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Im Gold- und Silberland

Anhang.

Reading edition

Illustration from Im Gold- und Silberland

Aus meiner Knabenzeit.

I.

Illustration from Im Gold- und Silberland

Als ich nach neunundzwanzigjähriger Abwesenheit (1882) meinem Heimatort einen kurzen Besuch machte, fand ich daselbst ebensoviel anders geworden, wie überhaupt am ganzen Mississippi. Die Stadt Hannibal, wie sie früher gewesen, stand mir noch klar und lebhaft im Gedächtnis, ich hätte sie malen können. Ich trat ans Ufer und mir war zu Mute wie einem Menschen aus einer längst begrabenen Generation, der wieder unter den Lebenden wandelt. Ein ähnliches Gefühl müssen, denke ich, die Gefangenen der Bastille gehabt haben, wenn sie nach jahrelanger Kerkerhaft ans Licht des Tages kamen und sich nun in Paris umschauten, wo ihnen alles so fremd und doch so vertraut war.

Wohl sah ich die neuen Häuser – sie standen ja leibhaftig vor mir – aber die Bilder aus alter Zeit, die in meiner Erinnerung lebten, berührte das nicht; durch die festgefügten Mauern hindurch sah ich die alten Häuser, die ehemals an ihrem Platz gestanden, mit größter Deutlichkeit.

Es war Sonntagmorgen und alles lag noch in den Federn. So schritt ich denn durch die leeren Straßen, sah die Stadt nicht wie sie ist, sondern wie sie war und begrüßte im Geist hundert mir wohlbekannte Gegenstände, die vom Erdboden verschwunden waren. Schließlich stieg ich den Holiday-Hügel hinauf, um einen weiten Ueberblick zu gewinnen. Nun lag die ganze Stadt zu meinen Füßen ausgebreitet und ich konnte jedes Gebäude, jede einzelne Oertlichkeit genau bestimmen. Natürlich hatte ich Mühe, meine Rührung zu bemeistern. Ich sagte mir: »Von den Leuten, die ich einst in diesem friedlichen Hafen meiner Kindheit gekannt habe, sind schon viele in den Himmel gegangen, manche aber auch sicherlich nach einem andern Ort der Vergeltung.«

Alles, was ich rings um mich sah, rief meine Knabengefühle wieder wach; ich war überzeugt, ich sei noch ein Knabe und hätte nur einen ungewöhnlich langen Traum gehabt. Allein, sobald ich anfing zu überlegen, schwand diese Vorstellung. »Da drüben stehen etwa fünfzig alte Häuser,« sagte ich zu mir, »und ich brauche nur einzutreten, um überall Männer und Frauen zu finden, die noch in der Wiege lagen oder nicht geboren waren, als ich zuletzt von hier oben hinabschaute, vielleicht sogar eine Großmutter, die damals eine blühende junge Braut war.«

Man hat von jener Anhöhe aus einen unbegrenzten Blick den Fluß hinauf und hinunter und über die großen Waldungen von Illinois; die Aussicht ist wunderschön, fast möchte ich sagen, eine der schönsten am Ufer des Mississippi, aber das ist eine kühne Behauptung, denn die 800 Meilen, die der Fluß von St. Paul nach St. Louis durchläuft, bieten eine ununterbrochene Reihe der reizendsten Landschaftsbilder. Möglich, daß meine Vorliebe für die in Frage stehende Aussicht mein Urteil beeinflußt – ich weiß es nicht gewiß. Jedenfalls gewährte sie mir die vollste Befriedigung, denn sie hatte vor allem andern Lieben und Bekannten, was ich wiedersehen sollte, eines voraus – sie war ganz unverändert. So jung und frisch, so reizend und anmutig sah ich sie vor mir, wie sie je gewesen, während die Gesichter meiner ehemaligen Freunde natürlich alt sein mußten und voller Narben vom Kampf des Lebens. Sie alle trugen wohl Spuren ihrer Niederlagen und Kümmernisse und konnten mein Gemüt nicht erheben.

Ein alter Herr, der auf seinem Morgenspaziergang begriffen war, kam jetzt herbei. Wir tauschten zuerst unsere Bemerkungen über das Wetter aus und gerieten dann auf andere Unterhaltungsstoffe. Sein Gesicht war mir unbekannt; er sagte, er wohne schon 28 Jahre hier am Ort, das war nach meiner Zeit, ich hatte ihn also noch nie gesehen. Ich zog nun allerlei Erkundigungen ein; zuerst fragte ich nach einem meiner Kameraden aus der Sonntagsschule – was wohl aus ihm geworden wäre.

»Er ging mit Ehren von einer Universität im Osten ab, dann zog er in die weite Welt, doch nirgends wollte es ihm glücken; jetzt ist er längst aus aller Gedächtnis geschwunden, man glaubt, er sei gestorben und verdorben.«

»Er war ein begabter Junge, der zu den besten Hoffnungen berechtigte.«

»Jawohl, aber in Erfüllung gegangen sind sie nicht.«

Nun fragte ich nach einem andern meiner Mitschüler, dem klügsten im ganzen Ort.

»Auch seine Studien im Osten waren vom besten Erfolg gekrönt, aber im Leben hat er bei jedem Kampf den kürzeren gezogen; schon vor Jahren ist er irgendwo in den Territorien gestorben – ein gebrochener Mann.«

Ich erkundigte mich nach einem dritten begabten Jungen.

»Dem ist’s gut gegangen, alles gelingt ihm, ich glaube es wird ihm immer glücken.«

Hierauf fragte ich nach einem jungen Mann, der damals gerade in die Stadt gekommen war, um sich in seinem Beruf auszubilden.

»Er hat umgesattelt, ehe er noch fertig war – erst wollte er Advokat werden, dann Mediziner, dann noch etwas anderes. Ein Jahr lang war er fort, kam mit einer jungen Frau wieder, ergab sich dem Trunk, später auch dem Spiel; endlich brachte er seine Frau und zwei kleine Kinder zu ihrem Vater zurück und ging nach Mexiko, sank immer tiefer herunter und starb dort, ohne einen Cent, um das Bahrtuch zu bezahlen, ohne einen Freund, der seiner Leiche folgte.«

»Schade um ihn – es war der gutmütigste Mensch von der Welt, immer heiter und hoffnungsvoll.«

Von einem andern Knaben, den ich nannte, hieß es:

»O, mit dem ist alles in Ordnung; er hat Frau und Kinder und sein gutes Fortkommen.«

Derselbe Bescheid ward mir noch über viele meiner früheren Kameraden.

Nun fragte ich nach drei Mitschülerinnen:

»Die beiden ersten leben hier mit Mann und Kindern, die dritte ist schon lange tot – geheiratet hat sie nicht.«

Mit Herzklopfen nannte ich jetzt den Namen einer meiner frühesten Flammen.

»Der geht’s gut. Sie war dreimal verheiratet. Zwei Männer hat sie begraben, vom dritten ist sie geschieden und ich höre, daß sie jetzt einen alten Menschen nehmen will, der irgendwo draußen in Colorado lebt. Ihre Kinder sind in der ganzen Welt verstreut.«

Illustration from Im Gold- und Silberland

Auf einige Fragen lautete die Antwort sehr kurz:

»Im Kriege gefallen.«

Von einem Knaben, nach welchem ich fragte, hieß es:

»Mit dem ist’s seltsam gegangen! Jedermann in der ganzen Stadt wußte, daß der Junge der reinste Strohkopf war, ein Dummrian erster Sorte, ein Esel, der seinesgleichen nicht hatte. Das war allbekannt, kein Mensch zweifelte daran. Und was ist aus ihm geworden? – denken Sie nur: der angesehenste Advokat im ganzen Staate Missouri.«

»Wahrhaftig?!«

»Wie ich Ihnen sage. Es ist die lauterste Wahrheit.«

»Wie läßt sich das aber erklären?«

»Erklären läßt sich’s gar nicht. Man sieht nur daraus, daß die Leute in St. Louis nicht von selbst auf den Gedanken kommen, daß einer ein Hansnarr ist, wenn man’s ihnen nicht zuvor sagt. Eins ist sicher – hätte ich einen Hansnarren zu versorgen, ich schickte ihn gleich mit Dampf nach St. Louis, dort ist der beste Markt für dergleichen Ware. – Was sagen Sie dazu – steht einem nicht der Verstand still, wenn man’s recht bedenkt? Ich muß gestehen, mir ist etwas so Unerhörtes nicht wieder vorgekommen.«

»Freilich, es scheint verwunderlich. Aber, glauben Sie nicht, daß man den Jungen in Hannibal vielleicht falsch beurteilt hat und daß die Leute in St. Louis ihn richtiger zu würdigen wissen?«

»Wo denken Sie hin! Hier kennt man ihn ja von klein auf und tausendmal besser als die Schafsköpfe in St. Louis. Nein, nein, folgen Sie nur meinem Rat und schicken Sie alle Hansnarren nach St. Louis, dort findet die Ware Absatz.«

Ich fragte nun noch nach vielen meiner früheren Bekannten. Sie waren gestorben oder fortgezogen; manche hatten Glück gehabt, andere nichts als Verluste; auf etwa ein Dutzend Fragen erhielt ich die beruhigende Antwort:

»Die sind wohl auf – wohnen hier – die ganze Stadt ist voll von ihren Kindern.«

»Wie geht’s Fräulein B.?« fragte ich.

»Sie starb vor drei Jahren im Irrenhaus – ist seit dem Tage ihrer Aufnahme dort nicht wieder herausgekommen; es war an keine Heilung zu denken, sie ist immer gestört geblieben.«

Dies bezog sich auf ein entsetzliches Trauerspiel, das sich in meiner frühesten Kindheit zutrug. Sechsunddreißig Jahre im Irrenhaus – bloß weil sich ein paar Thörinnen einen dummen Spaß machen wollten! Ich sehe die leichtfertigen jungen Dinger noch auf den Fußspitzen ins Zimmer schleichen, wo Fräulein B. um Mitternacht lesend bei der Lampe saß. Eins der Mädchen hatte sich das Gesicht mit Mehl gepudert und ein Leintuch umgebunden. Sie glitt dicht zu der Lesenden heran und berührte ihr Opfer an der Schulter. Das Fräulein sah auf, stieß einen Schrei aus und verfiel in Krämpfe. Von dem Schreck hat sie sich nie wieder erholt – sie wurde wahnsinnig. Heutzutage scheint es uns unbegreiflich, daß man noch vor so kurzer Zeit an Gespenster geglaubt haben soll. Aber es war wirklich der Fall.

Nachdem ich nach allen Leuten gefragt hatte, die mir einfielen, erkundigte ich mich zuletzt nach mir selber.

»O, dem ist’s auch geglückt – das ist wieder so ein Beispiel von einem Hansnarren. Hätte man ihn nach St. Louis spediert, er würde es früher zu etwas Ordentlichem gebracht haben.«

Es war doch sehr weise gewesen, daß ich dem offenherzigen alten Herrn gleich anfangs gesagt hatte, mein Name sei Smith.

II.

Mein Gefährte verließ mich nun, und ich fuhr fort, die alten Häuser der Stadt drunten zu betrachten und mir ihre Bewohner aus vergangenen Tagen ins Gedächtnis zu rufen. Mein Blick fiel jetzt auf Lem Hacketts Elternhaus und ich sah mich in eine Zeitperiode zurückversetzt, in welcher die Menschen mit ihren Erlebnissen nicht der natürlichen und folgerichtigen Entwicklung allgemeiner Gesetze unterworfen zu sein glaubten, sondern den besonderen Anordnungen einer Vorsehung, welche sie strafen oder warnen wollte.

Als ich noch ein kleiner Knabe war, ertrank Lem Hackett – an einem Sonntag. Er fiel aus einem leeren, flachen Boot, in dem er spielte, und da er voll Sünden war, sank er wie ein Ambos bis auf den Grund. Er war im ganzen Städtchen der einzige Knabe, welcher in der darauffolgenden Nacht schlief; wir andern alle waren wach und thaten Buße. Es hätte dazu wahrlich nicht erst der Belehrung bedurft, die uns am Abend von der Kanzel herab zu teil wurde, nämlich, daß Lems Tod die Folge eines besonderen göttlichen Gerichtes sei. In jener Nacht brach ein schreckliches Gewitter aus, das ohne Aufhören bis zum Morgen währte: der Wind wehte heftig, die Fenster zitterten, der Regen fiel klatschend und in Strömen auf die Dächer; jeden Augenblick erhellte ein Blitz mit blendendem Lichte die tintenschwarze Finsternis draußen und auf diesen folgte ein krachender Donnerschlag, der alles in der Nachbarschaft in Splitter und Fetzen zu reißen schien. Zitternd und schaudernd saß ich im Bett und wartete auf den offenbar bevorstehenden Untergang der Welt. Ich fand nichts Ungereimtes darin, daß der Himmel Lem Hacketts wegen einen solchen Höllenlärm machte: es war das meiner Ansicht nach ganz gehörig und in Ordnung. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß die Engel versammelt waren, den Tod dieses Knaben erörterten und dem schrecklichen Bombardement unseres Städtchens mit Befriedigung und Billigung zusahen. Eines beunruhigte mich dabei aufs höchste – das war der Gedanke, daß diese Konzentration des himmlischen Interesses auf unser Städtchen unfehlbar die Aufmerksamkeit der überirdischen Beobachter auf Leute unter uns lenken mußte, die sonst der Beobachtung vielleicht Jahre lang entgangen wären. Ich fühlte, daß ich nicht nur zu diesen Leuten gehörte, sondern daß gerade ich am allerwahrscheinlichsten entdeckt werden würde. Diese Entdeckung konnte nur eine Folge haben: daß ich zu Lem ins höllische Feuer käme, noch ehe er dort recht zu sich gekommen und warm geworden war. Ich wußte, daß mir ganz nach Recht und Billigkeit geschähe. Dabei vergrößerte ich fortwährend die Chancen gegen mich, indem ich eine geheime Bitterkeit gegen Lem hegte, weil er diese verhängnisvolle Aufmerksamkeit auf mich gezogen hatte, aber ich konnte einmal nicht anders – dieser sündige Gedanke setzte sich mir zum Trotz in meinem Busen fest. So oft es blitzte, hielt ich den Atem an und glaubte mich verloren. In meinem schrecklichen Elend begann ich in gemeiner Weise auf andere Knaben hinzudeuten und Thaten von ihnen zu erwähnen, die verruchter seien als meine und besonders der Strafe bedürften – und ich versuchte mir einzureden, daß ich das bloß so zufällig thäte und ohne die Absicht, die himmlische Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, um mich selbst ihr zu entziehen. Mit tiefem Scharfsinn gab ich diesen Denunziationen die Form betrübter Erinnerungen und linkischer Fürbitten, daß die Sünden jener Knaben nicht heimgesucht werden möchten – »denn sie könnten sie ja möglicherweise bereuen.« »Es ist wohl wahr, (sprach ich in Gedanken,) daß Jim Smith ein Fenster zerbrach und dann leugnete – aber vielleicht that er es nicht in böser Absicht. Und wenn auch Tom Holmes garstigere Worte gebraucht als irgend ein anderer Knabe im Städtchen, so wird er doch vielleicht in sich gehen und bereuen – wenn er das auch nie gesagt hat. Und obwohl es Thatsache ist, daß John Jones einmal an einem Sonntag ein wenig fischte, so fing er ja doch nichts als einen einzigen nutzlosen Schlammbeißer; und das wäre am Ende nicht so schrecklich gewesen, wenn er ihn wieder ins Wasser geworfen hätte, wie er behauptet – was aber leider nicht wahr ist. Schade, daß sie diese schrecklichen Dinge nicht bereuen wollten – vielleicht thun sie es aber noch.«

Während ich so listig die Aufmerksamkeit auf jene armen Burschen lenkte, – die zweifellos im selben Augenblick die himmlische Aufmerksamkeit mir zuwandten, obwohl ich das damals durchaus nicht argwöhnte, – hatte ich achtlos meine Kerze brennen lassen. Die Zeit war nicht danach angethan, daß man selbst geringfügige Vorsichtsmaßregeln hätte vernachlässigen dürfen; es war kein Grund vorhanden, mich selbst noch auffällig zu machen, und so löschte ich denn das Licht aus.

