Erster Teil Mädchenjahre
Reading edition
I. 1827–1835
Ein Familienereignis ersten Ranges war es nicht, als am 27. August 1827 dem Professor der Mathematik in Erlangen Wilhelm Pfaff von seiner Ehefrau Luise, verwitwete Kraz, ein Töchterlein geboren wurde. Waren doch schon Kinder in stattlicher Zahl vorhanden! Gab es doch schon:
Aurora,
Heinrich,
Luise,
Siegfried,
Hans,
Colomann,
Friedrich;
vielleicht wären die Eltern auch mit diesen sieben zufrieden gewesen, die Leben und Bewegung genug in das Haus brachten, während nicht übergenug vorhanden war von dem, was zur Erhaltung solchen Lebens nötig ist. Da nun dies kleine Wesen von niemandem begehrt war, so mag es wohl von der ersten Stunde seines Erscheinens an die Richtung mit bekommen haben, die es Zeit seines Lebens einhielt: sich nicht für etwas Hervorragendes zu halten und es als ein unverdientes Glück zu empfinden, wenn ihm im Laufe des Lebens einmal mehr als das Nötige zuteil wurde.
Ob ersehnt oder nicht, das achte Kind lag in der Wiege und die Familie nahm freundlich Stellung zu ihm. Man mußte freilich eng zusammenrücken, damit der Platz reichte in der beschränkten Wohnung. Vielleicht war es eben in dieser Zeit, da der Vater, der nicht nur als Professor der Mathematik und Astronomie wirkte, sondern auch eifrig das Studium des Sanskrit betrieb, eine originelle Einrichtung traf, um trotz der lärmenden Kinderschar an seinem Schreibtisch ungestört arbeiten zu können. Ein eigenes Studierzimmer konnte er sich bei den beschränkten Geldverhältnissen nicht gönnen. So zog er denn in dem großen gemeinsamen Zimmer einen festen Kreidestrich um seinen Arbeitstisch und diese Ecke durfte keines der Kinder betreten. Mochten sie im übrigen Teil des Zimmers herumtoben wie sie wollten, das störte den Gelehrten nicht in seiner Arbeit und er ließ sie gutmütig gewähren. Betrat aber einer der Jungen unbedacht des Vaters Reservat, so war ein derber Schlag die sichere Folge dieses Übertritts in das verbotene Gebiet.
Als sein achtes Kind zur Welt kam, war Professor Pfaff mit dem Dichter und damaligen Professor Friedrich Rückert an einer gemeinsamen Arbeit, an der Übertragung der indischen Dichtung Nal und Damajanti ins Deutsche. Da nun Rückert ebenso sparsam wie Pfaff war – hatte sich doch einer der beiden Professoren von dem andern das Sanskritlexikon abgeschrieben, um es nicht kaufen zu müssen – so behalfen sich auch die beiden Gelehrten mit einem Exemplar dieser Dichtung und täglich wanderte das Buch über die Straße hinüber und herüber. Den Kindern der beiden Häuser, die die Boten machen mußten, waren Nal und Damajanti vertraute Namen, lange bevor sie dem deutschen Volk bekannt wurden. Weil nun Pfaffs Jüngste auf die Welt kam, während ihres Vaters Gedanken auf Damajanti gerichtet waren, so erhielt das Kind den Namen Damajanti, den der Pfarrer nicht ohne Bedenken in das Kirchenbuch eintrug, doch wurde ihr zum täglichen Gebrauch neben diesem poetischen noch der gut bürgerliche Name Pauline beigelegt.
Die sieben Geschwister, in deren Kreis die kleine Pauline eintrat, waren aus drei Ehen zusammengekommen, denn sowohl Pfaff als seine Frau Luise geb. Plank waren vor dieser Ehe schon verheiratet gewesen.
Sie beide stammten aus Württemberg, hatten sich dort schon als junge Leute gekannt und im stillen geliebt, aber es kam zwischen ihnen nicht zur Aussprache, denn der junge Mann strebte zunächst noch in die Ferne. Er folgte einem Ruf als Professor der Astronomie nach Rußland an die neu gegründete Universität Dorpat und wurde dort zum Direktor der Sternwarte und zum russischen Hofrat ernannt. In dieser neuen Heimat gründete er seinen Hausstand, indem er sich mit einer livländischen Adeligen, Fräulein von Patkul, verheiratete. Zwei Kinder entsprossen dieser Ehe, doch ist nur eines derselben, Aurora am Leben geblieben. Die Sehnsucht nach der alten Heimat trieb Pfaff, die glänzende Stellung aufzugeben und mit Frau und Kind nach Deutschland zurückzukehren, wo er auch Anstellung fand, aber bald seine Gattin durch den Tod verlor.
Inzwischen hatte auch seine Jugendliebe, Luise Plank, sich verheiratet und in glücklicher Ehe mit einem jungen Geistlichen, Kraz, in Württemberg gelebt. Aber auch diese Ehe wurde schon nach vier Jahren durch den Tod getrennt; der jungen Witwe blieben zwei Kinder, Heinrich und Luise. So fanden sich nach wohl zehnjähriger Trennung die Verwitweten wieder. Als eine gereifte dreißigjährige Frau trat sie ihm entgegen, gesund an Leib und Seele, voll warmen Gemüts. Die alte Liebe erwachte und führte diesmal zu glücklicher Verbindung. An Geld und Gut brachten die beiden nicht viel mit in die Ehe und es ist bezeichnend für ihre Lebensanschauung, daß Pfaff sich von seiner Luise erbat, sie möchte ihm statt eines Eherings ein hebräisches Lexikon geben. Die Vermählten zogen zunächst nach Würzburg, von wo Pfaff bald einem Ruf an die Universität Erlangen folgend dorthin übersiedelte. Durch diese Ehe kamen die Kinder der livländischen Adeligen und des schwäbischen Geistlichen als Geschwister zusammen.
Die beiden in die Ehe gebrachten Töchter Aurora Pfaff und Luise Kraz lebten in geschwisterlicher Liebe miteinander und waren schon erwachsene Mädchen, als nach vier Brüdern die kleine Pauline zur Welt kam. Die in jungen Jahren verstorbene Schwester Aurora wäre vielleicht längst in der Familie verschollen, wenn nicht ihr poetischer Name und ihr tragisches Geschick sie mit einem gewissen Nimbus umgeben hätten. Als Aurora zu einem schönen Mädchen erblüht war, bewarb sich um ihre Gunst ein junger Mann, der durch den Schein besonderer Frömmigkeit ihre Seele für sich gewann. Vater und Mutter mißtrauten seinem Wesen und waren gegen die Verbindung. Aber in sanfter, beharrlicher Weise hielt Aurora an dem Geliebten fest und beeinflußte endlich die Eltern, die keine Tatsachen gegen ihn vorbringen konnten, sondern bloß eine Antipathie empfanden, dem Wunsch der beiden nachzugeben. Einige Tage vor der Hochzeit als die Braut allein mit den Eltern und Geschwistern zusammen war, und der Vater in bewegter Stimmung, da er seine erstgeborene Tochter hergeben sollte, nahm er ein Spiel Karten, um daraus der jungen Braut ihr Schicksal vorauszusagen. Kunstgerecht, nach damaliger Sitte, schlug er die Karten und da fiel auf die ihrige der Pik Bube, die schwarze Unglückskarte. Lachend erklärte er das Spiel für mißlungen, mischte die Karten aufs neue, legte sie nach der Regel des Kartenschlägers und zum zweitenmale kam der Pik Bube auf die Karte der Braut. Diese erblaßte. Dem Vater war es leid. Er wollte den übeln Eindruck verwischen, nahm das Spiel, mischte und gab zum drittenmal und zum drittenmal erschien der Pik Bube. Da warf er heftig das Spiel aus der Hand und verließ das Zimmer.
Den Geschwistern ist der Eindruck dieser unheimlichen Szene durchs Leben geblieben. Aurora erkannte bald nach der Hochzeit den wahren Charakter ihres Mannes, den die Eltern richtig durchschaut hatten. Ihr früher Tod machte schon nach wenigen Jahren der traurigen Ehe ein Ende. Daß der naturwissenschaftlich gebildete, gelehrte Mann sich zum Kartenschlagen verstand, wundert uns heute, aber es lag in der damaligen Zeit, ebenso wie die Sitte, dem Neugeborenen das Horoskop zu stellen, wie es uns Goethe im Eingang von »Dichtung und Wahrheit« erzählt. Auch Pfaff hat um seines Töchterleins Schicksal die Sterne befragt, denn er gab sich ganz speziell mit Astrologie ab, wenn auch mehr vom Standpunkte des Völkerstudiums aus. Leider blieb uns nicht erhalten, was er damals aus den Sternen las. So müssen wir dir selbst das Horoskop stellen, kleine Pauline Damajanti, indem wir die Sterne betrachten, die in deinem Kreis leuchten und die Atmosphäre prüfen, in der du aufwachsen sollst. Dann ahnen wir, wie sich etwa dein Wesen gestalten wird, und wer kann leugnen, daß das Wesen eines Menschen vielfach sein Schicksal beeinflußt, ja oft bestimmt?
Das Oberhaupt der Familie stand im Geburtsjahre der kleinen Tochter mitten im besten Wirken und Schaffen. Ein Zeitgenosse hat ihn uns geschildert als einen Mann von herrlichen Anlagen, von edlen Gedanken und hohem Sinn, mit Begeisterung forschend nach den Geheimnissen der Natur und dem darin waltenden Gott; im Umgang mit der Familie und den Freunden liebevoll und anspruchslos, ein Humorist im besten Sinne des Wortes; im Streben nach dem Wesen oft den äußern Schein allzusehr verschmähend; in mildtätiger Liebe fast zu weit gehend, so daß er von bedürftigen Studierenden oft über Gebühr ausgenützt wurde.
Ähnlich lautet die Schilderung seiner Gattin: Eine originelle, heitere Schwäbin mit köstlichem Humor, voll Herzensgüte und aufopfernder Liebe, von größter persönlicher Anspruchslosigkeit und unermüdlichem Fleiß, auch sie das Äußere geringachtend, Ordnung und Schönheit hintansetzend. Beide beliebt in hohem Maße, denn die Bedenken pedantischer Leute über die originelle Haushaltung und äußere Erscheinung konnten nicht aufkommen gegen das herzgewinnende, erfrischende und dabei so bescheidene Wesen dieses glücklichen und Glück verbreitenden Paares. Man sah es der Frau Hofrätin gerne nach, wenn es ihr einmal vorkam, daß sie in einer Kaffeegesellschaft anstatt des Taschentuchs einen Hemdärmel ihrer Buben aus der Tasche zog, der wohl in den Flickkorb gehörte; man gewöhnte sich daran, daß bei ihren Kleidern nicht jeder Knopf pedantisch in das für ihn bestimmte Knopfloch kam. Wer achtete darauf, während sie so heiter und gemütvoll zu plaudern wußte, wer verstand nicht, daß sie in unermüdlichem Schaffen und Sorgen für ihre große Familie an die äußere Erscheinung wenig denken konnte? Überdies wurde sie auch außerhalb der eigenen Familie vielfach in Anspruch genommen. Sie hatte sich als Tochter eines Arztes manche medizinische Kenntnis erworben, zu der noch ihre reiche Erfahrung als Mutter und eine entschiedene natürliche Begabung kam. Dadurch wurde es in weiten Bekanntenkreisen bei arm und reich der Brauch, zunächst nach Frau Pfaff zu schicken, wenn ein Kind nicht gedeihen wollte oder erkrankte. Sie wußte oft guten Rat und in ihrer großen Herzensgüte fand sie es nur natürlich, wenn sie von allen Seiten in Anspruch genommen wurde.
So waren die Eltern. Darf man dem Kind dieser harmonischen Ehe nicht gute Geistesgaben, edlen Sinn und fröhlichen Humor voraussagen? Und müssen wir nicht andererseits Bedenken haben, ob ihr auch der Blick für die äußere Erscheinung, Ordnungs- und Schönheitssinn nicht ganz abgehen wird? Wir werden ja sehen. Unendlich mannigfaltig sind die Einflüsse, die dem in der Entwicklung stehenden Menschenkinde zuströmen, bald hemmend bald fördernd, was ihm von der Natur eigen ist.
