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Fuxloh

Das grüne Holz.

Reading edition

Illustration from Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman

Fuxloh lag ganz hinten in der Welt zwischen den Örtern Blaustauden und Grillenöd, abseits von den breiten Straßen duckte es sich verloren in den Wäldern, ein gar rauhes Dorf voller Tannen. Obst trug dort nur ein einziger Mostbirnbaum, der über hundert Jahre alt war, doch waren seine Birnen so grausam herb, daß man schreien mußte, wenn man hineinbiß. Sonst gediehen nur noch ein paar Vogelbeerbäume und Elexstauden droben an den felsigen Wegen. Aber in ihrem Schatten blühte die weltentlegenste Einfalt in tausend Blumen aus.

Heute findet man das Dorf nimmer, die Wälder sind darüber gewachsen.

Der Fuxloher Wind blies scharf und brannte den Bauern den Schlund aus. Drum war in dem Ort der Durst daheim. Besonders vorzeiten blieben die Männer oft wochenlang auf der Wirtsbank, sie knöpften sich den Latz vom Hosenboden ab und saßen auf dem rohen Fleisch, um das Hirschleder zu schonen. Am Samstag brachten ihnen die Weiber frische Hemden ins Wirtshaus. Und hie und da banden sich die Säufer mit Stierketten aneinander, daß keiner sich heimlich von der nassen Mette wegschleiche und sie alle gemeinsam in des Rausches Elend fuhren.

Dazumal waren die Fuxloher als grobe Schelme, Wilderer und Raufer verrufen, im Lauf der Zeiten aber verloren sie allmählich den übeln Leumund. Es geschah kaum mehr, daß einer den Grenzstein in des Nachbarn Acker rückte, Rösser wurden überhaupt nimmer gestohlen, und selten nur weckte einen nachts das alte Raubschützenblut aus der Rast, daß er aufsprang und an der bayrischen Grenze irgendwo auf einer Waldschneise einen Bock niederknallte.

Nur im Dullhäubelhof hatte sich die alte Art der Fuxloher treulich erhalten.

In einer Schlucht am Wolfsbach, wohin die Bauern vom Dorf herab immer die Gänse trieben, daß sie schwimmen lernten, lag das Gehöft mit dem moosgrünen Schopfdach, darunter an die Mauer ein verschmitztes Gesicht gemalt war mit dem Spruch:

Gott, gib jedem Lumpenhund zehnmal mehr, als er mir gunnt!

Vor langer Zeit, als die ungarische Königin Resel mit dem Preußen Krieg führte, hauste der Pankraz Dullhäubel auf dem Hof. Bei dem kehrte der Reichtum ein. Den Kopf deckte er sich allweil mit einem dreieckigen Hut, an seinem Rock glänzten mehr Knöpfe, als Tage im Jahr waren. Er ließ das Geld springen und hatte die nötige Münze dazu, denn er war ein Werber, und damals, wo Soldaten gegen Preuß und Türk sein mußten, da lohnte sich sein falsches Gewerb. Manch armen Schlucker fing er, der sich über die Grenze herüber verirrt hatte, und der wurde ohne Erbarmen ins Regiment gestoßen, und viele hatte der Pankraz am Gewissen, die im Krieg auf der blutigen Fleischbank verdarben.

Dazumal kam auch ein Erdspiegel ins Haus, der Pankraz handelte ihn einem wallischen Juden ab, und die Fuxloher fürchteten jetzt den Bauer, der das zauberische Gerät verborgen hielt und dadurch Macht gewann über alle andern.

Aber einmal fing er mit seinen Helfershelfern einen Handwerksburschen und kettete ihm die Hände, und als er ihn gen Hirschenbrunn führte, um ihn dort zu stellen, mußte er sich unterwegs bücken, die Schuhschnalle zu schließen, die ihm aufgesprungen war. Den Augenblick nutzte der Gefangene aus, er schlug dem Werber die Fesseln auf den Schädel, daß er hin war.

Ein arger Vogel legt ein arges Ei.

Der Nachkömmling des Pankraz war der Servaz Dullhäubel. Der trieb sich in grünen Jahren in den Wäldern des Lusens umher und schoß die stolzen Hirsche und die starken Bären. Das Wildern fiel ihm leicht, da er sich dazu himmlische Hilfe zu sichern wußte: er schaffte oft des Nachts ein Wildbret in die Blaustaudner Pfarrküche, und dafür schloß der damalige Geistliche ihn und seine Wege täglich ins Meßgebet ein.

Als dem Servaz einmal von einem Jäger der Fuß krumm geschossen wurde, mußte er das freie Wildschützleben lassen, aber sein zorniges Blut gab ihm keine Ruhe, und er wurde der wildeste Raufer waldauf und waldab. Wenn er zum Kirchweihtanz ging, gab ihm die Bäurin immer sein Totenhemd mit. Die Haut war ihm von Messern zerstochen, der Schädel zerschrammt von splitternden Krügen, das eine Ohr abgebissen, die Zähne eingeschlagen. Mit heraushängenden Därmen schleppte er sich einst von Fuxloh nach Blaustauden zum Balbierer, dort schob er fein lind das Gedärm zurück in seine alte Stätte, steckte Speck in das Loch und nähte es sich selber mit des Balbierers Nadel zu. Die Naht hielt hernach noch dreißig Jahre.

Er rühmte sich oft, der Richter solle ihm in seinem Buch ein Gesetzlein vorweisen, danach er noch nicht abgestraft wäre. Kurz vor seinem Absterben noch erschlug er auf der Kegelbahn den Waldheger von Daxloh mit einem Kegel.

Der Apfel rollt nicht weit vom Baum.

Der Nachkömmling des Servaz war der Bonifaz Dullhäubel. Der hatte es wiederum auf das Bier und den groben Bauernwein abgesehen und soff und schlampampte, daß es ihm schier zu den Ohren herausrann. Fuhr er mit dem Rössel in die Stadt, so schob er dort Kegel auf volle Flaschen und streute das Geld den Kellnerinnen hin. Bei jedem Krug, der ihm vorgesetzt wurde, tat er einen von den fünfundzwanzig Gupfknöpfen an seinem Brustfleck auf; war die Weste ganz offen, so zahlte er seine Schuld, knöpfelte wieder zu und hub von frischem an. So wurde er auch in der größten Zeche nicht irr. Wenn er keinen Trunk mehr bewältigen konnte, so bahrten Wirt und Hausknecht ihn auf seinem Wagen auf, das Rössel zog an und trabte mit dem Schlafenden durch Wald und Sternschein heim. Doch hielt es vor jedem Wirtshaus an, beim grünen Kuckuck, beim Posthorn, bei der Siebenkittelwirtin, bei der Mausfalle, beim blauen Mondschein, und wie die Einkehrstätten alle hießen, und der Trunkene reckte sich aus dem Schlaf und gröhlte: »He, Wirt, füll nach!«

Ein anderes Anwesen wäre unter den Hammer gekommen, der Dullhäubelhof aber hielt den Säufer aus. Viel Grund und Boden und Holz und Vieh gehörten dazu, und die Bauern hätten noch viel reicher sein können, wenn es sie darnach gelüstet hätte. Denn der Pankraz, der Guckähnel, hatte einen schönen Schimmel im Stall stehen, und der Waldfürst hätte das schneeblührieselweiße Roß gar gern geritten und dafür den ganzen weitmächtigen Wald bis zum Lusen hingegeben. Der Pankraz aber hätte nimmer getauscht, und wenn der Fürst vor ihm auf den Knieen gerutscht wäre.

Wie gelebt, so gestorben. Vor lauter Gesundheittrinken kam der Bonifaz Dullhäubel um die Gesundheit.

Die Fuxloher mähten gerade die Wiesen, da kroch der Bonifaz in der Scheuer des Wirtes »zum pfalzenden Hahn« ins Heu, seinen schweren Rausch zu verschlafen, und die Mäher verschütteten ihn aus Übermut unter dem Heu. Sie vergaßen ihn aber hernach in ihrer heißen Arbeit und erinnerten sich erst, als die Bäurin ins Dorf kam und nach dem Bonifaz fragte. Schnell räumten sie das Heu weg; da lag der Vergrabene mit lustigem Gesicht, aber erstickt. Weil die Burschen den Weg zum Gericht scheuten, so halfen sie sich, wie sie es verstanden: sie schlugen einen Haken in die Scheuer, wo sie am finstersten war, hängten den Toten dran und drückten ihm seinen breiten filzenen Scheibenhut in die Stirn. Dann schrieen sie das Unglück im Dorf aus: »Leut, Leut, der Bonifaz hat sich aufgehängt!« Und weil eben ein Sturm anfing, glaubten die Fuxloher ihnen gern und sahen mit Grausen, wie der Strick sich dem Bonifaz um Hals und Bart schnürte, und der Totengräber in Blaustauden drunten grub das Grab um drei Schuh tiefer als sonst, daß der Bonifaz nimmer heraus und umgehen könne.

Die Bäurin gab ihm den Scheibenhut mit in die Truhe. Sie meinte, in der Ewigkeit sei es hübsch lüftig, und der Selige sei allweil heikel gewesen auf den Zugwind. Auch steckte sie ihm die Pfeife ins Maul, er möge sich jenseits etwas vorqualmen, daß ihm Zeit und Ewigkeit besser vergingen. Sie war ein fürsorgliches Weib, die Sodonia.

Wie die alten Vögel pfeifen, so stümpern die jungen.

Der Nachkömmling des Bonifaz war der Isidor Dullhäubel. Der schlug sich, als er zur Mannheit kam, mit einem Stein die vordersten Zähne aus, womit die Soldaten das Papier von den Patronen reißen, daß das Pulver ins Gewehr rinne. So blieb der Isidor vor dem Krieg verschont.

Der neue Bauer meinte, ein richtiger Mann müsse neun Kinder zeugen, und da mußte nicht bloß seine Bäurin daran glauben, sondern auch alle Mägde, die auf dem Hofe dienten. Die Kinder außerhalb der Ehe wuchsen frisch und fröhlich heran, die eheleiblichen aber wurden nicht alt. Sein Weib, die Sanna, sorgte sich nicht um die Brut, sie schlief gern und schlief allweil ein, wenn sie säugte, und der Säugling fiel ihr dabei oft aus dem Schoß. So blieben ihr, ein einziges ausgenommen, keine Kinder, trotzdem daß sie sehr fruchtbar war und nur Zwillinge und Drillinge gebären konnte.

Sie grämte sich nicht um die Liebschaften des Bauers. Doch die Sodonia, die Altbäurin, war ob der heidnischen Vielweiberei ihres Sohnes schwer bekümmert. Aber wenn ihm wieder einmal ein Staudenkind auf die Welt kam und die Sodonia ihm es als Sünde heftig verwies, lachte er nur: »Fürs Lebendigmachen ist noch keiner gestraft worden.«

Der Isidor Dullhäubel führte allzeit sein Tabakglas mit, und weit und breit tat es ihm keiner gleich im Schnupfen. Nicht einmal der Blaustaudner Schulmeister, der, selbst wenn er die Orgel zum Hochamt schlug, den Tabak nicht völlig entbehren konnte und darum auch beim Spiel allweil ein braunes Häuflein auf dem Handrücken trug und die Nase oft und oft inbrünstig dazu niederstoßen ließ und mitten in Gottes Lobpreisung andächtig hineinschnupfte.

Als der Isidor noch frommer war, schnupfte er in den Fasten nicht, so sehr es ihn auch lüstete; er tat sich einen Abbruch, um Gott wohl zu gefallen. Erst am letzten Kartag, wenn der Pfarrer sang: »Christ ist erstanden!«, da nahm er sich wieder das erste Schnüpflein. Als aber am Auferstehungstag einmal der Geistliche kein Ende fand und Gebet an Gebet, Litanei an Litanei knüpfte und nimmer in den Erlösungsruf ausbrach, schlug sich der Isidor ungestüm den Tabak auf die Hand: »Ob der Herrgott auferstanden ist oder nit, – ich schnupf!« Seither fastete seine Nase nimmer, und wenn ihm einer dies als Laster vorrückte, wehrte er sich: »Das Schnupfen ist keine Sünd. Der Pfarrer Eusebius hat seine Tabakdose sogar auf dem heiligen Kelch zum Altar getragen. Freilich hat der mit seiner geistlichen Nase nur Spaniol mögen, und ich schnupf brasilianischen Tabak. Aber unser Herrgott kennt keinen Unterschied.«

Dazumal, als sie den alten Bonifaz vom Nagel herunternahmen, lümmelte der Isidor mit seinem Nachbar, dem Mußmüller, im »pfalzenden Hahn«, ließ sich von ihm über den Tod seines Vaters trösten und lüpfte eifrig den Krug.

»Sei froh, daß er hin ist,« redete der Müller. »Es ist dein Glück, daß er im Ausgeding gesessen ist, er hätt dir sonst den ganzen Hof versoffen.«

Der Isidor schaute finster. »Soviel kann keiner versaufen, als ich hab. Und vergönn es ihm, neid es ihm nit in die Grube nach!«

»Dullhäubel,« der Müller hob beschwörend die Stimme, »Dullhäubel, ich weiß es: der Durst schluckt den Bach samt der Mühl.«

»Deinen Bach freilich, Gori, der hat kein Wasser,« grinste der Bauer. »In aller Früh gehst du aus, schlagst mit der Stange den Tau von den Erlen, daß du Wasser aufs Rad kriegst.«

In des Mußmüllers Stirn schnitten sich zwei scharfe senkrechte Falten, er packte das Stutzenglas und hieb es dem Isidor auf den Schädel, daß die Scherben flogen. Jetzt hob auch der Bauer sein Glas und trümmerte es dem Müller auf das Hirn. Das alles geschah ohne sonderlichen Lärm.

Derweil der Wirt neue Gläser holte, saßen sie blutig und lachten.

»Nix für ungut, Müllner.«

»Tu her ein Schnöpflein, Isidor, daß wir einen andern Sinn kriegen!«

Der Bauer zog von dem blauen, geschliffenen Tabakglas den Stöpsel weg, den er aus Weiberhaaren geflochten hatte, und die zwei kräftigten sich an dem scharfen Brasil.

Der Wirt stolperte in die Stube. »Dullhäubel, dein Weib hat sich ein ungeschicktes Wochenbett ausgesucht. Gerad vor der Kapelle hat die Wehstund sie angepackt.«

Der Bauer pfiff halblaut vor sich hin; die Hand, die sich mit einem Schnöpflein heben wollte, sank ihm.

»Sie ist über den Erhängten zu stark erschrocken,« redete die Wirtin zum Fenster herein.

