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Fabeln und Erzählungen

Front matter (continued 2)

Reading edition

Der Maler ward beschämt gerühret, Und sah den Kenner kläglich an. "Nun", sprach er, "bin ich überführet! Ihr habt mir nicht zuviel getan." Der junge Geck war kaum hinaus: So strich er seinen Kriegsgott aus.

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Wenn deine Schrift dem Kenner nicht gefällt; So ist es schon ein böses Zeichen; Doch wenn sie gar des Narren Lob erhält: So ist es Zeit, sie auszustreichen.

Der Polyhistor

An jenem Fluß, zu dem wir alle müssen, Es mag uns noch so sehr verdrüßen, An jenem Fluß kam einst ein hochgelehrter Mann, Bestäubt von seinen Büchern, an, Und eilte zu des Charons Kahn. "Willkommen!" fing der Fährmann an, Indem er sich aufs Ruder lehnte, Und bei dem Wort Willkommen herzlich gähnte, "Wer seid Ihr denn, mein lieber Mann?" "Ein Polyhistor", sprach der Schatten, "Für den die Schulen Ehrfurcht hatten—" Indem er noch vor Charons Kahn Von seinen Sprachen sprach, von nichts als Stümpern redte, Und von Quartanten schrie, die er geschrieben hätte, Kam noch ein andrer Schatten an, Mit einer demutsvollen Miene. "Und wer seid Ihr, auch ein gelehrter Mann?" "Ich zweifle sehr", sprach er, "ob ich den Ruhm verdiene. Ich habe nichts als mich studiert. Nichts als mein Herz, das mich so oft verführt, Des Tiefe sucht ich zu ergründen, Um meine Ruh und andrer Ruh zu finden; Allein soviel ich immer nachgedacht, Und so bekannt ich mich mit der Vernunft gemacht: So hab ichs doch nicht weit gebracht, Wie mich viel Fehler überzeugen."

Der Polyhistor hörts und lacht, Und eilt, um in den Kahn zuallererst zu steigen. "Zurück!" rief Charon ziemlich hart, "Ich muß zuerst den Klugen überfahren, Kaum einer kömmt in hundert Jahren; Allein an Leuten Eurer Art, Die stolze Polyhistor waren, Hab ich mich schon bald lahm gefahren."

Der Prozeß

Ja, Prozesse müssen sein! Gesetzt, sie wären nicht auf Erden, Wie könnt alsdann das Mein und Dein Bestimmet und entschieden werden? Das Streiten lehrt uns die Natur. Drum, Bruder, recht' und streite nur. Du siehst, man will dich übertäuben; Doch gib nicht nach, setz alles auf, Und laß dem Handel seinen Lauf; Denn Recht muß doch Recht bleiben. "Was sprecht Ihr, Nachbar? Dieser Rain, Der sollte, meint Ihr, Euer sein? Nein, er gehört zu meinen Hufen."

"Nicht doch, Gevatter, nicht, Ihr irrt; Ich will Euch zwanzig Zeugen rufen, Von denen jeder sagen wird, Daß lange vor der Schwedenzeit—"

"Gevatter, Ihr seid nicht gescheit! Versteht Ihr mich? Ich will Euchs lehren, Daß Rain und Gras mir zugehören. Ich will nicht eher sanfte ruhn; Das Recht, das soll den Ausspruch tun."

So saget Kunz, schlägt in die Hand, Und rückt den spitzen Hut die Quere. "Ja, eh ich diesen Rain entbehre, So meid ich lieber Gut und Land." Der Zorn bringt ihn zu schnellen Schritten, Er eilet nach der nahen Stadt. Allein, Herr Glimpf, sein Advokat, War kurz zuvor ins Amt geritten. Er läuft, und holt Herrn Glimpfen ein. Wie, sprecht ihr, kann das möglich sein? Kunz war zu Fuß, und Glimpf zu Pferde. So glaubt ihr, daß ich lügen werde? Ich bitt euch, stellt das Reden ein, Sonst werd ich, diesen Schimpf zu rächen, Gleich selber mit Herrn Glimpfen sprechen.

Ich sag es noch einmal, Kunz holt Herr Glimpfen ein, Greift in den Zaum, und grüßt Herr Glimpfen. "Herr!" fängt er ganz erbittert an, "Mein Nachbar, der infame Mann, Der Schelm, ich will ihn zwar nicht schimpfen; Der, denkt nur, spricht, der schmale Rain, Der zwischen unsern Feldern lieget, Der, spricht der Narr, der wäre sein. Allein den will ich sehn, der mich darum betrüget. Herr", fuhr er fort, "Herr, meine beste Kuh, Sechs Scheffel Haber noch dazu! (Hier wieherte das Pferd vor Freuden.) O dient mir wider ihn, und helft die Sach entscheiden."

"Kein Mensch", versetzt Herr Glimpf, "dient freudiger als ich. Der Nachbar hat nichts einzuwenden, Ihr habt das größte Recht in Händen; Aus Euren Reden zeigt es sich. Genug, verklagt den Ungestümen! Ich will mich zwar nicht selber rühmen, Dies tut kein ehrlicher Jurist; Doch dieses könnt Ihr leicht erfahren, Ob ein Prozeß, seit zwanzig Jahren, Von mir verloren worden ist? Ich will Euch Eure Sache führen, Ein Wort, ein Mann! Ihr sollt sie nicht verlieren." Glimpf reutet fort. "Herr", ruft ihm Kunz noch nach, "Ich halte, was ich Euch versprach."

Wie hitzig wird der Streit getrieben! Manch Ries Papier wird vollgeschrieben. Das halbe Dorf muß in das Amt; Man eilt, die Zeugen abzuhören, Und fünfundzwanzig müssen schwören, Und diese schwören insgesamt, Daß, wie die alte Nachricht lehrte, Der Rain ihm gar nicht zugehörte. Ei, Kunz, das Ding geht ziemlich schlecht! Ich weiß zwar wenig von dem Rechte; Doch im Vertraun geredt, ich dächte, Du hättest nicht das größte Recht.

Manch widrig Urteil kömmt; doch laßt es widrig klingen! Glimpf muntert den Klienten auf: "Laßt dem Prozesse seinen Lauf, Ich schwör Euch, endlich durchzudringen, Doch— "Herr, ich hör es schon; ich will das Geld gleich bringen."

Kunz borgt manch Kapital. Fünf Jahre währt der Streit; Allein, warum so lange Zeit? Dies, Leser, kann ich dir nicht sagen, Du mußt die Rechtsgelehrten fragen.

Ein letztes Urteil kömmt. O seht doch, Kunz gewinnt! Er hat zwar viel dabei gelitten; Allein was tuts, daß Haus und Hof verstritten, Und Haus und Hof schon angeschlagen sind? Genug, daß er den Rain gewinnt. "O", ruft er, "lernt von mir, den Streit aufs höchste treiben, Ihr seht ja, Recht muß doch Recht bleiben!"

Der Reisende

Ein Wandrer bat den Gott der Götter, Den Zeus, bei ungestümem Wetter, Um stille Luft und Sonnenschein. Umsonst! Zeus läßt sich nicht bewegen; Der Himmel stürmt mit Wind und Regen, Denn stürmisch sollt es heute sein. Der Wandrer setzt mit bittrer Klage, Daß Zeus mit Fleiß die Menschen plage, Die saure Reise mühsam fort. Sooft ein neuer Sturmwind wütet, Und schnell ihm stillzustehn gebietet: Sooft ertönt ein Lästerwort.

Ein naher Wald soll ihn beschirmen; Er eilt, dem Regen und den Stürmen In diesem Holze zu entgehn; Doch eh der Wald ihn aufgenommen: So sieht er einen Räuber kommen, Und bleibt vor Furcht im Regen stehn.

Der Räuber greift nach seinem Bogen, Den schon die Nässe schlaff gezogen; Er zielt, und faßt den Pilger wohl; Doch Wind und Regen sind zuwider; Der Pfeil fällt matt vor dem danieder, Dem er das Herz durchbohren soll.

"O Tor!" läßt Zeus sich zornig hören, "Wird dich der nahe Pfeil nun lehren, Ob ich dem Sturm zu viel erlaubt? Hätt ich dir Sonnenschein gegeben, So hätte dir der Pfeil das Leben, Das dir der Sturm erhielt, geraubt."

Der Schatz

Ein kranker Vater rief den Sohn. "Sohn!" sprach er, "um dich zu versorgen, Hab ich vor langer Zeit einst einen Schatz verborgen; Er liegt—" Hier starb der Vater schon. Wer war bestürzter als der Sohn? "Ein Schatz! (So waren seine Worte.) Ein Schatz! Allein an welchem Orte? Wo find ich ihn?" Er schickt nach Leuten aus, Die Schätze sollen graben können, Durchbricht der Scheuern harte Tennen, Durchgräbt den Garten und das Haus, Und gräbt doch keinen Schatz heraus. Nach viel vergeblichem Bemühen Heißt er die Fremden wieder ziehen, Sucht selber in dem Hause nach, Durchsucht des Vaters Schlafgemach, Und findt mit leichter Müh (wie groß war sein Vergnügen!) Ihn unter einer Diele liegen.

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Vielleicht, daß mancher eh die Wahrheit finden sollte, Wenn er mit mindrer Müh die Wahrheit suchen wollte. Und mancher hätte sie wohl zeitiger entdeckt, Wofern er nicht geglaubt, sie wäre tief versteckt. Verborgen ist sie wohl; allein nicht so verborgen, Daß du der finstern Schriften Wust, Um sie zu sehn, mit tausend Sorgen, Bis auf den Grund durchwühlen mußt. Verlaß dich nicht auf fremde Müh, Such selbst, such aufmerksam, such oft: du findest sie. Die Wahrheit, lieber Freund, die alle nötig haben, Die uns, als Menschen, glücklich macht, Ward von der weisen Hand, die sie uns zugedacht, Nur leicht verdeckt; nicht tief vergraben.

Der Selbstmord

O Jüngling, lern aus der Geschichte, Die dich vielleicht zu Tränen zwingt, Was für bejammernswerte Früchte Die Liebe zu den Schönen bringt! Ein Beispiel wohlgezogner Jugend, Des alten Vaters Trost und Stab, Ein Jüngling, der durch frühe Tugend Zur größten Hoffnung Anlaß gab;

Den zwang die Macht der schönen Triebe, Climenen zärtlich nachzugehn. Er seufzt, er bat um Gegenliebe; Allein vergebens war sein Flehn.

Fußfällig klagt er ihr sein Leiden. Umsonst! Climene heißt ihn fliehn. Ja, schreit er, ja, ich will dich meiden, Ich will mich ewig dir entziehn.

Er reißt den Degen aus der Scheide, Und—o was kann verwegner sein! Kurz, er besieht die Spitz und Schneide, Und steckt ihn langsam wieder ein.

Der sterbende Vater

Ein Vater hinterließ zween Erben, Christophen, der war klug, und Görgen, der war dumm. Sein Ende kam, und kurz vor seinem Sterben Sah er sich ganz betrübt nach seinem Christoph um. "Sohn", fing er an, "mich quält ein trauriger Gedanke: Du hast Verstand, wie wird dirs künftig gehn? Hör an, ich hab in meinem Schranke Ein Kästchen mit Juwelen stehn, Die sollen dein. Nimm sie, mein Sohn, Und gib dem Bruder nichts davon." Der Sohn erschrak und stutzte lange. "Ach Vater", hub er an, "wenn ich so viel empfange, Wie kömmt alsdann mein Bruder fort?" "Er?" fiel der Vater ihm ins Wort, "Für Görgen ist mir gar nicht bange, Der kömmt gewiß durch seine Dummheit fort."

Der süße Traum

Mit Träumen, die uns schön betrügen, Erfreut den Timon einst die Nacht; Im Schlaf erlebt er das Vergnügen, An das er wachend kaum gedacht. Er sieht, aus seines Bettes Mitte Steigt schnell ein großer Schatz herauf. Und schnell baut er aus seiner Hütte Im Schlafe schon ein Lustschloß auf. Sein Vorsaal wimmelt von Klienten, Und, unbekleidet am Kamin, Läßt er, die ihn vordem kaum nennten, In Ehrfurcht itzt auf sich verziehn. Die Schöne, die ihn oft im Wachen Durch ihre Sprödigkeit betrübt, Muß Timons Glück vollkommen machen; Denn träumend sieht er sich geliebt. Er sieht von Doris sich umfangen, Und ruft, als dies ihm träumt, vergnügt; Er lallt: "O Doris, mein Verlangen! Hat Timon endlich dich besiegt?" Sein Schlafgeselle hört ihn lallen; Er hört, daß ihn ein Traum verführt, Und tut ihm liebreich den Gefallen, Und macht, daß sich sein Traum verliert. "Freund", ruft er, "laß dich nicht betrügen, Es ist ein Traum, ermuntre dich!" "O böser Freund, um welch Vergnügen", Klagt Timon ängstlich, "bringst du mich! Du machest, daß mein Traum verschwindet; Warum entziehst du mir die Lust? Genug, ich hielt sie für gegründet, Weil ich den Irrtum nicht gewußt."

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Oft quält ihr uns, ihr Wahrheitsfreunde, Mit eurer Dienstbeflissenheit; Oft seid ihr unsrer Ruhe Feinde, Indem ihr unsre Lehrer seid. Wer heißt euch uns den Irrtum rauben, Den unser Herz mit Lust besitzt? Und der, so heftig wir ihn glauben, Uns dennoch minder schadt, als nützt? Der wird die halbe Welt bekriegen, Wer allen Wahn der Welt entzieht. Die meisten Arten von Vergnügen Entstehen, weil man dunkel sieht. Was denkt der Held bei seinen Schlachten? Er denkt, er sei der größte Held. Gönnt ihm die Lust, sich hochzuachten, Damit ihm nicht der Mut entfällt. Geht, fragt: Was denkt wohl Adelheide? Sie denkt, mein Mann liebt mich getreu. Sie irrt; doch gönnt ihr ihre Freude, Und laßt das arme Weib dabei. Was glaubt der Ehemann von Lisetten? Er glaubt, daß sie die Keuschheit ist. Er irrt; ich wollte selber wetten; Doch schweigt, wenn ihr es besser wißt. Was denkt der Philosoph im Schreiben? Mich liest der Hof, mich ehrt die Stadt! Er irrt; doch laßt ihn irrig bleiben, Damit er Lust zum Denken hat. Durchsucht der Menschen ganzes Leben: Was treibt zu großen Taten an? Was pflegt uns Ruh und Trost zu geben? Sehr oft ein Traum, ein süßer Wahn. Genug, daß wir dabei empfinden! Es sei auch tausendmal ein Schein! Sollt aller Irrtum ganz verschwinden: So wär es schlimm, ein Mensch zu sein.

