XI. KAPITEL. [←]
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XI. KAPITEL. [←]
DIE NIEDERLANDE.
Die Illustration. Christoph Plantin, seine Nachkommen, das Plantinsche Museum. Die Familie Blaeu. Die Elzeviere: Ludwig i., Matthias und Bonaventura, Isaack, Bonaventura und Abraham i. Johann und Daniel. Ludwig und Daniel, das Ende des Hauses. Die Nachahmer der Elzeviere. Die Familie Enschedé und die Schriftgiesserei.
DAUERTE es auch lange, ehe die Buchdruckerkunst in dem jetzigen Belgien und Holland recht heimisch wurde, so trieb sie, einmal dorthin verpflanzt, um so tiefere Wurzel; die Blütezeit derselben währte viel länger als in Deutschland, der Verfall war dort nie so gross als hier.

Die typographi- schen Eigentüm- lichkeiten.
Dieselben Eigenschaften, welche die niederländische Malerkunst auszeichnen, die grosse Sauberkeit der Ausführung und die über alle Einzelheiten sich erstreckende minutiöse Sorgfalt, kennzeichnen auch die dortige Typographie. Gleich den malenden Künstlern des Landes verfolgten die Buchdrucker und Verleger im allgemeinen eine realistische Tendenz. Sie veranstalteten eine Menge für das Leben und die Wissenschaft nützlicher Werke, huldigten jedoch selten der idealen Richtung, welche vorzugsweise in Deutschland, jedoch auch in Frankreich und Italien, durch Zusammenwirken des Griffels der Künstler mit der Feder des Schriftstellers die uns bekannt gewordene Reihe prächtiger Erzeugnisse des Buchgewerbes hervorgebracht hat.
Die Illustration.
Dennoch blieben die Niederländer nicht ohne Verdienste um die vervielfältigenden Künste, doch machen sich diese hauptsächlich in dem Kupferstich und der Radierung, weniger in der mit dem Buchgewerbe enger verbundenen Xylographie, geltend.
Deutschlands Albrecht Dürer stellen sie ihren Lucas van Leyden (Dammetz, geboren 1494, gestorben 1533) entgegen. Er lieferte etwa 200 Stiche; für den Holzschnitt ist seine Thätigkeit eine unbedeutende. Im Clair-obscur-Druck zeichnen sich aus: Hubert Goltz (geb. 1524, gest. 1583), dessen Icones imperatorum Romanorum in Kupferstich mit aufgedruckten Holzschnittplatten ausgeführt sind; Abraham Bloemaert (geb. 1567, gest. 1647); und Heinr. Goltzius. Dieser nähert sich in mancher Hinsicht Luc. van Leyden. Schon 1523 erschien bei Dodo in Amsterdam eine Passion in 62 Blättern von einem ungenannten Künstler (Joh. Walter von Assen?), welcher ein Jahrhundert vor Rembrandt in der bekannten Manier dieses Künstlers zeichnete. Rembrandt selbst (geb. 1606, gest. 1665) hat sich im Holzschnitt versucht und Joh. Livens (geb. 1607, gest. 1663), sowie Dirk van Bray (gest. 1680) ahmten mit Glück seinen Stil im Holzschnitt nach, während Rubens' Zeichnungen einen tüchtigen Dolmetsch in dem Holzschneider und Zeichner Christoph Jegher fanden, einem geborenen Deutschen, der 1620-1660 in Antwerpen wirkte.
Eine Notiz von K. v. Heinecken hat zu vielen Debatten über einen mystischen frühesten Xylographen der Niederlande „Phillery“ Anlass gegeben. Allem Anschein nach schrumpft derselbe zu einem erst in den zwanziger Jahren des xvi. Jahrh. lebenden Holzschneider „Willem“ zusammen und beruht der Name Phillery wohl nur auf undeutlichen Schriftzügen.
Als Träger der Buchdruckerei erblicken wir in den Niederlanden wie in Italien und Frankreich mehrere berühmte Familien, vornehmlich die der Plantin, der Blaeu und der Elzeviere.
Blühende Lage Antwerpens.
Das blühende und mächtige Brügge hatte auf Grund seiner Haltung gegen den Kaiser Maximilian i. seine Privilegien verloren, die auf ANTWERPEN übertragen wurden. Hierdurch hatte die letztere Stadt seit dem Beginn des xvi. Jahrhunderts einen grossen Aufschwung als Depot zwischen Nord und Süd genommen. Auch die Buchdruckerei behauptete dort eine angesehene Stellung, und es erschienen viele wertvolle und gut ausgestattete Werke. Unter Karl v. erreichte die Stadt ihre höchste Blüte, ward jedoch zugleich ein Angelpunkt für die reformatorische Bewegung in den Niederlanden, welche, nachdem Karl v. am 25. Okt. 1555 die Regierung zugunsten seines Sohnes Philipp ii. niedergelegt hatte, so schwere Zeiten über das Land heraufbeschwören, jedoch auch ihre Freiheit begründen sollte.
Christ. Plantin.
Inmitten der politischen und religiösen Gährung liessen sich, um das Jahr 1550 herum, Plantin und seine Frau Johanne Rivière in Antwerpen nieder. Christoph Plantin[1], in Mont-Louis bei Tours in Frankreich geboren, hatte bei Robert Macé in Caen gelernt und eröffnete nach vielen Reisen einen kleinen Buchladen mit Buchbinderei, während seine Frau mit Leinen-Waren handelte. Der Gerichtsschreiber Graphäus gab Plantin seine Bücher zu binden und machte ihm kleine Vorschüsse. 1550 wurde er als Buchdrucker in die St. Lucas-Gilde aufgenommen, aber erst 1555 hatte er in dem von ihm angekauften Hause auf dem Freitagsmarkt eine vollständig eingerichtete Offizin.
Sorgsamkeit Plantins.
Eifersüchtig auf den Ruhm derselben, sorgte er für die schönsten Schriften und den besten Druck. Wennauch die Verwendung silberner Typen in das Reich der Fabel gehört, so steht es doch fest, dass er in seiner Giesserei mit dem Guss solcher experimentiert hat. Plantin gehörte auch nicht zu den Druckern, die, nach dem Ausspruch des Erasmus, „lieber 6000 Fehler, wie Ameisen, in ihren Werken herumkribbeln sehen, als einen tüchtigen Korrektor bezahlen“; im Gegenteil, er hatte sich die Worte Heinrich Stephanus', dass „die Korrektur das für die Druckerei ist, was die Seele für den Leib“, zu eigen gemacht. Überhaupt verstand er, wennauch nicht in Besitz tiefer Kenntnisse, als vorzüglicher Praktiker, dabei zäh ausdauernd in der Durchführung seiner Pläne, die Talente Anderer zu benutzen.
Sein Korrektor Corn. van Kiel.
Der erste seiner Korrektoren war der berühmte Cornelius van Kiel, oder Kilianus (geb. um 1528, gest. 15. April 1607), der während seines fünfzigjährigen Wirkens in dem Plantinschen Hause sehr zu dem Ruhme desselben beitrug. Über alle Beschreibung anspruchslos, dachte van Kiel nie daran, sich selbst geltend zu machen, zufrieden wenn nur das Haus, an das er seine Existenz geknüpft hatte, gedieh.
Th. Pullmann. Just. Lipsius.
Eine zweite Stütze hatte Plantin in dem gelehrten Theodor Pullmann (geb. um 1510), von Profession ein Walkmüller, jedoch von seiner Jugend ab den Wissenschaften mit Leidenschaft ergeben. Leider führte diese ihn in seinem Emendieren der Klassiker zu weit, und oft füllte er die Lacunen in kühnster Weise aus. Auch mit dem berühmten Justus Lipsius stand Plantin in engem geschäftlichen Verkehr.
Franz Raphelin- gius.
Einen Hauptmitarbeiter im Geschäft fand Plantin in Franz Raphelingius. Derselbe hatte in Paris eifrigst griechisch und lateinisch getrieben und seine Studien in Cambridge vollendet. Plantin nahm ihn nicht allein als Korrektor auf, sondern gab ihm auch seine älteste Tochter Margaretha zur Ehe. Als Plantin, 1582, das belagerte Antwerpen verliess und das Geschäft in Leyden eröffnete, leitete Rapheling die Stammoffizin und trieb zugleich den Buchhandel. Nach der Rückkehr Plantins nach Antwerpen übernahm dagegen Rapheling das Geschäft in Leyden und wurde an dortiger Universität Professor der hebräischen Sprache. Er war ein Mann von bedeutenden Kenntnissen und ein unermüdlicher Mitarbeiter an dem grossen Bibelwerke Plantins.
Eine geschäftlich noch kräftigere Stütze fand Plantin in Johannes Moretus (Jean Moerentorff), geboren in Antwerpen am 22. Mai 1543. Anfänglich Arbeiter bei Plantin, gefiel er, wenn er auch dessen Ideale von einem Buchdrucker nicht vollständig entsprach, doch durch seine praktische Tüchtigkeit diesem noch mehr als der gelehrte Rapheling und er gab ihm seine zweite Tochter Martina zur Frau. Die dritte Tochter ward mit Gilles Beys, ebenfalls einem tüchtigen Buchdrucker, verbunden, welcher der Filiale des Geschäfts in Paris vorstand.
Biblia polyglotta.
Das Werk, welches den Namen Plantin in der Buchdruckerwelt unsterblich gemacht hat, und in seinem Leben eben so eine Epoche bildet, wie der Thesaurus græcæ linguæ in dem Dasein des Heinr. Stephanus, ist die „Biblia sacra hebraice, chaldaice, græce et latine. Philippi II. reg. cathol. pietate et studio ad sacro sanctæ ecclesiæ usum Christoph Plantinus excud. Antwerpiæ“.
Die erste Idee eines polyglotten Bibelwerkes[2] stammt von Aldus Manutius, wie aus der in der National-Bibliothek zu Paris vorhandenen Probe hervorgeht (S. 179). Diese dreispaltige Seite enthält den hebräischen, griechischen und lateinischen Text und gab wahrscheinlich Veranlassung zu der in den Jahren 1514-1517 in Alcala in Spanien gedruckten Polyglotte des Kardinal Ximenes (S. 189), die bereits eine grosse Seltenheit geworden, sodass öfters der Gedanke entstanden war, eine neue Polyglottbibel zu drucken. Diesen Plan hatte auch der Kurfürst August von Sachsen gefasst, gab ihn aber zugunsten des Plantinschen Vorhabens auf. Auch Philipp ii. beabsichtigte ein ähnliches Werk ausführen zu lassen. Als Plantin ihm die Probebogen seines Unternehmens überreichen liess, ging er bereitwillig auf dessen Idee ein, bewilligte die Zahlung der für Druck und Papier allein auf 24000 Gulden veranschlagten Kosten, gewährte ausserdem einen Vorschuss von 6000 Dukaten und bestellte seinen Kaplan Arias Montanus als Überwacher der litterarischen Herstellung. Letzterer kam am 18. Mai 1568 nach Antwerpen und empfing vom König ausser seinem Gehalt noch einen Zuschuss von 300 Kronen jährlich; für die Textrevision wurde eine Anzahl tüchtiger Gelehrter gewonnen. Den Auftrag zur Anfertigung der Schriften erhielt der berühmte Schriftgiesser Wilhelm le Bé in Paris.
Druck der Poly- glotte.
Der Druck begann im Jahre 1568 und dauerte bei fortwährender Beschäftigung von 40 Arbeitern bis zum Jahre 1572. Anfänglich war das Werk auf vier Bände berechnet; auf Plantins Vorschlag wurde jedoch noch das Neue Testament in der syrischen Sprache, welches bereits in Wien gedruckt war, mit einverleibt, so dass das Werk mit Inbegriff der drei Bände „Appendix“ aus acht Bänden besteht. Ausser 12 Pergament-Abdrücken wurden 1200 Exemplare gedruckt; 10 auf Imperial-Velin zu 40 Gulden das Ries; 30 Exemplare auf etwas geringeres; 200 auf Royal-Velin aus Lyon und 960 Exemplare auf Royal-Papier aus Troyes. Im Verhältnis zu den Kosten waren die Verkaufspreise mässig gestellt. Der Preis betrug für eins der 200 Exemplare auf Royal-Velin 40 Kronen, für ein gewöhnliches 35 Kronen[3].