Der Müller riet: »Nachbar, drück die Knie zusamm, daß sie leichter niederkommt!«

»Bei der Kapelle?« besann sich der Bauer. »Das ist kein ungeschickter Ort, Wirt. Da springt der heilige Blaumantel heraus und steht ihr bei.«

»Wir Weiber helfen uns schon selber,« schwätzte die Wirtin. »Ich für mein Teil komm um einen weißen Laib Brot nieder, ich geh dreimal in der Stube hin und her und beutel das Kind ab.«

Der Isidor blähte sich auf. »Studieren muß er, der Bub. Ein hoher Herr soll er werden; Steuern soll er einmal ausschreiben, den Müllnern und den Wirtsleuten!« lächelte er mit pfiffigem Querblick.

»Was? Mir neue Steuern?« brauste der Gori. »Jetzt, wo wir Müllner so schwer geschädigt sind von den neuen Zeiten? Alle Gerechtigkeit haben sie uns genommen. Früher haben wir im Bach fischen dürfen, so weit unsereiner den Hammer hat werfen können. Heut nimmer. Früher ist meine Mühl eine Zwangmühl gewesen; heut schafft ein jeder sein Korn nach Trippstrill und Schlampampen.«

»Dullhäubel, drei Buben!« rief die Wirtin in die Stube.

»Sakerment, wie viel?« Der Bauer hielt wie schwerhörig die Hand ans Ohr.

»Drei Buben. Bis jetzt.«

Der Dullhäubel faltete die Hände. »O Herr, halt ein mit deinem Segen!«

Die Tür knarrte, und auf der Schwelle stand die Hebamme mit einem mächtigen Wickelpolster, drin zwei Büblein kläglich winselten. Eine Magd trug das dritte Kind.

»Drei Buben, Bauer!« meldete die Hebamme. »Eine harte Geburt! Gerad vor der Kapelle.«

Der Isidor Dullhäubel ergrimmte. »Hat er ihr also nit geholfen, der Blaumantel? Da steht er schon so lang auf meinem Grund, und jetzt, wo meine Buben anrücken, jetzt rührt und ruckt er sich nit. Jetzt reicht er keine Hand.«

»Er ist halt ein Heiliger und keine Hebmutter,« beschwichtigte ihn der Müller.

Aber der Bauer eiferte: »Ist doch schon die Muttergottes selber aus ihrem silbernen Gewölk gestiegen und den Weibern beigesprungen in ihrer Stund! Hätt nit der Tropf auch aus seiner Kapelle treten können?!«

»Wischt euch das Blut ab, Männer,« sagte die Hebamme, »und geht gleich mit zur Taufe, daß die Würmer nit als Heiden absterben. Daß sie ins Engelreich kommen und drüben einen Namen tragen. Der ist traurig dran, der keinen Namen führt. Und die Drillinge werden nit lang leben, es sind Siebenmonatkinder.«

Die zwei Männer standen auf und wankten mürrisch den Weibern nach ins Pfarrdorf Blaustauden hinunter.

Dort in der Kirche legte die Hebfrau ihr Paar dem Müller in die Arme, derweil der Bauer den einschichtigen Sprößling hielt. So traten sie zu dem Taufstein.

Der Pfarrer ließ nicht lange warten.

»Hollah, drei auf einem Schub!« lachte er. »Die drei Eismänner haben schon auf deinem Hof gehaust, sind wunderliche Heilige gewesen, Dullhäubel. Taufen wir die da nach den drei Königen!«

Und er taufte sie Kasper, Melcher und Balthauser. Die Büblein hielten sich mäuselstill, und erst, als bei der Taufe des Kasper, den der Bauer selber hielt, der geistliche Herr fragte: »Widersagst du dem Teufel?« da schrie der Bub gar mörderlich auf, als sei er von dem besessen, dem er absagen sollte, und sei mit der Taufe gar nicht einverstanden.

»Halt das Maul, Kerl, oder ich schlag dir die Zähne ein!« drohte der Pfarrer.

»Segnet ihn mir gut ein, Hochwürden, den Kasper!« bat der Bauer. »Spart kein Wasser nit!«

Als die Männer den Weibern wieder die Täuflinge überließen, merkten sie, daß der Melcher und der Balthauser kein Schnäuferlein mehr taten. Der Müller mochte sie wohl ein wenig zu fest an sich gedrückt haben, und es war ungewiß, ob sie getauft oder heidnisch ins Jenseits eingefahren waren.

Der Bauer aber freute sich an dem Kasper. Der hielt die lebendigen Augen offen und sah scharf darein. »Der hat gescheite Augen,« frohlockte der Alte, »das ist ein Kreuzköpfel.«

»Er ist zu früh auf die Welt gekommen, der Spitzbub,« sagte die Hebamme. »Ich will ihn auf der Schaufel dreimal in den Backofen schieben, dann geratet er. Und gespieben hat er auch schon. Speibendes Kind, bleibendes Kind!«

Der Isidor ließ im Wirtshaus noch einen gezuckerten Wein auftragen, wie ihn die Weiber gern mögen, hernach schickte er die zwei mit dem Lebendigen und den Toten heim.

Er selber trollte erst spät seinem Hof zu.

Vor der Kapelle rastete er. Der Mond lugte glashell hinein.

»Blaumantel, ob du schon schlafst?«

Der hölzerne Heilige drin redete nicht und deutete nicht.

»Geh, reck die Nase her und schnupf, heiliger Blaumantel!« spottete Isidor. Er tappte sich zu dem Heiligen hin und schüttete ihm das Tabakglas in den Bart.

Da nieste es auf einmal so schrecklich auf, daß die Kapelle zitterte. Mit schlotternden Knieen floh der Bauer. Und eine grobe Stimme schrie hinter ihm her: »Du wirst deine Schnutel, deine Schnufel nimmer lang tragen!«

Was der beleidigte Heilige geweissagt hatte, das geschah. In ein paar Jahren starb dem Isidor Dullhäubel die Nase am lebendigen Leib ab, wie eine Blume an der grünen Staude verwelkt, und weil er hörte, daß die alten Ritter, wenn ihnen die Hand abgehauen worden war, sich für die fleischene eine eiserne an den Arm hatten schnallen lassen, so suchte er einen Kupferschmied heim, und der setzte ihm eine kupferne Nase zwischen die Augen.

Doch das Leben freute ihn nimmer, seit er nimmer schnupfen konnte, und er vergaß es dem Blaumantel nicht, daß er ihn um das eindringlichste Ergötzen seines Lebens betrogen hatte; schimpfend stampfte er an ihm vorbei und rückte den Hut nimmer.

Als der Kasper so hoch wie der Stubentisch war, und sich schon selber die Tür auftun konnte und ganz listig schon aus den engen Augen herauslugte, da stellte der Bauer ihn vor die Kapelle und schalt unflätig hinein. So keimte in dem kleinen Kasper ein Widerwille auf, und der wuchs, als die Altbäurin Sodonia dem Buben, wenn er etwas Schlechtes getan, mit dem Zorn des Heiligen drohte und diesen als Vorbild eines wohlgefälligen Wandels hinstellte.

Die Alte rüstete den Heiligen mit der Pracht der wunderlichsten Wunder aus und dichtete ihm alle Gewalt über Himmel, Hölle und Welt zu, so daß der Herrgott, an ihm gemessen, nur ein ohnmächtiger Schatten schien. Vor seinem Zauber wurde der Gichtbruch tanzend und wanderte der Lahme, versiegte alles Gebrest; Stumme lobsangen ihn, Blinde wurden geheilt an dem Schimmer seines blauen Mantels.

Der Kasper lehnte oft vor der Kapelle und staunte voll Angst und Trutz hinein.

Am Bach, in dem gemauerten Häuslein, hinter der Gittertür geborgen vor Regen und Schnee, hatte der Heilige seinen Unterschlupf. Mit krausem, rotem Schädel, mit strengen, quellenden Augen und langer Nase stand er drin, das Haupt geneigt unter der Last des Heiligenscheines, am Kinn angeleimt einen fuchsfarbenen Bart aus Menschenhaar, den Mund weit offen und die Arme abwehrend von sich gestreckt, als seufze er: »Gott, hüt mich frommen Bruder vor dieser Welt!«

»Dein Guckähnel hat ihm einmal frevelmütig den Bart gestutzt, aber gleich ist er ihm wieder nachgewachsen, dem Heiligen,« erzählte die Sodonia dem Buben.

»Warum ist er denn heilig?«

»Weil er in einem Felsenloch gehaust hat sein Lebtag.«

»Da ist der Fuchs auch ein heiliger Mann, der schlaft auch in einem Steinriegel hinter der Mühl.«

»Ein Vieh ist nit heilig,« sagte die Altbäurin verdrossen.

Der Kasper faltete die Stirn. »Woher ist der Blaumantel gekommen? Hat er sich die Kapelle selber gebaut?«

Sie zog den Buben auf den Schoß und erzählte: »Gar überlang ist es schon her, da haben die Hirten den hölzernen Heiligen in einem hohlen Baum gefunden, da auf der Stelle, wo er jetzt steht. Sie haben ihn nach Blaustauden geschafft und dort auf den Altar gestellt, aber er ist davon und wieder zurück in seinen Baum. Jetzt haben sie ihn in die Stadt gebracht, daß er nit in einen so langweiligen Einöd trauern müßt, sondern ein paar ansehnliche Heilige um sich hätt, und daß er sich dran gewöhnt, haben sie ihn in der ersten Nacht in eine Truhe unter Schloß und Eisenband gelegt, und der Pfarrer und der Meßner haben sich darauf gesetzt, daß der Vogel nit ausfliegt. Aber der Blaumantel hat die Truhe gesprengt, Pfarrer und Meßner über den Haufen geworfen, und ist wieder zurück in die Heimat. Er hat wollen in der Wildnis geehrt werden, wo er gebetet und gebüßt hat. Da hat man über ihn die Kapelle gebaut.«

Der Kasper schielte mit den verzwinkerten Äuglein hinauf. »Mir hat aber der Vater gesagt, die Fuxloher hätten den sakrischen Blaumantel auf der Wallfahrt gestohlen, daß sie einen wohlfeilen Heiligen hätten. In einem Sack hätten sie ihn daher gebracht.«

»Sei still, Bub,« warnte die Altbäurin, »sonst straft er dich auch. Denk an dem Bauer seine Nase!«

»Meiner Nase darf er nix tun,« trotzte der Kasper.

»Still, still! Sonst kommt gar der Gankerl, steckt dich in den rußigen Kessel, bratet dich, frißt dich.«

Es war, als würde dem Buben die kecke Rede vergolten, denn nach ein paar Tagen wuchs ihm auf der Nasenspitze eine Warze, die ihm gar nicht gut zu Gesicht stand. Das wurmte die Altbäurin, der an des Kasper Sauberkeit gelegen war, aber das Hörnlein blieb, wie oft es auch mit Wolfsmilch und mit Warzenkraut betupft, mit Fensterschweiß gewaschen und mit Roßhaar gedrosselt wurde. Es frommte nicht heißes Schusterpech, und als die Sodonia den Mißwuchs gar mit Zunder wegbrennen wollte, brüllte der Bub entsetzlich und ließ keinen mehr an sich heran.

Da kam die Ulla daher, ein buckliges Bettelweiblein mit einem kleinwinzigen Kopf, drin ein Hirn kaum Platz zu haben schien. Ihr spitzes, haariges Kinn schlotterte, geschäftig drehte sie sich in der Stube hin und her und knüpfte mit einem Faden fünf Knoten über der Warze des Kasper, der sich wie verhext unter dem sonderbaren Tun des Weibleins duckte. Nachher betete sie fünf Vaterunser und murmelte noch ein Heimliches in sich hinein, daß den Buben ein Grausen anflog. Schließlich humpelte sie hinters Haus, und wo die Tropfen vom Dach in die Erde schlugen und eine Rinne gegraben hatten, dort verscharrte sie den Faden.

Als der Mond neu wurde, war die Warze verschwunden, und der Kasper war ein sauberer Bub mit blühroten Wangen, großem, kugelrundem Kopf und flinken Füßen.

Die Ulla aber fürchtete er noch mehr als den Erdspiegel, der im Keller unzugänglich verschlossen lag. Oft stahl er sich zu der verfallenen Hütte der Alten und belauschte sie, wie sie zwischen den Felsen wilde Kräuter brockte und eintrug, wie sie mit den Raben redete und den Schlangen oder einer Staude etwas sagte oder gar einem Stein.

Sonst war er ein Waghals. Er ritt auf den Ochsen und Rössern, kletterte auf die Tannen hinauf bis zur höchsten Spitze, rannte über den Dachfirst, wo der Hauslauch grünte, und niemals stieß ihm ein Unglück zu.

Nur einmal blieb ihm eine Bohne in der Nase stecken, sie wollte nicht heraus und keimte schon.

»Sie wachst dir ins Hirn, Kasper,« jammerte die Altbäurin. »Der Blaumantel wird dich ganz gewiß an der Nase verderben lassen. Ich seh dich schon verkupfert.«

Der Bauer aber klemmte den Kasper zwischen die Kniee und drückte ihm das Gesicht in eine Hand voll Tabak hinein. Da riß es dem Buben den Kopf in die Höhe, er nieste sprühend, und die Bohne flog aus der Nase an die Wand.

Jetzt haßte der Kasper den Blaumantel. Den heilsamen Tabak aber begehrte er, und bald wußte er sich aus des Vaters ungenütztem Vorrat den bräunlichen Staub zu verschaffen, der das Hirn so lieblich kitzelt und erfrischt und das ganze Blut riegelt, wenn der Niesreiz von inwendig her an die Nase herankriecht und schallend zerstäubt.

Weil der Kasper gar so waghalsig und ungebärdig aufwuchs und von den Wipfeln schier nimmer herunter zu kriegen war, wo er die Krähennester ausraubte, sorgte sich die Sodonia um des Enkels leibliches Wohl und Seelenheil und fürchtete, er schlage allzusehr in die Art der Vorfahrer am Dullhäubelhof.

Drum meinte sie zur Bäurin: »Du, Sanna, wir müssen den Daumen mehr auf den Buben halten, daß er nit ausartet. Er hat nit Rast, nit Ruh, wie aus Schlangenschwänzen ist er zusammgesetzt. Er zerreißt zu viel Hosen.«

Die Bäurin gähnte: »Das tut nix. Der Schneider bittet auch ums tägliche Brot.«

Die Alte ließ nicht nach. »Der Kasper hat ein gutes Gemerk, wir sollten ihm einen Schulmeister halten. Der Brunnkressenhannes wär ein gelehrter Mann.« –

Da fand sich der Brunnkressenhannes im Hof ein.

