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Fuxloh

Das grüne Holz. (continued 2)

Reading edition

Die Ogath beschwichtigte ihn. »Scher dich nit um solche Reden! Du brauchst viel Mehl, wenn du alle bösen Mäuler verkleiben wolltest.«

»Ein jeder Sack raucht, wenn man drauf schlagt,« schrie der Gid. »Soll ich allein mir alles gefallen lassen?«

Die Gäste murrten, daß der Dullhäubel Unfried stifte, und als dieser merkte, daß sich der Groll wie ein dumpfes Gewölk um ihn zusammen zog, da lenkte er ein und fing an, lustige Lügen zu erzählen über Leute, die nicht da waren, und unterhaltliche Lieder zu singen, darin er sich selbst ein Klämpflein anhängte, oder er streute sich Tabak auf die linke und die rechte Achsel, drehte den Kopf wie ein Wendehals darnach und schnupfte ihn mit der ausgiebigen Nase links und rechts weg.

Ob solcher Schnacken söhnten sich die Gäste wieder mit ihm aus. »Man kann ihm nit feind sein, dem Faxenmacher,« lachten sie.

Als der Gid und die Ogath hernach zum erstenmal in der Brautkammer lagen und die Mühle rastete, hörten die zwei die halbe Nacht draußen im Garten die Pumpe ächzen.

Der Dullhäubel pumpte vor lauter Eifersucht den Brunnen aus.

Die Jahre verwichen.

Der Dullhäubel wirtschaftete mit der Altbäurin und mit Knecht und Magd auf seinem Hof. Die Mutter zählte nicht mit, die schlief stehend und gehend ein.

Er selber mühte sich auch nicht sonderlich, es behagte ihm viel mehr, den Fuxlohern allerhand Possen zu spielen, Land und Leute gen einander zu hetzen, auf den Wirtstisch fest aufzutrumpfen und ein Leben zu führen wie seine Vorfahrer.

Immer mehr wandte sich der Blaumantel hinter seinem Gitter von der Welt ab, immer saurer sah er darein, wenn der Dullhäubel vorübertrollte, und schließlich bildete sich der Bauer ein, der Heilige wisse um all seine Schwänke und verrate sie vor Gottes Stuhl im Himmel. Drum besann er sich viel, wie er den unliebsamen Widersacher wegschaffen könnte.

Einmal, am Simonjudastag, als das Kraut gehobelt und im Faß eingetreten war, schleppte er den Heiligen heimlich in den Keller, und stellte ihn statt eines Steines auf das Krautfaß, um es zu beschweren. »Jetzt bist du beschäftigt, du Müßiggänger,« spottete er.

Doch seit der Hölzerne unterirdisch als Krautheiliger waltete, plagten den Dullhäubel bergschwere Träume und vergällten ihm den Schlaf.

Ihm träumte, dem Blaumantel wüchsen Haar und Bart, und er, der Bauer, müsse ihn scheren und stutzen. Zunächst setzte er ihm einen Topf auf den Schädel, und was darunter an Haar hervorkringelte, schnitt er ab. Es war aber steif wie Eisendraht und kaum zu bewältigen. Hernach striegelte er ihn mit einem Igel, ein Kamm hätte den abscheulich verfilzten Schopf nicht durchrütten können. Er schnitt ihm den Bart vom Kinn und aus den Wangengruben und Nasenlöchern, schob ihm einen Löffel in das Maul, daß sich die Haut daran straffe, seifte und schäumte ihn ein und balbierte die Stoppeln mit einer Dachschindel. Der Bart aber wuchs augenblicklich wieder nach, und so wurde das Balbieren zu einer schrecklichen Mühe ohne Ende. Dabei glotzte der Blaumantel seinen Schaber höllisch an, und der Löffelstiel stand ihm gräßlich aus den grellroten Lefzen. Hundsmüd und zerknirscht fuhr der Dullhäubel aus dem Schlaf, an seinem Hemd war kein trockener Faden.

Noch mehr quälte ein anderer Traum, der allnächtlich wiederkehrte. Der Heilige im Krautkeller wuchs, wuchs durchs Gewölb in die Schlafkammer des entsetzten Dullhäubel, wuchs durch den Boden zum Dach hinaus, daß die Balken sich bogen und die Schindeln flogen und das Haus wankte und schier stürzte. Nur die Kutte wuchs ihm nicht, und der Dullhäubel mußte ihm hinten und vorn Schürzen und Leintücher vorhängen von wegen der Schamhaftigkeit. Droben überm Dach zuckte und flammte der Heiligenschein und drohte, Wald und Korn zu zünden. Da preßte der Bauer einen Schrei aus der Brust, er schrie den Fuxlohern um Hilfe, aber alle Fuxloher Männer vermochten den verwilderten Blaumantel nicht zu überwinden, den sonst zwei zarte Jungfern stundenweit getragen auf der Wallfahrt nach Maria Dorn.

Der Dullhäubel hörte aus diesen Träumen sein zerrissenes Gewissen schreien, und als ihn der Blaumantel einmal wieder wie eine Trud drückte, keuchte er aus dem Bett in den Keller hinab, stürzte den Quälgeist kopfüber in einen Buckelkorb und schleppte ihn zur Kapelle.

Der Mond ging eben ab. Etwas Gespenstisches meckerte im finstern Moor. Ein Hund schrie Mord über ein blaues Irrlicht. Ein griesgrämiger Rabe hüstelte im Schlaf.

Der im Buckelkorb schien sich zu rühren und ward immer schwerer und schwerer; der Dullhäubel meinte, Himmel und Erde müsse er tragen. Vielleicht war das Schnitzbild überhaupt kein Heiliger, vielleicht funkelte es hinter seinem Genick im Korb und war ein Bild des Gottseibeiuns selber, das sich ein Zauberer und Götzenknecht geschnitzt hatte in böser Absicht, und vielleicht springt der heidnische Kerl gar aus dem Korb und schleudert den Bauer selber hinein und schleppt ihn – Gott verhüt es! – zum höllischen Backofen.

Dem Dullhäubel schnürte sich die Gurgel zu, sein Atem klemmte sich. Vor Angst betete er laut und untertänig, und er stellte seinen blauen Feind unter Bittreimen und Stoßseufzern wieder in die Nische.

Nach diesem Nachtgang lebte er gottesfürchtig und eingezogen, und das um so lieber, als ihm die Fuxloher auflauerten, deren Heiligen er mißbraucht hatte. Auch nahm er sich fest vor, jeden Gottestag die Predigt zu hören und seinen Groschen zu opfern zur Ehre der Kirche und zum eigenen irdischen und himmlischen Vorteil.

Doch der Teufel wacht und zieht dem bußfertigen Sünder gern eine Sperrkette über den Weg. Also geschah es auch dem Dullhäubel, als er sich wieder einmal dem Herrgott von Blaustauden zeigen und in aller Bescheidenheit ganz hinten am Kirchtor hatte lehnen wollen.

Er stieg in die hirschledernen Hosen hinein, legte den Sonntagsrock an und steckte das rubinene Glas zu sich. Im Hof trat er noch einmal zum Saustall, den er sich ganz klein hatte zimmern lassen und redete durch das Futtertürlein dem Vieh gütlich zu: »Friß nur, Sau, daß du einen Leib aufnimmst! Oder hast du keine Ehr in dir?«

Wie er jetzt so treuherzig und in der besten Absicht bergab trabte und der Wind über die Zäune strich und die Wiesen rauchten, sprang ihm ein hitziger Mensch in den Weg, packte wie ein Straßenräuber ihn beim Brustfleck und schrie: »Gerad will ich dich heimsuchen. Ich hab gehört, du verkaufst eine Sau.«

»Meine Sau ist speckfeist. Ob ich sie dir geb, ist nit gewiß.« Und der Dullhäubel vergaß schnöd des Herrgotts und kehrte mit dem Fleischhacker schnurstracks um.

Die Sau wog gering. Weil sie aber kläglich in den winzigen Stall gestellt war, so füllte sie ihn aus und erschien gar mächtig.

»Um wieviel ist sie dir feil, Bauer?«

»Um dreißig Gulden, Fleischhacker.«

Der Sauhändler prallte erschrocken zurück, machte Augen wie Pflugräder und drohte, ins Knie zu fallen. »Dreißig Gulden?! Du bist närrisch worden, Kasper.«

»Dreißig Gulden,« sagte der Bauer eintönig.

»Was wiegt die Sau?«

»Schätz sie ab, Luitel!«

»Dreißig Pfund wiegt sie. Kein Lot mehr.«

»Dreißig Pfund?! O du Raubersbub! Jetzt willst du mich betrügen, wo ich dir so weit entgegen kommen bin mit dem Preis? Dreißig Pfund wiegt eine ausgezogene Katz. Schau sie genau an, die Sau, sie geht schier nit in den Stall hinein. Dreimal so viel wiegt sie zum mindesten!«

»Daß ich nit lach, Kasper! Neunzig Pfund hat sie nit einmal samt dem Saustall.«

»Luitel, greif meine Ehr nit an!« drohte der Dullhäubel.

Der Händler sparte nicht mit seiner Verachtung. »He, das soll eine Sau sein?« rief er empört. »Gib sie her um zwanzig Gulden!«

»Dreißig kostet sie. Das ist schandenwohlfeil.«

»Was tust du mir an?« stöhnte der Luitel. »So manches Jahr sind wir treue Freunde gewesen. Und jetzt willst du mir das Blut aussaugen? Dullhäubel, laß nach! Dullhäubel!! Dullhäubel!!!«

»Dreißig Gulden.«

»Hinwerden soll ich in fünf Minuten, wenn du von mir einen Kreuzer mehr kriegst als zwanzig Gulden,« schwor der Fleischhacker.

Der Dullhäubel zog die Sackuhr. »In fünf Minuten? O Freund, da mußt du dich hübsch fleißen!«

»Du spottest noch? Kasper, denk an deine letzte Stund! So ein elendes Krepierlein! Die Knochen stehen ihm hinten und vorn heraus. Dem Schinder hast du die Sau gestohlen. Gib sie her um fünfundzwanzig Gulden!«

»Dreißig.«

»Lauter rothaarige Menscher soll dein Weib einmal kriegen!« fluchte der Luitel. »Die Sau soll dir die Nase abfressen, daß du nimmer schnupfen kannst!«

Der Dullhäubel ward blaß, tastete nach der Nase und trat einen Schritt zurück. Die Verwünschung griff ihn an, und schier hätte er nachlassen. Aber er erfing sich wieder und sagte sanft: »Dreißig Gulden.«

Der Luitel heulte auf. »Er treibt mich in die Verzweiflung Hast du ein Herz im Leib, Kasper? Bist du ein Christ? Gib her die Sau um achtundzwanzig Gulden! Reck her die Hand! Schlag ein!«

Er versuchte immer wieder in die Hand des Bauern einzuschlagen, die wie tot hing. Er winselte, beschwor, fluchte, verwünschte.

Der Dullhäubel blieb kalt. »Geh heim, Fleischhacker! Du bist ja nit verheiratet mit meiner Sau.«

»Tu sie her um achtundzwanzig Gulden fünfzig Kreuzer,« schluchzte der Luitel, »und nimm dir die Sünd mit in die Ewigkeit!«

Jetzt seufzte der Dullhäubel wehmütig auf: »Ich will dich nit unglücklich machen, und weil du mein Freund bist seit jeher, so gehört dir die Sau um den Preis, den du jetzt selber geboten hast. Aber nit gern laß ich dir sie. Sie ist meine einzige Freud gewesen; ich hab sie aufgefüttert und wachsen sehen und zunehmen –.« Er wischte sich über die Augen, seine Stimme erstickte.

Da schlugen die zwei ein. Der Handel war geschlossen.

Der Luitel blätterte die schmierige Brieftasche auf und zahlte. Bedächtig zählte der Bauer das Geld nach, und als er es verwahrt hatte, half er dem Händler das widerspenstige Tier bei den Ohren aus dem Stall ziehen.

»O verflucht, ist die Sau gering!« stammelte der Luitel, als er sie im hellen Taglicht sah.

Und als er sie gar durch das große Hoftor zerrte, wurde es ihm durch den Vergleich recht augenscheinlich, wie winzig die Sau war. Vor Wut ächzte er auf und drohte mit der Faust zurück.

Der Dullhäubel aber schüttelte das Geld und frohlockte laut: »Den hab ich angeschmiert, daß ihm die Augen tropfen.« –

So übervorteilte er jeden, der sich mit ihm im Handel messen wollte.

Trieb er eine Kuh auf den Markt, so rührte er ihr im letzten Wirtshaus, wo er einkehrte, eine kräftig gesalzene Mehlsuppe an, darauf durstete das Vieh gar sehr und es soff wie ein dürrer Rasen Wasser in sich, bis es die Wampe voll hatte. Dann stand es stattlich da und freute sich eines guten Gewichtes, und der Dullhäubel schlug sie mit erklecklichem Gewinn los.

Derlei Kniffe und Pfiffe hatte er einen ganzen Heuwagen voll.

