Front matter (continued 2)
Reading edition
Auf einem dieser Schildchen stand »Konrad Lohe«, und im Lesen wollte der Name mir bekannt vorkommen. Ich blieb stehen und besann mich, und es fiel mir ein, daß einer meiner Lehrer in der Lateinschule so geheißen hatte. Und für Sekunden stieg die alte Zeit herauf, sah mich verwundert an und wälzte auf flüchtiger Welle einen Schwarm von Gesichtern herauf, von Lehrern und Kameraden, Spitznamen und Geschichten. Und während ich stand und auf das Messingtäfelein sah und lächelte, erhob sich hinterm nächsten Johannisbeerstrauch, wo er gebückt gearbeitet hatte, ein Mann, trat dicht heran und sah mir ins Gesicht.
»Wollen Sie zu mir?« fragte er, und es war Lohe, der Präzeptor Lohe, den wir Lohengrin geheißen hatten.
»Eigentlich nicht,« sagte ich und zog den Hut. »Ich wußte nicht, daß Sie hier wohnen. Ich bin einmal Ihr Schüler gewesen.«
Er blickte schärfer, sah an mir hinab bis zum Stock, besann sich und nannte dann meinen Namen. Er hatte mich nicht am Gesicht erkannt, sondern am steifen Bein, da er natürlich von meinem Unfall wußte. Nun ließ er mich eintreten.
Er war in Hemdärmeln und hatte eine grüne Gartenschürze vorgebunden, er schien gar nicht älter geworden und sah prächtig blühend aus. Wir schritten in dem kleinen sauberen Garten hin und her, dann führte er mich an eine offene Veranda, wo wir uns setzten.
»Ja, ich hätte Sie nimmer gekannt,« sagte er aufrichtig. »Hoffentlich haben Sie mich in guter Erinnerung von früher her.«
»Nicht ganz,« sagte ich lächelnd. »Sie haben mich einmal für etwas bestraft, was ich nicht getan hatte, und haben meine Beteuerungen für Lügen erklärt. Es war in der vierten Klasse.«
Bekümmert schaute er auf. »Das dürfen Sie mir nimmer übel nehmen, es tut mir auch leid. Lehrern passiert es beim besten Willen immer wieder, daß etwas nicht stimmt, und eine Ungerechtigkeit ist bald angerichtet. Ich weiß schlimmere Fälle. Zum Teil deswegen bin ich denn auch gegangen.«
»So, sind Sie nimmer im Amt?«
»Schon lang nicht mehr. Ich wurde krank, und als ich wieder geheilt war, hatten sich meine Ansichten so sehr geändert, daß ich den Abschied nahm. Ich hatte mir Mühe gegeben, ein guter Lehrer zu sein, aber ich war keiner, dazu muß man geboren sein. So gab ich es auf, und seither ist mir wohl.«
Das konnte man ihm ansehen. Ich fragte weiter, doch wollte er nun meine Geschichte hören, die bald erzählt war. Daß ich Musiker geworden sei, gefiel ihm nicht ganz, dagegen hatte er für mein Pech ein freundliches und zartes Mitleid, das mir nicht wehtat. Vorsichtig suchte er zu erforschen, wie es mir gelinge mich zu trösten und war von meinen halb ausweichenden Antworten nicht befriedigt. Unter geheimnisvollen Gebärden gab er zögernd und doch ungeduldig mit schüchternen Umschweifen kund, er wisse einen Trost, eine vollkommene Weisheit, die jedem ernstlich Suchenden offen stehe.
»Ich weiß schon,« sagte ich, »Sie meinen die Bibel.«
Herr Lohe lächelte schlau. »Die Bibel ist gut, sie ist ein Weg zum Wissen. Aber sie ist nicht das Wissen selbst.«
»Und wo ist das, das Wissen selbst?«
»Das werden Sie leicht finden, wenn Sie wollen. Ich gebe Ihnen etwas zum Lesen mit, das gibt Ihnen die Elemente. Haben Sie schon von der Lehre vom Karma gehört?«
»Vom Karma? Nein, was ist das?«
»Das werden Sie sehen, warten Sie!« Er lief weg und blieb eine Weile aus, während ich erstaunt in ungewisser Erwartung saß und in den Garten hinunter sah, wo Zwergobstbäume in tadellosen Reihen standen. Bald kam Lohe wieder gelaufen. Strahlend sah er mich an und streckte mir ein Büchlein entgegen, das trug inmitten einer geheimnisvollen Linienkunst die Aufschrift: »Theosophischer Katechismus für Anfänger«.
»Nehmen Sie das mit!« bat er. »Sie können es behalten, und wenn Sie weiter studieren wollen, kann ich Ihnen noch mehr leihen. Das hier ist nur zur Einführung. Ich verdanke dieser Lehre alles. Ich bin durch sie gesund geworden an Leib und Seele, und hoffe es wird auch Ihnen so gehen.«
Ich nahm das kleine Buch hin und steckte es ein. Der Mann begleitete mich durch den Garten zur Straße hinab, nahm freundlich Abschied und bat mich bald wieder zu kommen. Ich sah ihm ins Gesicht, das war gut und froh, und mir schien, es könne nicht schaden den Weg zu solchem Glück einmal zu versuchen. So ging ich heim, das Büchlein in der Tasche, neugierig auf die ersten Schritte dieses Pfades zur Glückseligkeit.
Doch beschritt ich ihn erst nach einigen Tagen. Bei der Heimkehr zogen die Noten mich wieder heftig an sich, ich stürzte mich darein und schwamm in Musik, schrieb und spielte, bis der Sturm für diesmal verrauscht war und ich ernüchtert ins Tagesleben zurückkehrte. Da empfand ich alsbald das Bedürfnis, die neue Lehre zu studieren, und setzte mich hinter das kleine Buch, das ich bald erschöpfen zu können glaubte.
Es ging aber nicht so leicht. Das kleine Büchlein schwoll mir unter den Händen und zeigte sich am Ende unüberwindlich. Es begann mit einer hübschen und anziehenden Einleitung über die vielen Wege zur Weisheit, deren jeder seine Geltung habe, und über die theosophische Brüderschaft derer, die in Freiheit nach Wissen und innerer Vollkommenheit streben wollen, denen jeder Glaube heilig und jeder Pfad zum Lichte willkommen ist. Alsdann kam eine Kosmogonie, die ich nicht verstand, eine Einteilung der Welt in verschiedene »Ebenen« und der Geschichte in merkwürdige, mir unbekannte Zeitalter, wobei auch das versunkene Land Atlantis eine Rolle spielte. Ich ließ dieses einstweilen auf sich beruhen und machte mich an die anderen Kapitel, wo die Lehre von der Wiedergeburt dargestellt war, die ich besser verstand. Doch wurde mir nicht recht klar, ob das alles eine Mythologie und poetische Fabel, oder wörtliche Wahrheit zu sein begehre. Es schien das letztere der Fall zu sein, was mir nicht eingehen wollte. Nun kam die Lehre vom Karma. Sie zeigte sich mir als eine religiöse Verehrung des Kausalitätsgesetzes, die mir nicht übel gefiel. Und so ging es weiter. Ich sah bald gar wohl ein, daß diese ganze Lehre nur für den ein Trost und ein Schatz sein könne, der sie möglichst wörtlich und tatsächlich hinnehme und innig glaube. Wem sie, wie mir, ein zum Teil schönes, zum Teil krauses Sinnbild, der Versuch einer mythologischen Welterklärung war, der konnte zwar von ihr lernen und ihr Achtung gönnen, nicht aber Leben und Kraft von ihr haben. Man konnte vielleicht Theosoph sein mit Geist und Würde, aber jener endgültige Trost winkte nur denen, die es ohne viel Geist in einfältigem Glauben waren. Das war einstweilen nichts für mich.
Doch ging ich noch mehrmals zu dem Präzeptor hin, der vor zwölf Jahren mich und sich mit dem Griechischen geplagt hatte und nun auf so andere Weise, und doch ebenso erfolglos, mein Lehrer und Führer zu sein strebte. Freunde wurden wir nicht, aber ich kam gerne zu ihm, er war einige Zeit hindurch der einzige Mensch, mit dem ich über wichtige Fragen meines Lebens redete. Dabei machte ich zwar die Erfahrung, daß dieses Reden keinen Wert hat und im besten Fall zu gescheiten Sprüchen führt; doch war mir dieser gläubige Mann, den Kirche und Wissenschaft kühl gelassen hatten und der nun in der späteren Hälfte des Lebens im naiven Glauben an eine merkwürdig ausgeklügelte Lehre den Frieden und die Herrlichkeit der Religion erlebte, rührend und beinahe ehrwürdig.
Mir ist, bei allem Bemühen, dieser Weg bis heute unzugänglich geblieben, und ich habe zu frommen und in irgend einem Glauben befestigten und befriedigten Menschen eine bewundernde Hinneigung, die sie mir nicht erwidern können.

Während der kurzen Zeit meiner Besuche bei dem frommen Theosophen und Obstzüchter erhielt ich eines Tags eine kleine Geldanweisung, deren Herkunft mir dunkel war. Abgesandt war sie von einem bekannten norddeutschen Konzertagenten, mit dem ich jedoch niemals zu tun gehabt hatte. Auf meine Frage ward mir die Antwort, der Betrag sei im Auftrag des Herrn Heinrich Muoth angewiesen und stelle mein Honorar dafür vor, daß Muoth in sechs Konzerten ein von mir komponiertes Lied gesungen habe.
Nun schrieb ich an Muoth, dankte ihm und bat um Bericht. Vor allem hätte ich gern gewußt, wie mein Lied in den Konzerten aufgenommen worden war. Von Muoths Konzertreise hatte ich wohl gehört und ein- oder zweimal Zeitungsnotizen gelesen, von meinem Lied war aber da nicht die Rede gewesen. Ich berichtete in meinem Brief mit der Ausführlichkeit des Einsamen von meinem Leben und von meiner Arbeit, legte auch eines der neuen Lieder bei. Dann wartete ich zwei, drei, vier Wochen auf Antwort, und dann, da sie ausblieb, vergaß ich die ganze Sache wieder. Immer noch schrieb ich fast alle Tage an meiner Musik, die mir wie im Traume quoll. In den Pausen aber war ich schlaff und unzufrieden, das Stundengeben fiel mir furchtbar schwer, ich fühlte, daß ich es nimmer lang aushalten werde.
Es war mir daher wie die Erlösung aus einem Bann, als endlich doch ein Brief von Muoth kam. Er schrieb:
Lieber Herr Kuhn! Ich bin kein Briefschreiber, darum ließ ich Ihren Brief liegen, auf den ich nichts Rechtes zu antworten wußte. Jetzt aber kann ich mit wirklichen Vorschlägen kommen. Ich bin jetzt am Opernhaus hier in R. angestellt und es wäre schön, wenn Sie auch kämen. Sie könnten fürs erste als zweiter Geiger bei uns unterkommen, der Kapellmeister ist ein vernünftiger und freier Mann, wenn auch ein Grobian. Wahrscheinlich findet sich auch Gelegenheit, bald etwas von Ihnen hier zu spielen, wir haben gute Kammermusik. Wegen der Lieder wäre auch einiges zu sagen, unter anderem ist ein Verleger da, der sie haben will. Aber das Schreiben ist so langweilig, kommen Sie selber! Aber schnell, und telegraphieren Sie wegen der Stelle, es hat Eile.
Ihr Muoth.
Da war ich plötzlich aus meiner Einsiedelei und Nutzlosigkeit gerissen und trieb wieder im Strom des Lebens, hatte Hoffnungen und Sorgen, bangte und freute mich. Es gab nichts, was mich hielt, und meine Eltern waren froh, mich auf die Bahn kommen und einen ersten entschiedenen Schritt ins Leben tun zu sehen. Ich telegraphierte unverweilt, und drei Tage später war ich schon in R. und bei Muoth.
Ich war in einem Hotel abgestiegen, hatte ihn besuchen wollen und nicht gefunden. Nun kam er in den Gasthof und stand unvermutet vor mir. Er gab mir die Hand, fragte nach nichts und erzählte nichts und teilte meine Erregung nicht im mindesten. Er war gewohnt, sich treiben zu lassen und immer nur den gegenwärtigen Augenblick ernst zu nehmen und auszuleben. Er ließ mir kaum Zeit, mich umzukleiden, und brachte mich zum Kapellmeister Rößler.
»Das ist Herr Kuhn,« sagte er.
Rößler nickte kurz. »Freut mich. Was wünschen Sie?«
»Nun,« rief Muoth, »das ist der Geiger.«
Der Kapellmeister sah mich erstaunt an, wandte sich wieder zu dem Sänger und meinte grob: »Davon haben Sie mir nichts gesagt, daß der Herr lahm ist. Ich muß Leute mit geraden Gliedern haben.«
Mir stieg das Blut ins Gesicht, aber Muoth blieb ruhig. Er lachte nur. »Soll er denn tanzen, Rößler? Ich meinte, er solle geigen. Wenn er das nicht kann, so müssen wir ihn wieder schicken. Aber das wollen wir doch zuerst probieren.«
»Also meinetwegen, Leute. Herr Kuhn, kommen Sie morgen früh zu mir, so nach neune! Hier in die Wohnung. Sind Sie bös, wegen dem Fuß? Ja, das hätt' mir der Muoth auch vorher sagen können. Na, wir werden sehen. Auf Wiederschauen.«
Im Weggehen machte ich Muoth Vorwürfe deswegen. Er zuckte die Achseln und meinte, wenn er gleich anfangs von meinem Gebrechen gesprochen hätte, würde der Kapellmeister schwerlich zugestimmt haben; nun aber sei ich einmal da und, wenn Rößler halbwegs mit mir zufrieden sei, werde ich ihn bald von besseren Seiten kennen lernen.
