Särö (continued 3)
Reading edition
Sie wird nicht über den Strich eines Gedankens, nicht über die Länge der brodelnden Wiese entweichen. Nachts wird sie manchmal nur schreien. Sie wird sich der Männlichkeit, die sie einmal besaß, nicht mehr entreißen. Man flieht nur, was man nicht kennt. Das Blut versöhnt. Man gab den Amazonen kein Vorrecht.
Als ich im Schneegestöber sie kommen sah, den Mittag zu durchstreifen, in Breeches, wie irgendeine schöne Frau, durchfuhr mich Rührung, sie nicht mehr so sehr hingegeben zu sehen an die Mächte, denen sie mit einer gewissen Blässe des Auges, wenn ich heftig nach ihr Sehnsucht trug, bisweilen gehörte.
Sie trug die Gelenke des untersetzten Jägerinnen-Körpers in einer dunklen und erlösten Herbe, und langsam, während sie die lange Straße heraufkam, schlossen mit hängenden Zungen und nach ihr gerichteten Augen an sie, die den Knäuel leicht nur mit den Fingern wehrte, die Hunde von Tür zu Tür in Meute sich an.
Uga!
An den Riedhängen entging es sogar der knurrenden Gefolgschaft deiner Tiere nicht, daß, tief grüßend, der Reichspinguin einen Bogen um deinen lärmenden Einzug schlug und nicht in die Nähe der glühenden Lefzen gelüstete, über denen deine kleinen Hände spielten.
Du lachtest noch, als wir auf der Hügelkuppe in das Haus des Matrosen traten, der, fünfzig Jahre die Welt überwandernd, immer neu hingerissen nach Äquator und Pol und Wendekreisen seiner bäuerlichen Sehnsucht, das Seltsame der Erdteile in seine Höhle stapelte . . . . . . und du in einem Regen dich umschwingender birmanischer Harfen und Phalloswurzeln, Haimaulen und Palaumasken so im Schatten standest, daß nur das Weiß deiner Iris im Samtdunkel wie ein Dolch sich bewegte.
Ich sage:
„Deine Gefolgschaft . . . . .
Graf Cantacuzene umschleicht dich nur noch fern und Wrede wächst ein Geweih vor Eifersucht, wenn du, zur Meute gewendet, einem Anderen deutlicher das Gesicht zuneigst. Dein Park von Edelgetier schweißt gegeneinander und stampft vor Zorn, Bohan zerschmettert am Meilenzeiger bebend seinen Stock, den seinem Großvater ein dicker Kurfürst dedizierte aus Gnade und Dank für die Errettung vor einer Sau, wenn er dich nicht antrifft . . . . und Sailern vermag (oben Lénau, unten Mikosch) nicht einmal mit seinen gewonnenen Schlachten und der Zartheit seines von Frauen sehr gerühmten Schulterknochens über seine Niederlage bei dir sich zu trösten.
Der rosendünne Morgendiskant Uwaroffs ist unter deinem Zimmer verstummt. Saluzifsky hat den Zirkel um den Spieltisch in resignierte Enge gezogen. Und der seltsamerweise deinem Gang geneigte knabenliebende Ski-Dioskure hat nicht unterlassen, in rotem Sweater und gelben Gamaschen den Falsett seiner schneidenden Kindlichkeit auf seine Nebenbuhler zu hetzen.
Aber wie kann selbst die Kläglichkeit solch halbseidener Haltung und die Kretinerie dieser Drohnen nicht die Würde verletzen, die den wahrhaften Kern einer gezüchteten Rasse so hoch in die Jahrhunderte begleitet hat, und wo Hohn und Spott nur immer noch sehr kleine Korrekturen bedeuten können einer Bedeutsamkeit tiefsten Sinnes!
Und die zu bekämpfen heute nur die weltfremde Idiotie deutscher Dichterknaben und orgiastischer Revolutionäre ermöglichen kann, die, trotz Umsturz und Revolte um hundert Jahre verspätet, durch ihre Ahnungslosigkeit der Vorgänge die allein feindliche Widerlichkeit arrivierter Bürgersöhne und Kopisten adliger Gebärden noch nicht zu erfassen die geistlose Dreistigkeit besaßen.
Lächerliche Blague! — — — —
Wo niemand begreift, mit welch ahnungsloser und erlauchter Schönheit die wirklich adlige Rasse der Staufer und Kreuzzüge neben der ihnen unverständlichen Zeit her in den Abgrund hineingeht, und wo selbst die besten und raffiniertesten Exemplare nicht einmal soviel Barriere-Mut aufzubringen vermögen, daß (was ihre Sache immer wieder gerettet) nicht einmal Deserteure zeitweilig ins feindliche Lager übergingen . . . . . .
wo zwar das Gemecker eines ehemaligen Königs über seine eignen Stiefelspitzen in seiner namenlosen Albernheit von derselben Widerlichkeit berührt wie die Brillantenschiebungen des süddeutschen Prinzen und die Massierung der Grenze im amerikanischen Auto (und Diplomatenpaß) voll Antiquitäten . . . . . .
wo zwar die Kavallerieattacken des württembergischen Generals am Bakkarattisch des Kurhauses zwischen Schiebern und aufgekommenen Zuhältern in ihrer Wurstigkeit um den Brand des ringsum angezündeten Europas noch glänzender berühren als das schwachsinnige Gekeif gegen die Republik der ehemaligen popogescheitelten Beamten . . . . . .
und wo erst recht die theoretische Hingabe an den neuen Zustand vereinzelter Freunde in seiner Ehrlichkeit, Zögerung, Bedingtheit nur die ungeheure innere Befremdung und lediglich von adliger Gebärde überglättete Hilfslosigkeit anzeigt.