Schwierigkeiten.
Ein mühsames Werk war vollbracht; Plantin selbst sagt: „Jetzt, wo die Bibel vollendet ist, stehe ich mit Überraschung und Erstaunen vor der Arbeit, welche ich nicht nochmals machen möchte, selbst wenn man mir 12000 Kronen dazu schenkte, und obwohl sie jetzt, wo die Schriften und die Einrichtung vorhanden sind, vielleicht um 6000 Kronen billiger zu stehen kommen würde“. Nimmt man seine Aussprüche buchstäblich, so war ihm nicht allein kein angemessener Vorteil, sondern sogar ein direkter Nachteil aus der Arbeit erwachsen; jedoch, Plantin war ein schlauer Geschäftsmann, der sich nicht gern tief in die Karten blicken liess.
Ohne Verdriesslichkeiten sollte es nicht abgehen. Der König wünschte die Approbation des Papstes Pius v. Dieser verweigerte sie jedoch entschieden und Plantin erhielt Ordre, vorläufig kein Exemplar auszugeben. Montanus musste im Auftrag des Königs nach Rom gehen, um womöglich die Angelegenheit zu ordnen. Er kam gerade an, als Gregor ix. den Stuhl des verstorbenen Pius v. eingenommen hatte und fand den neuen Papst günstiger für die Sache gestimmt. Die Approbation wurde 1572 erteilt. Hiermit waren jedoch die Anfechtungen nicht vorbei. Einer der erbittertsten Feinde des Unternehmens, der Professor León de Castro in Salamanca, denunzierte Plantin und Montanus der Inquisition. Montanus reichte seine Rechtfertigung ein, erhielt aber erst nach vier Jahren, 1580, insoweit Recht, dass das Buch dem Schicksal entging, auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt zu werden.
Plantin, Proto- typographus.
Durch Patent vom 10. Juni 1570 wurde Plantin zum Prototypographus der Niederlande ernannt. Es handelte sich dabei nicht um einen blossen Ehrentitel. Er hatte die Rolle der Meister und Lehrlinge, sowie der autorisierten Korrektoren, Holzschneider und Kupferstecher zu führen, eine Liste über alle Werke, deren erster und letzter Bogen ihm behändigt werden mussten, anzufertigen, und sollte ausserdem die Bücherpreise bestimmen. Alle Änderungen in den Arbeiterverhältnissen waren ihm anzuzeigen. Die Mühen und Verdriesslichkeiten bei diesem Amte waren jedoch so gross, dass Plantin i. J. 1576 seine Entlassung nachsuchte. Einmal war er sehr nahe daran, die Gunst des Königs zu verscherzen, indem auf Veranlassung des Wiedertäufers Niclaes aus Münster, mit dem er in inniger Verbindung stand, mehrere ketzerische Schriften, angeblich freilich ohne Wissen des zufällig abwesenden Besitzers, in seiner Offizin gedruckt wurden. Über seine religiöse Überzeugung herrschte bereits lange einiger Zweifel, er verstand es jedoch so gut, sich wenigstens äusserlich als guter Katholik zu geben, dass er allen drohenden Gefahren entging.
Umfang von Plantins Thä- tigkeit.
Plantins Druckerthätigkeit blieb eine sehr grosse. Ruelens und Backers Annalen zählen von ihm 1031 Druckwerke auf, obwohl viele Bibelausgaben und Missalen nicht mit angeführt sind. Mit dem Missale Romanum von 1522 fängt eine Reihe von prachtvollen liturgischen Werken an, durch welche die Plantinsche Druckerei sich langezeit auszeichnete.
Schönheit seiner Typen.
Die Typen des Plantin halten den Vergleich mit denen seiner Zeitgenossen, Aldus Manutius und Heinr. Stephanus, vollkommen aus. Seine Cursiv ist besonders elegant und nicht so schreibschrift-ähnlich, wie die Aldinische. Die Antiqua ist etwas derb und breit, jedoch für das Auge gefällig, leicht lesbar und den Schriften des Stephanus vollständig ebenbürtig. Die griechischen Schriften sind schöner als die des Aldus. Zu loben ist ferner die Genauigkeit des Gusses, einschliesslich des Durchschusses und der Quadrate. Die ganze Disposition der Titel, der Schriftkolumnen und der Vignetten zeigt Geschmack und Verständnis.
Plantins Druck- zeichen.
Das erste, 1555 angenommene Druckerzeichen Plantins war ein Baumstamm, um welchen sich ein Weinstock schlingt, mit zwischen den Zweigen herabhängenden Trauben. Ein Weinbauer ist beschäftigt die schlechten Zweige abzuschneiden. Als Umschrift liest man Excerce imperium et ramos compesce fluentes[4]. Als Zeichen bedient er sich von 1558 ab des Zirkels, von einer Hand aus den Wolken geführt, mit der Inschrift: „Labore et constantia“. Zwei allegorische, schildhaltende Figuren versinnlichen des weiteren den Gedanken, worauf der Zirkel schon hinweist: der feste Teil desselben deutet auf die Beständigkeit in dem einmal Vorgenommenen; der bewegliche auf die rastlose Arbeit.
Plantins Tod.
Plantin starb am 1. Juli 1589, 75 Jahre alt. Sein letztes Werk war der i. Band der: Annales ecclestiastici Cæsaris Baroni Sorani.
Die Nachfolger Plantins.
Nach seinem Tode übernahm Rapheling das Leydener Geschäft. Beys behielt die Pariser Filiale und Moretus die Antwerpener Offizin, deren Leitung er schon seit zwei Jahren besorgt hatte.
Johannes Moretus besass keine tiefergehenden Kenntnisse, verstand es aber die Verbindungen mit den vielen Gelehrten aufrecht zu erhalten. Als im Jahre 1592 die Vulgata in Rom gedruckt wurde, erhielt er durch päpstliches Breve vom 11. März 1597 für zehn Jahre das Alleinrecht, jenseit der Alpen das Werk zu drucken und zu verbreiten, unter der Verpflichtung, die grösste Sorgfalt auf Korrektur und Druck zu verwenden und durchaus keine Änderungen vornehmen zu lassen.
Balthazar Mo- retus.
Unter der Leitung von dem Sohne des Johannes, dem gelehrten Balthazar Moretus, nahm die Plantinsche Druckerei noch durch lange Zeit eine hochangesehene Stellung ein. Gegen die Mitte des xvii. Jahrhunderts jedoch schwand die Bedeutung mehr und mehr, und mit dem Beginn des xviii. Jahrh. war der geschäftliche Glanz des Hauses erloschen. Äusserlich wurde jedoch alles mit grosser Pietät in dem alten Stand gelassen und das Haus mit allen seinen reichen Sammlungen, welche es, von dem grossen Publikum ungekannt und selbst für Auserwählte nur schwer zugänglich, umfasste, sorgfältig erhalten. Da wurden seitens der Verwaltung der Stadt Antwerpen Verhandlungen über die Erwerbung dieser typographischen Schatzkammer angeknüpft. Nachdem der Graf von Flandern die Initiative ergriffen hatte, zeigte sich die Staatsregierung geneigt, einen wesentlichen Anteil der Kosten auf sich zu nehmen, der aber später sehr zusammenschrumpfte. Schliesslich wurde i. J. 1875 ein Vertrag abgeschlossen, nach welchem das Haus und die Sammlungen für 1200000 Franken, von welchen der Staat die 200000, die Stadt die 1000000, zahlte, in den Besitz der letzteren überging. Hiermit ist ein wahres graphisches Museum für alle Zukunft erhalten, welches mit jedem Jahr, das uns ferner von der früheren Geschäftsweise rückt, an Wert gewinnt. Es ist geboten, demselben in einer Geschichte der Buchdruckerkunst einige Seiten zu widmen.
Das „Hôtel Plantin“. Das Vestibule.
Das HÔTEL PLANTIN, auf dem Freitagsmarkt gelegen, nimmt die eine Seite desselben ganz ein. Die Façade wurde durch Joh. Moretus restauriert, das alte Merkzeichen jedoch erhalten. Hat man die Thorschwelle überschritten, befindet man sich in einem Vestibule mit vier Eingangsthüren, zwei rechts, zwei links, während eine gut erhaltene Glasthüre das Vestibule von dem Hofe abschliesst. Eine besondere Zierde des ersteren ist das Medaillonporträt des Balthazar Moretus, darüber ein Adler, in der linken Klaue einen, zu dem Wappen der Moretus gehörenden, Stern haltend.
Der Hof.
Der Hof bildet ein grosses Viereck, von dessen vier Seiten drei ihr ursprüngliches Aussehen ganz behielten. Das Hauptgebäude besteht aus einem Erdgeschoss und zwei Etagen; der rechte Flügel aus zwei Etagen und einem Bogengang, der sich auch unter die Hälfte des Hintergebäudes erstreckt, das ganz von den Zweigen und Blättern eines dreihundertjährigen Weinstocks, zwischen welchen die mit Blei eingefassten Fensterscheiben sichtbar werden, überdeckt ist. Der linke Flügel, aus neuerer Zeit stammend, besteht aus Einer Etage. Büsten von Plantin, Johannes, Balthazar und Joh. Jak. Moretus, Just. Lipsius u. a. zieren die Façaden. Der ganze Hof übt in seiner Abgeschlossenheit einen besonderen Reiz aus, es ist, als könne von aussen keine Störung hier hineindringen. Nichts Verunstaltendes, nichts Zerfallenes, wennauch die Zeit dem Gemäuer ihr Gepräge aufgedrückt hat; man fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt.
Der Setzersaal.
In der Werkstätte findet sich der Apparat für 20-25 Setzer vor. Die Setzkästen sind noch gefüllt, die Tenakel stehen noch darauf befestigt. Die Kästen sind nicht so hoch angebracht, wie bei uns, man arbeitete sitzend, und die Sessel stehen noch in den Gassen; an den Wänden hängen die Kolumnenschnuren. Es ist, als wäre die Arbeit nur von der üblichen Mittagspause unterbrochen und als müsste sie baldigst wieder begonnen werden.
Im Hintergrunde des Zimmers liegen auf verschiedenen Tischen: Linien in allen Grössen, Schiffe mit noch nicht umbrochenem Satz, Durchschuss u. dgl. Die hintere Wand ist von Aufsätzen mit Regletten und Keilen eingenommen. Zwei zum Druck fertige Formen lehnen an der Wand. Auch ein Stoss Papier steht noch da. An der linken Langseite sind sieben hölzerne Pressen aufgestellt.
Das Zimmer der Korrektoren.
Durch zwei kleine Räume, von denen der eine das Arbeitszimmer des Just. Lipsius war, der andere die Revisionsbogen von verschiedenen Werken in bester Ordnung enthält, kommt man in das Zimmer der Korrektoren, ein längliches Viereck und einer der grössten Räume des Hauses. Alles steht noch auf seinem alten Platze, alles spricht von den grossen Arbeitern, deren Namen mit dem Ruhme des Hauses Plantin verbunden sind, und die hier viele Jahre in rastloser Wirksamkeit zugebracht haben. Zur Rechten steht eine enorme Truhe, gefüllt mit Briefen, Korrekturbogen, Manuskripten, weiter das Pult der Korrektoren, ein Meisterstück der Holzschnitzerei. Eine Seite desselben lehnt an der Mauer. An zwei Seiten sind Sitze mit hohen Rücklehnen und reichen Bildschnitzereien auf einem Podium angebracht, so dass man eine Stufe hinaufsteigen muss. Unter dem Pult befinden sich viele Fächer. Zwei mächtige Repositorien enthalten eine grosse Anzahl von Kästen, jeder derselben trägt den Namen einer der Städte, mit welchen Plantin Verbindungen unterhielt, und umschliesst die Aushängebogen der in Arbeit befindlichen Werke aus dieser Stadt und die darauf bezügliche Korrespondenz. Der übrige Wandraum ist mit Wandschränken und Regalen ausgefüllt, welche Pakete mit Vorratsschriften und Defekten zu den in Gebrauch befindlichen Schriftsorten enthalten; durch alles geht der Geist der genauesten Ordnung.
