← Table of contents
Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte

Vierter Abschnitt. Die Kriegszeiten des Obererzgebirges. (continued 2)

Reading edition

Ebenso wurde für die leiblichen Bedürfnisse gesorgt, so gut es ging. Wie als Taufsteine, so mußten die Baumstöcke auch als Verkaufstische für Fleischer und Brotträger dienen. Der Markt mit den Nahrungsmitteln fand also im Walde statt.

Der Scheibenberger Pfarrer Chr. Lehmann erzählt sehr eingehend von den Drangsalen des Krieges. Er sagt unter anderem: »Ich habe mit meinen Augen gesehen, daß im Jahre 1640, da die Schweden die Gottesgaber Wälder plünderten, einem vermögenden Handelsmanne nachjagten. Der ist in einen stehenden, hohlen Baum gekrochen. Sein Weib hat die Öffnung mit Moos artig verdeckt, damit er sicher bliebe. Mein Priesterrock ist sechs Wochen lang in einem hohlen Baume gesteckt. Um Steinbach und Wolkenstein wachsen viele Eschen, daraus Lanzenschäfte zur Kriegsrüstung acht und mehr Ellen lang gemacht wurden. Im Jahre 1633 fand der kaiserliche Oberst Brandstein in Preßnitz viel gesottenes Harz. Er ließ daraus viel Pechkränze machen und damit den Annabergern alle ihre Güter am Bärensteine wegbrennen.«

Eine halbe Meile über Satzungen an einem wilden, mit Kiefern bewachsenen rauhen Ort ist ins Gevierte 30 Schritt breit und lang ein Pfuhl mit rotem Moos bewachsen. Niemand soll sich früher gern allein an diesen Ort gewagt haben. Im dreißigjährigen Kriege sind aber die Leute auch dorthin geflohen, um sicher vor den Feinden zu sein. Doch haben sie daselbst von den Gespenstern des Sees manche Anfechtung erdulden müssen.

Nach Chr. Lehmann.

q. Wie die Landwirtschaft darniederliegt.

Während des Dreißigjährigen Krieges unterblieb das Bestellen der Felder oft gänzlich. Man warf den Samen gleich auf die Stoppeln aus und mußte ihn dort aus Furcht vor umherstreifenden feindlichen Abteilungen oft vier bis fünf Wochen lang uneingeeggt liegen lassen. Höchstens wagte man sich bei Nacht einmal an die Arbeit; dann spannten sich Männer und Weiber an die Eggen. Mit dem Vieh lagen sie am Tage im Walde. Häufig aber ersparten ihnen das Eggen, freilich auch das Einernten, die wilden Schweine, welche nachts in Haufen kamen und den Samen »aufleckten«. Zum Schutze gegen sie wurden die Zäune anderthalb Ellen hoch, fest und dicht gemacht; aber es half doch nichts. Brachen die Tiere einmal im Herbste in einen Acker ein, so verdarben sie in einer einzigen Nacht ein großes Stück.

Nach Chr. Lehmann.

r. Die letzte Schlacht auf sächsischem Gebiete.

Für Sachsen endigte im allgemeinen 1645 mit dem Waffenstillstande zu Kötzschenbroda die persönliche Gefahr der Einwohner, sowie Raub und Brand. Dagegen sah das sächsische Hochland noch an mehreren Orten die früheren Greuel erneuert, indem die Schweden, die in Böhmen hausten, die Flüchtlinge oft bis nach Sachsen verfolgten. Annaberg, das mit seiner Umgebung seit 1632 fort und fort alljährlich teils von kaiserlichen, teils von schwedischen Heerhaufen vielfach gelitten, hatte in dieser ganzen Zeit des Waffenstillstandes eine sächsische Besatzung. Eine Abteilung derselben traf am 15. Januar 1648 auf eine kaiserliche Streifhorde bei dem Städtchen Thum, wo sofort ein hitziges Reitergefecht entstand, weil man vergeblich die Kaiserlichen für Schweden hielt. Die Leichen der Gefallenen blieben längere Zeit liegen und davon heißt noch heute der Wiesengrund zwischen Thum und Herold »Das Elend«. Dies war der letzte Kampf des Dreißigjährigen Krieges auf sächsischem Boden. Zum Andenken daran hat man an der Straße von Thum nach Ehrenfriedersdorf im Jahre 1848 eine Spitzsäule mit Inschrift errichtet.

Nach Dr. Spieß.

s. Wie es nach dem Kriege im Gebirge aussah.

Wie es am Ende des Krieges in Sachsen und fast in jedem Orte desselben aussah, schildert ein Zeitgenosse jenes Elends in folgender ergreifenden Weise: »Ihr wisset, wie über Euch fliegende Drachen, zerreißende Bären und Löwen gekommen sind, die Eure Städte ausgebrannt, Eure Ernten, Ochsen und Schafe vor Euren Augen verzehrt, viele Tausende Bürger und Bauern zu Tode gemartert und so barbarisch gehaust haben, daß aller Menschen Sinne es nicht begreifen können. Wie jämmerlich stehen Eure Städte und Flecken; da liegen sie verbrannt, zerstört, daß weder Dach, Gesperr, Thüren oder Fenster zu sehen sind. Man wandert oft zehn Meilen und sieht nicht einen Menschen, nicht ein Vieh, nicht einen Sperling. In allen Dörfern sind die Häuser voller Leichname, Mann, Weib, Kinder, Gesinde, Pferde, Schweine, Kühe und Ochsen, neben und unter einander von Pest und Hunger erwürgt, voller Maden und Würmer und von Wölfen, Hunden und Krähen zerfressen, weil niemand ist, der sie begraben hat. Ihr wisset, wie Lebendige sich unter einander in Kellern und Winkeln zerrissen, totgeschlagen und gegessen haben; daß Eltern ihre toten Kinder, und Kinder ihre toten Eltern gegessen, daß viele um einen toten Hund oder eine Katze gebettelt und das Aas aus den Schindergruben genommen und verzehret haben.«

Zehn Jahre nach Beendigung des Krieges schrieb der Rat der Stadt Buchholz: »Dieses offene Städtlein ist bei dem verderblichen Kriegswesen durch vielfältige Einfälle, Ausplünderung, Durchzüge, Einquartierung, hohe und schwere Kriegskosten und Auflagen gänzlich verderbt und ruiniert worden, also, daß öfters in keinem Hause ein Schloß, Band, Fenster, Ofen und anderer Hausrat gelassen, sondern alles weggenommen, eingeschlagen und verbrannt, ja auch eine große Anzahl Häuser und öffentliche Gebäude ganz und gar verwüstet und eingerissen worden, sodaß sie noch jetzt öde und wüste liegen.«

Auch sind im Dreißigjährigen Kriege im Erzgebirge manche Orte von Grund aus zerstört worden und als wüste Marken liegen geblieben. Westlich vom Morgenberge bei Neudorf an der Sehma kamen die Waldarbeiter nach einem Orte im Walde, wo früher ein Dorf mit Namen Eibendorf gestanden hat, das in jener Zeit zerstört worden sein soll. Ein nach Frankenstein gepfarrtes Dorf Ailitz soll vor dem Kriege zwischen Frankenstein, Memmendorf und Hartha gestanden haben. Ebenso bezeichnet man unterhalb Wingendorf eine Stelle am Kemnitzbache als diejenige, wo das Dorf Kuhren zerstört worden ist. Zwischen dem Städtchen Bärenstein und den Dörfern Falkenhain und Jahnsbach lag einst das Dorf Greifenbach. Ebenso liegt zwischen Bärenstein und Börnichen die Wüstung des Dorfes Elend.