. . . . . . Wo sie bei Eisners Ermordung zwar Faschingsbälle abhielten, während in München Hunderttausend eine Blutwolke wie nie seit den Hugenotten zu beschwören nah waren . . . und bei der Baltikumer und Kapps ungenialer Harlekinade foxtrottend wahrlich hinlänglich bewiesen ihr Désinteressement an Deutschland, das freilich ihre Herrschaft nicht nach der französischen Revolution geknickt, sondern nur in seiner bubenhaften politischen Nachlässigkeit es unter dem zweiten Wilhelm zu so falscher und maskeradenhafter Herrlichkeit der siebentklassischen Leute hatte werden lassen.
. . . . . . Wo die Entfernungen zwischen den geistigen Trägern der Rasse und den Aristokraten so irrsinnig sich verzogen haben, daß den meisten adligen Exemplaren in Deutschland sogar der Künstler, mit dem sie gern früher sich mischten und den sie trugen in die Höhe der wundervollen Epochen . . . . daß er ihnen ein Wesen geworden, bestaunbar wie ein Papagei in seiner Fremdheit, ein Pudel, halb blau und halb grün, und den sie nur fürchten oder hassen oder sich ihm unterwerfen, wenn seine Breeches besseren Schwung besitzen und seine Ledersachen und Reitzeug eine noch kühnere Diskretion verraten wie die ihren.
. . . . . . Und wo schließlich die falsch angesetzte antisemitische Parole, von rotgemalter alternder Duchesse mit den Pistons ihrer Zahnplomben aber auch den Pauken ihrer Hüften angegeben, zwar weder über die Unasiatischkeit ihres Stammbaums noch über die Fragwürdigkeit ihrer Vergangenheit hinlänglich beruhigen kann . . . . . . wo die Ohnmacht der ungarischen Gräfin, die alle Mädchen verführte, beim Namen eines der gehaßtesten revolutionären Führer . . . . . . ebenso wie das goldene Kettenarmband um den Skistrumpf der Hessin . . . . . . und der meskine Bürgerwehrschwindel und Antibolschewistenpathos älterer bäurischer Offiziere in seiner falschen und bourgeoisen Verplamperung
nichts zwar als unser breites und vollendetstes Gelächter bereit findet,
. . . . . . . die wir, auf härteren Seiten des Sternbogens stehend, aber auch mit Wollust alle Höhen überschweifend, keine Sekunde unterlassen werden, die Albernheit der menschlichen Figurinen unerbittlich aufzuzeigen . . . . . . und die wir, bereit jede Sünde gegen Welt und Freiheit bis auf das Blut zu bekämpfen, auf keinen Reiz und selbst gegen das Herz hin irgend einen Pakt der Gemeinsamkeit mit irgendwelchen Obskuren (von welcher Seite auch immer) schließen würden.
. . . . . . die wir aber dennoch nie umhin können, hinter den besonders publiken kleinhirnigen Ausnahmen den großen Blutgeruch der Züchtung und Erlesenheit triumphal zu spüren und, bejohlt von den Polizisten von links aber eiskühl bis auf die Nägel darüber, gerade in diesem Versagen das Erlöschen der Rasse wie langsam gewordene Scheinwerfer auf die tragische Epoche zu empfinden und zu lieben . . . . . . und bei den Frauen diesen bewundernswert schlanken Hineinritt in die Röte des Sturms.
Wie ungewöhnlich unbeträchtlich sind in der Ausübung ihrer Mission und der Handhabung ihrer Berufung die aristokratischen Wölfe geworden, aber wie glänzend und liebenswert blitzt noch das Gebiß dieser Feinde der Freiheit!
Denn auch du, die du zwischen den Dörfern die Schneeobeliske der Hügel, den Stock mit dem Seidentuch daran in der Hand, gestürmt hast, und in deren Kehle der Blutruf der Kriegsgötter neben den der großen Jägerin trat, auch du hast nichts in deiner göttlichen Entferntheit als Unverstehendes und Gleichgültiges zu Zeit und Qual dieses armen und geschundenen Volkes . . . . . . denn du bist so sehr von durch die Jahrhunderte erlesenen Instinkten geleitet, daß du, Zeitlose, die Gesellschaft der Hunde deiner Wahl jener der nicht gut gezüchteten Menschen unbedenklich vorziehst.
Und ich liebe dich auch dafür.
Auch wenn du an einem Fenster einmal stündest, unter dem ich füsiliert würde oder erschlagen, und von dem Fenster in naiver Laune und unwissend, in wen der Donner einschlug, dem Sieger mit einem Tuch zuwinktest, das ich dir einmal schenkte.
Denn ich liebe dich um deiner Fülle von Rätseln, um deiner Widersprüche und deiner Entferntheit und nicht zum wenigsten darum, daß du selbst sogar vielleicht bereit bist die mykenische Lanze gegen meine Brust zu schleudern. Ich bin ein Kind der Erde und freigiebig auch in der Preisgabe, aber voll von Lust auch, sie ganz zu umfassen und in der entlegensten Äußerung zu begehren. Ich bin nicht ihr Affe, nicht ihr Sergeant, sondern ihr Geliebter, auch im Kampf. — — —“
Sie hat einen Bogen der westlichen Papuas in der Hand, und es ist kein Unterschied zwischen ihrem Schenkel, dem Bauch, dem Nacken und der Spannung des Instrumentes. Hinter ihr ist rotes Glas, darüber weicher aufgerißner Himmel.
