei stirbt, so ist es nicht schade um ihn."
Um das Unglück voll zu machen, verscheiden im Lauf des Monats nacheinander fünf mehr oder weniger bekannte Astronomen.
Ich fürchte einen Fanatiker, dem ich die Grausamkeit eines Druiden und der hindostanischen Zauberer angebliche Macht, aus der Ferne zu töten, zuschreibe.
Eine neue Hölle von Ängsten! Und von diesem Tag vergesse ich die Dämonen und richte alle meine Gedanken auf die unheilvollen Anschläge der Theosophen und ihrer mit unerhörten Kräften begabten Magier, die für Hindus ausgegeben werden.
Ich fühle mich zum Tode verurteilt; für den Fall eines plötzlichen Todes schreibe ich die Namen meiner Mörder auf und versiegle das Papier. Dann warte ich ab.
Zehn Kilometer weiter östlich, an der Donau, liegt das Städtchen Grein, der Hauptort des Kreises. Dort soll sich, wie man mir erzählt, jetzt gegen Ende November, mitten im Winter, ein Fremder aus Zanzibar als Tourist aufhalten. Das genügt um alle Zweifel und schwarzen Gedanken eines Kranken zu wecken. Ich lasse Erkundigungen über diesen Fremden einziehen, um zu erfahren, ob er wirklich Afrikaner ist, was er für Pläne hat, woher er kommt.
Man erfährt nichts, und ein geheimnisvoller Schleier umhüllt den Unbekannten, der Tag und Nacht vor mir spukt. In meiner tiefsten Not rufe ich, immer im Geist des Alten Testaments, des Ewigen Schutz und Rache gegen meine Feinde an.
Die Psalmen Davids drücken am besten mein Trachten und Sehnen aus, und der alte Javeh ist mein Gott. Der 86. Psalm besonders prägt sich meinem Geist ein, und ich zögere nicht, ihn zu wiederholen:
"Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich, und der Haufe der Gewalttätigen stehet mir nach meiner Seele, und haben dich nicht vor Augen....
"Tu ein Zeichen an mir, das mirs wohlergehe, dass es sehen, die mich hassen, und sich schämen müssen, dass du mir beistehest, Herr, und tröstest mich."
Nach einem Zeichen rufe ich, und man wird sehen, wie bald mein Gebet erhört werden wird.
12.
Der Ewige hat gesprochen.
Der Winter mit seinem graugelben Himmel ist gekommen; die Sonne hat seit mehreren Wochen nicht geschienen; die schmutzigen Wege widersetzten sich den Spaziergängen; die Blätter der Bäume modern, die ganze Natur löst sich unter pestartiger Fäulnis auf.
Das Schlachten des Winters hat angefangen; den ganzen Tag über erheben sich die Klagen der Opfer gegen das dunkle Himmelsgewölbe; man tritt in Blut und unter Leichen.
Es ist zum Sterben traurig, und meine Traurigkeit teilt sich den beiden guten barmherzigen Schwestern mit, die mich wie ihr krankes Kind pflegen. Was mich vollends niederdrückt, ist die Armut, die ich verbergen muss, und die vergeblichen Versuche, das nahende Elend abzuwenden.
Man wünscht übrigens, dass ich abreise, weil dieses einsame Leben für einen Mann zu nichts führe; auch sind sie einig, dass ich einen Arzt nötig habe.
Vergebens erwarte ich aus meiner Heimat das nötige Geld, und ich gehe auf die grosse Landstrasse hinaus, um eine Flucht zu Fuss vorzubereiten.
"Ich bin gleich dem Pelikane in der Wüste geworden; ich bin wie die Eule in ihrem Zufluchtsort."
Meine Anwesenheit peinigt meine Verwandten; man hätte mich schon fortgejagt, wenn sie das Kind nicht geliebt hätten. Jetzt, da Schmutz oder Schnee das Spazierengehen unmöglich machen, trage ich die Kleine auf meinen Armen weite Wege, erklimme Hügel, entere die Felsen. Da sagen die beiden Alten:
—Du schwächst deine Gesundheit, du wirst schwindsüchtig werden, du wirst dich töten!
—Das wäre ein schöner Tod!
Wir sind beim Mittagessen, es ist er 20. November, ein grauer, trüber, hässlicher Tag. Durch eine ruhelose Nacht, in der ich fortwährend mit den Unsichtbaren gekämpft habe, bis zur Fieberglut erhitzt, verwünsche ich das Leben und beklage mich, dass die Sonne fort ist.
Meine Mutter hat mir vorhergesagt, dass ich vor der Lichtmess, wenn die Sonne wiederkehrt, geheilt werden würde.
—Das ist mein einziger Sonnenstrahl, sage ich zu ihr, indem ich mit dem Finger auf meine kleine Christine zeige, die mir gegenübersitzt.
Im selben Augenblick spalten sich die seit Wochen angehäuften Wolken, und ein Lichtbündel dringt in den Saal, erleuchtet mein Gesicht, das Tischtuch, das Geschirr....
—Da ist die Sonne! Papa, da ist die Sonne! ruft das Kind und faltet seine Händchen. Verwirrt erhebe ich mich, ein Raub der verschiedenartigsten Gefühle. Ein Zufall? Nein, sage ich mir.
Das Wunder, das Zeichen? Aber das ist zu viel für einen, der wie ich in Ungnade gefallen ist! Der Ewige mischt sich nicht in die kleinen Angelegenheiten der Erdenwürmer!
Und doch bleibt mir dieser Sonnenstrahl im Herzen wie ein grosses Lächeln, mit dem ich Unzufriedener angelächelt bin....
Während der zwei Minuten, die ich brauche, um mein Häuschen zu erreichen, häufen sich die Wolken zu Gruppen, welche die seltsamsten Formen annehmen; und im Osten, wo sich der Schleier gehoben hat, ist der Himmel grün, wie ein Smaragd, eine Wiese mitten im Sommer.
Ich bleibe in meinem Zimmer stehen und erwarte etwas, das ich nicht erklären kann, in einer stillen Zerknirschung versunken, die frei von Furcht ist.
Da rollt, ohne dass ein Blitz ihm vorangegangen wäre, ein Donner, ein einziger, über meinem Kopfe.
Zuerst empfinde ich Furcht, und ich erwarte den Regen und das Gewitter, wie es natürlich ist. Aber nichts geschieht; eine vollständige Ruhe herrscht und alles ist zu Ende.
Warum, frage ich mich, bin ich nicht vor der Stimme des Ewigen demütig in den Staub gesunken?
Wenn der Allmächtige mit einer majestätischen Inszenierung zu einem Insekt zu sprechen geruht, fühlt sich das Insekt von einer solchen Ehre erhoben und aufgebläht, und der Hochmut flüstert ihm zu, dass es ein besonders würdiges Wesen sein müsse. In aller Freimütigkeit: ich fühle mich mit dem Herrn auf gleichem Niveau, als ein Bestandteil seiner Persönlichkeit, als eine Ausströmung seines Wesens, als ein Organ seines Organismus. Er brauchte mich, um sich zu offenbaren, sonst hätte er mich auf der Stelle durch seinen Blitz erschlagen.
Woher dieser ungeheuere Hochmut eines Sterblichen? Stamme ich vom Beginn der Jahrhunderte her, als sich die aufständischen Engel in Empörung gegen einen Herrn vereinigten, der zufrieden war, über ein Volk von Sklaven zu herrschen? Ist darum meine Wallfahrt über die Erde zu einem Spiessrutenlaufen geworden, bei dem die Letzten der Letzten sich die Freude gemacht haben, mich zu schlagen, zu beleidigen, zu besudeln?
Keine denkbare Demütigung, die ich nicht zu ertragen gehabt hätte; und doch wächst mein Hochmut immer im selben Masse, wie sich meine Erniedrigung vertieft! Was ist das? Jakob, der mit dem Ewigen ringt und, zwar etwas gelähmt, aber mit Ehren aus dem Kampf hervorgeht? Hiob, der auf die Probe gestellt wird und darauf besteht, sich Strafen gegenüber, die ihm mit Unrecht auferlegt sind, zu rechtfertigen?
Von so viel unzusammenhängenden Gedanken bestürmt, zwingt mich die Müdigkeit, den Griff loszulassen; und mein aufgeblasenes Ich fällt zusammen, wird so klein, dass sich das, was sich eben zugetragen hat, auf ein Nichts reduziert: ein Donnerschlag Ende November!
Das Rollen des Donners hallt von neuem wider und, noch einmal von Ekstase ergriffen, öffne ich die Bibel, indem ich den Herrn bitte, lauter zu sprechen, damit ich ihn verstehe.
Meine Blicke fallen alsbald auf diesen Vers Hiobs:
"Willst du meinen Urteilsspruch aufheben? Willst du mich verdammen, um dich zu rechtfertigen? Hast du einen Arm wie der mächtige Gott? Donnerst du mit der Stimme wie er?"
Kein Zweifel mehr: der Ewige hat gesprochen!
—Ewiger, was willst du von mir? Sprich dein Diener hört. Keine Antwort?
—Gut, ich demütige mich vor dem Ewigen, der geruht hat, sich vor seinem Diener zu demütigen. Aber die Kniee vor Volk und Mächtigen beugen? Niemals!
Am Abend empfängt mich meine gute Mutter auf eine Weise, die ich noch nicht begreife. Sie betrachtet mich mit einem prüfenden Blick von der Seite, als wolle sie sehen, welchen Eindruck das majestätische Schauspiel auf mich gemacht habe.
—Du hast es gehört?
—Ja, es ist eigentümlich, ein Donnerschlag im Winter.
Wenigstens hält sie mich nicht mehr für einen Verdammten.
13.
Die entfesselte Hölle.
Um die richtigen Ideen über die Natur der geheimnisvollen Krankheit, die mich betroffen hat, zu verwirren, verbreitet eine Nummer des "Evenement" diese Nachricht:
"Der unglückliche Strindberg, der mit seinem Frauenhass nach Paris kam, war bald zur Flucht gezwungen. Und seitdem schweigen seinesgleichen vor dem Banner der Weiblichkeit. Sie möchten nicht das Los des Orpheus erleiden, dem die thracischen Bacchantinnen den Kopf abrissen...."