Der Tanzbär

Ein Bär, der lange Zeit sein Brot ertanzen müssen, Entrann, und wählte sich den ersten Aufenthalt. Die Bären grüßten ihn mit brüderlichen Küssen, Und brummten freudig durch den Wald. Und wo ein Bär den andern sah: So hieß es: Petz ist wieder da! Der Bär erzählte drauf, was er in fremden Landen Für Abenteuer ausgestanden, Was er gesehn, gehört, getan! Und fing, da er vom Tanzen redte, Als ging er noch an seiner Kette, Auf polnisch schön zu tanzen an. Die Brüder, die ihn tanzen sahn, Bewunderten die Wendung seiner Glieder, Und gleich versuchten es die Brüder; Allein anstatt, wie er, zu gehn: So konnten sie kaum aufrecht stehn, Und mancher fiel die Länge lang danieder. Um desto mehr ließ sich der Tänzer sehn; Doch seine Kunst verdroß den ganzen Haufen. Fort, schrien alle, fort mit dir! Du Narr willst klüger sein, als wir? Man zwang den Petz, davonzulaufen.

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Sei nicht geschickt, man wird dich wenig hassen, Weil dir dann jeder ähnlich ist; Doch je geschickter du vor vielen andern bist; Je mehr nimm dich in acht, dich prahlend sehn zu lassen. Wahr ists, man wird auf kurze Zeit Von deinen Künsten rühmlich sprechen; Doch traue nicht, bald folgt der Neid, Und macht aus der Geschicklichkeit Ein unvergebliches Verbrechen.

Der Tartarfürst

Ein Tartarfürst, von dem man in Geschichten preist, Daß er, als Prinz, Europa durchgereist, Befahl, weil er sein Volk galanter machen wollte, Daß kein vornehmes Weib ihr Kind selbst stillen sollte. Die wilden Damen lachten nur; Sie nährten nach wie vor ihr Kind mit ihren Brüsten, Und glaubten; daß sie der Natur Und ihren Müttern folgen müßten. Der Chan fing an, sich zu entrüsten, Gab ein sehr scharf Mandat, und schwur, Daß jede Frau vom Stande sterben sollte, Die für ihr Kind nicht Ammen halten wollte. Und weil sie sich gezwungen sahn: So nahmen sie denn Ammen an. Allein sie konnten sich des Triebs nicht lang erwehren, Ihr eigen Blut an ihrer Brust zu nähren. Die meisten fingen an, dem Chan den Tod zu schwören. Einst, als der Tartarfürst sich ganz allein befand, Kam, mit dem Degen in der Hand, Ein vornehm Weib auf ihn gerannt, Und sprach, von edlem Grimm entbrannt: "Hör auf, mein Kind mir abzudrängen, Sonst bin ich hier, dich umzubringen! Ich säug es selbst, und säug es mir zur Lust, Deswegen hab ich diese Brust. In dieser Pflicht, mein Kind daran zu nehmen, Soll mich, o Fürst, kein Tier beschämen."

Der gute Tartarfürst erschrak, Und unterließ, um nicht sein Leben zu verlieren, Den europäischen Geschmack In seinen Horden einzuführen.

Der Tod der Fliege und der Mücke

Der Tod der Fliege heißt mich dichten; Der Tod der Mücke heischt mein Lied. Und kläglich will ich dir berichten, Wie jene starb, und die verschied. Sie setzte sich, die junge Fliege, Voll Mut auf einen Becher Wein; Entschloß sich, tat drei gute Züge, Und sank vor Lust ins Glas hinein.

Die Mücke sah die Freundin liegen. "Dies Grabmal", sprach sie, "will ich scheun. Am Lichte will ich mich vergnügen, Und nicht an einem Becher Wein."

Allein, verblendet von dem Scheine, Ging sie der Lust zu eifrig nach; Verbrannte sich die kleinen Beine, Und starb nach einem kurzen Ach.

Ihr, die ihr euren Trieb zu nähren, In dem Vergnügen selbst verdarbt, Ruht wohl, und laßt zu euren Ehren Mich sagen, daß ihr menschlich starbt.

Der unsterbliche Autor

Ein Autor schrieb sehr viele Bände, Und ward das Wunder seiner Zeit; Der Journalisten gütge Hände Verehrten ihm die Ewigkeit. Er sah, vor seinem sanften Ende, Fast alle Werke seiner Hände Das sechste Mal schon aufgelegt, Und sich, mit tiefgelehrtem Blicke, In einer spanischen Perücke Vor jedes Titelblatt geprägt. Er blieb vor Widersprechern sicher, Und schrieb bis an den Tag, da ihn der Tod entseelt; Und das Verzeichnis seiner Bücher, Die kleinen Schriften mitgezählt, Nahm an dem Lebenslauf allein Drei Bogen und drei Seiten ein. Man las nach dieses Mannes Tode Die Schriften mit Bedachtsamkeit; Und seht, das Wunder seiner Zeit Kam in zehn Jahren aus der Mode, Und seine göttliche Methode Hieß eine bange Trockenheit. Der Mann war bloß berühmt gewesen, Weil Stümper ihn gelobt, eh Kenner ihn gelesen.

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Berühmt zu werden, ist nicht schwer, Man darf nur viel für kleine Geister schreiben; Doch bei der Nachwelt groß zu bleiben, Dazu gehört noch etwas mehr, Als, seicht am Geist, in strenger Lehrart schreiben.

Der Wuchrer

Ein Wuchrer kam in kurzer Zeit Zu einem gräflichen Vermögen, Nicht durch Betrug und Ungerechtigkeit, Nein, er beschwur es oft, allein durch Gottes Segen. Und um sein dankbar Herz Gott an den Tag zu legen, Und auch vielleicht aus heiligem Vertraun, Gott zur Vergeltung zu bewegen, Ließ er ein Hospital für arme Fromme baun. Indem er nun den Bau zustande brachte, Und vor dem Hause stund, und heimlich überdachte, Wie sehr verdient er sich um Gott und Arme machte, Ging ein verschmitzter Freund vorbei. Der Geizhals, der gern haben wollte, Daß dieser Freund das Haus bewundern sollte, Fragt ihn mit freudigem Geschrei, Obs groß genug für Arme sei? "Warum nicht?" sprach der Freund. "Hier können viel Personen Recht sehr bequem beisammen sein; Doch sollen alle die hier wohnen, Die Ihr habt arm gemacht: so ist es viel zu klein."

Der wunderbare Traum

Aus einem alten Fabelbuche (Der Titelbogen fehlt daran, Sonst führt ichs meinen Lesern an), Aus dem ich mich Rats zu erholen suche, Wenn ich selbst nichts erfinden kann; Ans diesem alten deutschen Buche, Das mir schon manchen Dienst getan, Will ich mir einen Traum erwählen. Als ich einmal, so fängt mein Autor an, Nach seiner Weise zu erzählen, In einer Kirche saß, so fiel mir jähling ein: Wer mag von so viel tausend Seelen, Die diesen Ort zu ihrer Andacht wählen, Doch wohl die frömmste Seele sein? In den Gedanken schlief ich ein, Und sah im Traum vor mir des Tempels Schutzgeist stehen, "Du", sprach er, "wünschest dir, das frömmste Herz zu sehen?" Und rührte mein Gesicht mit seiner Rechten an. Mir kam, sobald er dies getan, Ein sanfter kalter Schauer an. Und plötzlich sah ich mich in heilgem Glanze stehen. "Fang an", sprach er, "die Kirche durchzugehen. Der, den dein Glanz so rührt, daß er dich dreimal küßt, Der hat das frömmste Herz, das hier zu finden ist."

Ich ging, um es recht bald zu wissen, In dem empfangnen Glanz hart vor der Sakristei Einmal, und noch einmal, vorbei, Weil mir es schien, als wolle man mich küssen. Ich wartete noch eine gute Frist, Und ward einmal; allein ganz kalt, geküßt.

Ich ging darauf in die Kapellen, In denen ich die frömmsten Mienen fand, Und alles schien sich aufzuhellen, Man lächelte, man tat galant Und küßte mir zur Not die Hand.

Drauf ließ ich mich auf einer höhern Bühne Gesichtern, voll von Ernst und tiefer Weisheit, sehn. Ich blieb ein feines Weilchen stehn. Sie sahn mich an, und machten eine Miene, Als ob sie sich an mir schon satt gesehn. Und ungeküßt mußt ich von dannen gehn.

Ich stellte mich nun vor die niedern Stände. Hier warfen mir viel weiße Hände, Da einen Kuß, dort einen zu. Ich ließ mein Auge lange fragen: Ach, gutes Herz! wo wohnest du? Allein man wollt es nicht, mich zu umarmen, wagen, Und ich ging ganz betrübt auf meinen Schutzgeist zu. Mein traurig Schicksal ihm zu klagen. Indem, daß ich noch durch die Halle schlich, Sah mich, in einem schlechten Kleide, Ein liebes Mädchen an, und seht, sie küßte mich Mit einer plötzlichen und unschuldsvollen Freude. Und eh ich noch von ihr den dritten Kuß erhielt: So fühlt ich schon die selgen Triebe Der Redlichkeit und Menschenliebe So stark in mir, als ich sie nie gefühlt. Ein Mädchen, rief ich aus, an das die Welt kaum dachte, Besitzt das beste Herz! Ich rief es, und erwachte.

Der zärtliche Mann

Die ihr so eifersüchtig seid, Und nichts als Unbeständigkeit, Den Männern vorzurücken pfleget! O Weiber, überwindet euch, Lest dies Gedicht und seid zugleich Beschämt, und ewig widerleget. Wir Männer sind es ganz allein, Die einmal nur, doch ewig lieben; Uns ist die Treu ins Blut geschrieben. Beweist es! hör ich alle schrein. Recht gut! Es soll bewiesen sein.

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Ein liebes Weib ward krank, wovon? Von vieler Galle? Die alte Spötterei! Kein Kluger glaubt sie mehr. Nein, nein, die Weiber siechten alle, Wenn diese Übel schädlich wär. Genug, sie ward sehr krank. Der Mann wendt alles an, Was man von Männern fordern kann; Eilt, ihr zu rechter Zeit die Pulver einzuschütten; Er läßt für seine Frau in allen Kirchen bitten, Und gibt noch mehr dafür, als sonst gebräuchlich war: Und doch vermehrt sich die Gefahr. Er ächzt, er weint und schreit, er will mit ihr verderben. "Ach Engel", spricht die Frau, "stell deine Klagen ein! Ich werde mit Vergnügen sterben, Versprich mir nur, nicht noch einmal zu frein." Er schwört, sich keine mehr zu wählen. "Dein Schatten", ruft er, "soll mich quälen, Wenn mich ein zweites Weib besiegt." Er schwört. Nun stirbt sein Weib vergnügt. Wer kann den Kummer wohl beschreiben, Der unsern Witwer überfällt? Er weiß vor Jammer kaum zu bleiben; Zu eng ist ihm sein Haus, zu klein ist ihm die Welt. Er opfert seiner Frau die allertreusten Klagen, Bleibt ohne Speis und Trank, sucht keine Lagerstatt; Er klagt, und ist des Lebens satt. Indes befiehlt die Zeit, sie in das Grab zu tragen. Man legt der Seligen ihr schwarzes Brautkleid an; Der Witwer tritt betränt an ihren Sarg hinan. "Was?" fängt er plötzlich an zu fluchen, "Was, Henker, was soll dieses sein? Für eine tote Frau ein Brautkleid auszusuchen? Gesetzt, ich wollte wieder frein: So müßt ich ja ein neues machen lassen."

Ihr Leute kränkt ihn nicht, geht, holt ein ander Kleid, Und laßt dem armen Witwer Zeit; Er wird sich mit der Zeit schon fassen.

Der Zeisig

Ein Zeisig wars und eine Nachtigall, Die einst zu gleicher Zeit vor Damons Fenster hingen. Die Nachtigall fing an, ihr göttlich Lied zu singen, Und Damons kleinem Sohn gefiel der süße Schall. "Ach welcher singt von beiden doch so schön? Den Vogel möcht ich wirklich sehn!" Der Vater macht ihm diese Freude, Er nimmt die Vögel gleich herein. "Hier", spricht er, "sind sie alle beide; Doch welcher wird der schöne Sänger sein? Getraust du dich, mir das zu sagen?" Der Sohn läßt sich nicht zweimal fragen, Schnell weist er auf den Zeisig hin: "Der", spricht er, "muß es sein, so wahr ich ehrlich bin. Wie schön und gelb ist sein Gefieder! Drum singt er auch so schöne Lieder; Dem andern sieht mans gleich an seinen Federn an, Daß er nichts Kluges singen kann."

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Sagt, ob man im gemeinen Leben Nicht oft wie dieser Knabe schließt? Wem Farb und Kleid ein Ansehn geben, Der hat Verstand, so dumm er ist. Stax kömmt, und kaum ist Stax erschienen: So hält man ihn auch schon für klug. Warum? Seht nur auf seine Mienen, Wie vorteilhaft ist jeder Zug! Ein andrer hat zwar viel Geschicke; Doch weil die Miene nichts verspricht: So schließt man, bei dem ersten Blicke, Aus dem Gesicht, aus der Perücke, Daß ihm Verstand und Witz gebricht.

Die Bauern und der Amtmann

Ein sehr geschickter Kandidat, Der lange schon mit vielem Lobe Die Kanzeln in der Stadt betrat, Tat auf dem Dorfe seine Probe; Allein so gut er sie getan: So stund er doch den Bauern gar nicht an. Nein, der verstorbne Herr, das war ein andrer Mann, Der hatte recht auf seinen Text studieret, Und Gottes Wort, wie sichs gebühret, Bald griechisch, bald ebräisch angeführet, Die Kirchenväter oft zitieret, Die Ketzer stattlich ausschändieret, Und stets so fein schematisieret, Daß er der Bauern Herz gerühret. "Herr Amtmann, wie gesagt, erstatt Er nur Bericht, Wir mögen diesen Herrn nicht haben." "So sagt doch nur, warum denn nicht?" "Er hörts ja wohl, er hat nicht solche Gaben Wie der verstorbne Herr."

Der Amtmann widerspricht; Der Suprintend ermahnt. Umsonst, sie hören nicht. Man mag Amphion sein, und Fels und Wald bewegen, Deswegen kann man doch nicht Bauern widerlegen. Kurz, man erstattete Bericht, Weil alle steif auf ihrem Sinn beharrten.