Und während sie den lautlos den Garten durchjagenden Tieren zuwinkt, steht ihr Gesicht mit der seltsamen kurzen arischen Nase wie eine metallene Maske in dem Rubin . . . . . . ohne Rührung, als sie der Feinheit der Glieder die bedeutende Kraft der Lenden zu solcher Bewegung hinzufügt.
Der alte Matrose hat den dressierten Affen gelöst und ist mit ihm in die Beete gegangen, wo er, mit Schneeglocken winkend, aus den halslosen breiten Schultern den eisgrauen Trollkopf erhebt.
Denn auch er kann nicht ruhig neben ihr bleiben ohne Huldigung, ihr nicht wie irgend einer anderen um Geld Schlangen aus Peru, Eier vom Sudan, Mumien, zirkassische Amulette der Liebe und andere Symbole seiner schweifenden Sehnsucht zeigen, während neben ihm zwischen der weißen Wolle des Koptiabaums plötzlich sie die Schultern aufzieht und in der Veranda wie in einem Tigerwagen steht.
Du willst Lil Pax sehen, Uga.
Aber ich schüttle den Kopf.
„Nein.“
Denn ich kann dieser schrägen Richtung deines Blickes nicht folgen, Uga, die blühende Sicherheit deines Atems Lil Pax entgegenzuführen, denn ich weiß nicht, ob sie geneigt ist, soviel tierischer Anmut sich hinzugeben. Die sie entführende Wolke ihres Schicksals schiebt sich immer tiefer und geballter unter ihre Füße. Und ich will nicht, daß, von soviel unübertrefflicher Geschmeidigkeit deines Lebens getroffen die jüdische Madonna einen Augenblick nur erstarrt vor der kugelbrüstigen Diana.
Denn du bist von ihr getrennt durch alle Zonen des Blutes und in deiner fürchterlichen Mischung, die von der Grausamkeit der Göttin bis zur elastischen Stärke der irdischen Hüften sich wundervoll ausdehnt, zu weit entfernt von ihrem Pol des Entsagens, als daß du nicht ohne Gefahr der Zerstörung zu plötzlich mit ihr zusammenstießest.
Ich liebe dich, Uga. Ich habe mit einem Zittern des Herzens und nicht ohne demütigen Eifer meine Sehnsucht der deinen genähert. Du begrenzest in einer unnatürlichen Höhe alles, was nur Wünschbares bis zum Unmöglichen mein Blut durchfährt.
Aber Uga, wenn du die weitesten Kreise, die von dieser Frau zu dir gespannt sind, durchjagst, auch durch die Kreise deiner Vollkommenheit, Uga, empfinde ich nichts als ihr Schicksal.
Wir fahren nach einer Schneehütte am Gletscher. Die Woche senkt sich. Die Einsamkeit steht zwischen uns und den Menschen, das ist Glück.
Brächten Bauern auf ihren Ochsenschlitten Flieder statt Heu auf unsere Höhe, während sie schläft, in der Sonne vor der Hütte, ich dächte, der Himmel, der herabkommt auf ihren Busen, habe ihn abgeschneit. Die Lichter der Taldörfer, der Berghänge unten sind am Hintergrund unserer Einsamkeit aufgezogene Zeichen der Menschen, die wir geheim verlachen in unserer Ruhe.
Nur einmal, als dumme Passanten, halb getötet vom Aufstieg aber ihre Niedrigkeit mit sächsischem Geschrei schamlos preisgebend, uns nahten, hatte sie Gelegenheit, mild und im Erklären sich neigend, eine Größe zu beweisen, die weit das mitleidlos spöttische Lachen der Göttin übertraf.
Die Rührung über das Glück hat die Grenze erreicht, wo das Alberne ein Geschenk wird, wenn man es gibt. Der Himmel wogt unerbittlich durchblaut. Hinter dem Gebirg berührt er meine Kindheit:
„Als ich klein war, Uga, ward ich krank und bekam den Pudel Fosko. Mein Bruder stahl ihn in einem Zirkus. Wie lag ich im Bett und verzehrte mich, aufzustehen, um das Gartenviereck mit ihm zu rennen und ihn zu hetzen, daß er Wildkatzen zerbeiße. Zehnjährig habe ich auf dem großen Gut Tivolis im Bett meines Cousins Zigaretten versteckt und in den Matratzen vergessen und erwartete Monate die Entdeckung, und daß man mich als Verworfenen an den Pranger schlug.
Die Neubauten unseres Villenviertels habe ich alle gekannt, die Mädchen liefen mir nach hinein, wo die Labyrinthe von Keller und Dachstiege geheimnisvoll sich begegneten.
Unterm Damm durch den Teich vor unserem Haus beerdigten wir Eichhörner und bissen die Zähne aufeinander, so bedrückte es uns, daß wir mit Quarzsteinen sie aus den Lärchenwipfeln geschmissen, aber zum Fest der Vollendung haben wir eine Dogge, den Feind, in den Maulbeerbaum gehißt. Einem Dobscher, der von Rennfahren träumte, fuhr ich im Rollwagen des Steinbruchs die Kniescheibe durch, daß er schneidernd bald bei der Petrollampe flirrte.
Als die Canneri, die das bezauberndste Lächeln trägt, mit goldnen kurzverschnittenen Locken mich als Jungen sah, stand sie kerzengrad im Wagen auf mit dem Lorgnon und rief: quel bel homme. Meine erste Geliebte quälte ich, als ich noch nicht wußte, daß Liebe kein Gesetz, sondern nur eine Masse Zufälligkeit, und nicht ahnte, daß man Frauen eher besitzt, wenn man verstößt, als wenn man bindet, meine erste Geliebte quälte ich durch Fragen, ob sie mich als Krüppel noch liebe und prügelte die Arme, als sie entsetzt auswich.
