Erster Abschnitt. Der Zustand der Chirurgie vor Einführung der antiseptischen Wundbehandlung.
Reading edition
Das gegenwärtig lebende und wirkende Geschlecht der Chirurgen hat kaum noch eine Vorstellung von den Zuständen, welchen durch den bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden gewaltigen Umschwung ein Ende gemacht wurde. Seine Bedeutung, welche darin besteht, daß er in dem kurzen Zeitraume eines Menschenalters alle Fehler und Irrungen von zwei Jahrtausenden in der Behandlung der Wunden gutzumachen gewußt hat, kann aber erst völlig erfaßt werden, wenn wir zunächst nicht nur auf den Zustand der Chirurgie, sondern auch auf den der gesamten Medizin jener Zeit einen prüfenden Rückblick werfen.
Kapitel I. Zustand der Gesamtmedizin vor der antiseptischen Wundbehandlung.
Die beschreibende Anatomie war seit Andreas Vesalius die selbstverständliche Grundlage der Chirurgie geblieben, so sehr, daß ein guter Chirurg ohne genaue anatomische Kenntnisse undenkbar gewesen wäre. Eine natürliche Folge war, daß nicht wenige der älteren Chirurgen rein anatomische Untersuchungen veröffentlichten, oder daß sie gar, wie Konrad Martin Langenbeck, Viktor Bruns und Adolf Bardeleben, erst von der Anatomie zur Chirurgie übergingen. Aber an Lehrbüchern der Anatomie war die deutsche Literatur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ziemlich arm; und auch die Lehreinrichtungen für dies Fach, sowie die Art des Unterrichtes ließen in Deutschland sehr viel, zuweilen fast alles zu wünschen übrig. Es waren zwei Männer, welche nahezu gleichzeitig Wandel schufen. Joseph Hyrtl in Prag, später in Wien, wurde mit seinem anziehend geschriebenen, aber in gedrängter Kürze gehaltenen Lehrbuche, welches von 1846 bis 1884 in 17 Auflagen erschienen ist, den meisten deutschen Studenten der Medizin ein zuverlässiger Führer durch die Geheimnisse des menschlichen Körpers. Neben ihm trat Jakob Henle in Zürich, später in Göttingen, im Jahre 1841 mit seiner Allgemeinen Anatomie und von 1855 an mit einem überaus fleißigen dreibändigen Werke auf, welches durch zahlreiche Abbildungen erläutert, für den Chirurgen eine unerschöpfliche Fundgrube anatomischer Anschaulichkeit geworden ist.
Indessen trotz ihrer hohen Bedeutung für die Chirurgie hat die beschreibende Anatomie nur selten neue Anregungen gegeben, zumal seit sie nach der Mitte des Jahrhunderts in der Anthropologie ein neues Feld der Betätigung suchte; denn so sehr letztere und mit ihr die Urgeschichte auch durch sie gefördert wurden, so fiel doch für die Chirurgie ein sichtbarer Nutzen zunächst nicht ab. In erheblichem Maße geschah dies aber durch die topographische Anatomie, deren geschickte und durchweg praktischen Zielen zugewandte Bearbeitung durch Joseph Hyrtl (seit 1847) diesen Zweig der menschlichen Anatomie in Deutschland erst einführte, soweit nicht Chirurgen bereits stückweise Bearbeitungen geliefert hatten. Er hat sich für die Chirurgie als überaus fruchtbar erwiesen. — Auch die Entwicklungsgeschichte wurde seit Robert Remaks Keimblätterlehre durch den Nachweis ihrer Beziehungen zu dem Aufbau einzelner Organe von immer steigender Bedeutung für die praktische Chirurgie.
Nicht das gleiche läßt sich von der feineren Anatomie und der Physiologie sagen. Denn obwohl die gegen Ende der dreißiger Jahre durch Schleiden und Schwann aufgestellte Zellenlehre und die Vervollkommnung der optischen Werkzeuge, zumal des Mikroskopes, eine völlige Umgestaltung der biologischen Anschauungen hervorgerufen hatten, obwohl seitdem alle Körperorgane aufs fleißigste durchforscht wurden, so kamen doch diese Ergebnisse der Chirurgie erst auf dem Umwege über die Physiologie und mehr noch der pathologischen Anatomie zugute. Die Physiologie nämlich, deren Kenntnis zwar von jedem gebildeten Chirurgen vorausgesetzt werden mußte und deren Methoden man in den sechziger Jahren auch für chirurgische Versuche an Tieren bereits zu verwenden begonnen hatte, konnte doch erst darin den vollen, befruchtenden Strom ihres Wissens der Chirurgie zuführen, als sichere Wundbehandlungsmethoden zu Entdeckungsreisen in solche Körpergegenden den Anreiz gaben, die bisher der Hand des Chirurgen verschlossen geblieben waren. Seitdem ging eine Wechselwirkung des Erkennens nicht nur von der Physiologie zur Chirurgie, sondern auch von dieser zu jener.
Viel früher als die Physiologie übte die pathologische Anatomie einen anregenden und belebenden Einfluß auf die Chirurgie aus. Mit Recht sagt Häser (1879), daß die Chirurgie unserer Tage, d. h. im Beginne der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gleich allen übrigen Zweigen der Heilkunde den größten Teil ihres wissenschaftlichen Zuwachses der pathologischen Anatomie verdanke. Zweier Männer Namen werden mit diesem Aufschwunge für immer verknüpft bleiben. Es sind das Karl Rokitansky in Wien, wo er seit 1841 bis zu seinem Tode den Lehrstuhl der pathologischen Anatomie innehatte, und Rudolf Virchow, der, seit 1849 in Würzburg, seit 1856 als ordentlicher Professor der pathologischen Anatomie nach Berlin zurückberufen, nunmehr endgültig die Führung in dieser Wissenschaft übernahm. War durch die Arbeiten beider, zumal des letzteren, die pathologische Anatomie zu dem Range einer echten Naturwissenschaft erhoben worden, so geschah dies in noch reicherem Maße durch den Ausbau der mikroskopischen Pathologie die, durch Virchow allerlei phantastischen Deutungen entrückt, in seiner im Jahre 1858 erschienenen und bis zum Jahre 1871 in vier Auflagen weiter ausgebauten Zellularpathologie, welche zum ersten Male den Lehrsatz: Omnis cellula e cellula aufstellte, eine feste und unverrückbare Grundlage erhalten hatte. Als eine weitere Frucht seiner Forschungen veröffentlichte der Verfasser vom Jahre 1863 an seine leider unvollendet gebliebenen „Krankhaften Geschwülste“. Eine Welle der Befruchtung ergoß sich von diesen Arbeiten aus auf die gesamte praktische Medizin, die, bisher im wesentlichen auf Erfahrungen am Krankenbette gestützt, nunmehr gleichfalls ihren Teil zu den die Medizin umgestaltenden naturwissenschaftlichen Bestrebungen beitrug. Auch für die Chirurgie gilt dies in vollem Umfange, seitdem der erst 29jährige Theodor Billroth als Assistent der Langenbeckschen Klinik und Privatdozent zu Berlin im Jahre 1858 zuerst den Versuch unternahm, in seinen „Beiträgen zur pathologischen Histologie“ die Forschungsergebnisse auf diesem Gebiete für die chirurgische Tätigkeit zu verwerten. In noch weiterem Umfange wirkte sein grundlegendes Werk: „Die allgemeine chirurgische Pathologie und Therapie in 50 Vorlesungen“ vom Jahre 1863, welches zahlreiche Auflagen erlebte und, in die meisten europäischen, selbst in asiatische Sprachen übersetzt, nicht wenig zu dem schnell sich steigernden Ansehen der deutschen Chirurgie im Auslande beitrug. In diesem Werke benutzte Billroth die durch Virchows Arbeiten gewonnenen Anschauungen in geistvoller Weise zu einer neuen Anordnung und Einteilung, sowie zu einer Zusammenfassung sämtlicher Erfahrungen der praktischen Chirurgie. Die hiermit angebahnten Fortschritte sind nur auf dem Unterbau der pathologischen Anatomie möglich geworden.