Nunmehr kömmt ein Befehl. Ich kann es kaum erwarten, Bis ihn der Amtmann publiziert. Ich wette fast, ihr Bauern, ihr verliert!

Man öffnet den Befehl. Und seht, der Landsherr wollte, Daß man dem Kandidat das Priestertum vertraun, Den Bauern Gegenteils es hart verweisen sollte.

Der Suprintend fing an die Bauern zu erbaun, Und sprach, so schwierig sie noch schienen, Doch sehr gelind und fromm mit ihnen. "Herr Doktor!" fiel ihm drauf der Amtmann in das Wort, "Wozu soll diese Sanftmut dienen? Ihr Richter, Schöppen und so fort, Hört zu! Ich will mein Amt verwalten. Ihr Ochsen, die ihr alle seid! Euch Flegeln geb ich den Bescheid, Ihr sollt den Herrn zu eurem Pfarrn behalten. Sagts, wollt ihr oder nicht? denn itzt sind wir noch da."

Die Bauern lächelten: "Ach ja, Herr Amtmann, ja!"

Die beiden Hunde

Daß oft die allerbesten Gaben Die wenigsten Bewundrer haben, Und daß der größte Teil der Welt Das Schlechte für das Gute hält; Dies Übel sieht man alle Tage; Allein wie wehrt man dieser Pest? Ich zweifle, daß sich diese Plage Aus unsrer Welt verdringen läßt. Ein einzig Mittel ist auf Erden; Allein es ist unendlich schwer. Die Narren müßten weise werden, Und seht, sie werdens nimmermehr. Nie kennen sie den Wert der Dinge. Ihr Auge schließt, nicht ihr Verstand; Sie loben ewig das Geringe, Weil sie das Gute nie gekannt.

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Zween Hunde dienten einem Herrn, Der eine von den beiden Tieren, Joli, verstund die Kunst, sich lustig aufzuführen, Und wer ihn sah, vertrug ihn gern. Er holte die verlornen Dinge, Und spielte voller Ungestüm. Man lobte seinen Scherz, belachte seine Sprünge; Seht, hieß es, alles lebt an ihm! Oft biß er mitten in dem Streicheln: So falsch und boshaft war sein Herz; Gleich fing er wieder an zu schmeicheln: Dann hieß sein Biß ein feiner Scherz. Er war verzagt und ungezogen; Doch ob er gleich zur Unzeit bellt und schrie: So blieb ihm doch das ganze Haus gewogen: Er hieß der lustige Joli. Mit ihm vergnügte sich Lisette, Er sprang mit ihr zu Tisch und Bette; Und beide teilten ihre Zeit In Schlaf, in Scherz und Lustbarkeit; Sie aber übertraf ihn weit. Fidel, der andre Hund, war von ganz anderm Wesen. Zum Witze nicht ersehn, zum Scherze nicht erlesen, Sehr ernsthaft von Natur; doch wachsam um das Haus, Ging öfters auf die Jagd mit aus; War treu und herzhaft in Gefahr, Und bellte nicht, als wenn es nötig war. Er stirbt. Man hört ihn kaum erwähnen, Man trägt ihn ungerühmt hinaus. Joli stirbt auch. Da fließen Tränen! Seht, ihn beklagt das ganze Haus. Die ganze Nachbarschaft bezeiget ihren Schmerz.

So gilt ein bißchen Witz mehr, als ein gutes Herz!

Die beiden Knaben

Ein jüngrer und ein ältrer Bube, Die der noch frühe Lenz aus der betrübten Stube Vom Buche zu dem Garten rief, Vielleicht, weil gleich ihr Informator schlief, Gerieten beid an eine Grube, In der der Schnee noch nicht zerlief. "Ach Bruder", sprach der kleine Bube, "Was meinst du, ist das Loch wohl tief? Ich hätte Lust"—"Was? Lust, hineinzuspringen? Du mußt doch ausgelassen sein. Versuch es nicht und spring hinein, Du könntest dich ums Leben bringen. Wir können uns ja sonst noch wohl erfreun, Als daß wir uns und unsern Kleidern schaden, Und kindisch Schnee und Eis durchwaden. Und kömmst du drauf zum Vater naß hinein: So hast dus da erst auszubaden." Doch keine Redekunst nahm unsern Knaben ein. "Wer wird im Schnee denn gleich ersaufen?" Und kurz und gut, er sprang hinein, Und ließ sichs wohl in seiner Grube sein; Doch kaum war er vor Kälte fortgelaufen: So sprang der Philosoph so gut wie er hinein.

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Dies ist die Kunst der strengen Moralisten. Bekannt mit dem System, und von Grundsätzen voll, Beweisen sie das, was man lassen soll, So froh, als ob sie nichts von den Begierden wüßten. Sie sind von besserm Ton als wir. Sie bändigen ihr Herz durch die Gewalt der Schlüsse. Uns Armen ist die Torheit süße; Doch ihnen ekelt nur dafür. Wir lassen sie, wenn wir sie unternehmen, Aus gutem Herzen andern sehn, Und denken nicht daran, daß wir uns so vergehn. Sie aber, die gelehrt sich aller Torheit schämen, Begehn die Tat, die sie uns übelnehmen, Aus Tugend eher nicht, als bis wir es nicht sehn.

Die beiden Mädchen

Zwo junge Mädchen hofften beide, Worauf? Gewiß auf einen Mann; Denn dies ist doch die größte Freude, Auf die ein Mädchen hoffen kann. Die jüngste Schwester, Philippine, War nicht unordentlich gebaut; Sie hatt ein rund Gesicht, und eine zarte Haut; Doch eine sehr gezwungne Miene. So fest geschnürt sie immer ging, So viel sie Schmuck ins Ohr, und vor den Busen hing, So schön sie auch ihr Haar zusammenrollte; So ward sie doch bei alledem, Je mehr man sah, daß sie gefallen wollte, Um desto minder angenehm. Die andre Schwester, Caroline, War im Gesichte nicht so zart; Doch frei und reizend in der Miene, Und liebreich mit gelaßner Art. Und wenn man auf den heitern Wangen Gleich kleine Sommerflecken fand: Ward ihrem Reiz doch nichts dadurch entwandt, Und selbst ihr Reiz schien solche zu verlangen. Sie putzte sich nicht mühsam aus, Sie prahlte nicht mit teuren Kostbarkeiten. Ein artig Band, ein frischer Strauß, Die über ihren Ort, den sie erlangt, sich freuten, Und eine nach dem Leib wohl abgemeßne Tracht War Carolinens ganze Pracht.

Ein Freier kam; man wies ihm Philippinen; Er sah sie an, erstaunt, und hieß sie schön; Allein sein Herz blieb frei, er wollte wieder gehn. Kaum aber sah er Carolinen: So blieb er vor Entzückung stehn.

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Im Bilde dieser Frauenzimmer Zeigt sich die Kunst und die Natur; Die erste prahlt mit weit gesuchtem Schimmer, Sie fesselt nicht; sie blendet nur. Die andre sucht durch Einfalt zu gefallen, Läßt sich bescheiden sehn; und so gefällt sie allen.

Die beiden Schwalben

Zwo Schwalben sangen um die Wette, Und sangen mit dem größten Fleiß; Doch wenn die eine schrie, daß sie den Vorzug hätte, Gab doch die andre sich den Preis. Die Lerche kömmt. Sie soll den Streit entscheiden; Und beide stimmen herzhaft an. "Nun", hieß es: "sprich, wer von uns beiden Am meisterlichsten singen kann?" "Das weiß ich nicht", sprach sie bescheiden, Und sah sie ganz mitleidig an, Und wollte sich nach ihrer Höhe schwingen. Doch nein, sie suchten ihr den Ausspruch abzuzwingen. "So", sprach sie, "will ichs denn gestehn: Die kann so gut wie jene singen; Doch singt, solang ihr wollt, es singt doch keine schön. Hört man das Lied geistreicher Nachtigallen: So kann uns eures nicht gefallen."

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Ihr mittelmäßigen Skribenten, O wenn wir euch doch friedsam machen könnten! Ihr zankt, wer besser denkt? Laßt keinen Streit entstehn. Wir wollen keinen von euch kränken; Der eine kann so gut wie jener denken; Doch keiner von euch denket schön. Ihr Schwätzer! Zankt nicht um die Gaben Der geistlichen Beredsamkeit. Solange wir Mosheime haben: So sehn wir ohne Schwierigkeit, Daß ihr beredte Kinder seid. Zankt nicht um eure hohen Gaben, Ihr Gründlichen! o bleibt in Ruh. Du demonstrierst wie er, und er so fein wie du; Allein solange wir Leibnize vor uns haben: So hört euch keine Seele zu. O zankt nicht um des Phöbus Gaben, Reimreiche Sänger unsrer Zeit! Ihr alle reimt mit gleicher Fertigkeit; Allein solange wir noch Hagedorne haben: So denkt man nicht daran, daß ihr zugegen seid.

Die beiden Wächter

Zween Wächter, die schon manche Nacht Die liebe Stadt getreu bewacht, Verfolgten sich, aus aller Macht, Auf allen Bier- und Branntweinbänken, Und ruhten nicht, mit pöbelhaften Ränken, Einander bis aufs Blut zu kränken; Denn keiner brannte von dem Span, Woran der andre sich den Tabak angezündet, Aus Haß den seinen jemals an. Kurz, jeden Schimpf, den nur die Rach erfindet, Den Feinde noch den Feinden angetan, Den taten sie einander an. Und jeder wollte bloß den andern überleben, Um noch im Sarg ihm einen Stoß zu geben. Man riet und wußte lange nicht, Warum sie solche Feinde waren; Doch endlich kam die Sache vor Gericht, Da mußte sichs denn offenbaren, Warum sie, seit so vielen Jahren, So heidnisch unversöhnlich waren. Was war der Grund? Der Brotneid? War ers nicht? Nein. Dieser sang: Verwahrt das Feuer und das Licht! Allein so sang der andre nicht. Er sang: Bewahrt das Feuer und das Licht! Aus dieser so verschiednen Art, An die sich beid im Singen zänkisch banden; Aus dem verwahrt und dem bewahrt War Spott, Verachtung, Haß, und Rach, und Wut entstanden.

——

Die Wächter, hör ich viele schrein, Verfolgten sich um solche Kleinigkeiten? Das mußten große Narren sein. Ihr Herren! stellt die Reden ein, Ihr könntet sonst unglücklich sein. Wißt ihr denn nichts von so viel großen Leuten, Die in gelehrten Streitigkeiten Um Silben, die gleich viel bedeuten, Sich mit der größten Wut entzweiten?

Die Betschwester

Die frömmste Frau in unsrer Stadt, In Kleidern fromm, und fromm in Mienen, Die stets den Mund voll Andacht hat, Wird diese nicht ein Lied verdienen? Wie lehrreich ist ihr Lebenslauf! Kaum steht die fromme Frau von ihrem Lager auf; Kaum tönt der Klang vom achten Stundenschlage: So sucht sie das Gebet zu dem vorhandnen Tage. Und ob sie gleich den Schritt in sechzig schon getan: So ruft sie doch den Herrn noch heut um Keuschheit an. Und ob sie gleich noch nie sich satt gegessen: So fleht sie doch um Mäßigkeit im Essen. Und ob sie gleich auf alle Pfänder leiht: So seufzt sie doch um Trost bei ihrer Dürftigkeit.

Welch redlich Herz! Welch heiliges Vertrauen! Sie liest das Jahr hindurch die Bibel zweimal aus, Und reißt dadurch ihr ganzes Haus Auf ewig aus des Teufels Klauen.

Zwölf Lieder stimmt sie täglich an. Wer kömmt? Ists nicht ein armer Mann? Geh, Frecher! willst du sie vielleicht im Singen stören? Nein, wenn sie singt, kann sie nicht hören. Geh nur, und hungre, wie zuvor. Sie hebt ihr Herz zu Gott empor; Soll sie dies Herz vom Himmel lenken, Und itzt an einen Armen denken?

Sie singt, und trägt das Essen singend auf. Sie ißt, und schmält auf böser Zeiten Lauf; Allein wer klopft schon wieder an die Türe? Ein armes Weib, die keinen Bissen Brot— "Geht, quält mich nicht mit Eurer Not, Wenn ich die Hand zum Munde führe. Nicht wahr, Ihr singt und betet nicht? Seid fromm, und denkt an Eure Pflicht: Der Herr vergißt die Seinen nicht. Wenn seht Ihr mich denn betteln gehen? Allein man muß zu Gott auch brünstig schrein und flehen."

Doch ist die liebe fromme Frau Nicht gar zu hart, nicht zu genau? Wohnt nicht in ihr mehr Kaltsinn als Erbarmen? Nein, nein! Sie dient und hilft den Armen; Sie bessert sie durch Vorwurf und Verweis, Und weist sie zu Gebet und Fleiß; Ist dieses nicht der Schrift Geheiß? Sie dient ja gern mit ihren Gütern, Allein nur redlichen Gemütern. Ist wohl ein frommes Weib in unsrer ganzen Stadt, Das, in der Not, bei ihr nicht Zuflucht hat? Sie mag ihr auch die kleinste Zeitung bringen: So eilt sie doch, dem Weibe beizuspringen.

Ach ja! Beatens Herz ist willig und bereit, Die Welt mag noch soviel an ihr zu tadeln finden. Nicht nur den Lebenden nützt ihre Mildigkeit; O nein! Sie weiß sich auch die Toten zu verbinden. Wenn wird ein Kind zur Gruft gebracht, Um dessen Sarg ihr Kranz sich nicht verdient gemacht? Wenn sprechen nicht die Leichengäste: Beatens Kranz war doch der beste! Welch schönes Kruzifix! Von wem wird dieses sein? Beate schickts und wills dem Leichnam weihn. Das fromme Weib! Erlebt sie mein Erblassen: So wird sie meinen Sarg gewiß versilbern lassen.

Sie kleidet Kanzel und Altar, Und wird sie künftigs neue Jahr, So sehr die andern sie beneiden, Zum dritten Male doch bekleiden. Man wirft ihr vor, sie solls aus Ehrsucht tun; Noch kann ihr mildes Herz nicht ruhn. Wer wars, der itzt in die Kollekte Mit langsam schlauer Hand ein volles Briefchen steckte? Beate wars, sie leiht dem Herrn, Und was sie gibt, das gibt sie gern. Was kann denn sie dafür, daß es die Leute sehen?

