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Frauen

Särö (continued 2)

Reading edition

Adelkranz nämlich steht im Fenster, hört nicht auf zu donnern, wirft einen Blumenstock herüber: „Jädrans . . . karibel . . . . . . förbannade djärne . . . .“

Sie hebt die Röcke hoch über die Schenkel und läuft vor Schreck so an den Strand. Sie ist bald verschwunden, wir nicken einander zu, Adelkranz und ich, wir rauchen beide, ich öffne ihm meine Zigarettentasche, er nimmt, ich zünde an.

Wir wechseln kein Wort.

Ich bin zum erstenmal in meinem Leben einsam. Zum erstenmal habe ich Zeit, ich weiß nun, was Ruhe ist, mein Schuh, mein Hemd, wir haben es nie gewußt. Ich sehe, ich staune, welches Wunder kommt aus jeder Ritze, jedem Tang, jedem Fleck. Um mich blaue Maßliebchen, wilde Petersilien und Sternkraut und das Riedgras.

Ich sehe immer auf das Meer, nur selten schaue ich zur Seite, da entdecke ich neue Sachen, ich entdecke neue Sachen, ganz rund, ganz erfüllte Sachen, ich erblicke sie nicht nur, ich erlebe sie mit ihrem ganzen unbedingten Sein.

Ich sehe auf das Meer und denke an meinen Bruder.

An diesem Tage verstehe ich meinen Bruder, ich habe ihn früher nie gekannt, ich begreife meinen Bruder, es fehlt kein kleines Stück an meinem Verständnis, ich begreife nun auch, warum er, obwohl die Gefahr beiseite gelegt mit dem Wechsel, obwohl er mit Anstand und freier Brustschwenkung leben konnte, warum er abbog, warum er beiseite geht und immer sein Gesicht von den Menschen wendet und es gegen sie verhüllt.

Wie liebe, wie kenne ich seine Einsamkeit.

Ich schaue auf das Meer, ich denke an meinen Bruder, ich kenne ihn so genau, ich liebe ihn so deutlich, es ist kein Unterschied mehr, ich mache sein Leben mir zu eigen, ich erlebe sein Leben:

Ich gehe trottelnd den Tippelmarsch der internationalen Kunden, ausgesengt von Sonne auf der Bahnspur zwischen Kalifornien und Texas, Boston und Florida, ich sehe nichts als Steppe um mich, sie hebt sich mit jedem Tag, ich gehe auch in der Nacht. Ich gehe vierzehn Tage, ich erblicke nichts wie Kaninchen, es ist nicht leicht, sich zu nähren, obwohl das Fleisch sehr billig, allein die Cents, allein die Centavos sind selten, ich will sie nicht verdienen, aber ich muß es manchmal; so habe ich nicht viele und ich habe sie nicht immer.

Da sehe ich am vierzehnten Tag durch die Steppe auf dem Bahndamm einen entgegenkommen, er ruft schon von ferne, er ist wie ich gewandert von der anderen Seite, er freut sich, einen Menschen zu sehen, er hat einen Papyrus im Mund und schreit: „Hast du ein Streichholz, John?“

Ich gehe wortlos an ihm vorüber, ich sehe ihn nicht an, ich weiß nicht, ob er ein Gringo, ob ein Eingeborener, ich weiß nichts von ihm, er ist schon vergessen, ich sehe nur die Schienen, die sich blutig in den Horizont schneiden.

Ich stehe auf, setzt sich aus dem Dunkel heraus an mein Campfeuer einer, fängt an, sein Fleisch an meinem Feuer zu braten, ich gehe weiter unter der Nacht; ich suche mir Mist, ich suche Büffelmist und mache mir ein neues Feuer.

Ich wickle mich fest in die Lingera, ich gehe, da der Wind stark und rauh, und mich ein Husten gefaßt hat, daß ich nachts wenig Atem habe, ich gehe in die Lingera gewickelt, nach den warmen Savannen des Gran Chaco, ich treffe viele meiner Sorte, ich treffe auf den wochenlang gewälzten grauen Steppen Strizzis und Kunden und Rowdys und Schiffsköche und Vagabunden und Abenteurer und jeder fragt, wenn wir aufeinander zuschlendern und einen Augenblick stehen bleiben zwischen den Schienen, jeder fragt: „Y tu compagnero?“

Aber ich habe keinen Gefährten: Ich schüttle den Kopf. Sie starren mich an: „Verrückt.“ Ich gehe weiter.

Ich liebe es so — — —

Wie liebe ich meinen Bruder, ich sehe auf das Meer, wie kenne ich ihn jetzt, keine Falte seiner Seele, die mir fremd ist. Träfe ich ihn wieder, ich könnte ihm alles sagen von ihm.

Wenn das Meer steigt, bringt es mir alles.

Fällt es, bekomme ich Distanz zu meinem Leben. Ich übersehe.

Das Gras ist fett und milchig, es riecht nach Sand und Torf und Wasser und den Kräutern. Ich lerne die purpurne Steinhummel anlocken, spiele mit Eidechsen und Grillen.

Wenn die kleinen Zangenkäfer die Schnecken angreifen, laure ich stundenlang. Ich sehe den Schaum, hinter dem die Klebrige sich durch Rundung und Rundung in die letzte Spirale ihres Hauses zurückzieht, die wütende Attacke des Millimeterwolfs, der ihr nicht folgen kann. Ich sehe ihn die Zangen einbeißen in den Kalk des Gehäuses, ich sehe ihn ermatten und abtrollen. Ich sehe einmal, wie er in der Achse des Gehäuses eine Lädierung entdeckt, das Loch durch seine Zangen erweitert und die Nackte überrascht und zersäbelt.

Ich reibe mich an den Natterwurzeln, ich sehe im Postkraut die Hasen sitzen, ich scheuche sie nicht, wir sehen uns an und bleiben, ich gehöre dazu, das ist kein Geheimnis, ich verstehe das um mich so gewaltig, ich erfahre es so seltsam, ich gehöre dazu.

Ich sehe auch einmal die Windhunde vor den von blitzenden Wassern umringten Gütern hinlaufen, das mag eine Jagd sein, ich drehe mich herum, was kümmert es mich.

Ich lerne nach den Blumen die Zeit angeben: wie sie sich öffnen, wie sie sich schließen, wann die Krabben ans Land kriechen, wann die Meerdrachen die giftigen Rückenflossen aus der Flut heben.

Ich weiß dann jede Stunde. Ich brauche keine Uhr.

Am achten Tage erwache ich mit der Unruhe, die zum erstenmal bei der Abreise nach Abo mich überfallen. Sie kommt jedesmal stärker, ich ertrage sie kaum mehr. Ich gehe wieder hin und her, ich verehre alles, ich liebe alles genau so innig, aber ich will fahren, es hilft nichts, ich reise ab.

Ich gehe hinunter nach Barsebäcksaltsjöbaden, es ist keine Pause, kein Halt in mir, ich hätte noch acht Tage Zeit, Segelfahrten, o schöne spektrale Quallen in den Fjorden, wie gern hätte ich mich ihnen noch gewidmet, hätte Heringe gefangen, hätte mit den Steinen mich eingelassen.

Mein Paß ist noch nicht abgelaufen, es ist aus mit meiner Zufriedenheit, ich muß zum Balkan, sofort, ich weiß nicht warum.

Der Tag, wo dies passiert, ist herrlich, er übertrifft die anderen, er ist aus Blau und Grün und Silber in einen Sturm gewoben. Ich gehe durch ihn hin nach Barsebäcksaltsjöbaden, ich telephoniere von der Post mit Ernst Cederström, er ist bereit, es paßt gerade, er kommt am nächsten Morgen.

Wir lassen am nächsten Morgen den Aalkutter mit den Segelnetzen auftakeln, eine Kiste verstauen und fahren gegen den Wind, wir trinken draußen mit Adelkranz und Jöns Holgerson. Wir trinken lange, aber wir sind in der weißesten Frühe schon losgefahren; als die Glocken zur Arbeit läuten, sind wir schon tief im Gesang.

Ich umfasse alles und trinke nicht wenig. „Es lebe Mannerheim, es lebe . . . der General Mannerheim,“ rufe ich, und Holgerson ruft mit, denn er kennt den Namen nicht.

Aber Adelkranz speit aus und Cederström kann sich nicht halten vor Lachen. Wir haben wenig Wind, aber trotzdem fällt Holgerson und zerreißt im Wasser Adelkranz’ Netz.

Wir kehren zurück und begrüßen aufgerichtet im Kutter die Küste, indem wir die Deckel der Bowlengefäße aneinanderschlagen, wir üben uns ein und kommen in einen schönen Takt.

Am Strand geben wir einer von Jöns Kühen Kallskol zu trinken und spannen sie vor einen kleinen Schiebewagen, hui, wie fahren wir durch Barsebäckby, Cederström liegt auf dem Bauch in dem niederen Bretterwagen und pfeift und skandiert mit den Händen, und alle Kinder hinter uns her.

Gegen Mittag kamen wir nach Borgeby in den Park.

Wir sind ein wenig aus der Richtung gekommen, wir haben auch unterwegs nicht nur trocken gelegen und gepfiffen, wir sind ein wenig verwirrt, aber ich suche es auszugleichen, Cederström will, nachdem wir ein Rondell umfahren haben, mit aller Macht zu dem Tor wieder hinausfahren, durch das wir hereinkamen.

Ich pfeife einem Gärtner, und er nimmt die Kuh am Horn und führt uns an die Hintertreppe des Schlosses.

Wir baden gemeinsam oben, kommen zusammen herunter, wir sprechen sehr viel, stehen mitten in der Halle und machen Sermons, wir betrachten die Bilder Cederströms, fein geschmiedetes Silber, er zitiert seine Verse, aber wir sind nicht sehr gut auf den Füßen. Nicht, daß wir es spüren oder fürchten, es sähe jemand, das ist unmöglich, wir haben uns zu sehr in der Hand.

Wir kommen nur im Reden in immer größere Erregung, wir treten ans Fenster, da rückt von Bjerred her eine Equipage an. Wir sehen den kaukasischen Baron Uxkull und zwei junge Schweden darin; ich kenne sie nicht.

Wir stehen auf der Terrasse und begrüßen sie, machen tiefe Verbeugungen, erschöpfen uns in Verbeugungen, die Diener machen sie wie Chinesen nach.

„God dag,“ rufe ich und schwenke den Hut, laufe in die Halle zurück, hole ein Schallrohr und rufe, während sie die große Freitreppe heraufsteigen: „Välkommen.“ Ich denke, ich bin in Floda, ich mache Verbeugungen, wie nie in meinem Leben, ich lächle innerlich, ich weiß sehr gut, daß ich in Borgeby bin, aber wer weiß, vielleicht bin ich doch in Floda und grüße Ebbas Bräutigam, grüße ihn nochmals.

Cederström schlägt mir in den Rücken, sein Bart steilt sich vor Lachen im Wind. Ich lasse nichts mehr aus, ich schlage meinerseits dem Baron Uxkull auf die Schultern, „Sie haben einen Kopf wie ein Straußenei,“ sage ich ihm.

Er kann sich nicht beruhigen, die Elefantenaugen laufen im Kreis, er beginnt auf der Treppe zu erzählen, wir bleiben alle stehen, er erzählt, daß ein Kanarienvogel auf einem esthnischen Gut ihm beim Besuche einer Freundin über die Glatze geschliffen, der es gewohnt war, täglich über einen Marmortisch im Flug zu schliddern, es war eine offensichtliche Verwechselung und am Schluß der Geschichte saß Uxkull nach Jahren das Vieh gelegentlich tot, es war nicht unamüsant, aber wir verbrachten eine Viertelstunde darüber auf der Treppe und bückten uns vor Vergnügen, und Cederströms Diener bückten sich mit.

Die Herrin naht, ich sehe sie zuerst auf den oberen Stufen, ich weiß genau, daß ich in Borgeby bin, auch wenn ich Dunst vor allen Dingen sehe, ich gehe ihr rasch entgegen, ich neige mich vor ihr:

„God dag, schöne Frau, glücklich Cederströms Gattin zu sein, ich grüße Sie ehrfurchtsvoll.“

„Välkommen i Borgeby.“

Wir drehen uns alle herum, Uxkull hat ihre Hand ergriffen: „Auf solchem Schloß zu wohnen, welches Glück, gute Frau, ich sah in Lund den Sarkophag des Bischofs, der es baute, ein strenger Priester. Sah er vom Turm, ließ er Erde erobern, soweit Hörner bliesen. Lagen nicht Dänen einmal davor, steckten Schwänze der Sperlinge an, setzten zwei Flügel in Brand . . . ,“ wir können nicht mehr lange das anhören, wir müssen unterbrechen, wir sind sehr hungrig geworden.

Ich führe die Herrin zum Eßsaal, riesengroß. Sie weist auf den Tisch in der Ecke.

Ich verbeuge mich, ich übersehe ihn, ich bin erstaunt und lächle: der beste Smörgåsbord in ganz Schweden: Frischer gebratener Aal, geräucherter Aal, fünf Büchsen Fische, verschieden gewürzt, Krabben, gebackene Wurst, Krebsschwänze in Mayonnaise, geräucherte Saucissons, Omelette mit Spinat in Terrine, Hummer, Bärenschinken, Ölsardinen, junge Krähen als Ragout, gebackene Klops, geräucherte Fische, Renntierfilets, Wildschnepfen, Salate, kaltes Fleisch, Aquavit . . . , wir essen stehend, dann erst führe ich die Herrin zu Tisch.

Ich sehe viele Weine, ich sehe jetzt erst Lilian, Cederströms Nichte, wie ein Tautropfen zart, ich grüße sie.

Nun erst beginnt der Lunch, er dauert zwei Stunden. Cederström hält vier Reden, ich antworte zwei, Uxkull redet lange ein Märchen von Andersen herunter, ich unterbreche ihn nicht, es wäre nicht höflich, aber ich frage nachher, warum er von Baku nicht spricht, nicht vom Ila von Tapau.

Da spricht er wieder, und nun müssen Cederström und ich ihn unterbrechen, nun redet er von den abgeschnittenen Brüsten der Ehebrecherinnen und ich sehe Lilians Gesicht wie zersprungenes Glas.

„Sie müssen,“ sage ich, „Baron, Sie müssen Ihren esthnischen Diener, der uns im Hotel den Himbeer in den Tee goß, beauftragen, mir ein Tuch zum Schuhsack zu nähen, ich bringe es sonst nicht über die Grenze, es fällt mir ein unwillkürlich, ich erinnerte mich seit Wochen nicht daran, eine schöne Frau schenkte es mir in Bohuslän.“

Ich nicke, ich vergesse es wieder, ich erhebe mich und trinke Brüderschaft mit Cederström.