Die im Beginne der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar nicht zuerst, aber nunmehr systematisch auftauchenden Bestrebungen auf dem Gebiete der Gesundheitslehre blieben zwar zunächst für die Chirurgie anscheinend ohne große Bedeutung, da sie sich, noch ohne die erst einige Jahrzehnte später erworbene Kenntnis der Krankheitserreger, d. h. ohne die Grundlage einer wissenschaftlichen Bakteriologie auf die Bekämpfung der Seuchen durch Verbesserung der Lebensbedingungen beschränkte. Immerhin wurden aber wertvolle Erfahrungen über Ernährung, Bauweise der Häuser und Wohnungen, öffentliche und private Badeeinrichtungen, Kanalisation und Abfuhr, Benutzung der Abfuhrwässer zur Berieselung öder und unfruchtbarer Landstrecken gesammelt, die freilich erst unter den seit 1878 auftretenden Fortschritten der Bakteriologie ihre volle Bedeutung erkennen ließen. Aber schon früh begannen diese Bestrebungen doch auch auf die Chirurgie nach zwei Richtungen hin einzuwirken, da sie einerseits die so wichtigen Wundinfektionskrankheiten mit in den Kreis ihrer Betrachtungen zogen, anderseits die für die Behandlungserfolge höchst bedeutungsvolle Anlage von Krankenhäusern einer neuen Richtung entgegenführten.
Kapitel II. Die Krankenanstalten vor der antiseptischen Wundbehandlung.
Die alten Krankenhäuser stellten unter dem Zwange der meist nur geringen, von Staat, Gemeinde oder Körperschaft zur Verfügung gestellten Summen je ein einziges steinernes Gebäude dar, welches alle oder fast alle Räume für die Unterkunft und Behandlung kranker Menschen einheitlich oder nahezu einheitlich umschloß. So bequem dies für die in dem gleichen Gebäude untergebrachte Verwaltung war, so große Nachteile ergaben sich daraus für die Krankenbehandlung, indem genügende Zufuhr frischer Luft, sichere und unschädliche Beseitigung der Abfallstoffe und aller Unreinigkeiten, zuverlässige Absonderung ansteckender Krankheiten und manche andere Dinge ganz erheblich in den Hintergrund traten, auch bei der mangelnden Kenntnis von Entstehung und Übertragung solcher Leiden in den Hintergrund treten mußten. Vor allem machten sich diese ungünstigen Verhältnisse bei Verwundeten, insbesondere bei Kriegsverwundeten geltend. So konnte der englische Feldarzt Sir John Pringle schon im Jahre 1753 den Ausspruch tun, daß eine wesentliche Ursache der Krankheiten und Todesfälle bei einer Armee deren Hospitäler seien; und noch schärfer drückte sich das „Dekret des Nationalkonvents aus dem Jahre 1794 für die Hospitäler der französischen Armee“ in dem Satze aus: „Die Spitäler sind ebenso gesundheitswidrig wie die Moräste.“ Aber auch die öffentlichen Krankenanstalten des Friedens wiesen meistens derartige Zustände auf, daß die Menschheit sie als Pesthöhlen ansah und von einer fast wahnsinnigen Furcht vor ihnen erfüllt war. Es begreift sich das, wenn man von der Sterblichkeit höchst angesehener Anstalten hört. Die Langenbecksche Universitätsklinik zu Berlin hatte nach F. Busch im Jahre 1869 eine Sterblichkeit von 17⅓ % und nach Abzug der zahlreichen Fälle von Diphtherie immerhin noch eine solche von 10¾ %. J. Israel berichtet aus dem jüdischen Krankenhause von 1873 bis 1875, daß 62,5 % der operierten und 37,5 % der nichtoperierten Kranken von Pyämie befallen wurden. Im Berliner Diakonissenhause Bethanien starben nach eigenen Aufzeichnungen des Verfassers der Jahre 1868 und 1869 von 6 Amputationen des Oberarmes 5, von 5 Absetzungen des Vorderarmes 4, von 15 des Oberschenkels 11, meistens an Pyämie. — Noch schlimmer lauten ältere Erfahrungen aus dem Auslande. In einem 5jährigen Berichte aus den Pariser Hospitälern zählt Malgaigne 300 Todesfälle auf 560 Operationen und Pirogoff in seinem Jahresberichte von 1852/53 159 Todesfälle auf 400 große Operationen!
Diese unerhörten Zustände wandten sich erst zum Besseren, als die Vertreter der Gesundheitslehre mit immer wachsendem Nachdrucke den Bau neuer und den Fortschritten ihrer Wissenschaft angepaßter Krankenhäuser forderten, die natürlich viel größere Mittel in Anspruch nahmen, als man bisher für nötig gehalten hatte. Auch auf diesem Gebiete haben wir Rudolf Virchow viel zu danken, der in Wort und Schrift bei jeder Gelegenheit für die Forderung eintrat und bei dem großen Einfluß, den er als Abgeordneter und Mitglied des städtischen Verwaltungskörpers besaß, zunächst die Stadt Berlin und demnächst den preußischen Staat zur Herstellung zweckmäßiger Krankenhäuser zu bewegen wußte. So entstand das Pavillonsystem. In dem Bestreben, die Zusammenhäufung kranker Menschen nach Möglichkeit zu vermeiden und beste hygienische Bedingungen zu schaffen, erbaute man zahlreiche kleinere, höchstens zweistöckige Häuser, die, von Gärten umgeben und über eine große Bodenfläche verteilt, unter einer gemeinsamen Verwaltung standen. Es war nunmehr möglich geworden, ansteckende Krankheiten sicher abzusondern und die leichter erkrankten Menschen vor Ansteckung zu schützen; ebenso die Genesenden durch langen Aufenthalt in frischer Luft einer schnelleren Erholung zuzuführen. Aber freilich brachte das Pavillonsystem neben seinen unleugbaren Vorzügen gegenüber dem alten Massivbau auch mancherlei Nachteile, ganz abgesehen davon, daß der Bau zahlreicher Einzelhäuser und deren zweckmäßige Einrichtung an sich erheblich größere Kosten verursachte. Der steigende Bodenwert großer und selbst mittlerer und kleiner Städte zwang Gemeinden und Verbände zu immer größeren und zuletzt fast unerschwinglichen Ausgaben, deren natürliche Folge es war, daß wenigstens die Neuanlagen in mehr oder weniger großer Entfernung vom Mittelpunkte der Stadt ihren Platz fanden. Macht eine solche Anordnung in Städten mit mehreren Krankenhäusern nicht viel aus, so treten bei wenigen oder gar sonst fehlenden Anstalten gleicher Art sofort große Übelstände hervor, da dann gleichzeitig für ausgiebige und leichte Verbindungen gesorgt werden muß; und selbst, wenn diese vorhanden sind, so bleibt die Notwendigkeit einer weiten und vielleicht umständlichen Krankenbeförderung nicht ganz ohne Bedenken. In den großen amerikanischen Städten, zumal in New York, ist man deshalb auf ein anderes Mittel verfallen, um den Massivbau hygienisch angemessener zu gestalten, als dies früher der Fall war: man baut die Krankenhäuser bis zu zwölf und mehr Stockwerken in die Höhe, legt die durch zahlreiche Aufzüge zu befördernden Kranken, nebst den Operationsräumen, in die obersten Stockwerke, um dem Straßenstaube zu entgehen, und benutzt die unteren Stockwerke als Verwaltungsräume. Das einzige schwere Bedenken gegen solche Anordnungen liegt in der nicht zu unterschätzenden Feuersgefahr. Auch in Deutschland ist man seit allgemeiner Einführung zuverlässiger Wundbehandlungsmethoden vielfach von der ganz strengen Durchführung des Pavillonsystems zurückgekommen und zu einem mehr gemischten Systeme übergegangen. Es geschieht dies in der Weise, daß ein großer Massivbau die Verwaltungsräume, die Poliklinik, die besonderen Untersuchungszimmer, zuweilen auch noch besser ausgestattete Einzelzimmer aufnimmt, während die meisten Kranken in steinernen Pavillons oder Baracken ihre Aufnahme finden.
