Lassalle und Bismarck.
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Was Lassalle nach dem „Bastiat-Schulze” gesprochen und geschrieben hat, trägt immer deutlicher die Züge der inneren Ermattung, der geistigen Abspannung. Die Energie ist nicht mehr die ursprüngliche, das natürliche Produkt des Glaubens an die eigene Kraft und die Stärke der verfochtenen Sache, sondern nur noch eine erzwungene. Man vergleiche das „Arbeiterprogramm” mit der Ronsdorfer Rede, die Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter” mit der Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß, und man wird das hier Gesagte verstehen. Die innere Kraft ist gewichen und Kraftausdrücke treten an ihre Stelle, logisches Blendwerk ersetzt die zwingende logische Beweisführung, und statt zu überzeugen, verlegt sich Lassalle immer mehr auf das Überschreien. Was er vor kurzem noch den Fortschrittlern vorgeworfen, tut er jetzt selbst — er berauscht sich in erdichteten Erfolgen.
Im Hochverratsprozeß braucht Lassalle zu seiner Verteidigung gegen die Behauptung der Anklage, daß der Hintergedanke seiner Agitation die schließliche Anwendung der physischen Gewalt sei, mit großem Geschick das Bild des Schillerschen Wallenstein am Vorabend von dessen Übertritt zu den Schweden und zitiert die Verse des Monologs im ersten Akt von „Wallensteins Tod”:
„Wär's möglich? — könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte? Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt?”
Es ist merkwürdig, wie sehr diese Verse auf Lassalles eigene Situation um jene Zeit passen, wie sehr seine Lage der Wallensteins, als dieser jene Worte sprach, ähnlich war. Auch er hatte, wie der Friedländer — um sein eigenes Bild zu brauchen — „Dinge getan, welche er à deux mains verwenden konnte”. Er hatte sich nicht damit begnügt, die Vorgänge in der inneren und äußeren Politik objektiv zu studieren, um den günstigen Moment zur Aktion für seine Pläne auszunützen, er war bereits dazu übergegangen, mit dem Vertreter der einen der Mächte, gegen die er kämpfte, zu verhandeln, er war mit Herrn von Bismarck in direkte Unterhandlung getreten. Sicherlich konnte auch er noch wie Wallenstein sagen:
„Noch ist sie rein — noch! das Verbrechen kam Nicht über diese Schwelle noch!”
Noch war er keine Verpflichtungen eingegangen. Aber war er auch innerlich noch frei? Konnte nicht auch ihn die Logik der Tatsachen dazu treiben, die „Tat” zu vollbringen, weil er „nicht die Versuchung von sich wies”?
Daß Lassalle im Winter 1863/64 wiederholte und eingehende Besprechungen unter vier Augen mit dem damaligen Herrn von Bismarck hatte, ist heute über jeden Zweifel sichergestellt. Die langjährige Vertraute Lassalles, die Gräfin Sophie von Hatzfeldt, hat es im Sommer 1878, als Bismarck sein Knebelungsgesetz gegen die deutsche Sozialdemokratie einbrachte, aus eigner Initiative Vertretern derselben unter Hinzufügung der näheren Umstände mitgeteilt, und als August Bebel in der schon erwähnten Sitzung vom 16. September 1878 die Sache im deutschen Reichstag zur Sprache brachte, gab Bismarck tags darauf zu, Zusammenkünfte mit Lassalle gehabt zu haben, und suchte nur in Abrede zu stellen, daß es sich dabei um politische Verhandlungen gedreht habe. Bebel hatte, gestützt auf die Mitteilungen der Gräfin Hatzfeldt, gesagt: „Es drehte sich bei diesen Unterhaltungen und Unterhandlungen um zweierlei, erstens um Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts, und zweitens um die Gewährung von Staatsmitteln zu Produktivgenossenschaften. Fürst Bismarck war für diesen Plan von Lassalle vollständig gewonnen, er weigerte sich nur, wie Lassalle verlangte, sofort mit der Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts vorzugehen, bevor nicht der schleswig-holsteinische Krieg glücklich zu Ende geführt worden sei. Infolge dieser Meinungsverschiedenheit entstanden tiefe Differenzen zwischen Lassalle und dem Fürsten Bismarck, und es war nicht etwa der letztere, welcher die Unterhandlungen abbrach, sondern es war, wie ich ausdrücklich konstatieren muß, Lassalle, der den Bruch herbeiführte und erklärte, auf weitere Unterhandlungen sich nicht einlassen zu können.” Darauf antwortete nun Bismarck: „Unsre Unterhaltungen drehten sich gewiß auch um das allgemeine Wahlrecht, unter keinen Umständen aber jemals um eine Oktroyierung desselben. Auf einen so ungeheuerlichen Gedanken, das allgemeine Wahlrecht durch Oktroyierung einzuführen, bin ich in meinem Leben nicht gekommen.” Er habe es „mit einem gewissen Widerstreben”, als „Frankfurter Tradition” akzeptiert. Was die Produktivgenossenschaften anbetreffe, so sei er „von deren Unzweckmäßigkeit noch heute nicht überzeugt”. Nur hätten die damals eingetretenen politischen Ereignisse die Fortführung der in dieser Hinsicht angebahnten Versuche nicht gestattet. Übrigens habe nicht er, sondern Lassalle diese Zusammenkünfte gewünscht, ihn brieflich darum gebeten, und er, Bismarck, habe sich aus reiner Liebhaberei dazu herbeigelassen, Lassalles Wünschen zu willfahren. „Was hätte mir Lassalle bieten und geben können? Er hatte nichts hinter sich. In allen politischen Verhandlungen ist das do ut des (ich gebe, damit du gibst) eine Sache, die im Hintergrunde steht, auch wenn man anstandshalber nicht davon spricht. Wenn man sich aber sagen muß, was kannst du armer Teufel geben? — Er hatte nichts, was er mir als Minister hätte geben können.”
Es liegt auf der Hand, daß der Mann, der „offiziell noch nie gelogen” hat, hier mit der Wahrheit sehr unoffiziell umsprang. Um einer bloßen Unterhaltung willen wäre Lassalle nicht zum Minister gegangen, und würde dieser nicht den „revolutionären Juden” wiederholt — er selbst gesteht, daß es viermal gewesen sein könne, während Sophie Hatzfeldt behauptet hatte, daß es wiederholt drei- bis viermal in einer Woche gewesen sei — zu sich gebeten und mit ihm stundenlang disputiert haben. Weiter braucht man nur die Reden der Regierungsvertreter in der Kammer und die Artikel in der Regierungspresse aus jener Epoche nachzulesen, um sich zu überzeugen, wie stark sich das Ministerium Bismarck damals mit dem Gedanken trug, das allgemeine Wahlrecht einzuführen, und dazu gab es unter den obwaltenden Umständen kaum einen anderen Weg, als den der Oktroyierung. Lassalle selbst zitiert in der Verteidigungsrede vor dem Staatsgerichtshof einige derartige Äußerungen und knüpft daran im weiteren Verlauf die bekannten Erklärungen, die nun erst, nachdem seine Zusammenkünfte mit Bismarck bekannt geworden, richtig gewürdigt werden können:
„Der Staatsanwalt beschuldigt mich, das allgemeine und direkte Wahlrecht herstellen und somit die Verfassung stürzen zu wollen!
Nun wohl, meine Herren, obwohl ein einfacher Privatmann, kann ich Ihnen sagen: ich will nicht nur die Verfassung stürzen, sondern es vergeht vielleicht nicht mehr als ein Jahr, so habe ich sie gestürzt!
Aber wie? Ohne daß ein Tropfen Blutes geflossen, ohne daß eine Faust zur Gewalt sich geballt hat! Es vergeht vielleicht nicht ein Jahr mehr, so ist in der friedlichsten Weise von der Welt das allgemeine und direkte Wahlrecht oktroyiert.
Die starken Spiele, meine Herren, können gespielt werden, Karten auf dem Tisch! Es ist die stärkste Diplomatie, welche ihre Berechnungen mit keiner Heimlichkeit zu umgeben braucht, weil sie auf erzene Notwendigkeit gegründet sind.