Nach dem Dreißigjährigen Kriege trieben sich in den Wäldern, wie anderwärts so auch in Scharfenstein Räuber und Wildschützen umher, welche entlassene Söldlinge waren, denen das wüste Leben nun Gewohnheit war. Ein Herr von Einsiedel, welchem Scharfenstein gehörte, beschloß, den Wildschützen mit aller Macht nachzugehen, um sein Gebiet von ihnen zu säubern. Es gelang ihm endlich, zwei derselben gefangen zu nehmen. Es gab damals noch eine furchtbare Strafe für die auf der That ertappten Wilddiebe: das Hirschreiten. Der Schloßherr hatte einen starken, lebenden Hirsch einfangen lassen. Die Diebe sollten auf ihn gebunden werden. Das war einem zehnfachen Tode gleich zu achten. Man hatte Beispiele, daß nach Tagen und Wochen die geängstigten Tiere ihre schreckliche Last zerfleischt und doch noch lebend mit sich herumschleppten. Die Missethäter flehten da inständig um Gnade. Die soll ihnen gewährt worden sein, weil sie versprochen haben, in drei Tagen und Nächten einen Stollen durch die Felsenrippe am Fuße des Schloßberges zu treiben, damit das Zschopauwasser mit viel Fall eine Mühle treiben könne.

Nach Holzhaus, Dr. Spieß und Dr. Köhler.

44. Im Nordischen Kriege.

Die Kriege und Durchmärsche, die in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts verheerend über das Kurfürstentum Sachsen gingen, erstreckten auch auf die Stadt Geyer ihre niederschlagenden Wirkungen, wovon sich vereinzelte Nachrichten auch in den Akten erhalten haben. Zum Jahre 1701 bringt Meltzer die Nachricht, daß ansteckende Krankheiten durch dänische Soldaten nach Annaberg wie auch Geyer getragen seien. Im Jahre 1706 wurde eine Kompanie Schweden nach Geyer gelegt, deren Feldprediger am Freitage und Sonntage in der Hospitalkirche und am Weihnachtsfeste der Schweden in der Hauptkirche predigte. Ein schwedischer Fähnrich, Israel Hall, wurde im Jahre 1707 in der Halle dieser Kirche begraben.

Am 23. Mai 1707 hielten die Büchsenschützen zu Geyer zu den gewöhnlichen Übungen ihren Auszug, wobei auch ein schwedischer Feldwebel, N. Topf, Sohn des in Buchholz einquartierten Leutnants, mit schoß und das Unglück hatte, einen unvorsichtigen Knaben zu treffen. Vor Schrecken fiel er in Ohnmacht; doch zeigte sich die Verwundung als nicht tödlich, da die Kugel durch den hohlen Leib gegangen war. Am 23. August desselben Jahres zogen die Schweden wieder ab. Am 30. August bat der Rat in einer besonderen Bittschrift um Wiedererstattung der von den Schweden aus der Geleitskasse mitgenommenen 13 fl 16 Gr oder um einen Nachlaß an dem Geleits- und Gerichtspachtgeld, wurde aber mit solchem Ansuchen gänzlich ab und zur Ruhe verwiesen. Da der Rat aber in seinen Bitten nicht nachließ, erhielt er im Jahre 1709 die Erlaubnis, diese Summe, die er beschwören mußte, bei der Bezahlung des Pachtgeldes in Anrechnung zu bringen.

Von Tannenberg wird aus jener Zeit berichtet, daß am 27. November 1706 an 25 schwedische Soldaten mit einem Leutnant, einem Feldwebel und einem Fahnenjunker einquartiert wurden. Dieselben haben alle Tage zweimal Betstunden gehabt. Zu Weihnachten und am neuen Jahre 1707 haben schwedische Feldprediger in der Tannenberger Kirche Predigt gehalten. Nach Lichtmeß, den 4. Februar, 1707 hat sich ein schwedischer Student in derselben Kirche als künftiger Feldprediger hören lassen. Es haben zu dieser Zeit auf einmal »über die 400 Schweden und mehr in der kleinen Kirche« Gottesdienst gehabt. »Das schwedische Volk ist von hier aus dem Lande wieder weggekommen am 23. August 1707.«

Außer den genannten Orten Annaberg, Geyer und Tannenberg hatten auch Schneeberg, Wolkenstein, Marienberg und andere Städte des Gebirges ebenfalls schwedische Besatzung. Bis zum Sommer 1707 blieben die Schweden im Lande. Trotz des Altranstädter Friedens vom 24. September 1706 ruhte die Hand des Schwedenkönigs, Karls XII., schwer auf Sachsen. Die Schweden lagen in allen Städten. Sie hielten zwar strenge Manneszucht, mußten aber von den hart gedrückten Einwohnern beköstigt und gekleidet werden.

Die gesamten Kosten dieser schwedischen Besatzungen in Sachsen werden auf 23 Millionen Thaler berechnet, und lange seufzten unsere Vorfahren über diese neue »Schwedenangst«. Endlich im August 1707 verließen die Schweden neugekleidet und wohlgenährt Sachsen, um gegen Peter den Großen von Rußland zu ziehen. Dort wurden sie im Jahre 1709 bei Pultawa geschlagen. Der größte Teil fiel, ein anderer wurde nach Sibirien geschickt und sehnte sich vergebens nach den Fleischtöpfen Sachsens und den warmen Öfen des Erzgebirges zurück. Sie konnten recht deutlich die Unwahrheit der Bezeichnung des Erzgebirges als »sächsisches Sibirien« an sich erleben.

Die Schweden waren im September 1706 in einer Stärke von 19 000 Mann nicht im besten Zustande nach Sachsen gekommen. Viele Sachsen, auch Erzgebirger, wurden dem schwedischen Heere einverleibt, sodaß das schwedische Heer 32 000 Mann stark, neugekleidet und wohlgerüstet, das Land verließ.

Nach Dr. Falke, Zippert, Dr. Spieß.

45. Das Obererzgebirge im Siebenjährigen Kriege.

1. Beginn des Krieges 1756.

Zehn Jahre des tiefsten Friedens waren seit dem zweiten Schlesischen Kriege vergangen. Da brach plötzlich der König von Preußen 1756 auf drei Punkten in Sachsen ein. Österreich und Rußland hatten ein Schutz- und Trutzbündnis gegen Preußen geschlossen und sich alle Mühe gegeben, den König von Polen und König von Sachsen mit in dies Bündnis zu ziehen. August weigerte sich, demselben beizutreten. Friedrich legte die Unterhandlungen, die ihm durch den bestochenen Vaterlandsverräter Menzel bekannt geworden waren, für eine Verschwörung zu seinem Untergange aus und begann sofort den Krieg.

Torgau wurde auf Befehl des preußischen Königs befestigt und daselbst eine preußische Behörde eingesetzt, an welche alle Einkünfte aus den besetzten sächsischen Landesteilen abgeliefert werden mußten.

2. Die Preußen im Erzgebirge.

Die Preußen waren bereits im September 1756 bis Chemnitz vorgerückt und begannen von da aus Anforderungen zu machen und Lieferungen auszuschreiben im ganzen Gebirge, daß den Ortschaften, denen noch kein feindlicher Krieger zu Gesicht gekommen war, das Dasein feindlicher Soldaten mehr als zu sehr fühlbar wurde. Für sich durften übrigens die Preußen nicht wirtschaften, sondern mußten ausgezeichnet gute Manneszucht halten.

3. Die ersten Lieferungen.

Die erste Lieferung, welche nach dem Einrücken der Preußen in Chemnitz im ganzen Erzgebirge ausgeschrieben wurde, bestand darin, daß jede Hufe im Gebirge täglich liefern mußte: 6 Pfund Brot, 3 Pfund Fleisch, 3 Kannen Bier, 12 Pfund Hafer, 13 Pfund Heu, 3 Metzen Häckerling und 20 Pfund Stroh. Es wurden bald Lieferanten angestellt, ein Hauptlieferant und ein Aufkäufer für das Gebirge verordnet. Anfänglich wurde zwar alles bezahlt, aber im Monate Oktober mußte alles unentgeltlich in das zu Freiberg für die Preußen errichtete Vorratslager abgeliefert werden.