Die Baracken können aber auch für sich allein oder fast allein die Grundlage einer Krankenanstalt bilden und stellen dann die dritte Gruppe der Krankenhausbauten dar. Als Hilfsmittel für die Versorgung Kriegsverwundeter und Kranker sind sie hier und da, auch in Deutschland, schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommen; so schildert der braunschweig-lüneburgische Feldarzt Michaelis in einer Schrift vom Jahre 1801 bereits ihre Herstellung und Einrichtung. Aber erst der amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 brachte sie zu allgemeiner Verwendung und zwar infolge einer Notlage, da die Unterbringung der zahllosen Verwundeten aus den überaus mörderischen Schlachten in steinernen Gebäuden eine Unmöglichkeit war. Denn die Landstriche, in denen der Krieg vorwiegend tobte, waren dünn bevölkert und enthielten sowohl auf dem Lande, wie selbst in kleinen und größeren Städten fast nur Holzbauten, deren sehr billiges Baumaterial überall mit Leichtigkeit zu beschaffen war. So entschloß sich denn die Militär-Medizinalverwaltung der nördlichen Bundesstaaten zur Herstellung hölzerner Baracken; und mit der dem Amerikanertum eigenen praktischen Energie wurden auf den Schlachtfeldern und in der Nähe der kämpfenden Heere wahre Lazarettstädte aus Holz erbaut, die schnell zusammengezimmert und deren Einzelbaracken möglichst einfach ausgestattet waren. Sie haben sich als eine so segensreiche Einrichtung bewährt, daß sie in den folgenden europäischen Kriegen, wenigstens von deutscher Seite, sofort Nachahmung fanden, wenn auch entfernt nicht in gleichem Umfange wie jenseits des Ozeans. Aus dieser ursprünglich nur für den Krieg gedachten Bauform ist eine Bereicherung des Lazarettwesens und der Krankenpflege auch für den Frieden hervorgegangen. Nur einmal freilich ist der Versuch gemacht worden, die Holzbaracke als Dauerbaracke zur Herstellung eines ganzen Krankenhauses zu benutzen und zwar in dem im Jahre 1869 von Esse errichteten Berliner Augusta-Hospital. Der Versuch hat sich als verfehlt erwiesen, da die Baracken, wenn sie auch mehr als 40 Jahre benutzt wurden, doch so viele Nachteile aufwiesen, insbesondere in der Notwendigkeit fortgesetzter Ausbesserungen und Umänderungen, welche die Verwaltung erheblich verteuerten, daß sie späterhin sämtlich durch Steingebäude ersetzt worden sind. Aber hiervon abgesehen hat die Holzbaracke sich auch im Frieden als ein sehr wertvolles Hilfsmittel in allen den Fällen erwiesen, in welchen Massenerkrankungen durch Ansteckung, Vergiftungen und Unglücksfälle die Gemeinden und Behörden zur schleunigen Errichtung von Nothospitälern zwangen. Auch Dauerhospitäler machen gelegentlich von dieser Aushilfe Gebrauch, zuweilen selbst für lange Jahre, bis Mittel zusammengebracht sind, um den Holzbau durch steinerne Gebäude zu ersetzen.
Ein wenn auch nicht gleichwertiges, so doch durch die schnelle Beschaffungsmöglichkeit vielfach unentbehrliches Hilfsmittel stellen die Leinwandzelte dar. Ihr Gebrauch ist erheblich älter als der der Baracken, da sie mindestens bereits in den Kriegen des 18. Jahrhunderts vielfach benutzt worden sind. Auch unter den entsetzlichen hygienischen Zuständen, welche sich nach der mörderischen Schlacht bei Leipzig am 16. bis 19. Oktober 1813 entwickelten und über die wir vom 26. Oktober einen wahrhaft schaudererregenden Bericht des Professors J. C. Reil, des edlen Ostfriesen, wie ihn Heinrich v. Treitschke nennt, besitzen haben die Leinwandzelte weiterhin die besten Dienste getan. Im Krimkriege von 1854/55 spielten Zelte und bewegliche Baracken gleichfalls eine erhebliche Rolle; die dabei gewonnenen Erfahrungen wurden insbesondere durch die Bemühungen der um die Kriegslazarettpflege hochverdienten Engländerin Florence Nightingale festgehalten und zu einem Gemeingute der Krankenpflege aller Völker umgestaltet.
Seitdem sind die Leinwandzelte zur Krankenbehandlung unentbehrlich geworden, zumal im Kriege. Preußen hat in seinen großen Kriegen von 1863 bis 1871 dauernd von ihnen Gebrauch gemacht und gegenwärtig sind alle deutschen Heereskörper so reichlich mit ihnen ausgestattet, daß Schwierigkeiten für die erste Unterbringung Verwundeter und Kranker nicht leicht mehr entstehen können, zumal da das auf eine hohe Stufe der Vollendung gebrachte Krankentransportwesen unausgesetzt für eine schnelle Entlastung der Umgebung des Schlachtfeldes und der stehenden Feldlazarette sorgt. Aber auch in Friedenszeiten hat die schnelle Aufstellbarkeit solcher Unterkunftsräume eine erhebliche Bedeutung gewonnen.
Ihr Hauptmangel liegt in dem Umstande, daß sie, als nicht oder doch nur unvollkommen mit Heizvorrichtungen versehbar, ausschließlich im Sommer und bei guter Witterung benutzt werden können. In ungünstigen Jahreszeiten tritt indessen eine andere Erfindung der Neuzeit an ihre Stelle, nämlich die v. Döckersche Zeltbaracke, die einen Übergang von der Baracke zum Leinwandzelte bildet, in vollem Umfange zwischen beiden steht. Der dänische Rittmeister v. Döcker führte seine neue Vorrichtung zur Krankenlagerung zuerst auf der Berliner Ausstellung von 1883 vor und schenkte das Modell späterhin dem Augusta-Hospital, in welchem es seit 1884 ausgiebige Verwendung fand. Ebenso hat die preußische Militär-Medizinalverwaltung sofort eine Prüfung ihrer Brauchbarkeit vorgenommen. In ihrer ersten Form war die Baracke freilich auch nur für die Sommermonate brauchbar. Sie besteht nämlich aus einer Anzahl genau zusammenpassender Holzrahmen, deren Lichtung nur von außen von einem sehr groben, segeltuchartigen Stoffe geschlossen wird, der an dem Holzrahmen durch Nägel befestigt ist. An der äußeren Seite ist der Stoff von einer dicken Schicht Ölfirnis überzogen. Die Rahmen sind mittels Haken und Ösen leicht zusammenfügbar, so daß ein solcher Bau in wenigen Stunden aufgestellt, in noch kürzerer Zeit wieder abgebrochen werden kann. Die leichte Brennbarkeit der benutzten Stoffe machte selbstverständlich irgendwelche Heizvorrichtungen unmöglich; allein durch eine wenig kostspielige Umänderung lernte man, wie es scheint zuerst im Berliner Augusta-Hospital, diesem Übelstande zu begegnen und die Zeltbaracke auch für den Winter bewohnbar zu machen. Die Wandflächen wurden nämlich durch Aufnagelung eines zweiten Stoffstückes an der Innenseite des Rahmens verdoppelt, der Stoff durch Aufstreichen von Wasserglas an beiden Seiten unverbrennbar gemacht, ein kleiner verschließbarer Dachreiter für die Ventilation aufgesetzt und endlich eiserne Öfen in dem nun nahezu feuersicheren Raume angebracht. In dieser Form ist die Döckersche Baracke für Friedens- und Kriegszeiten in allgemeinen Gebrauch gekommen.
