Erlösungen Gedichte und Sprüche Vierte Ausgabe
Reading edition
Denkzettel für den verehrten Leser
Verehrter Leser! Mensch! ich beschwör dich: lies mich richtig, Mensch, oder scher dich! Nämlich das Lesen von Gedichten ist zwar sehr einfach zu verrichten, aber gerade die einfachen Sachen pflegt bekanntlich der Mensch sich schwer zu machen. Vor allem: such keinen „Grundgedanken“! sonst kommen deine paar Sinne ins Wanken. Will ich dir meine Gedanken reichen, schreib ich Sprüche, Aufsätze und dergleichen. Gedichte sind keine Abhandlungen; meine Gedichte sind Seelenwandlungen. Selbe vollziehen sich aus Gefühlen, die den ganzen Menschen aufwühlen. Solch ein Gefühl, das steigt dann zu Kopfe, sträubt mir manchmal die Haare vom Schopfe, setzt mir meine paar Sinne in Schrecken, daß sie plötzliche Luftbilder hecken; die greifen einander in buntem Lauf, jagen wohl auch Gedanken mit auf, die dann über dem Grunde schaukeln, etwa wie Schmetterlinge gaukeln um eine große glühende Blume über dem Brodem der Ackerkrume, und so fang ich sie auf im Nu, weiß wohl wie, weiß nicht wozu, ist eine planvoll zwecklose Geschichte, kurz — ich erlebe meine Gedichte. Und, merk dirs, kein Erleben geschieht aus Gedanken; ach, die Gedanken sind nur Ranken, die wir arabeskenhaft flechten um Manifeste von grundlosen Mächten. Denn das Leben hat kein Gehirn, verwirrt dir höchstens Dein Gehirn, wird dir nur mit Schmerz oder Lust als ein beseelender Wille bewußt, der dich unsinnig treibt und lockt, und den zu verdauen, Mensch, unverstockt, mit unsern paar Sinnen, für Heid wie Christ die wahre Seelenseligkeit ist. Drum, verehrter Leser, Mensch, ich beschwör dich: verdau mich ebenso! sonst scher dich! Und verwirrt dich doch mal mein Gewühl, so schieb’s nur, bitte, aufs Grundgefühl! Wie ich auch hier nur, möglichst hold, einem törichten Ingrimm Luft machen wollt.
Erster Abschnitt
*
Freudenruf
O freu dich, Mensch: Deine Welt erschallt! Überall ist Frühling, wo dein Herz nachtigallt! Menschenlieder, ihr schwanken Meer- und Himmels-Gedanken, Berg-, Fluß-, Fluren-Träume, Wolken- und Wellen-Schäume, Waldversunkenheiten, Sternentrunkenheiten, Wein- und Blumen-Gelüste, schwellende Lippen und Brüste bis hinauf zur Sonne — ja: ihr wiegt uns in Wonne!
Deutsches Lied
Mich drängt zu singen deutschen Geistes Kraft. Erde nimmt Himmelschwingen, wenn er dich, Volk, aufrafft. Über die Eichenkronen stürmt er zugvogeldreist in alle Zonen, wenns ihn zur Tat hinreißt. Welten schweben nieder, wenn er träumen will; Himmel nimmt Erdgefieder, heimatstill. Mag er zu schlafen scheinen, wenn er ruht: plötzlich durch all die Seinen zuckt Morgenglut. Mit einem Märchenlachen heller Verwegenheit hörst du, Volk, ihn erwachen. O Geist der Herrlichkeit!
An mein Volk
Ich möchte wohl geliebt von Vielen sein, und auch geehrt; ich weiß es wohl. Aber niemals soll mein Stolz und Wert mir drum gemein mit hunderttausend Andern sein. Ich hab ein großes Vaterland: zehn Völkern schuldet meine Stirn ihr bißchen Hirn. Ich habe nie das Volk gekannt, aus dem mein reinster Wert entstand. In meiner Heimat steht ein Baum, den liebe ich, der steht sehr stolz mitten im Mittelholz. Da träumt ich manchen jungen Traum; er wurzelt tief, der hohe Baum. Da träumt ich, daß der Mensch allein dem hunderttausendfachen Bann entwachsen kann: bis auch die Völker sich befrein zum Volk! — mein Volk, wann wirst du sein?
Auf den Weg
Jugendsehnen, Jugendirren: ach, was mag sich draus entwirren! Nimmer ruht der Wünsche Spiel, jeder Tag entfernt das Ziel.
Antrieb
Jüngling, du bist frei zum Flug; sei nur immer Manns genug! Spring aufs Glücksrad, rolle, rolle durch die Welt, die wettlauftolle; nimm als Lohn die eigne Bahn, aller Ruhm ist fremder Wahn.
Welt und Zeit
Es klagt die Zeit: die Welt vergreist, wo ist der alte heilige Geist! Indeß liegt Seine Heiligkeit im Schooß der Jungfrau Sinnlichkeit, was zwar die Jungfernschaft befleckt, doch eine junge Welt ausheckt. Dann ruft die Zeit: Halleluja, der heilige Geist ist wieder da!
Bekenntnis
Ich will ergründen alle Lust, so tief ich dürsten kann; ich will sie aus der ganzen Welt schöpfen, und stürb’ ich dran. Ich wills mit all der Schöpferwut, die in uns lechzt und brennt; ich will nicht zähmen meiner Glut heißhungrig Element. Ward ich durch frommer Lippen Macht, durch zahmer Küsse Tausch? Ich ward erzeugt in wilder Nacht und großem Wollustrausch! Und will nun leben so der Lust, wie mich die Lust erschuf. Schreit nur den Himmel an um mich, ihr Beter von Beruf!
Grundsatz
Nicht zum Guten, nicht vom Bösen wollen wir die Welt erlösen, nur zum Willen, der da schafft; Dichterkraft ist Gotteskraft.
Selbstzucht
Mensch, du sollst dich selbst erziehen. Und das wird dir mancher deuten: Mensch, du mußt dir selbst entfliehen. Hüte dich vor diesen Leuten! Rechne ab mit den Gewalten in dir, um dich. Sie ergeben zweierlei: wirst Du das Leben, wird das Leben dich gestalten? Mancher hat sich selbst erzogen; hat er auch ein Selbst gezüchtet? Noch hat Keiner Gott erflogen, der vor Gottes Teufeln flüchtet.
Wen’s trifft
Schicksal hämmert mit blinden Schlägen: Wachs bleibt Wachs, Gold läßt sich prägen, Eisen wird Stahl, Glas zerspringt — springt an hundert eiserne Türen, keine Klinke will sich rühren, die den Scherben Rettung bringt.
Die geflügelte Fackel
Du wünschtest dir und deinem Haus ein Zeichen, das euch für alle Zeit ein Glücksbild sei; doch welches Gleichnis ist so reich und frei, so vieler Seelen Wünsche auszugleichen? Wir möchten alle gern das Glück erreichen, das endlich eint dies ewige Zweierlei; doch fass ich meins, geht deins vielleicht entzwei. So lag und sann ich über solch ein Zeichen. Da träumte mir: Gewappnet mit zwei Schwingen kam eine Fackel durch die Nacht geweht. Sie loderte; die Sterne alle hingen wie Mücken nach der Flamme hingedreht. Und ihr Emporflug trieb mich aufzuspringen: dies Zeichen gilt für Jeden, der’s versteht!
Die Glocke im Meer
Ein Fischer hatte zwei kluge Jungen, hat ihnen oft ein Lied vorgesungen: Es treibt eine Wunderglocke im Meer, es freut ein gläubig Herze sehr, das Glockenspiel zu hören. Der eine sprach zu dem andern Sohn: Der alte Mann verkindet schon. Was singt er das dumme Lied immerfort; ich hab manchen Sturm gehört an Bord, noch nie eine Wunderglocke. Der andre sprach: Wir sind noch jung, er singt aus tiefer Erinnerung. Ich glaube, man muß viel Fahrten bestehn, um dem großen Meer auf den Grund zu sehn; dann hört man es auch wohl läuten. Und als der Vater gestorben war, fuhren sie weg mit braunblondem Haar. Und als sie sich grauhaarig wiedertrafen, dachten sie eines Abends im Hafen an die Wunderglocke. Der eine sprach, verdrossen und alt: Ich kenne das Meer und seine Gewalt. Ich hab mich zuschanden auf ihm geplagt, hab auch manchen Gewinn erjagt; läuten hört ich es niemals. Der andre sprach und lächelte jung: Ich gewann mir nichts als Erinnerung; es treibt eine Wunderglocke im Meer, es freut ein gläubig Herze sehr, das Glockenspiel zu hören.
Der Pirat
Nach José de Espronceda
Mit zehn Kanonen, blank an Bord, mit vollen Segeln vor dem Wind, die flink wie Möwenflügel sind, streicht eine Barke durch die Flut: die Barke des Piratenherrn, auf allen Meeren ausgekannt von einem bis zum andern Strand, der „Hai“ getauft für seinen Mut. Im dunkeln Wasser hüpft der Mond, im Tauwerk rauft und pfeift der Wind; ein langer Silberstreifen rinnt breit durch die blaubewegte Flut. Und der Piratenkapitän sitzt singend hoch an Steuers Rand, links Asiens, rechts Europens Strand, und singt und singt und schwenkt den Hut: „Fliege, mein Segler, fliege, unverzagt; fliegst und segelst zum Siege! Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe, der Himmelslaunen, der feindlichen Schiffe, weil dein Herr sein Leben wagt! Zwanzig Prisen haben wir gemacht, haben die Staatsmützen ausgelacht; hundert Nationen liegen und grüßen hier mit ihren Flaggen zu Füßen mir. Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer. „Könige streiten da drüben in blinder Gier um ein paar Äcker Rüben. Seht, ich lache! Meine Gefilde reichen, soweit das weite wilde Meer entrollt sein frei Panier. Da ist kein Wimpel, wie er auch glänze, da keine Küste, wo sie auch grenze, die nicht Salut getan meinem Geschlecht, die nicht erkannten mein Hoheitsrecht. Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer. „Kaum schrein vom Mars die Jungen: Schiff in Sicht! rennt’s schon mit vollen Lungen. Hoi, alle Segel breit, Fersengeldsegel, rennt es und rennt es; denn diese Flegel lieben den König der Meere nicht. Aber wie Brüder Ich und Ihr, meine Getreuen, teilen die Beute wir. Ein einzig Eigentum nehm ich für mich ohne Rivalen: dich, Schönheit, dich! Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer. „Verdammt zum Höllenfeuer, zum Tod am Strick, sitz ich und lache euer! Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange, den häng ich auf an der Segelstange, vielleicht von seiner eignen Brigg! Und wenn ich falle: was ist das Leben! Hab es schon damals verloren gegeben, als ich die Kette brach, als ich, ein Held, mir schuf mein eigen Recht, mir meine Welt. Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer. „Melodieen wie brausend Orgelgewühl spielt mir im Nachtsturm, sausend, meiner geschüttelten Taue Gestöhne, meiner Kanonen Donnergedröhne und des schwarzen Meeres Gebrüll. Von ihren tobenden Liedern umschnoben, geh ich zur Ruhe, wogenumwoben, jubelnde Zungen rund um mich her, in Schlaf gesungen vom Meer, vom Meer. Denn meine Barke ist mein Reichtum, denn mein Gesetz ist mein Begehr, mein Gott der Wind, mein Reich die Freiheit, mein einzig Vaterland das Meer!“ Im dunkeln Wasser hüpft der Mond, im Tauwerk rauft und pfeift der Wind; ein langer Silberstreifen rinnt breit durch die blaubewegte Flut. Und der Piratenkapitän lehnt schweigend hoch an Steuers Rand, links Asiens, rechts Europens Strand, tief in die Stirn gedrückt den Hut. Mit zehn Kanonen, blank an Bord, mit vollen Segeln vor dem Wind, die flink wie Möwenflügel sind, streicht seine Barke durch die Flut: die Barke des Piratenherrn, auf allen Meeren ausgekannt von einem bis zum andern Strand, der „Hai“ getauft für seinen Mut.
An die Ersehnte
Ich habe dich Gerte getauft, weil du so schlank bist und weil mich Gott mit dir züchtigen will, und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist wie in schmächtigen Pappeln im April. Ich kenne dich nicht — aber eines Tages wirst du im Sturm an meine Türe klopfen, und ich werde öffnen auf dies Klopfen, und meine zuchtlose Brust wird gleichen Schlages an Deine zuchtlosen Brüste klopfen. Denn ich kenne dich — deine Augen glänzen wie Knospen, und du willst blühen, blühen, blühen! und deine jungen Gedanken sprühen wie gepeitschte Sträucher an Sturzbächen; und du möchtest wie ich den Stürmen Gottes trotzen oder zerbrechen!
Im Fluge
Ganz in Eines flocht, o Gott, der Tanz unsre bang beseligten Gestalten; und ich sah, ihr schweres Haar war ganz von dem einen Silberpfeil gehalten. Und da hob sich schon ihr Mund und bog sich mir dar mit bittendem Gefühle; willenlos ein Blick, und im Gewühle blitzt der Pfeil auf, der zu Boden flog. Und sie senkte tief ihr heiß Genick, plötzlich ganz von ihrem Haar umflossen; und ich habe diesen Augenblick, den mir Gott gegeben hat, genossen.
Entzückung
Hab ich schon mit dir gespielt, als wir Kinder waren, scheu um Nachbars Ecke geschielt nach deinen flirrenden Haaren? Wenn mich nur dein Atem streift, fühl ich uns durchs Haidekraut springen; wenn mich deine Hand ergreift, möcht ich mit dir ringen. Bist du doch so schlank und schmeid, daß ich Tag für Tag sinne: Spielst du mit mir Engelsmaid oder Frau Teufelinne? Denn in Nächten, da schwing ich dich flügeltraumwild um hohe Feuer: O, umschling, umschlinge mich, glühendes Abenteuer!
Durch die Blume
Ich kann dir nicht die Blume nennen, der deine Seele gleicht. Sie müßte tief scharlachen brennen. Solche Blumen welken leicht. Und wen ihr roter Liebreiz bannt, der möchte sie verjüngen und muß tief herum den Sand mit seinem Blute düngen.
Entbietung
Schmück dir das Haar mit wildem Mohn, die Nacht ist da, all ihre Sterne glühen schon. All ihre Sterne glühn heut Dir! du weißt es ja: all ihre Sterne glühn in mir! Dein Haar ist schwarz, dein Haar ist wild und knistert unter meiner Glut; und wenn die schwillt, jagt sie mit Macht die roten Blüten und dein Blut hoch in die höchste Mitternacht. In deinen Augen glimmt ein Licht, so grau in grün, wie dort die Nacht den Stern umflicht. Wann kommst du?! — Meine Fackeln lohn! laß glühn, laß glühn! schmück mir dein Haar mit wildem Mohn!