Nächst den Eltern kamen die sieben Geschwister in Betracht, zu denen sich später noch eine kleine Schwester Sophie gesellte, die aber früh verstarb. Am nächsten im Alter standen Pauline ihre vier Brüder, »Friedel, Hans, Co und Fritz«, ihre täglichen Spielkameraden, die Genossen ihrer Jugend, vier prächtige Jungen voll Geist und Leben, treuherzig und wahrhaftig. Trotzdem waren diese vier »Pfaffsbuben« bekannt in Erlangen um ihrer vielen Streiche willen, und Pauline tat mit, wo sie nur konnte. Der Vater, in seine gelehrten Arbeiten vertieft, ließ sie gewähren, wenn sie es nicht gar zu toll trieben, und auch die Mutter sah der Jugend ihren Übermut nach. Sie nahm es z. B. nicht schwer, als sie einmal von der Kirche heimkommend von sechs Stühlen fünf mit etwas abgesägten Beinen vorfand, schön regelmäßig abgestuft, einer immer etwas kürzer als der andere, damit die ungleich großen Kinder am Tisch sitzend alle gleich groß erschienen. Dieses merkwürdige Mobiliar fand sich noch lange in der Familie. Ehrfurcht vor dem Heiligen aber wurde gefordert. Als einstmals einer der Jungen den Bibelspruch lernte: »Aus Adern und Knochen hast du den Menschen gebildet« und darüber bemerkte, das müßte ein sonderbarer Mensch sein, gab die Mutter dem kleinen Spötter mit dem Kochlöffel einen solchen Treff, daß ihm und den anderen klar wurde: Die göttlichen Dinge dürften nicht herabgezogen werden.
Denken wir uns zu solchen vier Brüdern eine kleine Schwester, so dürfen wir ihr prophezeien, daß sie fröhlich und unternehmend, nicht zimpferlich und pedantisch werden wird, freilich müssen wir auch fürchten, daß diese Fröhlichkeit manchmal in bubenhafte Wildheit ausarten und die Unternehmungslust sie auf allerlei Einfälle bringen wird, die einem artigen Professorentöchterchen nicht wohl anstehen. So lesen wir auch in dem Brief einer Tante, die zu Besuch kam, folgendes Urteil über die damals vierjährige Pauline: »Sie ist so wild und unbändig als die Knaben, was ihr als Mädchen viel übler ansteht, recht gutmütig ist sie wohl, auch recht hübsch, allein ein wahrer Husar.«
Aber als Gegengewicht standen obenan zwei erwachsene Schwestern, solche sind immer die geborenen Erzieherinnen für das jüngste Kind, und bald wird sich noch ein anderer Einfluß bemerkbar machen: eine gesittete Freundin tritt auf. Ehe wir aber diese schildern, müssen wir auch die Stadt besehen, den Heimatboden aus dem das Pflänzchen hervorwächst.
Die bayerische Universitätsstadt Erlangen liegt in Mittelfranken, demjenigen Kreise des Königreichs, in dem die protestantische Bevölkerung vorherrscht. So ist auch auf dieser Universität die theologische Fakultät von jeher bedeutend gewesen. Die kleine bescheidene Stadt läßt Muße zu fleißigen Studien. Daneben entwickelt sich dort auch ein fröhliches Burschenleben sowie ein traulicher Verkehr zwischen den Professorenfamilien. Viele bedeutende Namen klingen zu uns aus dieser Stadt. Von den Zeitgenossen Pfaffs, die dort gelebt und mit denen er in Berührung war, wollen wir nur einige nennen: Schelling, Rückert, Platen, Raumer – Namen, die keinem gebildeten Deutschen fremd klingen.
Führt uns heute unser Weg nach Erlangen und sind wir begierig, den Ort zu sehen, in dem so viele geistig bedeutende Menschen sich entwickelten oder anderen zur Entwicklung halfen, so wundern wir uns über die stille Stadt mit den auffallend kleinen Häusern; nur wenig von modernem Leben und Treiben tritt uns da entgegen, Ruhe herrscht in den weiten Straßen und auf den großen Plätzen. Manche der Einwohnerzahl nach kleinere Städte machen durch höhere Häuser, engere Straßen und allerlei laute Gewerbe einen belebteren Eindruck als Erlangen, gar nicht zu reden von manch andern Universitätsstädten, in denen Fremdenverkehr mit Hotelomnibus, Automobilen und eleganten Gefährten der Stadt ein vornehmes Gepräge verleihen. Davon ist in Erlangen nichts zu sehen. Zwar würden die Großeltern der jetzigen jungen Generation staunen über die Reinlichkeit der kanalisierten Straßen, in denen zu ihrer Zeit trübe Lachen vor den Häusern standen, staunen über die nächtliche Beleuchtung, die ihre kleinen Handlaternen in die Rumpelkammern verwiesen hat; manches Häuserviertel wäre ihnen vollständig unbekannt, die neuen Universitätsgebäude, die sorgfältig gepflegten Anlagen und schönen Brunnen würden ihre Bewunderung erregen. Aber dennoch, im Vergleiche mit andern war und ist Erlangen eine einfache Stadt, sie gab und gibt noch den Beweis, daß der menschliche Geist, der in einer so kleinen Schale eingeschlossen ist, auch keine große, stattliche Behausung braucht.
Manche mögen ungünstig über die kleine Universitätsstadt urteilen und sie langweilig nennen, aber es wird immer auch solche geben, denen sie lieb ist und sinnbildlich erscheint für einen in sich gekehrten deutschen Gelehrten.
In der Atmosphäre dieser kleinen Stadt ist Pauline aufgewachsen und unser Horoskop verspricht ein mehr dem Schlichten als dem Vornehmen zugewandtes Wesen ohne Streberei, mit Sinn für fröhliches Behagen und mit der Anschauung, daß nicht Geld, sondern Geist die Welt regiert.
In der Spitalstraße stand das Haus, dessen unteren Stock die Familie Pfaff bewohnte. Es war eine kalte Parterrewohnung und so ist auch die Erinnerung an die erlittene Kälte eine der frühesten, die Pauline aus ihrer Kindheit behielt. Sie stand in dem besonders kalten Winter von 1830 auf 31 erst in ihrem vierten Lebensjahre, doch hat sie einen unauslöschlichen Eindruck davon behalten, der wohl begreiflich ist, wenn man liest, was ihre Mutter damals an die Tochter Luise Kraz schrieb, die bei dem verheirateten Bruder Heinrich über Weihnachten zu Gast war. Es heißt in diesem Brief: »Ich lege dir ein Paar warme Schuhe bei, denn bei der heftigen Kälte wirst du sie wohl brauchen können. Bei uns ist es fürchterlich kalt, zwei Tage brachten wir keine Fenster auf und da die Läden zu waren, so mußten wir in völliger Dunkelheit leben; nun hat Siegfried mit Kohlen aufgetaut und so haben wir doch wieder Licht. Meine Pauline leidet sehr, weil sie sich Hand und Füße erfroren hat.«
Bis ins Frühjahr hinein dauerte die grausame Kälte, die bis zu 30° stieg, so daß das Quecksilber einfror, und es ist wohl zu begreifen, daß in der Seele des Kindes dieser Eindruck haften blieb, trat ihr doch hier zum erstenmal ein großes Leiden entgegen, an dem sie selbst ihr kleines Teil mittragen mußte und das Menschen und Tiere zugleich betraf; nie vergaß sie den Anblick erfrorener Tauben, die man morgens auf der Straße liegen sah. Es folgten damals noch viele kalte Winter, doppelt empfindlich in den schlecht verwahrten Wohnungen. Treppentüren gab es noch nicht, so oft die Haustüre aufging, drang der eisige Luftstrom bis an die Zimmer; Winterfenster waren unbekannt, die Küchen hatten noch offene Kamine, durch die der Schnee in die Feuerstätte hereingeweht wurde. Eine Eigenart der Erlanger Häuser waren lange unverglaste Gänge auf der Rückseite, durch die die Kälte überall Einlaß fand. Die Türschlösser, die nach außen gingen, konnte man während der grimmigsten Kälte nicht mit der bloßen Hand berühren, weil die Haut daran kleben blieb.
Darum schütteln die alten Leute aus jener Zeit die Köpfe, wenn wir in unseren wohlverwahrten Wohnungen über Kälte klagen wollen. »Ihr wißt gar nicht, was Kälte heißt« sagen uns die Erlanger der alten Zeit.
Die Parterrewohnungen waren sehr niedrig, man konnte sie von der Straße aus ganz überblicken. Die Pfaffsjugend wußte daraus Vorteil zu ziehen. In der besseren Jahreszeit, wo die Fenster immer offen standen, brauchte man nicht erst an der Haustüre zu klingeln und auf Einlaß zu warten, man nahm den kürzeren Weg durchs Fenster. Gegen solch zweckmäßige Einrichtungen hatten die Eltern gewöhnlich nichts einzuwenden, nur geschah es dann auch in Fällen, wo es ihnen nicht passend erschien. So erzählte Frau Pfaff in späteren Jahren, wie einmal ein würdiger alter Herr von auswärts gekommen sei, um den Herrn Hofrat zu sprechen, und bei ihr sitzend auf dessen Heimkehr wartete, als plötzlich ein paar der Buben nacheinander und zuletzt auch Pauline zum Fenster hereinsprangen, worüber, da es nicht ohne Gepolter abging, der Fremde jedesmal zusammenschrak und sich wohl im stillen über die Sitte wunderte, die im Hause des Hofrates herrschte. Aber es wird ihm ergangen sein wie so vielen, daß ihm im Gespräch mit der frischen, herzgewinnenden Frau diese Dinge als nebensächlich, ja als Ausfluß ihres unbefangenen Wesens ganz natürlich erschienen.
Fragten so Vater und Mutter nicht viel nach der sonst üblichen Form und Sitte, so war doch ein Element in dem Haus, das manchmal danach sah, was denn in anderen Professorenfamilien Brauch sei und diese Sitten auch einführen wollte, und das war Anne, der dienstbare Geist des Hauses. Diese treue Person liebte vor allem die kleine Pauline und hätte sie gerne feiner gekleidet gesehen. Besonders eines war es, das sie immer wieder beantragte, das Kind sollte auch, wie andere seines Standes, Ohrringe bekommen. Sie wandte sich an die Mutter, ja an den Herrn Hofrat selbst, aber ihre Bitte fand kein Gehör, denn für solchen Luxus war man nicht zu haben. Anne aber konnte die schmucklosen Ohren ihres Lieblings nimmer ertragen. Sie wartete, bis sie wieder ihren Lohn erhalten hatte, nahm dann heimlich das Kind mit sich, kaufte ihm nach ihrem Geschmack goldene Ohrringe, stach sie ihm selbst kunstgerecht und führte stolz die so geschmückte Kleine den Eltern vor, indem sie sagte, die Pauline sei so gut ein Professorenkind wie andere auch, darum müsse sie auch wie diese Ohrringe tragen. Und die Eltern, obgleich sie solchen Schmuck nicht leiden konnten, waren doch viel zu gutmütig, um dem Mädchen, das sein Geld daran gewendet hatte, die Freude zu verderben, und Pauline trug Ohrringe wenigstens so lange Anne im Hause blieb.
