III. Der Gimpelkönig.
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1.
Da wo das Erzgebirge an das Voigtland grenzt, ist ein Landstrich, in welchem fast jeder dritte Ort sich auf »grün« endigt. Die Leute dort sagen, das rühre von den vielen Vogelherden her, die es da giebt. Denn »'s Grün« heißt der Platz, worauf der Vogelherd angelegt ist. Die vielen Vogelherde aber deuten auf die Hauptpassion der Bewohner; die Gegend ist weithin bekannt als Vogelstellerdistrikt. Der hat auch einen Vorort – Wellersgrün nennen wir ihn, obgleich er auf der Landkarte anders lautet; doch »grünt« er sich wenigstens.
Da hauste bei Menschengedenken ein Mann, der hatte sich vom Bürstenbinder, Krämer und Achtelhufengutsbesitzer zum Potentaten der Gimpel emporgeschwungen. Die Einleitung läßt schon ahnen, daß hier nicht von jener adamitischen Gimpelspecies die Rede ist, welcher das goldene Gefieder von den Händen leichtfertiger Evastöchter gerupft zu werden pflegt, sondern von dem niedlichen Sängervolke, dessen Heimath der grüne Tannenwald ist, und das den Wellersgrünern von jeher ihre gesuchtesten Virtuosen in der Tonkunst lieferte. Gottfried Unger – so hieß unser Mann – hatte keine Ahnung von jener uneigentlichen Gimpelspecies; ihm war Gimpel gleichbedeutend mit Genie, und darum war er stolz auf den Königstitel, welchen ihm seine Heimathgenossen ertheilt hatten, weil er im Fangen und Abrichten der kleinen Waldsänger eine Meisterschaft besaß, die man einer wunderbaren Herrschaft über diese Thiere zuschrieb. So berühmt vor allen seinen vogelstellenden Landsleuten war König Gottfried, daß seine Zöglinge nicht allein in ferne Gegenden verschrieben wurden, sondern daß auch nicht selten Bewohner der benachbarten Städte nach Wellersgrün lediglich in der Absicht wallfahrteten, den »Gimpelkönig« und seinen Hof zu sehen.
Gewisse Leute wollten zwar behaupten, diese Besucher zöge noch etwas ganz Anderes nach dem schmucken gelben Hause am hüpfenden Wasserfall des »Grünbächels«, als König Ungers Hofkapelle – nämlich die Prinzessin des kleinen Reiches, das über alle Beschreibung nette und herzige Hannchen, Ungers eheleibliche neunzehnjährige Tochter. Aber wenn dies auch vielleicht hinsichtlich des jüngeren Theiles der Wallfahrer seine Richtigkeit hatte, so doch bestimmt nicht in Ansehung der vielen gesetzten Männer, die sich darunter befanden; für die war es interessant genug, Herrn Gottfried umringt von seinem gefiederten Hofstaat zu sehen.
Man denke sich eine große, weißgetünchte, vom Scharwerksmaurer unter der Decke mit einer Guirlande von Phantasieblumen geschmückte Stube, deren fünf Fenster rechts und links mit Reihen vollbesetzter Vogelbauer garnirt sind. Das der Stubenthür gegenüber befindliche Fenster ist mit Epheu eingefaßt, eine Reihe Blumentöpfe mit Balsaminen, Muskat- und Rosenkrautstöcken bedeckt das Bret, und die Bauer zu beiden Seiten zeichnen sich durch Größe und Zierlichkeit aus. Hier hausen die Gimpel – sie sind der hohe Adel des Ungerschen Reiches; die andern in den unansehnlichen Behältern, die Quäker, Finken, Meisen, Zeisige und dergleichen, sind das gemeine Volk. Vom künstlerischen Gesichtspunkte aus betrachtet, sind jene die Solosänger, diese die Choristen. Vor dem solchergestalt ausgezeichneten Fenster steht ein kleiner Tisch und vor diesem ein Lederpolsterstuhl – das ist der Thron des Monarchen, da sitzt er, ein stattlicher Funfziger, den einen Arm auf den Tisch gestemmt, mit dem andern die Meerschaumpfeife haltend, der er sparsam abgemessene Wolken entzieht und giebt seinen Lieblingen Audienz. Solches geschieht, indem er einen Bauer nach dem andern von seinem Nagel herunternimmt, ihn vor sich auf den Tisch setzt und eine Melodie intonirt, worauf der Bewohner des Bauers sofort einfällt und die Weise zu Ende führt. Auf diese Weise wird der Zuhörer nach und nach mit einer Blumenlese von Melodieen erfreut, die vom »Freund, ich bin zufrieden« bis zum »Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!« fast alle Rhythmen des Liedergesanges umfassen. Freilich wird dem fremden Zuhörer der Genuß dieses Concertes durch das wirre Durcheinander des Chores verdorben, denn es ist kaum möglich, vor dem Zwitschern, Zirpen und Wirbeln der Quäker, Zeisige, Finken u. s. w. den schulgerechten Gesang der Solisten zu vernehmen. Meister Ungers Gehör aber unterscheidet diesen recht wohl, ja für dasselbe dient der gemeine Chor den edlen Concertisten nur zur Folie, wie dies ja auch bei mancher musikalischen Kunstanstalt der Nichtgimpel der Fall ist.