Und so verkündige ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird vielleicht kein Jahr mehr vergehen — und Herr von Bismarck hat die Rolle Robert Peels gespielt, und das allgemeine und direkte Wahlrecht ist oktroyiert!”
Lassalle sagt freilich hierzu, er habe das von Anfang an gewußt, „schon an dem ersten Tage, an welchem ich durch den Erlaß meines Antwortschreibens diese Agitation begann, und es konnte niemand entgehen, der mit klarem Blick die Situation auffaßte”. Aber wenn es auch zweifelsohne richtig ist, daß man schon im Winter 1862/63 in Regierungskreisen die Frage in Betracht zog, ob es möglich sei, durch eine Änderung des Wahlgesetzes die fortschrittliche Kammermehrheit zu sprengen, und zu diesem Behufe in sozialer Frage zu machen begann[32], so würde Lassalle doch schwerlich mit dieser Bestimmtheit von einer bevorstehenden Oktroyierung des allgemeinen Wahlrechts gesprochen haben und immer wieder darauf zurückgekommen sein, wenn er nicht aus seinen Unterhaltungen mit Bismarck die Überzeugung gewonnen hätte, daß, ob nun vor oder nach Beendigung des dänischen Feldzuges, diese Oktroyierung beschlossene Sache sei.
Mehr glaubwürdig ist es dagegen, wenn Bismarck bestreitet, daß es zwischen ihm und Lassalle zu einem Bruch gekommen sei. Die Verhandlungen schliefen ein, als Lassalle sich nach vielem Drängen überzeugt hatte, daß Bismarck noch abwarten wollte, ehe er den immerhin gewagten Schritt unternahm — und darum spricht Lassalle auch immer nur von einer möglicherweise binnen Jahresfrist erfolgenden Oktroyierung. Aber daß die Verbindung noch nicht endgültig abgebrochen war, geht schon daraus hervor, daß Lassalle fortfuhr, von allen seinen Veröffentlichungen usw. durch das Sekretariat des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins” ein Doppelexemplar in verschlossenem Kuvert und mit der Aufschrift „persönlich” an Bismarck übersenden zu lassen.
Ebenso kann man Bismarck auch glauben, daß seine Verhandlungen mit Lassalle wegen des „do ut des” zu keinen bestimmten Abmachungen führen konnten. Zwar stand die Sache nicht so, wie Bismarck sie nachträglich protzenhaft mit der Phrase abtut: „Was kannst du armer Teufel geben? Er hatte nichts, was er mir als Minister hätte geben können.” Bismarck hatte es zu jener Zeit gar nicht so üppig, daß er nicht jede Hilfe brauchen konnte, und etwas konnte Lassalle ihm immerhin geben. Die Sache war nur die, daß es nicht genug war, um Bismarck zu bestimmen Lassalles Drängen nachzugeben. Vielleicht ist das auch mit einer der Gründe, daß Lassalle, der noch am 25. Juli 1863 an Vahlteich geschrieben hatte: „Sie können unsre Bevollmächtigten keine Unwahrheiten sagen lassen. Sie können sie also nicht auffordern, von 10000 Mitgliedern zu sprechen, während wir vielleicht nicht 1000 haben. Man kann schweigen über diesen Punkt, aber lügen schickt sich für uns nicht” — nach seiner Rückkehr nach Berlin in geradezu krankhafter Weise seine Erfolge übertrieb. Er wollte um jeden Preis eine Macht scheinen, wenn es ihm nicht gelang, mit wirklichen Massen aufzumarschieren. Aber Bismarck war durch andre Berichterstatter wahrscheinlich hinreichend darüber informiert, wie es in Wirklichkeit mit der Bewegung stand.