Das war eine lange, lange Nacht – vielleicht die angstvollste, die ich je verbracht habe. Ich litt Folterqualen der Reue über Sünden, von denen ich wußte, daß ich sie begangen hatte, und für andere, bezüglich deren ich nicht so gewiß, aber überzeugt war, daß sie in ein Buch eingetragen worden von einem Engel, der, weiser als ich, so wichtige Dinge nicht dem Gedächtnis anvertraute. Nach und nach kam ich zu der Einsicht, daß ich in einer Beziehung einen thörichten und unheilvollen Irrtum begangen hatte: zweifellos hatte ich dadurch, daß ich die Aufmerksamkeit auf jene andern Knaben lenkte, nicht nur meinen eigenen Untergang sicher beschworen, sondern auch den ihrigen bereits verursacht! – Zweifellos hatte sie mittlerweile der Blitz alle in ihren Betten niedergestreckt! Die Angst und der Schreck, den dieser Gedanke mir einjagte, ließ mir die vorhergehenden Leiden vergleichsweise geringfügig erscheinen.

Der Stand der Dinge war bedenklich geworden. Ich beschloß, mich der Sünde in jeder Form zu enthalten und fortan ein reines, tadelloses Leben zu führen. Ich wollte pünktlich in der Kirche und Sonntagsschule sein, die Kranken besuchen, Körbe mit Lebensmitteln zu den Armen tragen (bloß um die vorschriftsmäßigen Bedingungen zu erfüllen, obgleich ich wußte, daß bei uns niemand so arm war, daß man mir nicht überall den Korb an den Kopf geschmissen hätte); ich wollte andere Knaben auf den rechten Weg weisen und die daraus sich ergebenden Neckereien in Geduld ertragen; ich wollte nur noch Traktätchen lesen, wollte die Branntweinhöhlen aufsuchen und die Trunkenbolde ermahnen – und schließlich, falls ich dem Schicksal jener entginge, die vorzeitig ›fürs Leben zu gut werden‹, wollte ich als Missionar in ferne Lande ziehen.

Gegen Tagesanbruch legte sich der Sturm und ich schlummerte nach und nach ein, mit einem Gefühl der Verpflichtung gegen Lem Hackett, weil er in dieser jähen Weise in die ewige Qual eingegangen war und so ein weit entsetzlicheres Unheil abgewendet hatte – nämlich meinen eigenen Untergang. Als ich aber des Morgens, vom Schlaf erquickt, aufstand und fand, daß die andern Knaben sämtlich noch am Leben waren, hatte ich ein unbestimmtes Gefühl, die ganze Geschichte möchte doch nur ein falscher Alarm gewesen und der ganze Trubel nur Lem Hacketts und sonst niemands wegen entstanden sein. Die Welt sah so heiter und sicher aus, daß wirklich kein Grund vorhanden schien, ein neues Leben anzufangen. Ich war den Tag über und auch am nächsten Tage etwas gedrückter Stimmung; dann aber kam mir mein Vorsatz zur Besserung allmählich aus dem Sinn, und es war mir wieder ruhig und behaglich zu Mute – bis zum nächsten Sturm.

Dieser Sturm kam drei Wochen später und ich habe mir seinen Zweck nie recht erklären können, denn am Nachmittag jenes Tages war ›Dutchy‹ ertrunken. So nannten wir einen deutschen Jungen aus der Sonntagsschule, der furchtbar tugendhaft war und ein fabelhaftes Gedächtnis hatte, im übrigen sich aber selten zu raten und zu helfen wußte. Eines Sonntags erregte er den Neid der gesamten Dorfjugend und die Bewunderung aller Erwachsenen, denn er sagte dreitausend Bibelsprüche in einem Zuge her, ohne nur einmal zu stocken. Und gleich tags darauf ertrank er jämmerlich.

Das kam nämlich so: Wir badeten alle in einer schlammigen Bucht und wollten versuchen, wer beim Tauchen den Kopf am längsten unter Wasser halten könnte. In der Bucht war ein tiefes Loch, in dem die Böttcher ihre Stäbe zu Faßreifen einzuweichen pflegten. Der Haufen lag etwa zwölf Fuß unter Wasser und wir hielten uns beim Tauchen an den Stäben fest. ›Dutchy‹ benahm sich dabei so ungeschickt, daß er immer mit Spott und Gelächter empfangen wurde, so oft sein Kopf aus der Flut hervorkam. Das verdroß ihn endlich und er bat uns, am Ufer stehen zu bleiben und ganz ehrlich zu zählen, wie lange er es aushalten könne. »Jawohl, ›Dutchy‹, nur zu! – wir verzählen uns nicht,« schrieen wir alle, wechselten dabei aber verstohlene Blicke, die nichts Gutes weissagten.

›Dutchy‹ tauchte unter; wir Jungen aber versteckten uns rasch hinter einem nahen Brombeergebüsch. Wenn ›Dutchy‹, nachdem er sich übermenschlich angestrengt hatte, wieder auf die Oberfläche kam, sollte er den Platz leer finden und keinen Menschen, der ihm Beifall klatschte. Der Gedanke machte uns soviel Spaß, daß wir vor unterdrücktem Lachen zu ersticken meinten. Nach einer Weile guckte einer der Kameraden durch das Gesträuch.

»Hört mal,« sagte er verwundert, »noch ist er nicht wieder oben.«

»Aber, der taucht einmal gut!«

»Na, um so gelungener ist dann der Spaß!«

Es entstand eine Pause, wir lauschten mit verhaltenem Atem und zuletzt malte sich Furcht und Bangigkeit in allen Mienen. Noch immer lag das Wasser in unbeweglicher Ruhe da. Mit lautklopfendem Herzen schlichen wir ans Ufer zurück und starrten entsetzt bald ins Wasser, bald einander in die bleichen Gesichter.

»Einer von uns muß hinunter, um nachzusehen.«

Das war klar, aber jedem graute davor.

»Das Los soll entscheiden.«

Mit zitternden Händen suchten wir Strohhalme, um das Schicksal zu befragen. Das Los traf mich und ich sprang ins Wasser. Es war so trübe, daß ich nichts sehen konnte, ich fühlte nur unter den Stäben umher und bekam plötzlich eine leblose Hand zu fassen. In tödlichem Schrecken ließ ich sie fahren und rettete mich wieder ans Tageslicht.

Der Knabe war zwischen die Stäbe geraten und da hilflos stecken geblieben. Ich verkündete die entsetzliche Nachricht, doch dachten wir nicht daran, den Ertrunkenen schnell herauszuziehen, damit er vielleicht noch zum Leben erweckt werden könne. Die kleineren Buben schrieen jämmerlich und jeder suchte so rasch wie möglich in seine Kleider zu kommen; wir zogen die ersten besten an, meist das Unterste zu oberst, das Innere nach außen. Dann trabten wir eilig davon und verbreiteten die Unglückskunde, aber keiner von uns kehrte wieder mit um. Wir wollten das Ende des Trauerspiels nicht sehen, wir hatten etwas Wichtigeres zu thun, nämlich ohne einen Augenblick zu verlieren nach Hause zu laufen und ein besseres Leben zu beginnen.

Bald brach die Nacht herein und dann kam das schreckliche und mir ganz unverständliche Gewitter. Es mußte entschieden auf einem Irrtum beruhen, anders ließ es sich nicht erklären. Alle Elemente waren entfesselt, der Sturm raste in blinder Wut, die Blitze zuckten und der Donner tobte wie unsinnig. Ich hatte Mut und Hoffnung völlig verloren; verzweifelnd dachte ich bei mir: »Wenn ein Junge, der dreitausend Bibelsprüche auswendig kann, nicht fromm genug ist, wer soll dann dem Verhängnis entrinnen?«

Illustration from Im Gold- und Silberland

Natürlich zweifelte ich keinen Augenblick, daß der Sturm einzig und allein Dutchys wegen ausgebrochen sei; daß er, oder irgend ein anderes gleich unbedeutendes Wesen, einer so erhabenen Kundgebung aus der Höhe nicht wert sei, kam mir nicht von fern in den Sinn. Mich beunruhigte nur die Lehre, die ich daraus ziehen mußte. Wenn ›Dutchy‹, trotz all seiner Tugend, nicht Gnade fand, so war es für mich ein ganz vergebliches Bemühen, ein neues Leben anzufangen, ich konnte ja nun und nimmermehr hoffen, so vortrefflich zu werden wie er. Dennoch schien es mir rätlich, den Versuch der Besserung zu machen. Als nun aber Tage voll Sonnenschein und Heiterkeit folgten, hatte ich alle guten Vorsätze vergessen noch ehe ein Monat um war, und fühlte mich in meiner sündhaften Verstocktheit so behaglich wie je zuvor.

Während ich mir jene alten Erlebnisse ins Gedächtnis zurückrief und allerlei Betrachtungen daran knüpfte, war die Frühstücksstunde herbeigekommen. Ich versetzte mich wieder in die Gegenwart zurück und ging den Hügel hinunter.

Auf dem Wege nach dem Hotel kam ich auch an dem Hause vorbei, das wir zu meiner Knabenzeit bewohnten. Seine jetzigen Insassen sind heutzutage nicht mehr wert als ich, aber zu jener Zeit hätten sie mindestens fünfhundert Dollars die Person gegolten. Es waren nämlich Farbige.

Nach dem Frühstück ging ich aus, um einige Sonntagsschulen zu besichtigen und die Leistungen ihrer jetzigen Zöglinge mit denen meiner damaligen Mitschüler zu vergleichen. Die Kinder waren besser gekleidet und sahen sauberer aus als wir vor Zeiten und ihr Anblick rührte mich tief. Es waren ja die Abkömmlinge jener Knaben und Mädchen, die ich vor vielen, vielen Jahren von ganzem Herzen geliebt oder von ganzem Herzen gehaßt hatte; sie saßen jetzt auf deren Plätzen – wo aber waren jene hingekommen?

Ich wollte, der kahlköpfige Inspektor, der zu meiner Zeit ein flachshaariger Sonntagsschüler war, hätte mich nicht erkannt und mich ruhig meine Beobachtungen anstellen lassen. Statt dessen mußte ich nun den Kindern eine Ansprache halten, und für unvorbereitete Reden habe ich gar kein Talent. Ich konnte mich auch im Augenblick durchaus nicht auf das sinnlose Geschwätz besinnen, mit dem die Besucher meine Ohren zu beleidigen pflegten, als ich noch Schüler war. Schade! denn hätte ich so recht salbungsvoll reden können, so würde ich Zeit gewonnen haben, mir die frischen, jungen Gesichter, die da vor mir aufgereiht saßen, noch länger anzusehen.

Der eigentliche Musterknabe schien mir aber nicht darunter zu sein. Der Musterknabe, den wir damals hatten – mehr als einen hat es nie gegeben – war völlig fehlerlos; fehlerlos im Benehmen, im Anzug, im Lebenswandel, im kindlichen Gehorsam, in äußerer Frömmigkeit; aber im Grunde war er ein eingebildetes Bürschchen und hatte so wenig Grütze im Kopf, daß man ihm ruhig statt des Schädels einen Kürbis hätte aufsetzen können, ohne daß jemand den Unterschied bemerkt hätte. Die Untadeligkeit dieses Jungen war für die ganze Jugend des Städtchens ein immerwährender Vorwurf. Alle Mütter bewunderten ihn und von allen ihren Söhnen wurde er verabscheut. Man hat mir auch gesagt, was aus ihm geworden ist, es war aber das Gegenteil von dem, was ich erwartete, daher will ich alle weiteren Einzelheiten verschweigen und nur erwähnen, daß er sein Glück in der Welt gemacht hat.

Drei Tage lang blieb ich in der Stadt und wachte jeden Morgen mit der Ueberzeugung auf, daß ich noch ein Knabe sei, denn in meinen Träumen waren alle Gesichter wieder jung und sahen gerade so aus, wie in den vergangenen Zeiten. Abends aber, wenn ich zu Bette ging, kam ich mir mindestens hundert Jahre alt vor, denn inzwischen hatte ich mich zur Genüge davon überzeugt, wie jene Gesichter in Wirklichkeit aussahen.

Bis ich mich an den neuen Stand der Dinge gewöhnt hatte, fiel ich immer aus einer Ueberraschung in die andere. Ich begegnete jungen Damen, die sich gar nicht verändert zu haben schienen, aber es stellte sich bald heraus, daß sie die Töchter meiner damaligen Bekannten waren oder auch ihre Enkelinnen. Wenn man uns sagt, daß eine fremde Dame von fünfzig Jahren Großmutter ist, so wundert uns das gar nicht; hat man sie aber als kleines Mädchen gekannt, so scheint es unmöglich. Wie kann ein kleines Mädchen eine Großmutter sein? – Es ist gar nicht leicht, sich die Thatsache klar zu machen, daß wir nicht allein alt werden, sondern unsere Zeitgenossen darin mit uns gleichen Schritt halten.

Die größte Veränderung fand ich bei den Frauen, weit weniger bei den Männern. Diese schienen in dreißig Jahren nicht viel gealtert zu sein; aber ihre Frauen waren alt geworden – wenigstens die braven. Brav zu sein ist sehr angreifend, es erhält nicht jung.