War etwas gut, etwas schlecht? Es ist eine Kindheit. Sie lebt wie ein Baum, ein Fuchs. Sie schüttelt und biegt sich vor Wachstum. Sie fliegt auf und ab, als ob du mit ihr spieltest, und ist in ihrer märchenhaften Gemaltheit deinem Lächeln dieser Stunde verbunden, dessen Leichtheit so schon gelöst ist, daß es die Einsamkeit spiegelt. Das ist unsere Brücke. Wie unwichtig unser Gram. Wie kindisch selbst das Schwerste.
Verstehst du, Uga . . . . .
du bist nicht Schwan, nicht Gazelle, von denen ich Fieber und Glanz an dir beim ersten Anblick schaute. Du bist vielmehr mit der scharfen Schmalheit deines federnhaften Augenlides zu sehr vermählt an das schwingende Brausen des Blaus, als daß du anderes wie Schwebendes vertrügest.
Ich habe am Sinai deine Mutter gesehen, die, weiße Adlerin, auf unser Auto herabstieß. Ihr Geschlecht allein, das drei Jahre lang die Welt durchfliegt, und dann mit einem Weib ausharrt unerbittlich bis zum Tod, hat die für dich genug beherrschte Ruhe.
Nur deine Farbe ist verändert und aus der Helle herausgetreten, als hättest du, während ich schlief, in Marokko Jagden durchstreift und von einer Hecke Ginster, die du berührtest, auch den Goldton deiner Kniekehlen auf den Berg getragen.“
. . . . . . Der Firnschnee fällt, naß und glatt, man braucht die Skier nicht mehr zu wachsen, der letzte Schnee. Enzian flammt auf den Matten überall, als wir hinunterzogen.
Südlich duften die Veilchen mit Heftigkeit. In tiefen Tälern meiner Heimat blühen Kirschen, Mirabellen. Die Aprikosen tauen aus rosanem Morgen noch heller.
Was hilft es, wo sie scheidet.
Zinn, ruht die Sonne im Schneegestöber. Nur wenn der Hausberg aus dem Geflock schaukelt, flattert die Lichtflamme mit. Sekunden geht ein Mai auf, süß, voll qualvoller Inbrunst spiegelt, grün und hell, der Eisrücken, wie ein Bergstraßenwald morgens früh. Das gläserne Wunder verschneit.
Uga.
Sie kam, den letzten Abend mit Sneeboots, die die weißbeseideten Fesseln noch schmäler machten und mit ihrem Pelzrand dem Gang das Schleifende der großen ruhigen Raubtiere gaben.
Und als sie mit starrem Blick sich gegen den Wind wandte, um noch einmal in das Tal zu gehen, kamen die Heuschober auf sie zu aus der dunkelsten Breite wie früher die Hunde.
Als ich spielend die Leiter anlehnte an die erste Hütte, als Uga hinaufstieg und die leichte Biegung des Dachs erklimmte, den roten Schirm über sich, die Knie im Telemark gebogen, die Jägerin, mittel und fest gebaut und lächelnd, die Hundepeitsche in der Hand, . . . . . .
schien es, sie schritte durch das dichter gewordene Geflock über den Scheitel des Daches mit einer unnachahmlichen Stellung der Füße in den Horizont hinein.
Sie fuhr erst die Nacht. Aber ich fühlte in dieser Sekunde den Abschied so, daß mir keine Erinnerung blieb. Es befiel mich in diesem Augenblick nichts anderes als die Freude der Fische, als hörte ich alle ihre kleinen Herzen stoßweis schlagen, wie ihre bronzene Freundin zurückkam in den See und sie wie früher zärtlich zwischen ihren Brüsten und Knien spielten.
Die Brandlawine hat den Frühling frei gemacht, er kommt mit leichten Wolken nachgeschwommen. In die Freude der Wiesen fallen die Versammlungen der Enten, die das Geschrei der um die Pfützen gelagerten Hühner übersteigen. Die Felle der Angorakatzen sammeln am Hauskalk die Sonnenbündel, schnurrend vor Wonne. Heere von Bienen hängen am Aprikosenbaum und summen mittags in die Hänge. Die metallen schönen Giftmücken tanzen gegen die Scheibe. Den Ochsen treibt Glanz ins Fell. Zwischen den Schafherden, die den Horizont säumen, schleudern junge Bullen die Erde mit den Hinterhufen in die Luft. Bauern fahren, Lenz in den Nasen, schnuppernd in die verliebte Luft, Mist auf die Matten. Die Mädchen haben prall mit graden Beinen sich an das Stöbern gemacht. Die Häuser fangen an zu funkeln. Die Wölbung des Frühmorgens erhebt sich auf siebzig Vogelmelodien, seidig und langsam, wie ein Ballon.
Die Wandlung der Nächte, die Säfte der Erlen, der Glanz der Blumen treibt in das Blut: man kreist mit ihrem Leben. Man lauscht in sich dem Bach, dem Samtglanz über den Wächten, dem Blumenduften. Man horcht zurück aus dem wachsenden Baum, dem Bachgesumm, den Wespen Erinnerung heraus.
Glutrote Tupfen stehen auf den Knospen der Haselsträuche. An den Gärten hängen in Schnüren die Wasserperlen der Frühjahrsgewitter. In ihnen hatten wir am Anfang, einmal, uns getäuscht. Sie hatte, rasch hinlaufend, den Silbertau für Kätzchen gehalten. Sie kämpfte damals mit den Tränen.