»Aber wie haben Sie mich überhaupt empfehlen können,« fragte ich, »Sie wissen ja gar nicht, ob ich was kann.«
»Ja, das ist Ihre Sache. Ich dachte mir, es werde schon gehen, und es wird auch. Sie sind ein so bescheidenes Kaninchen, daß Sie es nie zu etwas bringen würden, wenn man Ihnen nicht zuzeiten einen Stoß gäbe. Das war einer, nun taumeln Sie weiter! Angst brauchen Sie nicht zu haben. Ihr Vorgänger hat nicht viel getaugt.«
Wir brachten den Abend in seiner Wohnung zu. Auch hier hatte er einige Zimmer weit draußen gemietet, in Gärten und Stille, und sein gewaltiger Hund sprang ihm entgegen, und kaum saßen wir und wurden warm, so ging die Glocke und es kam eine sehr schöne, hoch gewachsene Dame und leistete uns Gesellschaft. Es war dieselbe Atmosphäre wie damals, und seine Geliebte war wieder eine tadelfreie, fürstliche Figur. Er schien die schönen Frauen mit großer Selbstverständlichkeit zu verbrauchen, und ich sah diese neue mit Teilnahme und mit der Befangenheit an, die ich in der Nähe von liebefähigen Frauen stets empfand und die wohl nicht ohne Neid war, da ich mit meinem lahmen Beine immer noch hoffnungslos und ungeliebt einherging.
Wie früher ward auch diesmal bei Muoth gut und viel getrunken, er tyrannisierte uns mit seiner gewalttätigen, heimlich schwülen Lustigkeit, und riß uns doch hin. Er sang wundervoll, und er sang auch ein Lied von mir, und wir drei befreundeten uns, wurden warm und kamen uns nahe, sahen einander in unverhüllte Augen und blieben beisammen, solange die Wärme in uns brannte. Die große Frau, die Lotte hieß, zog mich mit sanfter Freundlichkeit an. Es war nun nicht mehr das erstemal, daß eine schöne und liebende Frau mir mit Mitleid und merkwürdigem Vertrauen entgegenkam, und es tat mir auch diesmal so wohl wie weh, doch kannte ich diese Melodie nun schon ein wenig und nahm sie nicht zu ernsthaft. Es ist mir noch manchmal begegnet, daß eine verliebte Frau mich besonderer Freundschaft würdigte. Sie hielten mich alle wie der Liebe so der Eifersucht für unfähig, dazu kam das leidige Mitleid, und so vertrauten sie mir in halb mütterlicher Freundschaft.
Leider hatte ich in solchen Verhältnissen noch keine Übung und konnte einem Liebesglück noch nicht aus der Nähe zusehen, ohne ein wenig an mich selber zu denken, und daß ich eigentlich auch gerne einmal so etwas erlebt hätte. Das beschnitt mir die Freude einigermaßen, doch war es ein guter Abend bei der hingegebenen schönen Frau und dem dunkelglühenden, kraftvollen und schroffen Manne, der mich lieb hatte und für mich sorgte und mir doch seine Liebe nicht anders zeigen konnte als er sie den Frauen zeigte, gewalttätig und launisch.
Als wir mit dem letzten Becher vor dem Abschied anstießen, nickte er mir zu und sagte: »Eigentlich sollte ich Ihnen jetzt Brüderschaft anbieten, gelt? Ich täte es auch gern. Aber wir wollen es lassen, es geht auch so. Früher, wissen Sie, hab ich jedem, der mir gefiel, gleich du gesagt, aber das tut nicht gut, am wenigsten unter Kollegen. Ich habe noch mit allen Händel gekriegt.«
Diesmal hatte ich nicht das bittersüße Glück, die Geliebte meines Freundes nach Hause begleiten zu dürfen, sie blieb da, und es war mir lieber so. Die Reise, der Besuch beim Kapellmeister, die Spannung auf morgen, der neue Verkehr mit Muoth, alles hatte mir gut getan. Ich sah erst jetzt, wie vergessen und verblödet und menschenfremd ich während des langen, einsam verwarteten Jahres geworden war, und fühlte mich mit Behagen und wohliger Spannung endlich wieder erregt und tätig unter Menschen, der Welt wieder angehörig.
Zeitig am nächsten Morgen fand ich mich beim Kapellmeister Rößler ein. Ich fand ihn im Schlafrock und unfrisiert, doch hieß er mich willkommen und forderte mich, freundlicher als gestern, zum Spielen auf, indem er mir geschriebene Noten vorlegte und sich ans Klavier setzte. Ich spielte möglichst tapfer, doch machte mir das Lesen der schlecht geschriebenen Noten einige Mühe. Als wir fertig waren, legte er schweigend ein anderes Blatt auf, das ich ohne Begleitung spielen sollte, und dann ein drittes.
»Es ist gut«, sagte er. »An das Notenlesen müssen Sie sich noch mehr gewöhnen, sie sind nicht immer wie gestochen. Kommen Sie heut abend ins Theater, ich mache Platz, dann können Sie ihre Stimme neben dem anderen spielen, der den Platz einstweilen zur Not versah. Es wird ein wenig eng hergehen. Sehen Sie sich die Noten vorher gut an, Probe ist heut keine. Ich gebe Ihnen einen Zettel mit, damit gehen Sie nach elf Uhr ins Theater und holen sich die Noten.«
Ich wußte noch nicht recht, wo ich dran sei, sah aber, daß dieser Mann das Fragen nicht liebe, und ging. Im Theater wollte niemand von den Noten wissen und mich hören, ich war an das Getriebe dort noch nicht gewöhnt und kam aus der Fassung. Dann sandte ich einen Eilboten an Muoth, er kam, und sogleich ging alles prächtig. Und am Abend spielte ich zum erstenmal im Theater, wo ich mich vom Kapellmeister scharf beobachtet sah. Andern Tages erhielt ich die Anstellung.
So wunderlich ist der Mensch, daß ich mitten im neuen Leben und erfüllten Wünschen manchmal merkwürdig von einem flüchtigen, nur leise und unter Schleiern empfundenen Heimweh nach Einsamkeit, ja Langeweile und Leere der Tage befallen wurde. Dann erschien mir die vergangene Zeit in der Heimatstadt, deren trister Ereignislosigkeit ich so dankbar entronnen war, wie etwas Ersehnenswertes, namentlich aber dachte ich an die Wochen im Gebirge vor zwei Jahren mit wahrem Heimweh. Ich glaubte zu fühlen, daß ich nicht zu Wohlergehen und Glück bestimmt sei, sondern zu Schwäche und Unterliegen im Leben, und daß ohne diese Schatten und Opfer mir der Quell des Schaffens trüber und ärmer fließen müsse. Wirklich war zunächst von stillen Stunden und von schöpferischer Arbeit keine Rede. Und während es mir wohl ging und ich ein reiches Leben führte, meinte ich in der Tiefe immer den verschütteten Born leise rauschen und klagen zu hören.
Das Geigen im Orchester machte mir Freude, ich saß viel über Partituren und tastete mit Verlangen vorwärts in diese Welt hinein. Langsam lernte ich, was ich nur theoretisch und aus der Ferne gekannt hatte, die Art und Farbe und Bedeutung der einzelnen Instrumente von unten herauf verstehen, sah und studierte daneben die Bühnenmusik und hoffte immer ernsthafter auf die Zeit, wo ich mich an eine eigene Oper würde wagen dürfen.
Mein vertrauter Umgang mit Muoth, der eine der ersten und ehrenvollsten Stellen an der Oper einnahm, brachte mir das Ganze rasch näher und nützte mir viel. Bei meinesgleichen aber, bei den Kollegen vom Orchester, schadete mir das sehr, es kam nicht zu dem freundschaftlich offenen Verhältnis, zu dem ich gewillt war. Nur unser erster Geiger, ein Steiermärker namens Teiser, kam mir entgegen und wurde mein Freund. Er war wohl zehn Jahre älter als ich, ein schlichter offener Mann mit einem feinen, zarten, leicht errötenden Gesicht und erstaunlich musikalisch, namentlich von einem unglaublich zarten und scharfen Gehör. Er war einer von denen, die in ihrer Kunst Genüge finden, ohne selber eine Rolle spielen zu wollen. Er war kein Virtuos und hat auch nie komponiert, er spielte zufrieden seine Geige und hatte seine Herzensfreude daran, das Handwerk im Grunde zu kennen. Jede Ouvertüre kannte er wie kaum ein Dirigent durch und durch, und wo eine Finesse und Glanzstelle kam, wo der Einsatz eines Instrumentes schön und originell hervorleuchtete, da strahlte er und genoß es wie niemand im ganzen Hause. Er spielte fast alle Instrumente, so daß ich täglich von ihm lernen und ihn fragen konnte.
Monatelang sprachen wir kein Wort miteinander als vom Handwerk, aber ich hatte ihn lieb und er sah, daß ich mit Ernst dabei war, etwas zu lernen, so entstand ein unberedetes Einvernehmen, dem nicht viel mehr zur Freundschaft fehlte. Da erzählte ich ihm schließlich von meiner Violinsonate und bat ihn, sie einmal mit mir zu spielen. Er sagte freundlich zu und kam am bestimmten Tag in meine Wohnung. Da hatte ich, um ihm eine Freude zu machen, einen Wein aus seiner Heimat besorgt, von dem tranken wir ein Glas, dann legte ich die Noten auf und wir fingen an. Er spielte vorzüglich vom Blatt, aber plötzlich hörte er auf und ließ den Bogen sinken.
»Sie, Kuhn,« sagte er, »das ist ja eine verdammt schöne Musik. Die spiel' ich nicht so herunter, die wird zuerst studiert. Ich nehme sie mit heim. Darf ich?«
Ja, und als er wiederkam, spielten wir die Sonate durch, zweimal, und als das fertig war, schlug er mir auf die Schulter und rief: »Sie Duckmäuser, Sie! Da tun Sie immer wie ein kleiner Bub, und heimlich machen Sie solche Sachen! Ich will ja nicht viel sagen, ich bin kein Professor, aber sakrisch schön ist's!«
Das war das erstemal, daß jemand meine Arbeit lobte, zu dem ich wirklich Vertrauen hatte. Ich zeigte ihm alles, auch die Lieder, die gerade im Druck waren und bald darauf erschienen. Aber daß ich so kühn war, an eine Oper zu denken, wagte ich ihm doch nicht zu sagen.
In dieser guten Zeit erschreckte mich ein kleines Erlebnis, das ich nimmer vergessen konnte. Bei Muoth, zu dem ich häufig kam, hatte ich die schöne Lotte seit einiger Zeit nicht mehr angetroffen, mir aber keine Gedanken darüber gemacht, denn in seine Liebesgeschichten mochte ich mich nicht mischen, sie am liebsten gar nicht kennen. Darum hatte ich nie nach ihr gefragt, und er sprach mit mir ohnehin nie von diesen Sachen.
Nun saß ich eines Nachmittags in meiner Stube und studierte eine Partitur. Am Fenster lag meine schwarze Katze im Sonnenschein und schlief, es war im ganzen Hause still. Da ging draußen die Türe, jemand kam herein, ward von der Wirtin begrüßt und aufgehalten, machte sich los und kam auf meine Türe zu, an der auch sofort gepocht wurde. Ich ging hin und machte auf, da kam eine große, elegante Frauensperson mit verschleiertem Gesicht herein und schloß die Türe hinter sich. Sie tat ein paar Schritte ins Zimmer, holte tief Atem und nahm endlich den Schleier ab. Ich erkannte Lotte. Sie sah erregt aus und ich ahnte gleich, warum sie gekommen sei. Auf meine Bitte setzte sie sich, sie hatte mir die Hand gegeben, aber noch kein Wort gesagt. Da sie meine Befangenheit merkte, schien sie erleichtert, als habe sie gefürchtet, ich möchte sie gleich wieder fortschicken.
»Ist es wegen Heinrich Muoth?« fragte ich endlich.
Sie nickte. »Haben Sie etwas gewußt?«
»Ich weiß nichts, ich dachte es mir nur.«
Sie sah mir ins Gesicht, wie ein Kranker dem Arzt, schwieg und zog langsam die Handschuhe aus. Plötzlich stand sie auf, legte mir beide Hände auf die Schultern und starrte mich aus großen Augen an.
»Was soll ich tun? Er ist nie zu Haus, er schreibt mir nimmer, er macht nicht einmal meine Briefe auf! Seit drei Wochen hab ich ihn nimmer sprechen können. Gestern war ich dort, ich weiß, daß er daheim war, aber er hat nicht aufgemacht. Nicht einmal dem Hund hat er gepfiffen, er hat mir das Kleid zerrissen, der will mich auch schon nimmer kennen.«
»Haben Sie denn Streit mit ihm gehabt?« fragte ich, um nicht gar so stumm dabei zu sitzen.
Sie lachte. »Streit? Ach, Streit haben wir genug gehabt, von Anfang an! An das war ich schon gewöhnt. Nein, in der letzten Zeit ist er sogar höflich gewesen, es wollte mir gleich nicht gefallen. Einmal war er nicht da, wenn er mich bestellt hatte; einmal meldete er sich an und kam nicht. Schließlich sagte er auf einmal Sie zu mir! Ach, wenn er mich lieber wieder geschlagen hätte!«
Ich erschrak heftig. »Geschlagen...?«
Wieder lachte sie. »Wissen Sie das nicht? O, er hat mich oft geschlagen, aber jetzt schon lang nicht mehr. Er ist höflich geworden, er hat Sie zu mir gesagt, und jetzt kennt er mich nimmer. Er hat eine andere, glaube ich. Darum bin ich gekommen. Sagen Sie mirs, ich bitte! Hat er eine andere? Sie wissen es! Sie müssen es wissen!«
Ehe ich abwehren konnte, hatte sie meine beiden Hände gefaßt. Ich war wie erstarrt, und so sehr ich abzulehnen und die ganze Szene zu kürzen wünschte, war ich doch fast froh, daß sie mich gar nicht zu Worte kommen ließ, denn ich hätte nicht gewußt, was sagen.
Sie, in Hoffnung und Jammer, war zufrieden, daß ich sie anhörte, und bat und erzählte und klagte mit ausbrechender Leidenschaft. Ich aber sah ihr immerzu in das tränenvolle, reife, schöne Gesicht und konnte nichts anderes denken als: »Er hat sie geschlagen!« Ich meinte seine Faust zu sehen, und mir graute vor ihm und vor ihr, die nach Schlägen und Verachtung und Abweisung keinen andern Gedanken und Wunsch zu haben schien als den Weg zu ihm und zu den alten Demütigungen zurückzufinden.