Ein ganz besonderer Segen lag auf seinem Hof, trotzdem daß er seine Hände schonte und die schönste Zeit beim Bier verlümmelte. Mit glänzenden Fellen stand ihm das Vieh im Stall, seine Kühe kälberten eifrig, seine Geißen kitzten dreifach und vierfach, seine Hennen legten Eier mit zwei Dottern. Kein Reif sengte ihm die Erdäpfelblühe, kein Schauer knickte sein Korn, sein Heu kam räuspendürr unters Dach.

Und mancher Fuxloher ward deswegen in dem gerechten Herrgott irr.

Dem jungen Mußmüller wich der Dullhäubel aus, er scheute ihn. Der Gid wurde immer hitziger und rauflustiger und stritt mit allen Leuten, weil er das altverbriefte Recht wieder durchsetzen wollte. Auch sonst störte ihm mancherlei das Glück, besonders aber, daß in der Mühle die Wiege leer blieb.

Einmal stach den Dullhäubel der Kitzel, und er schlich sich den Bach entlang, den mürrischen Nachbar ein wenig aus dem Häuslein zu bringen.

Die Vögel wuschen sich, am Zaun blühten die Hollerstauden. Die Mühle rumpelte verschlafen, und das Rad knarrte verdrießlich: »Soll – ich – denn – noch einmal – umgehn?«

Mit unwirscher Stirn lehnte der Gid am Türstock. Es hatte schon lange nicht geregnet, und wenig Wasser fiel aufs Rad. Die Ogath saß auf der Sonnenbank und flickte.

Da rief der Dullhäubel hinter einer Erlenstaude: »Wie die sieben dürren Jahr schaust du drein, Gid. Geht dir die staubige Mühl zu langsam?«

Die Eheleute schraken auf wie Hennen, wenn der Fuchs durch den Zaun blinzt.

Der Nachbar setzte sich gemächlich auf einen Grenzstein jenseits des Baches und fragte: »Strickst du den Geiferlatz für den neuen Müllnerbuben, Ogath? Wann wirft der Krähvogel ihn euch in den Rauchfang? Er laßt sich Zeit.«

»Du Daunderlaun, wir sind ohne Kinder auch lustig,« speiste sie ihn ab.

Er höhnte weiter: »Wer ist denn schuld daran, du oder der Mann? Müllner, du mußt sie über neun Zäune tragen und schreien, die Nachbarn sollen dir helfen.«

Er achtete nicht des Mühlrades, das bedächtig und schier drohend brummte: »Juckt – dich – der – Buckel? Juckt – dich – der – Buckel?«

»Ich helf mir selbst,« grollte der Gid, »und dich brauch ich am wenigsten. Du bist derselbe Lump wie deine Ähnel.«

»Der Apfel fallt nit weit vom Birnbaum,« entgegnete der Dullhäubel. »Wenn ich ihr nur meine Pudelhaube hinwerfet, gleich krieget sie einen Buben, die Ogath.«

»Ja, weil du der rotbartet Kasper bist,« knirschte der Gid. »Das muß ich mir ins Gesicht sagen lassen, Ogath. Dran bist du schuld.«

»Ich geh wallfahrten gen Maria-Dorn,« seufzte sie bang. »Vielleicht nutzt es.«

»Geh hin, wohin du willst! Ein Bub muß her.«

»Geh nacket in die Kindelkapelle, Ogath!« kicherte der Dullhäubel.

Der Müller wurde schneeweiß und packte einen Hammer, der auf der Türschwelle lag. »Ich erschlag dich, ich bin Gott einen Toten schuldig,« zischte er und sprang über den Bach.

Er war flinker als der Nachbar, und als er ihn gestellt hatte, schlug er mit dem Hammer blind auf ihn los und traf ihn auf die Achsel, daß er hin in die Binsen fiel.

Das Mühlrad ging auf einmal viel lustiger und spottete: »Hat dich der Buckel gejuckt? Hat dich der Buckel gejuckt?«

Beruhigten Blutes kehrte der Gid zu seinem Weib zurück. »Den Grenzstein will ich heut noch mit Kalk frisch überweißen, weil ein schlechter Kerl drauf gesessen ist. Und ein Bub muß her, und wenn wir zwei solange drum wallfahren müssen, daß uns bei jedem Schritt ein Blutstropfen von der Ferse fällt!«

Indes raffte sich der Dullhäubel mit allerhand Gedanken an Schergen, Gericht und Zuchthaus aus der Wiese auf, tappte nach der wehen Achsel und schielte bös zur Mühle hinüber. »Blut ich, so klag ich; blut ich nit, so klag ich nit.«

Im Volk ging die Rede, daß einst von Gesetz wegen in der Mußmühle kein Weib habe hausen dürfen. In Wahrheit verhielt es sich so, daß unter jenem Dach nur wenig Kinder geboren wurden. Während es in den Bauernstuben wimmelte, zogen die jeweiligen Müllersleute immer nur einen einschichtigen, vertrotzten Buben als Samenstengel auf.

Der Ogath lag es wie ein Mühlstein am Herzen, daß sie Jahr für Jahr galt ging. Sie hätte alles drum gegeben, und nicht nur ihres verfinsterten Mannes wegen, wenn sie ein Kind gehabt hätte, und weil alles Gebet, alle Sehnsucht und Traurigkeit fruchtlos blieb, so dachte sie immer heißer an Wunderkräfte, die ihr den Segen aufschlössen.

Was ihr der Dullhäubel in seiner Verruchtheit geraten, ging ihr nimmer aus dem Sinn.

Weit drin in der Wildnis des Lusens ist die Kindelkapelle. Dort hat schon manches Mutterverlangen sich hingekehrt und ist erhört worden. Doch die große Gnade kann nur durch ein großes Opfer herbei gelenkt werden: nackt muß das Weib wallfahren zu jenem Gnadenursprung, in letzter Blöße muß sie schreiten durch die Wälder, ehe ihr das Wunder zuteil wird.

Von Woche zu Woche nahm sich die Ogath die seltsame Wallfahrt vor, doch immer wieder schrak sie in Scham davor zurück, bis ihr Wunsch endlich so gewaltig aufbrannte und alles andere davor verglomm.

Zu Mariä Heimsuchung fuhr der Müller in die Stadt ins Schloß, dort wollte er noch einmal wegen des abgeschafften Mühlrechtes verhandeln.

Da schlich die Ogath barfuß in das Vogeltänd, das war der Wald, der hinter der Mühle aufstieg und den Steig beschattete, der zur Kindelkapelle führte.

Vor einer Steinhöhle hielt sie an. Ihre Brust ging hoch, angstvoll flog ihr Blick durch die Bäume, sie trat aus dem Sonnenlicht in den tieferen Schatten einer niedergreifenden Tanne. Zitternd band sie sich die blaue Schürze los und legte sie in den Steinriß, sie tat die Joppe ab und den Rock und die drei barchentenen Unterkittel und verbarg sie. Jetzt stand sie im Hemd und lauschte todängstlich hinein in das Vogeltänd.

Nichts regte sich. Nur eine Drossel pfiff.

Sie wartete, bis der Vogel sich versungen hatte. Dann warf sie das Hemd ab und war nackt.

Ihr schauderte.

Mit gefalteten Händen, mit fallenden Zähren begann sie die leidvolle Wallfahrt.

Anfangs schien es ihr öfters, es halle der dumpfe Tritt eines Wandrers ihr entgegen, und sie floh mit verhaltenem Atem hinter eine Staude und lauschte lange und traurig.

Das Blut brannte ihr in den Wangen den weiten Weg. Sie schämte sich vor den lustigen, spiegelnden Quellwassern, die sie überschreiten mußte, sie schämte sich vor dem flüsternden Laub, das sie zu beschwätzen schien, und vor den rauhen Felsen sogar, denn alles hatte heute Gesicht und Augen. Jeder Stein am Steig, jede Wurzel am Hang, alles, alles kehrte sich ihrer sündigen Nacktheit zu.

Der grüne Baumhackel lachte schrill, der Krummschnabel glotzte vom Ast, spöttisch knickste das Rotschwänzel. Das Hirngrillein, der Guckauf, der Nußhackel, die Spottvögel alle, die Schlangen am Weg, der verzagte Has, der Hirsch, der unter der Berghollerstaude rastete und hinauf fraß, sie alle schauten sie an, die da gläubig in ihrer schmerzlichen Keuschheit dahin wallte.

»Vögel, berget die Äuglein im Gefieder!« bat sie. »Wend ab die Augen, Wendehals! Ihr Blumen, verschließt euch und schaut mich nit so an! Zeig mir mein Bild nit, du stiller Bach!«

Immer älter und verworrener wurde der Wald, schreckhaft verbogene Bäume schickten die Wurzeln wie Nattern und Tatzelwürmer aus, Felsen trugen tiefes, feuchtes Moos und trieften, Geier jagten schreiend über den finster geschlossenen Wipfeln.

Mitten in diesen Schrecknissen ragte das Wunderkirchlein auf.

Es lag so mutterseligallein, so verhuscht und verborgen vor aller Welt, so recht geeignet, daß ein armes Mutterherz oder eine betrübte Magd oder ein reuiger Sünder oder, wer immer den Herzwurm hat, sich in aller Geheime ausweinen konnte.

Die Ogath trat in das wetterverschlissene Bethäuslein. Das Herz ward ihr sonnenlicht, als sie den Altar sah.

Da saß die Maria, die heilige Kindelbetterin, weiß wie ein Lilienblatt, schlicht und einfältig, und neben ihr beugte sich der Zimmermann mit dem eisgrauen Bart, ein uralter Tattel, über die Krippe, darin ganz nackt und bloß das Himmelskind schlief, und zwei Eheleute schauten furchtsam drein, denn die Könige waren gekommen, den Heiland im kalten Stroh zu grüßen, der Kasper, schwarz wie ein Kohlenbrenner, der Melcher, der Weihrauchkönig, reitend auf dem Kameltier, und der Balthauser, der mit dem silbernen Stern tanzte. Ganz hinten, durch zierliche Heiligenscheine aus ihrer Demut erhöht, knieten das Öchsel und der ägyptische Esel.

Vor dem Altar stand eine große, leere Wiege.

Die Ogath aber redete mit der hohen Gnadenfrau: »Die Mußmüllnerin bin ich, und es ist eine Sünd und eine Schand, wie ich da vor dir steh. Aber deine Augen sind so still, und du schaust mir ins Herz bis auf den Grund. Du siehst nix Schlechtes drin. Und ich bitt dich, trag meinen Wunsch hin, wo man ihn hört. Mit gesegnetem Leib möcht ich gehen wie die anderen Weiber, und so bitter gern tät ich am Anger vor der Mühl Windeln bleichen, tät Hosen flicken für ein schlimmes Büblein, oder wenn es ein Dirnlein sein sollt, wollt ich es gern zöpfeln und es hegen und pflegen, und alles Herzleid tät ich willig tragen, was so ein Kind bringt.«

Weiter fand sie keine Worte.

Sie kniete zur Wiege hin, legte ihren schmerzlichen Wunsch hinein und wiegte still und versunken in den Anblick der heiligen Leute und gläubig, daß das Wunder geschehe an der Frau, die es wagt, nackt zu wallfahren.

Sie wiegte, bis die Sonne tief im Bergwald versunken war und die Kapelle sich mit grauen Schatten füllte.

Im Dämmer ging sie heim, erbangend, wenn das Gras zischte oder der Wind flüsterte, verzagend vor jedem Gebüsch. Denn selten gibt es eine Staude, drin nicht ein Auge ist.

Die Raben kehrten in den Fichten ein zur nächtlichen Rast. Wie stockende Geister leuchteten die weißen Grenzsteine. Droben tat sich der Sternhimmel auf und funkelte durch die Wipfel nieder und silberte Zweig und Laub.

Lichter aber schimmerte der Leib der Wallfahrerin, und die Blendnis ihres Fleisches lockte und schrie durch die Nacht.

»Ich bin wie eine Latern,« klagte sie.

Der Wald ward sanfter, gangbarer der Weg. Durch die Stille hörte sie schon die Mühle. Fern über den Bäumen sah sie hin und wieder das Gebirg in schwarzen Klumpen dunkeln. Sie wanderte und wanderte im Glanz ihres Leibes hin.

Als sie den Steinriß erreichte, wo sie das Gewand versteckt hatte, huschte ein Mann aus den Felsen herfür und griff nach ihr.

Sie schloß die Augen und ließ willenlos alles geschehen.

Es mußte so sein.

Als der Gid erfuhr, wie die Ogath wallfahren gegangen war, prügelte er sie unbarmherzig, daß sie blau und blutig wurde, und das starke, stolze Weib ließ sich schlagen und wehrte sich nicht.

Tags darauf kam der Zusch, ein närrischer Mann, zum Müller und lallte: »Der Dullhäubel schickt mich. Du sollst ihm Haut und Haar von deinem Weib schicken. Du hast gestern geschlagen.«

Der Gid jagte ihn davon. –

Im Frühjahr gebar die Ogath ein Dirnlein mit dickem, rotem Haar.