Ihr Wunsch
Nach Pierre Louys
Manche hüllt sich in weiße Wolle. Manche ziert sich mit Seide und Gold. Manche schmückt sich mit Blumen, mit grünen Blättern und Früchten. Ich, ich möchte nur nackt leben. Nimm mich, Geliebter, wie ich bin: ohne Kleid, ohne Schmuck, ohne Schuhe: sieh, hier stehe ich, ganz nur ich! Meine Haare sind schwarz von ihrem Schwarz. Meine Lippen sind rot von ihrem Rot. Meine Haut schimmert reizender als eine offne Muschel im Mondschein. Nimm mich, wie meine Mutter mich machte in einer fernen Liebesnacht. Und wenn ich dir gefalle so, dann vergiß nicht, es mir zu sagen!
Die Umworbene
Nach Pierre Louys
Der Erste hat mir einen Schmuck geschenkt, einen Schmuck aus Perlen, der eine kleine Stadt wert ist, samt den Denkmälern und der Kirche, dem Rathaus und der Steuerkasse. Der Zweite hat mir Verse gemacht. Er hat gesagt, ich sei viel holder als eine Seerose im Morgenrot und scheuer als der Abendwind. Der Dritte war so schön, daß seine Schwester sich umgebracht hat, weil er sie nicht mehr küssen wollte. Ich hätt ihm nur zu winken brauchen. Du, du hast mir nichts gesagt. Du hast mir nichts geschenkt, denn du bist arm. Und bist nicht schön. Aber dich liebe ich.
Der Rächer
Durch die schlafende Lagune zieht ein langer stiller Kahn seine Bahn; einsam zieht er durch das Dunkel, durch das sanfte Flutgefunkel, wie ein großer schwarzer Schwan. Aber nun: im Zelt der Gondel fallen Worte schwer voll Glut. Und die Flut ebnet sich in weiten Kreisen; drohend wird der Ton der leisen Laute, und das Ruder ruht. Donna Anna, deine Schwüre sind noch dunkler als die Nacht! Stolz verlacht hab ich Alle, die dich schalten, aber — wenn sie Recht behalten: hüte dich! ein Rächer wacht! „Liebster, willst du mich betrüben? Sieh doch: hab ich denn von Lust je gewußt, eh du diesen Leib berührtest, dies gescholtne Herz verführtest?“ sinkt sie ihm an Hals und Brust. Sag mir — will er herrisch wehren, aber an ihm liegt sie dicht: „Fühlst du’s nicht? Wie der Vogel in die Weiten, sehn ich mich nach Seligkeiten!“ hebt sie schmachtend ihr Gesicht. Und er sieht und fühlt bezwungen ihrer Augen dunkle Macht; schwer und sacht rauscht ihr Kleid im Ampelschimmer, rötlich schwankt das Gondelzimmer, Küsse stöhnen durch die Nacht. Und sie unterdrückt ein Lachen: wie er von ihr trunken ist, sich vergißt! Doch ihr Spott ist kaum verflogen: wütend über sie gebogen sieht er ihre Dirnenlist. Und ein Ringen. Und ein Keuchen. „Gott, Erbarmen“ — bricht ein Schrei dumpf entzwei. Hohl ein Brodeln im Kanale. Stille wirds mit einem Male. Furchtsam flüstert er: Vorbei. Flüstert’s furchtsam wie im Traume, küßt im Traume ihren Mund weinend wund, hört sie um Erbarmen flehen, und als könnt er sie noch sehen, starrt er in den blauen Schlund. In der dunklen Wasserschale sieht er ruhn den weißen Mond, ruhn den Mond, sieht er winken die versunknen weißen Arme und die trunknen Lippen, oh so lieb gewohnt. Und nun öffnet sie die Augen, und von tiefer dunkler Macht schwer und sacht fühlt er sich hinabgezogen, sinkt er in die warmen Wogen, schließt sich über ihm die Nacht. Durch die schlafende Lagune wie ein großer schwarzer Schwan irrt ein Kahn. Willst du auf den Leuchtturm klimmen, siehst du fern ein Ruder schwimmen auf der glatten Wasserbahn.
Die Tochter der Sonne
Noch war Polen nicht verloren, Warschau schwirrte von Maskenfesten. Die Kavaliere klirrten mit silbernen Sporen um die Gunst der Damen in den Palästen. Oder sie tranken den edlen Wein gegen die edle Herzenspein unter den goldgestickten Westen. Nur ganz leise die Greise beim Spiel der Karten sprachen von Wettern, die Polen umstarrten — da erschien die Tochter der Sonne. Es war nicht Maria Lubmirska; wohl war die schön, als Aurora frisiert mit Brillanten. Wohl kam die Potocka mit Hörnergetön als Diana, in Brüsseler Kanten. Auch die Fürstin Sapieha im Luna-Korsett tanzte wieder wunderbar Menuett mit den andern Beautés und Charmanten. Aber Franziska Krasinska war schöner als sie; frei von Locken umströmt bis an die Knie kam die Tochter der Sonne. Sie hatte geträumt von dem weißen Aar, der Polens Schild retten würde; und der Schild wies ihr Bild mit gekröntem Haar, und der Vogel trug leicht die Bürde. Sie trat in den Saal wie gen Himmel entrückt, nur mit flimmerndem Flor wie mit Strahlen geschmückt und mit ihrer Jungfraunwürde. Und Prinz Karl sah nur sie, tanzte nur mit ihr, dem armen Fräulein von Sandomir — O, du Tochter der Sonne! Wenn ich eine Krone begehre, so ist es nur, deine keusche Stirne damit zu schmücken! Und sie hörte scheu den artigen Schwur und floh in den Park vor Entzücken. Sie hörte ihn ewige Treue lallen, nur die Bäume waren Zeugen, die Nachtigallen, und am Weiher tanzten die Mücken. Sie hörte, sie wehrte, sie ließ nicht nach, bis Prinz Karl ein Held zu werden versprach; o! wie strahlte die Tochter der Sonne. Sie strahlte den ganzen Sommer lang, schon fegte den Park der Regen, da ward Seine Hoheit liebeskrank und bedräute sich selbst mit dem Degen. Durch Warschaus Gassen jagte der Schnee, da raste ein nächtliches Mietcoupé dem Tempel Hymens entgegen. In geheimer Kapelle, so kalt sie war, kniete prinzliche Hoheit am Traualtar, kniete die Tochter der Sonne. Wie glühte des Königssohnes Gesicht im fröstelnden Schein der Kerzen! wie glänzten in dem spärlichen Licht die geweihten wächsernen Herzen! Doch als er am dritten Morgen erwachte und als sie noch immer an Polen dachte, begann er gnädigst zu scherzen. Er steckte den Trauring ins Gilet und erhob sich gähnend vom Kanapee — da erblich die Tochter der Sonne. Sie dachte noch manch verhärmtes Jahr, daß er Polens Schild retten würde. Denn Prinz Karl blieb der Königssohn, der er war, und trug wahrlich leicht seine Bürde. Er ließ sie, mit seinem Kind an der Hand, polnisch betteln gehn von Land zu Land um ihre Frauenwürde. Von Kloster zu Kloster, von Hofe zu Hofe, wie eine entlohnte Kammerzofe, irrte die Tochter der Sonne. Dreißig Jahre schleppte sie Schmach und Schmerz, Warschau klirrte von russischen Sporen, da schien ihr endlich die Sonne aufs Herz: wohl war Polen, Polen verloren, doch ihr Bett umstanden Hofärzte zuhauf und schnitten die todkranke Brust ihr auf, und zwischen den Herrn Doktoren stand ihr hoher Gemahl zu Tränen erweicht: pauvre cœur, pauvre cœur — sei die Erde dir leicht — oh, du Tochter der Sonne.
Wollust
Nach Shakespear
In wüster Schmach Vergeudung heiliger Glut ist Wollust, wenn sie praßt; und eh sie praßt, roh, schamlos, tierisch, aller Welt zur Last, meineidig, tückisch, voller Gier nach Blut. Gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt; sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht, sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht, als hätt ein Tollwurm die Vernunft zerfetzt. Wahnwitz im Rausch, Wahnwitz in Wunsch und Wahl, maßlos im Taumel vor, nach, in der Brunst, erdürstet Überglück, genossen Dunst, verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual — Ach! Jeder kennt und Jeder geht den Weg: zu dieser Hölle diesen Himmelssteg.
Ein Brandbrief
„Schöne und geliebte Dame“ — wenn die Kühnheit uns erlaubt ist; oder, wenn sie nicht erlaubt ist, „Gnädiges, verehrtes Fräulein“ — hehre Schwester in Apoll! Höchst prosaisch, aber desto mehr gelesen ist das Prachtwerk, höchstens noch der Bildungs-Meyer ist in Deutschland mehrgelesner als dies Prachtwerk, drin wir eben mit dem großen Blick der Freude und mit kleinen Lettern Euer holdes Dichterheim entdeckten, nämlich im Adreßkalender: Numro dreizehn, Blühmkes Hof. Ach, der Eine von den beiden höflichst Endesunterschriebnen kann den Sonntag nicht vergessen, jenen Sonntag, Donna Agnes, als wir unter den Akazien auf dem schmalen tiefen Sandweg, neben dem Kartoffelacker mit den vielen rosaroten abendlich beglänzten Blümlein, von den kleinen Kindern schwärmten, ganz besonders von den dicken, die Sie gern anbeißen möchten, ach, und dann auch von den großen, aber leider ziemlich magern Kindern, jenen unverblümten Liebesdichtern, die Sie, glaub’ich, auch am liebsten beißen möchten, ach, und von dem — Herrn Major. Nein, er wird es nie vergessen, nie und nimmer, dieser Eine. Und der Andre von den beiden höflichst Endesunterschriebnen hat vor Neid kaum essen können (achtzig Pfennig à la carte) — als ich einmal übers andre mein Erlebnis mit geschwenkter Gabel in die Lüfte malend „unvergeßlich, unvergeßlich“ schwurbereiten Mundes rief. Ach, der Ärmste, dieser Andre: melancholisch vor dem leeren Teller saß er, saß und knurrte durch den dicken, herbstlaubblonden, mittaglich bewegten Schnurrbart: „Teufel, war der Braten hart!“ Aber ich, ein Arzt für Seelen, die sich selbst nicht helfen können, winkte mit geschwungnem Messer einem schwarzgeschwänzten Bückling: „Kellner, bitte, das Rezeptbuch, nein, pardon, Adreßbuch mein’ich“ — und so fand ich und verschrieb ich jenem Andern und mir selber: Numro dreizehn, Blühmkes Hof. Donna Agnes, zwei Verlassne, die sich selbst nicht helfen können: denn des einen Liebesdichters Leib-und-Seelen-Zuflucht hat sich in ein Ostseebad verflüchtigt, und der andre mit dem dicken blonden Schnurrbart hat gar keine: zwei von Weib und Welt Verlassne flehen hier mit zwanzig Fingern um ein hilfbereites Herz. Donna Agnes, Eures Namens keusche Schutzpatronin wird Euch mit viel tausend deutschen Lesern und noch deutschern Leserinnen einst zum Lohne benedeien: Donna Agnes, bitte, bitte, pumpen Sie uns hundert ℳ! Wir verpflichten uns auch gerne, sie uns selber abzuholen, sie und Sie, und anstandshalber auch die Sonne mitzubringen, echte goldne Sonntagssonne, die auch Wochentags kann scheinen, einen ganzen halben Tag lang, in ein paradiesisches Gärtchen, wo es einen himmlischen Sekt gibt, wo wir Abends mit den Blättern um die Wette schwärmen können, mit den Blättern der Akazien oder auch der Roßkastanien oder des Kartoffelackers, von den kleinen dicken Kindern, von den Kindern wie die Kinder, nur nicht von dem — Herrn Major. Item: Eures Winks gewärtig, jedem Stephansboten fluchend, der nicht Botschaft von Agnesen, Botschaft und Entbietung bringt: liegen wir (Straubinger Straße, Numro fünfzehn, fünfte Treppe) Donna Agnes, hehre Schwester, ehrerbietigst hier auf unsern unverblümten Dichterknieen Dir zu Füßen: Richard Dehmel, Detlev Freiherr Liliencron.
Die zwölf sittsamen Gastwirte
Ihr Alle kennt den Dichter Liliencron, den Freiherrn von Poggfred, den reichen armen Baron. Doch bevor er sein Luftschloß, sein ewiges, baute, war er Hardesvogt auf Pellworm und verdaute Akten auf dieser „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“ in der windigsten Gegend der Nordsee. Im Amtskreis des Hardesvogts Liliencron hatten dreizehn Gastwirte abwechselnd Tanzkonzession. Und er ließ die Leute tanzen, soviel sie wollten, mit der dollste, wenn sie nach Noten dollten; weshalb er noch heute dort der Tanzbaron genannt wird, wenn der Wind mal leise seinen Dichternamen hinträgt. Da erhielt der Hardesvogt Liliencron eines Morgens eine Denunziazion: Gastwirt Nielsen untergrabe die guten Sitten, er habe wiederholt den „Turnus“ überschritten. Und verfaßt war das Skriptum nicht etwa vom Herrn Pfarrer, sondern von den andern zwölf Gastwirten dieser „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“. Der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron, kannte seine lieben guten Sittenwächter schon. Und nächsten Nachmittag mußten die zwölf Tugendreinen beim Gastwirt Nielsen, ihrem Konkurrenten, amtlich „erscheinen“ — und der Hardesvogt sprach vor Vernehmung des Tatbestandes: Nu laat uns mal fix ierst ’n lütt Runn’ Grogk kriegn! Alsdann ließ leutselig der Herr Baron den Ersten sich äußern, ohn Ansehn der Person. Er ließ ihn weitschweifig immer weiter schweifen, er hörte wohl draußen die Möwen keifen, bis der nichts mehr wußte — da sprach der Herr Hardesvogt: Denn laat uns man fix noch ’n lütt Runn’ Grogk kriegn! Und dann ließ der leutselige Herr Baron den Zweiten sich äußern, im nämlichen Ton. Er hörte wohl draußen über den Deichen die Schneegänse schnatternd durchs Abendrot streichen — bis er abermals sprach: Na denn, miene Herrn, denn laat uns man noch so’ne lütt Runn’ Grogk kriegn! Und dann lauschte dem dritten und vierten Sermon der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron. Er hörte derweil wohl draußen im Grauen einen wilden Schwan sich Bahn durch den Nebel hauen — bis Gastwirt Nielsen Licht machte und höflich meinte: Schall’t denn woll noch so’ne lütt Runn’ Grogk sien? Und so hörte der Hardesvogt Liliencron alle zwölf Konkurrenten, ohn Ansehn der Person. Und als der zwölfte seinen Sermon geschlossen, da war die siebente Runde Grogk genossen, und das machte pro Mann eine Mark und fünfundsiebzig oder zusammen zweiundzwanzig Mark fünfundsiebzig. Da erhob sich der deutsche Dichterbaron und sprach im königlich preußischen Regierungston: Der p. p. Nielsen hat sich fraglos als sittenlos erwiesen, und somit tu ich hiermit demselben zu wissen: er zahlt eine Ordnungsstrafe im Betrag von drei Reichsmark — Adjüs, miene Herrn! — Da erhielt der Hardesvogt Liliencron nie wieder eine Denunziazion. Aber leider trat die hohe Regierung mit seinem Tanzbein in zarte Berührung; item ist er auf Poggfred, sein ewiges Luftschloß, gezogen, denn da tanzen wir alle nach seinem Fidelbogen. Alle! —
Eine gantz neu Schelmweys
Zu singen im Tone des weilandt Magistri Pfefferfraß
Wir Schelmbe sind ein feinen hauff, da kann kein HErrgott wider auf; die Welt ist voll von Unsern Preiß, seit Adam stahl im Paradeys. Hosianna! Uns bleibt kein geldt in vnsern sack, Wir synd ein fürnemb Lumpenpack, Wir han das Allergrößt gefolg, kein fuerst vnd Hertzog hat ein solch. Hurrra! Zu nie keyn diensten taugen Wir als für dem Edlen Malwesier. Dem tun wir fröhnden, nimmer faul: ein jede Flaschen findt jr maul. Hoppla! Wir han nit weib, wir han nit kindt, Wir sind die rechten Sausewind. Vnd läßt uns Eine Dirn nit ein, die ander wird so süsser seyn! Eia! Wir schieren umb kein pfaff uns nit, Wir han unß Eignen segen mit. Vnd pfeiffen wir am letzten loch: der TEuffel nimbt in Gnad vns doch! Sela!