„Ja, ich will Brüderschaft mit dir trinken, Ernst Cederström, denn du liebst das Leben halb wie ein Held und halb wie ein Kind.“

Wir sind bei Reh schon wieder ein wenig betrunken, wir halten immer längere Reden, die Fenster sind herrlich hoch in dem Rittersaal mit dem Cederströmschen Silber.

Lilian schwebt als ewiges Lächeln zwischen den kreuzenden Gläsern, wir sind bei Burgunder, wir hatten schon vieles vorher.

Der junge Mann aus Helsingborg fühlt, daß es an ihm ist, aus Schweigen und Jugendlichkeit ein wenig herauszutreten: Musik.

Wir machen ein Konzert von zwei Stunden. Cederström träumt. Ich denke an Angermanland, mir fällt ein, ich liebe Lappland, ich möchte in Erdhütten den Winter verbringen, dalarnische Töchter bestaunen, den glühenden Mond, kaffeegelb zwischen den Skitouren brennen, mir fällt sehr viel ein, ich denke nicht daran, daß ich nicht mehr erwünscht bin als Einreisender in Schweden, ich überschlage es rasch, warum daran denken.

Ich schaukle im Stuhl nach der Musik, von beiden Seiten schaukelt der hohe Park mit den Fenstern der Halle, genau wie ich schaukle.

Chopin schwingt ab.

Eine Pause, ein Diener läuft.

Lilian gibt jedem von uns Blumen mit einer Verneigung und flüstert uns zu. Die Saaltüren öffnen sich weit, die Pächter Cederströms erscheinen mit dem Pfarrer, schlanke Männer füllen die Säle, sie haben die blonden Haare aus dem Genick scharf geschnitten, sie haben blaue Anzüge und ihre Frauen sind blond, anständig und adlig in der Haltung gleich ihrer Erde. Sie setzen sich rasch zu Zwanzig in die hohen gotischen Stühle der Halle an die Wände.

Das Konzert fährt fort, wieder spielt Musik in breiten Wogen.

Der Kupferschädel des Pfarrers im Gehrock erhebt sich, tritt heran an den Spieler, sagt ihm den Dank, er hält uns für einen deutschen Zirkus und spricht mit dem Landsmann radegebrechtes Deutsch, aber wir kichern nicht, um ihn nicht zu kränken.

Wir stehen vielmehr auf, indem wir in der Reihe herantreten und geben die Blumen dem Generalpächter, der Geburtstag hat.

Wieder Konzert.

Lilian schwimmt in der Musik, die aufbricht mit einer träumerischen Flamme. Jedes Fenster, jede Vase klingt sie aus sich mit. Selbst der Abend nimmt ihre Tönung.

Lange bleibt Ruhe dieses Gleitens, dann kommen Rufe, schwedische Wandervögel rufen Cederströms Namen. Man tut sie in die Seitenflügel, man zeige ihnen später das Schloß.

Der Abend steht noch rotblaß mit der Pfirsichblüte unserer Etüde. Wir gehen die Treppe langsam und majestätisch hinunter in den Park.

Perlmutten stirbt die Elegie der Konzerte mit dem Abend.

Was will Lilian mit ihrer Stimme? Bald wird Nacht sein, sind Fackeln bereit?

Fest in Borgeby.

Immer dieser Wind. Immer schaukeln die Parkwipfel tief vor blaustem Himmel, der kühl steht in klassischer Ruhe. Immer Geschwärme schreiender Raben in der Luft. Noch liegt die Sonne auf den gewellten Ebenen mit klatschschönem Vieh in schwarz und weiß. Wir wandern auf und ab durch den Apfelgarten, wo manches noch blüht.

Ich bleibe zurück einmal, es war nicht viel, was mich anzog, es war ein Spruch, auf dem es schon mooste. Da stand über dem Rasen: „Du kalter Marmor, bewahre die Erinnerung an ein warmes Herz.“

Wir gehen auf gepflegten Wegen, wir kommen immer wieder in Borgebys jahrhundertalten Apfelgarten, die Stämme sind nicht sehr hoch, aber die Zweige haben ein Streben, sich sanft nach unten schwebend aufzulösen, das mich beschäftigt, immer dies auf und ein wenig ab und immer diese Ruhe.

Die Dämmerung schwebt durch die Eichen. „Zeigt den Wandervögeln das Schloß“, ruft Cederström von der Mauer. „Lilian, gib ihnen ein Schreiben mit für alle Schlösser bis Christiania, schreib, ihr Gesang machte einen Abend heiter.“ Wir gehen mit, man zeigt ihnen die Verliese, die Hitze des Tags glüht noch von ihren Wangen. Hurras auf Cederström bringen sie aus, dann schauen sie in die Höhe.

Lilian schüttet vom Turm Körbe Veilchen auf sie aus. Sie huldigen ihr schön.

Aufgang des Mondes. Immer noch Rabenschrei. Ich fühle den Sturm in mir wie Reinigung, „Skål“ rufe ich, „Cederström, wie frei ich atme, ich liebe die ozeanische Luft“.

Wir haben nur eine Frau, Lilian, aber sie wird zwanzig ersetzen.

Nun fällt der Tanz.

Lilian schwimmt madonnig geneigt in großen von ihrer Sanftheit erfüllten Bogen aus Arm in Arm. Wir legen den Rhythmus solch traumhaften Gleitens mitten durch die Ebene der Nacht.

Nun flackern alle Lichter, nun über dem Strahl der Päan, der Sturm am Klavier: nun tanzt Ernst Cederström allein, in lederner Ärmelweste, den Bart bis zum Magen, dionysisch selbst die Glatze, fast Faun, halb Verführer . . . er macht eine große Wendung, er springt durch das Fenster, er grüßt herein aus dem Schatten, zwei Diener mit Kerzen springen durch das Fenster, wir folgen alle, wir jauchzen, der Musiker aus Helsingborg hat Lilian unter dem Arm im Sprung heruntergebracht.

Zwei Fackeln nahen, die Schweden folgen dem winkenden Cederström, sie gehen mit den Dienern, holen Wein herauf und Champagner aus dem Gewölbe.

Ich habe Lilian neben mir, allein, ich spüre es plötzlich mit einem zärtlichen Schlagen des Blutes, wir gehen zur Kühlung durch die Boskette. Wind haust mit zornigen Sternen im Park, keine Wolke schwebt, irgendwo hinter Windmühlen, die die Nacht stumm zerschlagen, dumpf schweigend die Ostsee.

Ich gehe mit Lilian auf und ab, wir reden keine Silbe, was sollen wir uns sagen, ich weiß, was Lilian denkt und ich sage in meinem Herzen, ohne daß sie es hört:

„Nein Lilian, es ist so sinnlos, Sie sind so weich, so träumerisch. Ein Knabe ist Sinn Ihrer Sehnsucht, irgendeiner, aus dessen Körper Musik kommt. Meine siebenundzwanzig Jahre, o Lilian, meine siebenundzwanzig Jahre sind schon viel zu schwer geworden für Ihre gläserne Sanftheit.“

Ich weiß nicht wie, aber der Schmerz, der alte Schmerz, der mich selig macht, haust wie ein Wolf in meinem Herzen, ich habe tüchtig getrunken, vielleicht ist auch mein Schmerz berauscht und liegt in Verzückung, ich steige alle Treppen bis zur Halle hinauf, ich gebe dem Helsingborger Lilian, damit er sie betanze, ich falle Cederström um den Hals und ziehe ihn in eine Nische, ich bin vertrauensselig und liebe ihn und renommiere.

Ich fange an, ihm von Siv zu erzählen:

„Ich hatte all Eure schwedischen Frauen in ihr, Cederström. Strandvägen, leuchtend vor Musikkapellen, die Rotunde des Stadion, die weiche Weißnacht, das granitne Meergebiß erscheint, wenn ich daran denke, in ihrem Lächeln. Sähst du ihre Beine, Cederström, du würdest zittern wie ein Hund in deinem Saal. Sieh dir diese Kurve an, diese verdammte Kurve des Mondes an deinem Fenster. Nein, Cederström, sonst wollte ich dir nichts erzählen, dies ist alles, dir vielleicht wenig. Dies ist alles, was mich peinigt.“

Es ist zwei Uhr nachts, nun stellen wir uns nicht mehr in die Nische, nun unterbrechen wir den Tanz und machen eine neue Aufstellung. Wir stellen uns in einer langen Reihe auf, zuerst kommt Cederström.

Dann marschieren wir über die Terrasse, die Treppe, durch den Hof zu den Gebäuden des Generalpächters, es ist zwei Uhr nachts, die Generalpächterin hat um diese Stunde geladen, wir sitzen allesamt nun wieder wie beim Konzert am Mittag um einen Tisch.

Ich lasse mir die festeste Magd mit dicken blonden Zöpfen geben, sie ist meine Nachbarin, ich trinke ihr zu. Mein Herz schmerzt mich selig immer tiefer, man hat ein großes Mahl uns bereitet mit großen Zeremonien.

Ich trinke ihr zu, der Frau Verwalterin, ich mache meine Komplimente; es ist nicht richtig, daß ich ihr zutrinke, ich verstoße gegen die Sitte, aber ich zeige ihr mein Wohlwollen, ich sage ihr das alles auch.

Ich wende mich meiner Nachbarin zu, Jungfrau Sara, sie ist ein schönes, festes Weib; sie hat ein Kind, sie hat einen Mann sehr geliebt, im Sommer, im Stroh, sie sagt es mir ohne Scham, als ich frage, ich tröste sie.

Ich sage, es sei nicht schlimm, Jungfrau Sara, ich hätte einmal versuchen wollen, eine Bremse in die europäische Politik zu legen, ich hätte sie fest in der Hand gehabt, dies alles sei eitel, sei schwärmerisch, es sei nicht soviel wert wie eine Rübe, sie solle froh sein, niemand gebe ihr Versäumtes zurück.

Ich wende mich zu Uxkull, ich rufe ihn gell an: „Baron, Sie fallen von der Stange“, da tut er die Augen verwirrt auf wie Vogelgeflatter. Da lache ich hämisch und laut. Wir danken sodann, verbeugen uns.

Tücher liegen bis hinüber zum Schloß.

Polonäse.

Vor uns tanzt lautlos Ernst Cederström. Kerzenschein umgibt uns durch den Park über den Hof. Tanz braust dann in der Halle noch einmal, unverlöschbar auf.

Borgeby flammt durch die Nacht wie eine Kirche, ich höre einmal, es schlägt vier Uhr, aber es schlägt an mir vorbei und rollt weiter durch die Bäume, was gehen mich die Klänge an, sie laufen wie der Teufel irgendwohin.

In sanftem Schleier schwindet die Nacht, die Frühe kommt mit Gartenduft und Rosa aus den Büschen hoch in die Fenster, wir durchkurven nur winkend danach die flaumenweiche Morgenluft.

Plötzlich steht eine Säule im Zimmer, steife Gehaltenheit durchschlägt die Schleifen: Der Diener Cederströms.

Er meldet die Equipage.

Er hat blanke Knöpfe bis zum Fuß, den Zylinder in der Hand. Er meldet noch einmal die Equipage.

Das reißt uns wie an den Haaren, wir gehen ans Fenster, da scharren dampfende Pferde vor dem Portal. Es ist fünf Uhr des Morgens, ich vergleiche es mit meiner Uhr, wir haben keine Sekunde zu versäumen, wir steigen in den Wagen, die Koffer kommen langsam heran.

Morgen prallt auf die Terrasse stark und wild. Skåne im Morgen, dunkelgrüne Verlockung. Wir sitzen im Wagen, die Gäule scharren. Immer noch Krähenschlacht über den brausenden Wipfeln, bei uns unten kein Hauch, keine Luft.

Ich sehe mich um, ich denke daran, was Lilian mir sagte, am Rand des Parks ziehen Seeadler hin, wenn es herbstet, Abenteurer aus Finnland, die mit Nordwind zum Kaukasus fahren. Ich gebe Lilian die Hand:

„Heute, Lilian, kommen die ersten Schwalben nach Skåne, sie zischen um Borgeby“, sage ich. „Denken Sie daran, wenn mein Name vor Ihnen auftaucht.“

Ich wende mich noch einmal um. Zu Uxkull wende ich mich:

„Baron, heute fährt seit Jahren der erste Dampfer zwischen Stockholm und Petersburg, ich las es in Dagens Nyheter heute nacht, welches Leben, welches Leben, Baron.“

Wir haben nicht lange auf die Koffer zu warten. Nun ist die Ebene weit um uns getaut.

Flädje taucht auf, die Schienen sind wie Schnee.

Malmö, Trelleborg, wir betreten den Steg, das Schiff.

Wir schwimmen auf der Ostsee, deutsche Ufer unsichtbar vor uns, wir sind noch recht betrunken, es legt sich langsam, während das Schiff schon fährt.

Wir werden langsam nüchtern auf dem Schiff. Das Schiff führt mitten in den Wind hinein, ich glaube, daß das uns kühlt.

Trelleborg ist verschwunden, die schwedische Küste verblaßt immer mehr, ein Bogen von flimmerndem Licht liegt das Meer zwischen den beiden Küsten, der Horizont wölbt sich uns entgegen auf dem Wasser und wir stehen, wir stehen mit dem Schiff auf der obersten Wölbung wie ein Knauf.

Wir blicken uns um, ein Schiff steht am Himmel auf dem Kopf, ein Flieger surrt nach ihm, wir gehen frühstücken, wir sind sehr hungrig mit einem Mal, wir sind aber keineswegs müde, Cederström hat schwere Augen, es hat einen anderen Grund, wir trinken wieder Aquavit, es ist das letztemal, man kann so rasch nicht enden.

Wir gehen auf und ab mit eiligen Schritten auf dem Verdeck, uns entgegen immer ein Ungar, katzenhaft um eine Frau.

Da schießen Hagelwolken herauf, der Frühling klatscht ins Wasser, wo ist unser früher Sommer mit einem Male? Es wird stürmisch und spritzt herauf bis zur Takelung.

In traumhaften Schleifen kommt manchmal die Kurve von Lilians Tanz und der Mondbewegung über Borgeby vorüber, man kann es nicht mehr aushalten, es ist zu kalt, es hagelt in Schloßen, die Wolken binden sich in die Schorne und beschießen uns mit Mitrailleusen, was sollen wir mit Lilian und den Schwänen und dem skånischen Sommer? Wir laufen und frieren und halten das Gesicht in die Schloßen.

Das Schiff schlingert, der Himmel wird schwärzer, Cederström bleibt zurück, er schaut wie ein Vieh und will in die Kajüte, ich halte ihn nicht, soll er ruhig schlafen oder speien, er kann tun, was er will.

Ich laufe weiter, immer auf und ab das Verdeck, ich halte nie an, ich sehe die Kämme der Wogen an, sehe die Möven zurückschießen überall von dem Meer zu der schwedischen Küste, sie schreien und schweben stolz auf dem Sturm. Ich sehe deutlich nach allem, beobachte, wie aus der Mulde sich die schwarze Welle hebt, aufsteilt und in sich selbst die weiße Krone aufbricht, die sich heraufschmeißt.

