Fünfter Abschnitt. Das Wirtschaftsleben des Obererzgebirges.
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49. Die obererzgebirgische Kohlenbrennerei.
a. Die Entstehung des Gewerbes.
Der Name Köhler gehört so recht dem Erzgebirge an, wo das Kohlenbrennen seit Jahrhunderten für zahlreiche Bewohner einen Erwerbszweig bildete, der noch in der Gegenwart, freilich bedeutend sparsamer, in den oberen Waldbezirken, bei Zöblitz, Hirschenstand, Carlsfeld und Morgenröte, bei Göttersdorf in Böhmen und anderwärts angetroffen wird.
In der Geschichte und in den Sagen treten wiederholt Köhler auf. Der Köhler Georg Schmidt befreite am Fürstenberge bei Schwarzenberg den Prinzen Albert aus den Händen des Kunz von Kaufungen; ein Köhler soll im Jahre 1458 im Walde beim Abräumen seines Meilers ausgeschmolzenes Zinn gefunden haben, was Veranlassung zur Gründung der Bergstadt Altenberg gab. Köhler haben sich nach der Sage zur Zeit der Hussitenkriege im Walde, da wo jetzt Crandorf liegt, ihren Kohlenkram, d. h. Hütten aufgebaut, weshalb man den daselbst entstandenen Ort zuerst Kram- und später Crandorf genannt habe.
Als im Gebirge an zahlreichen Orten Eisenhütten entstanden, brannte man auch überall in deren Nähe das Holz zu Kohlen, da diese zum Ausschmelzen der Erze nötig waren. In der 1697 erneuerten kurfürstlichen Holzordnung von 1560 wurde aber bestimmt, daß die Köhler das Holz nicht mehr selbst schlagen lassen durften und das Kohlenbrennen nur noch vom 25. März bis 16. Oktober zu gestatten sei.
In früherer Zeit wurden die Kohlen da und dort auch in muldenförmigen, ungefähr einen Meter tiefen Gruben gebrannt, in welche man Reisig und Holzabgänge warf, diese dann anzündete und mit Erde bedeckte. Man erhielt auf diese Weise die sogenannten Grubenkohlen. Das gebräuchlichste Verfahren bestand aber, wie noch jetzt, im Verkohlen aufgebauter Meiler. Die größeren Kohlen wurden zur Verwendung für die Zerrennfeuer, durch welche das Schmelzen des Eisens, um es weicher und geschmeidiger zu machen, wiederholt ward, mit Dreschflegeln in kleinere Stücke zerschlagen.
Es wird den Köhlern das Verdienst zugeschrieben, den Wald nach und nach urbar gemacht und das Dorf Ansprung, welches im 16. Jahrhundert Aschberg hieß, gegründet zu haben. Es haben aber gewiß auch die Aschebrenner ihren Anteil an der Besiedelung der Gegend; der Name dürfte auf das frühere Äschern, d. h. Aschebrennen zu Pottaschebereitung, zurückzuführen sein.
Ehemalige Meilerstätten trifft man noch häufig im Gebirge an; manche derselben stammen jedenfalls aus sehr alter Zeit. In der Mitte einer Meilerstätte ward eine Stange eingeschlagen. Unten hin legte man trockenes »Zünderholz«, dann wurden Stöcke rundum aufgeschichtet; obenauf legte man schräg Scheitholz, sodaß das Ganze wie ein gewölbter Backofen erschien. Die Eindeckung erfolgte mit Fichtenreisig, Erde und Rasen. Der Köhler hat mittels der Zündlöcher für Gleichmäßigkeit im Brande zu sorgen. Mit dem Schürbaum stößt er Löcher in die Decke, um nachzufüllen. 10 Tage dauert die Arbeit. Einfach ist die Köhlerhütte in seiner Nähe.
Nach Dr. Köhler.
b. Eine Köhlerwohnung in alter Zeit.
Umkränzt von riesigen Fichten rauchten und dampften kegelförmig gebildete Meiler, und an die gewaltigen Baumstämme lehnten sich niedrige, kunst- und schmucklos von eigner Hand erbaute Lehmhütten, vor den brausenden Waldstürmen der Höhe Schutz suchend, an.
Höchst einfach, nach unseren Begriffen mehr als ärmlich, sah es in diesen Hütten aus. Von Dielen erblickte man keine Spur, nur in der Mitte erhob sich ein Tisch von ungehobelten Brettern auf vier in die Erde eingeschlagenen Pfählen, umgeben von einigen gleichartigen Bänken und Holzschemeln.
In einer Ecke stand der Ofen, wenn man eine Vertiefung im steinigen Boden, von einigen Mauersteinen umgeben, so nennen will, in welchem fast beständig ein helles Feuer brannte, bei dem die einfachen Gerichte gekocht oder gebraten wurden. Einige rußige Töpfe und unförmliche Tiegel, sowie hölzerne Teller und Löffel waren das einzige Haus- und Küchengeräte. Schlösser an den Thüren wären unnötig gewesen; denn wer sollte aus jenen Lehmhütten in finsterer Nacht etwas Erhebliches stehlen? – Unter dem Dache standen die Betten, unter welchen man sich kunstlose Lagerstätten von Waldmoos, Heu oder Stroh auf rohen Dielen zu denken hat. Eine Esse hielt man ebenfalls für überflüssig, denn der Rauch fand durch die verschiedenen Ritze in der Thür und in den Wänden einen ganz gemütlichen Ausweg. Die Stelle der Fenster ersetzten einige viereckige Löcher in der Wand, durch die der goldene Sonnenstrahl die inneren Herrlichkeiten erleuchtete und welche bei stürmischem Schnee- und Regenwetter mit einem Brette verschlossen wurden.
Nach Müller.
c. Das Harzen in früherer Zeit.
Lehmann berichtet: »Es heißt insgemein der ganze böhmische gegen Meißen zu an der Zschopau und an dem Schwarzwasser bis über den Wiesenthalischen Fichtelberg Harz- oder Schwarzwald, davon jährlich 1000 Zentner Pech abgeharzt wurden.« Besonders die Crottendorfer harzten viel und zogen handelnd in die Fremde und blieben oft Jahre aus. Das Harzen erpachteten die Schwarzenberger im 16. Jahrhundert von den Tettaus. 1648 wurde das Zinspech in Geld verwandelt. Die Pechgewerken hatten 80 fl Zins abzustatten. Vor alters mußte der fünfzehnte Zentner Zinspech ins kurfürstliche Amt geliefert werden. 1666 waren die Hölzer so verhauen und verkohlt, daß man kaum zwei Zentner Pech herstellen konnte.
Die Rinden der Bäume wurden mit dem Harzeisen der Länge nach aufgerissen. Im folgenden Jahre wurde das ausgetriebene Harz abgeschabt. In der Pechhütte ward es in Kesseln gesotten und dann in Formen gegossen.
50. Der ehemalige Zinnbergbau.
Gegenwärtig beobachtet man noch an manchen Orten unseres Obererzgebirges Raithalden, das sind Anhäufungen tauben Trümmergesteins, das nach dem Zinnseifen oder Auswaschen des Zinnerzes übrig geblieben ist. Diese Halden sind durchwühlt worden. Durch Zuführung von Wasser wurde aus ihnen nicht nur das Zinnerz, sondern auch die Feinerde ausgeschieden. Nach Mathesius in Joachimsthal führte der Zinnwäscher Wasser in zinnhaltige Gebiete und stach eine torfähnliche Masse. Grobe Stoffe und Steine warf man mit der Gabel heraus. Der gute Stein setzte sich dann zu Boden. Man reiniget ihn, um dann das Zinn zu gewinnen. Diese Seifen befanden sich besonders in flachen Thalmulden. Außer Zinnstein fand man auch Topas, Opal, Beryll, letzten besonders im Denitzgrunde bei Eibenstock. Auch Goldkörner fand man, so 1733 am Auersberge eins von 13 Aß Gewicht, das in demselben Jahre dem Kurfürsten bei der Huldigung in Freiberg überreicht wurde.
Sehr zahlreich waren die Seifenwerke im Gebiete von Schneeberg und Eibenstock. Zahlreich waren auch im 17. und 18. Jahrhundert die Seifen in der Umgegend des Dorfes Bockau. Da hat man in jedem Thälchen nach Zinnerzen gesucht. Das geschah im ganzen Gebirge bis nach Johanngeorgenstadt hinauf.
Besonders bemerkenswert sind die Seifen bei Geyer und Umgebung, die zu den ältesten gehören. Der jetzt durch seine Spielwaren weit bekannte Ort Seiffen verdankt seine Entstehung auch dem Zinnbergbau.
Nach Dr. Köhler.
51. Der ehemalige Silberbergbau.
a. Altes Berglied.
Ein Bergmann:
Wenn der Schacht erst eingesenket, Fahrt und Sprossen wohlverwahrt, Seil und Kübel eingehenket, Ist des edlen Bergmanns Art, Daß er mit Schlegel und Eisen Mag seine Kunst erweisen!
Der volle Chor:
Daß er mit Schlägel und Eisen Mag seine Kunst erweisen! Hurra! – Glückauf!
Ein Bergmann:
Wenn das Glöcklein drei thut läuten, So heißt's: Bergmann, steh' auf mit Freuden, Es heißt: Bergmann, geh' auf die Zech, Dann wirst du wohl finden Steiger, Häuer und die Knecht!
Chor:
Steiger, Häuer und die Knecht! Hurra! – Glückauf!
Ein Bergmann:
Zünd' ich an mein Grubenlicht, So heißt's: Bergmann, fahr an die Schicht, Fahr ein die Schächtlein tief und lang, Dann wirst du wohl finden Einen schönen Silbergang.
Chor:
Einen schönen Silbergang. Hurra! – Glückauf!
Ein Bergmann:
Und als ich kam vor meinen Ort, Da saßen die lieben Engelein und wachten dort. Sie thun mich recht lehren und weisen, Wo ich soll ansetzen mit meinem Eisen. Schlag ich darauf mit allem Fleiß, Daß von mir abdringt der Schweiß, So bin ich doch derhalben nicht Verzaget, dieweil ich schönes Silber sah, Das Herzlein darauf thät lachen.
Chor:
Das Herzlein darauf thät lachen. Hurra! – Glückauf!
Ein Bergmann:
Wenn die Schicht verfahren ist, Ruf' ich zu dir, Herr Jesu Christ, Befehl' Leib' und Seel' in deine Hände. Du wirst mich wohl führen In das himmlische Zelt.
Chor:
Du wirst mich wohl führen In das himmlische Zelt.
Chor:
Du wirst mich wohl führen In das himmlische Zelt. Hurra! – Glückauf!
b. Die Namen der Zechen.
Was die Namen der Zechen nach ihrer Entstehung und Bedeutung anlangt, so ist zu merken, nur die wenigsten knüpfen an die ursprüngliche Benennung des Ortes an, wo sie entstanden, oder an bestimmte Eigentümlichkeiten der Zeche selbst und der bei ihrer Eröffnung maßgebenden Umstände. Die meisten erklären sich aus dem dem Bergmannsstande namentlich in früheren Jahrhunderten vor anderen eigenen frommen Glauben an die göttliche Allmacht, zum Teil auch aus seinem Aberglauben. Frommer Glaube war maßgebend bei den überaus zahlreichen Benennungen der Gruben nach Heiligen und anderem, der Aberglaube in Namen wie Wilder Mann, Wilde Frau, Einhorn, Löwe, Wolf, Rabe, Molch, Hase, Goldner Esel. Riesen und Einhörnern schrieb man die Kraft zu, gewisse »Bergsäfte«, namentlich das Quecksilber, zu edlem Erze zu verdichten. Der Molch sollte seinen Winterschlaf in der Nähe geheimer Schätze halten. Wolf und Rabe galten als »weisende« Tiere. Der Hase schien als fruchtbarstes Tier von guter Vorbedeutung zu sein. Im Goldnen Esel hat man wohl gar eine Erinnerung an das Märchen vom »Eselein, streck' dich« zu erblicken.
Nach Dr. Bachmann.
c. Obererzgebirgische Bergleute in der Fremde.