Er war ein magerer, krummhälsiger Gesell, der den Bauern gegen einen Jahrlohn das Vieh hütete. Auch bekam er alljährlich von der Gemeinde ein neues Kuhhorn, und er prahlte oft, zu seinem Begräbnis brauche er keine Musikanten, da würden alle Hirten aus dem Gebirg kommen und auf den Hörnern, die in seiner Kammer hingen, ihm zu Grabe blasen.

Jetzt aber fragte ihn der Isidor Dullhäubel: »Hannes, kannst du schreiben und lesen und rechnen?«

»Und singen auch,« nickte der Hannes stolz.

»Du sollst das alles unserm Kasper in den Kopf bringen. Triffst du das?«

Der Hirt bäumte sich auf. »Das vermag ich wohl. Ich hätt schier selber in der Stadt die Schulmeisterprüfung hingelegt.«

»Warum hast du es nit getan?«

»Ei, da haben mich die Herren von der Schulmeisterschul gefragt, was ich vom Specht wüßt. Ich hab langmächtig hin und her gedacht, und zuletzt hab ich zugeben müssen, daß mir derselbige Specht ganz unbekannt ist und daß ich ihnen überhaupt nix davon erzählen kann, und wenn sie mich erschlagen. Da hat mich einer erschrecklich scharf durch die Augengläser angeschaut und hat auf die Tür gedeutet. ›Behüt Gott! Ich geh gern,‹ sag ich. Und wie ich glücklich draußen bin, steht einer dort, der ist aus der Blaustaudner Pfarrei gewesen. ›Du,‹ sag ich, ›hörst, jetzt gesteh mir auf dem Fleck, was ist denn das – ein Specht?‹ ›O du lieber Landsmann,‹ schreit der, ›du wirst doch schon einmal einen Baumhackel gesehen haben?!‹ Nein, Dullhäubel, wenn ich gewußt hätt, daß der Baumhackel in der Stadt sich Specht schreiben laßt, den ganzen Tag hätt ich den studierten Herren davon erzählen können.«

Der Dullhäubel holte den Hirschenbrunner Volkskalender vom Fensterbrett, schlug ihn vorn auf und hielt ihn dem Hirten hin. »Jetzt will ich mich überzeugen, ob du gut lesen kannst.«

Der Brunnkressenhannes holte aus der Brusttasche eine Brille herfür, rüstete sich damit und setzte ein gelehrtes Gesicht auf.

»Mit Brillen lesen, ist keine Kunst,« rief der Bauer. »Das trifft ein jeder.«

Der Hannes kehrte sich nicht dran und las langsam und gewichtig: »Sankt Kilian stellt die Mäher an. Wann Maria im Regen übers Gebirg geht, dann geht sie im Regen wieder zurück.«

Schnell deutete der Dullhäubel auf eine Eintragung, die auf der andern Seite stand. »Ob du die Schrift auch verstehst?«

Der Brunnkreßner wischte mit dem Ärmel über die Nase und las: »Am Montag nach Mariä Himmelfahrt ist der Kasper auf die Welt kommen. Den Tag hernach ist unsere gelbfleckete Kuh, die Docke, beim Stier gewesen.«

»Selbes ist wahr,« freute sich der Bauer, »meine Mutter hat das geschrieben. Die Zeit stimmt.«

Nun schlug er den Kalender hinten auf und hielt ihn lauernd dem Hirten hin.

Der las: »Viehmärkte in Hirschenbrunn sind zu Georgi, am Tag vor Peter und Pauli, zu Ägidi und zu Martini.«

Der Isidor wunderte sich über die Maßen. »Sakerment, wahr ist es, vorn und hinten kann er lesen. Aber, Hannes, ich muß dich noch mehr versuchen.«

Er rannte davon und kam nach einer hübschen Weile mit einem andern Kalender zurück.

»Den hat mir der Mußmüllner geliehen, es ist ein Linzer Stadtkalender. Ob du den auch verstehst?«

»Das wär nit schlecht.«

Der Hannes las, worauf des Dullhäubel derber Finger zeigte: »Ein Bauer begehrte einen Viehpaß. Der Schreiber fragte: ›Auf wieviel Ochsen?‹ – ›Auf Zwei‹. – ›Und der dritte treibt sie‹, lachte der Schreiber. – ›Und der vierte schreibt sie‹, lachte der Bauer.«

»Sakerment, ist das eine schöne, kurze Geschichte. Und ist sie auch wahr? Und steht das wirklich so drin?« staunte der Dullhäubel.

»Ganz genau, ich beschwör dir es. Tausend Schwüre leg ich darauf ab in einer Viertelstund!«

»So kannst du also einen jeden Kalender lesen vorn und hinten?«

»Oben und unten, geschrieben und gedruckt,« sagte der Hirt.

»Sakerment, wenn du jetzt noch die Gitarr zupfen könntest, du könntest um die größte Schul einreichen,« meinte der Bauer.

Damit war der Brunnkressenhannes als Schulmeister aufgenommen. –

Am andern Tag hütete der Hannes auf der Weide vor dem Vogeltänd das Vieh. Das Kuhhorn im Gürtel, saß er auf einem Stein, und vor seinen Zehen brannten die feurigen Nägelblumen. Rings graste das Vieh, ein rotblümetes Stierlein scherzte, ein Heuschreck hüpfte aus dem Gras auf. Am Himmel glänzte eine linde Wolke.

Da brachte der Isidor Dullhäubel seinen Schüler daher.

»Er wird bei mir Zucht lernen,« rief der Brunnkressenhannes. »Gute Zucht tragt gute Frucht. Da setz dich her zu meinen Füßen, Kasper!«

Er räusperte sich und fing an: »Zuerst müssen wir von der Welt lernen. Drum merk auf, und sag es mir dreimal nach: Die Welt ist eine Kugel.«

»Oha!« schrie der Bauer, der zuhörte. »Weitaus gefehlt! Die Welt ist ein Teller.«

Der Hannes bog den krummen Hals und sah den Dullhäubel scheel an. Nachher begann er wieder: »Du kannst es mir glauben, Kasper! Die Welt ist so rund wie dein Schädel.«

Betroffen tastete der Bub seinen Kopf ab, als wolle er den rechten Begriff von der Gestalt der Erde gewinnen.

Derweil widerstritt der Bauer: »Alles ist gerad und eben. Wo sieht man es denn, daß die Welt kugelrund ist? Wenn es so wär, müßt man ja auf der Seite hinunterfallen. Bucklet ist die Welt, aber rund nit.«

»Die Welt ist rund wie eine Kegelkugel und dreht sich,« sagte der Brunnkressenhannes scharf und unwillig. »Schwätz mir nix drein, Bauer!«

Der Isidor erwiderte: »Wenn die Welt sich dreht, müßt einmal das Wasser aus dem Brunn fallen, du Aff du! Und mit dem Kopf nach unten müßt man zeitweilig gehen, du Aff du! Stell dich einmal auf die Stubendecke hinauf, du Aff du, und fall nit herunter!«

Der Hirt ward hitzig. »Und dennoch dreht sich die Erde um die Sonne!«

Da holte der Bauer weit aus und reichte dem Hannes einen schallenden Hieb. »Ich vertrag viel, aber so arg laß ich mich nit narren, du falscher Lügenteufel. Hab ich es doch erst heut wieder gesehen, wie die Sonn aus der Erd heraus gerodelt ist! Und die Sonn steht nit, sie geht; doppelt so geschwind geht sie wie ein Mensch.«

Der Hannes rieb sich die Wange. »Du bist ein grobes Wetter, Bauer. Aber es hilft dir nix. Und die Gelehrten wissen allerhand, was dir seltsam ist, und sie haben recht. Wie könnten sie sonst die Stund genau ansagen, wo sich der Mondschein verfinstert?«

»Das nehmen sie ja aus dem Hirschenbrunner Kalender, du Narr!«

»Und wer macht denn den Kalender, he?«

»Den Kalender hat es allweil gegeben, du Narr. Hör mir auf mit deinen neugescheiten Gelehrten! Die wissen am End gar, wann Gott die Welt erschaffen hat.«

»Jawohl, Bauer, am dreizehnten März.«

Da schlug der Isidor Dullhäubel ein Kreuz, daß er sich dabei schier die kupferne Nase aus dem Gesicht gerissen hätte, und ging und überließ den Kasper seinem Schulmeister.

Der hob den Finger. »Jetzt, Bub, mußt du einen Spruch lernen. Sag mir ihn nach!

Kind, horch, was dein Gewissen spricht und handle so, dann fehlst du nicht! Die innre Stimme ruft uns zu: Böses meide! Gutes tu!«

Zeile um Zeile drillte er dem Schüler ein, und der konnte es bald auswendig.

»So, jetzt lernen wir Lieder singen!«

Der Hannes zog das Maul schief, sah ins Gras und begann mit meckernden, hohen Lauten:

»Morgens, wenn die Sonn aufgeht und der Tau im Gras da steht, treib ich mit verliebtem Schall meine Viehlein aus dem Stall auf die grüne Hutweid hin, ob ich gleich ein Hirt nur bin.«

»Nun, Kasper, wie gefallt dir das Lied? Es hat eine recht sittsame Weis.«

»Gar nit gefallt es mir,« rief das Bauernbüblein.

»Du Lump, du fauler, du geringschätziger!« tadelte gekränkt der Hannes. »Du wirst auch einmal so ein Bauer werden, der alle Tag Sonntag und alle Sonntag Kirchweih hat und nix tut, als an den Zäunen lehnen. Weißt du vielleicht ein schöneres Lied?«

Der Bub ließ es sich nicht schaffen und gellte aus höchstem Hals:

»Ich schrei hü, ich schrei ho, ich schrei allweil hüstaho!«

»Da loset dem jungen Dullhäubel zu, der braucht keinen Schulmeister nimmer,« sagte der Hirt bissig.

Er kramte einen messingenen Ring heraus, das war seine Sonnenuhr, stellte sie gegen das Licht und sah nach der Stunde.

»Bub,« meinte er, »meine Zeit ist da, mich schläfert. Nimm derweil das Vieh in acht!«

Er unterwies den Kasper noch, wie er sich als Hirt zu halten habe, verblümelte dabei seine Rede mit vielerlei nutzbaren Sprüchen, sank dann auf einmal steif und mit gläsernen Augen ins Gras zurück und schlief.

Der Kasper kümmerte sich nicht um das Vieh, sondern kitzelte die Grillen aus ihren Nestern, und hernach fing er ein paar Bienen, sperrte sie in ein Schachtel, und die war der Stall, dort sollten sie Honig melken. Dann grub er ein tiefes Hummelnest aus. Eine Hummel entkam ihm und irrte herum wie ein fliegendes Baßgeiglein, eine andere aber ertappte er und steckte sie zu den Bienen, denen sollte sie der Weisel sein. Auch die Hummelzellen gab er ihnen in den Stall, sie sollten sich ihrer als Schüsseln und Bratscherben bedienen.

Bald war sein unruhiger Sinn des stillen Spieles überdrüssig, und er schlich sich zu zwei weidenden Kühen hin und knüpfte ihnen die Schwänze zusammen, und als er hernach böse zu summen anhob wie eine Blutfliege, wurden die zwei Tiere vor Angst irr, sie wollten fliehen und konnten nicht, sie versuchten sich zu scheiden, und es gelang nicht, das eine zerrte hin, das andere zog her, sie sprangen immer närrischer.

Der Kasper ergötzte sich daran, und daß seine Lust noch höher steige, stahl er dem Hirten das Horn und stieß mit aller Wut seines Atems darein.

Der Brunnkressenhannes taumelte auf. Er sah, wie die Kühe mit verknüpften Schwänzen, die eine rechts, die andere links, einen jungen Ahorn schier umrissen. Verzweifelt griff er sich ins Haar, das so karg stand wie der armen Leute Hafer.

»Herrgott von Blaustauden, laß nur die Schwänze nit reißen!« Mit diesem und noch manch anderem Stoßgebet rannte er den Kühen zu Hilfe.

Da tauchte der Meßner Grazian aus einer Staude, ein spitzköpfiger, einseitiger Mann; die eine Achsel stand ihm höher als die andere. Er deutete mit krummem Finger auf den Kasper. »Das ist ein liederlicher Bursche. Der wird es zu nix bringen.«

Der Bub blies mißtönig auf dem Stengel einer Ringelblume und schaute, kalt bis ins mittelste Herz, zu, wie der Hannes die ungeduldigen Kühe auseinander tat.

»Dem liederlichen Burschen wird es einmal schlecht gehen,« weissagte der Meßner Grazian, »der wird noch einmal Mäus und Grillen fressen.«

Indes hatte der Hirt sein umständliches Amt vollbracht und fiel nun mit einem heimtückischen Sprung über den Kasper her, lieh sich dessen Ohrwäschlein aus, tappte ihm nach dem Schopf und riß ihm eine dicken Schübel Haare aus. Dabei keuchte er: »Dank hab die Rut, sie macht das Knäblein gut!« und der Kasper sollte den Spruch wiederholen. Der aber stampfte und strodelte unter den Krallen seines Meisters und krähte wie ein junger Rabe, der aus dem Nest gefallen ist.

Der Grazian hingegen predigte aus der Staude heraus: »Der liederliche Bursche rennt dem Galgen zu, er kann ihn nimmer erwarten. Hau zu, Hannes! Hau so viel Ruten an ihm ab, als auf einem Joch wachsen!« –

Damals endete das kurze Schulmeistertum des Brunnkreßners.

Der Isidor Dullhäubel nahm seinen Buben her. »Kasper, du wirst ein großer Bauer wie ich. Du wirst einmal Vieh und Felder und Holz haben. Holz macht die Erde stolz, und du kannst einmal stolz den Kopf heben, und die andern Fuxloher Bauern werden nur Notleider gegen dich sein. Lernen sollst du nit viel, es ist nit gesund. Wer viel weiß, wird nit feist.«

»Zum Hannes geh ich nimmer,« trotzte der Bub.