Ich gehe immer noch hin und her, nun bin ich allein auf Verdeck, ich sehe oben nur manchmal das Auge des Kapitäns, es ist grau und ironisch.

Mir ist sehr wohl in der Unruhe, das geht so Stunden, ich rauche immerzu, ich fühle mich immer wohler, ich erinnere mich nicht, in den letzten Tagen so glücklich gewesen zu sein wie jetzt, wo ich elend verhagelt auf dem Schiffsdeck hin und her laufe und lavieren muß, daß mich das Schiff nicht abkippt.

Ich schaue auf, an der Gaffel ist ein interessantes Schauspiel, sie ziehen einen Bündel hoch, er fliegt immer beiseite in dem Wind, wie er oben ist, entfaltet er sich mächtig, die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz weht knatternd.

In diesem Augenblick sticht die Sonne durch, die Kreidefelsen Rügens stehen vor uns, sie stehen so dicht und weiß, daß sie zuerst blenden; als ich die Augen wieder öffne, schreit jemand:

„Die Grenze.“

Ich lächle, die Überfahrt ist zu Ende, die Wolken verzogen, ein guter Mittag taucht mit Rügen auf, ich zünde eine Zigarette an, und lächle in mich hinein.

Plötzlich reißt es mich auf, ich zerfetze vor Schmerz, ich will die Hände irgendwohin pressen, ich weiß nicht wohin.

Da macht sich der Mund auf, weit.

Ich schreie.

Ich sehe in dem Schrei.

Ich liebe nicht Ebba, ich liebe nicht Siv. Die Grenze kommt näher, die Grenze lockt und schlingt. Ich suche Cederström, wo bist du, mein Bruder? Ich kann nichts mehr sehen, verhängnisvoller Irrtum mein Bruder Cederström, ich habe umsonst gelebt.

Ich bin elend, allein, ich halte mich an dem Geländer, meine Lippe hängt herunter, ich starre auf das Meer.

Aus dem Meer wächst immer das eine, ich kann es nicht ansehen, es tötet mich, ich reiße die Augen gierig trotzdem danach, ich kann ja nicht anders, o wie ich verblute.

Aus dem Meer wächst Särö, die Obstbäume schmettern das Blühen gegen den Basalt, zur Terrasse des Schlosses schreien von der Klippe Kinder: „Mur“. Die Frau erhebt sich, sie winkt, ich spüre jede Linie, ich rieche ihren Geruch, ich empfinde es jetzt erst, ich will etwas sagen, ich weiß ihren Vornamen nicht, immer noch nicht.

Meine Hände gleiten herunter, ich habe keine Macht mehr über den Körper. Ich laufe weg, ich suche Cederström. Ich finde die Kabine nicht, ich weiß gar nicht, wohin er sich zurückzog, ich gehe auf Verdeck hin und her, immer allein, niemand geht sonst auf dem Verdeck, ich rede immerzu. Ich sehe das Meer nicht, was soll ich das Meer beschauen?

Ich sehe die geschorene Steppe, ich sehe Engländer, die Golf spielen, es gibt keine andere Welt, in der ich lebe. In Segelyachten liegen weißgekleidete Männer, das Blau der Nordsee wiegt die weiße stählerne Melodie der Blüten.

„Ich will nicht wissen, daß Ihre Bürger Elende sind wie alle, schöne Frau,“ sage ich lächelnd, jetzt verstehe ich erst meine Stimme, jetzt kommt es mit einem großen Durchbruch aus der Tiefe, wie woge ich, wie bin ich mächtig und wundervoll gespannt, aber wie elend geschieht mir, was habe ich von dem allem, die Grenze liegt vor mir, die Tatze ist schon gegen meine Stirn gebeugt.

Ich Armer, wie war ich geblendet, wie war ich geschlagen.

Wie liebte ich diese Frau und wußte es nicht.

Die Grenze rückt näher, ich kann mich nicht bewegen, am Reeling steht ganz unten am Heck Cederström. Ich bin ganz schwach, ich kann mich nicht bewegen, ich schaue nur immer hin, ob er mich höre, ich stammele: keine Hilfe von dir, mein Bruder?, nimm meinen Paß, Cederström, laß mir den deinen, laß mir die Rückkehr.

Ich muß nach Bohuslän, ich kann dir nicht sagen, warum dies so plötzlich, es geht um mein Leben.

Du kommst mit meinem Paß auch nach Deutschland, du bekommst einen anderen auf Eurer Gesandtschaft, aber ich, aber ich komme so zurück nach Schweden, hör mich, mein Bruder, o Gott, du kannst mich nicht verstehn.

Ich hatte Siv, Cederström, ich sagte es dir heute nacht, ich liebte Ebba, welche Masken machte mein Herz, um sich zu verbergen, wie durchschaue ich alles, es ist zu spät. Ich hatte noch eine Frau, ich hätte es nie gesagt, ich sage es in der Verzweiflung, ich schmerze dich damit, Cederström, ich bin heute ehrlich wie nie, ich will sie nicht nennen, dies alles ist nichts, ist ohne Bedeutung, aber dies alles hat mich zugedeckt, ich kannte mich nicht.

Ich kam lächelnd nach Särö, mein Bruder, ich saß einen Tag vor dem marmornen Lächeln, ich sah nicht die Tragik, und jetzt kommt sie aus mir gebrochen, nun kommt sie wie ein Tiger, nun schlägt sie mich entzwei.

O, du kannst sagen, du kannst fragen, was du willst, Ernst Cederström, die tödlichen Grüße beim Abschied in Särö, ich sah sie nicht, es ist zu spät jetzt.

Aber, wie habe ich diese Frau geliebt und habe es nicht gewußt . . . . . .

Ich gehe allein auf dem Verdeck, ich sehe Cederström nicht mehr, vielleicht hat er nie am Geländer gestanden, wie kann ich das jetzt unterscheiden, es schiebt sich zuviel ineinander.

Die Sonne fängt an zu scheinen. Ich gehe immer, auf ab, auf ab. Die Sonne brennt, da ist wieder Sommer und Silber, das Meer beginnt zu riechen.

Ich ringe die Hände.

Es kommen Passagiere. Die Grenze rückt näher, ich bin am Zerspringen, im Hals ist eine Starre, hätte ich nur wenigstens Atem.

Die Adern der Augen tun mir so weh, daß ich zu weinen beginne, ohne daß ich es will.

Da kommt eine Ruhe mit einem Mal, was ist es, was mich so klar macht, ich schaue mich um, ich sehe nur neugierige Gesichter, ich schere mich gar nicht darum, ich schwebe, ich bin so selig, ich weiß nicht, warum.

Nun hat es sich entschieden. Die Frucht ist gefallen.

Das andere Gesicht ist herausgetreten aus der Tiefe, es beängstigt mich nicht mehr, es hat sich frei gemacht, ich habe keinen Spiegel, ich kann es nicht sehen, aber ich weiß es, ich fühle es, es ist da.

Das andere Gesicht wird verschwinden, das helle, das mich zu Ehrgeiz trieb, zu Erfolg gepeitscht hat, es wird verschwinden, es wird das neue nicht mehr besiegen, eine Schlacht ist geschlagen, es hat gesiegt in mir, aber ich, mein Himmel, aber ich bin kaput.

Doch bin ich fröhlich, es ist nichts da, was mich verwirrt, ich bin nun eins seit Wochen zum ersten Male, ich bin eins (aber schaut nicht auf das, was blieb).

Wenn ich nach Menschen jagte, nach Handlungen heiß griff, immer war mir, ich möchte lieber rücklings in Wiesen liegen gleichzeitig und Wolken wandern sehen mit ihren schönen fliegenden Schatten. Ich spüre das genau, ich habe das immer empfunden, in jedem Tag der Geschäfte, im Traum, im Schlaf.

Das wird mich nun nicht mehr zerteilen, ich werde nicht mehr mit mir im Streit sein, aber mußte ich es so bezahlen, ist es zuviel nicht, was mich das kostet?

Ich habe eine Schlacht in mir gewonnen, aber was habe ich geopfert? Ich habe mich selbst zur Strecke gebracht. Ich sehe mich um.

Wie bitter ist mir unter den Menschen.

Sie schauen mich alle an. Bin ich verwandelt? Ich recke die Schultern zurecht, ich streiche die locker gewordenen Haare nach hinten zurecht, ich setze das Bein, daß die Hose gut gekantet darum schwingt.

Ich lächle vor mich hin, ich bin wirklich nicht verwandelt, ich verlor nur ein wenig die Balance, es sollte auch das nicht sein.

Ich lächle vor mich hin, ich werde in keine Wüste gehen, ich habe mich nicht verändert, ich fahre mit Aufträgen zum Balkan, ich führe sie aus. Ich werde mich keinen Folgerungen entziehen, meine Wege waren gut, die Ziele verständig, nur meine Einstellung, nur mein Herz war falsch gerichtet, das konnte ich nicht wissen, ich konnte es nicht ändern, das änderte sich gar sehr von selbst.

Ich liebte die Schwierigkeiten wohl, o wie fliegt mein Leben vorüber, wie leer, wie rasch ist das abgewickelt, worum ich mich so sehr bemüht, ich liebte Gefahren, war anständig, auch ohne mich innerlich darum zu mühen.

Wie sehr bin ich gedemütigt. Wie eitel und gering stürzt das meiste von früher.

Wie deutlich sehe ich in dem Schmerz, der mir nichts verdüstert, der alles wundervoll erhellt. Wie weniges hat heute mehr Macht über mich.

Bojen schellen, die Schorne pfeifen, die Kreidefelsen sind zum Greifen, da werde ich noch einmal schwach.

Ich sehe Cederström nun deutlich, er ist es wahrhaftig, ich gehe zuerst langsam, dann stürze ich auf ihn zu, ich falle auf die Knie am Verdeck vor allen Passagieren:

„Dein Paß, Cederström, Dein Paß, mein Bruder.“

Ich sehe auf, mein Bruder Cederström wankt, ich sehe sein Auge, er ist betrunken, er erkennt mich kaum. Ich lächle wieder. So soll es sein.

Ich gehe ruhig weiter, es war ein Ausgleiten, kann man denken, ein Mißfall war es. Ich werde nicht mehr schwach sein, ich bin ganz sicher nur auf der Orangenschale ausgeglitscht.

Ich werde die Frau nicht mehr sehen. Ich nehme es auf mich, wer sieht es mir an?

Ich zahle alles damit ab.

Ich büße jeden Tau, der mich in Barsebäck erfreute. Ich büße die Vögel, die mir eine Lust sind zu hören. Ich büße meine graden Glieder. Und daß, wenn Menschen in meiner Macht waren, ich meistens sauber und verantwortungsvoll war. Ich büße alle Tage mit Frauen und meine schönen Jugendjahre. Auch daß ich gläubig bin im Grunde und ungern unrecht tat. Ich büße mich selbst, wer kann es mir wehren, ich zahle das Schicksal, es nahm sich gutes Honorar.

Es gibt so viele Dinge noch, auch die schlechten, wenn ich mich besinne, die ich zahle, es gibt so vieles, was ich alles büßen kann.

O Gott, wie vieles muß ich heute über mich denken, ich bin es nicht gewohnt, ein Stein ist in mich gefallen, ich kann es kaum ertragen, was sich anschwemmt an den Ufern. Ich fasse an die Schläfe, ich ertrage es kaum.

Ich schüttle Cederström, führe ihn bis ans Heck, setze ihn neben mich auf die Bank und halte ihn gerade. Ich schreie ihm ins Ohr:

„Habe ich keine Zähne mehr, Hochstapler, haarlos, kein Geld, keine Frauen, verrecke irgendwo, o wie denke ich, glaub mir, verdammt, wie denke ich: waren diese Tage blau, Borgeby hatte viel Sturm, Bjerred ein gelbes Segel im Mittag drin, Sivs Schultern, welch hinreißend schöner Gedanke in solcher Aufmachung gedacht, lache nicht, Cederström: die Pomade ihres Haares.

Wenn ich sterbe aber, Cederström, gibt es nur einen Gedanken von heut ab: wie habe ich diese Frau geliebt und wußte es nicht.“

Ich sehe hinaus auf das Meer, wie glatt, wie zahm. Ich kann Cederström nicht halten, er hat verglaste Augen, er ist betrunken wie ein Norweger, er stammelt: „Pomade“; er hat mich nicht verstanden, es soll so sein.

Ich lasse ihn fallen, er fällt auf die Rolle, er schlägt sich den Kopf auf, ich kann es nicht ändern, ich schaue immer nach dem Meer.

Ich fange aber plötzlich an, atemlos zu laufen.

Der Kapitän kommandiert laut auf seinem Steg, Matrosen huschen barfuß mit Seilen und Tauen. Die Pfähle starren schwarz aus dem Wasser, wir haben Gegendampf und drehen uns.

Ich unterscheide im Laufen jedermann am Land, selbst den österreichischen Offizier erkenne ich mit dem schiefen Cäppi. Ich höre die Fahne über mir knattern im Gegenwind. Nun tuten alle Hörner, die Ventile öffnen sich, das Schiff knirscht und stöhnt.

Ich komme über Verdeck gelaufen, schleudre die Passagiere beiseite. Ich sehe Cederström fest wie einen Schlafwandler auf den Ausgang zugehen, renne vorbei.

Ich erreiche die Koffer, ich erkenne meine Zeichen. Ich schließe den gelben Koffer auf, reiße die Sachen auseinander, erwische einen Schuhsack, Baron Uxkulls Diener hat ihn gut gepackt, der Schuh fällt heraus, ich achte es nicht. Ich schließe zu, ich hebe mich schwerfällig am Geländer.

Ich habe ein buntes vielfarbenes Tuch in der Hand, ich reiße die Nähte auf, ich hebe mich breit in der Höhe, ich winke zweimal mit frischen Rufen, immer in die Luft.

Dann führe ich das Tuch über mein Gesicht, mein Gesicht formt sich hinein. Mein Herz klopft mir aus dem Tuch in mein Gesicht.

Ich drehe mich langsam ab von der schwedischen Küste.

Frauen

Man stirbt nicht vor Trauer. Man hat das Meer zum Anstarrn, müde der Herzen, die verführen und peinigen. Die großen Nebelwolken, die mit Sausen wie Batterien angefahren, haben die Küste verödet. Man hat die Nebel zwischen sich und den Leidenschaften, das ist Einsamkeit.

Man leidet an den stumpfen bleiernen Gurten, die das Meer gegen den Himmel spannt, mit unaufhörlicher glücklicher Monotonie. Die Dunkelheit des Herbstes hat sich gepaart mit den Gedanken, die die Ruhe durchdringen und in den Wolken ausbluten, wenn der Abend sie entflammt. Die Sicherheit, jenseits der Eitelkeit, der Siege, Wunden, Triumphe, all des Geschichteten, Reibenden, all der Unrast der Menschen, verfallen zu sein einer Traurigkeit, die man grundlos erleidet, aber die man liebt, das hat einen unbeschreiblichen Glanz der Melancholie entfacht.