Bekannt und gut beglaubigt ist die Überlieferung, daß im 12. Jahrhundert in unserem Sachsen zunächst der Freiberger Bergbau durch den Zuzug Goslaer Bergleute aus dem Harz begründet worden sei. Nach seinen ursprünglichen Bewohnern, sächsischen Bergleuten aus dem Harz, heißt heute noch ein Teil von Freiberg die »Sächsstadt«. Es steht fest, daß umgekehrt im 16. Jahrhunderte Bewohner unseres Landes, Bergleute aus dem Obererzgebirge und namentlich aus dem westlichen Teile desselben, der Gegend von Freiberg, Annaberg und Schneeberg, nach dem Oberharz gezogen sind und dort Anlaß zur Gründung namentlich der Bergstädte Andreasberg, Clausthal, Zellerfeld, Wildemann, Lautenthal und Altenau gegeben haben. Zwar war schon im 13. Jahrhundert, von Goslar aus dahin verpflanzt, auch auf dem Oberharz um das Kloster Celle her der Bergbau in Blüte gekommen, aber dieser verfiel bald wieder, wie das Kloster selbst, bis bald kaum noch eine Spur davon in dem wieder verödenden Lande sich zeigte. Erst im Zeitalter der Reformation lockten reiche Silberanbrüche in der Gegend des heutigen Andreasberg und anderswo eine bergbaulustige Bevölkerung wieder herbei, nur konnte diese nicht aus der Nähe kommen, nicht aus Goslar, das vielmehr selbst des Zuzuges bedurfte und zudem mit den im Oberharz gebietenden Fürsten verfehdet war, und nicht aus dem Mansfeldischen, sondern man mußte sie anderswo suchen. Daß man sich zu diesem Zweck nach dem Erzgebirge gewendet, daß von dort her die ohnedies stets wanderlustigen und auf jedes »neue Geschrei« hin leicht beweglichen Bergknappen zugeströmt seien, das wird, soweit es nicht urkundlich bezeugt ist, durch folgendes bewiesen.
Zunächst handelte es sich bei der Errichtung des neuen Bergwerks auf dem Oberharz um Stollenbau, auf welchen sich damals eigentlich nur »Meißnische Bergleute« aus dem oberen Gebirge, die deshalb auch in aller Welt gesucht waren, verstanden. Die Chroniken von Freiberg, Schneeberg, Annaberg etc. wissen zu erzählen, wie Bergleute aus diesen Gegenden nach allen Teilen Europas gekommen seien und dorthin ihr Bergrecht mitgebracht hätten, ja selbst in Calcutta, im fernen Indien, finden wir solche und kaum 40 Jahre nach der Entdeckung Amerikas im Dienste der Welser auf dem fernen San Domingo. Die Sendung einzelner hervorragender Bergverständiger, Bergmeister etc. aus dem Erzgebirge nach dem Harz wird ausdrücklich bezeugt, und es versteht sich ganz von selbst, daß diese nicht allein kamen, sondern zur Ausführung der ihnen übertragenen Arbeiten Bergleute in größerer Zahl mit sich führten. Diese ließen dann wieder, wie es heute noch Sitte der Auswanderer ist, dafern es ihnen anders in der neuen Heimat gefiel und daselbst wohlging, ihre Angehörigen und Freunde nachkommen, und so entstand in dem Jahrhundert von 1520–1620 etwa eine größere Kolonie von aus dem Meißnischen eingewanderten Bewohnern und damit eine Sprachinsel mit oberdeutscher Mundart mitten in dem sonst niederdeutsch sprechenden Gebiet. Diese oberdeutsche Mundart aber ist die des Erzgebirges, und zwar des westlichen Teiles desselben, und das ist der Hauptbeweis für die Herkunft der ursprünglichen Bewohner jener Harzstädte aus unserem Erzgebirge.
Es ist zu bemerken, daß die Ähnlichkeit des Oberharzischen und Obererzgebirgischen in der That ganz außerordentlich groß und gemeinsame Abstammung unabweisbar ist.
Ferner ist bemerkenswert das überaus häufige Vorkommen derselben Grubennamen im Oberharz und Erzgebirge und daß mindestens die große Hälfte der im Oberharz vorkommenden Namen den älteren Bergwerken des Erzgebirges entnommen ist. Da es sich bei der Namengebung namentlich auch um solche von guter Vorbedeutung handelte, so sind Namen besondere häufig, die als Benennungen solcher Zechen, welche im Erzgebirge reiche Ausbeute gebracht hatten, bekannt waren, wie z. B. der Name der stolzesten Schneeberger Zeche, »St. Georg«, deren ausgebrachtes Silber auf 40 Tonnen Goldes, d. i. 4 000 000 Thaler, geschätzt wurde, auch im Harz vorkommt, ebenso die »St. Anna«, die in Schneeberg schon 1478 gewaltig »schüttete« und 1528 von allen Gruben die größte Ausbeute gab.
Nach Dr. Bochmann.
d. Die bergmännischen Werkzeuge und sonstige Einrichtungen in früherer Zeit.
Im Jahre 1497 findet man schon Spuren von den Kunstgezeugen in der Schneeberger Gegend. 1504 bestand ebenda der erste bekannte Pferdegöpel. 1512 führte Sigismund von Maltitz auf Dippoldiswalde die nassen Pochwerke zuerst daselbst ein. Seit 1529 waren gedruckte Ausbeutebogen, seit 1533 sind Anschnittzettel statt der Kerbhölzer üblich. 1550 wurden die Stangenkünste eingeführt, 1551 die Bergquartale statt der vorherigen Drittale, mit Ausschluß des Obergebirges, wo man schon seit 1477 nach Quartalen rechnete. Im Jahre 1555 wurde das Rohschmelzen erfunden; in die Jahre 1540 bis 1560 fällt die Aufkunft der Blaufarbenwerke. Im Jahre 1561 nahm die Stollnmaurung ihren Anfang, 1567 die Grubenmaurung durch den Bergmeister Martin Plauer in Freiberg. Vom Jahre 1578 schreibt sich die Anordnung des Gebets auf den Gruben her. 1613 wurde das Sprengen mit Pulver eingeführt. Seit 1649 stiftete man Quartal-Bergpredigten. In den Jahren 1710–1717 wurde die General-Schmelz-Administration eingeführt. Mit dem Bergbohren machte damals man die ersten bekannten Versuche. 1731 schaffte man beim Rechnungswesen die Meißnischen Gülden ab. 1765 ist die Freiberger Bergakademie gegründet worden. Im Jahre 1768 ward das Tragen der Berguniform verordnet und 1788 die Entführung der Amalgamation versucht.
Der erzgebirgische Bergstaat zerfiel am Anfange unsern Jahrhunderts in das Oberbergamt und in das Oberhüttenamt zu Freiberg. Unter ersterem standen die Oberzehntner- und Austeilämter in Freiberg und im Obergebirge, wo wir finden die Bergämter Annaberg, Geyer, Ehrenfriedersdorf, Johanngeorgenstadt mit Schwarzenberg und Eibenstock, Marienberg, Scheibenberg mit Oberwiesenthal.
Außer den Steigern giebt es: Kunstarbeiter, Ganghäuer, Helfersknechte, Zimmerlinge, Doppelhäuer, Lehrhäuer, Siebsetzer, Treibeleute, Haspelmeister, Nachtpocher, Gruben-, Wasch- und Scheidejungen. Eine Schicht umfaßt 4, 6 oder 8 Stunden. Im Annaberger Bergamte gab es 5 Schichten die Woche, weil Sonnabend frei war.
Die Häuerglocke forderte zum Anfange auf. Seit 1595 wurde im Hut- oder Zechenhause vor Beginn Betstunde gehalten. Im Huthause wohnt der Steiger, der das Werkzeug bewahrt.
Ist ein Arbeiter alt oder krank, so heißt er bergfertig. Die Büchsenpfennige fließen in die Knappschaftskasse.
Ehemals gab es in jedem Bergamte einen verpflichteten Rutengänger. Für die Bergleute sind auch Getreidemagazine angelegt worden. Sie sind frei von allen Abgaben.
Schon der Bergknabe vom 6. Jahre an kennt und übt den Fleiß als eine der ersten Tugenden, und dadurch wird sie dem Bergmanne gleichsam zur andern Natur. Die Poch- und Scheidejungen müssen bei Karbatschenstrafe oder Vogelbolzen täglich ihre bestimmte Zahl Körbe voll Erz pochen, ja sogar die Feiertage in den Wochentagen nach und nach mit einbringen. Sie treiben einander häufig durch Wetten an. Wer z. B. zum Johannisfeste am ersten mit der bestimmten Arbeit fertig ist oder Schicht hat, heißt König oder Staatslümmel und wird, mit Blumen oder Kränzen behangen, unter dem Vorantragen einer roten Fahne mit Ehrenbezeigungen nach Hause geführt. Den aber, der zuletzt Schicht hat, nennt man den faulen Lümmel und begleitet ihn, ihn mit diesem Namen neckend, nach seiner Wohnung.
Ein Schacht ist eine viereckige Öffnung, die senkrecht in die Erde führt. Dahinein führen Fahrten oder Leitern. Die Absätze zum Ruhen heißen Böhnen. Das Innere ist ausgezimmert oder ausgemauert. Die Stolln führen wagerecht ins Gebirge und dienen zum Wasserabfluß, zur Zuführung frischer Luft und Abfuhr des Erzes auf Hunden.
Gänge nennt der Bergmann nach ihrem Gehalte edel oder taub, mächtig oder leer.
Fäustel, Schlägel, Bohrer sind Werkzeuge des Bergmanns. Das Zutagefördern geschieht mit dem Haspel, an dem durch einen an dem Seile hängenden Kübel die Erze emporgewunden werden. Tiefe Gruben brauchen den Göpel, welchen Pferde oder Wasser treiben. Das Wasser heben die »Künste« empor, deren Pumpen durch Räder getrieben werden.
Bergbauanteilscheine heißen Kuxe.
Im Berggebiete war das Holz ein wichtiges Bedürfnis. Das Auszimmern der Schächte und Stolln, der Wasser- und Maschinenbau, die Schmelzöfen, Schmiedehammer, Siedewerke, Pechhütten und dergleichen verschlangen viel Holz. Schon im Anfange des 15. Jahrhunderts merkte man das. Der Bergbau, das damalige weit stärkere Brauwesen, die häufigen Brände nagten um die Wette an dem Kern der Waldungen. Hierdurch wurden die ersten Flößen aus holzreichen in holzärmere Gegenden veranlaßt.
Steinkohlen benutzte man erst in der Mitte des 16., Torf im Anfange des 17. Jahrhunderts.
Der erste sächsische Fürst, der vom Bergsegen den besten Gebrauch machte, war der Kurfürst August. Er ließ herrliche Schlösser bauen, kaufte große Güter an, richtete nützliche Anstalten ein, rief Künstler und Handwerker ins Land und sorgte bei alledem noch für seinen Schatz. Unter ihm erhielt das Bergwesen weit bessere Einrichtung, und er ist als der eigentliche Gesetzgeber des Bergwesens zu betrachten.
e. Die Verbreitung des obererzgebirgischen Bergbaues.
1. In seiner Blütezeit.
Erwiesenermaßen ist der Freiberger Bergbau der älteste unseres Landes, und zwar fällt die Entdeckung der Freiberger Erzgänge in die Zeit zwischen 1162 und 1170. Die Sage von dem Goslarer Fuhrmann weist auf Bergleute aus dem Harze hin, von wo auch eine Einwanderung bergbaukundiger Sachsen in unser Erzgebirge in den Jahren 1167 und 1181 im Zusammenhang mit den Kämpfen zwischen Heinrich dem Löwen und den niedersächsischen Fürsten und Städten erfolgte. Um diese Zeit regierte Otto der Reiche in Sachsen. Die beginnende Ausbreitung des Bergbaues tritt im ganzen in Wechselbeziehung zu der fortschreitenden Besiedelung unserer Gegend, das heißt, entweder begann man da, wo deutsche Niederlassungen auf dem Waldgebirge entstanden, nach Erz zu graben oder der Erzsucher schweifte mit seiner Wünschelrute durch die Bergwildnis, und da, wo er Erzgänge erschloß, entstanden neue Niederlassungen.
Im 13. Jahrhunderte finden wir die Herren von Waldenburg bereits im Besitze von Silberbergwerken zu Wolkenstein und von Zinn- und Silbergruben auf dem Sauberge bei Ehrenfriedersdorf. Mit dem Tode Heinrichs des Erlauchten, 1288, schließt die erste Glanzzeit des Freiberger Bergbaues. Dann kommt die Zeit, in welcher die Menschen in den Schoß der Erde eindringen müssen. Der beschwerliche Schacht- und Stollenbau ward nun erforderlich. Aus den Jahren 1335 und 1339 stammen dann die ersten Nachrichten über den Bergbau in dem unter die Burggrafen von Meißen gehörigen Gerichte Frauenstein, sowie in dem zur Grafschaft Hartenstein gehörigen Gebiete des Klosters Grünhain.
Im 15. Jahrhunderte kam neues Leben in den Bergbaubetrieb durch das Fündigwerden der mächtigen Erzgänge auf dem Schneeberg. Damit beginnt die zweite Blütezeit des erzgebirgischen Bergbaues. 1606 wurde eine neue Bergordnung von den Landesherren erlassen.
