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Gott betet

V

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Als ich aus meiner Werkstatt Dich entließ, Du mein fertiges Kind, blieb ich mit meinem Flügelschlage ein weniges zurück, Dir Raum zu geben. Mein Schwung hielt inne, und Du entfaltetest Dich. Du wurdest. O Du bliebst eine Pflanze nach Deines Meisters Herzen.

Offen warst Du wie ein Windenkelch im Mittagsleuchten, vollendet wie der Tautropfen, der am Morgengrase hängt, und blendend wie die Sonne selbst und tatest keinem Auge weh. Du warst ein geschlossenes Stücklein Gottes.

Ich aber wollte den Menschen.

Da legte ich Dich, süßeste Beere, buntester Vogel, Falter meines Gartens, auf ein Menschenlager.

Die Buntheit wich von Dir. Dein Singen wurde ein schweres Ringen um Atem. Und Deine Brust hob sich wie eines zu engen Käfiges Stäbe über das Bebende eines Zugvögleins.

Deine Gelenke berührte der Finger des grausamen, wachsam liebenden Gottes.

Ich klage mich an, daß ich Dich Mensch werden ließ.

Und Dich dem Leide weihte.

Und keiner sah Dein Ringen und jeder überhörte Dein Rufen.

Nur ich vernahm Dein armes Singen. Und ich fand es schöner als Dein Lächeln, das noch kaum gefärbt war.

Du liebtest mich, Du Kind ohne Selbst, ohne Furcht.

Als endlich meine Hand Dich aufstehen ließ, warst Du gewachsen.

Und stiller warst Du und einsamer geworden.

Mir näher. Denn Deiner Gefährten Glieder, behender als Deine, wenn sie über Wege setzten, ließen Dich weit zurück. Sie trugen ihre Lasten leicht.

Ich aber legte schwer meine Hand auf Deinen jungen Rücken und beugte ihn tief.

Wenn andere noch schliefen, standest Du, Schlafes voll, in der trübsten, ersten Helligkeit des Morgens von Deinem Lager auf und trugst Dich zur Arbeitsstätte.

Und so hieltest Du es Tag um Tag.

Und Nacht um Nacht lagst Du wie ein Stein in den Laken, jungfräulich in allem wie an Freuden.

Ich sah Dich so, fest verschlossen, und zählte die Seufzer Deiner Brust. Niemand liebte Dich wie ich. Dein Gott strebte zu Dir. Wer sonst hat Deinen Atem geliebt?

O gedenke nicht in Bitterkeit meiner Hand.

Muß eine Hand nicht geben können und nehmen?

Und ich zählte die Schritte Deiner schmalen Sohlen auf dem Granit der Stadt.

Dein Kopf war leer, Deine Lider tief herabgefaltet. Nie öffnetest Du den Mund. Ich ließ es zu.

Ich ließ Dich, kannst Du es begreifen?

Ich verwehrte dem Lachen Deine Schwelle.

Ich hielt die Strahlen des Glücks zurück, ich zügelte mein Verlangen Dir alle Geschöpfe meines Gartens darzubringen: Die Tiere des Waldes, die Vögel, meine Steine, meine fernen Hügel, die Musik meiner Bienen, die Düfte aller Jahreszeiten, der Tanz meiner Winde über den Gräsern und Libellen.

Erst solltest Du ihre Sprache kennen.

O, ich trug mein volles Herz von Dir hinweg.

Kannst Du, Mensch, Deinen Gott noch lieben?

Ich nahm Dir die Luft, ich nahm Dir das Brot, ich warf dichte Schatten über Dich.

Du ertrugst Deinen Gott. Und Du wurdest immer schöner. Dein Herz weitete sich.

Es pochte ängstlich und ich ließ es wachsen.

Die Menschenärzte sahen es und überließen Dich mir, nachdem sie die Köpfe geschüttelt hatten.

Und Du wurdest noch schöner.

Deine Stimme wurde Samt und Deine Augen. Sie taten wie ein Wald, und andere mußten schweigen, als seien sie unter Tannen.

Ich aber sandte Dir ein Mädchen.

Und Du wurdest erfüllt von meiner Abgesandten.

Wie sie Dich erfüllte, wuchs Dein Herz. Sie selbst aber blieb fern und ihre Augen suchten die Deinen nicht.

Ich wollte Dir die Liebe zeigen, und Du fandest sie. Dann solltest Du mich sehen von Angesicht.

Und Du lerntest.

Mit einem Male wußtest Du was der Weihrauch weiß:

Brennen, Steigen und Vergehen.

Und ein süßer Duft blieb.

O, Du erlerntest die einzige Kunst, wie ich es vorausgeahnt.

Du branntest, eine Glut ohne Asche.

Alles gabst Du den Flammen hin. Und als Du zu geben nicht mehr hattest, verdoppeltest Du Dein Selbst und gabst es neu.

Und so wurden zwei aus Dir, drei und mehr und immer neue, und so wurdest Du leise ein Gott und fandest Unendlichkeit.

O, wie kamst Du mir da nahe!

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