»Du brauchst auch nit, Bub. Die richtige Meinung über die Welt bring ich dir bei, und lesen und schreiben lernst du von der Altbäurin.«

Es war die lustigste Lehrzeit, die der Kasper bei seinem Vater verlebte. Weil der Bauer glaubte, das Gedächtnis sei die wichtigste Arbeit des Gehirns, so mußte der Bub die scheckigsten Lügenmärlein auswendig lernen, davon die Geschichte vom brennenden Wasser, das mit Feuer gelöscht worden ist, und von der papierenen Kapelle, drin der hölzerne Pfarrer eine haselne Messe liest, noch am glaubwürdigsten war. Hernach brachte der Dullhäubel seinem Schüler, der lebhaft wie ein Hirschlein darein sah, manchen Spottreim und manchen spitzigen Stichelschwank bei und erzählte ihm die Streiche, derer die Dörfer diesseits und jenseits des Gebirges bezichtigt wurden, und bald wußte der Kasper jedem Ort ein Narrenglöckel anzuhängen, und er spottete über die Bärnloher, denen einmal ein Ochs auf den Kirchturm hinaufgestiegen war, und über die Daxloher, wo die Kühe so bitterlich hungern, daß eine der andern den Schwanz abfrißt. Quackten im Mai die Frösche, so lachte der Kasper: »Die Grillnöder singen!« Und wenn die Blaustaudner Glocken über den Wald herauf klangen, sang er:

»Die Blaustaudner läuten, sie läuten vor Not, sie fangen den Bettelmann und nehmen ihm's Brot.«

Der Bub konnte auch bald so kunstvoll mit der Peitsche schnalzen wie ein alter Fuhrknecht. Er schob die Finger ins Maul und pfiff schrill, daß es den ganzen Wald Vogeltänd durchdrang und die Krähen in den Nestern sich duckten.

Weil er den Großen und den Kleinen seine Sprüche und Stichelnamen anhängte, traute sich schier niemand am Dullhäubelhof vorüber, und der Kasper war von allen gefürchtet wie ein bissiger Enterich. Drum fand er auch zu seinen Spielen keinen Gesellen.

Nur des Mußmüllers Gid, ein stämmiger, vertrotzter Bub, vertrug sich mit ihm, und die zwei bauten Wasserräder in den Wolfsbach, durchstöberten die Felder nach gesprenkelten Rebhuhneiern und die Wipfel nach Nestern, fingen Schnerrer und Kranwitvögel, brieten und fraßen sie, fischten und krebsten, schopften und prügelten sich weidlich und söhnten sich wieder aus.

Die Nachbarsbuben waren bald nimmer zu trennen. Und kam einmal der Gid nicht früh genug aus dem Haus, so stellte sich der Kasper vor des Müllers Tür und lockte mit seiner feinsten Kehle durchs Schlüsselloch hinein: »Müllnerin, wenn du den alten Mostbirnbaum magst, mein Vater laßt dir ihn ausgraben. Ist der Gid nit daheim?«

Er tat so fein und so schmeichelnd, weil die Mühle der einzige Ort auf der Welt war, der ihm unheimlich schien. Denn der Müller Gori drohte oft den unbändigen Buben: »Ich laß den Wassermann los, er liegt in der Kuchel im Ofenloch an der Kette.« Und sprang gar der schwarze Hund Zikan, den einmal böhmische Komödianten zurückgelassen hatten, hinter dem Ofen hervor und fletschte den Kasper an, da verzog er sich schnell und blieb eine kleine Weile artig.

Aber das Blut der Buben verlangte allmählich nach verwegeneren Dingen, und die vererbte Rauflust regte sich. So zogen sie oft an die Gemarkung des Dorfes und forderten schreiend die Widersacher heraus.

»Salz in der Butten, Mehl in der Gruben, die Grillnöder sind Hagbutzelbuben.«

Die Grillnöder Buben litten den Schimpf nicht, und sie trauten sich über die Schmäher, und so kam es zu zerkratzten Gesichtern, verbeulten Schädeln und blutigen Häuten, wobei aber der Kasper meist gesund davonging, denn er hielt sich zur rechten Zeit zurück und überließ den Hauptanteil an dem Streit dem Gid.

Der Müllerbub war auch weitaus stärker als Kasper. Nur im Gedächtnis fehlte es ihm.

Einmal schickte der Mußmüller seinen Gid zum Schuster, und dort richtete der Bub den Auftrag ganz verkehrt aus. »Gelobt sei Jesus Christus, Schuster,« sagte er, »da schickt dir der Schuh ein paar Müllner, er laßt dich gar schön doppeln, daß du ihn bitten tätst, und daß du ihm morgen die Schuh machst, er will sie heut noch anlegen.«

Als der Kasper das erfuhr, kannte er die verdrehte Rede gleich auswendig, und er schonte den eigenen Freund nicht und sagte sie ihm allweil wieder ins Gesicht, so daß oft bitterer Unfriede wurde zwischen den Buben und zwischen den Vätern, denn keiner, der Dullhäubel nicht und der Mußmüller nicht, ließ etwas über seinen Sprößling kommen.

Bald traute sich der Kasper mit seinen Schwänken an die großen Leute.

So saß einmal der Schmied mit seinem Gesellen beim Mittag, die Suppe rauchte, und das Weib schnittelte Brot in den Topf. Da sprang der Kasper in die Stube und schrie: »Schmied, helft, helft, euer Brunn brennt!« Hurtig rannten Meister und Meisterin und Gesell hinaus zum Brunnen, und als die Genarrten zurück kamen und alle Sakermenter schalten, stand ein Ochs in der Stube, der hatte die Suppe ausgesoffen und leckte sich noch die Nasenlöcher. »Den Hammer her!« brüllte der Schmied. Er hätte das Bürschlein mit den Ohren vor seine Werkstatt genagelt, wenn es nicht gar so entsetzlich um Erbarmen gebettelt hätte.

Der Kasper lernte dazumal, daß die Leute alles und auch das Unglaublichste glauben, man braucht es ihnen nur zu sagen.

Derlei Unfug trieb er noch viel. Der Bauer litt es und nahm lachend den Missetäter in Schutz. Ein einziges Mal nur vergriff er sich an ihm.

Die Grillnöder Buben brachten dem Kasper einen seltsamen Schimpf auf. »Erdspiegelbub! Erdspiegelbub!« kreischten sie und zeigten auf ihn. Er konnte sich nicht wehren, weil er nicht wußte, was das Wort bedeutete.

Der Brunnkressenhannes sagte ihm hernach, daß im Dullhäubelhof in einem schauerlichen Loch neben dem Krautkeller der Spiegel aufbewahrt sei, drin alles offenbar werde, und in dessen Glas jeder Dieb und Räubersknecht sich zeigen müsse, wenn es der Bauer verlange.

Er erzählte: »Vor alter Zeit ist mein Ähnel einmal durchs Gehölz gefahren. Plötzlich geht der Wagen nimmer vom Fleck. Die Ochsen legen sich ins Joch, daß sie züngeln und der Schweiß ihnen rinnt wie ein Bach, der Ähnel haut mit dem Geißelstecken auf das arme Vieh los, umsonst, der Wagen steht wie angefroren. Da nimmt er vor lauter Zorn die Axt und haut sie ins Hinterrad. Gleich rollt der Wagen wieder fort, als ob nix gewesen wär. Wie der Ähnel hernach zum Dullhäubelhof kommt, hört er es drin ächzen. Er schaut nach. Da liegt der Servaz Dullhäubel blutig im Keller bei dem Erdspiegel und sein Fuß abgehackt neben ihm. Der Servaz hat in dem Glas meinen Ähnel fahren sehen, hat ihm einen Possen tun wollen und den Fuß aufs hintere Rad in den Spiegel gestellt. Und wie mein Vorfahr dreingehaut hat, hat er dem Servaz den Fuß abgehackt. Er soll hernach krumm gegangen sein, der Servaz.«

Der Kasper schlich sich am selben Tag noch in den Keller. Aber die Tür zum Erdspiegel war vernagelt, und als er sie aufsprengen wollte, ertappte der Bauer den neugierigen Buben und legte ihn übers Knie.

Das war das erste und letzte Mal, daß der Kasper des Vaters Faust spürte.

Als die Sodonia den Enkel in solchen Ränken und Schwänken aufwachsen sah, kränkte sie sich arg. Sie machte sich wunderliche Gedanken über ihn und fürchtete sogar eine Zeitlang, der Kasper sei ein Wechselbalg und in der Wiege vertauscht worden, und darum habe er auch einen gar so großen Kopf und ein so boshaftes Gemüt, und sie bereute, daß sie ihm nicht gleich nach der Geburt Märzhasenaugen um den Hals gehängt hatte, den höllischen Tausch zu hindern.

Nun wollte sie seinem Übermut stauen, indem sie ihm die ewigen Leiden vorhielt. Sie blätterte mit ihm durch des Kapuziners Cochem »Goldenen Himmelsschlüssel« und wies ihm drin die Bilder, wie die Sünder am Bratspieß des Teufels gespickt wurden und ihnen der Leibhafte mit feuriger Axt das Fleisch vom Bein metzgerte und das Glied aus dem Gelenk riß, wie Nattern mit giftigen Zungen die Verdammten mitten ins Herz stachen und schleimige Kröten ihnen ins Maul krochen, und wie ein derart gepeinigter Mensch sich nicht helfen und nicht wehren konnte, zumal da er durch den Bauch an den Erdboden genagelt war.

In des Vaters Cochem Höllenspiegel gilbten dürre, duftende Nußblätter. Die Sodonia ließ den Buben oft daran riechen und sagte dazu traurig: »Die Blätter wachsen nit in Fuxloh, sie wachsen in einem Land, wo die Leut milder sind.« Die Alte hatte aus einem fernen Dorf aus dem Vorland des Gebirges herauf geheiratet.

Obschon der Kasper sich in der Nacht abergläubisch fürchtete, am lichten Tag schreckte ihn der Ahnin Warnung nicht, daß auch er einmal in den Höllenkessel hinabquirlen und drunten brennen und braten müsse. Er wurde im Gegenteil immer begieriger, die marterlichsten und verwickeltsten Peinen des Satans kennen zu lernen, als wolle er diesem einstmals als gelernter Gesell behilflich sein. Das merkte die Sodonia mit blutendem Herzen, und sie hakte bald den Höllenspiegel zu und malte den Teufel nimmer an die Mauer.

Der Kasper schlief in ihrer Kammer, und wenn er nachts aufkam, sagte sie mit ihm das Einmaleins auf, um ihn von bösen Gedanken abzuhalten, und lehrte ihn kopfrechnen. Auch die Schrift brachte sie ihm bei, und beim Lesen zeigte er sich recht anstellig, dabei aber geschah der große Fehler, daß das abgegriffene Buch, darin er lesen lernte, »Die lustigen Streiche des Till Eulenspiegel« hieß.

Die einzige Hoffnung der Sodonia war, daß der mißratene Mensch sich schon geraderecken werde, wenn er einmal die Lehren des Glaubens aus berufenem Mund hören werde.

Und es kam die Zeit, da versammelte der Pfarrer Sebastian Knaupler die Fuxloher Kinder vor der Kapelle des Blaumantels, um sie für die erste Beicht würdig vorzubereiten. Er lehrte sie die himmelschreienden und die lässigen Sünden hersagen, erzählte ihnen die biblischen Geschichten und münzte, was er da an geistlichen Dingen vorbrachte, in fröhlichen und handgreiflichen Augenschein um.

Also hob er, als er von der Sündflut erzählte, die Kutte immer höher und höher, damit das steigende Wasser recht anschaulich den Kindern ans Herz schwölle, kletterte schließlich, von den Buben gehoben, auf die Kapelle, das wachsende Meer zu verdeutschen, und rang droben die Hände. Dem Häuflein drunten ward angst, mit weiten Augen schauten sie zu dem geistlichen Herrn auf und in ihren Hirnen dämmerte der Umfang des Strafgerichtes.

Da riß ein Lärm die kleine Gemeinde aus den Schauernder Sündflut in das alltägliche Fuxloh zurück.

Der Brunnkressenhannes, der dem Pfarrer Sebastian Knaupler das schulmeisterliche Amt neidete, sah von der Viehweide nieder, tutete und näselte:

»Auf der Wies und auch am Klee ich so lange umher geh, bis sich laßt ein Brünnlein finden, daß mein Vieh daraus kann trinken, allda setz ich mich in Ruh, nehm die Schwegel, pfeif dazu.«

Wie neugierige Gänse reckten die Kinder die Hälse und lauschten dem Störer. Der Pfarrer drohte: »Da alter Grillenkitzler, jetzt halt schon einmal das Maul!«

Um die Sinne der Kinder wieder an sich zu reißen und die bergüberschwellende Flut in einem verwogenen Bild auszulegen, packte er den Ast über sich und schwang sich in die Föhre. Er glitt aber dabei aus und stürzte. Zum Glück verhängte er sich mit den Füßen in eine Astgabel, die Kutte sank ihm über den Kopf verhüllend nieder und entblößte zwei dünne, borstige Beine, die von einem kurzen Lederhöslein nur spärlich bedeckt waren. Aus der Kutte heraus flehte er gedämpft um Hilfe.

Die Kinder meinten, das gehöre alles zu der biblischen Geschichte, drum rührten sie sich nicht, warteten und staunten. Schließlich kam der Hannes mit einer Leiter gelaufen und erlöste den Herrn Sebastian Knaupler aus seinem absalomischen Zustand.

Der Pfarrer wischte sich den Schweiß. »Kinder, für heut ist es genug. Habt ihr alles begriffen?«

Der Kasper hob die Finger in die Höhe. »Ich begreif nit alles.«

»So mußt du mich fragen, kleine Seele!«

Hellauf rief der Bub: »Was für eine Himmelssünd ist das, die Unkeuschheit?«

»Die Unkeuschheit,« brummte der Geistliche, »das ist, wenn einer die Hosen verkehrt anzieht. Und frag nit zuviel, Bengel, und bet zu deinem Schutzengel, er soll dich nit verlassen!«

»An den Schutzengel glaub ich nit,« sagte der Kasper keck.

»Warum nit?«

»Wenn ich einen Schutzengel hätt, so hätt er mir helfen raufen, wie mich der Schmied in der Beiz gehabt hat.«

Da fiel der Pfarrer über den Buben her und rüttelte ihn beim Kragen. »Du frevelhafter Teufel, wirst du gleich an deinen Schutzengel glauben!« –

In der Woche vor dem Freudensonntag beichtete der Kasper zum erstenmal. Der Pfarrer spitzte seine Ohren scharf, und der Sünderling wispelte hurtig hinein: »Bei der Mußmühl weiß ich ein Nest, sind fünf Eierlein drin, fliegt allweil eine Bachstelze hin. Dir sag ich es. Daß du es aber niemanden sagst, Pfarrer!«

Der Herr Sebastian Knaupler zog das Schneuztuch heraus und schneuzte sich lange. Dann schlug er ein ellenlanges Kreuz in die Luft und segnete. »Geh hin, o Mensch, deine Sünden sind dir vergeben!«

Der Kasper ging hin und wuchs sich gemächlich zu einem stämmigen Burschen aus, stark und gelenkig. Sein Kopf war noch größer geworden, nur die Augen blieben winzig und die Stimme hoch und dünn und kichernd, wie er sie als Kind gehabt hatte.