Beate! laß die Lästrer schmähen, Und laß sie aus Verleumdung sprechen, Du sollst die Allmacht nur bestechen, Daß für den Wucher, den du treibst, Du einstens ungestrafet bleibst. Laß dich von andern spöttisch richten, Als pflegtest du der Welt gern Laster anzudichten; Als wäre dies für dich die liebste Neuigkeit, Wenn andern Not und Unglück dräut; Als hättest du nichts als der Tugend Schein. Schweigt, Spötter, schweigt! Dies kann nicht sein; Denn betend steht sie auf, und singend schläft sie ein.

Die Biene und die Henne

"Nun Biene", sprach die träge Henne, "Dies muß ich in der Tat gestehn, So lange Zeit, als ich dich kenne: So seh ich dich auch müßiggehn. Du sinnst auf nichts, als dein Vergnügen; Im Garten auf die Blumen fliegen, Und ihren Blüten Saft entziehn, Mag eben nicht so sehr bemühn. Bleib immer auf der Nelke sitzen, Dann fliege zu dem Rosenstrauch, Wär ich wie du, ich tät es auch. Was brauchst du andern viel zu nützen? Genug, daß wir so manchen Morgen Mit Eiern unser Haus versorgen." "O!" rief die Biene, "spotte nicht! Du denkst, weil ich bei meiner Pflicht Nicht so, wie du bei einem Eie, Aus vollem Halse zehnmal schreie: So, denkst du, wär ich ohne Fleiß. Der Bienenstock sei mein Beweis, Wer Kunst und Arbeit besser kenne, Ich, oder eine träge Henne? Denn wenn wir auf den Blumen liegen: So sind wir nicht auf uns bedacht; Wir sammeln Saft, der Honig macht, Um fremde Zungen zu vergnügen. Macht unser Fleiß kein groß Geräusch, Und schreien wir bei warmen Tagen, Wenn wir den Saft in Zellen tragen, Uns nicht, wie du im Neste, heisch: So präge dir es itzund ein: Wir hassen allen stolzen Schein; Und wer uns kennen will, der muß in Rost und Kuchen Fleiß, Kunst und Ordnung untersuchen.

Auch hat uns die Natur beschenkt, Und einen Stachel eingesenkt, Damit wir die bestrafen sollen, Die, was sie selber nicht verstehn, Doch meistern, und verachten wollen: Drum, Henne! rat ich dir, zu gehn."

——

O Spötter, der mit stolzer Miene, In sich verliebt, die Dichtkunst schilt; Dich unterrichtet dieses Bild. Die Dichtkunst ist die stille Biene; Und willst du selbst die Henne sein: So trifft die Fabel völlig ein. Du fragst, was nützt die Poesie? Sie lehrt und unterrichtet nie. Allein wie kannst du doch so fragen? Du siehst an dir, wozu sie nützt: Dem, der nicht viel Verstand besitzt, Die Wahrheit, durch ein Bild, zu sagen.

Die Ente

Die Ente schwamm auf einer Pfütze, Und sah am Rande Gänse gehn, Und konnt aus angebornem Witze Der Spötterei unmöglich widerstehn. Sie hob den Hals empor, und lachte dreimal laut, Und sah um sich, so wie ein Witzling um sich schaut, Der einen Einfall hat, und mit Geschrei und Lachen So glücklich ist, ihm Luft zu machen. Die Ente lachte noch, und eine Gans blieb stehn. "Was", sprach sie, "hast du uns zu sagen?" "Ach nichts! Ich hab euch zugesehn, Ihr könnt vortrefflich auswärts gehn. Wie lange tanzt ihr schon? Das wollt ich euch nur fragen." "Das", sprach die Gans, "will ich dir gerne sagen; Allein du mußt mit mir spazierengehn."

——

Ihr Kleinen, die ihr stets so gern auf Größre schmähet, An ihnen tausend Fehler sehet, Die ihr an euch doch nie entdeckt; Glaubt, daß an euch der Sumpf, in dem ihr euch so blähet, Dieselben Fehler auch versteckt. Und sollen sie der Welt, wie euch, unsichtbar bleiben: So laßt euch nicht daraus vertreiben!

Die Fliege

Daß alle Tiere denken können, Dies scheint mir ausgemacht zu sein. Ein Mann, den auch die Kinder witzig nennen, Aesopus hats gesagt, Fontaine stimmt mit ein. Wer wird auch so mißgünstig sein, Und Tieren nicht dies kleine Glücke gönnen, Aus dem die Welt so wenig macht? Denk oder denke nicht, darauf gibt niemand acht.

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In einem Tempel voller Pracht, Aus dem die Kunst mit ewgem Stolze blickte, Dich schnell zum Beifall zwang, und gleich dafür entzückte, Und wenn sie dich durch Schmuck bestürzt gemacht, Mit edler Einfalt schon dich wieder zu dir brachte; In diesem Bau voll Ordnung und voll Pracht Saß eine finstre Flieg auf einem Stein und dachte. Denn daß die Fliegen stets aus finstern Augen sehn, Und oft den Kopf mit einem Beine halten, Und oft die flache Stirne falten, Kömmt bloß daher, weil sie soviel verstehn, Und auf den Grund der Sachen gehn. So saß auch hier die weise Fliege. Ein halbes Dutzend ernste Züge Verfinsterten ihr Angesicht. Sie denkt tiefsinnig nach und spricht: "Woher ist dies Gebäud entstanden? Ist außer ihm wohl jemand noch vorhanden, Der es gemacht? Ich sehs nicht ein. Wer sollte dieser Jemand sein?" "Die Kunst", sprach die bejahrte Spinne, "Hat diesen Tempel aufgebaut. Wohin auch nur dein blödes Auge schaut, Wird es Gesetz und Ordnung inne, Und dies beweist, daß ihn die Kunst gebaut." Hier lachte meine Fliege laut. "Die Kunst?" sprach sie ganz höhnisch zu der Spinne. "Was ist die Kunst? Ich sinn und sinne, Und sehe nichts, als ein Gedicht. Was ist sie denn? Durch wen ist sie vorhanden? Nein, dieses Märchen glaub ich nicht. Lern es von mir, wie dieser Bau entstanden: Es kamen einst von ungefähr Viel Steinchen einer Art hieher, Und fingen an, zusammen sich zu schicken. Daraus entstand der große hohle Stein, In welchem wir uns beid erblicken. Kann was begreiflicher als diese Meinung sein?"

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Der Fliege können wir ein solch System vergeben; Allein daß große Geister leben, Die einer ordnungsvollen Welt Ein Ungefähr zum Ursprung geben, Und lieber zufallsweise leben, Als einen Gott zum Thron erheben, Das kann man ihnen nicht vergeben, Wenn man sie nicht für Narren hält.

Die Frau und der Geist

Vordem, da noch um Mitternacht, Den armen Sterblichen zu dienen, Die Geister dann und wann erschienen, Ließ sich ein Geist, in einer weißen Tracht, Vor einer Frau im Bette sehen, Und hieß sie freundlich mit sich gehen, Und ging mit ihr auf einen wüsten Platz. "Frau", sprach der Geist, "hier liegt ein großer Schatz; Nimm gleich dein Halstuch ab, und wirf es auf den Platz, Und morgen, um die zwölfte Stunde, Komm her, dann findest du ein Licht, Dem grabe nach, doch rede nicht; Denn geht ein Wort aus deinem Munde: So wird der Schatz verschwunden sein!" Die Frau fand, zur gesetzten Stunde, Die Nacht darauf sich mit dem Grabscheit ein. Nun, die muß recht beherzt gewesen ein! Ich fände mich gewiß nicht ein, Und sollt ich zwanzig Schätze heben. Wer stünde mir denn für mein Leben? Die Nacht ist keines Menschen Freund. Und wenns der Geist recht ehrlich mit mir meint: So kann er mir den Schatz ja auf der Stube geben.

Die Frau verschlug das nichts. Sie eilt, den Schatz zu heben. Frau, spricht sie bei sich selbst, beileibe sprich kein Wort, Sonst rückt der Schatz auf ewig fort. Sie hält, was sie sich vorgenommen. Sie schweigt und gräbt getrost.—Ha, ha, nun klingt es hohl, Nun wird der rechte Fleck bald kommen. Hier liegt der Schatz, das dacht ich wohl. O seht, ein großer Topf von lauter Golde voll! O wenn sie doch dasmal nicht redte, Und zu dem schweren Topf gleich einen Träger hätte! Ist denn ihr Geist nicht etwan auf dem Platz? Er kömmt und hilft den Topf ihr aus der Erde nehmen. "Ach", rief sie schnell, "ich muß mich schämen, Sie zu bemühn"—Weg war der Schatz!

Die Geschichte von dem Hute Das erste Buch

Der erste, der mit kluger Hand, Der Männer Schmuck, den Hut, erfand, Trug seinen Hut unaufgeschlagen; Die Krempen hingen flach herab, Und dennoch wußt er ihn zu tragen, Daß ihm der Hut ein Ansehn gab. Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den runden Hut dem nächsten Erben.

Der Erbe weiß den runden Hut Nicht recht gemächlich anzugreifen; Er sinnt, und wagt es kurz und gut, Er wagts, zwo Krempen aufzusteifen. Drauf läßt er sich dem Volke sehn; Das Volk bleibt vor Verwundrung stehn, Und schreit: Nun läßt der Hut erst schön!

Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den aufgesteiften Hut dem Erben.

Der Erbe nimmt den Hut und schmält. Ich, spricht er, sehe wohl, was fehlt. Er setzt darauf mit weisem Mute Die dritte Krempe zu dem Hute. O, rief das Volk, der hat Verstand! Seht, was ein Sterblicher erfand! Er, er erhöht sein Vaterland.

Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den dreifach spitzen Hut dem Erben.

Der Hut war freilich nicht mehr rein; Doch sagt, wie konnt es anders sein? Er ging schon durch die vierten Hände. Der Erbe färbt ihn schwarz, damit er was erfände. Beglückter Einfall! rief die Stadt, So weit sah keiner noch, als der gesehen hat. Ein weißer Hut ließ lächerlich. Schwarz, Brüder, schwarz! so schickt es sich.

Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den schwarzen Hut dem nächsten Erben.

Der Erbe trägt ihn in sein Haus, Und sieht, er ist sehr abgetragen; Er sinnt, und sinnt das Kunststück aus, Ihn über einen Stock zu schlagen. Durch heiße Bürsten wird er rein; Er faßt ihn gar mit Schnüren ein. Nun geht er aus, und alle schreien: Was sehn wir? Sind es Zaubereien? Ein neuer Hut! O glücklich Land, Wo Wahn und Finsternis verschwinden! Mehr kann kein Sterblicher erfinden, Als dieser große Geist erfand.

Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den umgewandten Hut dem Erben. Erfindung macht die Künstler groß, Und bei der Nachwelt unvergessen; Der Erbe reißt die Schnüre los, Umzieht den Hut mit goldnen Dressen, Verherrlicht ihn durch einen Knopf, Und drückt ihn seitwärts auf den Kopf. Ihn sieht das Volk, und taumelt vor Vergnügen. Nun ist die Kunst erst hoch gestiegen! Ihm, schrie es, ihm allein ist Witz und Geist verliehn! Nichts sind die andern gegen ihn!

Er starb, und ließ bei seinem Sterben Den eingefaßten Hut dem Erben. Und jedesmal ward die erfundne Tracht Im ganzen Lande nachgemacht.

Ende des ersten Buchs.

Was mit dem Hute sich noch ferner zugetragen, Will ich im zweiten Buche sagen. Der Erbe ließ ihm nie die vorige Gestalt. Das Außenwerk ward neu, er selbst, der Hut, blieb alt. Und, daß ichs kurz zusammenzieh, Es ging dem Hute fast, wie der Philosophie.

Die glückliche Ehe

Gedankt sei es dem Gott der Ehen! Was ich gewünscht, hab ich gesehen: Ich sah ein recht zufriednes Paar; Ein Paar, das ohne Gram und Reue, Bei gleicher Lieb und gleicher Treue, In kluger Ehe glücklich war. Ein Wille lenkte hier zwo Seelen. Was sie gewählt, pflegt er zu wählen, Was er verwarf, verwarf auch sie. Ein Fall, wo andre sich betrübten, Stört ihre Ruhe nie. Sie liebten, Und fühlten nicht des Lebens Müh.

Da ihn kein Eigensinn verführte, Und sie kein eitler Stolz regierte: So herrschte weder sie noch er, Sie herrschten; aber bloß mit Bitten. Sie stritten; aber wenn sie stritten, Kam bloß ihr Streit aus Eintracht her.

So wie wir, eh wir uns vermählen, Uns unsre Fehler klug verhehlen, Uns falsch aus Liebe hintergehn: So ließen sie auch in den Zeiten Der zärtlichsten Vertraulichkeiten Sich nie die kleinsten Fehler sehn.

Der letzte Tag in ihrem Bunde, Der letzte Kuß von ihrem Munde Nahm, wie der erste, sie noch ein. Sie starben. Wenn?—Wie kannst du fragen? Acht Tage nach den Hochzeitstagen; Sonst würden dies nur Fabeln sein.

Die Guttat

Wie rühmlich ists, von seinen Schätzen Ein Pfleger der Bedrängten sein! Und lieber minder sich ergetzen, Als arme Brüder nicht erfreun. Beaten fiel heut ein Vermögen. Von Tonnen Golds durch Erbschaft zu. "Nun", sprach sie, "hab ich einen Segen, Von dem ich Armen Gutes tu."

Sie sprachs. Gleich schlich zu seinem Glücke Ein siecher Alter vor ihr Haus, Und bat, gekrümmt auf seiner Krücke, Sich eine kleine Wohltat aus.

Sie ward durchdrungen von Erbarmen, Und fühlte recht des Armen Not. Sie weinte, ging und gab dem Armen Ein großes Stück verschimmelt Brot.

Die junge Ente

Die Henne führt der Jungen Schar, Worunter auch ein Entchen war, Das sie zugleich mit ausgebrütet. Der Zug soll in den Garten gehn; Die Alte gibts der Brut durch Locken zu verstehn; Und jedes folgt, sobald sie nur gebietet, Denn sie gebot mit Zärtlichkeit. Die Ente wackelt mit; allein nicht gar zu weit. Sie sieht den Teich, den sie noch nicht gesehen, Sie läuft hinein, sie badet sich. Wie, kleines Tier! Du schwimmst? Wer lehrt es dich? Wer hieß dich in das Wasser gehen? Wirst du so jung das Schwimmen schon verstehen?