Bücherstube. Schriftgiesserei.
In dem obern Stock ist die Bücherstube für das Trocknen, das Abpressen und Komplettieren der Bücher. Hier steht auch ein Schatz von hohem Wert, ein Schrank, dessen Kästen eine bedeutende Anzahl, mit grösster Akkuratesse geordneter Geschäfts- und Familienbriefe bergen. Die Schriftgiesserei nimmt zwei Räume ein; der eine für das eigentliche Giessen bestimmt, der andere für das Schleifen, Fertigmachen und Verpacken. Auch das Firniskochen wurde hier besorgt. Ferner zeigt man eine Bronziermaschine. In diesen Räumen steht ebenfalls alles da, als ob die Arbeit eben aufgehört hätte. Das Handwerkszeug hängt an den Wänden, die Giessöfen enthalten Reste von flüssig gewesenem Metall. Probepakete, Stempel, Instrumente liegen umher. Auch einige silberne Buchstaben finden sich vor, jedenfalls Resultate von unpraktisch befundenen Versuchen, Typen aus diesem Metall zu formen.
Die Bibliothek.
Die grosse Bibliothek (es giebt auch eine kleine) ist ein längliches Viereck, dessen Wände, soweit sie nicht durch die Fenster unterbrochen werden, mit Regalen bedeckt sind. Durch die ganze Länge des Zimmers zieht sich ein Doppelpult, unten mit Fächern versehen. Hier lagern Bücher, Zeichnungen, Stiche nach Rubens, Teniers, van Dyck, Jordaens u. a., fast alle in den ersten Abdrücken vor der Schrift. Ein Album umfasst mehr als vierhundert Handzeichnungen der grossen Meister, darunter elf Rubens. Dreiunddreissig Familienporträts vollenden den Schmuck des Raumes.
Selbstverständlich bilden die Plantinschen Drucke einen wichtigen Bestandteil der Bibliothek, sie sind jedoch nicht ganz vollzählig. Die Zahl der Manuskripte kann man auf 200 anschlagen. Von Inkunabeln sind gegen 60 vorhanden. Die Zahl der sonstigen Bücher wird auf 9000 geschätzt, darunter eine auserlesene Sammlung von Missalen, Breviarien u. dgl.
Eine typographische Kuriosität ist ein Band, welchen Johann Moretus 1576 Plantin gewidmet hat, der eine Sammlung der Titel von allen bei Plantin bis zum Jahre 1576 gedruckten Büchern enthält, gewiss ein interessantes Musterbuch für Typographen. Von noch grösserem Interesse dürfte das Studium des Journals des Hauses und der Hauptbücher aus drei Jahrhunderten, 1566 bis 1865, sein. Mit letzterem Jahre hörte die Thätigkeit des Hauses auf, die bereits früher auf ein Minimum reduziert war.
Die Schriftstücke und andere Sel- tenheiten.
Ferner sind noch aufbewahrt: die Messabsatz-, die Arbeits- und die Buchbinderbücher, Kataloge der verschiedensten Art, sowie die Korrespondenz-Brouillons, geeignet Licht über manches zu werfen, was jetzt dunkel ist. Die Zahl der Holzstöcke beträgt mindestens 15000; die der Kupferstiche 7 bis 8000. Von den kostbaren Porträts aus den Meisterhänden Rubens', van Dycks und anderer, den prachtvollen Meubeln, den seltenen Porzellanstücken und von vielen anderen Kostbarkeiten wollen wir hier nicht reden. Abgesehen von diesen, bietet das Plantinsche Museum in typographischer Hinsicht ein so ungemeines Interesse, dass die typographische Welt sich zu der Opferwilligkeit der Bürgerschaft der Stadt Antwerpen Glück zu wünschen hat, welche diese Schätze der Zukunft erhielt.
Die Familie Blaeu.
Eine zweite bedeutende Druckerfamilie war die der Blaeu in Amsterdam. Wilhelm Blaeu[5], geboren zu Alkmar im Jahre 1571, legte sich auf Astronomie und war ein Schüler und Freund des berühmten dänischen Astronomen Tycho de Brahe (S. 155). Blaeus Hauptthätigkeit war der Herausgabe astronomischer und Karten-Werke gewidmet. Selbst ein tüchtiger Mechaniker, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Vervollkommnung der Druckpressen, deren neun, von verbesserter Konstruktion und nach den neun Musen benannt, in seiner Offizin aufgestellt waren. Die Verbesserungen bezogen sich namentlich auf den elastischen Zug. Blaeu starb am 21. Okt. 1638 und sein Sohn Johann (geb. 1596) setzte die Druckerei fort, zuerst in Verbindung mit seinem Bruder Cornelius, von 1641 ab allein. Im Jahre 1663 lieferte er einen prachtvoll ausgeführten Atlas in zwölf Grossfoliobänden, dem mehrere ebenso grossartige Werke folgten. Seine Offizin galt für die bedeutendste und schönste Europas, sie beschäftigte regelmässig über 40 Arbeiter namentlich mit dem Druck grosser Werke, mit Karten und Illustrationen, für deren Herstellung er einen besonderen Ruf hatte. Am 22. Febr. 1672 brannte die Offizin gänzlich ab. Die strenggläubigen Protestanten erklärten dies für ein Strafgericht des Himmels, weil Blaeu viele Breviarien und Missalen für die Papisten druckte. Er starb am 28. Dezember 1673 und wurde von seinen Söhnen Peter und Johann gefolgt.
Der Stammvater der Elzeviere.
Es bleibt noch die berühmteste der holländischen Buchdruckerfamilien, die, wenn von den Leitsternen der Typographie die Rede ist, gewöhnlich mit den Geschlechtern des Aldus und des Stephanus zusammen genannt wird.
Ludwig Elzevier, der Stammvater des berühmten Geschlechts, ist zu Löwen in Brabant um das Jahr 1540 geboren. Aus den Arbeitsbüchern des Plantin geht hervor, dass ein Buchdrucker Johann aus Löwen mit dem Beinamen Helsevier bei ihm von 1565-1588 arbeitete. Ob dies Ludwigs Vater war, ist nicht ermittelt, doch ist es nicht unwahrscheinlich, da Ludwig sich schon in jüngern Jahren in Antwerpen aufhielt und ihm dort zwei Kinder Matthias (1564) und Ludwig (1566) geboren wurden. Die Mutter derselben hiess Mayke (Marie) Duverdyn. Die Hypothese in Bezug auf Ludwig Elzeviers Vater gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, dass Ludwig, der die Buchbinderei übte, von Plantin beschäftigt wurde, der, selbst früher Buchbinder, sich der Buchdruckerei und dem Verlagshandel mit so grossem Erfolge gewidmet hatte[6].
Lage der Prote- stanten.
Antwerpen war, wie schon erwähnt wurde, der Herd der reformatorischen Bewegung in den Niederlanden geworden, von welcher auch Elzevier ergriffen wurde. Die scharfen Edikte des Kaisers Karl v., welche Todesstrafe für den Anschluss an eine sektiererische Verbindung feststellten, waren noch in Kraft, wenn sie auch unter der milden Regierung der Statthalterin Margaretha von Parma nicht so gefährlich waren. Die Lage änderte sich jedoch, als König Philipp ii. den Herzog von Alba (1567) mit dem Auftrag sandte, durch Feuer und Schwert jede Spur der Ketzerei zu vertilgen. Tausende von Familien verliessen den heimatlichen Herd; auch die Ludwig Elzeviers gehörte zu diesen und zog nach Wesel, wo zahlreiche Emigranten sich zusammengefunden hatten und von wo eine thätige Propaganda ausging. Viele Bücher und kleinere Schriften reformatorisch-agitatorischen Inhalts in vlämischer Sprache wurden dort gedruckt und von dort aus verbreitet, so dass Elzevier als Buchbinder auf Beschäftigung rechnen konnte.
Wie man über seinen Aufenthalt in Antwerpen hauptsächlich aus den Geburtsscheinen seiner Kinder Positives weiss, so auch über seine Existenz in Wesel und später in Douai. In Wesel wurde sein dritter Sohn, Aegidius; in Douai Justus und Arnold geboren. Nach seinem Vaterland ist er jedenfalls erst nach der Übernahme der Regentschaft durch Louis de Requesens i. J. 1574 zurückgekehrt, und mag wohl nur, weil in Antwerpen schon verdächtig, Douai vorgezogen haben, das seit 1462 eine wallonische Universität besass, die Philipp ii. als Gegengewicht zu den Universitäten in Genf und Paris mit ihrer freieren religiösen Bewegung errichtet hatte, so dass ein Buchbinder auch hier auf Erwerb rechnen durfte. Der Friede zu Gent, 1576, schien den religiösen Wirren ein Ende machen zu wollen; als sich jedoch die wallonischen Provinzen 1579 wieder unter das Joch Spaniens begaben, zogen die Protestanten, unter diesen Elzevier, wieder aus, letzterer nach Leyden, damals, nächst Amsterdam, die volkreichste Stadt Hollands, wo der Handel blühte und die von Wilhelm von Oranien begründete Universität einen raschen Aufschwung nahm.
Ludwig Elzevier in Leyden.
Elzevier fand, als er 1580 mit seinen fünf Söhnen und einer Tochter Marie nach Leyden kam, eine Stütze bei den vielen emigrierten Landsleuten. Im übrigen kann er nicht ganz ohne Mittel gewesen sein, denn er erwarb bald zwei Häuser, von denen das eine auf der „Rapenburg“, in der Nähe der Universität gelegen war. Dass er für letztere beschäftigt war, beweisen viele Rechnungen. Die günstige Lage im Zentrum der Gelehrsamkeit veranlasste ihn den Buchhandel anzufangen, der bald einen ziemlichen Umfang genommen haben muss, wie man aus einem unerfreulichen Zusammenstoss mit Plantin erfährt. Elzevier war diesem für gelieferte Bücher 1270 Gulden schuldig und musste 1583 vor Gericht erklären, dass Plantin berechtigt sei, sich an seine beiden Häuser zu halten, wenn Zahlung in den übereingekommenen Terminen nicht erfolgen würde.
Elzevier wird Pedell.
Elzevier hatte Gelegenheit gehabt, verschiedene bibliopolische Erwerbungen für die Universität in einer für diese vorteilhaften Weise zu machen, was auch Anerkennung fand, so dass er am 30. September 1586 zum Pedell mit 72 Gulden Gehalt ernannt wurde. Noch mehr sollte ihm aber die Gunst der Universität in indirekter Weise zustatten kommen. Elzevier konnte die oben erwähnten Verbindlichkeiten gegen Plantin nicht erfüllen und er musste seine Häuser diesem überweisen. In dieser Not richtete er das Gesuch an den akademischen Senat, auf dem Grund und Boden der Universität einen Laden errichten zu dürfen, weil es sehr zum Nachteil der Professoren und Studierenden gereichen würde, wenn er seinen Laden weit weg von der Universität verlegen müsste. Das Gesuch Elzeviers wurde zugestanden; bis 1595 besass er den Laden ganz umsonst, von da ab musste er 75 fl. Miete bezahlen. Dieser Laden war die Wiege des Glanzes der Elzeviere, jedoch hatte Ludwig noch lange mit Sorgen zu kämpfen. Erst das Jahr 1594, in welchem er Bürger von Leyden wurde, scheint den Wendepunkt zum Günstigen gebildet zu haben.
Ludwigs Kinder.
Seinen ältesten Sohn Matthias nahm er um 1590 als Teilnehmer auf, später den zweitjüngsten Bonaventura; der zweite Ludwig ging als Buchhändler nach dem Haag, der vierte Justus nach Utrecht. Der dritte Aegidius erscheint nur vorübergehend in dem Haager Geschäft, seine übrigen zwei Söhne, Arnold und Adrian, gehören so wenig wie seine zwei Töchter der Geschichte der Buchdruckerkunst an.
Sein Verlag und seine Reisen.