Im Gebiete der Herren von Waldenburg fand ein lebhafter Bergbaubetrieb um das Jahr 1407 bei Wolkenstein, Ehrenfriedersdorf, Thum, Geyer und Zschopau statt. Als 1470 bei Schneeberg das Hauptsilberlager erschlossen wurde, da verließ der Bauer Acker und Pflug, der Handwerker Werkstatt und Heimatsort; alles strömte hinauf nach dem Schneeberg, um dort das erträumte Glück zu erjagen. Einzelnen gelang es; Hunderte kehrten als Bettler, getäuscht und verspottet, nach Hause zurück. Am Schneeberg sanken die uralten Fichten- und Eichen-, Buchen- und Ahornwälder unter der Köhleraxt dahin; sie alle verschwanden in den gierigen Schloten zahlloser Schmelzhütten. Am Anfange des nächsten Jahrzehntes begann ein Herr von Schönburg-Glauchau in Beierfeld bei Schwarzenberg nach Silber zu graben und den schon früher betriebenen Bergbau am Galgenberge bei Elterlein fortzusetzen. Im Jahre 1484 sehen wir weiter ein Bergwerk, die »Mönchsgrube« bei Wüstenschletta, später Marienberg, in Betrieb, während ein Jahr später eine ältere, am Eisenberg bei Geyer gelegene Fundgrube wieder aufgethan wird. Schließlich werden in derselben Zeit noch die Orte Breitenbrunn, Breitenbach, Ober- und Niederjugel in Urkunden erwähnt. Nicht minder zahlreich sind endlich aber die Zeugnisse von einem lebhaften Bergbaubetriebe zu Ehrenfriedersdorf, Wolkenstein, Grünhain u. a.
Aber alle die genannten Bergwerke erlangten nicht die Bedeutung, wie der gleichfalls inzwischen erschlossene Annaberger Bergbau. Am Pöhlberge ist schon 1442 auf St. Briccius Silber gefunden worden. Die erste sichere Nachricht stammt aus dem Jahre 1483. Der eigentliche Annaberger Bergbau aber knüpft sich ja an den Schreckenberg. Erst vom 31. Juli 1492 hat sich eine Urkunde erhalten, in der den Gewerken am Schreckenberge eine Münzfreiheit auf 6 Jahre gewährt wird. Die entstehende Ansiedelung erhielt unterm 28. Oktober 1497 Stadt- und Bergrecht und am 22. März 1501 den Namen St. Annaberg. Es entstanden alsbald zahlreiche Zechen; allein in den Jahren 1496–1499 waren es 51; in der Zeit von 1496–1530 sind nicht weniger als 380 Zechen in Betrieb gewesen. Neben dem Schreckenberge werden aber auch schon 1497 Bergwerke zu Buchholz genannt.
Der Eisenbergbau blühte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, namentlich im Gebiete des Klosters Grünhain, sodaß sich der Abt dieses Klosters einen eigenen Bergmeister hielt und zu Elterlein und Waschleite seine Eisenhämmer besaß. Schließlich mag zum 15. Jahrhundert auch noch des beginnenden Kohlenbaues gedacht werden, insofern, als das schon genannte Kloster Grünhain um die Mitte dieses Jahrhunderts im Gemeindewald zu Bockwa bei Zwickau ein Kohlenbergwerk besaß, von dem es den Kohlenzehnten erhob.
Das darauffolgende, das 16. Jahrhundert, war der Entwickelung des erzgebirgischen Bergbaues im allgemeinen günstig, indem die Landesfürsten, wie Herzog Georg der Bärtige, Heinrich der Fromme und Moritz in den zuständigen Gebieten, nachmals aber Kurfürst August I., der große Volkswirt des 16. Jahrhunderts, im ganzen Lande dem Bergbau eine vorzügliche Pflege angedeihen ließen. 1515 wird das Bergstädtchen Brand gegründet, 1517 Gottesgab, Eibenstock, Jöhstadt, 1521 Marienberg; gleichzeitig wird Schlettau zur Bergstadt erhoben. 1522 ist Scheibenberg gegründet, 1526 Wiesenthal, 1532 Platten. 1534 werden wir durch eine landesherrliche Bergordnung mit dem Bergbau zu Schwarzenberg, Gottesgab und dem Zinnbau zu Platten bekannt gemacht; während in den Jahren 1515–1537 nach einem Annaberger Silberbuche zu Annaberg 86, Marienberg 17, Elterlein 4, Wiesenthal 2 und zu Scheibenberg 8 Zechen in Erzlieferung waren. Gleichzeitig deutet eine Urkunde vom Jahre 1538 auf den auch zu Olbernhau betriebenen Bergbau. In den 50er Jahren finden sich dann Zechen zu Lauterstein, zu Drehbach, zu Scharfenstein und 1556 der Zinnbau zu Eibenstock erwähnt. 1578 erfahren wir etwas vom Bergbau zu Wildenau, Dörfel und Jugel. Seit 1573 wird dann die Stahlfabrikation erwähnt, und 1561 schon begegnen wir zahlreichen Eisen- und Blechhämmern, namentlich in der Schwarzenberger und Eibenstocker Gegend. Seit 1561 finden wir die Torfstecherei im oberen Erzgebirge erwähnt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden die Marmorbrüche bei Crottendorf, 1583 die Serpentinsteinbrüche zu Zöblitz begonnen. Auch hatte man im Jahre 1577 noch den Versuch gemacht, zu Wolkenstein ein Salzwerk anzulegen, ohne damit jedoch einen Erfolg zu erzielen.
Im nächsten Jahrhunderte vernichtete der Dreißigjährige Krieg den Bergbau im Obererzgebirge fast ganz.
Nach W. Zöller.
2. In späteren Jahrhunderten.
Anfang des 19. Jahrhunderts zählte man auf dem Erzgebirge etwa 700 Gruben mit gegen 12 000 Bergleuten, während 50 000 Menschen vom Bergbau lebten.
Der Erzgebirgische Bergstaat bestand 1815 aus dem Oberbergamt und dem Oberhüttenamt zu Freiberg.
Unter dem Oberbergamt standen die beiden Oberzehntner- und Austeilerämter in Freiberg und im Obergebirge, die Bergakademie und die Bergämter Altenberg mit Berggießhübel und Glashütte, Annaberg, Freiberg, Geyer mit Ehrenfriedersdorf, Johanngeorgenstadt mit Schwarzenberg und Eibenstock, Marienberg, Scheibenberg mit Oberwiesenthal und Hohenstein, Neugeysing, Bärenstein, Seiffen.
Unter dem Oberhüttenamte standen alle Schmelzhütten und das Halsbrücker Amalgamirwerk. Dagegen waren die Saigerhütte Grünthal, das doppelte Blaufarbenwerk in Oberschlema, die Blaufarben-Kommunfaktorei in Schneeberg, das Pfannenstieler, Zschopauthaler und Schindlersche Blaufarbenwerk unmittelbar unter dem Geheimen Finanz-Kollegium.
Unter der Verwaltung des Oberberghauptmanns Freiherr von Herder, 1821 Berghauptmann, 1826 Oberberghauptmann, entwickelte sich auf Grund der alten Verfassung und eines edlen Standesgeistes ein außerordentlich reges bergmännisches Leben. Neue Maschinen wurden in Anwendung gebracht, das Schmelzwesen bedeutend verbessert, besonders seit der Einführung der Koaks im Hüttenwesen 1820, und das Ausbringen bedeutend erhöht, wenn es auch noch nicht den Umfang der neuesten Zeit erreichte.
Im Freiberger Revier baute man auf Silber und Blei, im Altenberger auf Zinn und Eisen, im Glashütter auf Silber und Vitriol, schwefelsaure Metallsalze, im Marienberger auf Silber, etwas Arsenik und Zinn, in Geyer und Ehrenfriedersdorf auf Zinn, Vitriol und Arsenik, in Annaberg auf Silber und Kobalt, im Scheibenberger Revier, welches jedoch in dieser Zeit schon einging, auf Silber, Kobalt, Eisen, Arsenik, im Johanngeorgenstädter auf Silber, Eisen, Zinn, Vitriol, Schwefel, und im Schneeberger auf Silber, Kobalt, Wismut, Eisen, Vitriol, Schwefel und Arsenik.
Nach Süßmilch.
52. Die erzgebirgische Eisenindustrie.
a. Die Eisenhämmer.
Die Hammerschmiede gehörten in früherer Zeit zu den Besonderheiten des Erzgebirges. Heute noch ist der Beiname »Hammer« bei manchem Orte gang und gäbe. Die »Hämmer« schmiedeten das Eisen nicht nur, wenn es heiß, sondern auch, wo es zu Hause war; sie waren bodenwüchsig, diese Eisenhämmer. St. Johann am Rotenberge bei Schwarzenberg, Irrgang an der böhmischen Grenze, Rehhübel und Henneberger Zug bei Johanngeorgenstadt, Vier Gesellen und Altermann beim Auersberge, Urbanus, Spitzleite bei Eibenstock, Schwalbener Zug und Roter Kamm bei Schneeberg, das sind die mächtigsten Eisenerzgangzüge, auf denen die Gewinnung jahrhundertelang bergmännisch betrieben wurde. Vielfach sind diese Gänge zu Tage ausgegangen: Frühzeitig hat man schon das Erz verwertet. Es ist wahrscheinlich, daß der Aufschwung der Eisenhüttenwerke im 16. und 17. Jahrhundert zu suchen ist. Im 16. Jahrhundert entstanden Muldenhammer, Unter- und Oberblauenthal, Wildenthal, Breitenbach, die Hämmer von Pöhla und Raschau. Im 17. Jahrhundert sind gegründet Carlsfeld und Wittigsthal. Vom Jahre 1660 stammt ferner die »Hammerordnung« Kurfürst Johann Georgs II. für die Blechhämmer in den Ämtern Schwarzenberg, Wolkenstein und Lauterstein. 1775 sind im Bezirke des Kreisamtes Schwarzenberg allein 18 Eisenhämmer, ohne die Waffen- und Drahthämmer, im Gange gewesen. Heutzutage sind von den alten Eisenhämmern noch Pöhla, Obermittweida, Erlahammer, Morgenröte, Rautenkranz, Schönheiderhammer als Eisengießereien vorhanden. Der Hohofenbetrieb hat ganz und gar aufgehört.
Es muß in der Zeit der Blüte dieser Eisenhämmer ein gar reges Leben in den Gebirgsthälern gewesen sein. Da dampften die Hohöfen, die Gebläse pfauchten, und hell erklang der Schall der mit der Hand geschwungenen Hämmer zwischen den vereinzelteren dumpfen Schlägen des großen Hammers, den Wasserkraft in Hub setzte. In den niederen schwarzen Hütten rührten sie sich emsig, die rußigen Gestalten der Hammerschmiede, die um die Frischfeuer, die Ambosse und Gießstätten herum thätig waren. Sie bildeten eine echte und gerechte Zunft. Manche der ersten von ihnen im wilden Waldgebirge werden stellenweise ihr bißchen Eisenstein selbst erst gegraben haben, um es dann zu verschmelzen. Meist hatten sie jedoch nur sogenannte »Zerrennfeuer« und »Blauöfen«. Erstere sind Gebläseöfen gewesen, in denen nur Eisen geschmolzen werden konnte, auch in letzteren konnte nur Harteisen geschmolzen werden, doch sind die Blauöfen gewissermaßen als Vorstufe der Hohöfen anzusehen. Ende des 16. Jahrhunderts scheinen die ersten Hohöfen gebaut worden zu sein. Hammerschmiede hießen die Gesellen dieser Hammermeister. Mitte des 18. Jahrhunderts stellte man schon eiserne Kessel, Öfen, Ofentöpfe und dergleichen Gußwerke her. Im 17. Jahrhundert, im Jahre 1683, hat man zu Carlsfeld ein Eisenschmiedewerk angerichtet. Auch ein Pfannenschmiedewerk erstand. Die Hauptsache war aber die Herstellung der Bleche. An die Blechhämmer schlossen sich die zahlreichen Löffelschmiedereien an. Von diesem Gewerbe hat sich noch ein bedeutender Rest erhalten.
Nach Dr. Jacobi.
b. In einer obererzgebirgischen Eisenhütte vor 50 Jahren.