Aber damals standen auch über ihrem hellen Gesicht die Kurven der Schneefelder noch unbeschreiblich gespannt. Nie nahm der Winter ein Ende, solang sie zum Himmel aufsah mit jener Unbedingtheit des Trotzes, der selbst ihre Melancholie durchkühlte.
Erst durch den Schleier der Tränen ist sie eingegangen in das schüttelnde Rund, unerreichbar, des Horizonts.
Meine Freunde, denen ich in die Traurigkeit der Einsamkeit und Arbeit auswich, werden sagen, ich habe einen Frühling vertan.
Die Armen.
Welche Fülle trug er in mich hinein:
Du warst die Frau, die eine Nacht mit mir schlief in Kowno in Lasallis Haus, das Napoleon bewohnte, und vor dessen Fenster ein elender Winter dann erfror . . . . . . die aus dem Boot auf den Aalandsinseln mir entgegenlief, weißblond, im Hemd zwischen den Dünen . . . . . . die aus dem rumänischen Zirkus herauspreschte in die Pflaumenblüte meines Wagens. Du bist die Hure, die mich am Pont Neuf in den abscheulichen Monat der Hallen zog. Der Ritterstad mütterliches Lächeln schwankt manchmal elfenbeinern über deiner Schulter. Auch von Kerstins blumenhafter Anmut ist etwas deutlich auf deine Lippe getreten, Uga.
Du saßest, die Knie zum Kinn gezogen, am Floßrand mit mir zwischen Worms und Ems, bist die Pastellufer der Lahn schwärmerisch mir nachgezogen, durch Vogelsberg und Spessartbuchen in die Einsamkeit der Eifel gedrungen, wo zwischen dem gelben Mattenbrand und den stumpfen Maren dein schwarzes Haar die Bauern feindlich erregte.
Du hast in Versoix die Friture der Fische mit mir gegessen, Landwein getrunken, die gut gerösteten Köpfe und Flossen mit Hasenzähnen geknabbert, standest am Dampferkreuz genfwärts, sangst befeuert: „Le soir est doux et parfumé . . . . . .“ und hast in der Nacht dir den Kopf zerschossen.
Du warst Renée, die mich fand, Rue Bonaparte, als mich beim Verkauf des Intransigeant ein Verkehrsauto überfahren. Als Backfisch, unbekannter, hast du im Kreis getanzt und die Hände zusammengeschlagen, wie ich das Schlittschuhrennen als Gymnasiast als zweiter machte.
Am Thomasstaden Straßburgs stieß ich dich zurück, weil in dem gotischen Tiefsinn der Stadt deine Schlankheit ergriff wie die steinerne Schönheit der kreuztragenden Jungfrau der Kathedrale und ich mich nicht entschloß, dir den übermütigen Stolz und die Herbheit einer Macht, die zu lösen in meiner Hand lag, abzunehmen.
Du bist dieselbe, die mich mit in Bonn belogen, im Ruf als Gentleman geschädigt und ausgeplündert auf die Manschetten im Hotel Royal nachdenklich auf die entlaubte Allee hinunter erwachen ließ, weißhäutig du wie keine.
Du hast im Auto Sekt gefrühstückt, in Neuilly eine Mansarde mit mit bewohnt, warst der dunkle Tierblick einer Komtesse in einem Schloß des Maingau, das ich mit dieser Last, Versäumnis eines Sommers, verlassen. An dich dachte ich, wenn ich allein mit einer Frau leben, Kinder haben, eine Farm, ein Gut bewohnen, gut grau werden wollte. Du warst tröstend da, wenn mich das Elend fast krepierte. Du warst die Frau, die ich hatte, begehrte und die, welche auch mit unvergleichlicher Vielfalt darüber hinaus die Zone meines Traumes durchflammte.
O Diana.
Das Unsichere, in dem du kamst, und das überlegene Lächeln, mit dem du dich entferntest, haben eine Vollkommenheit in die Spanne dazwischen gesammelt, die selbst das Unfaßbare des Abschieds nicht verschleiert.
Einmal war alles geschenkt, alles beschieden. Auf jeder Sekunde, die tief zu dem Laster und hoch in das Herrliche sich spannte, habe ich den Kontinent der Abenteuerlichkeit meines Herzens grenzenlos durchlaufen.
Alles war einmal gesammelt, einmal Figur.
Es war wohl zu erlesen. Es konnte nicht bleiben. Ich hätte es nicht einmal gewünscht. — —
Wenn ich im Herbst zurückkomme, ist Einsamkeit. Die großen Nebelwolken, die mit Sausen wie Batterien angefahren, haben die Landschaft verödet. Man hat den Blätterfall zum Anstarrn, müde der Herzen, die verführen und peinigen.
Ich werde, indem ich mit Lil Pax in Pelzen und Shawls zum See fahre, während sie abwesend lächelt, von der Jägerin erzählen, daß der Teich leer war einen Frühling, daß ich eine Woche auf der Schneehütte mit einer Nymphe wohnte, daß der braune Glanz ihrer Schulter mehr wiegt als Ruhm, als Ehrgeiz, als alles.
Das Grün des Sees wird uns verfolgen durch den Pferdeschaum und die Spaliere der Fichten, die auch in der Rotglut des Herbstes die Erinnerung deiner Anmut manchmal noch tragen, wird versprühen am Bleihimmel und zuletzt wird ein geringes davon über der Braue der Frau sein, die schweigt:
wie fern ist mir davon selbst das Nächste, aber wie grausam ist Glück.
Du wirst es hören, jeden Laut, wenn ich von dir rede.
Sommer steigt von der Alpspitze golden herab. Die Sonne schwenkt prasselnd Glut aufs Heu. Die weißen Krokus sind nicht zu fassen in der Fülle.