Novemberfahrt
Ja lacht nur, lacht, am Straßenrand ihr pelzvermummten Gaffer! Uns hat aus härterm Lehm gebrannt der Wein- und Weiber-Schaffer. Und wenn wir etwas zittrig sind und etwas rot die Nase, so meint nur nicht, das sei vom Wind: das Wetter steckt im Glase! Wir fahren in die Welt hinein, wenns Uns gefällt und gut scheint; wir fahren in dem Sonnenschein, der unter unserm Hut scheint. Und wenn die olle Sonne sieht so junge Dreistewichte, dann wird sie gleich vor Angst verliebt und macht ihr schönst Gesichte. Hurrah, Novembersonnentag, du Wunderwanderwetter, derweil am Herd das Zimperpack sich wärmt den Katterletter. Hurrah, so herb dein Reiz und Duft, so würzig und voll Schwere! Hurrah, ich schlürfe deine Luft, als ob es Rheinwein wäre!
Der brave Strubel
Unser Hofhund, Strubel heißt er, ist gar lobesam; nur die Ruhestörer beißt er, denen ist er gram. Ach, er liefe gern den Katzen durch den Garten nach; bellt auch gerne nach den Spatzen auf dem Scheunendach. Doch er muß darauf verzichten, folgsam seinem Herrn; denn er ist ein Hund mit Pflichten und gehorcht wohl gern. Wenn dann Väterchen ihm schmeichelt „hast es brav gemacht“ und das Kinn ihm gnädig streichelt, ists als ob er lacht. Und wie schön kann Strubel springen und kann aufrecht gehn, kann Verlornes wiederbringen und kann Schildwach stehn! Demut, Biedersinn und Treue sind in ihm vereint, und wir preisen stets aufs neue Strubel, unsern Freund.
Frecher Bengel
Ich bin ein kleiner Junge, ich bin ein großer Lump. Ich habe eine Zunge und keinen Strump. Ihr braucht mir keinen schenken, dann reiß ich mir kein Loch. Ihr könnt euch ruhig denken: Jottedoch! Ich denk von euch dasselbe. Ich kuck euch durch den Lack. Ich spuck euch aufs Gewölbe. Pack!
Fräulein Leichtfuß
Klein Fräulein Leichtfuß läßt sich gehn — Nur zu! Laß nur die Leute stehn, die fremd und finster dich besehn, und lach sie aus, die Lastkameele! Nur zu! Es kommt ein Tag, da blickst du fremd dich selbst an und erschrickst vor der Beladenheit der Menschenseele — Magst du den Anblick leicht bestehn!
Zuspruch
Du rennst nach eignem Ziel und Sinn, da kommt das Leben angefahren und nimmt dich mit an Hirn und Haaren; o nimm es hin. Noch stürmt dein Herz: ich will, ich will! und wilder blutet deine Wunde. O laß. Vielleicht noch eine Stunde, dann steht es still.
Epitaph
Eignes Leid und fremde Klage, einst ist alles schöne Sage.
Ermutigung
Nimm dein Schicksal ganz als deines! Hinter Sorge, Gram und Grauen wirst du dann ein ungemeines Glück entdecken: Selbstvertrauen.
Nächtliche Frage
Was bebt und bangt so wehe mein Herz empor, wenn ich dort oben sehe der Sterne Chor? Wie freie Seelen winken, so bannt den Blick ihr wandelbares Blinken: steig an zum Glück! Wie reine Geister glänzen, so mahnt ihr Licht: steig auf aus deinen Grenzen, sie wehren’s nicht! Und immer dann dies Beben, und immer mehr. O Stäubchen, Menschenleben, und doch zu schwer?
Vorgefühl
Es ist ein Schnee gefallen, hat alles Graue zugedeckt, die Bäume nur gen Himmel nicht; bald trinkt den Schnee das Sonnenlicht, dann wird das alles blühen, was in der harten Krume jetzt kaum Wurzeln streckt.
Mädchenfrühling
Aprilwind. Alle Knospen sind schon aufgesprossen; rings sprießt der Grund. Und sein Mund bleibt verschlossen? — Maisonnenregen. Alle Blumen langen, heimlich aufgegangen, dem Licht entgegen, dem lieben Licht. Fühlt ers nicht? —
Leises Lied
In einem stillen Garten, an eines Brunnens Schacht, wie wollt ich gerne warten die lange graue Nacht. Viel helle Lilien blühen um des Brunnens Schlund; drin schwimmen golden die Sterne, drin badet sich der Mond. Und wie in den Brunnen schimmern die lieben Sterne hinein, glänzt mir im Herzen immer deiner lieben Augen Schein. Die Sterne doch am Himmel, die stehn uns all so fern; in deinem stillen Garten stünd ich jetzt so gern.
Ständchen
Das Rosenstöcklein sieht in Flor; o Gärtnerin, wie blüht’s empor! Sie hat ihr Pförtlein zugemacht. Tiefe Nacht. Die schönste Rose in der Hand; ein Knösplein saß am Blütenrand. Es lugt sie an im Traum und lacht: Süße Nacht. Es lugt nach ihren Lippen hin; wie’s schwillt, wie’s schwillt, o Gärtnerin! Genieße doch die Blütenpracht! Gute Nacht!
Überraschung
Über die grauen Dächer weg, hoch hier oben, durch die langen roten Nelken, die vor meinem offnen Fenster leise zwischen mir und dem blauen Abendhimmel schwanken, will mein Herzschlag mit meiner Seele hinaus, hinauf. Um die höchste goldene Kirchturmkugel, im letzten fernen Lichte, mit hellen Flügeln, zieht ein Taubenschwarm eilende Kreise über dem Hause meiner Geliebten. Aus dem blassen Westen dringt der erste Stern und überflimmert scheu den lauten Dunst und trüben Lärm der großen Stadt hier unten, wie der erste blinkernde Traumgedanke aus dem grauen Schwarm der Lebensfragen in der Seele des Müden taucht — da klopft es. Klopft und ist auch schon im Stübchen, sitzt mir auf dem Diwan gegenüber, sagt kein Wort, es zittert nur ihr Atem, nur das lose Ringelhaar, nur die Lippen und die rote Bluse auf dem jungen, warmen, raschen Busen; und ich sage auch nichts. Ihre bangen Augensterne wagen in der stummen Dämmerung des Stübchens hoch hier oben einen süß beredten Evablick nach den langen roten Nelken hin: o, ihr Augen — — Und ich angle nach ihr mit den Beinen, diesen Perpendikeln meines Herzens: Kleine, merkst du, was die Uhr geschlagen hat? —
Herrliches Pärchen
Nein, wie sind wir herrlich beide! ich mit meinem Räubersinn, du in deinem Jägerkleide! Sonntag gehn wir auf die Haide, süße Lüneburgerin! Zwanzigtausend Schafe schauen immer wieder nach dir hin. Huch! sie ließen gern sich krauen, und die Lerche juchzt im Blauen: süße Lüneburgerin! Bis sich Nacht und Nebel ballen; ach, dann senken wir das Kinn. Kaum ein Mäuschen rührt die Krallen; huh, dann wirst du überfallen, weil ich doch dein Räuber bin! Brav im Grabe schläft der Hüne; hussa, falln wir auf ihn hin. Denn du bist ja meine kühne süße Lüneburgerüne, meine wilde Jägerin!
Empfang
Aber komm mir nicht im langen Kleid! komm gelaufen, daß die Funken stieben, beide Arme offen und bereit! Auf mein Schloß führt keine Galatreppe; über Berge gehts, reiß ab die Schleppe, nur mit kurzen Röcken kann man lieben! Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß! Einsam ist die Nacht in meinem Walde, und am schönsten bist du blaß und bloß, nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne; trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne, und ein Kuckuck lacht in meinem Walde. Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt! rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde; o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt! Komm, ich trage dich, du wildes Wunder: wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder! und dein Brautbett ist die ganze Erde.
Nicht doch
Mädel, laß das Stricken, geh, tu den Strumpf bei Seite heute; das ist was für alte Leute, für die jungen blüht der Klee! Laß, mein Kind, komm, mein Schätzchen; siehst du nicht, der Abendwind schäkert mit den Weidenkätzchen! — Mädel liebes, sieh doch nicht immer so bei Seite heute; das ist was für alte Leute, junge sehn sich ins Gesicht! Komm, mein Kind, sieh doch, Schätzchen: über uns der Abendwind schäkert mit den Weidenkätzchen! — Siehst du, Mädel, wars nicht nett so an meiner Seite heute? Das ist was für junge Leute, alte gehn allein zu Bett. Was denn, Kind? weinen, Schätzchen? Nicht doch! sieh, der Abendwind schäkert mit den Weidenkätzchen! —
Das alte Lied
Die Rosenknospe gab sie mir, ein weh Lebwohl klang nach; ich wollte lächeln, als ich ihr dafür ein Lied versprach. Ihr stand ein Tränchen im Gesicht, und lächeln wollte sie auch; doch lächelten wir beide nicht, das ist so Abschiedsbrauch. Jetzt lächel ich in einem fort, und ihr ist nicht mehr weh; die Rosenknospe ist verdorrt, das Lied ist aus — juchhee!
Die Heimkehr
Nach einem französischen Volkslied
Der Seemann kommt vom Krieg zurück, so sacht; verbrannt so sehr, verstaubt so sehr — „Wo kommst du, armer Seemann, her? so sacht, so sacht?“ Frau Wirtin, ich komme vom Krieg zurück, so sacht. Bringt Wein! vom weißen! Was bleibt Ihr stehn? Der Seemann muß bald weitergehn! so sacht, so sacht. Der wackre Seemann sitzt und trinkt, so sacht. Er sitzt und trinkt und schaut ins Glas; der Wirtin werden die Augen naß, so sacht, so sacht. Was habt Ihr, schöne Frau Wirtin, sagt! so sacht? Tut Euer weißer Wein Euch leid? Der Seemann ist zum Gehn bereit! so sacht, so sacht. „Mein weißer Wein tut mir nicht leid, so sacht; mein toter Mann kam mir in Sinn, Ihr ähnelt ihm an Mund und Kinn, so sacht, so sacht.“ O sagt mir, schöne Frau Wirtin, sagt, so sacht: zwei Kinder, hört ich, hattet Ihr von Euerm Mann — nun seh ich vier?! so sacht, so sacht? „Man hat mir manchen Brief geschickt, so sacht, und zeigte seinen Tod mir an, da nahm ich einen andern Mann, so sacht, so sacht.“ Der wackre Seemann leert sein Glas, so sacht. Und ohne Dank, mit schwerem Blick, ging er zu seinem Schiff zurück, so sacht, so sacht.
Zuflucht
Hinterm Elternhaus am kleinen Weiher, dicht umdunkelt rings von Weidenruten, breitet eine Pappel ihre schwanken Zweige nickend über Schilf und Fluten. Seltsam heimlich ists an diesem Orte; schon als Knabe hab ich hier gesessen und mich ausgeweint im Schutz der hohen Binsen und mein junges Leid vergessen. Wieder starr’ich in das schwarze Wasser, aber keine Träne will mir kommen; nur die schwanken Pappelzweige seh ich dort sich spiegeln, winkend, bleich, verschwommen.
Sommerabend
Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur; fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert, im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur, ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert. Vom Wiesengrunde kommt ein Glockenton, der Hirte sammelt seine satte Herde; im stillen Walde steht die Dämmrung schon, ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde. Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm, die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden; nur noch die Grillen geigen ihren Psalm. So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden!
Morgenandacht
Sehnsucht hat mich früh geweckt; wo die alten Eichen rauschen, hier am Waldrand hingestreckt, will ich Dich, Natur, belauschen. Jeder Halm steht wie erwacht; grüner scheint das Feld zu leben, wenn im kühlen Tau der Nacht warm die ersten Strahlen beben. Wie die Fülle mich beengt! so viel Großes! so viel Kleines! wie es sich zusammendrängt in ein übermächtig Eines! Wie der Wind im Hafer surrt, tief im Gras die Grillen klingen, hoch im Holz die Taube gurrt, wie die Blätter schauernd schwingen, wie die Bienen taumelnd sammeln und die Käfer lautlos schlüpfen — O Natur! was soll mein Stammeln, seh ich alldas Dich verknüpfen: wie es mir ins Innre dringt, all das Große, all das Kleine, wie’s mit mir zusammenklingt in das übermächtig Eine!
Im Regen
Es stimmt zu mir, es ist ein sinnreich Wetter; mein Nacken trieft, denn Baum und Borke triefen. Die Tropfen klatschen durch die schlaffen Blätter; die nassen Vögel tun, als ob sie schliefen. Der Himmel brütet im verwaschnen Laube, als würde nie mehr Licht nach diesem Regen; nun kann er endlich, ungestört vom Staube, das Los der Erde gründlich überlegen. Die Welt fühlt grämlich ihres Alters Schwere: kein Fünkchen Freude, keine Spur von Trauer. Und immer steter schwemmt sie mich ins Leere: kein Staub, kein Licht mehr — grau — und immer grauer.