4. Aushebungen im Erzgebirge.

Die 16 000 Mann Sachsen, welche unter die preußischen Regimenter gesteckt worden waren, entliefen scharenweise dem aufgedrungenen, widernatürlichen Joche. Da gab der preußische König Befehl, daß die sächsischen Landstände 10 000 Rekruten für das Heer schaffen sollten. Am 23. November rückten 100 preußische Husaren nach Schneeberg ins Winterquartier. Am 25. desselben Monats wurden in aller Stille alle ledigen Männer von 18 bis 30 Jahren aufgeschrieben und am 30. November nachts aus den Betten geholt und zur Aushebung abgeführt. Man kaufte in Städten und in Dörfern, man fing sich gegenseitig die Leute weg. Es entstanden tausenderlei Beschwerden und Feindschaften. Wenn aber ein Ort mit seinen Rekruten in Rest blieb, so drangen Abteilungen preußischer Krieger ein und griffen schonungslos auf, wen sie tauglich fanden, nicht achtend, ob er Familienvater oder durch seine bürgerliche Stellung vom Soldatendienste frei sei. Um das häufige Ausreißen zu verhindern, erging aus dem zu Torgau errichteten Kriegs-Direktorium der Befehl, daß kein Sachse, welcher vom Regiment gewichen sei, in seiner Heimat geduldet, sondern an den nächsten preußischen Truppenteil abgeliefert werden solle. Wer einen solchen Flüchtigen verberge oder ihm zur Flucht behilflich sei, sollte selbst als ein Ausreißer behandelt werden. Dagegen sollten alle, welche sich freiwillig wieder stellten, Begnadigung erhalten.

Ungestört vom Feinde blieb von der 146 157 Mann starken preußischen Armee der größte Teil während des Winters in Sachsen stehen. Wenn wir hören, daß zu ihrer Erhaltung monatlich 911 080 Thaler nötig waren, so kann man sich denken, welche Kosten unserem Vaterlande entstanden.

Vorzüglich konnte es nicht fehlen, daß Lebensmittel aller Art im Preise stiegen, besonders im Erzgebirge, da aus Böhmen nichts heraus durfte. Als die preußischen Husaren im November in Schneeberg zum Winteraufenthalt einrückten, kostete ein Brot bereits 4 Groschen.

5. Nach der Schlacht bei Kolin 1757.

1757 im Frühlinge begann das preußische Heer zum Teil durch das Erzgebirge in Böhmen einzubrechen. Kleinere Abteilungen blieben zur Eintreibung der Lieferungen zurück. Allein nach der Schlacht von Kolin verfolgten die Österreicher ihre fliehenden Gegner nach Sachsen. Das Gebirge bekam nun plötzlich auch einzelne Heeresteile seiner Freunde und Beschützer zu Gesicht, die aber wie die eigentlichen Feinde schalteten und walteten. Bei den Preußen war lobenswerte Manneszucht. Bei den Österreichern ging das aber anders. Da waren die Husaren, Kroaten und Panduren noch ganz so wie in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Rauben und Plündern bei Freund und Feind blieb diesen immer die Hauptsache.

Doch im August bemächtigte sich Friedrich wieder des Gebirges. In Schneeberg verordnete er am 2. Januar, daß sich die sächsischen Stände am 14. Januar in Leipzig einfinden sollten bei 1000 Dukaten Strafe, wer nicht erscheine. Das Ergebnis war: Sachsen mußte sofort 6000 Rekruten, 600 Artillerieknechte, 1200 Pferde schaffen und Kriegskosten bezahlen. Auf den erzgebirgischen Kreis kam davon: 286 875 Thaler 17 Groschen, 800 Rekruten, 67 Artillerieknechte und 150 Pferde, was an den Feldmarschall von Keith nach Chemnitz abgeliefert werden mußte. Als die Rekruteneinführung begann, nahmen die Preußen nur die tüchtigsten Leute und Männer von ansehnlicher Größe.

6. Nach der Niederlage bei Hochkirch.

Nach der Niederlage bei Hochkirch 1758 drangen die Österreicher und die Reichsarmee zugleich in Sachsen ein. Ende November beherrschte es aber doch wieder Friedrich. Am 20. November wurde ein Befehl erlassen, daß 800 Wagen vom erzgebirgischen Kreis nach Chemnitz für die Preußen geliefert werden sollten. Oft trafen auch von beiden Seiten Befehle zum Liefern zugleich ein. Wenn mit unsäglicher Mühe die Gemeinden das Verlangte zusammengewürgt hatten und es an den bestimmten Ort abliefern wollten, da überkam sie gar oftmals unterwegs der Gegner von dem, für den die Lieferung bestimmt war, und nahm alles als gute Beute oder ließ sich vielleicht durch ein ziemliches Lösegeld abfinden.

7. Die Auer Schlacht 1759.

Preußen, Österreicher und das Reichsheer belästigten auch 1759 unsere Gegend. Friedrichs Bruder, Heinrich, lag in Sachsen. Dies erzeugte eine Reihe von Durchzügen, die den armen Gebirgern namentlich große Beschwerung brachten, da der österreichische General Daun mit 30 000 Mann durch das Gebirge von Böhmen aus in Sachsen einzubrechen drohte. Am 1. Mai mußte der erzgebirgische Kreis 300 Wagen nach Chemnitz und Zwickau stellen, auf jedem Wagen 12 Säcke.

Am Sonntage Exaudi, den 27. Mai, stießen Österreicher und Preußen aufeinander. Der preußische Oberst von Wolfersdorf trieb die Österreicher, Husaren und Kroaten, unter Generalmajor von Brentano, aus Aue heraus. Den Kaiserlichen mußten die Lebensmittel auf Schiebkarren nachgefahren werden, weil die wenigen noch vorhandenen Wagen zum Fortschaffen der Verwundeten verwendet werden mußten. Das ist die sogenannte Auer Schlacht.

8. Die Jahre 1760 und 1761.

Auch das Jahr 1760 brachte dem Gebirge eine Menge Drangsale. Die Neigung des Volkes war für die an Manneszucht gewöhnten Preußen. Zu Anfange des Jahres 1761 waren die Kaiserlichen von den Preußen ganz aus dem Erzgebirge bis an die böhmische Grenze zurückgedrängt. Die Preußen stellten jetzt viel ärgere Forderungen als früher. Zwickau mußte 18 000, Annaberg 16 000, Schneeberg 16 600, Aue 3000 Thaler Brandschatzung geben. Einquartierungen und alle anderen Steuern und Abgaben waren noch außerdem zu leisten. Die Preußen verfuhren mit einer Strenge, wie man sie nicht von ihnen gewohnt war. Mord und Brand waren sofort die Losung, wenn das Geforderte nicht geschafft werden konnte. Im Mai kamen die Kaiserlichen wieder, die sich als Retter geehrt wissen wollten.

9. Das Ende des Krieges.

Im Juli 1762 hatten aber die Preußen unter dem General Kleist schon wieder bei Zwickau ein Lager aufgeschlagen. Die Kaiserlichen zogen sich zurück, ohne den Angriff abzuwarten.

Die Kriege zwischen Österreich und Preußen drückten mit Einquartierungen und Kosten schwer auch auf Geyer und schlugen die Nahrung der Stadt vollends nieder. In einer Urkunde von 1762 bekannte der Stadtrichter Christian Porges mit den Ratsherren, Viertelsmeistern und einem Bürgerausschusse, daß die Gemeinde, um die von den Preußen auferlegte Brandschatzung von 6000 Thalern, die in 3 Teilen von 8 zu 8 Tagen gezahlt werden sollte, aufzubringen, von Hofrat Karl Friedrich Trier, Oberhofgerichtsassessor in Leipzig, 6000 Thaler aufgenommen habe, unter der Bedingung, daß die anderen 3000 Thaler durch jährliche Lieferung von 100 Schragen Holz, jeder Schragen drei Ellen hoch und neun Ellen breit, an das Geyersche Vitriol- und Schwefelwerk vom Jahre 1763 an verzinst und abgezahlt werden sollten. Schon im folgenden Jahre fand eine neue Anleihe statt. Ein Eintrag vom 15. Januar 1763 berichtet, daß die Preußen binnen wenigen Tagen wieder eine Summe von 6265 Thalern verlangt hätten; um dieses Geld aufzubringen, hätten sich die Bürger insgesamt verbindlich gemacht, alle bei währenden Kriegsdrangsalen erborgten und zu erborgenden Gelder samt Zinsen künftig aus eigenen Mitteln und Vermögen wieder zu bezahlen, insoweit solches nicht durch Holz, Stöcke und Kohlen geschehen könnte. Dieser öffentlichen Verpflichtung der gesamten Bürgerschaft folgte, um der gedrohten Ausplünderung zu entgehen, am 19. Januar 1763 das Bekenntnis einer neuen Anleihe von 2000 Thalern bei Hofrat Trier mit 112 Thaler Zinsen, die durch Lieferung von Stöcken an das Vitriolwerk bezahlt werden sollten. Dieser Urkunde folgte am 3. Februar das Bekenntnis der Gemeinde über eine Gesamtschuld von 10 000 Thaler bei Hofrat Trier mit dem Versprechen, die kurfürstliche Anerkennung binnen ¾ Jahr bei Personalarrest zu beschaffen. Die letzten 2000 Thaler waren infolge einer dritten Kriegsforderung von 3480 Thaler unter denselben Bedingungen aufgenommen worden.