Du hörst, Uga, wo auch immer du, wenn das Wasser du abtatest, vorziehst die Pause deines Daseins in unserem Bezirk zu verbringen:
Ob du durch Stadtpaläste feierst, auf westlichen Schlössern vor einbrechenden Horden nachts fährst . . . . . . kein Laut, wenn ich rede, der dir entginge, den du nicht schmeichelnd empfindest. Wir sind nicht getrennt. Du nimmst alles auf, wie immer, die schmalen Lippen wenig verschoben, den Kopf auf dem kräftig gegossenen Halse kaum wiegend, manchmal nur nickend. Nie gab ein Gott einer Diana so viel von einem Kinde.
Ich träume nun, allein jetzt auf den Matten, in die Hände, wo du seist:
Jagst du nackt vor Männermeuten skiernd nach Kautokeino mit hell schreiender Gurgel? Wälzt du in Osorisschnee das erglühte Gesicht? Funkelst mit nächtlichen Lanzen den Okzident ab der Sehnsucht? Schwingst auf Delphinen durch violetten Abendhimmel? Bläst ein Horn auf den Sternbögen?
Uga.
Wie gleichgültig dies Rätseln. Es war. Es bleibt. Welches Glück!
Das träumen wir, wenn es uns wohl geht. Aber man stirbt. Aber man gerät in das Elend. Die Leidenschaften steigen in die Niederung dann, wo sie um Hunger, Krankheit, Leiden sich bewegen. Wir sind verloren, wenn wir abstürzen. Wo sind dann die Geliebten?
Du weißt keine Antwort auf die letzte Frage, Uga! Bist du bei mir, wenn die Mondsichel tragisch auffliegt. Steht das Zucken deiner Braue als Trost am Horizont, wenn man mich füsiliert, wenn ich im Straßenkampf stehe, elend in einer Vorstadt vegetiere, der große Sund meine Malaria nicht mehr herunterwirft in die Tiefe des Thermometers?
Man ist allein. Man geht beiseite zugrunde. Wir sind zerborsten in die Welt gesprengt. Man weiß nichts von den Herzen, an denen man unirdisch gelegen. Unsere Kraft versagt. Niemand kennt einander, wenn wir krepieren.
Welcher Mann wird, die Locken verwirrt, in Scheweningen nachts die Midussi zu Tode quälen? Wer wird mit einer Achselbewegung Margits Frische im Keim ertöten? Wer gibt der Ritterstad, von einem Auto bedroht, den Tip sich zu wenden? Stirbt Bambulas Stärke an einem foul blow des giftigen Ukrainers? Wer rettet Lella vor der Schwermut im Walde?
Selbst Kerstins tödliche Sekunde zeigt niemand meinem Auge, wenn sie, verstörten Gesichtes, schön und schmal zum letztenmal ein Bild in dem Seespiegel sucht.
Am Ende ist Einsamkeit. Man ist vor dem Ziel betrogen. Alles war umsonst. Wir sind allein.
Wir haben wohl Göttliches genossen, aber sind vor dem Tode eine Null. Alles war Lüge, die wir uns gestatteten. Wir waren einsam im Getümmel. Waren frauenlos in den heißesten Weibernächten. Wir haben uns mit Kameradschaft gepanzert, aber, ach, es überließ uns dem Nichts. Die Menschen haben uns wie Bienenschwärme umschart, aber wir haben uns getäuscht, sie haben nichts genutzt.
Die Landschaft, von der wir dachten, sie tränke uns, durchspüle uns mit Geruch, Fels, Wald und Baum, seliger See, einzigem Meer, weicht aus, wenn unser tödlicher Blick sie sucht. Die Natur ist feig wie ein Hund, unfähig dem, der ihr nichts zubringt, zu geben, uneingedenk der Zeit, wo wir, als wir olympisch zu schweifen glaubten, sie wie eine reife Polle aus der Ewigkeitstunde schlürften.
Wir haben sie nicht erlebt, sondern in sie hinein gedacht, was wir wünschten. Mit den Leidenschaften, die sterben, erlischt auch ihr Gegenstand. Man ist in Einsamkeit.
Wir Armen.
Wenn wir nüchtern sind, sehen wir unsere Spiegel. Wir haben uns an uns selbst berauscht. Haben unsere Stimme mit Glanz, den nur jugendliche Kraft so schmerzlich und hallend verlieh, ohne Echo hinausgerufen. Wir haben die besten Stunden wegen Chimären verlitten. Als wir am schönsten glühten, waren wir in schweiniger Bitternis.
Wir haben in der Tat die Welt umschifft, um als Drecksäcke in die Hafen zu laufen. Ausgestreut haben wir, aber nichts eingenommen. Gegründet haben wir, die Bilanz ist bankerott.
Auf Sternpolen haben wir uns wie Dioskuren verschmolzen, aber liegen als Pack vor die Karren gekehrt. Das ist der Schluß. Man kommt nicht heraus aus der Einsamkeit.
Dann aber, Uga, stehen wir allein unter Gewittern, verödet, trostlos, preisgegeben, und der Fluch zerschlägt auch selbst hinter uns die Erinnerung unserer Fahrt, die manchmal doch an paradisische Landschaften kreuzte. Die Blitze sind nüchtern, wenn sie zerstören. Wo bist du? Wir sehen einander nicht mehr.
Wir Kleinmütigen. Wir Schlucker der Verzweiflung. Dieses Leben.
Wie herrlich muß es sein, daß auch seine besten Tugenden manchmal selbst den Kühnsten bezweifelbar scheinen.