Die Henne läuft mit strupfichtem Gefieder Das Ufer zehnmal auf und nieder, Und will ihr Kind aus der Gefahr befrein; Setzt zehnmal an, und fliegt doch nicht hinein; Denn die Natur heißt sie das Wasser scheun. Doch nichts erschreckt den Mut der Ente; Sie schwimmt beherzt in ihrem Elemente, Und fragt die Henne ganz erfreut, Warum sie denn so ängstlich schreit?

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Was dir Entsetzen bringt, bringt jenem oft Vergnügen; Der kann mit Lust zu Felde liegen, Und dich erschreckt der bloße Name, Held. Der schwimmt beherzt auf offnen Meeren; Du zitterst schon auf angebundnen Fähren, Und siehst den Untergang der Welt. Befürchte nichts vor dessen Leben, Der kühne Taten unternimmt. Wen die Natur zu der Gefahr bestimmt, Dem hat sie auch den Mut zu der Gefahr gegeben.

Die kranke Frau

Wer kennt die Zahl von so viel bösen Dingen, Die uns um die Gesundheit bringen! Doch nötig ists, daß man sie kennenlernt. Je mehr wir solcher Quellen wissen, Woraus Gefahr und Unheil fließen; Um desto leichter wird das Übel selbst entfernt

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Des Mannes teurer Zeitvertreib, Sulpitia, ein junges schönes Weib, Ging munter zum Besuch, krank aber kam sie wieder, Und fiel halbtot aufs Ruhebette nieder. Sie röchelt. Wie? Vergißt ihr Blut den Lauf? Geschwind löst ihr die Schnürbrust auf! Geschwind! Doch läßt sich dies erzwingen? Sechs Hände waren zwar bereit; Doch eine Frau aus ihrem Staat zu bringen, Wieviel erfordert dies nicht Zeit! Der arme Mann schwimmt ganz in Tränen; Mit Recht bestürzt ihn diese Not. Zu früh ists, nach der Gattin Tod Im ersten Jahre sich zu sehnen. Er schickt nach einem Arzt. Ein junger Äskulap Erscheint sogleich in vollem Trab, Und setzt sich vor das Krankenbette, Vor dem er sich so eine Miene gab, Als ob er für den Tod ein sichres Mittel hätte. Er fragt den Puls, und da er ihn gefragt, Schlägt er im Geiste nach, was sein Rezeptbuch sagt, Und läßt, die Krankheit zu verdrängen, Sich eilends Dint und Feder bringen.

Er schreibt. Der Diener läuft. Indessen ruft der Mann Den so erfahrnen Arzt beiseite, Und fragt, was doch der Zufall wohl bedeute? Der Doktor sieht ihn lächelnd an: "Sie fragen mich, was es bedeuten kann? Das brauch ich Ihnen nicht zu sagen; Sie wissen schon, es zeigt viel Gutes an, Wenn sich die jungen Weiber klagen."

Den Mann erfreut ein solcher Unterricht. Die Nacht verstreicht, der Trank ist eingenommen; Allein der teure Trank hilft nicht. Drum muß der zweite Doktor kommen.

Er kömmt! Geduld! Nun werden wirs erfahren. Was ists? Was fehlt der schönen Frau? Der Doktor sieht es ganz genau, Daß sich die Blattern offenbaren.

Sulpitia! Erst sollst du schwanger sein? Nun sollst du gar die Blattern kriegen? Ihr Ärzte schweigt, und gebt ihr gar nichts ein, Denn einer muß sich doch betrügen. Nein, überlaßt sie der Natur, Und dem ihr so getreuen Bette; Gesetzt, daß sie die schlimmste Krankheit hätte: So ist sie nicht so schlimm, als eure Kur.

Geduld! Vielleicht genest sie heute. Der Mann kömmt nicht von ihrer Seite, Und eh die Stunde halb verfließt, Fragt er sie hundertmal, obs noch nicht besser ist? Ach ungestümer Mann, du nötigst sie zum Sprechen. Wie? Wird sie nicht das Reden schwächen? Sie spricht ja mit gebrochnem Ton, Und an der Sprache hörst du schon, Daß sich die Schmerzen stets vergrößern. Bald wird es sich mit deiner Gattin bessern! Der Tod, der Tod dringt schon herein, Sie von der Marter zu befrein.

Wer pocht? Es wird der Doktor sein; Doch nein, der Schneider kömmt, und bringt ein Kleid getragen. Sulpitia fängt an, die Augen aufzuschlagen. "Er kömmt", so stammelt sie. "Er kömmt zu rechter Zeit; Ist dies vielleicht mein Sterbekleid? Ja, wie Er sieht, so werd ich bald erblassen; Doch hätte mich der Himmel leben lassen: So hätt ich mir ein solches Kleid bestellt, Von solchem Stoff, als Er, Er wirds schon wissen, Für meine Freundin machen müssen; Es ist nichts Schöners auf der Welt. Als ich zuletzt Besuch gegeben: So trug sie dieses neue Kleid; Doch geh Er nur. O kurzes Leben! Es ist doch alles Eitelkeit!"

O fasse dich, betrübter Mann! Du hörst ja, daß dein Weib noch ziemlich reden kann. O laß die Hoffnung nicht verschwinden! Der Atem wird sich wieder finden.

Der Schneider geht, der Mann begleitet ihn, Sie reden heimlich vor der Türe. Der Schneider tut die größten Schwüre, Und eilt, die Sache zu vollziehn.

Noch vor dem Abend kömmt er wieder. Sulpitia liegt noch danieder, Und dankt ihm seufzend für den Gruß. Allein wer sagt, was doch der Schneider bringen muß? Er hat es in ein Tuch geschlagen, Er wickelts aus. O welche Seltenheit! Dies ist der Stoff, dies ist das reiche Kleid. Allein was soll es ihr? Sie kann es ja nicht tragen.

"Ach Engel", spricht der Mann bei sanftem Händedrücken, "Mein ganz Vermögen gäb ich hin, Könnt ich dich nur gesund in diesem Schmuck erblicken!" "O", fängt sie an, "so krank ich bin: So kann ich Ihnen doch, mein Liebster, nichts versagen. Ich will mich aus dem Bette wagen; So können Sie noch heute sehn, Wie mir das neue Kleid wird stehn."

Man bringt den Schirm, und sie verläßt das Bette, So schwach, als ob sie schon ein Jahr gelegen hätte. Man putzt sie an, geputzt trinkt sie Kaffee. Kein Finger tut ihr weiter weh. Der Krankheit Grund war bloß ein Kleid gewesen, Und durch das Kleid muß sie genesen. So heilt des Schneiders kluge Hand Ein Übel, das kein Arzt gekannt.

Die Mißgeburt

"Frau Orgon!" rief die Frau Gevatterin, "Ach wüßten Sie, wo ich gewesen bin! Ich will es Ihnen wohl entdecken; Allein Sie müssen nicht erschrecken. Ich komme gleich von einer Wöchnerin. Lucinde, daß ichs kurz erzähle, Lucinde, die so stolze Seele, Die uns durch ihren Staat so oft beschämt gemacht Erschrecken Sie nur nicht, hat in vergangner Nacht Ein Kind (verzeih mirs Gott!) mit langen Hasenohren, Ein recht abscheulich Kind geboren. Die stolze Frau! Ich richte nicht; Allein ich weiß, daß nichts umsonst geschieht. Lucinde wünscht, daß es verschwiegen bliebe; Ich wünsch es selbst aus Menschenliebe; Allein die Stadt erfährts, gedenken Sie an mich. Indes behalten Sie die Heimlichkeit für sich." Frau Orgon eilt von ihr erschrocken zu Dorinden. Sie fragt nach ihrem Wohlbefinden, Und schmäht mit ihr die Weiber, die gern schmähn. Wie? Sollte sie Dorinden nichts erzählen? Nein, denn sie fängt schon an sich bestens zu empfehlen. Warum muß der Besuch so bald zu Ende gehn? Vielleicht, weil beide sich von nichts zu reden schämen. Deswegen? Nein, das glaub ich nicht. Wie sollten dies sich Weiber übelnehmen? Da mancher große Mann, gelehrt von Angesicht, Oft tagelang von nichts mit großen Männern spricht.

So ist Frau Orgon schon gegangen? Noch nicht. Nun aber geht sie fort. Doch seht, sie kehrt sich um: "Frau Schwester, noch ein Wort, Ein Wort! Es soll mich sehr verlangen, Ob Sie—? Lucinde—Wie? Sie hätten nichts gehört? Nichts, Gott vergib mir meine Sünde! Nichts von der Mißgeburt der kostbaren Lucinde, Mit welcher sie die Welt beschwert? Hier sieht man recht die göttlichen Gerichte. Ein Kind mit härichtem Gesichte, Das einem Hasen gleicht, und einem Pferdefuß, Bedenken Sie, wie das erschrecklich lassen muß! Allein Lucinde wills verhehlen; Drum sagen Sie nur weiter nichts davon. Das arme Kind! Es ist ein Sohn."

Dorinde sagts ihr zu. Und doch soll mirs nicht fehlen, Sie wird die Neuigkeit, sobald sie kann, erzählen, Weil jene sie, zu schweigen, bat. Sie tut es so getreu, als es Frau Orgon tat. Erst hat das Kind nur Hasenohren, Frau Orgon schenkt ihm drauf noch einen Pferdefuß; Allein Dorinden ists noch viel zu schön geboren. Und weil sie was verbessern muß, Tut sie dem Kinde den Gefallen Und macht ihm noch an beide Hände Krallen.

Eh noch der Nachmittag verstrich, Ließ das Geheimnis sich auf allen Gassen hören. Die alten Mütter kreuzten sich, Und suchten schon recht mütterlich Durch dieses Zorngericht die Töchter zu bekehren. Da war kein Mensch, der nicht mit einem Ach Von diesem Wechselbalge sprach. Die Knaben stritten selbst mit blutigem Gesichte Schon für die Wahrheit der Geschichte.

Sobald als dies der Magistrat erfuhr, Schickt er den Physikus nach dieser Kreatur. Er kam neugierig zu Lucinden; Allein anstatt den Wechselbalg zu finden, Fand er ein wohlgestaltes Kind, An dem die Ohren größer waren, Als sie bei andern Kindern sind. Das war die Mißgeburt, der man so mitgefahren!

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Der Dörfer und der Städte Plage, Verwünscht seist du, gemeine Sage! Die schnell mit dem, was sie zu wissen kriegt, Geheimnisvoll in alle Häuser fliegt, Und, wenn sies dreimal sagt, vom neuen dreimal lügt. Ein giftig Weib, was kann die nicht erzählen? Zumal, wenn es der armen Freundin gilt. Ein giftig Weib—Doch nein, ich mag nicht schmälen; Mich schreckt die Redekunst, mit der sie andre schilt.

Die Nachtigall und der Kuckuck

Die Nachtigall sang einst ihr göttliches Gedicht, Zu sehn, ob es die Menschen fühlten. Die Knaben, die im Tale spielten, Die spielten fort und hörten nicht. Indem ließ sich der Kuckuck lustig hören, Und er erhielt ein freudig Ach. Die Knaben lachten laut, und machten ihm zu Ehren Das schöne Kuckuck zehnmal nach. "Hörst du?" sprach er zu Philomelen, "Den Herren fall ich recht ins Ohr. Ich denk, es wird mir nicht viel fehlen, Sie ziehn mein Lied dem deinen vor." Drauf kam Damöt mit seiner Schöne. Der Kuckuck schrie sein Lied. Sie gingen stolz vorbei. Nun sang die Meisterin der zauberischen Töne Vor dem Damöt und seiner Schöne, In einer sanften Melodei. Sie fühlten die Gewalt der Lieder. Damöt steht still, und Phyllis setzt sich nieder, Und hört ihr ehrerbietig zu. Ihr zärtlich Blut fängt an zu wallen; Ihr Auge läßt vergnügte Zähren fallen. "O", rief die Nachtigall, "da, Schwätzer, lerne du, Was man erhält, wenn man den Klugen singt. Der Ausbruch einer stummen Zähre Bringt Nachtigallen weit mehr Ehre, Als dir der laute Beifall bringt."

Die Nachtigall und die Lerche

Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst; Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst, Die Blätter in den Gipfeln schwiegen, Und fühlten ein geheim Vergnügen. Der Vögel Chor vergaß der Ruh, Und hörte Philomelen zu. Aurora selbst verzog am Horizonte, Weil sie die Sängerin nicht gnug bewundern konnte. Denn auch die Götter rührt der Schall Der angenehmen Nachtigall; Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren, Ließ Philomele sich noch zweimal schöner hören. Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr, Und spricht: "Du singst viel reizender als wir; Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen: Doch eins gefällt uns nicht an dir, Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen." Doch Philomele lacht und spricht: "Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht, Und wird mir ewig Ehre bringen. Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen. Ich folg im Singen der Natur; Solange sie gebeut, solange sing ich nur; Sobald sie nicht gebeut, so hör ich auf zu singen; Denn die Natur läßt sich nicht zwingen."

——

O Dichter, denkt an Philomelen, Singt nicht, solang ihr singen wollt. Natur und Geist, die euch beseelen, Sind euch nur wenig Jahre hold. Soll euer Witz die Welt entzücken: So singt, solang ihr feurig seid, Und öffnet euch mit Meisterstücken Den Eingang in die Ewigkeit. Singt geistreich der Natur zu Ehren, Und scheint euch die nicht mehr geneigt: So eilt, um rühmlich aufzuhören, Eh ihr zu spät mit Schande schweigt. Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen? Er bindet sich an keine Zeit. So fahrt denn fort, noch alt zu singen, Und singt euch um die Ewigkeit.

Die Reise

Einst machte durch sein ganzes Land Ein König den Befehl bekannt, Daß jeder, der ein Amt erhalten wollte, Gewisse Zeit auf Reisen gehen sollte, Um sich in Künsten umzusehn. Er ließ genaue Karten stehen, Und gab dazu noch jedem das Versprechen, Ihm, würd er nur, soweit er könnte, gehn, Mit dem Vermögen seiner Schätze Alsdann auf Reisen beizustehn. Es war das deutlichste Gesetze, Das jemals noch die Welt gesehn; Doch weil die meisten sich vor dieser Reise scheuten: So sah man viele Dunkelheit. Die Liebe zu sich selbst, und zur Bequemlichkeit, Half das Gesetz sehr sinnreich deuten; Und jeder gab ihm den Verstand, Den er bequem für seine Neigung fand; Doch alle waren eins, daß man gehorchen müßte. Man machte sich die Karten bald bekannt, Damit man doch der Länder Gegend wüßte. Sehr viele reisten nur im Geist, Und überredten sich, als hätten sie gereist. Noch andre schafften das Geräte Zu ihrer Reise fleißig an, Und glaubten, wenn man nur stets reisefertig täte: So hätte man die Reise schon getan. Sehr viele fingen an zu eilen, Als wollten sie die ganze Welt durchgehn; Sie reisten; aber wenig Meilen, Und meinten, dem Befehl sei nun genug geschehn. Noch andre suchten auf den Reisen Noch mehr Gehorsam zu beweisen, Als den, den das Gesetz befahl; Sie reisten nicht durch grüne Felder, O nein, sie suchten finstre Wälder, Und reisten unter Furcht und Qual; Behängten sich mit schweren Bürden, Und glaubten, wenn sie ausgezehrt, Und siech und krank zurückekommen würden: So wären sie des besten Amtes wert; Sie reisten nie auf Kosten des Regenten; Doch jene, die zur Zeit noch keinen Schritt getan, Die hielten Tag für Tag um Reisekosten an, Damit sie weiterkommen könnten.