Im Juli 1762 ist ein preußischer Truppenteil unter Generalleutnant von Seydlitz, gegen 7000 Mann Kavallerie, Infanterie und Husaren, teils durch Tannenberg durchmarschiert, teils haben sie auf den Feldern gerastet. Das ganze Kriegsvolk marschierte durch den Pfarrhof und hat der damalige Geistliche 3 Schock Korn, ein Fuder Heu und 1½ Schragen Holz eingebüßt. Vom 28. Dezember 1762 bis zum 2. Februar 1763 hat eine Eskadron schwarzer Husaren unter Rittmeister Franz v. Sorini in Tannenberg und in Dörfel gelegen. Auch haben zu dieser Zeit zwölf Husaren in Tannenberg das heilige Abendmahl genommen. Von einem Husaren ist sogar ein Altartuch der Kirche verehrt worden.

Am 24. November 1762 schloß Friedrich II. mit den Österreichern einen Waffenstillstand, worauf ein Teil des Obergebirges in der Gewalt der Kaiserlichen blieb. Am Fastnachtstage, den 15. Februar 1763, kam endlich der ersehnte Frieden zu Hubertusburg zustande. Auch in unserer Gegend hatte man Veranlassung, Gott in besonderer kirchlicher Feier zu danken.

Nach Karl Lehmann, Zippert und Dr. Falke.

10. Ein Beispiel der Vaterlandsliebe aus dem Siebenjährigen Kriege.

Es war in einer stürmischen Nacht in der Zeit des Siebenjährigen Krieges, als in einem Hirtenhause zwischen Pichelberg und Thein bei Bleistadt Vater und Sohn vor einem Kienfeuer sitzend in einem lauten Gespräch begriffen waren. Dieses war besonders für letzteren unterhaltend, denn oft ließ der fünfzehnjährige Michel seine Hände, welche sich mit Kieferspäneschnitzen beschäftigten, sinken und hörte lange Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit auf das, was sein Vater, ein alter, verdienter Soldat, von seinen Feldzügen gegen den hartnäckigsten Feind Maria Theresias mit großem Eifer und gewisser Lebendigkeit zu erzählen wußte. Besonders heute war sein Mund gesprächiger als je; denn eine österreichische Truppenabteilung, bei deren Anblick sich des Alten Erinnerungen neu belebten und gestalteten, war seit wenigen Stunden an der Hütte vorbeimarschiert und lagerte sich für die Nacht eine kurze Strecke davon. Immer und immer wieder wurde Michel zu bewundernden Ausrufen hingerissen, und es wäre ihm am liebsten gewesen, wenn er gleich als Soldat mit Säbel und Gewehr hätte Bekanntschaft machen können.

»Aufgemacht!« schrie da plötzlich eine rauhe Stimme und begleitete den Befehl mit einem Kolbenschlage, der das Fenster zertrümmert in die Stube warf. »Heraus mit Euch, oder das Feuer wird schnelle Beine machen!«

Auf seinem Stelzfuß hinausgehumpelt, sah sich der alte Soldat einem Haufen preußischen Fußvolkes gegenüber, dessen Anführer von ihm zu erfahren wünschte, wenn die kaiserliche Truppe hier vorbeigezogen, wie stark sie sei und wo dieselbe liege. Der Alte erwiderte, daß er dieses alles nicht wisse, und weder Versprechungen, noch harte Drohungen und arge Mißhandlungen, welche Michel zum Widerstande bewogen, konnten den braven Mann veranlassen, zum Verräter zu werden, sodaß die Preußen diesen verschlossenen Leuten gegenüber einen anderen Weg einschlugen, um zum Ziele zu gelangen.

Zwei Mann mußten den alten Hirten bewachen, während Michel gezwungen wurde, den Weg zu zeigen. Man warf um seinen Leib einen Strick, dessen Ende der Befehlshaber selber in die Hand nahm, wobei er drohend und nachdrücklich sagte: »Du, Bursche, gehst links zwei Schritte neben mir und wirst weder husten, noch scharf auftreten. Zwei Mann mit gezogenen Säbeln gehen vier Schritte voraus, ebensoviele hinten und an den Seiten, die Mannschaft folgt sechs Schritte entfernt nach. Du führst uns den nächsten Weg zu dem Lager der Österreicher, und wenn irgend ein Wort meiner Befehle übertreten wird, so werden Dich meine Leute augenblicklich niederstoßen.« Der arme bedauernswerte Michel leistete anfangs mit stürmischem Herzpochen, was man von ihm verlangte; allmählich wurde er aber ruhiger, dachte nach und machte endlich den Versuch, die verhaßten Preußen irrezuführen, um die Soldaten seiner Kaiserin zu retten. Die Absicht wurde aber von dem Offizier bald gemerkt; denn dieser zog ihn an sich und zischelte dem Burschen ins Ohr: »Wenn wir in einer halben Stunde die Österreicher nicht haben, stirbst Du eines martervollen Todes.« Nun wußte Michel keinen Ausweg mehr und entschlossen bog er links in einen Hohlweg ein, der gerade auf das Lager der kaiserlichen Truppen führte. Die schwarze Nacht, die unheimliche Stille, das raubtierartige Gebaren seiner schlagfertigen Begleiter hatten etwas Fürchterliches, was im Vereine mit den heute von seinem Vater erzählten Kriegserlebnissen seine Thatkraft zeitigte und den kühn gefaßten Entschluß zur Reife brachte. Plötzlich entdeckten die Vordermänner eine Schildwache, welche, als sie den Werdaruf geben wollte, lautlos zu Boden sank. Die Kaiserlichen mußten in der Nähe sein, weshalb der Führer sich wendete und ein leises Zeichen zum Stillstande gab. Diesen Augenblick benutzte der Bursche, sprang wie ein Luchs auf den Befehlshaber und, ihn am Halse fest umschlingend, schrie er aus allen Leibeskräften: »Auf! auf! die Preußen! Holla! die Feinde!« Der Heldenmütige blutete schon aus vielen Wunden, bevor der Todesstoß auf ewig seinen Mund verstummen machte, dessen Rufe die kaiserliche Mannschaft rettete und ihr über die durch den unverhofften Verrat betäubten Preußen einen leichten Sieg verschaffte.

Nach Joh. Böhm.

46. Die Freiheitskriege.

Das Banner der sächsischen Freiwilligen.

1. Der Aufruf.

Unter dem Namen »Das Banner der Freiwilligen« sollte dem gebildeten Teile des sächsischen Volkes, wie in Preußen durch die Jägerkorps, Gelegenheit gegeben werden, seine Teilnahme an dem großen Werke der Befreiung Deutschlands werkthätig an den Tag zu legen. Der Ausschuß des Erzgebirgischen Kreises zur Landesbewaffnung erließ deshalb folgenden Aufruf:

»Das Vaterland erhebt sich zum heiligen Kampfe für Ehre, Recht und eine bessere Zeit, die mutig erzwungen werden muß. Wem noch ein deutsches Herz im Busen schlägt und wer den kräftigen, mutvollen Geist der Sachsen treu bewahrt hat im Drange der Ereignisse, der hört mit lauter Freude den Ruf der Ehre und des Vaterlandes. Schon strömen von allen Seiten mutige Jünglinge und Männer in die Reihen der Freiwilligen, und bald erhebt sich der Sachsen Banner in dichten Haufen der Edlen, Blut und Leben dem heiligen Kampfe weihend.