Die Stadt Hannibal hat sich nicht weniger umgewandelt als ihre Bewohner. Sie ist sehr ansehnlich geworden, hat einen Bürgermeister, einen Gemeinderat, Gas- und Wasserleitung und wahrscheinlich Schulden. Die Zahl ihrer Einwohner beträgt 15,000; überall herrscht rege Thätigkeit und Gedeihen; auch das Pflaster ist nicht schlechter wie in andern Städten des Westens und Südens, wo eine gut gepflasterte Straße und bequeme Bürgersteige etwas so Seltenes sind, daß man seinen Augen nicht traut, wenn man sie einmal zu sehen bekommt. Hannibal ist jetzt auch der Knotenpunkt von einem halben Dutzend Eisenbahnlinien und besitzt einen neuen Bahnhof, der 100,000 Dollars gekostet hat. Ich ging auch nach der Bärenbucht, die wahrscheinlich so heißt, weil sich nie ein Bär dorthin verirrt hat; sie ist jetzt mit Bergen von Nutzholz förmlich zugebaut. Dort pflegte ich jeden Sommer regelmäßig ins Wasser zu fallen, aber immer kam irgend ein Mensch vorbei, holte mich heraus, pumpte mir Luft ein und brachte mich wieder auf die Beine. Jetzt ist von der ganzen Bucht nicht mehr so viel übrig, daß jemand darin ertrinken kann.

III.

»Erinnern Sie sich noch, wie Jimmy Finn, der Stadttrunkenbold, im Stockhaus verbrannte?« fragte mich ein Bürger meines Heimatortes, mit dem ich mich in ein Gespräch einließ.

Es ist doch merkwürdig, wie eine Geschichte im Laufe der Zeit durch das schlechte Gedächtnis der Menschen verfälscht wird! Finn verbrannte nämlich nicht im Stockhaus, sondern starb eines natürlichen Todes in einem Lohfaß, an einer Kombination von Delirium tremens und Selbstverbrennung. Wenn ich sage eines natürlichen Todes, so meine ich damit, daß es für Jimmy Finn ein natürlicher Tod war. Das Stadthausopfer war gar kein Einheimischer, sondern ein armer Fremder, ein harmloser Landstreicher und Schnapssäufer. Ich kenne seinen Fall genauer als sonst jemand; ja, es gab eine Zeit, wo ich mehr davon wußte als mir lieb war und ich mich hütete, davon zu sprechen. Jener Landstreicher wanderte, eine Pfeife im Munde, eines kühlen Abends in den Straßen umher und bat um ein Zündholz; er bekam weder Zündholz noch sonstige Aufmerksamkeiten – im Gegenteil: ein Trupp böser kleiner Buben folgte ihm auf den Fersen und vergnügte sich damit, ihn zu necken und zu ärgern. Ich war auch dabei, aber eine flehentliche Bitte um Schonung, die der Wanderer stellte und mit einem eindringlichen Hinweis auf seine verlassene und freundlose Lage begleitete, rührte den Rest von Schamgefühl und richtiger Empfindung in mir: ich ging fort, holte ihm einige Streichhölzchen und eilte dann nach Hause und zu Bette, schwer belastet im Gewissen und in nicht sehr gehobener Stimmung. Ein paar Stunden später wurde der Mann arretiert und von dem Marschall – ein großer Name für einen Polizeidiener, aber das war sein Titel – in das Stockhaus gesperrt. Um zwei Uhr des Morgens verkündeten die Kirchenglocken Feuer, und alles verließ natürlich die Häuser – ich mit den übrigen. Der Landstreicher hatte seine Zündhölzchen in verderblicher Weise gebraucht: er hatte seinen Strohsack angezündet, und die Flamme hatte die eichene Vertäfelung des Zimmers ergriffen. Als ich den Platz erreichte, standen zweihundert Männer, Frauen und Kinder, von Entsetzen durchdrungen, dicht beisammen und starrten auf die vergitterten Kerkerfenster. Hinter den Eisenstäben, an denen er wie rasend zerrte, stand der Landstreicher und schrie um Hilfe. Er sah aus wie ein schwarzer Fleck, der sich von der Sonne abhebt, so weiß und intensiv war das Licht hinter seinem Rücken. Der Marschall war nicht zu finden, und er besaß den einzigen Schlüssel. Rasch wurde ein Mauerbrecher improvisiert, und der Donner seiner Stöße gegen die Thür tönte so ermutigend, daß die Zuschauer in wildes Jauchzen ausbrachen und die barmherzige That schon gelungen glaubten. Aber dem war nicht so. Die Balken waren zu stark; sie gaben nicht nach. Man sagte, daß der Mann noch im Tode die Eisenstäbe fest umklammert hielt und daß das Feuer ihn in dieser Stellung umhüllte und verzehrte. Ich selbst weiß nichts Bestimmtes darüber.

Illustration from Im Gold- und Silberland

Ich sah sein Gesicht in jener oben beschriebenen Stellung eine lange Zeit nachher noch jede Nacht; und ich glaubte mich so schuldig an dem Tode des Mannes, als ob ich ihm die Streichhölzchen absichtlich gegeben hätte, damit er sich damit verbrennen sollte. Ich zweifelte nicht im geringsten, daß ich gehängt werden würde, falls etwa meine Beteiligung an dieser Tragödie zu Tage käme. Die Ereignisse und Eindrücke jener Zeit sind unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn jemand von jener gräßlichen Geschichte sprach, war ich augenblicklich ganz Ohr und lauschte gierig auf jedes Wort, denn ich erwartete und fürchtete stets zu entdecken, daß man mich beargwöhne; so fein und empfindlich war die Wahrnehmungsgabe meines schuldigen Gewissens, daß es oft in den unverfänglichsten Aeußerungen einen Verdacht entdeckte, sogar in Mienen, Gebärden und Blicken, die keine Bedeutung hatten, die mich aber trotzdem mit panischem Schrecken erfüllten und von dannen jagten. Wenn jemand (und wäre es auch höchst sorg- und absichtslos gewesen) die Bemerkung fallen ließ: »Der Mord muß endlich ans Licht kommen,« so machte mich das ganz elend. Für einen Knaben von zehn Jahren trug ich schon ein hübsch gewichtiges Sorgenbündel.

Während dieser ganzen Zeit dachte ich glücklicherweise nicht daran, daß ich die Gewohnheit hatte, im Schlafe zu sprechen. Eines Nachts aber erwachte ich und sah, daß mein Schlafkamerad – mein jüngerer Bruder – aufrecht im Bette saß und mich beim Mondscheine betrachtete. Ich sagte:

»Was hast du denn?« –

»Du plauderst so viel, daß ich nicht schlafen kann.«

Ich richtete mich augenblicklich im Bette auf. Mein Puls stockte und die Haare standen mir zu Berge.

»Was hab’ ich denn gesagt? Rasch – heraus damit – was hab’ ich gesagt?«

»Nichts Besonderes.«

»Das ist eine Lüge – du weißt alles.«

»Alles –? Wovon denn? worüber?«

»Du weißt es recht gut: davon.«

»Wovon? – ich weiß nicht, wovon du redest. Ich glaube, du bist krank oder nicht bei Sinnen oder sonst ’was. Nun, jedenfalls bist du jetzt wach, und ich will versuchen, ob ich wieder einschlafen kann.«

Er schlief sofort ein, während ich in kaltem Schweiß gebadet dalag. Der Schreck hatte mich beinahe gelähmt und ich war keines andern Gedankens mehr fähig als: ›Wieviel habe ich enthüllt?‹ ›Wieviel weiß er?‹ – Welche Qual war diese Ungewißheit! Nach und nach aber entwickelte sich eine Idee in mir – ich wollte meinen Bruder aufwecken und ihn mit einem unterschobenen Fall auf die Probe stellen. Ich schüttelte ihn wach und sagte:

»Angenommen, ein Mann käme betrunken zu dir –«

»Das ist Unsinn – ich betrinke mich nie.«

»Ich meine nicht dich, du Dummkopf – ich meine den Mann. Angenommen ein Mann käme betrunken zu dir und borgte ein Messer oder einen Tomahawk oder ein Pistol, und du vergäßest ihm zu sagen, daß es geladen sei, und – –«

»Wie kannst du einen Tomahawk laden?«

»Ich meine nicht den Tomahawk und sagte es auch nicht, ich sagte das Pistol. Und nun unterbrich mich nicht fortwährend in dieser Weise, denn die Sache ist ernst. Es ist ein Mann getötet worden.«

»Was! in unserer Stadt?«

»Ja, in unserer Stadt.«

»Nun, fahre fort – ich will kein einziges Wort mehr sagen.«

»Nun also: angenommen, du vergäßest, ihm zu sagen, er solle sorgfältig damit umgehen, weil es geladen sei, und er ginge nun hin und erschösse sich mit jenem Pistol – indem er damit spielt, weißt du, und wahrscheinlich zufällig, da er betrunken ist. Nun, wäre das ein Mord?«

»Nein, – ein Selbstmord.«

»Nein, nein. Ich meinte nicht seine That, sondern deine: wärest du ein Mörder, weil du ihm jenes Pistol gabst?«

Nach tiefem Nachdenken erfolgte die Antwort:

»Nun, es scheint mir, als hätte ich mich dann schuldig gemacht – des Mordes, vielleicht – ja, wahrscheinlich des Mordes, aber ich weiß nicht recht.«

Das machte mich sehr unruhig; indessen war es doch kein entscheidendes Urteil. Ich mußte ihm am Ende die wahre Sachlage erzählen – es schien kein anderer Ausweg vorhanden. Aber ich wollte es vorsichtig thun und begann also:

»Ich habe das vorigemal einen Fall ersonnen, aber jetzt komme ich zu dem wirklichen. Weißt du, wie es kam, daß der Mann im Stockhaus verbrannte?«

»Nein.«

»Hast nicht die geringste Idee davon?«

»Nicht die geringste.«

»Willst auf der Stelle sterben, wenn’s nicht so ist?«

»Ja, will auf der Stelle sterben.«

»Nun, die Sache war so. Der Mann verlangte Streichhölzchen, um seine Pfeife anzuzünden. Ein Knabe holte sie ihm; der Mann zündete mit eben diesen Streichhölzchen das Stockhaus an und verbrannte sich selbst.«

»Ist das so?«

»Ja, es ist so. Glaubst du nun, daß jener Knabe ein Mörder ist?«

»Das kommt darauf an. – Der Mann war betrunken?«

»Ja, er war betrunken.«

»Stark betrunken?«

»Ja.«

»Und der Knabe wußte es?«

»Ja, er wußte es.«

Es folgte eine lange Pause, dann wurde das harte Urteil verkündigt:

»Wenn der Mann betrunken war und der Knabe es wußte, so hat der Knabe jenen Mann ermordet. Das ist sicher.«

Durch alle Fibern meines Körpers schlich sich ein Gefühl, als müßte ich krank und ohnmächtig umsinken; es war mir wie einem Menschen zu Mute, dem sein Todesurteil verkündet wird. Ich wartete, um zu hören, was mein Bruder weiter sagen würde; mir ahnte, was es sein würde, und ich täuschte mich nicht. Er sagte:

»Ich kenne den Knaben.«

Ich hatte nichts zu sagen, und so schwieg ich. Ich schauderte einfach. Dann fügte er hinzu:

»Ja, ehe du die Geschichte halb erzählt hattest, wußte ich ganz genau, wer der Knabe war; es war Ben Coontz!«

Ich raffte mich aus meiner Betäubung empor, wie einer, der vom Tode aufersteht, und sagte verwundert:

»Ei, wie in aller Welt hast du das erraten?«

»Du hast es im Schlafe gesagt.«

Ich dachte bei mir selbst: »Famos! Das ist eine Gewohnheit, die gepflegt werden muß.«

Mein Bruder plapperte unschuldig weiter:

»Als du im Schlafe sprachst, murmeltest du immerwährend etwas von Streichhölzchen, woraus ich nicht klug werden konnte; eben jetzt aber, als du mir von dem Manne und den Streichhölzchen und dem Stockhaus zu erzählen begannst, erinnerte ich mich, daß du Ben Coontz zwei- oder dreimal erwähntest; und so setzte ich mir denn dies und jenes zusammen – siehst du – und wußte so augenblicklich, daß Ben den Mann verbrannt hat.«

Ich lobte seinen Scharfsinn über die Maßen, und er fragte mich dann:

»Willst du ihn dem Gericht überliefern?«

»Nein,« sagte ich; »ich glaube, daß er sich die Lektion zu Herzen nehmen wird. Ich werde natürlich ein Auge auf ihn haben, denn das gehört sich; aber wenn er in sich geht und sich bessert, soll man nie sagen, daß ich ihn verraten habe.«

»Wie gut du bist!«

»Das nicht, aber ich strebe danach; mehr kann man in dieser Welt nicht thun.«

Und jetzt, da meine Bürde auf andere Schultern gewälzt war, schwanden meine Sorgen und Befürchtungen wie Butter an der Sonne.

Ritters Geschichte.

Illustration from Im Gold- und Silberland

Gegen Ende des Jahres 186– brachte ich einige Monate in München zu. Im November war ich bei Fräulein Dahlweiner, Karlsstraße 1 a, in Kost; meine Wohnung aber befand sich ein halbes Stündchen von dort entfernt, im Hause einer Witwe, welche an ledige Herren Zimmer vermietete und wo ich Gelegenheit fand, mich in der deutschen Sprache zu üben.

Eines Tages, während einer Wanderung durch die Stadt, besuchte ich eines der zwei Gebäude, wo die Obrigkeit die Leichname aufbewahrt und überwachen läßt, bis die Aerzte entscheiden, daß sie wirklich tot und nicht scheintot sind. Es war ein schauerlicher Ort, jener geräumige Saal. Mit den Rücken auf schrägen Brettern ausgestreckt, lagen sechsunddreißig Leichname von Erwachsenen in drei langen Reihen – alle mit wachsbleichen, starren Gesichtern, alle in weiße Leintücher gehüllt. An den Seiten des Saales waren tiefe Nischen, wie Bogenfenster, und in jeder lagen marmorbleiche Kinder, im ganzen vierzehn, – gänzlich verborgen und begraben unter Blumen; nur die Gesichter und die gekreuzten Hände waren zu sehen. Jede dieser fünfzig stillen Formen, groß und klein, hatte an einem Finger der rechten Hand einen Ring, von dem ein Draht zur Decke und von da zu einer Glocke in ein Wachtzimmer drüben ging, wo Tag und Nacht ein Wächter saß, um zur Hilfe herbeizueilen, sobald einer von jener bleichen Gesellschaft aus dem Todesschlaf erwachen und eine Bewegung machen sollte – denn jede, selbst die leiseste Bewegung bringt Draht und Glocke in Thätigkeit. Ich versetzte mich unwillkürlich in die Lage solch eines Totenwächters, der in einer stürmischen, finstern Nacht plötzlich aus dem Halbschlummer durch den Klang jenes unheimlichen Signals aufgeschreckt und bis ins tiefste Mark erschüttert wird. Wie – so fragte ich mich – wenn der Wächter beim Anblick des lebendig gewordenen Toten von einem Schlag getroffen würde? – und wenn dann der Mann, der eben noch ein Leichnam gewesen, seinem Totenwärter, der jetzt selbst im Verscheiden ist, liebreich Beistand leistete? Aber ich machte mir Vorwürfe, an einem so feierlichen und traurigen Orte meine Phantasie mit so thörichten Fragen zu beschäftigen, und schlich von dannen.