Von seinen Verlagswerken erschien das erste 1592; nach 1594 folgten sie in ununterbrochener Reihe. 1595 wendete er zum ersten male das Insigne an: den Adler auf einer Säule, in den Klauen das Bündel mit sieben Pfeilen haltend und mit der Umschrift: Concordia res parvæ crescunt, wie bekannt die Devise der holländischen Republik. Um diese Zeit fängt auch sein regelmässiger Besuch der Frankfurter Messen an. Ludwig begriff sehr wohl, dass die Erzeugnisse des Geistes nicht auf den heimischen Markt sich beschränken konnten und suchte den ausländischen Markt auf. Er selbst war viel gereist und liess auch seinen Sohn Bonaventura noch jung auf Reisen gehen. Seit 1601 besuchte er regelmässig zweimal jährlich die Frankfurter Messe, wo er ein besonderes Depot hatte, ohne sich durch die damals mit solchen Reisen verbundenen vielen Mühseligkeiten und Gefahren abhalten zu lassen. Als die Buchmesse sich mehr und mehr nach Leipzig zog, folgte Elzevier dem Strom doch nicht, sondern fuhr fort, Frankfurt zu besuchen, wo er fast das Monopol für Versorgung Deutschlands mit ausländischer Litteratur hatte. Mit Paris unterhielt er ebenfalls regelmässige Verbindungen, obwohl der Verkehr dort mancherlei Beschränkungen unterworfen war.
Der Umfang seiner Geschäfte und das Zutrauen der Autoren zu ihm stiegen fortwährend. Nicht wenige der letzteren übergaben ihm ihre Werke in vielen Exemplaren zum Debit. Wenn deshalb sein Name öfters in Verbindung mit dem eines anderen Verlegers auf einem Titel vorkommt, so ist daraus nicht zu schliessen, dass es sich um eine Association handelte, sondern, dass ein Verleger ihm den Debit eines Werkes für das Ausland übertragen hatte.
Geschäftliche Manipulation.
Bei seiner grossen Thätigkeit im Vertrieb war er nicht immer gar zu wählerisch in den Mitteln. Er kaufte öfters liegengebliebene Auflagen und versah sie, unter Benutzung seiner Firma, mit neuen Titeln; manchmal wurden einige Seiten neu angedruckt oder zwei Bände in einen verbunden, und dann solche als neue Ausgaben versandt. Kurz, es wurden verschiedene, auch noch heute im Buchhandel übliche Mittel angewendet, die man nicht gerade als Unrecht bezeichnet, die aber doch auch nicht zu den ganz soliden zählen. Dass sein persönlicher Charakter ein ehrenwerter war, dafür sprechen das grosse Zutrauen und die Auszeichnung, welche ihm von den Gelehrten, seinen Geschäftsfreunden und seinen Mitbürgern entgegengetragen wurden.
So war der Name Elzevier, noch ohne Hinzutreten des Elements, welches seinen eigentümlichen Ruhm begründen sollte, der Typographie, ein sehr gut renommierter geworden. Ludwig selbst sollte eine Buchdruckerei nicht besitzen, wohl aber erleben, dass sein Enkel Isaack, zweiter Sohn des Matthias, eine solche (1616) erwarb. Noch konnte man nicht auf den künftigen typographischen Ruhm schliessen, und die Werke, die Ludwig in den verschiedenen Offizinen ausführen liess, zeichneten sich in Nichts vor hundert anderen aus, wenn man auch später, als der Nimbus das Haus umgab, oft versucht hat, einen besonderen Wert herauszufinden, wo keiner vorhanden war.
Ende Ludwigs.
Ludwig näherte sich dem Ende seiner Laufbahn, auf die er mit Befriedigung zurückschauen konnte. Der unbekannte Handwerker war ein durch Europa angesehener Mann geworden. Vier Söhne hatten den Beruf des Vaters ergriffen; ein Enkel übte die Buchdruckerei; sie konnten sich in ihrer Wirksamkeit gegenseitig stützen und ergänzen. Sein neues Vaterland war in seiner Freiheit anerkannt, es war ihm beschieden, auch seinen religiösen Überzeugungen sich ruhig hingeben zu können.
Doch sollten seine letzten Tage noch in peinlicher Weise eine Störung erleiden. Ludwig hatte erlangt, dass sein Sohn Matthias 1607 ihm als Vicepedell adjungiert wurde. Am 11. Nov. 1616 wurde ein Teil der Universitätsgebäude vom Feuer zerstört und die Untersuchungsrichter gaben der Nachlässigkeit der Pedelle allein die Schuld. Matthias wurde seines Amtes enthoben; über Ludwig wurde der Beschluss noch nicht gefasst. Die Möglichkeit ist wohl nicht ausgeschlossen, dass dies Ereignis heftig auf ihn eingewirkt hat; Thatsache ist es, dass er gleich zu Anfang des Februar 1617 starb und am 4. Febr. neben seiner Frau, die ihm schon vor drei Jahren im Tode vorangegangen war, begraben wurde. Übrigens wurde Matthias in demselben Jahre wieder in sein Amt eingesetzt, das er bis zu seinem Tode behielt. 1636 war ihm das Recht zugestanden, sich durch seinen Schwiegersohn, Peter Caron, vertreten zu lassen.
Ludwigs Söhne.
Nach dem Tode des Vaters übernahmen der älteste Sohn Matthias und der vorletzte Bonaventura das Leydener Geschäft, jedoch bereits am 3. Septbr. 1622 übertrug der erstere seinen Anteil auf seinen ältesten Sohn Abraham.
Der zweite Sohn Ludwigs, Ludwig ii., wahrscheinlich 1566 geboren, ging 1590 als Buchhändler nach dem Haag. Seinen Laden hatte er in einem grossen Saal des Palais der Generalstaaten, vorzugsweise de Zaal genannt, an dessen Wänden Buchhändlerstände ringsum eingerichtet waren. Mit einer kurzen Unterbrechung in den Jahren 1598-99 stand er an der Spitze des Haager Etablissements, welches keine grosse Bedeutung hatte, und nur eine ganz geringe Verlagsthätigkeit entwickelte. Ludwig ii. starb wahrscheinlich 1621. Das Geschäft erwarb Bonaventura und übergab es wieder in demselben Jahre an Jacob Elzevier, den dritten Sohn des Matthias. Jacob zog sich 1636 zurück, ging in Staatsdienst über und siedelte sich schliesslich in Gensingen im Kurpfälzischen an. Das Haager Geschäft blieb als Filiale bei dem Leydener. Von dem dritten Bruder Aegidius weiss man nur, dass er in der Abwesenheit Ludwigs eine kurze Zeit das Haager Geschäft besorgte. Er starb als Kaufmann in Leyden 1651.
Der vierte Bruder Justus (geb. 1575) erhielt in Utrecht das Bürgerrecht als Buchhändler. Von seinen vier Kindern war das älteste, Ludwig iii., der später so berühmte Gründer des Amsterdamer Hauses. Sein Todesjahr ist nicht bekannt. Ein Enkel von ihm, Peter, trieb kurze Zeit den Buchhandel in Utrecht und verschwand 1675 von der geschäftlichen Bühne. Der fünfte Sohn wurde Landschaftsmaler, der siebente, Adrian, trat in die Dienste der Ostindischen Compagnie und wurde 1609 von den Wilden auf den Bandainseln ermordet.
Bevor wir an die weitere Geschichte des Stammhauses in Leyden unter Bonaventuras und Abrahams Leitung gehen, müssen wir der Thätigkeit des zweiten Sohnes des Matthias, des Buchdruckers Isaack, gedenken, die fast ihr Ende erreicht hatte, als die zuerstgenannten die ihre begannen.
Isaack, Ludwigs Enkel.
Isaack war am 11. Mai 1596 in Leyden geboren. Am 14. Febr. 1616 verheiratete er sich mit Jaquemine Symons van Swieten, einer Waise, und wurde wahrscheinlich durch ihr Vermögen in die Lage versetzt, eine Druckerei erwerben zu können, denn seine grossen für den Grossvater ausgeführten Druckwerke datieren aus dem Jahre 1617. Isaack fuhr fort vorzugsweise für Matthias und Bonaventura, später für Bonaventura und Abraham zu drucken. Es finden sich auch Druckwerke vor, die keine andere Firma als die Isaacks tragen, doch lässt sich daraus nicht schliessen, dass er als Verleger und Konkurrent seiner Verwandten aufgetreten wäre, sondern nur, dass solche Werke im Selbstverlage der Autoren erschienen sind.
Isaack, Universitäts- Buchdrucker.
Am 9. Febr. 1620 erhielt Isaack die Stellung als akademischer Buchdrucker, in der die Familie bis zu ihrem Ende 1712 blieb. Gleich bei der Begründung der Universität Leyden war der Beschluss gefasst, einen gelehrten, namhaften und erfahrenen Mann zum akademischen Buchhändler und Buchdrucker zu ernennen. Die Wahl fiel auf Wilhelm Sylvius, der in Antwerpen mit dem Titel königl. Buchdrucker etabliert war (1579), Sylvius starb bereits 1580. Sein Nachfolger war der berühmte Christoph Plantin (1584), der Antwerpen verlassen hatte, jedoch bald wieder nach dort zurückkehrte. Seine Offizin und sein Amt gingen auf seinen gelehrten Schwiegersohn, Franz von Rapheling, über; das Amt erbte nach dessen Tode (20. Juli 1597) der Sohn Christoph, der ihn jedoch nicht vier Jahre überlebte. Der Senat erwählte nun (1602) Johann Paedts (Patius) zu seinem Nachfolger. Er starb 1620 und das Amt wurde auf Isaack Elzevier übertragen. Als Universitätsbuchdrucker war er verpflichtet, eine und eine halbe Presse für den Druck der kleinen Universitäts-Schriften zur Disposition zu halten. Er hatte für gute Korrektur und dafür zu haften, dass keine willkürlichen Änderungen gemacht wurden; die Besorgung der Bücher zur Frankfurter Messe übernahm er zu festgesetzten Bedingungen. Jährlich erhielt er eine Entschädigung von 50 Gulden.
Die Druckerei.
Das Universitätsgebäude lag, und liegt noch, in einer breiten, von einem Kanal, dessen Ufer mit grossen Bäumen bepflanzt waren, durchzogenen Strasse, der „Rapenburg“. Das Gebäude war früher ein Nonnenkloster gewesen, die Seitenfront kehrte es nach der Strasse, daneben lief eine Mauer, in welcher sich der Eingang zu dem Universitätshof und dem botanischen Garten befand. Das angrenzende Haus hatte Matthias, Isaacks Vater, am 26. Aug. 1608 gekauft. Als Isaack nun Universitätsbuchdrucker geworden war, teilte er dem Senat mit, dass er bereit sei, das Haus seines Vaters zu beziehen, wenn man ihm gestatten wollte, längs seinem Hause in dem unbenutzten Winkel des Universitätshofes, der dem Ganzen keineswegs zur Zierde gereichte, ein Atelier anzubauen. Es würde dies eine sehr grosse Annehmlichkeit für die Professoren und die Studierenden sein. Man fand den Vorschlag annehmbar und gestattete Isaack ein Gebäude von 14 Fuss Tiefe, bestehend in einem Parterre mit einem hohen Dach, zu errichten. Der Eingang für seine Arbeiter sollte jedoch durch sein Haus sein, und das Hofthor nur für die Besucher der Universität dienen. Auch hinsichtlich der Anbringung der Fenster wurden ihm verschiedene Beschränkungen auferlegt. In diesem bescheidenen Lokal, das jetzt verschwunden ist, blieb die Druckerei bis zu ihrem Aufhören.
Isaack erwirbt die Offizin Erpenius.
Die Massregel der Universität, Isaack zu ihrem Buchdrucker zu ernennen, war gewiss eine glückliche, denn durch die Ausführung schwieriger Arbeiten, unter welchen namentlich das Theatrum geographiæ veteris in Folio, für Rechnung des Buchhändlers J. Hondius, besondere Erwähnung verdient, hatte er sich bereits einen guten Namen erworben, und sich auch in anderer Weise, durch den Ankauf der Buchdruckerei des berühmten Orientalisten Erpenius (Th. van Erpe), klüglich vorbereitet. Nicht damit zufrieden, die orientalischen Sprachen zu lehren und Werke herauszugeben, hatte Erpenius eine Druckerei in seinem Hause eingerichtet, die er selbst überwachte. Nach seinem plötzlichen Tod an der Pest am 13. Nov. 1624 legte die Universität grosses Gewicht darauf, seine Druckerei für Leyden zu erhalten. Mit dem seinem Geschlechte eigenen Geschäfts-Instinkt war Isaack den Wünschen der Universität bereits zuvorgekommen, und hatte alle Stempel, Matrizen und Schriften des Erpenius erworben.