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Wie elend, hör ich manchen klagen, Ist nicht dies Märchen ausgedacht! Schämt sich der Dichter nicht, uns Dinge vorzusagen, Die man kaum Kindern glaublich macht? Wo gibt es wohl so stumpfe Köpfe, Als uns der Dichter vorgestellt? Dies sind unsinnige Geschöpfe, Und nicht Bewohner unsrer Welt. O Freund! was zankst du mit dem Dichter? Sieh doch die meisten Christen an; Betrachte sie, und dann sei Richter, Ob dieses Bild unglaublich heißen kann?

Die schlauen Mädchen

Zwei Mädchen brachten ihre Tage Bei einer alten Base zu. Die Alte hielt zu ihrer Muhmen Plage Sehr wenig von der Morgenruh. Kaum krähte noch der Hahn bei frühem Tage: So rief sie schon: "Steht auf, ihr Mädchen, es ist spät, Der Hahn hat schon zweimal gekräht." Die Mädchen, die so gern noch mehr geschlafen hätten, Denn überhaupt sagt man, daß es kein Mädchen gibt, Die nicht den Schlaf und ihr Gesichte liebt, Die wunden sich in ihren weichen Betten, Und schwuren dem verdammten Hahn Den Tod, und taten ihm, da sie die Zeit ersahn, Den ärgsten Tod rachsüchtig an.

Ich habs gedacht, du guter Hahn! Erzürnter Schönen ihrer Rache Kann kein Geschöpf so leicht entfliehn. Und ihren Zorn sich zuzuziehn, Ist leider ein leichte Sache.

Der arme Hahn war also aus der Welt. Vergebens nur ward von der Alten Ein scharf Examen angestellt. Die Mädchen taten fremd, und schalten Auf den, der diesen Mord getan, Und weinten endlich mit der Alten Recht bitterlich um ihren Hahn.

Allein was halfs den schlauen Kindern? Der Tod des Hahns sollt ihre Plage mindern, Und er vermehrte sie noch mehr. Die Base, die sie sonst nicht eh im Schlafe störte, Als bis sie ihren Haushahn hörte, Wußt in der Nacht itzt nicht, um welche Zeit es wär; Allein weil es ihr Alter mit sich brachte, Daß sie um Mitternacht erwachte: So rief sie die auch schon um Mitternacht, Die, später aufzustehn, den Haushahn umgebracht.

——

Wärst du so klug, die kleinen Plagen Des Lebens willig auszustehn: So würdest du dich nicht so oft genötigt sehn, Die größern Übel zu ertragen.

Die Spinne

Hochmütig über ihre Künste, Warf vom durchsichtigen Gespinste Die Spinne manchen finstern Blick Auf einen Seidenwurm zurück; So aufgebläht, wie ein Pedant, Der itzt, von seinem Wert erhitzet, In Werken seiner eignen Hand Bis an den Bart vergraben sitzet, Und auf den Schüler, der ihn grüßt, Den Blick mit halben Augen schießt. Der Seidenwurm, den erst vor wenig Tagen Der Herr zur Lust mit sich ins Haus getragen, Sieht dieser Spinne lange zu, Und fragt zuletzt: "Was webst denn du?" "Unwissender!" läßt sich die Spinn erbittert hören, "Du kannst mich noch durch solche Fragen stören? Ich webe für die Ewigkeit!"

Doch kaum erteilet sie den trotzigen Bescheid: So reißt die Magd, mit Borsten in den Händen, Von den noch nicht geputzten Wänden Die Spinne nebst der Ewigkeit.

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Die Kunst sei noch so groß, die dein Verstand besitzet, Sie bleibt doch lächerlich, wenn sie der Welt nicht nützet. Verdient, ruft ein Pedant, mein Fleiß denn keinen Dank? Nein! Denn er hilft nichts mehr, als andrer Müßiggang.

Die Verschwiegenheit

"O Doris, wärst du nur verschwiegen: So wollt ich dir etwas gestehn; Ein Glück, ein ungemein Vergnügen— Doch nein, ich schweige", sprach Tiren. "Wie?" rief die schöne Schäferin, "Du zweifelst noch, ob ich verschwiegen bin? Du kannst mirs sicher offenbaren; Ich schwör, es solls kein Mensch erfahren." "Du kennst", versetzt Tiren, "die spröde Sylvia, Die schüchtern vor mir floh, sooft sie mich sonst sah. Ich komme gleich von dieser kleinen Spröden; Doch, ach, ich darf nicht weiterreden. Nein, Doris, nein, es geht nicht an; Es wär um ihre Gunst, und um mein Glück getan, Wenn Sylvia dereinst erführe, Daß—Dringe nicht in mich, ich halte meine Schwüre."

"So liebt sie dich?" fuhr Doris fort. "Jawohl! Doch sage ich kein Wort. Ich hab ihr Herz nun völlig eingenommen, Und itzt von ihr den ersten Kuß bekommen. Tiren, sprach sie zu mir, mein Herz sei ewig dein; Doch eines bitt ich dich, du mußt verschwiegen sein. Daß wir uns günstig sind, uns treu und zärtlich küssen, Braucht niemand auf der Flur als ich und du zu wissen. Drum bitt ich, Doris, schweige ja, Sonst flieht und haßt mich Sylvia."

Die kleine Doris geht. Doch wird auch Doris schweigen? Ja, die Verschwiegenheit ist allen Schönen eigen. Gesetzt, daß Doris auch es dem Damöt vertraut; Was ist es denn nun mehr? Sie sagt es ja nicht laut.

Ihr Schäfer, ihr Damöt, kömmt ihr verliebt entgegen, Drückt ihre weiche Hand, und fragt, Was ihr sein Freund Tiren gesagt?

"Damöt, du weißt ja wohl, was wir zu reden pflegen, Du kennst den ehrlichen Tiren; Es war nichts Wichtiges, sonst würd ich dirs gestehn. Er sagte mir—Verlang es nicht zu wissen; Ich hab es ihm versprechen müssen, Daß ich zeitlebens schweigen will."

Damöt wird traurig, schweiget still, Umarmt sein Kind, doch nur mit halbem Feuer. Die Schäferin erschrickt, daß sie Damötens Kuß So unvollkommen schmecken muß. "Du zürnest", ruft sie, "mein Getreuer? O zürne nicht, ich will es dir gestehn: Die spröde Sylvia ergibt sich dem Tiren, Und hat ihm itzt in ihrem Leben Den allerersten Kuß gegeben; Allein du mußt verschwiegen sein."

Damöt versprichts. Kaum ist Damöt allein: So fühlt er schon die größte Pein, Sein neu Geheimnis zu bewahren. "Ja!" fängt Damöt zu singen an: "Ich will es keinem offenbaren, Daß Sylvia Tirenen liebt, Ihm Küsse nimmt, und Küsse gibt; Du, stummer Busch, nur sollsts erfahren, Wen Sylvia verstohlen liebt."

Doch ach! In diesem Busch war unsre Sylvia, Die sich durch dieses Lied beschämt verraten sah; Und eine Heimlichkeit so laut erfahren mußte, Die, ihrer Meinung nach, nur ihr Geliebter wußte. Sie läuft, und sucht den Schwätzer, den Tiren. Ach, Schäfer, ach, wie wird dirs gehn! "Mich", fängt sie an, "so zu betrügen! Dich, Plaudrer, sollt ich länger lieben?"

Und kurz: Tiren verliert die schöne Schäferin, Und kömmt, Damöten anzuklagen. "Ja", spricht Damöt, "ich muß es selber sagen, Daß ich nicht wenig strafbar bin; Allein wie kannst du mich den größten Schwätzer nennen? Du hast ja selbst nicht schweigen können!"

Die Widersprecherin

Lene hatte noch, bei vielen andern Gaben, Auch diese, daß sie widersprach. Man sagt es überhaupt den guten Weibern nach, Daß alle diese Tugend haben; Doch wenns auch tausendmal der ganze Weltkreis spricht: So halt ichs doch für ein Gedicht, Und sag es öffentlich, ich glaub es ewig nicht. Ich bin ja auch mit mancher Frau bekannt, Ich hab es oft versucht, und manche schön genannt, So häßlich sie auch war, bloß, weil ich haben wollte, Daß sie mir widersprechen sollte; Allein sie widersprach mir nicht. Und also ist es falsch, daß jede widerspricht. So kränkt man euch, ihr guten Schönen! Itzt komm ich wieder zu Ismenen. Ismenen sagte mans nicht aus Verleumdung nach, Es war gewiß, sie widersprach:

Einst saß sie mit dem Mann bei Tische, Sie äßen unter andern Fische, Mich deucht, es war ein grüner Hecht. "Mein Engel", sprach der Mann, "mein Engel, ist mir recht: So ist der Fisch nicht gar zu blau gesotten." "Das", rief sie, "habe ich wohl gedacht, So gut man auch die Anstalt macht: So finden Sie doch Grund, der armen Frau zu spotten. Ich sag es Ihnen kurz, der Hecht ist gar zu blau." "Gut", sprach er, "meine liebe Frau, Wir wollen nicht darüber streiten, Was hat die Sache zu bedeuten?"

So wie dem welschen Hahn, dem man was Rotes zeigt, Der Zorn den Augenblick in Nas und Lefzen steigt, Sie rot und blau durchströmt, lang auseinandertreibet, In beiden Augen blitzt, sich in den Flügeln streibet, In alle Federn dringt, und sie gen Himmel kehrt, Und zitternd, mit Geschrei und Poltern, aus ihm fährt: So schießt Ismenen auch, da dies ihr Liebster spricht, Das Blut den Augenblick in ihr sonst blaß Gesicht; Die Adern liefen auf, die Augen wurden enger, Die Lippen dick und blau, und Kinn und Nase länger, Ihr Haar bewegte sich, stieg voller Zorn empor, Und stieß, indem es stieg, das Nachtzeug von dem Ohr. Drauf fing sie zitternd an: "Ich, Mann! ich, deine Frau, Ich sag es noch einmal, der Hecht war gar zu blau." Sie nimmt das Glas und trinkt. O laßt sie doch nicht trinken!

Ihr Liebster geht, und sagt kein Wort, Kaum aber ist ihr Liebster fort: So sieht man sie in Ohnmacht sinken. Wie konnt es anders sein. Gleich auf den Zorn zu trinken! Ein plötzliches Geschrei bewegt das ganze Haus, Man bricht der Frau die Daumen aus; Man streicht sie kräftig an; kein Balsam will sie stärken. Man reibt ihr Schlaf und Puls; kein Leben ist zu merken. Man nimmt vermengtes Haar und hälts ihr vors Gesicht. Umsonst! Umsonst! Sie riecht es nicht; Nichts kann den Geist ihr wiedergeben. Man ruft den Mann, er kömmt, und schreit: "Du stirbst, mein Leben! Du stirbst? Ich armer Mann! Ach, meine liebe Frau, Wer hieß mich dir doch widerstreben! Ach, der verdammte Fisch! Gott weiß, er war nicht blau." Den Augenblick bekam sie wieder Leben. "Blau war er", rief sie aus, "willst du dich noch nicht geben?"

So tat der Geist des Widerspruchs Mehr Würkung, als die Kraft des heftigsten Geruchs.

Die zärtliche Frau

Wie alt ist nicht der Wahn, wie alt und ungerecht, Als ob dir, weibliches Geschlecht! Die Liebe nicht von Herzen ginge? Das Alter sang in diesem Ton, Von seinem Vater hörts der Sohn, Und glaubt die ungereimten Dinge. Verlaßt, o Männer, diesen Wahn, Und daß ihr ihn verlaßt, so hört ein Beispiel an, Das ich für alle Männer singe. Du aber, die mich dichten heißt, Du, Liebe, stärke mich, daß mir ein Lied voll Geist, Ein überzeugend Lied gelinge, Und gib mir, zu gesetzter Zeit, Ein Weib von so viel Zärtlichkeit, Als diese war, die ich besinge!

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Clarine liebt den treusten Mann, Den sie nicht besser wünschen kann, Sie liebt ihn recht von Herzensgrunde. Und wenn dir dies unglaublich scheint: So wisse nur, seit der beglückten Stunde, Die sie mit ihrem Mann vereint, War noch kein Jahr vorbei; nun glaubst dus doch, mein Freund? Clarine kannte keine Freude, Kein größer Glück, als ihren Mann; Sie liebte, was er liebgewann, Was eines wollte, wollten beide; Was ihm mißfiel, mißfiel auch ihr. O, sprichst du, so ein Weib, so eines wünscht ich mir! Jawohl! ich wünsch es auch mit dir. Sei nur recht zärtlich eingenommen; Ihr Mann wird krank; vielleicht kannst du sie noch bekommen. Krank, sag ich, wird ihr Mann, und recht gefährlich krank; Er quält sich viele Tage lang, Von ganzen Strömen Schweiß war sein Gesicht umflossen; Doch noch von Tränen mehr, die sie um, ihn vergossen. "Tod!" fängt sie ganz erbärmlich an, "Tod wenn ich dich erbitten kann, Nimm lieber mich, als meinen Mann." Wenns nun der Tod gehöret hätte? Jawohl! Er hört es auch; er hört Clarinens Not, Er kömmt, und fragt: "Wer rief?"—"Hier!" schreit sie, "lieber Tod, Hier liegt er, hier in diesem Bette!"