Er plagte sich nicht, mit seiner Arbeit hätte er sich kaum das tägliche Brot verdient. Viel lieber schlüffelte er im Dorf umher und lauschte überall hin mit offenem Maul und verschlagenem, flinkem Blick. Hemdärmlig stand er auf der Kegelstatt und wog und warf die Scheibkugel, daß es donnerte.

Die Sodonia verwarnte ihn oft und rieb ihm vor, wie Müßiggang bösen Ausgang nehme, besonders bei einer Bauernwirtschaft, er aber pfiff sich ein Lied lustiger als das andere, rückte sich den Hut schief und sang:

»Und ein bissel bin ich bucklet, und ein bissel bin ich krump, und ein bissel bin ich tilltapp, und ein bissel bin ich Lump.«

Weil er in der Rede gut beschlagen war und keinem die rechte Antwort schuldig blieb, und weil er schier aus lauter schönen Spitzbübereien zusammengesetzt war, wählten ihn die Burschen, die im Fasching vermummt durch die Dörfer reisten, zu ihrem Hanswurst, und in diesem Amt trug er einen strohenen Dreschflegel, einen Spitzhut und ein Kleid, aus hundert bunten Flecken närrisch zusammengewürfelt wie seine Seele.

Der Müllergid ging als der Hauptmann voran, ein gefranstes Handtuch als Schärpe vor der Brust, auf der Achsel einen Spieß, der sich unter dem Speck bog, den sein tolles Gesindel aus den Rauchfängen der lachenden Bauern heimste.

Und der Kasper stürzte jäh ins Knie, hob die Hände auf und schrie kläglich: »Ihr lieben Daxloher, ich bitt euch um Gottes willen, gebt her ein Pfund Teufelsspeck! Leugnet es nit, vor Dreikönig habt ihr den Teufel abgestochen und in den Rauch gehängt. Und ich bitt euch gar schön um eine kuhwarme Blutwurst, so lang muß sie sein, daß sie sich neunmal um den Blaustaudner Turm wickeln laßt und dreimal um eure Bürgermeisterin.«

Dann sprang er wie ein Heuschreck auf und schlug sich mit dem Strohflegel eine Gasse durch die Gaffer, und während seine Gesellen am Dorfanger tanzten und der Pritschenmeister einen der Zuschauer auf die Bank legen ließ und ihm fünfundzwanzig auf die Hinterlandschaft maß, durchstöberte der Kasper die Speckkammern und Ofenröhren der unbewachten Gehöfte, und kam dann üppig beladen zurück zu seiner Bande und jauchzte: »Die ganze Welt ist ein Fasching, juchu!«

In Blaustauden trieb der Kasper einen verreckten Geißbock auf. Sein Gesindel grub hinterm Dorf ein Loch und senkte den Bock hinunter. Der Kasper hielt die Grabrede: »Unser lieber, guter Herr Burgermeister ist tot.« Und einer kniete neben ihm, als Wittib verkleidet und jammerte, daß es einem das Herz zerspaltete und den Weibern rings das Wasser aus den Augen sprang. »Ein guter Hausvater ist dahin,« hub der Kasper wieder an, »ein braver Ehemann. Ihr Jungfern von Blaustauden, ich wünsch euch allen einen so eifrigen Mann.«

Der Meßner Grazian aber, der unter den Leuten stand, begehrte auf. »Ich laß den Blaustaudner Jungfern ihre Ehre nit angreifen,« schrie er und drängte sich scharf zu dem Redner hin.

Gleich wurden die Köpfe rot, ein Knäuel ballte sich zusammen, Fäuste reckten sich, und der Meßner lag auf einmal in der Grube auf dem Geißbock.

Es wäre zu blutigen Schlägen gekommen, wenn nicht der neue Pfarrer Nonatus Hurneyßl eingegriffen hätte, ein aufrichtiger und entschlossener Mann. Mit dem Regenschirm jagte er die Leute auseinander, verfolgte damit den Kasper, der sich mit dem Strohflegel nur schwach wehren konnte, zum Ort hinaus und half schließlich mit dem nämlichen Schirm seinem Meßner aus der Grube.

In der Nacht vor dem Fastensonntag trommelte es dem Grazian ans Fenster. Der Grazian, in der Meinung, es gelte, einen Kranken zu versehen, tat den Laden auf, und blitzschnell wurde etwas Gehörntes, Fürchterliches, an eine Stange Gebundenes in die Stube gestoßen, und das roch abscheulich.

»Der Teufel ist es, er stinkt nach Schwefel!« schrie die Meßnerin und fiel aus einer Schwäche in die andere.

Der Grazian dachte gleich an seine Höllenfahrt und kroch plärrend unters Bett.

Als die aufgeschreckten Nachbarn in die Stube leuchteten, fanden sie einen halbverwesten Geißbock.

Der Grazian wollte sich den Fastenbraten und den daran hängenden Spott nicht gefallen lassen und übergab die Sache dem Gericht. Der Täter aber kam nicht auf, trotzdem daß alles mit den Fingern auf ihn hätte weisen können.

Damals geigte die Sodonia dem Kasper tüchtig die Wahrheit, und es schien, als ginge der Bursch in sich und verabscheue seinen Wandel, der die Leute ärgerte.

Er stellte sich Tauben ein, züchtete sie und handelte damit und redete von nichts mehr als von Schopf- und Kropf- und Trommeltauben, von rotgesudelten und schwarzgesudelten, spiegelnden und rauhfüßeten Tauben und pfiff den Vögeln den ganzen Tag und lockte sie, die über den First des väterlichen Hauses trippelten.

Und in der Zeit dieser zärtlichen, weichen, sehnsüchtigen Pfiffe, und während er die Spiele und Scherze der Vögel betrachtete, wie der Tauber sein Weiblein umtanzte und girrend scharwenzelte und sie am Schnabel zog, und wie die beiden beleidigt und dann wieder schön mit einander taten, da wurde das Blut des Kasper ganz wunderlich, und er konnte sich selber nicht begreifen.

Und einmal, der Mond blinkte in die Stube, wo Bauer und Bäurin in dem breiten Himmelbett schliefen, da tappte sich der Kasper zur Tür. Aber er stieß an einen Stuhl, und der Bauer fuhr auf und sah den Burschen schleichen.

»Wohin denn, Bub?«

»Vater, heiraten möcht ich,« lallte der Kasper halb im Schlaf.

»Du hast recht. Heut noch nit, aber morgen, Bub. Und jetzt leg dich nur wieder!«

Folgsam kehrte der Kasper um und schlief weiter. –

Seit jener Mondscheinnacht lachte der junge Dullhäubel den Dirnen in die Augen. Und um sich vor ihnen ein Ansehen zu geben, handelte er sich vom Krämer eine Tabakspfeife mit buntem Kopf ein, die steckte er in die einwendige Brusttasche, daß das Mundstück herausguckte. Auch putzte er sich mit einem blauen Hut, grasgrünen Hosenträgern und einer breiten Uhrkette auf und ließ sich unter der Nase einen fuchsfeuerroten Schnurz wachsen. Und seine Schultern wurden breiter, seine Hände fester und griffiger. Nur die Stimme blieb ihm hoch und kindisch schrill.

Einmal saß die Sodonia nachts im Bett auf, weil sie sich den Schlaf nicht erzwingen konnte. Da hörte sie es wie mit Diebestritten das Haus umspüren und bald hernach den Kasper draußen halblaut singen:

»Dirndel, tu auf und laß mich zu dir, bin ein armer Kaplan, sollst beten mit mir!«

Die Alte witterte neuen Unfug, und sie wollte die Hand über des Burschen Unschuld halten. Denn seine Mutter, die Sanna, kümmerte sich nicht um ihn, sie lag den halben Tag hinter der Scheuer unter der Hollerstaude, und die Stalldirn fing ihr die Läuse.

Die Sodonia wurde wachsam, und bald darnach merkte sie, wie sich der Kasper nach dem Essen davon zog und auch die Geißdirn verschwunden war. Schleunig suchte sie Dachboden, Stall und Stadel durch, bis sie schließlich zu einem alten, von Brombeergebüsch verwucherten Backofen kam, dort sah sie vier Füße heraus stehen. Sie packte das eine Paar kräftig an und zog den Kasper heraus.

Scheltend führte sie ihn zum Bauer. Aber der lachte unbändig und freute sich über den Ort, wo die Verliebten ihre Zuflucht gefunden hatten.

Es war zum letztenmal, daß der Isidor Dullhäubel sich freute. Er verfiel auf einmal, sein Gesicht wurde käsweiß, die kupferne Nase überzog sich mit Grünspan, und er behauptete, sie täte ihm weh. Die Kraft ging ihm aus.

Zu Mariä Geburt rief er den Kasper zu sich in die Stube. Er zog sich die hirschlederne Hose aus, die von den Vorfahrern überkommen war, warf sie dem Burschen hin und murrte: »Da!« Auf dem Tisch schillerten sieben Tabakgläser, darin die Namen der Wochentage geschliffen waren, und das Sonntagsglas glühte rot wie ein brennendes Herz. Der Bauer deutete darauf und ächzte: »Da!« Hernach ließ er sich matt ins Himmelbett fallen und starrte zu dem Spiegel hinauf, der darüber als Decke hing, und sah droben das kalkige Gesicht und die grüne Nase und seufzte.

So wich der alte Bauer dem jungen. –

Am Kirchweihsonntag schleppte sich der Isidor Dullhäubel zum letztenmal in den »pfalzenden Hahn«. Und als er mitternachts toll und voll heimkehrte, weckte er seine Bäurin und sagte fröhlich: »Heut hab ich die Krankheit versoffen.«

Der Kasper schwenkte noch am grauen Morgen die Dirnen im Tanz, als sein Knecht ganz außer Atem daher kam. »Kasper, heimgehen sollst du. Der Bauer ist gestorben.«

»Hast du mich erschreckt!« antwortete der Kasper. »Ich hab schon gemeint, der rotblassete Tauber wär hin.«

Der neue Bauer schaffte dem Toten ein schönes Begräbnis an. Die kupferne Nase nahm er ihm, als er in der Truhe lag, weg, sie konnte dem Isidor beim Jüngsten Gericht mehr schaden als nützen. Der Kasper band sie an den Senkel der Stubenuhr, die schon längst ein stärkeres Gewicht gebraucht hatte. So hing ihm allzeit ein Andenken an den Verewigten vor Augen.

Die Musikanten bliesen, der Pfarrer spritzte den Weihbrunn über die Truhe und betete um das immerwährende Licht und um die ewige Rast, und der Kasper heulte am Grab des Isidor Dullhäubel und begehrte, man solle ihn gleich mit dem Alten einscharren.

Hernach ließ er sich nach ewigem Dorfbrauch ins Wirtshaus spielen, und dort ging es feucht und lustig her, daß der junge Dullhäubel beim Abschied schluchzend zu den Musikanten sagte: »Mein Vater hat jetzt eine schöne Leich gehabt. Wenn wir leben und gesund sind, müßt ihr mir bei meinem Begräbnis auch so schön aufspielen.« –

Der Mond war schon schlohweiß unterwegs, als sich der Trunkene heimtrollte.

In der Blaumantelkapelle war es hellicht. Der Kasper Dullhäubel stierte hinein. Ihm schien es, der Heilige beutle unwillig den Kopf und hebe die Handteller gegen ihn, als greine er: »Fahr ab, du Sündenlümmel!«

»Du bist ein Lümmel, nit ich!« antwortete der Bauer. »Und meine Nase nimmst du mir nit, die ist kerngesund. Schau nit so scheinheilig drein! Wer weiß, wer du gewesen bist bei Lebzeiten.«

Der Heilige glotzte mit offenem Mund, der Mond verlieh ihm Leben.

»Dir verdank ich meinen roten Bart,« knurrte der Dullhäubel. »In dich hat sich meine Mutter verschaut, wie sie mich getragen hat. Wir zwei rechnen noch einmal ab miteinander. Und red nit so grob mit mir! Jetzt bin ich der Dullhäubel.« –

Tags darauf bat er die Altbäurin, sie möge ihm ein altes Heiligenbuch leihen, das er einmal in ihrer Truhe gesehen hatte.

Die Sodonia freute sich. »Das Buch schenk ich dir, Bauer. Das ist recht, daß du jetzt einkehrst bei dir und das Leben der Heiligen lesen willst, daß du ein Beispiel vor dir hast. Und so wachst in deiner Frömmigkeit ein gutes Blümel aus deinem Vater seinem Grab.«

»Sind alle Heiligen drin?« fragte er kurz.

»Alle! Alle!« Sie nickte feierlich.

Eine Woche lang buchstabierte er sich durch das andächtige Buch, daß er das Leben des Blaumantels kennen lerne. Er hoffte, in der Erdenwallfahrt des heiligen Nachbarn einen schwarzen Fleck zu finden, wie ja die stolzesten Heiligen oft die größten Sünder gewesen sind. Vielleicht hat der Blaumantel einen Bauer im Roßhandel betrogen oder es mit einem leichtfertigen Weibsbild gehalten oder gar irgendwo auf der Straße einen Wegfahrer abgegurgelt. Es gibt gar wunderliche Brüder unter den Heiligen. Und wenn der Dullhäubel den Fleck des hochfährtigen Heiligen aufgedeckt hat, wird er ihm ein paar schöne Strahlen aus dem Heiligenschein zupfen und ihm gehörig heimgeigen, wenn der Blaumantel ihm noch einmal ins Gewissen reden sollte.

Doch wie scharf der Bauer auch die Buchstaben ins Auge nahm und wie mißtrauisch sein Finger über die Zeilen tappte, daß ihm nichts entwische, er fand in dem Buch nicht einmal den Namen des Heiligen.

»O du Duckmauser, wer weiß, was für einer du bist?« grinste der Kasper Dullhäubel. »Jetzt will ich dir erst recht nachspüren.«

Er suchte den hochwürdigen Herrn Nonatus Hurneyßl heim.

Der Pfarrer lehnte gerad im Predigtstuhl, der ein großes, nach oben offenes Schneckenhaus war, und erzählte die Marter des heiligen Sebastian.

»Was gilt es, du kriegst den Pfeil in die Gurgel!« rief er. »Was gilt es, du kriegst den Schuß in den Nabel! Bums, sitzt dir der Pfeil im Schienbein! Ja, meine lieben Seelen, da sperrt ihr euer Maul auf und loset. He, du alte Zipfelhaube im dritten Stuhl am Eck, schlaf nit! Greift dich denn die Marter gar nit an? He, du Bürgermeister von Grillenöd, räusper dich nit so laut! He, Mausfallenwirt, lach nit so mit den Stockzähnen! Versuch es, laß du dir einmal von einem gottschändlichen Buben mit der Schindelbüchse einen Nagel in den geschwollenen Magen schießen!«

Da knarrte das Kirchtor, der Kasper Dullhäubel stand da und tappte demütig in den Weihbrunnkessel.