Druckerzeichen.
Als Druckerzeichen nahm Isaack eine Ulme an, die von einem Rebstock voll Trauben umschlungen wird, daneben steht ein Einsiedler; die Devise lautet: non solus. Der Baum mit dem Rebstock deutet dasselbe an, was das Bund mit den Pfeilen ausdrücken will. Dies Druckerzeichen wurde bis 1712 benutzt. Ein anderes, von Isaack verwendetes: ein Palmbaum mit der Umschrift Assurgo pressa, war ursprünglich das Insigne des Erpenius. Im übrigen bedienten sich Isaack sowohl als auch Bonaventura und Abraham mitunter der Marke des Vaters.
Isaack giebt das Geschäft auf.
Trotz des günstigen Fortgangs des Geschäfts fasste jedoch Isaack den Entschluss, dasselbe aufzugeben, angeblich aus Besorgnis um die Folgen des langwierigen Krieges in Deutschland. Durch Vertrag vom 24. Dez. 1625 übergab er die Offizin mit 5 Pressen und 1 Kupferdruckpresse, 10 000 Kilo Schriften, Stempeln, Matern etc. seinem Bruder Bonaventura und seinem Neffen Abraham für die Summe von 9000 Gulden, und 2000 Gulden für das Lokal. Im Februar 1626 legte er auch sein Amt nieder und verliess in den letzten Tagen des Jahres Leyden, trat in den Marinedienst und hatte 1632 Kapitänsrang. 1648 finden wir ihn in Delft in Association mit seinen zwei jüngsten Söhnen, um eine Brauerei zu betreiben. Er starb in Köln am 8. Okt. 1651.
Bonaventura und Abraham.
Wir kehren nun zu dem Stammgeschäft zurück. Bonaventura, wahrscheinlich so nach dem berühmten Gelehrten Bonaventura Vulcanus (de Smidt) aus Brügge genannt, war 1583 in Leyden geboren. Sein Vater liess ihn zeitig Geschäftsreisen machen. Abraham, in Leyden am 14. April 1592 geboren, war an Stelle seines Vaters eingetreten. Er hatte in Leyden studiert und sich bei seinem Bruder Isaack mit der Typographie vertraut gemacht. Am 21. Mai 1621 heiratete er Katharina van Waesberghe, Tochter des Admiralitätsbuchdruckers in Rotterdam, und kam dadurch in eine unabhängige Stellung, sodass er sich als Buchhändler etablieren konnte. Ein Glück für Bonaventura war es, nachdem 1625 die Druckerei Isaacks ihm noch zugefallen war, einen Mitarbeiter gefunden zu haben, der sich namentlich der Buchdruckerei widmete.
In demselben Jahre heiratete Bonaventura Sahra van Keulen, Tochter des berühmten Gelehrten Daniel Colonius, für ihn ein doppelter Vorteil, indem er nicht nur in eine sehr angesehene Familie eintrat, sondern auch in nähere Verbindung mit einer grossen Anzahl der bedeutendsten Gelehrten trat, die sich nun vorzugsweise der Pressen der Elzeviere bedienten.
Dass unter den obwaltenden Verhältnissen die Stellung als Universitätsbuchdrucker den Elzeviers nicht entgehen konnte, ist fast selbstverständlich. Man gewährte ihnen das Recht, die alte Lokalität innezubehalten, und bewilligte ihnen ein jährliches Gehalt von 100 fl., das auf 200 und später auf 300 fl. erhöht wurde.
Der Glanz des Hauses.
Die nun folgenden 26 Jahre waren die des grössten Glanzes des Hauses. Das Streben der Associés war von Beginn ab darauf gerichtet, sich von dem Alltäglichen zu emanzipieren und ihren Erzeugnissen mehr und mehr den Stempel der Vollkommenheit aufzudrücken. Schon ihre ersten Druckwerke übertrafen die Isaacks, und jedes Jahr zeigt einen Fortschritt, sei es in der Schrift, in der Ornamentierung, oder in dem Druck. Schritt für Schritt kann man diese Elzeviere auf ihrem Wege zur Vollendung verfolgen, bis sie, nach zehn Jahren, Meisterwerke wie ihren Cäsar, Terenz und Plinius v. J. 1635 hervorzubringen imstande waren. Ihnen verdankt man die Initiative zu allen den Unternehmungen, welche den Namen Elzevier zu einem unsterblichen in der Geschichte der Buchdruckerkunst und des Buchhandels gemacht haben. Im Jahre 1625 begannen sie die Sammlung der kleinen „Republiken“, für welche sie ein Privilegium vom 15. Mai 1626 erhielten. 1629 weihten sie die Reihe der lateinischen Klassiker in dem berühmten Duodez durch den Horaz und den Ovid ein; 1641 die Kollektion der renommiertesten Schriften einer neueren Zeit mit dem Cid; die Sammlung französischer Klassiker mit Régnier 1642. Daneben folgten aber auch Bücher in grösserem Formate, darunter verschiedene orientalische Werke.
Die kleinen Aus- gaben.
Ihren Hauptruhm bilden jedoch die Duodezausgaben der Klassiker zu billigen Preisen. Zwar waren solche kleinere Ausgaben nicht ohne Vorbild, wir erinnern nur an die „Aldinen“, im allgemeinen war man jedoch bei den grossen Formaten geblieben, bis mit den Elzevieren die Ausnahme Regel wurde. Die Bändchen, von den berühmtesten Kritikern und Kommentatoren der Zeit besorgt, nahmen im Sturm das Publikum für sich ein. Das Oktavformat blieb nur für die Ausgaben mit vielen Noten und Varianten. Durch den billigen Preis von 1 fl. als Mittelpreis für einen Band von etwa 500 Seiten steigerte sich der Absatz enorm. Die Durchschnittsgrösse der Auflagen ist nicht bekannt, sie muss aber eine bedeutende gewesen sein.
Übrigens fehlte es nicht an Stimmen, die diese handlichen Bändchen als eine Herabwürdigung der Gelehrsamkeit bezeichneten und als eine rein kaufmännische Manipulation verdammten. Trotzdem suchten die Gelehrten eine Ehre darin, dass ihre Werke den Kollektionen einverleibt wurden. Ja, selbst Autoren, deren Schriften von den Elzevieren nachgedruckt waren, schrieben ihnen verbindliche Briefe auf Grund der auf den Nachdruck verwendeten Sorgfalt. Das Format wurde in ganz Holland und Belgien standard und auch von mehren Pariser Buchhändlern angenommen. Bald bemächtigte auch die Sammelwut sich der kleinen Bändchen. Noch vor Ablauf des Jahrhunderts wurde von Liebhabern berichtet, die sich das Allernotwendigste versagten, um eine komplette Elzeviersammlung zu besitzen.
Papier und Kor- rektur.
Mit der Beschaffung des Papiers scheinen die Elzeviere manchmal Not gehabt zu haben. Öfters wenden sie französisches an, das jedoch schon in Frankreich auf Grund der dortigen Abgaben sehr teuer zu stehen kam, wie viel mehr also im Auslande. Während des Krieges mit Frankreich war die Einfuhr von Papier ganz verboten und die Elzeviere bezogen grosse Massen aus Deutschland, klagen jedoch öfters, dass dieses oder jenes Werk nicht recht gefördert werden könne, weil das in Frankfurt bestellte Papier nicht angekommen sei.
In Betreff der Korrektheit der Elzevier-Ausgaben sind von einander abweichende Stimmen laut geworden. Viele loben dieselbe sehr, viele tadeln derb die Inkorrektheit. Der Grund ist nicht schwer zu finden. Die Elzeviere waren nicht, wie die Aldi, Stephane, oder wie Badius, Morel, Oporin begeisterte Gelehrte, die im Interesse der Wissenschaft Typographen geworden waren und einen Hauptteil der litterarischen Arbeit auf sich nahmen; sie waren praktisch-tüchtige Geschäftsleute, welche die Typographie hochhielten, aber nicht in der Lage waren, durch ihre persönlichen Kenntnisse zur Förderung der Wissenschaft beizutragen. Man darf sich nicht von ihrem Titel „akademischer Buchdrucker“ oder von den gutgeschriebenen lateinischen Anreden in ihren Verlagswerken irreleiten lassen; letztere sind Arbeiten ihrer litterarischen Freunde, namentlich des Dan. Heinsius. Sie gaben sich alle Mühe, für gute Korrektoren zu sorgen, diese waren aber selten; oft mussten sie sich deshalb in Betreff der Korrektur auf die Verfasser selbst verlassen, die bekanntlich selten diese Arbeit in befriedigender Weise üben. So giebt es neben sehr gut korrigierten Ausgaben der Elzeviere auch fehlerreiche. Im allgemeinen sind ihre lateinischen Klassiker sorgsam korrigiert, der Virgil von 1676 gilt sogar als ein nicht leicht zu erreichendes Muster, auch ihre französischen und italienischen Ausgaben, obwohl Nachdrucke, waren öfters weit korrekter als die Originale. Viele bekannte Namen fanden sich unter ihren Korrektoren nicht vor, berühmte gar nicht.
Das ausländische Geschäft.
Als eine Eigentümlichkeit der Elzevierischen Geschäftsorganisation wurde schon der ausgedehnte ausländische Vertrieb erwähnt, der bereits von Ludwig begonnen und sowohl (seit 1630) von dem Leydener als später von dem Amsterdamer Haus in System gebracht wurde.
Die meisten Glieder der Familie begannen ihre Thätigkeit mit dieser Branche. Selbst nach seiner Association mit Matthias und Abraham setzte Bonaventura seine Reisen fort; doch nötigten ihn später die steigenden Geschäfte, diesen Teil der Arbeit dem Neffen, Ludwig, zu überlassen, bis dieser sich 1638 in Amsterdam etablierte. Er wurde von Johann, dem ältesten Sohn Abrahams, dieser wieder von Daniel, Bonaventuras Sohn, abgelöst.
Als letzterer später dem Geschäft Ludwigs in Amsterdam beitrat, setzte er seine Reisen für dieses fort.
Über die Depots in Frankfurt, Italien und Paris wurde schon oben gesprochen. Eine grosse Bedeutung hatte die Verbindung mit den skandinavischen Ländern. Kopenhagen, der Hauptsitz der Litteratur im Norden, war gewohnt, sich in Frankfurt zu versorgen. Als jedoch der Verkehr im 30jährigen Krieg immer schwieriger wurde, hielten die Holländer mit ihrem merkantilen Genie es für angebracht, die litterarische Versorgung des Nordens zu übernehmen. Der erste, der den Versuch machte, war der Buchhändler Johann Jansson aus Amsterdam und der Erfolg war ein so glänzender, dass die dänischen Buchhändler bittre Beschwerden über die Eindringlinge führten. Eine Merkwürdigkeit war, dass der Buchhandel dort in den Kirchen betrieben wurde, was erst aufhörte, als Christian iv. die prachtvolle Börse baute, in deren erstem Stock eine Menge Detail-Läden, namentlich für den Buchhandel, sich befanden. Hier mieteten Jansson und die Elzeviere Lokale. Ihr Handel muss ein sehr bedeutender gewesen sein, denn sie liessen besondere Kataloge drucken, von welchen einer auf uns gekommen ist: Catalogus omnium librorum, qui hoc tempore in officina Elzeviriana prostant. Hafniæ 1642. Man sieht, es handelt sich um eine vollständige Filiale. Wer sie dirigierte, ist nicht bekannt; die Elzeviere selbst besuchten jedoch oft Kopenhagen. Nicht weniger gut als dort waren sie in Schweden angeschrieben, und die für die Wissenschaften eingenommene Königin Christine machte ihnen vorteilhafte Anerbietungen, um sie zu bestimmen, ein Haus dort zu gründen. Sie lehnten es ab, dagegen kamen die Verhandlungen mit Joh. Jansson zustande, der 1647 das Privilegium, eine Druckerei anzulegen, erhielt (vgl. S. 157).