Und dann hatte es mit dem „Geben” auch sonst seine eigne Bewandtnis. Bismarck war sich schwerlich auch nur einen Augenblick im unklaren darüber, daß er an Lassalle nur so lange und nur insoweit einen politischen Verbündeten haben würde, solange dieses Bündnis im Interesse Lassalles und seiner politischen Zwecke lag — mit andern Worten, daß Lassalle genau so mit ihm verfahren würde, wie er mit ihm, d. h. sich unbarmherzig gegen ihn wenden würde, sobald er das von ihm erreicht hatte, was er brauchte. Davon mußte ihn die erste Unterredung mit Lassalle überzeugt haben, daß dieser nicht, wie Rodbertus einmal sehr gut von Bucher sagt, „ein Fisch ohne Gräten” war, sondern ganz gehörige Gräten und Stacheln hatte. Mit der Aussicht auf ein Pöstchen — von Geld gar nicht zu reden — war da nichts zu machen. Einmal das Wahlrecht gegeben, konnte Lassalle leicht sehr unbequem werden, also warum sich übereilen? Die Agitation Lassalles kehrte ihre Spitze ohnehin immer schroffer und einseitiger gegen die liberale Partei, und das war vorderhand alles, was Bismarck brauchte.
In seiner Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter”, gehalten am 16. Januar 1863, hatte Lassalle erklärt:
„Kann man bei uns selbst nur sagen, daß die Einführung des Dreiklassenwahlgesetzes den besitzenden Klassen, daß sie dem deutschen Bürgertum zur Last falle?... Die preußische Regierung ist es, nicht die besitzenden Klassen in Preußen, welche für alle Zeiten und vor allem Volk die Schuld und Verantwortlichkeit des oktroyierten Dreiklassenwahlgesetzes tragen wird.” Und: „Bourgeoisie und Arbeiter sind wir die Glieder eines Volkes und ganz einig gegen unsre Unterdrücker” — d. h. also gegen die Regierung.
Vor dem Staatsgerichtshof aber — am 12. März 1864 — ist ihm der Verfassungskonflikt in Preußen nur noch der Kampf zwischen dem Königtum und einer „Clique”. Dieser „Clique” könne das Königtum nicht weichen, „vollkommen wohl” aber könne es „das Volk auf die Bühne rufen und sich auf es stützen. Es brauche sich hierzu nur seines Ursprungs zu erinnern, denn alles Königtum ist ursprünglich Volkskönigtum gewesen.”
„Ein Louis-Philippsches Königtum, ein Königtum von der Schöpfung der Bourgeoisie könnte dies freilich nicht; aber ein Königtum, das noch aus seinem ursprünglichen Teige geknetet dasteht, auf den Knauf des Schwertes gestützt, könnte das vollkommen wohl, wenn es entschlossen ist, wahrhaft große, nationale und volksgemäße Ziele zu verfolgen.”
Das ist die Sprache des Cäsarismus, und im weiteren Verlaufe seiner Rede steigert Lassalle sie noch, indem er die bestehende Verfassung als eine vom Königtum der Bourgeoisie erwiesene Gunst hinstellt. Niemand lasse aber „gern aus seiner eigenen Gunst ein Halsband drehen, an welchem er erwürgt wird, und das ist niemand zu verdenken, und daher auch dem Königtum nicht”. Beständig auf das angebliche „Recht” hingedrängt, habe sich das Königtum „erinnert, daß es mehr in seiner Stellung läge, sich auf das wirkliche Recht zurückzuziehen und das Volk auf die Bühne zu führen, als einer Clique zu weichen und von einer Handvoll Personen sich aus seiner eignen Gunst ein Halsband winden zu lassen, an dem es erwürgt wird”. So würde er, Lassalle, sprechen an dem Tage, wo das Königtum die Verfassung gestürzt und das allgemeine Wahlrecht oktroyiert haben werde, wenn man ihn der intellektuellen Urheberschaft dieses Verfassungsumsturzes anklagte.
Lassalle war bereits so weit, daß er nicht nur durch die Tatsache seiner Agitation — was unter Umständen nicht zu vermeiden ist — der Reaktion vorübergehend einen Dienst erwies, er verfiel auch immer mehr darin, die Sprache der Reaktion zu sprechen. Gewiß konnte er noch immer mit Wallenstein ausrufen:
„Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht Mein Ernst, beschlossene Sache war es nie!”