Wer den ehrenwerthen Meister so unter seinen Vögeln sah, oder wer gar seinen Lehrstunden beiwohnte, der mußte die heitere Gemüthsruhe, die unerschöpfliche Geduld desselben bewundern, und war es eine Frau, die ihn so beobachtete, so konnte sie kaum umhin, Frau Unger um ein solches Lamm von einem Eheherrn zu beneiden. Allein sowie Herr Gottfried seinen Vögeln den Rücken gewendet hatte, war er ein ganz anderer Mensch, da keifte und nörgelte er im Hause herum, bis es seiner Gattin glücklich gelang, ihn auf den Vogelherd oder in die Schänke zu spediren. Vielleicht wurde das Maß von Geduld, so ihm die Vorsehung verliehen, von seinen Zöglingen so vollständig absorbirt, daß ihm für den Verkehr mit Menschen nichts davon übrig blieb. Niemand konnte im Umgange reiz- und verletzbarer sein, und in ganz Wellersgrün gab es keinen Menschen, der so schwer zu versöhnen war wie er, zumal wenn ihm Jemand sein Steckenpferd unsanft berührte. Kam er doch seit vielen Jahren schon nicht mehr in die Ortskirche, weil der Pfarrer sich einmal von der Kanzel gegen das Vogelstellen auszusprechen gewagt hatte; da der hierdurch schwerbeleidigte Gimpelkönig aber doch ein guter Christ sein wollte, so ging er entweder nach Schönheide oder Hundshübel zum Gottesdienst. Desto fleißiger besuchte er eine der Ortsschänken, nicht nur weil der Inhaber derselben seine Liebhaberei theilte, sondern auch weil dies der Ort war, wo er fortwährend Gelegenheit hatte, neue »Stückla« für seine Gimpel zu hören. Zu seiner Ehre muß gesagt werden, daß er sich fast nie betrank; sein gewöhnliches Getränk war das heimische »Einfache«, worauf er höchstens zum Schluß einen »Eibenstöcker« setzte, den er seinen Magendoctor nannte.
Hausdespoten werden von ihren Familien nicht mit Rosenketten in ihren vier Pfählen festgehalten – der Ungerschen Familie war, als hätte sich ein böser Wind gelegt, sobald sich ihr Haupt auf den Vogelherd oder in die Schänke verfügt hatte. Da wurde es erst gemüthlich im Hause. Mutter und Tochter krochen aus Küche, Stall und Keller hervor und reiheten sich mit den beiden »Gimpelprinzen« um den Ofen; oft kam dazu auch der Geselle mit dem Lehrjungen. Da wurde nun gescherzt, erzählt oder gesungen, ohne daß jedoch dabei die Hände feierten. Sonntags traktirte Frau Unger das ganze Hausgesinde mit einem Nachmittagskaffee und »Hefenkloß«, in welchem die Rosinen nicht fehlen durften, und wer zur rechten Zeit bei ihr einsprach, war ein frohwillkommener Gast. Manches arme Dorfkind hatte regelmäßig das Glück, keins aber regelmäßiger, als das »Rußbuttenlobel«, ein alter Junggeselle, der in seiner Jugend mit Rußbutten durchs Land gezogen und seit er zu solchem Erwerb invalid geworden, in die Stelle eines Vice-Tag- und Nachtwächters von Wellersgrün eingerückt war. Diese wichtige Person war für das Ungersche Haus noch mehr, als ihr Titel besagte: sie war zugleich Historienbuch, Liedersammlung, Ortschronik und Zeitung. Daher geschah es, daß, sobald »Rußbuttenlobels« wohlbekannter Amtsspieß an der Ungerschen Hausthür lehnte, – denn die Schwelle durfte dieses polizeiliche Attribut nicht überschreiten, das wäre eine Verletzung der Wellersgrüner Habeascorpusakte gewesen, – eine Nachbarin nach der andern in die Gimpelresidenz »hutzen«1 eilte, um das Neueste aus der Tagesgeschichte zu erfahren.