Es war also wahr, dass man mir in der Rue de la Clef eine Falle gestellt hatte! Es war also wahr, dieser Mordversuch, der die Kränklichkeit zur Folge gehabt hat, deren Symptome sich noch zeigen! Oh diese Frauen! Jedenfalls wegen meines Aufsatzes über die feministischen Bilder meines dänischen Freundes, des Frauenverehrers.
Endlich eine Tatsache, eine greifbare Wirklichkeit, die mich von den furchtbaren Zweifeln, ich könnte geisteskrank sein, befreit.
Ich eile mit der guten Nachricht zu meiner Mutter.
—Da sieh, dass ich nicht verrückt bin.
—Nein, du bist nicht verrückt, du bist nur krank, und der Arzt rät dir körperliche Übungen an, zum Beispiel Holz hacken....
—Ist das auch gut gegen die Frauen oder nicht?
Diese unüberlegte Antwort trennt uns. Ich habe vergessen, dass eine Heilige doch immer eine Frau bleibt, das heisst die Feindin des Mannes.
Alles ist vergessen, die Russen, die Rotschilde, die Schwarzkünstler, die Theosophen, selbst der Ewige. Ich bin das Opfer, Hiob ohne Schuld, und die Frauen haben Orpheus, den Autor von "Sylva Sylvarum", den Erwecker der toten Naturwissenschaften, töten wollen. In Unschlüssigkeit aller Art befangen, schiebe ich den neugeborenen Gedanken, dass die Mächte zu höherem Zweck in übernatürlicher Weise eingreifen, beiseite und vergesse, die einfache Kenntnis, die ich von einem Attentat habe, dadurch zu vervollständigen, dass ich nach dem suche, der es angestiftet hat.
Brennend vor Begierde, mich zu rächen, setze ich einen Brief auf, in dem ich der Pariser Polizeipräfektur Anzeige erstatte; dann einen zweiten, den ich an die Pariser Zeitungen richte; da macht ein gutgeführter Umschwung diesem langweiligen Drama, das in eine Farce auszulaufen drohte, eine Ende.
An einem graugelben Tage, gegen ein Uhr nach dem Mittagessen, äussert meine kleine Christine den dringenden Wunsch, mich in das Häuschen zu begleiten, wo ich mein Mittagsschläfchen zu halten pflege.
Es ist unmöglich, ihr zu widerstehen, und ich gebe ihren Bitten nach.
Als wir oben sind, befiehlt meine Christine Federn und Papier. Dann will sie illustrierte Bücher haben. Und ich muss dabei sein, muss erklären, muss zeichnen.
—Nicht schlafen, Papa!
Müde, erschöpft, begreife ich nicht, warum ich diesem Kinde gehorche; aber in ihrer Stimme ist ein Tonfall, dem ich nicht widerstehen kann.
Da beginnt draussen vor der Tür ein Drehorgelspieler einen Walzer. Ich schlage der Kleinen vor, mit dem Kindermädchen, das sie begleitet hat, zu tanzen.
Durch die Musik angelockt, kommen die Kinder des Nachbarn herbei; in meinem Flur wird ein Ball improvisiert, nachdem man den Spielmann in die Küche hat kommen lassen.
Das dauert eine Stunde, und meine Traurigkeit schwindet.
Um mich zu zerstreuen und meine Schlaflust zu besänftigen, greife ich zur Bibel, die mir als Orakel dient, und öffne sie aufs Geradewohl; und ich lese:
"Der Geist aber des Herrn wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn machte ihn sehr unruhig. Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott macht dich sehr unruhig; unser Herr sage seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe wohl spielen könne, auf dass, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, er mit seiner Hand spiele, das es besser mit dir werde."
Der böse Geist, das ist es eben, was ich argwöhnte.
Während die Kinder sich so belustigen, kommt meine Mutter, um die Kleine zu suchen; als sie den Ball sieht, bleibt sie erstaunt stehen.
Sie erzählt mir, dass gerade zu dieser Stunde unten im Dorfe eine Dame aus bester Familie einen Anfall von Wahnsinn gehabt hat.
—Was ist ihr denn?
—Sie tanzt, diese alte Frau, sie tanzt, ohne zu ermüden im Brautkleid, und sie bildet sich ein, Bürgers Leonore zu sein.
—Sie tanzt? Und dann?
—Weint sie, aus Furcht vor dem Tod, der sie holen will.
Was die Sache noch furchtbarer macht, ist, dass die Dame das Häuschen, in dem ich jetzt hause, bewohnt hat und dass ihr Gatte dort gestorben ist, wo der Ball der Kinder vor sich geht.
Erklärt mir das Mediziner, Psychiater, Psychologen, oder räumt ein, dass die Wissenschaft bankrott ist!
Mein Töchterchen hat den Bösen beschworen, und der von der Unschuld in die Flucht gejagte Geist ist über die alte Frau hergefallen, die sich rühmte, eine Freidenkerin zu sein.
Der Totentanz dauert die ganze Nacht, und die Dame wird von Freundinnen gehütet, die sie gegen die Angriffe des Todes schützen. Sie nennt es Tod, weil sie das Dasein von Dämonen leugnet. Zuweilen behauptet sie, ihr verstorbener Mann quäle sie.
Meine Abreise ist aufgeschoben; um aber nach so vielen schlaflosen Nächten wieder zu Kräften zu kommen, gehe ich zum Schlafen in die Wohnung meiner Tante, die auf der andern Seite der Strasse liegt.
Ich verlasse also das rosa Zimmer. (Welches eigentümliche Zusammentreffen, dass die Marterkammer in Stockholm in der guten alten Zeit auch "Rosenkammer" hiess.)
Die erste Nacht vergeht in einem ruhigen Zimmer, dessen weissgekalkte Wände voll Heiligenbilder hängen. Über meinem Bett ist ein Kruzifix.
Aber in der zweiten Nacht beginnen die Geister ihr Spiel wieder. Ich zünde die Kerzen an, um die Zeit mit Lesen hinzubringen. Ein unheilvolles Schweigen herrscht, und ich höre mein Herz klopfen. Da trifft mich ein schwaches Geräusch wie ein elektrischer Funke.
Was ist das?
Ein grosses Stück Stearin ist von der Kerze auf die Erde gefallen. Weiter nichts; aber das verkündet bei uns den Tod! Meinetwegen denn der Tod!
Nachdem ich eine Viertelstunde gelesen habe, will ich nach meinem Taschentuch greifen, das ich unter das Kopfkissen gesteckt habe. Es ist nicht da, und, als ich es suche, finde ich es auf dem Fussboden. Ich bücke mich, um es aufzuheben. Dabei fällt mir etwas auf den Kopf, und als ich mit den Fingern durch die Haare fahre, finde ich ein zweites Stück Stearin.
Statt zu erschrecken, kann ich ein Lächeln nicht unterdrücken, so spasshaft kommt mir das Abenteuer vor.
Lächeln beim Tode! Wie wäre das möglich, wenn das Leben nicht an und für sich lächerlich wäre? So viel Lärm um so wenig! Vielleicht verbirgt sich sogar auf dem Grunde der Seele ein unbestimmter Argwohn, dass alles hier unten nur Verstellung, Heuchelei, Trugbild ist, und dass sich die Götter über unsere Leiden lustig machen.
Hoch über den Gipfel des Berges, auf dem das Schloss gebaut ist, erhebt sich ein zweiter Berg, der alle andern beherrscht: von dem kann man die ganze Höllenlandschaft übersehen. Man gelangt dahin durch einen Hain von vielleicht tausendjährigen Eichen, der einst ein Druidenhain gewesen sein soll, weil die Mistel in der Gegend viel auf Linden und Apfelbäumen vorkommt. Oberhalb dieses Waldes steigt der Weg steil durch niedrige Fichten empor.
Mehrere Male habe ich bis zum Gipfel zu kommen versucht, immer aber trieben mich unvorhergesehene Dinge zurück. Bald war es ein Rehbock, der die Stille durch einen unerwarteten Sprung unterbrach; bald ein Hase, der ungewöhnlich aussah; bald ein Häher mit seinem entnervenden Geschrei.
Am letzten Morgen, dem Tag vor meiner Abreise, trotzte ich allen Hindernissen, drang durch den dunklen, grausigen Fichtenwald und kletterte bis zum Gipfel hinauf. Von dort hatte ich eine prachtvolle Aussicht über das Donautal und die steirischen Alpen. Ich habe die düsteren Trichter dort unten verlassen und ich atme zum erstenmal auf. Die Sonne erleuchtet die Gegend unter unendlichen Aussichten, und die weissen Kämme der Alpen vereinigen sich mit den Wolken. Es ist schön wie der Himmel!
Umfasst die Erde den Himmel und die Hölle? Gibt es keine anderen Stätten für Strafe und Belohnung?
Vielleicht! Und sicher ist, wenn ich mich an die schönsten Augenblicke meines Lebens erinnere, erscheinen sie mir himmlisch, ebenso wie mir die schlimmsten als höllisch vorkommen.
Behält mir die Zukunft noch Stunden oder Minuten dieses Glückes vor, das sich nur durch Sorgen und ein ziemlich reines Gewissen erkaufen lässt?
Ich bleibe hier oben, da ich es nicht eilig habe, wieder in das Tal der Schmerzen hinabzusteigen, und gehe auf dem Plateau spazieren, um die Schönheit der Erde zu bewundern. Da bemerke ich, dass der abgesonderte Felsen, der die eigentliche Spitze bildet, durch die Natur wie eine ägyptische Sphinx geformt ist. Auf dem Riesenkopfe liegt ein Steinhaufen, aus dem ein kleiner Stock mit einer Fahne aus weisser Leinwand aufragt.
Ich ergründe nicht, was diese Zurüstung zu bedeuten hat, aber ein einziger Gedanke packt mich so, dass ich nicht widerstehen kann: die Fahne entführen!
Ich achte der Gefahr nicht, erstürme den steilen Abhang und raube die Fahne. Da ertönt, ganz unerwartet, vom Ufer der Donau ein Hochzeitsmarsch, der von Triumphgesängen begleitet wird. Es ist ein Hochzeitszug, den ich nicht sehen kann, aber an den üblichen Flintenschüssen erkenne.
Kind genug und genügend unglücklich, um aus den alltäglichsten und natürlichsten Vorfällen die Poesie zu ziehen, nehme ich dies als ein günstige Vorbedeutung an.