Die besprochene Vielgestaltigkeit der Krankenunterkunftsräume, unter denen bis zum heutigen Tage das Pavillonsystem als das beste, zugleich aber auch kostspieligste anerkannt werden muß, hatten auf die Gesundheitsverhältnisse großer Krankenhäuser einen sehr merkbaren Einfluß in günstiger Richtung ausgeübt: die Sterblichkeitsziffer sank erheblich, solange die Krankenräume frisch und neu waren. Allein es war unmöglich sich der Erkenntnis zu entziehen, daß in den gleichen Krankenhäusern die Verhältnisse sich von Jahr zu Jahr wieder verschlechterten, so daß nur ausgedehnte Erneuerungen und jährliche Neuanstriche, welche die Unterhaltungskosten wesentlich in die Höhe trieben, imstande waren, zumal auf chirurgischen Abteilungen, die Wundkrankheiten auf erträglicher Höhe zu erhalten. Das Gespenst des unbekannten Etwas, welches die Erfolge der Chirurgen seit Jahrhunderten beeinträchtigt hatte, begann wieder drohend sein Haupt zu erheben. Da aber in kleinen Krankenanstalten der Krankheitsverlauf sich viel länger günstig gestaltete als in großen, da insbesondere sich zeigte, daß Kranke und Verletzte, die in ihrer eigenen Wohnung behandelt wurden, viel seltener von schweren Wundstörungen heimgesucht wurden als die Insassen großer Hospitäler, so blieben die Chirurgen bei dem uralten System der Operationen in Privathäusern, so viele Unbequemlichkeiten damit auch verknüpft waren; und als das sich immer enger ziehende Eisenbahnnetz es auch dem weniger Bemittelten möglich machte, angesehene Chirurgen in fernen Städten aufzusuchen, ging man zu dem Krankenzerstreuungssystem über, welches zwar schon seit Jahrhunderten hier und da benutzt, doch erst in sehr eigenartiger Weise von Nicolai Pirogoff angewandt und bekannt gemacht worden war.
Unter dem Eindruck sehr schlechter Erfahrungen, welche dieser bedeutendste und mit der Entwicklung der westlichen Medizin genau vertraute russische Chirurg in der chirurgischen Klinik zu Dorpat und in St. Petersburger Krankenhäusern gemacht hatte, begann er auf seinem großen Gute in Podolien um 1860 ein System einzurichten, das ihm schon aus seinen Kriegserfahrungen im Kaukasus geläufig geworden war. Die zahlreichen Kranken, welche hilfesuchend von allen Seiten ihm zuströmten, verteilte er nach vorgenommener Operation in die elenden Hütten seiner leibeigenen Bauern, die gegen Bezahlung seitens der Kranken diese einzeln in den gemeinsamen Wohnraum der Familie aufnahmen und verpflegten. Dort lagen sie in einem Winkel auf Stroh, oft wochenlang in der gleichen, mit Blut und Eiter beschmutzten Wäsche, die Wunde tagelang ohne Verband, oder nur mit eitergetränkten, übelriechenden Lappen bedeckt. Der Verbandwechsel wurde entweder von den Kranken selber oder von einem rohen, unwissenden Feldscher vorgenommen; Pirogoff selber konnte seine Operierten höchstens zweimal in der Woche besuchen. Trotzdem sah er im Laufe von 1½ Jahren niemals Wundrose oder „purulente Diathese“ und verlor unter einigen Hunderten von Leuten, an denen große Operationen vorgenommen waren, nur einen Fall nach einer Lithothrypsie. Diese erstaunlichen und von den Erfahrungen der Behandlung in Hospitälern himmelweit verschiedenen Ergebnisse führt Pirogoff ausschließlich auf die strenge Verteilung der Kranken zurück, so daß Hospitalmiasmen und Kontagien, von denen er wiederholt als von den eigentlichen Ursachen der Krankenhausseuchen spricht, nicht zur Entwicklung kommen konnten. Ob freilich die verblüffend guten Ergebnisse, welche er mit seinem Systeme auf dem Lande erzielt hatte, ihm auch im weiteren Leben treu geblieben sind, ist aus seinen Schriften nicht sicher zu ersehen; doch darf daran um so mehr gezweifelt werden, als späterhin kaum noch davon gesprochen wird. Zumal in großen Städten sicherte auch die Krankenzerstreuung keineswegs ausreichend vor dem Auftreten von Wundkrankheiten, unter denen die Wundrose auch in Privatwohnungen eine besonders unliebsame Rolle spielte. Es bedurfte erst der Entdeckung der letzten Ursachen für Wundeiterung und Wundkrankheiten bevor man in zweckentsprechender Weise ihre Bekämpfung in die Hand nehmen konnte.
Kapitel III. Die ältere Wundbehandlung und die Wundkrankheiten.
Ehe wir uns indessen der Schilderung dieses Entwicklungsganges zuwenden, soll eine Darlegung der Wundbehandlungsmethoden, mit denen unsere Altvordern arbeiteten, sowie eine Würdigung der damit erzielten Ergebnisse Platz greifen, die uns erst über den ungeheuren Abstand zwischen den Verfahren beider Zeiträume aufklären.
Die Salben und Pflaster, welche noch bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts den Hauptbestandteil der dem Chirurgen zur Verfügung stehenden Hilfsmittel für die Behandlung von Wunden bildeten, waren durch die Bemühungen Vinzenz v. Kerns in Wien in den Jahren 1805 bis 1828 einer einfacheren und naturgemäßeren Behandlung gewichen, wenn sie auch nicht ganz ausgeschaltet werden konnten. Das Kernsche Verfahren war das gleiche, welches in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts unter dem Namen der offenen Wundbehandlung noch einmal eine gewisse Rolle gespielt hat. Bartscher und Vezin in Osnabrück 1856, Burow in Königsberg 1859, Volkmann in Halle bis Ende 1872, Rose und sein Assistent Krönlein in Zürich 1872 waren die späten Vertreter dieser Richtung, die erst bei dem allmählichen Aufkommen der antiseptischen Wundbehandlung, wenn auch nicht ohne scharfen Kampf, völlig ihren Boden verlor. Vor Kern wurden die Wunden mit allerlei Deckverbänden behandelt unter der Vorstellung, daß sie die verletzten Gewebe vor unmittelbarer Berührung mit der Luft, insbesondere mit dem als überaus schädlich angesehenen Sauerstoffe, zu schützen, zugleich aber eine Beschmutzung der Leib- und Bettwäsche durch den ausfließenden Eiter zu verhindern hätten mittels der Anwendung eines die Wundflüssigkeiten aufsaugenden Verbandmateriales. Als solches diente seit dem 18. Jahrhundert die aus der französischen Chirurgie übernommene Charpie, Fäden aus alter weicher Leinwand gezupft und zu großen und kleinen Bündeln vereinigt. So stark hydrophile Eigenschaften dieser Stoff auch besitzt, so gefährlich wurde er durch die Art seiner Herstellung und seiner Anwendung. Denn die Herstellung geschah vielfach in den Krankenräumen selber durch die vorher nicht gewaschenen und gereinigten Finger der Kranken; und nirgends fand ein besonderer Abschluß, eine zuverlässige Aufbewahrung des aus den allerverschiedensten Quellen stammenden Verbandmateriales statt. So kam denn eine nicht einmal äußerlich rein aussehende, jedenfalls mit Keimen aller Art überladene Charpie auf die Wunden, und zwar meistens in der Art, daß diese ausgestopft, durch Binden zusammengehalten und zugleich unter einen nicht immer unbedeutenden Druck gestellt wurden. Die Notwendigkeit eines mehrmaligen Verbandwechsels täglich, um die beschmutzten und durchweichten Verbandstücke zu ersetzen, vermehrte nur das Übel, da jeder Neuverband eine starke Beunruhigung und Reizung der Wunde, zuweilen selbst mit erheblichen Blutungen aus den üppig wuchernden Granulationen hervorrufen mußte.