So war es auch am Trinitatisfeste des Jahres Eintausend Achthundert und –Zig. Der Hausherr saß beim Einfachen in der obern Schänke; die Hausfrau mit ihren Kindern und Hausgenossen am Kaffeetisch, und »Rußbuttenlobel« trat mit seinem »Helf Gott!« in die Stube. Nachdem er von allen Seiten freundlich bewillkommt und von Hannchen an den Tisch gezogen worden, hieß es rechts und links: »Was hat's Neues in der alten Welt?« Lobel warf sich in die Brust, that einen Zug aus der ihm vorgesetzten Tasse, einen kräftigen Biß in den »Hefenkloß« und sagte: »So in einem Athem, Ihr guten Leut', läßt sich das nicht erzählen.« Darauf leerte er die Tasse und ließ den Hefenkloß mit großer Schnelligkeit zwischen seinen Kinnladen verschwinden. Alle Anwesenden hefteten die Augen auf den Anfangspunkt dieser Werkzeuge; doch Lobel richtete seine Blicke, eh' er sprach, nach der Thür, als erwarte er noch einige Ohren für seine Zeitung. Er wartete nicht vergebens – der Spieß war gesehen worden – ehe fünf Minuten vergingen, war ein halbes Dutzend Nachbarinnen versammelt, von denen sich die eine ein Loth Kaffee, die andere ein Gebind Zwirn, die dritte für einen Pfennig Pfeffer zum schicklichen Behelf nahm, und der Bericht – den wir mit Beseitigung der Mundart wortgetreu wiedergeben – begann:
»Es geht arg her in der alten Welt, Ihr guten Leut'! Der Franzos draußen ist wieder einmal kollerig, aber ob's ihm unter der Mütze fehlt oder in den Schuhen, das weiß der Himmel, und in Welschland wollen sie auch gescheidt werden, ob's ihnen aber von der hohen Obrigkeit erlaubt wird, das weiß der Zeitungsschreiber nicht, wie soll's Rußbuttenlobel wissen! Aber der Russ' dahinten scheert sich den Teufel darum, ob's in Polen Wölfe giebt oder nicht – er hat einen gar guten Magen, das wissen wir von Anno dreizehn, da haben die Kosacken gefressen, was ihnen zwischen die Zähne kam; übrigens ist es oben im Sibirienland fast so kalt wie in Karlsfeld, wie die Polaken zu erzählen wissen und viele andere Ehrenleut', die dort auf dem Zobelfang waren – Du mußt aber hübsch aufpassen, Heinerle, sonst bleibst zeitlebens ein dummer Junge, und die Rosinen mußt Du nicht aus dem Hefenkloß bohren – und in England werden sie nächstens mit Dampf in den Mond fahren, ich wollte, sie wären schon alle droben gewesen, eh' sie unserm armen Gebirge sein Klöppelwesen ruinirten – daß sich Gott erbarm'! meine Schwester hat gestern in der Stadt schon wieder zwei Pfennige weniger bekommen für die Elle Borten! Item: der Papst ist gestorben, der Tod kann's aber machen, wie er will, er wird nicht fertig mit der Gesellschaft, es ist schon wieder ein neuer da – meiner Hühner halben! – ich wollte nur, ich hätte ein paar Fuder von den Feigen und Apfelsinen, die dieses Jahr in Welschland gewachsen sind, und könnte sie in Wellersgrün