Er spielte mit der Reaktion, glaubte sie seinen Zwecken dienstbar machen, sie selbst aber im gegebenen Moment mit einem Ruck abschütteln zu können. In diesem Sinne nannte er auch einmal der Gräfin Hatzfeldt gegenüber Bismarck seinen „Bevollmächtigten”. Aber er vergaß, daß es eine Logik der Tatsachen gibt, die stärker ist als selbst der stärkste individuelle Wille, und daß, indem er überhaupt um den Erfolg spielte, statt auf die eigne Kraft der Bewegung zu vertrauen und ausschließlich ihr seine Energie zu widmen, er nach seiner eignen Theorie die Bewegung selbst zum Teil bereits aufgab.
In der Tat, um noch einmal auf den schon zitierten Aufsatz Lassalles über die Grundidee seines „Franz von Sickingen” zurückzugreifen: mit der seit seiner Rückkehr aus den Bädern vollzogenen Schwenkung war Lassalle genau zu derselben Taktik gelangt, die er in jenem Aufsatz als die „sittliche Schuld” Franz von Sickingens hingestellt hatte. Es ist merkwürdig, wie genau Lassalle dort sein eignes Schicksal vorgezeichnet hat. Auch er war auf die „sich realistisch dünkende Verständigkeit” verfallen, revolutionäre Zwecke durch diplomatische Mittel erreichen zu wollen, er hatte eine Maske vorgenommen, seinen Gegner — die preußische Regierung — zu täuschen, aber er täuschte tatsächlich nicht diese, sondern die Massen des Volkes, ohne die er nichts war; die Bewegung selbst blieb auf einen kleinen Trupp persönlicher Anhänger beschränkt. Und wie Lassalle von Sickingen schreibt, daß „dieser große Diplomat und Realist, der alles sorgsam vorherberechnet und den Zufall ganz ausschließen will, gerade dadurch zuletzt gezwungen ist, dem zufälligsten Zufall alles anheim zu geben”, und, „während die Rechnung auf jene Täuschung durch den Anschein des Zufälligen und Unwesentlichen an der bewußten Natur des Bestehenden zugrunde gehen muß, die Entscheidung, statt wie er wollte, aus den Händen des vorbereiteten, vielmehr aus denen des ersten unvorbereiteten Zufalls entgegennehmen muß”[33] — so sieht auch er, Lassalle, sich gezwungen, nunmehr bloß noch mit dem Zufall zu rechnen, alles von zufälligen Konstellationen in der inneren und äußeren Politik abhängig zu machen. Im Vertrauen auf seine realistische Gewandtheit spielte er, aber er bedachte nicht, daß beim Spiel derjenige die meisten Aussichten hat seinen Mitspieler lahmzulegen, der die meisten Trümpfe in der Hand — beim politischen Spiel, der über die meisten tatsächlichen Machtfaktoren zu gebieten hat. Und da das in diesem Falle nicht er, sondern Bismarck war, konnte es nicht ausbleiben, daß er schließlich mehr Bismarcks, als dieser sein „Bevollmächtigter” wurde.
Dies die Situation, in der Lassalle die Ronsdorfer Ansprache, „die Agitation des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und das Versprechen des Königs von Preußen” hielt. Es ist seine letzte und zugleich seine schwächste Agitationsrede, ausschließlich auf den äußeren Effekt berechnet. Wie sehr sich Lassalle der Schwäche dieser Rede bewußt war, zeigt ihre von ihm selbst redigierte gedruckte Ausgabe mit den überall eingestreuten Vermerken über den Effekt der einzelnen Sätze — Krücken, deren ein Vortrag, der an Hand und Fuß gesund ist, durchaus entbehren kann, und die den Eindruck einer inhaltsvollen Rede sogar beeinträchtigen würden. Aber die Ronsdorfer Rede weist keinen der Vorzüge der ersten Agitationsreden Lassalles auf, potenziert dagegen deren Fehler.
Die Rede ist nicht bloß inhaltlich schwach, sie ist auch ihrer Tendenz nach tadelnswerter als alle Mißgriffe, die Lassalle bis dahin begangen.