Der Müller zerbiß sich die Lippen, er hatte einen Buben begehrt.

»Woher hat sie das rote Haar?« murrte er.

Er versperrte sich immer mehr in sich selbst. Seine Augen flogen scheu, die kargen Worte, die er redete, zauderten undeutlich an seinen Lippen. Oft brütete er stundenlang über dem Brief, der den Vorfahren Zins und Kundschaft verbürgt hatte, und sann auf Wege und Schliche und Gewaltsamkeiten, sich wieder ins alte Recht zu setzen.

Einmal saß er am Fenster und quälte sich, eine Bittschrift an den Kaiser aufzusetzen. Denn im fürstlichen Schloß hatte man ihm gesagt, der Kaiser selber habe die Zwangmühlen abgeschafft. Er wollte mit der Schrift nach Wien reisen und dort, wenn es nicht anders ginge, einen Fußfall tun.

Da holperte draußen auf der Straße ein Wagen daher, der Fuhrmann pfiff gell und knallte ohne Aufhör mit der Geißel. Der Gid riß das Fenster auf und schaute hinaus. Es war der Dullhäubel. Seine Ochsen wollten den mit Kornsäcken beladenen Wagen vorüberziehen.

Aufsprang der Gid, packte die Urkunde und rannte hinaus.

Er trat dem Fuhrwerk in den Weg und hielt die Ochsen an, die Augen flirrten ihm.

»Kasper, wohin?«

»In die Mußmühl nit, in die Grillenmühl,« sagte der keck.

»Das ist gegen das Gesetz,« lechzte der Gid. »Da siehst du die Schrift. Schwarz auf weiß steht drin, daß du bei mir mahlen mußt. Dein Hof steht drin aufgeschrieben mit Tinte und Feder. Mir ist es nit ums Mahlgeld, mir ist es ums Recht.«

»Ich mahl bei dem groben Müllner nit, der mit dem Hammer die Leut erschlagt.«

»Gelt, Kasper, du fahrst an meiner Mühl vorbei, weil du weißt, was mir ein Spieß ins Aug ist! Heut laß ich dich nit vorüber. Recht muß Recht bleiben. Übers Recht gibt es keinen Weg.«

»Speib Gift, speib Gall!« sagte der Dullhäubel kalt. »Deine Red hat keinen Kopf und keinen Fuß. Steck ein den Wisch Papier und fuchtel nit so vor den Ochsen herum! Du zerrüttest sie mir.«

»O du grundschlechter Kasper, genau so wie deine Vorfahrer peinigst du die Leut. Mit Bluthunden haben sie den jungen Burschen nachgespürt, das lebendige Menschenblut haben sie um einen Judaslohn verraten!« spritzte der Gid dem Dullhäubel ins Gesicht.

Der antwortete gelassen: »Du steigst mir auf den Buckel! Und es bleibt dabei, der Grillenmüllner und kein andrer schrotet mir das Korn.«

Blutrot sprang der Müller den Bauer an. Diesmal aber war der Dullhäubel gerüstet. Er riß eine Ochsensenne aus dem Wagen und schlug schrecklich auf den Feind los.

Der Gid keuchte in sein Haus. Im Flur stand der alte Müller.

Der Gid faßte eine Hacke. »Reichlich hat er mich gehaut,« schnaubte er. »Vater, du stellst dich hinter die Tür. Du packst ihn von hinten. Gleich ist er da. Droben am Steinbühel graben wir ihn ein.«

Atemlos warteten die zwei.

Der Dullhäubel aber führte sein Korn schon weit und sang sein Leiblied.

»Ich schrei hü, ich schrei ho, ich schrei allweil hüstaho.«

Als dem Müller die Blutrünste und blauen Flecken vergangen waren, steckte ihm der Bote einen Brief zu, und damit wurde er vors Gericht beschieden.

Der Dullhäubel hatte geklagt, der Gid habe ihn auf hellichter Straße überfallen, ihn und seine Vorfahrer geschmäht und verschändet und ihn schließlich mit einer Ochsensenne halb erschlagen.

»O der falsche Fuchs!« schrie der Gid. »Erst haut er mich grün und gelb, hernach zieht er mich vors Gericht. Auf der Stell klag ich ihn auch.« –

Der Dullhäubel rüstete sich indes emsig für den Gerichtstag. Er wollte den lieben Mußmüller so weit bringen, daß er kniefällig um Verzeihung heulte.

In der Scheuer übte er seine Rede ein. Vorerst neigte er sich nach allen Seiten, denn er dachte sich den Gerichtshof rund wie einen Kreis und rings lauter Richter und Schergen und sich selber in der Mitte.

»Gnädigster, allerstrengster Herr Gerichtshof!« hub er an. »Indem daß der Herr Ägid Wilfinger, Müllnermeister in Fuxloh, mich, den Herrn Kasper Dullhäubel, ehrengeachteten Bauern daselbst und eheleiblichen Sohn und Nachfolger des Herrn Isidor Dullhäubel, indem daß derselbe denselben und seine Ochsen auf freier Straße angepackt hat und mich hat zwingen wollen, daß ich in seiner Mühl mahl, wo doch schon der Herr Kaiser Josef im Jahr achtundvierzig alle Zwangmühlen verboten hat, und weil ich selbem Müllner nit zu Willen war, hat er mich und meine gottseligen Vorfahrer mit boshaften Wörtern verunehrt und hat insbesonders mir – mit Verlaub zu sagen – geschafft, ich soll ihm auf den Buckel steigen. Nachdem dies geschehen war, hat er mich mit einer Ochsensenne so kläglich genotnötigt, daß ich vierzehn Tag meine Arbeit hab versäumen müssen und Hand und Fuß nit rühren können. So, jetzt hat der Widersacher das Wort.«

Damit ging der Dullhäubel in die Ecke der Scheuer, wo spinnverwebt die Putzmühle stand, und drehte sie fünf Vaterunser lang, daß sie rumpelte und fauchte, und deutete also die Rede an, womit der Gid sich verteidigte.

Als der Bauer an der Putzmühle in einen gelinden, warmen Schweiß geraten war, setzte er ab und sprach wiederum in der eigenen Sache.

»Allerhöchster und ehrbarer Herr Gerichtshof! Indem daß der Ägid Wilfinger sich gar so lügenhaft verteidigt und mit seinen Spitzfünden der Wahrheit unverschämt ins Gesicht schlagt und behauptet, es hätte sich alles umgekehrt zugetragen und ich hätte ihm mit einer Ochsensenne leibgefährlich und schandbar zugesetzt, daß er schleunig in der Mühl habe seine Zuflucht holen müssen: so verschwör ich mich mit dem härtesten Schwur, daß der Müllner jetzt abscheulich gelogen und getrogen hat. Gott soll mich strafen, wie ich da steh, wenn nur ein einziges Wort nit wahr ist!«

Jetzt ließ er wieder die Putzmühle lärmen, und dies bedeutete wieder die Antwort des Gid.

Hernach schloß er die Verhandlung und sagte: »Indem daß der Müllner von seinem halssteifen Leugnen nit ablaßt und in ohrenblaserischer Weis mich, seinen Nachbarn und vormals treuen Freund ins Zuchthaus bringen will, so trag ich alleruntertänigst seine gerechte Bestrafung an. Ich bitt euch, sperrt den Herrn Ägid Wilfinger drei oder vier Jahr bei Wasser und Brot ein, daß mir mein Recht geschieht und er hernach als ein verbesserter Müllner wieder auf die Welt kommt.«

Er verneigte sich nach allen Winden und ging aus der Scheuer, seiner Sache sicher. –

Am Gerichtstag putzte sich der Dullhäubel wie ein Pfingstelreiter heraus: er schirrte sich in die grasgrünen Hosenhalfter und steckte einen Häherspiegel in den blauen Hut, die Silberknöpfe glänzten am Brustfleck, und so trat er getrost aus dem Haus.

Als die Sodonia über ihn ein Kreuz schlug, sagte er: »Heut wird es ein Rausch, ob ich gewinn oder verlier.«

Vor seinem Hof aber hockte die Ulla, sie ließ ihr zahnlücketes Lächeln spielen und grüßte: »Guten Morgen in aller Fruh, Bauer!«

Das alte Weib deutete er als übles Vorzeichen. Fluchend rannte er in die Stube zurück, tauchte alle fünf Finger in den Weihbrunn und besprengte sich kräftig, daß alles Gelüst des Teufel zu schanden werde. Dann schlich er zur Hintertür davon und ging in einem weiten Ring um das Bettelweib. –

Der Gerichtshof schaute ganz anders aus, als wie der Dullhäubel geträumt hatte. Es war eine sonnige Stube, drin auf grünem Tisch zwischen zwei Kerzen das Kreuz mit dem angenagelten Herrgott stand.

Der Richter hatte einen breiten Goldbart, eine rötliche Nase und graue, scharfe Augen, die einen durch Mark und Bein schauten.

Der Schreiber, dem zwischen den Augenbrauen eine mächtige Warze saß, zog eben den Pfropf aus einem Tintenfläschlein. Neben ihm glänzte eine schneeweiße Gansfeder.

Als der Dullhäubel in die Stube trat, war der Müller schon drin. »Holla, gefehlt ist es,« dachte der Bauer, »jetzt ist mir der Kerl zuvor kommen!« Doch hoffte er die Scharte auszuwetzen, und er grüßte artig: »Gelobt sei Jesus Christus, Herr Gerichtshof und Herr Schreiber!«

Er wollte auch den Mann neben der schneeweißen Gansfeder ehren, denn wie leicht konnte der ein Wörtlein in seine Schrift rinnen lassen, das einem das Genick brach.

Der Goldbart murrte etwas und deutete ungeduldig auf einen Sessel. Doch der Dullhäubel hielt es an der Zeit, seinen Trumpf auszuspielen, er holte das Tabakglas herfür und bot es mit zwinkerndem Blick auf die rötliche Nase dem Richter hin.

»Was unterstehen Sie sich?« brüllte dieser.

Der Dullhäubel legte die Hand demütig aufs Herz. »Herr Gerichtshof, ich bin halt ein dummer Bauer.«

Er knickte auf den Sessel nieder, der blaue Hut fiel ihm auf den Fußboden. »Holla,« dachte er, »jetzt hab ich mich verrechnet. Aber meine Red muß mich herausreißen.«

Die Stimme des strengen Mannes kam auf einmal ganz unglaublich mild und zart aus dem Goldbart heraus, die starken Augen wurden ihm feucht, er zupfte an seiner Nase.

»Leutlein, euch hat der Herrgott nachbarlich hingesetzt in das schöne, friedliche Tal am Wolfsbach, und ihr steht jetzt in dieser Stube euch gegenüber wie zwei Waldratten, die sonst nichts mehr zu fressen haben als eins das andere. Was verklagt ihr euch wegen ein paar überflüssiger Hiebe und ein paar lustiger Wörter? Besinnt euch, ihr strittigen Männer! Es kann kein gut tun, wenn einer von euch wegen des andern abgestraft wird. Es wächst Haß daraus, und der Haß glost weiter in Kind und Kindeskind und schlägt allweil wieder giftig aus der Asche. Denkt an den Frieden eurer Enkel! Söhnt euch aus! Gebt euch die Hände!«

»Ich will mein Recht,« trotzte der Müller.

»Ich auch,« rief der Dullhäubel.

Das graue Auge des Richters verfinsterte sich, mit langen Schritten ging er von Wand zu Wand.

»Es ist gut,« sagte er. »Und jetzt erzählen Sie mir den Vorfall, Wilfinger!«

Der Gid stellte sich kerzengerad hin wie ein Soldat und begann rauh: »Ich komm aus der Mühl. Der Kasper steht auf der Straße. Ich zeig ihm unsern Freibrief. Wir reden nit lang, da reißt er die Ochsensenne aus dem Wagen. Wenn ich nit renn, erschlagt er mich.«

»Umgekehrt ist es gewesen!« kreischte der Dullhäubel.

»Ruhig!« knurrte der Richter. »Ägid Wilfinger, beschwören Sie Ihre Aussage!«

Die Kerzen flackerten unheimlich, und der Gid reckte den Arm steif auf bis schier zur Decke und stammelte nach, was der Richter vorsprach.

»Falsch hat er geschworen, der staubige Teufel!« schalt der Dullhäubel. »Dir wasch ich noch einmal die Kutteln.«

»Du elendiger Bauerntrumpf!« grollte der Gid. »Erwisch ich dich noch einmal, ich hämmer dich hin, daß du nimmer aufstehst!«

Der Richter rieb sich die Fäuste. »Das ist ein spitzer Handel, Männer,« reizte er die zwei. »Redet euch nur die Leber frei!« Der Bart zitterte ihm unter dem lachenden Mund. Lachend riß er das Fenster auf.

Das Geschrei der zwei Fuxloher versammelte drunten am Markt die Stadtleute. Sie horchten und lachten.