Eigenschaften der Associés. Daniel Heinsius.
Zu dem Glanze des Leydener Hauses trug jeder der Associés bei. Bonaventura leitete mit grossem Geschick den bibliopolischen und kaufmännischen Teil des Geschäfts, wozu ihn eine sorgfältige Vorbereitung geeignet machte. Mit ihm verhandelten gewöhnlich die Gelehrten und die Kunden. Abraham besorgte mit gleicher Sorgfalt und grosser Hingebung das typographische Departement. Eine gute Hülfe hatten sie in Ludwig ii., bis dieser selbst sich etablierte. Eine ganz wesentliche Stütze für das buchhändlerische Geschäft war der berühmte Gelehrte Daniel Heinsius, der so eigentlich die Seele der litterarischen Produktion war. Heinsius war 1580 in Genf geboren. In Leyden war er der bevorzugte Schüler von Jos. Scaliger und später von dessen Nachfolger. Er war ein Universalgenie, in allen Fächern des Wissens zuhause, zugleich ein Dichter von gutem Geschmack. Ganz natürlich, dass ein solcher Mann einen Verleger im Guten sowohl wie im Bösen vollständig beherrschen konnte. In beiderlei Hinsicht übte er auf die Elzeviere, speziell auf Bonaventura, einen grossen Einfluss. Ihm verdanken sie den Besitz einer Reihe der besten Verlagswerke, bei deren Herausgabe er ihnen zuhilfe kam, indem er die Einleitungen und Dedikationen, mit welchen die Verleger ihre Werke begleiteten, schrieb. Er war jedoch eine streitsüchtige, egoistische Natur und hielt die Elzeviere von denjenigen Gelehrten ab, die bei ihm nicht in Gunst standen.
Tod Abrahams u. Bonaventuras.
Bonaventura selbst zeigt sich auch nicht durchweg als liebenswürdiger Charakter, namentlich scheint er von einem mitunter hässlichen Geiz beherrscht gewesen zu sein. Nichtsdestoweniger suchte man gern eine Verbindung mit den Elzevieren und rühmte ihre Genauigkeit, Pünktlichkeit und ihren Eifer, sowie ihr warmes Interesse für ihren Beruf, dem sie einen förmlichen Kultus erwiesen. Liebenswürdiger als Bonaventura dürfte Abraham gewesen sein, Wenigstens spricht für seine Beliebtheit, dass die Universität nach seinem Tode, am 14. Aug. 1652, ihm zu Ehren eine goldene Medaille prägen liess, eine Auszeichnung, mit der sie sehr sparsam war. Dagegen geschah nichts zu Ehren Bonaventuras, als dieser einen Monat später, am 17. Septbr. 1652, verschied.
Die Auszeichnung Abrahams fällt um so mehr auf, als schon 1649 Differenzen mit der Universität auf Grund der von den Elzevieren angesetzten Preise entstanden waren. Es kam sogar in Frage, ihnen die Emolumente zu entziehen, während sie ihrerseits auf Erhöhung derselben antrugen. Bei dem Tode Abrahams und Bonaventuras war noch nichts entschieden, doch muss ein Ausgleich stattgefunden haben, denn man bewilligte den Nachfolgern die bisherigen Emolumente, und so blieb es bis zum Erlöschen des Hauses 1712.
Johann und Daniel.
Bonaventura vermachte seinem ältesten Sohne Daniel sein Haus auf der Rapenburg und seinen Anteil an allem, was er in Verbindung mit Abraham besessen hatte. Ein Gleiches that Abraham in Betreff seines Sohnes Johann.
Johann, der älteste Sohn Abrahams aus seiner Ehe mit Katharine van Waesberge, war das einzige von dessen Kindern, welches der väterlichen Laufbahn folgte. Er war zu Leyden im Febr. 1622 geboren; 1638 wurde er, 16 Jahre alt, nach Paris gesandt, wohl weniger um sich in der Typographie, als im Französischen zu vervollkommnen und um neue Verbindungen anzuknüpfen oder die alten zu pflegen. Schon 1643 ist er wieder dort, zum Vertrieb von Büchern; 1641 ging er nach Dänemark; 1644 wieder nach Paris. 1647 heiratete er Eva van Alphen aus Leyden; 1649 etablierte er sich im Hause des Grossvaters Bonaventura.
Daniel, der älteste Sohn Bonaventuras und der Sarah van Keulen, war im Aug. 1626 in Leyden geboren. Aus seiner Jugendzeit wissen wir nur, dass er 1645 nach Paris ging, um seine Ausbildung zu vollenden. Dort blieb er gegen drittehalb Jahre, um dann in Leyden zu studieren, dabei nahm er jedoch an den Geschäften teil.
Trennung Daniels von Johann.
Es war eine schwere Last, welche auf den Schultern der jungen Männer ruhte. Sie begannen jedoch guten Mutes ihr Werk. Ihre Ausgaben der Nachfolge Christi und des Psalters von 1653 gehören zu den besten Erzeugnissen der Elzeviere. Aber die Aussichten für die Zukunft waren weniger freundlich, als bisher. Gleichzeitig mit den Vätern war eine grosse Zahl der gelehrten Freunde und Ratgeber von der Bühne abgetreten; die Universität befand sich in einer Krisis; die Zeiten waren vorbei, wo die Arbeiten ihrer Professoren die gelehrte Welt in Bewegung setzten, sie genügten nicht mehr, um einer Druckerei eine Fülle von Arbeit und Ehre zu bringen. Dabei war das Verhältnis der jungen Männer zu der Universität ein nicht ganz ungestörtes. Es fehlte ihnen noch an der nötigen Erfahrung und Autorität, um glücklich über alle Klippen wegzukommen, Eigenschaften, die dagegen der Amsterdamer Ludwig in hohem Grad besass. Diejenigen berühmten Gelehrten, die durch Heinsius den Leydener Elzevieren entfremdet worden waren, näherten sich Ludwig; selbst Leydener Gelehrte suchten die Verbindung mit ihm. Diese Umstände, dazu Johanns schwankender Charakter werden wohl mitgewirkt haben, um Daniel zu bestimmen aus dem Geschäft zu treten und sich mit seinem Vetter Ludwig in Amsterdam zu verbinden. Ein weiterer Grund mag wohl auch seine Heirat mit Anna Bierninck, Enkelin von seinem Onkel Justus und Nichte und Mündel Ludwigs, gewesen sein. Er trennte sich nach zwei und einem halben Jahre von Johann.
Wir werden nun Ludwigs und Daniels Schicksale in Amsterdam verfolgen, um dann zu dem Leydener Geschäft und dessen traurigem Ende zurückzukehren.
Ludwig iii. und das Amsterdamer Haus.
Der Gründer des Amsterdamer Geschäfts, Ludwig iii., ältester der vier Söhne des Justus, war 1604 in Utrecht geboren. Früh vaterlos, wurde er, um zu studieren, nach Leyden gesandt, wo er bei seinem Onkel Matthias wohnte und Gelegenheit fand, sich mit Buchhandel und Typographie bekannt zu machen. Durch seine vielen Reisen kreuz und quer durch Europa hatte er sich vortrefflich für ein eigenes Etablissement vorbereitet. Er war 33 Jahr alt geworden; Aussichten auf eine selbständige Stellung in dem Leydener Geschäft waren nicht vorhanden; Konkurrenz wollte er demselben nicht machen. Er wählte deshalb Amsterdam zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Wennauch vorzugsweise Handelsstadt, war Amsterdam doch durch seine gelehrten Gesellschaften bekannt, und besass eine Art von Universität in seinem neu errichteten Athenäum, welches schon berühmte Lehrer zu den Seinigen zählte. Die Leydener Verwandten hatten nichts gegen das Etablissement einzuwenden, sie hofften sogar Vorteile durch energische Verbreitung ihrer Artikel seitens Ludwigs zu erreichen und druckten auch anfänglich mehrere Werke für ihn.
Aufblühen des Hauses.
Jedoch Ludwig war der Mann, um ganz auf eigenen Füssen zu stehen. Kaum etabliert, suchte er die Verbindung mit dem berühmten Hugo Grotius, der als schwedischer Gesandter in Paris lebte. Ohne Freigeist zu sein, hatte Ludwig auf seinen Reisen doch in religiösen Angelegenheiten einen freieren Blick erworben, als seine Leydener Verwandten, die eine grosse Strenggläubigkeit entweder wirklich besassen, oder durch die Verbindung mit der Universität zu zeigen gehalten waren. Er war so recht geeignet, als Verleger die unabhängigen Geister um sich zu versammeln. Er zählte sogar zur katholischen Kirche übergetretene zu seinen litterarischen Freunden, ohne dass dies ihn verhinderte, Schriften zu verlegen, welche die Katholiken wenig schonten. Seit 1642 druckte er alle Werke des Cartesius, was auf die volle Unabhängigkeit seines Charakters deutet, denn man weiss, welche heftigen Angriffe der Autor seitens der holländischen Theologen auszustehen hatte, sodass es in Leyden sogar verpönt war, den Namen Cartesius zu nennen. Auch die Werke der Schüler und Anhänger desselben gab Ludwig heraus, ebenso die Schriften der französischen Jansenisten.
Jedenfalls lag es gleich von Beginn ab in Ludwigs Absicht, eine Druckerei anzulegen. Im Jahre 1640 besass er eine solche, wennauch nach einem beschränkten Massstabe, denn seine Mittel waren nicht bedeutend. Er liess sowohl bei seinen Verwandten, wie bei anderen Kollegen, namentlich bei Fr. Hackius in Leyden drucken, der von allen Buchdruckern den Elzevieren am nächsten stand, um so mehr als ein Sohn des Hauses Hackius, Cornelius, mit Margaretha Elzevier, Schwester von dem in Utrecht als Buchhändler etablierten Peter und Nichte Ludwigs, verheiratet war.
Es dauerte nicht lange, so stand das Amsterdamer Geschäft dem Leydener gleich. Von 1640-45 kamen 219 Verlagsartikel heraus. Die Geschäfte wuchsen so rasch, dass es Ludwig nicht immer möglich war, die nötige Ordnung und Pünktlichkeit zu zeigen; er sah sich deshalb nach Hülfe um. So wurde die Association mit Daniel am 1. Mai 1655 abgeschlossen. Bei dieser Gelegenheit gingen eine Menge Verlagsartikel des Leydener Geschäfts auf Daniel über und von dieser Zeit an begannen auch die Amsterdamer Pressen, die berühmten Duodeze zu reproduzieren, auf welche das Leydener Geschäft bis jetzt faktisch das Monopol gehabt hatte. Die Zahl der von Ludwig und Daniel, während eines neunjährigen Zusammenwirkens, herausgegebenen Werke beträgt gegen 150; auch der Anfang ihres Hauptwerkes, der grossen Bibel von Desmarest, stammt aus dieser Zeit.
Druckerzeichen.
Als Zeichen bedienten sie sich der Minerva mit der Aegide, dem Ölzweig und der Eule und mit der Devise Ne extra oleos. Der Gedanke der Devise ist dem Wettrennen der Alten entlehnt, bei welchem das Ziel durch eine Reihe von Ölbäumen bezeichnet war. Die Warnung: „nicht über die Ölbäume hinaus“, heisst also soviel als: „Halte dich innerhalb der richtigen Grenzen, und schiesse nicht über das Ziel hinaus“.
Geschäftslokal.
Das Geschäftslokal war „opt Water in den Olm-boom“. Diese Bezeichnung „Auf dem Wasser“ hatte ein Hauptquai in Amsterdam, wo vorzugsweise die Lokale der Buchhändler und Buchdrucker sich befanden. Die Elzeviere bewohnten dort nach und nach verschiedene Häuser; wenn sie nichtsdestoweniger als „in der Ulme“ wohnhaft fort firmierten, so ist dies durch die Sitte erklärlich, die Häuser nicht nur nach den, von dem Besitzer über den Thorweg in Stein gehauenen Emblemen, sondern auch nach den beweglichen Schildern der gewerbetreibenden Bewohner zu bezeichnen.