Schlesische Weber hatten, durch die Not getrieben und durch die Sozialdemagogie der Feudalen ermuntert, eine Deputation nach Berlin geschickt, um beim König von Preußen um Abhilfe gegen die Übelstände, unter denen sie litten, zu petitionieren. Sie waren auch schließlich, da es sich um die Arbeiter eines fortschrittlichen Fabrikanten handelte, auf Veranlassung Bismarcks vom König empfangen worden und hatten auf ihre Beschwerden die Antwort erhalten, der König habe seine Minister angewiesen, „eine gesetzliche Abhilfe, soweit sie möglich ist, schleunig und mit allem Ernst vorzubereiten”.
Daß Lassalle diesen Schritt der schlesischen Weber und den Empfang der Deputation von Seiten des Königs als einen Erfolg seiner Agitation hinstellt, wird ihm, so übertrieben es tatsächlich war, niemand zum besonderen Vorwurf machen. Wie andere Übertreibungen in der Ansprache, erklärte sich auch diese aus der Situation Lassalles. Indes Lassalle blieb dabei nicht stehen. Er gab dem Empfang der Deputation durch den König und den Worten des letzteren eine Auslegung, die zunächst nur als eine Reklame für jenen und dessen Regierung wirken konnte. Er verliest den Arbeitern einen Bericht der offiziösen „Zeidlerschen Korrespondenz” über den Empfang der Deputation beim König und liest gerade die dem Königtum günstigste Stelle daraus, wie er in der gedruckten Rede ausdrücklich verzeichnet, „mit dem höchsten Nachdruck der Stimme und begleitet sie mit der eindringlichsten Handbewegung”[34].
In den Worten des Königs liege, erklärt er, „die Anerkennung des Hauptgrundsatzes, zu dessen Gunsten wir unsere Agitation begonnen” — nämlich, daß eine Regelung der Arbeiterfrage durch die Gesetzgebung notwendig sei — ferner, „das Versprechen des Königs, daß diese Regelung der Arbeiterfrage und Abhilfe der Arbeiternot durch die Gesetzgebung erfolgen soll”, und drittens, da „eine Fortschrittskammer, eine nach dem oktroyierten Dreiklassenwahlgesetz erwählte Kammer, dem Könige niemals die zu diesem Zwecke erforderlichen Gelder bewilligen und ebensowenig, selbst wenn die Sache ohne Geld zu machen wäre, auch nur ihre Zustimmung zu einem solchen Gesetz erteilen würde”, so sei in dem königlichen Versprechen, „innerlich durch die Kraft der Logik eingeschlossen” auch „das allgemeine und direkte Wahlrecht versprochen worden”.
Bei diesen Worten läßt der Bericht „die Versammlung, welche diesem ganzen letzten Teil der Rede in einer unglaublichen Spannung ... zugehört” habe, in einen „nicht zu beschreibenden Jubel” ausbrechen, der immer wieder von neuem begonnen habe, sobald Lassalle weiter zu sprechen versuchte.
War der Jubel wirklich so groß, so bewies er, daß die Arbeiter Lassalles Auslegung des königlichen Versprechens für bare Münze nahmen, das schlimmste Zeugnis, das dieser Rede ausgestellt werden konnte.
Kein Zweifel, es sollten mit dieser Rede, soweit die Arbeiter in Betracht kamen, diese nur durch möglichst glänzende Ausmalung der bisher erzielten Erfolge zur höchsten, begeisterten Tätigkeit für den Verein hingerissen werden. Aber die Rede ist noch an eine andere Adresse als die der Arbeiter gerichtet. In seiner Erwiderung auf eine in der „Kreuzzeitung” erschienene Rezension des „Bastiat-Schulze”, die nach Lassalle „von zu beachtenswerter Seite” kam, als daß die in ihr an Lassalle gerichteten Fragen hätten unbeantwortet bleiben dürfen, verweist Lassalle den Herrn Rezensenten des Regierungsblattes ausdrücklich auf die Ronsdorfer Rede und läßt die Erwiderung und zwei Exemplare der Rede unter Kuvert „persönlich” an Bismarck senden. Beide, Rezension und Rede, sind berechnet, auf die Regierung Eindruck zu machen — ad usum delphini geschrieben. Der „unbeschreibliche Jubel” sollte Köder für Bismarck und den König sein. Aber niemand kann zwei Herren dienen, und das Bestreben, die Rede so zu gestalten, daß sie den gewünschten Effekt nach oben mache, bewirkte, daß sie tatsächlich einen durch und durch cäsaristischen Charakter erhielt. Sie ist ein doppeltes Pronunziamento des Cäsarismus: Cäsarismus in den Reihen der Partei, und Cäsarismus in der Politik der Partei.
„Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeugungsunfähigeres, nichts Unintelligenteres,” heißt es in der Einsendung an die „Kreuzzeitung”, „als der unruhige, nörgelnde liberale Individualismus, diese große Krankheit unserer Zeit! Aber dieser unruhige, nörgelnde Individualismus ist keineswegs Massenkrankheit, sondern wurzelt notwendig und naturgemäß nur in den Viertels- und Achtels-Intelligenzen der Bourgeoisie.
Der Grund ist klar: Der Geist der Massen ist, ihrer Massenlage angemessen, immer auf objektive, auf sachliche Zwecke gerichtet. Die Stimmen unruhiger, persönlichkeitssüchtiger Einzelner würden hier in diesem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehört zu werden. Der oligarchische Boden allein ist der homogene, mütterliche Boden für den negativen, ätzenden Individualismus unserer liberalen Bourgeoisie und ihre subjektive, eigenwillige Persönlichkeitssucht.”
Ähnlich hatte es in der Ronsdorfer Rede geheißen:
„Noch ein anderes höchst merkwürdiges Element unseres Erfolges habe ich zu erwähnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein epochemachend, und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte, da! Dieser große Verein, sich erstreckend über fast alle deutschen Länder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persönlich bekannt oder jemals persönlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis zur Nordsee, und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein ‚Nein’ gehört, und gleichwohl ist die Autorität, die ihr mir anvertraut habt, eine durchaus auf eurer fortgesetzten höchsten Freiwilligkeit beruhende!... Wohin ich gekommen bin, überall habe ich von den Arbeitern Worte gehört, die sich in den Satz zusammenfassen: Wir müssen unserer aller Willen in einen einzigen Hammer zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen, zu dessen Intelligenz, Charakter und guten Willen wir das nötige Zutrauen haben, damit er aufschlagen könne mit dem Hammer!
Die beiden Gegensätze, die unsere Staatsmänner bisher für unvereinbar betrachteten, deren Vereinigung sie für den Stein der Weisen hielten, Freiheit und Autorität, — die höchsten Gegensätze, sie sind auf das innigste vereinigt in unserem Verein, welcher so nur das Vorbild im kleinen unserer nächsten Gesellschaftsform im großen darstellt. Nicht eine Spur ist in uns von jenem nörgelnden Geiste des Liberalismus, von jener Krankheit des individuellen Meinens und Besserwissen-Wollens, von welchem der Körper unserer Bourgeoisie durchfressen ist ...”