Jedes Hammerwerk hat wenigstens einen Leiter, welcher ein technisch gebildeter Mann sein muß, und einen Schichtmeister, dem das Rechnungswesen anvertraut ist, während ersterem die technische Leitung des Werkes obliegt. Zu dem Hohofen, in welchem der Eisenstein geschmolzen wird, gehören 1 Steinpocher, 2 Aufgeber, 2 Hohöfner und 1 Schlacken- oder Wascheisenpocher. Ehe der Hohofen angeht, wird durch den Leiter der untere Teil des Hohofens eingebaut, was man Zustellen nennt; früher besorgte dies der Hohofenmeister. Bei einem Stabhammer oder Frischfeuer, in welchem das rohe, durch den Hohofen gewonnene Eisen ausgeschmiedet wird, arbeiten der Meister oder Frischer, der Vorschmied, der Einschmelzer und ein Junge; zuweilen bei französischen Feuern noch ein Fröner, welcher Vorschmiedsstelle dann mit versehen muß. Die Arbeit der Hammerschmiede ist und bleibt wohl eine der schwersten und schweißvollsten. Der Aufgeber muß in die Mündung des Hohofens, wo die Flamme hoch in die Höhe schlägt, Kohlen und Eisenstein schütten. Der Arbeiter in dem Frischfeuer steht neben dem Feuer, wo das Roheisen gefrischt und geschmolzen wird, und muß das glühende Eisen, mehrere Zentner schwer, herausnehmen, auf dem Amboß teilen und die Teile ausschmieden. Während des Schmelzprozesses verdient ein Hohöfner wöchentlich 3 Thaler, ein Aufgeber und Steinpocher 2 Thaler. Der Meister erhält rohes Eisen und Kohlen und muß dafür eine bestimmte Anzahl Stabeisen liefern. Hat er Überschuß, so ist der Gewinn sein, allein er darf den Überschuß nur an den Hammerherrn verkaufen. Liefert der Frischer nicht so viel Eisen, als er sich verbindlich gemacht hat zu liefern, so muß er das Fehlende bezahlen. Seinen Arbeitslohn erhält er nach dem Gewichte des ausgebrachten Stabeisens. In dem Zainhammer wird das Arbeitslohn nach der Wage bezahlt, d. h. je mehr Wagen Eisen die Arbeiter auszainen, desto mehr erhalten sie. Sie können ebensoviel verdienen, als die Arbeiter beim Frischfeuer oder Stabhammer. Da die Hammerschmiede während ihrer Arbeit einer großen Hitze ausgesetzt sind, so ist ihre Kleidung sehr einfach. Sie gehen meist nur im blauen Hemde und in leichten Hosen, welche ein langes Schurzfell festhält; früher gingen sie meist nur im bloßen Hemde, weil der glühende Sinter, der während der Arbeit herumspringt und mithin dem Arbeiter sehr oft auf den Leib gerät, leichter auf die Erde fällt, wenn er das Schurzfell lüftet. Das Rohschmelzen im Hohofen, das Toben der Hämmer, das Heulen und Pfeifen der Gebläse und dabei das pausenweise Aufschlagen der Gichtflamme, welches zur Nachtzeit dem Wetterleuchten ähnlich ist, die von Kohlenstaub geschwärzten Arbeiter mit starken, ausdrucksvollen Gesichtszügen, Zähnen wie Elfenbein, das Innere der Hände mit hufartiger Rinde, an welche sich die krummen, wenig gelenkigen Finger anschließen, kann uns das Gemälde des Dichters versinnlichen, wenn er von der Werkstätte des Vulkans und seiner Cyclopen schreibt. Ein königlicher Hammer-Inspektor führt die Aufsicht über sämtliche sächsischen Hammerwerke, geht den Werksbesitzern mit Rat an die Hand, nimmt etwaige Beschwerden entgegen und sieht die Betriebstabellen ein.
Das Eisen, welches sich in 12stündiger Schicht im Hohofen angesammelt hat, fließt einem Feuerstrom gleich in einen trogartigen Sandgraben, welches Ablaufen, »Abstechen« heißt. Diese Masse erstarrt sehr bald und heißt eine »Ganz«, weil es eine ganze rohe Eisenmasse ist. Eine solche Ganz wiegt 3 bis 4 Zentner. Diese Gänze, sowie überhaupt das Roheisen, werden, wie erwähnt, verfrischt. Das Walzen der Stäbe geschieht, um aus den gefrischten, höchstens nur unter dem »Stirnhammer« etwas vorgeschmiedeten Eisenmassen die Stäbe herzustellen, oder um die schon unter dem »Aufwerfhammer« weiter ausgestreckten Kolben oder dicken Stöcke zu verfeinern. Im ersten Falle wendet man erst Präparierwalzen und nachher das eigentliche Stabwalzwerk an, im zweiten Falle gebraucht man letzteres allein. Die dünnsten Stäbe werden oft durch eine das Auswalzen an Schnelligkeit noch übertreffende Verfahrungsart dargestellt, indem man 3 bis 5 Zoll breite und 30 bis 40 Fuß lange gewalzte Schienen nach ihrer ganzen Länge in Streifen zerschneidet. Hierzu bedient man sich des Eisenspaltwerkes, der Schneidewalzen.
Nach Elfried v. Taura.
c. Die Blechlöffelfabrikation.
Man darf nicht glauben, als würde der Löffel mit einem Male vollendet; es gehen da eine Masse Arbeiten voraus, ehe er als solcher verkauft werden kann. Zunächst bezieht die Fabrik das Eisen für alle Gattungen von Löffeln von den Hammerwerken, wo es unter dem Namen Löffeleisen in Stäbe geschmiedet und nach der Wage verkauft wird. Der Fabrikant liefert dasselbe nach dem Gewichte an die Plattenschmiede, welche zerstreut in nahen und entfernt liegenden Ortschaften wohnen; diese verfertigen daraus die Platten, d. h. die ebenen, plattausgehenden Eisenstücke, die noch keine Vertiefung haben. Zwei solche Plattenschmiede können täglich gegen 24 und aus einer Wage etwa 36 Dutzend Platten schmieden, die sie an den Fabrikanten wieder nach dem Gewichte abliefern. Nun kommen die Platten wieder in die Hände der zerstreut wohnenden Löffelmacher, welche sie austeufen, wozu sie einen Amboß, worauf die stählernen Modelle oder Formen befestigt und nach verschiedenen Größen und Gestalten eingelassen sind, und verschiedene Teufhämmer haben. Dann bringt man sie wieder zur Ablieferung. Täglich kann ein Löffelmacher 25 Dutzend abteufen. Endlich werden die Löffel ins Zinnhaus abgegeben, da verzinnt, dann mit Kleie gescheuert, sortiert und so vollendet aufs Lager und in den Handel gebracht.
Nach Elfried v. Taura.
53. Die Blaufarbenwerke.
a. Besuch eines alten Blaufarbenwerkes.
Elfried von Taura schildert den Besuch eines Blaufarbenwerkes zu seiner Zeit wie folgt. Bei den Gesamt-Blaufarbenwerken, dem Schlemaer und beiden gewerkschaftlichen zu Pfannenstiel und dem Schindlerschen zwischen Aue und Schwarzenberg, ist die Einrichtung getroffen gewesen, daß kein Werk seine gefertigten Farben für sich verkaufte, sondern solche in das gemeinschaftliche Lager nach Leipzig und Schneeberg lieferte. Diese Bestimmung der gleichen Absendung der Farben besorgte der in Schneeberg wohnende Kommunfaktor. Die Ablieferung geschieht demnach von allen Werken zu gleichen Teilen, sodaß das Ganze als ein ⁵/₅ betrachtet wird, wovon das königliche als Doppelwerk ⅖ und das Gesamt Privatwerk ⅗ abliefert. Die Werke haben das Recht, daß alle Kobalte, die im Lande gefunden werden, an sie verkauft werden müssen, und darum kommen in jedem Quartal Berg- und Blaufarbenwerk-Offizianten, zu welchen letztern die Faktore und Farbenmeister gehören, nach Schneeberg, um die Kobalte chemisch zu untersuchen und nach dem ausgefallenen Werte den Gruben die Kobalte zu bezahlen. Alle Kobalterze werden geröstet, gepocht, kalziniert und mit andern Materialien verschmolzen, um die blauen Farben zu bereiten. Jedes Farbenwerk hat seine nötigen Schürer oder Schmelzer, Gemengmacher, Kalzinierer, Waschstübner, Farbereiber, Oxydmacher u. s. w., die alle den gemeinschaftlichen Namen Farbearbeiter oder Farbebursche führen. Ihre Erzeugnisse sind Smalte, Safflor, Zaffers, Ultramarin. Zum Schmelzen des Kobaltglases dient ein besonders eingerichteter Ofen, in welchen Häfen aus festem, gutem Thon hineingebracht, in welche das Gemenge eingelegt wird, um dies eben darin zu Glas zu verschmelzen. Das Kobaltoxyd giebt mit Säure Salze, welche rot gefärbt sind. Die zur Herstellung der Farben nötigen Hauptmaterialien sind: die Kobalterze, Pottasche, Quarz, Arseniksäure als Zuschlag. Die Kobalterze sind entweder schon oxydiert oder müssen oxydiert werden. Dieselben werden zuvörderst gesaigert und dann geröstet, was in besondern Öfen geschieht; das geröstete Erz wird gesiebt und so zur weiteren Verarbeitung aufbewahrt. Der Quarz wird »gebrannt« und dann »gepocht«. Das Gemenge wird im Schmelzofen geschmolzen, was gewöhnlich 8 Stunden dauert. Ist die Masse flüssig, so schöpft man das Glas mit eisernen Löffeln und bringt es in einen daneben stehenden Trog mit Wasser zum »Abschrecken«. Unter dem Glase befindet sich im Schmelzhafen die leichter flüssige »Speise«, welche nicht »abgeschreckt«, sondern in eisernen Eingüssen, in Form von Schüsseln, hart an dem Ofen eingesenkt, aufgesammelt wird. Die abgeschreckten blanken Gläser werden aus dem Troge genommen und unter Pochstempeln gepocht, dann gesiebt, auf Mühlen mit Wasser vermahlen. Der so gewonnene Schlamm kommt in ein Waschfaß, wo die Abscheidung der Farben durch Niederschlagen erfolgt. Die über dem Niederschlage stehende Flüssigkeit wird in die »Eschelfässer« abgezapft, in denen man den »Eschel« gewinnt. Die gewonnene Farbe sowohl als der Eschel werden wiederholt von den Waschstübnern verwaschen, bis alles rein ist. Das trübe Wasser, vom Verwaschen der Eschel bläulichgrau aussehend, setzt zuletzt den schlechtesten Eschel in den »Sumpf« ab, d. i. »Sumpfeschel«, der den Glasgemengen wieder beigesetzt wird. Die Farben und Eschel werden getrocknet, sowohl in den geheizten Trockenstuben als auch von der Luft in Trockenhäusern, dann zerrieben und gesiebt.
Jedes Werk wird verwaltet vom Faktor, dem bei dem königlichen Werke noch ein Chemiker, bei dem Privatwerke zu Pfannenstiel noch ein technischer Faktor (zugleich mit für das Schindlersche Werk) beigegeben ist. Die Farbenbereitung leiten die Blaufarbenmeister. Sämtliche Blaufarbenwerker müssen beim Läuten des Hüttenglöckleins punkt 5 Uhr im Werke eintreffen: zuerst wird gebetet und gesungen, um 6 Uhr ist alles in voller Thätigkeit. Abends um 6 Uhr, nachdem wieder gebetet und gesungen worden, wird Schicht gemacht. Die Arbeiter haben bei Paraden ihre besondere Tracht, bestehend in einem weißen Leinwandbergkittel mit blauem Steh- und Hängekragen, weißen Leinwandhosen, blauem Schurz, schwarzem Schachthut, den die Sachsenkokarde ziert. Die Offizianten haben nach ihrem Range ganz die Uniform wie die Bergoffizianten. Ihr Gruß ist »Glück auf«, ihre Zeichen sind Krücke und Kratze. – Jeder Arbeiter beginnt seine Laufbahn als Taglöhner. Zeigt er sich als Taglöhner brav und brauchbar, so wird er »wirklicher Arbeiter« und darf nun als Auszeichnung die weiße Schürze bei der Arbeit tragen.
b. Sage von der Erfindung der Blaufarbenbereitung.