Biedere Bewohner des Erzgebirges! – stets brav und treu der Ehre und dem Vaterlande – eilt, den ersten Preis des mutigen Sinnes für die gerechte Sache zu gewinnen. Sorgt, daß der alte Ruhm des Biedersinns und der Vaterlandsliebe nicht unserem Kreise entrissen werde! Wer von Euch könnte es ertragen, einst sagen zu hören, daß die Söhne des Gebirges schmachvoll zurückgeblieben seien im großen Kampfe für die gute Sache? Was Ihr jetzt thut für diese, wie Ihr jetzt Euch zeigt vor den Augen der Völker, das entscheidet für Jahrhunderte hinaus über Eure Ehre, das Glück Eurer Enkel, den Ruhm unseres Kreises!

Und Ihr werdet – wir verbürgen das mit Stolz im voraus – kräftig und mutvoll Euch zeigen, werdet tapfere Beschützer des Rechts und willige Förderer der guten Sache sein; Ihr werdet ruhmvoll kämpfen oder, wenn die Umstände Euch diese Ehre versagen, eifrigst sorgen, daß das große Werk des Volkes durch jedes Hilfsmittel, durch willige Opfer, That, Kraft und warme Teilnahme mächtig gefördert und erleichtert werde.

Wir werden deshalb in den nächsten Tagen näher zu Euch reden. Um indes im voraus dem edlen Drange derer, die bereits freiwillige Beiträge zur Ausrüstung der unbemittelten Landesverteidiger bei uns gemeldet haben und noch melden wollen, zu begegnen, haben wir eine Kreiskasse zur Aufnahme solcher Beiträge bestimmt und ein offenes Buch anlegen lassen, worin der Name und der Beitrag jedes edelmütigen Vaterlandsfreundes, der auf diese ehrenvolle Weise seinen Eifer für die gute Sache an den Tag legt, eingetragen wird. Diese schöne Liste soll öffentlich bekannt gemacht werden, damit das Vaterland die Förderer seiner Ehre und seiner Wohlfahrt kennen lerne. Diese Beiträge können hier unmittelbar oder durch die Bezirksämter gemeldet werden.

Ausschuß des Erzgebirgischen Kreises zur Landes-Bewaffnung.«

2. Die Einrichtung des Banners.

Das sächsische Banner sollte aus 5 Schwadronen Reiterei, 2 Regimentern Jäger, 1 Kompanie Sappeurs und aus einem verhältnismäßigen Artilleriekorps bestehen. Die Mitglieder des Banners erhielten den Rang eines Gefreiten, Befreiung von körperlicher Züchtigung und wurden mit »Sie« angeredet. Wer aus bürgerlichem Dienste in das Banner trat, behielt sein Amt und die Einkünfte desselben. Nach Beendigung des Krieges konnte jedes Banner in seine vorigen Verhältnisse zurücktreten. Jeder, der den Feldzug mitgemacht hatte, sollte bei seiner Beförderung im Dienste berücksichtigt werden. Die Freiwilligen des Banners mußten sich selbst kleiden, beritten machen und womöglich auch bewaffnen. Anfang Dezember war die Anzahl der Freiwilligen bereits auf 1500 gestiegen. Die angesehensten Männer traten in die Reihen der Gemeinen. Einer der ersten Freiwilligen war der Professor Krug in Leipzig, der das Jahr zuvor Rektor Magnifikus gewesen war. Ebenso folgte der Professor Dr. Tzschirner in Leipzig als Feldprobst.

Aus Schwarzenberg und dem Hammerwerke Erla traten 17 junge Männer zum Banner.

Aller Orten und Enden wurden zahllose Scharen von Rekruten geübt, um geschickt zu werden, an der feierlichst verkündigten und versprochenen Freiheit des deutschen Vaterlandes mit aller Macht kämpfen und arbeiten zu helfen. Das Erzgebirge blieb nicht zurück. Mehrere Abteilungen Landwehr bildeten sich auf den Bergen und in den Thälern desselben. Auch das Banner erhielt manchen Gebirger in seinen stattlichen Reihen. Das erste Bataillon des Banners empfing sogar eine Fahne von Schneeberg.

Nach Karl Lehmann.

47. Die Pest im Erzgebirge.

1. Wie die Pest in Annaberg auftritt.

Zu den Drangsalen durch den Feind gesellten sich die Verheerungen, welche die Pest über das ganze obere Gebirge brachte. Sie wütete besonders im August und September 1633 in Annaberg, Marienberg, Zöblitz, Altenberg, Zwickau und Umgegend. Annaberg hatte eine Menge der wegen Kriegsdrangsale flüchtigen Landleute nur eben aufgenommen, als fast gleichzeitig die Pest ihren grauenhaften Einzug hielt und in kürzester Zeit die meisten unglücklichen Flüchtlinge tötete. Ebenso wurden viele Bewohner der Stadt selbst von der Seuche erfaßt. Im August gab es in 140 Häusern Pestkranke. Es sind deshalb manchen Sonntag 385 Abendmahlsgäste in der Kirche gewesen, um noch Trost vor dem nahenden Tode zu suchen. Auch die meisten Schüler der Lateinschule wurden dahingerafft, daß nur wenige, wie schon 1521, übrig blieben. General Holck starb auch 1633 zu Adorf an der Pest. Die an der ansteckenden Krankheit Verstorbenen, deren Särge man nicht durch die Gottesackerkirche trug, schaffte man durch das von der Geyersdorfer Straße unmittelbar hineinführende Thor. Es erhielt davon den Namen »Pestthor«.

Nach Arnold u. a.

2. Wie die Krankheit sich zeigt.

Die Krankheit besteht in einem durch Ansteckungsfähigkeit schnell fortschreitenden Fieber, welches meist entzündlicher Natur ist und einen nervösen und fauligen Zustand erzeugt, heftige Entzündung der Drüsen, besonders in den Weichen, sowie den Blutschwären ähnliche Beulen bildet, die äußerst schmerzhafte, bald in Brand übergehende und entzündete Geschwülste in den häutigen und fleischigen Teilen des Körpers verursachen. Sie tötete in den allermeisten Fällen oft schon in wenigen Stunden, zuweilen aber auch erst nach einigen Tagen, manchmal noch später. Sie ist wohl nie in ihrer das Leben und die Gesundheit zerstörenden Wirkung von einer anderen Seuche übertroffen worden. Das hauptsächlichste Mittel zur Verbreitung ist unstreitig das Pestgift, welches durch die Krankheit selbst erzeugt wird und sich besonders durch unmittelbare Berührung mitteilt.

Nach Dr. Köhler.