»Gehorsamster Diener, Dullhäubel!« grüßte der Herr Nonatus Hurneyßl grimmig. »Hast du den Weg verfehlt? Oder regnet es draußen, weil du da herein kommst? Kannst du nit zur Zeit da sein? Mußt du mich in den schönsten Martergeschichten stören? Hast du vielleicht einem Geißbock die letzte Ölung geben müssen? Das möcht ich wissen, was du heut von unserm Herrgott verlangst. Herrgott im Altar, trau dem Dullhäubel nit! Ja ja, schnupf nur, und tröst deine Nase! Der Teufel wartet auf dich, er bekränzt schon die große Bratröhre, wo er dich dünsten wird. Amen.«

Die Gemeinde murmelte: »Vergelts Gott!« und der Pfarrer stieg schwerfällig von der Schneckenkanzel herab.

Nach der Messe schob sich der Dullhäubel in die Kanzlei des geistlichen Herrn.

Der rief leutselig: »Ei, was für ein Wind tragt den Dullhäubel daher? Willst du gar schon heiraten? Das wär ratsam. Deine Wirtschaft braucht ein Weib.«

»Mich druckt ein besonderes Anliegen,« entgegnete der Bauer. »Sag mir, Hochwürden, woher stammt denn unser guter Schutzheiliger, der Blaumantel? Und was für Martern hat er erlitten, eh die Fuxloher ihn in die Kapelle gesperrt haben?«

»Meine liebe Seele, ich kann dir darüber nit viel Auskunft geben. Euer Heiliger schreibt sich eigentlich Sankt Aurazian, so steht es in unserm Kirchenbuch zu lesen. Sonst ist über ihn nirgends ein Wort zu lesen, so viel ich auch die Heiligengeschichte nachgeblättert hab. Mein Vorgänger, der Pfarrer Sebastian Knaupler, hat in selbiger Sache einen Brief an die päpstliche Kanzlei in Rom geschrieben, aber auch die haben nix gewußt vom heiligen Aurazian. Er muß ein gar bescheidener Mann gewesen sein, weil er nix von sich hinterlassen hat als seinen Namen.«

Der Dullhäubel dankte und ging. Bei der Siebenkittelwirtin kehrte er ein und trank, bis er strotzte, und erst, als er keinen Trunk mehr vermochte, besann er sich auf den Heimweg.

Die Nacht war schwarz, kalter Regen schlug durch den Wald. Der Steig war voll Gerill und Geröll und voll lauernder, tückischer, schlüpfriger Wurzeln, so daß der Bauer oft hinstürzte.

Vor der Kapelle zündete er sich die Pfeife an und beleuchtete den Heiligen. Der wehrte mit den Armen ab, als wolle er keinen Teil haben an dem Dullhäubel und als grause ihm vor dessen trunkenen Wandel.

»Herr Auraz Blaumantel, jetzt red du selber, wer du bist,« gröhlte der Bauer. »Gelt, du staunst, daß ich deinen Taufnamen weiß? Ich komm dir schon hinter die Schliche. Red, wer du bist! Du hast das Maul allweil offen und kannst nit giges und nit goges sagen.«

Schärfer schlug der Regen nieder, der Wind bog die Bäume, der Wolfsbach sauste.

»Von dir weiß nit einmal der Papst in Rom, woher du bist, du zugereister Heiliger. Aber ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«

Und er kroch in die Kapelle, rollte den Blaumantel in den Regen hinaus, legte sich an seine Statt und schlief ein. –

In aller Frühe stapfte der Holzhacker Longinus Spucht mit seinem Weib daher, zwei Leute, eines kleiner als das andre. Sie wollten weit in den Lusenwald hinein, Bäume schneiden, und hörten es jetzt in der Kapelle drin schnaufen und rasseln und gurgeln.

»Um teufelswillen, Weib, der Blaumantel schlaft hart,« wisperte der Spucht.

»O du Batzenlippel,« spottete sie, »wie kann denn ein Hölzerner so schnaufen?!«

»Also ist es ein Bär,« stammelte er.

»Schau hin, ob niemand in der Kapelle liegt!« befahl sie.

Er tat ein paar verzagte Schritte und rief: »Ist niemand in der Kapelle?«

Da kreischte drin eine greuliche Stimme: »Was, bin ich jetzt auf einmal der Niemand? Ein großer Herr bin ich, auf der Welt gibt es keinen größern. Ich bin der – –«

Weiter hörten die zwei nichts, sie rannten in einem Saus dem Wald zu. –

Die alte Ulla hob hernach den obdachlosen Heiligen wieder in seine alte Heimstatt und wusch ihm den blauen Mantel, der arg beschmutzt war.

Im Gau des Lusens ging bald das Gerücht um, der Heilige habe mit zwei armen Holzhackern ein frommes Gespräch geführt.

Der Dullhäubel aber prahlte sich, er habe die ganze Nacht mit dem Blaumantel im »pfalzenden Hahn« gesoffen und Karten gespielt und habe schließlich den trunkenen Heiligen heimschaffen müssen.

Das Frühjahr kam, die Tage nahmen auf.

Da tändelten die Vögel, der Birkhahn krudelte, der Kiebitz tanzte um seine Frau, der Fuchs lief der Füchsin nach und der Has der Häsin.

Und wie die Sterne so zierlich leuchteten und der breite Bauernmond über den Fuxloher Heustadeln hing, stieg der Dullhäubel auf halsbrecherischen Waldsteigen übers Gebirg hinüber ins Bayernland der Einöd Kaltenherberg zu. Der Lugausbauer dort hatte eine mächtige Tochter.

Das Gehöft lag schon finster.

Der Dullhäubel klopfte an.

Drin meldete sich der alte Lugaus. Er trat ans Fenster und spähte in die weiße Nacht heraus.

»Bist du der Bauer?« fragte der Dullhäubel.

»Der bin ich.«

»Tu auf! Heiraten möcht ich. Deine Tochter möcht ich.«

»Hoho, wer bist denn du? Der Lugaus gibt sein Mensch nit dem ersten besten, der in der Nacht daher reitet. Wir Bauern auf der Einöd sind dumm, aber zum Narren haltet uns keiner.«

»Dem Mußmüllner aus Fuxloh sein Bub bin ich. Hast du noch nie nix gehört von der Mußmühl?«

»Ei freilich! Komm nur herein! Bist herzlich gern gesehen.«

Der Alte riegelte die Tür auf, dann stieg er im Vorhaus die Stiege ein paar Staffeln hinauf und rief in die Bodenluke hinein: »Ogath, heb dich! Heb dich schleunig! Der Mußmüllnerbub ist da. Schlupf in den Kittel! Leg an dein seidenes Gewand!«

Der Dullhäubel setzte sich auf eine mit Rosenstöcken reichlich bemalte Truhe und ließ die Füße baumeln.

Die alte Bäurin gab ihm die Hand und kicherte und nickte unablässig. Der Lugaus brannte einen Span an und steckte ihn in den Leuchter am Ofen, hernach ließ er sich am Tisch nieder und schmunzelte übers ganze stoppelige, faltige Gesicht.

»Gesehen hab ich dich noch nit, Müllnerbub,« sagte er. »Ich bin nur ein einziges Mal drüben gewesen in Fuxloh. Der Weg her ist gar wild, voller Steinfelsen und Gewurz. Dazumal bin ich mit dem Leiterwagen herübergefahren von Fuxloh. Den Weg hab ich dersider verschworen und verredet. Wie ich die Ochsen so antreib, verlier ich zuerst die Leitern, hernach das linke Hinterrad, hernach das rechte, hernach das linke Vorderrad, hernach das rechte, schließlich den Hinterwagen, und wie ich daheim war, waren nur mehr die Ochsen da mit der Deichsel.«

Die Ogath trat herein, eine starke, große Dirne. Über Achsel und Brust hing ihr ein haselbrauner Zopf; ein ganz kleines, feines Bärtlein wuchs ihr über der Lippe, es stand ihr gar nicht schlecht.

»Da setz dich zu ihm hin,« sagte der Lugaus. »Heiraten sollst du!«

Halb schläfrig, halb verschämt ließ sie sich auf die Truhe nieder und schmiegte sich an den Dullhäubel. Die alte Schwieger nickte und kicherte.

»Die Ogath ist für dich, Müllnerbub, die kriegst du,« fing der Lugaus wieder an. »Schau sie nur an, wie sie gestellt ist! Wie hochbrüstig sie ist! Ja, meine Menscher haben Schmalz. Drei hab ich schon ausgeheiratet, leicht hab ich sie angebracht. Die Ogath ist jetzt die letzte.«

»Schön ist sie wie ein Nägleinstock,« kicherte die Lugausin.

Der Bursch tat den Arm um das volle, noch von Bett und Schlaf warme Weib, und sie schielte heimlich zu ihm hinüber.

»So red ihm doch schön zu, Ogath!« drängte die Alte. »Bist denn du eine Stummin?«

»Nach Fuxloh geb ich das Mensch gern, Fuxloh ist ein schönes Ort,« sagte der Lugaus.

Die Junge erwiderte mit tiefer, lachender Stimme: »Herzlich gern geh ich fort aus der Einöd.«

Der Dullhäubel gab ihr recht. »Eure Einöd gilt bei uns nit viel. Der Isidor Dullhäubel, Gott schenk ihm das ewige Licht, hat gespottet, bei euch täten sie den Mittag mit dem Kleiensack ausläuten.«

»Der Dullhäubel hätt über seinen kupfernen Kumpf spotten sollen!« fuhr der Alte auf. »Wie man hört, hat den Hof jetzt wieder genau so ein Spitzbub wie alle seine Vorfahrer.«

»Ich bin aber der Mußmüllnerbub,« redete der Dullhäubel flugs darein.

»Ein Müllner ist mir recht. Den nimmst du, Ogath! In einer Mühl staubt es das ganze Jahr ein kleines Geld und ein großes auch. Freilich« – dabei kniff der Lugaus listig ein Auge zu – »Diebe sind die Müllner alle.«

Die Schwieger rieb sich die hageren Hände, sie huschte emsig hin und her, zupfte an der Ogath ihren Kittel, brachte dann einen Laib Brot und nötigte den Hochzeitswerber zum Tisch.

»Du kommst in eine gute Freundschaft, Müllner,« sprach der Einöder. »Mein Bub ist auch recht, der ist ein Herrgottelschnitzer in Straubing. Den Kopf hat er von mir, die Füße sind wie Stangen, und einen Hund hat er auch.«

»Sei nit so verstockt, Ogath! Red mit ihm!« riet die Alte.

Und die Dirne sprach: »Rot solltest du nit sein, Müllner! Ein roter Bart steht selten auf einem guten Ort. Aber für sein Auswendiges kann der Mensch nix. Sonst gefallst du mir.«

Der Lugaus und die Lugausin zischelten eifrig aufeinander ein und winkten und lächelten sich zu. Die zwei Leute glichen sich sehr, die breiten, runzlichen Stirnen, die kleinen, wackelnden Kinne, die langen Nasen, dünnen Lippen und gutmütigen Augen ähnelten einander derart, daß man nicht gewußt hätte, wer der Bauer und wer die Bäurin sei, wenn er nicht die Hosen und sie nicht den Kittel angehabt hätte.

»Lugaus, wie hast du denn dein Weib kennen gelernt?« fragte der Dullhäubel lustig.

»Ich bin zum Häusel hinein, und sie zum Häusel heraus, da haben wir uns begegnet,« lachte der Alte. »Und zwischen Sommer und Winter ist es gewesen: wie ich zu ihr gangen bin, ist die Welt grün gewesen, und wie ich von ihr heim bin, hat es geschneit, alles in einer Nacht.«

»Und was ist es mit dem Heiratsgut, Bauer?«

»Ich laß mich nit lumpen. Einen Strumpf voller Silber kriegt meine Tochter mit, zwei Küh und eine funkelneue Bettstatt. Und ein schönes Spinnrad laß ich ihr drechseln.«

»Sie taugt überall hin, die Ogath,« eiferte die Alte, »in jeder Kuchel kann sie stehen. Sie kann zwei Brühen kochen, eine süß, die andre sauer. Und gerichtet ist sie auch gut, sie hat zwei Schürzen, eine schwarztibetene und eine rottibene.«

»Bauer, Bäurin, das alles müßt ihr mir verschreiben,« begehrte der Dullhäubel.

»Du sollst es schriftlich haben. Gleich setzen wir miteinander den Heiratsbrief auf. Bäurin, bring Tinte, Feder und Papier, daß wir die Sach in Gang und Schwang bringen.«

Die Alte stellte ein Fläschlein rußiges Wasser hin. Aber weil sie die Gänse im Stall nicht aufstören wollte, gebrach es an einer Feder, und Papier fand sie nicht vor.

Da wandte der Lugaus die Tischplatte um. »Das ist jetzt das Papier.« Er reichte dem Dullhäubel einem Halm Kümmelstroh. »Da tauch ein, Müllner, in die Tinte und schreib! Ich und mein Weib sind keine Schriftgelehrten, zu unserer Zeit ist weit und breit keine Schul gewesen.«

Der Alte schaffte jetzt an, und der Dullhäubel kratzte emsig mit dem Stroh seine hagebuchenen Buchstaben auf den Tisch.

»Schreib hin, Müllner! ›Und die Ogath kriegt tausend Taler mit und einen Kammerwagen voll Zeug und unsere Küh Köpfel und Prinzel. Der Name des Herrn sein gelobt!‹« Hernach setzte der Lugaus drei Kreuze unter den Heiratsbrief und drehte die Tischplatte wieder auf die alte Seite, daß die Schrift nicht verwischt werde.

»Jetzt knie dich nieder, Ogath, daß ich dir den väterlichen Segen geb!«

Sie zierte sich ein wenig, dann fiel sie polternd auf ihre starken Kniescheiben hin, die Bäurin schneuzte sich in den Unterkittel, der Lugaus breitete wie ein Pfarrer über sie die Hände aus und sagte: »Sei froh, Ogath, daß du keine alte Jungfer wirst, du brauchst nach dem Tod nit im Moos die Kiebitze hüten!«

»Hör zu, Schwäher! Die zwei Küh tät ich mir gern anschauen,« bat der Dullhäubel.

Der Lugaus leuchtete mit dem Span in den Stall, wo das Vieh lag und atmete. Mit gekrümmtem Fuß trieb er die verbrieften Kühe auf. Sie schauten sich mürrisch um und zogen das Maul scheel.