Da gehen perlmutten graue Nebel und ballen sich starrauf vor den Mond wie eine Armee. Das Meer blinkt ausgetrocknet, metallen und hart. Die Dünen haben den Atem der Traurigkeit aufgenommen und tragen sie mit dem Reichtum einer dunklen Melodie davon. Das ist, wie man lebt, den Kopf in den Händen.

Da sprengt Kerstin quer durch einen Traum auf ihrem weißen Grey Lad. Man birgt die Augen in der Einsamkeit. Man kapituliert nicht in der schmerzlich dampfenden Landschaft vor dem nackten Blitz. Das hohle Schweigen des Windes hat die Erscheinung an den silberstarren Horizont getrieben. Die Nacht hat sich mit einem verhaltenen Ton dunkel ausgebreitet, die Ruhe hat sich an das Fenster geschmiegt. Das herbstliche Klirren der Brandung dämpft das erlöschende Fieber: fort von den Leidenschaften, die leer machen und verzehren.

Da tritt Kerstin aus dem Geruch des Bodens, ihr Bild steigt über die schrägen Gläser der Türen und, hinaustretend, überfällt ihr Wesen einem, wie ein Nebel durchdringt sie das Blut, unerschöpflich. Es saugt einem voll, grenzenlos, wie einen Schwamm voll ihrer Gegenwart. Das Meer ist blaß geworden. Die Dünen zittern flötenhaft erregt: man geht von neuem aus der Einsamkeit hinaus.

Man läßt den Tiefsinn zurück. Tage, Stunden, Wochen, fallen ab gegen den kristallenen Himmel, die in Traurigkeit sich tief erfüllten. Was war es?: Glück.

Man hat das Meer nun nicht mehr zum Anstarrn. Doch man stirbt nicht vor Trauer. Man stirbt auch nicht vor Freude.

Aber Kerstin zu sehen nur, welch schöne und bittere Verführung!

In Schwetzingen fand ich ihre Spur. Den Sommer war sie in Schachen. Die schweizerischen Berge kamen am Abend mit Lichtern über den Bodensee geflogen. Sie hatte gegen den Herbst in Bocklet gewohnt, das wies in seiner Verborgenheit auf Männer um sie. Die Barockfiguren des alten Parks begannen lang und zärtlich mir nachzuschreiten, als ich im Wagen nach Kissingen hinüberfuhr. In Bamberg sah ich durch jedes Mittelalter sie kommen, von den Portalen und Kirchen herunter sich neigen. In einem Landhaus bei Bayreuth kreuzte ihr Name sich mit dem eines Mannes. Obwohl unsere Leben sich voneinander gelöst und entfernt voneinander trieben, traf es mein Herz mitten auf die Brust.

Ich quälte mich weiter. Von nun ab gingen die beiden Spuren zusammen, ihre Gestalt zog immer tiefer in den Ausdruck des Mannes hinein, der ihr Leben teilte. Ich begann zu leiden. Zurück? Wozu in die Traurigkeiten, die verbittern mit Einsamkeit?

Ich beginne im Gegenteil zu leben an dem Widerstand, mich zu entzünden mit einer melancholischen unerregten Leidenschaft, die nur sehen will und überschauen kann. Man stirbt auch nicht aus Leidenschaft.

Ich habe die Tagbezeichnungen vergessen, werktags abends kam ich ins Gebirge, fuhr an das Schloß, sie war verreist für eine Tour. Man erwartete sie. In der Dämmerung ließ ich lenken und besuchte Lil Pax. Ich ließ den Schlitten angespannt, denn sie war im Begriff in ein Sporting-House zu fahren, die Glocken schellten.

Lil Pax fuhr in meinem Wagen. Der Tod hatte Quartier in ihr aufgeschlagen. Die überschöne Schlankheit der Hände und das fiebrige Feuer der großen ruhelosen Augen schienen den Knabenkörper mehr in den Ruf des Erlöschens zu ziehen als in das Muskelgekrach.

Als wir eintraten, ging der schwarze Boxer Bambula oben an den Ring und nickte uns zu. Man massierte ihn darauf, der auf den Seilen lag, und führte ihm Luft zu, während der Saal in Erwartung der Schläge ächzte. Während der Time-Keeper schellte, der Unparteiische pfiff, Bambula sich aufblies, der kleine Ukrainer mit Ballettschritten ihn angriff, der Neger ihn Uper Cut nahm und niederhieb, sah ich dahinter das Meer, aufgebäumt. Grey Lad preschte davor mit Kerstin.

Das zweite Matsch erst brachte den Saal in Verwirrung. Aber während Frauen auf den Stühlen dem Neger zuschrien, die Männer wüteten, Bauernburschen die Tirolerhüte schwangen, Bambula gleich einer Schnake den Gegner Clinch nahm, lachend Sawate erhielt und mit grandiosem Bak Spring ihn in die Herzgrube erledigte, war ich schon tief ergriffen von der Kühle der Frau neben mir.

Lil Pax war unerregt geblieben. Wir fuhren im Galopp über die Felder zurück. Mit erschreckender Deutlichkeit kam ihr Wesen aus der schwülen Ekstase des Saales mit einer überlegenen Deutlichkeit und einem gewissen hochmütigen Lächeln auf mich zu. Sie hatte die geheimnisvollen Beziehungen des Verzichtes früher als alle durchstoßen und von der in ihr reisenden Nähe des Todes eine Ironie um den Mund erhalten, der sie allem entfernte, obwohl sie nichts floh.

Das Verzückte war hinter ihr in schwärmerischen Bögen abgeschnitten. Sie hatte jene Größe, die sich nicht entschied und weder das Gesicht weg von dem Dasein wandte und es verfluchte, noch in Betäubung stürzte. Sondern sie ließ, allem hingegeben und allem entfernt, das Dasein, geliebt und unbegehrt, vorüberfließen, während ihr Mund in schmerzhafter Blässe nicht zuckte. Welches Blut lag dahinter abgedämpft, wenn sie gütig nickte! Welcher Sprung, im Haß, federte und ward nicht getan!

Ich neige mich über ihre Hand.

Sie erkrankt, heftiger. Ich werde nicht reisen. Ich richte mein Gesicht nach dieser Frau. Sie beginnt ihren schicksalhaften Zug, tief und weit entfernt, über mein Zugewandtsein.

Ihr Leben beginnt über meinen Horizont zu laufen, ruhig und gütig, ohne deutliche Spur, eine Sonne von Westen her immer der gelben und roten Sonne entgegen, dunkler und unsichtbar, aber im selben Kreislauf.

Damit ist mein Leben eingezeichnet.

Was folgt an Dingen, die Blut, Tag, Rausch bestimmten, ist anders, diesem Abgewandtes, vielleicht nicht wenig, aber nicht dies. Welche Bedeutung es hat in meinem Dasein: ob diese Frau das Entscheidende ob das andere, wer durchschaut das Schicksal? Vielleicht weiß ich es, wenn mein Blut langsam rinnt und meine blonden Haare so hell geworden sind, daß das Urteil bis an die Grausamkeit vordringt. Wer kennt sein Herz? Man muß sich unterwerfen. Stolz ist ein Spielzeug. Bebauen wir unseren Garten. Man lebt sich schon hinein in sein Schicksal.

Ich habe die Fahrt nach Kerstin angetreten. Da liegt nun das Leben zum Anstarrn. Der Kreis öffnet sich. Da sind nun die Tage, Wochen, die Leidenschaften, die hineinreißen in ihren Bann und entzünden und verzehren. Haben sie mich erreicht einmal, schwinge ich sie schwärmerisch wie Vögel auf. Ich bin dabei. Das ist eine Freude. Hallo. Ich lebe in Begeisterung. Welche Woche!

Habe ich in dieser Woche nicht zwischen blaugespannten Bergzügen Venus und Jupiter in bengalischer Konstellation gesehen? In die flamingone Abendröte den Hausberg aufgereckt wie die Begehrlichkeit einer wilden Sau? Ist die Natur nicht mit Lawinen und sausenden Gletschern aufgezuckt mit meiner Bewegung? Hat eine sizilianische Frau nicht unter den Kronleuchtern ihre Rasse aufgezaubert? Habe ich nicht das Blut der silberblonden Ritterstad auf der Lippe gespürt, der eine Katze die Schneehaut aufgerissen? Haben die seidenen Fahnen, als wir im Bob passierten, sich nicht gegen den Wind alle huldigend auf diese schöne Frau mit dem lachsfarbnen Mund gerichtet? Schossen wir nicht aus dem Nickelglanz des Starts herunter auf dem Bauch im Rodel, durch die Kurven auf den Hüften hinunter uns wiegend wie im Liebesspiel?

Welche Woche, Lil Pax, während Sie lagen! prall, festgefüllt, aufgestäubt. Wie bunt. Doch was ist es am Ende?

Es bewegte sich nur. Aber . . . . alles Getane, alles Erlebte kreiste um Sie, Lil Pax. Das ist nunmehr von allem die Richtung.

Ich sehe Margit, Ihren Liebling. Aber ich erblicke sie nur in der Verbundenheit auf Ihr Wesen hin, gleichwie mit der unentziehbaren Bewegung der Sonnenblumen, die dem Gestirn mit ihren Mähnen folgen. Es gibt keine Frage darüber. Das ist Bestimmung.

Ich sehe Margit. Ihr Hund heißt Lorm. Ihr Lied „O Dolly.“ Ihr Herz ist voll von schönen Schauspielern, von Coquelin, Cyrano, Rolla, von melancholischen Pianisten, im Lyon reitenden schwarzgeschnürten Offizieren, von Pré-Catlan, von Speisen bei Spiegeln mit Kerzen, von Bootfahren am Abend, von Lido, von Sand und Hitze, von einem Mann mit Namen Claessens, von irgendeinem schönen Capitaine Ettore Cosomati, von einem kriegerischen Colonel Ugolino, von Melonen, Zirkus, Schokolade mit Zitronen.

Ich fahre mit Margit, während Sie krank liegen, zwei Tage südlich. Ich kaufe ihr gelbe Calvils, ich zeige ihr Innsbruck. Ich trinke mit ihr den serbischen Slivovicza. Ich teile mit ihr den Abend, der mit den schon südlichen Springbrunnen verzaubert, und die Honigdämmerung unter den Schneebögen der Hügel und die lauen Schatten der Madonnenlauben unter dem Golddach. Ich lasse sie Preise verteilen in der Franziskanerkirche an die Statuen, sie teilt es dem provenzalischen König zu, dessen Erzbrust hundert Amouretten überspielen, der den Visierschnabel frech, gigantisch, der Unerschütterliche, Gott ins milde Zinnoberlicht seines Auges hinaufhebt. Es ist ein rotseidenes Strumpfband, was sie als Preis austeilt, und gibt ihm ein glückliches Aussehn.

Ich jage sie durch die Begeisterung bis in die Müdigkeit. Nun laufen die Berge der Bahn wieder bei unserer Rückfahrt entgegen. Ich sehe sie an gegenüber, wie sie schläft. Mit zerfleischten Rücken sinken die Berge in schwarze Seide. Flammend mit Stierblut kreist der Geier des Gestirns noch einmal über die Grate.

Sie träumt von Pesaro, von einem Teich und ihrem Lackhut als Kind. Ein Röntgenologe versichert, sie habe das kleinste Herz. Bäte ich nur, sie vermachte es mir. Es stünde auf meinem Tisch, kleiner als die Zunge des Gordon-Setter. Sie wacht plötzlich auf, hinein in Begeisterung. Ich spüre ihren Atem, sehe sie herübergleiten. Ein schönes Geschenk der Stunde. Ich versage sie mir ohne Bemühung. Warum?

Ihr Dasein ist zu nah und zu dicht auf das Ihre gerichtet, Lil Pax. Sie ist nur etwas wie eine zärtliche sekundenlange Laune, die Sie verloren. Die Bewegung dieses Mädchens umkreist Sie zu nahe. Was ist ihre Hüfte gegen das Maßlose Ihres Todes.

Das Dasein hat zwei Seiten für mich nunmehr. Von einer brennt es hell, das sind die Leidenschaften, die erheben, und die Genüsse, die man erobert. Ich erhebe mich und erobere, je weiter von Ihnen, um so voller das Ergebnis. Ich ziehe das Dasein herein aus seinem äußersten Kreis. Ich warte noch immer auf Kerstin.

Die andere Seite ist das, was sich an Ihr unaufhaltsames Schicksal bindet. Man schließt die Augen. Man soll sich nicht ausbrennen vor Schmerz. Aber, Liebe, kein Lächeln auch nur vergeht, ohne daß seine Deutung sich bezieht auf Sie, irgendwie.

Als Rassignac, der in schlechter Zeit mein Freund war, die Maschinengewehrladung der Polizisten im Bauch, in St. Sulpice lag, spie er dem Präsidenten der Republik, der das Monstrum des großen Apachen beschaute, ein Stück Lippe ins Gesicht. Dann sagte er ruhig: „Mon corps est foutu . . . . hé . . . . non pas mon orgueil.“ In der Stille seines Gesichts lag unterdrückt derselbe Claironklang, der hinter Ihrem Leben gellt.

Auch liegt dieselbe Kühnheit der Ideen an der Kurve Ihrer Nase wie bei ihm eingezeichnet, und daran weiß ich ebenso, wie an der übergroßen Lässigkeit Ihrer Hände, welch ganz anderes irrsinniges Leben Sie ausfüllt im Grunde.

Hätte der Verderber sich nicht in Ihr Blut begeben und Sie hingeführt zu der Harmonie Ihres Geistes mit jener Güte und Milde, . . . . Sie hätten auf der anderen Seite der Seele ein anderes klirrendes Dasein gelebt:

Wären unter Scipionen mit ehrgeizigem Herzen in Aulen gewandert. Hätten die pompejanische Seeschlacht geleitet am Bug. Man hätte zwischen Karlisten und Rosenroten auf der Barrikade Sie mit der rauchenden Flinte gesehen. Sie hätten Päpste mit der glatten Stirn beunruhigt. Als Kreuzzugfanatische hätte ein Pferd über Singenden Sie auf die Mauer Jeruschalaims getragen. Im Reifrock hätte das Gift Ihres Geistes Politik zerschlissen. Schwertscharf wären Sie vor Ihren Leuten unter die Elephantenbäuche gerannt, makkabäische Königin. Ihr Haß hätte geschlagen. Ihre Liebe grausam geflackert.

Am Ende erst, vielleicht, aussätzig, alternd, verlassen, einen Dolch im Rücken, wären Sie der liebenden Größe nahgekommen, mit der Sie heut überschauen, was sich heranwälzt auf dem Schicksal.