3. Wie schon 1568 kein Geistlicher zu den Pestkranken gehen will.

Während früher unter allen erzgebirgischen Städten einzig Schneeberg gänzlich von der Pest verschont blieb, wurde namentlich Annaberg 1568 furchtbar verheert. Das am 17. Juli desselben Jahres daselbst beobachtete Erdbeben sah man als die Ursache der Krankheit an. Kein Haus blieb damals verschont, und was sich heute noch, so berichtet der Geschichtsschreiber, gesund begrüßte, war morgen schon eine Beute der Pest. Vergeblich verlangten die Sterbenden nach Tröstung durch das heilige Abendmahl, da die dasigen Geistlichen nicht zu den Verpesteten gehen durften. Es erschien daher die Anstellung eines besonderen Pestgeistlichen nötig. Aber niemand fand sich, der den todbringenden Seelsorgerdienst übernehmen wollte. Damals irrte ein geächteter sächsischer Geistlicher seit 5 Jahren unstät und flüchtig in den böhmischen Grenzorten umher, Wolfgang Uhle, ein Bürgerssohn aus Elterlein, welcher am 10. Juli 1563 als Pfarrer zu Clausnitz in wildem Jähzorne den dortigen Dorfrichter Georg Biber mit einem Hammer erschlagen hatte. Dem Vollzuge des über ihn ausgesprochenen Todesurteils hatte er sich durch schnelle Flucht nach Böhmen entzogen, wo er die Bedrängnis der Stadt Annaberg erfuhr. Alsbald ließ er dem Rate sagen, daß er sein ferneres Leben gern dem Troste und Beistande der Pestkranken opfern wolle, wenn ihm Begnadigung gewährt werde. Kurfürst August begnadigte ihn hierauf auch wirklich unter der Bedingung, daß er seines Berufes als Pestprediger treu warte. Der Geächtete kehrte nun frei ins Vaterland zurück, begab sich nach Annaberg, wo bereits 2228 Personen an der Pest verstorben waren, setzte sich mutig der größten Gefahr aus, blieb aber wunderbarerweise von der schrecklichen Krankheit unberührt. Als die Pest erloschen war, wurde Uhle als für immer Begnadigter zum Pastor in Breitenbrunn ernannt, wo er bis 1594 in Segen wirkte und im gedachten Jahre mitten in der Ausübung seines Amtes am Altar von einem Schlagflusse getroffen ward, sodaß er nach den Worten des Geschichtsschreibers so schnell zu Boden sank, wie 30 Jahre zuvor der Unglückliche, den er erschlagen hatte.

Nach Dr. Köhler.

4. Wie man an Pestmacher glaubt.

Da man sich über die Ursache der todbringenden Pestkrankheit nicht klar war, so vermutete man, die Totengräber wendeten Zaubermittel an, um nur recht viel Leichen zu haben, damit ihre Einnahme sich mehre. Sonderbare Sachen werden uns aus den Pestzeiten erzählt.

Im Jahre 1680 wurde zu Geyer der Totengräber wegen Zauberei auf dem Gottesacker verhaftet und gefänglich eingezogen. Man hatte ihn auf den Markt gehen und aus einer Schachtel etwas ausstreuen sehen. Als nun hernach allerhand Merkmale gesucht wurden, ihn seiner Bosheit zu überweisen, fand man unter anderm, daß er sein eigenes Weib wieder ausgegraben, ihr Augen, Nase und Zunge ausgeschnitten und die Teile zu Pulver verbrannt hatte, welches er also auf die Gasse gestreut. Er wurde deswegen mit dem Staupenschlag bestraft und ewig des Landes verwiesen.

Zu Wolkenstein hat im Jahre 1614 ein Totengräber einer Pestleiche den Kopf im Grabe abgestoßen, diesen in seiner Stube an einer Schnur in Teufelsnamen aufgehängt. Darin hat er Hefen, Bier und Blut von Verstorbenen, ebenso Milch vermischt, warm gemacht und gegessen. Soviel nun Tropfen aus dem schwitzenden Hirnschädel gefallen, so viele Pestleichen hat er selbigen Tag gehabt. Dieser Pestzauberer hatte auch zweierlei Pulver, ein gutes wider die Pest und ein ansteckendes, so er aus einer Pestdrüse gemacht. Um solcher schrecklichen Übelthaten willen ist er verbrannt worden.

Im Jahre 1620 regierte die Pest zu Gottesgab, davon der Ort halb ausstarb. Der Totengräber kam in Verdacht, er habe die Seuche mit bösen Mitteln verursacht. Hans Leonhard, ein verwegener Mühlknecht, der eben aus dem Kriege gekommen, wagte sich hinein in des Totengräbers Häuslein und fand einen Totenkopf über dem Ofen hängen. Darüber hat er sich erbost und den Totengräber samt seinem Weibe krumm und lahm gehauen. Er holt Feuer und brennt das Spital gar weg. Aus dem sind zwar die tödlich Geschlagenen gekrochen. Aber dennoch sind sie an ihren Wunden gestorben.

Im Jahre 1630 hatte eine gewisse Pittelin zu Abertham, einem früher durch seinen Käse berühmten Dorfe, die Pest durch Zaubermittel vermehren helfen. Wie sie in der Marter bekannte, hat sie eine Bürste neben eine Leiche ins Grab geworfen, welche dann auf ihren Rat wieder herausgenommen werden mußte, denn sonst würde nach ihrer Aussage ganz Abertham aussterben. Schon 263 Personen waren gestorben. Es hat sich mit der Bürste auch also befunden und wurde diese Pestzauberin am 18. November in Joachimsthal an einem Pfahl mit dem Strange erwürgt, die Tochter von 13 Jahren enthauptet, beide Körper verbrannt und der Sohn des Landes verwiesen.

Nach Dr. Gräße.

5. Die letzte Pest im Erzgebirge.

Pestopfer waren an Zahl 1582 in Großrückerswalde 51, 1585 in Schwarzenberg 54, 1586 in Geyersdorf 86, in Kleinrückerswalde 61, 1607 in Aue 73, in Wiesenthal 50, in Joachimsthal 204, 1613 in Wiesa 133, 1625 in Zöblitz 323, 1626 in Gottesgab 178, in Breitenbrunn 81, in Schwarzenberg 205, 1633 in Joachimsthal 800, in Breitenbrunn 145, in Marienberg 117, 1634 in Wiesa 145, 1636 in Gottesgab 107, 1637 in Schwarzenberg 262, in Bernsgrün 52, in Lengefeld 80, 1639 in Gottesgab 114, in Fernrückerswalde 205, in Cranzahl von 1582 bis 1640 auf 200.

1679 wütete in Wien die Pest. Von da aus verbreitete sie sich auch nach Prag und schritt dann über die Grenze nach Sachsen.

Am 24. Oktober 1679 wurde ein »Fast-, Bet- und Bußtag um pestilenzialischer Krankheiten« feierlich begangen. Furchtbar trat der Würgengel im Erzgebirge auf. In Freiberg sollen 1200 Menschen dahingestorben sein.

1680 zeigte sich der erste Pestfall in Marienberg, ihm folgten 554 Personen. In Wolkenstein fielen der Krankheit viele zum Opfer. Annaberg, Schneeberg und Chemnitz wurden abgesperrt. In Annaberg ließ man einen Spitzenhändler, welcher aus einem angesteckten Orte kam, durch den Steckenknecht oder Gerichtsdiener gleich nach seinem Eintritte aus der Stadt bringen. So erging es einem andern, der bald auf freiem Felde hilflos niederfiel und verstarb. In der Stadt trat Brotmangel ein. Die Bürger Lahl und Scheuereck setzten das eigene Leben daran, ihre Leidensgenossen durch den gefahrvollen Ankauf von Lebensmitteln vom Hungertode zu erretten. Dr. Macasius besuchte ohne Scheu die Kranken und starb bald selbst. In Marienberg starben beide Geistliche. In Rauenstein starben sieben Abendmahlsgäste. Bei Reifland nahmen die Geängstigten das Abendmahl unter freiem Himmel. An der Stelle errichtete man einen Denkstein zur Erinnerung an das letzte Pestjahr in Sachsen.

Nach Lehmann und B. Schlegel.

48. Die Teuerung und Hungersnot im Erzgebirge in den Jahren 1771 und 1772.

Auch bei dem besten Ertrage der Felder unseres Erzgebirges ist derselbe nie zur Ernährung der dichten Bevölkerung hinreichend. Wir sind bei dem Getreideeinkauf auf die Niederungen angewiesen, mit deren Bewohnern wir gegen unsere Industrieerzeugnisse Brot eintauschen. Jetzt umspannt das Eisenbahnnetz den ganzen Erdteil, aus den entferntesten Gegenden kann mit Leichtigkeit Getreide herbeigebracht werden. Wie war es aber früher, als es noch keine Bahnen gab, die Straßen noch nicht im besten Zustande waren und oft der verschneite Hohlweg den Verkehr auf Tage, ja auf Wochen hinaus hemmte? Auch in den Zeiten vor den Eisenbahnen mußte das Getreide drunten im Niederlande gekauft oder aus den gesegneten Gefilden des nahen Böhmerlandes herbeigeschafft werden. Der Haupthandelsplatz war die Stadt Zwickau, hierher brachte der Altenburger Bauer sein Korn, der Müller und Bäcker aus dem Gebirge kaufte da ein. Wenn aber auch in den Niederungen Mißernte eingetreten war, wenn Böhmen die Grenzen sperrte und kein Getreide hereinließ, dann pochte die drückende Sorge um das tägliche Brot an die Pforten der Wohnungen der sonst so frohgesinnten Gebirgsbewohner, dann trat wohl eine Hungersnot ein, wie sie die Altvordern in den Jahren 1771 und 1772 erlebt haben.