Am nächsten Morgen erzählte ich der Witwe von meinem Besuch, worauf sie ausrief:

»Kommen Sie mit! Ich habe einen Zimmerherrn, der früher Leichenwärter dort war; der kann Ihnen über alles Auskunft geben.«

Er lag im Bette und sein Kopf war hoch auf Polster gebettet; sein Gesicht war abgezehrt und farblos; seine tief eingesunkenen Augen geschlossen; seine auf der Brust ruhende Hand sah aus wie eine Kralle, so knochig und langfingerig war sie. Die Witwe machte uns mit einander bekannt. Die Augen des Kranken öffneten sich langsam und funkelten grimmig aus ihren Höhlen; er runzelte finster die Stirne, erhob seine magere Hand und winkte uns gebieterisch weg. Die Witwe aber ließ sich dadurch nicht irre machen und sagte ihm, daß ich ein Fremder, ein Amerikaner sei. Das Gesicht des Kranken änderte sofort seinen Ausdruck, hellte sich auf und verriet eine lebhafte Neugierde; – im nächsten Augenblicke waren er und ich allein beisammen.

Ich begann in schwerfälligem Deutsch; er antwortete in fließendem Englisch; darauf ließen wir die deutsche Sprache fallen.

Illustration from Im Gold- und Silberland

Dieser Schwindsüchtige und ich wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn jeden Tag, und wir plauderten über alles Mögliche – ausgenommen Weiber und Kinder. Sobald jemands Weib oder Kind erwähnt wurde, erfolgte stets dreierlei: in den Augen des Mannes glänzte einen Moment das freundlichste, zärtlichste und liebevollste Licht; im nächsten Augenblick verschwand es und an seiner Stelle erschien jener grimmige Blick, den ich bemerkt hatte, als ich ihm zuerst in die Augen sah; und drittens enthielt er sich von nun an den ganzen Tag über gänzlich der Rede, lag schweigend, geistesabwesend und wie in Gedanken versunken da, nahm von meinem ›Adieu‹ keinerlei Notiz und sah und hörte offenbar nicht, wie ich das Zimmer verließ.

Als ich so zwei Monate lang der tägliche und einzige Vertraute Karl Ritters gewesen war, sagte er eines Tages plötzlich:

»Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen!«

Das Bekenntnis eines Sterbenden.

»Ich habe nie weichgegeben, bis jetzt. Nun aber ist’s aus mit mir. Ich muß sterben und zwar bald. Sie bemerkten, daß Sie demnächst wieder an den Mississippi zurückzukehren gedächten; – dies zusammen mit einem seltsamen Erlebnis der letzten Nacht hat mich zu dem Entschluß gebracht, Ihnen meine Geschichte zu erzählen – denn Sie werden nach Napoleon in Arkansas kommen, und ich bitte Sie um meinetwillen, dort anzuhalten und etwas für mich zu thun – Sie werden es gewiß gern thun, wenn Sie meine Erzählung gehört haben.

»Ich werde die Geschichte abkürzen, wo ich kann; es ist notwendig, denn sie ist lang. Sie wissen bereits, wie ich dazu kam, nach Amerika zu gehen und mich in jener einsamen Gegend im Süden niederzulassen; aber Sie wissen nicht, daß ich Weib und Kind hatte. Meine Frau war jung, schön, liebevoll und o! so göttlich gut, tugendhaft und edel! Und unser kleines Mädchen war die Mutter im kleinen. Wir waren die glücklichste aller glücklichen Familien.

»Einstmals in der Nacht – es war gegen das Ende des Krieges – erwachte ich aus einer dumpfen Betäubung und fand, daß ich gebunden und geknebelt und die Luft mit Chloroform geschwängert war! Ich sah zwei Männer im Zimmer, von denen der eine dem andern in heiserem Ton zuflüsterte: ›Ich sagte ihr, ich thue es, wenn sie Lärm mache, und was das Kind anbelangt, so – –‹

»Der andere unterbrach ihn mit leiser, weinerlicher Stimme:

»›Du sagtest, wir wollten sie nur knebeln und berauben, aber nicht umbringen; sonst wäre ich nicht mitgegangen.‹

»›Hör’ auf mit dem Gewinsel,‹ entgegnete der erstere, ›ich mußte ja den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast gethan, was du zu ihrem Schutze thun konntest, das laß dir genügen; und nun komm und hilf mir alles durchstöbern.‹

»Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte Nigger-Kleider; sie hatten eine Blendlaterne bei sich, bei deren Lichte ich bemerkte, daß dem sanfteren der beiden Räuber der Daumen an der rechten Hand fehlte. Sie suchten eine Weile in meiner ärmlichen Hütte, dann flüsterte der Hauptbandit:

»›Es ist Zeitverschwendung – er soll sagen, wo es versteckt ist. Nimm ihm den Knebel heraus und muntere ihn auf.‹

»›Ganz recht,‹ sagte der andere, ›aber – keine Schläge!‹

»›Also keine Schläge – d. h. wenn er sich ruhig verhält.‹

»Sie näherten sich mir; da ließ sich plötzlich draußen ein Geräusch hören, der Schall von Stimmen und Pferdehufen; die Räuber hielten den Atem an und horchten; der Schall kam immer näher, und endlich hörte man einen Ruf:

»›Heda, in dem Haus! Macht Licht, wir brauchen Wasser.‹

»›Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!‹ sagte der größere der beiden Schurken, und beide Räuber flohen durch die Hinterthür.

»Die Fremden riefen noch mehrmals und ritten dann weiter – es schien ein Dutzend Reiter zu sein – und ich hörte nichts mehr.

»Ich bemühte mich aus allen Kräften, konnte mich aber nicht aus meinen Banden freimachen. Ich versuchte zu sprechen, aber der Knebel saß so fest, daß ich keinen Laut von mir geben konnte. Ich lauschte, um meines Weibes oder Kindes Stimme zu hören – lauschte lange und aufmerksam, aber kein Laut kam aus der andern Ecke des Zimmers, wo ihr Bett stand. Dies Schweigen wurde jeden Augenblick schrecklicher, unheilverkündender. Glauben Sie, daß Sie es eine Stunde lang ertragen hätten? Nein? Nun denn, so bemitleiden Sie mich, der ich deren drei auszuhalten hatte. Drei Stunden! – es waren drei Menschenalter! So oft die Uhr schlug, schien es mir, als ob Jahre verflossen wären, seit ich sie das letztemal gehört hatte! Während dieser ganzen Zeit mühte ich mich in meinen Banden ab, und endlich, gegen Tagesanbruch, gelang es mir loszukommen; ich stand auf und streckte meine steifen Glieder. Der Fußboden war mit allerlei Sachen bestreut, welche die Räuber während ihrer Suche nach meinen Ersparnissen umhergeworfen hatten. Der erste Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war eines von meinen Papieren, das der rohere der beiden Schurken flüchtig betrachtet und dann weggeworfen hatte. Es trug die Fingerspuren des Mörders in blutiger Farbe! Ich wankte an das andere Ende der Stube. O, da lagen sie, die armen Wehr- und Hilflosen! Ihre Leiden waren zu Ende, das meine hatte erst begonnen.

»Ob ich das Gericht anrief? – Was hilft’s dem durstigen Armen, wenn der König für ihn trinkt? O nein, nein, nein – ich verschmähte die Einmischung des Gesetzes. Die Gesetze und der Galgen konnten diese Schuld nicht sühnen. Ich wollte den Schuldner schon finden und die Schuld eintreiben. Wie das anstellen, fragen Sie, da ich doch weder die Gesichter der Bösewichter gesehen, noch ihre unverstellte Stimme gehört, noch irgend eine Idee hatte, wer sie sein könnten? Nichtsdestoweniger war ich meiner Sache gewiß – ganz gewiß, ganz zuversichtlich – ich hatte eine Spur – eine Spur, auf die Sie vielleicht keinen Wert gelegt hätten – eine Spur, mit der selbst ein Detektiv nichts anzufangen gewußt hätte, weil er das Geheimnis, wie sie zu verwerten sei, nicht erriet. Doch, davon später. Zunächst wollen wir die Dinge in ihrer gehörigen Reihenfolge betrachten. Ein Umstand war vorhanden, der mir gleich zu Anfang einen Fingerzeig in einer bestimmten Richtung gab: Jene zwei Räuber waren offenbar als Landstreicher vermummte Soldaten, und zwar keine Neulinge mehr im Militärdienst, sondern alte Soldaten – wahrscheinlich von der Linie; sie hatten sich ihre militärische Haltung, Gebärden und Benehmen nicht in einem Tage oder Monat, noch in einem Jahr angeeignet. So dachte ich, sagte aber nichts. Und einer von ihnen hatte gesagt: ›Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!‹ – es war der, den ich suchte. In einer Entfernung von etwa einer Stunde lagerten mehrere Regimenter Infanterie und zwei Schwadronen Kavallerie. Als ich erfuhr, daß der Hauptmann Blakely von der 3. Schwadron in jener Nacht an unserem Hause vorbeigeritten war, und zwar mit einer Begleitung von zehn Mann, sagte ich nichts, beschloß aber, in jener Schwadron meinen Mann zu suchen. Im Gespräch bezeichnete ich die Räuber absichtlich beständig als Landstreicher, und unter dieser Klasse stellten die Leute nutzlose Nachforschungen an. Keiner außer mir beargwöhnte die Soldaten.

»Mit vieler Mühe flickte ich mir in nächtlicher Arbeit aus verschiedenen Tuchstücken und Kleiderfetzen eine Verkleidung zusammen; im nächsten Städtchen kaufte ich mir eine blaue Staubbrille. Als das Lager endlich aufgehoben und die dritte Schwadron zwanzig Meilen weiter nordwärts nach Napoleon beordert wurde, versteckte ich meinen kleinen Geldvorrat im Gürtel und machte mich in der Nacht auf den Weg. Als die dritte Schwadron in Arkansas ankam, war ich bereits dort; ja, ich war dort, in einem neuen Beruf – als Wahrsager. Ich befreundete mich mit allen dort liegenden Truppen und sagte allen ihre Zukunft voraus; meine Hauptaufmerksamkeit aber widmete ich der dritten Schwadron. Gegen die Leute dieser Schwadron war ich grenzenlos zuvorkommend; sie konnten keine Gefälligkeit von mir verlangen, mir nichts zumuten, dem ich mich nicht willig unterzogen hätte. Ich wurde die geduldige Zielscheibe ihrer oft rohen Späße, und das erhöhte meine Popularität: ich wurde allgemein beliebt.

»Ich entdeckte bald einen Gemeinen, dem ein Daumen fehlte – welche Freude für mich! Und als ich fand, daß ihm allein von allen Angehörigen der Schwadron der rechte Daumen fehlte, verschwand mein letzter Zweifel: ich war überzeugt, daß ich die rechte Spur gefunden hatte. Dieser Mann war ein Deutscher Namens Krüger, es waren neun Deutsche bei der Schwadron. Ich beobachtete Krüger, um seine etwaigen Vertrauten ausfindig zu machen; aber er schien keine besonders vertrauten Freunde zu haben. Von nun an wurde ich sein Vertrauter und gab mir alle Mühe, unsere Intimität so viel als möglich zu befestigen. Manchmal dürstete ich so nach Rache, daß ich mich kaum enthalten konnte, auf die Kniee zu fallen und ihn zu bitten, mir den Mann, der meine Lieben ermordet hatte, zu nennen; aber es gelang mir, meine Zunge im Zaum zu halten. Ich wartete meine Zeit ab und fuhr fort wahrzusagen, wie die Gelegenheit sich bot.

»Mein Geschäftsapparat war sehr einfach: ein bißchen rote Schminke und ein Stückchen weißes Papier. Kam einer zum Wahrsagen, so nahm ich seinen Daumenballen, bemalte ihn, nahm einen Abdruck davon auf dem Papier, studierte diesen in der Nacht und prophezeite am nächsten Morgen des Betreffenden Schicksal. Was ich mir bei diesem Unsinn dachte, fragen Sie? Nun, das Folgende: Als ich noch ein junger Mensch war, kannte ich einen alten Franzosen, der dreißig Jahre lang Gefängniswärter gewesen war, und der mir gesagt hatte, jeder Mensch habe etwas an sich, was sich von der Wiege bis zum Grabe nie ändere – die Linien im Daumenballen; und er hatte weiter gesagt, daß diese Linien sich niemals bei zwei Personen ganz genau gleich vorfänden. Heutzutage photographieren wir den angehenden Verbrecher und hängen sein Bild zum etwaigen späteren Gebrauch in der ›Spitzbubengalerie‹ auf; jener Franzose aber pflegte seiner Zeit von jedem neuangekommenen Gefangenen einen Abdruck des Daumenballens zu nehmen und diesen Abdruck zum späteren Gebrauch aufzubewahren. Er sagte immer, daß Bilder nichts taugen – spätere Verkleidungen könnten sie nutzlos machen. ›Der Daumen ist das einzig sichere,‹ sagte er, ›den kann man nicht verkleiden.‹ Und die Richtigkeit seiner Theorie erwies sich auch an meinen Freunden und Bekannten; seine Theorie hatte stets Erfolg.

»Ich wahrsagte weiter. Jede Nacht schloß ich mich ganz allein ein und studierte die während des Tages erlangten Daumenabdrücke mit einem Vergrößerungsglas. Stellen Sie sich die verzehrende Begierde vor, mit der ich über den labyrinthartigen roten Spiralen brütete; neben mir jenes Papier aus meiner Hütte, das den Abdruck des Daumens und Zeigefingers des Mörders trug, gefärbt mit dem für mich teuersten Blute, das je auf Erden vergossen wurde! Wie oft mußte ich enttäuscht dieselbe Bemerkung wiederholen: ›Werden sie denn nie übereinstimmen?‹

»Endlich aber wurde mein Warten belohnt; mein Lohn bestand in dem Daumenabdruck des 34. Mannes der dritten Schwadron, den ich untersucht hatte – des Gemeinen Franz Adler. Eine Stunde vorher kannte ich weder den Namen des Mörders, noch seine Stimme, Gestalt, Nationalität oder seine Züge; jetzt aber wußte ich das alles und glaubte meiner Sache sicher zu sein.