Der Dullhäubel war rot wie ein Truthahn. »Müllnerdieb, Müllnerdieb!« zeterte er. Ihm fiel nichts anderes ein.

Der Gid hatte keine Farbe im Gesicht. »Du abgefeimter Fuchs,« sprühte er, »du drehst dem Teufel einen Knopf in den Schweif.«

Sie wüteten gen einander wie zwei leer laufende Mühlsteine, mit bösen Reden stachen sie auf sich ein, vergangene Zeiten öffneten sie und rissen die verweste Schande der Voreltern heraus.

»Du Lump!« brauste der Gid. »Und allsamt seid ihr Lumpen gewesen auf euerm Hof. Der Vater sauft sich zu Tod, der Ähnel sucht die letzte Rast am Strick, dem Guckähnel wird der Hirnschädel eingehaut, und wer weiß, wie viel von deiner Brut am Galgen gezappelt haben!«

Der Dullhäubel blieb nichts schuldig. »Du ehrlicher Müllner, dein Vater ein ehrlicher Mann, dein Ähnel, dein Urähnel, dein Guckähnel, lauter redliche Müllner! Kein Körnlein ist euch stecken blieben im Fingernagel, kein Stäublein Mehl ist haften blieben an euern Schürzen, keinen Sand habt ihr gemischt –.«

»Was? Du willst an meinem ehrlichen Gewerb schnipfeln?« Der Gid langte hinüber, wie der Bär nach Reiner dem Fuchs greift.

Schnell barg der Schreiber das Tintenfaß und sah sich nach der Tür um.

Dem Richter schien es genug. Er brüllte, daß die Scheiben klirrten: »Ruhe! Sonst laß ich euch dingfest machen und ins Zuchthaus schmeißen!«

Der Dullhäubel aber bäumte sich auf: »Hat der Gid geschworen, muß man mich auch schwören lassen!« Er schwang die rechte Hand in die Höhe und spreizte die Finger, die linke ließ er mit zur Erde gereckten Schwurfingern hängen; er glaubte, so müsse der Schwur ohne Schaden durch den Leib gehen, auch wenn er nicht ganz echt sei.

Der Goldbärtige schaute ihn mit einem Blick an, der ihm den Arm lähmte, und sagte halblaut: »Ihr zwei versteckten Lümmeln, augenblicklich versöhnt ihr euch, sonst laß ich euch krumm schließen, daß euch die Knochen brechen! Glaubt ihr, ich hab die Zeit gestohlen, daß ich mit einem groben Müller und einem spitzfindigen Schelm, der da kalt schwören will, herumschlage? Im Hui vergleicht euch! Und dann hinaus mit euch!«

Die Widersacher schauten verdutzt drein, der Richter aber winkte entschlossen hinab auf den Marktplatz, dort stand ein riesiger Mann mit einem Säbel.

Den zweien wurde ängstig.

Der Säbel klapperte draußen die Stiege herauf. Der Dullhäubel langte sich nach dem Hals, als würge ihn etwas. Dem Müller war, eine Sense fahre ihm durch die Kniee.

»Gid, verzeih!« ächzte der eine.

»Kasper, vergiß!« murmelte der andere.

Der Mann mit dem Säbel trat herein. Sein Gesicht war ernst, als müsse er in die Feldschlacht gehen. Er wischte sich links und rechts über den Schnurrbart.

Der Richter sprach zu ihm: »Sie, Herr Notnagel, rennen Sie gleich zum Postmeister hinüber! Er soll nicht aufs Kegelscheiben vergessen. Im Wirtshaus zum Blumenstöckel.« –

Die zwei Fuxloher atmeten auf, als sie draußen auf dem Gang standen.

Der Gang war weitläufig und finster, und drum verirrten sie sich und gerieten an eine eisenbeschlagene Tür, die halboffen stand.

Der Dullhäubel spähte hinein.

In der Kammer drin war nichts zu sehen als ein vergittertes Fenster und eine hölzerne Liegerstatt. An die Wände hatten die Leute, die hier einschichtig über den Lauf der Welt nachgedacht hatten, allerlei Ergötzliches gezeichnet. Neben dem Bild eines mit Raben und baumelnden Schuften wohlversehenen Galgens waren Gesicht und Brüste eines üppigen Zigeunerkindes zu schauen, Schergen mit Säbeln und Hahnenbüschen auf dem Hut starrten von der Mauer nieder, unbekümmerte Sprüche luden zur Besinnung ein; auch mancher Reim war verzeichnet, der ein artiges Gemüt verletzt hätte, und mit blauem Stift stand steif und groß hingemalt: »Ade, du trauter Ort! Ich bin da gesessen ein paar schöne Wochen.«

Dem Dullhäubel wurde ganz heimlich in der Kammer. Die Sonne zeichnete das Gitter gar lustig auf die Liegerstatt hin und zierte die Spinnweben im Winkel mit regenbogenen Farben. Eine Maus kroch aus ihrem Loch und stellte ein Männlein.

Ungern verließ der Dullhäubel die Stätte. Er deutete mit dem Daumen zurück und sagte zu dem Müller: »Wenn mir das alte Bettelweib nit begegnet wär, du säßest jetzt da drin. Schad drum!«

Die Ulla wohnte am Vogeltänd neben einem Felsen. Ihre zerrissene Hütte war mit Stangen und Stecken kläglich gestützt, Türsäulen und Fensterstöcke waren morsch, die Scheiben zerbrochen und mit Papier verklebt. Die Schindeln faulten am Dach und waren zum Teil durch Baumrinden ersetzt. Doch darauf glänzten Steine mit schönen glasigen Gebilden, so daß es auf all der Armseligkeit wunderlich blitzte.

Im Fenster wuchs in einer Scherbe kümmerlich die Blume Zagelhintaus. Ein Kienbaum verschattete die Hütte, ihm wucherte im Gezweig ein Hexenbesen, kraus verwachsen wie das Nest eines verrufenen Vogels.

Es war morgens. Der Guckauf lockte hell.

Die Waldkräutlerin brockte vor ihrer Tür einen struppigen Schlafapfel aus dem Dorn, sie wollte ihn abends ins Bett legen, weil sie nimmer gut schlief.

Zu dem winzigen Fenster meckerte die Geiß heraus. Die Ulla humpelte hin und spaßte: »Gib mir ein Bussel, Geiß!«

Als wär er aus dem Felsen gesprungen, stand der Dullhäubel da.

»Du hast die Geiß gern, Ulla. Du brauchst sie wohl Zum Reiten? Reitest du auf den Lusen tanzen? Das ist ein hoher Berg.«

Die Alte nickte gutmütig mit dem kleinen Vogelkopf. »Du bist heut gut aufgelegt, Bauer. Dir hab ich einmal eine Warze besprochen. Weißt du es noch? Jetzt bist du ein schöner Mann worden. Geh, schenk mir was! Schau, wie armselig meine Heimat dasteht!«

Sie deutete auf die Tür, die müd in den Angeln hing.

»Die Tür ist schlecht,« sagte der Bauer, »aber du brauchst sie nit besser, du reitest ja zum Rauchfang ein und aus.«

Die Geiß stand jetzt in der Tür, die Vorderbeine gespreizt, und horchte neugierig zu.

»O mein liebes Vieh, der Bauer macht uns zwei schlecht. Du bist ein Schwänkmacher, Dullhäubel. Freilich geht es mir schlecht. Wenn nur genug Brot wär, drei Zähne hab ich schon noch,« kicherte sie kläglich. »Ach ja, die Not ist mein Kuchelmensch und Schmalhans der Meister.«

»Aber Milch hast du genug?« fragte der Bauer scharf.

»Nit viel, gar nit viel. Was halt die Geiß hergibt.«

»Alte, du weißt, daß in meinem Hof der Erdspiegel ist. Drin seh ich alles auf der Welt. Wie ich gestern abends hinein schau, seh ich dich den Wegzeiger gegen Grillenöd melken. Zur gleichen Zeit hebt meine beste Kuh, die schwarzrückete Stallmeisterin, gottskläglich an zu plärren. Ich schau nach, da steht sie im Stall, zittert am ganzen Leib und schwitzt, als wenn sie einer geritten hätt. Ich hab sie gleich melken wollen, da hat sie nit ein bißlein Milch gegeben, nur ein Tropfen Blut ist ihr aus dem Euter geronnen. He, was hast du meine Kuh verzaubert, Hex?« rannte er.

Sie rang die dürren Hände. »Das ist nit wahr, der Erdspiegel lügt. Ich bin ein frommes Weib und keine Schlangenköchin.«

Er fuhr fort: »Im ersten Zorn bin ich in das Vogeltänd gelaufen, hab dir die Milch vom Ofen wegreißen wollen. Da seh ich durch die Luft einen Strohwisch schießen, in deinen Rauchfang schießt er hinein, er sprüht vor lauter Feuer. Ist das nit dein Liebhaber gewesen, Hex?«

Sie starrte ihn mit den blöden Augen an. »Du irrst dich, Dullhäubel, du irrst dich dreimal. Es wird nur ein Sternlein in den Rauchfang gefallen sein. O weh, wie redest du so schrecklich von mir armem Weib! Ich tu ja niemand nix, ich tu nur beten, allweil hab ich die Nase im Betbuch, wenn ich auch nit lesen kann.«

»Jetzt weiß ich, Ulla, wer mir im Stadel die Mäus wachsen laßt und im Haus das Unziefer. Jetzt weiß ich, wer den Nebel her winkt und das schwarze Wetter. Du bist es, Hex!«

»Ich hab ja gar keine Kraft,« jammerte sie, »wie könnt ich das tun? Es ist ja alles nit wahr, nit wahr.«

Unbarmherzig redete er: »Aus deiner Geiß springt die Milch wie der Brunnen aus der Erd, die Milch rinnt dir ums Haus nach, Ulla. Zum Lusen bist du auf einem Besen geflogen, der hinter dir gebrannt hat. Du zauberst und zinzelst und zanzelst und machst Weiber und Küh galt.«

»O du Unfang, du bodenloser, was bringst du mich in Kummer? Deine üble Nachred wird mir schaden, niemand wird mir eine Gabe schenken wollen. Aber jetzt geh ich hin und laß dich am Gericht verklagen.«

»Der Richter ist mein bester Freund, der tut mir nix,« lachte der Schelm. »Und wenn die armen Leut klagen, so gilt es nit. Und wer steht gegen mich auf? Ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«

»Das ist eine bitterliche Wahrheit,« lispelte sie, »an der Armut wischt ein jeder seinen Schuh. Aber, lieber Kasper, ich bin keine Hex.«

»Du bist es. Dein ganzer Leib legt Zeugenschaft dafür ab: deine Finger sind wie Krallen, dein Kinnbein ist dürr und krumm, dein Gesicht ist runzlig, als ob die Hennen drin gekratzt hätten. Die Augen rinnen dir aus.«

»Ich bin ja alt! Alt bin ich!« wimmerte sie. »Blut könnt ich weinen. Du wirst mich verschreien in ganz Fuxloh.«

»Wenn du ein gerades Weib wärst, die Augen frisch, die Wangen weiß und rot und glatt,« der Dullhäubel schnalzte, »und wenn du sonst am Leib schön fest und dick wärst, da könnt der Erdspiegel zehnmal sagen, daß du hexest. Niemand tät ihm glauben.«

»Das laßt sich nimmer ändern,« sprach sie traurig. »Und wenn ich noch so gut essen könnt, mein Leib ist alt und laßt sich nimmer frisch aufbauen.«

Da flüsterte er: »Und doch weiß ich einen Rat. Geh in die Altweibermühl!«

Wie Abendsonnenlicht glitt es über die enge Stirn der Ulla. »Ja, die Altweibermühl! Ich hab schon davon reden hören. Aber sie ist weit, meine Füß ergehen den Weg nimmer.«

»Geh in die Mußmühl! Der Gid mahlt dich blitzsauber und blutjung. Zweifelst du? Ich lüg dich nit an. Du könntest mich sonst mit einem Buschen Haberstroh erschießen in der Thomasnacht.«

Lachend trollte er sich.

Die Alte stand wie verzaubert. Noch einmal jung werden, Kraft haben in Händen und Füßen, klar und stark sein im Hirn, von den Leuten geehrt werden, tanzen und springen können, und es noch einmal und besser und schlauer versuchen mit dem Leben!

Sie ging im Ring um diesen lichten Wunsch, sie bestaunte ihn von allen Seiten und lugte scheu hin, wie ein Bettelkind durch die Zaunstecken in einen fremden, feinen Garten lugt voll edler Lilien und lieber Rosenstauden und Bäume mit gelbem Obst.

Sie glaubte es gern, daß es ein Mühlrad gebe, das die Alten wieder jung mahle. Wie hätten denn sonst die Leute davon reden können!

Sie packte vor Freude die Geiß bei den Füßen, hob sie auf und schwenkte und schleifte mit dem glotzenden Tier einen gelinden Tanz. –

Als sie am dritten Tag das Herz nimmer bezwang, nahm sie ihren Stecken und ging in die Mußmühle.