Schon im Frühjahre 1770, als ein später Schneefall den Wintersaaten großen Schaden zufügte und darauf anhaltendes Regenwetter folgte, begann eine allgemeine Besorgnis um die Zukunft sich der Gemüter zu bemächtigen; sie bestätigte sich in den seit Johannis von Woche zu Woche steigenden Getreidepreisen und in einer Mißernte, die sich nicht bloß über das Erzgebirge, nicht bloß über Sachsen, sondern über die fruchtreichsten Gegenden Deutschlands erstreckte. War die Bedrängnis schon groß, welche dadurch für die dichte Bevölkerung unseres Obererzgebirges herbeigeführt wurde, so mußte sie sich zur höchsten Not steigern, als im nächsten Jahre der späte Schneefall und die regnerische Witterung sich wiederholte. Die Felder boten den düstersten Anblick, sie waren von den Eigentümern entweder mit selbst erbautem geringen oder teuer erkauftem Samen möglichst dünn bestreut, oder aus Mangel an solchem gar nicht besät, und die Kartoffelsaat war hier und da von den Armen wieder aufgewühlt. So ließ sich das Schlimmste befürchten, eine nochmalige Mißernte. Und sie trat ein! – trat zu einer Zeit ein, als auch die anderen Nahrungsquellen bei der herrschenden Gewerblosigkeit versiegten und alle Zufuhren aus Sachsens Kornkammern, aus Böhmen und Altenburg gehemmt waren. Da entrollte sich endlich vollständig das Bild der furchtbarsten Hungersnot, die je erlebt worden war. Man sah ganze Scharen von Bettlern umherziehen, darunter Greise, die von ihren Angehörigen nicht mehr ernährt, fremde Unterstützung suchen mußten, Jünglinge, die, sonst kräftig und blühend, jetzt halb verschmachtet, mehr durch ihren Anblick, als durch Worte sich Mitleid erflehten; Männer, die nach Verkauf des letzten, was sie hatten, selbst ihrer Werkzeuge, an den Bettelstab gebracht waren, viele, die bisher in Wohlstand gelebt, jetzt mit bitteren Thränen anderer Milde ansprechen mußten. – Man sah Scharen von Kindern, die, von Eltern hilflos gelassen, Brot aus reicheren Händen zur Stillung ihres Hungers zu erlangen suchten. Die Zahl der Bettler war so groß, daß, wie z. B. Pastor Oesfeld aus Lößnitz versichert, an einem Tage oft mehr als 400 vor den Thüren die Mildthätigkeit in Anspruch nahmen.

Der Kornpreis war vom Frühjahr 1770 bis dahin 1772 von 1 Thlr 4 Ggr auf 14 Thlr gestiegen. Wie vielen Familien mochte es da unmöglich geworden sein, das tägliche Brot zu kaufen. So nahm man seine Zuflucht selbst zu den unnatürlichsten Nahrungsmitteln: die gröbsten Kleien, unreife Waldbeeren, gekochtes Gras, zerriebene Baumrinde als Mehl und dergleichen mehr mußte zur Stillung des peinigenden Hungers dienen.

Die unausbleiblichen Folgen waren bösartige, ansteckende Fieber, die allenthalben die Opfer des Todes im Jahre 1772 ins Unglaubliche vermehrten. In Annaberg zählte man deren im erwähnten Jahre 490, während nur 89 Kinder geboren wurden. Auf der Scheerbank starb im Februar innerhalb vierzehn Tagen ein Haus, welches von 9 Personen bewohnt war, ganz aus. Nach einer Angabe des Geyerschen Rates hatte man am 19. Mai schon 192 Leichen, darunter 50 Hausbesitzer. In Ehrenfriedersdorf konnte man keine Bretter mehr auffinden zu Särgen für die Verstorbenen. Im Quartalbuch der Fleischer in derselben Stadt heißt es vom Jahre 1773: »Das ehrsame Handwerk ist so in Verfall gekommen, daß keiner imstande gewesen ist, etwas zu schlachten. Das liebe Brot mußte mit Einteilung gegessen werden. Es sind in diesem Jahre 585 Personen gestorben.« Die meisten Bewohner waren vom Hunger völlig abgemattet. Manche sanken auf offener Straße um und blieben tot. Wie es in solcher Zeit um die Ernährung und Pflege der Kinder im Hause und ihrer Sittlichkeit außer demselben stand, kann man leicht vermuten.

Das 49. Stück des Dresdner gelehrten Anzeigers vom Jahre 1772 schreibt: Hier ist ein Auszug aus einem Briefe eines sicheren Mannes, der am 4. September die Gegend nach Johanngeorgenstadt zu durchreist hat: Ich habe das Elend in Breitenbrunn, Rittersgrün, Wiesenthal, Crottendorf, Pöhla, Wildenthal, Eibenstock und Neudorf gesehen. Nie wünsche ich mir und keinem andern, einen so traurigen Anblick wieder zu erleben. Schon auf der Reise fand ich nicht wenige unbesäet gebliebene, zum Teil schon zur Aussaat aufgerissene Felder: auf diesen nichts als etwas Gras, das kaum zur Hutweide nutzen kann. Auf den Wiesen noch vieles Heu, das nicht hatte eingebracht werden können und nun verderben mußte, weil das Zugvieh und die erforderlichen Kosten gemangelt hatten, oder wo der Hauswirt krank oder gar gestorben war und ein Haus voll hilfloser Waisen hinterlassen hatte; die Feldfrüchte, die nur in wenig Roggen, meist in Hafer bestunden, gar dünn und noch hin und wieder grün wie Gras, und bei den schon einfallenden kalten Nächten nicht viel Hoffnung zu ihrer Reife. Die im Vergleich mit anderen Jahren wenig eingelegten Erdäpfel waren schon großenteils ausgegraben und halb unreif verzehrt; die noch in der Erde liegenden der Dieberei ausgesetzt, und auf allen Fall nur ein Vorrat auf einige Wochen. Das innere Elend der Orte wage ich mich gar nicht zu schildern. Traurig war es von vielen sogenannten Halb- und Viertelgutsbesitzern zu hören, daß sie nicht eine Hand voll Samen ausgesät hätten, daß ihr Rindvieh größtenteils verstoßen und die wenigen Pferde aus Mangel an Futter gefallen wären; noch viel trauriger, die meisten Einwohner nicht so notdürftig bekleidet, daß sie ihre Blöße bedecken konnten, ihre Wohnungen von allem Hausgerät, ihr Lager von Betten leer zu sehen. Kleider, Wäsche, Betten, Haus- und Handwerksgeräte hatten die meisten, so viele die eisernen Töpfe und bleiernen Röhren aus den Öfen, die Schlösser von den Thüren und ihre Äxte verstoßen und um ein Geringes verkaufen müssen, viele haben sogar die Fenster, die Ziegelsteine von den Feueressen etc. aus Not verkauft. Viele Häuser, die ausgestorben waren, sind von ihren Nachbarn eingerissen und das Holz verbrannt worden, um ihr und ihrer Kinder Leben auf einige Tage zu fristen. Handwerker und Gewerbetreibende hatten keinen Verdienst. Zu der schweren Arbeit in Eisenhämmern und Holzschlägen, welche sonst den Mannspersonen ihren Verdienst schaffen, jedoch jetzt auch liegen, sind sehr viele zu entkräftet. Oft müssen sie von der Arbeit wieder abgehen, oft davon hinweggetragen werden; ja einige sind tot dabei liegen geblieben. Ich habe Männer in ihren besten Jahren gesehen, die nicht im stande waren, das ihnen geschenkte Holz im Walde zu hauen und herein zu holen. Der Winter setzt die Männer außer allen Verdienst. Der Lohn bei den Fabriken, für welche die Weibspersonen und Kinder arbeiten, reicht nicht zu, das Brot der arbeitenden Person zu bezahlen, geschweige ganze Familien zu ernähren, Kranke zu erquicken, Kleider, Betten, Hausgeräte anzuschaffen. Ja, ich habe Klöpplerinnen gefunden, die der Hunger dumm und blind gemacht hatte; andere, die wegen zurückgebliebener Mattigkeit und blöden Gesichts wie die Kinder, wieder mit kleinen Zäckchen und schmalen Borten zu arbeiten anfangen mußten. Ich erstaunte über die Gelassenheit der vielen Elenden, die mir allenthalben entgegenkamen, aber selbst zu Kummer und Klagen schon zu empfindungslos, zum Teil auch schon sorglos für sich und die Ihrigen waren, weil sie, wie mir einige selbst sagten, sich auf den bevorstehenden Winter weder zu raten noch zu helfen wußten. Viele haben sich schon des Lebens begeben. Die Krankheiten hatten auch wieder sehr überhand genommen, vornehmlich durch den Genuß unreifer Erdfrüchte und durch die Erkältung wegen Mangels hinlänglicher Bedeckung am Tage sowohl, als besonders des Nachts. Die meisten Genesenden können sich wegen der schweren Kost nicht wieder erholen. – Mit Nahrungsmitteln, die im Niederlande zu dem notdürftigsten Unterhalte gehören, kann man hier Sterbende retten. Doch habe ich in Breitenbrunn etliche vor Hunger schon halb Verschmachtete gesehen, die keine Gabe mehr retten, sondern ihnen den Tod nur weniger peinlich machen konnte. Viele wissen über keine Krankheit noch Schmerz zu klagen, aber geschwollen, keuchend, ganz verschmachtet taumeln sie umher, vermutlich sind ihre Eingeweide zusammengeschrumpft. – Nur erst vor vierzehn Tagen hatte man in der Gegend von Eibenstock zwei Kinder, die in den Wald gegangen waren, um sogenannte Schwarzbeeren zu holen, auf der Straße aus Mattigkeit umgefallen und tot gefunden. Die fremden Almosen nehmen ab und die Kollekten jedes Ortes sind, wenn gleich diejenigen, die noch wohlhabend heißen, über ihr Vermögen thun, doch ein weniges für so viele Arme, die sich täglich vermehren. Mancher, der noch vor etlichen Monaten Almosen gab, bittet jetzt um Almosen, und dadurch wächst die Zahl der Armen, so viel auch hinwegsterben, doch immer wieder so sehr, daß die an sich beträchtlichen Gnadengeschenke nur kleine Gaben werden. 150 Scheffel Korn mußten jüngst unter 12 800 Arme verteilt werden.