Einkehr
Nach Verlaine
Das Glöckchen überm Dache da tönt heut so weise. Das Bäumchen überm Dache da bewegt sich leise. Der Himmel überm Dache da steht klar und stille. Die Lerche überm Dache da singt: es gescheh dein Wille. Mein Gott, wie liegt das Dasein da: wie Ruhebetten. Und da, die ferne Unruh da kommt aus Werkstätten. O Du, o Mensch — Du da, Du da mit deinen Klagen! was hast du angefangen, Mensch, mit deinen Jugendtagen?!
Lied Kaspar Hausers
Nach Verlaine
Ich kam so fromm, ein Waisenkind, das nichts als seine stillen Augen hat, zu den Leuten der großen Stadt; sie fanden mich zu blöd gesinnt. Mit zwanzig Jahren ward ich klug und fand die Frauen schön und gut; sie nennen das die Liebesglut. Ich war den Fraun nicht schön genug. Ohne Vaterland und Königshaus, und wohl auch kein sehr tapfrer Held, wollt ich den Tod im Ehrenfeld; der Hauptmann schickte mich nach Haus. Kam ich zu früh, kam ich zu spät in diese Welt? was soll ich hier! Ach Gott, ihr lieben Leute ihr, sprecht für den Kasper ein Gebet!
Heimat
Und auch im alten Elternhause und noch am Abend keine Ruh? Sehnsüchtig hör ich dem Gebrause der hohen Pappeln draußen zu. Und höre sacht die Türe klinken, Mutter tritt mit der Lampe ein; und alle Sehnsüchte versinken, o Mutter, in dein Licht hinein.
Zweiter Abschnitt
*
Tief von fern
Aus des Abends weißen Wogen taucht ein Stern; tief von fern kommt der junge Mond gezogen. Tief von fern, aus des Morgens grauen Wogen, langt der große blasse Bogen nach dem Stern.
Der Herr der Liebe
Nach Dante
An Jeden, der mit edlem Geist dem Bunde der Himmelsmächte dient in Erdentalen und willig dartut, was sie anbefahlen, ergeht vom Geist der Liebe meine Kunde. Es war zur Nacht und schon die vierte Stunde, da sah ich plötzlich Alles um mich strahlen, und vor mir stand der Herr der Liebesqualen, sein Blick entsetzte mich bis tief zum Grunde. Erst schien er fröhlich. In der Hand, der einen, hielt er mein Herz; auf seinem Arm indessen schlief meine Herrin, blaß, in rotem Leinen. Er weckte sie, und ließ sie von dem kleinen und völlig glühenden Herzen schüchtern essen. Darauf entwich er mir mit lautem Weinen.
Läuterung
Wie mit zauberischen Händen greifen Träume in mein Leben, will ein altes sich vollenden, will ein neues sich begeben. Eine Flamme sah ich lodern hoch und rein aus goldner Schale, und die Flamme schien zu fodern: wirf dein Leid in diese Schale! Und anbetend hingezwungen, fühlt ich Gluten mich umfangen; rauschend küßten ihre Zungen mir die Augen, Stirn und Wangen. Und ich fühlte hell vergehen all mein Leid mit einem Male, rauschend mich als Flamme wehen selber in der goldnen Schale. Wie mit zauberischen Händen greifen Träume in mein Leben. Will ein altes sich vollenden? will ein neues sich begeben?
Pfingstlied
Die Akazien blühen jetzt wie gebenedeiete Jungfraun. Wieder hebt sich mein Gesicht ihrem reinen Geruche zu, ins Morgenlicht. Und auch Dich dort oben, weiße Taube du, die wie gestern zwischen ihren grauen Schwestern glänzt und kreist: Alles erfüllt mein heiliger Geist.
Jetzt und immer
Seit wann du mein — ich weiß es nicht; was weiß das Herz von Zeit und Raum! Mir ist, als wärs seit gestern erst, daß du erfülltest meinen Traum, mir ist, als wärs seit immer schon, so eigen bist du mir vertraut: so ewig lange schon mein Weib, so immer wieder meine Braut.
Allgegenwart
Du gehst nie von mir, ich bleibe bei dir; denn du bist in mir fern wie nah. In jedem Herzschlag, der mich belebt, bist du’s, die mit mir durchs Leben strebt. Mit jedem Atemzug, der mir die Seele klärt, fühl ich, wie deine Seele mich nährt, die mir allinnerlich Seele der Welt ist, in Allem such ich dich, du Welt mit mir! In Allem find ich dich: dich in dem bangen Hinausverlangen des Winds im Wald, dich in dem Widerstreit der Blätter über mir, dich in der Innigkeit der Gräser hier, dich in der Wolke dort, aus der die Sonne quillt, wie du so lauter, so warm und mild, dich in der Träne, die jetzt von Herzen still aus meinen Augen zu dir will.
Waldseligkeit
Der Wald beginnt zu rauschen, den Bäumen naht die Nacht; als ob sie selig lauschen, berühren sie sich sacht. Und unter ihren Zweigen, da bin ich ganz allein, da bin ich ganz mein eigen, ganz nur dein.
Die Getrennten
Nie mehr bin ich allein, gleich bebt in mir deine Stimme: Du, wie ist dir ums Herz? Du, wie ist dir ums Herz? Wie dem Schwanenpaar damals, das wir beim Nestbau belauschten, Beide wie Ein Herz bewegt, Beide wie Ein Herz bewegt. Oh, jetzt bin ich allein, jetzt bebt in mir deine Stimme: Oh, wo bist du, mein Herz? Du, wo bist du, mein Herz!
In Sehnsucht
Jüngling:
Möcht es hassen, dies Sehnen ohne Maßen. Weiß nicht, was ich tun will; weiß nicht, ob ich ruhn will. Jetzt alles tragen und stolz verzagen, jetzt alles wagen und zu ihr jagen. Ein träges Hasten selbst mein Gang, ein blödes Tasten von Drang zu Drang, ein Sehnen ohne Maßen. Möcht es hassen; ach, aber bin so glücklich drin.
Mädchen:
Möcht ein Lied dem Liebsten singen, daß er tief ins Herz mir sieht. Doch es will mir nicht gelingen, alles in mir stockt und flieht. Ob ich nur das Wort verfehle? ob zu Ihm gleich alles flieht? Aber meine ganze Seele ist ein einzig Sehnsuchtslied.
Deine Nähe
Zitternd bin ich aufgesprungen, glühend, mit dem Tageslichte, dir zu singen die Gedichte, die ich dir im Traum gesungen. Nie ertönte Innenklänge, zauberzarte, weiche, milde; nie vernommne, heiße, wilde, heilig brausende Gesänge. Und sie alle, alle rauschten Deinen, immer Deinen Namen, bis des Erdballs Völker kamen und auf deine Ankunft lauschten. Kamen aus den fernsten Landen, sprachen wohl in allen Zungen; doch von Dir, von Dir bezwungen, haben alle mich verstanden. Eines nur der tausend Lieder, eines nur noch einmal singen: ewig würd’es weiterklingen! Ach, ich finde keines wieder. Stumm im Herzen nur ein Schauern, nur ein brennendes Verzagen, ein Verlangen und ein Fragen: Komm! was läßt du mich so trauern?!
Der Bräutigam
Mein tolles Herz, ich leg auf dich die Hände. Nun träum dich an ein sonnig fern Gelände, da deckt man dich mit stillen Blumen zu. Da lauscht eine Mutter dem Ruf der Morgenglocken und glättet einer Braut die wirren Locken und bittet dich: gib Ruh, gib Ruh.
Ansturm
O zürne nicht, wenn mein Begehren brausend aus seinem Dunkel bricht. Soll es mich selber nicht verzehren, muß ich’s aussprühn! ans Licht, ans Licht! Fühlst ja, wie all mein Innres brandet. Und wenn herauf der Aufruhr bricht, jäh über deinen Frieden strandet, dann bebst du — aber zürnst mir nicht.
Nachtgebet der Braut
O mein Geliebter — in die Kissen bet ich nach dir, ins Firmament! O könnt ich sagen, dürft er wissen, wie meine Einsamkeit mich brennt! O Welt, wann darf ich ihn umschlingen! O laß ihn mir im Traume nahn, mich wie die Erde um ihn schwingen und seinen Sonnenkuß empfahn und seine Flammenkräfte trinken, ihm Flammen, Flammen wiedersprühn, oh Welt, bis wir zusammensinken in überirdischem Erglühn! O Welt des Lichtes, Welt der Wonne! O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual! O Traum der Erde: Sonne, Sonne! O mein Geliebter — mein Gemahl —
Ballnacht
Prunkende Klänge, Tanz und Geflirre; stumm im Gedränge steh ich und irre. Steh ich und starre, suche nach dir, und weiß und weiß doch, du bist nicht hier. Alle die Blicke, was sie wohl plaudern, die Händedrücke, die Hast, das Zaudern. Immer verworrener, wie im Traum, fremder und fremder rauscht der Raum. Köpfe wiegen sich, Füße schweben, Arme biegen sich; sinnlos Leben. Sterbende Blumen, weh tuendes Licht, seltne Juwelen, nur Seelen nicht. Wie blaß die Sterne durchs Fenster blinken! O könnt ich ferne jetzt hinsinken mit ihren Strahlen zu Dir, zu Dir, die du im Traum noch fühlst mit mir!
Entweihung
Wage selber kaum verstohlen deinen Namen mir zu stammeln; ist mir immer doch, die Menschen müßten sich zur Andacht sammeln. Und ich muß es höflich leiden, muß mich wie ein Fant betragen, wenn die fremdesten ihn nennen und mich schamlos nach dir fragen, mit denselben Lippen fragen, die vor jedem Knecht sich blähen, die um jeden Wicht scharwenzen, die auf jeden Echten schmähen. Fort! still fort — ich will dein Dulden nicht mit meinem Ekel kränken; will zu meiner Mutter flüchten, ganz in Reinheit an dich denken.
Landung
Mein weißer Schwan vor mir, noch ziehn wir leise auf dunkler Flut durch unser Morgengrauen, zur blassen Ferne, wo die Wellenkreise dem jungen Tage hoch entgegenblauen. So lassen wir uns tragen, weiter tragen, und golden wird der dunkle Wasserbogen, bis wir die seligen Inseln sehen ragen im Glanz der Frühe aus den stillen Wogen. Da wirst du losgeknüpft von meinen Zügeln, der Nachen säumt, wir sind am Heimatlande; da dehnst du dich mit ausgespannten Flügeln und steigst hinauf mit mir zum hellen Strande. Und von den Höhen wird ein Singen wehen, die Bahn zum Licht zu weisen auch den Brüdern, und durch die Tiefen wird ein Klingen gehen von großem Glück: aus meinen Schwanenliedern.
Die Illusion
Nach José Zorrilla
Was ist die Freude, das Glück, das Leben ohne den Traum von Hoffnung und von Ruhm! Eine Straße, endlos, öd, uneben: immer müder wird dein Pilgertum. Gieb mir Melodieen — oh, nur eine: wiege das Herz in Träume, wenn es schreit! und dir wachsen ewige Marmorsteine aus der Asche der Vergangenheit. Hoffnung! Ruhm! was soll ich mich beklagen; ein Diadem zieht strahlend vor mir her. Was tuts, ein Leben wie ein Bettler tragen, wenn man stirbt wie Pindar und Homer!
Gebet an die Geliebte
Meine Hoffnung du, nun hilf mir hoffen! Schleicht der Winter schon in unser Leben, das noch kaum ein Frühlingsstrahl getroffen? Sahn wir darum einen Himmel offen, nur um Grabesziele anzustreben? Hilf mir glauben! Nimm mir nicht den Segen, daß ich Ein Herz durch mich glücklich wisse! O, es geht sich schwer auf meinen Wegen: ewiges Eis starrt von den Höhn entgegen, und im Abgrund gähnen Finsternisse. Drum von Liebe still! Wer kann sie sagen. Laß mich fühlen, fühlen, daß die Gluten auch in Dir empor zu Flammen schlagen, in der Lohe uns gen Himmel tragen, und das Eis zerschmilzt in Lavafluten!
Der Wunschgeist
Und wieder saß ich spät mit mir allein, im Lichtkreis meiner Lampe, Ausgeburten sehnsüchtiger Not durchs Hirn vom Herzen wälzend, und wußte nichts von mir; ein krasser Wust von Wünschen, schwirrt ich vor mir selbst im Kreis und sah die Wunschgespenster sich verknäueln, sich würgen und sich fressen und in Qual und zuckender Wollust mit einander paaren, um neue Ausgeburten zu gebären. Bis mir auf einmal, im verrückten Rausch des Mitgefühls, die Nägel meiner Finger in meine heißen Augenhöhlen fuhren, daß ich aufwankte aus der Schwelgerei. Und taumelnd fühlt ich mich zum Fenster hin, und stand und atmete die sanfte Nacht. Da dehnte sich im Dunstlicht um mich her Berlin — mit seinen Dächern, seinen Türmen, Schornsteinen, Schloten, Kuppeln, Ruhmessäulen heraufgebaut ins fahle Blau, als langte aus ihrem Grabe scheintot eine Riesin und reckte alle Finger bettelnd hoch: nur leben will ich, leben, atmen, essen! Und wimmeln hört ich die Milliarden Wünsche, die ungestillten, unter allen Mauern, wie Würmer einer schattenvollen Gruft; hörte den Hunger, der mit dürren Knöcheln ins Grab sich trommelte auf nackter Diele, die Not, die schamlos durch die Straßen strich, das Elend, das im Flitterputz sich narrte. Und ich erschrak, wie winzig meine Not; und ein Erbarmen, graunvoll, grenzenlos, trieb mich zurück in meine Einsamkeit. Und trübe saß und starrt ich in die Lampe, und trüber noch auf meinen Schatten, der verschwimmend an der Wand hing, schwankend, nickend, und starrte — und entsetzte mich: der Schatten bewegte, drehte sich, und kam und schwebte, und neigte sich vor mir, und winkte mir, und eine Stimme tönte tief und hohl: „Komm. Wunsch ist Lust, Erfüllung Tod. Komm, schaue.“ Wir wandelten. Ein bleicher Mittag lag schwül auf dem gelben Sand der weiten Wüste. Nichts rührte sich, nur mein vermummter Führer, der stumm und schwarz vor mir die Glut durchschritt; in seine Spuren trat ich wie gebannt, da klaffte jäh ein Abgrund vor uns auf. Ich fuhr zurück. Doch ruhig stand der Düstre und wies zur Rechten, wo ein riesenhafter verworrner Kuppelbau am Abhang hochwuchs, und aus der Maske scholl es schwer und dumpf: „der Tempel der Erfüllung“ — daß ich bebte, von ungewissen Schauern angefaßt. Da tönte wieder die vermummte Stimme: „drei Wünsche darf ich dir gewähren, wähle!“ und rasselnd sprang die Pforte oben auf. Und grübelnd starrt’ich in die dunkle Öffnung; mir war, als wogten die Milliarden Wünsche des Erdballs drin, die ungestillten alle. Von Scham und Zorn erglüht ich, strafen wollt ich den höhnischen Versucher, selig rief ich: So soll denn jeder höchste Wunsch auf Erden erfüllt sein jedem Einzigen! — „Jedem Einzigen“, gleichgiltig sprach es der im Mantel nach. Und rückwärts deutete der Ungerührte dem Saum der Wüste zu; der regte sich, und aus dem Staub erhob sich ein Getümmel, als schwärmten ferne Geier um ein Aas. Und fort vom Horizont her schob sichs schwärzlich wie Wolkenklumpen, ballte sich und schwoll, schwoll, löste sich, erbrauste, schwoll, und wälzte und wickelte sich tosend auseinander und auf uns zu, die Ebne überströmend wie Qualmgebrodel, sturmgepeitscht; und näher und immer näher schwolls und schüttete sich aus vor uns zu Haufen, Schaaren, Zügen von Leibern gelb und weiß und schwarz und braun. Die Erde dröhnte, wie sie rasend rannten und keuchend ritten; und da schossen schon die Ersten uns vorbei, vom Wettlauf triefend, hinauf den Abhang und hinauf die steilen Stufen der Tempeltreppe, ihnen nach der Unzählbaren brausendes Gewühl. Und schaudernd sah ich ihrer Augen Gier; doch unbewegt stand neben mir mein Führer. Und nun, da kamen aus dem dunkeln Tor mit dem errafften Gut, dem höchst erstrebten, dem tiefst ersehnten, Einige schon zurück; und zitternd, freudezitternd späht’ich hin. O Wahn! — o wie sie kindisch um die Säulen tanzten und johlten, in den Händen Tand! Doch Andre kamen — fiebernd späht’ich hin. Da schleppte unter beiden Armen Einer verstaubte Folianten. Einer kroch fast, so war er goldbepackt. Behutsam trug ein Greis ein Blumentöpfchen. Eine Schöne liebäugelte mit ihrem Perlenschmuck. Und jetzt: Halt suchend griff ich in die Luft: wild jauchzend stürmte aus dem Tor ein Häuptling, die blutige Kopfhaut eines Feindes schwang er, und oben auf den Stufen rangen Zwei zum Mord verknotet um ein nacktes Weib. Mitfühlend bog sich, krümmte sich mein Arm. Da ließ der Krampf mich los: ein Ekel fuhr mir, ein Strom von Ingrimm durch Genick und Kehle. Gen Himmel stieß ich die geballten Fäuste: O Allmacht, rott es aus, dies Wurmgezücht! vertilgt sei, wer nicht liebt! es lebe nur, wer in der einen Sehnsucht sich verzehrt, die Alle glücklich macht! es lebe nur, wer Alle, Alle will vom Schmerz erlösen! „Erlösen“ — tönte die vermummte Stimme; „der zweite Wunsch!“ wie Drohung scholl es nach. Und plötzlich: vor mir, neben, über mir, herab die Stufen, schollernd, schlotternd kams herab den Abhang, dröhnend wie Geröll, hinab zum Abgrund, Leiber über Leiber, verrenkt im Todeskampf, und drüber weg hinauf den Abhang, immer dröhnender, hinauf die Stufen und ins dunkle Tor der Unzählbaren brausendes Gewühl. Und immer dröhnender, hinein, heraus, herab die Stufen, schollernd, schlotternd quolls hinab, hinunter, Sterbende und Leichen, vor meinen Augen; und die Sonne sank und sank und sank, und immer neue Haufen Verröchelnder verschlang der Schlund vor mir. Aufschreien wollt ich, flehen, daß nur Einer, nur Einer spräche das geweihte Wort — der Laut erstickte mir im offnen Mund: mein liebster Freund, da schlug er hin, zermalmt, zermalmt die Brüder beide, beide Schwestern, mit angstumklammertem Brautkranz die Geliebte, und da, da — „Mutter!“ — da stand meine Mutter und hörte nicht mein Schrein und stieg hinan und bat zu Gott, oh Gott, für mich, für mich, für ihren Sohn blos bat sie Gott um Glück, und starb für ihr Gebet — stier sah ichs an. Stumpf glotzt ich in die Runde, sinnlos lächelnd; irrsinnig schien ich mir, erstarrt mein Herz. Wohin ich sah, verglaste Augenpaare; und all die Augenpaare sahn mich an. Und sahn mich an wie meine eignen Augen, aus allen Augen sah ich selbst mich an, verglast, sinnlos, zum Lächeln — da: aufschluchzend fiel ich hin und weinte laut. Und fühlte eine große Stille werden, ein dunkler Sammet streifte meine Schläfen, wie schwere Dämmrung legten sich die Falten um meine Schultern, und wie Nachtwind hohl traf mich die Frage: „Und dein dritter Wunsch? dein letzter, eigenster?“ Aufrüttelnd fuhr ein eisiger Atem durch mein heißes Haar. Und stammeln wollt ich. Doch die Worte kreisten in mir wie Staub im Sturm. In meinen Ohren war wieder das Gedröhn. Und eine Angst vor meiner eignen armen Gier und Blindheit hielt mir die Kehle würgend zu: zerknirscht lag ich und lag, nicht wagt’ich mehr zu wünschen, und endlich, röchelnd, bettelnd, stöhnt ich: Gnade! und schlug die Augen auf. Da dehnte sich, nickend, verschwimmend, an der Wand mein Schatten; verflammend stand die Lampe, schwälte, losch, ich saß allein im kalten Licht der Sterne.
Dante guidante
Wer sich durch eine Hölle hat gesungen, den fragt, welch Paradies ihm endlich tagte! Doch wer an seinem Leben nie verzagte, hat um das höchste Leben nie gerungen.
Rückkehr
Ich seh in deine Augen wieder, in diesen Frieden tief und bang; da schweigen all die Aufruhrlieder, die schrill in mir mein Unhold sang. Du darfst den trüben Wahnsinn wissen, der gräßlich lacht in mir und schreit, daß ich vom Mutterleib gerissen zu graunvoll freudelosem Streit, daß mich Natur mit allen Trieben im Schooß der Wonne schon verdammt, daß die verflucht sind, die mich lieben, daß meine Glut nur Unheil flammt. Du, Du, die Eine, hast ergründet mein innerst Sündenangesicht, hast mich entsühnt, zu Glut entzündet in mir der Reinheit schwaches Licht. Von deinen heiligen Seelenblicken glänzt meiner Sinne dumpfe Flur; mir löst ein menschliches Entzücken die rohen Ketten der Natur. In Tränen stirbt mein irres Bangen, ob ich berufen sei zum Glück; sieh mein verröchelndes Verlangen, die Klarheit gabst du mir zurück.
Verheißung
O weine nicht; die Wunden heilen bald, die dir mein Unmut schlug und dein Verzagen. Du wirst noch jubeln, daß dich mit Gewalt mein Mut aufstachelt aus den Alltagstagen. Denn sieh, dir ist ein Dornenkranz geweiht, herrlich genug, das schwächste Herz zu stählen; dran strahlt als Himmelsblume jedes Leid, mit dem uns Sehnsucht und Verlangen quälen. Schon hebt sich um mein Haupt das Morgenrot, das einst auch Deine Stirne wird bekränzen, wenn eine ferne Sage unsre Not, und wenn als Sterne deine Tränen glänzen.
An meine Königin
Bin ich ein König? — Als ich Knabe war, da träumte mir von einem goldnen Throne, von einem Volk in heller Jubelschaar, von einem Purpurmantel, einer Krone. Ich wurde Jüngling, und der irdne Glanz verblich im Geisterlicht des Ewig Schönen; da träumte mir von einem Strahlenkranz, mit dem ein andres Volk mich sollte krönen. Jetzt träum ich nicht mehr Kronen, nicht mehr Kränze, kein Ziel der Sehnsucht, das der Stolz gebar; mich lockt kein Volk, kein Reich mehr, keine Grenze, nur meiner Kraft glühn muß ich immerdar. Nur immer schweben, wie der Adler schweben, den es hinauf ins Unbegrenzte reißt; ich kann nicht wie die Lerche mich bestreben, die flatternd ihre Ackerfurche preist. Ich weiß kein Ziel. Gestalten aus dem Vollen erheben sich, zerreißen die Umhüllung. Nun ihnen nach, die nichts als Dasein wollen! Mein Sehnen ging durch Dich mir in Erfüllung. Du gabst mir solch ein Reich voll Glanz zu eigen, daß meine ganze Sprache mir zu wenig, all dieses Reichtums Herrlichkeit zu zeigen, und dankbar knie ich hin: — ich bin ein König.
Wahrspruch
Ob wir verdienen, daß wir glücklich sind? Was zweifelst du? Verdienst du, gut zu sein? Durch Zweifel wird das wahrste Wesen Schein. Glück ist des Menschen schönste Tugend, Kind; wer glücklich ist, verdients zu sein.
Lobgesang
Wie das Meer ist die Liebe: unerschöpflich, unergründlich, unermeßlich: Woge zu Woge stürzend gehoben, Woge in Woge wachsend verschlungen, sturm-und-wetter-geberdig nun, sonneselig nun, willig nun dem Mond die unaufhaltsame Fläche — doch in der Tiefe stetes Walten ewiger Ruhe, ungestört, undurchdringbar dem irdischen Blick, starr verdämmernd in gläsernes Dunkel — und in der Weite stetes Wirken ewiger Regung, ungestillt, unentwirrbar dem irdischen Blick, wild verschwimmend im Licht der Lüfte: Aufrausch der Unendlichkeit ist das Meer, ist die Liebe.
Blick ins Licht
Still von Baum zu Bäumen schaukeln meinen Kahn die Uferwellen; märchenblütenblau umgaukeln meine Fahrt die Schilflibellen, Schatten küssen den Boden der Flut. Durch die dunkle Wölbung der Erlen — welch ein funkelndes Verschwenden — streut die Sonne mit goldenen Händen silberne Perlen in die smaragdenen Wirbel der Flut. Durch die Flucht der Strahlen schweben bang nach oben meine Träume, wo die Bäume ihre krausen Häupter heben in des Himmels ruhige Flut. Und in leichtem, lichtem Kreise weht ein Blatt zu meinen Füßen nieder; und des Friedens leise weiße Taube seh ich grüßen, fernher grüßen meiner Seele dunkle Flut.
Fernhin
Durch Traum und Morgen-Unruh und jetzt noch seh ich dich: die lange Nachtfahrt, im Duft des Blumenstraußes, den ich dir mitgab. Jetzt nahst du dem Garten um dein Vaterhaus, drin deine Mutter dir einst Blumen gab. Jetzt stehst du am Eingang still, im Sonnenduft, drin unser Kind vielleicht schon keimt. Jetzt beugst du dich fernhin über den Strauß.
Erste Hoffnung
Mein Freund hat mir ein Bild gemalt: Maria weint vor Wonne und ist von lauter Sonne überstrahlt. Wer weiß die Melodie dazu? Mein Freund hat mir ein Wort gesagt; das klang so fern beglückend, mir schlug das Herz so drückend, so verzagt. Wer weiß die Melodie dazu? Mein Freund hat mir ein Lied gemacht; es ist ein Lied vom Leben, ich fühl es in mir beben Tag und Nacht. Wer weiß die Melodie dazu?
Am Storchsee
O Leben! o Liebe! wie geht sie verändert, die seligen Augen von Schatten umrändert, und lacht kaum. Und ist doch mein Mädel, mein sonniges, flottes; nun will ich sie malen als Mutter Gottes am Storchsee. Die Hände über den Schooß gebreitet, die seligen Augen ins Land geweitet, und Frühling: so soll sie zwischen den Binsenspitzen am Ufer im Kahn unterm Weidenbusch sitzen und warten. Nackt flimmern die Zweige, die Knospen platzen; links oben im Bilde schnäbeln zwei Spatzen, wie damals. Und hinter ihr wölbt sich der blankblaue See; da stecken vier fünf Enten die Stietze in die Höh, wie immer. Zehn rudernde Beine in emsiger Runde; die Hälse, die suchen was unten im Grunde der Wellen — der Wellen, die wimmelnd wie lauter Pfeilspitzen aus eitel Silber zum Himmel aufblitzen, rechts oben. Denn links stand ein Ahorn, mit knallgelben Blüten. Nun, Mädel, mein braunes, mag Gott dich behüten am Storchsee! Wie werd’ich mich blos so als Vater betragen, Frau Störchin? und was wird das Publikum sagen, oh Mutter Gottes! —
Wiegenlied für meinen Jungen
Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe! Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe, bläkt ein großes, mäkt ein kleines, und das kleine, das ist meines! Bengel, Bengel, brülle nicht, du verdammter Strampelwicht. Still, mein süßes Engelsfüllen: morgen regnets Zuckerpillen, übermorgen blanke Dreier, nächste Woche goldne Eier, und der liebe Gott, der lacht, daß der ganze Himmel kracht. Und du kommst und nimmst die Spenden, säst sie aus mit Sonntagshänden, und die Erde blüht von Farben, und die Menschen tun’s in Garben — Herr, den Bengel kümmert nischt, was man auch für Lügen drischt! Warte nur, du Satansrachen: heute Nacht, du kleiner Drachen, durch den roten Höllenbogen kommt ein Schmetterling geflogen, huscht dir auf die Nase, huh, deckt dir beide Augen zu — deckt die Flügel sacht zusammen, daß du träumst von stillen Flammen, von zwei Flammen, die sich fanden, Hölle Himmel still verbanden — — So, nun schläft er; es gelang; Himmel Hölle, Gott sei Dank!
Lied der Mutter
Bienchen, Bienchen wiegt sich im Sonnenschein, spielt um mein Kindelein, summt dich in Schlummer ein, süßes Gesicht. Spinnchen, Spinnchen flimmert im Sonnenschein, schlummre, mein Kindelein, spinnt dich in Träume ein, rühre dich nicht. Tief-Edelinchen schlüpft aus dem Sonnenschein, träume, mein Kindelein, haucht dir ein Seelchen ein: Liebe zum Licht.
Indianischer Wiegengesang
Auf dem Flusse Jukon streift der Wind; und mein Hausherr jagt das Renntier auf den Bergen Boojukon. Xami, Xami: schlaf, mein Kind, schlaf, mein Kleiner, schlafe. Der Herd ist kalt, das Brennholz all verbrannt; zerbrochen ist mein Beil, mit meinem Hausherrn wandert das andre durch den Wald. Ach, und die Wärme der Sonne schläft in der Höhle des Großen Bibers, wo sie auf den Frühling wartet. Xami, schlaf doch, schlaf, mein Kind; schlaf, mein Kleiner, schlafe. Suche keine Fische, Alte, lange ist der Kasten leer; selbst der Rabe kommt nicht mehr, der sonst jeden Tag drauf hockte. Ach, seit wieviel Nächten bin ich schon allein! In die Berge ging mein Hausherr; könnt ich bei ihm sein! Xami, Xami, schlafe; nein, ich geh nicht; schlaf, mein Kind. Wo ist Der in diesem Augenblick, den ich über alles liebe? Schläft vielleicht und stürzt vom Bergabhange! Warum bleibt er so sehr lange, warum kehrt er nicht zurück?! Wenn er heut nicht kommt, werd’ ich doch noch gehen, in die Berge gehen, meinen lieben Herrn mir suchen gehen! Schlaf, mein Kleiner, schlafe; Xami, schlaf, mein Kind. Hh —! da kommt der Rabe. Wie er krächzt! So hohl. Wie er lacht! So höhnisch. Warum lacht er wohl? Und sein Schnabel glänzt naß und rot von Blut, und sein böses Auge funkelt Haß und Wut. Warum lachst du, Rabe? Xami, schlaf, mein Kind. „Mich freut noch, Frau, der frische Fraß, das saftige Fleisch, das prächtige Stück, das mir dein Herr zu schmecken gab. Schlafend lag er sanft im Gras, da kam der Rab, da nahm der Rab; ja, ganz sanft im Grase lag er!“ Schlafe, Xami; schlaf, mein Kind; schlaf, mein Kleiner, schlafe. „Ja, zwanzig Renntierzungen trug er auf seiner Schulter; blos Er hat keine Zunge mehr im Munde, den Namen seiner jungen Frau zu rufen. Raben, Krähen und Füchse zanken um seine Beute; ja, ganz sanft im Grase schläft er, sanfter als das Kind, Frau, das an deinem Herzen schläft!“ Xami! Xami! Ach — „Raben, Krähen und Füchse zanken um einen Fetzen von dem Leichnam deines Herrn. Ja, ganz sanft im Grase liegt er, und sehr hart, sehr zähe war er doch im Leben; wohl viel härter, zäher als des Kindes Leben, Frau, das an deinem Herzen liegt!“ Xami! schläfst du? Xami?! Ach, mein Kind; o schlaf, mein Kind. Ach — — o da! da kommt er, kommt mein Herr, mein geliebter! ganz mit Beute beladen, müde kommt er den Berg herab. Hui, nun hurtig, Alte, hole Holz zum Spalten, sieh, mein Müder lacht! Und der Rabe, der Lügner, was für Augen der macht! Xami, aufgewacht! auf, du kleiner Schläfer, komm, dein Vater lacht! Sieh, er bringt uns Renntierfelle, bringt das schöne süße Markfett, bringt uns frisches Wildpret mit. Und für dich, mein Liebling, hat er gar geschnitzt ein Spielzeug aus den glatten Renntierknochen. Matt und abgehetzt lag er fern am Bergabhange gestern. Aber jetzt: sieh nur, wie der Rabe bange sich vor seinem Pfeil versteckt! Ja, wach auf, du Schläfer, komm und lache mit mir! Auf, mein kleiner Wildfang, jauchze, dein Vater ist hier!
Adlerschrei
Schwere Tage schwanden, seit ich zu dir stieß, all im Flug bestanden, von den Hügellanden her durch Stürme auf dies Bergverlies. Mit erprobten Schwingen hocken wir im Nest, sehn die Wolken ringen, fast zum Herzzerspringen warm an unsre junge Brut gepreßt. Und ich darf nicht fragen: ist dir das genug? darf nur Sehnsucht tragen nach den schweren Tagen: hin durch Stürme, Herz, zu kühnerem Flug!
Eröffnung
Jetzt sing ich dir das letzte Liebeslied. Ich fühls bei jedem unsrer trauten Spiele, daß mich ein Geist in seinen Dienst beschied, der Geist der alten und der neuen Ziele. Der duldet nicht in seinem weiten Bann die allzu häuslich eingeengten Klänge; und manchmal wandelt eine Pein mich an, als ob ich fehl von unsern Freuden sänge. Denn Meine Sprache ist für Alle da. Doch was wir kaum in Seufzern uns gestehen, was rein in Blicken zwischen uns geschah, ist eine Sprache, die nur wir verstehen.
Dritter Abschnitt
*
Weihspruch
Klage und juble, Dichter, wie du willst; das wirkt Seele ins All, du bist Gott. Aber beklage nicht! bejuble nicht! nichts! Du bist Gottes Werk; brüste dich nicht!
Nachruf an Nietzsche
Und es kam die Zeit, daß Zarathustra, auferstanden, aus seiner Höhle niederstieg vom Berge; und viel Volkes küßte seine Spuren. Der Jünger aber, der ihn liebte, stand von ferne, und der Meister kannte ihn nicht. Und der Jünger trat zu ihm und sprach: Meister, was soll ich tun, daß ich selig werde? Zarathustra aber wandte sich und schaute hinter sich, und seine Augen wurden fremd, und gab zur Antwort: folge mir nach! Da ward der Jünger sehend und verstand den Meister: folgte ihm und verließ ihn. Als er aber seines Weges wanderte, ging er in sich und sprach also zu seiner Sehnsucht: Wahrlich, Viele sind, deren Zunge trieft vom Namen Zarathustras, und im Herzen beten sie zum Gotte Tamtam; allzu früh erschien er diesem Volk. Seinen Adler sahen sie fliegen, der da heißt der Wille zur Macht über die Kleinen; und seine Schlange nährten sie an ihrer Brust, die Schlange Klugheit. Aber seiner Sonne ist ihr Auge blind, die da heißt der Wille zur Macht über den Einen: den Gott Ich. Wiedergeburten feiern sie und Wiedertaufen aller Götzen, aber Keiner wußte noch sich selber zu befruchten und seinem Samen jubelnd sich zu opfern. Der Du Deinen Opferwillen lehrtest, fahr denn wohl! gern hätt ich dir dein letztes Wort vom Mund geküßt, du lächelnder Priester des fruchtbaren Todes. Aber wir leben, und mancher Art sind die Sonnenpfeile und Blumengifte des fruchtbaren Todes. Ach, daß dein Jünger dir zu spät erschien! —
Glockenklänge an Bismarck
Am Tage seiner Amtsenthebung 20. März 1890
Glocken, Glocken, wir Mund der Macht, oft wehklagten wir dem Donner, oft frohlockten wir dem Flammensturm; heut, Volk, frohlocken, heut, Bismarck, klagen wir dumpf Euch! aber immer, Glocken, dröhnt aus unserm Mund die Macht. Immer hungrig, tief auf nach Opfern stöhnt der Mund der Macht. Doch auch immer öffnet weit zu hohen Jubellauten dann den Mund die dunkle Mutter; denn noch immer zeugt sich, zeugt sich Opfer dann unerschöpflich jung die Kraft der Macht. Nur ein Hauch, kommt und rührt der Lockruf der erhabnen Mutter die Erkornen. Und empor, sturmgleich, ihrem Schooß zu, folgen sie gebannt und wachsen zu den Wolken, folgen sie und wankend bebt der Boden; und sie fallen. Einem Schooß entsprungen, einem Muttergrunde, rollt der Strom und quoll der Glutblock, der erkaltend — seht! — den Stromlauf staut. Hingetürmt, schroff, stolz im Wege der empörten Flut, starr thront das Lavahaupt, lagert die gewaltige Sohle: seht! starrer immer, nur gewaltiger noch von der Wucht der Brandung eingebohrt dem Grund, der beide schuf. Aber aufgebäumt nun: wuchtiger prallt, wühlt, kocht der junge Strom, seht, wuchtiger immer, und es wankt die Sohle, wankt das starre alte Haupt, das zur Macht die Kraft der Stromflut stauend hob. Horcht! Dumpfhin krachen, hochauf rauschen jäh verworrne Jubelklagelaute. Horcht in Ehrfurcht: heut gefallen, weicht der Macht ein Opferzeuge. Ruhe, ruhe, Bismarck, graue Klippe du! rolle, rolle, Volk, du aufgewühlte junge Stromflut! bald versprüht eurer keuchenden Umarmung dumpfe Wut, ausgerungner Opferkampf. Denn auch Er, der heute übers alte Haupt dir, du Gestürzter, hoch hinweg im Zollern-Stolz geschäumt ist: ja, ein Schaum nur sprüht er, der die Stromflut, die empörte junge Stromflut krönt. Doch wohin, wohin nun — fragst du schwer — stürzt die Flut, die jäh verworrne Flut? Lausche, du Erlauchter, der du selbst mit Kronen spieltest, selbst dem Lockruf der erhabnen Mutter folgtest, der du mit umwölkter Stirne nun im abendstummen Park die dunkeln Lebensbäume siehst vom schwachesten Lufthauch schwanken: lausche nur den fernen Glocken, Sohn der dunkeln, immer jungen, nimmer satten Mutter Du: der Macht! —
Vor Sonnenaufgang
Propheten der Sonne, der Morgen graut! Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen und beklagt euch über die Nachtdünste? Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte, und ihre Flügel funkeln schon! Sie beschämen eure Menschengedanken, ihr Bettler um das ewige Licht; ich hasse eure Art Morgengrauen! Freilich, in einsamen Nächten, wenn der Gedanke ein Scherflein gilt und die schwärmende Seele Millionen verschenkt, wenn ich mit traumheißen Augen über die Dächer Berlins hin die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe, wenn ich ein schmelzendes Erz bin im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst: ja, dann lieb’ich euch alle, möcht euch alle umarmen, helft ihr doch alle uns treiben, alle dem Licht entgegen drängen, dem immer lockenden Licht der Zukunft. Aber die Zukunft beginnt schon: mit jedem Tag, mit jedem Augenblick beginnt sie, und ist da, wenn ihr sie bringt! Propheten der Sonne, was säumt ihr? —
Humane Epistel auf deutsche Art
Lieber Freund! ich sitze verstimmt bei Schillern und Goethen, plötzlich reicht mir die Magd deine Bescherung aus Rom. Nämlich die hellen Gemächer und glänzenden Säle der Beiden hatt ich verlassen und saß zwischen dem Küchengerät, wo’s drin dampfte und schmorte, der Xenien salziges Frühstück wider den schlechten Geschmack ihrer gepriesenen Zeit. Da empfahl ich mich gern, und Goethe lächelte nickend, denn er witterte wohl etwas Italisches gleich. Und nun steh ich entzückt und atme den Duft der Orangen, will mit süßestem Reim, klingendstem Dank dich erfreun, aber da sitzt mir der Küchengeruch von Goethen und Schillern zäh in Nase und Mund, klassisch dampft mein Gehirn. Ja, sie haben so manchen auf ihrem olympschen Gewissen, seit sie ihr deutsches Gericht füllten in griechisch Geschirr. Oder liegt es dem Deutschen im Blut, mit trotzigem Willen immer auf Staffeln zu stehn, die er der Fremde geraubt? Mißt er nicht Freiheit und Recht sich zu nach Römischer Elle, gab nicht zum Bau seines Staats Gallien das Winkelmaß her! Will er den Bau der Natur, Dasein und Werden ergründen, nimmt er den Grundriß vor, den ihm der Britte entwarf; oder er möchte sich selber erbaun, dann strebt er zum Himmel gar auf der Leiter hinauf, die ihm der Jude gebaut. Doch nun heb’ich den Blick: da versinkt der Bestrebungen Fülle, und es entschwebt dem Gewirr stark ein vereinender Geist. Zwar der Tragwind, ja, der kam aus fremden Bezirken; aber die Flugkraft, Freund, die doch ist eigen, ist deutsch. Ruhig jetzt, fast träg, so schwebt er im Völkerzenithe, zu noch höherem Flug sammelt er heimliche Kraft: schon verspürt er die Höhn, wo Volk und Völker verschwinden, wo ihn, das ewige Haupt hebend, die Menschheit begrüßt. Nein, kein Gallier wars, kein Römer, kein Britte, kein Jude: Mensch war Jeder, mein Volk, der dich zum Aufstieg erzog. Und, mein römischer Freund, so stieg auch ich auf des Griechen klappriges Schaukelpferd, hopp! reit es auf eigene Faust. Lächeln wirst du vielleicht: dazu die erhabenen Worte, daß sich das winzige Ich etwas gehobener fühlt? Aber so gehts wohl stets: nimm irgend etwas, es deutet immer vom Ganzen auf Uns, immer aufs Ganze zurück. Hier dein Dutzend Orangen: ich lasse die rundeste rollen, und sie werden im Nu Bild des Planetensystems. Stets enteignet der Mensch sich selbst, je eigner sein Wille; was sein innerster Trieb, äußert sich lehrhaft als Zweck. Drum quält Mancher sich ab mit Einer Erlösung für Alle, wo doch Jedem das All tausend Erlösungen gönnt; was den Menschen entzückt, entsetzt, empört, das erlöst ihn, weil’s ihn außer sich bringt, weil’s ihn mit Leben erfüllt. Und so lernte mein Geist die Zweifel der Zwecksucht belächeln, ob man lebt für sich selbst oder dem Ganzen zur Pflicht. Denn kein Zweck gibt Kraft, allein der Antrieb begeistert; Arbeit, unterste Pflicht, macht er zum obersten Recht. Unabweisbar treibt Natur jed Wesen zum Wirken, aber im Menschen der Trieb kennt sich als Wille und Wahl. Und beim Jupiter, Freund: nie wieder wähl ich des Griechen klappriges Schaukelpferd, brrr! hopp, aus poetischem Trieb. Nur als Mensch, mein Freund, laß diesen Brief dir gefallen, und mein Abschiedswort gelte der Menschheit in uns: Treibe Jeder den Andern auf immer eignere Wahlstatt, mag er erliegen im Kampf, mag er als Sieger bestehn! Dann, wie immer du wählst, dann lebst du dem Ganzen zu Liebe, lebst dir selber zur Lust — Alles in Allem: leb wohl!
Kampfspruch
Siege oder Niederlagen: immer gilt es, neu zu wagen.
Werkspruch
Mensch, was dir leicht fällt, das nimm schwer! Natur gibt viel; entnimm ihr mehr!
Sprüche vom Glück
I
Schaffenslust, das ist die Quelle, die den eignen Grund zerspellt; einen Trunk von dieser Welle, und du schmeckst das Glück der Welt.
II
Weltwille wirkte dich, du wirkst auf ihn zurück; tust du das williglich, so wird dein Werk dein Glück.