Den Weg hin pflasterte sie mit vielen Träumen, die holder glitzerten als der Tau an den Gräsern. Und die Vögel pfiffen die kreuz und die quer, der Baumhackel jauchzte wie ein Hochzeiter, der Himmel droben war glasblau, und die Erde war zart und freundlich wie ein Kränzelgarten.

Die Ulla wanderte die Erlen und Weiden entlang bis zum grünen Weiher, darein der Bach sich sammelnd und verrastend mündete.

Der Gid schleppte eben dem Glöckelbauer die Säcke in die Mühle.

»Bin ich da recht in der Altweibermühl?« fragte sie, und das Herz schlug ihr hellauf.

Der Gid ließ den Sack von der Achsel gleiten und schaute sie wild an.

»Die bringt der Mußmühl einen neuen Namen auf,« lachte der Glöckelbauer.

»Jung sollst du mich mahlen,« redete sie ein wenig scheuer. »Der Dullhäubel schickt mich her.«

»Zu Trutz und Neid tut er mir alles!« rief der Gid in weinerlicher Wut. Und er rollte sie an: »Komm mit!«

Sie beschwichtigte ihn. »Sei nit bös! Ich bin halt ein armes Fürwitzel.«

»Zum Altweibermahlen täten die Fuxloher freilich meine Mühl kennen, da fahret keiner vorbei.« Er stapfte grimmig voraus.

Im Vorderhaus standen einige Holzschuhe. Da schmeichelte die Ulla, den Zornigen zu begüten: »Ihr habt aber viel Holzschuh, da kommen gewiß auf jeden zwei.«

Er führte sie durch das zitternde Haus, und auf einmal weilte sie verwirrt an einem Ort voll staubiger Stiegen und Leitern, der Wellbaum drehte sich, die Gänge klapperten, volle Säcke lehnten aneinander, weiße Mehlhaufen waren aufgeschüttet.

Unheimlich rührte sich das Haus, belebt vom stürzenden Wasser, das das Wesen eines Geistes hatte. Unsichtbar irgendwo schwang sich das Mühlrad, vom Geschäufel zischte und fiel es. Die Aufschüttkasten schüttelten und rüttelten sich ruhelos, gespenstisch regte sich das Beutelwerk. Immer tosender schlapperte und klapperte alles, und der Ulla Herz schlotterte immer banger.

Eine Mehltruhe stand halb offen, und das Weiblein fürchtete, ein grauer Kobold könne herauskriechen und ihr ein Leides tun.

Und auf einmal schoß ihr eine gewaltige Angst vor dem Jungwerden ins Knie.

Soll sie die bittere Welt noch einmal durchreisen, jetzt, wo sie der Ewigkeit und ihrem Frieden schon so nahe ist? Sie sollte sich doch ihr Alter nicht so hart bekümmern lassen!

Und die Geiß daheim, die wird die Ulla nimmer erkennen, wenn sie jung und fremd dahertanzt. Die gute Geiß wird den Bart traurig hangen lassen.

Sie schrak auf. In dem Gebraus hatte sie den Müller vergessen.

Der packte sie grob und schwang sie über den Mühltrichter. »Soll ich dich fallen lassen?«

Sie schrie auf. Sie fühlte sich verschlungen, zermalmt unter den harten Steinen. Wild krampfte sie sich in des Müllers Rock. »Heilige Muttergottes, hilf! Breit deinen Reifrock aus! Ich will nimmer jung werden.«

Die Sinne vergingen ihr. –

Als sie wieder zu sich kam, lag sie am Weiher. Die Mühle brauste gedämpft, Mücken schwirrten.

Sie besann sich lange. Hernach wisperte sie: »Gott, wie geht es zu in deiner Welt!«

Voller Angst und Neugier kroch sie zum Teich hin, schlupfte durch die Felberstauden und schaute in den stillen, grünen Spiegel: da nickte ein altes, verschrumpftes Schwesterlein herauf.

Die Ulla hüpfte vor Freuden auf und bat die im Wasser um Verzeihung, daß sie sie schier um ihre grauen Haare und vertrauten Runzeln und ehrwürdigen Hände gebracht hätte. Ein Muttergotteswunder, so glaubte sie, habe den Frevel verhütet.

Als sie heim ging, lag der Dullhäubel vor seinem Hof am Wasen und reckte die Arme faul von sich.

»Der Müllner hat grob gemahlen,« spottete er. »Jetzt mußt du halt Wolkenschieben gehen auf den Hötschenberg in Tirol.«

Im »pfalzenden Hahn« ging es hoch und hell her. Der Kirchweihtanz dauerte schon die zweite Nacht.

Enganeinander hockten die Musikanten auf ihrer Bühne. Der starke Lukas Schellnober blies den Baß, der Aumichel griff die Klarinette, der Spielmannfranz und seine Buben geigten. Und wenn die Musikanten rasteten, zirpte der Kanari, der aus dem Vogelhaus dem Treiben zuschaute.

Die Bauernsohlen stampften die altbairischen Tänze. Der Glöckelbauer schwang die Iglin, der Igelbauer die Glöckelbäurin; der Holzhacker Longinus Spucht drehte wie besessen des Meßners Weib, derweil der Grazian gottergeben und mit niedergeschlagenen Augen die Spuchtin weit von sich hielt. Der Burgermeister tanzte mit der Burgermeisterin, der Müller mit der Müllerin. Der Dorfnarr sprang in Holzschuhen durch die Stube; zuweilen schlug er eine Blechstürze schallend an die Wand und schrie: »Ich bin ein Steirer!«

Der Dullhäubel drängte eine junge Dirne in die Ecke.

»Deine Zähne glanzen, Stasel,« schmeichelte er.

»Mit Zinnkraut hab ich sie geputzt, Kasper.«

»Du bist süß wie ein Zuckerstock, Stasel. Komm mit mir vors Haus und laß mich schlecken!«

»Nein, nein, Bauer, draußen ist es mir zu finster, ich könnt mich wo anstoßen. Und du bist mir zu wenig treu.«

»Ich hab ein kugelrundes Herz, es rollt von einer zur andern, Stasel. Heut zu dir.«

»Ich dank schön,« sagte sie schnippisch, »ich bin kein Apfelbaum an der Straße, wo ein jeder Bub hinaufsteigt.«

Die Fuxloher hatten ihre Bäurinnen ausgeführt, und auch aus Blaustauden und Grillenöd waren Gäste da, und sie sprangen und trampelten, schleiften und jauchzten und sangen grell durcheinander.

»Musikanten, spielt die ›Sommerblume‹!« schaffte der Müller an.

»Nein, das ›Wintergrün‹ will ich tanzen,« begehrte der Dullhäubel.

Die Ausgedingler mischten in der Kuchel die Karten und spielten ein Spiel, das kroch so faul und endlos um den Tisch, daß die Sage recht haben mochte, einmal seien dabei vier Männer erfroren.

Neben der Bodenstiege im Vorhaus schenkte der Wirt aus, vor ihm auf einem langen Tisch standen die Krüge der Tänzer.

Alles drehte sich eben, niemand war im Vorhaus. Mit eiligen Augen nahm der Wirt den Vorteil wahr: er packte einen Maßkrug nach dem andern und goß das Bier durch den Trichter ins Faß zurück. Hernach lehnte er sich träumerisch mit überschlagenen Beinen und verschränkten Armen an die Stiege und wartete.

Die Tänzer kamen mit den erhitzten Tänzerinnen und wollten trinken.

Der Müller schrie:» Verflucht, da hat mir schon wieder einer das Bier ausgesoffen!«

Der Lippenlix aus Blaustauden murrte bös: »Gerad ist mein Krug voll gewesen, und jetzt ist er leer. Wirt, das geht nit mit rechten Dingen zu.«

Der Dullhäubel ließ sich frisch einschenken. Er kostete und spie aus: »Wirt, dein Bier ist abscheulich warm. Pfui Teufel!«

»Geduldet euch,« tröstete der Wirt, »gleich wird frisch angezapft. Jetzt kommt das Faß, wo die schwarze Katz drauf sitzt.«

Der Longinus Spucht stimmte das Rinaldinilied an. Er hatte einen rauhen, grimmigen Hals. Sein stockfinsterer Bart deckte die Brust weit hinunter, so daß er keinen Brustfleck brauchte. Wegen des finsteren Bartes war schon mancher Wandersmann umgekehrt, der den Spucht von weitem im Wald sah.

Der Brunnkressenhannes setzte sich zum Dullhäubel hin. »Mein lieber Freund,« sagte er, »in der guten alten Zeit ist es anders gewesen. Ich wünsch mir nix mehr, als daß wieder ein so kräftiges Bier gebraut wird wie vormals. Wenn man das Glas ausgetrunken hat, ist der Boden noch schneeweiß gewesen vor lauter Faum. So kräftig ist es gewesen. Heut bringt kein Bräuer mehr einen rechten Faum zusammen.«

Der Dullhäubel tat, als höre er nicht und kehrte sich ab. Da stupfte ihn der Hannes mit dem Ellbogen an. »Bauer, tu her ein Schnüpflein. Der Tabak ist ein magnetisches Pulver, das zieht die Nase an.«

»Setz dich nit an meinen Tisch,« antwortete der Bauer grob. »Du bist nur ein Häuselmann mit einer Kuh.«

»Lausig bin ich nit, daß du wegruckst von mir.« Der Hannes stand auf und trug beleidigt seinen Krug davon. »Freilich muß einer stolz sein, wenn er einen so großen Hof hat wie der Dullhäubel. Der Ofen allein ist dort so groß, daß der Bauer drei Paar Ochsen einspannen muß, wenn er die Bratschüssel aus der Röhre ziehen will.«

»Ihr werdet wieder solang wörteln, bis ihr rauft,« mahnte der Wirt scharf.

Der Longinus Spucht hub ein anderes Räuberlied an.

»'s gibt kein schönres Leben auf Erden in der weit und breiten Welt, als ein Straßenrauber werden, morden um das liebe Geld.«

Die Musikanten setzten an, und Jauchzen und Gepolter verdeckten seine grobe Stimme. Alles drängte zum Tanz.

Als sich der Wirt wieder allein spürte, hob er gemächlich den Holzschlägel, womit er sonst die Piepe in die Fässer trieb, und schlug ihn dreimal dröhnend an die Bodenstiege. Dann gellte er in die Stube: »Leut, frisch angezapft hab ich!« und schenkte wieder aus dem alten Faß.

Der Grazian huschte heran und trank. »Jetzt ist das Bier viel besser.«

Der Spucht wischte sich erquickt den feuchten Bart. »Das Bier hat Kraft,« lobte er, »es raucht einem zur Nase heraus.«

»Wirt, bring eine Zange her!« begehrte der Igelbauer. »Am Türstock steht ein Nagel heraus, die Burgermeisterin hat sich dran den Kittel zerrissen.«

Doch der Lukas Schellnober hüpfte von seinem hohen Sitz herab und riß den Nagel mit den blanken Zähnen so gründlich heraus, daß schier der Türstock mitging.

Alle staunten über die Gewalt, und der Lukas Schellnober stand da, stark wie ein Hebebaum.

Nur der Dullhäubel winkte geringschätzig. »Mein Ähnel hat eine Pflugschar auseinander gebrochen und einen eisernen Haken mit dem kleinen Finger in die Mauer getrieben.«

Da packte der starke Bläser den Prahler samt seinem Stuhl und hob ihn auf den Tisch, daß er zappelnd droben saß, und alle lachten und gönnten es ihm.

Wütend kroch er herunter. Doch wußte er sich gleich wieder ein Ansehen zu schaffen, er zündete sich die Pfeife mit einem Guldenzettel an, schob sich den Hut ins Genick und schloß hochmütig die Augen. »Soll mir das einer nachtun in Fuxloh!«

Die Leute hatten nicht lange Zeit, über den verbrannten Gulden zu staunen, denn der Spucht und der Grazian waren wegen ihrer Weiber in Streit geraten, und alles scharte sich um die zwei.

Der Spucht war eifersüchtig worden und behauptete, der Meßner stoße beim Tanz häufig mit dem Knie an das Knie der Spuchtin. »Ich hau dich, Grazian, daß dir das Maul auf die Seite hängt,« drohte er und spickte die Drohung mit seinen finsteren Blicken.

»Hau her!« trotzte der Grazian.

»Hau erst du her!« begehrte der Spucht und wich einen Schritt zurück. Sein Bart sträubte sich.

Dem Meßner schwoll das Herz. »Hast du eine Schneid, so wag dich an mich!« Er hob einen Stuhl auf und brüllte. Der Spucht duckte sich.

Vom Faß her rief der Wirt: »Grazian, wenn du raufen willst, räum ich dich hinaus.«

Der Narr tanzte täppisch zwischen die Streiter und sang die Worte: »Hofacker, Krautacker!« Ein anderes Lied konnte er nicht.

»Recht hast du, Zusch, stift Frieden!« lobte ihn der Burgermeister.

»Komm her, Narr, trink!« Der Dullhäubel hob das abgestandene Traufbier unter dem Faß weg und schwenkte es. Der Zusch trank mit stieren Augen.