Der Einfluß dieser treuen Dienerin war kein geringer auf Pauline, die später oft scherzhaft von Anne als ihrer Erzieherin sprach. Für eine solche wäre nur etwas weniger Aberglauben zu wünschen gewesen. Der naive Standpunkt, auf dem in dieser Hinsicht die wackere Person stand, geht aus folgendem Zuge hervor: Am Himmelfahrtsfest hatte sie an eine Schürze ein neues Band angenäht, war sich dabei aber einer Feiertagsentheiligung bewußt. Als nun am Nachmittag ein schweres Gewitter heraufzog, fühlte sie sich durch diese Sünde um so mehr beunruhigt, je heftiger es blitzte und donnerte. In ihrer Seelenangst eilte sie endlich hinauf in den obersten Bodenraum, hing die Schürze mit dem sündhaften Band zur Dachlucke hinaus und rief: »So Blitz, jetzt schlag in den Bändel!«
Solche Eindrücke blieben der kleinen Pauline ebenso wie die unheimlichen Gespenstergeschichten, die Anne erzählte und von deren Wahrheit sie ganz überzeugt war. Dadurch wurde in der Kinderseele eine Furcht erweckt, die sich in einsamen und in nächtlichen Stunden oft zur Qual steigerte. War Pauline zufällig abends allein zu Hause, so kam mit der Dunkelheit die Furcht über sie, aber nur die Gespensterfurcht war es, eine andere kannte sie nicht. Deshalb verfiel sie auch auf eine eigentümliche Schutzmaßregel. Sobald es dunkelte, öffnete sie weit alle Türen und Fenster der Parterrewohnung, um Gelegenheit zur Flucht zu haben. Dann blickte sie wachsam nach allen Seiten, um nach der einen zu entfliehen, sobald von der andern das Gespenst auftauchen würde. Sie war überzeugt, daß kein Besuch aus der vierten Dimension es hinsichtlich der Schnelligkeit der Beine mit ihr aufnehmen könne.
Oft erwachte sie nachts und horchte mit Bangen und Herzklopfen nach irgend einem unerklärlichen Geräusch. Es gab deren so viele in dem alten Haus, und besonders in der Dachkammer, die zeitweise ihre Schlafstätte war. Oft wehte der Schnee oder drang der Regen durch die Schindeln des Daches und das Bett mußte hin- und hergeschoben werden, bis sich eine trockene Stelle fand. Sie erinnerte sich noch in ihrem Alter einer Schreckensnacht, in der sie an einem Geräusch erwachte und deutlich spürte, daß etwas auf ihrer Decke sich auf sie zu bewegte. Ihre erregte Phantasie hatte im Nu ein Gespenst daraus gemacht. Sie wagte sich nicht zu rühren und nicht zu schreien und empfand buchstäblich, was wir meist nur bildlich so ausdrücken, daß ihre Haare sich vor Entsetzen sträubten, bis sie erkannte, daß es nur eine Katze war, die den Weg in die Kammer gefunden hatte. Pauline hat die Gespensterfurcht als das schrecklichste Leiden ihrer Kinderzeit im Gedächtnis behalten.
Hat die treue Anne in diesem Punkt Unheil angerichtet, so tat sie doch sonst den Kindern nur Gutes und nahm an Freud und Leid der Familie Anteil, wie wenn sie ein Glied derselben gewesen wäre, ja sogar das auf Reichtum und Ehre am meisten bedachte Glied. Einmal hatte es auch den Anschein, als sollte ihr Ehrgeiz befriedigt werden und Reichtum in die Familie Pfaff einkehren. Die französische Akademie hatte einen Ehrenpreis ausgesetzt für die Lösung einer ungemein schwierigen astronomischen Berechnung. Pfaff, der sich für die gestellte Aufgabe interessierte, machte sich an die mühsame Arbeit. Vierzehn Bogen Papier – so sagt wenigstens die Familientradition – mußte seine Frau aneinanderkleben, damit die Berechnung darauf Platz fand. Die Lösung gelang, wurde eingesandt und von der Akademie als preiswürdig erkannt. Jeden Tag konnte der ausgesetzte Preis eintreffen. Statt seiner kam in den Zeitungen die Nachricht von dem neuen régime in Frankreich, welches das alte gestürzt hatte, und in den Wirren der Julirevolution blieb der erwartete Goldregen aus. Die Enttäuschung wäre wohl noch bitterer gewesen, wenn sie auf einmal gekommen wäre, aber man konnte ja noch immer hoffen auf günstigen Umschlag, auf Rückkehr der alten Zeiten, und über diesen Hoffnungen vergingen sachte die Jahre und die vierzehn Bögen gerieten allmählich in Vergessenheit.
Es kamen andere Sorgen, die der Familie näher gingen. Da war zuerst der schon früher erwähnte Tod der Tochter Aurora, dann starb das nach Pauline geborene Töchterchen, Sophie, etwa sechsjährig, an Croup. Bis in ihr Alter erinnerte sich Pauline dieser lieblichen kleinen Schwester und des Augenblicks, da diese in ihrer Todesnot nach Atem ringend ihr Bettkittelchen von unten bis oben zerriß, um Luft zu bekommen. Noch trauernd um diesen Verlust sah die Mutter einen noch herberen nahen, fühlte sie die Grundfeste des Hauses wanken. Ihr bis dahin so gesunder Mann erlitt im Jahre 1834 einen Schlaganfall, dem später noch weitere folgten. Für ihn und die Seinen entstand daraus eine schwere Leidenszeit. In verschiedenen Briefen an ihre treue Schwester Adelheid, die mit Rektor Roth in Nürnberg verheiratet war und an die Verwandten in Württemberg spricht sich der tiefe Kummer über die Krankheit, die bange Sorge vor der Zukunft aus. Sie schreibt: »Ihr glaubt nicht, in welcher Spannung und Angst ich lebe, ich bin nur froh, wenn ein Tag wieder herum ist. Oft denke ich: nur auch einmal möchte ich mich wieder niederlegen, ohne daß die schweren Sorgen mich drücken, die werden mich aber wohl nicht mehr verlassen, besser kommt es wohl nimmer, aber schlimmer kann es ja noch werden.« Es gibt wohl kaum eine größere Qual als die, welche sie nun durchmachen mußte; zusehen, wie nicht nur die körperlichen, sondern auch die geistigen Kräfte des geliebten Mannes infolge jedes neuen Anfalls immer mehr abnahmen. Dazu kam, daß er selbst sich zeitweise dieses Zustands bewußt und dann im höchsten Grade erregt war.
Den Kindern blieb ein Auftritt in Erinnerung, unter dem sie ihre Mutter erzittern sahen. Sie saß am Bette des Mannes, der sie immer um sich haben wollte, und mit dem zu sprechen doch so qualvoll war, weil ihm oft die Worte nicht zu Gebote standen und er dadurch in wachsende Erregung geriet. So suchte er diesmal nach einem Namen, konnte ihn nicht finden und fragte seine Frau: »Wie heißt der Student, der so oft zu uns kommt?« Sie nannte einen Namen und wieder einen, jeder falsche Vorschlag regte ihn mehr auf und sie besann sich in wachsender Angst auf die zahllosen Studenten, die jemals aus- und eingegangen waren, bis er endlich in Wut ausbrechend ihr zurief: »Du Rabenmutter, es ist ja Dein eigener Sohn!« Der Sohn Heinrich war es, dessen Namen er gesucht hatte. Auf solche Stunden der Erregung folgten auch wieder ruhigere, in denen sein früheres liebevolles, anspruchloses Wesen zum Ausdruck kam, denn auch bei geistig Erkrankten tritt ihr eigentliches Naturell zeitweise zutage. Der selbstlose Mensch wird immer zu unterscheiden sein von dem Egoisten, der feinfühlende von dem gemeinen, und es hat etwas unendlich Rührendes, wenn solch edle Eigenschaften durchleuchten zwischen den durch die Krankheit verdunkelten Stunden.
So blieb auch diesem Kranken die Liebe und Verehrung der Seinen treu bis zu dem Augenblick, wo ihn der Tod erlöste, im Sommer 1835.
Wie es der Witwe zumute war, als sie allein stand mit ihrer Kinderschar, spricht sie aus gegen den ältesten Sohn Heinrich, der damals schon eine Anstellung hatte an dem theologischen Seminar im Kloster Schönthal in Württemberg.
Lieber Heinrich!
Schwere kummervolle Tage habe ich zurückgelegt seit Du von uns gingst und noch immer kann ich mich an den Gedanken nicht gewöhnen, daß Ihr für dieses Leben keinen Vater mehr habt und daß auch mir die Seele von meinem Leben fehlt. Die erste Zeit wurde mir dadurch leichter, weil der Gedanke, daß er nun Ruhe habe, mir so tröstlich war. Allein jetzt, seit die Erinnerung an seine Leiden schwächer wird und sein Bild wieder in meiner Seele lebendig wird, wie er früher war, mit welcher Liebe er an uns hing und mit welcher Treue er alle seine Pflichten erfüllte und wie sein Geist und Beispiel noch so wohltätig für seine Kinder gewesen wäre, da möchte ich wohl fragen: warum Du lieber Gott hast Du uns das wohl getan? und schwer wird es mir, mich mit Ergebung in Gottes Willen zu fügen. Ich habe mit der schmerzlichsten Sehnsucht gehofft, er werde vor seinem Ende noch so viel Bewußtsein bekommen, daß er seinen Kindern auch noch einen Segen, mir nur auch ein Trosteswort zurücklassen könne, denn schon bei einer kurzen Trennung tut es wohl, wenn man Abschied nehmen kann und ich mußte bei dieser schmerzlichen und vielleicht langen Trennung auch diesen Trost noch entbehren ....
II. 1835–1849
Unsere kleine Pauline war inzwischen ein Schulmädchen geworden, ein begabtes, wenn auch nicht eben ein fleißiges. Sie konnte, wenn es darauf ankam, schon ganz ordentliche Briefe schreiben. Es ist uns solch ein Kinderbrief erhalten, den sie anläßlich der Verlobung ihres Bruders Kraz mit Luise Elsäßer an diese schrieb. Sie redet die neue Schwägerin gleich als Schwester an.
Liebe Schwester!
Es freut mich, daß Du einen Bräutigam hast und daß es mein Bruder ist. Heiratet Euch nur bald, ich freue mich recht bis die Hochzeit ist, denn ich komme auch dazu. Weil Du gesagt hast, ich soll Dir schreiben, so will ich es tun. Ich kenne Dich zwar noch nicht, aber ich kann mir schon denken, wie Du bist, wenn Du für den Heinrich recht bist. Schreibe mir in dem Brief, wo Du mir antwortest, wie Du bist, denn viel weiß ich noch nicht. Komme auch bald zu uns, es gefällt Dir gewiß, denn dem Herrn Vischer hat es auch gefallen, der doch schon weit in der Welt herum gekommen ist. Wir haben uns sehr geehrt gefühlt, daß Du uns geschrieben hast. Hast Du denn auch noch Geschwister? die dann meine Schwestern und Brüder sind. Ich kann nichts weiter schreiben, denn ich weiß nichts mehr. Wir grüßen Dich alle, besonders ich. Lebe wohl und habe lieb Deine
Antworte mir.
Pauline Pfaff.
Wenn auch Pauline im Lesen und Schreiben mit mancher fleißigeren Schülerin Schritt hielt, so hatte sie doch keinen rechten Ernst in den Schulstunden und wenig Eifer zum Lernen ihrer Aufgaben, aber unbewußt lernte sie mit den geistig regsamen Brüdern, die des Vaters naturwissenschaftliche Interessen und auch einige Kenntnisse in diesem Fach überkommen hatten; sie wußten mit den vorhandenen Mitteln, Elektrisiermaschine, Teleskop, Sternkarten u. dergl. umzugehen und Pauline nahm an diesem Treiben teil mit angeborenem Interesse und Verständnis. Jeder Lehrer hätte an dieser aufgeweckten Schülerin seine Freude haben können, wenn diese sich nur dazu verstanden hätte, den Unterricht, der ihr mit einer Anzahl anderer Mädchen privatim erteilt wurde, regelmäßig zu besuchen. Das hielt sie aber nicht für nötig und das Schwänzen der Schulstunden beschwerte durchaus nicht ihr Gewissen, das zurzeit auf solche kleine Vergehen noch nicht reagierte. Die Schulaufgaben wurden möglichst rasch erledigt, denn am Abend tummelte sie sich lieber auf dem nahen Kirchenplatz und trieb dort allerlei Schabernack. So flößte sie gern den Menschen Schrecken ein, indem sie in der Dunkelheit ein weiß behangenes Bügelbrett feierlich um die Kirche trug, was bei dem Gespensterglauben jener Zeit seine Wirkung nicht verfehlte.