»He, Köpfel, auf, du mußt nach Fuxloh! Prinzel, du auch. Fuxloh ist ein schönes Ort. Du kannst sie dir gleich mitnehmen, Müllner, die Küh.«

»Heut ist der Weg zu finster, Schwäher. Aber wann soll uns der Pfarrer zusamm binden?«

»Meinetwegen heut noch,« kicherte der Lugaus.

»Schwäher, ich hätt der Ogath noch was heimlich zu sagen.«

Der Alte blinzelte schelmisch: »Geh nur zu mit ihr, Müllner, und sag ihr es deutlich!«

Da ging der Dullhäubel mit der Ogath aus dem Gehöft in den Wald hinein. Ein mondsüchtiges Füchslein gellte, lau strich die Luft durch die Stämme, und Nacht und Himmel waren spiegelheiter.

Mit seinen läppischen Händen tappte er nach ihr.

»Laß mich aus!« schalt sie und entrang sich ihm.

Als er sie dennoch mit zangenden Fingern packte, kerbte sie ihm die Nägel ins Gesicht.

Er ließ murrend ab. »Stutzig und trutzig bist du wie eine Kranwitstaude!«

»Du kannst mich einmal genug anrühren,« tröstete sie, »heut wär es noch zu früh. Aber jetzt geh ich mit dir, ich will die Mühl rauschen hören, wo ich einmal die Müllnerin bin.«

Dem Dullhäubel schoß das Blut bis zum Schopf hinauf. Da hatte er sich eine saubere Suppe eingebrockt! Wie die Dirne so ruhig und fest wie ein Felsen vor ihm stand! Die gibt nimmer nach.

»Ich kann dich nit mitnehmen,« stotterte er. »Es paßt sich nit. Was täten die Leut dazu sagen?«

»Die Leut sollen reden! In drei Wochen sind wir Mann und Weib.«

Sie faßte mit festem Griff seine Hand und schlug mit ihm den Weg über die Grenze ein.

Es war still worden, der Fuchs klagte nimmer. Der Mond stand im Vollschein.

»Bist du allweil so einsilbig?« fragte sie.

»Ich red oft ein ganzes Jahr nit,« stieß er heraus. Er stolperte unwirsch dahin und dachte, wie er sie vertreiben und die Gefahr abwenden könnte, die gäh wie ein Waldgewitter über ihn aufdrohte.

Im dicksten Tann blieb er plötzlich stehen und schaute sich ratlos um. »Jetzt haben wir uns vergangen. Ich weiß keinen Weg.«

Sie lachte. »Wir steigen ins Tal. Drunten in den Schluchten hebt der Bach an, der leitet uns gewiß zu deiner Mühl.«

Sie zog ihn den Waldsteig hinab; es war, sie rieche den rechten Weg. Dem Dullhäubel ward unheimlich.

Wenn der Gid den Streich erfährt, dann weh!

Der Kasper Dullhäubel nahm sich vor, sich närrisch zu stellen, daß er die felsenfeste Braut verscheuche.

Droben am Ast schrie ein Schuhu.

Der Bursch hielt an und zischte hastig: »Horch, wie schön der Vigelvogel pfeift!«

»Du spassiger Bub du!« sagte sie ruhig.

Er langte nach einem Ast und wollte sich daran hinauf schwingen. Sie hielt ihn zurück.

»Willst du hinauf, deinem Vigelvogel singen helfen?«

»Ich bin gefährlich«, knurrte er. »Der Mond zieht mich alle Nacht in die Höh. Gestern bin ich aufgewacht, wie der Mond schwarz worden ist, da bin ich in Blaustauden auf dem Turmknopf gesessen.«

»Der Mond nimmt mir dich nit, mein Müllner. Zieht er dich an, so häng ich mich dran. Und ich bin gewichtig.«

»Ich bin gefährlich,« murmelte er. »Ich hab schon mehr als einen umgebracht.«

»Das glaub ich nit,« sprach sie.

Er stierte sie finster an, lange, lange, bis ihr schauerlich zu Mut wurde. Er fing auf einmal ohne Ursache grausig zu lachen an und sang unverständliches Zeug: »Schön knieweit, schön dachslet, unten lauter Leut, oben wie eine Tirolerin!«

»Müllnersbub, ist dir das Rädel laufend worden?« rief die Ogath erschrocken.

»Weh, weh, weh! Das Mühlrad dreht sich mir im Kopf!« flüsterte er, duckte sich und schlug einen Purzelbaum.

»Du hast ein Fieber, Bub.«

»Die Liebe zerwirrt mich, Dirn.« Er jauchzte hellauf, kniete dann vor eine Rotkröpfelstaude hin und betete ein Vaterunser.

Sie riß ihn stark in die Höhe. »Entweder bist du unrichtig im Hirn, oder feindet dich der höllische Geist an,« sagte sie. »Jetzt darf ich dich nit verlassen, ich muß dich in die Mühl bringen und deinen Leuten übergeben.«

Der Dullhäubel verzweifelte an seinem Glück, dumm und stumm ließ er sich führen, und sie redete ihm tröstlich zu und betete still vor sich hin, Gott möge seinen Verstand wieder hell werden lassen.

Je näher sie Fuxloh kamen, desto glühender ward dem Schelm der Weg unter den Fersen. Er mußte die Ogath verscheuchen, sonst fiel ein Berg von Unheil und Spott über ihn.

Er schluchzte auf einmal kläglich auf. »Ogath, ich verdien dich gar nit. Kehr um, kehr um beizeiten! Ich könnt dein Unglück sein.«

»Ja warum denn?«

»O die Leut reden schlecht von mir! Aber es ist alles, alles nit wahr. Die Ehr schneiden sie mir ab ellenlang. O die Welt ist grundverdorben!«

»Gar so schlimm werden sie dir doch nit nachreden, Bub. Und ein wenig verzeih ich dir schon.«

»Ich schäm mich soviel,« plärrte er, und die Tränen rollten ihm übers Gesicht. »Die Leut sagen, daß ich – daß ich – schwanger bin.«

Er riß blitzschnell das Messer heraus, stieß es in eine Fichte, hängte den Hut daran und sprang in hohen Sätzen davon.

Ihr war um das schöne blaue Hütlein und um das blanke Messer leid, sie raffte die Sachen an sich und rannte ihm nach, und weil sie gar flink auf ihren rüstigen Beinen war, holte sie ihn ein, als er keuchend bei der Blaumantelkapelle rastete und bei dem Heiligen Hilfe zu suchen schien wie ein gehetzter Hirsch beim Einsiedel.

»Bub, Bub,« beschwor sie ihn, »wenn du so arg heuchelst, soll dich der Herrgott strafen. Schwör mir bei dem Heiligen da, daß du mich nit narrst. Der Heilige hat das Maul offen, steck die Hand hinein. Wenn du falsch schwörst, beißt er sie dir ab.«

Aber der Dullhäubel entriß ihr das Messer und fuchtelte damit irrsinnig im Wind herum. Taub gegen ihren Jammer, kniete er am Weg hin zu einem dürren Kuhfladen, zerschnitt ihn und reichte ihr schluchzend die Hälfte. »Ogath, nimm es an und trag es um den Hals zum Andenken!«

»Mein Herr und mein Gott!« rief sie aus und kehrte traurig um. Denn da war nimmer zu helfen. –

Daheim drehte sie die Tischplatte um, zu sehen, was der Bräutigam geschrieben hatte. Anstatt des Heiratsbriefes las sie einen Reim.

Drunt im wilden Moos liegt ein totes Roß, vorn und hint offen, ist der Schwäher draus gschloffen.

Die Ogath rieb den Schandspruch mit einer Bürste ab. In ihrem Hirn blieb er brennen.

Sie schluckte den Zorn hinunter und schwieg Vater und Mutter gegenüber. Doch den falschen Buben wollte sie heimsuchen und ihm ein schweres Donnerwetter anheben.

Am Aller-Wetter-Herrentag ging die Ogath übers Gebirg nach Fuxloh, wo sie sich den Weg zur Mußmühle weisen ließ.

Dort vor der Tür auf einem eingegrabenen Mühlstein stand der Gid und zündete sich die Pfeife an. Zuerst rieb er das blauköpfige Zündholz hinten am Sitzfleck, hernach am Knie und an der Schuhsohle, schließlich spreizte er die Beine, bückte sich zu dem Mühlsteinpflaster und streifte daran, und als auch das kein Feuer gab, schleuderte er fluchend das Hölzlein weg.

Da stand die Ogath vor ihm. »Das Glöckel läutet, Mühlbursch. Schütt Korn zu, statt daß du da so langweilig spielst.«

Der Gid staunte die starke fremde Dirne an, dann meinte er spöttisch: »Hoho, da kommt eine daher gelaufen und will mir was schaffen.«

Sie antwortete stolz: »Ich reit nit auf der Geiß daher. Ich weiß, wer ich bin und was ich hab, und ich weiß, wem ich angehör.«

Der junge Müller lachte. »Du kannst die Kaiserin selber sein, mir hast du nix zu sagen. In der Mußmühl bin allweil ich der Herr.«

Da fühlte die Ogath einen brennenden Stich im Herzen und merkte, daß sie von dem bösen Nachtbuben zwiefach betrogen worden war. Aber sie ließ die Zähren, die ihr die Augen schwimmen machten, nicht übers Ufer treten, und weil sie sich einmal die Mühle in den Kopf gesetzt hatte und ihr der staubige, finsteräugige Bursch auf dem Mühlstein besser gefiel als der fuchsbärtige Freier, und weil sie es daheim in der Einöd nimmer freute, so wollte sie versuchen, ob sie da in dem brausenden Haus ihr Bleiben könnte haben.

Und das Blut schlug ihr auf einmal so hart in der Ader, als sie sagte: »Wenn du der Müllner bist, so frag ich dich, ob dein Weib keine Dirn braucht?«

»Ich bin ledig,« antwortete er, »aber die Mutter hätt eine Hilf not, sie ist nit gesund.«

Sie trat näher. »So ding mich auf. Stark bin ich. Da greif mir den Arm an. Deine Mehlsäck heb ich leicht.« Und jäh umschlang sie den jungen Müller bei den Knieen, und ehe er sich ihrer erwehren konnte, hob sie ihn in die Höhe.

Als er verwirrt und schier taumelnd wieder Boden faßte, stammelte er: »Du hebst einen Mühlstein. Du hast Kraft wie ein stürzendes Wasser. Du bist zu brauchen.«

Er dingte sie auf, und sie half ihm in der Mühle, rannte die bestäubten Stiegen auf und ab, goß das Korn in den Trichter und warf sich spielend die Mehlsäcke über die Schulter, als wären sie mit Federn gefüllt. Sie lernte die Schleusen öffnen und die Mühlsteine schärfen mit dem Kieshammer und die Pfannen der Räder schmieren und besorgte das Vieh im Stall und den Mittag am Tisch und die gichtische Müllerin im Bett. So gewann sie bald das Herz der Alten, und die schwarzen Augen des Gid flogen ihren schnellen und kräftigen Bewegungen allzeit nach.

Einmal abends saßen sie beisammen. Der Alte hatte die Stirn gerunzelt, er starrte in die Milchsuppe wie in einen Spiegel und vergaß zu essen.

»Die Suppe kühlt dir aus,« mahnte die Müllerin. »Ärger dich nit über das, was nit zu ändern ist!«

Der Alte drehte die trübe Stirn der Ogath zu. »Ja, Ogath, vormals hat es eine schöne Gerechtigkeit für uns gegeben: meine Vorfahrer haben von jedem Sack Getreid einen Zins einheben dürfen, und wenn ihn auch die Fuxloher in der Kuckucksmühl, in der Grillenmühl oder in der Samstagmühl haben mahlen lassen.«

»Heut sind die guten Gesetze abgeschafft,« tadelte der Gid. »Alle Ordnung ist zerfallen. Das wurmt mich.«

Die Ogath redete wie ein tröstlicher Geist. »Männer, den Stein, den man nit heben kann, laßt man liegen. Die Mußmühl wirft genug Geld ab und hat genug zu mahlen; sie könnt sich noch einmal so geschwind drehen, die Arbeit tät nit abreißen.«

»Es ist nit das allein, was mich betrübt,« raunte der Alte. »Aber jetzt rührt sich der Mühlteufel wieder. Bei jeder vierten Brut meldet er sich. Zuletzt ist er bei meinem Ähnel gewesen, – jetzt kommt er zu dir, Gid.«

Die Gichtische erhob sich ängstlich im Bett. »Hast du ihn gehört?«

»Jeden Samstag hör ich ihn, Weib, da plätschert er im Wasser unterm Mühlrad.«

»Du irrst dich, Vater,« sprach der Gid. »Es rauscht und saust nur der Bach so seltsam.«

»Ich hör ihn schon seit drei Samstagen,« beharrte der Alte.

Die Angst schüttelte die Bettlägrige wie ein Frost. »Hast du ihm am letzten Nikolaitag was zu essen in die Radstube hinunter geschüttet?«

»Das hab ich besorgt, Weib. Und einen Filzhut hab ich ihm auch hinunter geworfen, daß er sich ihn auf das grüne Haar setzt und uns den Frieden laßt fürs ganze Jahr. Und jetzt ist er trotzdem da.«

»Wie schaut er denn aus?« lächelte die Ogath.

»Zwischen den Fingern hat er Häute wie ein Fischotter, und im Wasser wird er nit naß. Im Wasser ist er stark wie neun Rösser, man kann ihn nit überwinden; am Land ist er nit kräftiger als neun Fliegen. Wie der Ähnel noch auf der Mühl gewesen ist, hat der Wassermann häufig in der Nacht geklagt wie eine Seel, die die Seligkeit nit findet.«

»Ich leid ihn nit im Haus,« grollte der Gid, »ich richt ihm die Otterfalle auf.« –

Von jetzt an blieb es in den Samstagnächten immer still unter dem Mühlrad, wie atemlos auch die zwei Müller hinunterlosten.

Doch einmal, als der Gid den Vater aus dem Haus und die Ogath bei der siechen Mutter wußte, da hörte er es durch das Brausen des Mühlrades seltsam planschen und rauschen.

Der junge Mensch lauschte fieberisch.

Badet wirklich einer drunten mit schilfgrünem Schopf und spitzem Gebiß und langen Krallen? Zählt er die Seelen der Ertrunkenen, die er unter gläsernen Töpfen drunten gefangen hält?

Den Gid übermannte es, mit dem Unhold, der ihm die Werkstatt unheimlich machte, auf Leben und Sterben zu raufen. Wild riß er die Tür zur Radstube auf. In der schäumenden Traufe des Mühlrades, in wirbelnden, stoßenden Wassern, im Dämmer sah er es schneeweiß leuchten, er hörte einen weichen, entsetzten Schrei und stürzte sich hinab ins Wasser und hielt den wunderkühlen, starken Leib seiner Magd Ogath in den Armen.