Elpin

Ein Großer in Athen, der kein Verdienst besaß, Als daß er vornehm trank und aß, Und sein Geschlecht zu rühmen nie vergaß, Verlangte doch den Ruhm zu haben, Als hätt er wirklich große Gaben. Denn mancher, der, wenn ihn nicht die Geburt erhöht, Da stünde, wo sein Christoph steht, Und kaum zum Diener tüchtig wäre, Hält desto mehr auf Ruhm und Ehre, Je dreister sich sein Herz, trotz seinem Stolz, erkühnt; Und ihm oft sagt, daß er sie nicht verdient. In eben dieser Stadt, in der der Große wohnte, War ein Poet, der die Verdienste pries, Die Tugend durch sein Lied belohnte, Und durch sein Lied unsterblich werden hieß; Den bat Elpin, ihn zu besingen. "Sie können", sprach der große Mann, "Durch meinen Namen sich zugleich in Ansehn bringen."

"Mein Herr,", rief der Poet, "es geht unmöglich an. Ich hab aus Eigensinn einst ein Gelübd getan, Nur das Verdienst und nie den Namen zu besingen."

Emil

Emil, der seit geraumer Zeit, Den Klugen wohl bekannt, bei seinen Büchern lebte, Und mehr nach der Geschicklichkeit Zu einem Amt, als nach dem Amte strebte, Ward einst von einem Freund gefragt, Warum er denn kein Amt noch hätte, Da doch die ganze Stadt so rühmlich von ihm redte, Und mancher sich vor ihm schon in ein Amt gewagt, Der nicht den zehnten Teil von seinen Gaben hätte? "Ich", sprach Emil, "will lieber, daß man fragt, Warum man mich doch ohn ein Amt läßt leben, Als daß man fragt: warum man mir ein Amt gegeben?"

Epiktet

Verlangst du ein zufriednes Herz: So lern die Kunst, dich stoisch zu besiegen, Und glaube fest, daß deine Sinnen trügen. Der Schmerz ist in der Tat kein Schmerz, Und das Vergnügen kein Vergnügen. Sobald du dieses glaubst: so nimmt kein Glück dich ein, Und du wirst in der größten Pein Noch allemal zufrieden sein. Das, sprichst du, kann ich schwer verstehen. Ist auch die stolze Weisheit wahr? Du sollst es gleich bewiesen sehen; Denn Epiktet stellt dir ein Beispiel dar. Ihn, als er noch ein Sklave war, Schlug einst sein Herr mit einem starken Stabe Zweimal sehr heftig auf das Bein. "Herr", sprach der Philosoph, "ich bitt Ihn, laß Ers sein, Denn sonst zerschlägt Er mir das Bein." "Gut, weil ich dirs noch nicht zerschlagen habe: So soll es", rief der Herr, "denn gleich zerschlagen sein!" Und drauf zerschlug er ihm das Bein; Doch Epiktet, anstatt sich zu beklagen, Fing ruhig an: "Da sieht Ers nun! Hab ichs Ihm nicht gesagt, Er würde mirs zerschlagen?"

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Dies, Mensch, kann Zenons Weisheit tun! Besiege die Natur durch diese starken Gründe. Und willst du stets zufrieden sein: So bilde dir erhaben ein, Lust sei nicht Lust, und Pein nicht Pein. Allein, sprichst du, wenn ich das Gegenteil empfinde, Wie kann ich dieser Meinung sein? Das weiß ich selber nicht; indessen klingts doch fein, Trotz der Natur sich stets gelassen sein.

Erast

Dorant, ein reicher Mann, der weiter keinen Erben, Als einen Vetter hinterließ, Der reicher war als er, und keinem Guts erwies, Dorant beschloß bei seinem Sterben, An seines Vetters Statt Erasten zu erfreun, Und setzte diesen Freund, ders würdig war, zum Erben Von zwanzigtausend Talern ein. Der Vetter, der die Stadt recht giftig überredte, Als ob Erast, der so rechtschaffne Mann, Das Testament erschlichen hätte, Fing einen Streit um dies Vermögen an, Und lief, von Neid und Geiz gedrungen, Mit schrecklichen Beschuldigungen, Und mit Geschenken vor Gericht; Allein sooft auch die das Recht erzwungen: So siegten sie doch diesmal nicht.

Erast gewann. "Doch dich", spricht er, "zu überführen, Ob ich das Testament mit List an mich gebracht: So will ich das, was mir mein Freund vermacht, Nachdem ich es gewann, verlieren. Die Hälfte schenk ich dir, um dich zu widerlegen. Zweitausend Taler sollen mein; Und das noch übrige Vermögen Soll ein Geschenk für arme Waisen sein. Verdien ich noch den schrecklichen Verdacht, Daß ich das Testament mit List an mich gebracht?"

Herodes und Herodias

Freund, wer ein Laster liebt, der liebt die Laster alle. Wer ein Gesetz der Tugend übertritt, Entheiligt in dem einen Falle Im Herzen auch die andern mit. O sprichst du, welche Sittenlehre Gibt euch der Geist der Schwermut ein! Gesetzt, daß ich der Wollust dienstbar wäre, Werd ich deswegen wohl der Mordsucht eigen sein? Ich glaub es, lieber Freund, du wirst es mir verzeihn; Schrift und Vernunft behaupten diese Lehre. Der Witz, der dich die Wahrheit lehrt, Die Hurerei sie kein Verbrechen, Wird, wenns dein Vorteil nur begehrt, Das Wort zugleich der Mordsucht sprechen. Auf einmal wird man nie der größte Bösewicht; Allein den Grund dazu kann man auf einmal legen. Verletze nur mit Vorsatz eine Pflicht: So hast du schon das schreckliche Vermögen, Wodurch dein Herz die andern bricht. Warum gehorchst du den Gesetzen? Weil Gott, der Heilige, der deine Wohlfahrt liebt, Sie den Vernünftigen zu ihrer Wohlfahrt gibt. Doch darfst du ein Gebot verletzen: So schwächst du ja den Grund, auf dem sie alle stehn. Was kann sich dir denn widersetzen, Dich nicht an allen zu vergehn? O merk es doch, noch unschuldsvolle Jugend! Ich bitte dich, o merk es dir! Es gibt nicht mehr als eine Tugend, Und als ein Laster neben ihr. Hast du den Vorsatz nicht, nach allen heilgen Pflichten, Dich in und außer dir zu richten: So prange hier und da mit guter Eigenschaft, Dein Herz ist doch nicht tugendhaft. Sooft dus wagst, nur eins von den Gesetzen, Weil es dein Herz verlangt, mit Vorsatz zu verletzen: So schwächst du aller Tugend Kraft, Und bist bei hundert guten Taten, Die Hoffnung oder Furcht, Ruhm und Natur dir raten, Vor Gott und der Vernunft doch völlig lasterhaft.

O Jugend! faß doch diese Lehren, Itzt ist dein Herz geschickt dazu. Dem kleinsten Laster vorzuwehren, Die Tugend ewig zu verehren, Sei niemand eifriger als du. Durch sie steigst du zum göttlichen Geschlechte, Und ohne sie sind Könige nur Knechte. Sie macht dir erst des Lebens Anmut schön. Sie wird bei widrigem Geschicke Dich über dein Geschick erhöhn. Sie wird im letzten Augenblicke, Wenn alle traurig von dir gehn, In himmlischer Gestalt zu deiner Seite stehn, Und in die Welt der selgen Herrlichkeiten Den Geist, weil sie ihn liebt, begleiten. Sie wird dein Schmuck vor jenen Geistern sein, Die sich schon auf dein Glück und deinen Umgang freun. O Mensch! ist dir dies Glück zu klein, Um strenge gegen dich zu sein?

Nunmehr mag uns ein wahres Beispiel lehren, Wie alle Laster sich von einem Laster nähren.

——

Herodias, wie uns die Schrift erzählt, Brach dem die Treu, mit dem sie sich vermählt, Und hing an seines Bruders Seite Der Neigung nach, die auch ein Heide scheute; Und die der Hof, der gern mit Worten spielt, Für Zärtlichkeit und nicht für Unzucht hielt. Doch laßt die Schmeichler knechtisch sprechen. Johannes kömmt an Hof. Kein Thron verblendet ihn, Von dem das Laster strahlt. Er sieht es, und spricht kühn: "Du hast des Bruders Weib; dies, Fürst, ist ein Verbrechen." So redt ein Mann, aus dem der Geist der Tugend spricht. Zur Niederträchtigkeit reizt ihn der Thron zu wenig. Er fürchtet Gott mehr als den König, Und hält den Mut für seine größte Pflicht, Wenn er zu dessen Ehre spricht, Von dem mit uns die Könige der Erden Aus gleichem Staub gebildet werden.

So dreist sprach Zachariä Sohn; Allein der Kerker ward sein Lohn. Ein Widerruf könnt ihn daraus erretten; Doch nein, ein Tugendfreund liegt lieber frei an Ketten, Als sklavisch um der Fürsten Thron. So frei indes Johannes auch gesprochen: So blieb er doch dem Fürsten wert. Denn selber der, der jede Pflicht gebrochen, Wird durch ein Herz gereizt, das Gott und Tugend ehrt; Ein heimliches Gefühl heißt ihn dies Herz noch lieben, Und sich, daß ers nicht hat, noch hassen kann, betrüben.

Und also scheint der Fürst noch tugendhaft zu sein, Sosehr ihn auch sein Laster eingenommen. Wenn er unzüchtig ist, ist er drum grausam? Nein; Doch laßt nur einen Umstand kommen: So wird ers doch aus Wollust sein. Kein Laster herrscht jemals allein. Und du begingst vielleicht, wie er, das größte, Wärst du zum größten nicht zu klein.

Der Fürstin Tochter tanzt an einem Freudenfeste. Der Hof bewundert sie. Herodes wird entzückt, Und fühlt, indem er sie erblickt, Der Mutter Blick in ihrer Tochter Blicke. Er winkt der Salome: "Gebeut itzt deinem Glücke, Und bitte, was du willst! Für meine Lieb und dich Ist nichts zu groß, und nichts zu königlich."

Die Tochter eilt mit frohen Schritten Zu der Herodias, und fragt: "Was soll ich bitten?" "Bitt um des Täufers trotzig Haupt!" O Gott! wer hätte das geglaubt? Ist für ein weiches Herz, und für verbuhlte Blicke, Ein blutig Haupt ein reizungsvolles Glücke? Ein Weib, das sonst die kleinsten Schmerzen scheut, Findt, da die Wollust ihr gebeut, Selbst Wollust in der Grausamkeit? Und lehrt zugleich die Tochter ein Verbrechen?

Herodes hört den Wunsch, erschrickt und wird betrübt, Weil er den frommen Täufer liebt; Allein der Fürstenstolz weist ihn auf sein Versprechen. Hats nicht der Hof gehört? Bist du nicht Herr und Fürst? Wird sich Herodias nicht gleich durch Kaltsinn rächen, Wofern du nicht den Wunsch erfüllen wirst? Gebeut, sprach seine Brunst, und eilig willigt er In dieses grausame Vergnügen. Man bringt des Täufers Haupt auf einer Schüssel her.

Hier siehst du ja, wie bald nach leichter Gegenwehr In einem Laster alle siegen!

Inkle und Yariko

Die Liebe zum Gewinst, die uns zuerst gelehrt, Wie man auf leichtem Holz durch wilde Fluten fährt; Die uns beherzt gemacht, das liebste Gut, das Leben, Der ungewissen See auf Brettern preiszugeben; Die Liebe zum Gewinst, der deutliche Begriff Von Vorteil und Verlust, trieb Inklen auf ein Schiff. Er opferte der See die Kräfte seiner Jugend; Denn Handeln war sein Witz, und Rechnen seine Tugend. Ihn lockt das reiche Land, das wir durchs Schwert bekehrt, Das wir das Christentum und unsern Geiz gelehrt. Er sieht Amerika; doch nah an diesem Lande Zerreißt der Sturm sein Schiff. Zwar glückt es ihm, am Strande Dem Tode zu entgehn; allein der Wilden Schar Fiel auf die Briten los; und wer entkommen war, Den fraß ihr hungrig Schwert. Nur Inkle soll noch leben; Die Flucht in einen Wald muß ihm Beschirmung geben. Vom Laufen atemlos, wirft, mit verwirrtem Sinn, Der Brite sich zuletzt bei einem Baume hin; Umringt mit naher Furcht und ungewissem Grämen, Ob Hunger oder Schwert ihm wird das Leben nehmen?

Ein plötzliches Geräusch erschreckt sein schüchtern Ohr. Ein wildes Mädchen springt aus dem Gebüsch hervor, Und sieht mit schnellem Blick den Europäer liegen. Sie stutzt. Was wird sie tun? Bestürzt zurücke fliegen? O nein! so streng und deutsch sind wilde Schönen nicht. Sie sieht den Fremdling an; sein rund und weiß Gesicht, Sein Kleid, sein lockicht Haar, die Anmut seiner Blicke Gefällt der Schönen wohl, hält sie mit Lust zurücke.

Auch Inklen nimmt dies Kind bei wilder Anmut ein. Unwissend in der Kunst, durch Zwang verstellt zu sein, Verrät sie durch den Blick die Regung ihrer Triebe; Ihr Auge sprach von Gunst und bat um Gegenliebe. Die Indianerin war liebenswert gebaut. Durch Mienen redt dies Paar, durch Mienen wirds vertraut. Sie winkt ihm mit der Hand, er folget ihrem Schritte. Mit Früchten speist sie ihn in einer kleinen Hütte, Und zeigt ihm einen Quell, vom Durst sich zu befrein. Durch Lächeln rät sie ihm, getrost und froh zu sein. Sie sah ihn zehnmal an, und spielt an seinen Haaren, Und schien verwundrungsvoll, daß sie so lockicht waren.

Sooft der Morgen kömmt: so machte Yariko Durch neuen Unterhalt den lieben Fremdling froh, Und zeigt durch Zärtlichkeit, mit jedem neuen Tage, Was für ein treues Herz in einer Wilden schlage! Sie bringt ihm manch Geschenk, und schmückt sein kleines Haus Mit mancher bunten Haut, mit bunten Federn aus; Und eine neue Tracht von schönen Muschelschalen Muß, wenn sie ihn besucht, um ihre Schultern prahlen. Zur Nachtzeit führt sie ihn zu einem Wasserfall, Und unter dem Geräusch und Philomelens Schall Schläft unser Fremdling ein. Aus zärtlichem Erbarmen Bewacht sie jede Nacht den Freund in ihren Armen. Wird in Europa wohl ein Herz so edel sein?

Die Liebe flößt dem Paar bald eine Mundart ein. Sie unterreden sich durch selbst erfundne Töne. Kurz, er versteht sein Kind, und ihn versteht die Schöne. Oft sagt ihr Inkle vor, was seine Vaterstadt Für süße Lebensart, für Kostbarkeiten hat. Er wünscht, sie neben sich in London einst zu sehen; Sie hörts, und zürnet schon, daß es noch nicht geschehen. Dort, spricht er, kleid ich dich; und zeiget auf sein Kleid; In lauter bunten Zeug, von größrer Kostbarkeit; In Häusern, halb von Glas, bespannt mit raschen Pferden, Sollst du in dieser Stadt bequem getragen werden.