Doch nun trat in ihren Lebensweg eine Freundin, die großen Einfluß auf sie gewinnen sollte, ein gesittetes, gewissenhaftes und wohlerzogenes Mädchen. Es war die Tochter einer als Witwe nach Erlangen gezogenen Oberappellationsgerichtsrätin, die in der Nähe Wohnung nahm. Dem Namen dieser Familie werden wir in diesem Buche noch oft begegnen – er heißt Brater.
Ob wohl eine Ahnung der guten Frau Pfaff sagte, von welcher Bedeutung es einst für sie sein würde, daß vor dem Haus ihr gegenüber ein bepackter Wagen aus München ankam, der den Hausrat der verwitweten Frau Brater brachte, und als diese selbst, eine feine, ernste Frau in Trauerkleidern, mit ihren drei Töchtern Einzug hielt in der bescheidenen Wohnung? Ihr einziger Sohn, Karl, studierte in München, von ihm war zunächst nichts zu sehen, aber die Töchter, Julie, Luise und Emilie, wurden freundlich in Erlangen empfangen durch ihre Verwandten, denn Frau Brater war ihrer ebenfalls verwitweten Schwester, Frau Schunck, nachgezogen und durch diese Pfaffs wohlbekannte Familie entstanden bald Beziehungen zu den Neuangekommenen.
Luise und Pauline wurden Schulkamerädinnen und ihre ungleichartigen Naturen zogen sich an. Die kleine Fremde war bald ganz eingenommen für die fröhliche Kamerädin, die vielerlei anzustellen wußte, allezeit lustig und guter Dinge war. Aber sie merkte auch, daß Pauline manches tat, was ihr unerlaubt schien, und während die Frische und Ungebundenheit der neuen Freundin sie anzog, machte das wohlerzogene Kind sich doch über dieses und jenes Gedanken, erzählte wohl auch der Mutter davon und diese richtete nun ihr Streben darauf, die wilde kleine Hummel, die auch ihr trotz mancher Unart gar wohl gefiel, in ihr Haus herein zu locken, damit die beiden Freundinnen unter ihrer Aufsicht miteinander verkehrten. Pauline hat nie die Eindrücke vergessen, die sie hier empfing. Es gingen ihr die Augen darüber auf, wie es in einem wohlgeordneten Haushalt eigentlich aussehen sollte. Mit Staunen bemerkte sie, daß hier jedes Ding seinen festen Platz hatte, daß täglich aufgeräumt und abgestaubt wurde und daß die bescheidenen Räume dadurch ein feines, wohnliches Aussehen erhielten. Der kleinen energischen Person war nicht sobald das Licht für Ordnung und Schönheit aufgegangen, als sie auch schon strebte, solche daheim einzuführen. Es wollte ihr nimmer gefallen, wenn das Frühstücksgeschirr bis zum Mittagessen auf dem Tische stand und jeder der vielen Hausgenossen allerlei dazwischen schob, sie wollte nun auch aufräumen und abstauben. Anfangs waren ihre Ordnungsversuche etwas roher Art: sie hob die Schürze auf, schob alles was da umherlag hinein und trug es in das nebenan liegende Schlafzimmer, denn ihr neuerwachter Ordnungssinn beschränkte sich zunächst auf das große Wohnzimmer. Aber je mehr sie heranwuchs, um so ausgeprägter wurde dieser Sinn und erstreckte sich auch auf andere Gebiete. Der eine und andere der Brüder fing an, auf ihre Bestrebungen einzugehen, besonders der älteste der vier Pfaffssöhne, Siegfried, der auch von Natur zur Ordnung geneigt war, sowie der jüngste, Fritz, unterstützten sie. Die andern Geschwister fanden wenigstens an der Schwester diese Anlage angenehm und wandten sich an sie, wenn die Mutter nicht Zeit fand, für Kleidung und Wäsche zu sorgen. Einer von ihnen, Colomann, gewöhnlich nur Co genannt, kam übrigens noch im Knabenalter nach Württemberg, um dort das theologische Seminar zu besuchen, in dessen strenge Zucht sich freilich ein so ganz in Freiheit aufgewachsener junger Bursche schwer einleben konnte. Ungemein frisch und fröhlich, voll übersprudelnden Humors und Lebenslust war er bei jedermann, nur bei den Lehrern nicht beliebt, die ihre schwere Not mit ihm hatten. Die Schwierigkeiten, die er in den Schuljahren und noch späterhin machte, verursachten seiner Mutter viel Kummer und es wäre ihr zu gönnen gewesen, hätte sie voraus gewußt, was wir wissen, daß auch er es schließlich zum wohlangesehenen Professor der Mathematik in Stuttgart brachte.
Bei aller Einfachheit und Sparsamkeit entwickelte sich doch, als die jungen Pfaffs heranwuchsen und fröhliche Studenten, meist Bubenreuther wurden, ein überaus beglückendes geselliges Leben im Haus, an dem die Mutter, trotz aller Arbeit und Sorge, die auf ihr lag, selbst ihre Freude hatte. Die älteste Tochter Luise, ein geistig bedeutendes Mädchen, und ihre Freundin, Hannchen Richter, sowie die Brüder mit ihren Freunden, vereinigten sich oft im Haus Pfaff zu Spielen und Darstellungen oder zu gemeinschaftlichen Ausflügen. Zu diesem Kreise gehörte nun auch Karl Brater, der sich mit Siegfried und Hans Pfaff eng befreundet hatte. Ganz anders geartet als diese, ernst, zurückhaltend, schon in den Studienjahren ein vielversprechender Jurist, von Haus aus an gesetzte Manieren gewohnt, unterschied er sich von der übermütig fröhlichen, unbefangenen und lauten Art seiner Freunde, fühlte sich aber angezogen von dem frischen, treuherzigen Ton des Hauses und nahm mit Begeisterung teil an den Aufführungen klassischer Werke, zu denen Frau Pfaff, bereitwilliger als wohl andere Hausfrauen, ihr Zimmer zur Verfügung stellte. Neben der erwachsenen Schwester und deren Freundinnen, der schönen Julie Nees v. Esenbeck, der geistig bedeutenden Julie Brater und dem originellen Hannchen Richter, die von den jungen Männern gefeiert wurden, kam die erst halb erwachsene Pauline und ihre Freundin Luise noch nicht zur Geltung und Beachtung, aber doch behielt Pauline eine beglückende Erinnerung an diese Geselligkeit und freute sich im späteren Leben, wenn sie Familien traf, die ebenso harmlos und ungezwungen ihr Haus für Freunde und Freundinnen öffneten. Was braucht die Jugend mehr als eben ihresgleichen, um vergnügt zu sein? Es ist ein Irrtum, zu meinen, daß es ohne Aufwand an Essen und Trinken, an Toilette und Bedienung keine Freude gäbe. Im Haus Pfaff war umständliches Vorbereiten und Einladen nicht Sitte, man kam meist nach dem Abendessen zusammen, die jungen Mädchen mit Laternen in der Hand, wie es für schicklich galt in den schlecht beleuchteten Straßen und eingehüllt in lange Kragen, die man »Tugendhüllen« nannte. Auf Tafelgenüsse wurde nicht gerechnet, denn während ihre Söhne studierten, wußte Frau Pfaff oft nicht, woher Geld zum Nötigsten nehmen, und ihre Kinder erinnerten sich später, wie sie gar manchmal an das Geldschublädchen gingen, das vertrauensvoll für alle zugänglich war, wie sie zu diesem oder jenem Einkaufe Geld herausnehmen wollten, aber nachdem sie den Inhalt visitiert hatten, gern auf alles verzichteten und die kleine Lade wieder zuschoben, weil sie allzu dünn belegt war mit dem, was doch für den ganzen Monat ausreichen mußte.
Lange Zeit besaßen die drei jüngsten Söhne nur einen gemeinsamen Sonntagsanzug. Derjenige, welcher am frühesten aufstand, nahm Besitz davon, die andern hatten das Nachsehen und konnten Sonntags nicht aus dem Hause gehen.
Viele Jahre wohnte die Familie Pfaff in einem Haus in der Karlstraße, das der Witwe des Professor Kopp gehörte. Die beiden Frauen, als Württembergerinnen schon vorher befreundet und nun in ähnlichen Verhältnissen lebend, schlossen sich eng aneinander, halfen sich auch getreulich aus. Einst brachte der Postbote für Frau Pfaff ein unfrankiertes Paket. Es war wohl Ende des Monats, denn die Pfaffsche Geldschublade war leer. In ihrer Verlegenheit wegen des Portos sprang Frau Pfaff die Treppe hinauf, um bei Frau Kopp das Sümmchen zu entlehnen. Diese gute Kollegin besaß aber im Augenblick auch nichts mehr, dagegen hatte sie ein wackeres Dienstmädchen, das war im Besitze der nötigen Groschen und konnte den beiden Professorinnen aus der Verlegenheit helfen.
In dieser Zeit war es wohl auch, daß ein Besuch im Spätherbst, als es schon recht unangenehm kühl war, ein kaltes Zimmer voll Rauch antraf. Frau Pfaff entschuldigte sich: sie habe grünes Holz gekauft, weil dies billiger sei und nicht brenne; für so junge Leute wie die ihrigen sei es genug, wenn sie auch nur am Rauch merkten, daß eingeheizt sei.
Der fröhliche, gesellige Kreis lichtete sich allmählich und verlor seinen Mittelpunkt, als Luise sich mit dem Studienlehrer Sartorius in Windsheim verheiratete. Zwischen ihr und Karl Brater hatte eine Freundschaft bestanden wie sie in damaliger Zeit häufiger als jetzt vorkam. Die poetischen Worte, in denen er dieser Jugendfreundschaft ein Denkmal setzte und die er in das Album der Freundin eintrug, sollen hier folgen:
1. Freundschaft, die bei Kinderspielen In der Kinderstub entstanden, Ist verwandt der pflichtgemäßen Liebe zwischen Blutsverwandten. Eh Du noch mit klaren Blicken Deinen Sinn erkannt und ihren, – Einem Zufall hat’s gefallen, Dich und sie zusamm’ zu führen. Freie Wahl in spätern Jahren Wird vielleicht den Zufall preisen, Wird vielleicht gleichgültig scheidend Euer altes Band zerreißen. 2. Freundschaftsbünde, wie sie zwischen Alten Leuten sich begeben, Kenn ich freilich, Dank dem Himmel, Nicht aus eigenem Erleben. Aber können die mit voller Froher, junger Liebe lieben, Die sich in der Zeit der Fülle, Freude, Jugend, fern geblieben? Alte, schon vernarbte Herzen, Die in gut und schlechten Tagen Ihre Lust und ihre Leiden Einsam durch die Welt getragen? 3. Freundschaft, die sich Jugend gründet, Ist ein Bau fürs Menschenleben, Ein Hospiz, das immer offen Freundlich Obdach Dir zu geben. Jugend ist die Zimmerstätte, Wo der Mensch sein Schicksal gründet, Jeden kann er drein verflechten, Der sich willig zu ihm findet. Jugend ist in vielem Schüler, Aber Meisterin im Lieben Alt wird, ohne Jugend, welcher Ohne Liebe jung geblieben.
Kurz nachdem Luise sich verheiratet hatte, gründete auch Siegfried Pfaff den eigenen Hausstand in Nürnberg und Pauline wurde von da an gar oft zur Hilfe gerufen, wenn solche in den jungen Haushaltungen Not tat. Sie war flink, fleißig und gänzlich frei von den störenden Eigenschaften des Hochmuts und der Empfindlichkeit. Vielleicht hatten die vielen Brüder durch ihre Neckereien diese Fehler nicht aufkommen lassen, vielleicht lagen sie auch ihrem schlichten, selbstlosen Wesen von Natur fern. Dazu kam die rührende Anspruchslosigkeit, die uns heutzutage kaum mehr verständlich ist. So durfte Pauline einmal zur Begleitung einer Freundin für einige Tage nach dem nahe gelegenen Bad Streitberg gehen. Diese Freundin, Lina Rohmer, die durch ihr ganzes Leben mit Pauline eng verbunden blieb, wollte dort ihre Mutter besuchen, die in dem Badeort eine Kur gebrauchen mußte. Die kränkliche Frau wohnte in dem Kurhaus und dort suchten Lina und Pauline sie auf. Aber wenn mittags die Tischglocke die Gäste zur Tafel rief, machten sich die beiden jungen Mädchen davon, denn sie erhoben nicht den Anspruch, daß man auch sie verköstigen solle. Sie gingen über die Essenszeit in den Wald, um sich dort zu dem mitgebrachten Brot Beeren zu suchen, fanden es wohl traurig, aber doch ganz selbstverständlich, daß es unter so erschwerenden Umständen einige Tage kein Mittagessen für sie gab.