Ehe der Mond sich wieder füllte, hielten die zwei Hochzeit.

Die ganze Freundschaft von Fuxloh und Grillenöd und jenhalb des Gebirges rückte an, die Männer mit Myrtensträußen in den schwarzen Röcklein, die Bäurinnen schwarzseiden vom Kopftuch bis zum Kittel, die Jungfern schillernd in braunen und rötlichen Kleidern.

Der Hochzeitslader jauchzte und wünschte dem Bräutigam einen Stall voller Ochsen und viel Körner im Kasten und einen Beutel voller Geld, der schickt sich in die Welt. Der Braut herentgegen wünschte er den Stall voller Kühe, davon eine mehr Milch gibt als dem Nachbarn seine neun Stiere, und wünschte ihr in sechs Jahren sieben Kinder und zuletzt einen rotschädligen Buben.

Da wies der Gid in die Weite: »Dort kommt endlich der Brautführer daher, und der ist mein bester Freund, der Kasper Dullhäubel.«

Die Ogath war nicht wenig verdutzt, als sie den falschen Burschen daher schlendern sah, der in der Nacht um sie gefreit. Er hatte sich zwar den roten Schnurrbart weggeschabt, doch sie erkannte ihn an dem großen, runden Kopf und den winzigen Zwinkeraugen gleich wieder. Sie tat aber, als wäre er ihr fremd.

Der Dullhäubel hatte sich mit Maschen und Sträußlein fein herausgeputzt, sein Brustfleck war mit doppelt aufgereihten Silberzwanzigern verknöpfelt, und an der geschmiedeten Silberkette klingelte ein silbernes Rössel und ein halbes Dutzend Frauentaler. Und als die Brautschar gen Blaustauden ging und die Bauern jauchzend die runden Hütlein schwangen, da warf der Dullhäubel seinen Hut am höchsten und er schnackelte mit den Fingern und schnalzte mit der Zunge, und keiner tat es ihm gleich.

Über den Wald herauf winkte der Turm mit dem Schindeldach, der Wildtauber ruchzte im Tann, gelbe Schnäbel schwätzten, das Laub spielte, Blumen liebäugelten auf der Wiese.

In ihren knisternden Schuhen trat die Braut stolz daher, ihr lichtgrauer Seidenrock hatte tausend Falten und stand über die vielen Unterkittel also breit gesträubt, daß sie kaum zur Kirchtür hinein konnte. Im Haar saß ihr ein künstlicher Myrtenkranz, der vorn über der stattlichen, ernsten Stirn wie eine Krone geflochten war und, sich über dem Scheitel teilend, weit über den Nacken herabhing.

Mitten durch die in langhalsiger Neugier erstarrten Blaustaudner führte der Dullhäubel die Braut zum Altar, und er konnte es sich nicht versagen und wisperte ihr zu: »He, tragst du den Kranz mit Recht?«

Sie sah ihm groß in die fuchsschiefen Augen und antwortete: »O du hundsschlechter Kerl!«

»Du hast mich also nit vergessen, Ogath. Schau, das freut mich.«

»Verschwunden bist du wie der Teufel, wenn man ihn mit Weihwasser abspritzt,« murmelte sie zornig und kehrte sich ab.

Er zog sein Rubinglas aus dem Sack und tröstete sich mit brasilianischem Tabak.

»Pfui Teufel,« sagte sie laut, »jetzt hab ich einen schnupfenden Brautführer!«

Er schaute scheinheilig zur Orgel hinauf. »Ich freue mich schon auf die schöne Musik,« flüsterte er. »Du wirst schauen, Ogath, wie zärtlich unser Schulmeister orgelt. Das Wasser wird dir in die Augen schießen.«

Der Pfarrer Nonatus Hurneyßl schritt zum Altar und gab die Brautleute zusammen. Es war ein Paar, wie es die Blaustaudner Kirche noch nie überwölbt hatte, der starke, finsterschauende Mann Gid und die große, schöne und stille Ogath.

Doch als der Orgler das Brautamt begann, hub ein derart wüster Mißklang an, daß die Leute erschraken, der Schulmeister mußte einhalten, er sprang wie besessen von der Orgelbank und fluchte, der Balgentreter horchte in die Windkammer hinein, ob nicht der Leibhafte drin knotze, und endlich kamen die Musikanten dahinter, daß ein verwogener Schelm in der Nacht vorher die Orgelpfeifen unter einander vertauscht hatte.

Das Hochzeitsmahl war im »pfalzenden Hahn« gerüstet.

Die Ogath saß schweigsam und blaß zwischen dem Gid und der Igelbäurin, die als erfahrene Brautmutter sorgte, daß die alten Bräuche geübt wurden.

Auf den Tellern dampfte Rindssuppe und Kuttelfleck und Bäuschel; mit Zuckersachen besteckter Reis ward aufgetragen und Kaffee in ansehnlichen, bunten Töpfen und dazu Gugelhupf und leckerer Kuchen. Die Gäste packten sich Schweinsbraten und fette Würste in Bündel zum Heimtragen ein. Als die Ehstandsbrühe, drinnen Rindfleisch schwamm, auf den langen Tisch gesetzt wurde, sagte die Brautmutter mit bedächtiger Würde zu den Brautleuten: »Nit süß und nit sauer, gerade recht, so wie der Ehstand ist.«

Der Dullhäubel spießte einen Knödel auf, biß hinein und sprach kauend über den Tisch hinüber zur Ogath: »Ob du schon weißt, warum bei eurer Mühl keine Scheuer ist?«

Sie merkte, wie sich ihres Mannes Stirn verfinsterte, und wich der Frage aus: »Ich weiß nix und will nix wissen.«

Der Dullhäubel aber kröpfte den Knödel hinunter und erzählte: »Da ist in der Mühl einmal der Korbflicker auf der Stör, und die Müllnerin stellt ihm eine Eierbrüh hin mit Knödeln. Der Mann will mit dem Löffel einen Knödel auseinander zwingen, aber es geht nit. Jetzt setzt er gewaltig an. Der Knödel weicht ab, haut das Fenster durch, doppelt durch, springt draußen an einen Stein, daß das Licht davon fliegt, schlagt an die Scheuer, die Scheuer fallt um. Da hat der Korbflicker drein geschaut!«

Der Gid reckte sich und zückte die Gabel. »Kasper, du willst mich heut an meinem Ehrentag spotten?!«

Die Ogath zog ihn auf die Bank zurück. »Du sollst doch einen Spaß verstehen, Gid!«

Der junge Müller stocherte wütend ins Kraut hinein.

Der Dullhäubel grinste. »Selbigesmal, wie die Müllnerin, die die steinernen Knödel hat kochen können, geheiratet hat, da ist es weit gemütlicher gewesen als heut. Damals haben sie so kräftig getanzt, daß der Fußboden durchgebrochen ist, und allsamt sind sie in den Stall hinuntergepurzelt. Die Braut ist zwiespältig auf den Stier zu sitzen kommen.«

Der Gid schlug auf den Tisch, daß die Ehstandsbrühe aushüpfte. »Du lügst mehr, als ein roter Hund rennen kann, Kasper.«

Der alte Müller beugte sich zum Dullhäubel hin. »Du plauderst allerhand Dummes über unsere Mühl, du Springinges mit deinem gelben Schnabel, und ist doch die Mußmühl weitaus die fürnehmste Mühl gewesen. Die Fuxloher Bauern haben bei uns mahlen müssen. Das Recht hab ich noch schriftlich daheim, du kannst es lesen. Die alten Fürsten haben ihren Namen drunter gesetzt. Heut haltet sich keiner mehr darnach, es ist eine untreue Zeit. Jeder fahrt mit seinem Malter, wohin er will. Der Mühlzwang hätt nit abgeschafft werden sollen. Das ist nit recht.«

Der Gid ward rot wie ein Feuer. »Die alte Pflicht muß wieder aufkommen,« sagte er heiser. »Ich leid es nit anders. Allsamt wie ihr da sitzt, Fuxloher, müßt ihr das Korn bei mir aufschütten. Ich setz es durch.«

»Meinem Vater haben sie das Recht abgezwungen,« rief der Alte, »ins fürstliche Schloß haben sie ihn geladen und haben ihn dort so lange gehaut, bis er zu allem Ja und Amen gesagt hat. Jetzt gehen viele Gaukelmühlen an unserem Bach, hat aber kein Müller ein rechtes Geschäft und keiner recht zu fressen.«

»Das riegelt mir die Galle,« schrie der Gid.

»Am Papier haben wir es schwarz auf weiß, der Fürst hat es bestätigt. Und was geschrieben ist, bleibt geschrieben. Ganz Fuxloh muß in die Mußmühl!«

»Ich nit,« trotzte der Dullhäubel.

Mit einem Blick wie ein Stichmesser tappte der Gid über den Tisch, und der alte Müller hielt den Dullhäubel schon an der Gurgel.

Im rechten Augenblick noch fuhr der Meßner Grazian darein, die schneidende Stimme erhob er: »Lasset uns ein andächtiges Vaterunser beten für die verstorbene Freundschaft des Bräutigams und der Braut!«

Da verstummte die Zwietracht, und alle Stimmen vermischten sich in einem eintönigen Gebet für die verschollenen Seelen der Vorfahren.

Hernach spielten die Musikanten hellauf, daß in allen das Waldblut zu zucken und zu springen anhub, und der Hochzeitslader schrie: »Das Brautpaar soll vivat leben!«

Der Dullhäubel trat vor die Igelbäurin hin und begehrte als Brautführer von ihr als sein Recht den ersten Tanz mit der Braut.

Die Brautmutter richtete sich hoch auf. »Erst bring mir eine Kerze, die Tag und Nacht brennt!«

Jauchzend schwang sich der Dullhäubel zum Fenster in den Garten hinaus, rannte um den Zaun herum und kam mit einer Brennessel wieder, und die steckte er der Iglin in das Bierglas.

»Brenn dich nit an der Kerze, Brautmutter. Und jetzt laß mich mit ihr landlerisch tanzen!«

»Brautweiser, erst bring mir sechs Lichter, ein jedes muß anders brennen.«

Der Dullhäubel verschwand in der Kuchel und trug nach kurzer Weile ein Brett daher, darauf glühten sechs kleine Stengelgläser mit Kirschgeist und Kümmel und anderen roten, gelben und lichten Schnäpsen.

»Kostet den goldnen, Brautmutter!« lockte er und bot ihr ein Stämplein dar, »das ist ein süßer Trunk, wie ihn die Weiber gern mögen. Du bist ja genäschig wie eine Geiß.«

Die Iglin zierte sich ein wenig, griff dann schämig nach dem gelben Schnaps, spitzte den Mund und kostete lächelnd. Im Hui ward ihr Gesicht sauer, und es schüttelte sie am ganzen Leib. »Der Spitzbub hat mir einen Essig gegeben,« schalt sie.

Hernach begehrte sie: »Eh ich dich tanzen laß mit der Jungfer Braut, zeig mir ein Bett, drin neun Jungfern schlafen, keine in der Mitte, keine am End!«

Der Dullhäubel kratzte sich hinterm Ohr und meinte, das errate der Kuckuck. Aber er stieg auf den Dachboden und brachte ein Spinnrad daher und drehte es, daß die neun Speichen lustig wirbelten.

»Du kannst gut raten,« lobte die Iglin. »Jetzt trag mir noch einen lebendigen Braten auf!«

Während der Dullhäubel den Braten holte, kroch der Lukas Schellnober, der bei der Musik den Baß blies und als der stärkste Mann in der Gegend galt, unbemerkt unter den Tisch und packte die Ogath beim Fuß. Sie kreischte und strampelte, und die Brautmutter half ihr und raufte den Mann unbarmherzig bei den Haaren, und schließlich gab ihm die Braut selber einen Schlag auf die Wange, daß es wie ein Schuß knallte. Doch der Riese zog ihr, unbekümmert um alles, was da über ihn niederging, den Schuh aus, kroch schnaufend unter dem Tisch herfür und trottete zur Tür hinaus. Als er wiederkam, stellte er den Schuh mit Nelken und Rosen und Stiefmütterlein gefüllt vor die Braut hin.

»Wirt, gib dem Grobian einen Krug Wein!« befahl die Iglin. »Den Fuß hätt er ihr schier ausgerissen.«

Der Schuhräuber setzte sich auf ein Faß. »Die Ogath hat Kraft,« staunte er, »die hat mir einen feinen Hieb gegeben. Einen Hieb, den Gemeindestier schlaget er nieder. Einen Hieb, als wenn das Wetter einschlaget.«

Vor lauter Freude an dieser Kraft vergaß er den Schmerz, der ihm im Schädel summte.

Der Dullhäubel stellte derweil eine verdeckte Schüssel auf den Tisch. »So, da wär der lebendige Braten.« Er hob den Deckel, und eine Maus schlüpfte heraus, die hatte eine blaue Masche um den Hals.

Die Weiber kreischten, rafften die Kittel zusammen und stiegen auf die Stühle und Bänke. Verwirrt jagte das Tierlein auf dem Tisch hin und her, warf die Stengelgläser um, daß es ein feines Geklingel gab, und wagte endlich den Sprung auf den Fußboden.

Die Iglin wurde jetzt feierlich. »Brautweiser, jetzt bau der Braut eine silberne Brücke und nimm sie zum Tanz!«

Der Dullhäubel holte einen Geldstrumpf und legte zwei Reihen Silbergulden von einem Tischeck zum andern, und die Ogath trat zaghaft darauf und schwankte den silbernen Steig dahin und sank hinab in die Arme des Dullhäubel, die Spielleute setzten an, und die zwei tanzten so wild, daß der lange lose Myrtenkranz vom Haar der Braut weithin wehte.

Draußen vorm Wirtshaus saß die alte Ulla auf einem Stein. »Sie werden doch drin nit auf mich vergessen,« raunte sie.

Eine Hand schob sich zur Tür heraus und warf ihr einen Kuchen in den Schoß.

Sie lächelte. »Mir ist es ganz ein Ding, ob ich ein schwarzes Brot krieg oder ein weißes. Das weiße eß ich lieber, nur wegen der Farbe.«

Drin am Tisch saß die Braut, der Ernst ihrer Stirn verging nicht, und kein Lächeln erhellte ihr Gesicht, wie arge Späße auch der Dullhäubel trieb.

Am meisten zielte sein Übermut nach dem Bräutigam.

»Zeig her, Gid, den Arm,« rief er, »ob dir das Haar dran bergan wachst!«

»Warum bergan?« fragte der Gid mißtrauisch.

»Weil ihr Müllner den andern Leuten in den Mehlsack greift.«

»Du heißt mich also ins Gesicht einen Dieb?« brauste der junge Müller.

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