Es begreift sich, daß unter solchen Umständen das Vorgehen Kerns, das verwundete Glied nur zweckmäßig zu lagern, die Wunde nur mit Kaltwasserumschlägen zu behandeln, sie offen zu lassen und nur ausnahmsweise einige wenige Nähte anzulegen, als ein großer Fortschritt angesehen werden mußte. Aber auf die Dauer vermochte sich dies einfache Verfahren nicht durchzusetzen. Die große Mehrzahl der Chirurgen suchte immer noch ihr Heil in den alten, schnell schmutzig werdenden Deckverbänden und nach Kerns Tode ist auf Jahrzehnte hinaus von der offenen Wundbehandlung nicht mehr die Rede. Nur die einfachen Kaltwasserumschläge zur Linderung des brennenden Wundschmerzes blieben als einzige Erinnerung an die Kernsche Behandlungsmethode bei den Ärzten bis zur Einführung der Antisepsis, bei den Laien bis zum heutigen Tage in Gebrauch. Die alte Behandlung kehrte in vollem Umfange zurück. So forderten denn in großen chirurgischen Abteilungen nach wie vor die Wundkrankheiten allwöchentlich ihre Opfer; zumal die Kriegslazarette wurden Brutstätten endemischer Seuchen, die so manchem Krieger einen Soldatentod auf dem Schlachtfelde gegenüber dem Aufenthalte in solchen Pesthöhlen als das erheblich kleinere Übel erscheinen ließen.
Die Wundkrankheiten, welche in fast allen größeren Krankenanstalten in so schreckenerregender Weise auftraten, waren faulige Zersetzung der Wundflüssigkeiten (Septichämie oder kurzweg Sepsis), die metastasierende Pyämie, die Wundrose, der Wundstarrkrampf und endlich der Hospitalbrand. Alle übrigen Störungen, wie Nachblutungen, Phlegmonen, Ekzeme, Wundscharlach usw., dürfen beiseite gelassen werden, da sie entweder das Leben nur selten bedrohten, oder nur als Beigaben genannter schwerer Krankheiten die Gefahr erhöhten.
Die Pathologie dieser Zustände kann hier nur kurz berührt, darf aber doch nicht ganz übergangen werden, da einer derselben, der Hospitalbrand, fast völlig verschwunden, also wirklich geschichtlich geworden ist, während andere, so die metastasierende Pyämie, selbst die schweren Formen der Wundrose, so selten geworden sind, daß das jüngere und jüngste Geschlecht deutscher Chirurgen nur noch ganz ausnahmsweise Gelegenheit findet, sie kennen zu lernen. Man vergleiche nur einen Jahresbericht aus älterer Zeit, z. B. von F. Busch, Billroth, Lister (vor Einführung der antiseptischen Wundbehandlung) und anderen, mit einem solchen des letzten Jahrzehntes, um sich zu überzeugen, welche ungeheure Einschränkung die Besprechung der Wundkrankheiten erfahren hat, da mit ihrer zahlenmäßigen Verminderung auch das Interesse an ihnen heruntergegangen, ja nahezu erloschen ist. Freilich ist hervorzuheben daß die Entstehung aller dieser Krankheiten durch mehr oder weniger spezifische Bakterien und deren Stoffwechselgifte (Toxine) zu jener Zeit noch gänzlich unbekannt war; wir beschränken uns also im wesentlichen auf die Krankheitsbilder, wie sie von unseren Altvordern zuweilen in überraschender Schärfe, zuweilen aber auch mit verschwommenen Grenzen gezeichnet worden sind.
Wundfäulnis, Sepsis, Septichämie, Sephthämie nannte man nach der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Zustand, bei welchem die Wundflüssigkeiten ein graugelbes, graues, rotbraunes oder dunkelbraunes, mehr oder weniger blutig gefärbtes Ansehen bekamen und zugleich einen üblen Geruch annahmen, in einzelnen Fällen selbst aashaften Gestank verbreiteten. Diese Erscheinungen entwickelten sich nicht plötzlich, steigerten sich aber doch in wenigen Tagen zur Höhe und gingen nicht nur mit einer Veränderung der Wunde und ihrer Umgebung, sondern auch mit einer wachsenden Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens einher. Die Wundränder nahmen eine blasse Rötung an, schwollen etwas an, waren aber nicht auffallend empfindlich; in vorgeschrittenen Fällen war häufig sogar eine erstaunliche Unempfindlichkeit vorhanden, die auf beginnende und schnell zunehmende Benommenheit des Bewußtseins zurückgeführt werden mußte. Der Puls wurde schnell, zuweilen schon zu einer Zeit, in welcher die örtlichen Veränderungen noch nicht in die Augen sprangen, die Arterien zeigten sich wenig gefüllt. Hand in Hand mit dieser Pulsveränderung stellte sich ein remittierendes Fieber ein, meistens mit morgendlichen Abfällen bis zur Norm oder gar weit darunter, und einem abendlichen Anstiege, dessen Spitzen immer höher reichten, bis mit dem Nachlassen der Herzkraft oft plötzlich ein bedeutendes Sinken eintrat. Dies galt bei schneller und kleiner werdendem Pulse als ein sehr ungünstiges Zeichen und ging meistens dem Tode unmittelbar voran.
Daß es sich um eine Giftwirkung der in der Wunde sich ansammelnden fauligen Stoffe handle, war schon um die sechziger Jahre den meisten Beobachtern nicht zweifelhaft. In der Tat gelang es E. Bergmann und Schmiedeberg in Straßburg im Jahre 1868, aus faulender Bierhefe ein Alkaloid, das Sepsin herzustellen, welches, dem Tierkörper in genügender Menge einverleibt, ein der menschlichen Septichämie sehr ähnliches Krankheitsbild hervorrief. Für die Behandlung war damit aber zunächst nichts gewonnen, da einerseits die Ursachen der Wundfäulnis mit dem Nachweise des Sepsins noch längst keine Erklärung gefunden hatten, andererseits die einzelnen Fälle, neben mancher Ähnlichkeit in den Umrissen, doch auch recht erhebliche Verschiedenheiten aufwiesen. Billroth und seine Schule mühten sich jahrelang vergeblich ab, der Natur hinter ihr Geheimnis zu kommen, bis er mit seinem Buche „Über die Cocoobacteria septica“ den ersten Schritt auf dem noch sehr unsicheren und schwankenden Grunde der chirurgischen Bakterienforschung tat. Wir werden darauf an späterer Stelle im Zusammenhange zurückzukommen haben.