O Sie haben mit Ihrem Finger manche Nacht, Lil Pax, an den Tapetenmustern von Davos und Arosa jede Zuckung Ihres zurückgeworfenen Blutes nachgewandert mit den gepflegten Nägeln:

Sind in afrikanischem Aufstand verschleift, haben als Märtyrin, sich verschenkend, Weg geebnet, standen hinter den Getto-Feiglingen als Peitsche, gingen unter Spaniolen steil, die Stolze, hatten Hochmut, Verachtung. Ach und schwangen in der Inbrunst der Fiebernächte, Steine, Schmuck, Lächeln um den Mund, da und da und dort, in die Leidenschaften hinein bis an den bittersten Ehrgeiz.

Jeden Morgen aber waren Sie zurückgeworfen in den Körper, der, verseucht, aus allem vertrieb. Sie haben mit einer übermenschlichen Bewegung der Seele langsam gut gelächelt mit dem Partner Tod.

Dies Lächeln ist die Lebensrichtung geworden für den, der Ihr Dasein streift. Man stürbe gern für Sie. Was an Versagtem in das Gefäß Ihres Körpers zurückfiel, geht in zarter Helle und Herrschaft des Geistes wieder von Ihnen aus.

Selbst wie Sie den wilden Regenbögen, die über den Hausberg flattern, nachsehn, ist eine Leidenschaft, die Sie den Nächten abgerungen. Süß muß der Tod sein, der im Nahen schon so schön verwandelt.

Aber zum Erbleichen furchtbar der Abstand zwischen dem Ziel, dem feurig Ihre Bestimmung einstmals ehrgeizig zugeflogen, und dem Ausdruck, mit dem Sie nun entsagend lächeln.

In der Mitte das Leid. Aber welch ein Ausgleich! Als Sie der Bonne Ihre Tibetgarnitur schenkten, war es dasselbe, als wenn Sie, ohne dies Schicksal, auf der anderen Seite des Schweifens, Kunstreiterin, dem englischen Geschäftsträger Vitriol aus dem Sattel in die Loge aufs Gesicht geschleudert. Ihr unterdrückter Husten bei dem Besuch des alten russischen Admirals gleicht aus, was Sie an Triumph, Tänzerin, auf die Spitze des bolognesischen Balletts unter Blumenwürfen gehoben. Der Charme der Teestunde, der an Ihren Geist anbindet, wäre nichts andres gewesen, als daß Sie, Dompteuse, das Panthermaul schlössen, mit der Pistole einen etruskischen Dörfler getötet. Entgleiste Lokomotiven, fliehende Ballone, aufbrennende Opern haben den Anlaß, aus Ihrem anderen verhinderten Leben zu springen, wenn Sie mit gleicher Milde, als sähen Sie die sieben Freuden Mariä, in den Schlaf Ihrer Müdigkeit hinübergleiten.

Aber, was an Macht über Menschen in Ihnen ruht, wie wenigen der Epoche, was an Zauber Ihrem Körper, an hingebender Grazie Ihrem Hirn, an unaussprechlicher Süßigkeit Ihrem Geist gegeben ist und allsamt Sie in eine Bedeutung erhöht hat, deren Überlegenheit Sie am deutlichsten spüren . . . ich weiß, Sie gäben es mit eisigem Gesicht, stellten es beiseite mit dem Madonnigen, dem Zauber, dem Wissen, Sie würfen als Hundebissen in die Gosse das Milde und Gute, Sie spien aus das Dulden . . ., wenn Ihnen, schon Jauchzende, dafür getauscht sei: prall, stählern an Leib, vogelhaft atmend mit den Lungen, eine Woche nur noch einmal in Hölle und Seligkeit, mit einem Mann, den Sie lieben, durch die Helligkeit Kopenhagens, durch die Schiffe, den warmen Prater, einen vernarrten Frühling Merans zu toben.

Doch man soll die Wünsche nicht wecken. Man stirbt an den Wünschen.

Sie tragen jedoch Ihr Ausgestoßensein mit solchem Gleichmut, daß ich manchmal in der Gewißheit nicht zweifle, daß Sie zu gleicher Zeit wohl auf einem anderen Gestirn in einer behenderen muskulösen Figur alle Leidenschaften, die hinter Ihrem hier abgegrenzten Dasein stürmen, mit selbstverständlichem Frohsinn und einer gewissen Leichtigkeit in der Größe des Ausmaßes durchfahren.

Hier aber sehe ich wie keiner die schmerzliche Zusammengezogenheit Ihres Lebens.

Und ich kann sie nicht vergessen.

Die Leidenschaften haben sich umgedreht. Was mich aus allen Betten und Fiebern und Längegraden meiner Erde zu Ihnen gerissen, hat sich unter diesem Schicksal verändert. Das ist zu einer wohltuenden Fremdheit geworden, die in schwesterlicher Inbrunst meinen Herzschlag begleitet in einer meinem Blut nicht zugänglichen, schön überglühenden Welt, höher als jene dieser Dinge, die mich hier hart verzücken und in Begeisterung fangen. Das ist unser Leben.

Die Lawinen brüllen durch die Woche und grüßen Sie aus der Mondsteppe wie wilde Tiere. Der Himmel hat eine amethystene Schaukel um Ihr Haus gelegt. Morgens stehen mosaische Signale, Säulen feuriger Wolken auf den Spitzen des Gebirgs. Die Natur bereitet Ihnen Verehrung.

Auch die Abschiedspolonäse auf Skiern für Marga Ritterstad und Margit, Ihren Liebling, hat sich als Huldigung gerade Ihrem Haus gegenüber hoch im Gebirge geeint. Die Midussi hat ihr sizilianisches Gesicht zur Komödie mit einem roten Turban geschmückt. Alle schauen auf das Zeichen. Der Riemen Margits löst die Schleife: „Azt a kutja faját.“ Die Schnäbel der Skier haben sich auf Ihr Talhaus gerichtet. Da quillt weißer Wolkenschaum um die Gipfel des Kessels, die Sonne, aufrauschend dunkel schmeißt ihn zurück. Schmetternd wie eine Posaune kreuzt sie über dem Tal.

Mit einem verderbten Schrei wirft die Midussi die Fahne zur Abfahrt und gibt den Start. Nach Ihrem Haus zu verzischt Ihre Linie im Gebüsch. Die Ritterstad fährt wie ein stolzer Fasan. Man soll die Diva nicht tadeln, weil alles sie liebt. Heller Strich auf Strich saust eins nach dem anderen ab nach Ihrer Villa auf dem bläulichen Schnee. Mit Hagebutten in der Hand macht Margit noch Telemark und schaut herauf, dann saust sie hinunter zu Ihnen durch die Latschen. Alle schreien Ihren Namen, die Sie, auf dem Südbalkon Ihres Hauses, das Glas über den Augen, diesen Herabflug aus den Hängen auf sich zukommen lassen, beherrschten Mundes wohl, wie jede Ihnen unaufhaltsam nicht mehr zugehörige Bewegung.

Ich stürzte, über Heidekraut, sechs Meter ein Hecht durch die Luft, eine Parade der Arme, ich fiel auf die Erde zurück, der Bergkreis glühte, blau, dann schwarz. Als ich aus der Ohnmacht aufwachte, sah ich Ihr Haus, Lil Pax.

Ich habe mich aufgerichtet, die Stirn ist zwar verdellert, die Knochen aber sind heil. Ich habe den Fahrtrausch noch im Blut, das Risiko der Stürze noch im Hirn, der Tod hat mich nicht gedämpft. Ich bin voll Kühnheit und Begeisterung. Verdoppelt empfinde ich Erregung in mir laufen und Beglückung aufquellen satt und voll. Das brüllende Tier des Gestirns braust gierig durch das Blau. Ich fühle mich umschwungen von den Menschen und der Fülle ihres Atems und der Farbe der starken Empfindung, mit der diese alle ihre Leben hier gelebt.

In dieser Sekunde der Höhe aber reißen die Menschen ab aus der Melodie. Die Woche, die sie füllten, gleitet zurück zu Ihnen, wie zum Mundstück eines Instrumentes.

Sie nehmen es, schlank, und scharf aufgerichtet in die Hand, führen es an die Lippen: da stürzt sich alles in Sie hinein, begierig, daß Ihr Atem ihm erst Gesicht gibt und es brennend hinauswirft. Was ist um mich all das Getümmel? Ein Teil von Ihnen. Ich sehne mich in Ihre Einsamkeit aus aller meiner Fülle.

Ich spüre Sie in meinem Leben als die Bringerin. Im Seedorf der Vogesen, in der Entferntheit der Blumengärten Immenstads, in Norrbrö, im fensterlosen Gemach meiner Heimatjahre spüre ich Sie als die größere Vielfalt. Denn wenn Sie wollen, werden Figuren und Reihen der Menschen auf der Ebene der Wand mit der Musik ihres Blutes erscheinen, beherrschter und glänzender als die meines Erlebens, so als bliesen Sie sie in Wahrheit auf kleinem goldenem Instrument zart herüber aus der Einsamkeit der Überwindung in meine Einsamkeit der Fülle.

Ist dies der Abschied?

Ich kann, beglückt von dem wilden bronzenen Schild, das die Sonne über die Steppen schüttelt, sportiv, kräftig, Strapazen überlegen, ich kann meine barbarische Stärke nicht mehr dem Zauber entgegensetzen, der, aus Verhängnis und Versagtem gebildet, Ihr Lächeln ist. Es ist zu schwer, wenn man so Großes durchschaut, an sich zu glauben.

Sie winken ab mit der Hand: Sie lieben mein Leben. Sie glauben an den Reichtum selbst meiner Melancholien und sind erfüllt von dem Aufgerichteten meiner Phantasie. Sie haben Leidenschaft für meine Welt. Sie sind neidlos entzückt, wenn ich diese Welt in die Hände nehme, mit Fingern und Zähnen den Saft auspresse, Sie lieben das Bunte, verehren die Stärke, Sie glauben an die Schönheit des wilden Bildes und die Größe des erregten Blutes.

Was aber ist es gegen Ihre Welt? Man kann sich nicht finden. Welche Tragik, daß, was Ihr Elend ist, ich liebe, daß, was mir ein Nichts ist, Ihnen erhaben scheint. Man soll sich nicht belügen. Wie kann man genießen, was den anderen quält? Es ist bitter genug, mit Verantwortung zu leben. Bebauen wir unseren Acker und entfernen wir uns von den Qualen, die wir nicht mindern können.

Ich habe mich aufgestellt. Die Augen brennen aus der Ohnmacht noch auf dem Schnee.

Als mich die Bretter in weitgeöffneten Schwüngen ins Tal hinunterziehen, sehe ich keine andere Bewegung als die aus diesem Zustand in den der Entfernung.

Ich bin ein törichter Mensch und züchte mir Qualen, statt sie leicht zu nehmen und mit Selbstverständlichkeit zu bezwingen. Ich mache sie groß, weil ich sorglos bin. Man könnte leichter leben.

Wie ich die Skier unten löse, hindert mich nichts mehr am Abschied.

Am Abend kam Kerstin.

Am Abend kam Kerstin in mein Haus. Musik ging vor ihr her, und die Berge schimmerten näher von ihrer Blässe. Die Sarabande des Sturzbachs formte über ihrer Schulter etwas wie undurchsichtigen silbernen Regen.

Sie griff einen Stuhl bei der Lehne.

Ich dachte:

Man solle vor wilde Tiere sie führen und in Versammlungen, wo der alte Fanatismus der Menschheit ins Böse bricht, damit das Gleichmaß vom Ineinanderfließen der Beine und des Bauches und die rührende Schönheit des erschütternd schlanken Gesichts die Stille auslöse. Brüllende würden lächeln, Tobende demütig werden an diesem Körper.

Keine der Frauen, deren Hüfte mein Frühling, deren Brust mein Weglager waren, die ich Jahre hindurch schmerzlich durchwandert, hatten soviel Macht als dies ledigliche Dastehn.

Sie hatte, wenn sie lächelte, etwas, was schon zerfloß, und das orchideenhafte Rosa der Bluse schien aufgelöst über der alabasternen Höhe der Brust.

Sie nickte, als sie aufstand.

Sie ging.

Und entzog mich mit dieser Bewegung jedem Gedanken und Koffern, die den Abschied erdrängten, und mit einer märchenhaften Hebung der Achseln beweist sie, daß ich ihr Haus sehen soll, nicht allein das ihre mehr, und die Luft behält diese Rundung der Schulter wie einen Abdruck.

O Sommer, den wir glücklich waren, die Hindin und jener, der mit ihr über den Rasen lief:

Als jener See damals nichts war als ein Spiegel für ihre Schlankheit, der manchmal selbst in seiner blausten Verjüngung zu schwer schien, soviel Anmut zu tragen, aber mit schwingenden Uferfacetten sie von neuem faßte in einer Demut und Geduld, die uns überraschte . . . .

Als Lella neben ihr ging, die ägyptische Königstochter, und von der braunen Vierzehnjährigkeit ihrer Knie und der Hängelocken über den Ohren die Reiter hingezogen hielten, und deren Beine so hoch und überlegen standen wie das schwarzseidene Trikot um ihre engen Hüften — — und als ein Rascheln deines Kleides uns mehr schien als Lellas ganzer Leib, um den zu sehen selbst die fünfzigjährigen Landräte und Rennstallbesitzer Löcher in das Damenbad bohrten, und deren Besitz uns doch die tragische Unerreichbarkeit ihrer Jugend erhöhte . . . .

Als sie im Stern von Gudrun saß, und wie eine Weiberbrust unser Segel im Mondschein flauschte und sie plötzlich das Wasser küßte mit einer jähen Bewegung über Lee und ich tagelang dachte: sie hat den See geküßt, meine Freundin, was soll nun das Leben, es ist so silbern geworden. Wir ertragen die Dämmerung nicht mehr . . . .

Als durch die Dorfstraße auf dem geschmückten Narzissenmotor die Hochzeit kam mit vielen Offizieren und Orden, und in der Dorfkirche der Sänger im Requiem stecken blieb, wie er sie an der Säule sah . . . und plötzlich alle von dem Priester sich umwandten, sie anzustarren, als sei sie aus der Säule gehauen und flöge mit ihr auf abgesenkten Flügeln in die Höhe, nachdem eine Sekunde ihnen unwiederbringlich die Hüften des Paradieses gezeigt.