Ferner teilt die erwähnte Zeitung später mehr mit: Bei einem Bereisen einiger Dorfschaften im Monat März fand ein gebirgischer Medikus zu Rittersgrün in einem Hause den Wirt mit seiner Frau und sechs Kindern in äußerster Armut, das siebente, eine Tochter von neunzehn Jahren, die für sich und die übrigen noch Brot verdienen konnte, war vor etlichen Wochen gestorben, eine Tochter von sechzehn Jahren lag seit einigen Tagen vor Hunger, ein Kind von neun Jahren an Hitze und Geschwulst, eins von sieben Jahren an der Auszehrung darnieder. Von zwei Broten, die der Hausvater in einer Woche noch verdienen konnte, und etwas Milch von seiner Kuh mußten sie alle leben. Seine Kinder zu retten hatte er diese Kuh verkaufen wollen, aber nirgends einen Käufer gefunden. In einem andern Hause waren drei Genesene, aber der Hunger warf sie aufs neue nieder. Ein Hausgenosse war vor zwei Tagen verhungert, lag aber noch in dem Bette, in dem er gestorben war, weil Witwe und Kinder, alle ganz unbedeckt, nichts zum Sarge auftreiben konnten. Nicht weit davon lag der Wirt vom Hause abgemattet auf dem Boden, ohne etwas klagen zu können. Dessen Bruder mit seiner Frau nebst sechs Kindern waren seit sechs Wochen eins nach dem andern verhungert. – In Crottendorf fand man einen Hausgenossen, dem in der Nacht vorher ein Kind verhungert war, und zwei Kinder nebst der Mutter lagen verschmachtet dem Tode nahe. Aus eben diesem Hause war ein Knabe betteln ausgegangen, aber abends nicht heimgekommen. Tags darauf, da man das Haus öffnete, lag er tot vor der Thüre, ohne Geld, ohne Brot etc.

Der Notschrei, welcher vom Gebirge her erklang, fand im ganzen Sachsenlande und darüber hinaus Widerhall, durch Spenden suchte man die Not zu lindern. Seit dem 12. Januar 1771 bis zu Ende 1773 sind allein aus dem Leipziger privil. Intelligenz Comtoir 25 726 Thlr 6 Gr 9 Pfg bares Geld, 300 Scheffel Getreide, 37 Zentner Reis, auch viele Bücher und Kleidungsstücke an eingegangenen Wohlthaten in unser Gebirge zu verzeichnen. Bereits im Januar 1772 bekam der Stadtrat zu Annaberg 100 Thaler von einem unbekannten Wohlthäter in Leipzig, wovon 644 Brote, jedes zu 3 Pfund an 399 Familien oder an 1052 Personen verteilt wurden. Chemnitz, Ehrenfriedersdorf, Eibenstock, Geyer, Johanngeorgenstadt und Schneeberg werden als die Schauplätze des größten Elends damaliger Zeit genannt.

Die immer hoffnungsreicher hervortretende Ernte des Jahres 1773 richtete endlich die fast bis zur Verzweiflung niedergebeugten Gebirgsbewohner wieder auf und half durch ihre gesegneten Gaben die letzte Not überwinden. Der Scheffel Korn, welcher 1772 mit 14 bis 15 Thalern bezahlt wurde, galt 1773 nur 4 Thaler und Anfang des Jahres 1777 nur 2 Thaler. Die Kartoffeln kosteten während der Hungerjahre der Scheffel 2 Thaler 18 Groschen, am Anfang des Jahres 1774 nur 6 bis 8 Groschen. In einigen Städten ließ man Gedenkmünzen schlagen, auf welchen die Getreidepreise in den Zeiten der großen Teuerung verzeichnet stehen. Das Annaberger Museum erzgebirgischer Altertümer besitzt deren mehrere, eine solche Bleimedaille aus dem Jahre 1772 zeigt z. B. auf der Vorderseite: Sachsens Denckmahl 1771. 1772. große Theurung, schlechte Nahrung. Die Rückseite besagt: im Gebürge galt 1 Sch: Korn 13 Th: 1 Sch: Weitze 14 Th: 1 Sch: Gerste 9 Th: 1 Sch: Haber 6 Th: 1 Pfd. Butter 8 gr. 1 Pfd. Brodt 2 gr. In Geyer ward am 16. August 1773 mit dem Erntedankfest das ausgeschriebene allgemeine Dankfest für Rettung aus der großen Drangsal verbunden. Mit welcher Rührung und Inbrunst mögen die Geretteten daran teilgenommen haben!

Im September des Jahres 1773 bereiste der damalige Kurfürst und spätere König Friedrich August I. nebst Gemahlin und Gefolge das Gebirge, überall reiche Mittel und infolge seiner Teilnahme Trost spendend.

Von Marienberg ging am 1. September die Reise zu Pferde über Ehrenfriedersdorf, Geyer, Zwönitz, Lößnitz, Schlema nach Schneeberg und von da an demselben Tage wieder zurück nach Marienberg. Am 2. September war der hohe Herr in Annaberg. Dort wäre er beinahe verunglückt, weil das Pferd vor den Schüssen scheute, die man am Pöhlberge ertönen ließ, als er die Pöhlbergstraße aufwärts ritt.

Nach Lungwitz.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings