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Gertrud

Front matter (continued 3)

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Da ich auf die Dauer meine Wahrnehmungen nicht für Täuschungen halten konnte und Gertruds veränderte Art doch nur halb verstand, hielt ich mich zurück, ließ meine Besuche etwas seltener werden und vermied intime Gespräche mit ihr. Ich wollte sie schonen und nicht noch scheuer machen und ängstigen, da sie doch zu leiden und in sich uneins zu sein schien. Sie merkte es, wie ich glaube, und sah meine Zurückhaltung nicht ungern. Ich hoffte, es werde mit dem Ende des Winters und der lebhaften Geselligkeit wieder eine stille, schöne Zeit für uns beide kommen, bis dahin wollte ich warten. Oft aber tat mir das schöne Mädchen bitter leid, und wider meinen Willen ward ich selber allmählich unruhig und fühlte etwas Schlimmes in der Luft.

Der Februar kam, ich wünschte sehnlich das Frühjahr her und litt unklar unter der Spannung dieses Zustandes. Auch Muoth ließ sich wenig bei mir sehen, allerdings hatte er einen angestrengten Winter an der Oper und war in der Wahl zwischen zwei ehrenvollen Berufungen an große Theater, die ihm neuestens zugekommen waren. Eine Geliebte schien er nicht mehr zu haben, wenigstens hatte ich seit seinem Bruch mit Lotte keine Frau mehr bei ihm gesehen. Kürzlich hatten wir seinen Geburtstag gefeiert, seither hatte ich ihn nicht gesehen.

Nun trieb mich ein Bedürfnis zu ihm, ich begann unter der Veränderung meiner Beziehungen zu Gertrud, unter Überarbeitung und Wintermüdigkeit zu leiden und suchte ihn auf, um wieder einmal zu plaudern. Er setzte mir einen Sherry vor und erzählte von der Bühne, war übrigens müde und zerstreut und merkwürdig milde. Ich hörte zu, schaute im Zimmer umher und wollte eben fragen, ob er wieder bei Imthors gewesen sei. Da sah ich, bei einem gleichgültigen Blick über den Tisch, ein Kuvert mit Gertruds Handschrift liegen. Noch ehe ich darüber nachdenken konnte, stieg schon Schrecken und Bitterkeit in mir auf. Es konnte ja eine Einladung, eine einfache Höflichkeit sein, doch glaubte ich daran nicht, so gern ich es getan hätte.

Es gelang mir, ruhig zu bleiben, und bald ging ich fort. Und wider meinen Willen wußte ich schon alles. Es konnte eine Einladung, eine Kleinigkeit, ein Zufall sein – ich wußte aber, daß es das nicht war. Ich sah auf einmal alles und begriff alles, was in der letzten Zeit gewesen und geschehen war. Wohl nahm ich mir vor, zu prüfen und zu warten, doch waren alle diese Gedanken nur Vorwände und Ausflüchte, im Grunde saß der Pfeil und schwärte im Blut, und als ich nach Hause kam und in meiner Stube saß, wich langsam die Betäubung einer furchtbaren Klarheit, die mich eisig durchfloß und mir zu fühlen gab, daß nun mein Leben zerstört und mein Glauben und Hoffen vernichtet war.

Mehrere Tage kam ich weder zu Tränen noch zu Schmerzen. Ohne zu denken, hatte ich beschlossen, nicht weiter zu leben. Vielmehr hatte der Lebenswille in mir sich niedergelegt und schien verschwunden. Ich bedachte das Sterben wie ein Geschäft, das unweigerlich getan werden muß und bei dem man sich nicht besinnt, ob es angenehm ist oder nicht.

Zu den Dingen, die ich zuvor besorgen mußte und besorgte, gehörte vor allem ein Besuch bei Gertrud, um – gewissermaßen der Ordnung wegen – die für mein Gefühl entbehrliche Bestätigung zu holen. Ich hätte sie von Muoth haben können; aber obwohl er weniger schuldig schien als Gertrud, brachte ich es nicht über mich zu ihm zu gehen. Ich ging zu Gertrud, traf sie nicht, kam anderen Tages wieder und unterhielt mich ein paar Minuten mit ihr und ihrem Vater, bis dieser uns allein ließ, da er glaubte, wir wollten musizieren.

Nun stand sie mir allein gegenüber und ich sah sie neugierig noch einmal an, die leicht verwandelt, doch nicht minder schön als jemals war.

»Verzeihen Sie mir, Gertrud,« sagte ich fest, »daß ich Sie noch einmal quälen muß. Ich habe Ihnen im Sommer einen Brief geschrieben – kann ich auf den jetzt Antwort haben? Ich muß verreisen, vielleicht für lange, sonst hätte ich gewartet, bis Sie selber...«

Da sie bleich wurde und mich verwundet ansah, half ich ihr und sprach weiter: »Nicht wahr, Sie müssen nein sagen? Ich habe es mir gedacht. Ich möchte nur Gewißheit haben.«

Sie nickte traurig.

»Ist es Heinrich?« fragte ich.

Und sie nickte wieder, und plötzlich erschrak sie und faßte meine Hand.

»Verzeihen Sie mir! Und tun Sie ihm nichts!«

»Das habe ich nicht im Sinn, seien Sie ruhig,« sagte ich und mußte lächeln, denn mir fiel die Marion ein und die Lotte, die auch so ängstlich an ihm hingen, und die er geschlagen hatte. Vielleicht würde er auch Gertrud schlagen, und ihre ganze herrliche Hoheit und ihr ganzes vertrauensvolles Wesen zerstören.

»Gertrud,« fing ich noch einmal an, »besinnen Sie sich noch! Nicht meinetwegen, ich weiß schon, wie es steht! Aber Muoth wird Sie nicht glücklich machen. Adieu, Gertrud.«

Meine Kälte und Klarheit war unerschüttert geblieben. Erst jetzt, als Gertrud mich so anredete und jenen Ton hatte, den ich von Lotte her kannte, und als sie mich nun ganz krank ansah und sagte: »Gehen Sie nicht so, das verdiene ich nicht von Ihnen!«, da brach mir das Herz und ich hatte Mühe, mich zu halten.

Ich gab ihr die Hand und sagte: »Ich will Ihnen nicht wehtun. Ich will auch Heinrich nicht schaden. Aber warten Sie noch, lassen Sie ihm noch nicht Gewalt über sich! Er zerstört alle, die er lieb hat.«

Sie schüttelte den Kopf und ließ meine Hand los.

»Adieu!« sagte sie leise. »Ich bin ja nicht schuld. Denken Sie gut an mich, und auch an Heinrich!«

Es war fertig. Ich ging nach Hause zurück und fuhr fort, meine Angelegenheit wie ein Geschäft zu besorgen. Wohl würgte mich dazwischen das Weh und blutete mir das Herz, doch sah ich wie von ferne zu und hatte keine Gedanken dafür frei. Es war einerlei, ob es mir in den Tagen oder Stunden, die ich übrig hatte, wohl oder übel ging. Ich ordnete die Mengen von Notenblättern, auf denen meine halbfertige Oper stand, und schrieb einen Brief an Teiser dazu, damit das Werk womöglich erhalten werde. Daneben besann ich mich angestrengt darüber, wie ich sterben sollte. Ich hätte gern meine Eltern geschont, doch fand ich keine Todesart aus, die das ermöglicht hätte. Schließlich lag daran auch nicht so viel; ich beschloß es mit dem Revolver zu tun. Alle diese Fragen tauchten nur schattenhaft und unwirklich vor mir auf. Fest stand nur die Erkenntnis, daß ich nicht mehr leben dürfe; denn schon empfand ich ahnend hinter der eisigen Hülle meines Entschlusses die Schrecklichkeit des Lebens, das mir geblieben wäre. Es schaute mich aus leeren Augen scheußlich an, und war unendlich viel häßlicher und furchtbarer als die dunkle, ziemlich gleichgültige Vorstellung des Sterbens.

Am zweiten Tage nach Mittag war ich mit meinen Besorgungen fertig. Ich wollte noch einen Gang durch die Stadt machen, ich mußte der Bibliothek noch ein paar Bücher zurückbringen. Es war mir beruhigend zu wissen, daß ich am Abend nimmer leben werde. Ich hatte die Empfindung eines Verunglückten, der in halber Narkose liegt und der nicht den Schmerz selbst, wohl aber eine Vorahnung grauenhafter Qualen fühlt. Nun hofft er nur, er möge vollends in Bewußtlosigkeit versinken, ehe der geahnte Schmerz wirklich ausbräche. So war mir zu Mute. Ich litt weniger unter einem wirklichen Schmerz als unter der peinigenden Furcht, ich möchte nochmals zum Bewußtsein kommen und dann den ganzen Becher ausleeren müssen, den der gerufene Tod mir abnehmen sollte. Darum tat ich meinen Gang in Eile, besorgte mein Geschäft und lief stracks zurück. Einen kleinen Umweg machte ich nur, um nicht an Gertruds Hause vorübergehen zu müssen. Denn ich ahnte, ohne es ausdenken zu können, daß vielleicht beim Anblick des Hauses mich die unerträgliche Qual, vor der ich auf der Flucht war, überfallen und niederwerfen möchte.

So kam ich zum Haus, in dem ich wohnte, aufatmend zurück, öffnete das Tor und stieg unverweilt die Treppe hinan, in der Seele erleichtert. Wenn jetzt noch das Weh hinter mir war und die Krallen nach mir ausstreckte, wenn jetzt irgendwo in mir der entsetzliche Schmerz zu wühlen begänne, ich hatte nur noch Schritte und Sekunden zwischen mir und der Befreiung.

Ein Mann in Uniform kam die Treppe herab mir entgegen. Ich wich aus und eilte, mich an ihm vorbeizudrängen, voller Furcht, ich möchte aufgehalten werden. Da griff er an die Mütze und nannte meinen Namen. Taumelnd sah ich ihn an. Die Anrede, der Aufenthalt, die Erfüllung meiner Befürchtung fuhr mir durch die Glieder und es überkam mich plötzlich eine Todesmüdigkeit, als müsse ich niedersinken und habe keine Hoffnung, die paar Schritte noch zu tun und mein Zimmer zu erreichen.

Indessen starrte ich den fremden Mann gepeinigt an, und da die Erschlaffung mich übernahm, setzte ich mich auf eine Treppenstufe nieder. Er fragte, ob ich krank sei, ich schüttelte den Kopf. Dabei hielt er immer etwas in der Hand, was er mir anbot und was ich nicht nehmen wollte, bis er es mir fast mit Gewalt in die Hand drückte. Ich winkte ab und sagte: »Ich will nicht.«

Er rief nach der Wirtin, die war nicht da. Da faßte er mich unter den Armen, um mich hinaufzubringen, und sobald ich sah, daß kein Entrinnen war und er mich nicht allein lassen würde, fühlte ich wieder Macht über mich, stand auf und ging voran in mein Zimmer, wohin er mir folgte. Da er mich, wie mir schien, mit Mißtrauen betrachtete, deutete ich auf mein lahmes Bein und tat, als schmerze es mich, und er glaubte es. Ich suchte meinen Geldbeutel und gab ihm eine Mark, er dankte und drückte mir endgültig das Ding in die Hand, das ich nicht hatte annehmen wollen und das ein Telegramm war.

Erschöpft stand ich am Tische und besann mich. Nun hatte man mich doch aufgehalten, hatte meinen Bann durchbrochen. Was lag da? Ein Telegramm. Von wem? Einerlei, es ging mich nichts an. Es war eine Rohheit, mir jetzt Telegramme zu bringen. Nun hatte ich alles besorgt, und im letzten Augenblicke schickt mir noch jemand ein Telegramm. Ich sah mich um, ein Brief lag auch auf dem Tisch.

Den Brief steckte ich in die Tasche, er focht mich nicht an. Aber das Telegramm quälte mich, es hatte sich in meine Gedanken eingehängt und meine Kreise gestört. Ich saß ihm gegenüber und sah es liegen, und ich besann mich, ob ich es lesen sollte oder nicht. Natürlich war es ein Angriff auf meine Freiheit, daran zweifelte ich nicht. Irgend jemand wollte versuchen, mich zu stören. Man mißgönnte mir die Flucht, man wollte, daß ich mein Leid ausfresse und durchkoste, daß kein Biß und kein Stich und kein Krampf mir erspart werde.

Warum mir das Telegramm so zu schaffen machte, weiß ich nicht. Lange saß ich am Tische und wagte es nicht zu öffnen, im Gefühl, es berge eine Macht, mich wieder zurückzuziehen und mich zum Ertragen des Unerträglichen zu zwingen, dem ich entrinnen wollte. Als ich es endlich doch öffnete, zitterte es mir in der Hand und ich entzifferte nur langsam, als müsse ich aus einer ungewohnten fremden Sprache übersetzen, den Inhalt. Der hieß: »Vater sterbend. Bitte sofort kommen. Mama.«

Allmählich begriff ich, was es bedeute. Gestern noch hatte ich an meine Eltern gedacht und bedauert, ihnen weh tun zu müssen, doch war es nur eine oberflächliche Erwägung gewesen. Nun erhoben sie Widerspruch, rissen mich zurück, machten ihr Recht geltend. Sogleich fielen mir die Gespräche ein, die ich an Weihnachten mit meinem Vater geführt hatte. Junge Leute, hatte er gesagt, können in ihrem Egoismus und Unabhängigkeitsgefühl dazu kommen, eines ungestillten Wunsches wegen das Leben wegzuwerfen; wer aber sein Leben mit anderen Leben verbunden wisse, den könnten die eigenen Begierden nicht mehr soweit führen. Und da hing auch ich an einem solchen Bande! Mein Vater lag sterbend, die Mutter war allein bei ihm, sie rief mich. Sein Sterben und ihre Not griff mir im Augenblick noch nicht ans Herz, ich glaubte schlimmere Leiden zu kennen; aber daß es nicht angehe, ihnen jetzt noch mein eigenes Bündel hinzuwerfen, ihre Bitte nicht zu hören, ihnen davonzulaufen, das sah ich wohl ein.

Am Abend stand ich reisefertig auf dem Bahnhof, tat willenlos und doch gewissenhaft das Notwendige, nahm die Karte, strich Geld ein, das mir zurückgegeben wurde, stellte mich am Perron auf und stieg in einen Wagen. Da setzte ich mich in die Ecke, einer langen Nachtreise gewärtig. Ein junger Mensch stieg ein, sah sich um, grüßte und setzte sich mir gegenüber. Er fragte etwas, ich sah ihn nur an, nichts denkend und wünschend als daß er mich allein lassen möge. Er hustete und stand auf, nahm seine Tasche aus gelbem Leder und suchte einen anderen Platz.

Der Zug fuhr durch die Nacht, blind in blödsinnigem Eifer, genau so dumpf und gewissenhaft wie ich, als ob etwas zu versäumen oder etwas zu retten wäre. Nach Stunden, als ich in die Tasche griff, fiel mir der Brief in die Hand. Auch der ist noch da, dachte ich, und machte ihn auf.

Da schrieb mein Verleger über Konzerte und Honorare, und teilte mir mit, es stehe gut und gehe vorwärts, ein großer Kritiker in München habe über mich geschrieben, er gratuliere dazu. Dabei lag der Ausschnitt aus einer Zeitschrift, ein Artikel mit meinem Namen als Titel, und ein langes Getöne vom Stand der heutigen Musik und von Wagner und von Brahms, und dann eine Kritik meiner Streichmusik, und meiner Lieder, und ein reichliches Lob und Glückauf; und während ich die kleinen schwarzen Buchstaben las, ward mir allmählich klar, daß das mir gelte, daß da die Welt und der Ruhm mir die Hand herüberstrecke. Da mußte ich einen Augenblick lachen.

Aber der Brief und der Artikel hatte mir die Binde vor den Augen gelockert, und unvermutet sah ich in die Welt zurück und sah mich nicht ausgelöscht und zurückgesunken, sondern mitten darin und dazugehörend. Ich mußte leben, ich mußte es mir gefallen lassen. Wie war das möglich? Ach, nun stieg alles herauf, was seit fünf Tagen war und was ich nur dumpf gefühlt, und dem ich zu entgehen gedacht hatte, und es war alles ekelhaft, bitter und schmählich. Es war alles ein Todesurteil, und ich hatte es nicht vollzogen, ich mußte es unvollzogen lassen.

Ich hörte den Zug knattern, ich öffnete das Fenster und sah dunkle Gegenden geduckt dahinstreichen, traurige kahle Bäume mit schwarzem Geäst, und Höfe unter großen Dächern, und ferne Hügel. Das alles schien ungern zu existieren, schien Leid und Widerwillen zu atmen. Man konnte es schön finden, mir aber kam es nur traurig vor. Das Lied fiel mir ein: »Hat das Gott gewollt?«

So sehr ich versuchte, die Bäume und Felder und Dächer draußen zu betrachten, so eifrig ich auf den Takt der Räder horchte, so heftig ich mich in Gedanken an alles klammerte, was irgend fern war und woran sich ohne Verzweiflung denken ließ, es war nicht lange möglich. Auch an den Vater konnte ich kaum denken, er sank hinab und mit Bäumen und Nachtgelände zusammen in Vergessenheit, und wider meinen Willen und mein Bemühen kehrten meine Gedanken dahin zurück, wo sie nicht sein durften. Da lag ein Garten mit alten Bäumen, und darin ein Haus, am Eingang Palmen und an allen Wänden alte, dunkle Gemälde, und ich trat ein und stieg die Treppe hinan, an allen alten Bildern vorüber, und niemand sah mich, ich ging als ein Schatten hindurch. Da war eine schlanke Dame, die wandte mir den Rücken zu, ein Haupt mit dunkelblondem Haar. Ich sah sie beide, sie und ihn, die sich umschlungen hielten, und ich sah meinen Freund Heinrich Muoth lächeln, so schwermütig und grausam, wie er es manchmal tat, als wisse er schon, daß er auch diese Blonde mißbrauchen und mißhandeln werde, und als sei dagegen nichts zu machen. Es war töricht und hatte keinen Sinn, daß diesem Armen und Verderber die schönsten Frauen zufielen, und daß bei mir alle Liebe und alles Wohlmeinen vergeblich blieb. Es war töricht und hatte keinen Sinn, aber es war so.

Aus einer Art von Schlaf oder Bewußtlosigkeit erwachend, sah ich vor dem Fenster Morgengrau und fahle Himmelshelle. Ich streckte erstarrte Glieder, fühlte Nüchternheit und Bangen und sah nun die Dinge trüb und verdrossen vor mir liegen. Zunächst war jetzt an den Vater und an die Mutter zu denken.

Es war noch grau und morgenfrüh, da sah ich die Brücken und Häuser der Heimatstadt sich nähern. Im Gestank und Geschrei des Bahnhofs befiel mich Müdigkeit und Widerwillen so stark, daß ich kaum aussteigen mochte; dann nahm ich mein leichtes Gepäck und stieg in den nächsten Wagen, der fuhr über glatten Asphalt, und hernach über leichtgefrorene Erde und über dröhnendes Pflaster und hielt vor dem breiten Tor unsres Hauses, das ich nie geschlossen gesehen hatte.

Jetzt aber war es geschlossen, und als ich, verwirrt und erschrocken, die Glocke zog, kam niemand und keine Antwort. Ich blickte am Hause hinauf und war wie in einem unangenehmen, närrischen Traum, wo alles verschlossen ist und man über Dächer steigen muß. Der Kutscher schaute verwundert zu und wartete. Ich ging beklommen zu der andern Türe, die ich nur selten und seit Jahren nie mehr durchschritten hatte. Die war offen, und dahinter war meines Vaters Kontor, und als ich eintrat, saßen da in grauen Röcken wie immer, still und staubig, die Bureauherren, die standen bei meinem Eintritt auf und grüßten, denn ich war der Erbe. Der Buchhalter Klemm, der nicht anders aussah als vor zwanzig Jahren, machte seinen Bückling und sah mich traurig fragend an.

»Warum ist vorn geschlossen?« fragte ich.

»Es ist niemand da.«

»Wo ist denn mein Vater?«

»Im Spital, und die Gnädige auch.«

»Lebt er noch?«

»Er hat heut' morgen noch gelebt, man wartet aber – –«

»Ja. Was ist es denn?«

»Wie? Ach so, es ist immer noch der Fuß. Er war falsch behandelt, sagen wir alle. Auf einmal kamen Schmerzen, der Herr hat schrecklich geschrieen. Da wurde er ins Spital gebracht. Jetzt ist es Blutvergiftung. Um zwei Uhr dreißig haben wir Ihnen gestern depeschiert.«

»Ja, danke. Nun lassen Sie mir schnell ein Butterbrot und ein Glas Wein bringen, und einen Wagen, bitte.«

Man lief und flüsterte, und es wurde wieder still, dann gab mir jemand einen Teller und ein Glas, ich aß Brot und trank Wein, ich stieg in einen Wagen, ein Pferd schnob, und bald stand ich an der Spitalpforte, wo Schwestern mit weißen Hauben und Wärter mit blaugestreiften Leinenanzügen durch den Korridor liefen. Man nahm mich an der Hand und zog mich in ein Zimmer, aufschauend sah ich meine Mutter in Tränen nicken und in einem eisernen, niedern Bett meinen Vater liegen, verändert und klein, und sein kurzer, grauer Bart stand sonderbar in die Luft.

Er lebte noch, er machte die Augen auf und erkannte mich trotz des Fiebers.

»Immer noch Musik machen?« sagte er leise, und Stimme und Blick war ebenso gütig wie spöttisch. Er blinkte mir zu mit einer müden, ironischen Weisheit, die nichts mehr zu sagen hat, und mir war, er schaue mir ins Herz und sehe und wisse alles.

»Vater,« sagte ich. Aber er lächelte nur, blickte noch einmal halb spöttisch, doch mit schon zerstreutem Blick, und schloß die Augen wieder.

»Wie siehst du aus!« sagte die Mutter, als sie mich umarmte. »Hat es dich so mitgenommen?«

Ich konnte nichts sagen, gleich darauf kam ein junger Arzt, und bald hinter ihm ein alter, der Sterbende bekam Morphium und tat die klugen Augen, die jetzt so überlegen und allwissend schauen konnten, nicht mehr auf. Wir saßen bei ihm und sahen ihn liegen, und sahen ihn ruhigwerden und sein Gesicht verändern, und warteten auf sein Ende. Er lebte noch manche Stunde dahin und starb am späten Nachmittag. Ich empfand nichts mehr, als dumpfes Leid und tiefe Müdigkeit, saß mit heißen, trockenen Augen und schlief gegen Abend am Totenbette sitzend ein.

D
D

Daß das Leben schwer zu leben ist, hatte ich auch früher schon zuzeiten dunkel empfunden. Nun hatte ich neue Ursache zu grübeln. Bis heute ist mir das Gefühl des Widerspruchs nie mehr verloren gegangen, das in jener Erkenntnis wurzelt. Denn mein Leben ist arm und mühsam gewesen, und scheint doch andern, und manchmal mir selber, reich und herrlich. Mir erscheint das Menschenleben wie eine tiefe, traurige Nacht, die nicht zu ertragen wäre, wenn nicht da und dort Blitze flammten, deren plötzliche Helle so tröstlich und wunderbar ist, daß ihre Sekunden die Jahre des Dunkels auslöschen und rechtfertigen können.

Das Dunkel, die trostlose Finsternis, das ist der schreckliche Kreislauf des täglichen Lebens. Wozu steht man am Morgen auf, ißt, trinkt, legt sich abermals wieder hin? Das Kind, der Wilde, der gesunde, junge Mensch, das Tier leidet unter diesem Kreislauf gleichgültiger Dinge und Tätigkeiten nicht. Wer nicht am Denken leidet, den freut das Aufstehen am Morgen, und das Essen und Trinken, der findet Genüge darin und will es nicht anders. Wem aber diese Selbstverständlichkeit verloren ging, der sucht im Lauf der Tage begierig und wachsam nach den Augenblicken wahren Lebens, deren Aufblitzen beglückt und das Gefühl der Zeit samt allen Gedanken an Sinn und Ziel des Ganzen auslöscht. Man kann diese Augenblicke die schöpferischen nennen, weil es scheint, daß sie das Gefühl der Vereinigung mit dem Schöpfer bringen, weil man in ihnen alles, auch das sonst Zufällige, als gewollt empfindet. Es ist dasselbe, was die Mystiker die Vereinigung mit Gott nennen. Vielleicht ist es das überhelle Licht dieser Augenblicke, das alle übrigen so finster erscheinen läßt, vielleicht kommt es von der befreiten, zauberhaften Leichtigkeit und Schwebewonne jener Augenblicke, daß das übrige Leben so schwer und klebend und niederziehend empfunden wird. Ich weiß es nicht, ich habe es im Denken und Philosophieren nicht weit gebracht. Doch weiß ich: wenn es eine Seligkeit gibt und ein Paradies, so muß es eine ungestörte Dauer solcher Augenblicke sein; und wenn man diese Seligkeit durch Leid und Läuterung im Schmerz erlangen kann, so ist kein Leid und Schmerz so groß, daß man sie fliehen sollte.

Einige Tage nach dem Begräbnis meines Vaters – ich ging noch in Betäubung und geistiger Erschlaffung umher – geriet ich auf einem ziellosen Spaziergang in eine vorstädtische Gartenstraße. Die kleinen, hübschen Häuser weckten eine halbklare Erinnerung in mir, der ich grübelnd nachging, bis ich Garten und Haus meines alten Lehrers erkannte, der mich vor einigen Jahren zum Glauben der Theosophen hatte bekehren wollen. Ich ging hinein, der Mann kam mir entgegen, erkannte mich und führte mich freundlich in sein Zimmer, wo um Bücher und Blumentöpfe ein leichter behaglicher Duft von Tabakrauch wehte.

»Wie geht es Ihnen?« fragte Herr Lohe. »Ach, Sie haben ja Ihren Vater verloren! Sie sehen auch bekümmert aus. Ist es Ihnen so nahe gegangen?«

»Nein,« sagte ich. »Der Tod meines Vaters hätte mir weher getan, wenn ich ihm noch fremd gewesen wäre. Ich habe mich aber bei meinem letzten Besuch mit ihm befreundet und bin das peinliche Schuldgefühl losgeworden, das man gegen gute Eltern hat, solange man mehr Liebe von ihnen nimmt, als man geben kann.«

»Das freut mich.«

»Wie steht es denn mit Ihrer Theosophie? Ich würde gern etwas von Ihnen hören, weil es mir schlecht geht.«

»Wo fehlt es Ihnen denn?«

»An allem. Ich kann nicht leben und nicht sterben. Ich finde das Ganze falsch und dumm.«

Herr Lohe verzog sein gutes, zufriedenes Gärtnergesicht schmerzlich. Ich muß gestehen, eben dieses gute, etwas feistliche Gesicht hatte mich verstimmt, auch erwartete ich keineswegs von ihm und seiner Weisheit irgend einen Trost. Ich wollte ihn nur reden hören, seine Weisheit als machtlos erweisen und ihn für sein Glücklichsein und seinen optimistischen Glauben strafen. Ich war nicht freundlich gewillt, nicht gegen ihn und gegen niemand.

Aber der Mann war durchaus nicht so selbstgefällig und in sein Dogma verschanzt, wie ich gedacht hatte. Er sah mir liebreich ins Gesicht, mit aufrichtigem Kummer, und schüttelte melancholisch den blonden Kopf.

»Sie sind krank, lieber Herr,« sagte er entschieden. »Vielleicht ist es nur körperlich, dann ist bald geholfen. Dann müssen Sie aufs Land, hart arbeiten und kein Fleisch essen. Aber ich glaube, es sitzt anderswo. Sie sind gemütskrank.«

»Glauben Sie?«

»Ja. Sie haben eine Krankheit, die leider Mode ist und der man jeden Tag bei intelligenteren Menschen begegnet. Die Ärzte wissen natürlich nichts davon. Es ist mit moral insanity verwandt und könnte auch Individualismus oder eingebildete Einsamkeit genannt werden. Die modernen Bücher sind voll davon. Es hat sich bei Ihnen die Einbildung eingeschlichen, Sie seien vereinsamt, kein Mensch gehe Sie etwas an und kein Mensch verstehe Sie. Ist es nicht so?«

»Ungefähr, ja,« gab ich verwundert zu.

»Sehen Sie. Für den, der die Krankheit einmal hat, genügen ein paar Enttäuschungen, um ihn glauben zu machen, es gebe zwischen ihm und andern Menschen überhaupt keine Beziehungen, höchstens Mißverständnisse, und es wandle eigentlich jeder Mensch in absoluter Einsamkeit, könne sich den andern nie recht verständlich machen und nichts mit ihnen teilen und gemeinsam haben. Es kommt auch vor, daß solche Kranke hochmütig werden und alle andern Gesunden, die einander noch verstehen und lieben können, für Heerdenvieh halten. Wenn diese Krankheit allgemein würde, müßte die Menschheit aussterben. Aber sie ist nur in Mitteleuropa und nur in den höheren Ständen zu treffen. Bei jungen Leuten ist sie heilbar, sie gehört sogar schon zu den unumgänglichen Entwicklungskrankheiten der Jugend.«

Sein leicht ironisch klingender Dozententon ärgerte mich ein wenig. Da er mich nicht lächeln und keine Miene zu meiner Verteidigung machen sah, kehrte der kummervoll gütige Ausdruck in seinem Gesicht wieder.

»Verzeihen Sie,« sagte er freundlich. »Sie haben die Krankheit selber, nicht die beliebte Karikatur davon. Aber es gibt wirklich ein Heilmittel. Es ist Einbildung, daß es keine Brücke zwischen Ich und Du gäbe, daß jeder einsam und unverstanden einhergehe. Im Gegenteil, das, was die Menschen gemeinsam haben, ist viel mehr und wichtiger, als was jeder einzelne für sich hat und wodurch er sich von andern unterscheidet.«

»Das ist möglich,« sagte ich. »Aber was soll es mir nützen, das zu wissen? Ich bin kein Philosoph, und mein Leiden besteht nicht darin, daß ich die Wahrheit nicht finden kann. Ich möchte kein Weiser und Denker werden, sondern einfach ein wenig zufriedener und leichter leben können.«

»Nun, versuchen Sie es! Sie sollen keine Bücher studieren und keine Theorien treiben. Aber an einen Arzt müssen Sie glauben, solange Sie krank sind. Wollen Sie das tun?«

»Probieren will ich es gerne.«

»Gut. Wenn Sie nun körperlich krank wären und der Arzt würde Ihnen raten, Bäder zu nehmen oder Medizin zu trinken oder ans Meer zu gehen, so würden Sie vielleicht nicht begreifen, warum das oder das Mittel helfen soll, aber Sie würden es einmal probieren und folgen. Machen Sie es nun ebenso mit dem, was ich Ihnen rate! Lernen Sie einmal eine Zeitlang mehr an andere, als an sich selber denken! Es ist der einzige Weg zur Heilung.«

»Wie soll ich das aber machen? Es denkt doch jeder zuerst an sich selber.«

»Das müssen Sie überwinden. Sie müssen zu einer gewissen Gleichgültigkeit gegen Ihr eigenes Wohlsein kommen. Sie müssen denken lernen: was liegt an mir! Dazu hilft nur ein Mittel: Sie müssen irgend jemand so lieben lernen, daß sein Wohl Ihnen wichtiger ist, als Ihr eigenes. Ich meine aber nicht, daß Sie sich verlieben sollen! Das wäre das Gegenteil!«

»Ich verstehe. Aber bei wem soll ich das denn probieren?«

»Fangen Sie in der Nähe an, bei Freunden, bei Ihren Verwandten. Da ist Ihre Mutter. Sie hat viel verloren, sie ist jetzt einsam und braucht Trost. Sorgen Sie für sie, halten Sie zu ihr und versuchen Sie, ihr etwas wert zu sein!«

»Wir verstehen einander nicht recht, meine Mutter und ich. Es wird schwer gehen.«

»Ja, wenn Ihr guter Wille nicht weiter reicht, wird es freilich nicht gehen! Das alte Lied vom Unverstandensein! Sie sollen nicht immer daran denken, daß der oder der Sie nicht ganz versteht, Ihnen vielleicht nicht ganz gerecht wird! Sie sollen selbst erst einmal versuchen, andere zu verstehen, andern Freude zu machen, andern gerecht zu werden! Tun Sie das, und fangen Sie bei Ihrer Mutter an! – Sehen Sie, Sie müssen sich vorsagen: Das Leben freut mich doch nicht, so oder so, warum soll ich's also nicht einmal auf diese Art versuchen! Sie haben die Liebe zum eigenen Leben verloren, so schonen Sie es nicht, legen Sie sich eine Last auf, verzichten Sie auf das bißchen Bequemlichkeit!«

»Ich werde es versuchen. Sie haben recht, es ist ja einerlei, was ich tue; warum soll ich nicht das tun, was Sie raten?«

Was mich an seinen Worten ergriff und in Erstaunen setzte, war ihre Übereinstimmung mit dem, was mein Vater mir beim letzten Zusammensein als Lebensweisheit dargetan hatte: Leben für andere, sich selber nicht so ernst nehmen! Die Lehre widersprach meinem Gefühl unmittelbar, sie schmeckte auch ein wenig nach Katechismus und Konfirmandenunterricht, an welche ich, wie jeder gesunde junge Mensch, mit Abscheu und Verachtung dachte. Aber schließlich handelte es sich ja nicht um Meinungen und Weltanschauungen, sondern um einen ganz praktischen Versuch, das schwere Leben erträglich zu machen. Ich wollte ihn machen.

Verwundert sah ich dem Manne in die Augen, den ich nie recht ernst genommen hatte und jetzt als Ratgeber, ja als Arzt gelten ließ. Aber er schien wirklich etwas von jener Liebe zu haben, die er mir empfahl. Er schien mein Leiden zu teilen und mir ehrlich Gutes zu wünschen. Ohnehin hatte mein Gefühl mir schon gesagt, daß ich eine gewaltsame Kur nötig habe, um wieder leben und atmen zu können wie andere. Ich hatte an eine lange Bergeinsamkeit oder an ein wildes Arbeiten gedacht, nun wollte ich aber lieber meinem Ratgeber folgen, da meine Erfahrung und Weisheit doch am Ende war.

Als ich meiner Mutter eröffnete, ich gedenke, sie nicht allein zu lassen, sondern hoffe, sie werde zu mir ziehen und mein Leben teilen, da schüttelte sie traurig den Kopf.

»Was denkst du!« wehrte sie ab. »Das geht nicht so einfach. Ich habe meine alten Gewohnheiten und kann nimmer neu anfangen, und du brauchst Freiheit und darfst dich nicht mit mir beladen.«

»Wir können es ja einmal versuchen,« schlug ich vor. »Vielleicht geht es leichter, als du meinst.«

Fürs Erste hatte ich genug zu tun, um vom Grübeln und Verzweifeln abgehalten zu sein. Da stand ein Haus und war ein ausgedehntes Geschäft mit Guthaben und mit Schulden, da waren Bücher und Rechnungen, war Geld ausgeliehen und Geld aufgenommen, und es war die Frage, was aus dem allen werden solle. Ich war natürlich von Anfang an entschlossen, alles zu verkaufen, doch ging das nicht so rasch, auch hing die Mutter an dem alten Hause, und das Testament meines Vaters wollte auch erfüllt sein, mit allerlei Haken und Schwierigkeiten. Der Buchhalter und ein Notar mußten helfen, die Tage und Wochen gingen mit Besprechungen hin, mit Briefwechseln um Geld und Schulden, mit Plänen und Enttäuschungen. Ich kannte mich bald in allen diesen Rechnungen und amtlichen Formularen nicht mehr aus, gab dem Notar noch einen Rechtsanwalt bei und überließ ihnen die Entwirrung.

Darüber kam meine Mutter nicht selten zu kurz. Ich gab mir Mühe, ihr diese Zeit leichter zu machen, ich hielt ihr alle Geschäfte vom Halse, ich las ihr vor und fuhr mit ihr spazieren. Zuweilen fiel es mir schwer, nicht auszureißen und alles liegen zu lassen, doch hielt das Schamgefühl und eine gewisse Neugierde, wie es gehen werde, mich zurück.

Meine Mutter dachte an nichts als an den Verstorbenen, doch zeigte sich ihre Trauer in lauter kleinen, frauenhaften, mir fremden und oft kleinlich scheinenden Zügen. Anfangs mußte ich bei Tische an des Vaters Platz sitzen, dann fand sie, ich passe doch nicht dahin, und der Platz mußte leer bleiben. Manchmal konnte ich ihr nicht genug vom Vater sprechen, dann wieder ward sie still und sah mich leidend an, sobald ich ihn nur nannte. Am meisten fehlte mir die Musik. Ich hätte viel darum gegeben, einmal eine Stunde geigen zu können, aber das durfte ich erst nach vielen Wochen wieder, und auch dann seufzte sie und fühlte einen Verstoß darin. Auf meine unfrohen Bemühungen, ihr mein Wesen und Leben näher zu bringen und ihre Freundschaft zu gewinnen, ging sie nicht ein.

Da litt ich oft und wollte es aufgeben, doch bezwang ich mich immer wieder und gewöhnte mich an diese Tage ohne Resonanz. Mein eigenes Leben lag brach und tot, nur selten klang das Gewesene dunkel herüber, wenn ich im Traum die Stimme Gertruds hörte oder in einer leeren Stunde mir ungewollt Melodien aus meiner Oper einfielen. Als ich nach R. reiste, um meine Wohnung dort aufzugeben und meine Sachen einzupacken, schien alles dortige mir um Jahre entfernt. Ich besuchte nur Teiser, der mir treulich beistand. Nach Gertrud wagte ich nicht zu fragen.

Gegen das zurückhaltend resignierte Benehmen meiner Mutter, das mich auf die Dauer allzusehr bedrückte, mußte ich allmählich einen regelrechten, versteckten Kampf beginnen. Bat ich sie offen, mir zu sagen, was sie wünsche und worin sie etwa mit mir unzufrieden sei, so streichelte sie traurig lächelnd meine Hand und sagte: »Laß nur, Kind! Ich bin eben eine alte Frau.« So begann ich denn auf eigene Faust zu forschen, wobei ich auch Fragen an den Buchhalter und die Dienstboten nicht verschmähte.

Da fand sich denn allerlei. Die Hauptsache war die: meine Mutter hatte in der Stadt eine einzige nahe Verwandte und Freundin, eine Cousine, die ein altes Fräulein war und wenig Umgang pflegte, mit meiner Mutter aber sehr enge Freundschaft unterhielt. Dieses Fräulein Schwiebel hatte schon meinen Vater gar nicht geliebt, gegen mich aber einen richtigen Widerwillen, so daß sie neuerdings nicht mehr ins Haus kam. Meine Mutter hatte ihr früher versprochen, sie zu sich zu nehmen, falls sie den Vater überlebe, und diese Hoffnung schien ihr mein Dableiben zu vereiteln. Als ich das allmählich erkundet hatte, machte ich denn der alten Dame einen Besuch und gab mir Mühe, mich ihr angenehm zu machen. Das Spiel mit Wunderlichkeiten und kleinen Intriguen war mir neu und machte mir beinahe Vergnügen. Es gelang mir, das Fräulein wieder in unser Haus zu bringen, und ich merkte, daß die Mutter mir dafür dankbar war. Allerdings taten sich die beiden nun zusammen, den von mir gewünschten Verkauf des alten Hauses zu hintertreiben, was ihnen wirklich gelang. Nun ging das Streben des Fräuleins dahin, meine Stelle im Hause einzunehmen und zu dem längst ersehnten warmen Altensitz zu gelangen, den ich ihr noch versperrte. Es wäre Raum genug für sie und mich gewesen, allein sie wollte keinen Hausherrn neben sich und weigerte sich, zu uns zu ziehen. Dagegen kam sie fleißig gelaufen, machte sich der Freundin in manchen kleinen Dingen unentbehrlich, behandelte mich diplomatisch wie eine gefährliche Großmacht und bemächtigte sich der Stellung einer Ratgeberin im Haushalt, die ich ihr nicht streitig machen konnte.

Meine arme Mutter ergriff weder ihre noch meine Partei. Sie war müde und litt tief unter der Veränderung ihres Lebens. Wie sehr der Vater ihr fehlte, merkte ich erst allmählich. Einmal traf ich sie beim Gang durch ein Zimmer, in dem ich sie nicht vermuten konnte, an einem Kleiderschrank beschäftigt. Sie erschrak über mein Dazukommen und ich ging rasch weiter, doch sah ich wohl, daß sie die Kleider des Verstorbenen musterte, und nachher hatte sie rote Augen.

Als der Sommer kam, begann ein neuer Kampf. Ich wollte durchaus mit meiner Mutter verreisen, wir konnten beide eine Erholung wohl brauchen, ich hoffte dabei, sie zu ermuntern und mehr Einfluß auf sie zu gewinnen. Sie zeigte wenig Lust zum Reisen, widersprach mir jedoch kaum; desto eifriger trat Fräulein Schwiebel dafür ein, daß die Mutter dableibe und ich allein reise. Doch wollte ich hierin keineswegs nachgeben, ich versprach mir von der Reise viel. Es begann mir in dem alten Hause mit der armen, unruhig gewordenen und leidenden Mutter unheimlich zu werden; draußen hoffte ich der Mutter besser helfen und meine eigenen Gedanken und Launen besser beherrschen zu können.

So setzte ich es durch, daß wir gegen Ende des Juni abreisten. Wir fuhren in kleinen Tagreisen, sahen Konstanz und Zürich und fuhren über den Brünig dem Berner Oberland entgegen. Meine Mutter hielt sich still und müde, ließ die Reise über sich ergehen und sah unglücklich aus. In Interlaken begann sie zu klagen, sie schlafe nicht mehr, doch beredete ich sie, noch mit nach Grindelwald zu gehen, wo ich für sie und mich auf Ruhe hoffte. Auf dieser törichten, unendlichen, freudlosen Reise sah ich die Unmöglichkeit, dem eigenen Elend zu entrinnen und davonzulaufen, wohl ein. Da lagen die schönen, grünen Seen und spiegelten alte, prächtige Städte, da stiegen die Berge weiß und blau und strahlten blaugrüne Gletscher im Sonnenlicht. Wir beide aber gingen still und unerfreut an allem vorbei, schämten uns vor allem, waren von allem nur bedrückt und ermüdet. Wir machten unsere Spaziergänge, sahen an den Bergen empor, atmeten die leichte, süße Luft und hörten die Kuhglocken auf den Matten läuten, und wir sagten: »Das ist schön!« und wagten nicht, uns dabei in die Augen zu sehen.

Eine Woche hielten wir es in Grindelwald aus. Da sagte meine Mutter eines Morgens: »Du, es hat keinen Zweck, wir wollen umkehren. Ich möchte gern wieder einmal eine Nacht schlafen können. Und wenn ich krank werden und sterben soll, will ich's zu Hause tun.«

Da packte ich schweigend unsere Koffer ein, gab ihr im Stillen recht und fuhr mit ihr, schneller als wir hergekommen waren, den ganzen Weg zurück. Doch hatte ich nicht das Gefühl, in eine Heimat zurückzukehren, sondern in ein Gefängnis, und auch die Mutter zeigte nur eine leise Befriedigung.

Und am Abend des Heimkehrtages sagte ich zu ihr: »Was meinst du dazu, wenn ich allein verreise? Ich würde wieder nach R. fahren. Sieh, ich bliebe gern bei dir, wenn ich irgend einen Nutzen darin sähe. Aber wir sind beide krank und freudlos und stecken einander nur immer wieder an. Nimm du deine Freundin ins Haus, die kann dich besser trösten als ich.«

Nach ihrer Gewohnheit nahm sie meine Hand und streichelte sie leise. Sie nickte dazu und sah mich mit Lächeln an, und das Lächeln sagte deutlich: »Ja, geh nur!«

Mit allen meinen Bemühungen und guten Vorsätzen hatte ich nichts erreicht, als sie und mich ein paar Monate lang zu quälen und sie mir noch viel mehr zu entfremden. Es hatte, trotz des Zusammenlebens, jedes von uns sein Bündel allein getragen und nicht mit dem andern geteilt, und jedes war nur tiefer in sein Leid und seine Krankheit versunken. Meine Versuche waren fruchtlos geblieben und ich konnte nichts Besseres tun als gehen und dem Fräulein Schniebel das Feld räumen.

Das tat ich denn auch in Bälde, und da ich keinen anderen Ort wußte, ging ich nach R. zurück. Bei der Abreise kam mir zum Bewußtsein, daß ich nun keine Heimat mehr habe. Die Stadt, in der ich geboren war und die Kinderjahre gelebt und meinen Vater begraben hatte, ging mich nichts mehr an, hatte nichts von mir zu fordern und mir nichts zu geben, als Erinnerungen. Ich sagte es dem Herrn Lohe beim Abschiednehmen nicht, aber sein Rezept hatte nicht geholfen.

Zufällig stand in R. meine alte Wohnung noch leer. Es war mir wie ein Zeichen, daß es nutzlos sei, den Zusammenhang mit dem Gewesenen abbrechen und sich vor dem eigenen Schicksal flüchten zu wollen. Ich lebte wieder in demselben Hause und Zimmer, in derselben Stadt, packte meine Geige und meine Arbeit wieder aus und fand alles wie es gewesen war, nur daß Muoth nach München gegangen und Gertrud seine Braut geworden war.

Ich nahm die Stücke meiner Oper in die Hände, als wären es die Trümmer meines früheren Lebens, aus denen ich nun noch etwas zu machen versuchen wollte. Doch regte sich die Musik nur langsam wieder in meiner erstarrten Seele und erwachte erst, als der Dichter aller meiner Texte mir ein neues Lied schickte. Es kam in einer Zeit, da ich am Abend nicht selten die alte Unruhe in mir spürte und mit Scham und tausend Irrlichtern im Herzen um den Garten des Imthorschen Hauses strich, und es hieß:

Der Föhn schreit jede Nacht, Sein feuchter Flügel flattert schwer, Brachvögel taumeln durch die Luft; Nun schläft nichts mehr, Nun ist das ganze Land erwacht. Der Frühling ruft. In diesen Nächten schlaf ich nicht. Mein Herz wird jung, Aus blauen Tiefen der Erinnerung Steigt meiner Jugend heißes Glück, Schaut mir so nahe ins Gesicht, Erschrickt, und flieht zurück. Bleib still, bleib still, mein Herz! Ob auch im Blute eng und schwer Die Leidenschaft sich rührt Und dich die alten Wege führt – Nicht jugendwärts Gehn deine Wege mehr.

Diese Verse gingen mir ins Herz und erweckten Klang und Leben wieder. Aufgelöst und schmerzlich glühend floß mir die lang verhaltene und betrogene Pein in Takte und Töne, von dem Liede weg fand ich den verlorenen Faden der Oper wieder und wühlte mich nach so langer Öde wieder tief in den fiebernden Rausch hinströmenden Ergusses bis zu der freien Höhe des Gefühls, wo Schmerz und Wonne nicht mehr voneinander unterschieden sind und alle Glut und Kraft der Seele sich ungeteilt in einer einzigen steilen Flamme empordrängt.

Am Tage, an dem ich das neue Lied aufgeschrieben und Teiser gezeigt hatte, ging ich abends durch eine Kastanienallee heimwärts, ganz von heraufschwellender Kraft zu neuer Arbeit erfüllt. Noch sahen mich die vergangenen Monate wie aus Maskenaugen in ihrer trostlosen Leere an. Nun schlug mein Herz begehrlich rasch und wollte nicht mehr begreifen, warum es seinem Leide habe entrinnen wollen. Gertruds Bild erhob sich klar und herrlich aus dem Staube und ich sah ihm wieder unerschrocken in die hellen Augen und öffnete mein Herz allen Schmerzen weit. Ach, es war besser um sie zu leiden und den Stachel tiefer in die Wunde zu drücken, als fern von ihr und fern von meinem wahren Leben gespensterhafte Zeiten hinzudämmern! Zwischen den dunklen vollen Wipfeln der breiten Kastanien hing schwarzblau der Himmel und war voll von Sternen, die schwebten alle ernst und golden und strahlten unbekümmert in die Weiten. So taten die Sterne, und die Bäume trugen ihre Knospen und Blüten und Narben frei zur Schau, und mochte es ihnen Lust oder Weh bedeuten, sie gaben sich dem großen Lebenswillen hin. Die Eintagsfliegen schwärmten taumelnd dem Tod entgegen, jedes Leben hatte seinen Glanz und seine Schönheit und ich schaute einen Augenblick hinein und verstand es und hieß es gut, und hieß auch mein Leben und meine Leiden gut.

Im Laufe des Herbstes wurde meine Oper fertig. In dieser Zeit begegnete mir in einem Konzert Herr Imthor. Er begrüßte mich herzlich und etwas verwundert, da er nichts von meinem Aufenthalt in der Stadt wußte. Er hatte nur gehört, mein Vater sei gestorben und ich lebe seither in meiner Heimat.

»Und wie geht es Fräulein Gertrud?« fragte ich möglichst ruhig.

»O, Sie sollten selber kommen und danach sehen. Anfang November soll ihre Hochzeit sein, da rechnen wir ohnehin bestimmt auf Sie.«

»Danke, Herr Imthor. Und was hören Sie von Muoth?«

»Er ist wohl. Sie wissen, ich bin mit der Heirat nicht recht einverstanden. Ich hätte Sie schon lang gerne einmal über Herrn Muoth befragt. Soweit ich ihn kenne, darf ich nicht über ihn klagen. Aber ich hörte so mancherlei über ihn: er soll ja viel mit Frauen zu tun gehabt haben. Können Sie mir darüber etwas sagen?«

»Nein, Herr Imthor. Es hätte ja auch keinen Zweck. Ihre Tochter wird auf Gerüchte hin sich schwerlich anders entschließen. Herr Muoth ist mein Freund und ich gönne es ihm, wenn er sein Glück findet.«

»Ja, ja. Sieht man Sie bald wieder einmal bei uns?«

»Ich denke wohl. Auf Wiedersehen, Herr Imthor.«

Es war noch nicht lange her, da hätte ich alles getan, um die Verbindung der beiden zu hindern, nicht aus Neid oder Hoffnung, Gertrud könnte sich doch noch mir selber zuneigen, sondern weil ich überzeugt war und vorauszufühlen meinte, daß es den beiden nicht gut gehen werde, weil ich an Muoths selbstquälerische Art von Melancholie, an seine Reizbarkeit und Gertruds Zartheit dachte und weil mir Marion und Lotte noch so wohl im Gedächtnis waren.

Jetzt dachte ich anders. Eine Erschütterung meines ganzen Lebens, ein halbes Jahr innerer Einsamkeit und das bewußte Abschiednehmen von der Jugend hatten mich verändert. Ich war jetzt der Meinung, es sei töricht und gefährlich, seine Hand nach anderer Menschen Schicksal auszustrecken, auch hatte ich keine Ursache meine Hand für geschickt und mich für einen Helfer und Menschenkenner zu halten, nachdem meine Versuche in dieser Richtung alle mißglückt waren und mich bitter beschämt hatten. Auch jetzt noch zweifle ich stark an der Fähigkeit des Menschen, sein Leben und das von anderen irgend bewußt zu bilden und zu formen. Man kann Geld erwerben, auch Ehren und Orden, aber Glück oder Unglück erwirbt man nicht, nicht für sich und nicht für andere. Man kann nur hinnehmen, was kommt, und man kann es freilich auf gar verschiedene Weisen hinnehmen. Was mich anging, so wollte ich keine gewaltsamen Versuche mehr machen, mein Leben auf die Sonnenseite hinüber zu spielen, sondern das mir Bestimmte annehmen und nach Vermögen tragen und zum Guten wenden.

Ist nun auch das Leben von solchen Meditationen unabhängig und geht über sie hinweg, so hinterlassen ehrlich gemeinte Entschlüsse und Gedanken doch einen Frieden in der Seele, und helfen das Unabänderliche tragen. Wenigstens nahm mich, wie es mir nachträglich scheinen will, seit meiner Ergebung und seit meiner Erkenntnis von der Gleichgültigkeit meines persönlichen Ergehens das Leben in sanftere Hände.

Daß das, was man mit allem Wollen und Mühen nicht erreichen kann, manchmal unerwartet von selber kommt, erfuhr ich bald darauf an meiner Mutter. Ich schrieb ihr jeden Monat und war seit einiger Zeit ohne Antwort von ihr geblieben. Wäre es ihr schlecht gegangen, so hätte ich es erfahren, darum dachte ich wenig an sie und schrieb meine Briefe weiter, kurze Berichte über mein Ergehen, denen ich jedesmal auch freundliche Grüße an Fräulein Schniebel beifügte.

Diese Grüße nun wurden neuerdings nicht mehr ausgerichtet. Den beiden Frauen war es allzuwohl ergangen und sie hatten die Erfüllung ihrer Wünsche nicht ertragen. Namentlich war dem Fräulein die gute Zeit in die Krone gestiegen. Sie war sofort nach meinem Abgang mit Triumph an der Stätte ihres Sieges eingezogen und hatte ihre Wohnung in unserem Hause aufgeschlagen. Da hauste sie nun bei ihrer alten Freundin und Cousine und empfand es als ein durch lange dürftige Jahre wohlverdientes Glück, als Mitherrin in einem stattlichen Hauswesen sich wärmen und brüsten zu dürfen. Nicht daß sie kostbare Gewohnheiten angenommen und sich auf das Geuden gelegt hätte – dazu war sie allzulange in gedrückten Verhältnissen und halber Armut gewesen. Sie trug weder feinere Kleider, noch schlief sie auf anderem Linnen; vielmehr begann sie das Hausen und Sparen nun erst recht, da es sich lohnte und etwas zum Sparen da war. Aber worauf sie nicht verzichten wollte, das war Macht und Einfluß. Die beiden Mägde mußten ihr nicht minder gehorchen als meiner Mutter, auch gegen Dienstleute, Handwerker, Briefträger wußte sie herrschaftlich aufzutreten. Und allmählich, da ja Leidenschaften nicht durch Erfüllungen zu löschen sind, dehnte sie ihre Herrschlust auch auf Dinge aus, in denen meine Mutter weniger bereitwillig nachgeben konnte. Sie wollte die Besuche, die meine Mutter bekam, ebenso auf sich selbst bezogen wissen und nicht leiden, daß jene einen empfing, ohne sie dabei zu haben. Sie wollte die Briefe, namentlich die von mir, nicht auszugsweise mitgeteilt erhalten, sondern selber lesen. Und schließlich entdeckte sie, daß im Hause meiner Mutter manches gar nicht so gehalten und besorgt und regiert wurde, wie sie es richtig fand. Vor allem schien ihr die Bewachung der Dienstboten nicht streng genug. War eine Magd des Abends außer Hause, unterhielt sich eine andere zu lange mit dem Briefträger, bat die Köchin um einen freien Sonntag, so rügte sie die Nachgiebigkeit meiner Mutter aufs Strengste und hielt ihr lange Reden über die richtige Führung eines Hauswesens. Ferner tat es ihr bitter weh, zu sehen, wie oft und gröblich die Regeln der Sparsamkeit verletzt wurden. Da wurden schon wieder Kohlen ins Haus geführt, da standen zu viele Eier auf der Abrechnung der Köchin! Sie trat mit Ernst und Eifer dagegen auf, und hier nahm die Veruneinigung der Freundinnen ihren Anfang.

Nämlich das Bisherige hatte meine Mutter sich gerne gefallen lassen, wenn sie auch nicht mit allem einverstanden und in manchen Dingen von der Freundin, deren Verhältnis zu ihr sie sich anders mochte gedacht haben, enttäuscht war. Jetzt dagegen, wo alte und ehrwürdig gewordene Gewohnheiten des Hauses in Gefahr kamen, wo ihre tägliche Bequemlichkeit und der Hausfriede zu leiden begann, konnte sie ihre Einwendungen nicht zurückhalten und machte sich wehrhaft, worin sie freilich der Freundin es nicht gleichtun konnte. Es gab Auseinandersetzungen und kleine freundschaftliche Zankereien, und als die Köchin den Dienst aufsagte und von meiner Mutter nur mit Mühe und vielen Versprechungen, ja fast Abbitten gehalten werden konnte, begann die Machtfrage im Hause zu einem wirklichen Kriege zu führen.

Das Fräulein Schniebel, stolz auf ihre Kenntnisse, ihre Erfahrungen, ihre Sparsamkeit und wirtschaftlichen Tugenden, konnte nicht einsehen, daß man ihr für alle diese Qualitäten keinen Dank wisse und fühlte sich so sehr im guten Recht, daß sie mit einer Kritik der bisherigen Wirtschaftsführung, einem Tadel für die Hausfrauenkunst meiner Mutter und einer mitleidigen Verachtung für die Gebräuche und Eigenheiten des ganzen Hauses nicht mehr hinterm Berge hielt. Nun berief sich die Hausfrau auf meinen Vater, unter dessen Leitung und nach dessen Art es so viele Jahre lang im Hause gut gegangen war. Er hatte Kleinlichkeit und ängstliche Sparsamkeit nicht geduldet, er hatte den Dienstboten Freiheit und Rechte gegönnt, er hatte Mägdegezänk und Verdrossenheit gehaßt. Als aber meine Mutter sich auf ihn berief, an dem sie früher wohl auch gelegentlich zu kritisieren gehabt hatte, der aber seit seinem Tode ihr zum Heiligen geworden war, da konnte Fräulein Schniebel nicht schweigen und erinnerte spitzig daran, wie sie schon längst ihre Meinung über den Seligen gehabt und geäußert habe, und meinte, es sei jetzt wohl an der Zeit, in dem Schlendrian einzuhalten und Vernunft walten zu lassen. Sie habe ja aus Schonung für ihre Freundin nicht an das Andenken des Verewigten rühren wollen; da diese aber selber sich auf ihn beziehe, müsse sie gestehen, daß allerdings der alte Herr an manchen Übelständen im Hause schuld sei, daß sie aber nicht einsehe, warum das nun, da sie freie Hand hätten, weiter so bleiben solle.

Das war für meine Mutter ein Schlag ins Gesicht, den sie der Kusine nicht vergaß. Früher war es ihr ein Bedürfnis und ein Genuß gewesen, hie und da im Gespräch mit dieser Vertrauten etwa zu klagen und ihrem Hausherrn einiges am Zeug zu flicken; jetzt aber ertrug sie nicht den mindesten Schatten auf seinem verklärten Bilde und begann die beginnende Revolution im Hause nicht nur als störend, sondern vor allem als eine Versündigung an dem Seligen zu empfinden.

So war es gegangen, ohne daß ich davon erfuhr. Als jetzt zum erstenmal ein Brief meiner Mutter diesen Unfrieden im Vogelkäfig andeutete, wenn auch noch schonend und vorsichtig, machte die Sache mich lachen. Ich ließ in meinem nächsten Schreiben die Grüße an die Jungfer weg, ging aber nicht auf die Andeutungen ein und dachte, die Frauen möchten besser ohne mich fertig werden. Auch kam anderes dazwischen, das mich weit mehr beschäftigte.

Es war Oktober geworden und der Gedanke an Gertruds bevorstehende Hochzeit ließ mich nicht mehr los. Ich hatte ihr Haus nicht wieder besucht und sie selber nicht wieder gesehen. Nach der Hochzeit, wenn sie fort wäre, dachte ich den Verkehr mit ihrem Vater wieder aufzunehmen. Auch hoffte ich, es werde sich zwischen ihr und mir mit der Zeit wieder ein gutes, vertrauliches Verhältnis herstellen, wir waren einander schon zu nahe gewesen, um einfach das Gewesene ausstreichen zu können. Nur jetzt hatte ich noch nicht den Mut zu einer Begegnung, welcher sie, wie ich sie kannte, nicht ausgewichen wäre.

Da pochte es eines Tages auf eine wohlbekannte Art an meiner Türe. Ahnungsvoll und verwirrt sprang ich auf und öffnete, und da stand Heinrich Muoth und streckte mir die Hand entgegen.

»Muoth!« rief ich und hielt die Hand fest, und ich konnte nicht in seine Augen sehen, ohne daß alles in mir aufwachte und wehe tat. Ich sah wieder den Brief auf seinem Tische liegen, den Brief mit Gertruds Handschrift, und sah mich wieder von ihr Abschied nehmen und den Tod wählen. Da stand er nun und blickte mich forschend an. Er sah etwas gemagert aus, doch schön und stolz wie je.

»Ich hatte dich nicht erwartet,« sagte ich leise.

»So? Daß du zu Gertrud nicht mehr gekommen bist, weiß ich schon. Meinetwegen – lassen wir das alles unbesprochen! Ich bin da um zu sehen, wie du lebst und was deine Arbeit macht. Was ist denn mit der Oper!«

»Die ist fertig. Aber zuerst: Wie geht es Gertrud?«

»Gut. Wir haben ja bald Hochzeit.«

»Ich weiß.«

»Ja. Besuchst du sie nicht bald einmal?«

»Später, doch. Ich will sehen, ob sie es auch gut bei dir hat.«

»Hm...«

»Heinrich, verzeih, aber ich muß manchmal an die Lotte denken, die du schlecht gehalten und geschlagen hast.«

»Laß die Lotte! Es geschah ihr recht. Es bekommt kein Weib Schläge, das keine haben will.«

»Nun ja. Also die Oper. Ich weiß noch gar nicht, wo ich sie zuerst einreichen soll. Es müßte eine gute Bühne sein, aber ob die das Ding nehmen wird?«

»Sie wird schon. Ich wollte darüber mit dir sprechen. Bring sie nach München! Angenommen wird sie wahrscheinlich, man interessiert sich für dich, und im Notfall stehe ich dafür ein. Ich möchte sehr gern, daß kein anderer meine Rolle vor mir singt.«

Damit war mir gedient. Ich sagte gern zu und versprach, bald für Abschriften zu sorgen. Wir besprachen Einzelheiten und sprachen verlegen weiter, als sei es uns todeswichtig, und doch wollten wir nichts als die Zeit hinbringen und vor der Kluft, die sich zwischen uns aufgetan hatte, die Augen schließen.

Muoth brach den Bann zuerst.

»Du,« sagte er, »weißt du noch, wie du mich damals zu den Imthors mitgenommen hast? Es ist ein Jahr her.«

»Ich weiß noch,« sagte ich, »und du brauchst mich nicht zu erinnern, du. Geh lieber!«

»Nein, Freund. Also du erinnerst dich noch. Nun, wenn du damals schon das Mädchen lieb gehabt hast, warum hast du nicht ein Wort zu mir gesagt? Warum hast du nicht gesagt: Laß sie in Ruh, laß sie mir! Es wäre genug gewesen, ich hätte auch eine Andeutung verstanden.«

»Das durfte ich nicht.«

»Durftest du nicht? Warum nicht? Wer hieß dich zusehen und den Mund halten, bis es zu spät war?«

»Ich konnte ja nicht wissen, ob sie mich lieb habe. Und auch dann – wenn du ihr lieber bist, kann ich doch nichts machen.«

»Du bist ein Kind! Sie wäre mit dir vielleicht glücklicher geworden! Es hat doch jeder das Recht, sich eine Frau zu erobern. Und wenn du mir gleich anfangs ein Wort gesagt hättest, einen kleinen Wink gegeben hättest, ich wäre weggeblieben. Nachher war's natürlich zu spät.«

Mir war diese Unterredung peinlich.

»Ich denke anders darüber,« sagte ich, »und du kannst ja zufrieden sein, nicht? Also laß mich in Ruhe! Sag ihr einen Gruß und ich würde Euch dann in München besuchen.«

»Zur Hochzeit magst du nicht kommen?«

»Nein, Muoth, das wäre geschmacklos. Aber – laßt Ihr Euch kirchlich trauen?«

»Natürlich, im Münster.«

»Das ist mir lieb. Ich habe etwas für die Gelegenheit zurecht gelegt, ein Orgelvorspiel. Keine Sorge, es ist ganz kurz.«

»Du bist ein lieber Kerl! Hol's der Teufel, daß ich mit dir so Pech habe!«

»Ich denke, du solltest Glück sagen, Muoth.«

»Na, wir wollen nicht streiten. Ich muß jetzt gehen, es werden noch Sachen gekauft und weiß Gott was. Die Oper schickst du bald, nicht wahr? Schick sie an mich, dann bring ich sie unserem Alten selber. Ja, und eh' ich Hochzeit mache, sollten wir zwei doch noch einmal einen Abend für uns haben. Vielleicht morgen? – Gut, auf Wiedersehen!«

Da war ich wieder im alten Kreise und brachte die Nacht in hundertmal gedachten Gedanken und hundertmal gekosteten Leiden hin. Am nächsten Tage ging ich zu einem mir bekannten Organisten und bat ihn, für die Muothsche Hochzeit mein Vorspiel zu übernehmen. Nachmittags ging ich mit Teiser zum letztenmal meine Ouvertüre durch. Und am Abend fand ich mich in Heinrichs Gasthof ein.

Da fand ich ein Zimmer mit einem Kaminfeuer und Kerzenlicht für uns bereitet, einen weißgedeckten Tisch mit Blumen und Silbergeschirr, und Muoth wartete schon auf mich.

»So, Junge,« rief er, »nun wollen wir Abschied feiern, mehr für mich als für dich. Gertrud läßt dich grüßen, wir wollen heut ihre Gesundheit trinken.«

Wir schenkten unsere Gläser voll und tranken schweigend aus.

»So, und jetzt wollen wir nur noch an uns selber denken. Die Jugend will zur Neige gehen, Lieber, spürst du's nicht auch? Sie soll ja das schönste am Leben sein. Ich hoffe, es sei ein Schwindel wie alle diese beliebten Sprüche. Das Beste muß doch erst kommen, sonst war das Ganze nicht recht der Mühe wert. Wenn deine Oper gespielt wird, reden wir weiter darüber.«

Wir aßen behaglich und tranken einen schweren Rheinwein dazu, nachher legten wir uns mit Zigarren und Champagner in den tiefen Ecksesseln zurück und es kam mir und ihm für eine Stunde die alte Zeit herauf, die redselige Lust am Plänebauen und Plaudern, wir blickten einander sorglos nachdenklich in aufrichtige Augen und waren miteinander zufrieden. Heinrich war in solchen Stunden gütiger und zarter als sonst, er kannte die Flüchtigkeit solcher Lust genau und hielt sie, so lange die Stimmung lebendig bleiben wollte, behutsam in schonenden Händen fest. Leise und lächelnd sprach er von München, erzählte kleine Bühnengeschichten und übte seine alte feine Kunst, Menschen und Verhältnisse in kurzen klaren Worten zu zeichnen.

Als er so seinen Dirigenten, seinen Schwiegervater und andere spielend und scharf, doch ohne Bosheit charakterisiert hatte, trank ich ihm zu und fragte: »Nun, und was sagst du zu mir? Hast du für Leute meiner Art auch so eine Formel?«

»O ja,« nickte er gelassen und richtete die dunklen Augen auf mich. »Du bist in allem der Typus des Künstlers. Ein Künstler ist ja nicht, wie die Philister meinen, ein fideler Herr, der aus lauter Übermut hie und da Kunstwerke hinschmeißt, sondern leider meistens ein armer Tropf, der an einem unnützen Reichtum erstickt und darum was von sich geben muß. Es ist nichts mit der Sage vom glücklichen Künstler, das ist lauter Philistergeschwätz. Der fidele Mozart hat sich mit Champagner aufrecht gehalten und dafür Mangel an Brot gelitten, und warum Beethoven sich nicht in jungen Jahren schon das Leben genommen, sondern statt dessen diese herrlichen Sachen geschrieben hat, das weiß kein Mensch. Ein anständiger Künstler hat im Leben unglücklich zu sein. Wenn er Hunger hat und seinen Sack aufmacht, so sind immer bloß Perlen drin!«

»Ja, wenn man ein bißchen Freude und Wärme und Anteil am Leben begehrt, da helfen einem ein Dutzend Opern und Trios und solche Sachen freilich nicht viel.«

»Ich glaub's. So eine Stunde beim Wein mit einem Freund, wenn man einen hat, und ein gutmütiges Plaudern über dies merkwürdige Leben, das ist eigentlich das Beste, was man haben kann. Es muß schon so sein und wir müssen froh sein, daß wir das doch haben. Wie lange schafft ein armer Teufel an einer schönen Rakete, und die Freude dran dauert dann keine Minute! So muß man auch Freude und Seelenruhe und gutes Gewissen sparen, damit es hie und da zu einer hübschen Stunde reicht. Prosit, Freund!«

Ich war mit seiner Philosophie im Grunde gar nicht einverstanden, doch was lag daran? Mir war wohl, einen solchen Abend mit dem Freunde zu erleben, den ich verlieren zu müssen gefürchtet hatte und der auch so mir nicht mehr sicher war, und ich grüßte nachdenklich in die vergangene Zeit hinüber, die noch so nahe lag und doch schon meine Jugend umschloß, deren Leichtsinn und Harmlosigkeit mir nicht wiederkommen konnte.

Beizeiten machten wir ein Ende und Muoth erbot sich, noch mit mir bis zu meinem Hause zu gehen. Doch hieß ich ihn bleiben. Ich wußte, daß er nicht gern mit mir auf der Straße ging, mein langsames Hinken störte ihn und machte ihn verdrießlich. Er konnte keine Opfer bringen, und solche kleine sind ja oft die schwersten.

Mein kleines Orgelstück freute mich. Es war eine Art von Präludium und für mich eine Loslösung vom Alten, ein Dank und Glückwunsch an die Brautleute und ein Nachhall der guten Freundschaftszeiten mit ihr und mit ihm.

Am Tage der Hochzeit fand ich mich zeitig in der Kirche ein und sah der Feier versteckt von der Orgel herab zu. Als der Organist mein Stücklein spielte, sah Gertrud herauf und nickte ihrem Bräutigam zu. Ich hatte sie diese ganze Zeit nicht mehr gesehen, sie sah im weißen Kleide noch größer und schlanker aus und ging anmutig ernst den geschmückten schmalen Pfad zum Altar, an der Seite des stolzen, ungebeugt schreitenden Mannes. Es hätte weniger gut und prächtig ausgesehen, wenn an seiner Stelle ich schiefer Krüppel diesen feierlichen Weg gegangen wäre.

E
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Es war schon dafür gesorgt, daß ich an die Hochzeit meiner Freunde nicht lange denken und meine Betrachtungen und Wünsche und Selbstquälereien nicht diesen Weg nehmen lassen konnte.

An meine Mutter hatte ich in diesen Tagen wenig gedacht. Ich wußte zwar aus ihrem letzten Briefe, daß es um Behaglichkeit und Frieden in ihrem Hause nicht glänzend bestellt sei, doch hatte ich weder Grund noch Lust, mich in den Streit der beiden Damen zu mischen, sondern ließ ihn mit einiger Schadenfreude als eine Tatsache bestehen, zu welcher mein Urteil entbehrlich war. Seither hatte ich geschrieben, ohne Antwort bekommen zu haben, und hatte mit dem Besorgen und Durchsehen der Abschriften für meine Oper genug zu tun, als daß ich mir über das Fräulein Schniebel Gedanken hätte machen können.

Da kam ein Brief von meiner Mama, der mich schon durch seinen ganz ungewohnt großen Umfang in Erstaunen setzte. Er war eine peinliche Anklageschrift gegen ihre Hausgenossin, aus der ich alle ihre Vergehungen wider den Haus- und Seelenfrieden meiner guten Mutter genau erfuhr. Es fiel ihr schwer, mir das zu schreiben, und sie tat es mit Würde und Vorsicht, allein es war ein klares Geständnis der Täuschung, in der sie betreffs ihrer alten Freundin und Base gelebt hatte. Meine Mutter gab nicht nur meiner und meines seligen Vaters Abneigung gegen Demoiselle Schniebel durchaus recht, sie war sogar jetzt bereit, das Haus zu verkaufen, falls ich das noch wünsche, und ihren Wohnort zu wechseln, und alles nur, um der Schniebel zu entrinnen.

»Es wäre vielleicht gut, wenn Du selber herkämest. Nämlich Lucie weiß schon, wie ich denke und was ich plane, sie ist darin sehr spürig; aber wir stehen zu gespannt miteinander, als daß ich ihr in der rechten Form das Nötige sagen könnte. Meine Andeutungen, daß ich lieber wieder allein im Hause wäre und daß sie entbehrlich sei, will sie nicht verstehen, und offenen Streit will ich nicht haben. Ich weiß, sie würde keifen und sich auf die Hinterbeine stellen, wenn ich sie direkt zum Gehen auffordern wollte. Da ist es besser, Du kommst und bringst das in Ordnung. Ich will keinen Skandal haben, und sie soll nicht zu kurz kommen, aber es muß ihr deutlich und bestimmt gesagt werden.«

Ich wäre auch bereit gewesen, den Drachen zu erschlagen, wenn Mama es verlangt hätte. Mit großem Vergnügen machte ich mich reisefertig und fuhr nach Hause. Dort merkte ich freilich gleich beim Eintritt in unser altes Haus, daß ein neuer Geist darin herrsche. Namentlich die große behagliche Wohnstube hatte ein grämliches, unfreudiges, gedrücktes und ärmliches Aussehen bekommen, alles sah mühsam bewacht und geschont aus, und auf dem alten soliden Fußboden lagen sogenannte »Läufer«, lange Trauerstreifen aus billigem und häßlichem Stoff, um die Diele zu schonen und am Aufwaschen zu sparen. Das alte Tafelklavier, das seit Jahren unbenutzt im Salon stand, war gleichfalls mit einer solchen Schonhülle bekleidet, und obwohl die Mutter zu meiner Ankunft Tee und Gebäck bereit und alles ein wenig nett gemacht hatte, roch es doch nach altjüngferlicher Kümmerlichkeit und Naphtalin so unverwischbar, daß ich gleich beim Empfang die Mutter anlächelte und die Nase rümpfte, was sie sofort verstand.

Kaum saß ich im Stuhl, so kam der Drache herein, trabte über die Läufer auf mich zu und ließ sich Ehre erweisen, was ich tat, ohne zu sparen. Ich fragte eingehend nach ihrem Befinden und entschuldigte das alte Haus, das vielleicht nicht jede Bequemlichkeit biete, an die sie gewöhnt sei. Sehr über meine Mutter hinwegsprechend nahm sie die Rolle der Hausfrau an sich, schaute nach dem Tee, erwiderte meine Höflichkeit eifrigst und schien zwar geschmeichelt, noch mehr aber beängstigt und mißtrauisch gemacht durch meine übertriebene Freundlichkeit. Sie witterte Verrat, war aber genötigt, auf die angenehme Tonart einzugehen und selber ihren ganzen Vorrat von etwas antiquierten Artigkeiten auszubreiten. Unter lauter Ergebenheit und Hochachtung sahen wir die Nacht herankommen, wünschten einander herzlich den besten Schlaf und trennten uns wie Diplomaten der alten Schule. Doch glaube ich, der Kobold habe trotz des Zuckerbrots in jener Nacht wenig geschlafen, während ich befriedigt ausruhte und meine arme Mutter vielleicht nach manchen in Ärger und Betrübnis hingebrachten Nächten zum erstenmal wieder mit ungeschmälerten Hausfrauengefühlen im eigenen Hause einschlief.

Beim Frühstück am andern Morgen begann dasselbe zierliche Spiel. Meine Mutter, die abends nur still und gespannt zugehört hatte, nahm jetzt mit Vergnügen selber Teil, und wir behandelten die Schniebel mit einer Artigkeit und Zartheit, die sie sehr ins Enge trieb, ja traurig machte, denn sie ahnte wohl, daß meiner Mutter diese Töne nicht vom Herzen kämen. Beinahe hätte mir das alte Mädchen leid getan, wie sie ängstlich wurde und sich klein zu machen strebte, alles lobte und gut hieß; allein ich dachte an die entlassene Stubenmagd, an die unzufrieden aussehende Köchin, die nur der Mutter zuliebe noch geblieben war, ich dachte an das eingenähte Klavier und den ganzen trübsinnig kleinlichen Geruch in meinem ehemals fröhlichen Vaterhaus, und blieb hart.

Nach Tische bat ich meine Mutter, sich etwas zu legen, und blieb mit der Base allein.

»Pflegen Sie etwa nach Tisch zu schlafen?« fragte ich höflich. »Dann möchte ich Sie nicht stören. Ich hätte etwas mit Ihnen zu reden, doch eilt es ja nicht so sehr.«

»O bitte, ich schlafe nie am Tage. So alt bin ich ja gottlob noch nicht. Ich stehe ganz zu Diensten.«

»Danke sehr, gnädiges Fräulein. Ich wollte Ihnen Dank sagen für die Freundlichkeiten, die Sie meiner Mama erwiesen haben. Sie hätte es sonst doch sehr einsam gehabt in dem leeren Haus. Nun, jetzt wird das ja anders.«

»Wie?« rief sie aufspringend. »Was wird anders?«

»Wissen Sie es noch nicht? Mama hat sich entschlossen, endlich meinen alten Wunsch zu erfüllen und zu mir zu ziehen. Da können wir das Haus natürlich nicht leer stehen lassen. So wird es denn wohl bald zum Verkauf kommen.«

Das Fräulein starrte mich fassungslos an.

»Ja, es tut mir auch leid,« fuhr ich bedauernd fort. »Nun, für Sie war diese Zeit immerhin anstrengend. Sie haben sich des ganzen Hauses so freundlich und sorglich angenommen, daß ich nicht genug danken kann.«

»Aber ich, was soll – – – wohin soll ich – –«

»Nun, das wird sich ja finden. Sie müssen sich eben wieder eine Wohnung suchen, es eilt natürlich nicht so sehr. Sie werden sich selber freuen, es wieder stiller zu haben.«

Sie war aufgestanden. Ihr Ton war noch höflich, aber bedenklich scharf.

»Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll,« rief sie erbittert. »Ihre Mutter, Herr, hat mir versprochen, mich hier wohnen zu lassen. Es war eine feste Abmachung; und jetzt, wo ich mich des Hauses angenommen und Ihrer Mutter in allem geholfen habe, jetzt setzt man mich auf die Straße!«

Sie begann zu schluchzen und wollte fortlaufen. Doch hielt ich sie an ihrer mageren Hand zurück und setzte sie wieder in ihren Sessel.

»So schlimm ist es nicht,« sagte ich lächelnd. »Daß meine Mutter von hier wegziehen will, ändert eben die Verhältnisse ein wenig. Übrigens ist der Verkauf des Hauses nicht von ihr beschlossen, sondern von mir, denn ich bin der Besitzer. Daß Sie sich beim Aussuchen einer neuen Wohnung nicht beschränken und die Sorge dafür ihr überlassen, setzt meine Mutter voraus. Sie haben es dann bequemer als bisher, und sind doch noch gewissermaßen ihr Gast.«

Es kamen nun die erwarteten Einwände, der Stolz, das Weinen, das mit Bitten abwechselnde Großtun, und am Ende merkte die Schmollende, daß hier Nachgeben das Klügste sei. Doch zog sie sich auf dieses hin in ihr Zimmer zurück und ließ sich auch zum Kaffee nicht sehen. Meine Mutter meinte, wir sollten ihr diesen aufs Zimmer schicken, doch wollte ich nach all der Höflichkeit auch meine Rache haben und ließ Fräulein Schniebel in ihrem Trotz verharren bis zum Abend, wo sie denn still und grämlich, doch pünktlich zur Mahlzeit erschien.

»Ich muß leider schon morgen wieder nach R. fahren,« sagte ich während des Abendessens. »Solltest du mich aber brauchen, Mama, so kann ich ja immer schnell herfahren.«

Ich sah dabei nicht meine Mutter, sondern ihre Cousine an, und sie merkte, wie es gemeint sei. Mein Abschied von ihr war kurz und meinerseits beinahe herzlich.

»Kind,« sagte meine Mutter nachher, »du hast es gut gemacht, und ich muß dir danken. Willst du mir nicht etwas aus deiner Oper vorspielen?«

Dazu kam es nun nicht, aber es war ein Ring durchbrochen, und zwischen der alten Frau und mir begann es zu tagen. Das war das Beste an der Sache. Sie hatte jetzt Vertrauen zu mir, und ich freute mich darauf, bald mit ihr ein kleines Hauswesen zu eröffnen und aus der langen Heimatlosigkeit herauszukommen. Ich reiste befriedigt ab, hinterließ schöne Grüße an das alte Fräulein und begann nach meiner Rückkehr schon da und dort einzukehren, wo hübsche kleine Wohnungen zu vermieten standen. Dabei half mir Teiser, und meistens war auch seine Schwester mit, und beide freuten sich mit mir und hofften auf ein erfreuliches Zusammenleben der beiden kleinen Familien.

Inzwischen war meine Oper nach München gegangen. Nach zwei Monaten, kurz vor der Ankunft meiner Mutter, schrieb mir Muoth, sie sei angenommen, könne aber in dieser Spielzeit nicht mehr einstudiert werden. Doch werde sie im Beginn des nächsten Winters aufgeführt werden. So hatte ich der Mutter eine gute Nachricht, und Teiser veranstaltete ein Fest mit Freudentänzen, als er es hörte.

Meine Mutter weinte beim Einzug in unsere hübsche Gartenwohnung und meinte, es sei nicht gut, im Alter noch auf fremden Boden verpflanzt zu werden. Ich aber fand es sehr gut, und die Teisers auch, und Brigitte half und ging meiner Mutter zur Hand, daß es eine Freude war. Das Mädchen hatte wenig Bekannte in der Stadt und war oft, während ihr Bruder im Theater war, einsam zu Hause gesessen, was ihr allerdings nicht anzusehen war. Nun kam sie viel zu uns und half nicht nur beim Einräumen und Eingewöhnen, sondern half auch mir und der Mutter den schwierigen Weg in ein freundlich stilles Zusammenleben hinein zu finden. Sie wußte es der alten Frau zu erklären, wenn ich Ruhe brauchte und allein sein mußte, sie war dann zur Hand und sprang für mich ein, und mir deutete sie manche Bedürfnisse und Wünsche meiner Mutter an, die ich nie erraten und die Mutter mir nie mitgeteilt hätte. So gab es bald eine kleine Heimat und einen Heimatfrieden bei uns, anders und bescheidener als ich mir vormals mein Heim vorgestellt hatte, doch gut und schön genug für einen, der es selber nicht weiter gebracht hatte als ich.

Jetzt lernte meine Mutter auch meine Musik kennen. Sie hieß nicht alles gut und schwieg zu dem meisten, aber sie sah und glaubte, daß es nicht Zeitvertreib und Spielerei, sondern Arbeit und Ernst war, und fand überhaupt zu ihrem Erstaunen unser Musikantenleben, das sie sich stark seiltänzerhaft vorgestellt hatte, kaum viel weniger bürgerlich-fleißig als das, das der selige Papa etwa geführt hatte. Von ihm konnten wir nun auch besser reden und allmählich hörte ich tausend Geschichten von ihm und von ihr, von den Großeltern und von meiner eignen Kinderzeit. Die Vergangenheit und Familie ward mir lieb und interessant, ich fühlte mich nicht mehr außerhalb des Kreises. Dagegen lernte die Mutter mich gewähren zu lassen und Vertrauen zu mir zu haben, auch wenn ich in Arbeitszeiten mich einschloß oder reizbar war. Sie hatte es bei meinem Vater sehr gut gehabt, desto härter war ihre Prüfung in den Schniebelschen Zeiten gewesen; jetzt faßte sie wieder Vertrauen und hörte allmählich auf von ihrem Altwerden und Vereinsamen zu reden.

In all diesem Behagen und bescheidenen Glück sank das Leidgefühl und Ungenügen unter, in dem ich lang gelebt hatte. Es sank aber nicht ins Bodenlose, sondern ruhte tief und unverloren in meiner Seele, sah mich in mancher Nacht fragend an und behielt sein Recht. Je ferner das Vergangene zurückgesunken schien, desto klarer stieg mir das Bild meiner Liebe und meines Leides herauf, blieb bei mir und war mein stiller Mahner.