Dann spreizte der Dullhäubel die Beine auseinander. »Jetzt bedank dich, Narr, und schlief durch.«

Da ließ sich der Zusch auf alle vier nieder und kroch durch.

Seine Mutter kam in die Stube. »Wo mag denn mein armer Narr sein?« fragte sie betrübt. »Ich such ihn schon die halbe Nacht.«

Als sie ihn dem Bauer durch die Beine kriechen sah, weinte sie in die Schürze und zog den Narren mit sich fort.

»Den Kasper soll man hauen, bis er nach Feuer stinkt,« schalt der Müller.

Der Dullhäubel aber mischte sich keck in den Tanz. Dabei sprang er wie ein Heuschreck, schaffte sich unbekümmert Platz und stieß die andern aus dem Weg.

Den Lippenlix aus Blaustauden faßte er beim Knopf. »Du Schönbart bist mir auf die Zehen getreten, das Weh schießt mir bis zum Ellbogen herauf.«

Mit einem Schlag stand eine Rotte Blaustaudner Burschen hinter dem Lippenlix bereit. Der zwirbelte sich den langmächtigen Schnurrbart und lauerte, er war ein stößiger Mensch, mit dem keiner gern anband.

Der Dullhäubel schmeckte die Gefahr. »Nix für ungut!« schmeichelte er. »Was stellt ihr euch gegen mich? Reibt euch an dem Müllner! Der sagt allweil, in Blaustauden sind lauter rotaugige Menscher.«

»Traut dem Kasper nit, er hat zwei Zungen in der Gosche,« warnte der Öchseltreiber Mathes aus Grillenöd.

»Die Grillnöder rühren sich,« spottete der Dullhäubel. »Ist das wahr, Mathes, daß bei euch alle stehlen, nur der heilige Sebastian in der Kapelle nit? Der ist angebunden.«

Der Bauer hatte die Lacher auf seiner Seite. Und der Lippenlix zwirbelte den schönen Bart und bekräftigte: »Die Grillnöder sind bekannt. Wenn sie Kirchweih haben, müssen sie in den andern Dörfern den Stall zusperren.«

»Der Kasper setzt den Hut auf, wie der Wind hergeht, einmal so, einmal anders,« greinte der Öchseltreiber, fand aber kein Gehör.

»Sing uns das Fuxloher Lied, Kasper!« verlangten die aus Blaustauden.

Da krähte der Dullhäubel den Spott über sein Dorf.

»Von hint bin ich fürher, vom schwarzen Laib Brot, kein weißes Brot eß ich nit, da brennt mich der Sod.«

Dem Burgermeister schlug die Röte in den Kopf. »Du bist wie der Wiedehopf, Kasper, der beschmeißt auch das eigene Nest.«

»Dreiunddreißig Menscher hab ich,« rief der Dullhäubel, »alle Jungfern von Fuxloh gehören mir, und alle Weiber sind mein gewesen.«

»Jetzt haltst du das Maul!« schnarchte ihn der Igelbauer an.

»Du willst mir was schaffen?« höhnte der Dullhäubel. »Wer bist du, und wer bin ich? Du treibst dreizehn Mäus auf den Markt. Einen Fleck Grund hast du, nit größer als ein Hosentürlein, und schon laßt du dich einen Bauer heißen.«

Die Musikanten fingen schnell einen Ländler an und überlärmten die Schandrede des Dullhäubel.

Den Ländler hatte der Müller bestellt und bezahlt, und er und die Ogath tanzten ihn allein, derweil die andern im Ring herum standen und zuschauten.

»Der Gid reckt sich auf über uns alle,« stichelte der Dullhäubel. »Das ist keine Kunst, er hat das Geld, er stiehlt uns alle ab, uns Bauern.«

»Dein Tanz hat keinen Schmiß, Müllner,« nörgelte der Lippenlix.

»Er kann leicht das Geld ausstreuen,« spottete der Dullhäubel. »Seine Vorfahrer sind klug gewesen, sie haben ihren Kühen den vordern Leib abgehackt, der nur gefressen hat; den hintern Teil haben sie weiter leben lassen. Wegen der Milch und dem Dung.«

»Hör nit auf seine Lügen und sein Plauderwerk, Gid!« bat die Ogath. »Und gehen wir heim!«

Er schnitt ein Gesicht wie ein Gewitter und schwieg.

Der Spucht saß im Flur beim Wirt, sein Deckelglas hinter dem dicken Bart versteckt, daß es die Spuchtin nicht merke. »Jetzt wird es erst schön,« freute er sich, »jetzt streiten sie gewiß.« Die kohlfinsteren Augen glühten ihm.

»O die Jähköpfe!« klagte der Wirt. »Heut setzt es ein Unglück.«

Drin in der Stube fing der Lippenlix an, dem Müller in den Weg zu tanzen, er taumelte plump vor ihm her, der Messergriff stand ihm zum Sack hinaus.

Der Gid stellte ihn. »Begehrst du was?«

»Von dir am letzten!«

Da rief der Müller laut: »Wirt, die Halbe Bier sollt einen Zwanziger kosten, daß nit ein jeder Lauser sich eins kaufen kann, der es nit vertragt.«

»Ich stürz dich um, Gid,« krächzte der Lippenlix.

Der Wirt sprang zwischen die Männer. »Du Blaustaudner Schurimuri, braus nit so daher. Rauf dich daheim aus, wenn dich die Kraft juckt! Du unbändiger Stier du!«

Der Lippenlix schob sich mürrisch zur Tür hinaus. Seine Spießgesellen rückten an einem Tisch zusammen und brüllten grobe, rauflustige Lieder.

»Jetzt gehst du heim!« herrschte der Müller sein Weib an.

»Du gehst mit, Gid!«

Er zog die schweren Brauen zusammen. Da ging sie allein. –

Draußen vorm Wirtshaus zischelte einer auf den Lippenlix ein. »Da steigt er drin auf und ab wie der Hahn in den Gerstenhalmen, der Gid. Und uns laßt er nix gelten. Nur nix gefallen lassen, nur nit langmütig sein, Lix! Der Langmut zieht den Übermut ins Haus.«

»Die Gall gießt sich mir aus,« stöhnte der andere.

»Sei nit verzagt, Lix, und geh den stolzen Müllner an! Steif dich nur auf mich! Ich verlaß dich nit. Da schnupf einmal! Das ist ein Tabak aus den heißen Ländern, der hitzt und kräftigt. He, Bruder, wie heißt der Spruch? Erst schnupfen, dann hupfen, erst saufen, dann raufen.«

Der Brunnkressenhannes wankte aus dem Haus und besang sich mit hoher Hirtenstimme schwermütig den Heimweg.

»Wird mir dann die Zeit zu lang, sing ich einen Waldgesang, und verkriech mich in den Hecken, lehn mich an den Hirtenstecken und ergreif die Feldschalmei, dieses macht mich sorgenfrei.« –

Drin in der Stube rief der Dullhäubel: »Spielt auf, Spielleut, daß es schnalzt! Ihr dürft euch dafür den höchsten Baum in meinem Wald umschneiden. Aber der Herr Ägid Wilfinger darf nimmer mittun, der hat schon genug allein getanzt. Andre Leut sind auch noch da.«

Da stoben die Weiber türaus, der Wirbel ordnete sich, und augenblicklich standen sich die Männer mit feurigen Augen und fertiger Faust in zwei Haufen gegenüber. Um den Dullhäubel sammelten sich die Blaustaudner und ein paar Fuxloher, die der Gid wegen des Mühlzwanges beleidigt hatte.

Alles lauerte. Alles erwartete den ersten Wetterschlag.

Nur die Musikanten blieben gleichgültig. Die Geiger tranken und schmierten den Fiedelbogen, der Klarinetter dudelte tiefsinnig für sich hin, und der starke Lukas Schellnober war schnarchend auf seinen Stuhl zurückgesunken.

Der Lippenlix hub an. »Müllner, du bist rauschig, du kannst die Zung nimmer heben. Geh heim, leg dich nieder zu deinem Weib!« Und fauchend stieß er sein Messer durch den Tisch.

»Müllner, du bist der Gescheitere, ich bitt dich, gib nach!« bettelte der Wirt.

Der Gid vergilbte, als hätte er die Gallensucht. »Das ist noch nie geschehen, seit die Welt steht, daß sich hätt ein Mußmüllner heimschicken lassen wie ein Hütbub. Da grab ich mich eher lebendig ein.«

»Er schneidet ein Gesicht wie neun Pfund Teufel,« hetzte der Dullhäubel. »Lix, laß ihm den Darm heraus!«

Da klingelte es. Ein Stein flog aus der Nacht splitternd zum Fenster herein, er traf die Klarinette, und sie fuhr dem Aumichel in das Maul und stieß ihm einen Zahn aus.

Das war das Zeichen. Jäh hoben sich die Fäuste. Der Burgermeister stürzte sich keifend zwischen die Raufer.

Das Vogelhaus fiel von der Wand und zerbrach. Eilig tappte der Wirt nach dem Kanari und verwahrte ihn in der Bratröhre des Ofens. Über ihn schlug es wie ein wildes Wasser zusammen.

Die Wirtin stieg auf einen Tisch und sprengte jammernd Weihwasser über den Kampf; aber die Tropfen halfen nichts, es hätte einer Feuerspritze bedurft. Alles packte zu. Worte flogen hin und zurück, spitz und scharf, wie wenn Stahl in den Stein beißt. Die Kartenspieler hatten ihre Trümpfe weggeworfen und tauchten in dem Wirbel unter.

Der Dullhäubel trank indes im Vorhaus ruhig seinen Krug aus, wischte sich den Schnauzbart und ging, ohne zu zahlen, heim.

Der Müller faßte den Lippenlix und drückte ihn ins Knie. »Ich schwing dich, ich lupf dich!« keuchte er.

»Blut mußt du rotzen!« trotzte der Lix.

Ein Stuhl krachte auf einen Schädel. Krüge wurden geschwungen, flogen, trafen, splitterten. Aus den Knäueln, die sich auf der Erde wälzten, tauchten Beine auf und strampelten. Einer schrie immer wieder: »Das ist heut eine Hetz! Das ist eine Hetz!«

»Alle miteinander jag ich euch auf den Baum hinauf!« drohte der Spucht und floh zum Haus hinaus.

»Ich hol den Schergen,« weinte, kreischte, brüllte, winselte der Wirt. Seine heiseren Schreie gingen unter.

Die Spielleute sprangen von der Bühne in die Schlacht hinab und taten mit. Nur der riesige Baßbläser schlief seelenruhig und entrückt auf seiner Höhe.

Das Getümmel wälzte sich hin und her, die Streiter redeten nimmer. Auf einmal wuchs der Lippenlix aus dem Wirrwarr heraus, mit dem Bierschlägel schlug er die Lampe von der Decke. Da war es stockhimmelfinster.

Der Streit ging in der Finsternis weiter. Niemand suchte mehr einen Feind, jeder nahm den, der ihm in den Griff kam. Alles tobte. Keiner feierte.

Der Longinus Spucht schrie zu dem zerbrochenen Fenster herein: »Himmelsakerment, wenn ihr nit bald aufhört, rauf ich auch noch mit! Das müßt mit schlechten Dingen zugehen, wenn ich nit ein paar umbrächt!«

In höchster Not tappte sich der Wirt an der Bühne hinauf, er rüttelte den schlafenden Bläser. »Lukas! Still die Leut ab! Stift Frieden! Hau zu!«

Der Lukas Schellnober fuhr schwerschlachtig auf, trunken vom Schlaf. »Wohin soll ich denn hauen?«

»Hau gradaus! Hau, wohin du willst! Du triffst keinen Unrechten.«

Der Riese riß das Mundstück von seinem Baßhorn und ließ sich in die tümmelnde Finsternis hinab. Er teilte mit dem Mundstück Hiebe nach links und rechts aus und schrie: »Hui aus! Hui aus!«

Es war als käme eine Mauer daher. Heulend meldete sich, wen der Lukas mit seiner greulichen Kraft traf. Täumlig und toll suchten sie die Tür, fluchend, wimmernd quetschten sie sich hinaus. Bald war der untümliche Mann allein in der Stube.

Der Wirt kam und leuchtete mit einer Kerze die Verwüstung an. Scherben und Blutlachen spiegelten, Bänke und Stühle lagen zertrümmert oder mit ausgerissenen Füßen, Öl stank. Durch die zerschlagenen Fenster stieß der Nachtwind herein.

Die Musikanten fanden sich wieder ein. Der Lukas Schellnober saß ruhig droben auf der Bühne und putzte mit einem Holz das Blut und die Haare aus dem Mundstück. Dann schraubte er es wieder an den Baß, führte es zu den Lippen, und seine Gesellen stimmten ein und machten wieder zum Tanz lüstern.