. . . und als nach einer Woche alle Skiläufer, Dirigenten, Spieler, Arbeiter, Segler, Fischer, Bauern, Bankiers nichts wollten, als daß ihr Blick auf kurze Zeit auf ihnen ruhe — — und wir den Berg in der Frühe erstiegen, die Alpen ausgebreitet lagen tief wie die Kolonnen der Engel . . . und sie gegen die siebenfache blaue Staffel des Horizonts vorging, die Hand hob und nun kein Blut, kein Fleck der Haut es anders wußte, als daß ihr Lächeln nur, ihre Hand allein sie weich und schwebend erst formte, Amaranth hingab und seidige Härte — — und als sie bei mir war unter dem Park und aufschrie, und am Morgen im Pyjama durch den Taugarten ging, und die vier Nachtigallen wie ein Gewitter rasten zu einer Stunde, wo bedingungslos sie sonst schwiegen . . . . .

aber das Trommeln und Steigen ihres Gesangs so zerschmetternd war, so sehr nahe der Höhe der Lust, daß ich den Scheitel des Sommers erbebend unter mir fühlte und wußte, nach so ungeheurem Erfüllen käme nur ein hinab . . . . . . — — —

Was ist geworden in den Jahren, die ich im Süden ein Hund war und Suchender und Wüstling und nicht gedachte an deine große Schönheit — und zwischen Segelfahrt und hellenischem Frühling nichts die Zeit überbrückte zwischen mir und unseren zartesten Sekunden — — und was hat dich in anderen Armen verwandelt und hinter welchen Mannes Gefühl ist dein Gesicht verborgen, daß nicht einmal der irrsinnige Hochmut deiner Mädchenhaftigkeit mir vertraut und nah ist, mit dem dein Blick mich ans Kreuz schlug, als ich am Ufer dich ansprach mit dem Wort zu scharf und leicht für deine frauenhafte Bedeutung . . . . . und daß nun, wenn du fremd in deinen Kleidern hinausgingst, die Sehnsucht nach deiner Entferntheit und die weite Kühle deines Lächelns mich tot machen, meine Freundin?

Zwei Tage mied ich Kerstin, zwei Tage lief ich mit der Midussi.

Wenn sie die Locken schüttelt und feig vor der Schußfahrt in die Knie geht, und die prinzessinhaft im Nacken geschnittenen Haare ihr in die Zähne flattern, hören selbst die erregtesten Weiber auf, sie mit Steinen zu werfen und zu begeifern, ihrer engen Skihosen halber, sie selbst aber ist nie abgeneigt, mit dem Schrei loszufahren, zu kratzen und die angesammelte Meute sechs- und achtjähriger Knaben, Eiszapfen schwingend, zu sprengen. Zehn Männer, die den Kranz ihrer Kali-Syndikat-Millionen anzubeten lediglich nicht müde zu werden hofften, fiebern nachts nur noch von ihren spielerischen, lesbischen Beinen.

Sie hat eine Locke zwischen den Augen in der kleinen Stirn, und das achtzehnjährige sizilische Gesicht ist krank, bös, schön gespannt in der aufregenden, von ihren Blicken verdorbenen Luft um sie.

Sie quält, lächelt und ist kühn genug, im verruchtesten Loch mit der großen weißen Perlenkette dem Schwarm der Bauernmasken sich zu mischen, die, durch ihre Holzmasken wie Hunde heulend, im Kilometerradius einen Zirkus von Tanz um die Gebirgskette schlagen, und aus deren Weiberröcken und wilden Fäusten sie heiser lachend entgleitet, den Saal hinter sich zurücklassend, aufgepeitscht bis ans Geheul.

Ich weiß nicht, ob sie mich haßt, aber es mag sein, daß dies ihre Liebe ist.

Die Syrakusanerin läßt den Schlitten voraus fahren, Schellen klirren sacht, hell. Wir kommen auf den Pfad, wo die Angehörigen eines religiösen Hotels, mondäne Nonnen, an uns vorüberstreichen. Es geschieht, daß die Midussi, die Zähne im verbrauchten Gesicht, sagt, daß Picard zum drittenmal ihr an den Hals gedroht, führe sie nicht nach München — — fürchtet sich, schaut schräg auf.

Wir lachen. Da es auf diesem Weg ist, erfüllt sich unser Gelächter zu einer Schleife, die am Hausberg sich hinaufsingt, oben fast donnert.

Samstag kam ein Brief von der großen Diva.

Marga Ritterstad.

Lil Pax las ihn. Als gespenstische Schaukel schwingt der Wachsensteinobelisk sich aus Geschleier und zurück. Unsere Augen treffen sich dazwischen.

Die ihren meinen: auch der metallene und schmale Stolz der Spaniolin könne soviel Blondes liebend anerkennen, denn es sei gut und von gewisser Bedeutung, und, wenn man vieles leide, sei manchmal auch das Zweckloseste sehr viel.

Ich sage:

„Hat man je den Mut gehabt, das Spiel auf das Strenge zu richten. Man verzeiht. Man lächelt. Niemand klagt an. O, wenn ich die Kinos alle hätt in meiner Hand!

Als ich einmal jene drei Tage mit ihr durch alle Cafés und Theater und einen unvergeßlich perlmuttenen Frühlingstag geglitten, und aus einer Loge sie durch plötzliches Schneegestöber in die Bahn gebracht, blieb etwas wie Verzauberung über den Straßen hängen . . . . denn soviel Liebe sie empfängt, strahlt sie zurück.

Man kann ihrer Spur folgen durch die Wüste. Morgens kam ich nach Nürnberg, lag im Bette, telefonierte dazwischen, durchschlief den leeren Tag. Am Abend überwogte mein Auto aber die Brücken und Hügel der Stadt, ich fuhr von Kino zu Kino in der von der Dämmerung entzündeten Sehnsucht, die Blonde zu suchen, und ich erregte am Egidienplatz einen Auflauf des Volkes, das dort noch nie einen Wagen gesehen, wo ich in der Baracke sie fand.

Wie lieben die Menschen die Kostbarkeit ihrer Haut und die erlesene Haltung ihrer Augen!

Piccolos zittern knabenhaft und ohne Frechheit, denn ihre Träume haben nie geglaubt, daß so Herrliches wahrhaft an Restaurationstischen atme und speise.

Kellner verbeugen sich gleich vor der selbstgeschaffenen Königin ihrer Liebe.

Köche, vom Gerücht im Betrieb elektrisch erreicht, garnieren nur ihren Fisch mit hingebender Kunst, Portiers eilen, Chauffeure, von anderen gemietet, unbestechbar, brechen auf unter dem Schlag ihres Namens, rasen und schmeicheln sich, mit großer Bewegung sie grüßend, keinen Lohn zu empfangen.

Nie hätte ich gewagt, zu glauben, daß dies Volk der Sklaven, das vor verrunzelten Wittelsbachern und leberleidenden Hohenzollernfrauen erbleichte, so viel Größe habe, sich eine Fürstin ihrer Liebe zu schaffen.

Sie ist die weiße Göttin der Masse.

Sie lieben diese Frau um ihres Auges, ihrer Hand, ihres Lächelns willen. Nichts weiter. Man neigt sich vor der Wahrheit einer Legende.

Überall, wo ein W. C., eine Kirche, eine Kaserne sich findet, flimmern die Lichtspiele, durchdringen die Rinde des Erdballs, stehn auf Schiffen, in Klostern, auf Inseln, in Lazaretten, Bordells, Villegiaturen, Steinbrüchen, Sanatorien, Irrenhäusern, Auswärtigen Ämtern, Polizeibüros, Landwirtschaftskammern, Redaktionen, Expeditionen, Luftschiffen und Völkerkriegen.

Ihr, die ihr wach seid, die Freiheit fordert, Gerechtigkeit liebt und gegen den pfaffenhaften Schwindel eurer Volksbildung lächelnd und, moderne Berserker, anrückt und feuert, die ihr den Erdball aus infamen Achseln klappt und nicht vergeßt, dabei die Marseillaise eurer schönen Herzen zu singen, euch, die ihr euch hingebt, duldet und tapfer seid im Blut, schreie ich hinaus: Nehmt die Waffe. Laßt die Theater, die Intellektuellen nur spielen und bourgeoisem Geist, der verfettet ist wie ein Alkoholikerherz, treibt diesen Kreisel durch alle Niveaus, Kreise und Staffeln.

Schiebt die Erschütterungen auf die Leinwand, von ihr hinein in die Adern, füllt durch sie den Pulsschlag, schafft einen Riesenkreis der Wirkung. Treibt die Besitzer der Sauställe aus, baut Kinohallen. Enteignet diese Gesellschaft.

Vertreibt das Gesindel aus den Tempeln, denen diese Frau nichts darstellt als ein Kapital von hundert Millionen, eine Tantieme, und sehr zu pflegendes Tier.

Dann wird die weiße Blonde in der Stille kommen. Der Moment der Erfüllung wird ein Blitz sein.

Auf daß sie nicht mehr der weiße Vampir sei, die goldene Schlange, das helle Marderspiel, sondern daß sie eine gewisse Demut ertrage und, von zehntausend Leinwänden in der gleichen Sekunde herunterwandelnd, von Rosenheim bis Chikago, Djursholm und Kapstadt, als unsere gute Frau von den sieben Schwertern und blutroten Rosen die Armen und Geschlagenen in Wahrheit heraufführe bis zu der sanften Höhe ihres Lächelns aus dem Rausch der romantikverstunkenen Löcher, in denen selbst die Verwüstetsten, um ihren Glanz anzubeten, nie erlahmen werden, ihre kargen Abende und die Dämmerungen des Frühlings hinzugeben.

Und, die heute täglich suhlt à la boche in den Lachen der von Kocherls und Ladnerinnen umjauchzten Geschwätze, wird vor ihnen hergehen, wahrhaftig, Instrument der Gesinnung, Jungfrau von Orleans mit der blonden Krone und dem liebenden Beispiel, Entfacherin echter Tränen, guter Handlung — — — .“

Lil Pax hat die Hand gesenkt, die mit den Haaren Margits spielt, die diesen Augenblick mit vor innerer Spannung erfrorenen Augen empfindet, und sagt: „Silberner Vampir“.

Die Wolke ihrer Augenlider hat einen sehr entfernten Glanz. — — —

Am vierten Tage kommen Kerstins Pferde, schellen im Garten, treten, stampfen, werfen auf eine Säule Dampf. Ich trete ans Fenster, fasse den Laden fest. Nehme die Skier.

Folge Kerstin in ihr Haus.

Staune nicht.

Es scheint, als gebe das Klavier Kerstin eine bewundernswürdige Maske von Kraft und Zorn, und die Vollendung ihrer Hände erreiche in der Berührung der Tasten eine Erhöhung der Töne, die sich dichter immer zwischen sie und mein Hören stellte . . . und die langsame Verdunklung ihrer riesigen Diele sammle aus der florentinischen Seide der Wände und den aus Feuer gefärbten Bildern Marées eine Stärke, die sie mir wehmütiger und ferner entzog.

Sie sprang zu Chopin.

Ihr Rücken bog sich wie ein Coli im Sprung, und jene Süßigkeit der Weidengerten war dazugegeben, die den März zum schmiegsamsten und verführerischsten aller Monate macht.

Ich verstand die Musik nicht, die sie davontrug, und ich fand, man vermöge wenig Sinn zu finden für dieses, wo die Natur uns täglich säugt und wir verliebt sind in sie mit unsterblichen Gästen.

Ich sage:

„Weißt du, wie Lia von Florenz sprach und jener Sonne Eures Ateliers und Speyer und Lucius und jener Sinfonie, die mit Gold und Musik Ihr morgens über die Hügel stürztet — und ich schwarz, zerschlagen, gepeinigt vom Bild jener Stadt, in der ich diese Zeit damals verbrachte (Stadt bestürzender Enge, niederen Behagens, wohlgenährt, aber ohne Wollust, Stadt, der ein Schicksal Prüfungen nie gab, feist, faul und bürgerlich und selbst zu feig zur Sünde) — — daß ich gepeinigt nicht sagte: Dulden ist mein Los — — sondern ins Gewitterblau der Pflaumenbäume hinausging, am Bach Gott bat, mich hochzureißen an den Rändern des Gefühls, mit Zorn mich anzuschwellen, zu tränken und zu stärken, daß ich, unser dichterisches Schicksal erfüllend, blutigen Mundes den Haß der Vaterstädte ausrufe . . . . .

und daß ich, weißt du noch, am gleichen Abend, als der Berg rot flammte, Vollmond aufsprang zwischen den Ufern, Hügel violett und bebend sich malten auf die sie kaum ertragende himmlisch-japanische Seide, daß ich in Eurem Boot dennoch nichts anderes tat, als dein Gesicht zu preisen. Es war mir nah wie mein Herz, und wie es heraufstieg aus der illustren Kette der großen Revolutionäre und Helden Deiner Familie und das Unvereinbare trug der Hingebung und des grenzenlosen Hochmuts (über den schwarzen Brauen und unter dem rauhen Helm der roten Haare), traf es mich in einer unbeschreiblichen Erlösung:

nie habe gemischtes Blut von Franzosen, Juden, Aristokraten, Dichtern und Deutschen soviel wilde Schlankheit der Hüften und schmerzliche Verhaltenheit der schönen Nase in eine lückenlosere Harmonie des guten Weltbildes getragen . . . . . und der See hielt deinen Leib wie ein Schild mit inbrünstiger Entsagung gegen den von Schwärmen übersternten Himmel.

Weißt du . . . . . als an dem Tage, wo draußen an der Notbucht einer umschlug, und die Kreuzbö uns überfiel, zu dritt wir uns über Backbord warfen, es drückten, den Gesandten Teherans von zwei Meter Länge im Lee durch das schwarze Wasser zogen, und Maria, als es ums Sterben ging, das Focktau in die letzte Messingpumpe sog . . . . . wie dein Gesicht allein mir lohte.

. . . . . wie von dem Turm, wo nach dem Wasser einer wie ein Croupier, einer zum Land wie ein Rabe malte, jener Reiter, von Entzückung Illuminierter, dir die ganze Nacht Feuer über die Seezunge brannte.

. . . . . wie wir durch die Sturmnacht auf den Rädern um die Seebögen heimwärts rannten, und das Aleppogeträum des Prinzen und Bagdad und Pera unsere Herzen verband, als lägen wir Gesicht an Gesicht in deinem Haus zu Fiesole.

. . . . wie der große Geländeläufer, in Davos und Edinburgh gefeiert, dich schlafend morgens im Boot entführte und abends abreiste mit eingesunkener Schläfe

. . . . . wie der Ritter von Harty, dem die hohen kriegerischen Medaillen die Brust überschwammen, die Regatta unter deinen Augen verlor, am Strand saß und heulte

. . . . . und wie der Arm der Diseuse, die nach dem Gewitter gedeutet, magnetisch angezogen dem Blitz nachjagte und auf ihn noch wies nach zwei Stunden auf deinem Balkon und dich ein wenig verwirrte.

. . . . . weißt du, wie ich die flachen Hechtsprünge machte, um dir zu gefallen, obwohl die Narbe mich feurig schmerzte, und deine Hände, die gemacht sind, daß, wenn man dich liebt, man sie spüren muß oder krepieren, sie sänftigte und meine Eitelkeit linder tadelten als dein Wort.