Vor Freuden weint dies Kind, und sieht, indem sie weint, Schon nach der offnen See, ob noch kein Schiff erscheint. Es glückt ihr, was sie wünscht, in kurzem zu entdecken. Sie sieht ein Schiff am Strand, und läuft mit frohem Schrecken, Sucht ihren Fremdling auf, vergißt ihr Vaterland Aus Treue gegen ihn, und eilt, an seiner Hand, So freudig in die See, als ob das Schiff im Meere, In das sie steigen will, ein Haus in London wäre.

Das Schiff setzt seinen Lauf mit gutem Winde fort, Und fliegt nach Barbados*; doch dieses war der Ort, Wo Inkle ganz bestürzt sein Schicksal überdachte, Als schnell in seiner Brust der Kaufmannsgeist erwachte. Er kam mit leerer Hand aus Indien zurück; Dies war für seinen Geiz ein trauriges Geschick. So hab ich, fing er an, um arm zurückzukommen, Die fürchterliche See, mit Müh und Angst, durchschwommen? Er stillt in kurzer Zeit den Hunger nach Gewinn, Und führt Yariko zum Sklavenhändler hin. Hier wird die Dankbarkeit in Tyrannei verwandelt, Und die, die ihn erhielt, zur Sklaverei verhandelt.

Sie fällt ihm um den Hals, sie fällt vor ihm aufs Knie, Sie fleht, sie weint, sie schreit. Nichts! Er verkaufet sie. Mich, die ich schwanger bin, mich! fährt sie fort zu klagen. Bewegt ihn dies? Ach ja! Sie höher anzuschlagen. Noch drei Pfund Sterling mehr! Hier, spricht der Brite froh, Hier, Kaufmann, ist das Weib, sie heißt Yariko!

——

O Inkle! du Barbar, dem keiner gleich gewesen; O möchte deinen Schimpf ein jeder Weltteil lesen! Die größte Redlichkeit, die allergrößte Treu Belohnst du, Bösewicht! noch gar mit Sklaverei? Ein Mädchen, das für dich ihre eigen Leben wagte, Das dich dem Tod entriß, und ihrem Volk entsagte, Mit dir das Meer durchstrich, und, bei der Glieder Reiz, Das beste Herz besaß, verhandelst du aus Geiz? Sei stolz! Kein Bösewicht bringt dich um deinen Namen. Nie wird es möglich sein, dein Laster nachzuahmen.

* Barbados ist eine von den caribischen Inseln, welche den Engländern zugehöret. Es wird ein großer Sklavenhandel daselbst getrieben.

Lisette

Ein junges Weib, sie hieß Lisette, Dies Weibchen lag an Blattern blind. Nun weiß man wohl, wie junge Weiber sind; Drum durft ihr Mann nicht von dem Bette, So gern er sie verlassen hätte: Denn laßt ein Weib schön wie Cytheren sein, Wenn sie die Blattern hat: so nimmt sie nicht mehr ein. Hier sitzt der gute Mann, zu seiner größten Pein, Und muß des kranken Weibes pflegen, Ihr Küssen oft zurechtelegen, Und oft durch ein Gebet um ihre Beßrung flehn; Und gleichwohl war sie nicht mehr schön. Ich hätt ihn mögen beten sehn. Der arme Mann! Ich weiß ihm nicht zu raten. Vielleicht besinnt er sich, und tut, was andre taten.

Ein krankes Weib braucht eine Wärterin; Und Lorchen ward dazu erlesen, Weil ihr Lisettens Eigensinn Vor andern längst bekannt gewesen. Sie trat ihr Amt dienstfertig an, Und wußte sich in allen Stücken Gut in, die kranke Frau zu schicken, Und auch in den gesunden Mann. Sie war besorgt, gefällig, jung und schön, Und also ganz geschickt, mit beiden umzugehn.

Was tut man nicht, um sich von Gram und Pein, Von Langerweile zu befrein? Der Mann sieht Lorchen an, und redt mit ihr durch Blicke, Weil er nicht anders reden darf; Und jeder Blick, den er auf Lorchen warf, Kam, wo nicht ganz, doch halb erhört zurücke. Ach, arme kranke Frau! Es ist dein großes Glücke, Daß du nicht sehen kannst, dein Mann tut recht galant; Dein Mann, ich wollte viel drauf wetten, Hat Lorchen schon vorher gekannt, Und sie mit Fleiß zur Wärterin ernannt. Ja, wenn sie bloß durch Blicke redten: So möcht es endlich wohl noch gehn; Allein bald wird man sie einander küssen sehn. Er kömmt, und klopft sie in den Nacken, Und kneipt sie in die vollen Backen; Sie wehrt sich ganz bequem, bequem wie eine Braut, Und findet bald für gut, sich weiter nicht zu wehren. Sie küssen sich recht zärtlich und vertraut; Allein sie küßten gar zu laut. Wie konnt es anders sein? Lisette mußt es hören. Sie hörts, und fragt: "Was schallt so hell?" "Madam, Madam!" ruft Lorchen schnell, "Es ist Ihr Herr, er ächzt vor großem Schmerz, Und will sich nicht zufriedengeben." "Ach", spricht sie, "lieber Mann, wie redlich meints dein Herz! O gräme dich doch nicht! Ich bin ja noch am Leben."

Monime

Durch schöner Glieder Reiz, durch Schönheit des Verstands Erwarb Monime sich den Beifall Griechenlands; So manches Buhlers Herz besiegten ihre Blicke; Mit Wollust sah er sie, beschämt wich er zurücke, Denn war Monime schön: so war ihr Herz zugleich An Unschuld, wie ihr Blick an Geist und Feuer, reich. Die Tugend, die dem Wunsch erhitzter Buhler wehrte, Trieb selbst den Buhler an, daß er sie mehr verehrte. Arm war sie von Geburt, und zart von Leidenschaft, Mit Schmeichlern stets umringt; und blieb doch tugendhaft? Doch bringt Geschenke her! Der Diamanten Flehen, Des Golds Beredsamkeit wird sie nicht widerstehen. Ein Prinz aus Pontus ists, der großer Mithridat, Der mit entbrannter Brust sich zu Monimen naht; Ein König seufzt und fleht. Zu schmeichelnde Gedanken! Wird nicht bei diesem Glück Monimens Tugend wanken?

"Prinz", fing sie herzhaft an, "du scheinst durch mich gerührt, Und rühmst den kleinen Reiz, der meine Bildung ziert; Ich danke der Natur für diesen Schmuck der Jugend; Die Schönheit gab sie mir, und ich gab mir die Tugend. Nicht jene macht mich stolz, nein, diese macht mich kühn; Sei tausendmal ein Prinz: umsonst ist dein Bemühn! Ich mehre nie die Zahl erkaufter Buhlerinnen, Nur als Gemahl wirst du Monimens Herz gewinnen."

So unbeweglich blieb ihr tugendhafter Sinn. Der Prinz, des Prinzen Flehn, der prächtigste Gewinn, Des Hofes Kunst und List, nichts konnte sie bezwingen. Der Prinz muß für ihr Herz ihr selbst die Krone bringen.

O welch ein seltnes Glück, von niederm Blut entstehn, Und aus dem Staube sich bis zu dem Thron erhöhn! Wie lange, großes Glück! wirst du ihr Herz vergnügen? Wie lange?

Mithridat hofft Rom noch zu besiegen; Verläßt Monimens Arm, um in den Krieg zu ziehn. Doch der, der siegen will, fängt an, besiegt zu fliehn; Rom setzt ihm siegreich nach, sein Land wird eingenommen. Doch soll das stolze Rom Monimen nicht bekommen, Eh dies der Prinz erlaubt, befielt er ihren Tod. Ein Sklav eröffnet ihr, was Mithridat gebot.

"So", ruft sie, "raubt mir auch die Hoheit noch das Leben? Die für entrißne Ruh mir einen Thron gegeben, Auf dem ich ungeliebt, durch Reue mich gequält, Daß ich den Niedrigsten mir nicht zum Mann erwählt?" Sie reißt den Hauptschmuck ab, um stolz sich umzubringen, Und eilt, ihr Diadem sich um den Hals zu schlingen; Allein das schwache Band erfüllt ihr Wünschen nicht, Es reißt, und weigert sich der so betrübten Pflicht. "O", ruft sie, "Schmuck! den ich zu meiner Pein getragen, Sogar den schlimmsten Dienst will du mir noch versagen?" Sie wirft ihn vor sich hin, tritt voller Wut darauf, Und gibt durch einen Dolch alsbald ihr Leben auf.

Philinde

Philinde blieb oft vor dem Spiegel stehn; Denn alles kann man fast den Schönen, Nur nicht den Trieb, sich selber gern zu sehn, Und zu bewundern, abgewöhnen. Dies ist der Ton, aus dem die Männer schmähn; Doch, Mädchen, bleibet nur vor euren Spiegeln stehn. Ich laß es herzlich gern geschehn. Was wolltet ihr auch sonst wohl machen? Beständig tändeln, ewig lachen? Und stets nach den Verehrern sehn? Dies wäre ja nicht auszustehn. Genug, das schöne Kind, von der ich erst erzählte, Bespiegelte sich oft, und musterte das Haar, Und besserte, wo nicht das mindste fehlte. Ihr Bruder, der ein Autor war, Sah sie am Spiegel stehn und schmälte. "Habt Ihr Euch noch nicht satt gesehn? Ich geh es zu, Ihr seid sehr schön; Doch sein Gesicht die ganze Zeit besehn, Verrät ein gar zu eitles Wesen." "Herr Autor", sprach sie, "der Ihr seid, Hebt mit mir auf; denn sich gern selber lesen, Und gern im Spiegel sehn, ist beides Eitelkeit."

Selinde

Das schönste Kind zu ihren Zeiten, Selinde, reich an Lieblichkeiten, Schön, wenn ich also sagen mag, Schön, wie das Morgenrot, und heiter, wie der Tag; Selinde soll sich malen lassen. Sie weigert sich; der Maler ließ nicht nach; Er bat, bis sie es ihm versprach, Und schwur, sie recht getreu zu fassen. Sie fragt, wieviel man ihm bezahlt? Ich hätte sie umsonst gemalt, Und hätt ich ja was fordern sollen: So hätt ich Küsse fordern wollen. So schön Selinde wirklich war, So schön, und schöner nicht, stellt sie der Maler dar; Die kleinste Miene muß ihm glücken, Das Bild war treu, und schön bis zum Entzücken; So reizend, daß es selbst der Maler hurtig küßt, Sobald sein Weib nicht um ihn ist.

Der Maler bringt sein göttliches Gesicht. Selinde sieht es an, erschrickt, und legt es nieder. "Hier nehm er sein Gemälde wieder, Er irrt, mein Freund, das bin ich nicht. Wer hieß ihn so viel Schmeicheleien, Uns so viel Reiz auf meine Bildung streuen? Erdichtet ist der Mund, verschönert ist das Kinn. Kurz, nehm er nur sein Bildnis hin; Ich mag nicht schöner sein, als ich in Wahrheit bin. Vielleicht wollt er die Venus malen: Von dieser laß er sich bezahlen."

So ist sie denn allein das Kind, Das schön ist, ohn es sein zu wollen? Wie viele kenn ich nicht, die wirklich häßlich sind, Und die wir mit Gewalt für englisch halten sollen.

Der Maler nimmt sein Bild, und sagt kein einzig Wort, Geht trotzig, wie ein Künstler, fort. Was wird er tun? Er wird es doch nicht wagen, Und so ein schönes Kind verklagen?

Er klagt. Selinde muß sich stellen. Die Väter werden doch ein gütig Urteil fällen! O fahrt sie nicht gebietrisch an; So sehr sie unrecht hat, so edel ist ihr Wahn.

Hier kömmt sie schon, hier kömmt Selinde! Wer hat mehr Anmut noch gesehen? Der ganze Rat erstaunt vor diesem schönen Kinde, Und sein Erstaunen preist sie schön. Und jeder Greis in dem Gerichte Verliert die Runzeln vom Gesichte; Man sah aufs Bild; doch jedesmal Noch längre Zeit auf das Original; Und jeder rief: "Sie ist getroffen!" "O", sprach sie ganz beschämt, "wie könnt ich dieses hoffen! Er hat mich viel zu schön gemalt, Und Schmeichler werden nicht bezahlt."

"Selinde", hub der Richter an, "Kein Maler konnt Euch treuer malen. Er hat nach seiner Pflicht getan, Abbittend sollt Ihr ihn bezahlen; Doch weil Ihr von Euch selbst nicht eingenommen seid: So geht nicht unbelohnt von diesem Richterplatze; Empfangt ein Heiratsgut aus dem gemeinen Schatze, Zum Lohne der Bescheidenheit."

O weiser Mann, der dieses spricht! Gerechter ist kein Spruch zu finden. Du, du verdienst ein ewig Lobgedicht, Und wärst du jung, verdientest du Selinden. Selinde geht. Der Beifall folgt ihr nach; Man sprach von ihr gewiß, wenn man von Schönen sprach; Je mehr sie zweifelte, ob sie so reizend wäre, Um desto mehr erhielt sie Ehre.

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Je minder sich der Kluge selbst gefällt: Um desto mehr schätzt ihn die Welt.

Semnon und das Orakel

Sein künftig Schicksal zu erfahren, Eilt Semnon voll Begier zum delphischen Altar. Die Gottheit weigert sich, ihm das zu offenbaren, Was über ihn verhänget war. Sie spricht: "Du wirst ein großes Glück genießen; Doch wirds dein Unglück sein, sobald du es wirst wissen." Ist Semnons Neugier nun vergnügt? Nichts weniger! Nur mehr wächst sein Verlangen. "O Gottheit", fährt er fort, "wenn Bitten dich besiegt: So laß mich größres Licht von meinem Glück empfangen!" So traut der Mensch, und traut zugleich auch nicht. Ein Semnon glaubt sein Glück, nicht, weils die Gottheit saget, Nein, weil ers schon gewünscht, eh er sie noch gefraget. Doch glaubt er auch, wenn sie vom Unglück spricht? O nein! Denn dieses wünscht er nicht. Durch Klugheit denkt er schon das Unglück abzuwehren. Kurz, Semnon läßt nicht nach, er will sein Schicksal hören.

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