III
Glück ist Gabe; rechte nicht um fremde Habe, Richter mit dem Bettelstabe!
Menschenrecht
Dein Recht ist deine Kraft — drum bläh dich nicht, du stehst mit deinem Recht vorm Weltgericht. „Was? Weltgericht? ein längst entkräftet Wort!“ Doch setzt die Welt das Richten kräftig fort. „Und wenn mein Recht mit Macht dagegenrennt?“ Kein Recht wird Macht, das seine Pflicht verkennt. „Und was ist meine Pflicht, o Weltgewalt?“ Da siehe Du zu — lacht das Scheusal kalt.
Machtsprüche
I
Macht spornt den Wicht, Kraft den Braven; Kraft schuf den Herrn, Macht den Sklaven.
II
Wohin du blickst, ist Krieg auf Erden. Wohin du blickst, kann Friede werden.
III
Laßt uns gern einander lauschen, innerst grenzenlos gesellt, Sinn und Seele liebreich tauschen, so wird kleine große Welt.
Das Spiel der Welt
Philosophisches Scherzo
1) Dialog
Die Seele sprach zur Welt: Du machst dich viel zu wichtig. Dein Spiel ist ohne mich im Grunde null und nichtig. Zur Seele sprach die Welt: Das ist im Grunde richtig. Das Spiel machst du, nicht ich; drum ist es gründlich nichtig.
2) Moral
Die Seele macht sich gern mit ihrer Welt zu wichtig; Weltseele muß man sein, dann macht man Alles richtig.
3) Kritik
Das ist ein schlechter Spaß; du hältst die Welt zum Narren und rätst ihr obendrein zu deinem eignen Sparren.
4) Antikritik
Das ist kein schlechter Spaß, ich hab gar gut erfahren: wo Weisheit ratlos steht, ist Narrheit flugs im Klaren.
5) Supermoral
Die Seele mahnt sich stets: sei endlich ganz und tüchtig! So bleibt sie ewig halb weltsüchtig, halb weltflüchtig.
In Summa
Bin Mensch, All, Nichts, nach Wahl des Lichts.
Lohngesetz
Jeder will möglichst viel vom Leben und möglichst wenig dafür geben. Als bloßer Anblick scheint’s abscheulich, doch handle, Mensch, dann weicht der Schein; du wirst dir wert, das ist erfreulich, nun muß das Ganze wertvoll sein. Vergieb dir nichts, tu nichts vergebens, das ist das Lohngesetz des Lebens.
Ungleiche Schätzung
Schlauheit erwägt das Schlechte, Klugheit das Rechte, Weisheit die Mächte. Schlauheit fristet sich hin, Klugheit bringt Gewinn, Weisheit schenkt dem Leben Sinn.
Reinertrag
Was wir sammeln, was wir speichern, mag’s die Erben noch bereichern, einst vergeht’s. Nur der Schatz der Seelenspenden wächst, je mehr wir ihn verschwenden, jetzt und stets.
Ewiges Ziel
Zum verschloßnen Schrein eilt dein Lebenslauf; schließt er Liebe ein, schließt ihn Liebe auf.
Zwecksprüche
I
Lebe mit Zweck, wirf dich nicht weg, gib dich den Andern hin mit eignem Sinn!
II
Wem Zweckbesinnung fehlt, den knechten seine Triebe; es sei denn, ihn beseelt die Herrscherin, die Liebe.
III
Mit Lust und Liebe sein Werk anpacken, macht frei von allem Zweckzwickzwacken.
Allerlei Menschliches
I
Verdammte Liebe! schimpft Hans Aff, dem seine Liebschaft schlecht bekam. Verfluchte Lust! stöhnt Christian Pfaff, der sich in Wollust übernahm. Herr, schenke diesen beiden Armen mit Lust und Liebe dein Erbarmen!
II
Ein Spaß für Götter: Affen als Menschheitsretter.
III
X schreit: der Mensch ward ungesund! U will den Übermenschen züchten. V wills mit Unzucht, W mit Züchten. Z schreit: ihr bringt ihn auf den Hund! Sie greifen schließlich noch zum Messer, die — idealen Menschenfresser.
Quintessenz
Was ist ein Ideal? Dem Weisen eine Not, dem Helden eine Qual, den Schwätzern Himmelsbrot.
Heldentümliches
I
Die misera Plebs begreift es nie: wer für sie kämpft, ist wider sie.
II
Ihr meint, ihr hättet euch ermannt, weil ihr euch hart wie Brutus stellt? Jesus kam mit weichster Hand und brachte Schwerter in die Welt.
III
„Er hat als Gott sich aufgespielt!“ Das sei mit Freuden ihm verziehn. Doch daß er euch für Götter hielt, dafür, ihr Menschen, kreuzigt ihn!
Humaner Konflikt
„Du bester Mensch, den’s giebt, willst von der Menschheit lassen?“ Ach, wer die Menschheit liebt, der lernt die Menschen hassen.
Mann und Weib
I
Du haß-und-liebestarker Mann, der auch sich selber hassen kann: steht nicht ein freudig Weib dir bei, martert dein Zwiespalt dich entzwei.
II
Daß der Mann am Weib sich freut, daß die Freude Samen streut, das ists, was die Welt erneut.
III
Ihr eifert gegen Frauenrechte? ihr feigsten aller Weiberknechte! Komm nur, du neue Eva du: der alte Adam weiß, wozu.
Sprüche der Liebe
I
Wo im wirren Weltgebrause zwei versprengte Funken sprühn, die aus reiner Lust sich mühn, klar einander zu durchglühn: Liebe, da bist Du zuhause.
II
Glut klärt, Glut verzehrt; hüte jeder seinen Herd!
III
Schwur der Liebe: ob gegeben, ob empfangen — welch Verschulden! Schwellend wühlt sich Leben in Leben: was wird wachsen? — Herz, lern dulden!
Spruch in die Ehe
Ehret einander, wehret einander!
Sprüche der Treue
I
Wie läßt sich Alt und Neu, o Liebeslust, vereinen? Bleib dir nur selbst getreu, so bleibst du’s all den Deinen.
II
Treue mit Reue ist Feiglings Untreue.
III
Der Drache Leidenschaft speit Mut um sich wie Feuer; stählt dich nicht Liebeskraft, frißt dich das Ungeheuer.
Einziger Grund
Es ist zum Lachen wie zum Weinen, wir mögen lieben oder hassen, es wurzelt Alles in dem Einen: das Herz will sich erschüttern lassen.
Die ewige Sehnsucht
Wir werden’s immer spüren und niemals weiterbringen: die Seele will sich rühren und dabei Ruh erringen.
Sprüche der Zeit
I
Ich weiß ein Wort, das setzt mich über Alles fort, über Raum und Zeit und Traurigkeit: Ich und die Zukunft!
II
Daß du über der Zukunft nur nicht ihr stetes Dasein vergißt! Es gibt eine Gegenwart, die ewig ist.
III
Lern in der Zeit dein Urbild finden, Kunst geht dem Leben Hand in Hand, es gilt den Stoff zu überwinden, Tod ist des Lebens höchstes Unterpfand.
Sprüche zur Kunst
I
Was in unser Leben fiel, schwer wird leichter, fremd wird eigen, rüstig will es wieder steigen, will zurück zum Lebensreigen, und so wird’s ein freudig Spiel.
II
Das Leben läßt sich stets nur stückweis fassen, Kunst will ein Ganzes ahnen lassen.
III
Nur ein bißchen Traum, und im dürrsten Blatt lebt dir der Baum, der’s geboren hat.
Inhalt der Kunst
I
Suchst du im Bild nach allen Zügen des Lebens, wird dir keins genügen. Das eben ist es: weil’s nicht Leben, kann dein Gefühl ihm Leben geben.
II
Gefühl treibt eins das andre fort; o gieb uns, Geist, das Fassungswort!
III
Nimm, vernimm, und frag nicht viel, tiefster Ernst wird höchstes Spiel; sieh nur, mit dem Schmerz der Zeit spielt die ewige Seligkeit.
Maßstäbe
Das Unermessne ist der Kunst so eingemessen, daß du vermessen bist, willst du’s allein ermessen.
Gesichtspunkte
Manches Auge schwelgt im Grauen, manches wühlt sich bis zur Qual in ein Farbenbachanal, aber jedes will einmal hochgemut ins Blaue schauen.
Kunstgenuß
Schönheit wird wie Glück empfangen: Freude krönt dein bang Genießen, und die Freude ein Verlangen, sich als Liebe zu erschließen. Denn der Schöpfung schöne Hülle hält ihr Wesen wohlverwahrt, ist von Reiz so spröd wie zart und erschließt des Glückes Fülle Dem nur, dessen eigne Art die Art des Schöpfers offenbart.
Einem und jedem Schöpfer
Du hast uns mehr als Leben, du hast uns aus dem Geist, der das Leben speist, eine Welt gegeben.
Den Empfänglichen
Ein Wörtlein Dank — o schönster Schall: des Schöpferwortes Widerhall. Uns allen ahnt kein höher Glück: nun tönt die Welt zu Gott zurück.
Den Querköpfen
I
Komm und laß dich ganz gewinnen: sieh, der Schöpferbecher kreist, voller Lebensglanz den Sinnen, Voller Liebeslicht dem Geist.
II
Ich bin dumm! sprach Hans Dummerjan und kuckte frech den Herrgott an. Da lachte Der und sprach: Ja, sehr!
III
Sie möchten Kunst genießen, ach, und kauen Schönheitsregeln nach. Es ist das alte Leid, daß Gott erbarm: stark ist der Hunger, schwach ist der Darm.
Den Auslegern
Man soll alles nehmen, wie es ist; das Licht legt wirklich Gold auf den Mist. Nimmt man es aber durch die Blume, dann natürlich bis in die Wurzelkrume! Da sitzt ein Kobold, der sich ins Fäustchen lacht und aus übeln Düften Wohlgeruch macht.
Dichtersprache
I
Dichter kann man nicht ergründen; seid nur, Freunde, recht erhoben! Jede Flamme schlägt nach oben, jeder Geist wird weiterzünden. Durch den Rauch der Worte steigen alle auf ins blaue Schweigen.
II
Ist nur feuerecht dein Wort, flammt’s durch fernste Nächte fort. Sprachgrenzen hindern nicht den Geist, der übers Volk zur Menschheit reist.
III
Was sind Worte, was sind Töne, all dein Jubeln, all dein Klagen, all dies meereswogenschöne unstillbare laute Fragen — rauscht es nicht im Grunde leise, Seele, immer nur die Weise: still, o still, wer kann es sagen!
Dichterschicksal
Eine heilige Dichtung vernahm ich: war einst ein Diener, der opferte willig sein Gut, sein Blut, sich selbst, seinen Sohn der herrischen Zucht eines Heldengeschlechtes, wie der Urwaldbaum sich samt all seinen Früchten dem Boden hingibt, dem er entsproß. Ach, aber wo lebt das Volk, das dich hört, von Ahnengeistern begeisterter Dichter? Und dennoch atmet die Klage Jubel: von jeher säte der Dichtergeist seine Früchte aus in scheintotes Land, des Daseins opferwilliger Diener, künftigen Lebens erhabener Ahnherr, volkstreuer Held wie der Urwaldbaum.
Der geduldige Dichter
I
Der Dichter steht am Herd und schürt und wartet, daß sein Volk sich rührt. Das Holz liegt da, der Funken auch; wann springt die Flamme aus dem Rauch?
II
Das Publikum hat gezischt und geklatscht, die Kritiker haben gequietscht und gequatscht. Der Dichter lächelt: Das verschallt, rings rauscht mein immergrüner Wald.
III
Was soll mir euer Lorbeer, Freunde; an jedem Blatt zupfen hundert Feinde. Bringt Blumen, edle Früchte, Wein: die Kunst will sich des Lebens freun. Den Lorbeer legt mir aufs Totenkissen; da wird er nicht mehr heruntergerissen.
Guter Rat
Nur kein törichtes Ereifern, wenn die Wichte dich begeifern. Diese Kautschukmännlein fliegen mannshoch, wenn sie Hiebe kriegen; laß sie lügen, laß sie liegen.
Den Kennern
Selbst der rarste Diamant, dem Verächter ist er Tand. Ach, wie arm wär jede Spende, wenn sie keine Gnade fände!
Den Herren Kritikern
Der Kritiker hat immer Recht, unfehlbar wie der Kletterspecht: die Eiche trotzt dem stärksten Sturm, der Specht entdeckt in ihr den Wurm.
Kumpaney
Ein Herr Laus, ein Floh und eine Wanze setzten sich an meinen Tisch. Sprach der Floh: Brüderchen, tanze! hoppla! frisch! Sprach ich bald: Ich kann nicht tanzen so wie Sie, Herr Floh! Sprach das Fräulein von den Wanzen: Klettern Sie mal Stroh! Sprach ich gleich: Wer kann strohklettern so wie Sie! Sprach der Lauserich: Entblättern Sie mal Schinn, hihi! Sprach ich: Ihre Kunst! wer könnte die wohl ebenso! sprach ich. Und die dreu Talönte waren seelensfroh.
Laufbahn
Als ich jung war, hab ich verwogen alle Zäune im Feld überflogen. Nun ich älter bin, will ich verwegen selber neue Felder einhegen. Und kommen, wenn ich alt bin, die Jungen auch auf die herübergesprungen, beflügel euch Gott, ihr wilden Fohlen! Aber könnt ihr nichts weiter vollbringen als dem alten Sturmfried dummdreist nachspringen, soll euch Kracken der Teufel holen!
Der Hahnenkampf
Parabel
Liebe Leute! ihr kennt den Baum der Erkenntnis. Mit seiner Frucht hats ’ne eigne Bewendnis: seit Adam hat niemand sie mehr gesehn, also wird er wohl ewig in Blüte stehn. Unter dieser Blüte nistet ein Geist, in Gestalt eines Gockels, der Gigenius heißt, ein gewaltiger Kampfhahn bei seinen Lebzeiten, um den sich noch heut alle Federviecher streiten. Er ist zwar tot; doch wie ihr hört, kräht er noch immer ungestört — ucke-ru-uh! — Aber jetzt erscheint da ein zweiter Geist, ein lebendiger, der Gigigenius heißt und sich vor keinem toten grault, der kräht: pfi, Gi, du riechst verfault — ücke-rü-üh! — Drob schwillt allen Geistern der Kamm mit Macht; man merkt, es gibt eine Hahnenschlacht. Man sieht, wie Hals und Brust sich bläht; wohl dem, der nicht dazwischen gerät! Sie balgen sich, daß keiner weiß, wo ist der Kopf, wo ist der Steiß; und über ihrer Kraftverschwendnis hängt still die Blüte der Erkenntnis. Zuletzt ist jeder arg verprügelt, aber alle krähn sie siegbeflügelt: ucke-rü-üh! ücke-ru-uh! — Drauf gehts mit würdigem Gestapf an den gemeinsamen Futternapf, aus dem auch schon Gigenius schluckte, als Gigigenius noch nicht muckte. Da stehn sie sämtlich ruhmbedeckt, und jeder nimmt sich, was ihm schmeckt. Moral: Erkenne, edler Christ, wie unermeßlich der Futternapf ist! Vielleicht hielt Adams Unverständnis ihn für die Frucht vom Baum der Erkenntnis.