Manchmal schon hatte ich gemeint zu wissen, was Liebe sei. Schon in Jünglingszeiten, da ich betört um die hübsche leichte Liddy schwärmte, hatte ich Liebe zu kennen gemeint. Dann wieder als ich Gertrud zuerst sah und fühlte, daß sie die Antwort auf meine Fragen und der Trost für meine dunklen Wünsche sei. Dann wieder, als die Pein begann und aus der Freundschaft und Klarheit Leidenschaft und Dunkel wurde, und schließlich, als sie mir verloren war. Aber die Liebe blieb und war immer bei mir, und ich wußte, daß ich niemals mehr einer Frau mit Begierde folgen und nach dem Kuß eines Frauenmundes verlangen konnte, seit ich Gertrud im Herzen hatte.

Ihr Vater, den ich zuweilen besuchte, schien jetzt von meinem Verhältnis zu ihr zu wissen. Er bat sich das Präludium aus, das ich zu ihrer Hochzeit gemacht hatte, und zeigte mir ein stilles Wohlwollen. Er mochte fühlen, wie gern ich von ihr hörte und wie ungern ich doch fragte, und er teilte mir viel aus ihren Briefen mit. Darin war auch von mir häufig die Rede, namentlich von meiner Oper. Sie schrieb, daß für die Sopranrolle eine gute Sängerin gefunden sei und wie sie sich freue, das ihr schon so vertraute Werk endlich ganz zu hören. Sie freute sich auch darüber, daß ich meine Mutter bei mir habe. Was sie über Muoth schrieb, weiß ich nicht.

Mein Leben lief ruhig hin, die Ströme der Tiefe drangen nicht mehr nach oben. Ich arbeitete an einer Messe und hatte ein Oratorium im Kopf, für das mir der Text noch fehlte. Wenn ich genötigt war, an die Oper zu denken, war es mir eine fremde Welt. Meine Musik ging neue Wege, sie wurde einfacher und kühler, sie wollte trösten und nicht erregen.

In dieser Zeit waren die Geschwister Teiser mir viel wert. Wir sahen uns beinahe täglich, wir lasen, musizierten, spazierten miteinander, hatten Feste und Ausflüge gemeinsam. Nur im Sommer, da ich die rüstigen Wandersleute nicht beschweren wollte, trennten wir uns für einige Wochen. Die Teisers wanderten wieder im Tirol und Vorarlberg umher und schickten kleine Schachteln mit Edelweiß; ich aber hatte die Mutter zu ihren Verwandten in Norddeutschland gebracht, wo sie schon seit Jahren eingeladen war, und hatte mich an die Nordsee gesetzt. Da hörte ich Tag und Nacht das alte Lied des Meeres und ging in der herben, frischen Seeluft meinen Gedanken und Melodien nach. Von hier aus fand ich zum erstenmal das Herz, an Gertrud nach München zu schreiben – nicht an die Frau Muoth, sondern an meine Freundin Gertrud, der ich von meiner Musik und meinen Träumen erzählte. Vielleicht freut es sie, dachte ich, und vielleicht kann ihr auch ein Trost und ein Freundesgruß nicht schaden. Denn wider mein eigenes Herz mußte ich meinem Freunde Muoth mißtrauen und immer um Gertrud in einer leisen Sorge sein. Ich kannte ihn zu gut, den eigenwilligen Melancholiker, der gewohnt war, seinen Launen zu leben und nirgends ein Opfer zu bringen, den dunkle Triebe hinrissen und leiteten und der in nachdenklichen Stunden seinem eigenen Leben zusah wie einem Trauerspiel. Wenn das wirklich eine Krankheit war, das Einsamsein und Nichtverstandenwerden, wie es der gute Herr Lohe mir dargestellt hatte, so litt Muoth an dieser Krankheit mehr als irgend jemand.

Doch hörte ich nichts von ihm, Briefe schrieb er nicht. Auch Gertrud antwortete mir nur mit einem kurzen Dank und der Aufforderung, zeitig im Herbst nach München zu kommen, wo man gleich mit dem Anfang der Spielzeit mit dem Einstudieren meiner Oper fortfahren werde.

Anfangs September, als wir alle wieder in der Stadt und im gewohnten Leben waren, kamen wir einen Abend in meiner Wohnung zusammen, um meine Arbeit vom Sommer durchzusehen. Die Hauptsache war ein kleines lyrisches Stück für zwei Geigen und Klavier. Das spielten wir. Brigitte Teiser saß am Klavier, ich konnte über mein Blatt hinweg ihren Kopf mit dem schweren Kranz von blonden Zöpfen sehen, deren Ränder im Kerzenlicht golden flammten. Ihr Bruder stand neben ihr und spielte die erste Geige. Es war eine einfache, liedartige Musik, leise klagend und sommerabendlich verklingend, nicht froh noch traurig, sondern in verlorener Abendstimmung schwebend wie eine verglühende Wolke nach Sonnenuntergang. Das Stücklein gefiel den Teisers und besonders Brigitte. Sie pflegte mir selten etwas über meine Musik zu sagen, sondern sich in einer Art von mädchenhafter Ehrfurcht still zu verhalten und mich nur bewundernd anzusehen, denn sie hielt mich für einen großen Meister. Heut faßte sie sich ein Herz und gab ihr besonderes Gefallen kund. Sie glänzte mich aus ihren hellblauen Augen innig an und nickte, daß das Licht auf ihren blonden Zöpfen tanzte. Sie war sehr hübsch, beinahe eine Schönheit.

Um ihr eine Freude zu machen, nahm ich ihre Klavierstimme, schrieb mit dem Bleistift über die Noten eine Widmung »an meine Freundin Brigitte Teiser« und gab ihr die Noten zurück.

»Das soll jetzt immer über dem kleinen Lied stehen,« sagte ich galant und machte ein Kompliment. Sie las die Widmung langsam rotwerdend, streckte mir die kleine, kräftige Hand hin und hatte plötzlich die Augen voll Tränen.

»Ist's auch Ihr Ernst?« fragte sie leise.

»Es wird schon sein,« lachte ich. »Und ich finde, das Stücklein paßt ganz gut zu Ihnen, Fräulein Brigitte.«

Ihr Blick, der noch voll Tränen war, setzte mich in Erstaunen, so ernst und frauenhaft war er. Doch achtete ich nicht weiter darauf, Teiser legte jetzt seine Geige weg und meine Mutter, die seine Bedürfnisse schon kannte, schenkte den Wein in die Gläser. Das Gespräch wurde lebhaft, wir stritten über eine neue Operette, die vor einigen Wochen aufgeführt worden war, und der kleine Vorfall mit Brigitte fiel mir erst spät am Abend, als die beiden Abschied nahmen und sie mir seltsam unruhig in die Augen sah, wieder ein.

In München begann man unterdessen mein Werk einzustudieren. Da die eine Hauptrolle bei Muoth in den besten Händen war und Gertrud auch die Sopransängerin gelobt hatte, wurde mir das Orchester und die Chöre zur Hauptsache. Ich ließ meine Mutter in der Obhut der Freunde und fuhr nach München.

Am Morgen nach meiner Ankunft fuhr ich durch die schönen, breiten Straßen nach Schwabing und zu dem still gelegenen Hause, wo Muoth wohnte. Die Oper hatte ich völlig vergessen, ich dachte nur an ihn und an Gertrud und wie ich sie finden würde. Der Wagen hielt an einer fast ländlichen Nebenstraße vor einem kleinen Hause, das in herbstlichen Bäumen stand, gelbe Ahornblätter lagen zu beiden Seiten des Weges in Haufen gefegt. Beklommen trat ich ein, das Haus machte einen behaglich herrschaftlichen Eindruck, ein Diener nahm mir den Mantel ab.

In dem großen Zimmer, in das ich geführt wurde, erkannte ich zwei von den großen, alten Malereien aus dem Hause Imthor, die hierher mitgekommen waren. An einer andern Wand hing ein neues Bildnis Muoths, in München gemalt, und während ich es ansah, kam Gertrud herein.

Mir schlug das Herz, als ich ihr nach so langer Zeit in die Augen sah. Sie lächelte aus einem veränderten, strenger und reifer gewordenen Frauengesicht, doch in der alten Freundschaft, und gab mir herzlich die Hand.

»Geht es gut?« sagte sie freundlich. »Sie sind älter geworden, aber Sie sehen gut aus. Wir haben Sie schon lang erwartet.«

Sie fragte nach allen Freunden, nach ihrem Vater, nach meiner Mutter, und wie sie warm wurde und die erste Scheu vergaß, sah ich sie ganz so wie früher. Unversehens verflog meine Befangenheit und ich sprach mit ihr als mit einer guten Freundin, erzählte vom Sommer am Meer, von meiner Arbeit, von Teisers und schließlich sogar von dem armen Fräulein Schniebel.

»Nun,« rief sie, »und jetzt wird Ihre Oper gespielt! Sie werden sich freuen.«

»Ja,« sagte ich, »aber am meisten freue ich mich doch darauf, Sie wieder einmal singen zu hören.«

Sie nickte mir zu. »Darauf freu ich mich auch. Ich singe viel, aber fast nur für mich allein. Wir wollen alle Ihre Lieder singen, sie liegen immer zur Hand und werden bei mir nicht staubig. Bleiben Sie zu Tische da, mein Mann muß bald kommen und kann Sie dann nachmittags zum Dirigenten begleiten.«

Wir gingen nun in das Musikzimmer, ich setzte mich ans Klavier und da sang sie meine Lieder von damals, daß ich still wurde und Mühe hatte, heiter zu bleiben. Ihre Stimme war reifer und fester geworden, aber sie flog noch so leicht und mühelos wie sonst und ging mir mit der Erinnerung an die besten Tage meines Lebens zum Herzen, daß ich wie verzaubert über den Tasten saß, und leise die alten Noten spielte und für Augenblicke mit geschlossenen Augen lauschend Jetzt und Einst nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Gehörte sie nicht zu mir und zu meinem Leben? Waren wir nicht einander nahe wie Geschwister und eng Befreundete? Freilich, mit Muoth hatte sie anders gesungen!

Plaudernd saßen wir noch eine Weile, froh und ohne daß wir einander viel zu sagen hatten, denn wir spürten, daß es zwischen uns keiner Auseinandersetzung bedurfte. Wie es ihr gehe und wie es zwischen ihr und ihrem Manne stehe, darüber dachte ich jetzt nicht nach, das würde ich später selber sehen können. Jedenfalls war sie nicht von ihrer Bahn gewichen und ihrem Wesen nicht untreu geworden, und wenn es ihr nicht gut ging und sie zu tragen hatte, so trug sie es nobel und unverbittert.

Nach einer Stunde kam Heinrich, der schon von meinem Hiersein gehört hatte. Er begann sofort von der Oper zu sprechen, die jedermann wichtiger zu sein schien als mir selber. Ich fragte, wie es ihm in München gefalle und gehe.

»Wie überall,« sagte er ernsthaft. »Das Publikum hat mich nicht gern, weil es spürt, daß ich mir auch aus ihm nichts mache. Ich werde selten gleich beim ersten Auftreten freundlich aufgenommen; ich muß jedesmal die Leute erst fassen und mitreißen. So habe ich Erfolge, ohne beliebt zu sein. Manchmal singe ich freilich auch miserabel, das muß ich selber sagen. Nun, deine Oper wird ein Erfolg, darauf kannst du rechnen, für dich und mich. Heute gehen wir zum Dirigenten, morgen laden wir die Sopransängerin, und wen du sonst haben willst, ein. Morgen früh ist auch eine Orchesterprobe. Ich glaube, du wirst zufrieden sein.«

Bei Tische konnte ich beobachten, daß er gegen Gertrud außerordentlich höflich war, was mir gar nicht gefiel. Und so blieb es die ganze Zeit, solange ich in München war und die beiden täglich sah. Sie waren ein wundervolles Paar schöner Menschen und machten Eindruck, wohin sie kamen. Doch war es zwischen ihnen kühl, und ich dachte mir, daß nur Gertruds Stärke und innere Überlegenheit ihn vermöge, diese Kühle so in Höflichkeit und würdige Form zu verwandeln. Sie schien aus ihrer Leidenschaft für den schönen Mann noch nicht lange erwacht zu sein und noch auf die Wiederkehr der verloren gegangenen Innigkeit zu hoffen. Jedenfalls war sie es, die auch ihn zur guten Form nötigte. Sie war zu vornehm und gut, um selbst vor Freunden die Enttäuschte und Unverstandene zu spielen und ihr geheimes Leiden irgend jemand zu zeigen, wenn sie es auch mir nicht verbergen konnte. Doch hätte sie auch von mir keinen Blick und keine Gebärde des Verstehens oder Mitleids ertragen, wir sprachen und taten durchaus als wäre ihre Ehe ohne Trübung.

Wie lange sich dieser Zustand würde erhalten lassen, war freilich zweifelhaft und hing ganz von Muoth ab, dessen Unberechenbarkeit ich hier zum erstenmal von einer Frau gebändigt sah. Mir taten beide leid, doch war ich nicht sehr verwundert, die Dinge so zu finden. Die beiden hatten ihre Leidenschaft gehabt und genossen, nun mochten sie entweder Entsagung lernen und die gute Zeit in wehmütiger Erinnerung tragen, oder den Weg zu einem neuen Glück und einer neuen Liebe finden. Vielleicht würde ein Kind sie wieder zusammenführen, nicht mehr in den verlassenen Paradiesgarten der Liebesglut zurück, wohl aber zu einem neuen, guten Willen, gemeinsam zu leben und sich ineinander zu schicken. Dazu hatte Gertrud die Kraft und die innere Heiterkeit, das wußte ich. Ob auch Heinrich sie finden würde, darüber mochte ich mir keine Gedanken machen. So leid sie mir taten, daß der große, schöne Sturm ihrer ersten Glut und Freude aneinander schon vorüber war, so freute mich doch die gute Haltung beider, die immer noch nicht nur vor den Leuten, sondern auch voreinander ihre Schönheit und Würde bewahrt hatten.

Die Einladung, in Muoths Hause zu wohnen, mochte ich indessen nicht annehmen, und er ließ mir meinen Willen. Ich war täglich dort und es tat mir wohl zu sehen, daß Gertrud mich gerne kommen sah und sich am Plaudern und Musizieren mit mir freute, so daß ich nicht allein der Nehmende war.