Es liegt diesen Sätzen formell ein richtiger Gedanke zugrunde, der nämlich, daß in der modernen Gesellschaft die Arbeiter unter normalen Verhältnissen viel mehr als irgendeine andere Gesellschaftsklasse auf die gemeinsame Aktion angewiesen sind, und daß in der Tat schon die Existenzbedingungen des modernen industriellen Proletariers den Geist der Gemeinschaftlichkeit in ihm entwickeln, während umgekehrt der Bourgeois nur unter anormalen Verhältnissen, nicht aber durch die bloße Art seiner gesellschaftlichen Existenz, zur gemeinschaftlichen Aktion sich veranlaßt sieht. Dieser richtige Gedanke empfängt aber durch die obige Verallgemeinerung eine total falsche Deutung. Die Massenaktion heißt noch lange nicht die persönliche Diktatur; wo die Masse ihren Willen aus der Hand gibt, ist sie vielmehr bereits auf dem Wege, aus einem revolutionären ein reaktionärer Faktor zu werden. Die persönliche Diktatur ist in den Kämpfen der modernen Gesellschaft jedesmal der Rettungsanker der in ihrer Existenz sich bedroht sehenden reaktionären Klassen gewesen, niemand ist mehr geneigt, den „negativen, ätzenden Individualismus” aufzugeben, als der moderne Bourgeois, sobald sein Geldsack, sein Klassenprivilegium, ernsthaft gefährdet erscheint. In solchen Momenten wird das Schlagwort von der „einen reaktionären Masse” zur Wahrheit und blüht, sobald die Strömung sich verallgemeinert, der Bonapartismus. Die zur Selbstregierung sich unfähig fühlenden Klassen tun das, was Lassalle oben den Arbeitern unterstellt: sie treten ihren Willen an eine einzelne Persönlichkeit ab und verdammen jeden Versuch, etwaigen Sonderinteressen dieser Persönlichkeit entgegenzutreten, als „unruhigen, nörgelnden Individualismus”. So beschuldigte die deutsche Bourgeoisie in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts immer wieder gerade die Partei, die tatsächlich am konsequentesten deren Klassenforderungen vertritt — die deutschfreisinnige Partei — des Verrats an ihren Interessen, weil sie durch ihre „Nörgelei” die staatserhaltende Tätigkeit der Regierung beeinträchtige, und so griff im Jahre 1851 die französische Bourgeoisie ihre eigenen parlamentarischen Vertreter jedesmal, wenn diese daran gingen, dem Louis Bonaparte die Mittel zum Staatsstreich zu verweigern, solange als Unruhestifter, Anarchisten usw. an, bis Napoleon stark genug war, sich zum Diktator der Bourgeoisie aufzuwerfen, statt sich mit der Rolle des bloßen Hüters der Ruhe und Ordnung für die Bourgeoisie zu begnügen.
Eine aufsteigende, revolutionäre Klasse hat absolut keinen Anlaß, ihren Willen aus der Hand zu geben, auf das Recht der Kritik, auf das „Besserwissen-Wollen” ihren Führern gegenüber zu verzichten. Und wir haben bei der Solinger Affäre gesehen, daß, wie sehr auch Lassalle den Arbeitern gegenüber auf seine höhere Intelligenz pochte, er gerade aus den Reihen der Arbeiter heraus ein sehr deutliches und kräftiges „Nein” hatte hören müssen, und sicherlich nicht zum Schaden der Bewegung. Auch in Berlin hatte er bei einem bestimmten Anlaß ein ebensolches „Nein” gehört — er sprach, wenn er sich rühmte, in dem von ihm geleiteten Verein „Autorität und Freiheit” in der oben geschilderten Weise verwirklicht zu haben, mehr einen Wunsch, als eine bereits verwirklichte Tatsache aus.
Zur Ehre Lassalles muß gesagt werden, daß er von Anfang an die persönliche Spitze für unerläßlich gehalten hatte. Zu diesem bloßen Glauben kam nun jedoch das wirkliche Bedürfnis hinzu. Die Politik, die er jetzt eingeschlagen hatte, war nur durchzuführen, wenn die Mitglieder und Anhänger der Bewegung kritiklos dem Führer folgten und ohne Murren taten, was er von ihnen verlangte. Wie Lassalle selbst das Versprechen des Königs von Preußen gegenüber den schlesischen Webern in einer Weise behandelte, daß nur noch ein kleiner, ganz beiläufiger Vorbehalt den Demokraten — man möchte sagen, vor seinem Gewissen — salvierte, das übrige aber auf den reinen Cäsarismus hinauslief, so mußten auch sie bereit sein, auf Kommando das Loyalitätsmäntelchen umzuhängen. Wenn eines die Ronsdorfer Rede wenigstens menschlich zu entschuldigen vermag, so ist es die Tatsache, daß sie für Lassalle unter den gegebenen Verhältnissen eine Notwendigkeit war. Er brauchte die Diktatur, um die Arbeiter je nach Bedürfnis für seine jeweiligen Zwecke zur Verfügung zu haben, und er brauchte die Bestätigung der Diktatur, um nach oben hin als eine bündnisfähige Macht zu erscheinen. Die Rede war der notwendige Schritt auf der einmal betretenen Bahn — ein Halt war da nicht mehr möglich.