Welches Glück, daß wir erkennen: Bestien sind wir. Belämmert, klein, Ausgespiene, verdammt von der Geburt auf. Wir haben als Helden uns maskiert, wenn wir als Hyänen uns fühlten. Wir haben uns Mächte angemaßt, die wir, nur gedrehte Figuren, nie besaßen. Haben uns empört, die wir zerbrechlicher sind wie Glas. Wir sind Arme und Trübselige, im Verbrechen befangen, nach Schmutz sehnsüchtig, Größe abgewandt mit Eifer, und selbst in unseren Instinkten unverzeihlich mißleitet.
Denn da beginnt erst unser Anfang, indem wir, ohne die Möglichkeit, tiefer zu fallen, unser Elend und unsere Wünsche vergleichend, die Sehnsucht nach der besseren Station wie alles Irdische in uns tragend, die Himmelfahrt jedes Aases antreten.
Je tiefer wir uns wissen und je geringer wir uns einschätzen, um so heller sind noch immer die Montgolfieren der Leidenschaft in unwahrscheinliche Möglichkeiten geschwebt.
Wir bekommen langsam die zwei Gesichter, von denen das eine erbleicht über unser Elend, während gleichzeitig schwärmerisch das andere in graziösen Minuten Glückshügel überschweift.
Denn wir sind kühn genug, das Nichts zu überschreiten und an die Tiefe unserer Erbärmlichkeit die Höhe unserer Leidenschaft anzuschließen, mutig genug, statt Sklaven uns zu Herren aufzuschwingen in den Spiralen des Ewigen, in die wir, seltsame Schicksals-Looping-the-loop-Fahrer, gehängt sind.
Wir haben kein Anrecht auf Glück.
Gut.
Erobern wir es.
Würden wir nicht gleich platten Fröschen manchmal zusammengeknallt auf die Tiefe unserer Erbärmlichkeit, wir fänden, Satte, Eitle, nicht die Kraft, die großen atemlosen Mondaufgänge immer wieder mit erregten Herzen zu erwarten, die ruhige Sonne über Tulpenbeeten zu genießen und über den Wäldern geheimnisvoll die wandernden Regenbogen zu suchen.
Seltsames Leben.
Wie niederschmetternd muß es im Grund sein, daß selbst die Kühnsten so sehr sich daran zu begeistern verstehen.
O wie erinnere ich mich der Sybilla Monti, die aus dem schmalen Hafen von Antibes mit der gleitenden Bewegung der südlichen Frau, die frische Syphilis im Körper, verkleidet als Schiffsjunge, gesucht von Polizisten, mit dem großen Segelschiff in das tödliche Schicksal fuhr . . . .
aber gereizt von der unwiederbringlichen Schönheit, mit der von den Seealpen her über Aloe, Orange und Lorbeer der Mond das Silberrot der Wellen wie Duft in sein Licht hinaufzog, die Arme in eine große Bewegung des Entzückens vor dem ersten Segel aufzuheben wagte — — — eh wir sie morgens mit den tierisch schönen nackten Oberschenkeln an den Strand getrieben sahen.
Wie ging da sterngleich jener Frühling der Erkenntnis am südlichen Meer meiner dumpferen Jugend auf:
O Frau von Tervani, vor deren weißer Palmvilla und abenteuerlichem Schmerz mir der Mai die fremde Seelandschaft berauschend versang, wo ich die hellen Stufen von dem Olivenpark zum Strand Abend um Abend hinuntergehend meinen verschollenen Bruder als Steward im Hafen des nachbarlichen Genua erwartete auf einem nie nahenden Schlepper, wo Rosmarin und Buchsbaum und das Licht des gelben Ölbaumholzes aus dem Kamin Frau von Tervani umrahmten — — — — — bis ich aus dem Erwachen ihrer Arme heraus blitzhaft durch die hohen aufgegangnen schmalen Läden über der Terrasse unten im Hafen die ägyptische Fregatte Bonapartes erblickte . . . .
. . . . . daß von dieser Sekunde ab die Wollust mich mit jeder Segelflaute, jedem Wolkenschauer über der süßen Bucht, jedem goldnen Pirol, der uns aus dem Hain herauf weckte, unzähmbar überschwemmte:
nun in die noch unbekannten Länder aufzubrechen, Tiere zu suchen fabelhafter Form, Menschen beispielloser Vielfalt zu erkennen und genießen und belauschen, Städte, Meere, Kape zu übersteigen, Früchte im Morgen, Dampfer an der Reede, Stürme an den Antillen und Schmerzen der Sehnsucht zu erblicken . . . . . . und einmal dann am Ende in Bücher Menschen ohne Zahl und überlegen wie Körner durch das Sandglas stürzen zu lassen, daß noch vier Generationen der Jugend nach mir sagen werden: welch ein herrlich Lebendiger hat hier unvergeßlich gewandert.
Uga, welche Unterwerfungen hat es seither gekostet, Geliebte, bis ich erkannte, wie begrenzt wir sind in dem Dasein und beschämend eingehürdet in diese Welt, daß ich schließlich vermochte, auch über die Zweifel unserer Unzulänglichkeit hinweg so Verflüchtigendes und so göttlich Unerreichbares wie dich, Uga, ganz zu umfassen und auch wunschlos noch zu genießen und zu lieben, wo unsere Hände schon im Leeren treiben und unsere Leidenschaften nicht mehr genügen und fassen.
Welche Opfer und welche Entbehrungen, um dies Ruhige zu erreichen und nicht weiter zu trotzen . . . . . du sahst es nicht. Wenige werden sie meinem Leben und der ihnen zugewandten Fläche meiner Existenz glauben. Niemand wird es wissen.