Und mit Bedauern, langsamen Schrittes, steige ich wieder in das Tal der Schmerzen und des Todes, der Schlaflosigkeit und der Dämonen hinab; denn meine kleine Beatrice erwartet mich dort unten, und ich bringe ihr die Mistel, die ich ihr versprochen habe, den Zweig, der im Schnee grünt, den man mit einer goldenen Sichel pflücken müsste.
Schon lange hatte die Grossmutter den Wunsch ausgedrückt, mich zu sehen, sei es, um eine Versöhnung herbeizuführen, sei es aus Gründen, die vielleicht okkult sind, denn sie ist eine Hellseherin und eine Visionärin. Unter verschiedenen Vorwänden hatte ich den Besuch aufgeschoben, da aber meine Abreise entschieden ist, nötigt mich meine Mutter, die Grossmutter zu besuchen und ihr Lebewohl zu sagen, wahrscheinlich zum letzten Mal diesseits des Grabes.
Am 26. November einem kalten und klaren Tagen, machen meine Mutter, das Kind und ich uns auf den Weg nach der Donau, an welcher der Stammsitz der Familie liegt.
Wir steigen im Gasthaus ab, und meine Mutter begibt sich zur Grossmutter, um meinen Besuch anzumelden. Während ich auf ihrer Rückkehr warte, durchwandere ich die Wiesen und Wälder, die ich seit zwei Jahren nicht gesehen habe. Die Erinnerungen überwältigen mich, und das Bild meiner Frau taucht überall auf. Alles ist verwüstet durch den Frost des Winters; keine Blume blüht mehr, keine Grashalm grünt mehr, wo wir beide alle Blumen des Frühlings, des Sommers, des Herbstes gepflückt haben.
Am Nachmittag werde ich zu der Grossmutter geführt, die den Pavillon der Villa bewohnt, das Häuschen, in dem mein Kind geboren ist. Die Begegnung ist konventionell und kalt; man scheint eine Wiederholung des Szene vom verlorenen Sohn zu erwarten, aber derartiges ist mir zuwider.
Ich begnüge mich damit, die Erinnerungen an ein verlorenes Paradies wieder lebendig zu machen. Meine Frau und ich haben das Getäfel der Türen und Fenster gestrichen, um die Geburt der kleinen Christine zu feiern. Die Rosen und die Clematis, welche die Fassade zieren, sind von meiner Hand gepflanzt. Der Gang, der den Garten durchläuft, ist von mir geharkt worden. Aber der Nussbaum, den ich am Morgen nach der Geburt Christinens gepflanzt habe, ist verschwunden. "Der Baum des Lebens", wie er genannt wurde, ist tot.
Zwei Jahre, zwei Ewigkeiten, sind vergangen, seit die Abschiedsworte zwischen uns gewechselt wurden. Sie war am Ufer, und ich stand auf dem Dampfer, der mich auf meinen Weg nach Paris bis Linz bringen sollte.
Wer hat den Bruch durchführt! Ich, ich habe meine Liebe und ihre getötet. Ade, weisses Haus von Dornach, Flur der Dornen und Rosen! Ade, Donau! Ich tröste mich, indem ich denke: ihr waret nur ein Traum, kurz wie der Sommer und lieblicher als die Wirklichkeit, die ich nicht vermisse.
Die Nacht verbringe ich im Gasthaus, wo auch meine Mutter und mein Kind auf meine Bitte schlafen, um mich gegen die Schrecken des Todes zu schützen, die ich ahne, dank meinem sechsten Sinn, der sich unter dem Einfluss sechsmonatiger Marter entwickelt hat.
Um zehn Uhr abends beginnt ein Windstoss meine Tür, die sich auf den Flur öffnet, zu rütteln. Ich befestige sie mit hölzernen Keilen. Es hilft nichts: sie zittert weiter.
Dann klirren die Fenster, der Ofen heult wie ein Hund, das ganze Haus schwankt wie ein Schiff.
Ich kann nicht schlafen. Bald seufzt meine Mutter, bald weint mein Kind.
Am andern Morgen ist meine Mutter durch Schlaflosigkeit und andere Dinge, die sie mir verbirgt, erschöpft und sagt zu mir:
—Reise, mein Kind! Ich habe genug von diesem Höllengeruch!
Und ich reise gen Norden, um auf meiner Pilgerfahrt das feindliche Feuer einer andern Sühnestation zu empfangen.
14.
Wallfahrt und Sühne.
Es gibt neunzig Städte in Schweden, und zu der, die ich am meisten verabscheue, haben die Mächte mich verdammt.
Ich beginne damit, dass ich die Ärzte besuche.
Der erste nennt es Nervenschwäche, der zweite Brustklemme, der dritte Verrücktheit, der vierte Luftgeschwulst.... Das genügt mir, um sicher zu sein, dass man mich nicht in ein Irrenhaus sperrt.
Um mich zu versorgen, bin ich gezwungen, für eine Zeitung Artikel zu schreiben. Aber jedes Mal, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, wird die Hölle losgelassen. Jetzt hat man etwas Neues erfunden, um mich verrückt zu machen. Sobald ich in ein Hotel eingezogen bin, bricht ein Lärm los, ähnlich dem in der Rue de la Grande-Chaumière in Paris: Schritte schleppen und Möbel werden gerückt. Ich wechsle das Zimmer, ich wechsle das Hotel: der Lärm ist da, über meinem Kopfe. Ich gehe in die Restaurants: sobald ich mich im Speisesaal an den Tisch setze beginnt das Gepolter.
Wohlgemerkt: ich frage die Anwesenden ob sie dasselbe Geräusch höre, und man bejaht es stets und gibt dieselbe Beschreibung. Also ist es keine Halluzination des Gehörs, sondern einer Intrige, sage ich mir.
Als ich aber eines Tages unversehens in einen Schuhmacherladen trete, beginnt im selben Augenblick der Lärm. Also doch keine Intrige. Es ist der Teufel!
Von Hotel zu Hotel gejagt, überall von elektrischen Drähten belästigt, die bis an den Rand des Bettes laufen; überall von Strömen angegriffen, die mich vom Stuhl oder aus dem Bett reissen, bereite ich in aller Form den Selbstmord vor.
Es ist das schlechteste Wetter, und ich suche mich in meiner Traurigkeit zu zerstreuen, indem ich mit Freunden zeche.
An einem Tage der Verzweiflung, am Morgen nach einem Gelage, beende ich auf meinem Zimmer mein erstes Frühstück. Das Brett mit dem Geschirr bleibt auf dem Tisch stehen, und ich drehe den Resten des Mahles den Rücken. Ein Geräusch erregt meine Aufmerksamkeit, und ich bemerke, dass das Messer zu Boden gefallen ist. Ich hebe es auf und lege es vorsichtig so hin, dass der Fall sich nicht wiederholen kann. Das Messer erhebt sich und fällt.
Also Elektrizität!
Am selben Morgen schreibe ich einen Brief an meine Mutter, indem ich mich über das schlechte Wetter und über das Leben im allgemeinen beklage. Bei diesem Satz: "Die Erde ist schmutzig, das Meer ist schmutzig, und der Himmel lässt Dreck regnen...." fällt zu meiner grossen Überraschung ein Tropfen klaren Wassers auf das Papier!
Keine Elektrizität! Ein Wunder!
Am Abend, als ich noch am Tisch sitze, erschreckt mich ein Geräusch, das von der Waschtoilette zu hören ist. Ich sehe hin und merke dass ein Wachstuch, das ich bei meinen morgendlichen Waschungen benutze, herabgefallen ist. Um die Sache nachzuprüfen, hänge ich das Wachstuch so auf, dass es nicht fallen kann.
Es fällt noch einmal!
Was ist das?
Jetzt richten sich meine Gedanken wieder auf die Okkultisten und ihre geheime Macht.
Ich setze eine Anzeige auf und verlasse mit diesem Brief die Stadt, um mich nach Lund zu begeben, wo alte Freunde wohnen, Ärzte, Psychiater, Theosophen selbst, auf deren Hilfe ich für mein zeitliches Heil rechne.
Warum und wie werde ich dazu getrieben, mich in dieser kleinen Universitätsstadt niederzulassen, diesem Verbannungs- und Bussort für die Studenten von Upsala, wenn sie zu toll auf Kosten ihres Beutels und ihrer Gesundheit gelebt haben?
Ist es ein Canossa, wo ich meine übertriebenen Ansichten abschwören muss, vor derselben Jugend, die mich einst zwischen 1880 und 1890 zu ihrem Bannerträger ernannten? Ich kenne die Lage sehr gut, und ich weiss wohl, dass ich von der Mehrzahl der Professoren als Verführer der Jugend in den Bann getan bin, und dass die Eltern mich wie den Bösen selbst fürchten.
Obendrein habe ich mir noch persönliche Feinde hier zugezogen; ich habe hier unter Umständen Schulden gemacht, die ein schlechtes Licht auf meinen Charakter werfen; hier wohnt die Schwägerin Popoffskys mit ihrem Gatten und beide sind durch die Stellung, die sie in der Gesellschaft einnehmen, imstande, mir grosse Schwierigkeiten zu bereiten. Hier legen sogar Verwandte, die mich verleugnet; Freunde, die mich im Stich gelassen haben, um ebenso viele Feinde zu werden. Kurz, es ist der schlechtestgewählte Platz für einen ruhigen Aufenthalt, es ist die Hölle, aber mit meisterhafter Logik, mit göttlichem Scharfsinn ausgesucht. Hier muss ich den Kelch leeren, hier muss ich die Jugend mit den erzürnten Mächten wieder vereinigen.
Durch einen übrigens sehr pittoresken Zufall habe ich eben einen modernen Mantel mit Pelerine und Kapuze gekauft, von flohbrauner Farbe, der Kutte der Franziskaner ähnlich. In Büssertracht also kehre ich nach Schweden zurück, nachdem ich sechs Jahre verbannt gewesen bin.
Gegen 1885 bildete sich in Lund eine Studentenverbindung, "Die alten Jungen" genannt, deren literarische, wissenschaftliche und soziale Tendenzen sich mit der Losung "Radikalismus" übersetzen liessen. Ihr Programm, das sich den modernen Ideen anschloss, war zuerst sozialistisch, dann nihilistisch, um auf ein Ideal allgemeiner Auflösung und des fin de siècle mit einem Anstrich von Satanismus und Dekadenz hinauszulaufen.
Das Haupt der Partei, der Tapferste der Paladine, der seit mehreren Jahren mein Freund ist und den ich seit drei Jahren nicht gesehen habe, besucht mich.
Wie ich in eine Kutte gekleidet, aber in eine graue Franziskanerkutte, gealtert, abgemagert, von kläglichem Aussehen erzählt er mir seine Geschichte allein durch seinen Gesichtsausdruck.
—Du auch?
—Ja, es ist aus!
Als ich ihm ein Glas Wein anbiete, lehnt er ab, da er so mässig geworden ist, dass er keinen Wein mehr trinkt!
—Und die alten Jungen?
—Gestorben, zusammengebrochen, Spiessbürger, aufgenommen in die verwünschte Gesellschaft.
—Canossa?
—Canossa auf der ganzen Linie!
—Dann hat die Vorsehung mich hierher geführt!
—Vorsehung! Das ist das rechte Wort.
—Werden die Mächte in Lund wieder anerkannt?
—Die Mächte bereiten ihre Rückkehr vor.
—Schläft man nachts in Schonen?
—Nicht viel! Alle Menschen klagen über Alpdrücken, Brustbeklemmungen, Herzbeschwerden.
—Wie bin ich da am Platze, denn das ist gerade mein Fall!
Wir haben einige Stunden über die Wunderdinge gesprochen, die sich jetzt ereignen, und mein Freund hat mir ausserordentliche Tatsachen erzählt, die hier und dort vorgekommen sind. Zum Schluss drückt er die Ansicht der heutigen Jugend aus, die etwas Neues erwartet.
Man wünscht eine Religion, eine Versöhnung mit den Mächten (das ist das Wort), eine Wiederannäherung an die unsichtbare Welt. Die naturalistische Epoche, die kräftig und fruchtbar war, hat ihre Zeit gehabt. Man braucht sie nicht zu tadeln und nicht zu bedauern: die Mächte haben gewollt, dass wir sie durchmachen. Es war eine experimentelle Epoche, deren Versuche durch ihre negativen Ergebnisse gezeigt haben, wie eitel gewisse Lehren sind. Ein Gott, bis auf weiteres unbekannt, entwickelt sich und wächst, offenbart sich mit Zwischenräumen, in denen er die Welt sich selber zu überlassen scheint, wie der Bauer Unkraut und Weizen wachsen lässt, bis die Ernte kommt. Jedesmal, wenn er sich enthüllt, hat er seine Gedanken geändert und beginnt seine Regierung wieder, indem er Verbesserungen einführt, die er aus der Praxis gewonnen hat.
Die Religion wird also wiederkehren, aber unter andern Formen, und ein Kompromiss mit den alten Religionen erscheint unmöglich. Nicht eine Epoche der Reaktion erwartet uns, nicht eine Rückkehr zu dem, was sich ausgelebt hat, sondern ein Fortschritt zu etwas Neuem.
Was für Neues? Warten wir ab!
Als unser Gespräch zu Ende ist, werfe ich eine Frage auf, wie man einen Pfeil gegen die Wolken schiesst.
—Kennst du Swedenborg?
—Nein, aber meine Mutter besitzt seine Werke, und es sind ihr sogar wunderbare Dinge begegnet.
Vom Atheismus zu Swedenborg ist nur ein Schritt!
Ich bitte meinen Freund, mir Swedenborgs Werke zu leihen. Und der Saul der jungen Propheten bringt mir die "Arcana coelestia".
Zur selben Zeit stellt er mir einen jungen Mann vor, der von den Mächten begnadet ist, ein verlorener Sohn. Der erzählt mir ein Abenteuer seines Lebens, das den meinen ganz ähnlich ist; und als wir unsere Leiden vergleichen, wird es hell in uns und wir werden mit Swedenborgs Hilfe befreit.
Ich danke der Vorsehung, die mich in die kleine verachtete Stadt gesandt hat, um dort Busse zu tun und mein Heil zu finden.
15.
Der Erlöser.
Als Balzac mir in seiner "Seraphita" meinen erhabenen Landsmann Emanuel Swedenborg, den "Buddha des Nordens", vorstellte, hat er mich die evangelische Seite des Propheten kennen gelehrt. Jetzt ist es das Gesetz, das mich trifft, zermalmt und befreit.
Durch ein Wort, ein einziges, wird es Licht in meiner Seele, und verschwunden sind die Zweifel, die fruchtlosen Grübeleien über eingebildete Feinde, Elektriker, Schwarzmagier. Dieses kleine Wort ist: devastatio (ödeläggelse, Verödung). Alles, was mir geschehen ist, finde ich bei Swedenborg wieder: die Angstgefühle (angor pectoris), die Brustbeklemmung, das Herzklopfen, der Gürtel, den ich elektrisch nannte, alles ist da; und die Summe dieser Erscheinungen bildet die geistige Reinigung, die schon dem Apostel Paulus bekannt war und von ihm in den Briefen an die Korinther und an Timotheus erwähnt wird: "Ich habe beschlossen, über den, der solches getan hat, ihn zu übergeben dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu".—"Unter welchen ist Hymenäus und Alexander, welche ich habe dem Satan übergeben, dass sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern."
Als ich Swedenborgs Träume von 1744 lese, dem Jahr, das seinen Verbindungen mit der unsichtbaren Welt vorausgeht, entdecke ich, dass der Prophet dieselben nächtlichen Martern wie ich erduldet hat. Was mich aber besonders packt: die Symptome gleichen einander so, dass ich über die Natur meiner Krankheit nicht mehr im Zweifel bin.
In "Arcana coelestia" erklären sich die Rätsel der beiden letzten Jahre mit einer so überwältigenden Genauigkeit, dass ich, das Kind des berühmten neunzehnten Jahrhunderts, die unerschütterliche Überzeugung bekomme, dass es die Hölle gibt, aber hier, auf der Erde, und dass ich sie eben durchgemacht habe.
Swedenborg erklärt mir, warum ich im Krankenhaus des heiligen Ludwig geweilt habe: Die Alchemisten werden vom Aussatz befallen und reissen sich den Schorf ab, der Fischschuppen gleicht. Es ist eine unheilbare Krankheit der Haut.
Swedenborg sagt mir, was die hundert Abtritte des Hotel Orfila bedeuten: Das ist die Kothölle. Der Schornsteinfeger, den mein Töchterchen in Österreich gesehen hat, findet sich auch wieder: "Unter den Geistern gibt es solche, die man unter dem Namen Schornsteinfeger kennt, weil ihr Gesicht wirklich von Rauch geschwärzt ist und sie in einem Gewand von brauner Russfarbe erscheinen.... Einer dieser Schornsteinfegermeister kam zu mir und ersuchte mich dringend, darum zu beten, dass er in den Himmel aufgenommen werde. Ich glaube nicht, sagte er, etwas begangen zu haben, was mich davon ausschliessen könnte; ich habe die Bewohner der Erde zurechtgewiesen, aber ich habe immer dem Verweis und der Züchtigung die Belehrung folgen lassen....
"Die richtenden, bessernden und belehrenden Geister des Menschen heften sich an seine linke Seite, indem sie sich gegen den Rücken neigen und das Buch seines Gedächtnisses nachschlagen und seine Handlungen, ja sogar seine Gedanken darin lesen; denn wenn ein Geist beim Menschen eindringt, bemächtigt er sich des Gedächtnisses. Wenn sie eine schlechte Handlung oder die Absicht, Böses zu tun, sehen, strafen sie ihn durch einen Schmerz im Fuss, in der Hand (!) oder um die Magengegend; und sie tun das mit einer beispiellosen Fertigkeit. Ein Beben kündigt ihr Kommen an.
"Ausser dem Schmerz der Glieder wenden sie noch einen schmerzhaften Druck um den Nabel an, als drücke einem ein stachliger Gürtel; von Zeit zu Zeit Zusammenschnüren der Brust, das bist zur Angst getrieben wird; Ekel vor jeder Nahrung, ausser Brot, und zwar Tage lang.
"Andere Geister bemühen sich vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was die belehrenden Geister gesagt haben. Die Geister des Widerspruchs sind auf der Erde aus der Gesellschaft der Menschen wegen ihrer Ruchlosigkeit verbannt gewesen. Man erkennt ihr Nahen an einem fliegenden Feuer, das vor dem Gesicht sich herabzulassen scheint; sie stellen sich unter den Rücken des Menschen, von wo sie sich nach den Teilen bemerkbar machen".
(Diese fliegenden Feuer oder Funken habe ich zweimal gesehen, und immer in Augenblicken der Empörung, als ich alle Vorstellungen als leere Träume verwarf.)
"Sie predigen, dem, was die belehrenden Geister den Engeln nachsprechen, keinen Glauben zu schenken, seinen Wandeln nicht den Lehren anzupassen, die man von ihnen empfangen hat, sondern in aller Freiheit und Ausgelassenheit zu leben. Gewöhnlich kommen sie, sobald die andern sich entfernt haben. Die Menschen kennen sie und beunruhigen sich kaum über sie; aber sie lernen dadurch, was gut und was böse ist. Denn man lernt die Eigenschaft des Guten durch sein Gegenteil kennen; jeder Begriff von einer Sache bildet sich, indem man überlegt, wie sie sich von ihrem Gegenteil unterscheidet, und zwar von verschiedenen Gesichtspunkten aus und auf verschiedene Arten".
Der Leser erinnert sich an die antiken Marmorskulpturen ähnlichen menschlichen Gesichter, die sich aus dem weissen Bezug meines Kopfkissens im Hotel Orfila formten. Darüber sagt Swedenborg:
"Zwei Zeichen lassen erkennen, dass sie (die Geister) bei einem Menschen sind; das eine ist ein alter Mann mit weissem Gesicht; dieses Zeichen verkündet ihnen, dass sie immer die Wahrheit sagen und nur gerecht handeln sollen.... Ich habe selber ein greisenhaftes menschliches Gesicht dieser Art gesehen.... Gesichter von grosser Weisse und grosser Schönheit, aus denen zugleich Aufrichtigkeit und Bescheidenheit leuchten".
(Um den Leser nicht zu erschrecken, habe ich mit Absicht verschwiegen, dass sich alles, was ich hier oben zitiert habe, auf die Bewohner des Jupiters bezieht. Man denke sich nun meine Überraschung, als man mir eines Tages im Frühling eine Revue bringt, die Swedenborgs Haus auf dem Planeten Jupiter, von Viktorien Sardou gezeichnet, wiedergibt. Zunächst, warum Jupiter? Welche seltsame Zusammentreffen! Und hat der Meister der französischen Komödie beachtet, dass die linke Fassade, aus genügender Entfernung betrachtet, ein greisenhaftes Menschengesicht bildet? Dieses Antlitz gleicht dem meines Kopfkissens! Aber in der Zeichnung Sardous gibt es noch mehr solche menschlichen Silhouetten, die durch die Umrisse geschaffen werden. Ist die Hand des Meisters von einer andern Hand geführt worden, so dass er mehr gegeben hat, als er wusste?)
Wo hat Swedenborg diese Höllen und Himmel gesehen? Sind es Visionen, Intuitionen, Inspirationen? Ich wüsste es nicht zu sagen, aber die Ähnlichkeit, die seine Hölle mit der Dantes und der griechischen, römischen, germanischen Mythologie hat, lässt mich glauben, dass die Mächte sich immer fast der gleichen Mittel bedient haben, um ihre Pläne zu verwirklichen.
Und diese Pläne? Den menschlichen Typs zu vervollkommnen, den höheren Menschen zu erzeugen, den "Übermenschen", wie ihn Nietzsche, die vor der Zeit verbrauchte und ins Feuer geworfene Zuchtrute, verkündigte.
So erscheint das Problem des Bösen wieder, und die sittliche Gleichgültigkeit Taines fällt vor neuen Forderungen zu Boden. Die Dämonen sind eine notwendige Konsequenz.
Was sind Dämonen? Sobald wir die Unsterblichkeit der Seele zugeben, sind die Toten nichts anderes als Überlebende, die ihre Beziehungen zu den Lebenden fortsetzen. Die bösen Geister sind also nicht böse, weil ihr Zweck ein guter ist, und man müsste sich eher des Wortes Swedenborgs bedienen, Zuchtgeister, um den Menschen Furcht und Verzweiflung zu nehmen.
Den Teufel als selbständige, Gott gleiche Macht braucht es nicht zu geben, und des Bösen unleugbare Erscheinungen unter der traditionellen Form brauchen nur ein Schreckbild zu sein, das die einzige und gute Vorsehung hervorgerufen hat. Diese Vorsehung, die mittels einer aus den Verstorbenen zusammengesetzten ungeheuren Verwaltung herrscht.
Tröstet euch also und seit stolz auf die Gnade, die euch allen bewilligt ist, die ihr von Schlaflosigkeit, Alpdrücken, Erscheinungen, Angstzuständen, Herzklopfen heimgesucht und gemartert werdet! Numen adest. Gott verlangt nach euch!
16.
Trübsal.
In der kleinen Musenstadt eingeschlossen, ohne eine Hoffnung, herauszukommen, liefere ich die furchtbare Schlacht gegen den Feind, mich selbst.
Jeden Morgen, wenn ich auf dem von Platanen beschatteten Wall spazieren gehe, erinnert mich das grosse rote Irrenhaus an die Gefahr, der ich entgangen bin, und an die Zukunft, falls ich einen Rückfall erleide. Swedenborg hat mich, indem er mich über die Natur der Schrecken aufgeklärt, die ich während des letzten Jahres durchgemacht habe, von den Elektrikern, Schwarzkünstlern, Zauberern, den Neidern des Goldmachers, dem Wahnsinn befreit. Er hat mir den einzigen Weg gezeigt, der zum Heil führt: die Dämonen in ihrem Zufluchtsort, in mir selber, aufzusuchen und sie zu töten durch.... Reue. Balzac, der Adjutant des Propheten, hat mir in "Seraphita" gezeigt, dass "Gewissensqual eine Ohnmacht dessen ist, der seinen Fehltritt wiederholen wird. Die Reue allein ist eine Stärke und beendigt alles".
Also die Reue! Aber heisst das nicht die Vorsehung missbilligen, die mich zu ihrer Geissel ausgewählt hat? Heisst das nicht den Mächten sagen: ihr habt mein Schicksal schlecht geleitet; ihr habt mich geboren werden lassen mit dem Beruf zu strafen, die Götzenbilder zu stürzen, mich zu empören, und dann zieht ihr euren Schutz zurück und liefert mich einem lächerlichen Widerruf aus? Zu Kreuze kriechen und Busse tun!
Seltsamer Circulus vitiosus, den ich mit zwanzig Jahren voraussah, als ich mein Drama "Meister Olof" dichtete, das die Tragödie meines Lebens geworden ist. Wozu dreissig Jahre lang ein elendes Leben führen, um durch Erahnung das zu erreichen, was man vorausgeahnt hat? Jung, war ich aufrichtig fromm, und ihr habt einen Freidenker aus mir gemacht. Aus dem Freidenker habt ihr einen Atheisten gemacht, aus dem Atheisten einen Religiösen. Für die Menschheit begeistert, habe ich den Sozialismus verkündet: fünf Jahre später habt ihr mir gezeigt, wie sinnlos der Sozialismus ist. Alles, was mich begeistert hat, habt ihr für nichtig erklärt. Und wenn ich mich der Religion weihe, so bin ich sicher, in zehn Jahren werdet ihr sie widerlegen.
Sieht es nicht so aus, als trieben die Götter ihren Scherz mit uns Sterblichen? Und darum können wir bewussten Spötter in den schlimmsten Augenblicken unseres Lebens lachen!
Wie könnt ihr verlangen, dass man ernst nimmt, was sich als ein ungeheurer Scherz erweist?
Jesus Christus, der Erlöser, wen hat er erlöst? Seht die christlichen aller Christen, unsere skandinavischen Frommen, diese blassen, elenden, eingeschüchterten Menschen, die nicht lächeln können: sie haben das Aussehen von Besessenen! Sie scheinen den Dämon in ihrem Herzen zu tragen. Und beachtet, wie alle ihre Führer als Missetäter im Gefängnis geendet haben. Warum hat ihr Herr sie dem Feind überliefert?
Ist die Religion eine Züchtigung und Christus ein Rachegeist?
Alle alten Götter werden in der folgenden Epoche Dämonen: Die Bewohner des Olymp sind Dämonen geworden; Odin, Thor, der Teufel in Person. Prometheus-Lucifer, zum Satan entartet. Ist etwa—Gott verzeihe mir!—Christus auch in einen Dämon verwandelt? Er tötet ja Vernunft, Fleisch, Schönheit, Freude, die reinsten Leidenschaften der Menschheit. Tötet die Tugenden: Freimut, Tapferkeit, Ruhm; Liebe, Barmherzigkeit!
Die Sonne scheint, das tägliche Leben geht seinen Gang, der Lärm der Arbeit ermuntert die Lebensgeister. Da bäumt sich der Mut der Empörung auf, da schleudert man seine Zweifel herausfordernd gegen den Himmel.
Dann aber sinken Nacht, Stille, Einsamkeit herab, und der Hochmut vergeht, das Herz klopft, die Brust zieht sich zusammen! Dann springt man zum Fenster hinaus, kniet in der Dornenhecke nieder, sucht den Arzt auf und bittet einen Kameraden, im selben Zimmer zu schlafen!
Tretet nachts wieder in euer Zimmer, und ihr werdet dort jemand finden; ihr seht ihn nicht, aber ihr fühlt deutlich dessen Anwesenheit. Geht in die Irrenanstalt und fragt den Irrenarzt, und er wird von Nervenschwäche, Verrücktheit, Brustbeklemmung und dergleichen sprechen, aber er wird euch niemals heilen!
Wohin könnt ihr also gehen, ihr alle, die ihr an Schlaflosigkeit leidet und die Strassen durchwandert, bis die Sonne wieder aufgeht?
Weltmühle, Gottes Mühle sind sprüchwörtlich geworden. Habt ihr dieses Sausen in den Ohren gehört, das dem Geräusch einer Wassermühle gleicht? Habt ihr in der Einsamkeit, bei Nacht oder selbst am hellen Tage, beobachtet, wie die Erinnerungen des vergangenen Lebens wieder auferstehen, eine nach der andern? Alle Verstösse, alle Vergehen, alle Dummheiten treiben euch das Blut bis in die Ohren, pressen euch den Schweiss bis in die Haare, jagen euch den Schauder bis in den Rücken. Ihr lebt das gelebte Leben noch einmal, von der Geburt bist auf den heutigen Tag, ihr leidet noch einmal alle erlittenen Leiden, ihr leert noch einmal all die bitteren Kelche, die ihr so oft geleert habt; ihr kreuzigt euer Skelett, weil kein Fleisch mehr zu töten ist; ihr verbrennt die Seele, weil euer Herz schon verbraucht ist.
Ihr kennt das!
Das ist die Mühle des Herrn, die langsam mahlt, aber fein und schwarz. Ihr seid in Staub aufgelöst, und ihr glaubt, es sei aus mit euch. Aber nein, es beginnt von neuem und ihr müsst die Mühe noch einmal durchgehen! Das ist die Hölle hier auf Erden; die ist von Luther erkannt worden, der es als eine besondere Gnade schätzt, auf dieser Seite der Feuerhimmel zermahlen zu werden.
Seid glücklich und dankbar!
Was ist zu machen? Sich demütigen?
Aber wenn ihr euch vor den Menschen demütigt, so weckt ihr deren Hochmut, weil sie glauben werden, sie seien besser als ihr, wie gross auch ihre Ruchlosigkeit ist.
Also vor Gott sich demütigen! Aber es ist eine Beleidigung, den Höchsten zu einem Plantagenbesitzer zu erniedrigen, der über Sklaven herrscht!
Beten! Wie? Sich das Recht anmassen, Wille und Urteil des Ewigen durch Schmeichelei und Kriecherei zu beeinflussen!
Gott suchen und den Teufel finden! Das ist mir geschehen.
Ich habe Busse getan, ich habe mich gebessert, und sobald ich meine Seele wieder besohlen will, muss ich einen neuen Rüster haben; setz neue Hacken an, und das Oberleder platzt. Zu Ende kommt man nicht.