verzehren. Doch daß ich nicht Eins über dem Andern vergesse – Friedel, Du wirst gleich Dein Schälchen hinunterstoßen, 's wär' schad' um den eingebrockten Hefenkloß, aber der Steingutmacher will auch leben – in Lindengrün hat eine Bergmannsfrau Vierlinge gehabt; da fleckt's! jedoch aber im Dänemarkschen – 's muß wohl um Buxtehude herum liegen, dort bin ich nicht gewesen – da will der Königsstamm aussterben – geht mir auch nicht besser, bin Rußbuttenlobel der Erste und Letzte und habe nichts auf meinem Gewissen, als den armen Handwerksburschen, den ich verarretirt und aus dem Dorfe verbannt habe, weil er ins Lieben-Konrads Haus fechten kam, obwohl mein Spieß vor der Thür lehnte; da konnte der dumme Teufel doch denken, daß die Polizei nicht weit war und ihn erwischen würde; aber gedauert hat mich der Schelm, mein' Seel'. Wie gesagt, es geht arg zu in der alten Welt – aber Ihre Hefenklöß' sind delicat, Frau Dore! – wenn's nicht bald anders wird mit der Menschheit, glaub' ich, der Pfannenstieler Pfarrer, der zu den Heiligen gehört, behält Recht – der sagt, das Ende aller Dinge sei vor der Thür. Nun meinetwegen! ich hab' Nichts zu verlieren als den Spieß und vier Zeilen Erdäpfel auf des Richters Feld; wegen des armen ausgewiesenen Handwerksburschen werd' ich nicht gleich in die Hölle fahren, wiewohl 's nicht christlich war. Ja, arg geht's zu in der Welt – aber im Ungerhaus giebt's gute Hefenklöß', das ist auch gewiß!«
Er wischte sich mit dem Aermel seiner Manchesterjacke den Schweiß von der Stirn, nahm einen frischen Hefenkloß, überlieferte ihn seinen Kauwerkzeugen, schlürfte eine zweite Tasse Kaffee und begann auf die Frage: »Ist das Alles?« von Neuem:
»Das war's Auswärtige; nun kommt das Einheimische, und das ist das Wichtigste.« – Er berichtete nun, wo ein Todesfall vorgekommen und zu erwarten, ein Kind geboren, eine Hochzeit vor der Thür, ein Hausbau in Angriff genommen war und dergleichen mehr, endlich schloß er: »Doch nun das Beste! Was denkt Ihr, daß das Allerneueste ist?«
Alle sahen ihn gespannt an.
»Gelt, Ihr wißt's nicht?« sagte er nach einer Pause. »Nun so hört: mein Vetter, der Sacher Heinrich, ist diesen Mittag aus der Fremde gekommen!«
Das schien in der That eine unerwartete und wichtige Neuigkeit zu sein, denn alle Anwesenden gaben Zeichen der Ueberraschung und des Interesses von sich – Niemand aber lebhaftere, als Hannchen, denn die stieß einen lauten Schrei aus und wurde roth wie eine Erdbeere bis in den Nacken hinein.
»Nicht wahr, Jungfer Hannel,« bemerkte der Erzähler, »das ist Wasser auf Ihre Mühle?«
Alle blickten die Gefragte an. Diese warf dem Frager einen zürnenden Blick zu und eilte zur Thür hinaus.
»Da hat man's,« sagte Lobel, »alte Liebe rostet nicht!«
»'s war auch gar ein feiner Bursch, der Sacher Heinrich,« meinte eine der Nachbarinnen.