Endlich versiegte die Flut, Lotte redete langsamer, schien befangen und der Situation bewußt zu werden, und verstummte. Zugleich ließ sie meine Hände los.
»Er hat keine andere,« sagte ich leise, »wenigstens weiß ich nichts davon und glaube es nicht.«
Sie schaute mich dankbar an.
»Aber helfen kann ich Ihnen nicht,« fuhr ich fort. »Ich rede nie mit ihm über solche Sachen.«
Wir waren beide eine Weile still. Ich mußte an Marion denken, an die schöne Marion und an jenen Abend, da ich mit ihr durch die Föhnluft gegangen war, an ihrem Arm, und sie sich so tapfer zu ihrem Geliebten bekannt hatte. Hatte er die auch geschlagen? Und lief auch die ihm noch nach?
»Warum sind Sie denn zu mir gekommen?« fragte ich.
»Ich weiß nicht, ich mußte doch etwas tun. Glauben Sie nicht, daß er noch an mich denkt? Sie sind ein guter Mensch, Sie helfen mir! Sie könnten es doch versuchen, ihn einmal fragen, einmal von mir reden....«
»Nein, das kann ich nicht. Wenn er Sie noch liebt, wird er von selber wieder zu Ihnen kommen. Und wenn nicht, dann – –.«
»Was dann?«
»Dann sollten Sie ihn eben laufen lassen, er verdient es nicht, daß Sie sich so weit demütigen.«
Da lächelte sie plötzlich.
»O, Sie! Was wissen Sie von der Liebe!«
Sie hat recht, dachte ich, aber es tat mir doch weh. Wenn schon die Liebe nicht zu mir kommen wollte, wenn ich schon nebendraußen stand, warum sollte ich den Vertrauten und Helfer machen bei anderen? Ich hatte Mitleid mit der Frau, aber ich verachtete sie noch mehr. Wenn das die Liebe war, Grausamkeit hier und Erniedrigung dort, dann ließ sich ohne Liebe besser leben.
»Ich will nicht streiten,« sagte ich kühl. »Ich verstehe diese Art von Liebe nicht.«
Lotte band ihren Schleier wieder um.
»Ja, ich gehe schon.«
Nun tat sie mir wieder leid, doch mochte ich die törichte Szene nicht von vorn anfangen lassen, darum schwieg ich und öffnete ihr die Tür, auf die sie zuschritt. Ich begleitete sie, an der neugierigen Wirtin vorbei, bis zur Treppe; da verbeugte ich mich, und sie ging, ohne mehr etwas zu sagen oder mich anzusehen.
Traurig sah ich ihr nach und ward den Anblick lange Zeit nicht los. War ich wirklich ein ganz anderer Mensch als diese alle, als Marion, als Lotte, als Muoth? War das wirklich die Liebe? Ich sah sie alle, diese Menschen der Leidenschaft, wie von Stürmen getrieben taumeln und ins Ungewisse wehen, den Mann von Verlangen heute, von Überdruß morgen gepeinigt, düster liebend und brutal abbrechend, keiner Neigung sicher und keiner Liebe froh, und die Frauen hingerissen, Beleidigung, Schläge tragend, endlich verstoßen und doch an ihm hängend, von Eifersucht und verschmähter Liebe entwürdigt, hundetreu. An jenem Tage geschah es seit sehr langer Zeit zum erstenmal, daß ich weinte. Ich weinte unwillige, zornige Tränen um diese Menschen, um meinen Freund Muoth, um das Leben und die Liebe, und stillere, heimliche Tränen um mich selber, der ich zwischen alle dem lebte, wie auf einem andern Sterne, der das Leben nicht begriff, der nach Liebe verschmachtete und sie doch fürchten mußte.
Zu Heinrich Muoth ging ich lange nicht mehr. Er feierte in jener Zeit Triumphe als Wagnersänger und begann für einen »Stern« zu gelten. Zugleich trat auch ich bescheidentlich an die Öffentlichkeit. Es erschienen meine Lieder im Druck und fanden freundliche Aufnahme, und zwei meiner Sachen für Kammermusik wurden in Konzerten aufgeführt. Es war noch eine stille, ermunternde Anerkennung unter Freunden, die Kritik hielt sich abwartend still oder ließ mich zunächst als einen Anfänger schonend gelten.
Ich war viel mit dem Geiger Teiser zusammen, er hatte mich gern und lobte meine Arbeiten in kameradschaftlicher Freude, prophezeite mir große Erfolge und war immer bereit, mit mir zu musizieren. Dennoch fehlte mir etwas. Es zog mich zu Muoth, doch mied ich ihn immer noch. Von Lotte hörte ich nichts mehr. Warum war ich nicht zufrieden? Ich schalt mich selber, daß ich bei dem treuen, prächtigen Teiser nicht mein Genügen fand. Aber auch bei ihm fehlte mir etwas. Er war mir zu heiter, zu sonnig, zu sehr zufrieden, er schien keine Abgründe zu kennen. Auf Muoth war er nicht gut zu sprechen. Manchmal im Theater, wenn Muoth sang, sah er mich an und flüsterte: »Da, wie der wieder pfuscht! Das ist schon ein ganz Verwöhnter! Mozart singt er keinen, er weiß warum.« Ich mußte ihm recht geben, und tat es doch nicht mit dem Herzen, ich hing an Muoth, und mochte ihn doch nicht verteidigen. Muoth hatte etwas, was Teiser nicht hatte und nicht kannte und was mich mit ihm verband. Das war das ewige Begehren, die Sehnsucht und Ungenüge. Die trieben mich zu Studium und Arbeit, die ließen mich nach Menschen greifen, die mir entglitten, gerade wie Muoth, den dieselbe Ungenüge auf andere Weise stachelte und peinigte. Musik würde ich immer machen, das wußte ich, aber mich verlangte danach, auch einmal aus Glück und Überfluß und ungebrochener Freude zu schaffen, statt immer aus Sehnsucht und Mangel des Herzens. Ach, warum wurde ich nicht durch das glücklich, was ich zu eigen hatte, durch meine Musik? Und warum wurde Muoth es nicht durch das, was er besaß, durch seine wilde Lebenskraft und seine Frauen?
Teiser war glücklich, ihn quälte kein Verlangen nach Unerreichbarem. Er hatte seine zarte, selbstlose Freude an der Kunst, von der er nicht mehr verlangte, als sie ihm gab, und außerhalb der Kunst war er noch genügsamer, da brauchte er nur ein paar freundliche Menschen, gelegentlich ein gutes Glas Wein und an freien Tagen einen Ausflug in die Landschaft, denn er war ein Wanderer und Luftfreund. Wenn an der Lehre der Theosophen etwas war, dann mußte dieser Mann schon nahezu ein Vollendeter sein, so gut war sein Wesen und so wenig ließ er Leidenschaft und Unzufriedenheit in sein Herz kommen. Dennoch wünschte ich, wenn ich es auch vielleicht mir vorsagte, nicht zu sein wie er. Ich wollte kein andrer sein, ich wollte in meiner Haut bleiben, die mir doch oft zu eng war. Ich begann Macht in mir zu spüren, seit meine Arbeiten leise zu wirken anfingen, und ich war schon im Begriff, stolz zu werden. Irgendeine Brücke zu den Menschen mußte ich finden, ich mußte auf irgendeine Weise mit ihnen leben können, ohne stets der Unterliegende zu sein. Gab es nun keinen andern Weg, so führte vielleicht doch meine Musik dahin. Wenn sie mich nicht lieben wollten, so würden sie mein Werk lieben müssen.
Solche törichte Gedanken ward ich nicht los. Und doch war ich bereit, mich hinzugeben und zum Opfer zu bringen, wenn nur jemand mich wollte, wenn nur jemand mich wirklich verstünde. War nicht Musik das geheime Gesetz der Welt, gingen nicht die Erden und Sterne harmonisch im Reigen? Und ich sollte allein bleiben und die Menschen nicht finden, deren Wesen mit meinem rein und schön zusammenklang?
Ein Jahr war mir in der fremden Stadt vergangen. Außer mit Muoth, Teiser und unserm Kapellmeister Rößler hatte ich zu Anfang sehr wenig Umgang gehabt, in letzter Zeit aber war ich in eine größere Geselligkeit hineingeraten, die mir nicht lieb und nicht leid war. Durch die Aufführung meiner Stücke für Kammermusik war ich mit den Musikern der Stadt auch außerhalb des Theaters bekanntgeworden, ich trug jetzt die leichte, angenehme Bürde eines sachte ansetzenden Ruhmes im kleinen Kreise, ich merkte, daß man mich kannte und beobachtete. Von allem Ruhm ist das der süßeste, der noch nicht auf große Erfolge blickt, noch keinen Neid erregen kann, noch nicht absondert. Man geht umher mit dem Gefühl, da und dort betrachtet, genannt, gelobt zu werden, man begegnet freundlichen Gesichtern, sieht Anerkannte wohlwollend nicken und Jüngere mit Achtung grüßen, und immer trägt man das heimliche Gefühl, daß das Beste noch komme, wie es ja aller Jugend geht, bis sie sieht, das Beste liegt schon dahinten. Beeinträchtigt wurde mein Wohlgefühl am meisten dadurch, daß ich immer etwas Mitleid in der Anerkennung fühlte. Oft kam es mir sogar vor, man schone mich und sei so freundlich, weil ich eben ein armer Kerl und Krüppel sei, dem man gern etwas Tröstliches gönne.
Nach einem Konzert, in dem ein Geigenduo von mir gespielt worden war, machte ich die Bekanntschaft des reichen Fabrikanten Imthor, der für einen eifrigen Musikfreund und Gönner junger Talente galt. Es war ein ziemlich kleiner, ruhiger Mann mit grau werdenden Haaren, dem man weder seinen Reichtum noch sein inniges Verhältnis zur Kunst ansah. Aus dem, was er mir sagte, konnte ich aber wohl merken, wie viel er von Musik verstand; er lobte nicht in den Tag hinein, sondern gab einen ruhigen, sachverständigen Beifall, der mehr wert war. Er erzählte mir, was ich von andrer Seite längst wußte, daß in seinem Hause manchen Abend Musik gemacht werde, alte und neue. Er lud mich ein, und sagte zum Schluß: »Ihre Lieder liegen auch bei uns, wir haben sie gern. Auch meine Tochter wird sich freuen.«
Noch ehe ich dazu kam, ihm einen Besuch zu machen, erhielt ich eine Einladung. Herr Imthor bat um die Erlaubnis, mein Trio in Es-Dur in seinem Hause aufführen zu lassen. Ein Geiger und Cellist, tüchtige Dilettanten, stünden zur Verfügung, und die erste Geige sei mir vorbehalten, falls ich Lust hätte, mitzuspielen. Ich wußte, daß Imthor die Berufsmusiker, die bei ihm spielten, stets sehr gut honoriere. Das hätte ich ungern angenommen, und doch wußte ich nicht, wie die Einladung gemeint sei. Schließlich nahm ich doch an, die beiden Mitspieler fanden sich bei mir ein und holten ihre Stimmen, wir hatten einige Proben. Inzwischen machte ich meinen Besuch bei Imthor, traf aber niemand an. So kam der bestimmte Abend.
Imthor war Witwer, er wohnte in einem der alten, einfach stattlichen Bürgerhäuser, einem der wenigen, die noch mitten in der großgewordenen Stadt ihre alten Gärten unverkürzt um sich hatten. Vom Garten sah ich wenig, als ich abends kam, nur eine kurze Allee von hohen Platanen, deren Stämme im Laternenlicht die hellen Flecken zeigten, und dazwischen ein paar alte, dunkelgewordene Steinbilder. Hinter den großen Bäumen lag bescheiden das alte, breit und nieder gebaute Haus, in dem von der Eingangstür weg durch die Korridore, Treppen und alle Räume hindurch die Wände dicht voll alter Bilder hingen, Mengen von Familienbildnissen und schwarzgewordenen Landschaften, altmodische Veduten und Tierstücke. Ich kam gleichzeitig mit andern Gästen an, wir wurden von einer Hausdame empfangen und eingeführt.
Die Gesellschaft war nicht gar groß, doch drängte sie sich in den mäßigen Räumen etwas eng, bis die Türen zum Musikraum geöffnet wurden. Hier war es weit und alles sah neu aus, der Flügel, die Notenschränke, die Lampen, die Stühle, nur die Bilder an den Wänden waren auch hier alle alt.
Meine Mitspieler waren schon da, wir stellten unsre Pulte auf, schauten nach den Lichtern und begannen zu stimmen. Da ging zuhinterst im Saal eine Türe und es kam durch den erst halb erleuchteten Raum eine hellgekleidete Dame geschritten. Die beiden Herren begrüßten sie mit Auszeichnung, ich sah, daß es die Tochter Imthors sei. Sie sah mich einen Augenblick fragend an, dann bot sie mir, ehe ich noch vorgestellt war, die Hand und sagte: »Ich kenne Sie schon, Sie sind Herr Kuhn? Willkommen!«
Das schöne Mädchen hatte mir gleich bei ihrem Eintritt Eindruck gemacht, nun klang ihre Stimme so hell und gut, daß ich die dargebotene Hand herzhaft drückte und dem Fräulein vergnügt in die Augen sah, die mich lieb und freundschaftlich begrüßten.
»Ich freu' mich auf das Trio,« sagte sie lächelnd, als habe sie mich so erwartet, wie ich nun war, und sei befriedigt.
»Ich auch,« sagte ich, ohne zu wissen, was ich sage, und sah sie wieder an, und sie nickte. Dann ging sie weiter und aus dem Saal, und ich sah ihr nach. Bald darauf kam sie wieder, an der Hand ihres Vaters, und hinter ihnen die Gesellschaft. Wir drei saßen schon an den Pulten und waren bereit. Die Leute nahmen Platz, einige Bekannte nickten mir zu, der Hausherr gab mir die Hand, und als alle saßen, erloschen die elektrischen Lichter und brannten nur die hohen Kerzen über unsern Noten weiter.