Es muß nicht sein.
In diesen Tagen kam der Föhn unter wolkenlosen Sternen über die Steppen gefallen. Er wirft sich auf Lil Pax’ Herz.
Sie lächelt. Wenn sie allein ist, stöhnt sie leis. Depeschen kommen. Menschen fahren heran. Eis, Kaviar, Kompotte . . . . man sendet das Erdenkliche in die Villa. Sie erhält Kampfer, Veronal, Morphium. Es vergiftet sie, sie lehnt ab. Die Atemnot kommt. Ich sitze an ihrem Lager. Die Helferinnen pumpen den Sauerstoff über ihr Gesicht. Das Telephon ist belagert. Sie empfängt niemand. Eine Rippenfellentzündung trifft in eine Nacht, sie breitet sich nicht aus.
Sie sieht wie auf ein Spiel, ob ihr Körper es überwindet, ob er versagt. Sie hat die uninteressierte Neugier mit leichter Ironie um den Mund. Als sie keinen Atem mehr bekommt, verliert sie die Teilnahme an der Krankheit ganz. Sie wendet sich scharfsichtig den Dingen zu, die sie mit der Welt verbinden. Nichts erleidet eine Störung. Sie diktiert ihre Post. Sie empfängt, sie unterhält sich. Der Atem versagt. Sie verlacht mit liebenswürdigem Spott die kleine Nonne, die neben ihrem Kissen den Jesus verküßt: „Haben Sie keinen anderen Geliebten?“ Der schönen Nonne stürzen die Tränen. So groß ist die Rührung ihres Zaubers.
Aber als nachts plötzlich die Fieber sanken, das Herz ruhig pumpte, die Rippeninflammation zurückging, die Krise überschwang . . . . . nahm sie Lächeln und Maske des irdischen Aufenthalts von den Augen:
Sie entfernte sich in einer erschreckenden Anmut. In einem unbeschreiblichen Prozeß der Lösung schien der Körper immer weiter sich zu verflüchtigen, und ihr Geist allein beherrschte in quecksilberner Reine die Bögen der Stirn. Ihre Hände schienen nicht mehr da, die Augen, der Mund waren verloren, aber ich habe nie sie so deutlich und greifbar in jeder Muskel gespürt.
Ich hatte falsch gespielt. Ich hatte das Rauschen des knospenden Birkbaums im Garten zu ihr geführt. Ich habe Äpfel, die noch rochen, ich habe Krokus, Aprikosenzweige in Blüte gebracht. Ich legte eine Katze an ihr Bett, sie hörte das Jägerische an ihr. Ich habe einen Wackerstein des Flusses auf ihre Hand gelegt, daß sie das Murmeln der Wellen wieder höre.
Sie war zwar gefolgt.
Der Kern wohl ihres leidenschaftlichen Blutes war dem Glühenden hier wie immer nachgeschritten und hatte sich angesogen an das Pfeifen des Föhn und die Wiesen voll Himmelschlüsseln und den betäubenden Heranmarsch des blühenden Grases von allen Hängen und Matten.
Aber ihr Geist lächelte: das Spiel zerfiel.
Sie wollte nicht mehr zurück den Weg über die dreiundzwanzig Nächte der Qual. Er hatte sie zu weit vom Leben entführt, als daß sie um den Tausch eines zerbrochenen Körpers die große Sinnlichkeit gegeben hätte. Denn was geblieben wäre, war Aussicht auf Qualen in einem Nichts an Leben. Sie legte es zu dem andern: „Meine Mission ist getan. Was bliebe, ist zu gering für meinen Anspruch.“
Sie hatte zuviel Stolz in ihrer Milde: das gute Material, aus dem sie gebaut war, wehrte sich am falschen Platz. Platin und Stahl des schmalen Körpers hielten bis zum Zersprengen, als sie schon abschloß. Sie erwachte: „Es ist spät.“
Die Schwester, geneigt: „Du bist müd Lil.“ Sie richtete sich auf: „Man muß sich nicht gehen lassen.“ Die Augen, weit offen, sahen nichts mehr.
Die schmalen braunen Märtyrerhände lagen auf der gelben Seide der Decke. Sie lagen schön und körperlos. Die donnernde Sonne des Hochgebirgs wird sie nicht mehr verbrennen.
Dann machte sie noch eine Bewegung —: sie wandte, unzwingbar, dem Feind, der seit Jahren in ihr zerstörte, mit einer unerschreckbaren Größe, gebend, mild das Gesicht zu, daß er erbleichte. Sie war souverän. Er besiegte sie nicht. Sie gab sich hin.
Zum erstenmal ließ sie sich gehen. Ach, es haben viele geweint.
Was ist nun Sterben?
Ich habe mit niemand über diese Tage viel und groß gesprochen. Wie glücklich bin ich. Wie frei.
Greller, gewaltiger, asiatischen, aber schön gedämpften Musiken gleich rollt aus dem Westen über mich täglich der schmetternden roten Sonne zu die heimliche dunkele über meinen Horizont.
Wenn sie sich schneiden, ists Mittag. Abends erlöschen sie beide an den Polen der Fläche. Nachts kreisen sie unter mir. Ich spüre sie beide unauslöschlich, jede in ihrem Kreis.
Ich fahre.
Mit abenteuerlicher Fülle wirft mir der Maingau den aufduftenden Sommer mit allen Prärien und Wassern und Wäldern und Hügeln und Flüssen dazwischen entgegen. Ich gehe mit festen Schenkeln und der hochgewölbten Brust des Seglers und Fechters in ihn hinein.