Je öfter Pauline in ihren Mädchenjahren da und dorthin zur Hilfe berufen wurde, um so lieber kehrte sie wieder zur Mutter zurück, der sie als jetzt einzige Tochter immer näher trat und an deren Sorgen sie treuen Anteil nahm; auch wuchs sie immer enger zusammen mit den beiden Brüdern Hans und Fritz, die allein noch im Hause waren. Diese beiden studierten Naturwissenschaften und es lag viel davon in der Luft des Hauses, auch hatte sich des Vaters Interesse für die Astronomie auf die Jugend vererbt, so daß auch Pauline darin bewandert war und ihr ganzes Leben dadurch viele Freuden genoß, die andern fremd sind. Wir Städter blicken ja wenig hinauf nach den Sternen, hat doch der einzelne längst nicht mehr nötig, wie in früheren Zeiten, nach dem Lauf der Sonne seine Zeit einzuteilen oder nach dem Stand der Gestirne den Weg zu suchen. Wir richten uns viel bequemer nach den genauen Angaben unserer Uhren und Karten, wozu brauchen wir selbst den Lauf der Sterne zu kennen? In der Familie Pfaff lag das aber jedem im Blut. Sie wußten alle, wann und wo Sonne, Mond und Sterne auf- und untergingen, und verstanden ihren Lauf. Und es war das nicht ein trockenes Wissen, es umgab sie wie ein Lebenselement. Zahlen, die andere wohl einmal in der Schule lernen, aber dann wieder vergessen, waren ihnen so geläufig wie uns etwa, daß ein Jahr 365 Tage hat.
Vielleicht waren sie die einzigen jungen Erdenbürger, die mit einem gewissen Stolz sich bewußt waren, fortwährend mit einer Geschwindigkeit von 15 000 Meilen in der Stunde um die Sonne herum zu sausen. Fiel ein Strahl dieser Sonne auf ihren Tisch, so war es ihnen gegenwärtig, daß dieser Lichtstrahl wohl 20 Millionen Meilen zurückgelegt und doch nur acht Minuten dazu gebraucht habe. Trat der Mond aus den Wolken, so begrüßten sie ihn als unsern nächsten Nachbarn unter den Gestirnen, als einen guten Bekannten, dessen Berge und Krater sie schon oft durch des Vaters Teleskop betrachtet hatten; mit ihm standen sie auf vertrautem Fuße, nicht so mit den Fixsternen. Das waren die unnahbaren, geheimnisvollen, die sich nicht enthüllten vor dem besten Fernrohr. Mit Hochachtung sahen sie nach deren Licht, das vielleicht Tausende von Jahren brauchte, bis es das Menschenauge traf.
Das Schauen nach dem, was aus so unendlichen Fernen doch unsere Erde beeinflußt, hat für den menschlichen Geist etwas Erhebendes. Deutlich hat auch Pauline schon in ihrer Jugend es empfunden und oft hat sie es später ausgesprochen, daß die Wunder der Sternenwelt es waren, die sie mehr als alle Religionslehre mit dem Gefühl des Daseins Gottes durchdrungen haben, denn die damals in Erlanger Kreisen herrschende Orthodoxie vermochte ihr Herz so wenig wie das ihrer Brüder zu gewinnen. Wir machen uns jetzt kaum mehr einen Begriff, wie stark zu jener Zeit in vielen Familien die dogmatischen Lehrsätze betont wurden, so daß z. B. eine mit Pauline befreundete hochgebildete Frau zu ihr sagte: »Ich möchte lieber sterben als mit einer Reformierten zum Abendmahl gehen«.
Naturwissenschaftlich gebildete Menschen, wie die Geschwister Pfaff es waren, können sich besonders schwer in dogmatische Lehrsätze finden und haben von diesen oft nur den einen Nutzen, daß der innere Widerspruch sie zu tiefem Nachdenken anregt. Wenn wir die Lebensbeschreibungen großer Astronomen lesen, so ist es merkwürdig zu beobachten, wie sie fast alle in Konflikt geraten mit dem herrschenden Dogma ihrer Zeit, was in früheren Jahrhunderten oft ihre Freiheit und ihr Leben in Gefahr brachte. Aber Gottesleugner sind sie nicht, im Gegenteil sie sind erfüllt vom Glauben an Gott, durchdrungen von Ehrfurcht und bestätigen das Psalmwort: Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre.
Von den Brüdern Pfaff wählte übrigens keiner die Astronomie als Beruf. Siegfried war Philologe, Hans und Colomann studierten Mathematik und Fritz zunächst Medizin, später wandte sich dieser der Geologie zu und hat als Professor in zahlreichen Schriften und Vorträgen seine Überzeugung vertreten, daß die naturwissenschaftlichen Forschungen in Einklang zu bringen sind mit der richtig verstandenen Bibel. In der Zeit, als Fritz noch im Erlanger Krankenhaus arbeitete, wurde eben der Äther als Betäubungsmittel bekannt und der junge Mediziner hatte den lebhaften Wunsch, auf diesem Gebiete zu experimentieren. Er fand dafür volles Verständnis bei seiner Schwester, die sich ihm sofort für seine Versuche zur Verfügung stellte. Ohne Wissen der Mutter nahm denn Fritz tatsächlich im Krankenhaus die Narkose an der Schwester vor und sie gelang. Pauline behielt in deutlicher Erinnerung den ersten Eindruck bei ihrem Erwachen aus der Betäubung: es war der Gesang eines durch die stille Straße am Krankenhaus vorübergehenden Burschen; sein Lied drang durch das geöffnete Fenster und machte sie mit dem klassischen Vers bekannt:
Ei du schöne Sonnenblume, Du hast mir das Herz gewonnen, Du liegst mir in meinem Sinn Wie der Kern im Kümmerling.[1]
Der für Pauline so anregende Verkehr mit den Brüdern verminderte sich naturgemäß, immer stiller wurde es im Haus Pfaff. Wieder hatte ein Sohn ausstudiert; Hans, der Mathematiker, nahm zunächst eine Hauslehrerstelle auf dem Gut einer adeligen Familie an. Auch Paulinens Freundin, Luise Brater, verließ die Heimat, um bei Verwandten in Paris zu lernen und zu lehren. Aber in den Ferien kam, wer irgend konnte, in das Elternhaus zurück; auch Karl Brater traf gleichzeitig mit den Brüdern Pfaff zu allen Festzeiten in Erlangen ein. In ihrem Hause sowohl als bei seiner Mutter und Schwester traf er oft mit Pauline zusammen. Aber sie, die sich sonst durch fröhliche Unbefangenheit auszeichnete, war ihm gegenüber schüchtern und unsicher. Was sie sagen konnte, erschien ihr viel zu unbedeutend für diesen ernsten Mann. Sie verglich sich mit seinen Schwestern, die feinere Sitten und bessere Ausbildung hatten und in einem Brief an ihre verheiratete Schwester Luise bemerkt sie: »Dem Brater gegenüber fühle ich mich immer wie auf den Mund geschlagen.« Und die Schwester entgegnet darauf, sie begreife das wohl, es komme von seinem verschlossenen Wesen und seinem scharfen Verstand und auch ihr sei es oft so ergangen. In seiner Gestalt hatte Karl Brater nichts Imponierendes, er war klein von Statur, aber seine Erscheinung hatte etwas sehr Anziehendes. Die feinen, geistigen Züge, die edle Stirne, die seelenvollen blauen Augen erweckten den Eindruck, daß hier ungewöhnliche Eigenschaften des Geistes und Gemüts vereinigt waren. Aber dabei hatte sein Wesen etwas Zurückhaltendes, Strenges, seine Rede war oft scharf und lakonisch. Im Jahre 1843 hatte er sein juristisches Examen mit der ersten Note bestanden und war dann in das Justizministerium nach München berufen worden. Wie sehr er sich schon im Jahre 48 an der politischen Bewegung des Vaterlandes beteiligte, geht aus der folgenden Äußerung eines Zeitgenossen hervor: »Brater warf sich mit jugendlichem Feuer und dem heißen Drang des deutschen Patrioten in die politische Strömung und trat mit Erfolg als Redner bei den Wahlversammlungen auf. In Verbindung mit den Brüdern Friedrich und Theodor Rohmer entwickelte er eine lebhafte publizistische Tätigkeit in bayrischen Zeitungen und seine Artikel erregten durch maßvolle Haltung bei aller kritischen Schärfe, sowie durch ihren glänzenden Stil allgemeines Aufsehen.«
Daß Pauline die längst still in ihr keimende Liebe zu dem bedeutenden Manne für einseitig und aussichtslos hielt, kann uns bei der bescheidenen Meinung, die sie von sich selbst hatte, nicht wundern. Sie war nun 21 Jahre alt, eine kleine, äußerst bewegliche, anmutige Gestalt. Konnte man sie auch nicht geradezu schön nennen – dazu war schon die Pfaffsche Nase zu energisch – so war doch das rosige, frische, von dunklem Haar eingerahmte Gesicht mit seinem offenen, allezeit fröhlichen Ausdruck herzgewinnend und erfreulich anzusehen. Aber sie war sich ihres Reizes durchaus nicht bewußt und verschloß tief im Herzen ihre geheime Liebe. Als Karl Brater im Herbste des Jahres 1848, noch nicht 30 Jahre alt, einem ehrenvollen Ruf als Bürgermeister in die Stadt Nördlingen folgte, schien er vollends aus ihrem Gesichtskreis zu entschwinden.
Es trat aber in dem Geschick ihres Bruders Hans eine Wendung ein, die auch ihr Leben beeinflussen sollte. Durch den Tod der adeligen Dame, deren Kinder er unterrichtete, wurde sein längeres Verweilen in dieser Stellung unmöglich, um so mehr als er eine tiefe Neigung zu der jüngsten Tochter des Hauses gefaßt hatte, eine Neigung, die zwar von ihr erwidert, aber von dem Vater nicht begünstigt wurde. Die Kluft zwischen Adeligen und Bürgerlichen, die schon so viele Liebende unglücklich gemacht hat, hielt auch diese beiden auseinander und Hans verließ das Haus ohne Hoffnung auf Wiederkehr.
Nun bot sich auch ihm eine Stelle in Nördlingen, als Subrektor an der dortigen Gewerbeschule. Dem jungen Manne mit der hoffnungslosen Liebe im Herzen erschien es trostlos, allein in der fremden Umgebung als Junggeselle zu leben, und bald tauchte der Plan auf, daß die Schwester zu ihm ziehen und ihm eine bescheidene Häuslichkeit bereiten solle.
Pauline, so bereitwillig sie sonst da und dorthin zur Aushilfe ging, so lieb sie ihren Bruder Hans hatte, nahm es doch nicht leicht, auf seinen Vorschlag einzugehen; es ist, als hätte ihr eine Ahnung gesagt, daß sie sich damit für immer aus dem Elternhause lösen sollte.
Sie schreibt darüber an ihre Schwester Luise Sartorius im April 1849:
Liebe Luise!
Obwohl eigentlich das Schreiben nicht an mir ist, so könnte es mir dieses Mal doch zu lange werden, Deine Antwort abzuwarten, indem unser Briefwechsel so unregelmäßig geführt wird, daß die Mathematik dabei gar nicht ins Spiel gebracht werden kann und man voraussetzen muß, daß ein Brief bei uns viel mehr Störungen erleidet als weiland der Komet, der um drei Stunden zu spät ankam. Nun sollst Du aber auch erfahren, durch welch höheren Einfluß dieser Brief beschleunigt wird.....