Als im 16. Jahrhundert der Bergsegen des Obererzgebirges jährlich sich verminderte und überall ein Wehgeschrei über den Silberräuber, so oder Kobold nannte man das taube Erz, welches das Silberausbringen erschwerte, sich erhob, da kam Christoph Schürer, eines Apothekers Sohn aus Westfalen, landesflüchtig seines evangelischen Glaubens wegen, nach Schneeberg, wo er, als ein in der Chemie und Naturlehre wohlerfahrener junger Mann, bald eine Anstellung bei den Hütten fand. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft gewann er die Liebe Annas, der Tochter des Hüttenmeisters Rauh, und bald auch durch sein einnehmendes Betragen das Jawort ihres Vaters, sodaß die Hochzeit auf das nächste Bergfest bestimmt wurde. Ehe aber das Bergfest kam, drohte Schürers Unstern alle seine Hoffnungen zu vernichten. Nämlich in seiner Forschgier war er auf den Gedanken geraten, den vielverrufenen Kobold, den verhaßten Silberräuber, durch chemische Zubereitungen zu etwas Nützlichem umzugestalten. Er machte demnach insgeheim in einer Schmelzhütte in Oberschlema vielfache Versuche, und trieb es damit oft die ganze Nacht hindurch, so eifrig, daß er bald in den Verdacht der Alchymisterei und Schwarzkünstelei geriet. Als daher aus Platten in Böhmen, wo er sich bei seinem früheren Aufenthalte daselbst durch seinen Glauben Feinde und durch seine Kenntnisse und sein Ansehen Neider gemacht hatte, mehrfache Klagen einliefen, daß er ein Zauberer, Dieb und Glaspartierer gewesen sei und man seine Auslieferung forderte, gebot der Bürgermeister, ihn zu verhaften. Eben war Schürer in der Schmelzhütte mit seinen Versuchen beschäftigt, da kam der Fron, ihn festzunehmen, fand aber die äußere Thür verschlossen und meldete es dem Bergmeister. Diesen, sowie den Hüttenmeister Rauh und einige Geschworne trieb jetzt die Neugier, mitzugehen. Die Thür wurde aufgesprengt, und mit freudefunkelnden Augen trat der gesuchte Verbrecher den Eintretenden entgegen. Aber wie staunte er, als der Fron ihn griff und ihn einen Zauberer, Dieb und Partierer schalt! »Männer,« rief er, schnell sich fassend, mit fester Stimme, »Männer, prüfet, ehe Ihr entscheidet! Meint Ihr, ich treibe bösen Unfug hier mit schwarzer Kunst, so tretet her! Seht, dies wollte ich gewinnen und, Gott sei Dank, endlich ist's gelungen! Ich meine, es soll dem Lande von großem Nutzen sein!« Somit reichte er ihnen eine Mulde voll feinen, schönblauen Staubmehles hin. Die Bergherren staunten und begehrten zu wissen, wie und woraus er solche schöne Farbe bereitet habe. Schürer zeigte ihnen alles willig und reinigte sich so von dem Verdachte, daß er ein Schwarzkünstler sei. Auch machte es dem Bergmeister so große Freude, daß derselbe versprach, alles zu thun, um Schürers Unschuld gegen die Anklagen der Böhmen zu erweisen. Dies gelang auch dem wackern Manne bald, und Schürer erhielt nun seine Freiheit wieder und kam durch die Erfindung der schönen blauen Farbe, die man anfangs nur blaues Wunder nannte, zu großen Ehren, und als das Bergfest gekommen war, wurde er des Hüttenmeisters glücklicher Eidam!
54. Torfstecherei im Erzgebirge.
Neben dem Filzteiche befindet sich eine beträchtliche Torfstecherei. Man hat schon ums Jahr 1708 im obern Erzgebirge Versuche mit Torfgraben gemacht, z. B. am Kranichsee bei Carlsfeld, bei Scheibenberg und Schneeberg. Aber kein Mensch wollte Torf kaufen, denn man hatte des Holzes genug; und so blieb es bei dem Versuche, der im Jahre 1756 fast ebenso erfolglos wiederholt wurde. Man gab da für 1000 Torfziegel zu stechen 10½ Groschen und verkaufte solche zu 21 Groschen. Aber die Macht des Vorurteils war so groß, daß man den Torf nicht einmal umsonst haben wollte, sodaß viele hunderttausend Stück Ziegel verdarben und zerfielen. Erst seit dem Jahre 1789 wurde auf wiederholte Anordnung des Finanzkollegiums die Torfstecherei am Filzteiche ordentlich in Gang gebracht, und im Jahre 1790 wurden auch Trockenhäuser und Kohlenschauer angelegt. Ein einziger Arbeiter konnte täglich über 1000 Stück stechen; sogar Kinder verdienten dabei ihr Brot, denn man bediente sich ihrer zum Zählen und Aufschlichten der Ziegel. Der Torf, ein aus Wurzeln bestehender Filz, ist schwarzbraun. Die Ziegel wurden in den 4 großen Trockenhäusern gedörrt und dann nach Schneeberg ins Torfmagazin geschafft. Man verkohlte deren viele Hunderttausende in Meilern zu 36 000 Stück. Im Jahre 1795 wurden 1000 Stück zu 8 Groschen verkauft. – Nicht weit vom Filzteiche ist auf Johannisgrüner Revier im Jahre 1791 eine zweite Torfstecherei angelegt worden. Die Torffeuerung ist in Sachsen schon seit dem Jahre 1560 bekannt.
Nach Schumann.
55. Die Auer Porzellanerde.
Bei Aue wurde noch am Anfange dieses Jahrhunderts in der Fundgrube des Weißen St. Andreas weiße Thonerde bergwerksmäßig gewonnen und zur Verfertigung des Meißener Porzellans verwendet. Es fuhren außer dem Steiger täglich 32 Bergleute an. Die Erde oder das »Weiße Zeug« wurde getrocknet, von wilden Arten oder Beimischungen geschieden, und fässerweise wurden aller 14 Tage gegen 120 Zentner durch zwei verpflichtete Fuhrleute nach Meißen geschafft. Die Fässer waren umschnürt und wohlversiegelt. Die Erde durfte nicht außer Lande geschafft werden, ja auf der Zeche selbst bekam man sie kaum zu sehen. In die Gruben, Trocken- und Vorratshäuser durfte niemand ohne Erlaubnis. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Ausfuhr des weißen Thons der Auer Gegend anfänglich bei großer Geldstrafe und im Jahre 1745 sogar beim Strange verboten. Im 7jährigen Kriege ließ Friedrich der Große mehrere Wagen voll Auer Erde nach Berlin schaffen, um sie untersuchen zu lassen, damit er in seinen Ländern nach ähnlicher graben lasse. Es entstand auch daraufhin die Berliner Porzellanfabrik.
Nach Schumann.
56. Die Spitzenklöppelei im Erzgebirge.
a. Barbara Uttmann.
O rauhes Erzgebirge, von Sturm und Frost gewiegt, Wohl klagt die Armut, weinend an deine Brust geschmiegt. Doch reich wie du im Innern an stufigblankem Erz, Schmückt dich auch, gottergeben, manch treues Menschenherz. Doch all dein Seelenreichtum und all dein Herzenswert In einer Frauenblume ward wunderhold verklärt. Sie stieg aus deinen Gründen als tröstend mildes Licht, Das um den Herd des Elends das Band der Liebe flicht. Das Band der Menschenliebe: denn sieh, da Nächte lang Sie still in Mitleidsthränen nach Kraft von oben rang, Gott bittend, sie zu lehren ein Werk, das fromm und frei, Die fleiß'ge Hand belohnend, der Armut Labung sei. Sie, als sie stand früh morgens im kalten Kämmerlein, Durch winterliche Scheiben umhaucht von Frührotschein, Ihr dämmerdunkles Sinnen ward plötzlich auch zum Tag: »Ich hab's, ich hab's gefunden, wenn Gott mir helfen mag! Du blumiges Gewebe an dir, lieb Fensterlein, Du bist der Hauch des Engels, der mir will gnädig sein! Lehr' mich, gefrorner Odem, nachahmen dein Gewand – Gewonnen sei den Bergen die Kunst vom Niederland!« Und emsig, fromm und freudig regt Hand und Nadel sich. Vergeblich mancher Anfang, umsonst wohl mancher Stich! Doch endlich, fest und sicher, gelingt's dem treuen Fleiß. Es ranken sich zu Blumen die Spitzen fein und weiß! Und aus den Hütten jubelnd herbei kommt klein und groß. Welch emsig Müh'n und Schaffen rings um der Mutter Schoß! Herdflammen knistern fröhlich, die Müh lohnt fern und nah: Das kam vom Segenswirken der edlen Barbara! Zu Annaberg, im Kirchhof, leis' rauscht der Lindenbaum, In schlanken Wipfeln flüstert's, wie sel'ger Geister Traum. Treu dankbar netzt den Hügel der Armut Thränentau Und preist des Erzgebirges verklärte Engelsfrau!
Richard v. Meerheimb.
b. Das Spitzenklöppeln im Obererzgebirge.
Aus früherer Zeit wird uns über das Spitzenklöppeln im Erzgebirge folgendes Bild von Berthold Sigismund entworfen:
Im Obererzgebirge sieht man fast hinter jedem Hüttenfenster eifrige Klöpplerinnen. In der schönen Jahreszeit trifft man ganze Gesellschaften von klöppelnden Frauen, Mädchen und Kindern im Freien. Im Winter kommen die Klöppelmädchen abends zusammen und arbeiten gemeinschaftlich, wie anderwärts die Spinnerinnen. Die Haltung der Klöpplerinnen ist allerdings nicht sonderlich anmutig, indem sie beim Arbeiten den Oberkörper, ähnlich wie beim Schreiben, etwas vorbeugen. Die gewandten Bewegungen der Hände aber lassen sich ebenso schwer darstellen, wie der flüchtige Tanz der Finger des Klavierspielers. Die Handhabung der Nadeln beim Stricken ist nichts im Vergleiche zum Gebrauche der Klöppel beim Spitzenanfertigen. Die Verwunderung über die Kunstfertigkeit der Klöppelhände wird noch gesteigert, wenn man das äußerst schlichte Werkzeug sieht, dessen die Klöpplerin sich bedient. Sie sitzt vor einem walzenförmigen, einen Fuß langen, mit Kattun umhüllten Polster, dem sogenannten Klöppelsack oder Klöppelkissen, das mit einer großen Anzahl von Stecknadeln gespickt ist. Der Klöppel selbst ist ein 10 cm langes, zur Form eines Trommelstockes gedrechseltes Holzstück, über welches das »Tütle«, eine dünne hölzerne Hülse von 4 cm Länge, gesteckt ist, damit der um den Klöppel gewickelte Faden nicht beschmutzt wird. Einen solchen Klöppel mit Tütle kauft man um einige Pfennige. Das Köpfchen ziert eine Perle. Jede Klöpplerin sucht ihren Stolz in einer bunten Mannigfaltigkeit der letzteren. Zu schmalen Spitzen gehören 2–4, zu breiten wohl 100 Paare. Um die Mitte des Kissens ist ein Streifen starken Papiers, auf welchen das Muster durch Nadelstiche vorgezeichnet ist, der sogenannte Klöppelbrief, geschlungen. Zunächst werden soviele Fäden, als das Muster erfordert, auf ebensoviele Klöppel aufgewunden, die freien Enden in einen Knoten geschürzt und auf dem Kissen befestigt. Dann beginnt das Klöppeln, welches im wesentlichen nicht anders ist, als eine kunstvolle Art zu flechten. Die Arbeiterin faßt mit den Fingerspitzen bald der rechten, bald der linken Hand mehrere Klöppel, wickelt durch gewandte Drehung derselben etwas Faden ab und kreuzt die Fäden durch einen »Schlag« zu einer Art Knoten. Die so gebildeten Maschen werden zeitweilig durch bunte, glasköpfige Stecknadeln an dem Klöppelbriefe festgehalten. Rasch beseitigt nun die Hand diejenigen Klöppelpaare, welche eben gebraucht wurden und bis auf weiteres entbehrlich sind, dadurch, daß sie dieselben mit einer großen Aufstecknadel seitlich am Kissen feststeckt. Dann nimmt sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit aus der Menge der Klöppel, die alle gleich aussehen und nicht an Nummern oder sonstigen Zeichen kenntlich sind, andere Paare heraus, um damit weiter zu arbeiten. – Es ist begreiflich, daß die Fertigkeit, mit welcher die Klöpplerin für jede Nadel den rechten Klöppel findet und benutzt, nur durch Übung von frühester Jugend an errungen werden kann, weshalb auch Kinder schon im vierten und fünften Lebensjahre zu klöppeln anfangen. Auch sorgen für Erlernung der erzgebirgischen Kunst außer den Familien mehrere vom Staate unterstützte Klöppelschulen.
Nach Berthold Sigismund.
c. Die Namen der Spitzenmuster.
Erbsgrund, Batzen, Wickelkind, Töpfe, worin Blumen sind, Rohrstuhl, Mücken, Steingeränder, Wanzen und auch Schlangenbänder, Auch Pantoffeln, Hirschgeweih, Quärche, Schwanzbirn, Stickerei, Hummeln, türkisch zahm gemacht, Schneeball gar in schwarzer Pracht, Himmelswägel, Stiefelknecht, Maul vom Frosch – ist auch nicht schlecht –, Katzenbuckel, Kuchenschieber, Wässerle, bald hell, bald trüber, Hacke, um das Kraut zu reißen, Kirchenfenster und Hufeisen Derart nennen, die da schwitzen An den Klöppeln, ihre Spitzen.