Die neue Würde
Parabel
Ein Künstler war deutscher Professor geworden, mit der Aussicht auf weitere Ämter, Titel und Orden; und weil er von Natur ein Bildhauer war, erschien nun vor ihm die ganze Schaar von großen, größten und allergrößten Tieren, die er gewohnt war zu modellieren, um ihm huldvollst zu gratulieren. Ein Pavian schnarrte: Herr Professor, ich hoffe, Sie meißeln nun immer bessor! Ja, schrie ein Esel: man soll seine schweren Pflichten, Herr Professor, immer edler verrichten. Ein alter abgerackerter Gaul wieherte mit verzognem Maul: Li-ieber Herr Professor, es gilt des Daseins Leiden immer wahrer in Holz zu schneiden. Ein dressierter Hofhund maulte: Wau, wau — ein Kater jaulte dazwischen: au, au — Herr Professor, die Welt ist schon voller Grauen, man muß sie immer schöner aushauen. Pfui! grunzte ein Schwein: ich möchte bitten, Herr Professor, um immer reinere Sitten. Ein paar Kameele flehten demütigst: Werter Herr Professor, verzeihen Sie gütigst, wir empfehlen, des Lebens Malicen immer klarer in Bronce zu gießen. Ein Elefant blies in die Trompete: Hochgeehrter Herr Professor, ich vertrete die alte Weisheit der Brahmanen; lassen Sie immer Tieferes ahnen! I — quiekte eins von zwei Karnickeln: wir wollen uns immer höher entwickeln! Vier vergnügte Hamster aber hockten im Kreise, die schnauften in ihrer verfutterten Weise: Teurer Herr Professor, die Not lehrt beten, lernen Sie immer zweckvoller kneten! Und — mahnte ein Truthahn mit Gekoller: natürlich immer ordnungsvoller! Im Gegenteil! kreischte ein Lämmergeier: selbstverständlich immer freier! Ein Löwe brüllte: Professor, ich rate nur immer stolzere Positur! Ein spukhaft hopsendes Känguru walzte vorüber und pfiff dazu: Herr Professor, man will Sie blos vexieren, Sie müssen die Form immer feiner komplizieren. Ein kluger Storch hob sacht ein Bein und klapperte mit Bedacht: Nein, nein, bester Herr Professor, es gilt auf Erden nur immer einfältiger zu werden. So erteilten die Tiere, große und kleine, wilde und zahme im Vereine, dem Herrn Professor ihren huldvollen Rat, als plötzlich aus dem Gratulantenstaat eine goldschmucke Paradiesvogelhenne aufflog und gluckste: Wie ich dich kenne, Freund Künstler, wirst du dir nun vorspiegeln, du sollst unsre Göttin Natur verschniegeln, und wirst deiner neuen Würde grollen und immer rauhbeiniger werden wollen. Und der Herr Professor knurrte was in den Bart und sah wahrhaftig aus wie behaart und streckte verbiestert alle Viere. Da erschien zuletzt in seinem Quartiere das wildeste und zahmste der Tiere: ein Weib. Das sprach: Lieber Mann, deine Würde ist freilich eine künstliche Bürde. Aber wir Menschen treiben’s eigentlich nie so natürlich wie das übrige Vieh; selbst die nackte Braut trägt an der Hand ein Ringelein als züchtiges Pfand. Sieh, mit unsern Kleidern, Zierden und Ehrenzeichen will die alte Hexe Natur erschleichen, daß sich ihr irdisches Maskenfest nicht noch tierischer gehen läßt. Drum, Künstler, laß dich ruhig verhimmeln; und damit deine Anbeter nicht verlümmeln, lern dich als würdiges Vorbild geberden, denn der Mensch will — immer noch menschlicher werden. Da hat der neue Herr Professor gelacht, hat seiner Frau einen himmlischen Bückling gemacht und sich sein göttliches Haupthaar geschoren. Seit der Zeit sind die Herren Professoren der deutschen Kunst-Akademien nicht mehr als Trampeltiere verschrien.
Die verunglückte Göttin
Prolog zur Eröffnung der ersten Freien Volksbühne
Es war im Mai, ein Mittag wolkenschwül. Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen von Silberfelsen, fern ins stille Meer des Himmels hin, aus dumpfer Brandung schwollen: Berlin lag brausend um mich her. Am Horizont, im blassen Dunst, stand blendend auf ihrem Säulenklotz, wie Gold ausspendend, die Siegesgöttin. Um die steifen Glieder bog seltsam bauschig das Gewand sich nieder; zu flattern schien’s im lauen Wind. Die Sonne blinzelte, bald grell, bald blind. Ich wußte nicht: saß ich im Traum? Es war, als ob der blanke Saum am Fuß der Göttin immer mehr sich bauschte, als ob von fern ein ehern Klirren rauschte. Ich starrte: wahrlich, um die Spitze der Säule klirrten goldne Blitze: die Göttin schüttelte den Siegesspeer. Und plötzlich schleuderte sie weg die Wehr, zur Erde nieder schossen Strahlenstufen, sie schritt hinab, und hohl wie Glockentöne scholl durch die Stadt ein geisterhaftes Rufen: „Genug des eitlen Ruhms! Kommt her, ihr Söhne, ihr Töchter all des Volkes, kommt herbei! Ich will euch künden einen neuen Mai. Hin werf ich Heim und Waffen in den Kot; genug von Kampf und Schweiß! Aus reinern Sphären, vom Baum der Freiheit pflückt ich Himmelsbrot; mit Ätherhauch soll’s eure Seelen nähren. Die Frucht der Schönheit bring ich auf die Erde, die Kunst, die Seligkeit der Ewigkeiten; vergessen sollt ihr Mühsal und Beschwerde, wie Geister leicht ins Reich der Wahrheit gleiten. Ein trüber Traum nur ist des Daseins Not, ein Wahn der Schmerz, ein Augenblick der Tod; begeistert ob dem Dunst der Zeiten schweben, das ist die Wahrheit, das heißt Leben!“ So stand sie preisend in der Sonne, winkte; hoch in der Rechten, weithin gleißend, blinkte die wundersame Frucht. Und ihr entgegen aus allen Toren stürmten Glückverlangende, auf allen Straßen drängten Sehnsuchtbangende, Millionen Augen dürsteten nach Segen. Und plötzlich keucht ich selber mit im Schwarm, mit immer drängender gestrecktem Arm; vorstürzend, stammelnd kniet ich in den Sand, umklammerte des Weibes Prachtgewand: „Gieb!“ fleht’ich ächzend — „Gieb uns, gieb uns!“ ächzten die Abertausende, die mit mir lechzten. Doch hohl herab in unsre Nötigungen erscholl die Glockenstimme wie zersprungen: „Nicht dürft ihr nahn mit irdischer Begier, im Abglanz nur erscheint die Schönheit hier.“ Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke lag schwer das Wort wie Nebeldunst und Wolke. Auf einmal aber, leise, heiser, wild, begann ein Flüstern um das Glanzgebild: „Sie log uns! Wir verschmachten! Fort! Sie log!“ Und, wie die Windsbraut durch den Forst, so flog das Murren weiter, laut und lauter schwellend: „sie log, log, log“ — toll, immer toller gellend, wutschreiend, hohnlachend, und Flüche schallten, und Fäuste fuhren drohend in die Falten des blendenden Kleides, und — ein Schreck — ein Graun: die wimmelnden Reihen starrten wie erstickt: ein Bild des Stolzes hatte sie berückt, da stand’s, ein Bild der Ohnmacht anzuschaun: ein Krampf erschütterte den Riesenleib, es war als schrumpfte Zoll um Zoll das Weib, matt nieder knickten Hand und Arm, die Himmelsfrucht fiel prasselnd in den Schwarm, zu Moderqualm zerstob sie im Gedränge, zu Flitterspreu der Schale Goldgepränge. Und vom Gesicht wie abgeschürfte Blattern sah ich des Weibes Götterhaut zerflattern. Aus ihren Augen stierte trüb ein Schein wie schaler Bodenrest aus leeren Bechern, die Lippen knifften dürr und schief sich ein, und aus dem Zahngelücke klang es blechern: „Ach ja — ach je — die Kunst wird alt so sachte. Ihr habt schon Recht — na, seid man still — ich dachte: ihr könnt noch glauben an die ewige Jugend. Na schön, denn nich. Seht, Kinder, ich bin ehrlich; und ist das schwache Rückgrat auch beschwerlich, man macht dann eben aus der Not ’ne Tugend. Ja, alles Dasein ist ein mürber Plunder, der Menschengeist verpufft sich selbst wie Zunder, der Mitmensch kommt und schluckt den schlimmen Rauch und krigt davon das Grimmen in den Bauch; ein Kunststück ist es, sich davor zu hüten. Drum will ich euch, als Gegengift, die Blüten aus diesem Giftsumpf säuberlich sezieren; ein schwaches Auge liebt das Mikroskop und nicht das Sonnenfernglas zu regieren, und Unkraut wächst ja massenhaft, gottlob. Die Decke von der Fäulnis abzuheben, das ist die Wahrheit, das heißt leben.“ Und wieder rings ein scheu beklommnes Schweigen, ein Nicken, und verzagte Seufzer wehten, wie Herbstlaub rieselt von gesenkten Zweigen; dann — sah ich manchen grinsend näher treten. Da wars, als wüchse wieder hoch die Alte, die hohle Stimme blähte sich und hallte: „Am Schönheitswahnsinn mögen Narren klauben, heut braucht man blos der — Wissenschaft zu glauben! Und da ihr reif seid, Alles zu verstehn, sollt ihr die Kunst in ganzer Nacktheit sehn!“ Und mit den Spinnenfingern krallte ins schlotternde Prunkgewand die Alte, schon sah man durch des Kleides Spalten des greisen Leibes schlaffe Falten, da —: tausendstimmig hub ein Toben an, ein Schrei des Ekels brach den dumpfen Bann, und wie die Brandung von der morschen Klippe zurück ins freie Meergewoge schäumt, so stürmten, stießen, stürzten zorngebäumt die Schaaren weg, weg von dem Spottgerippe und rissen’s um und lachten, und laut lachte ich mit, aus vollem Halse, und — erwachte. Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl der Großstadt niederstaunend. Frisch und kühl, aus eines Hofes tristem Schattenloch, sproß zu mir auf ins schwüle Mittagsschweigen ein blühender Apfelbaum, als hinge noch schimmernd das Morgenrot an seinen Zweigen. Und wo er über die graue Mauer nickte, hockte ein Straßenkind und gab von seinem Brot einer Gespielin ab, die blaß aus einem Kellerfenster blickte. Das Brot war trocken, das Stück war klein, die Händchen schmutzig — doch der Augen Leuchten so klar und lachend wie der Sonnenschein, der über ihnen rings die schwarzen feuchten Dächer der qualmenden Stadt blitzblank polierte und mit viel hundert Himmelsspiegeln zierte. Am Horizont verglomm jetzt in den Dünsten, fahl wie ein Irrlicht hinter Sumpfgespinsten, die plumpe Göttin. Aber an der Ecke dicht unter mir fiel hell der Frühlingsglanz auf eine andre Säule. Bunt Geflecke, grell, ein zerhackter Regenbogenkranz, so klebten prangend die Plakate dran. Und auf dem Pflaster drängte Mann an Mann; sie lauschten; einer las, gebückt und schief, ein rotes Blatt, das zur Versammlung rief. Verbissener Grimm sprach aus den knochigen Mienen, verschluckte Sorgen brüteten in ihnen; und als der Haufe aus einander wich und als sie sich die rußigen Hände drückten und kargen Gruß die storren Köpfe nickten, da, ja, da wußt ich wohl, dort schlich manch schlechter Wunsch aus haßgepreßter Kehle, doch aus den Blicken schimmerte echt und rein — so sprüht der Funke aus dem harten Stein — die Kampfbegeisterung der wilden Seele. Und sprühte her zu mir mit jäher Wonne, und ward Gesang in mir, Gesang zur Sonne: Wir Alle, Sonne, sind von deinem Blut! Uns Alle, Volk, adelt ein Geist der Glut! Wie Er aus Licht und Dunkel Farben wirkt, im Schooß der Nacht die Saat des Tages birgt, wie Er vom kalten Ätherhauch umflossen sein Flammenblut hat in die Welt vergossen, das immer noch aus unsrer Staubgestalt vor Sonnenheimweh heiße Worte lallt: so kann ein Schattenspiel an leerer Wand, vom Flämmchen unsrer Sehnsucht hingebannt, uns samt der Zeit zur Ewigkeit erheben — und Das ist Kunst, ist Schönheit, Wahrheit, Leben!
Der Feuergeist
Ein Jüngling, wortgewandt, und sehr fürs Volkswohl glühend, oder galt seine Glut mehr seinem Rednerruhm? wer weiß — denn eines Tags nach einer Wahlversammlung sprach er zu einem Freund: welch grenzenloses Glück, so ganz entbrannt zu sein, daß alles mitentbrennt, so Flamme durch und durch, daß sich der Geist vesuvisch am eignen Wort entflammt und jeden andern Geist rings um sich her verzehrt! — der wurde selbigen Nachts von einer Feuersbrunst jäh aus dem Schlaf geweckt. Er sah, noch halb im Traum, durch die verkohlte Tür den Brand nach seinem Bett mit riesiger Zunge lecken, wollte um Hilfe schrein, sprang auf, sah rings die Wände Rauch spein, die Dielen sprühn, schrie Gnade, stotternd Gnade, sah nichts mehr, schrie nur, sah: alles verzehrend fraß der glühende Atem um sich, vesuvisch. Und — o Gnade — was war das? Luft! Er sah sich zusammenbrechen, fühlte sich hochgerissen plötzlich, getragen, weggetragen, durch klirrende Fenster, Wolken, Nachtwolken, Luft — o Glück — o grenzenloses Glück — durch frische Luft getragen, von Fäusten, Retterfäusten, hinab. So kam er zu sich, stand unten, sah hinauf, sah rings das Volksgetümmel vom Feuer geisterhaft beleuchtet, wollte sprechen, Dank sagen, Dank, o Dank — und sprach, sprach nicht, schrie, schrie nur, stotternd und lallend: Gnade! Gnade! — Die Zunge war für immer ihm gelähmt.