Illustration from Im Gold- und Silberland

Daumen-Abdrücke.

»Am nächsten Morgen nahm ich Krüger beiseite, als er dienstfrei war; und an einem Orte, wo uns niemand sehen oder belauschen konnte, sagte ich eindringlich zu ihm:

»›Ein Teil eures Schicksals ist so ernst und bedeutsam, daß ich es für das Beste hielt, es euch insgeheim zu sagen. Ihr und noch einer von eurer Schwadron, dessen Schicksal ich letzte Nacht erforschte, – der Gemeine Adler, – habt eine Frau und ein Kind ermordet! Ihr werdet verfolgt: innerhalb von fünf Tagen werdet ihr beide gemeuchelt werden.‹

»Ganz außer sich vor Schreck fiel er auf die Kniee nieder und stammelte fünf Minuten immer dieselben Worte wie ein Geistesabwesender, und in derselben weinerlichen Weise, deren ich mich von jener Mordnacht her noch so gut erinnerte:

»›Ich that’s nicht – bei meiner Seele, ich that’s nicht; und ich wollte auch ihn davon abhalten – ich wollte es, Gott ist mein Zeuge. Er that es allein.‹

»Das war alles, was ich wissen wollte, und ich wollte mich nun des Elenden entledigen; er klammerte sich jedoch an mich und flehte mich an, ihn vor dem Meuchelmörder zu retten. Er sagte:

»›Ich habe Geld – zehntausend Dollars – versteckt, die Frucht der Dieberei und Plünderung; rettet mich – sagt mir, was ich thun soll, und ihr sollt es haben – bis auf den letzten Pfennig. Zwei Drittel davon gehören meinem Vetter Adler; aber Sie dürfen meinetwegen alles nehmen. Wir versteckten es, sobald wir hieherkamen; aber ich versteckte es gestern an einem neuen Platz, ohne ihm etwas davon zu sagen – er soll es auch nie erfahren. Ich wollte desertieren und das Ganze mitnehmen. Es ist lauter Gold – zu schwer, um es mit sich zu schleppen; aber ein Weib, das ich ins Vertrauen gezogen, sollte mit dem Gelde nachfolgen. Ich hatte mit ihr verabredet, wenn ich keine Gelegenheit fände, ihr das Versteck zu beschreiben, so wollte ich ihr meine silberne Taschenuhr in die Hand gleiten lassen oder sie ihr senden; sie wüßte dann, woran sie wäre. Im Rücken des Uhrgehäuses sei ein Stück Papier, das alles Nötige besage. Hier nehmt die Uhr! Sagt mir, was ich thun soll!‹

»Er wollte mir durchaus seine Uhr aufdrängen, nahm das Papier heraus und erklärte es mir, als plötzlich Adler, etwa ein Dutzend Schritte von uns entfernt, auftauchte. Ich sagte zu dem armen Krüger:

»›Steckt eure Uhr ein, ich will sie nicht. Ihr sollt nicht zu Schaden kommen. Geht jetzt; ich muß Adler wahrsagen. Ich werde euch bald wissen lassen, wie ihr dem Meuchelmörder entgehen könnt. Sagt Adler nichts von der Sache – auch keinem andern.‹

»Der arme Teufel entfernte sich, erfüllt von Furcht und Dankbarkeit. Ich wahrsagte Adler seine Zukunft – absichtlich so ausführlich, daß ich nicht ganz zu Ende kommen konnte; versprach, in der Nacht auf Wache zu ihm zu kommen und ihm den wahrhaft wichtigen Teil seiner Zukunft – den tragischen Teil, sagte ich – zu erzählen; wir müßten deshalb außerhalb des Bereiches von Horchern sein. Es wurde stets eine Feldwache außerhalb der Stadt aufgestellt, – bloß der Disziplin und Form wegen, da kein Feind in der Nähe war.

»Ich erfragte die Losung, und gegen Mitternacht machte ich mich auf den Weg nach der einsamen Gegend, wo Adler auf Posten stehen sollte. Es war so dunkel, daß ich fast auf eine undeutliche Gestalt gestoßen wäre, noch ehe ich ein Wort hervorbringen konnte. Der Anruf des Postens und meine Antwort erfolgten in demselben Augenblick, ich fügte hinzu: ›Ich bin’s – der Wahrsager.‹ Dann schlich ich mich an den Menschen heran und stieß ihm, ohne ein Wort zu sagen, meinen Dolch in das Herz! So, lachte ich, das war der tragische Teil deines Schicksals! Indem er laut aufschrie, griff er nach mir, und meine blaue Brille blieb ihm in der Hand; das Pferd galoppierte davon mit seinem toten Reiter.

»Ich floh durch die Wälder und entkam glücklich, die mich anklagende Brille in des Toten Hand zurücklassend.

»Das war vor fünfzehn oder sechzehn Jahren. Seit dieser Zeit bin ich ziellos in der Welt umhergewandert, manchmal beschäftigt, manchmal müßig, manchmal mit, manchmal ohne Geld, aber immer des Lebens müde und den Tod herbeisehnend, denn meine Mission hienieden war mit jener nächtlichen That beendigt, und das einzige Vergnügen, der einzige Trost und die einzige Genugthuung, die ich in allen jenen langwierigen Jahren hatte, lag in dem täglichen Gedanken: ›Ich habe ihn getötet!‹

Illustration from Im Gold- und Silberland

»Vor vier Jahren begann meine Gesundheit mich im Stiche zu lassen. Ich war in meiner zwecklosen Weise nach München gewandert. Da ich ohne Geldmittel war, suchte ich Arbeit und fand sie auch, that ein Jahr lang treu meine Pflicht und erhielt die Stelle des Nachtwächters dort in jenem Leichenhause, das Sie kürzlich besuchten. Ich wanderte stundenlang unter jenen starren Leichnamen umher und sah in ihre bleichen Gesichter. Der Ort gefiel mir; er paßte zu meiner Gemütsstimmung. Ich war gerne bei den Toten – war gerne allein mit ihnen; je später die Stunde, desto ergreifender war es; die Stunden nach Mitternacht waren mir die liebsten. Manchmal schraubte ich die Gasflammen tiefer herab; das gab Perspektive, wissen Sie, und die Phantasie bekam freies Spiel; die trüben, im Hintergrund sich verlierenden Reihen der Toten erfüllten mich stets mit seltsamen fesselnden Vorstellungen. Vor zwei Jahren – ich war damals ein Jahr lang dort gewesen – saß ich ganz allein im Wachzimmer (’s war eine stürmische Winternacht), erkältet, fast erstarrt, unbehaglich, und war nahe am Einschlafen; das Heulen des Windes und das Auf- und Zuschlagen ferner Fensterläden drang jeden Augenblick schwächer und schwächer an mein Ohr, als plötzlich jene Totenglocke über meinem Haupt ein Geläute begann, das mir das Blut in den Adern erstarren ließ. Die Erschütterung lähmte mich beinahe, denn es war das erstemal, daß ich die Glocke hörte.

»Ich raffte mich zusammen und eilte in den Leichensaal. Etwa in der Mitte der äußern Reihe saß eine mit Leintüchern umwickelte Gestalt aufrecht da und neigte langsam den Kopf von einer Seite zur andern – ein schauerlicher Anblick! Er hatte mir die Seite zugewandt; ich eilte hinzu und sah ihm ins Gesicht: guter Gott! es war Adler!

»Können Sie erraten, was mein erster Gedanke war? In Worte gebracht folgender: ›Es scheint also, du bist mir doch entkommen; diesmal soll es anders gehen!‹

»Jener Mensch litt offenbar unendliche Schreckensqualen. Stellen Sie sich vor: mitten in der lautlosen Stille aufzuwachen und eine grimme Totengemeinde zu überschauen! Welche Dankbarkeit glänzte in seinem knöchernen weißen Gesicht, als er ein lebendes Wesen vor sich sah! Und wie die Glut dieser stummen Dankbarkeit sich erhöhte, als seine Augen auf die lebenspendenden Stärkungsmittel fielen, die ich in den Händen trug! Und dann stellen Sie sich das Entsetzen vor, das über ihn kam, als ich diese Herzstärkungen wegstellte und höhnend sagte:

»›Sprich doch, Franz Adler – ruf’ diese Toten an. Sie werden dich ohne Zweifel hören und Mitleid mit dir haben; sonst wirst du schwerlich jemand rühren.‹

»Er versuchte zu sprechen, aber jener Teil des Leintuchs, der seine Kinnladen zusammenhielt, hielt fest und erlaubte es ihm nicht. Er versuchte flehend die Hände zu erheben, aber sie waren ihm auf seiner Brust gekreuzt und zusammengebunden.

»›Rufe doch, Franz Adler!‹ sagte ich, ›daß die Schläfer in den fernen Straßen dich hören und Hilfe bringen. Rufe doch – und verliere ja keine Zeit, denn du hast wenig zu verlieren. Was? Du kannst nicht. Das ist schade; aber es macht nichts, denn es bringt ja doch nicht immer Hilfe. Als ihr, du und dein Vetter, in einer Hütte in Arkansas ein Weib und ein Kind ermordetet – mein Weib war’s und mein Kind! – da riefen sie auch um Hilfe, wie du dich erinnerst; aber es nützte nichts; du erinnerst dich dessen, – nicht wahr? Deine Zähne klappern ja – warum kannst du denn nicht rufen? Mache doch die Bandagen mit den Händen los – dann geht’s. Ah, ich sehe – deine Hände sind gebunden, sie können dir nicht helfen. Wie seltsam sich nach langen Jahren die Dinge wiederholen; denn auch meine Hände waren in jener Nacht gebunden, nicht wahr? Ja, fast ebenso gebunden wie die deinen – wie sonderbar das ist! Ich konnte mich nicht loszerren. Es fiel dir nicht ein, mich loszubinden, und mir fällt es nicht ein, deine Bande zu lösen. Pst! ein Fußtritt! er kommt hier vorüber. Horch, wie nahe er ist! Man kann die Schritte zählen – eins – zwei – drei. Da – es ist gerade da draußen. Jetzt ist es Zeit. Ruf’, Mann, ruf’! – es ist die allereinzige Gelegenheit zwischen dir und der Ewigkeit! Ah, du siehst, daß du zu lange gezögert hast – sie ist vorbei. Da – der Schall erstirbt; es ist aus! Denke daran – denke darüber nach – du hast zum letztenmale den Schall menschlicher Schritte gehört. Wie seltsam es sein muß, einem so gewöhnlichen Schall wie diesem zu lauschen und zu wissen, daß man nie wieder seinesgleichen hören wird!‹

»O, mein Freund, die Todesqual in jenem tücherumhüllten Gesicht zu sehen, war die höchste Wonne für mich! Ich erdachte eine neue Folter und wendete sie an, mit etwas lügenhafter Erfindung als Beihilfe.

»›Der arme Krüger wollte mein Weib und Kind retten, zum Dank leistete ich ihm einen guten Dienst, als Zeit und Gelegenheit kamen. Ich beredete ihn, dich zu berauben, und ich und ein Weib halfen ihm, als er desertierte und brachten ihn in Sicherheit.‹

»Eine Miene des Triumphes gleichsam, und der Ueberraschung glänzte einen Augenblick trübe durch die Angst im Gesichte meines Opfers. Ich war erregt, beunruhigt, und sagte:

»›Was hast du – entkam er denn nicht?‹

»Ein verneinendes Kopfschütteln.

»›Nicht? Was geschah denn?‹

»Die Genugthuung in dem verhüllten Gesicht war noch deutlicher. Der Mann versuchte einige Worte zu murmeln – es gelang ihm nicht; versuchte mit den behinderten Händen etwas auszudrücken – auch das mißlang: wartete einen Augenblick und neigte dann in bedeutsamer Weise sein Haupt gegen den Leichnam, der ihm am nächsten lag.

»›Tot?‹ fragte ich. ›Entkam nicht? – wurde gefangen und erschossen?‹

»Verneinendes Kopfschütteln.

»›Was dann?‹

»Wieder versuchte der Mann etwas mit den Händen zu thun. Ich beobachtete ihn genau, konnte aber seine Absicht nicht erraten; ich beugte mich über ihn und beobachtete ihn noch genauer. Er hatte einen Daumen herumgedreht und zeigte damit auf seine Brust.

»›Ah – erstochen meinst du?‹

»Bejahendes Nicken, von einem so teuflisch-gespensterhaften Lächeln begleitet, daß ein grelles Licht in meinem stumpfen Gehirn aufblitzte und ich rief: –

»›Hab’ ihn also irrtümlich für dich gehalten und erstochen? denn jener Stoß war nur dir zugedacht.‹

»Der zum zweitenmale dem Tode geweihte Schurke nickte so zufrieden, als seine schwindende Kraft es auszudrücken vermochte. Ich begrub schluchzend das Gesicht in den Händen.

»›O ich Elender!‹ rief ich, ›der ich die mitleidige Seele erschlug, die als Freund zu meinen Lieben stand, als sie hilflos waren, und sie, wenn es möglich gewesen, gerettet hätte! O, ich Elender!‹

»Ich glaubte das dumpfe Gurgeln eines höhnischen Lachens zu hören; ich nahm die Hände vom Gesicht und sah, wie mein Feind auf sein schräges Brett zurücksank.

»Sein Todeskampf währte eine befriedigend lange Zeit: er besaß eine wunderbare Lebenskraft, eine staunenswerte Konstitution. Ich holte mir einen Stuhl und eine Zeitung, setzte mich neben ihn und begann zu lesen. Gelegentlich nahm ich einen Schluck Branntwein: das war notwendig der Kälte wegen; ich that es aber teilweise, weil ich sah, daß er zuerst bei jedem Schluck erwartete, ich würde ihm auch ein wenig davon geben. Ich las laut: hauptsächlich erdichtete Berichte von Leuten, die durch einen Löffel voll Branntwein und ein warmes Bad vom Grabesrand zurückgerissen und dem Leben zurückgegeben wurden. Ja, er hatte einen recht langwierigen, harten Todeskampf – drei Stunden sechs Minuten von der Zeit an, da er die Glocke läutete.

»Die schaurige Kälte des Leichensaales war mir durch Mark und Bein gedrungen; sie verursachte und beschleunigte einen Rückfall in die Krankheit, die mich schon öfter befallen hatte, aber bis zu jener Nacht immer wieder rasch vorüber gegangen war. Jener Mann mordete mein Weib und Kind, und in drei Tagen von heute an werde ich meinen Lieben nachfolgen. Thut nichts – Gott, wie köstlich ist die Erinnerung daran! – ich hatte ihn erfaßt, wie er seinem Grabe entfliehen wollte, und ihn wieder in dasselbe zurückgeworfen.

»Nach jener Nacht war ich eine Woche lang an mein Bett gefesselt; sobald ich aber wieder auf den Beinen war, schlug ich in den Leichenhausbüchern die Adresse des Hauses auf, in dem Adler erkrankt war. Es war eine elende Herberge. Ich dachte, Adler werde als Krügers Vetter dessen Habseligkeiten in Besitz genommen haben. Ich wollte mir womöglich Krügers Uhr verschaffen. Aber während ich krank darniederlag, waren Adlers Sachen verkauft und überallhin zerstreut worden – alle bis auf einige alte Briefe und wertlose Kleinigkeiten. Mittels jener Briefe aber spürte ich einen Sohn Krügers auf – den einzigen Verwandten, den er hinterließ. Er ist jetzt ein Mann von dreißig Jahren, seines Zeichens ein Schuhmacher, ein Witwer mit mehreren kleinen Kindern, und wohnt zu Mannheim, Königsstr. Nr. 14. Ohne ihm einen Grund zu sagen, habe ich seitdem stets zwei Drittel zu seinem Lebensunterhalt beigesteuert.

»Was nun jene Uhr angeht, so hören Sie nur, was für seltsame Dinge geschehen. Ich suchte länger als ein ganzes Jahr mit Mühe und Kosten in ganz Deutschland nach ihr – und fand sie endlich, bekam sie und war unsäglich froh; ich öffnete sie und fand nichts darin. Hätte mir freilich sagen können, daß jenes Stückchen Papier nicht die ganze Zeit hindurch darin bleiben würde. Ich hatte damals die Uhr mitsamt dem Schatz verschmäht – jetzt hätte ich das Geld gerne für Krügers Sohn gehabt.

»In der letzten Nacht fühlte ich, daß ich bald sterben würde. Ich verbrannte alle wertlosen Papiere; und siehe da! aus einem Briefbündel Adlers, das ich vorher nicht genau genug durchforscht hatte, fiel jener langersehnte Zettel! Ich erkannte ihn augenblicklich; er lautete wie folgt:

»›Pferdestall aus Backsteinen mit steinernem Fundament, Mitte der Stadt, Ecke der Orleansstraße und des Marktplatzes; Ecke gegen das Gerichtshaus zu – vierte Reihe, dritter Stein. Stecke Benachrichtigung dorthin mit der Angabe, wieviele kommen werden.‹

»Da, nehmen Sie’s, und heben Sie es gut auf. Krüger sagte mir, daß jener Stein entfernt werden könne und daß er in der nördlichen Mauer des Gebäudes sei, in der vierten Reihe von oben, der dritte Stein von Westen her. Das Geld sei dahinter versteckt. Er sagte, der Schlußsatz sei eine Finte um irrezuführen, falls das Papier in unrechte Hände geraten sollte. Diese Finte scheint Adler gegenüber ihren Zweck erreicht zu haben.

»Und nun bitte ich Sie, wenn Sie Ihre beabsichtigte Reise den Mississippi hinab thun, dieses versteckte Geld ausfindig zu machen und an Adam Krüger unter der eben erwähnten Adresse zu senden. Es wird ihn zu einem reichen Manne machen, und ich werde sanfter ruhen in meinem Grabe, wenn ich weiß, daß ich mein Möglichstes gethan habe für den Sohn des Mannes, der mein Weib und Kind retten wollte – obgleich meine Hand ihn erschlug, während der Antrieb meines Herzens dahin gegangen wäre, ihn zu beschirmen und ihm dienstlich zu sein.«

»Das war Ritters Geschichte,« sagte ich zu meinen Freunden Rogers und Thompson, mit denen ich bald nach meiner Rückkehr von Europa den Mississippi hinabfuhr. Als ich geendet hatte, folgte eine tiefe, eindrucksvolle Stille, die beträchtliche Zeit dauerte; dann brachen beide in ein wahres Kreuzfeuer von erregten und bewundernden Ausrufen über die seltsamen Episoden der Erzählung aus, das anhielt, bis sie fast ganz außer Atem waren. Dann begannen meine Freunde kühler zu werden und sich unter dem Schutze gelegentlicher Salven in Schweigen und abgrundtiefe Träumerei zurückzuziehen. Etwa zehn Minuten lang herrschte Stillschweigen; dann sagte Rogers träumerisch –:

»Zehntausend Dollars,« und nach einer langen Pause fügte er hinzu: »Zehntausend – ’s ist ein Haufen Geld.«

Gleich darauf fragte Thompson:

»Werden Sie es ihm sogleich senden?«

»Ja,« sagte ich. »Eine seltsame Frage!«

Keine Antwort. Nach einer Weile fragte Rogers zögernd:

»Alles? – Das heißt – ich meinte nur –«

»Gewiß, alles.«

Ich wollte mehr sagen, hielt aber inne, durch einen Ideengang dazu veranlaßt, der in mir auftauchte. Thompson sprach, aber meine Gedanken waren anderswo, und ich erfaßte nicht, was er sagte; doch hörte ich, wie Rogers antwortete:

»Ja, das scheint mir so. Es sollte vollständig genügen, denn ich finde nicht, daß er dabei etwas gethan hat.«

Sogleich fiel Thompson, der Dichter, ein:

»Bei Licht betrachtet, ist es mehr als genügend. Denke nur – fünftausend Dollars. Ei, er könnte das Geld in seinem ganzen Leben nicht ausgeben! Und es könnte ihm leicht schaden, ihn vielleicht zu Grunde richten – das ist wohl zu beachten. Wer weiß, wie lang es dauert, bis er alles durchgebracht hat? Dann macht er seine Bude zu, fängt vielleicht an zu trinken, mißhandelt seine Kinder, gerät auf andere Abwege und sinkt tiefer und tiefer – –«

»Ja, das ist’s,« unterbrach ihn Rogers voller Feuereifer, »ich habe das hundertmal – ja, öfter als hundertmal gesehen. Wenn du einen solchen Mann gänzlich zu Grunde richten willst, brauchst du ihm bloß Geld in die Hand zu geben; ja, gieb ihm nur Geld in die Hand – das ist alles, was dazu gehört; und wenn es ihn nicht herabzieht, ihm alle Würde, alle Selbstachtung u. s. w. raubt, dann kenne ich die menschliche Natur nicht – ist’s nicht so, Thompson? Und selbst wenn wir ihm ein Drittel davon geben; ei, in weniger als sechs Monaten – –«

»Weniger als sechs Wochen, sage lieber,« sagte ich, mich erwärmend und einfallend. »Wenn die dreitausend Dollars nicht in sicheren Händen wären, wo er sie nicht anrühren könnte, so würde er ebensowenig sechs Wochen damit reichen, als – –«

»Natürlich nicht,« sagte Thompson; »ich habe Bücher geschrieben für die Sorte von Leuten; sobald sie ihre Hände auf ein Besitztum legen – auf dreitausend Dollars etwa, oder auf zweitausend – –«

»Ich möchte wissen, was dieser Schuster mit zweitausend Dollars soll?« fiel Rogers ernsthaft ein; »ein Mann, der vielleicht jetzt dort in Mannheim, umgeben von seinesgleichen, ganz zufrieden ist; der sein Brot mit dem Appetit ißt, den Mühe und Fleiß allein geben können, und ehrlich, aufrichtig und reinen Herzens sich seines bescheidenen Daseins freut; und begnadet – ja, ich sage begnadet ist vor all’ den vielen Tausenden, die in Sammet und Seide einhergehen und in dem hohlen, leeren Treiben der Gesellschaft umhergewirbelt werden – aber man führe diesen Mann nur einmal in Versuchung, lege nur fünfzehnhundert Dollars vor ihn hin und – –«

»Fünfzehnhundert Teufel!« rief ich, »fünfhundert würden seine Grundsätze ausrotten, seinen Fleiß lähmen und ihn in den Schnapsladen zerren, von da in die Gosse, von da ins Armenhaus, von da in – –«

»Weshalb uns dieses Verbrechen aufbürden, meine Herren?« unterbrach mich der Poet ernst und flehend. »Er ist glücklich, wo und wie er ist. Jedes Gefühl der Ehre, der Menschenliebe und des hohen, heiligen Wohlwollens ermahnt, bestürmt und befiehlt uns, ihn in Ruhe zu lassen. Das ist echte, wahre Freundschaft.«

Nach einigem weiteren Geplauder wurde es indessen ersichtlich, daß jeder von uns in seinem innersten Herzen einige Zweifel bezüglich dieser Erledigung der Sache hegte. Wir fühlten offenbar alle, daß wir dem armen Schuster irgend etwas senden sollten. Dieser Punkt wurde lange erwogen, und endlich beschlossen, daß wir ihm ein Farbendruckbild senden wollten.

Nun aber, da alles ganz zur Zufriedenheit geordnet schien, tauchte eine neue Schwierigkeit auf: es wurde mir klar, daß die beiden erwarteten, ich werde das Geld zu gleichen Stücken mit ihnen teilen. Das fiel mir gar nicht ein; ich sagte, sie könnten von Glück sagen, wenn sie zusammen die Hälfte bekämen. Rogers sagte darauf:

»Wer würde überhaupt etwas erhalten haben, wenn ich nicht gewesen wäre? Ich machte die erste Andeutung – sonst hätte der Schuster alles bekommen.«

Thompson sagte, daß er in demselben Augenblicke daran gedacht hätte, als Rogers die erste Andeutung machte.

Ich erwiderte, daß mir der Gedanke bald genug und ohne jede Beihilfe gekommen sei. »Ich denke vielleicht langsam,« sagte ich, »aber auch sicher.«

Unsere Erörterung entwickelte sich zu einem Zank, dann zu einem Faustkampf, bei dem wir alle stark mitgenommen wurden. Sobald ich mein Aeußeres wieder einigermaßen präsentabel gemacht hatte, begab ich mich (in recht verdrießlicher Stimmung) aufs Oberdeck. Dort fand ich den Kapitän und redete ihn so freundlich wie möglich folgendermaßen an:

»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Kapitän; ich möchte bei Napoleon landen.«

»Wo landen?«

»Bei Napoleon.«

Der Kapitän lachte, da er aber sah, daß ich nicht zum Scherzen aufgelegt war, fügte er ernster werdend hinzu:

»Ist das Ihr Ernst?«

»Mein voller Ernst.«

Der Kapitän blickte zum Lotsenhaus hinauf und sagte:

»Er will bei Napoleon landen!«

»Bei Napoleon?«

»So sagt er.«

»O Geist des großen Cäsar!«

Der Lotse kam auf uns zu, und der Kapitän sagte:

»Onkel, unser guter Freund hier will bei Napoleon landen.«

»Na, da – –«

»Nun, was soll das?« unterbrach ich ihn. »Kann man denn bei Napoleon nicht ans Ufer gehen, wenn man will?«

»Ei, zum Henker, wißt Ihr’s denn nicht? Es giebt kein Napoleon mehr, seit Jahren nicht mehr. Der Arkansas River brach durch, riß alles in Stücke und schwemmte es in den Mississippi!«

»Nahm die ganze Stadt mit? – Banken, Kirchen, Gefängnisse, Zeitungsdruckereien, Gerichtshaus, Theater, Feuerversicherungsgebäude, Mietställe – alles?«

»Alles. Just das Werk einer Viertelstunde. Ließ weder Haut noch Haar, weder einen Stein oder Balken noch einen Dachziegel übrig – einen Schuppen und einen Kamin aus Backsteinen ausgenommen. Das Boot hier fährt jetzt gerade da, wo die Mitte der Stadt war; dort ist der Kamin – alles, was von Napoleon übrig ist. Diese dichten Wälder zur Rechten waren sonst eine gute Stunde hinter der Stadt. Seht euch einmal um – blickt stromaufwärts – nicht wahr, jetzt erkennt ihr die Gegend nach und nach wieder?«

»Ja, ich erkenne sie jetzt. Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört habe – weitaus das Wunderbarste und – Unerwartetste.«

Mittlerweile waren meine Freunde Thompson und Rogers mit ihren Ränzchen und Regenschirmen angekommen und hatten dem Kapitän schweigend zugehört. Thompson drückte mir einen halben Dollar in die Hand und sagte leise:

»Für meinen Anteil an dem Farbendruck.«

Rogers folgte seinem Beispiel.

Ja, es war erstaunlich, den Mississippi zwischen unbevölkerten Ufern und gerade über den Ort sich hinwälzen zu sehen, wo ich vor zwanzig Jahren eine gute, große, behäbige Stadt zu sehen gewohnt war – eine Stadt, die der Hauptort eines umfangreichen und blühenden Bezirks war; eine Stadt, wo ich das hübscheste und liebreizendste Mädchen aus dem ganzen Mississippithal gekannt hatte; – jetzt keine Stadt mehr, verschlungen, verschwunden, eine Beute der Fische! nichts übrig als ein Stück von einem Schuppen und ein verfallender Backsteinschlot!

Und wo sind die zehntausend Dollars?

Illustration from Im Gold- und Silberland

Der Mann, der bei Gadsbys abstieg.

Illustration from Im Gold- und Silberland

Im Winter 1867 ging ich einmal mit meinem originellen Freund Riley, der, wie ich, Zeitungskorrespondent in Washington war, die Pennsylvania-Avenue hinunter. Mitternacht war fast vorüber und ein heftiger Schneesturm blies uns ins Gesicht, als wir beim Schein einer Straßenlaterne einen Mann erblickten, der uns entgegengelaufen kam.