Nach Dr. Otto Krause.
d. Maria im Erzgebirge.
Ein armes Mädchen mußte durch Klöppeln für sich und die alte Mutter das kärgliche tägliche Brot erwerben. Da wurde ihm einst von der reichen Edelfrau, der Besitzerin ausgedehnter Güter und ihrer Herrin, der Auftrag erteilt, für sie in einer bestimmten kurzen Frist ein reiches Spitzenkleid zu fertigen. Wenn die arme Klöpplerin ihre Aufgabe pünktlich und zur Zufriedenheit ihrer Herrin löste, sollte ihr reicher Lohn werden; beim Gegenteile erwartet sie dagegen Spott und bitterer Hohn. Die arme Klöpplerin saß Tag und Nacht bei ihrer Arbeit. Doch als die sechste Nacht kam, da konnte sie sich nicht mehr des Schlafes erwehren, und sie wankte todmüde an das Bett der Mutter hin. Aber wunderbare Träume zogen jetzt wie ein Frühlingshauch durch ihre Seele. Die ärmliche Stube erglühte in rosenrotem Schein, und leise trat eine holde Frau ein mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Es war die Himmelskönigin Maria. Dieselbe setzte sich an das Klöppelkissen, und die Klöppel flogen so zauberhaft, wie es dem Mädchen nie gelungen war, sodaß vor Anbruch des Tages das reichste Spitzenkleid vollendet dalag. Als das also träumende Mädchen aus dem Schlafe erwachte, stand bereits die Sonne hoch am Himmel. In Wirklichkeit aber, wie der Traum es gezeigt hatte, war das Spitzenkleid fertig und die Klöpplerin trug es frohen Mutes hinauf zum Schlosse. Da freute sich die stolze Herrin und belohnte die Arbeit so reichlich, wie nie zuvor. In dem Kleide jedoch war Gottes Segen eingewoben, welcher in der Folge nicht nur der strengen Edelfrau, sondern auch der armen Klöpplerin zu teil wurde.
Nach Bowitsch und Dr. Köhler.
e. Die jetzigen Klöppelschulen.
In der Kreishauptmannschaft Zwickau bestehen 27 vom Staate beaufsichtigte und unterstützte Spitzenklöppelschulen. Die Orte, in denen sich die Schulen befinden, sind: Albernau, Aue, Bermsgrün, Breitenbrunn, Crandorf, Elterlein, Grünhain, Hammerunterwiesenthal, Haßlau (I und II), Hundshübel, Jöhstadt, Neustädtel, Oberwiesenthal, Planitz (I und II), Pöhla, Rittersgrün (I, II und III), Rothenkirchen, Schlema, Schneeberg, Schwarzenberg, Unterwiesenthal, Wilkau (Abteilung A und B) und Zschorlau. Diese Schulen wurden im Jahre 1896 von 1303 Schülerinnen besucht. Der gesamte Arbeitsverdienst betrug 30 177 M 48 Pf, durchschnittlich 23 M 16 Pf. Die gesamten Einnahmen beliefen sich auf 22 718 M 36 Pf und die Ausgaben auf 20 717 M 51 Pf. Als Staatsbeihilfen wurden 15 580 M gewährt. Das Gesamtsparguthaben der Klöppelschülerinnen bestand am Schlusse des Jahres 1896 in 29 935 M 45 Pf. In der Kreishauptmannschaft Dresden besteht nur eine Spitzenklöppelschule, nämlich in Brand bei Freiberg. Außerdem besteht in Schneeberg die Königl. Spitzenklöppelmusterschule.
57. Der ehemalige Hausierhandel im Erzgebirge.
Zahlreiche Erzgebirger früherer Zeit wanderten in jedem Jahre monatelang gleich Zugvögeln in die Fremde, um dann wieder zur heimischen Scholle zurückzukehren, die ihnen als das schönste Erdenfleckchen erschien und darum über alles teuer war.
Die im Anschlusse an den erzgebirgischen Bergbau auf Eisen und andere Metalle betriebenen Gewerbe erzeugten eine mannigfaltige Menge von Gegenständen. Zahlreiche Bewohner fanden nicht nur unmittelbar beim Eisenbergbau, sondern auch in den Hammerwerken, Walz- und Drahtwerken, sowie bei der weiteren Bearbeitung des Eisens und Stahls zu Löffeln, Nägeln, Nadeln, Schneidewerkzeugen Beschäftigung und Brot. Neben den Waren aus verzinntem Blech wurden auch solche aus Schwarzblech gefertigt. Im Raschauer Grunde war die Nagelfabrikation ein Jahrhunderte alter Erwerbszweig.
Alle die genannten Erzeugnisse der Handarbeit unserer Erzgebirger wurden nun von zahlreichen Personen im Kleinhandel vertrieben. So bildete sich ein Wanderleben, das lange Zeit eine Eigentümlichkeit vieler Bewohner des Erzgebirges gewesen ist. Schon 1628 besuchten die Bockauer mit hölzernen und blechernen Waren die Jahrmärkte viele Meilen weit. Im 17. Jahrhunderte führten die Händler auch Eisenwaren mit sich.
Die mit Blechwaren hausierenden Schönheider nannte man »Röhrenschieber«. Mit ihnen waren es auch Bärenwalder, Bernsbacher und Beierfelder, welche auf Schiebkarren oder kleinen selbstgezogenen Wagen die schwarzen Blech- und Eisenwaren von Ort zu Ort fuhren und so lange von ihrem Dorfe fortblieben, bis sie alles verkauft hatten.
Neben den Haarnadeln und anderen in das Nadlergewerbe einschlagenden, aus Stahl gefertigten Gegenständen lieferte Oberwiesenthal vor etwa 100 Jahren besonders auch Stecknadeln, zu denen der Messingdraht aus Rodewisch bezogen wurde.
Unter den von erzgebirgischen Hausierern geführten Waren sind auch Farben aus den obererzgebirgischen Blaufarbenwerken gewesen.
Als Landreisende können wir die Bergfertigen, alten oder kranken Bergleute bezeichnen, welche mit Nachbildungen von Berg- und Pochwerken umherzogen, um sie bei Jahrmärkten auf den Straßen, in Wirtsstuben oder in den Schulen zu zeigen und zu erklären.
Als der Bergbau erlag, wandte man sich vielfach anderer Beschäftigung zu. Zunächst bot der Wald mit seinem billigen Holze dazu Gelegenheit. Aus kleinen Anfängen entstand die Holzwarenindustrie. »Seiffner Waren« nannte man die Schachteln, Nadelbüchsen, Knöpfe, Spindeln und dergleichen. Im Vogtlande nicht nur, auch im Erzgebirge und besonders im Amte Schwarzenberg fanden viele Bewohner durch Pechsieden und Rußbrennen Beschäftigung und Verdienst.
Die Rußbuttenmänner zogen Handel treibend im Lande umher. 1501 erhielt Wilhelm von Tettau durch den Kurfürsten Friedrich den Weisen die Belehnung über die Pechwälder der Herrschaft Schwarzenberg. In der Neuzeit ist das Pechsieden untersagt.
Wie die Rußbuttenmänner, so sind auch die Bernsbacher, Beierfelder, Neuhausener, Oberwiesenthaler und Wolkensteiner Händler mit Feuerschwamm verschwunden. Der aus Buchenschwämmen bereitete Feuerschwamm wurde nicht nur auf Messen und Jahrmärkten, sondern auch im Hausierhandel verkauft.
In Lauter bildet noch gegenwärtig die Korbflechterei einen hervorragenden Erwerbszweig. Nicht nur aus Weidenruten, auch aus Holzspänen und Wurzeln verfertigt man Körbe.
Besonders zahlreich waren die mit allerhand Arzneien, Ölen umherziehenden Händler. Ihre Absatzgebiete waren außer den sächsischen Erblanden die Ober- und Niederlausitz, Thüringen, Bayern, Mecklenburg, Polen, Schwaben, Schweden, selbst die Türkei. Ausgedehnt war besonders der Handel mit Schneeberger Schnupftabak. Der Hauptort seiner Herstellung war Bockau. Aus heilkräftigen Kräutern wurden allerhand Arzneien von den »Laboranten« hergestellt. 1782 waren in Bockau 20 »Laboratorien« im Gange. Noch 1799 beschäftigten sich 41 Personen mit Herstellung von Arzneien oder dem Wurzel- und Kräuterhandel. Der Handel blühte besonders am Anfange unseres Jahrhunderts in Bockau, Eibenstock, Sosa, Jöhstadt, Jugel, Neudorf, Crottendorf, Johanngeorgenstadt, Hundshübel, Lauter, Schneeberg.
Von dem Boden und seinen Erzeugnissen unabhängig entstanden die Spitzenklöppelei, Posamenten- und Bürstenfabrikation. Auch diese Erwerbszweige waren auf die Hausierer angewiesen, welche die Waren an den Mann brachten.
Viele Hunderte zogen noch am Anfange unseres Jahrhunderts fast den größten Teil des Jahres mit Blechwaren, blauer Farbe, Schwefel, mit Spielzeug, Bändern und Spitzen, mit Schneeberger Schnupftabak, Pillen und Pflastern, Schönheider Pinseln und Bürsten umher. Aber zum Winter kehrten sie heim, wie die Strichvögel, und verzehrten, umnebelt von Dünsten des vaterländischen Bodens, von Hütten und Hohofendampf, und oft in verschneiter Heimat den sauer erworbenen Verdienst mit Weib und Kind.
Nach Dr. Köhler und Engelhardt.
58. Die erste Baumwollspinnerei Sachsens.
Die Zeiten, in welchen die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden während der langen Winterabende am Spinnrade saß und spann, sind vorüber; nur dem Namen nach hat sich das Andenken daran in verschiedenen Gegenden erhalten. »Sie geht zu Rocken,« sagt man wohl noch heutzutage im Gebirge, wenn die Nachbarin die andere besucht; indes hier ist an Stelle des Spinnrades und des Rockens oder der Kunkel das »Böckel« getreten, worauf die »schwarze Arbeit«, welche zum Verzieren der Frauenkleider dient, aufgerollt wird. In den Dörfern des oberen Vogtlandes wird noch immer fleißig Leinengarn gesponnen, von den ländlichen Webern gewebt und gebleicht, zu Leib-, Tisch- und Bettwäsche, sowie indigoblau gefärbt, zu Schürzen und Taschentüchern verwendet. Das in den altdeutschen Einrichtungen unseres Jahrzehntes aufgestellte Spinnrad ist bloß ein stilvolles Zierstück. Das Spinnen der Baumwolle dagegen besorgen die großen Spinnereien, die sich überall in unserem Gebirge, wo irgend eine genügende Wasserkraft vorhanden war, angesiedelt haben. Und doch sind noch nicht hundert Jahre verstrichen, seitdem es überhaupt in Sachsen Spinnereien giebt!
Die Erfindung der Maschinenspinnerei ist bekanntlich eine englische; man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu. Doch haben spätere Nachforschungen ergeben, daß Arkwright wohl ein großer Verbesserer, aber nicht der Erfinder der Spinnerei gewesen ist. Schon im Jahre 1730 spann Wyatt in Litchfield einen Baumwollfaden ohne Hilfe der Finger; doch hatte sein Versuch keine weiteren Folgen. Im Königreiche Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kleine Handmaschinen zum Spinnen der Baumwolle in Gebrauch. Gegen Ende des Jahrhunderts führte Karl Friedrich Bernhard das englische Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren Mulemaschinen; sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau bei Chemnitz durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da Watson als bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu bringen wußte, namentlich, so wird erzählt, die Trommelschnur nicht aufzuziehen verstand, wurde im März des Jahres 1802 der englische Spinner Evan Evans herübergezogen, der auch alsbald auf den Maschinen Garn spann. K. F. Bernhard hatte sich im Jahre 1801 mit seinem Bruder Ludwig vereinigt, und sie führten die Firma: Gebrüder Bernhard.