. . . . . weißt du, wie, als wir am Bach lagen, und die Idylle des Himmels und der Häuser uns verzauberte im gläsernen Mittagssturz, jene fremde augenmalayische Frau mit dem schönen Mund und den vielen Steinen, die wir als große Freundin von der Freundschaft später so sehr noch lieben sollten, das Auto anhalten ließ und ausstieg und zu dir einfach sagte: „Wie schön sind Sie“, als seiest du eine Wiese.

Aber eins, weißt du, kann ich nicht ertragen:

Du hast zwischen Tau, Flieder und Vögeln mit deinem Körper getanzt in unserem Park am Morgen, und nichts blieb uns fremd von deinem Bein und deinem Hals und den Brüsten — — und ich habe jeden Teil durch die Luft genossen und geliebkost wie ein Irrer . . . . .

und kein Teil deines Körpers, Kerstin, vergaß mich (wenn ich anders sprach, log ich) und jeder hielt an sich, blieb bei mir und besaß mich toll in den Jahren, die sich, während ich uneingedenk deines Schicksals durch viele Leben dahintrieb, geheimnisvoll zwischen dein Leben damals und dein heut verhülltes Leben spannen, meine Freundin.“

Sie stand auf.

Die zwei dänischen Doggen gehen vor ihr her.

Ich folge. Ihrem Rücken nach. Ein Fischer, Kerstin, hat mich einer Frau mit weißen Beinen aufgeladen, hielt mit der einen Hand ihren Hals, mit der andern die Knie. Ich wurde in einem Boot gemacht. Flog mit Störchen, blies Frösche auf, vergaß nie, daß der schlagende Horizont einziger Freund.

Kam, als das Geheimnis der aufgebauten Körper mir noch Erlebnis schien, wert nachzuspüren dem göttlichen Zusammenhang Eileiter, Sonne, Hoden, Niere und Leidenschaft, mit der Syphilisexpedition, mit Reagenzen, Spiritusblasen, Zeichnungen, Wassermann, Abnormitäten, nach Sumatra. Ätiopinnen liebten mich, wenn wir auf den Schilfbarken fuhren. Tja—ka . . i lärmten die Papageitaucher hinter Trontje.

Mein blondes Haar band die schmale Luxemburgerin im September vor ihrer großen Heirat um ihre Zehen. Habe an Häfen gelungert, war Photomodell, Araber im Sketsch des Odéon, verkaufte Zeitungen vor der Opéra und quer über die Boulevards. Wie groß war der Sandwind selbst der Passy-Kloaken!

Wie stählern flog der Himmel auffeuernd hinter dem Rußschwanz der Seineschlepper. Ich habe Tierschmalz in den Knochen. Wohne in einem Bauernhaus, Kerstin, das in der Sonne schaukelt auf einem Bergpfeil. Mit dem Pfiff auf zwei Fingern hole ich den Himmel runter wie einen Hund.

Was soll mir hier um dich der Plunder?

Sag, Antilope, blaugelber Ara, Perlreiher, kleinpupilliger Puma, zahmer Südleopard . . . . . was soll mein Blut mit dem Angehäuften, Verfaulten, hinfälligen Zauber, der dich verkapselt, und den, eh die fremden Hände in diesem Haus ihn um dich zogen wie einen Keuschheitsgürtel um deine Schenkel und Augen, Jahrhunderte nur blutlos häuften, verehrten, bewunderten, um allein dich abzuschnüren von mir, von dir. Niemand kann lachen in dieser Feierlichkeit hier. Doggen erfrieren und gähnen. Mir ist im Hals, als äße ich Waldkirschen, Galläpfel, Holzbirnen.

Der Römer aus Bronze glänzt ab auf deinem Rücken. Die sieben Knaben Donatellos werfen den Marmor auf dich und verkühlen dich zu Ferne. Die frechen, schmalen Stiele der Orchideen überwuchern dich mit solcher Geilheit, daß sie der Köstlichkeit des Halses noch verzaubertere Linien hinzufügen.

Und die Luft der Gobelins, gebogener Kassetten, der geschlechtlosen Figuren des marmornen Klassizisten Hildebrandt . . . . saugen dich auf in ein Maß der Entzogenheit, daß selbst der weiche Staub des Wassernebels vor dir zurückfüllt.

Was geschieht, bezaubert, besitzt dich so stark, daß selbst die sechs Sekunden, die ich dir über die Veranda langsam folge, dich, um die unsere Statuetten gierig glühten am See, Schmetterlinge und Tücher brannten, Sträuche wie Wind wehten, daß selbst die sechs Sekunden dich verhüllen und vermoosen und hineintauchen in dies deinem Wesen Un-Nahe, Verhaßte, langsam Entfremdende? — — —

Sie bleibt stehen.

Ich schaue auf.

Die Brust des Schlosses stürzt vor meinem Blick mit einer Glaswelle über den Abgrund.

Da steigt und bäumt das Gebirge draußen auf hinter dem Glassturz, flammt im Saublut des Mittag, steigt und brüllt und saust und sinkt hinter die glitzernde Scheibe wie eine geblasene Spiegelung.

Eine Sekunde schwebt auf den Wagbalken.

Welches ist die Welt, die eigentlich mich explodierende, aufschwingende: draußen das? Hier? Ist draußen das ein Phantom, was ich liebe zum Verrücktsein, die Brust der Alpen, an denen selbst die Schweine gut wurden, das Hochkar, das gleich machte, das Menschliche aufschälte wie eine Orange, Lawinen, dressierte Sturmflocken, die Mutterbrüste der Schneehimmel, an denen wir hingen, an ihrem fahlen Zinnglanz schmatzend, saufend, mit vollen Mäulern? Ist das nichts, nicht ein Winterinhalt, ein Leben? Verzuckt es hinter dem Glas? Hält nicht stand dem Leben hier drinnen, dem wilden Geruch aus dem Jahrhundert, der Gebärde schrankenlos aufsteigenden Daseins, verwirrenden Gobelinsprüchen, Waffen, dem Bauch des Michelangelos Tritonen? Wird es schon Blase. Zerplatzt, abgenutzt, blaß, ein Nichts? Blähung, die mir ins Gesicht fährt? Spiegelung, die mein Blut betrog. War mein Leben umsonst?

Da dreht Kerstin ihre Hüfte in die bebende Sekunde mit einer Bewegung der Achsel, wie, mit Kristianiaschwung brausend, sie gestern bremste, als neben mir, in Hosen die schönste Statue, sie in den flamingonen Abend mit mir vom Gletscher schoß. Die Wagzunge bebt.

Die Wage schwankt, geht hoch.

Ich sehe endlich ihr wahres Gesicht, ihr Gesicht.

Mit leidenschaftlicher Durchdringung durchsüßen die Bogen der Schneefelder, wie herübergeschienen, ihre Haare, die Brauen. Sie spiegeln sich ineinander in tiefem Hingegebensein, bis sie, sich vertauschend, vergehen.

Es war, als mische in einer unlösbaren Sekunde die Landschaft und das Weib sich, die wir beide nur durcheinander ganz zusammen und vereinigt unendlich lieben und erfassen können bis zum Tode, auf ihrem Gesicht zu einer Vollendung, in der die Glut keines Sommers, das Zucken keiner Umarmung, nicht die Ausschweifung der Mondnacht, keine Gefahr, Demut und Riskieren, und die blutige Wut keines Eistages fehlte.

Wie strudeln die Weidenbäume märzlich herein! Suchen Schneeflammen sich an dir zu zerstören. Tost der Kessel vom Signal des Bobs und erschüttert der Himmel sich mit Süße!

Die Wagschale saust in die Höhe. Dein wahrer Kopf kommt herauf. Ich sprenge die Zeit von deinem Mund, deinem Auge. Breche es auf bis ins Blut. Dein Gesicht kommt herauf. Ist da. Ist da. Ich sehe jede Spur deines Körpers, wie an dem Tag, da du tanztest.

Zwei Tage werde ich dein von innen mir zugewandtes Gesicht sehen wie den segelnden Mond. Ich will dir den Abgesang bereiten, meine Freundin.

Du wirst die schönste sein auf dem Wege von der Geliebten zu der Kameradin, und das Geheimnis wird sich in dir bestätigen von der späten Freundschaft mit den Frauen, an deren Brust wir von der Pilgerfahrt wie an der Mondflamme uns golden ausgeruht.

Dein Schritt wird als ein Echo irgendwo lauschend stehen. Aus jedem Spiegel wird unserem eigenen dein tragischer Stolz entgegenschnellen und verschwimmen. In großer Brandung wird dein Gedanke mich treffen.

Selbst unsere seltene Ruhe wird durch dich schwebender und gleich einer Ballonfahrtschleife, deren Klarheit die Geräusche des Bodens in der Ahnung nur steigert, aufglänzt, hebt.

Jedermann weiß, was das Summen einer Goldfliege an Ungeheurem ist in einer Sommerkuppel. So warst du.

Als du kamst, sangen die Hunde dir zu in ihren Träumen. Die Sarabande der Sturzbäche machte eine silberne Wolke hinter dir, und dein jungfräuliches Herz verlangte nichts andres, als guten Saft deines Lebens meinem Eindringen entgegenzutreiben.

Und siehe:

Dennoch . . . . . bringst du Unheil über mich und alles, was ich tue.

Schon im Sommer barst der Riemen, verlor ich die Wette, kenterten wir beim Halsen, mißlang eine Arbeit von drei Jahren. Heute nacht sprang meine Uhr, raste ein Wecker, kam ein Todtelegramm. So vieles schon treiben die wenigen Stunden herauf, seit ich deinen Geruch wieder spüre. Wird morgen der Sprung vom Skihügel meine Knochen zerknacken, wird mein Schlaf mir entzogen, erkrankt meine Niere, wird der Geliebte der Midussi, weil sie noch bleibt, der Locke inmitten ihrer Stirne halber, am Bahnhof mit dem Revolver mir auflauern, mich erschießen?

Dann bist du entfernt, und die Geschicke knallen aus den Federn.

Aber ich lache.

Siehe den Sinn herauf der Kraft und weiche nicht eine Minute. Gerne hielte ich, verzaubert von solchem Schicksal-Gegner, die Hand in deinem schönen Fleisch, entzückte Parade, und mein trommelndes Herz wäre jede Sekunde bereit, durch die Tranches, die Fahnen, Tanks und die Marne des Schicksals hindurch sich zu schlagen. Denn siehe: ich kann nicht leben, wenn nicht mein Ehrgeiz Flamme speit gegen Widerstände, Schicksale abdonnert, sich riskiert — und der Condottieri meiner Adern aufbricht, steigt, strömt vor Stolz.

Aber du.

Du hast deine Schönheit in wechselndem Spiele ausgeliehen an die Dinge, die um dich sind. Es liebt dich jeder Baum, jede Wiese und jeder Himmel. Zu festes Halten ist Tod aber für die großen Liebenden. Deine blumenhafte Zartheit abzulenken vom sanften Gleiten deiner fatalen glückhaften Bewegung in die anderen Zustände deines Verweilens, zerstörte nur deine kostbare Form. Es heißt zurückgeben dich an das Viele, dem du gehörst, Entzogene den Leberblumen, dem Kiesweg, dem Hochkar, den Matten des Forellentals und Weidentroddeln der Bäche, den Dörfern, Gehöften. Sie lieben dich alle, warten in Sehnsucht. Ich kann sie nicht ersetzen, nicht immer um dich sein, dich nicht mit tausend Vertauschungen sehnsüchtig halten.

Wie sollte ich leben?

Nur auf der Höhe der weit und wie Pfauenräder verwirrend geschwungenen Gefühle uns begegnen, durchdringen und kulminierend besitzen — — wie schön unser Schicksal.

Du wirst nicht weinen.

Der Abendgesang der Berge ist wie Glas. Regenbogen des Mondes spielen darauf. Die Schweife der Pferde sirren dir nach: Geliebtes.

Selbst Lil Pax wird in den guten Stunden ihrer Krankheit beten, daß du sanft durch den Abschied entgleitest und gut es hast, bis idiotische Schaffner den Morgen aufgellen: Fiume . . . Buccari . . . Czirqueniza . . . und milde See dein florentinisches Lächeln spiegelnd tragen.

Die Leidenschaften haben sich erfüllt. Selbst die Trennung ist da eine heitere Bewegung. Man muß zu leben wissen und sich einrichten. Man trägt den Kopf nicht zwischen den Schultern nach hinten. Hinter Gewesenem seufzen? Die Sentimentalen haben nie eine Frucht aus der Leidenschaft gezogen. Daß etwas so war, ist eine Herrlichkeit. Schied es in Harmonie, welch ein Besitz!

Als ich mit Lil Pax am Abend um den See fuhr, hatte Uga, die Bronzenymphe des Grundes, ihre Lage verlassen und es schien, daß sie sich mit Bauch und Gesicht ein wenig gegen den Wagen hin unter der grassilbernen Oberfläche bewege.

Das Grün kam aus der Tiefe um ihre Glieder mit einer Stille herauf, daß dieser wundervollen Bewegung nur der Mond noch jene gewisse Starre hinzuzufügen vermochte, mit der er riesenhaft die Fahne der Schneefelder entrollte.

Der Mund neben mir lächelte voll Zurückhaltung.

Es gab nichts mehr in der Dämmerung als die selbstverständliche Bewegung der Nymphe. Um Baum und Eis und Pferde schwankte ihre Erinnerung. Dem Lauf der mondmagischen Berge gab sie das Maß ihrer Gegenwart. Wir fuhren durch die Fichten wie durch ein Spalier dieser Anmut, wenn sie sich in dem Reif bewegten.

