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Frau Pauline Brater

Zweiter Teil Gattin und Mutter (continued 3)

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Nach einigen Wochen erhielten die Geprüften ihre Zeugnisse, und zwar hatte unseres Wissens jede der Beteiligten die Note I bekommen. Damals galt es noch, die Mädchen zu ermutigen, daß sie von der neuen Einrichtung Gebrauch machten, nicht sie zu sichten und zu sieben, um sich vor der Überzahl zu schützen.

Ein Brief von Frau Brater an Lina Rohmer läßt einen Einblick tun in ihr damaliges Münchner Leben: ».... Ich wollte Dir nur noch sagen, daß ich trotz der Massen von Bekannten und lieben Freunden doch niemand habe, der meine Anliegen so mit mir teilen und tragen könnte wie Du (d. h. ich sehe ab von meiner Schwägerin, die mir wie eine Schwester ist). Die Menschen sind im Durchschnitt sehr egoistisch und ganz von ihren eigenen Angelegenheiten durchdrungen und manche, die eine Ausnahme machen, haben nicht so das Verständnis für andere. So bin ich hier die Vertraute und Ratgeberin für manche Freundinnen, weil ich selbst schon manches Schwere durchgemacht habe und mich in die Lage der andern versetzen kann, aber was mich auf dem Herzen drückt, das kommt da nie zur Sprache, ich dränge mich nicht auf und fühle mich viel wohler dabei, das, was mein Innerstes bewegt, nur wenigen mitzuteilen. So kommt es nun, daß mich das vielbewegte Leben in München ganz kalt läßt, denn Du weißt ja, wie ich ganz von meinem Mann und Kindern abhänge und nur in ihnen meine Freude habe und kannst Dir somit auch denken, daß mir eine Sorge um sie so nahe geht, daß ich nicht leicht davon sprechen kann. So ist mir meines Mannes Befinden ein steter Kummer, denn wir können uns nicht verhehlen, daß es von Jahr zu Jahr etwas schlimmer wird und zwar in einer Weise, die eben recht peinlich ist; die Atmungsbeschwerden sind recht lästig, es ist ihm jetzt schon eine Treppe eine Schwierigkeit, natürlich entbehrt er unter solchen Umständen alle Körperbewegung und das ist auch nicht gut und so ist er eben in allen Dingen ein Leidender und als Leidender zu pflegen und ohne Hoffnung für die Zukunft, an die wir uns aller Gedanken entschlagen müssen. Du darfst indessen nicht denken, daß es gerade in diesem Augenblick nicht gut gehe, im Gegenteil, mein Mann arbeitet sehr viel, ohne Nachteil, und ist heiter, ja seine gleichmäßige Stimmung und freundliche Teilnahme für alles und alles, was die Seinen angeht, ist mir oft auffallend und ich denke mir oft: am Ende nimmt er sich nur unserthalben so zusammen, damit nicht auch wir darunter leiden sollen, und am Ende leitet ihn auch manchmal der Gedanke, daß man sich Liebes und Gutes erzeigen soll, weil man nicht weiß, wie lange Zeit einem noch dazu vergönnt ist. So leben wir in unserem Hause friedlich und glücklich, die beiden Mädchen ahnungslos und voller Lebenslust und Freude; wer uns oft zusammen lachen und schwätzen hörte, der würde nicht glauben, wie oft ich dagegen im stillen weine; oft mache ich mir auch Vorwürfe über meine Traurigkeit, denn jetzt steht ja noch alles gut, aber das hilft nichts, daß mein Mann krank ist, fühle ich zu jeder Stunde.«

Der Herbst 1869 führte die Familie wieder vorübergehend nach Erlangen und die beiden Töchter blieben auch dort zurück, als der Landtag einberufen wurde, über dessen Dauer man erst näheres erfahren mußte, um zu bestimmen, ob es sich lohne, die eigenen Möbel mitzubringen. Während nun die Mädchen in Erlangen auf nähere Weisung wartend einige Wochen dort blieben, spielten sich in München eigentümliche Landtagssitzungen ab; die neue Kammer konnte sich nicht einigen über die Präsidentenwahl, es ergab sich die gleiche Stimmenzahl für den einen Vorgeschlagenen wie für den andern. Brater, unfähig zu Fuß zu gehen, fuhr täglich ins Ständehaus, wo er mühsam Atem holend die Treppe hinaufstieg, um bei der Präsidentenwahl seine Stimme abzugeben und dann sofort wieder heimzukommen mit der Nachricht: Gleiche Stimmenzahl. So wiederholte sich der Vorgang dreimal, worauf die Kammer als beschlußunfähig aufgelöst und die Neuwahl angeordnet wurde. Die Kinder in Erlangen verfolgten diesen Hergang mit persönlichem Interesse. Ein freundliches Briefchen des Vaters vom 9. Oktober sagte ihnen, sie sollten die verlängerte Wartezeit benützen, um ein Kissen auf der Mutter Stuhl anzufertigen, zum Schmuck der eben gemieteten einfachen Wohnung in der Barerstraße. Zehn Tage später kam ihnen ein Telegramm der Mutter zu, das sie sofort nach München berief, da sich des Vaters Zustand verschlimmert habe. Unverzüglich reisten die Kinder ab, kamen in später Abendstunde an, und noch ehe der Morgen des 20. Oktober anbrach, hatten sie den Vater verloren.

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