Ein in seinen ausgeprägten Formen sehr verschiedenartiges Krankheitsbild stellte das Eiterfieber, die Pyämie oder Pyohämie dar. Voraussetzung für ihr Auftreten war das Vorhandensein einer meist größeren Wunde, am häufigsten an den Bewegungsorganen; doch gehörte es in verseuchten Krankenhäusern keineswegs zu den Seltenheiten, das Leiden selbst bei kleinen und anscheinend wenig bedeutenden Wunden auftreten zu sehen. Während aber die Wundfäulnis in langsamer Steigerung ihre Höhe erreichte, trat die Pyämie meist ohne jede Vorbereitung und ganz plötzlich in die Erscheinung. Ein Mensch mit einer ganz reinen, von guten Granulationen bedeckten und einen geruchlosen Eiter absondernden Wunde erkrankte, zuweilen aus voller Fieberlosigkeit heraus, andere Male nach nur geringfügigem Anstieg der Körperwärme, mit einem heftigen Schüttelfroste, dem ein ergiebiger Schweißausbruch folgte. Nach 2–4 Stunden sank die bis zu 41oC und selbst darüber emporgeschnellte Körperwärme in steilem Sturze wieder zur Norm oder selbst erheblich darunter, der Kranke fühlte sich zwar etwas angegriffen, aber doch so wohl, daß er der Sache keine Bedeutung beizulegen geneigt war, bis die öftere Wiederkehr der Fröste seinen Gleichmut zu zerstören, sein Befinden zu verschlechtern begann.
Nach den ersten Schüttelfrösten nämlich traten auch für den Kranken sehr merkbare Veränderungen der Wunde auf. Die bis dahin roten und üppigen Granulationen wurden blaß und flach, viel seltener, infolge einer Venenthrombose, glasig gequollen, die Wunde sonderte statt des gelben Eiters eine mehr fleischwasserähnliche, gewöhnlich leicht übelriechende Flüssigkeit ab; zugleich wurde sie so empfindlich, daß der Kranke bei jeder Berührung aufschrie, zuweilen schon bei leichter Erschütterung seines Lagers einen Schmerzensschrei ausstieß. Im Gegensatze zu einem Septichämischen mit seinem gleichgültigen, stupiden Gesichtsausdrucke und seinen glanzlosen Augen zeigte der Pyämische auf der Höhe seines Leidens ein ängstliches, aufgeregtes Gesicht mit leicht verzerrten Zügen, sowie die glänzenden Augen des fiebernden Menschen. Für den kundigen Blick war das Krankheitsbild der ausgeprägten Pyämie ohne weiteres erkennbar.
Den eigentlichen Stempel aber erhielt die verderbliche Krankheit durch das Auftreten zahlreicher Eiterherde, meist in inneren, aber auch in äußeren Organen. Gehirn, Lungen, Leber, Milz, Nieren und Herzfleisch wiesen ebenso oft große und kleine Eiterherde auf, wie das Bindegewebe, die Muskeln, die Gelenke und serösen Höhlen. Diese Eiterungen, die zuweilen zu gewaltigen, schnell wachsenden Herden sich umwandelten, traten in der Regel im unmittelbaren Anschluß an Schüttelfröste auf; sie waren, wie Virchow um 1850 als erster nachzuweisen vermochte, die Folge des Eindringens zerfallender Gefäßthromben in die Blutbahn und entwickelten sich an solchen Stellen, an denen ein verschleppter Embolus in feineren Gefäßen stecken blieb. Daß der Zerfall eines in der Wundebene liegenden Gefäßthrombus durch eindringende Bakterien vermittelt wurde und daß die mit Bakterien beladenen Gerinnsel oder gar die im Blutstrome kreisenden und zusammengeballten Bakterien für sich allein am Orte ihres Haftens Eiterung hervorriefen, wurde erst wesentlich später erkannt.
Nicht immer haben die Vorgänge so klar vor Augen gelegen, wie sie hier geschildert worden sind. Die Schwierigkeiten für die Erkenntnis hatten zwei Gründe. Zunächst konnte der Zerfall eines Thrombus auch in einer Wunde sich ereignen, die schon einige Zeit zuvor von Wundfäulnis heimgesucht war; oder aber letztere gesellte sich den pyämischen Erscheinungen hinzu. Dann entstanden Mischformen, die zuerst Karl Hüter mit dem Namen der Septikopyämie belegt hat (1868); und da die Zeichen beider Krankheiten, bald mit Vorwiegen der Fäulnis, bald der Metastasen, sich durcheinanderschoben, so war eine reinliche Scheidung vielfach unmöglich gemacht. Noch mehr aber trug zur Unklarheit und Verwirrung die Kenntnis einer bis dahin unbekannten Krankheit, der metastasierenden Osteomyelitis, bei, die zuerst von Chassaignac im Jahre 1854, bald darauf auch von Klose in Prag unter dem Namen der akuten Osteomyelitis, späterhin wegen der Ähnlichkeit ihres Verlaufes mit der Wundpyämie vielfach als Pyaemia interna oder spontanea beschrieben worden ist. Die Frage hat eine höchst umfangreiche Literatur hervorgerufen, bis Rosenbach in Göttingen im Jahre 1884 die Krankheit auf die gleichen Erreger, welche in der Wundpyämie ihre Lebensäußerung zeigen, zurückzuführen vermochte, nämlich auf den Staphylococcus pyogenes aureus und verwandte Schmarotzer.
Der Hospitalbrand scheint eine fast ausgestorbene Krankheit geworden zu sein, da auch die neuesten, so blutigen und unter den ungünstigsten hygienischen Bedingungen geführten Kriege sie glücklicherweise fast nirgends zu neuem Leben zu erwecken vermocht haben. Nur im Russisch-Japanischen Kriege von 1904 ist sie wieder gesehen worden, ohne daß Zeit und Umstände für genauere Beobachtungen und bakterielle Forschung günstig gewesen wären. Und doch war sie einst die schrecklichste Geißel großer Krankenhäuser des Friedens und umfangreicher Militärlazarette. Ob sie eine besondere, auf einen eigenen Erreger zurückzuführende Form der Wundfäulnis darstellt, kann heute nicht mehr gesagt werden, da sie unter dem Einflusse der antiseptischen Wundbehandlung so schnell verschwunden ist, daß die bis dahin noch höchst unvollkommenen bakteriologischen Untersuchungsmethoden nicht mehr imstande waren, ihr Wesen festzustellen. Um so mehr ist es geboten, ihre Erscheinungsformen festzuhalten, und zwar nicht nur von rein geschichtlichen Gesichtspunkten aus; denn wie andere verheerende Seuchen des menschlichen Geschlechtes, Diphtherie z. B. und Pest, gewissermaßen unter unseren Augen eine Wiedererstehung erlebt haben, so sind Verhältnisse auf Erden denkbar, verheerende Ereignisse irgendwelcher Art, welche auch dem Erreger des Hospitalbrandes aus der bisherigen Versenkung aufzutauchen erlauben.