Du wirst bereits aus diesen Dingen den Schluß gemacht haben, daß ich nach Nördlingen gehe. Die Sache wurde während Hans’ Anwesenheit zur Entscheidung gebracht, der uns vor 14 Tagen durch seine Ankunft freudig überraschte. Übrigens gibt es viel mehr Schwierigkeiten dabei zu überwinden, als ich bisher gedacht hatte, und ich nehme überhaupt jetzt alles recht schwer. Der Hans ließ gar keine Bedenklichkeiten gelten und ich wünsche nur, daß es ihn nicht reut, denn wir werden gehörig viel Geld für den Anfang brauchen, da wir uns z. B. auch mit Möbeln selbst versehen müssen, und da er bisher alles aufbrauchte, so müssen wir gleich mit Schulden anfangen. Das Schlimmste dabei scheint mir das zu sein, daß ich natürlich nach so viel Ausgaben viel mehr gebunden bin und nicht ungeniert zu jeder Zeit zur Mutter zurückkehren kann, welcher Gedanke mich mit großem Heimweh erfüllt. Was ich Dir sonst noch drüber schreiben könnte, will ich aufschieben bis auf Nördlingen selbst, wohin ich also Anfang Mai reisen werde.
Hier geht nun wieder alles im alten Geleise, während des Hans Anwesenheit waren wir sehr vergnügt. Wir experimentierten wieder mit der Luftpumpe und mit der Elektrizität, wo mir bei letzterem besonders interessant war, wie Wasser in seine beiden Grundstoffe zersetzt und aufgelöst ward. Ich dachte immer dabei an Dich, es hätte Dir Freude gemacht zuzusehen. Auch der Tubus wurde aus seinem Schlaf aufgerüttelt und mußte uns alles Sehenswerte am Himmel zeigen. Wenn Du einmal wieder die Venus betrachtest, so bedenke, daß sie gegenwärtig aussieht wie ¼ Pfund Butter, wie ihn die Heinrike formt....... Nun lebe recht wohl, ich bin begierig, wieder etwas von Euch zu hören.
Deine Pauline.
III. 1849–1850
Im Sommer des Jahres 1849 zogen Hans und Pauline nach Nördlingen, der ehemaligen freien Reichsstadt, im bayrischen Schwaben. Noch heute sind die alten Mauern und Tore gut erhalten und bieten, von Gärten und Obstbäumen umgeben, einen malerischen Anblick.
Vor dem einen der alten Tore, dem Löpsinger, liegt ein Anwesen: die Bleiche. Die Familie Senning, die das Gut bewirtschaftete, hatte den Geschwistern eine Wohnung im untern Stock des Hauses vermietet, wo diese nun in bestem Einvernehmen lebten. Wenn Hans morgens in seine Schule stürmte – sein lebhaftes Temperament trieb ihn immer zum Sturmschritt –, so kochte und wirtschaftete Pauline in dem kleinen Heimwesen; brauchte sie guten Rat in dem fremden Städtchen, so fehlte es ihr daran nicht, denn bald öffnete sich dem Geschwisterpaar freundlich eines der angesehensten Häuser der Stadt: die Beck’sche Buchhandlung. Neben dem geistig hervorragenden Leiter des Geschäfts waltete hier eine seelengute Frau in schön geordneten Verhältnissen, glücklich als Gattin und Mutter. Frau Beck war nur wenige Jahre älter als Pauline und kam der jungen Fremden freundlich entgegen.
Und noch ein anderer Verkehr gab dem Leben auf der Bleiche seinen besonderen Reiz. Es fand sich dort eine kleine Erlanger Kolonie zusammen, denn mit dem Frühjahr war Julie Brater, die ihrem Bruder im Alter am nächsten stand, zu ihm, dem Bürgermeister, gezogen, um ihm Haus zu halten. Die beiden Geschwisterpaare verkehrten viel miteinander, und als Familienverhältnisse Julie wieder abriefen, kam der verlassene Bruder um so lieber auf die Bleiche. Sonntag nachmittags fand er sich regelmäßig zu Kaffee und nachfolgendem gemütlichen Kartenspiel bei den Geschwistern ein.
Nun könnte man meinen, daß der in Amt und Würden stehende Herr Bürgermeister Pauline noch mehr eingeschüchtert hätte, als es der frühere Rechtspraktikant getan. Aber dem war nicht so. Jetzt, wo sie die Hausfrau vorzustellen hatte, vergaß sie über der Fürsorge die Befangenheit. Sie mußte es ja auch empfinden, wie behaglich es dem Gaste zu Mute war, wenn sie alle drei an dem kleinen Kaffeetische beisammen saßen. Wo hätte der junge Bürgermeister sich so offen und vertrauensvoll aussprechen können wie bei diesen alten Bekannten? Sie waren die Erlanger, den Nördlingern gegenüber. Alte Beziehungen, selbst wenn sie vorher nur lose waren, gewinnen sofort an Wert, wenn sie vereinzelt unter neu geknüpften stehen. Dazu kam der gemütliche Tarock; die Pfaffs waren alle gute Spieler. Der Spieleifer läßt aber keinen Raum mehr für Befangenheit; dem Gegner im Spiel wird mit aller List und Schlauheit geschadet, wo es nur möglich ist, dem Partner wird alles Gute zugewendet, leidenschaftliche Parteinahme herrscht; aber ein paar Minuten später sind die Karten wieder zusammen geworfen, Freundschaft und Feindschaft ist aufgehoben und vollständige Neutralität waltet, bis aufs neue gegeben ist. Pauline vertrat stets die Ansicht, daß das Kartenspiel eine vorzügliche Übung in der Selbstbeherrschung sei und sie schätzte diejenigen Menschen hoch ein, die liebenswürdig verlieren konnten.
In dieser Häuslichkeit lernte Karl Brater die Schwester seines Freundes genauer kennen. Nun verhüllte sich ihm nicht mehr, was für ein Schatz von geistigen und gemütlichen Eigenschaften in diesem jungen Wesen ruhte und nur wartete, bis er sich voll entfalten und auswirken dürfte. Auch sah er das junge Mädchen jetzt losgelöst von der mütterlichen Haushaltung, in einem kleinen geordneten Revier, das sie sauber und nett im Stande hielt, was seiner an Ordnung gewöhnten Natur Bedingung des Behagens schien. So kam der Entschluß, den er in den Erlanger Jahren wohl schon überlegt hatte, aber damals nicht fassen konnte, zur Reife.
In einem Brief an seine Schwester Julie vertraute er dieser seine Liebe an und schreibt dann weiter: »Im allgemeinen vermute ich, daß Ihr zwar nichts dawider hättet, wenn ich das Freien noch einige Jahre ganz bleiben ließe, – meine unparteiische Meinung ist das wenigstens – daß Ihr aber mit der Wahl zufrieden seid. Pauline hat wirklich vollgezählt acht vortreffliche Eigenschaften: Große Gutmütigkeit, viel Menschenverstand, muntere Laune, Schmiegsamkeit, praktisches Geschick, Häuslichkeit, körperliche Gesundheit, angenehme und hübsche Züge; mit etwas graziöserem Gang, schlankerer Taille, temperierterer Gesichtsfarbe wäre sie sogar eine Schönheit. Sie ist mit einem Wort eine so gesund organisierte Natur, wie ich unter allen Mädchen meiner Bekanntschaft keine getroffen habe. Arm ist sie freilich, aber ich habe mir diesen Einwurf ohne recht befriedigenden Erfolg alle Tage gemacht.
Von Dir möchte ich jetzt erfahren, da Du doch hier ziemlich vertraut mit ihr geworden bist, was Du von ihrem Herzenszustand weißt. Sie scheint mir so unbefangen, daß ich an einen Konkurrenten nicht recht glauben kann. In ihrem Benehmen gegen mich finde ich eine gewisse Schüchternheit, die ich sogar zu meinen Gunsten auslegen könnte, wenn sie nicht plausibler durch mein ziemlich schroffes Benehmen erklärt wäre. Du wirst keinen Anstand nehmen, mir Aufschluß zu geben, soweit ich ihn brauche und wenn es mir deine Antwort, die du umgehend schreiben mußt, nicht unmöglich macht, wate ich nächsten Samstag durch fußtiefen Schnee zur Brautwerbung.
Die Sache bleibt natürlich noch vollständiges Geheimnis. Schreibe mir auch, daß Ihr mir die Freude gönnt und Euren Segen dazu gebt, wenn’s zustande kommt.«
Aus diesem »Ihr« ist wohl zu schließen, daß auch die Mutter in das Vertrauen gezogen war.
Die treue Schwester scheint sich nicht besonnen zu haben, ob denn die Sache wirklich so eile, sie hat umgehend geantwortet. Es ist oft erheiternd zu sehen, wie dringend und plötzlich auch bei sonst ruhigen und überlegten Naturen die Brautwerbung ausgeführt und durchaus nicht mehr eine gelegene Stunde abgewartet wird. Kennen wir doch einen, der schickte seinen Werbebrief durch einen Eilboten, der nachts um zwei Uhr anlangte, die Liebste samt ihrem Vater aus dem Schlafe schreckte und die Antwort noch in nächtlicher Stunde zurückbringen sollte!
So hat auch Karl Brater, als er die günstige Antwort der Schwester in Händen hatte, es für nötig befunden, noch am Samstag sich durch tiefen Schnee hindurch zu arbeiten nach der Bleiche, wo man an diesem Nachmittag wohl am wenigsten einen Besuch erwartete. Er ist als glücklicher Bräutigam abends wieder durch das Löpsinger Tor zurückgekehrt in seine weitläufige, einsame Amtswohnung, während die glückselige Braut sich flugs hinsetzte, um der Mutter die wonnesame Kunde mitzuteilen.
Frau Pfaff saß diesen Winter viel einsam in ihrem früher so belebten Zimmer. Ihr Sohn Fritz, der sich auf die akademische Laufbahn vorbereitete, war der einzige, der noch bei ihr wohnte. Zu arbeiten hatte sie trotzdem noch vollauf, die treue Mutter, immer gab es zu stricken, zu nähen und zu spinnen für die großen Kinder und die kleinen Enkel, aber in der einsamen Arbeit bedrückten die Sorgen sie mehr als früher, wo fröhliche Jugend sich um sie tummelte. All die auswärtigen Kinder schrieben ja heim über ihre Sorgen und deren gab es so viele. Und für Pauline, deren Briefe immer heiter lauteten, für sie sorgte sich das Mutterherz dennoch. Was sollte aus ihrer »Line« werden, wenn die Brüder sie nicht mehr brauchten und sie, die Mutter, nimmer da sein würde? Sie mochte sich diese ihre geliebte Jüngste nicht vereinsamt vorstellen und bekümmerte sich darüber, wenn sie so allein in der langen Dämmerung der Winterabende saß und strickte.
In solchen Gedanken mag sie wohl der Postbote getroffen haben, der ihr an einem Dezemberabend den Brief aus Nördlingen brachte. Eifrig hat sie dann wohl Feuer geschlagen, um das Unschlittlicht anzuzünden, hat ihre große Brille aufgesetzt und gelesen, was hier im Brief stand: daß ihre Pauline die glückselige Braut sei von Karl Brater! Ei, wie wird die gute Frau mit ihrer Freudenbotschaft zu ihrem Fritz geeilt sein und dann in all ihrer Lebhaftigkeit hinüber zu Frau Brater. Wie muß ihr gutes Gesicht geleuchtet haben unter dem Häubchen und wie schief mag dies in der Eile auf dem Kopfe gesessen sein! Wie werden die beiden Mütter sich besprochen haben über ihrer Kinder Glück! Vor uns liegen die ersten Briefe, die sie an das Brautpaar schrieben, diese sollen nicht umsonst so treulich bewahrt worden sein. Wir nehmen die alten Blätter und lesen was darin steht von Glück und Dankbarkeit. Groß und deutlich sind die Schriftzüge, in denen Frau Pfaff auf das nächste derbe Schreibpapier, das sie zur Hand hatte, an ihre Tochter schrieb:
Geliebtes, teures Kind!