Evan Evans war 1765 in Llangeblidt in Caernavonshire in Nord-Wales, Großbritannien, geboren und kam aus Manchester 1802 im März als Werkmeister nach Harthau. Bei Gebrüder Bernhard, denen das Verdienst des Unternehmens gebührt, spann er auf neu von ihm hergestellten Maschinen die ersten Mulgarne, erfand hier die so weit verbreitete Spindelschleifmaschine, ehe eine dergleichen in England vorhanden war, erhielt auch dafür von der sächsischen Staatsregierung außer 400 Thalern Prämie eine Verdienstmedaille. Er war zugleich der Lehrer der ersten Spinner in Sachsen. Im Jahre 1806 fing er an, zu Dittersdorf selbständig sich mit Maschinenbauen zu beschäftigen, wählte aber 1809 Geyer zur Fortsetzung seiner zu immer höherer Anerkennung gelangenden Arbeiten. Evan Evans fertigte die Maschinen für eine Menge neu entstehender Fabriken in Erfenschlag, Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau, Lugau, Plaue, Schlettau u. a., auch für viele kleinere Unternehmungen im Erzgebirge und im Vogtlande, sowie in und um Chemnitz. Im Jahre 1810 brachte er die selbsterfundene, später vielfach nachgeahmte Maschine zum Cylinderreifeln am Wasser in Gang, während man sich damals selbst in England noch der Handarbeit dazu bediente. Zwei Jahre später legte Evans den Grund zu seiner eigenen Fabrik in Siebenhöfen. 1823 brachte er die erste sächsische Spulmaschine (Flyer) nach eigener Erfindung in Gang und empfing dafür von der Regierung eine Belohnung von 500 Thalern. Ebenso erfand er eine andere Spulmaschine zum Abwickeln des Garns, deren Nachahmungen weit verbreitet waren. Auf der Dresdener Ausstellung von sächsischen Gewerbeerzeugnissen erhielt der rührige Spinnmeister und Fabrikbesitzer die Große silberne Medaille auf ein Bündel von baumwollenem, rohem, zweidrähtigem Zwirn. Der amtliche Bericht meldet darüber, daß die ausgezeichnete Beschaffenheit des Fadens, sowohl hinsichtlich der Gleichmäßigkeit, als auch der Haltbarkeit alles zu übertreffen scheine, was bisher in dieser Art in Sachsen geleistet worden sei. Evan Evans ist in einem Alter von 79 Jahren am 9. Dezember 1844 gestorben und auf dem Friedhofe neben der Hauptkirche zu Geyer beerdigt worden.
Der Ruhm der Evansschen Spinnerei lebte unter Eli Evans, einem Sohne des Gründers, lange Zeit fort. 1845 erhielt die Spinnerei auf der Dresdener Ausstellung die goldene Medaille für die zweidrähtigen Zwirne (Lacedreath) Nr. 70 bis Nr. 120. Sie erschienen nicht nur an sich vollkommen, sondern auch in dieser Vollkommenheit und in Darstellung der höheren Nummern in ganz Deutschland als einzig in ihrer Art, und auch die Preise stellten sich verhältnismäßig billig. Eli Evans war Mitglied der sächsischen Kammer und des deutschen Parlaments.
Evan Evans war im Kreise seiner Bekannten geschätzt und verehrt als ein Mann von seltener Redlichkeit und Hoheit der Gesinnung, bewährt unter allen Wechseln der Zeit. Pastor Blüher hat in der »Leipziger Zeitung« zur Errichtung eines Denkmals für Evan Evans aufgefordert. Dasselbe sollte an der Stelle, wo der um Sachsen hochverdiente Mann seinen letzten Schlummer schläft, in Geyer, errichtet werden, wo er sich durch Thätigkeit seines rastlosen Geistes die Mittel zur Begründung der eigenen Fabrik in dem angrenzenden Siebenhöfen erworben, in Geyer, welches ihm immer als seine zweite Heimat galt, und wo er sich neben Gattin und Enkeln seine Ruhestätte gewählt hatte.
Die erwerbslosen Jahre ließen den Vorschlag Blühers nicht zur Reife gedeihen. Der gesammelte Betrag wurde zu einer Evansstiftung an den technischen Staatslehranstalten in Chemnitz verwendet. Die Saat, die Evans gestreut, grünt und blüht noch heute im Erzgebirge und im ganzen Königreiche Sachsen fort. Zwar ist in dem mächtigen, von dorischen Halbsäulen flankierten Baue in Siebenhöfen jetzt eine Pappenfabrik und Prägeanstalt untergebracht, aber es haben sich doch an den Ufern der Zschopau und ihrer Zuflüsse, zu denen auch der Geyersche Stadtbach zu rechnen ist, der kurz unterhalb der »Evansschen« Fabrik einmündet, die größten und bedeutendsten Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.
Zu den beiden Faktoren, Steinkohle und Eisen, welche die Welt regieren, ist als dritter die Baumwolle hinzugekommen. Der dünne, baumwollene Faden bildet eine starke Kette von Erdteil zu Erdteil, von Volk zu Volk, von Werkstatt zu Werkstatt. Tausend fleißige Hände müssen sich regen, ehe die Baumwolle verarbeitet zu dem Pflanzer und Erbauer derselben zurückkehrt. Ein Neger z. B. arbeitet in einer Plantage Brasiliens. Die gewonnene Baumwolle wird dem Händler eingeliefert, wandert über den Ozean und kommt in eine erzgebirgische Spinnerei. Als gesponnenes Garn geht sie nach Thum, wird hier gewirkt, und eine Chemnitzer Weltfirma schickt sie über das Weltmeer zurück nach Amerika, und hier gelangt sie schließlich als Strumpf wieder in die Hände desjenigen Negers, welcher sie seiner Zeit als Wolle in der Kapsel von der Staude pflückte.
Nach Lungwitz.
59. Die gegenwärtigen Industriezweige im oberen Erzgebirge.
Im 16. Jahrhunderte verpflanzten ausgewanderte Schweizer die Musselin- und Schleierweberei nach dem Vogtlande und dem daranliegenden Erzgebirge. Nach den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges vermehrte sich die Bevölkerung hier eher wieder, als in anderen, weit besser gelegenen Landschaften. Wesentlich trug dazu die Einwanderung von böhmischen Protestanten bei, welche, ihres Glaubens wegen aus der Heimat vertrieben, sich in den verödeten erzgebirgischen Orten ansiedelten und neuen Unternehmungsgeist und neue Arbeitskraft mitbrachten. Während in anderen Bezirken damals manches zerstörte Dorf als Wüstung liegen blieb, entstand im Erzgebirge sogar eine neue Stadt, Johanngeorgenstadt; denn dieses ist nur wenige Jahre nach dem Westfälischen Friedensschlusse, im Jahre 1654, von böhmischen Vertriebenen angelegt worden.
Doch half auch zur Hebung des Gebirges, daß in den nächsten Jahrzehnten neue Erwerbszweige aufkamen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde Chemnitz und Umgegend der Sitz einer bedeutenden Baumwoll-Industrie, der sich später die Wollindustrie anschloß. Der damalige Faden war Handgespinst, und es mußten Tausende von Leuten sich rühren, um den Bedarf an Garn zu decken. Später fertigte man den Faden auf Handmaschinen, von denen jede 10–30 Spulen zählte. Noch zu Anfange unseres Jahrhunderts gab es 18 000 Menschen, welche auf solche Art Baumwolle spannen. – Zu der Spinnerei gesellte sich die Weberei und Strumpfwirkerei. Vor dem Dreißigjährigen Kriege hatte in Chemnitz außer der Leinweberei die von Niederländern eingebürgerte Tuchmacherei geblüht. Nunmehr wandte man sich mit Erfolg der Baumwollweberei zu und fertigte anfangs 1717 Barchent und dann 1725 Musseline und Kattune und allerlei bunte Waren. Fünfzig Jahre nach dem Betreten der neuen Bahn mögen in und um Chemnitz 2000 Handstühle in Thätigkeit gewesen sein. Die Strumpfwirkerei war in Chemnitz schon 1728 eingeführt worden. Sie gewann aber erst große Bedeutung, als es dem Kaufmann Esche in Limbach 1776 gelungen war, mit Hilfe zweier geschickter Arbeiter den von dem Engländer Lee erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen.
Auch das erzgebirgische Frauengewerbe erhielt im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Zugabe. Die aus Bialystock gebürtige Klara Angermann, welche sich mit dem Förster Nollain in Eibenstock vermählte, hatte in einem polnischen Kloster das Tambourieren oder Sticken mit einer Häkelnadel gelernt und verpflanzte es 1775 nach Eibenstock.
Rechnet man zu dem allen, daß der Bergbau durch die 1765 in Freiberg errichtete Bergakademie zur Wissenschaft erhoben wurde und man nun im stande war, einen größeren »Teufen« abzubauen und minder edle Erze zu verhütten, so wird man begreifen, daß schon im verflossenen Jahrhunderte das Erzgebirge ein Hauptindustriegebiet für Sachsen, ja für ganz Deutschland wurde. Dabei ist jedoch anzuerkennen, daß die Großindustrie erst seit Anwendung der Maschinen und der Einführung des fabrikmäßigen kaufmännischen Betriebes entstanden ist. Der Gebrauch der Spinnmaschine, die 1775 durch Richard Arkwright in England verbessert wurde, die Anwendung des Jacquard- und des Kraft- oder mechanischen Webstuhles wirkten entscheidend. Trotzdem daß die Handspinnmaschinen in die Rumpelkammer verwiesen, das Weberschifflein der Hand des Arbeiters entzogen und der gewöhnliche Strumpfwirkerstuhl auf gewisse Arbeiten beschränkt wurde, so wuchs die Erzeugung von Waren doch ungemein und wurden überhaupt viel mehr Leute beschäftigt denn früher.
Auch bei der Klöppelei und Stickerei traten Maschinen auf, so die 1809 von Heathcoat in Nottingham erfundene und rasch vervollkommnete Bobbinetmaschine, welche einfache Spitzen sehr billig herstellt, und ferner die von den Schweizern aufgebrachte Stickmaschine, welche 200–500 Nadeln durch einen Hebeldruck in Bewegung setzt und darum nicht zu verwickelte Muster um einen geringen Preis liefert. Beide Maschinen machten der Frauenarbeit gefährlichen Wettbewerb, drückten die Löhne herab und drohten, der weiblichen Hand, welche früher das Spinnrad und neuerdings durch die Strick- und Nähmaschine fast das Strick- und Nähzeug verloren hat, auch den Klöppel und die Sticknadel zu entwinden. Aber durch den Übergang zu künstlicheren Mustern und die Verbindung von Maschinen- und Handarbeit ist es ihr dennoch gelungen, sich neben und mit den Maschinen zu behaupten.
Im Sehmathale herrscht die Posamentenerzeugung als Hausindustrie und zieht sich in starkbevölkerten Dörfern über Annaberg und Buchholz bis zu dem Fichtelberge hinauf, an dessen Fuße die vier Städtlein Wiesenthal liegen. Die Mannigfaltigkeit der Posamentenerzeugung läßt sich nur andeuten; alles, was Kleiderbesatz und Garnitur heißt, Ornamente, Knopf, Borte, Franse, Quaste, Schnur, wird gewirkt und geschlungen, gedreht und genäht. Geht das Geschäft flott, wie 1844–1849, in den 60er Jahren, auch in den ersten 70er Jahren noch, dann sind Tausende von Posamentierstühlen, Hunderte von Mühlstühlen und Chenillemaschinen im Gange. Im Jahre 1863 hat ein Annaberger Geschäft für 600 000 Mark umgesetzt. Die Jahresausfuhr nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, welches ein Konsulat in Annaberg unterhält, beträgt ungefähr 5½ Mill. Mark. Annaberg hat über 100, Buchholz 30 Posamenten- und Spitzenhandlungen, Buchholz 100 Posamentenfabrikanten und Verleger. In Annaberg wohnen über 600, in Buchholz über 450 Posamentierer. In beiden Städten giebt es zusammen 20 Schnurenfabriken. Besonders merkwürdige Erzeugnisse sind Gold- und Silberspitzen in Annaberg und Kleinrückerswalde, sowie gedrehte und geklöppelte Theater- und Uniformschnüre. Je nach der herrschenden Mode werden fast auf dem ganzen Gebirge durch Frauen- und Kinderhände Zwirn-, Woll- und Seidenspitzen geklöppelt. Der Verdienst der Klöpplerinnen ist sehr gering, dennoch mögen manchmal im Annaberg-Buchholzer Arbeitsbezirke 20 000 Klöppelkissen in Thätigkeit gewesen sein. Neue Geschäftszweige, welche bei gänzlichen Modeveränderungen und umfänglichen Geschäftsstockungen allgemeine Notstände nicht mehr aufkommen lassen, sind beispielsweise in Buchholz durch 8 Kartonnagenfabriken und 6 Prägeanstalten vertreten. Da werden Pappkartons, von den einfachsten Apothekerschächtelchen bis zu den feinsten Bonbonnieren und Ostereiern, mit kostbaren Stickereien und Gemälden, Holzkästen, von den billigsten Sparbüchsen und Federkästchen bis zu den schönsten Schreibschatullen, Zigarren- und Nähkästen hergestellt. Die Prägeanstalten liefern aus Gold- und Silberpapier Sargverzierungen, welche das letzte Haus der Sterblichen mit Randschmuck und sinnigen Bildern und Inschriften bedecken und in teueren Formen besonders in Österreich, Ungarn, Spanien und Südamerika beliebt sind, und fertigen aus Silber- und Papierkanevas tausenderlei Unterlagen zu Stickereien, von den Buch- und Lesezeichen an bis zu Lampen-Tellern und -Schirmen, Papierlaternen, Puppenstubenmöbeln und dergleichen. Sie bringen »papierne Zinnsoldaten«, unter dem Christbaume aufzustellende »Krippen«, »Christgeburten«, Jagden u. a. in den Handel. Holzbildhauerwerkstätten liefern Schrankgesimse und Leisten, Sargfüße und Flaschenpfropfen und dergleichen. – Andere Geschäfte versenden Kränze von Moos und trockenen Blumen, andere wieder Sträuße, Borten und Kartons, Papier-Manschetten und -Spitzen. Auf eigenartigen Stühlen werden Perlengewebe, Sessel, Kissen, Ofenschirme und Fußbänke angefertigt, ein Ersatz kostspieliger Stickereien.