In großen Krankenhäusern des Friedens, besonders aber in Kriegslazaretten, in denen zahlreiche Verwundete dicht zusammengehäuft waren, trat die Krankheit gelegentlich in ihren gefährlichsten und abschreckendsten Bildern auf. Seit Delpech in Montpellier (1815) unterschied man zwei Formen, den ulzerösen und den pulpösen Brand, die zwar im Beginne nicht unerhebliche Verschiedenheiten zeigten, im späteren Verlaufe aber untrennbar ineinander übergingen. Die erste begann mit dem Auftreten eines oder mehrerer graugelblicher, etwas erhabener und mit bräunlichen Punkten (von thrombotischen Gefäßen herrührend) durchsetzter Flecken, welche sich schnell vergrößerten, dann zerfielen und scharfrandige, rundliche Geschwüre hinterließen, die sich bald vereinigten und in kurzer Zeit die Hautränder der Wunde erreichten. Der pulpöse Brand dagegen begann mit dem Auftreten eines grauen Belages in einem Teile oder von vornherein in der ganzen Wunde, der nur in Fetzen abgerissen werden konnte und eine blutende Fläche hinterließ. Der zunächst etwas flache Grund erhob sich bald unter dem Drucke der in der Tiefe entwickelten Fäulnisgase, zerfiel und wandelte sich in eine schmierige, faulender Gehirnsubstanz ähnliche Masse um. Bald kam es infolge von Gefäßstauungen zu heftigen, oft wiederholten kapillären Blutungen und zugleich schritt die Zerstörung in die Breite und in die Tiefe mehr oder weniger schnell fort. Kein Gewebe widerstand auf die Dauer; doch starb am schnellsten das lockere Bindegewebe ab, während Faszien, Muskeln und große Gefäßstämme länger Widerstand leisteten. Die Knochen wurden ihres Periostes beraubt und verloren in steter Berührung mit der faulenden Flüssigkeit teilweise oder auch im ganzen Umfange ihre Lebensfähigkeit. Die Wunde verbreitete einen widerwärtigen Geruch, der aber dem gewöhnlichen Geruche faulender Gewebe nicht völlig glich. Eine Heilung war selbst in vorgeschrittenen Fällen noch möglich wenn auch meist mit Hinterlassung schwerer Schädigungen; ein erheblicher Prozentsatz der Kranken aber erlag den fortgesetzten Blutungen oder der septischen Vergiftung, oft auch einer ausgesprochenen Pyämie.
Die Krankheit hat unverkennbare Ähnlichkeit mit den schweren Fällen von Diphtherie, welche nach einem Luftröhrenschnitte auf die äußeren Weichteile des Halses übergreift; doch scheint es heute nicht mehr möglich, nachdem auch letztere wohl kaum noch zur Beobachtung kommen, die Gleichheit oder Verwandtschaft beider Krankheiten bakteriologisch festzustellen.
Der Wundstarrkrampf oder Tetanus ist eine weitere Wundkrankheit, die nur selten in größerer Zahl auf einmal, sondern gewöhnlich nur in vereinzelten Fällen nicht allein bei der Zusammenhäufung zahlreicher Verwundeter in einem Raume, sondern auch bei Menschen vorkommt, die in Privathäusern ein Zimmer für sich bewohnen. Ist somit die allgemeine Bedeutung des Leidens für Krankenhäuser und Feldlazarette geringer als die der meisten anderen Wunderkrankungen, so ist doch das einzelne Krankheitsbild so schrecklich, daß es bereits sehr früh die Aufmerksamkeit der Ärzte auf sich zog. Schon Hippokrates hat ihm einen eigenen Abschnitt gewidmet.
Während man früher neben dem traumatischen noch einen rheumatischen oder idiopathischen Tetanus unterschied, ist seit der Entdeckung des Tetanusbazillus durch Nikolaier im Jahre 1884 kein Zweifel mehr geblieben, daß die Ansteckung durch eine Wunde geschieht, die aber zuweilen sehr unbedeutend oder zur Zeit des Krankheitsbeginnes schon verheilt ist. In die Fußsohle oder unter die Nägel eingestoßene Holzsplitter sind von jeher besonders gefürchtet gewesen. Die Krankheit beginnt mit einer Spannung in den Kaumuskeln (Trismus) oder mit Schlingbeschwerden; die krampfhafte Zusammenziehung der Gesichtsmuskeln (Bisus sardonicus), die gerunzelte Stirn, die harte Spannung der Rückenmuskeln (Opisthotonus), sowie der Muskeln der Bauchwand bilden die Fortsetzung. Endlich treten von Zeit zu Zeit tonische Krämpfe in den genannten Muskelgruppen auf, die auch in stoßartiger Form sich geltend machen können. Die Extremitäten bleiben meistens frei; doch gibt es auch einen örtlichen Wundstarrkrampf, der dauernd oder in erster Linie auf eine einzelne Extremität beschränkt bleibt. In den milden Fällen klingen die kurz umrissenen Erscheinungen allmählich ab, in den schwereren erfolgt unter steter Steigerung der Krämpfe der Tod durch krampfhaften Stillstand der Atemmuskeln, Glottisödem oder Apoplexie im Gehirne.
Daß es sich um eine Giftwirkung, insbesondere auf die Nervensubstanz, handle, war längst vermutet worden; die Entdeckung des Tetanusbazillus in der Gartenerde, im Straßenstaube, überhaupt in weitester Verbreitung, hat diese Annahme bestätigt. Das Studium seiner Lebensbedingungen hat als Krankheitserreger ein Toxin erkennen lassen, und die mit dem v. Behringschen Tetanusantitoxin angestellten Behandlungsformen, insbesondere dessen prophylaktische Anwendung, haben nicht nur die Sterblichkeit, sondern schon die Häufigkeit der Erkrankung außerordentlich vermindert. So sah Max Martens, der im Berliner Krankenhause Bethanien die prophylaktische Serumeinspritzung seit 1904 durchgeführt hat, im Laufe von 10 Jahren, abgesehen von eingelieferten Erkrankungen, nur einen einzigen Fall, bei dem die übliche Sicherung durch Zufall unterlassen worden war; so wird auch von der Graserschen Klinik in Erlangen berichtet, daß nach Einführung des gleichen Verfahrens die Krankenräume seit 5 Jahren von Starrkrampf verschont geblieben seien.
Zu den echten Wundkrankheiten gehört auch die Wundrose, das Erysipelas, da das Gift, welches sich in den benachbarten Saftkanälen und Lymphbahnen ausbreitet, stets und unter allen Umständen durch die verletzte Haut eindringt. Allerdings hat diese Erkenntnis sich erst in den letzten drei Jahrzehnten zu allgemeiner Anerkennung durchgerungen; denn der Umstand, daß sehr unbedeutende Verletzungen der Haut oder der Schleimhäute, die, wie leichte Abschürfungen, schon in einem Tage bis zur Unerkennbarkeit geheilt sind, die Eingangspforten des Giftes bilden können, der fernere Umstand, daß die Wundrose nach Fehleisens Untersuchungen eine Inkubationszeit von 15–61 Stunden besitzt, während deren manche Eingangspforte schon unkenntlich geworden ist, haben der richtigen Deutung der Erscheinungen beharrlich im Wege gestanden. Daher die bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts hineinreichende Unterscheidung zwischen einem chirurgischen, von Wunden ausgehenden und einem medizinischen, selbständig im Körper entstehenden Erysipel, als dessen Ursache man eine „gallige Schärfe im Blut“ neben allerlei atmosphärischen und klimatischen Einflüssen anzunehmen pflegte. Wir dürfen diese Anschauungen als gänzlich überwunden betrachten, seitdem die bakterielle Natur des Leidens festgestellt worden ist. Die atmosphärischen Einflüsse sind allerdings insofern nicht gänzlich ausgeschaltet worden, als sie zweifellos von Bedeutung für das Wachstum der Keime und ihre zeitweilig gesteigerte Giftigkeit sind.