Könnte ich Dir doch mit Worten die Freude und Empfindungen ausdrücken, die Dein Brief in mir hervorbrachte, so ist ja jetzt mein höchster Wunsch, Dich glücklich zu wissen, erfüllt und die einzige Sorge, die mir auch den Abschied vom Leben erschwert hätte, mir abgenommen; ich wüßte niemand in der Welt, dem ich so mit Vertrauen mein bestes Gut gegeben hätte als Brater und mit keiner Familie war ich ja seit vielen Jahren so befreundet wie mit dieser, von der Du so mit Liebe aufgenommen bist. Gott segne euch und gebe, daß all die Hoffnungen und Wünsche erfüllt werden, die uns heute alle bewegten. Mich hat die Nachricht vollkommen überrascht, ich hatte gar keine Ahnung davon, und da mir die Brautschaft von Aurore und Luise so manche Sorge gemacht hat, bin ich jetzt um so glücklicher, überhaupt war mir es heute den ganzen Tag, wie wenn ich gar nichts Trauriges erfahren hätte und mein Leben ein herrliches gewesen wäre; ach und im ganzen ist es auch so, ich war so glücklich mit eurem Vater, daß ich auch in schweren Stunden mir nie gewünscht hätte, daß es anders sein möchte, es ist ja doch das einzige wahre Gut im Leben, alles andere ist Scheingut und muß abgelegt werden wie ein Kleid; aber diese Empfindung und Liebe reichen auch gewiß noch über dieses Leben hinaus. Grüße Brater herzlich und sage ihm, mit welcher Freude ich ihn als Sohn aufnehme. Könnte ich mit Worten ausdrücken, was mich innerlich bewegt, so hätte ich ihm heute auch noch geschrieben, allein ich kann mich noch gar nicht recht fassen; wäre doch die Zeit schon vorüber, bis ihr kommt.
An Luise und Tante Adelheid habe ich sogleich geschrieben, auch Siegfried und Heinrich und Coloman will ich morgen Nachricht geben. Die Teilnahme hier ist herzlich, Canstat kamen die Tränen ins Aug und er sagte mir, sagen Sie Pauline, wie innig ich mich freue, sie glücklich zu wissen, obschon es mein Wunsch war, sie noch einmal bei uns zu haben, denn ihr Leben bei uns hat mir wirklich wohlgetan. Alles freut sich, bis ihr kommt.
Nun lebet wohl, geliebte Kinder, Gott segne und erhalte Euch.
Mit treuer Liebe Eure Mutter.
Der Bruder Fritz setzt einige Worte unter seiner Mutter Brief; neckend, wie es so der Brüder Art ist, schreibt er: »Wenn man deinetwegen einen Schwager haben muß, so ist der Braters Karl mir noch der liebste.«
Der Glückwunsch, den die junge Braut von der künftigen Schwiegermutter erhielt, ist auf feinem Postpapier sorgsam geschrieben. Er lautet:
Meine liebe Pauline!
Gewiß ist es Dir nicht entgangen, wie ich Dir von jeher mit besonderer Vorliebe zugetan war, und Du wirst Dich nicht wundern, daß es immer ein stiller Wunsch von mir gewesen, daß Du und unser lieber Karl Euch in gegenseitiger Liebe begegnen möchtet! Dieser Wunsch ist nun zu meiner unaussprechlichen Freude in Erfüllung gegangen, ich sehe meines geliebtes Sohnes dauerndes Glück an Deiner Seite begründet, und begrüße Dich mit wahrer Innigkeit als meine teure Tochter! Möge der gnädige Gott den Bund Eurer Herzen segnen und Euer gegenseitiges Bemühen, Euch das Leben zu versüßen! Schenke auch mir künftig eine kindliche Liebe, meine gute Pauline, und erfreue mich schon jetzt mit einem zutraulichen Du! Mit wahrer Freude wirst Du von allen Verwandten als ein neues teures Glied aufgenommen und alle sehen mit Verlangen der nahen Weihnachtszeit entgegen, wo unser Karl Dich uns zuführen wird. Wie schade, daß Dich nicht auch unser Luischen mit uns hier erwarten darf, sie die einen Teil ihres Lebensglückes in Deiner warmen Freundschaft findet; teile ihr nur eiligst die Nachricht von Eurer Verbindung mit.
Daß Deine gute Mutter mir künftig so nahe befreundet sein wird, sie die ich nebst ihrer ganzen Familie so sehr schätze, ist kein kleiner Zuwachs meiner Freude. Emilie schreibt Euch selbst, Julchen hat geschrieben, Emma Schunck wird wohl schreiben.
So leb denn wohl, liebes Töchterchen, Du hochgeliebte Braut Deines überseligen Bräutigams, und sei auf das herzlichste umarmt von Deiner mütterlichen Freundin
Ch. Brater.
Luischen grüße mir tausendmal, sie bekommt an Weihnachten einen Brief von mir.
Mit diesem Brief wurde zwischen Schwiegermutter und Tochter ein Verhältnis angebahnt, das nie durch einen Mißton getrübt ward. Mag das auch selten vorkommen und das Wort Schwiegermutter nicht ganz ohne Grund verrufen sein, manchmal gestaltet das Verhältnis sich doch zu einem besonders zarten, beglückenden. Es ist, wie wenn von der Verehrung und Herzensneigung, die die Verlobten sich entgegenbringen, etwas überginge in die Empfindung der Mutter zu ihrem Schwiegerkind. Freilich wird es nicht die fest gegründete, kaum zu erschütternde Liebe sein wie zwischen Mutter und Kind, auf die man unter allen Umständen baut, auch einmal rücksichtslos rechnen kann, vielmehr wird diese Liebe wie die bräutliche bewahrt und gepflegt werden müssen. Das hat Karl Braters Mutter verstanden, ihre Güte und Nachsicht war für Pauline eine köstliche Dreingabe zum ehelichen Glück.
Rührend ist auch die Freude, die Schwester Luise Sartorius über die Verlobung ausspricht; sie war nicht ganz ahnungslos gewesen von dem, was im Herzen der jüngeren Schwester geschlummert hatte. Sie schreibt aus Schweinfurt:
Liebste Pauline!
Als ich diesen Morgen Braters Handschrift auf der Adresse seines Briefs erkannte, erschrak ich so, daß ich am ganzen Leib zitterte, denn ich dachte, er müsse entweder etwas sehr Frohes oder etwas Trauriges enthalten. Gott sei Dank, daß es das erstere war. Nun war ich aber auch ganz außer mir, und seit ich verheiratet bin, habe ich meinen Mann nicht so stürmisch umarmt und geküßt. Wie leid tut es mir, daß ich sonst niemand habe, dem ich mein volles Herz ausschütten kann, denn wenn ich es auch hier meinen Bekannten erzähle, so wissen sie doch nicht, was es für ein kostbarer Schatz ist, den Du davongetragen, und sie freuen sich nicht mehr darüber, als wenn Du den ersten besten Philister heiraten würdest. Liebe Pauline, obwohl wir nie ein Wort über diesen Gegenstand sprachen, so glaube ich doch, daß wir uns verstanden haben, ich mache Dir deshalb gar keine Vorwürfe, daß Du nicht offener gegen mich warst, denn ich selbst vermied es, diesen Gegenstand zu berühren. Nun brenne ich aber vor Begierde, etwas Näheres von Dir selbst zu hören, und ich hoffe, daß ich nicht die Allerletzte bin, an die Du schreiben wirst. – Ach Gott, wie ist es mir so verleidet, daß wir hier so hinausgestoßen sind. Was wird jetzt für eine Freude in der ganzen Familie sein und wir können sie nicht mitgenießen! Doch will ich nicht undankbar sein, denn als ich die Nachricht erhielt, dachte ich, ich wollte nun ganz zufrieden sein und gar nichts mehr wünschen, da mir dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist, und nun drängen sich gleich wieder Wünsche auf. – Nun lebe wohl und ich wünsche nur noch, daß Dir nichts Dein Glück trüben möchte. Die Kinder haben sich sehr gefreut, weil sie sahen, daß ich so vergnügt war, mein Mann natürlich auch und er läßt Dir durch mich die herzlichsten Glückwünsche sagen.
Deine treue Schwester Luise.«
Nur eine Stimme in den Briefen, die uns erhalten sind, klingt anders. Eine treue Tante des Bräutigams, Frau Schunck, führt, wohl nur zum Spaß, eine Äußerung ihres Sohnes an. Sie schreibt an Pauline: Mein Karl aber schüttelt den Kopf und sagt: »Der Braters Karl und die Pfaffs Pauline? Wenn das gut geht, so will ich’s loben!«
Diesem jungen Vetter kam es demnach nicht vor, als ob die Brautleute zusammenpaßten. Freilich zusammenpassend in dem Sinn, daß sie sich ähnlich gewesen wären, konnte man die beiden sowie ihre Familien nicht nennen und deshalb darf Karl Schunck mit Fug und Recht den Kopf schütteln. Gewiß gibt es auch glückliche Ehen trotz großer Verschiedenheit der Brautleute, aber es ist doch gewagt, darauf zu rechnen. Oft sehen wir, daß zwei an sich gute Menschen doch keine harmonische Ehe führen, weil ihre Naturen und Anschauungen zu verschieden sind. So fühlt sich der eine Teil, der etwa poetisch angelegt ist, verletzt durch den nüchternen, der gesellige gehemmt durch den in sich gekehrten, der mitteilsame bedrückt durch den einsilbigen; der phlegmatische bringt den leichtlebigen zur Verzweiflung, der orthodoxe entsetzt sich über die Ansichten des liberalen, der modern gerichtete hält den altmodischen für rückständig.
Wo die Ehe zwischen so verschieden Gearteten dennoch eine wahrhaft beglückende wird, kommt es meist daher, daß der eine Teil sein Wesen, seine Anschauungen von der Familie überkommen, aber sich innerlich nicht zu eigen gemacht und bald hineinwächst in die Art des andern oder auch, daß die beiden neben aller Verschiedenheit durch eine Seite ihres Wesens mächtig und dauernd angezogen werden, sich auf diesem Gebiete begegnen, beglücken und dann edel oder klug genug sind, um den andern in seiner Eigenart ungestört zu lassen, nicht zu verlangen, daß er sich ändere.
Bei den Familien Pfaff und Brater hatte schon die Freundschaft zwischen den Müttern, den Söhnen und den Töchtern bewiesen, daß trotz der Verschiedenheit diese Naturen harmonieren konnten. Mochte auch die Familie Brater eine gewisse Formlosigkeit der Familie Pfaff mißbilligen und wiederum im Haus Pfaff das Gesetzte der Familie Brater als pedantisch empfunden werden, so stimmten sie doch vollständig überein in der idealen Lebensanschauung und der Begeisterung für alles Edle, Große; in lauterer Wahrheitsliebe und bescheidenen Lebensansprüchen.
So war im tiefen Grund viel Gleichartiges, aber das Verschiedene mochte den Fernstehenden mehr in die Augen fallen, wie wir aus des jungen Vetters Äußerung entnehmen.
Pauline blieb zunächst noch bei dem Bruder auf der Bleiche. Kleine Liebesbriefe flogen gelegentlich von dort in das Polizeigebäude, wo der Bürgermeister seine Amtswohnung hatte.