Ich hatte meine Musik beinahe vergessen. Ich suchte hinten im Saal das Fräulein Gertrud, das an ein Büchergestell gelehnt in der Dämmerung saß. Ihr dunkelblondes Haar sah beinahe schwarz aus, ihre Augen sah ich nicht. Nun zählte ich leise den Takt, und nickte, und wir stimmten mit breitem Strich das Andante an.
Jetzt während des Spielens ward mir wohl und innig, ich wiegte mich im Takte mit und schwebte frei im Zusammenklang der Tonströme, die mir alle völlig neu und wie in diesem Augenblick erfunden vorkamen. Meine Gedanken an die Musik und meine Gedanken an Gertrud Imthor flossen rein und ohne Störung zusammen, ich zog meinen Geigenbogen und gab mit den Augen meine Anweisungen, schön und stetig floß die Musik dahin und nahm mich mit, einen goldenen Weg zu Gertrud hin, die ich nicht mehr sehen konnte, und jetzt auch gar nicht mehr zu sehen begehrte. Ich gab ihr meine Musik und meinen Atem, meine Gedanken und meinen Herzschlag hin, wie sich ein Morgenwanderer dem lichten Blau und klaren Wiesenglanz der Frühe hingibt, ungefragt und ohne sich selbst zu verlieren. Zugleich mit dem Wohlgefühl und wachsenden Schwall der Töne trug und erhob mich ein verwundertes Glück darüber, daß ich nun so plötzlich wisse, was Liebe sei. Es war kein neues Gefühl, nur eine Klärung und Entschleierung uralter Ahnungen, Rückkehr in ein altes Vaterland.
Der erste Satz war zu Ende; ich gönnte nur eine Minute Pause. Leise klang das Stimmen der Saiten in mildem Durcheinander, über gespannte und zunickende Gesichter hinweg konnte ich einen Augenblick den dunkelblonden Kopf sehen, die zarte, helle Stirn und den hellroten strengen Mund, dann klopfte ich sacht auf mein Pult und wir strichen den zweiten Satz, der sich wohl hören lassen darf. Die Spieler wurden warm, die ansteigende Sehnsucht des Liedes hob unruhige Schwingen, kreiste in unbefriedigten Flügen empor, suchte und verlor sich in klagender Bangigkeit. Tief und warm übernahm das Cello die Melodie, hob sie stark und dringlich heraus, trug sie verklingend in die neue, dunklere Tonart hinüber und löste sie verzweifelnd im halb zornigen Basse auf.
Dieser zweite Satz war meine Beichte, ein Bekenntnis meiner Sehnsucht und meines Unbefriedigtseins. Der dritte sollte die Erlösung und Erfüllung sein. Ich wußte aber seit diesem Abend, daß er nichts war, und ich spielte ihn sorglos hin als eine Sache, die hinter mir lag. Denn ich meinte jetzt genau zu wissen, wie die Befreiung hätte klingen sollen, wie aus dem stürmenden Stimmenbrausen der Glanz und Friede brechen müsse, Licht aus schwerem Gewölk. Das alles war in meinem dritten Satze nicht, er war nur ein linderndes Auflösen der angewachsenen Dissonanzen und ein Versuch, die alte Grundmelodie ein wenig zu läutern und zu steigern. Von dem, was in mir selber jetzt glänzte und sang, war kein Ton und kein Strahl darin, und ich wunderte mich, daß niemand es merkte.
Mein Trio war aus. Ich nickte den Spielern zu und legte meine Violine weg. Die Lichter flammten wieder auf, die Gesellschaft kam in Bewegung, manche kamen mit den gewohnten Artigkeiten, Lobsprüchen und Kritiken zu mir, um sich als Kenner auszuweisen. Den Hauptmangel der Arbeit warf keiner mir vor.
Man verteilte sich in mehrere Zimmer, es gab Thee, Wein und Gebäck, im Herrenzimmer wurde geraucht. Eine Stunde verging und noch eine. Da geschah es endlich, von mir kaum mehr erwartet, daß Gertrud bei mir stand und mir die Hand gab.
»Hat es Ihnen gefallen?« fragte ich.
»Ja, es war schön,« sagte sie nickend. Ich sah aber, daß sie mehr wußte. Darum sagte ich: »Sie meinen den zweiten Satz. Das andere ist ja nichts.«
Da schaute sie mir wieder neugierig in die Augen, mit einer gütigen Klugheit wie eine reife Frau und sagte ganz fein: »Sie wissen es also selber. Der erste Satz, nicht wahr, ist gute Musik. Der zweite wird groß und weit und verlangt vom dritten zu viel. Man hat es Ihnen auch beim Spielen angesehen, wo Sie wirklich drin waren und wo nicht.«
Mir war es lieb, zu hören, daß ihre klaren guten Augen mich betrachtet hatten, ohne daß ich es wußte. Und ich dachte schon an diesem ersten Abend unserer Bekanntschaft, es müßte gut und selig sein, ein ganzes Leben unter dem Blick dieser schönen und aufrichtigen Augen hinzubringen, und es müßte dann unmöglich sein, jemals Schlechtes zu tun oder zu denken. Und von jenem Abend an wußte ich, daß irgendwo meinem Verlangen nach Einheit und zartester Harmonie Stillung zu finden wäre, und daß jemand auf der Erde lebe, auf dessen Blick und Stimme jeder Puls und jeder Atemzug in mir rein und innig Antwort gab.
Auch sie spürte unverweilt in mir den freundschaftlich reinen Widerklang ihres Wesens und hatte von der ersten Stunde an das ruhige Vertrauen, sich mir eröffnen und unverstellt zeigen zu können und weder Mißverständnis noch Vertrauensbruch fürchten zu müssen. Sie war mir sogleich nah befreundet, wie es in solcher Schnelle und Selbstverständlichkeit nur jungen und wenig verdorbenen Menschen möglich ist. Bis dahin war ich zwar schon je und je verliebt gewesen, doch stets – und namentlich seit meiner Entstellung – mit einem scheuen, begehrlichen und unsicheren Gefühl. Nun war statt der Verliebtheit die Liebe gekommen und mir schien, es sei ein feiner grauer Schleier von meinen Augen gefallen und die Welt liege für mich im ursprünglich göttlichen Lichte da, wie sie vor Kindern, und wie sie vor den Augen unsrer Paradiesträume liegt.
Gertrud war damals kaum über zwanzig Jahre alt, schlank und gesund wie ein junger feiner Baum, und war aus dem Kram und Schwindel des üblichen Jungmädchentums unberührt hervorgegangen, ihrem eigenen noblen Wesen folgend wie eine sicher schreitende Melodie. Mir war im Herzen wohl, daß ich ein solches Geschöpf in der unvollkommenen Welt lebendig wußte, und ich konnte nicht daran denken, sie etwa einzufangen und für mich allein wegzunehmen. Ich war froh, an ihrer schönen Jugend ein wenig teilhaben zu dürfen und mich von Anfang an unter ihren guten Freunden zu wissen.
In der Nacht nach diesem Abend schlief ich lange nicht ein. Es plagte mich aber kein Fieber und keine Unruhe, sondern ich wachte und suchte den Schlaf nicht, weil ich meinen Frühling gekommen und mein Herz nach langen, sehnlichen Irrfahrten und Winterzeiten auf dem rechten Wege wußte. In meine Stube floß blasser Nachtschimmer; alle Ziele des Lebens und der Kunst lagen klar und nahe, wie föhnhelle Höhen, ich spürte den oft so ganz verlorenen Klang und geheimen Takt meines Lebens lückenlos, bis in die sagenhaften Kinderjahre zurück. Und wenn ich diese traumhafte Klarheit und gedrängte Fülle des Gefühls halten und verdichten und mit Namen nennen wollte, so nannte ich den Namen Gertrud. Mit ihm schlief ich ein, schon gegen den Morgen, und stand beim Tagen frisch und erquickt wieder auf, wie nach einem langen, langen Schlaf.
Da fielen die mißmutigen Gedanken der letzten Zeit, und auch die hochmütigen, mir ein und ich sah, woran es mir gefehlt hatte. Heute quälte und verstimmte und ärgerte mich nichts mehr, ich hatte wieder die große Harmonie im Ohr und träumte wieder meinen Jugendtraum vom Zusammenklang der Sphären. Ich tat wieder meine Schritte und Gedanken und Atemzüge nach einer geheimen Melodie, das Leben hatte wieder einen Sinn und die Ferne war morgengolden. Niemand bemerkte die Veränderung, es stand mir keiner nah genug. Nur Teiser, das Kind, stieß mich bei der Probe im Theater lustig an und sagte: »Sie haben gut geschlafen heut nacht, gelt?« Ich besann mich, womit ich ihn erfreuen könnte, und fragte in der nächsten Pause: »Teiser, wo gehen Sie diesen Sommer hin?« Da lachte er verschämt und wurde rot wie eine Braut, die man nach dem Hochzeitstage fragt, und meinte: »Lieber Gott, bis dahin ist's noch lang! Aber schauen Sie, da drin hab ich schon die Karten.« Er schlug auf seine Brusttasche. »Diesmal gehts vom Bodensee aus: Rheintal, Fürstentum Liechtenstein, Chur, Albula, Oberengadin, Maloja, Bergell, Comersee. Den Rückweg weiß ich noch nicht.«
Er hob die Geige wieder und blitzte mich noch schnell mit List und Wonne aus seinen graublauen Kinderaugen an, die nie etwas vom Schmutz und vom Leid der Welt gesehen zu haben schienen. Und ich fühlte mich ihm verbrüdert, und wie er sich auf seine große, wochenlange Fußwanderung freute, auf die Freiheit und den sorglosen Umgang mit Sonne, Luft und Erde, so freute ich mich von neuem auf alle Wege meines Lebens, die wie in einer jungen nagelneuen Sonne vor mir lagen und die ich aufrecht mit hellen Augen und reinem Herzen zu gehen gesonnen war.
Heute, wenn ich dahin zurückdenke, liegt es alles schon ferngeworden und weit auf der Morgenseite, aber etwas vom damaligen Licht ist noch jetzt auf meinen Wegen, wennschon es nimmer so jung und lachend glänzt, und heut wie damals ist es mein Trost und tut es mir in bedrückten Stunden wohl und nimmt den Staub von meiner Seele, wenn ich mir den Namen Gertrud vorsage und an sie denke, wie sie damals mir im Musiksaal ihres Alten entgegenkam, leicht wie ein Vogel und zutraulich wie ein Freund.
Nun ging ich auch wieder zu Muoth, den ich seit jener peinlichen Beichte der schönen Lotte möglichst vermieden hatte. Er hatte es bemerkt und war, wie ich wußte, zu stolz und auch zu gleichgültig, sich um mich zu bemühen. So waren wir seit Monaten nicht mehr allein beisammen gewesen. Jetzt, da ich voll neuen Vertrauens zum Leben und voll guter Absichten war, schien es mir vor allem notwendig, mich dem vernachlässigten Freund wieder zu nähern. Den Anlaß dazu gab mir ein neues Lied, das ich gesetzt hatte; ich beschloß, es ihm zu widmen. Es war dem Lawinenlied ähnlich, das er gern hatte, und der Text hieß:
Ich habe meine Kerzen ausgelöscht; Zum offenen Fenster strömt die Nacht herein, Umarmt mich sanft und läßt mich ihren Freund Und ihren Bruder sein. Wir beide sind am selben Heimweh krank; Wir senden ahnungsvolle Träume aus Und reden flüsternd von der alten Zeit In unsres Vaters Haus.
Ich machte eine saubere Abschrift und schrieb darüber: »Meinem Freunde Heinrich Muoth gewidmet.«
Damit ging ich zu ihm, zu einer Zeit, wo ich ihn sicher zu Hause wußte. Richtig klang mir sein Singen entgegen, er schritt in den stattlichen Zimmern seiner Wohnung auf und ab und übte. Er empfing mich gelassen.
»Schau, der Herr Kuhn! Ich dachte schon, Sie kämen gar nimmer.«
»Doch,« sagte ich, »da bin ich. Wie gehts?«
»Immer gleich. Nett, daß Sie sich wieder einmal zu mir wagen.«
»Ja, ich war in der letzten Zeit untreu....«
»Sogar sehr deutlich. Ich weiß auch warum.«
»Das glaube ich kaum.«
»Ich weiß es. Die Lotte ist einmal bei Ihnen gewesen, nicht?«
»Ja, ich wollte nicht davon reden.«
»Ist auch nicht nötig. Also da sind Sie wieder.«
»Und habe etwas mitgebracht.«
Ich gab ihm die Noten.
»O, ein neues Lied! Das ist recht, ich hatte schon Angst für Sie, Sie möchten in der langweiligen Streichmusik stecken bleiben. Und da steht ja eine Widmung! Für mich? Ist es Ihr Ernst?«
Ich wunderte mich, daß es ihn so zu freuen schien, ich hatte eher einen Scherz über die Dedikation erwartet.