Als er unserer ansichtig wurde, blieb er stehen und rief: »Das trifft sich ja prächtig! Sie sind Herr Riley, nicht wahr?«

Riley besaß mehr Ruhe und Kaltblütigkeit als irgend jemand in der ganzen Republik. Er stand still, betrachtete den Mann von Kopf bis zu Fuß und sagte endlich:

»Mein Name ist Riley! Wünschen Sie vielleicht etwas von mir?«

»Jawohl,« sagte der Mann voller Freude, »und ich bin überglücklich, Sie gefunden zu haben! Ich heiße Lykins und bin Lehrer am Gymnasium in San Francisco; die dortige Postmeisterstelle ist vakant, ich hab’ mich darum beworben, und deshalb bin ich jetzt hier.«

»Ja,« sagte Riley langsam und bedächtig, – »wie Sie ganz richtig bemerken, Herr Lykins, sind Sie jetzt hier! Und haben Sie die Stelle bekommen?«

»Noch nicht, aber ich bin auf dem besten Wege dazu. Das Gesuch, das ich einreichen will, trägt die Unterschriften des Vorstands für Volksunterricht, sowie sämtlicher Lehrer, und noch zweihundert anderer Personen. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie die Güte hätten, mich zu der betreffenden Zivilbehörde zu begleiten, um meine Ueberweisung auf den Posten ausfertigen zu lassen, denn ich möchte mit dieser Angelegenheit so schnell wie möglich fertig werden, und bald wieder zu Hause sein.«

»Wenn die Sache so dringend ist,« versetzte Riley in einem Ton, aus dem nicht jeder den Spott herausgehört hätte, »so wäre es Ihnen wohl angenehm, wenn wir den Beamten noch heute abend aufsuchten?«

»Jawohl, heute abend auf jeden Fall, ich habe nicht Zeit, mich lange herumzutreiben. Noch heute, ehe ich zu Bette gehe, muß ich die Zusage haben – ich bin kein Mann von Worten, sondern von Thaten!«

»Sehr wohl, – und da sind Sie hier am rechten Platze. – Wann sind Sie angekommen?«

»Gerade vor einer Stunde.«

»Und wann gedenken Sie wieder abzureisen?«

»Morgen abend nach New York und tags darauf nach San Francisco!«

»Ganz recht, – und was wollen Sie morgen den Tag über thun?«

»Nun, da muß ich mich doch mit dem Gesuch und der Ueberweisung zum Präsidenten begeben, um seine Unterschrift zu erhalten, nicht wahr?«

»Jawohl, – das ist ganz richtig, ganz in der Ordnung, – und was dann?«

»Dann gehe ich um zwei Uhr nachmittags in die Senatssitzung und hole mir die Bestätigung, das ist der letzte Schritt.«

»Freilich, – freilich,« sagte Riley wohlbedächtig, »da haben Sie wieder ganz recht! Dann benutzen Sie den Abendzug nach New York und am nächsten Morgen das Dampfboot nach San Francisco.«

»So ist es – ganz wie ich mir die Sache überlegt habe.«

Riley dachte eine Weile nach, dann sagte er:

»Könnten Sie nicht vielleicht einen – oder zwei Tage länger bleiben?«

»Bewahre, das wäre ganz gegen meine Grundsätze; ich kann nicht lange herumbummeln, – ich bin ein Mann der That, wie ich Ihnen schon sagte.«

Mitten im heulenden Sturm und dichtesten Schneewirbel stand Riley einige Sekunden regungslos da, augenscheinlich in tiefes Nachdenken versunken: – dann blickte er auf und sagte:

»Haben Sie wohl je von dem Manne gehört, der eines Tages bei Gadsbys abstieg? – Aber ich sehe schon, daß Sie nichts von ihm wissen!«

Damit drängte er Herrn Lykins gegen ein eisernes Gitter, hielt ihn am Knopfloch fest und – wie Coleridges alter Matrose – bannte er ihn auf die Stelle durch den Blick seines Auges. Dann begann er seine Erzählung, so friedlich und seelenruhig, als lägen wir alle behaglich auf einer blumigen Sommerwiese ausgestreckt, anstatt um Mitternacht vom Wintersturm durchblasen zu werden.

»Ich will Ihnen von dem Mann erzählen: es war zur Zeit des Präsidenten Jackson und Gadsbys das erste Hotel der Stadt. – Eines Morgens um 9 Uhr kam dort ein prächtiger vierspänniger Wagen vorgefahren; auf dem Bock saß ein schwarzer Kutscher und ein wunderschöner großer Hund lief nebenher. Wirt, Kellner und Hausknecht stürzten herbei, den neuen Ankömmling zu empfangen. Dieser, ein Herr aus Tennessee, sprang eiligst heraus, befahl dem Kutscher zu warten, sagte, er habe keine Zeit, erst noch etwas zu essen, – er wolle nur eine kleine Schuldforderung bei der Regierung einkassieren und daher schnell auf das Schatzamt gehen, um das Geld zu holen; dann müsse er direkt wieder nach Tennessee zurück, da er große Eile habe.

Illustration from Im Gold- und Silberland

Um 11 Uhr abends kam er wieder, ließ die Pferde in den Stall bringen, bestellte ein Zimmer und meinte, er werde die Forderung am nächsten Morgen einkassieren. Dies geschah an einem Mittwoch, den 3. Januar 1834. Am 5. Februar verkaufte er den schönen Wagen und schaffte sich einen billigen, schon gebrauchten an; – er meinte, darin könne er das Geld ebenso gut mitnehmen, und auf vornehmes Aussehen lege er kein Gewicht. Am 11. August verkaufte er das eine Paar Pferde, indem er bemerkte, es sei doch bequemer mit zwei Pferden über das steile Gebirge zu fahren, weil dabei große Vorsicht nötig sei; auch werde das Geld, das er bekäme, nicht zu schwer für einen Zweispänner sein. Am 13. Dezember verkaufte er das dritte Pferd und meinte, jetzt bei dem klaren trockenen Winterwetter seien die Straßen in so gutem Zustand, daß ein Pferd das alte Fuhrwerk schnell genug vorwärts bringen könne. – Am 17. Februar 1835 verkaufte er den alten Wagen und schaffte sich einen leichten Einspänner an, den er billig bekam. Er meinte, die Wege seien jetzt vom Frühlingsregen so aufgeweicht, daß jedes andere Gefährt zu tief einsinken würde, auch habe er schon immer gern versuchen wollen, wie es sich in einem Einspänner über die Berge fahren lasse. – Am 1. August vertauschte er den Einspänner gegen eine kleine Chaise, die schon lange im Gebrauch war, und meinte, er freue sich ordentlich darauf, wie seine lieben Landsleute in Tennessee Mund und Augen aufsperren würden, wenn er in einer Chaise dahercarriolt käme, so etwas hätten sie gewiß ihr Lebtag nicht gesehen.

Am 29. August verkaufte er auch seinen schwarzen Kutscher und meinte, auf seiner Chaise sei ja gar nicht Platz für zwei, da könne er keinen Kutscher brauchen, – es sei ein reiner Glücksfall, daß er einen Käufer gefunden, der dumm genug gewesen, 900 Dollars für einen Neger von so zweifelhafter Qualität zu bezahlen, – er sei den Kerl längst gern los gewesen, habe ihn aber doch nicht um ein Spottgeld hergeben mögen.

Anderthalb Jahre später, am 15. Februar 1837, verkaufte er die Chaise, schaffte sich einen Sattel an und meinte, der Doktor habe ihm schon mehrmals gesagt, wie gut ihm das Reiten bekommen würde, außerdem würde es ja die reinste Thorheit sein, mitten im Winter eine Fahrt durch das Gebirge zu riskieren.

Am 9. April verkaufte er den Sattel und meinte, bei den schmutzigen schlechten Wegen im April sei so ein Sattel doch ein erbärmliches Ding, mit dem alle Augenblicke etwas passieren könne; auf dem Pferderücken fühle er sich noch einmal so sicher, und warum solle er sein Leben unnütz aufs Spiel setzen?

Am 24. April verkaufte er sein Pferd und meinte: ›Heute ist gerade mein siebenundfünfzigster Geburtstag, – ich bin gesund und frisch und kann mir nichts Angenehmeres denken, als eine Fußtour über die Berge, in ihrem jungen Frühlingsgrün; es wäre eine wahre Sünde, wenn ich die Gelegenheit dazu versäumte, um bei dem herrlichen Wetter aufs Pferd zu steigen! Wenn meine Forderung einkassiert ist, kann ja der Hund das kleine Bündel mit Leichtigkeit tragen. Morgen in aller Frühe will ich mich aufmachen und nach einem donnernden Lebewohl bei Gadsbys auf Schusters Rappen nach Tennessee marschieren.‹

Am 22. Juni verkaufte er seinen Hund und meinte: ›Wenn man so im Sommer durch Berg und Wald schweift, ist einem ja ein Hund überall im Wege, er jagt nach Eichhörnchen, bellt Tier und Menschen an, verläuft sich bald hier, bald dort, gerät in Bäche und Pfützen und läßt einen keinen Augenblick die schöne Natur in Ruhe genießen! Wenn ich mein Geld selber trage, ist es ohnehin viel sicherer. Auf einen Hund ist in Geldsachen kein Verlaß, – das weiß man aus Erfahrung! Na, lebt wohl, alte Jungens, – dies ist mein letzter Besuch, – morgen mit dem frühesten bin ich über alle Berge und auf festen Sohlen nach Tennessee unterwegs!‹« –

Es entstand eine Pause, – nur der Wind heulte, und der Schnee fiel in dichten Flocken. Endlich sagte Lykins ungeduldig:

»Nun, und was weiter?«

Riley versetzte:

»Ja, – das war vor dreißig Jahren!«

»Gut, gut, – aber was soll das?« –

»Der alte Herr ist mein guter Freund, er besucht mich jeden Abend, um Abschied zu nehmen. Vor einer Stunde war er bei mir und morgen früh macht er sich nach Tennessee auf – wie gewöhnlich, – er meinte, er werde seine Forderung einkassiert haben und auf und davon sein, ehe solche Nachteulen, wie ich, sich den Schlaf aus den Augen reiben. Er hatte Thränen in den Augen vor Freude, daß er nun bald seine alte Heimat und seine Freunde wiedersehen werde!« –

Es folgte eine abermalige Pause, die der Fremde unterbrach:

»Ist die Geschichte zu Ende?«

»Ja, das ist alles!«

»Sie war auch lang genug, bei dieser Nachtzeit und in solchem Wetter. Aber was wollen Sie denn damit sagen?«

»O, nichts Besonderes!«

»Ich meine, was soll sie eigentlich bedeuten?«

»Eine besondere Bedeutung hat sie nicht, – ich dachte nur so, daß, wenn Sie nicht in gar zu großer Eile sind, mit Ihrer Anstellung als Postmeister nach San Francisco zurückzukommen, so würde ich Ihnen raten, bei Gadsbys abzusteigen, und sich Zeit zu nehmen. Leben Sie wohl, ich wünsche Ihnen recht viel Glück!«

Dabei wandte sich Riley mit freundlicher Miene zum Gehen und ließ den verblüfften Schullehrer regungslos unter der Straßenlaterne stehen, die ihren hellen Schein auf den von Schneeflocken ganz weißen Mann warf. –

Die Postmeisterstelle hat er aber nie erhalten.

Die Geschichte des Invaliden.

Illustration from Im Gold- und Silberland

Ich sehe aus wie ein verheirateter Sechziger; es ist die Folge meiner angegriffenen und durch Leiden mitgenommenen Gesundheit; in Wirklichkeit bin ich Junggeselle und erst einundvierzig Jahre alt. Sie werden es kaum glauben können, daß ich, jetzt einem Schatten gleichend, vor kaum zwei Jahren noch frisch und gesund war – ein Mann von Eisen, ein wahrer Athlet! – und doch ist es die reine Wahrheit. Noch seltsamer aber ist die Art und Weise, wie ich meine Gesundheit einbüßte. Ich verlor sie, weil ich einst in einer Winternacht, während einer Eisenbahnfahrt von fünfzig Meilen, auf eine Kiste mit Gewehren achtgeben half. Ich will Ihnen die ganze Geschichte erzählen.

Ich bin zu Cleveland, Staat Ohio, zu Hause. Vor zwei Jahren kam ich einmal beim Anbruch der Nacht während eines heftigen Schneesturms heim und erfuhr, sobald ich ins Haus trat, daß mein liebster Jugendfreund und Schulkamerad, John B. Hackett, tags vorher gestorben war; sein letzter Wunsch sei gewesen, ich möge seine sterblichen Ueberreste zu seinen armen, alten Eltern nach Wisconsin geleiten. Ich war sehr erschüttert und bekümmert, durfte aber keine Zeit mit Gemütsbewegungen verlieren; ich mußte sogleich aufbrechen. Ich steckte die Karte, auf welcher ›Dekan Levi Hackett, Bethlehem, Wisconsin‹ stand, zu mir und eilte durch den heulenden Sturm der Bahnstation zu. Dort angelangt, fand ich die lange weißtannene Kiste vor, die mir beschrieben worden war. Ich befestigte die Karte mit einigen Stiften daran, überzeugte mich, daß die Kiste sicher in einem Expreßwagen untergebracht wurde, und eilte dann in das Speisezimmer, um mich mit einem belegten Butterbrot und einigen Cigarren zu versorgen. Als ich herauskam, stand meine Sargkiste wieder da und ein junger Mensch machte sich mit einer Karte, einigen Stiften und einem Hammer in der Hand, daran zu schaffen. Ich war erstaunt und verblüfft. Er begann seine Karte anzunageln und ich eilte ziemlich aufgeregt hinaus zu dem Expreßwagen, um eine Erklärung zu verlangen. Aber siehe – da war ja meine Kiste, sie lag im Güterwagen genau auf dem alten Fleck.

[Thatsächlich hatte eine großartige Verwechslung stattgefunden, ohne daß ich etwas davon ahnte. Ich nahm die Kiste mit Gewehren mit, welche jener junge Mann an eine Schützengesellschaft in Peoria in Illinois abliefern sollte, während er mit dem meiner Obhut anvertrauten Leichnam abreiste!]

Ich hatte mich kaum überzeugt, daß meine Kiste da war, als der Kondukteur rief: »Einsteigen!« Ich sprang rasch in den Packwagen und machte mir einen bequemen Sitz auf einem Ballen zurecht. In demselben Wagen fuhr der Güterschaffner, ein biederer Mann in den Fünfzigern, mit offenem, ehrlichem, gutmütigem Gesicht. Er hatte alle Hände voll zu thun. Als der Zug abfuhr, sprang ein Fremder an den Wagen und legte einen Pack mit besonders reifem und kräftigem Limburger Käse auf das eine Ende meiner vermeintlichen Sargkiste. Das heißt, ich weiß jetzt, daß es Limburger Käse war, damals aber war mir der Inhalt des Packets unbekannt. Wir flogen eilig dahin durch die rauhe Nacht, der Sturm tobte fort. Eine große Niedergeschlagenheit bemächtigte sich meiner, mein Herz wurde schwerer und immer schwerer. Der alte Schaffner machte ein paar heitere Bemerkungen über den Sturm und das Nordpolwetter, schloß die Schiebethüren und Fenster recht dicht und ging dann geschäftig und ein Liedchen summend hin und her, indem er das Gepäck zurechtsetzte. Bald fiel mir auf, daß sich ein äußerst übler, durchdringender Geruch in der eiskalten Atmosphäre des Wagens verbreitete; das machte mich noch niedergeschlagener, weil ich es natürlich meinem armen abgeschiedenen Freunde zuschrieb. Es lag etwas tief Trauriges darin, daß er sich mir in dieser stummen, pathetischen Weise ins Gedächtnis zurückrief, und so konnte ich nur mit Mühe die Thränen zurückhalten; nebenbei war ich auch besorgt, der alte Schaffner könne etwas merken. Er summte indessen ruhig weiter. Trotzdem fühlte ich mich mit jeder Minute unbehaglicher, denn der Geruch wurde immer stärker, schon mehr hautgoût. Nachdem der Schaffner alles zu seiner Zufriedenheit geordnet hatte, holte er einen Arm voll Holz und heizte in seinem Ofen tüchtig ein. Das that mir über die Maßen leid; denn ich war überzeugt, daß die Wärme eine schädliche Wirkung auf meinen armen abgeschiedenen Freund ausüben müsse. Thompson – der Schaffner hieß Thompson, wie ich im Laufe der Nacht erfuhr – ging jetzt die Wände betastend im Wagen umher, verstopfte alle Löcher und Ritzen, und bemerkte vergnügt, es möge nun draußen Wetter sein, welches es wolle, er werde es uns schon behaglich machen. Ich sagte nichts, zweifelte aber, ob er es richtig anfing. In einer Weile wurde der Ofen immer heißer und die Luft immer schwüler. Ich fühlte, daß mir übel und weh wurde, trug aber mein Leid im stillen und sagte nichts. Bald bemerkte ich, daß das Summen des Schaffners immer schwächer wurde, endlich hörte es ganz auf, und es herrschte eine unheimliche Stille. Nach einigen Augenblicken sagte Thompson:

»Pfui! na, Zimmetholz war’s nicht, was ich in den Ofen steckte!«

Er schnappte ein paarmal nach Luft, schritt dann auf die Kiste zu, stand einen Augenblick ganz nahe bei dem Limburger, ging dann wieder weg und setzte sich, augenscheinlich stark ›verschnupft‹ neben mich. Nach einigem Besinnen sagte er, mit dem Finger auf die Kiste zeigend:

»Freund von Ihnen?«

»Ja,« sagte ich mit einem Seufzer.