Ludwigs Tod.
Im Jahre 1664 zog sich Ludwig zurück, und lebte auf seinem schönen Landsitz, welchen er halbwegs zwischen Amsterdam und Utrecht besass. Sein Name findet sich fernerhin nur auf der Bibel Desmarests, welche 1669 in 2 Bdn. in Folio vollendet wurde. Sie war bei dem Ausscheiden Ludwigs Gegenstand eines besonderen Übereinkommens unter den Associés geblieben. Ludwig starb 1670 in Leyden, infolge eines Beinbruchs.
In allen Angelegenheiten der Familie war Ludwig stets als das Oberhaupt betrachtet worden, und er hatte gesucht, ihr Interesse, wo er konnte, wahrzunehmen. Seine Rechtschaffenheit und Einsicht wurden überall anerkannt. In seinem Testament zeigt er sich als einen durchaus noblen Mann, sowohl gegen Andere, als auch gegen seinen Associé. Es sollten alle Rechnungen mit ihm ohne irgend eine Revision geordnet werden. Es war ihm freigestellt, die Artikel zu den Druck- und Papierkosten ohne Zinsen und sonstige Lasten zu übernehmen, und die daraus entstehende Schuld erst in langen Terminen unter 4% Verzinsung zu zahlen.
Daniels weitere Wirksamkeit.
Die Weiterführung des ausgedehnten und vielseitigen Geschäfts war für Daniel mit seinen alleinigen Kräften eine schwere Aufgabe, wozu die grösste Energie notwendig war. Hierzu kamen noch ungünstige Zeitverhältnisse. Kurz nach der Übernahme brach der Krieg mit England aus, der zwei Jahre (1665-67) mit wechselndem Kriegsglück, aber unter fortwährender Hemmung der Geschäfte, dauerte. Daniel nahm deshalb Jakob Zetter in sein Geschäft, der den buchhändlerischen Teil sehr gut leitete. 1669 fesselte er den jungen Heinr. Wetstein, der bestimmt war, selbst einen bedeutenden Platz in der niederländischen Typographie einzunehmen, an sich. Wetstein war 1649 in Basel geboren, wo sein Vater Professor der griechischen Litteratur war. Er hatte eine vortreffliche wissenschaftliche Erziehung genossen, aber sein Trieb zur Typographie war ein unwiderstehlicher. Am besten glaubte er seinen Zweck in Holland zu erreichen, trat daher mit seinem 20. Jahre bei Daniel in die Lehre und blieb 7 Jahre bei ihm. 1676 verheiratete sich Wetstein und etablierte sich dann als Buchhändler. Er war mit Zetter zusammen dem Hause Elzevier von grossem Nutzen. Daniels Buchhandlung hatte vorher nur aus Verlags- oder Kommissionsartikeln bestanden; jetzt fügte Wetstein ein vollständiges Sortiment neuer und alter Bücher hinzu. 1674 gab Daniel, durch Wetstein unterstützt, seinen grossen Lagerkatalog, über 20000 Werke enthaltend, heraus.
In den Jahren 1667-1672 wurden über 100 neue Werke gedruckt, daneben die grosse Bibel fortgesetzt. Daniel sammelte, als letzter der bedeutenden Elzeviere, die ganze Ehre des Namens auf sich und wurde als einer der Buchdrucker majorum gentium betrachtet. Als im Jahre 1672 ein grosser Brand einen bedeutenden Teil des Blaeuschen Geschäfts vernichtete und Blaeu in Verlegenheiten kam, kaufte Daniel eine Anzahl von dessen Verlagsartikeln. Auch von Hackius machte er bedeutende Erwerbungen.
Trotz der schweren Zeiten hat man sich also Daniel nicht als mutlos geworden zu denken, und noch in den Jahren 1675-1680 verliessen 90 Verlagswerke, unter welchen sich einige seiner bedeutendsten Leistungen befinden, seine Pressen.
Daniels Tod.
Da überraschte ihn der Tod mitten unter den Vorbereitungen zu einer Menge neuer grossartiger Unternehmungen. Am 13. Oktbr. 1680 unterlag er dem wiederholten Anfall eines heftigen Fiebers, wie solche in Amsterdam nicht selten auftreten.
Die Elzevier- schriften.
Die Verhältnisse waren schwer zu beherrschen. Zwar beabsichtigte die Witwe das Geschäft fortzusetzen, sah aber bald die Notwendigkeit einer Beschränkung ein. Zuerst kam die Reihe an die Schriftgiesserei, bei welcher Gelegenheit ein Licht über die Entstehung der Elzevier-Schriften geworfen wird. Es gelang dem Herrn Alfons Willems, im Plantinschen Museum in Antwerpen ein Schreiben von der Witwe Daniels an die Witwe des Balthazar Moretus aufzufinden, in welchem erstere den Plantins ihre Schriftgiesserei anbietet, mit 27 Sorten von Stempeln und 50 Sorten Matern „gemaekt wesende bij Christoffel van Dyck, de beste meester van sijnen en onsen tijdt, en bij gevolge de beroemste gieterije, die ooyt ist geweesi“. Beigefügt ist eine Schriftprobe, ein einzelnes Blatt in Plakatformat, mit der Überschrift: „Proeven van Letteren die gesneden ziin door Wylen Christoffel van Dyck, soo als de selve verkoft sullen werden ten huyse van de Weduwe Wylen Daniel Elsevier, op't Water by the Papenbrugh, in den Olmboom, op Woensdagh, den 5 Martii 1681“.
Zwar ist nur die Rede von den Typen der Amsterdamer, aber es ist nicht anzunehmen, dass diese nur Plagiate der Leydener gewesen. Es würde die Witwe Daniels kaum gewagt haben von van Dyck als von dem ersten Schriftschneider seiner Zeit zu sprechen, wenn er nur ein Plagiator gewesen[7]. Früher hat man die Schriften der Elzeviere dem Claude Garamond oder den Sanleques zugeschrieben. Garamond war jedoch bereits 1561 gestorben, auch zeigen seine Schriften einen abweichenden Charakter. Eher stimmen die Elzevier-Schriften mit denen Sanleques überein, der ein Zeit- und Religionsgenosse der Elzeviere war, so dass die Vermutung, die Schriften stammten von diesem, mehr Wahrscheinlichkeit hatte.
Schicksale der Elzevier- schriften.
Das Plantinsche Haus nahm das Anerbieten der Witwe Elzevier nicht an, und die Schriftgiesserei ging nunmehr durch Kauf an Jean Bos im Hause Joseph Athias über. Letzterer war ein spanischer Jude, der ein bedeutendes typographisches Etablissement in Amsterdam besass. Er war namentlich bekannt als Drucker einer Anzahl von Bibeln in fremden Sprachen, ganz besonders ist seine hebräische Bibel berühmt, für welche ebenfalls Christoff van Dyck die Schriften geschnitten hatte, die noch jetzt unter die schönsten hebräischen Schriften zählen. Als Belohnung für diese Arbeit erhielt Athias von den Staaten von Holland und Westfriesland eine goldene Medaille an goldener Kette zu tragen, eine Auszeichnung, die noch keinem Israeliten zuteil geworden war. Vielleicht hat Athias seine Dankbarkeit gegen van Dyck, durch Ankauf des ganzen Komplexes seiner Schriften, zeigen wollen. Sein Etablissement ging in die Hände von J. J. Schepper über, später an den Schriftgiesser Johann Roman, der die oben erwähnten Proben genau mit allen Fehlern als Proben seiner Giesserei druckte. Diese kam 1767 an die Brüder Ploos van Amstel in Amsterdam und an Johann Enschedé in Haarlem, die den Fond teilten; später ging das Ganze auf Enschedé über. Dieser, ein warmer Bewunderer der Leistungen des Schriftschneiders Fleischmann, legte übrigens, wie es scheint, kein grosses Gewicht auf die Schriften von van Dyck.
Auflösung des Amsterdamer Geschäfts.
Die Verhältnisse bei dem Tode der Witwe Daniels im Mai 1681 machten alle Gedanken an eine wennauch beschränktere Fortführung des Geschäfts zunichte. Die Erbschaft konnte von den Beauftragten der neun Kinder Daniels nur cum beneficio inventarii angetreten werden. Die Liquidation fiel jedoch über alle Erwartung günstig aus und erzielte nach heutigem Geldwerte eine Summe von etwa einer viertel Million Mark. Die Amsterdamer Verleger hatten sich längst auf diesen Augenblick gerüstet und kauften mit Begierde die berühmten Verlagsartikel.
So verblieb nur die Erinnerung an das angesehene Elzeviersche Haus in Amsterdam. Doch nicht allein der Glanz desselben wurde mit Daniel zu Grabe getragen, auch der hohe Ruhm der niederländischen Typographie im allgemeinen war dahin. Fast gleichzeitig mit Daniel schieden fast alle die grossen holländischen Buchdrucker, welche die letzte Hälfte des xvii. Jahrhunderts mit ihrem Ruhm erfüllt hatten. Zwar erstanden aufs neue tüchtige Männer, welche die typographische Fahne hochhielten, aber die Kette war gebrochen, und es gelang nicht, die Glieder wieder zu einem Ganzen zu vereinigen.
Ende d. Leydener Hauses.
Wir haben nun noch den letzten Blick, der keine Freude gewährt, dem Leydener Hause zuzuwenden.
Daniels Austritt war ein schwerer Schlag, indes verlor Johann den Mut nicht. Da er keinen Associé hatte, suchte er helfende Kräfte zu gewinnen, und es scheint ihm dies durch das Engagement Karl Gerstekorns gelungen zu sein. Wenn unter den schwierigen Verhältnissen Johann den Senat um Erlaubnis ersuchte, die Offizin baulich erweitern zu dürfen, so ist dies, wenn es damit überhaupt Ernst war, nur in der Weise zu erklären, dass er sich auf die Druckerei allein hat beschränken und diese mit aller Kraft hat betreiben wollen. Wenigstens mässigt er seine Verlagsthätigkeit sehr und sucht sein Lager durch Auktionen zu erleichtern. Es gehören immerhin einige seiner Leistungen dieser Zeit, als: de Brebeuf, Pharsalus und P. le Moyne, Gallerie des femmes fortes, zu den besten seiner Pressen.
Johann starb, ohne einen Plan für die Zukunft des Geschäfts gelegt zu haben, am 8. Juni 1661, erst 39 Jahre alt. Seine Witwe entschloss sich, die Geschäfte fortzuführen, und erhielt auch die Bestätigung des Verhältnisses zur Universität. Durch Auktionen in den Jahren 1659, 1660 und 1661 entledigte sie sich des Leydener Lagers und der Haager Vorräte. Mit Ausnahme der Fortführung der grossen holländischen Bibel, die schon während Daniels Zeit angefangen und bei der er beteiligt geblieben war, scheint sie eigenes Verlegen ganz unterlassen zu haben. So ging das Geschäft nach und nach zurück. 1681 übergab sie es dem zweiten Sohne Abraham ii., und starb 1695.
Abraham, am 5. April 1653 geboren, hatte in Leyden studiert und 1679 den Doktorgrad erworben. 1695 wurde er Schöffe zu Leyden. Unter seiner Misswirtschaft verfiel die Druckerei vollständig. Als nach seinem am 30. Juli 1712 erfolgten Tode das Geschäft verkauft wurde, war der Erlös noch nicht 2000 Fl. — Sic transit gloria mundi.
Die Nachahmer der Elzeviere.
Es konnte nicht anders sein, als dass der grosse Erfolg der Elzevierschen Duodezausgaben auch andere Buchdrucker innerhalb und ausserhalb der Grenzen der Niederlande zur Nachahmung anstachelte. Es dauerte nicht volle zehn Jahre nach den ersten Ausgaben seitens der Elzeviere, bis eine Überschwemmung mit Nachahmungen derselben eintrat, die oft die Vignetten und anderes Beiwerk so genau wiedergaben, dass die Entscheidung, ob ein Buch wirklich den Elzevieren gehörte oder nicht, manchmal eine sehr schwierige war.