»Gewiß freut mich das,« sagte er aufrichtig. »Es freut mich immer, wenn anständige Menschen mich gelten lassen, und bei Ihnen besonders. Ich hatte Sie im Stillen schon auf die Totenliste gesetzt.«
»Führen Sie solche Listen?«
»O ja, wenn man so viele Freunde hat, oder gehabt hat, wie ich... Es gäbe einen schönen Katalog. Die moralischen habe ich immer am höchsten geschätzt, und g'rade die kneifen mir alle aus. Unter Lumpen findet man jeden Tag Freunde, aber unter Idealisten und Normalbürgern hält es schwer, wenn man anrüchig ist. Sie sind zurzeit beinah der einzige. Und wie es geht – was man am schwersten haben kann, hat man am liebsten. Geht es Ihnen nicht auch so? Mir ist immer nur an Freunden gelegen, statt dessen laufen mir bloß Weiber zu.«
»Daran sind Sie zum Teil selber schuld, Herr Muoth.«
»Warum denn?«
»Sie behandeln alle Leute gern so wie Sie die Weiber behandeln. Bei Freunden geht das nicht, darum laufen sie Ihnen draus. Sie sind ein Egoist.«
»Gott sei Dank, bin ich das. Übrigens Sie nicht minder. Als die furchtbare Lotte Ihnen ihr Leid klagte, da haben Sie ihr keineswegs geholfen. Sie haben auch nicht den Anlaß benützt, mich zu bekehren, wofür ich dankbar bin. Sie haben vor der Affäre ein Grausen gespürt und sind weggeblieben.«
»Nun, da bin ich wieder. Sie haben recht, ich hätte mich der Lotte annehmen sollen. Aber ich verstehe mich auf diese Sachen nicht. Sie hat mich selber ausgelacht und mir gesagt, von der Liebe verstünde ich gar nichts.«
»Nun, dann halten Sie sich brav an die Freundschaft! Es ist auch ein schönes Feld. Und jetzt sitzen Sie her und spielen Sie die Begleitung, wir wollen das Lied einmal studieren. Ach, wissen Sie noch, Ihr erstes damals? Sie sind ja allmählich ein berühmter Herr, scheint mir.«
»Es geht an, neben Ihnen jedenfalls komme ich nie auf.«
»Dummes Zeug. Sie sind ein Komponist, ein Schöpfer, ein kleiner Herrgott. Was geht Sie der Ruhm an? Unsereiner muß pressieren, wenn er zu etwas kommen will. Wir Sänger und Seiltänzer haben es wie die Weiber, wir müssen das Fell zu Markt bringen solang es schön glatt ist. Ruhm, soviel es geben will, und Geld und Weiber und Champagner! Photographien in den Zeitschriften, Lorbeerkränze! Denn siehe, wenn ich heute den Ekel kriege, oder es braucht bloß eine kleine Lungenentzündung zu sein, so bin ich morgen erledigt, und mit dem Ruhm und Lorbeer und dem ganzen Betrieb hat es gepfiffen.«
»Nun, Sie können es abwarten.«
»Ach, wissen Sie, im Grund bin ich verdammt neugierig auf das Altwerden. Es ist ein Schwindel mit der Jugend, ein richtiger Zeitungs- und Lesebuchschwindel! Die schönste Zeit des Lebens! Hat sich was, alte Leute machen mir immer einen viel zufriedenern Eindruck. Die Jugend ist die schwerste Zeit im Leben. Zum Beispiel Selbstmorde kommen in höheren Jahren fast gar nie vor.«
Ich begann zu spielen und er wandte sich zu dem Lied, faßte rasch die Melodie und gab mir an einer Stelle, wo sie bedeutungsvoll von Moll in Dur zurücklenkte, einen anerkennenden Stoß mit dem Ellbogen.
Abends fand ich zu Hause, wie ich gefürchtet hatte, ein Kuvert von Herrn Imthor, das ein paar freundliche Worte und ein mehr als anständiges Honorar enthielt. Ich sandte das Geld zurück und schrieb dazu, ich sei wohlhabend genug, auch zöge ich es vor, in seinem Hause als Freund verkehren zu dürfen. Als ich ihn wieder sah, lud er mich ein, bald wieder zu kommen und sagte: »Ich dachte mir schon, daß es so gehen werde. Gertrud meinte, ich dürfe Ihnen nichts schicken, aber versuchen wollte ich's doch.«
Von da an war ich im Hause Imthor ein sehr häufiger Gast. Ich übernahm bei vielen Hauskonzerten die erste Geige, ich brachte alle neue Musik, eigene und fremde, dorthin, und die meisten meiner kleineren Arbeiten wurden nun zuerst dort aufgeführt.
An einem Nachmittag im Frühling fand ich Gertrud allein mit einer Freundin zu Hause. Es regnete und ich war auf der Vortreppe ausgeglitten, nun wollte sie mich nicht wieder fortlassen. Wir sprachen von Musik und es geschah fast ungewollt, daß ich zu erzählen anfing und namentlich von der Graubündener Zeit sprach, in der ich meine ersten Lieder komponiert hatte. Dann ward ich verlegen und wußte nicht, ob es richtig gewesen sei, vor diesem Mädchen zu beichten. Da sagte Gertrud beinah zaghaft: »Ich muß Ihnen etwas bekennen, was Sie mir nicht übel nehmen dürfen. Ich habe zwei von Ihren Liedern für mich umgeschrieben und gelernt.«
»Ja, singen Sie denn?« rief ich überrascht. Zugleich fiel mir komischerweise das Erlebnis mit meiner allerersten Jugendliebe ein, wie ich sie so schlecht hatte singen hören.
Gertrud lächelte vergnügt und nickte: »O ja, ich singe, wenn auch nur für mich und ein paar Freunde. Ich will Ihnen die Lieder singen, wenn Sie begleiten wollen.«
Wir gingen zum Flügel und sie gab mir die Noten, zierlich von ihrer feinen Frauenhand umgeschrieben. Leise begann ich mit der Begleitung, um sie recht gut zu hören. Und sie sang das Lied, und dann das zweite, und ich saß und horchte und hörte meine Musik verwandelt und verzaubert. Sie sang mit einer hohen, vogelleichten, köstlich schwebenden Stimme, und es war das Schönste, was ich in meinem Leben gehört habe. In mich aber drang die Stimme, wie der Südsturm in ein beschneites Tal, und jeder Ton zog eine Hülle von meinem Herzen, und während ich selig war und zu schweben meinte, mußte ich kämpfen und mich hart machen, denn die Tränen standen mir in den Augen und wollten mir die Noten verlöschen.
Wohl hatte ich gemeint zu wissen, was Liebe sei, und war mir damit weise vorgekommen, hatte getröstet aus neuen Augen in die Welt geschaut und einen näheren und tieferen Anteil an allem Leben gefühlt. Nun war es anders, nun war es nicht mehr Klarheit, Trost und Heiterkeit, sondern Sturm und Flamme, nun warf mein Herz sich jauchzend und zitternd weg, wollte nichts mehr vom Leben wissen und nur in seiner Flamme verbrennen. Wenn jetzt mich einer gefragt hätte, was denn die Liebe sei, da hätte ich es wohl zu wissen geglaubt und hätte es sagen können, und es hätte dunkel und lodernd geklungen.
Indessen schwang sich hoch darüber Gertruds leichte, selige Stimme, schien mir heiter zuzurufen und nur meine Freude zu wollen, und flog doch in fernen Höhen mir davon, unerreichbar und fast fremd. Ach, ich wußte nun, wie es stand. Sie mochte singen, sie mochte freundlich sein, sie mochte es gut mit mir meinen, das alles war nicht, was ich begehrte. Wenn sie nicht ganz und für immer mir zu eigen wurde, mir allein, dann war mein Leben vergebens und alles Gute und Zarte und Eigenste in mir hatte keinen Sinn.
Nun fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter, erschrak und wandte mich um, und sah in ihr Gesicht. Die hellen Augen waren ernst und nur langsam, da ich sie anstarrte, fing sie an zart zu lächeln und zu erröten.
Ich konnte nur Danke sagen. Sie wußte nicht, was mit mir war, sie fühlte nur und verstand, daß ich ergriffen war, und fand schonend einen Weg zur vorigen Heiterkeit und Freiheit des Plauderns zurück. Dann ging ich bald.
Ich ging nicht nach Hause, und ich wußte nicht, ob es noch regnete. Ich ging an meinem Stock durch die Straßen, doch war es kein Gehen und die Straßen waren keine Straßen, ich fuhr auf Sturmwolken durch flatternde, brausende Himmel, ich redete mit dem Sturm und war selbst der Sturm, und ich hörte aus unendlicher Ferne herüber etwas Betörendes klingen, das war eine helle, hohe, vogelleicht schwebende Frauenstimme, und sie schien ganz rein von menschlichen Gedanken und Stürmen, und schien doch im Kern alle wilde Süßigkeit der Leidenschaft zu haben.
Den Abend saß ich ohne Licht in meinem Zimmer. Als ich es nicht mehr aushielt, es war schon spät, ging ich zu Muoth hinaus, fand aber seine Fenster dunkel und kehrte wieder um. Lange lief ich in der Nacht umher und fand mich endlich müde, aus Träumen erwachend, vor dem Imthor'schen Garten. Da rauschten die alten Bäume feierlich um das verborgene Haus, von dem kein Ton und Strahl herüber drang, und zwischen den Wolken kamen und verschwanden hier und dort schwachglänzende Sterne.
Ich wartete einige Tage, ehe ich wieder zu Gertrud zu gehen wagte. In dieser Zeit kam ein Schreiben von jenem Dichter, dessen Lieder ich komponiert hatte. Seit zwei Jahren waren wir in einer losen Verbindung, es kamen je und je merkwürdige Briefe von ihm, ich schickte ihm meine Arbeiten und er mir seine Gedichte. Nun schrieb er:
»Werter Herr! Sie haben länger nichts von mir gehört. Ich war fleißig. Seit ich Ihre Musik habe und verstehe, hat mir immer ein Text für Sie vorgeschwebt, wollte aber nicht heraus. Jetzt ist er da, so gut wie fertig, und es ist ein Operntext, und Sie müssen ihn komponieren. – Sie können kein sehr glücklicher Mensch sein, das steht in Ihrer Musik. Von mir will ich nicht reden; aber da ist ein Text für Sie. Da uns doch sonst nichts Erfreuliches blüht, wollen wir den Leuten ein paar hübsche Sachen vorspielen, bei denen den Dickhäutern für Augenblicke klar wird, daß das Leben nicht bloß eine Oberfläche hat. Denn da wir doch mit uns selber nichts Rechtes anzufangen wissen, plagt es uns, die unnütze Kraft andere spüren zu lassen.
Ihr Hans H.«
Das fiel wie ein Funke in mein Pulver. Ich schrieb um den Text und war so ungeduldig, daß ich den Brief wieder zerriß und telegraphierte. Nach einer Woche kam das Manuskript, ein kleines glühendes Liebesspiel in Versen, noch mit Lücken, aber für mich einstweilen genug. Ich las und ging mit den Versen im Kopf umher, und sang sie und geigte sie bei Tag und Nacht, und bald lief ich zu Gertrud.
»Sie müssen mir helfen,« rief ich. »Ich mache eine Oper. Da sind drei Stücke, für Ihre Stimme gesetzt. Wollen Sie sie ansehen? Und mir dann einmal singen?«
Sie freute sich, ließ sich erzählen, blätterte in den Noten und versprach, sie bald zu lernen. Es kam eine glühende, übervolle Zeit; trunken von Liebe und Musik ging ich einher, zu nichts andrem tauglich, und Gertrud war die einzige, die mein Geheimnis wußte. Ich brachte ihr Noten, die sie lernte und mir sang, ich fragte sie, spielte ihr alles vor, und sie glühte mit mir, studierte und sang, riet und half, und hatte an dem Geheimnis und an dem entstehenden Werk, das uns beiden gehörte, ihre blühende Lust. Keine Andeutung, kein Vorschlag, den sie nicht sofort verstand und aufnahm, schließlich begann sie selber, mit ihrer feinen Schrift, mir beim Abschreiben und Umschreiben zu helfen. Im Theater hatte ich Krankenurlaub genommen.
Es kam zwischen Gertrud und mir keine Verlegenheit auf, wir trieben im selben Strom, arbeiteten am selben Werk, es war für sie wie für mich ein Aufblühen reifgewordener Jugendkräfte, ein Glück und Zauber, in dem meine Leidenschaft ungesehen mitbrannte. Sie unterschied nicht zwischen meinem Werk und mir, sie liebte uns und war unser, und auch für mich war Liebe und Arbeit, Musik und Leben nicht mehr zu trennen. Manchmal sah ich das schöne Mädchen erstaunt und bewundernd an, und sie erwiderte meinen Blick, und wenn ich kam oder ging, drückte sie mir die Hand wärmer und stärker als ich ihre zu drücken wagte. Und wenn ich in diesen lauen Frühlingstagen durch den Garten her kam und das alte Haus betrat, wußte ich nicht, war es mein Werk oder meine Liebe, was mich trieb und erhob.
Solche Zeiten dauern nicht lange. Es ging schon gegen das Ende und meine Flamme flackerte wieder ungeteilt in blinden Liebeswünschen, da saß ich an ihrem Flügel und sie sang den letzten Akt meiner Oper, deren Sopranrolle fertig war. Sie sang so wunderbar, und ich dachte dieser glühenden Tage, deren Glanz ich schon erblassen fühlte, während Gertrud noch auf ihrer Höhe schwebte, und ich fühlte unabwendbar andere und kühlere Tage kommen. Da lächelte sie mir zu und neigte sich zu mir herab, der Noten wegen, und bemerkte die Trauer in meinem Blick, und sah mich fragend an. Ich schwieg und stand auf und nahm ihr Gesicht vorsichtig in beide Hände, küßte ihre Stirn und ihren Mund und setzte mich wieder. Sie ließ alles still und fast feierlich geschehen, ohne Befremdung und Unwillen, und da sie Tränen in meinen Augen sah, strich sie mir mit ihrer leichten, lichten Hand beruhigend über Haar und Stirn und Schulter.
Dann spielte ich weiter, und sie sang, und der Kuß und diese merkwürdige Stunde blieb unbesprochen, doch unvergessen zwischen uns, als unser letztes Geheimnis.
Denn das andre konnte nicht lange mehr zwischen uns bleiben; die Oper brauchte nun andre Mitwisser und Helfer. Der erste mußte Muoth sein, denn an ihn hatte ich bei der Hauptrolle gedacht, deren Ungestüm und bittere Leidenschaft ganz seinem Gesang und ganz seinem Wesen verwandt waren. Nur zögerte ich noch eine kleine Zeit. Noch war mein Werk ein Bündnis zwischen mir und Gertrud, gehörte ihr und mir, schuf uns Sorge und Lust, war ein Garten, von dem niemand wußte, oder ein Schiff, auf dem wir beide allein das große Meer befuhren.
Sie fragte selbst danach, als sie fühlte und merkte, daß sie mir nimmer weiter helfen konnte.
»Wer singt die große Rolle?« fragte sie.
»Heinrich Muoth.«
Sie schien erstaunt. »O,« sagte sie, »ist das Ernst? Ich hab ihn nicht gern.«
»Er ist mein Freund, Fräulein Gertrud. Und die Rolle paßt für ihn.«
»Ja.«
Nun war schon ein Fremder dazwischen.