Die Aufführung der Oper sollte nun bestimmt im Dezember stattfinden. Ich blieb zwei Wochen da, nahm an allen Orchesterproben Teil, mußte da und dort streichen und anpassen, sah aber das Werk in guten Händen. Es war mir wunderlich, die Sänger und Sängerinnen, die Geiger und Flötisten, Kapellmeister und Chor mit meiner Arbeit beschäftigt zu sehen, die mir selber fremd geworden war und ein Leben atmete, das nicht mehr meines war.

»Warte nur,« sagte Heinrich Muoth zuweilen, »jetzt bekommst du bald die verfluchte Luft der Öffentlichkeit zu atmen. Fast möchte ich dir wünschen, es möchte keinen Erfolg geben. Denn dann hast du die Meute hinter dir, du wirst dann bald mit Locken und Autographen handeln können und sehen, wie geschmackvoll und liebenswürdig die Anbetung der Herde ist. Von deinem lahmen Bein spricht schon jetzt jedermann. So etwas macht populär!«

Nach den notwendigsten Proben und Versuchen reiste ich wieder ab, um erst einige Tage vor der Aufführung wieder zu kommen. Teiser fand kein Ende mit Fragen über die Aufführung, er dachte an hundert Einzelheiten im Orchester, die ich kaum beachtet hatte, und sah der Sache mit größerer Aufregung und Unruhe entgegen als ich selber. Als ich ihn einlud, samt seiner Schwester der Aufführung beizuwohnen, tat er einen Freudensprung. Dagegen wollte meine Mutter die Winterreise und die Aufregungen nicht teilen, und mir war es nicht unlieb. Allmählich spürte ich die Spannung doch und brauchte abends ein Glas Rotwein, um einschlafen zu können.

Es wurde früh Winter und unser Häuschen lag tief eingeschneit in seinem Garten, als eines Morgens die Geschwister Teiser mich im Wagen abholten. Die Mutter winkte vom Fenster nach, der Wagen fuhr ab und Teiser sang aus seinem dicken Halstuche heraus ein Reiselied. Auf der ganzen langen Eisenbahnfahrt war er wie ein Knabe, der in die Weihnachtsferien fährt, und die hübsche Brigitte glühte in stillerem Vergnügen mit. Ich war froh, ihre Gesellschaft zu haben, denn meine Ruhe war nun dahin und ich ging den Ereignissen der nächsten Tage wie ein Verurteilter entgegen.

Das merkte auch Muoth sofort, der uns am Bahnhof erwartete. »Du hast Lampenfieber, Junge,« lachte er vergnügt. »Gott sei Dank dafür! Du bist eben doch ein Musiker und kein Philosoph.«

Damit schien er recht zu haben, denn meine Erregung hielt bis zur Aufführung an und ich habe in jenen Nächten nicht geschlafen. Von uns allen war nur Muoth ruhig. Teiser brannte vor Unruhe, er kam zu jeder Probe und fand kein Ende mit Kritisieren. Geduckt und lauernd saß er in den Proben neben mir, schlug an heiklen Stellen den Takt laut mit der Faust, lobte oder schüttelte den Kopf.

»Da fehlt ja eine Flöte!« rief er gleich bei der ersten Orchesterprobe so laut, daß der Dirigent unwillig herüberschaute.

»Die haben wir streichen müssen,« sagte ich lächelnd.

»Die Flöte? Gestrichen? Ja warum denn? So eine Viecherei! Paß auf, die verdudeln dir deine ganze Ouvertüre.«

Ich mußte lachen und ihn mit Gewalt zurückhalten, so wild ging er ins Zeug. Aber bei seiner Lieblingsstelle in der Ouvertüre, wo Bratschen und Celli einsetzten, lehnte er mit geschlossenen Augen zurück, drückte meine Hand krampfhaft und flüsterte nachher beschämt: »Ja, das hat mir fast nasse Augen gemacht. Sakrisch fein ist's.«

Die Sopranrolle hatte ich noch nicht singen hören. Nun war es mir merkwürdig und wehmütig, sie zum erstenmal von einer fremden Stimme zu vernehmen. Die Sängerin machte es gut und ich sagte ihr sogleich meinen Dank, aber im Herzen dachte ich an die Nachmittage, da Gertrud diese Worte gesungen hatte, und hatte ein Gefühl uneingestandenen traurigen Mißbehagens, wie wenn man ein liebes Besitztum weggegeben hat und nun zum erstenmal in fremden Händen sieht.

Gertrud sah ich in diesen Tagen wenig, sie beobachtete mein Fieber lächelnd und ließ mich in Ruhe. Ich hatte mit den Teisers einen Besuch bei ihr gemacht, da hatte sie Brigitte, die zu der schönen, vornehmen Frau bewundernd aufsah, mit heiterer Zärtlichkeit aufgenommen. Seither schwärmte das Mädchen für die schöne Frau und sang ihr Lob, in das auch der Bruder einstimmte.

An die beiden Tage vor der Aufführung kann ich mich nicht mehr genau erinnern, es war alles in mir durcheinander geraten. Dazu kamen andere Aufregungen, ein Sänger wurde heiser, ein anderer war beleidigt, keine größere Rolle zu haben, und benahm sich bei den letzten Proben sehr übel, der Dirigent wurde immer gemessener und kälter, je mehr ich noch zu sagen hatte. Muoth stand mir gelegentlich bei, lächelte seelenruhig zu dem Tumult und war mir in dieser Lage mehr wert als der gute Teiser, der wie ein Feuerteufel hin und wider fuhr und überall zu mäkeln hatte. Brigitte sah mich ehrfurchtsvoll, doch auch mit einigem Bedauern an, wenn wir in ruhigen Stunden gedrückt und ziemlich schweigsam im Hotel beisammen saßen.

Nun, die Tage vergingen und es kam der Abend der Aufführung. Während sich das Haus füllte, stand ich hinter der Bühne, ohne doch mehr das Geringste tun oder raten zu können. Schließlich hielt ich mich zu Muoth, der schon im Kostüm war und in einem Stübchen oder Winkel abseits des Lärmens langsam eine halbe Flasche Champagner leerte.

»Willst du ein Glas?« fragte er teilnehmend.

»Nein,« sagte ich. »Regt dich denn das nicht auf?«

»Was? Der Spektakel draußen? Das ist immer so.«

»Ich meine den Sekt.«

»O nein, der macht mich ruhig. Ein Glas oder zwei nehme ich immer, wenn ich etwas leisten will. Aber jetzt geh, es wird Zeit.«

Ich wurde von einem Diener in eine Loge gebracht, wo ich schon Gertrud und beide Teisers sowie einen hohen Herrn von der Theaterleitung antraf, der lächelnd grüßte.

Gleich darauf hörten wir das zweite Glockenzeichen. Gertrud schaute mich freundlich an und nickte mir zu. Teiser, der hinter mir saß, ergriff meinen Arm und kniff mich verzweifelt. Das Haus wurde dunkel und aus der Tiefe stieg feierlich meine Ouvertüre zu mir herauf. Jetzt wurde ich ruhiger.

Und jetzt erhob sich und erklang vor mir wohlbekannt und doch fremd mein Werk, das meiner nimmer bedurfte und sein eigenes Leben hatte. Lust und Mühe der vergangenen Tage, Hoffnungen und schlaflose Nächte, Leidenschaft und Sehnsucht jener Zeit standen losgelöst und verkleidet mir gegenüber, die Erregungen heimlicher Stunden klangen frei und werbend in das Haus an tausend fremde Herzen. Muoth kam und hob mit geschonter Kraft an, wuchs und gab sich her und sang mit seiner dunklen, unwilligen Glut, und die Sängerin gab Antwort in hohen, schwebenden, lichten Tönen. Da kam eine Stelle, die hatte ich noch genau so im Ohr, wie ich sie von Gertrud einmal gehört hatte, und sie war eine Huldigung für sie und ein leises Bekenntnis meiner Liebe gewesen. Ich wandte den Blick und sah ihr in die stillen, reinen Augen, die mich verstanden und freundlich grüßten, und in einem Augenblick fühlte ich den ganzen Sinn meiner Jugend wie den feinen Duft einer reifen Frucht mich berühren.

Von da an war ich ruhig und sah und hörte zu wie ein Gast. Beifall klang herauf, die Sänger und Sängerinnen erschienen am Vorhang und verneigten sich, Muoth wurde häufig gerufen und lächelte kühl ins erleuchtete Haus hinab. Man drang auch in mich, daß ich mich zeigen solle; doch war ich allzu benommen und hatte auch keine Lust, aus meiner angenehmen Verborgenheit hervorzuhinken.

Teiser hingegen lachte wie eine Morgensonne, umarmte mich und schüttelte auch dem hohen Herrn von der Theaterleitung unverlangt beide Hände.

Das Bankett war bereit und hätte uns auch nach einem Mißerfolg erwartet. Wir fuhren in Wagen hin, Gertrud mit ihrem Mann, ich mit den Teisers. Auf der kurzen Fahrt begann Brigitte, die noch kein Wort gesagt hatte, plötzlich zu weinen. Sie wehrte sich anfangs und wollte widerstehen, hielt aber dann die Hände vors Gesicht und ließ die Tränen laufen. Ich mochte nichts sagen und war verwundert, daß Teiser gleichfalls schwieg und keine Frage an sie tat. Er legte nur den Arm um sie und brummte wohlwollend und tröstend, wie man ein Kind beruhigt.

Als nachher das Händeschütteln und die Glückwünsche und Trinksprüche kamen, blinzte Muoth mich sarkastisch an. Man fragte angelegentlich nach meiner nächsten Arbeit und war enttäuscht als ich sagte, es sei ein Oratorium. Dann stieß man auf meine nächste Oper an, die aber bis heute nicht geschrieben ist.

Erst sehr spät in der Nacht, als wir uns losgemacht hatten und schlafen gingen, konnte ich Teiser fragen, was seiner Schwester fehle und warum sie geweint habe. Sie selber war längst zu Bett gegangen. Mein Freund sah mich prüfend und etwas verwundert an, schüttelte den Kopf und pfiff, bis ich meine Frage wiederholte.

»Du bist doch ein Huhn, ein blindes,« sagte er dann vorwurfsvoll. »Hast du denn nie was gemerkt?«

»Nein,« sagte ich mit aufsteigender Ahnung der Wahrheit.

»Nun, ich darf es schon sagen. Das Mädel hat dich gern gehabt, schon lang. Natürlich, sie hat mirs nie gesagt, so wenig wie dir, aber gemerkt hab ich's und, offen gestanden, gefreut hätte mich's, wenn's was geworden wär.«

»O weh!« sagte ich, aufrichtig traurig. »Aber was war nun das heut abend?«

»Daß sie geheult hat? Du bist doch ein Kind! Ja meinst, wir hätten nichts gesehen?«

»Was denn?«

»Lieber Gott! Du brauchst mir ja nichts davon zu sagen und es ist recht, daß du's nie getan hast; aber dann hättest du auch die Frau Muoth nicht so anschauen sollen. Jetzt wissen wir's eben.«

Ich bat ihn nicht, mein Geheimnis zu schonen, ich war seiner sicher. Leise legte er mir seine Hand auf die Schulter.

»Ich kann mir jetzt auch allerlei denken, Freundl, was du in diesen Jahren geschluckt und uns verschwiegen hast. Es ist mir früher auch einmal ähnlich gegangen. Wir wollen jetzt brav zusammenhalten und schöne Musik machen, gelt? Und schauen, daß das Mädel sich tröstet. Da, gib mir die Hand, schön ist's gewesen! Und auf Wiedersehen daheim! Ich fahr' mit dem Mädel morgen in der Frühe.«

Damit trennten wir uns, doch kam er nach wenigen Augenblicken noch einmal zurückgelaufen und sagte eindringlich: »Du, bei der nächsten Aufführung muß aber die Flöte wieder rein, gelt?«

So endete der Freudentag, und jeder von uns lag noch lange erregt in Gedanken wach. Ich dachte an Brigitte. Die war nun alle diese Zeit in meiner Nähe gewesen und ich hatte nichts als gute Kameradschaft mit ihr gehabt und haben wollen, gerade wie Gertrud mit mir, und als sie meine Liebe zu der andern erraten hatte, war es für sie dasselbe wie es damals für mich gewesen war, als ich den Brief bei Muoth entdeckte und den Revolver lud. Und so traurig es mich machte, mußte ich doch darüber lächeln.

Die Tage, die ich noch in München blieb, brachte ich zumeist bei Muoths hin. Es war kein Zusammensein mehr wie jene ersten Nachmittage, da wir drei zuerst miteinander gespielt und gesungen hatten; aber es gab doch im Nachglanz der Aufführung ein wortloses, gemeinsames Denken an jene Zeit und ein gelegentliches Aufleuchten auch zwischen ihm und Gertrud. Als ich Abschied genommen hatte, sah ich von draußen noch eine Weile auf das stille Haus in den winterlichen Bäumen, hoffte dort noch manchmal einzukehren und hätte gern mein bißchen Zufriedenheit und Glück hingegeben, um den beiden drinnen von neuem und für immer zueinander zu helfen.

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Nach der Heimkehr empfing mich, wie Heinrich mir vorausgesagt hatte, der Ruf des Erfolges mit vielen unangenehmen und zum Teil lächerlichen Folgen. Die Geschäfte waren leicht abzuwälzen, indem ich die Oper einem Agenten überließ. Aber es kamen auch Besuche, Zeitungsleute, Verleger, törichte Briefe, und es dauerte einige Zeit, bis ich mich an die kleinen Lasten eines rasch bekannt gewordenen Namens gewöhnte und mich von der ersten Enttäuschung erholte. Die Menschen machen ihre Rechte an einen bekannt gewordenen Namen auf merkwürdige Art geltend, da ist kein Unterschied zwischen Wunderkind, Komponist, Dichter, Raubmörder. Der eine will sein Bild haben, der andere seine Handschrift, der dritte bettelt um Geld, jeder junge Kollege schickt seine Arbeiten ein, schmeichelt gewaltig und bittet um ein Urteil, und antwortet man nicht oder sagt man seine Meinung, so wird derselbe Verehrer plötzlich bitter, grob und rachsüchtig. Die Zeitschriften wollen das Bild des Mannes abdrucken, die Zeitungen erzählen von seinem Leben, seiner Herkunft, seinem Aussehen. Schulkameraden bringen sich in Erinnerung und entfernte Verwandte wollen schon vor Jahren gesagt haben, daß ihr Vetter noch einmal berühmt werde.

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