Illustration from Im Gold- und Silberland

»Ziemlich reif, wie’s scheint!«

Etwa zwei Minuten lang wurde nichts weiter gesagt, da jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war; dann sagte Thompson in leisem, friedlichem Tone:

»Manchmal weiß man nicht recht, ob sie ganz hinüber sind; es scheint oft nur so, wenn man sie anfühlt. Habe Fälle in meinem Wagen gehabt, besonders während des Krieges, – ich sag’ Ihnen, schauderhaft! Jeden Augenblick konnte man erwarten, daß sich so einer erhob und einen anglotzte.« Dann fügte er nach einer Pause hinzu, indem er mit dem Ellenbogen nach der Kiste zeigte: »Na, der da ist nicht scheintot! Für den stehe ich ein.«

Wir saßen einige Zeit schweigend und nachdenklich da, lauschten dem Sausen des Windes und dem Gerassel des Bahnzugs; dann sagte Thompson gefühlvoll:

»Nun, nun, wir werden alle einmal ›reif‹, das ist nun einmal nicht zu ändern. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur eine kurze Zeit, sagt die Schrift. Ja, man mag es betrachten, wie man will, es ist furchtbar ernsthaft und wunderbar: Es giebt niemand, der’s ändern kann, alle müssen fort, einer wie der andere. Heute ist man frisch und gesund« – hier unterbrach er sich, schnellte auf, riß ein Fenster auf und streckte seine Nase ein paar Augenblicke hinaus, dann setzte er sich wieder, während ich aufstand und meine Nase an derselben Stelle hinausstreckte, und so wechselten wir immer ab – »und am nächsten Tag wird er niedergemäht wie das Gras, wie es in der Schrift steht. Ja, wahrhaftig – ’s ist eine furchtbar ernste und feierliche Sache; aber wir müssen alle gehen, früher oder später; ’s läßt sich nicht ändern.«

Es folgte wieder eine lange Pause, dann fragte Thompson:

»Woran starb er denn?«

Ich antwortete, es sei mir unbekannt.

»Wie lange ist er denn schon tot?«

Um nicht, wegen des Geruchs, zu wenig zu sagen, antwortete ich:

»Zwei oder drei Tage.«

Aber es half nichts; Thompson nahm es mit einer ungläubigen Miene auf, die deutlich besagte: Sie wollen wohl sagen: »Zwei oder drei Jahre!« Meine Angabe stillschweigend ignorierend, fuhr er dann ruhig fort, mir seine Ansicht auseinanderzusetzen über die Thorheit, Begräbnisse lang aufzuschieben. Dann schritt er zu der Kiste, blieb einen Augenblick davor stehen, kam eilig zurück und stattete dem Fenster einen Besuch ab, wobei er bemerkte:

»Es wäre in jeder Hinsicht besser gewesen, wenn Sie ihn letzten Sommer fortgeschafft hätten.«

Thompson setzte sich nieder, begrub sein Gesicht in einem rotseidenen Taschentuch und begann sich langsam hin- und herzuwiegen wie einer, der sich wohl oder übel in das Unvermeidliche schickt. Mittlerweile war der Duft – wenn man das noch Duft nennen darf – zum Ersticken geworden. Thompsons Gesicht wurde aschgrau; das meine – ich fühlte es – war leichenfahl. Zur Abwechslung stützte Thompson den Kopf in die linke Hand, den Ellbogen auf dem Knie; mit der andern Hand fuchtelte er mit dem Taschentuch gegen die Kiste und sagte:

»Bin schon mit vielen gefahren – manche davon waren beträchtlich angegangen – aber, weiß der Himmel, der schlägt sie alle um ein Dutzend Nasenlängen, mit Leichtigkeit. Ich versichere Sie, die anderen waren Eau de Cologne gegen ihn!«

Ich nahm das Kompliment für meinen Freund, trotz der betrübenden Nebenumstände, nicht ohne Genugthuung auf.

Es wurde uns sehr bald klar, daß etwas geschehen müsse. Ich schlug Cigarren vor; Thompson war damit einverstanden.

»Vielleicht mildert’s etwas,« meinte er.

Wir pafften hübsch drauf los und bildeten uns eine Weile ein, daß der Zustand sich gebessert habe; aber es half nichts. Sehr bald, wie auf ein verabredetes Zeichen, ließen wir beide gleichzeitig unsere Cigarren den kraftlosen Fingern entfallen. Thompson sagte mit einem Seufzer:

»Nein, Freund, das macht ihn nicht um ein Haar milder. Ich behaupte, es macht ihn nur wilder. Was sollen wir aber machen, he?«

Ich war nicht im stande, etwas vorzuschlagen, ich hatte während der ganzen Zeit gewürgt und gewürgt und hielt es nicht für geraten, den Mund zu öffnen. Thompson begann in abgebrochenen Sätzen über die dumme Geschichte zu brummen, wobei er meinen Freund verschiedentlich titulierte; die Titel wurden immer größer, je eifriger er redete. Schließlich sagte er:

»Wissen Sie was? Wir sollten unsern Oberst[6] weiter an das andere Ende des Wagens bringen, etwa zehn Fuß. Er kann sich dann nicht so geltend machen.«

Das leuchtete mir ein. Wir schöpften also am Fenster gehörig Atem und faßten dann die Kiste mit dem Käse an. Thompson nickte ›Fertig‹, worauf wir mit aller Macht auslangten; aber Thompson glitt aus, stieß mit der Nase auf den Käse und verlor fast den Atem. Schnappend und keuchend rappelte er sich empor und wankte auf die Thüre zu, wobei er mir heiser zurief: »Lassen Sie mich! Ich muß sterben! Luft! Luft!« Draußen auf der kalten Plattform kam er bald wieder zu sich und fragte mich:

»Was meinen Sie, lassen wir unsern Generalissimus liegen, wo er liegt? – ich fürchte, wenn er noch mehr aufgestöbert wird, wird er immer unangenehmer.«

»Ja, ja,« entgegnete ich, »es wird am besten sein, wir lassen ihn, wo er ist, da er es einmal so haben will; denn wissen Sie, er hat alle Trümpfe in der Hand, und wenn ihm da einer in die Quere kommt, kann’s ihm schlecht bekommen.«

Da wir in dem rasenden Sturm nicht draußen bleiben konnten, gingen wir wieder hinein und schlossen die Thüre. Unser Leid begann von neuem und wir lösten uns abwechselnd an dem Fenster ab. Später, als wir von einer Station abfuhren, wo der Zug einige Minuten gehalten hatte, kam Thompson triumphierend herein und rief:

»So, jetzt ist’s gut! Diesmal kriegen wir Se. Excellenz unter. Da hab’ ich einen Stoff, vor dem er gewiß die Waffen streckt.«

Es war eine Flasche voll Karbolsäure. Er spritzte davon überall umher, ja er tränkte buchstäblich alles damit – Kiste, Käse und alles andere. Dann setzten wir uns nieder – ziemlich zuversichtlich; aber unser Hoffen währte nicht lange. Statt sich zu bekämpfen und zu paralysieren, vermischten sich die beiden Gerüche friedlich und stanken unisono um die Wette. Wir griffen bald nach der Thüre, und draußen sagte Thompson ziemlich kleinlaut:

»Es hilft nichts; wir können nicht gegen ihn ankommen. Hören Sie, Freund, es ist jetzt hundertmal schlimmer drinnen als anfangs. Hab’ nie erlebt, daß einer so verdammt forsch ins Zeug geht – wahrhaftig nicht, Herr, seit ich diese Strecke befahre; und ich habe doch manchen von ihnen mitgenommen, wie ich Ihnen schon sagte.«

Wir gingen wieder hinein, nachdem wir tüchtig durchgefroren waren, aber es war drinnen kaum zum aushalten. Es blieb uns nichts übrig, als abwechselnd hinaus und hinein zu gehen; eine Abwechslung zwischen Erfrieren und Auftauen. Nach einer Stunde etwa hielten wir an einer andern Station; beim Abfahren kam Thompson mit einem Bündel herein und sagte:

»Ich will’s nochmals mit ihm versuchen – nur dieses eine Mal noch; wenn wir ihm diesmal nicht beikommen, so bleibt nichts übrig, als die Karten wegzuwerfen und das Spiel aufzugeben. Das ist meine Meinung.«

Er hatte ein paar Handvoll Hühnerfedern, gedörrte Aepfel, Blättertabak, Kleiderfetzen, alte Schuhe, Schwefel, Asa foetida und noch einiges andere mitgebracht; häufte alles auf einem Eisenblech in der Mitte des Wagens auf und zündete es an. Das Vorausgegangene war reinste Poesie gegen diesen Geruch, – ich dachte, davor müsse selbst eine Leiche die Segel streichen, aber fehlgeschlagen! Der ursprüngliche Geruch stieg empor, gerade so triumphierend wie zuvor – ja diese andern Gerüche schienen ihm nur eine feste Basis zu verleihen. Ich stellte diese Betrachtung nicht drinnen an – dazu war ja keine Zeit gewesen, – sondern draußen auf der Plattform. Auf der Flucht nach der Plattform war Thompson betäubt hingefallen, und bis ich ihn am Rockkragen hinausgeschleppt hatte, war ich selbst halbtot. Als wir wieder zu uns kamen, sagte Thompson verzagt:

»Wir müssen hier außen bleiben, Freund, das müssen wir unbedingt. Es geht nicht anders. Der Alte will einmal allein reisen – seine Mittel erlauben ihm das!«

Und sogleich fügte er hinzu:

»Wissen Sie auch, daß wir vergiftet sind? ’s ist unsere letzte Fahrt, darauf können Sie wetten. Da wird mindestens der Typhus draus. Ich fühl’ es schon kommen.«

Eine Stunde später hielt der Zug bei der nächsten Station, wo man uns erstarrt und besinnungslos auf der Plattform liegen fand; ich verfiel sogleich in ein hitziges Fieber, und kam drei Wochen lang nicht zum Bewußtsein. Ich erfuhr alsdann, daß ich jene entsetzliche Nacht neben einer harmlosen Gewehrkiste und einem Laib unschuldigen Käses zugebracht hatte. Aber die Nachricht kam zu spät zu meiner Rettung: die Phantasie hatte ihr Werk vollbracht, und meine Gesundheit war für immer zerrüttet; weder Italien noch ein anderes Land können sie mir zurückgeben. Es geht mit mir zu Ende; ich bin auf dem Wege nach Hause, um dort zu sterben!

Illustration from Im Gold- und Silberland

Verlag von Robert Lutz in Stuttgart

Deutsche Denkstätten ⁙ in Italien ⁙

Von Robert Kohlrausch

Mit vielen Illustrationen von A. H. Pellegrini

Schön ausgestattet. Geh. M. 6.–, in Lwd. geb. M. 7.–

Zweite Auflage

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Einige Urteile der Presse:

Hannoverscher Courier:

… So hat Robert Kohlrausch ganz Italien durchwandert und überall mit dem Verständnis und dem scharfen Blick des Historikers die Spuren der Ahnen betrachtet. Und ein anderes kam hinzu, diese historische Betrachtung für ihn und den Leser fruchtbar zu machen: die Gabe, das in Palästen, Kirchen u. Museen, auf Denkmälern, Bildern u. Schlachtfeldern als Denkzeichen deutschen Wesens, deutschen Geistes und deutschen Wirkens Erkannte in dichterischer Verklärung zu schauen u. längst Vergangenes und Verklungenes mit lebendigem Gegenwartsbewußtsein zu erfüllen … Ein inhaltsreiches Werk, das dem Leser eine Fülle von neuen Eindrücken vermittelt. … Möchten die »Deutschen Denkstätten in Italien« in vielen deutschen Häusern Leser und Freunde finden.

Reclams Universum:

… Stille Wehmut klingt aus seinen Zeilen heraus über all die unnütz vergossenen Ströme deutschen Blutes, und zugleich ein Ton lauterer Freude über das gewesene Große, Heldenhafte und Schöne, von dem uns so wenig mehr geblieben ist als eine große Erinnerung.

Breslauer Morgenzeitung:

Kohlrausch’s Buch bringt eine Fülle historischen Materials, aber es vermeidet sehr glücklich die bloße Aneinanderreihung geschichtlicher Vorgänge. Vielmehr liest es sich wie ein gewaltiges Epos, dessen einzelne Kapitel die mannigfaltigen Schicksale der deutschen Stämme und Fürstengeschlechter bilden, die um Italiens Besitz gerungen. Kohlrausch hat viel Fleiß verwendet, aber noch weit höher ist die dichterische Kraft zu bewerten, mit der er die großen Erinnerungsstätten einer an gewaltigen Tragödien reichen Vergangenheit wieder mit dem vollen Glanze umkleidet, den sie dereinst besessen haben. Alle, die die Schritte nach dem Süden lenken, werden gut tun, Kohlrausch’s Buch als kundigen Reisebegleiter mit sich zu nehmen.

Posener Zeitung:

Das Buch ist eine der interessantesten Neuerscheinungen dieses Winters. Als ein Künstler, der Italien und deutsche Vergangenheit gleichermaßen liebt, hat Kohlrausch seine selbstgestellte Aufgabe gelöst; er spricht zu uns in einer klaren, melodischen Sprache, die von tiefem lyrischem Gehalt durchdrungen sich dem Stoff völlig anpaßt.

Notes in this chapter

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