Nach der Druckerei der Elzeviere war in Leyden die bedeutendste die von Franz Hackius, die viel für die erstgenannte druckte, und eine sehr leistungsfähige Offizin war. Um die Mitte des xvii. Jahrhunderts gab es in Leyden überhaupt 9 Druckereien mit 23 Pressen, darunter keine mit mehr als vier. In Amsterdam waren die Druckereien nicht so zahlreich, aber sehr tüchtig. Von den Blaeu hörten wir bereits. Johann Jansson, der nicht dieser Familie angehörte, druckte von 1618-1664 und war besonders als Nachdrucker bekannt. Fand ein Werk eines ausländischen oder auch eines holländischen Kollegen Beifall, so war Jansson schnell mit einem Nachdruck bei der Hand. Er hatte, wie schon erwähnt, eine Filiale in Kopenhagen und errichtete eine Druckerei in Stockholm. Nachdem Johann van Waesberge eine Tochter Janssons geheiratet hatte, fügte letzterer den Namen des Schwiegersohns dem seinigen bei. Nach Janssons Tod associierte sich Waesberge erst mit seinem Schwager Elisäus Weyerstraten (1664-1667), später mit dessen Witwe. Von 1669 ab bis zu seinem Tode 1681 druckte er allein[8].
Zu den talentvollsten Nachahmern der Elzeviere gehören auch die Brüsseler Buchdrucker François Foppens (gest. 1684) und Eugène Henry Frix (gest. um 1715).
Ein sehr geschätzter Buchdrucker, Buchhändler, Kartenstecher und Geograph war P. van der Aa (gest. 1730). Sein grösstes Werk, eine Weltgalerie, umfasst 66 Bände. Die berühmte Familie Wetstein wurde schon früher erwähnt.
Die Schrift- giesserei.
Nach dem Erlöschen der Familie der Elzeviere ist die der Enschedé die bekannteste, namentlich ist ihre Geschichte mit der der Schriftgiesserei in Holland auf das engste verknüpft.
Es wurde schon früher erwähnt, dass Paffroed in Deventer[9] für damalige Zeit sehr schöne nationale Schriften geliefert hatte. Von da an jedoch machte in den Niederlanden der Schnitt der gothischen Schrift nur sehr langsam Fortschritte. Dürers litterarische Arbeiten waren durch seine Reise in den Niederlanden populär und von Joh. Jansson in Amsterdam sowohl lateinisch als auch (1606) deutsch mit Frakturschrift gedruckt worden. Die Fraktur fand bei den Schriftgiessern Aufnahme und Dirk Voskens z. B. lieferte sie in 14 Graden mit den entsprechenden Schwabacher Schriften. Wahrscheinlich geschah dies mit auf Antrieb Philipps von Zesen, der sich um die Mitte des xvii. Jahrhunderts in Amsterdam aufhielt und eine Anzahl eigener und übersetzter Werke dort und in Leyden herausgab. Auch verschiedene der grossen illustrierten Reisebeschreibungen wurden mit deutscher Schrift gedruckt. Es dauerte jedoch nicht lange, so wurde sie ganz durch die Antiqua und die Schreibschriften nach französischem Duktus verdrängt.
Die Antiqua erreichte jedoch im allgemeinen nicht die Schönheit der Vorbilder. Sie ist in der Regel sehr schmal geschnitten und eng zugerichtet, hauptsächlich auf Betrieb der holländischen Nachdrucker, die viel Ware für das Geld bieten mussten. Ament Tavernier in Antwerpen führte 1558 die, dem Granjon in Lyon nachgebildete Schreibschrift Civilité ein, deren sich Wilh. Sylvius zuerst bediente. Auch Plantin druckte ein Buch mit dieser Schrift, die bis in das xviii. Jahrhundert benutzt wurde. Die Ronde wurde ebenfalls als Werkschrift verwendet; daneben hielt sich die Coulé, von J. F. Rossart und J. M. Fleischmann geschnitten.
Isaak Enschedé.
Der Stammvater der Enschedés Isaak ward 1681 in Haarlem geboren und gehörte einer in Gröningen angesessenen Buchdruckerfamilie an. Um 1703 eröffnete er eine Buchdruckerei in Haarlem und druckte 1727 im Verein mit seinem Sohne Johannes eine Bibel in Folio nach dem neuen Verfahren von van der Mey und Müller.
Ob dies Verfahren wirklich dasselbe gewesen ist, welches wir jetzt als Stereotypie bezeichnen, blieb langezeit zweifelhaft. J. van der Mey stellte zu Anfang des xviii. Jahrh. mit Unterstützung des deutschen Predigers Johann Müller in Leyden (gest. 1710), der von vielen für den eigentlichen Erfinder gehalten wird, mehrere „stereotypierte“ Werke. Die ersten Versuche haben sich wohl auf zusammengelötete Schrift beschränkt, später scheint es jedoch, als habe man eine wirkliche Stereotypie erfunden, denn unter den zu dem Caxton-Jubiläum in London 1877 ausgestellt gewesenen Gegenständen befanden sich auch vier auf Holz genagelte Platten Meys und Müllers[10]. Die Firma S. & E. Luchtmanns in Leyden, für deren ersten Inhaber Samuel Luchtmanns mehrere solche stereotypierte Werke hergestellt waren, drückt sich in einem Schreiben vom 24. Juni 1801 an A. Renouard in Paris ebensowenig wie der Baron van Weestreenen van Tiellandt in seinem, im Auftrag der niederländischen Regierung abgefassten Bericht recht klar über das Technische aus[11]. Eine Bibel in 4° und eine in Folio; ein Neues Testament englisch und eins griechisch in 18°; ein syrisches Wörterbuch wurden stereotypiert, dann ward es wieder still von der Erfindung.
Johannes En- schedé.
Isaak Enschedés Sohn Johannes fing schon als Knabe an, Schriften in Holz zu schneiden, und erwarb sich durch fortgesetzte praktische Arbeiten einen sichern Blick, der ihn zu einer Autorität in der Beurteilung xylographischer und typographischer Erstlingsdrucke machte. Sein langes Leben (er starb 1781) teilte er zwischen Wissenschaft und Praxis. Er vermehrte die schon von seinem Vater gegründete ausgezeichnete Bibliothek mit den grössten typographischen Seltenheiten. Das Ideal seines Strebens war, ein Hauptwerk über die Erfindung der Buchdruckerkunst zu schreiben, wobei seine Sammlungen ihm als Unterlage dienen sollten. Leider kam er aber damit nicht einmal so weit, wie Breitkopf mit seiner ähnlichen Arbeit, und wir haben von ihm nur eine Skizze über die Schriftgiesserei in den Niederlanden. Er entdeckte Fragmente eines Donat und eines Horariums, welches letztere von den Holländern als das erste Druckwerk Kosters mit beweglichen Typen angesehen wird. Sein Sohn Dr. Johannes Enschedé war noch mehr Gelehrter als Buchdrucker; er stand in freundschaftlichem Verkehr mit den berühmten Philologen Valckenaer und Ruhnken und vermehrte die seltene typographische Büchersammlung.
Durch die Vereinigung der wissenschaftlichen Bildung mit den praktischen Kenntnissen haben die Chefs ihrer, noch heute fortblühenden Buchdruckerei und Schriftgiesserei das eigentümliche Doppelgepräge eines Geschäfts und einer historischen Sammlung aufgedrückt. Sie stehen in dieser Hinsicht einzig in ihrer Art da, indem es hier gelungen ist, beinahe alle Originalschriften aus der Blütezeit der Buchdruckerei in Holland zu sammeln. Es bleibt unter diesen Umständen um so mehr zu bedauern, dass die prachtvolle Bibliothek im Jahre 1867 durch Versteigerung zerstreut wurde. Sie würde in Verbindung mit den seltenen Schätzen der Giesserei und der Druckerei eine würdige Vervollständigung des Plantinschen Museums abgegeben haben.
Schriftgiesserei der Enschedés.
Johannes Enschedé wurde 1743 Schriftgiesser, indem er die bekannte Giesserei von Hendrik Floris Wetstein kaufte. Die Stempel für diese Giesserei hatte zumteil der berühmte Stempelschneider Johann Michael Fleischmann geschnitten, der im November 1701 geboren war und am 11. Mai 1768 in Amsterdam starb. Fleischmann fuhr fort, für Enschedés Geschäft zu schneiden, das ausserdem durch die wertvollen Arbeiten Johann Franz Rossarts, geb. zu Namur 1714, gest. zu Brüssel am 26. Mai 1777, vermehrt wurde. Während das Geschäft in dieser Weise durch die besten Künstler der Zeit bereichert wurde, erhielt es seinen historischen Wert durch Erwerbung einer bedeutenden Anzahl älterer Schriftgiessereien ersten und zweiten Ranges. So wurde die Giesserei der Blaeu annektiert, welche am 21. April 1677 in die Hände des Schriftschneiders Dirk Voskens übergegangen war. Das Geschäft Voskens wurde von dem Sohne Bartholomäus übernommen, später unter der Firma Witwe Voskens & Sohn, nachher als Clerk & Voskens fortgeführt und 1780 von Enschedé erworben. Wie die Erwerbung der Elzevierschen Schriftgiesserei durch Enschedé geschah, ist bereits (S. 247) erzählt.
Specimen der Enschedés.
Leider gab es eine Zeit, wo man nicht, wie heute, diese Schätze genügend würdigte, und zu Anfang unseres Jahrhunderts wanderte eine grosse Masse von Stempeln unter das alte Eisen und die wertvollen Matern in die Schmelztiegel, so dass von vielen Schriften nur ein Minimal-Quantum übrig geblieben ist, allenfalls gross genug, um damit einige kleine Wiederabdrücke für den Liebhaber herstellen zu können. Um so mehr muss man den Enschedés dankbar sein, dass sie Abdrücke dieser Schätze, nachdem sie schon mehrere ähnliche Proben gedruckt hatten, in einem „Specimen de caractères typographiques anciens, qui se trouvent dans la collection typographique de Joh. Enschedé et fils, imprimeurs à Harlem“ vereinigten[12], denn diese Probe enthält nur solche Schriften, von welchen die Stempel und Matern nicht mehr existieren, sie führt uns somit die ältere Geschichte der Schriftgiesserei in Holland vor Augen und wir müssen deshalb bei ihr verweilen. Den Anfang machen die grossen Kapitalbuchstaben, überschrieben chalcographia sive typi aenei et matrices plumbeæ. Diese Schriften rühren aus der Zeit Albrecht Dürers her und tragen die Spuren seines Einflusses: die Stempel waren aus Kupfer, die Matrizen aus Blei, wie in der ersten Zeit der Buchdruckerkunst. Auf 12 Grade Antiqua-Versal, 8 Grade Cursiv, 12 Grade schattierte und verzierte Antiqua und 3 Grade schattierte Cursiv folgen die Antiqua- und Cursiv-Buchschriften in breiterem und schmälerem Schnitt, von der groben Canon bis abwärts zur Non plus ultra.
Darauf folgen die berühmten holländisch-gothischen Schriften (Flamand), ebenfalls von der groben Canon bis Non plus ultra, in einer Reinheit des Schnittes und einer Schärfe des Gusses, als wären sie heute aus den Händen des Schriftschneiders und des Giessers gekommen.
Was von den gothischen Schriften gilt, lässt sich auch auf die Fleischmannschen Musiknoten anwenden, welche Veranlassung zu einer heftigen Polemik mit Breitkopf gaben. Höchst interessant ist eine Reihe von zwanzig Schreibschriften (Coulé), unter ihnen die von Fleischmann, „den grootsten en konstigsten Letter-Stempelschnyder, die 'er ooit in de Wæreld geweest is, en mogelyk komen zal“, welche er 1768 vollendete. Dann folgt die merkwürdige, sehr sauber und korrekt ausgeführte Civilité, die ihren Namen von einem im 15. Jahrhundert in Paris erschienenen Büchlein: „La civilité puérile et honnête“ hat. Nach diesen schönen, im besten Stil ausgeführten Schriften bildet allerdings die Ecriture Allemande keinen besonders günstigen Schluss, so wenig wie eine sehr magere, abscheulich geschnittene Cicero Allemande, die einzige Frakturschrift in der Probe, einen schönen Übergang zu zwei alten gothischen Schriften, die zwischen 1470-1480 geschnitten sind.