Ein solches Blättchen von der Hand der Braut liegt vor uns, es war wohl ihr erster schriftlicher Gruß an den Bräutigam; er hat weder Anrede noch Unterschrift, beides wollte vielleicht dem jungen Mädchen noch nicht recht aus der Feder; der Bräutigam hat es vermutlich am Morgen nach der Verlobung erhalten. Es lautet:
»Ob ich’s noch erlebe, daß Du einmal wieder herauskommst? Wie machen’s denn die Leute, daß ihnen die Zeit vergeht, ich habe es ganz vergessen. Du mußt aber doch nicht früher kommen als Du ohnedem gekommen wärst, ich schreibe es nicht deshalb, denn ich habe Dich so schon in ein rechtes Elend gestürzt; übrigens wenn gleich Du es bist, mein lieber Schatz, der von Rechts wegen keine Unüberlegtheiten zutage fördern soll, so scheint mir dieses doch eine Ausnahme von der Regel, daß Du Dich erstens bei -10° R. verlobtest, und zweitens mit einem Individuum, das auf der Bleiche wohnt, doch – ›s’ ist schon so‹, mach eben jetzt gute Miene zum bösen Spiel. Lache mich nicht aus ob diesem Zettelchen, ich hätte Dir gar nicht geschrieben, aber da sind sie gekommen und haben gefragt, ob ich nichts in die Stadt zu bestellen habe, das war mir doch zu verführerisch, deshalb hast Du nun hier meinen Gruß.«
Zu Weihnachten kamen die Verlobten nach Erlangen, ihr Besuch war wohl ein Höhepunkt des Glückes für beide Familien. Pauline hat dies erste Heimkommen als Braut gelegentlich geschildert: Ihre Mutter wußte, daß sie kommen würde, aber zu Hause war sie dennoch nicht, auch Bruder Fritz nicht, die Wohnung war verschlossen. Frau Pfaff hatte irgend ein Geschäft auswärts, vielleicht mußte sie nach der Wäsche sehen auf dem Trockenboden oder dergl. Dieses zurückzustellen, weil Pauline kam, oder gar für die eigene Tochter irgend welchen Empfang zu richten, wäre ihr gar nicht in den Sinn gekommen. Pauline wußte ja, wo in solchen Fällen der Schlüssel versteckt lag, sie fand Einlaß in die Wohnung und wartete da in Ungeduld, bis die Mutter von ihrem Ausgang heimgesprungen kam und sie sich zusammen an dem kalten Dezembertag einen Kaffee kochen konnten. Manchmal hat sie in späteren Jahren diese Einfachheit, die die Jugend in der Bescheidenheit erhielt, als nachahmenswertes Beispiel gerühmt, wenn sie sah, wie etwa für eine von der Reise heimkehrende Tochter übertriebene Empfangsvorbereitungen getroffen und die eigenen Kinder gefeiert wurden. An so etwas dachte allerdings Frau Pfaff nicht und doch war Pauline ihr Liebling und sie freute sich unsäglich über deren Glück, und ging mit allem Eifer daran, die Vorbereitungen für ihre Verheiratung zu treffen. Dieser Verbindung konnten die beiden Mütter ganz sorglos entgegensehen und Frau Pfaff, die immer unter der Geldnot gelitten hatte und die ihre älteste Tochter mit derselben Not kämpfen sah, empfand es als eine ganz neue und ungewohnte Freude, daß dieses Gespenst hier nicht drohte; eine schöne Carriere war ihrem Schwiegersohn, dem hervorragenden Juristen, sicher, ihre Pauline sollte es gut bekommen, in so jungen Jahren schon Frau Bürgermeisterin werden und eine große Amtswohnung mit Garten beziehen, welcher Reichtum!
Noch für kurze Zeit kehrte Pauline zu dem Bruder zurück und diese Zeit benützte der Bräutigam, um ein Bild seiner Braut malen zu lassen. Der berühmte Porträtmaler Alexander Bruckmann übernahm den Auftrag und führte ihn zu großer Befriedigung aus. Von diesem Ölbild ist die Photographie abgenommen, die unserem Buch als Titelbild beigegeben ist. Pauline war schon nach Erlangen abgereist, um ihre Aussteuer zu besorgen, als das Bild in schönem Rahmen in die Bürgermeisterswohnung geliefert wurde. Der Bräutigam schreibt ihr darüber:
»Heute Morgen hat Dein Bild seinen Einzug gehalten. In Gesellschaft betrachtet hat es etwas à la Le Bret an sich, aber wenn ich unter vier Augen mit ihm bin, verwandelt es sich, wie ich heute gesehen habe, und entwickelt so liebenswürdige Eigenschaften, daß Du eifersüchtig werden könntest. Nur etwas zu spröd finde ich seine Haltung, denn aus seinem sanften gemäßigten Lächeln ist es nicht heraus zu schrecken, während das Original doch manchmal in Feuer und Leidenschaft gerät.«
Da die Hochzeit schon auf Ostern festgesetzt wurde, mußte in Erlangen fleißig an der Aussteuer gearbeitet werden. Aus dieser Geschäftigkeit heraus gab Pauline ihrem Bräutigam eine wenig verlockende Schilderung:
»In unserem Haus sind nun die Näherinnen und der enge Raum ist voll Unordnung, Dunkelheit, Staub, Bettfedern, und um die Mannigfaltigkeit des Anblicks zu vervollkommnen, eine überall hin verteilte mineralogische Sammlung (von Fritz). Wenn man sich umher bewegt, wird man voll Bettfedern, an meinen Haaren und Kleidern trage ich immer eine halbe Gans herum. Trotz all der Wüstenei, die mich umgibt, bin ich doch eine ganz vereinsamte Kreatur, ich komme mir vor wie einer, der aus der Welt hinausgefallen ist, überall wohin ich schaue ist nichts und gar nichts, du darfst wohl Mitleid mit einem so armseligen verlassenen Menschen haben und ihm einen Brief schreiben.«
Er läßt auch sein »Herzkind« nicht lange warten und erzählt ihr, wie auch er in Vorbereitungen für den künftigen Hausstand steckt:
»Unsere häusliche Einrichtung entwickelt sich. Es ist hübsch anzusehen, wie aus der öden Zelle eines Junggesellen sich so ganz allmählich der Wohnsitz einer Familie gestaltet. Die größten Fortschritte hat das Schlafzimmer gemacht und das ist, obwohl nur durch Zufall herbeigeführt, nicht mehr als billig. Denn alle andern Gemächer kann sich ein armseliger Junggeselle in beliebiger Zeit splendid und behaglich herstellen, nur an der Einrichtung des Schlafzimmers ist auf den ersten Blick der merkwürdige Unterschied erkenntlich. Es war mir seltsam vergnüglich zu Mut, wie ich vorhin in der Dämmerung hineintrat und alles fast schon bereit war, uns zu empfangen.«
Der Hochzeitstermin naht und der Braut wird bange trotz allen Sehnens. »Ich bin gestern abend furchtbar erschrocken«, schreibt sie, »wie ich den Mond wahrhaftig schon beinahe voll gesehen habe, das ist der letzte Termin, das letzte Viertel scheint schon in Nördlingen. Ich hab’s schon lang kommen sehen, daß es jetzt ernst wird!«
Was sie furchtsam machte, wußte er wohl: es war der Gedanke, den sie ihm gleich bei der Verlobung ausgesprochen hatte, daß sie ihm nicht genügen könne. Er hatte ihr versichert, sie würde bald anders empfinden und erkundigt sich nun darnach:
»Sage mir jetzt, wie steht es um deine Furchtsamkeit und zweifelsüchtige Selbstpeinigungen. Wie hat unsere grausame Trennung gewirkt, bindend oder lösend? Hast Du die wunderbare Erscheinung noch nicht bemerkt, daß der Raum ohnmächtig gegen uns ist, daß wir uns auf eine Distanz von dreißig Poststunden ununterbrochen in den Armen halten und hast Du nicht daraus gefolgert, daß wir gewiß mit Leib und Seele zusammen gehören? Jeden Morgen und Abend frage ich Dich: Du Kleingläubige und Zaghafte: ›Fürchtest Du Dich noch?‹ Immer hat sie bis jetzt ›ja‹ genickt, aber seit etlichen Tagen leichter und schwächer und es will mir erscheinen, als wollte sich’s allmählich in eine andere Bewegung verwandeln. Komm und gesteh – oder leugne auch, wenn es sein muß, aber komm nur, denn diese Distanzen von dreißig Stunden, wenn sie auch nur Illusion sind, ich kann sie doch nicht vertragen. Gute Nacht! Wenn Du im Schlaf durch ein Rauschen aufgestört wirst, so heiße Deine Nerven sich beruhigen, es ist nur ein Traum von mir, der Dich belauscht.«
Mehr und mehr drängen sich nun praktische Besprechungen in den Vordergrund des Briefwechsels und unsere Brautleute sind glücklich in der Kirche proklamiert. Der Bräutigam schreibt darüber:
»Heute abend komme ich von einer Waldpartie nach Hause und will gerade wieder gehen, um Hans und Bruckmann aufzusuchen, da stürzt mir atemlos der Kirchner Brunner nach. Zweimal habe er mich schon umsonst gesucht und es sei jetzt höchste Zeit. Der Herr Stadtpfarrer lassen sich empfehlen und anfragen, mit welchem Titel der Herr Bürgermeister wünschen, daß Ihre Fräulein Braut morgen proklamiert werde – Jungfrau oder Fräulein? Der Herr Stadtpfarrer meine, da die Eltern der Braut dasjenige gewesen sind, was sie gewesen sind, so lasse sich wohl das Prädikat ›Fräulein‹ anwenden. ›So,‹ sag’ ich, ›was ist denn der übliche Ausdruck bei angesehenen Bürgern oder Beamten?‹ ›Ja,‹ sagt der Kirchner achselzuckend, ›Jungfrau‹. ›Also,‹ sag’ ich, ›sagen Sie dem Herrn Stadtpfarrer meine Empfehlung und weil ich glaube, daß meine Braut auf den Titel ›Jungfrau,‹ der mir recht gut gefällt, gleichfalls Anspruch habe, laß ich ihn ersuchen, sich desselben zu bedienen.‹ Hierauf zog sich der Diener der Kirche zurück, bestürzt, daß ein Gnadengeschenk von solchem Wert abgelehnt werden könne und die Jungfrau P. P. ist heute (10.) proklamiert worden.«
Es folgen hierauf einige praktische Mitteilungen über Schreiner und andere Handwerksleute, aber der Gedanke, daß sie künftig in diesen Räumen leben wird, führt ihn bald wieder zum Ausdruck seiner Liebe: »Der Gedanke, daß auf der Welt ein Wesen ist, das nur für mich lebt und in mir, macht mich, so oft ich ihn fasse (wiewohl ich ihn kaum fassen kann), beinahe schwindeln vor Freude. Wenn ich in Deinen Augen meine Seele sich spiegeln sehe, so ist es wie eine Bürgschaft der Unsterblichkeit, denn ich fühle, daß meine Seele auch außer mir fortleben kann und fortlebt. Das ist die Kraft und Zuversicht, die ich – trotz Deiner Protestationen – durch Dich gewinne.«
Die Brautzeit geht ihrem Ende zu, am Donnerstag nach Ostern soll die Hochzeit sein; ein komischer letzter Auftrag der Braut fliegt auf einem Blättchen dem Bräutigam zu:
»Könntest Du mir nicht aus einem Zigarrenkästchen von mir, das in der Schublade einer Kommode steht und worin sich ein Wust von Blumen befindet und worunter sich eine mörderisch große weiße Rose befindet, diese große Rose mitbringen, es kann sie Eine anziehen. Jetzt leb geschwind wohl!«
Am 4. April 1850 fand in Erlangen die Hochzeit statt. Mit köstlichem Humor feierten die Brüder den Polterabend und Hochzeitstag ihrer kleinen Lieblingsschwester. Noch einmal hatte Frau Pfaff, die nun schon im 63. Lebensjahre stand, das Haus voll Gäste und Fröhlichkeit. Eine Mutter wie sie, die selbst ihr größtes Glück in der Ehe gefunden und dann als Witwe ihren ganzen Schatz von Liebe den Kindern zugewendet hat, kommt in einen merkwürdigen Widerstreit der Gefühle, wenn sie die letzte Tochter aus dem Hause scheiden sieht. Sie empfindet ja mit ihrem Kinde die ganze Seligkeit der jungen Liebe, darum strahlt ihr Gesicht von inniger Mitfreude, aber für sie selbst verschwindet die Sonne, die ihre Tage beleuchtet hatte, darum füllen sich die Augen dieses strahlenden Gesichtes immer wieder, und ganz gegen ihren Willen, mit Tränen. Und die Tochter, – wenn sie der Mutter treue Hand zum letztenmal drückt, wird auch übermannt von dem Schmerz und weiß, daß sie in diesem Augenblick zugleich von der harmlosen Jugendzeit Abschied nimmt. Aber dann wendet sie sich dem jungen Gatten und damit dem neuen Leben zu und am nächsten Tag ist’s nur noch die Mutter, die mit den Tränen kämpft, während sie beiseite räumt, was in dem verlassenen Mädchenzimmer zurückgeblieben ist von ihrem herzlieben Kind.