Zerschrammt und blutrünstig, struppig und zerfetzt, doch auch abgekühlt von der Nachtluft, befreit und friedsam kamen die Raufer wieder, die Weiber und die Dirnen blieben nicht aus, die Wirtin fegte die Stube rein, und bald drehten sich wieder alle in schönster Eintracht. –

Draußen kroch der Müller auf Händen und Füßen heim, mit zornzerrissenen Lippen, qualvoll, ohne Laut. Er hörte fern die Geigen und die Klarinette summen und den Baß stoßweise murren.

Der Mond verschien, der Wald ward grau. Das Wichtel rief, der Totenvogel.

Drei fürchterliche Stunden kroch er.

Frühgeläut erklang. Die Sonne ging auf, sie schwamm wie ein gräßlicher Blutfleck im Dunst.

Die Ogath kam aus der Mühle. Die Zunge ward ihr steif vor Schreck, als sie den Mann vor sich liegen sah, das Gesicht verfallen, die Stirn aschfahl, blutig.

»Den Fuß hat mir einer mit dem Bierschlägel abgeschlagen,« raunte er.

»Wer?«

»Ich verrat ihn nit.«

»O wärst du heimgangen mit mir, Gid! Reut dich denn deine Gesundheit nit?« schluchzte sie.

»Ich reu mich um nix.«

»O das ist ein Wehtag! O mein lieber Müllner, was haben sie mit dir angefangen?!«

»Das tut nix,« sagte er gleichmütig. »Hätt ich den Bierschlägel gehabt, ich hätt ihm dasselbe getan.«

Nach langem Krankenlager ward der Gid vom Wundarzt wieder hergestellt. Aber er ging krumm.

Auch sein Herz war verdüstert. Immer eigenköpfiger, immer wunderlicher wurde er, mürrisch hinkte er durch die Mühle. Dem rothaarigen Dirnlein, das um ihn aufwuchs, sah er mit argen Augen nach. Sein Weib redete er kaum mehr an. Es war schwer, mit ihm zu hausen.

Den Gerechtigkeitsbrief hatte er sich ans Tor genagelt: alle Welt sollte sehen, daß er in seinem Recht gekränkt wurde. Aber die Welt kehrte sich nicht daran und schaffte ihr Malter zum Grillenmüller, der war ein lachender Mann.

Im Wirtshaus kam es zu einem wilden Streit zwischen den Müllern.

Der Grill schrie: »Fahrt ihm die alten Weiber hin, dem Gid! Das soll erzwungen werden, eine solche Zwangmühl brauchen wir.«

»Dein Weib mahl ich zuerst, die hat es am nötigsten,« antwortete der Gid.

»Die Ulla hat deine Mühl verhext, Gid,« spottete der Teufelmüller, »es fallt lauter Ratzendreck aus den Steinen heraus.«,

Der Mußmüller grollte: »Red nur du nix von Zauberei! Deine Mühl hat der Teufel am Buckel daher gebracht. Kein guter Christ soll drin mahlen lassen. Und eure Mühlen sind nur Gaukelmühlen gegen die meine, mit einer Hand halt ich sie auf. Mit einer Hand, alle zwei auf einmal!«

»Versuch es!« schrien die andern. –

In jener Nacht blieb die Grillenmühle stehen. Unterm Mühlrad lag der Gid mit zermalmtem Arm und zerdrückter Brust. Er hatte sein Wort gehalten.

Sie legten den Leichnam auf eine Stubentür und trugen ihn heim zu seinem Weib.

Die Altbäurin Sodonia konnte nimmer.

Man mußte sie speisen wie ein kleines Kind. Das Fleisch ward ihr offen vor lauter Liegen. Und weil sie nimmer schaffen und nimmer den Dienstboten nachgehen konnte, so wartete sie ungeduldig auf die Erlösung.

Als ihre Stunde kam, stand der Dullhäubel demütig an dem Bettfuß.

»Kasper, ich sterb,« seufzte sie. »Was wird aus dem Hof, wenn ich nimmer bin? Ich hab gespart. Wenn der Geier mir eine Henne erstoßen hat, bin ich ihm bis in den Wald nach. Ich bin geizig gewesen, keine Nuß hat man mir von unsern Haselstauden brechen dürfen. Ich bin ein Weib gewesen wie ein Sporn. Den Hof hab ich gehalten.«

»Das weiß ich, Altbäurin,« wisperte er, »und ich dank dir dafür.«

»Aber deine Mutter taugt nix,« tadelte die Alte. »Sie kann nur so weit zählen und rechnen, als ihr die Finger zu Hilf kommen. Am liebsten schlaft sie. Ordnung kennt sie nit. Mein Gott, wo soll sie denn die Ordnung gelernt haben?! Sie stammt aus einem Haus her, das ist mit Kuhfladen gedeckt. Ich bin allweil gegen die Heirat gewesen, aber der Isidor hat mir nit gefolgt. In der Seligkeit drüben werf ich ihm es noch vor, wenn ich ihn dort find. O es ist mir leid um den schönen Hof!«

»Ich werd mich schon kümmern,« schluchzte er, »ich versprech es dir.«

»Ach du!« winkte sie verächtlich. »Du hast die Faulheit von deiner Mutter geerbt. Allweil lehnst du in der Sonn umher und tust keinen Handstreich. Die Gurgel taufen und die Leut narren, das triffst du. Dein Leben stößt dich in Schulden. Schämst du dich nit vor den Leuten?«

»Mich gehen die Leut nix an,« trotzte er.

»So fürcht unsern Herrgott!«

»Nach Fuxloh sieht er nit. Fuxloh liegt hinter dem Herrgott seinem Buckel.«

»Du irrst dich, Kasper. Der Teufel äugt wie ein Stoßvogel. Hüt dich! Und tracht, daß du einmal am Himmelstisch essen darfst und trinken und des höllischen Feindes spottest. Ich will dich droben in der Seligkeit erwarten, und du mußt mir Rechenschaft legen über den Hof. Aber was nutzt meine Red? Du beutelst dich ab wie ein nasser Hund.«

»Ich will mich verbessern,« sprach er zerknirscht.

»Und noch eins, Kasper. Du bist jetzt ein gestandener Mann. Ein Weib tut dir not. Mit Schmerzen hab ich dir im Sommer zugeschaut, wie du den Graserinnen keine Ruh gegeben hast. Leugn es nit! Ich rat dir, nimm dir ein gutes Weib, die hausen kann! Wähl nit zu lang! Wer gar zu lang unter den Schaffen umgreift, erwischt zuletzt das Dreckschaff. Heirat nit so eine Flankin, die sich aufputzt und aufstutzt und sich am Werktag Löcklein und Schnecklein dreht! Nimm dir eine wie dem Mußmüller seine Wittib! Versprich mir es um des Hofes willen!«

Er reichte ihr die Hand, und dicke Zähren rollten nieder auf seine hirschledernen Hosen. »Ich versprech es dir. Alles Gute versprech ich dir.«

»Was heunst du denn?« beschwichtigte sie ihn. »Ich hab mir mit drei Dullhäubeln genug ausgestanden. Vergönn es mir, daß ich abgestandenes Weib aus Zeit und Leid in die ewige Freud hinfahr!«

An einem glasheitern Herbsttag, die elftausend Jungfern spannen im Himmel die Altsommerseide, und gelbes Laub mengte sich in das müde Grün, da legte man die Altbäurin ins Grab.

Jetzt ging es auf dem Hof nimmer schön zu. Der Dullhäubel sorgte sich um nichts und führte seinen schlechten Wandel weiter. Knechte und Dirnen wurden säumig, da sie die Augen der Altbäurin unterm Rasen wußten. Das Vieh röhrte vergeblich um Futter, der Stall wurde nicht ausgemistet, das Korn nicht gedroschen, das Haus war voll Schmutz.

Die Sanna, die Mutter des Bauern, wärmte sich den Rücken an dem grünen Kachelofen, schlief und aß und schlief wieder ein. Das Schicksal des Hofes rührte nicht an ihre schläfrige Seele.

An einem Wintertag sagte sie zum Dullhäubel: »Bub, jetzt bin ich vierzig Jahr in der Fremd, jetzt verlang ich wieder heim zu meinen Leuten.«

»Warum, Mutter? Es fehlt dir ja nix bei mir.«

»Ich hab mich in euer Leben da nie recht eingewöhnt. Und ich will mich von der Fremd ausrasten. Am Sonntag führst du mich heim.«

Sie ließ sich nicht halten, und er hielt sie nicht. –

Am Tag Pauli Bekehrung zog sich der Dullhäubel die Pelzhaube über die Ohren und schirrte das Roß vor den Schlitten. Darauf packte er Gewand und Federbett der Mutter und setzte sie warm darein. Nun fuhren sie bergan.

Hoch noch über dem hochgelegenen Grillenöd mitten in Geröllhalden und struppigen Wäldern war die Heimat der Sanna, das Siebenschläferhaus geheißen, die einsamste Einschicht im Gebirg.

Der Dullhäubel deutete mit der Peitsche hinauf. »Wird es dir nit zu rauh droben sein, Mutter? Droben ist es so kalt, daß sie am Tag vor der Sonnwend zum letztenmal und am Tag nach der Sonnwend zum erstenmal heizen.«

Der Hagbutzdorn brannte im blanken Schnee, schlohweißer Nebel wob in den Tälern drunten. In den Ebereschen schnabulierten bunte Pestvögel, und Elstern schätterten durch die gläserne Stille.

An einem Bildstock war zu lesen, daß an selber Stelle im Hochsommer ein Kohlenbrenner erfroren war. –

Der Siebenschläferhof war schwer verschneit. Keine Menschenspur führte hin, nur hie und da eine Hasenfährte oder ein Fuchsentritt. Die Fenster waren unter den angeflogenen Flocken erblindet.

»Der Hof ist ausgestorben,« murmelte der Dullhäubel. »Kehren wir um!«

Doch die Sanna deutete auf den Rauchfang. Ein ganz dünner, schier luftblauer Rauch stieg gleich schüchternem Atem auf und meldete Leben.

Der Bauer klopfte an die Tür, an die Fenster. »Auf, der Dullhäubel ist da!«

Es rührte sich nichts.

Schließlich trommelte er mit einem Prügel an die Tür, daß der Wald rings hallte.

Endlich schlurfte es drinnen im Flur.

Die Tür wurde aufgeriegelt. Ein zottiger, graubärtiger Mann, die Augen voll Schlaf, trat auf die Schwelle und fragte: »Was – was kommst du daher in dem stumpfen Wetter? Was – was willst du mitten im Winter?«

»Darf man dich nur im Sommer heimsuchen, Vetter?«

Der Alte gähnte: »Schlaft der Igel, – schlaft der Bär, - schlaft der Ratz. Die rechten Leut – schlafen – im Winter.«

Drin in der Stube schliefen sie im Bett, auf dem Ofen, auf Bank und Truhe, die Bäurin und die Kinder.

»Grüß dich Gott, Bruder!« sagte die Sanna.

»Dich – dich auch!« antwortete er und legte sich auf die Ofenbank. Die Erinnerung arbeitete schwerfällig in seinem Hirn.

»Vierzig Jahr haben wir uns nimmer gesehen,« meinte sie, »das ist lang.«

»Das – das ist lang,« wiederholte er träumerisch.

»Mein Bauer ist gestorben. Der da ist mein Bub, der Kasper.«

»Der – der Kasper,« kam der Widerhall.

»Jetzt frag ich, ob ihr mich daheim laßt bei euch,« sagte die Sanna.

Der Alte wies auf eine leere Truhe. »Leg – leg dich nur nieder!«

Der Dullhäubel wurde ungeduldig und schrie: »Ihr habt einen seltsamen Hausbrauch. Steht auf, Freundschaft! Kocht auf! Uns hungert. Und schlafen wollen wir nit.«

Da regten sich die Schläfer, sie hoben die wirrhaarigen Köpfe und sperrten tölpisch den Mund auf.

»Ist – ist der Sommer da, weil – weil der Star so hell pfigerzt?« lallte einer der Buben.

Die Muhme kroch aus dem Bett und schob einige Knorren ins Feuer, da wachte auch der Ofen auf und murmelte in sich hinein.

»Schlafen sie denn den ganzen Winter, Mutter?« staunte der Dullhäubel.

»Was sollen sie Schöneres tun, wenn das Dreschen vorbei ist und sie die andere Arbeit vollbracht haben?« antwortete die Sanna.

Die Muhme schob einen Topf auf die Platte und nickte. »Jetzt – jetzt ist die ruhsame Zeit.«

Die aufgeschossenen Burschen und die stämmigen Dirnen fletschten lachend die Zähne, stießen sich an und deuteten mit den Fingern auf den Dullhäubel.

Er fragte die zwei Jungfern nach den Namen.

»Bi – bi – bibiana,« stammelte die eine.

»Ju – ju – juliana,« die andere.

»Und wie schreibt ihr euch, Buben?«

»Zy – zy – Zyprian.«

»Bartholo – mä – mä.«

»Ihr – ihr – habt eure schönen Namen noch nit gut eingelernt,« spottete der Vetter aus Fuxloh.