„Kann man“, sage ich, „jetzt noch den Mut finden zu glauben — und sei es nur der Sportlichkeit der Vergleichung halber — daß eine unter der Masse jüdischer Rodlerinnen, Danziger Offiziersfrauen, der Filmerinnen, bebuster Antiquariatsweiber, württembergischer Reichsgräfinnen, der Pilules-Orientales-Breeches, der Dichterinnen, der A. E. G.-Direktricen . . . . . daß eine nur vermöchte, dieser göttlichen Bewegung sich anzugleichen und auch nur annähernd dieser Überlegenheit nahezukommen . . . .

daß eine vermöchte, zwischen dem zarten Rosa der hochgeschwungenen Wade und den breiten dunklen Schenkeln, Kniescheiben von dieser Kleine und Rundung zu wiegen und die stählerne Wucht der Jägerin auf so verengten Hüften zu heben, daß Kerstin selbst diese Linien der Göttin nur in ihren besten Stunden ertrüge . . . . . .

daß zwischen hirnlosen gelben Husaren im Schlitten solch unirdische Geste irgendwo hier aufzustehen vermöchte, und daß unter der Verbrämung der Pelze der Blick einer solcher Anmut gleichkommenden Frau den Horizont absuchen könne bei den idiotischen Foxtrottphrasen der bayrischen Flachstirnen . . . . . .

daß am Tisch in der Nase bohrender Tanzdivisionäre, korsettierter Hochstapler, kastrierter Erlauchte, gemalter Perlenweiber eine so gestaltete Frau die Angst der rasenden Großkapitalisten umschwirre . . . . .

daß sie eintrete in von jüdischem Kommerzienrat mit dunkelbrauner Glatze und schlechten Knickerbokkers ihr geöffneten ausgehaltenen Appartements . . . . . .

daß vielleicht auf dem Eliteball der geflüchteten Aristokratie sie heimlich ihren Fächer trüge, und, in weißen Handschuhen und Hofballpantomime in schäbigem Restaurant die verfallene Zeit in den kleinsten Symbolen aus Trotz betonend, vor Spartakiden jede Minute erzitternd, zwischen schlecht geratenen fürstlichen Kuriositäten und vermiesten Exzellenzen in steifen Tänzen stünde . . . . . . und vielleicht sogar in einer unheilvollen Sekunde dem fehlenden Kinn und der Grande-Bouche-Chevalerie des hohenzollernschen Reichspinguins entsetzlich verfiele . . . . . .

und daß in der plötzlich ausgelöschten und ohne diese Erinnerung freudlos gewordenen Schneesteppe überhaupt irgendwo, daß in Hotels, auf Bobs, bei Sonnenaufgängen, in gescheiterten Schlitten, bei Skistarts sich die grenzenlose Überraschung solch göttlichen Lächelns zu entfalten vermöchte, an dessen Entzündung die Leidenschaften erst sich zu entwickeln vermöchten in die märchenhafte Höhe . . . . . . — — —

Aber alles in mir wird nun trotzdem die entsetzliche Bemühung antreten, dennoch ein lebendes Ebenbild zu finden, das, ebenso erlesen und dieser Gebärde an Schönheit vergleichbar, der frauenhaften Adligkeit Kerstins auch noch das Unbegreifliche der Göttin hinzufügte. Suchen wir. Es gibt keine Phantasien.“

Aber es kam scharf aus den Pelzen, die einer Wolke gleich über dem Wagenbord flauschten:

sie vermöge in Wunsch und Absicht dieses Planes schon nichts anderes zu sehen als jene maßlose Überhebung unserer Rasse, die, ohne Übergang der Kulturen, das Herrliche sofort für sich requiriere . . . . . und die wir glaubten, pathologische Athleten, neben der Dummheit den Mut der Stiere als Erbschaft tragend, auch das Gezüchtetste und Überirdische neige ohne Bemühung schon sich unsrer Ungestalt als natürliche Beute . . . . . .

und daß das kindische Haschen (und nicht begehrenlos Ertragenkönnen) nach der göttlichen Spiegelung mit seiner rohen und nur auf Gewalt gestellten Äußerung in seiner naiven Zufriedenheit schon jener unendlichen Rührung nahekomme, mit der der Glaube unsres Volkes, Gott habe vor anderen es auserwählt zur Herrlichkeit (obwohl er es mehr wie irgendein anderes als Sklaven gestempelt und täglich vor die Tiere warf) seine schwarz-weiß-roten Patrioten als so besonders arme Akkoucheure des Glückes erscheinen lasse . . . . . .

und daß schließlich doch nur Besessene und Wilde das Unmögliche nicht zurückschrecke, die wir auch nach der tragischen Lächerlichkeit unserer Revolten seit der Reformation bis zu den Bolschewiken das Bittre unserer menschlichen Unvollkommenheit immer noch nicht als Verworfenes erkennten . . . . . und unserer Rasse tiefste Mischung von Roheit und Sentimentalität auch in den überlegensten Minuten nicht verleugneten . . . . .: Barbaren der Sehnsucht. — — —

Wieder überflog ihr Auge und den Mund der Charme, der an ihr Leben bedingungslos band, und der auch in der Anklage dem Gezüchtigten Bewunderung nicht entzog: „Immer“, klagte sie, „sind die erstaunlichen Vögel seewärts gezogen und ins Meer gestürzt. Man kann sie nicht hindern.“

Ich wende mich den Pferden zu vor Lachen.

In ihre Kosakenpupillen ist plötzlich das Grün getreten. Auf dem Bach zur Linken flimmert es in Kreiseln. Der Hohlspiegel der Gletscher wirft es mit Scheinwerfern herauf über die Schneeprärien. Die Erinnerung der Nymphe ist aus dem Spalier der bereiften Bäume heraus bis vor den Himmel gedrungen. Alle Entgegenkommenden haben Seefarbe über den Brauen. — — —

Da liegt nun das Leben zum Suchen. Die Leidenschaften sind in die größte Spannung getreten. Man sollte das Unvergleichliche nie erblicken. Man tötet sich aus Sehnsucht.

Wann hat das Göttliche je sich heruntergeneigt?

Ich finde es trotzdem.

Das Glück ist eine Hure für junge Leute und bereit für die zwischen Zwanzig und Dreißig den Traum einer Taille zu bestätigen.

Uga!

Ich finde deine Bewegung wieder, mit der du das Wasser deines Sees ein wenig erregtest und ich zittre, du seist es selber, so sehr hat die Frau, die auf Skiern nun steht und gegen das Gebiß der Gebirgszüge hineinschwebt, deine Kraft und deine Kühnheit. Sie hat die Hände in den Taschen und fährt mit karierten Breeches, die die Bluse wie einen Kelch heben. Man muß sie auf Skiern erreichen. Es ist eine wahrhaftige Jagd.

Uga!

Ich hole sie ein. Es ist unmöglich ihr einen anderen Namen zu geben. Ihre Haltung hat nur etwas Durchbebteres wie von einer Gazelle in den Hüften und von einem Schwan etwas Kühle um die Schultern. Sie erstaunt. Sie stellt sich. Ich sehe ihre Hände, ihr Gesicht. Selbst der Unmut ihrer Braue hat eine Richtung, als vermöge er sich aufzulösen und wegzuschwinden mit ihr in andere Gegenwart. Ich wische mit leisen Worten ihn weg.

Wir fahren zugleich ab, ich lasse ihr jeden Vorsprung, bemühe mich, daß sie auf mich, die Gewandtere, wartet. Aber auch ihr stolzes Lächeln hat keine festere Begründung als ihr Zürnen. Kein Horizont hinter ihr. Wenn ich ihr Leben weiß, bin ich soweit wie am Anfang. Um dies Lächeln zu sehen, tausche ich die Qual es nicht ertragen zu können? Welches Scheitern!

Mit großen Schwüngen nehme ich die Führung plötzlich.

Göttinnen lieben zu entgleiten. Aber sie gleiten mit Skiern nicht den Berg hinauf. Sie folgt geschlagen ins Tal. Eine Woche bleibt vor uns: bebauen wir unseren Garten! Ball, Pferde, Schlitten, Spieltisch, Bobs, Skijöring, Musik hinein in die Woche. Heran nun Tag auf Tag!

Wir nähern am dritten Tag uns dem Kloster. Dem Wagen tritt in Parade Stück auf Stück der Landschaft entgegen. Der Kamelberg mit dem Tagmond schmal gezeichnet kniet vor das Tal. Die Madonna sieht, mit der großen Zehe den Zeiger der Sonnenuhr weisend, herüber zu Uga.

Sie zeigt das Raubtiergebiß, das Lachen der jagenden Diana.

Wir nähern uns dem Kloster.

Gold, blau und zärtlich im Weiß summt die barockene Kuppel in das fließende Hell, im Schweben von dem Aufstieg des Korbinian, Katharinas, Benedikts, Sebastians und der Heiligen Familie begleitet.

In der schwelgerischen Bläue steht die lateinische Stimme des Präzeptors rund und hoch, eine Lobpreisung.

Der Chor der Pagen, die ciceronische Perioden reiten, geht im Kreis in sanfter Herde die welligen Raine hinauf über die Zacken bis ins Licht.

Selbst die Gäule haben die Stille erfahren und traben an der Bergschlucht zum Brunnen mit einer Übereinstimmung der Hufe, als liefen sie in den St. Leonhardstag, an dessen Dämmerung die Pferde eintreten in ihre eigne lange und einsame Prozessuale.

Aber wo die bayrischen Aristokraten mit Flüchen auf die Revolten, falschen Pässen und in Mönchssoutanen durch den Hohlweg nach Österreich flohen, haben die Fahnen der Weidenbäume über dem Schnee sich so gesenkt, daß das seidene Rot von Ugas Mantel plötzlich von gelben blühenden Fransen umweht liegt, und selbst der Duft der Seidelbaste heruntersteigt und sich mischt in die Huldigung, die der frühe Frühling mit Himmelschlüsseln und Krokus um sie entfacht.

Selbst die Nässe, die vom Humus den Geruch des Frühjahrs zu der Bewegung der springenden Knospen hinaufträgt, scheint sich an ihr mit allen Düften, von denen die Luft sich schüttelt, zu entzünden, und jedes Element und jedes Ding scheint bereit sie an sich anzugleichen.

Wenn sie kein Fohlen wäre im Mutwillen ihrer Gelenke, in jedem Traumzustand der Wünsche würde sie als Forelle mit mir schwimmen in allen Bächen, die Abfahrt der Hügelfläche zum Haus Chrystophorus mit mir fliegen als mein Hikory, als mein Motor jubelnd mit mir schweifen über die Pässe. Welch sichere Gegenwart! Und würde nicht, der ungewissen schattenhaften Wildheit eines Tieres gleich, das mein Gefährt nur wie auf Sekunden begleitet, erst durch die scheue Berührung ihres Blickes die Sicherheit eines Lebens und einer glühenderen Gegenwart mir geben, deren Kühnheit mich erst völlig in den Rausch des Tages hinein begeistert:

O ein Holzhacker sein zwischen der Chaussee und dem Wildbach! Briefträger zwischen den Leberblumen und Gletschern! Biene über den Kätzchen! Pferd nach dem Bergsee! Die rote Weste des Postillons, der die Kurven zum Pisaner Gnadenbild fährt, vor dessen elfenbeinerner Schönheit die Bauernmönche des Klosters täglich erschrecken.

Da spüre ich den Druck ihres Knies.

Von nun ab hat sich der Atem des Tages um sie zu einer Süße erhoben, um die nun alles ohne Abwehr kreist und fliegt.

Und während wir, in den Schleifen der Straße hängend, herauf und herab uns bewegen an der Seite des Gebirgs zum Tal, sehen wir, wie die Eisberge spielerisch sich neigen und heben und, sausend auf der Schaukel der Seligkeit gewiegt, aus dem Fasanrot der Ebene sich hineinbegeben in den gleichen Takt.

Mit gewechselten Pferden geht’s in den Abend weiter. Fünf Fackelwagen liegen über uns in der Spirale. Die Feuerscheine huschen flackernd über Ugas Gesicht, ich sehe sie nicht deutlich.

Ich kann jedoch, mit klopfendem Herzen die Pferde nicht in den Umwegkreis zum See verleiten, wo durch die Konfrontierung mit der bronzenen Schwester ich den Zweifel, sie sei es selber, verlieren müßte, und, spiegelnd, das schöne Bild sich vollzogen hätte:

daß der kühnen Bewegung der über das Grün des Wassers gebeugten Diana das schwermütige und wilde Lächeln der Nymphe vom Grund herauf entgegengetaucht wäre in einer beispiellosen Vollendung.

Doch unter dem Eindruck ihres lautlos geöffneten Mundes, wie vom Feuer aufgesprengt, heben die Gäule die Hufe und die weißen Bäuche senkrecht auf und biegen gegen die Kandare herum in den Lauf der anderen Wagen ein, den beschwerlicheren Weg mit hingebender Geduld hartnäckig wählend, den Terrassen zu, um über dem eisern und grau vor das Bergmassiv genieteten See den Morgen mit der Brandlawine zu erwarten.

Als das Bankett uns dann trennte, hatte die schöne gipsern geweißte Frau des Amerikaners neben mir nicht so viel Fähigkeit mich abzulenken, daß mir auch keine Zuckung an Ugas Arm unter dem Ärmel entging.

Meine Vermutung weiß, ohne daß ich es sehe, vom Ansatz der Knöchel aus deutlich, wie braun sie ist bis in die verschwiegensten Falten der Übergänge des Leibes, und die Haut, die föhnig den Körper überfliegt, hat nur die eine prächtige Stauung, wo sie den dunklen Hügel der Brust heraussprengt.

An ihren Beinen sieht selbst der nur nach schlanken Jünglingen hingewandte Flieger Sofias, daß, mit solch verschlungen gestählten Sehnen, sie, auf einer Kugel stehend, Tage verbringt, im Gras über Hügel und Raine hinspielend. Denn die erlesenen Muskeln, die groß und gedehnt geworden sind im Streifen durch die Sonnenkringel der Buchwälder und des Jagdparks, gehen in der Verwegenheit der Spannung so weit, als sei jeder ein junges Tier.

Aber mein Herz erhebt sich nicht. Von dumpfem und angstvollem Pochen gefüllt hält es an. Denn wenn das Lächeln ihr Profil erhellt, fällt sie so sehr über die anderen weg in eine Sphäre, die mich erbleicht, daß auch das weiße Glänzen ihrer spitzen Zähne nicht die heiße Furcht zu bannen vermag, daß unter den Kanten des Tischs ihr Leib in einer kristallenen Flosse sich manchmal vollende.

Ich sehe, die Nacht steigt herab. Der Mond hat im Zenith den Schnee blau geflaumt. Ich sehe das Kap des Bergmassivs immer wieder, wenn der Schlitten, der mit den anderen im Kreis jagt, es umbiegt. Mit tragischer Maske hält das Gletschergesicht sich monden verhüllt. Dunkel brüllt unter dem Hufschlag das Wasser gegen das Eis. Ich sehe noch durch den Traum des Jagens die Männer mit Dolchen und Lampions rufend auf die Leitpferde springen. Da beginnen die Blaumeisen aus dem Frühlingswald im Tal unsichtbar die Frühhelle süß zu durchsingen. Ich hole den Wagen Ugas ein, es fällt mir von den Augen: weg die Betäubung, welche Klarheit!

Die Sonne zuckt eine Minute, dann schwillt sie vor riesenhafter Bewegung. Als sie den Gipfel des Gletschers erreicht, verrauscht das Seidene der Luft. Der Himmel zerbricht, die Lawine gleitet, welche flötenhafte zerbrechende Musik!

Ich sehe Ugas Auge zittern. Ich habe Verachtung plötzlich auf meine Unsicherheit um das Verflüchtigende ihres Wesens. Ich durchdringe ihr Auge, während die Brandlawine märzgroß im Donner herankommt. Als die Felsen sich bewegen, hat sich das Dunkel ihrer Pupille geweitet. Wie ich eindringe, sicher, morgenlich, schön umsungen aus nun erhellten Frühlingswäldern, das bis zum Weinen verengte Herz von den Vögeln golden erhoben, weiß ich eine Sekunde lang sicher, daß ich sie nie mehr, die Flüchtende, verfolge, sondern daß ihr Lauf immer mir entgegen sein wird, und daß eine andre mit achatnen Augen den See bewohne.

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