In der ganzen Umgegend von Annaberg und Buchholz ist denn auch die Landwirtschaft von untergeordneter, die Industrie von weit überwiegender Bedeutung. Ja, bezeichnend genug für die späte und doch so schnelle Entwickelung des Obererzgebirges ist es, daß man auf der alten Poststraße, ohne mehr als zwei Dörfer zu berühren, zwölf Städte besuchen kann: Annaberg, Buchholz, Schlettau, Scheibenberg, Elterlein, Zwönitz, Geyer, Thum, Ehrenfriedersdorf (Stadt), Wolkenstein, Marienberg, Zöblitz.
Nach Prof. Berlet und Dr. Manke.
60. Ehrentafel berühmter Obererzgebirger.
Das obere Erzgebirge ist die Heimat oder der längere Aufenthaltsort einer Reihe bedeutender Persönlichkeiten gewesen, die für die Kulturentwickelung unseres engeren und weiteren Vaterlandes nicht ohne Bedeutung geblieben sind. Zu ihnen gehören Barbara Uttmann, die das Spitzenklöppeln 1561 in Annaberg bekannt machte, und Klara Angermann, welche in Eibenstock 1775 das Tambourieren einführte. 1589 schon hat Georg Einenkel, angeblich aus Dünkelsbühl in Schwaben, das Posamentiergewerbe in Buchholz eingeführt. 1776 gelang es dem Kaufmann Esche in Limbach, den Strumpfwirkerstuhl den Engländern nachzubauen. In der Nähe von Geyer errichtete 1812 in Siebenhöfen der um die sächsische Baumwollenspinnerei sehr verdiente Evan Evans die erste Baumwollenspinnerei in Sachsen.
Aber außerdem giebt es noch eine Anzahl bekannter Männer des Obererzgebirges, die auf Kunst und Wissenschaft, auf das ganze Geistesleben des sächsischen Volkes nicht ohne Einfluß geblieben sind. Wir gedenken des 1492 geborenen Rechenmeisters Adam Ries aus Staffelstein, der seine Rechenwerke in Annaberg als Bergbeamter schuf. Ferner haben wir den berühmten Rektor der Annaberger Lateinschule, Johannes Rivius, der 1552 in Meißen starb, zu nennen. In Grünhain wurde 1586 Johann Hermann Schein geboren, der Dichter des Liedes: »Mach's mit mir, Herr, nach deiner Güt'.« 1619 ist der Dichter des Liedes: »Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören«, Tobias Clausnitz, in Thum geboren worden. 1726 wurde zu Annaberg der berühmte Kinderfreund Felix Weiße geboren. 1674 stellte in Annaberg auf der Münzgasse in dem ihm vom Kurfürsten Johann Georg II. überlassenen Münzgewölbe der Chemiker Kunkel, als einer der allerersten, Phosphor her.
Zu den erwähnten fügen wir hier noch die Namen eines Mykonius, Sarcerius, Pufendorf, Gottfried Arnold, Kramer und Duflos.
1. Mykonius, ein Geschichtsschreiber der Reformation.
Friedrich Mykonius, eigentlich Mekum genannt, gehört zu der Reihe der deutschen Kirchenreformatoren. Am 24. Dezember 1491 ist er zu Lichtenfels in Oberfranken geboren. Er gehört zu den bekanntesten Schülern der Annaberger Lateinschule und ist als solcher schon berühmt geworden durch sein bekanntes Gespräch mit Tetzel. 1510 trat er ins Annaberger Franziskanerkloster ein, später in das zu Weimar. Er gehört zu den ersten und eifrigsten Anhängern Luthers. 1524 ward er evangelischer Pfarrer in Gotha. Am 2. Juli desselben Jahres predigte er in Buchholz unter großem Andrange. Am 4. Mai 1539 hielt er in Annaberg die erste evangelische Predigt. Als Superintendent von Gotha wirkte er für die Einführung der Reformation in Thüringen, sowie in Leipzig, wohin er 1539 berufen ward. Er nahm am Marburger Religionsgespräche 1529, an dem Schmalkaldner Tage 1537 und auch am Hagenauer Religionsgespräche 1540 teil. Gestorben ist er 1546. Seine Geschichte der Reformation erschien erst 1715 zu Gotha.
Nach Ledderhose.
2. Sarcerius, der Reformator Nassaus.
Am 28. November 1501 wurde in Annaberg einem schlichten Bergmanne Namens Scheurer ein Sohn geboren; das war der ehedem berühmte Erasmus Sarcerius, wie sein Name lateinisch lautet. Der junge Sarcerius besuchte die Lateinschulen Annabergs und Freibergs. In Leipzig und Wittenberg studierte er Philosophie und Theologie. Er gehört zu den eifrigsten Anhängern Luthers und seines Reformationswerkes. Mehreren Schulen hat später Sarcerius entweder als Konrektor oder Rektor vorgestanden; es waren Schulen in Rostock, Lübeck, Dillenburg, Wien und Graz. In Österreich hielt er sich nicht dauernd auf, weil er wegen seines Glaubens Anfeindungen ausgesetzt war. Er kehrte nach Lübeck zurück, wo seit 1531 die Reformation eingeführt worden war. Der Graf Wilhelm der Reiche von Nassau berief ihn in sein Land als Oberpfarrer, weil er die Reformation einzuführen gedachte. Sarcerius wirkte in Nassau erfolgreich zu diesem Zwecke. Da er sich aber dem 1548 von Kaiser Karl V. aufgestellten »Interim« nicht fügte, ging er, seines Amtes entsetzt, nach Annaberg. 1549 ward er Pfarrer an der Leipziger Thomaskirche, 1554 Pfarrer in Eisleben und 1559 Superintendent in Magdeburg. Am 28. November 1559 starb er. Er hat zahlreiche Schriften hinterlassen.
Nach Dr. Röselmüller.
3. Pufendorf, ein Mitbegründer der Wissenschaft des Natur- und Völkerrechtes.
Freiherr Samuel von Pufendorf, einer der Gründer der Wissenschaft des Natur- und Völkerrechtes, ist am 8. Januar 1632 zu Dorfchemnitz geboren. Er besuchte die Fürstenschule zu Grimma, widmete sich dann in Leipzig und Jena dem Studium der Rechte und wurde 1658 Hofmeister im Hause des schwedischen Gesandten Coyet in Kopenhagen. Die Schrift »Elemente der allgemeinen Rechtswissenschaft«, welche 1660 in Haag erschien, bewirkte 1661 seine Berufung zum Professor des Natur- und Völkerrechts an die Universität Heidelberg. Doch schon 1670 folgte Pufendorf einem Rufe an die neue schwedische Universität Lund. Durch weitere Schriften erhob er das Naturrecht zu einer selbständigen Wissenschaft. Für das Verhältnis des Staates zur Kirche schuf er die von allen gegenwärtigen Staaten angenommene Theorie des Kollegialismus. 1686 wurde er nach Stockholm berufen und zum Staatssekretär, königlichen Hofrat und Historiographen ernannt. 1688 begab er sich nach Berlin, wo er von dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg als Historiograph und Kammergerichtsbeisitzer angestellt und 1690 zum Geheimrat ernannt wurde. König Karl XI. von Schweden erhob ihn 1694 in den Freiherrnstand. Er starb am 26. Oktober 1694 in Berlin. Pufendorfs älterer Bruder, Esaias Pufendorf, starb am 26. Oktober 1689 als dänischer Gesandter in Regensburg. Derselbe hat mehrere theologische und historische Schriften veröffentlicht.
Nach Meyers Lexikon.
4. Gottfried Arnold, der Kirchen- und Ketzerhistoriker.
Der lutherische Theologe Gottfried Arnold ist am 5. September 1666 zu Annaberg geboren. Seine Studien machte er in Wittenberg. Im Jahre 1697 ward er Professor der Geschichte in Gießen. Sein Verkehr mit Spener in Dresden regte ihn pietistisch an. In Frankfurt und Quedlinburg kam er durch persönliche Verbindungen zu einem mystischen Separatismus. Er enthielt sich des Kirchenbesuches und verschmähte das heilige Abendmahl. 1698 legte er seine Professur nieder. Später, 1700, hat er sich verheiratet. Da er seine Ansichten geändert hatte, wurde er Hofprediger der verwitweten Herzogin von Sachsen-Eisenach in Allstedt. 1714 starb er in Perleberg als Prediger, nachdem er seit 1707 dort gelebt hatte. Vorher wirkte er seit 1704 als Prediger in Werben. Von Arnold rühren mehrere mystische Schriften her. Geistliche Lieder hat er auch gedichtet. Sein Hauptwerk aber ist die ihrer Zeit schon durch die Darstellung Aufsehen erregende »Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie«, worin er der Ketzerei ein Streben nach wahrem Christentume zuschrieb und ihre Berechtigung durch die Mängel und die Ausbreitung der Kirche nachwies.
Nach Dr. Röselmüller.
5. Kramer, der Kirchenliederdichter.
Der berühmte Kanzelredner und Kirchenliederdichter Johannes Andreas Kramer wurde 1723 in Jöhstadt geboren. Er wurde 1748 Prediger zu Krollwitz bei Magdeburg. 1750 schon treffen wir ihn als Oberhofprediger in Quedlinburg. Seit 1754 ist er deutscher Hofprediger in Kopenhagen und seit 1765 zugleich Professor der Theologie ebenda gewesen. Lübeck berief ihn 1771 zum Superintendenten. Dann ward er 1774 erster Professor der Theologie in Kiel. Hier wurde er 1784 zum Universitätskanzler und Rektor ernannt. Am 12. Juni 1788 starb er in Kiel. – Er stiftete ein homiletisches Institut und ist der Gründer des ersten Schullehrerseminars für Schleswig-Holstein geworden. Auch gab er den Herzogtümern einen verbesserten Katechismus und ein neues Gesangbuch. Am bekanntesten sind unter seinen Werken seine »Sämtlichen Gedichte« und seine »Hinterlassenen Gedichte«, woraus viele Lieder in die Gesangbücher übergegangen sind.
Nach Meyers Lexikon.
6. Duflos, der Vater der Pharmazie.
Im Jahre 1889 starb zu Annaberg der Geheime Rat Professor Dr. Adolf Ferdinand Duflos, Ritter u. s. w. Er stammt aus Artenay bei Orleans in Frankreich und ist am 2. Februar 1802 daselbst geboren. In den Napoleonischen Kriegen kam er mit seinem Vater nach Torgau. Er fand ein Unterkommen bei dem dortigen Rektor Benedict, welcher später die Waise bei seiner Übersiedelung als Rektor der Lateinschule nach Annaberg mit sich nahm. Duflos trat als Lehrling in die Annaberger Apotheke ein. Als einst, den 27. Februar 1817, Apotheker Hertel einen Vortrag über die Beleuchtung durch Gaslicht aus Steinkohlen nebst einigen erläuternden physikalischen Versuchen in der Museumsgesellschaft zu Annaberg hielt, bereitete der damalige Apothekerlehrling Duflos das Gas dazu. Niemand mochte ahnen, zu welcher Bedeutung der 15jährige noch in ganz Deutschland gelangen würde. Er gilt in ganz Deutschland als »Vater der Pharmazie« und ist Verfasser vieler hochgeschätzter chemischer Werke. Seit 1866 lebte er in stiller Zurückgezogenheit in Annaberg. Sein Grab wird zu den berühmtesten des schönen Friedhofes gezählt werden. Er liegt im Brodengeyerschen Schwibbogen.
Nach Fr. Brodengeyer und Ruhsam.