Die Muhme entschuldigte ihre Brut. »Es – es handelt sich alleweil nur ums erste Wörtel, um – um den Anlauf. Magst – magst du keine heiraten, Kasper, von – von meinen Menschern?«

Das Gewölk der heißen Suppe flatterte über den Tisch, daran die Siebenschläferleute mit breiten Ellbogen lümmelten. Sie holten die Blechlöffel hervor, die unter der Tischplatte an Riemen hingen, und dann lallte die ganze stotternde Sippe den Engelgruß. Die Alte fuhr mit einer zweizinkigen Gabel in die Schüssel und rührte um, während die andern die Suppe so ungestüm kalt bliesen, daß sie über den Rand wallte.

Dem Dullhäubel kam ein zorniges Grausen an, er stand vom Tisch auf und ging zu seinem Schimmel hinaus und schaute ihm zu, wie artig er sein Heu fraß.

Erst als er meinte, daß drinnen die Mahlzeit verschlungen sei, traute er sich wieder hinein.

Die Siebenschläferleute leckten eben die Löffel ab, trockneten sie am Ärmel und hängten sie wieder unter den Tisch.

»Jetzt – jetzt schlafen wir weiter,« murmelte der Vetter.

»Mutter, bleibst du wirklich da?« fragte der Dullhäubel.

Sie nickte gähnend.

Er griff nach der Tür. »Also gute Nacht, Freundschaft! Schlaft euch gut aus! In vierzig Jahren such ich euch wieder heim.«

Und er sprang in den Schlitten und schnalzte mit der Geißel. »Renn, Schimmel, renn zu!«

Es war Feierabend.

Der Schmied Sulpiz Schlagendrauf hämmerte noch dreimal auf den leeren Amboß, hernach räumte er sein Werkzeug auf, blies die Laterne aus, die von der gewölbten Decke hing, und reckte wohlig die langen, ausgearbeiteten Arme.

Da stand der Dullhäubel im Mondschein an der Tür.

Der Schmied mochte ihn nicht leiden. Als er einmal mit seinem Weib gestritten hatte, war der Dullhäubel wetterläuten gerannt.

»Du könntest auch bei Taglicht kommen,« greinte der Sulpiz, »Soll ich dir den Schimmel beschlagen? Oder das Hirn?«

»Plaudern möcht ich mit dir.« Der Bauer redete süß wie eine Flöte. »Nur plaudern. Die Zeit wird mir zu lang in der Finsterweil. Und von dir lernt man was. Du bist ein gewitzigter Mann, hast schon drei Weiber begraben.«

»An die Wand hab ich sie gemalt, die Gespenster, zum ewigen Andenken,« lachte der Schmied und trat den Blasbalg. In der Esse loderte es auf und erhellte das Gewölb. Drei greuliche Weiber waren mit Ruß an die Mauer gezeichnet: sie hatten Krallen an den Fingern und Fangzähne im Maul, glotzende, schlimme Augen und zerstrüpptes Haar. Es war ein übler Anblick.

»Mit welcher von den dreien hast du es am schönsten gehabt?« fragte der Dullhäubel.

Der Sulpiz Schlagendrauf griff auf ein Mäuerlein und brachte drei Holzäpfel.

»Beiß in den hinein!«

Der Bauer kostete. »Pfui Teufel, ist der sauer! Den Atem nimmt es mir.«

Der Schmied hielt den zweiten Apfel hin. »Versuch den!«

»Das Maul reißt es mir auseinander, den Schlund zerschneidet es mir!« fluchte der Dullhäubel.

»Friß den dritten!«

»Gelts Gott tausendmal, Sulpiz! Ich kann nimmer. Ich mag mich nit vergiften.«

»Verstehst du jetzt, Junggesell, wie es mir notgedrungenem Ehemann dreimal ergangen ist? Die erste ist lang und hager gewesen, die zweite kurz und dick, die dritte nit klein, nit groß, nit dick, nit dünn. Es ist aber ein Teufel wie der andere gewesen. Das bravste Weib heißt Luder, den andern ihre Namen darf ich nit verraten, sonst zerreißen sie mich.«

Ein altes Männlein schlüpfte in die Werkstatt herein.

»Grüß Gott, Hammer und Amboß! Ich hab gerad jetzt dein Feuer aufleuchten sehen. Eine Bitt hab ich.« Er knöpfte den Brustfleck auf und zog einen Ziegel herfür. »Wärme mir ihn, Schmied! Ich trag allweil den lauwarmen Ziegel am Bauch, das tut mir so gut für mein inwendiges Leiden.«

Der Sulpiz Schlagendrauf legte den Ziegel an die Glut. Und wieder in die alten Zeiten versunken, brummte er: »Das größte Leiden ist ein Weib. Es ist ein Höllhaken, es zischt wie das Fegfeuer.«

Das Männlein luchste hin. »Willst du wieder heiraten, Meister Ruß? Oder du, Dullhäubel?«

»Ich nit,« ächzte der Schmied.

»Ich schon gar nit, Didelmann!« rief der Dullhäubel.

»Kasper, dich juckt es,« redete der Sulpiz. »Aber hör auf mich! Es gibt keinen Mann, der das Heiraten nit tausendmal bereut. Der Pfarrer Hurneyßl selber hat gepredigt, daß so mancher bei seiner Hochzeit glaubt, er greift nach der Zuckerbüchse, aber derweil erwischt er die Pfefferbüchse.«

»Der Pfarrer hat leicht schelten,« antwortete der Dullhäubel, »der hat eine steinrabenalte Köchin bei sich.«

»Kasper, du bist ein lediger Bursch, du kennst die Weiberleut nit. Die kennst du erst, wenn du mit ihnen verheiratet bist. Vor der Hochzeit ist eine jede wie eine zugedeckte Schüssel.«

Der Didelmann nahm den Ziegel vom Feuer, schob ihn wieder unter den Brustfleck und erzählte dabei: »Anno eins, wie der große Wind gegangen ist, haben wir einen Bären gefangen. Der hat uns viel Schaden getan, drum haben wir uns beraten, was die grausamste Straf für das Vieh wär. Da ist ein uralter Mann aufgestanden, Irg Kolroß hat er sich geheißen, und der hat gesagt: ›Laßt den Bären heiraten!‹ Der Alte ist nit der Dümmere gewesen.«

Kichernd schlüpfte der Didelmann aus dem Gewölb.

»Der eine redet hü, der andere hott,« seufzte der Dullhäubel, »ich kenn mich nit aus mit dem Heiraten.« –

Das Frühjahr kam, die Bauern legten die Fäustlinge ab und schnitten das Moos von den Bäumen. Das Gras nahm zu. Da rannen die Maibrünnlein, der Hahn balzte und krugelte, der Wendehals rief schmachtend »woid, woid« und verrenkte sich vor Verliebtheit schier den Kragen. Der Guckauf raufte und hochzeitete. Lau wurden die Nächte, und der Mond schaute scheinheilig drein.

Wenn der Dullhäubel nachts auf den Schemel stieg, das hochgerüstete Bett zu erklettern, seufzte er: »Das Himmelbett ist mir viel zu breit.« Er wälzte sich ohne Schlaf, und das Blut zuckte ihm. –

Einmal ging die Spuchtin an seinem Hof vorbei, sie schleppte einen Korb Klaubholz aus dem Vogeltänd.

Der Dullhäubel stürzte ihr nach, den Atem verschlug es ihm schier. »Holzhackerin, komm heut noch einmal in den Wald, ich schenk dir einen dürren Baum. Komm aber allein! Ich helf dir ihn abschneiden.«

Sie sah ihn mitleidig an. »Bauer, ich dank schön für den Baum. Ich hol ihn morgen mit meinem Mann. Aber du, Bauer, brauchst eine, die dir das Bett schön macht und emsig und zutätig deine Wirtschaft zusammen haltet. Heirat bald! Dann wachst dir ein nagelneues Herz.«

»Ich weiß mir keine,« sprach er betrübt.

»Nimm die Ogath!« –

Der Dullhäubel träumte wieder schwer. Ein sagenhafter Urvater erschien ihm, auf dem Kopf eine kleine rote Haube mit einer baumelnden Dulle daran, und der gebot ihm, das Geschlecht der Dullhäubel schleunig fortzupflanzen.

Und wenn der Bauer nächtens heimkam und der Mond im Vollschein stand, da war ihm, es stünden auf dem Lichtboden des Gehöftes die verstorbenen Vorfahrer Pankraz, Servaz und Bonifaz, die Bärte bereift wie die Eismänner, und der Isidor mit der kupfernen Nase, und sie drohten herab auf den unfruchtbaren Nachkömmling.

Die Ogath verlebte trübe Zeiten.

Der alte Müller war jetzt Herr im Haus. Mit kalten Augen, mürrischem Maul schlich er durch die Mühle und raunzte den lieben Tag über Wind und Wetter, es mochte heiter sein oder trüb. Und immer härter geizte er, sie und ihr Kind sollten nur Erdäpfel essen und sauere Milch, und wenn sie im Winter die eisige Stube heizen wollte, riß er ihr das Scheitlein Brennholz aus der Hand.

Die Mühle ging immer öder und grämlicher, ewig gleich hob sich das Geschäufel aus der Tiefe, mühselig, in schwerfälliger Gewalt, grünlich triefend, und versank wieder.

Immer öder kamen und sanken der Ogath die Tage. Sie wurde des Lebens verdrossen.

Als sie dem Alten einmal vorwarf, er lasse sie und das Kind hungern, lachte er hämisch. »Seltsam, seltsam, wie malefizblond dein Dirnlein ist! Schier wie dem Dullhäubel sein Bart.«

Da ward sie still und schaute das Kind lange in Gedanken an.

Am selben Tag noch machte sie sich gegen Kaltenherberg auf, sie wollte sich mit den Eltern beraten. In der Mühle hielt sie es nimmer aus.

Am Weg begegnete ihr der Narr. Eine bunte Schürze, die er um den Hals gebunden hatte, hing ihm am Rücken nieder. Er breitete die Arme aus wie der Pfarrer am Altar und sang lateinisch.

Die Ogath duckte sich hinter einer Kranwitstaude. Sie wußte, daß er kürzlich seine Mutter gezwungen hatte, in den Kleiderkasten zu steigen, den Kasten hatte er dann umgeworfen und die Frau drin besungen wie eine Leiche im Sarg.

Doch seine gefährlichen Augen hatten die Ogath schon erspäht. Mit ein paar lächerlichwilden Sprüngen stand er vor ihr und krächzte: »Knie dich hinein in den Dorn, Maria!«

Zitternd folgte sie ihm. Sie fürchtete die flackernde Unruhe in seinem Blick. Und als sie mitten im stechenden Busch kniete, raunte er: »Jetzt bin ich der Erzengel. Ich will dich segnen unter den Weibern. Aber zuerst schneid ich dir das sündhafte Haar ab.«

Er wetzte sein Messer am Knie.

Furchtbar schrie sie auf vor Angst. Was mochte der irre Mensch vorhaben?

Da kam der Dullhäubel den Hang vom Vogeltänd herunter gelaufen. Von weitem schrie er: »Stocknarr, ich erschlag dich!«

Der Zusch warf sich ihm zu Füßen und winselte, er möge ihn leben lassen.

Totenblaß kroch das Weib aus dem Strauch. »Händ und Knie sind mir wund, der Kittel ist zerrissen,« weinte sie. »Alle Bitternis muß man sich gefallen lassen, wenn man keinen Mann mehr hat. Fallt ein Stein vom Himmel, so fallt er auf eine Wittibin.«

Der Dullhäubel senkte die Augen. »Wie geht es dir, Ogath? Ich hab dich schon lang nimmer gesehen.«

»Es ist redlich drei Jahr her, daß ich im Wittibstuhl sitz,« erzählte sie. »Dem Alten muß ich den Mühlknecht machen, und in der Nacht kann ich nit schlafen, so arg treiben es die Ratzen. Ich will davon, mit Zähren feucht ich meinen Weg. Zu meinem Bruder will ich, will das Herrgottelschnitzen lernen.«

Verlegen striegelte sich der Bauer durchs Haar, er schrumpfte fast zusammen vor dem großen, ernsten Weib. Er stammelte: »Heut wär mir schier die Scheuer abgebrannt, die Dirn hat die glühende Asche hinausgeworfen. Ogath, mein Hof braucht eine Bäurin.«

»Willst du wieder einen Heiratsbrief schreiben?« antwortete sie herb.

Sie kehrte zur Mühle zurück, in zerrissenem Gewand wollte sie nicht vor die Ihren treten. Der Bauer schlich neben ihr her und redete nichts.

Über den Steg kam ihr das Dirnlein entgegen.

Die Ogath atmete schwer auf, als sie den roten Zopf ihres Kindes glänzen sah. »Dullhäubel,« sagte sie, »nur einmal in deinem Leben red die Wahrheit! Ist das dein Kind?«

»Ja!« wisperte er zerknirscht.

»Die Schand muß zugedeckt werden,« sprach sie. »In drei Wochen heiraten wir.«

Illustration from Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman
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