Ich höre auf zu trinken und komme gegen neun Uhr abends nüchtern nach Haus, um ein Glas Milch zu nehmen. Das Zimmer ist von Dämonen erfüllt, die mich aus dem Bett reissen und unter der Decke ersticken. Wenn ich aber gegen Mitternacht berauscht nach Haus komme, schlafe ich ein wie ein Engel und erwache stark wie ein junger Gott, bereit wie ein Galeerensträfling zu arbeiten.
Ich meide Frauen, und ungesunde Träume beunruhigen meine Nächte.
Ich gewöhne mich, nur Gutes von meinen Freunden zu denken, ich vertraue ihnen meine Geheimnisse und mein Geld an: Alsbald werde ich verraten. Lehne ich mich gegen eine Treulosigkeit auf, so bin ich es immer, der bestraft wird.
Ich versuche die Menschen im allgemeinen zu lieben; ich mache mich blind gegen ihre Fehler, und mit einer Langmut ohne Grenzen lasse ich ihre Gemeinheiten und Verleumdungen durchgehen; eines Tages finde ich, dass ich ihr Mitschuldiger werde. Wenn ich mich von einer Gesellschaft, die ich für schlecht halte, zurückziehe werde ich alsbald von den Dämonen der Einsamkeit angefallen, und suche ich bessere Freunde, finde ich die schlimmsten.
Wenn ich die bösen Leidenschaften besiegt habe und durch Enthaltsamkeit zu einem gewissen Frieden des Herzens gelangt bin, empfinde ich eine Selbstzufriedenheit, die mich über meinen Nächsten erhebt; und das ist eine Todsünde, die Eigenliebe, die auf der Stelle bestraft wird.
Wie die Tatsache erklären, dass jede Lehrzeit in der Tugend ein neues Laster zur Folge hat.
Swedenborg löst die Frage, indem er sagt die Laster seien Strafen, die den Menschen für Sünden höherer Art auferlegt werden. So werden zum Beispiel die Ehrgeizigen zur sodomitischen Hölle verdammt. Geben wir zu, dass diese Lehre die Wahrheit enthält, so müssen wir unsere Laster ertragen und uns über die Gewissensqual, die sie begleitet, freuen, als bezahlten wir unsere Schulden am Schalter der grossen Kasse. Die Tugend suchen, bedeutet also, aus dem Gefängnis der Strafen zu entrinnen suchen.
Das hat Luther im Artikel 39 seiner Schrift gegen die römische Bulle sagen wollen, in dem er verkündigt: "Die Seelen des Fegefeuers sündigen unaufhörlich, weil sie den Frieden suchen und den Qualen ausweichen."
Ebenso in Artikel 34: "Die Türken bekämpfen, ist nichts anderes, als sich gegen Gott, der uns durch die Türken für unsere Sünden züchtigt, auflehnen."
Es ist also klar, dass "alle unsere guten Werke Todsünden sind", und dass "die Welt vor Gott schuldig sein muss, und dass niemand gerecht werden kann ohne die Gnade".
Leiden wir also, meine Brüder, ohne von dem Leben eine einzige wirkliche Freude zu erhoffen, denn wir sind in der Hölle.
Und klagen wir nicht den Herrn an, wenn wir die kleinen unschuldigen Kinder leiden sehen. Niemand wird wissen, warum sie leiden, aber die göttliche Gerechtigkeit lässt uns ahnen, dass sie Verbrechen sühnen, die begangen sind, bevor sie zur Welt kamen.
Freuen wir uns über die Qualen, die ebenso viele bezahlte Schulden sind, und glauben wir, dass wir aus Barmherzigkeit nicht erfahren, welche Ursachen ursprünglich unsere Strafen haben.
17.
Wohin gehen wir?
Sechs Monate sind vergangen, und ich gehe noch immer auf dem Stadtwall spazieren, von wo ich meine Blicke nach dem Irrenhaus schweifen lasse und nach dem blauen Streifen des fernen Meeres spähe. Von dort wird die neue Zeit, die neue Religion kommen, von der die Welt träumt.
Der düstere Winter ist begraben, die Felder grünen, die Bäume blühen, die Nachtigall schlägt im Garten der Sternwarte; aber die Traurigkeit des Winters lastet auf unseren Seelen, denn so viel unheilvolle Ereignisse, so viel unerklärliche Vorfälle haben wir erlebt, dass selbst die Ungläubigsten unruhig geworden sind. Die Schlaflosigkeit nimmt zu, die Nervenkrisen vermehren sich, die Visionen sind häufig geworden, wahre Wunder erfüllen sich. Man erwartet etwas.
Ein junger Mensch besucht mich.
—Was muss man tun, um nachts ruhig zu schlafen?
—Was ist geschehen?
—Ich weiss es wahrhaftig nicht zu sagen, aber ich habe einen Schrecken vor meinem Schlafzimmer bekommen, und ich ziehe morgen aus.
—Junger Mann, Atheist und Realist, was ist geschehen?
—Als ich heute Nacht die Tür öffnete, um einzutreten, fasste mich jemand beim Arm und schüttelte mich.
—Es ist also jemand in Ihrem Zimmer?
—Aber nein! Ich habe die Kerzen angezündet und ich habe niemand gesehen.
—Junger Mann, es gibt jemand, den man bei Kerzenlicht nicht sieht.
—Wer ist das?
—Das ist der Unsichtbare, junger Mann. Haben sie Sulfonal, Bromkalium, Morphium, Chloral genommen?
—Ich habe alles versucht!
—Und der Unsichtbare räumt nicht das Feld. Sie wollen nachts ruhig schlafen und Sie verlangen von mir das Mittel. Hören Sie, junger Mann, ich bin weder ein Arzt noch ein Prophet; ich bin ein alter Sünder, der Busse tut. Verlangen Sie weder Predigten noch Prophezeiungen von einem Schächer, der kaum Zeit genug hat, sich selber zu predigen. Ich habe an Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit gelitten, ich habe Körper an Körper mit dem Unsichtbaren gerungen, und ich habe endlich Schlaf und Gesundheit wiedergewonnen. Wissen Sie, wie? Raten Sie!
Der junge Mann errät mich und schlägt die Augen nieder.
—Sie erraten es! Dann gehen Sie in Frieden und schlafen Sie gut!
Ich muss schweigen und mich erraten lassen, denn in dem Augenblick, in dem ich mir einfallen liesse, den Prediger zu spielen, würde man sich von mir wenden.
Ein Freund fragt mich:
—Wohin gehen wir?
—Ich wüsste es nicht zu sagen; mich persönlich scheint der Weg des Kreuzes zum Glauben meiner Väter zurückzuführen.
—Zum Katholizismus?
—Es scheint mir so! Der Okkultismus hat seine Rolle gespielt, indem er die Wunder und die Dämonologie wissenschaftlich erklärte. Die Theosophie, die der Religion den Weg bahnte, hat ausgelebt, nachdem sie die Weltordnung, die straft und belohnt, wiederhergestellt hat. Karma wird sich in Gott verwandeln, und die Mahatmas werden sich als die neugeborenen Mächte, als Zuchtgeister (Dämonen) und als Lehrgeister (Eingeber) enthüllen. Der Buddhismus, den das junge Frankreich pries, hat die Resignation und den Kultus des Leidens eingeführt, die geraden Weges nach Golgatha leiten.
Was das Heimweh betrifft, das ich nach der Mutterkirche empfinde, so ist das eine lange Geschichte, die ich in Kürze erzählen möchte.
Als Swedenborg mich lehrte, dass es verboten sei, die Religion seiner Väter zu verlassen, hat er dem Protestantismus, der ein Verrat an der Mutterkirche ist, das Urteil gesprochen.
Vielmehr, der Protestantismus ist eine den Barbaren des Nordens auferlegte Strafe; der Protestantismus, das ist das Exil, die babylonische Gefangenschaft. Aber die Rückkehr in das gelobte Land scheint nahe zu sein. Die grossen Fortschritte, die der Katholizismus in Amerika, England, Skandinavien macht, verkünden die allgemeine Versöhnung: zur selben Zeit hat die griechische Kirche dem Abendland die Hand gereicht.
Das ist der Traum der Sozialisten, die Vereinigten Staaten des Abendlandes wiederherzustellen, aber in geistigem Sinn verbessert. Doch bitte ich euch, nicht zu glauben, dass politische Überlegungen mich zur römischen Kirche zurückführen. Nicht ich habe den Katholizismus gesucht, er hat sich mir aufgedrängt, nachdem er mich jahrelang verfolgt hat. Mein Kind, das gegen meinen Willen katholisch wurde, hat mich die Schönheit eines Kultes gelehrt, der sich seit seinem Ursprung unberührt erhalten hat, und ich habe immer das Original der Kopie vorgezogen. Der lange Aufenthalt im Lande meines Töchterchens liess mich die hohe Aufrichtigkeit des religiösen Lebens bewundern. Von ähnlicher Wirkung war mein Aufenthalt im Krankenhaus des heiligen Ludwig und schliesslich meine Abenteuer der letzten Monate.
Nachdem ich mein Leben, das mich wie gewisse Verdammte in Dantes Hölle dem Wirbelwind überlieferte, untersucht und dabei erkannt hatte, dass mein Dasein im ganzen keinen anderen Zweck gehabt habe, als mich zu demütigen und zu besudeln, entschloss ich mit, den Henkern zuvorzukommen und selbst die Folterungen an mir zu vollziehen. Ich wollte mitten in den Leiden, Unsauberkeiten und Todesängsten leben und bereitete mich vor, eine Stelle als Krankenpfleger zu suchen und zwar im Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu zu Paris. Dieser Gedanke kam mir am Morgen des 29. April, nachdem ich einer alten Frau mit einem Totenkopf begegnet war. Als ich nach Hause kam, fand ich auf meinen Tisch "Seraphita" aufgeschlagen; auf der rechten Seite zeigte ein Holzsplitter auf diesen Satz:
"Tut für Gott, was ihr für eure ehrgeizigen Pläne tun würdet; was ihr tut, wenn ihr euch einer Kunst widmet; was ihr getan habt, als ihr ein Wesen mehr als ihn liebtet; oder als ihr ein Geheimnis der menschlichen Wissenschaften verfolgtet! Ist Gott nicht die Wissenschaft selbst...."
Am Nachmittag erhielt ich die Zeitung "L'Eclair", und—welcher Zufall!—das Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu wird zweimal im Text genannt.
Am 1. Mai las ich zum erstenmal in meinem Leben, "Wie man Magier wird" von Peladan.
Peladan, mir bis heute ein Unbekannter, erscheint wie ein Gewitter, eine Offenbarung des höheren Menschen, des Nietzscheschen Übermenschen, und mit ihm hält der Katholizismus seinen feierlichen und sieghaften Einzug in mein Leben.
Ist "der da kommen soll", in der Person Peladans gekommen? Der Dichter-Denker-Seher, ist er es, oder sollen wir noch eines andern warten?
Ich weiss es nicht; aber nachdem ich diese Vorhallen zu einem neuen Leben überschritten habe, beginne ich am 3. Mai dieses Buch zu schreiben.
Am 5. Mai besucht mich ein katholischer Priester, ein Konvertit.
Am 9. Mai sehe ich Gustav Adolf in der Asche des Kamins.
Am 14. Mai las ich in Peladan: "An Zaubereien zu glauben, war gut gegen das Jahr tausend; beim Nahen des Jahres zweitausend stellt ein Beobachter fest, das mancher Mensch die verhängnisvolle Eigenschaft besitzt, dem, der ihn verletzt, Unglück zu bringen. Du verweigerst ihm eine Bitte, und deine Geliebte betrügt dich; du machst ihn schlecht, und du musst das Bett hüten; alles Böse, was du ihm antun willst, wendet sich in verstärktem Masse gegen dich.—Tut nichts, der Zufall wird dieses unerklärliche Zusammentreffen erklären; der Zufall genügt dem Determinismus des Modernen".
17. Mai.—Ich las von dem Dänen Jörgensen, der sich zum Katholizismus bekehrt hat, eine Schrift über das Kloster Beuron.
18. Mai.—Ein Freund, den ich seit sechs Jahren nicht gesehen habe, ist soeben nach Lund gekommen und zieht in das Haus, in dem ich wohne. Man denke sich meine Bewegung, als ich erfahre, dass er sich soeben zum Katholizismus bekehrt hat. Er leiht mir das römische Gebetbuch, da ich meins vor einem Jahr verloren habe; als ich die lateinischen Kirchenlieder wieder lese, fühle ich mich zu Hause.
27. Mai.—Nachdem wir mehrere Male über die Mutterkirche gesprochen haben, hat mein Freund an das belgische Kloster, in dem er getauft worden ist, einen Brief geschrieben und um einen Ruhesitz für den Verfasser dieses Buches gebeten.
28. Mai.—Ein Gerücht läuft um, Annie Besant sei katholisch geworden; aber es wird nicht bestätigt.
Ich warte noch auf die Antwort des belgischen Klosters.
Wenn dieses Buch gedruckt sein wird, werde ich die Antwort empfangen haben. Und dann? Darauf?—Ein neuer Spass der Götter, die laut auflachen, wenn wir heisse Tränen weinen?
Lund, 3. Mai bis 25. Juni 1897
Epilog.
Ich hatte dieses Buch zuerst mit dem Ausruf beendet: "Welcher Schwindel, welcher traurige Schwindel ist das Leben!"
Nachdem ich aber etwas nachgedacht hatte, fand ich den Satz unwürdig und strich ihn.
Aber die Unschlüssigkeit hörte nicht auf, und ich nahm meine Zuflucht zur Bibel, um die ersehnte Aufklärung zu erhalten.
Dies hat es mir geantwortet, das heilige Buch, das mehr als jedes andere mit wunderbaren prophetischen Eigenschaften ausgestattet ist:
"Ich will mein Angesicht wider ihn setzen, dass er zum Zeichen und Sprichwort werden soll, und ich will ihn aus meinem Volk roden, dass ihr erfahren sollt, Ich sei der Herr.
"Wo aber ein Prophet sich betören lässt, etwas zu reden, den habe Ich, der Herr, betörtet, und will meine Hand über ihn ausstrecken, und ihn aus meinem Volk Israel roden." (Hesekiel 14, 8/9.)
Das also ist die Gleichung meines Lebens: ein Zeichen, ein Beispiel, um andern zur Besserung zu dienen; ein Sprichwort, um zu zeigen, wie eitel Ruhm und Ehre sind; ein Sprichwort, um die Jugend aufzuklären, wie man nicht leben darf, ein Sprichwort, ich, der ein Prophet zu sein glaubte, und sich als Betrüger entlarvt sieht.
Nun, der Ewige hat diesen Betrüger-Propheten verleitet, aufzutreten und zu sprechen, und der falsche Prophet fühlt sich unverantwortlich, da er die Rolle gespielt hat, die ihm auferlegt wurde.
Hier ist, meine Brüder, ein Menschenschicksal unter so vielen andern; gebt zu, dass das Leben eines Menschen ein Schwindel scheinen kann!
Warum ist der Verfasser dieses Buches auf eine so ausserordentliche Art bestraft worden? Man lese das Mysterium, das dem Text vorangeht. Es ist vor dreissig Jahren geschrieben worden, bevor der Verfasser etwas von den Ketzern, die "Stedinger" heissen, wusste. Papst Gregor IX. tat sie 1232 in den Bann, wegen ihrer satanistischen Lehre: "Lucifer, der gute Gott, von "dem andern" verjagt und abgesetzt, wird zurückkehren, wenn sich der Usurpator, Gott genannt, durch seine elende Regierung, seine Grausamkeit und Ungerechtigkeit bei den Menschen verächtlich gemacht und von seiner eigenen Unfähigkeit überzeugt haben wird".
Der Fürst dieser Welt, der die Sterblichen zu Lastern verurteilt und die Tugend durch das Kreuz und den Scheiterhaufen, durch Schlaflosigkeit und Alpdrücken züchtigt, wer ist er? Der Henker, dem wir überliefert sind, für unbekannte oder vergessene Verbrechen, die wir in einer andern Welt begangen haben!
Und die Zuchtgeister Swedenborgs? Schutzengel, die uns vor geistigen Übeln bewahren!
Welche babylonische Verwirrung!
Augustinus hat es für unklug erklärt, am Dasein von Dämonen zu zweifeln.
Thomas von Aquino hat verkündet, Dämonen riefen Gewitter und Blitzschläge hervor, und diese Geister könnten ihre Macht den Händen der Sterblichen anvertrauen.
Papst Johannes XXII. Beklagt sich über unerlaubte Kunstgriffe seiner Feinde: die quälten ihn, indem sie seine Porträts mit Nadeln zerstachen. (Behexung.)
Luther ist der Ansicht, dass alle Unfälle, Knochenbrüche, Einstürze, Feuersbrünste, die meisten Krankheiten von Teufeln herrühren, die ihr Spiel treiben.
Luther geht noch weiter und spricht die Ansicht aus, gewisse Menschen hätten ihre Hölle schon in diesem Leben gefunden.
Habe ich also mit gutem Vorbedacht mein Buch "Inferno" getauft?
Wenn der Leser meine Ansicht als zu pessimistisch in Zweifel zieht, lese er meine Lebensgeschichte: "Der Sohn einer Magd, Die Entwicklung einer Seele, Die Beichte eines Toren".
Wer dieses Buch für eine Dichtung halten sollte, möge mein Tagebuch vergleichen, das ich seit 1895 Tag für Tag geführt habe und von dem dieses Buch nur eine ausgeführte und geordnete Bearbeitung ist.
Legenden 1897—1898
Meinen Unglücksbrüdern
eigne ich dieses Buch zu, indem ich mir zu gleicher Zeit ihre Nachsicht für die Sünden der Indiskretion erbitte, die ich darin aus ehrlicher Absicht und zu lobenswertem Zweck begangen habe. Es wird ihre Sache sein, mich freizusprechen oder zu verurteilen, und mir kommt nur zu, sie um Verzeihung zu bitten, falls ich wehgetan habe.
Der Verfasser.
Erster Teil
1.
Der besessene Teufelsbeschwörer.
Gejagt von den Erinnyen, wurde ich schliesslich im Dezember 1896 in der kleinen Universitätsstadt Lund in Schweden festgehalten. Eine Anhäufung kleinbürgerlicher Häuser um eine Domkirche, ein palastartiges Universitätsgebäude und eine Bibliothek, bildet die Stadt eine Zivilisations-Oase in der grossen südschwedischen Ebene.
Ich muss den raffinierten Scharfsinn bewundern der mir diesen Ort zum Gefängnis ausersehen hat. Von den "Eingeborenen" in Schonen wird die Universität Lund sehr geschätzt, aber für einen Mann vom Norden, wie ich es bin, ist der Umstand, dass man hier lebt, ein Zeichen, dass man heruntergekommen ist.
Ferner für mich, der ich hoch in den Vierzigern stehen, zwanzig Jahre lang verheiratet gewesen bin, mich an ein regelmässiges Familienleben gewöhnt habe, ist es eine Demütigung, eine Relegation, auf den Umgang mit Studenten angewiesen zu sein; Junggesellen, die einem ausschweifenden Kneipenleben ergeben und wegen ihrer oppositionellen Denkart bei den väterlichen Autoritäten der Akademie mehr oder weniger schlecht angeschrieben sind.
Gleichaltrig und einst Kamerad der Professoren, die mich jetzt nicht mehr kennen, werde ich gezwungen, meine Gesellschaft bei den Studenten zu suchen, also die Rolle eines Feindes der Alten und der angesehenen Gesellschaftskreise zu übernehmen.
Heruntergekommen, das ist das rechte Wort. Und warum? Weil ich es verschmähte, mich den Gesetzen des Gesellschaftslebens und der Familiensklaverei zu unterwerfen. Aus eine heilige Pflicht habe ich den Kampf für die Aufrechterhaltung meiner Persönlichkeit betrachtet, ob diese nun gut oder schlecht sein mag.
In Acht erklärt, scheel angesehen, von Vätern und Müttern als ein Verführer der Jugend verflucht, bin ich in eine Lage versetzt, die an die der Schlange im Ameisenhaufen erinnert, um so mehr als ich infolge von Geldverlegenheit die Stadt nicht verlassen kann.
Geldverlegenheit! Das ist nun mein Schicksal seit drei Jahren, und ich kann es nicht erklären, wie es kommt, dass alle Quellen versiegt sind, nachdem aller Vorrat erschöpft war. Vierundzwanzig Theaterstücke von meiner Hand, jetzt aufgelegt im Winkel, und kein einziges wird mehr gespielt; ebenso viele Romane und Erzählungen und kein Band ist in neuer Auflage herausgekommen. Alle Versuche, eine Anleihe aufzunehmen, sind gescheitert und scheitern noch immer. Nachdem ich alles verkauft hatte, was ich besass, zwang die Not mich schliesslich, die Briefe zu verkaufen, die ich Laufe der Jahre empfangen habe, das heisst fremdes Eigentum!
Diese unveränderliche Armut scheint mir so deutlich auf einer besonderen Absicht zu beruhen, dass ich sie schliesslich gutwillig hinnehme, als einen Bestandteil meiner Sündenbusse, und nicht mehr Widerstand zu leisten suche.
Was mich selbst betrifft, für mich als freien Schriftsteller hat die Mittellosigkeit nichts zu bedeuten, aber nicht für den Unterhalt meiner Kinder sorgen zu können, das ist die reine Schande.
Nur zu denn mit der Schande! Nur zu mit der Schmach! Nur zu mit dieser Hölle! Ich gebe der Versuchung nicht nach, die falsche Ehre mit meinem Leben zu bezahlen!
Gefasst auf alles, leere ich entschlossen bis auf den Grund die äusserste der ausserordentlichen Demütigungen; und man gebe acht, wie meine Sühneleiden anfangen.
Wohlerzogene Jünglinge aus wohlhabenden Familien bringen mir eines Nachts eine Katzenmusik im Korridor. Ich nehme sie entgegen wie etwas Wohlverdientes und ohne mich zu rühren.
Ich will eine möblierte Wohnung mieten. Die Vermieter sagen nein unter durchsichtigen Vorwänden, und die abschlägige Antwort wird mir ins Gesicht geworfen. Ich mache Besuche und werde nicht angenommen. Nur Kleinigkeiten!
Was dagegen meine Seele geisselt, ist die erhabene Ironie, die sich in dem unbewussten Benehmen meiner jungen Freunde offenbart, wenn sie mir Mut einflössen wollen, indem sie Lobreden auf meine literarische Laufbahn halten: "so fruchtbar an befreienden Ideen" usw.! Und ich habe eben diese sogenannten Ideen auf den Kehrrichthaufen geworfen; die Träger dieser Ansichten sind also meine Gegner geworden! Ich führe Krieg mit meinem alten Ich; indem ich meine Freunde und meine früheren Gesinnungsgenossen bekämpfe, schlage ich mich selbst zu Boden.
Das ist gut arrangiert; und als Dramatiker muss ich die prächtige Komposition in dieser Tragikomödie bewundern. Wahrhaftig, eine gut gemachte Szene.
Da sich aber die alten und neuen Ansichten während dieser Epoche des Übergangs so kreuzen, dass sie sich verstricken, nimmt man es nicht so genau mit einem Alten, wie ich es bin, lauscht nicht so ernsthaft auf meine Argumente, sondern fragt mich lieber nach Neuigkeiten in der Welt der Ideen.
Ich schliesse ihnen den Vorhof zum Isistempel auf und sage voraus, dass der Okkultismus im Anzuge ist. Da tobt man und säbelt mich nieder, indem man die Waffen benutzt, die ich selbst während zwanzig Jahre gegen Aberglauben und Mystizismus geschmiedet habe.
Da diese Debatte immer in Kneipen bei unmässigem Verbrauch vom Saft der Traube gehalten werden, vermeidet man in heftigen Wortwechsel zu geraten, und ich gewöhne mich daran, nur Tatsachen und wirkliche Fälle zu erzählen, indem ich die Maske eines aufgeklärten Skeptikers anlege. Es kann gewiss nicht gesagt werden, dass man Widerwillen gegen alles Neue hat, im Gegenteil; aber man ist konservativ geworden, das es das Ideal gilt, das man sich durch Streit erkämpft hat; man ist nicht geneigt zu desertieren, noch weniger einen Glauben abzuschwören, der durch Bluttaufe teuer bezahlt worden ist. Es kommt also mir zu, zwischen dem Naturalismus und dem Supernaturalismus eine Brücke zu schlagen, indem ich verkündige, dass der letzte nur eine Entwicklung des ersten ist.
Zu diesem Zweck stelle ich das Problem auf, eine, wie eben angedeutet, natürliche und wissenschaftliche Lösung für alle unerklärlichen Erscheinungen zu geben, die uns auf den Leib gerückt sind. Ich zerspalte meine Persönlichkeit und zeige der Welt den naturalistischen Okkultisten, erhalte aber aufrecht in meinem Innern und pflege den Keim zu einer konfessionslosen Religion. Oft gewinnt die exoterische Rolle die Oberhand; ich mische meine beiden Naturen so durcheinander, dass ich über meinen neuerworbenen Glauben lachen kann; das trägt dazu bei, dass meine Theorien sich bei den widerspenstigen Gemütern einschleichen können.
Der Dezember vergeht träge und furchtbar düster unter einem dunkelgrauen rauchigen Himmel. Obgleich ich bei Swedenborg Aufklärung über die Art meiner Leiden gewonnen habe, kann ich mich nicht dazu bringen, mich auf einmal unter die Hand der Mächte zu beugen. Mein Hang, Einwendungen zu machen, erhebt sich, und ich will immer noch die eigentliche Ursache nach aussen verlegen und sie in der Bosheit der Menschen suchen. Tag und Nacht von "elektrischen Strömen" angegriffen, welche die Brust zusammenklemmen und ins Herz stechen, verzichte ich auf meine Folterkammer und besuche das Wirtshaus, wo ich Freunde treffe. Aus Furcht, nüchtern zu werden, trinke ich; das ist das einzige Mittel, um nachts schlafen zu können. Aber Ekel und Schamgefühl, im Verein mit der friedlosen Unruhe, nötigen mich damit aufzuhören, und einige Abende gehe ich in das Café der Temperänzler, das den Namen "Das blaue Band" trägt. Doch, ich werde ängstlich vor der Gesellschaft, die man dort trifft. Bläulichblasse und abgequälte Gesichter, unheimliche und böse Augen, und ein Schweigen, das nicht der Friede von Gott ist.
Wenn alles zusammen kommt, ist der Wein eine Wohltat und die Enthaltsamkeit eine Züchtigung. Und ich kehre nach dem halbnüchternen Wirtshaus zurück, ohne dort die Grenzen zu überschreiten, nachdem ich mich selbst mit Teeabenden gestraft habe.
Weihnachten steht vor der Tür und ich sehe dem Fest der Kinder mit einer kühlen Bitterkeit entgegen, die ich kaum mit dem Namen Resignation ehren will. Seit sechs Jahren habe ich alles leiden müssen und bin nun gefasst auf alles.
Einsam und in einem Hotel! Nun, das ist ja lange mein Alp gewesen, und ich habe mich daran gewöhnt. Es sieht aus, als ob alles, was ich verabscheue, mir vorbehalten wäre.
Inzwischen ist die Vertraulichkeit zwischen mir und dem Freundeskreise so gross geworden, dass man anfängt mir sein Herz auszuschütten. Die Sache ist die: Während der letzten Monaten sind so manche Dinge geschehen.... So?
So manche ungewöhnliche, unerwartete Dinge....
—Lass hören!
Man erzählt mir: das Haupt des revoltierenden Jugendschwarms, der freieste Freidenker, der neulich aus einer Kuranstalt für Alkoholisten gekommen ist und das Gelübde der Nüchternheit abgelegt hat, sei jetzt bekehrt worden, so dass er geradezu....
—Nun, was?
—Busspsalmen singt.
—Unglaublich!
In der Tat hatte der junge Mann, der mit einer nicht gewöhnlichen Intelligenz ausgerüstet war, gegenwärtig seine Aussichten dadurch verdorben, dass er die an der Universität herrschenden Ansichten heftig angegriffen hatte, eingeschlossen den Missbrauch starker Getränke. Bei meiner Ankunft hielt er sich etwas abseits auf Grund seiner Mässigkeit, doch war er es, der mir Swedenborgs "Arcana coelestia" lieh, die er aus der Bücherei seines Elternhauses nahm. Und ich erinnere mich jetzt: nachdem ich angefangen hatte die Arbeit zu lesen, setzte ich ihm Swedenborgs Theorien auseinander und schlug ihm vor, den Propheten zu lesen, um Licht zu erhalten; er aber unterbrach mich mit einer Gebärde des Entsetzens.
—Nein! Ich will nicht! Nicht jetzt! Später!
—Ist dir bange?
—Ja, für den Augenblick!
—Aber nur als literarische Kuriosität?
—Nein!
Ich glaubte anfangs, er scherze, später aber wurde mir klar, dass es voller Ernst gewesen war.
Also scheint es eine allgemeine Erweckung zu sein, die durch die Welt geht, und ich brauche nicht zu verbergen, wie es mir geht.
—Sag mir, alter Junge, kannst du nachts schlafen?
-Nicht gerade viel! Siehst du, wenn ich wach liege, kommt mein ganzes verflossenes Leben und passiert Revue; alle Dummheiten, die ich begangen habe, alle Leiden und alles Unglück zieht vorbei, aber vor allem die Dummheiten. Und wenn die Reihe zu Ende ist, beginnt sie wieder von neuem!
—Auch du also!
—Auch?
—Ja! Das ist die Krankheit der Zeit! Man nennt das Gottes Mühle!
Bei dem Worte Gott grinst er und erwidert:
—Ja, es ist eine komische Zeit, in der wir leben; die verkehrte Welt.
—Oder der Wiedereintritt der Mächte!
Die Weihnachtstage sind zu Ende. Meine Tischgesellschaft hat sich infolge der Ferien in die Umgebung von Lund zerstreut. Da kommt eines Morgens mein Freund, der Arzt, mein Psychiater, und zeigt mir ein Schreiben, in dem uns unser Freund der Dichter in sein Elternhaus, ein Gut wenige Meilen von der Stadt, einladet.
Ich weigere mich mit hinauszufahren, da ich Reisen verabscheue.
—Aber er fühlt sich unglücklich.
—Was ist ihm denn?
—Schlaflosigkeit; du weisst, er hat wieder gekneipt....
Ich schütze eine dringende Arbeit vor, und die Frage bleibt unentschieden. Am Nachmittag berichtet ein neues Schreiben, dass der Dichter krank ist und um den ärztlichen Rat seines Freundes bittet.