Indessen hatte ich nicht an Muoths Ferien und Reiselust gedacht. Er freute sich über meinen Opernplan und versprach alle Hilfe, war aber schon in Reiseplänen und konnte mir nur versprechen, bis zum Herbst seine Rolle durchzunehmen. Ich schrieb sie ihm ab, soweit sie schon fertig war. Er nahm sie mit und ließ nach seiner Gewohnheit in all den Monaten nichts von sich hören.
So war eine Frist für uns gewonnen. Zwischen Gertrud und mir bestand nun eine gute Kameradschaft. Ich glaube, sie wußte seit jener Stunde am Klavier genau, was in mir vorging, doch sagte sie nie ein Wort und war um nichts anders gegen mich. Sie liebte nicht nur meine Musik, sie hatte mich selber gern und fühlte wie ich, daß zwischen uns beiden ein natürlicher Einklang war, daß jeder von uns des andern Wesen gefühlsmäßig verstand und billigte. So ging sie neben mir in Eintracht und Freundschaft, doch ohne Leidenschaft. Zuzeiten genügte mir das und ich lebte stille, dankbare Tage in ihrer Nähe. Doch immer kam bald die Leidenschaft dazwischen, dann war mir jede ihrer Freundlichkeiten nur ein Almosen und ich empfand mit Qualen, daß die Stürme des Liebhabens und Begehrens, die mich erschütterten, ihr fremd und unlieb waren. Oft täuschte ich mich gewaltsam und suchte mir vorzureden, sie sei eben eine gleichmäßige und heiter stille Natur. Doch wußte mein Gefühl, daß das falsch sei, und kannte Gertrud genug, um zu wissen, daß auch ihr die Liebe Sturm und Gefahren bringen müsse. Oft habe ich darüber nachgedacht, und ich glaube, wenn ich sie damals bestürmt und bekriegt und mit allen Kräften an mich gezogen hätte, sie wäre mir gefolgt und für immer mit mir gegangen. So aber mißtraute ich ihrer Heiterkeit, und was sie mir von Zärtlichkeit und feiner Zuneigung zeigte, schob ich auf das fatale Mitleid. Ich konnte den Gedanken nicht los werden, daß sie mit einem andern, gesunden und äußerlich schönen Manne, wenn sie ihn so gern hatte wie mich, nicht so lange in dieser ruhigen Freundschaftlichkeit hätte verharren können. Da waren wieder die Stunden nicht selten, in denen ich meine Musik und alles, was in mir lebte, für ein gerades Bein und ein flottes Wesen hingegeben hätte.
Um jene Zeit kam Teiser mir wieder näher. Er war mir unentbehrlich für die Arbeit, und so war er der nächste, der mein Geheimnis erfuhr und Text und Plan meiner Oper kennen lernte. Bedächtig nahm er alles an sich, um es zu Hause zu studieren. Dann aber kam er, und sein blondbärtiges Kindergesicht war rot vor Vergnügen und Musikleidenschaft.
»Das wird was, Ihre Oper!« rief er erregt. »Die Ouvertüre dazu spür ich schon in den Fingern! Jetzt gehn wir und trinken einen guten Schoppen, Sie Manderl, und wenns nicht unbescheiden wär', würd' ich sagen, wir trinken Brüderschaft. Aber es soll nicht aufgenötigt sein.«
Das nahm ich gerne an und es wurde ein froher Abend daraus. Teiser nahm mich zum erstenmal in seine Wohnung mit. Er hatte vor kurzem eine Schwester zu sich genommen, die nach dem Tod der Mutter alleingeblieben war, und wußte nicht genug zu rühmen, wie wohlig ihm nach langen Junggesellenjahren im neuen Haushalt sei. Die Schwester war ein schlichtes, vergnügtes, harmloses Mädchen mit denselben hellen, kindlichen, freudig guten Augen, wie ihr Bruder sie hatte, und hieß Brigitte. Sie brachte uns Kuchen und hellgrünen Österreicher Wein, dazu das Kästlein mit den langen Virginiazigarren. Da tranken wir das erste Glas auf ihr Wohl und das zweite auf gute Brüderschaft, und während wir Kuchen aßen, Wein tranken und rauchten, fuhr der gute Teiser in seiner Herzensfreude hin und wieder durchs Zimmerlein, saß bald am Klavier, bald mit der Guitarre im Arm auf dem Kanapee, bald mit der Geige auf der Tischecke, spielte was ihm Schönes durch den Kopf ging, sang und ließ seine frohen Augen glänzen, und alles mir und meiner Oper zu Ehren. Es zeigte sich, daß die Schwester dasselbe Blut habe und nicht minder auf Mozart schwöre; Arien aus der Zauberflöte und Stücke aus dem Don Giovanni funkelten durch die kleine Wohnung, von Gespräch und Gläserklirren unterbrochen, von der Geige, dem Klavier, der Guitarre oder auch nur vom Pfeifen des Bruders tadellos rein und richtig begleitet.
Für die kurze Sommerspielzeit war ich noch als Orchestergeiger verpflichtet, hatte aber auf den Herbst um meine Entlassung gebeten, da ich alsdann alle Zeit und Lust für meine Arbeit zu brauchen dachte. Der Kapellmeister, den mein Gehen ärgerte, behandelte mich zu guter Letzt mit ausgesuchter Grobheit, die mir aber Teiser brav parieren und belachen half.
Mit diesem Treuen arbeitete ich die Instrumentierung meiner Opernmusik aus, und so andächtig er meine Gedanken gelten ließ, so unerbittlich legte er den Finger auf alle Verstöße in der Orchesterbehandlung. Oft geriet er in hellen Zorn und kanzelte mich ab, wie ein derber Dirigent, bis ich eine zweifelhafte Stelle, in die ich verliebt und verbissen war, ausstrich und änderte. Und immer war er mit Beispielen zur Hand, wenn ich zweifelte und ungewiß war. Wo ich etwas Mißlungenes durchsetzen oder eine Kühnheit nicht wagen wollte, kam er mit Partituren angelaufen und wies mir nach, wie das der Mozart oder der Lortzing gemacht habe, und daß mein Zögern eine Feigheit oder mein Beharren eine »Kuhdummheit« sei. Wir brüllten einander an, kriegten und tobten, und wenn es in Teisers Wohnung geschah, so hörte die Brigitte andächtig zu, kam und ging mit Wein und Zigarren und strich manches zerknüllte Notenblatt mitleidig und sorgfältig wieder glatt. Der Liebe zu ihrem Bruder kam ihre Bewunderung für mich gleich, ich war für sie ein Maestro. An jedem Sonntag mußte ich zum Essen zu Teisers kommen, und nach Tische ging es, wenn nur ein blauer Fleck am Himmel war, mit der Straßenbahn hinaus. Da spazierten wir über die Hügel und durch Wälder, plauderten und sangen, und die Geschwister ließen ungebeten immer wieder ihre heimischen Jodler steigen.
Dabei kamen wir einmal zum Imbiß in ein Dorfwirtshaus, wo uns aus weit offenen Fenstern eine ländliche Tanzmusik entgegenjubelte, und als wir gegessen hatten und beim Apfelmost ausruhend im Garten saßen, schlich die Brigitte bald zum Hause hinüber und hinein, und als wir es merkten und nach ihr ausschauten, sahen wir sie am Fenster vorbei tanzen, frisch und sprühend wie ein Sommermorgen. Als sie wiederkam, drohte ihr Teiser mit dem Finger und meinte, sie hätte ihn wohl auch auffordern dürfen. Da wurde sie rot und verlegen, winkte ihm abwehrend zu und sah mich an.
»Was ist denn?« fragte ihr Bruder.
»Laß doch,« meinte sie nur, aber zufällig sah ich, wie sie ihn mit dem Blick auf mich aufmerksam machte, und Teiser sagte, »Ach so«.
Ich sagte nichts, doch war es mir wunderlich, sie darüber verlegen zu sehen, daß sie in meiner Gegenwart getanzt hatte. Es fiel mir erst jetzt ein, daß wohl auch ihre Spaziergänge rascher und weiter und anders gegangen wären ohne meine hemmende Gesellschaft, und ich schloß mich von da an ihren Sonntagsausflügen nur selten mehr an.
Gertrud hatte, als wir mit dem Durchsingen der Sopranrolle soweit fertig waren, wohl bemerkt, daß es mir schwer fiel, auf die häufigen Besuche bei ihr und das vertrauliche Beisammensein am Klavier zu verzichten, und daß ich mich doch scheute, Vorwände für dessen Fortsetzung zu erfinden. Da überraschte sie mich mit dem Vorschlag, sie regelmäßig beim Singen zu begleiten, und ich kam nun zwei-, dreimal in der Woche am Nachmittag in ihr Haus. Der Alte sah ihre Freundschaft mit mir gerne; ohnehin ließ er sie, die schon früh die Mutter verloren hatte und dem Haus als Dame vorstand, in allem gewähren.
Der Garten stand in voller Frühsommerpracht, überall waren Blumen und sangen Vögel um das stille Haus, und wenn ich von der Straße in den Garten trat und an den dunklen, alten Steinbildern der Allee vorüber mich dem grünumwachsenen Hause näherte, war es mir jedesmal wie der Eintritt in ein Heiligtum, wohin Stimmen und Dinge der Welt nur leise und gemildert dringen konnten. Da sangen vor den Fenstern im blühenden Gebüsch die Bienen, Sonne und leichte Laubschatten fielen ins Zimmer, und ich saß am Flügel und hörte Gertrud singen, horchte ihrer Stimme nach, die sich leicht emporschwang und im mühelosen Schweben wiegte, und wenn wir nach einem Lied einander ansahen und lächelten, so war es einig und vertraulich, wie zwischen Geschwistern. Da meinte ich manches Mal, jetzt brauche ich nur die Hand auszustrecken und mein Glück leise zu fassen, um es für immer zu haben, und tat es doch nie, denn ich wollte warten, bis auch sie einmal Verlangen und Sehnsucht zeige. Gertrud aber schien in reiner Zufriedenheit zu atmen und nichts anders zu wünschen, ja mir kam es oft vor, als bäte sie mich, dieses stille Einvernehmen nicht zu erschüttern und unsern Frühling nicht zu stören.
War ich darüber enttäuscht, so tröstete es mich zu fühlen, wie innig sie in meiner Musik lebte, wie sie mich verstand und darüber stolz war.
Das dauerte bis zum Juni, dann reiste Gertrud mit ihrem Vater in die Berge, ich blieb zurück, und wenn ich an ihrem Hause vorüberging, lag es leer hinter seinen Platanen, und die Pforte war geschlossen. Da fing die Pein wieder an, wuchs und verfolgte mich tief in die Nächte hinein.
Da kam ich abends, fast immer mit Noten in der Tasche, zu den Teisers, nahm an ihrem heiter genügsamen Leben teil, trank von ihrem österreichischen Wein und spielte Mozart mit ihnen. Dann ging ich durch die milden Nächte heim, sah in den Anlagen die Liebespaare spazieren, legte mich zu Hause müd aufs Bett und fand doch keinen Schlaf. Es war mir jetzt unbegreiflich, wie ich so brüderlich mit Gertrud hatte umgehen können, daß ich nie den Bann gebrochen, sie an mich gezogen und bestürmt und erobert hatte. Ich sah sie, in ihrem hellblauen oder grauen Kleid, munter oder ernsthaft, ich hörte ihre Stimme und begriff nimmer, daß ich sie jemals hatte hören können, ohne in Glut und Werbung auszubrechen. Berauscht und fiebernd stand ich auf, machte Licht und warf mich auf die Arbeit, ließ Menschenstimmen und Instrumente werben und flehen und drohen, wiederholte das Lied der Sehnsucht in neuen, fiebernden Melodien. Oft aber blieb mir diese Tröstung aus, dann lag ich glühend und wild in grimmiger Schlaflosigkeit, sagte wirr und sinnlos ihren Namen Gertrud, Gertrud vor mich hin, warf Trost und Hoffnung weg und gab mich verzweifelnd der grauenhaften Ohnmacht des Begehrens hin. Ich rief Gott an und fragte ihn, warum er mich so geschaffen, warum er mich verstümmelt und mir statt des Glückes, das jeder Ärmste habe, nichts gegeben habe, als den grausamen Trost, in Tönen zu wühlen und das Unerreichbare in wesenlosen Tonphantasien immer wieder vor mein Begehren hinzumalen.
Bei Tage gelang es mir besser, meiner Leidenschaft Herr zu werden. Da biß ich auf die Zähne, saß vom frühesten Morgen an bei der Arbeit, erzwang Ruhe durch lange Gänge, und Ermunterung durch kalte Sturzbäder, und abends floh ich vor den Schatten der heraufdrohenden Nacht in die heitere Nähe der Geschwister Teiser, wo mir für Stunden Ruhe und manchmal beinahe Behagen kam. Teiser merkte wohl, daß ich litt und krank war, doch schrieb er es der Arbeit zu und riet mir Schonung, obwohl er selber flammend dabei war und im Grunde meine Oper ebenso erregt und ungeduldig wachsen sah, wie ich selbst. Manchmal holte ich ihn auch ab, um ihn allein zu haben, und brachte den Abend mit ihm in einem kühlen Wirtsgarten zu, wo jedoch die Liebespaare und das Nachtblau, die Lampions und Feuerwerke und der Duft von Begehrlichkeit, den die Sommerabende der Städter immer haben, mir nicht wohl tat.
Völlig schlimm wurde es, als auch Teiser abreiste, um mit Brigitte die Ferien im Gebirge zu verwandern. Er lud mich zum Mitkommen ein, und es war ihm Ernst, so sehr ich mit meiner Unbeweglichkeit ihm die Lust zerstört hätte; aber ich konnte nicht annehmen. Zwei Wochen blieb ich allein in der Stadt, schlaflos und aufgerieben, und die Arbeit gedieh nicht mehr.
Da schickte mir Gertrud eine kleine Schachtel voll Alpenrosen aus einem Dorf im Wallis, und als ich ihre Handschrift sah und die bräunlichen, welken Blumen auspackte, fiel es wie ein Blick aus ihren lieben Augen auf mich und ich schämte mich meiner Wildheit und meines Mißtrauens. Ich sah ein, daß es besser sei, sie wisse von meinem Zustand, und am nächsten Morgen schrieb ich ihr einen kurzen Brief. Da erzählte ich halb scherzhaft, daß ich nimmer schlafen könne, und daß es vor Sehnsucht nach ihr geschehe, und daß ich ihre Freundschaft nicht mehr annehmen könne, da es bei mir Liebe sei. Im Schreiben überfiel es mich wieder, und der Brief, der ruhig und fast scherzend begonnen hatte, ward zum Schlusse heftig und heiß.
Die Post brachte beinah jeden Tag Grüße und Ansichtskarten von den Geschwistern Teiser, die nicht ahnen konnten, daß ihre Karten und Brieflein mir jedesmal eine Enttäuschung brachten, da ich andere Post von anderer Hand erwartete.
Endlich kam sie doch, ein graues Kuvert mit Gertruds leichter, heiterer Schrift, und innen ein Brief.
Lieber Freund! Ihr Brief bringt mich in Verlegenheit. Ich sehe, daß Sie leiden und schwere Zeit haben, sonst müßte ich schelten, daß Sie mich so überfallen. Sie wissen, wie gern ich Sie habe; aber mir ist mein jetziger Zustand lieb, ich habe noch kein Verlangen ihn zu ändern. Wenn ich Gefahr sähe, Sie zu verlieren, würde ich alles tun, Sie mir zu halten. Aber auf ihren heißen Brief kann ich nicht antworten. Haben Sie Geduld, lassen Sie es zwischen uns, wie es war, bis wir uns wiedersehen und miteinander reden können. Dann wird alles leichter sein. In Freundschaft Ihre Gertrud.
Damit war wenig anders geworden, und doch tat der Brief mir wohl. Es war doch ein Gruß von ihr, sie duldete doch und ließ es geschehen, daß ich um sie warb, sie hatte mich nicht abgewiesen. Auch brachte ihr Brief mir etwas von ihrem Wesen mit, etwas von ihrer beinahe kühlen Klarheit, und statt des Bildes, das meine Sehnsucht von ihr geschaffen hatte, stand wieder sie selber vor meinen Gedanken. Ihr Blick forderte Vertrauen von mir, ich spürte ihre Nähe und sogleich erhob sich Scham und Stolz in mir, half mir das verzehrende Schmachten besiegen und die brennenden Wünsche niederhalten. Nicht getröstet, doch gestärkt und wehrhafter hielt ich mich aufrecht. Ich quartierte mich mit meiner Arbeit im Wirtshaus eines Dorfes ein, zwei Stunden von der Stadt. Da saß ich viel in einer schattigen, schon verblühten Fliederlaube und dachte nach, und wunderte mich über mein Leben. Wie ging ich einsam und fremd meinen Weg, ungewiß wohin! Und nirgends hatte ich Wurzeln geschlagen und Heimatrecht erworben. Mit den Eltern stand ich nur in äußerlichem Verkehr, mit höflichen Briefen; meinen Beruf hatte ich verlassen, um gefährlichen Schöpferphantasien nachzugehen, die mich doch nicht sättigten. Meine Freunde kannten mich nicht, Gertrud war der einzige Mensch, mit dem ich ein volles Verstehen und eine vollkommene Gemeinschaft hätte haben können. Und meine Arbeit, das, wofür ich doch lebte und was meinem Leben Sinn geben sollte, wie war das ein Jagen nach Schatten, ein Bauen von Lufthäusern! Konnte das wirklich einen Sinn haben und eines Menschen Leben rechtfertigen und ausfüllen, das Hintürmen von Tonreihen und erregte Spielen mit Gebilden, die im besten Fall einmal anderen Menschen eine Stunde angenehm zubringen halfen?
Dennoch arbeitete ich wieder leidlich fleißig und kam innerlich in diesem Sommer vollends mit der Oper zustande, wenn auch außen noch viel fehlte und erst das Wenigste aufgeschrieben war. Manchmal kam ich wieder in helle Freude und dachte mit Hochmut mir aus, wie mein Werk Macht über Menschen gewinnen würde, wie Sänger und Musikanten, Kapellmeister und Chöre Vollstrecker meines Willens sein müßten, und wie er auf Tausende wirken werde. Zu andern Zeiten kam es mir beinahe unheimlich und gespenstisch vor, daß alle diese Bewegungen und diese Macht ausgehen sollten von den ohnmächtigen Träumen und Phantasien eines armen, einsamen Menschen, den alle bemitleideten. Zuweilen verlor ich auch den Mut und wollte finden, meine Arbeit könne unmöglich je aufgeführt werden, es sei alles falsch und übertrieben. Doch war das selten, im Grunde war ich vom Leben und von der Kraft meiner Arbeit überzeugt. Sie war auch ehrlich und glühend, sie war erlebt und hatte Blut in den Adern, und wenn ich sie auch heute nicht mehr hören mag und ganz andere Noten schreibe, so ist doch in jener Oper meine ganze Jugend, und wenn manche Takte daraus mir wieder begegnen, so ist es mir nicht anders, als wehe ein lauer Frühlingssturm aus verlassenen Tälern der Jugend und der Leidenschaft herüber. Und wenn ich denke, daß ihre ganze Glut und Macht über die Herzen aus Schwäche und Entbehrung und Sehnsucht geboren ist, so weiß ich nicht mehr, ob mir mein ganzes Leben in jener Zeit, und auch noch das jetzige, lieb oder leid sein soll.
Der Sommer ging zur Neige, in einer finstern Nacht mit wilden, leidenschaftlich schluchzenden Regengüssen schrieb ich die Ouvertüre zu Ende, und am Morgen war der Regen kühl und mild, der Himmel glatt grau und der Garten herbstlich geworden. Ich packte meine Sachen zusammen und fuhr in die Stadt zurück.
Von allen meinen Bekannten war nur Teiser mit seiner Schwester schon zurückgekehrt. Sie sahen beide bergbraun und blühend aus, hatten auf ihren Touren erstaunlich viel erlebt und waren doch voll Teilnahme und Spannung, zu sehen, wie es mit der Oper stehe. Wir nahmen die Ouvertüre durch, und es war mir selber nahezu feierlich, als Teiser mir die Hand auf die Schulter legte und zu seiner Schwester sagte: »Brigitt', schau den an, das ist ein großer Musiker!«
Gertruds Ankunft erwartete ich trotz aller Sehnsucht und Erregung doch mit Vertrauen. Ich konnte ihr ein schönes Stück Arbeit zeigen und wußte, sie lebe mit und verstehe und genieße alles wie ihr Eigenes. Am meisten war ich auf Heinrich Muoth gespannt, dessen Hilfe mir unentbehrlich war und von dem ich seit Monaten kein Wort gehört hatte.
Endlich erschien er, noch vor Gertruds Rückkehr, und trat eines Morgens in mein Zimmer. Lange sah er mir ins Gesicht.
»Sie sehen scheußlich aus,« sagte er kopfschüttelnd. »Na, wenn man solche Sachen schreibt!«
»Haben Sie die Rolle angesehen?«
»Angesehen? Ich kann sie auswendig und werde sie singen, sobald Sie wollen. Das ist ja eine verfluchte Musik!«
»Meinen Sie?«
»Sie werden sehen. Jetzt haben Sie Ihre schönste Zeit gehabt, warten Sie nur! Mit der Dachkammerberühmtheit ist es vorbei, sobald die Oper gespielt wird. Nun, das ist Ihre Sache. Wann wollen wir singen? Ein paar Anmerkungen hätte ich immerhin zu machen. Wie weit sind Sie mit dem Ganzen?«
Ich zeigte ihm, was zu zeigen war, und er nahm mich gleich mit in seine Wohnung. Da hörte ich ihn zum erstenmal diese Rolle singen, bei der ich durch meine eigene Leidenschaft hindurch immer an ihn gedacht hatte, und fühlte die Macht meiner Musik und seiner Stimme. Erst jetzt konnte ich in Gedanken das Ganze auf der Bühne vor mir sehen, erst jetzt schlug meine eigene Flamme mir entgegen und ließ mich ihre Wärme fühlen, gehörte nimmer mir und war nimmer mein Werk, sondern hatte eignes Leben und wirkte als eine fremde Macht auf mich. Zum erstenmal fühlte ich diese Loslösung eines Werkes vom Schöpfer, an die ich bis dahin nicht recht geglaubt hatte. Mein Werk begann dazustehen und sich zu regen und Leben zu zeigen, eben noch hatte ich es in der Hand gehabt, und schon jetzt war es nimmer mein, war es wie ein Kind dem Vater entwachsen, lebte und übte Macht auf eigne Faust, sah mich aus fremden Augen selbständig an und trug doch meinen Namen und mein Zeichen an der Stirn geschrieben. Dieselbe zwiespältige, ja manchmal erschreckende Empfindung habe ich später bei den Aufführungen gehabt.
Muoth hatte die Rolle gut geübt, und was er geändert zu sehen begehrte, konnte ich ihm wohl zugestehen. Nun fragte er neugierig nach der Sopranrolle, die er nur halb kannte, und wollte wissen, ob sie mir schon von einer Sängerin durchgesungen worden sei. Ich mußte ihm nun, zum erstenmal, von Gertrud sprechen, und es gelang mir, es ruhig und unauffällig zu tun. Dem Namen nach kannte er sie wohl, hatte aber nie im Hause Imthor verkehrt und war erstaunt, zu hören, daß Gertrud die Rolle studiert habe und singen könne.
»Dann muß sie eine gute Stimme haben,« meinte er anerkennend, »sehr hoch und leicht. Wollen Sie mich dort einmal einführen?«
»Ich hätte ohnehin darum gebeten. Ich möchte Sie ein paarmal mit Fräulein Imthor singen hören, es werden Korrekturen nötig sein. Sobald die Herrschaften wieder in der Stadt sind, will ich sie darum bitten.«
»Eigentlich sind Sie doch ein Glückspilz, Kuhn. Und für die Orchestermusik haben Sie den Teiser als Helfer. Sie werden sehen, das Stück schlägt ein.«
Ich sagte nichts, ich hatte für später und für das Schicksal meiner Oper noch keine Gedanken frei, erst mußte sie fertig sein. Doch seit ich ihn hatte singen hören, glaubte auch ich an die Kraft meiner Arbeit.
Teiser, dem ich davon erzählte, sagte grimmig: »Ich glaub's schon. Der Muoth hat ja eine Heidenkraft. Wenn er nur nicht so ein Pfuscher wär'. Dem ist es nie um die Musik zu tun, immer nur um sich selber. Er ist ein Draufgänger, überall.«
An dem Tage, da ich durch den herbstlichen Garten beim schon sachte beginnenden Blätterfall das Imthorsche Haus aufsuchte, um die endlich zurückgekehrte Gertrud zu besuchen, schlug mir das Herz beklommen. Sie aber, schöner und aufrechter und ein wenig bräunlich geworden, kam mir lächelnd entgegen, gab mir die Hand und tat mit ihrer lieben Stimme und ihrem hellen Blick und ihrer ganzen noblen, freien Art mir sogleich wieder den alten Zauber an, daß ich beglückt meine Sorgen und Begierden beiseite tat und froh war, wieder in ihrer heilenden Nähe zu sein. Sie ließ mich gewähren, und da ich den Weg nicht fand, auf meinen Brief und mein Anliegen zu reden zu kommen, schwieg auch sie von alle dem und gab mit keiner Gebärde kund, daß unsere Kameradschaft getrübt oder gefährdet sei. Sie suchte nicht sich mir zu entziehen, sie war wieder häufig mit mir allein, indem sie darauf vertraute, ich werde ihren Willen achten und meine Werbung nicht wiederholen, ehe sie selbst mich dazu ermuntere. Wir nahmen unverweilt alles durch, was ich in diesen Monaten gearbeitet hatte, und ich erzählte ihr, daß Muoth seine Rolle habe und lobe. Ich bat um Erlaubnis, ihn mitzubringen, da es mir unentbehrlich war, beide Hauptrollen mit ihnen gemeinsam durchzunehmen, und sie gab ihre Einwilligung.
»Sehr gern tue ich's nicht,« sagte sie, »das wissen Sie ja. Ich singe sonst nie vor Fremden, und vor Herrn Muoth ist es mir doppelt peinlich. Nicht nur, weil er ein berühmter Sänger ist. Er hat etwas, was ich fürchte, wenigstens auf der Bühne. Nun, wir werden sehen, es wird doch gehen.«
Ich wagte nicht, meinen Freund in Schutz zu nehmen und zu rühmen, um sie nicht noch scheuer zu machen. Ich war überzeugt, sie würde nach dem ersten Versuch gern mit ihm weiter singen.
Einige Tage später kam ich mit Muoth in einem Wagen gefahren, wir wurden erwartet und vom Hausherrn empfangen, der von großer Höflichkeit und Kühle war. Gegen meine häufigen Besuche und meine Vertrautheit mit Gertrud hatte er nicht das mindeste, er würde gelacht haben, wenn jemand ihn darauf gewiesen hätte. Aber daß nun Muoth dazu kam, gefiel ihm wenig. Dieser war sehr elegant und korrekt, und die Imthors schienen beide angenehm von ihm enttäuscht zu sein. Der als gewalttätig und hochmütig verschrieene Sänger konnte vortreffliche Manieren zeigen, auch war er nicht eitel und im Gespräch bestimmt, doch bescheiden.
»Wollen wir singen?« fragte Gertrud nach einiger Weile, und wir standen auf, um ins Musikzimmer hinüber zu gehen. Ich setzte mich an den Flügel, skizzierte Vorspiel und Szene, gab Erklärungen und bat schließlich Gertrud zu beginnen. Sie tat es unfrei und vorsichtig, mit halber Stimme. Muoth dagegen, als an ihn die Reihe kam, sang ohne Zögern und Schonung mit voller Stimme, riß uns beide mit und brachte uns schnell mitten hinein, so daß auch Gertrud nun sich hergab. Muoth, der in guten Häusern die Damen sehr gemessen zu behandeln pflegte, ward erst jetzt auf sie aufmerksam, folgte ihrem Gesang mit Teilnahme und sprach ihr in herzlichen, nicht übertreibenden, kollegialen Worten seine Bewunderung aus.
Von da an war alle Befangenheit verschwunden, die Musik befreundete uns und machte uns einmütig. Und mein Werk, das immer noch in schlecht verbundenen Stücken halbtot dalag, wuchs mir immer mehr und inniger zusammen. Ich wußte jetzt, daß die Hauptsache daran getan und nichts wesentliches mehr daran zu verderben war, und es schien mir gut. Ich verbarg meine Freude nicht und dankte meinen beiden Freunden mit Bewegung. Festlich froh gingen wir aus dem Hause, und Heinrich Muoth führte mich zu einem improvisierten Festmahl in sein Gasthaus. Da tat er beim Champagner, was er nie hatte tun wollen, er nannte mich Du und blieb dabei, und ich freute mich und ließ es gelten.
»Da sind wir vergnügt und feiern«, lachte er, »und eigentlich haben wir recht, daß wir's im voraus tun, da ist es am schönsten. Nachher sieht es anders aus. Du läufst jetzt in den Theaterglanz hinein, Junge, und wir wollen darauf anstoßen, daß er dich nicht kaput macht wie die meisten.«
Noch eine Zeitlang behielt Gertrud ihre Scheu vor Muoth und ward ihm gegenüber nur beim Singen frei und harmlos. Er war sehr zurückhaltend und rücksichtsvoll, und allmählich sah ihn Gertrud gerne kommen und lud ihn, gerade wie mich, jedesmal mit unbefangener Freundlichkeit zum Wiederkommen ein. Die Stunden, in denen wir drei allein zusammen waren, wurden selten. Die Rollen waren durchgesungen und durchbesprochen, auch hatte bei Imthors die winterliche Geselligkeit mit den regelmäßigen Musikabenden wieder begonnen, an denen nun auch Muoth häufig erschien, doch ohne dabei mitzuwirken.
Manchmal meinte ich wahrzunehmen, daß Gertrud mir fremder zu werden anfange, daß sie sich etwas von mir zurückziehe; doch strafte ich mich für solche Gedanken stets und schämte mich meines Mißtrauens. Ich sah Gertrud als Dame eines geselligen Hauses sehr in Anspruch genommen und hatte oft meine Freude daran, sie inmitten der Gäste so schlank und fürstlich und doch anmutig gehen und walten zu sehen.
Für mich vergingen die Wochen schnell. Ich saß an der Arbeit, die ich während des Winters möglichst zu vollenden dachte, hatte Zusammenkünfte mit Teiser, Abende bei ihm und seiner Schwester, dazu allerlei Briefwechsel und Erlebnisse, denn es wurden da und dort meine Lieder gesungen und in Berlin alles, was ich für Streichmusik komponiert hatte, aufgeführt. Es kamen Anfragen und Zeitungskritiken, und plötzlich schien auch schon jedermann zu wissen, daß ich an einer Oper arbeite, obwohl ich selber außer Gertrud, den Teisers und Muoth niemand ein Wort davon gesagt hatte. Nun, jetzt war es einerlei, und im Grunde freuten mich diese Zeichen des Erfolges, es schien nun endlich und doch früh genug ein offener Weg vor mir zu liegen.
Zu Hause bei den Eltern war ich ein ganzes Jahr nimmer gewesen. Nun fuhr ich zu Weihnachten hin. Ich fand die Mutter liebevoll, doch in der alten Befangenheit, die zwischen uns bestand, und die bei mir eine Furcht vor Nichtverstandenwerden, bei ihr ein Unglaube an meinen Künstlerberuf und ein Mißtrauen gegen die Ernsthaftigkeit meiner Bestrebungen war. Nun sprach sie lebhaft von dem, was sie über mich gehört und gelesen hatte, doch mehr um mir damit eine Freude zu machen als aus Überzeugung, denn im Grunde mißtraute sie diesen scheinbaren Erfolgen ebenso wie meiner ganzen Kunst. Sie war nicht ohne Freude an Musik, hatte früher auch etwas gesungen, doch war immerhin ein Musikant in ihren Augen etwas Armseliges, auch konnte sie meine Musik, von der sie einiges gehört hatte, nicht verstehen oder billigen.
Der Vater hatte mehr Glauben. Als Kaufmann dachte er vor allem an mein äußeres Fortkommen, und obwohl er mich stets ohne Murren reichlich unterstützt und seit meinem Austritt aus dem Orchester sogar meinen ganzen Unterhalt wieder bestritten hatte, sah er es doch gerne, daß ich zu verdienen begann und Aussicht hatte, einmal vom eigenen Erwerb leben zu können, was er auch bei vorhandenem Reichtum für die notwendige Grundlage einer ehrenhaften Existenz ansah. Übrigens fand ich ihn im Bett liegend, er war gerade am Tage vor meiner Ankunft gefallen und hatte sich am Fuß verletzt.
Ich traf ihn geneigt zu leicht philosophierenden Gesprächen, kam ihm näher als je und hatte meine Freude an seiner bewährten praktischen Lebensweisheit. Ich konnte ihm manche meiner Leiden klagen, was ich früher aus Scham nie getan hatte. Dabei fiel ein Ausspruch Muoths mir ein, den ich meinem Vater wiederholte. Muoth hatte einmal gesagt, allerdings nicht im Ernste, er halte die Jugend für die schwerste Zeit im Leben und finde, alte Leute seien meistens viel heiterer und zufriedener als junge. Mein Vater lachte dazu und meinte dann nachdenklich: »Wir Alten sagen natürlich das Gegenteil. Aber dein Freund hat doch etwas von der Wahrheit gefühlt. Ich glaube, man kann im Leben eine ganz genaue Grenze ziehen zwischen Jugend und Alter. Die Jugend hört auf mit dem Egoismus, das Alter beginnt mit dem Leben für andere. Ich meine es so: junge Leute haben viel Genuß und viel Leiden von ihrem Leben, weil sie es nur für sich allein leben. Da ist jeder Wunsch und Einfall wichtig, da wird jede Freude ausgekostet, aber auch jedes Leid, und mancher, der seine Wünsche nicht erfüllbar sieht, wirft gleich das ganze Leben weg. Das ist jugendlich. Für die meisten Menschen aber kommt eine Zeit, wo das anders wird, wo sie mehr für andere leben, keineswegs aus Tugend, sondern ganz natürlich. Bei den meisten bringt es die Familie. Man denkt weniger an sich selber und seine Wünsche, wenn man Kinder hat. Andere verlieren den Egoismus an ein Amt, an die Politik, an die Kunst oder Wissenschaft. Die Jugend will spielen, das Alter arbeiten. Es heiratet keiner, damit er Kinder kriege, aber wenn er Kinder kriegt, so ändern sie ihn, und schließlich sieht er, daß alles doch nur für sie geschehen ist. Das hängt damit zusammen, daß die Jugend zwar gern vom Tode redet, aber doch nie an ihn denkt. Bei den Alten ist es umgekehrt. Die Jungen glauben ewig zu leben und können darum alle Wünsche und Gedanken auf sich selber stellen. Die Alten haben schon gemerkt, daß irgendwo ein Ende ist und daß alles, was einer für sich allein hat und tut, am Ende in ein Loch fällt und für nichts war. Darum braucht er eine andere Ewigkeit und den Glauben, er arbeite nicht blos für die Würmer. Dafür sind Frau und Kind, Geschäft und Amt und Vaterland, damit man wisse, für wen denn das tägliche Schinden und Plagen geschehe. Und darin hat dein Freund ganz recht: man ist zufriedener, wenn man für andere, als wenn man für sich allein lebt. Nur sollten die Alten nicht gar so sehr ein Heldentum draus machen, was es nicht ist. Auch werden aus den eifrigsten Jungen die besten Alten und nicht aus denen, die schon auf Schulen wie Großväter tun.«
Ich blieb eine Woche zu Hause und saß viel am Bett meines Vaters, der kein geduldiger Kranker und freilich außer der kleinen Verletzung am Fuß bei bester Kraft und Gesundheit war. Ich gestand ihm mein Bedauern darüber, daß ich ihm nicht schon früher gerecht geworden und nahegekommen sei, doch meinte er, das sei gegenseitig, und es werde unsrer künftigen Freundschaft besser bekommen, als wenn wir vorzeitige Versuche des Verstehens aneinander gemacht hätten, welche selten gelängen. Vorsichtig und freundlich erkundigte er sich danach, wie es mir mit den Frauen gegangen sei. Von Gertrud mochte ich nichts sagen, meine übrige Beichte war sehr einfach.
»Tröste dich!« sagte mein Vater lächelnd. »Du hast das Zeug zu einem recht guten Ehemann, das merken gescheite Frauen bald. Nur einer ganz armen darfst du nicht glauben, die könnte dein Geld meinen. Und wenn du die nicht findest, die du dir denkst und gern hättest, so ist auch noch nicht alles verloren. Die Liebe zwischen jungen Leuten und die in einer langen Ehe ist nicht dieselbe. In der Jugend denkt jedes an sich und sorgt für sich. Aber wenn einmal ein Hausstand da ist, gibt es anderes zu sorgen. Mir ist es auch so gegangen, du darfst es wohl wissen. Ich war in deine Mama sehr verliebt, und es war eine rechte Liebesheirat. Das dauerte aber nur ein Jahr oder zwei, dann hörte die Verliebtheit auf und war bald bis auf den letzten Rest verbraucht, und wir standen da und wußten nicht recht, was miteinander anfangen. Da kamen gerade die Kinder, deine beiden älteren Geschwister, die ja früh gestorben sind, und wir hatten für die zu sorgen. Darüber wurden unsere Ansprüche aneinander kleiner, die Fremdheit hörte wieder auf, und auf einmal war die Liebe wieder da, freilich nicht die alte, sondern eine ganz andere. Und die hat seither gehalten, ohne viel Flicken zu brauchen, mehr als dreißig Jahre. Es geht nicht allen Liebesheiraten so gut, sogar sehr wenigen.«
Mir war nun allerdings mit diesen Anschauungen nicht gedient, doch tat das neue, freundschaftliche Verhältnis zu meinem Vater mir wohl und machte mir die Heimat wieder lieb, die mir in den letzten Jahren beinahe gleichgültig geworden war. Als ich wieder abreiste, bereute ich den Besuch nicht und beschloß, künftig in besserer Verbindung mit den Alten zu bleiben.
Arbeit und Reisen zur Aufführung meiner Streichmusik hielten mich eine Weile vom Besuch des Imthorschen Hauses ab. Als ich wiederkam, fand ich Muoth, der früher nur in meiner Begleitung hingegangen war, dort unter den meistgeladenen Gästen. Der alte Imthor trat ihm noch immer kühl und leicht ablehnend gegenüber, Gertrud aber schien gut Freund mit ihm geworden zu sein. Mir war das lieb, ich wußte keinen Grund zur Eifersucht und war überzeugt, daß zwei so ungleiche Menschen wie Muoth und Gertrud wohl einander interessieren und anziehen, nicht aber befriedigen und lieben könnten. So sah ich es ohne Mißtrauen, wenn er mit ihr sang und sie beide ihre schönen Stimmen vermischten. Sie sahen gut aus, beide große, hohe, aufrechte Menschen, er dunkel und ernst, sie hell und heiter. Neuerdings kam es mir allerdings zuweilen vor, als habe ihre alte angeborene Heiterkeit einige Mühe, sich zu behaupten, und sei manchmal müde und verschattet. Sie sah mich nicht selten ernsthaft und prüfend an, mit einer Neugierde und einem Interesse, wie bedrückte und geängstigte Menschen einander ansehen; und wenn ich ihr dann zunickte und mit einem fröhlichen Blick antwortete, spannte sie die Züge so langsam und angestrengt zum Lächeln, daß es mir weh tat.
Doch machte ich solche Beobachtungen nur ganz selten, zu anderen Zeiten sah Gertrud so heiter und strahlend aus wie je, so daß ich jene Beobachtungen für Einbildungen hielt oder einem vorübergehenden Unwohlsein zuschrieb. Nur einmal war ich ernstlich erschrocken. Sie saß, während einer der Hausfreunde Beethoven spielte, im Halbdunkel zurückgelehnt und mußte glauben, ganz unbeobachtet zu sein. Vorher, beim hellen Licht zwischen den Gästen beim Empfang, war sie immer klar und heiter anzusehen gewesen. Nun aber, in sich zurückgezogen und offenbar von der Musik unberührt, ließ sie ihr Gesicht gehen und bekam einen Ausdruck von Müdigkeit, Angst und Scheu wie ein verhetztes, ratlos gewordenes Kind. Es dauerte mehrere Minuten, und als ich das sah, wollte mir das Herz stillstehen. Sie litt und hatte Kummer, schon das war schlimm, und daß sie auch vor mir die Fröhliche spielte und auch mir alles verbarg, machte mich ängstlich. Sobald das Spiel zu Ende war, suchte ich ihre Nähe, setzte mich zu ihr und fing ein harmloses Gespräch an. Ich sprach davon, daß es für sie ein unruhiger Winter sei, und daß auch ich dabei entbehre, doch sagte ich alles leichthin in scherzendem Tone. Schließlich erinnerte ich an die Zeit im Frühjahr, da wir die Anfänge meiner Oper miteinander gespielt und gesungen und besprochen hatten.
Da sagte sie: »Ja, das ist eine schöne Zeit gewesen.« Mehr nicht, aber es war doch ein Geständnis, denn sie sagte es mit ungewollter Ernsthaftigkeit. Ich aber las daraus Hoffnung für mich und war ihr im Herzen dankbar.
Gar gerne hätte ich ihr meine Frage vom Sommer wiederholt. Die Veränderung in ihrem Wesen, die Befangenheit und unsichere Scheu, die sie gerade vor mir zuweilen zeigte, glaubte ich doch bei aller Bescheidenheit als günstige Anzeichen für mich hinnehmen zu dürfen. Es war mir rührend zu sehen, wie ihr Mädchenstolz krank zu liegen und sich hart zu wehren schien. Doch wagte ich nichts zu sagen, sie tat mir leid in ihrer Unsicherheit, und mein stilles Versprechen glaubte ich auch halten zu müssen. Ich habe nie gewußt mit Frauen umzugehen; ich machte den umgekehrten Fehler wie Heinrich Muoth: ich ging mit Frauen um wie mit Freunden.