Die Wundrose tritt in der unmittelbaren Umgebung der Eingangspforte in Form einer dunkel- oder rosenroten Schwellung auf, die ganz scharf abgegrenzt und über der blassen Haut der Nachbarschaft durch Quellung etwas erhaben ist. Sie erscheint bei zuvor fieberlosen Kranken nach einem mehr oder weniger heftigen Schüttelfroste, dem andauernd hohes, morgens etwas abfallendes Fieber folgt. Zugleich breitet sich die scharfrandige Rötung in breiten Vorschüben nach verschiedenen Richtungen aus, überzieht mehr oder weniger erhebliche Teile der Körperhaut und endet meist in wenigen Tagen, zuweilen aber erst nach wochenlangem Umherwandern, welches selbst schon einmal befallene Körperstellen nicht verschont, mit plötzlichem Temperaturabfalle und meist einer Abblätterung, seltener bloßer Abschilferung der Oberhaut.
Gefährlich wird das Leiden, zumal bei alten Leuten, durch die lange, mit hohem Fieber verbundene Dauer und durch die Neigung mancher Fälle zu metastatischen Eiterungen. Indessen ist das Erysipel unter den neueren Wundbehandlungsmethoden nicht nur an Zahl, sondern auch an Gefahr ganz erheblich zurückgegangen. In den gutgehaltenen chirurgischen Abteilungen großer Krankenhäuser ist die Wundrose als Hospitalkrankheit fast völlig verschwunden; doch werden immer noch eine Anzahl von außerhalb entstandenen Fällen eingeliefert, die indessen meist einen leichten Verlauf nehmen. Ein Todesfall an Wundrose dürfte heute bereits zu den Seltenheiten zählen.
Wir haben hiermit die fünf Hauptkrankheiten erwähnt, welche einst die Tätigkeit des Wundarztes und seine Erfolge, zuweilen in schreckenerregender Fülle, einengten und bedrohten. Versuchen wir nun, ein Bild zu entwerfen von dem Aussehen einer chirurgischen Abteilung vor einem bis zwei Menschenaltern.
Dem in einen großen Krankensaal Eintretenden fiel zunächst der fade, süßliche Eitergeruch, nicht selten sogar ausgesprochener Fäulnisgeruch auf, die nur mühsam durch den Duft chemischer oder pflanzlicher Verbandmittel der Kamille, des Kampfers, später der Karbolsäure und anderer Stoffe gedämpft wurden. Schon die Gesichter der Kranken, an deren Betten man vorüberging, verrieten, daß man sich unter Schwerleidenden befand. Die hektisch geröteten Wangen, die glänzenden Augen und das schweißbedeckte Antlitz der Fiebernden, ihr ängstlicher Gesichtsausdruck, daneben die blassen, gleichgültigen Züge der Septischen, das Stöhnen und Sprechen in abgerissenen, halb unverständlichen Sätzen — das waren die immer wiederkehrenden Bilder, die jedem fühlenden Arzte das Herz zusammenschnürten. Deckte man die Wunde auf, so fand man den Verband von Eiter durchtränkt und übelriechend. Selbst bei mehrfach am Tage vorgenommenem Verbandwechsel durchdrangen die Flüssigkeiten nicht selten den Verband, beschmutzten benachbarte Körperteile, verunreinigten die Bettdecke und das Bettuch, suchten ihren Weg selbst über Gummiunterlagen hinweg und drangen in die Matratze ein. So erforderte jeder Verbandwechsel zugleich einen Wechsel der Bettwäsche, selbst der Matratzen; und alles das war nicht möglich, ohne den Verletzten vom Lager zu erheben, ihn und seine Wunde zu beunruhigen und zuweilen heftige Schmerzen zu erzeugen. Rechnet man hinzu, daß in überfüllten Krankenhäusern und Kriegslazaretten die auf diese Weise geforderte Arbeitslast oft genug die körperliche Leistungsfähigkeit der vorhandenen Ärzte weit überstieg, so begreift es sich, daß vieles den weniger geschulten Händen des Wartepersonals überlassen wurde, was besser dem Arzte vorbehalten geblieben wäre. Und wenn man endlich in Anschlag bringt, daß eine so schwere Fronarbeit unter dem steten Drucke zu leisten war, daß doch das meiste an ärztlicher Arbeit und Quälerei des Kranken ganz vergeblich sei, daß man gegen ein unabwendbares Fatum ankämpfe, daß eine große Anzahl Schwerverletzter mit dem Augenblicke als verloren zu betrachten war, in welchem sich ihnen die Pforten des mehr oder weniger verseuchten Krankenhauses oder Unterkunftsraumes öffneten, so begreift es sich, welch eine Fülle von körperlicher Leistungsfähigkeit und Charakterstärke dazu gehörte, um auch nur den ärztlichen Gehilfendienst pflichtgemäß zu erfüllen. Für den leitenden Arzt aber kam noch das schwere Verantwortlichkeitsgefühl bei jedem operativen Eingriff hinzu, um die der Seele aufgeladene Last manchmal bis zum Unerträglichen zu steigern. Daß unter solchen Umständen so mancher jüngere Arzt unter der Schwere seines Berufes fast zusammenbrach, die Unberechenbarkeit seiner Tätigkeit nicht mehr zu tragen vermochte und deshalb von der Chirurgie, der er sich in glücklicher Unkenntnis zunächst mit Begeisterung zugewandt hatte, Abschied nahm, um sich einem minder verantwortungsvollen Zweige der Medizin zuzuwenden, kann nicht überraschen. Um so bewundernswerter müssen uns aber jene Männer erscheinen, welche unter den niederdrückendsten Erfahrungen aller Art, im steten und vielfach vergeblichen Kampfe gegen dunkle Hemmnisse, durch welche oft genug die an eine wohlgelungene Operation geknüpften Hoffnungen aufs grausamste zerstört wurden, unbeirrt ihren Weg fortsetzten, um der schweigsamen Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, ihre Wissenschaft auszubauen und zu retten, soweit es eben möglich war. Konnte sich unter allen Schrecken des Krankenhauses doch gelegentlich ein Hochmut entwickeln, wie er am verblüffendsten in einem Satze des französischen Chirurgen Boyer zutage tritt, der in der Einleitung zu seiner „Chirurgie“ (1814–1826) folgende Worte findet: „Die Chirurgie unserer Tage hat die größten Fortschritte gemacht, so daß sie den höchsten oder nahezu den höchsten Grad der Vollkommenheit, deren sie überhaupt fähig ist, erreicht zu haben scheint.“
Den meisten anderen Chirurgen hat wohl die in diesem Satze ausgeprägte Überhebung ferngelegen; sie übten vielmehr jene Entsagung, der einst bereits Ambroise Paré einen schönen Ausdruck gegeben hat, indem er, nach dem Befinden eines Kranken gefragt, erwiderte: „Je l'ai opéré, Dieu le guérira.“
Diesen unerhörten Zuständen hat Joseph Listers schrittweise entwickelte Wundbehandlung ein für allemal ein Ende gemacht. Er erlöste die ärztliche Welt von dem Albdrucke unbekannter und unberechenbarer Einflüsse auf den Wundverlauf und gab ihr damit eine Freiheit des Handelns, wie sie unsere Wissenschaft und Kunst während ihrer mehr als 2000jährigen Geschichte niemals auch nur entfernt besessen hat. Erst jetzt erhielt auch die chirurgisch-operative Phantasie den nötigen Spielraum, um immer neue Ausflüge in bisher dunkle und unbekannte Gebiete zu unternehmen, sie zu erobern und zu unterwerfen, Nachbargebiete der Chirurgie zu befruchten, den Ausbau der Hilfswissenschaften anzuregen und selbst ganz neue Wissenszweige ins Leben zu rufen.
Wie alles das im einzelnen vor sich gegangen ist, soll in den nachfolgenden Blättern geschildert werden.