»Ihr solltet ihn erst jetzt sehen,« versetzte Lobel, »jetzt sticht er alle Wellersgrüner Bursche aus, sowohl was Ansehen als Manieren betrifft; ich sollt's nicht sagen, weil's mein leiblich Schwesterkind ist – aber wahr bleibt wahr. Er ist aber auch ein Stück in der Welt herumgekommen, wie Keiner in Wellersgrün – sogar in Welschland ist er gewesen, und in Frankreich hat er fast zwei Jahre gearbeitet – da kann's Hannel bald hören, wie das auf Französisch heißt:
– keine von Allen Hat so mir gefallen Wie Hannchen, schön' Hannchen, lieb' Hannchen, mein Hannchen allein.«
»Laß Er das Geplapper, Lobel!« gebot Frau Unger. »Vor drei Jahren, wie Sein Vetter in die Fremde ging, war mein Hannel noch ein Kind, und wer weiß, ob der Sacher Heinrich jetzt noch an die Tändelei denkt. Mein Hannel hat sie längst vergessen; und nun treib' Er mir das Mädel nicht wieder aus der Stube mit solchem Spaß! – Aber sehen möcht' ich den Sacher Heinrich, das gesteh' ich.«
»Ich auch« – »ich auch« – hieß es von mehren Seiten und Rußbuttenlobel schloß mit der Aeußerung: »Er wird schon kommen und sein Schätzel grüßen.«
Jetzt schlugen ferne Trompetenklänge an die Ohren der Gesellschaft.
»Das hätt' ich bald über dem Sacher Heinrich vergessen,« sagte die inkarnirte Dorfzeitung, »in der obern Schänke ist heute Musik – sie blasen schon zusammen. Also munter, ihr jungen Leut'!«
Diese Mahnung galt den ledigen Personen im Zimmer und man säumte nicht, ihr nachzukommen, denn das junge Volk tanzt in Wellersgrün so gern wie überall im lieben Gebirge. Bald war Frau Unger mit ihren Kindern allein daheim. Denn auch Rußbuttenlobel mußte von Amtswegen in die Schänke. Wie er, den kürzesten Weg nehmend, aus der Hinterthür in den Ungerschen Grasgarten trat, fand er Hannchen dort in sich versunken stehen. Er schlich sich nahe und sah, wie sie einer Sternblume die Blättchen nach einander ausriß und dazu halblaut sagte: »Er liebt mich – von Herzen – mit Schmerzen – klein Wenig – gar nicht – er liebt mich – –« Da fiel das letzte Blatt und Rußbuttenlobel ging mit den Worten vorüber: »Ei freilich! Komm Sie nur in die Schänke, Jungfer; da ist er auch.«
2.
In der Schänke ging es laut. Aus dem ganzen Dorfe strömten die Gäste herbei, die Alten nach der Schänkstube im Erdgeschoß, die Jungen nach dem darüber gelegenen Tanzboden. Nur ein Trupp munterer Bursche, aus deren Mitte ein fast elegant gekleideter Jüngling hoch emporragte, folgte dem Zuge der Alten. Als er in die Schänkstube trat, gerieth die ganze anwesende Gesellschaft in Bewegung. »Der Sacher Heinrich!« lief's von Mund zu Munde, und bald fand sich der feingekleidete Mensch umdrängt von Solchen, die ihm ihr »Grüß Gott, Heinrich!« und das Bierglas zum Willkommentrunk entgegenbrachten.
Während er allen in erwünschter Weise Bescheid that, wurde er mehr und mehr dem Hintergrunde zugeschoben, bis er dicht vor dem »Herrentisch« stand, an welchem die Angesehenen des Ortes, darunter auch der »Gimpelkönig«, ihren Platz hatten. Die gleiche Begrüßung ward ihm auch hier zu Theil; dann rückte man eng zusammen und bemächtigte sich des Ankömmlings gänzlich, indem man ihn an den Tisch zog und zwischen sich nahm, daß er weder zur Rechten, noch zur Linken entweichen konnte. Das war eine große Ehre, und Heinrich wußte sie zu schätzen; – er zog seine wohlgefüllte Cigarrentasche, damals in Wellersgrün ein unerhörter Luxus, präsentirte sie den Umsitzenden und steckte sich selbst einen der duftenden Glimmstengel an, worauf er sich in Bereitschaft setzte, auf die mancherlei Fragen, die man an ihn richten würde, bündige Antwort zu geben. Seine Begleiter pflanzten sich, die dorfüblichen Pfeifen im Munde, vor dem Tische, dem Freunde gegenüber auf.
An Fragen seitens der Tischgenossen Heinrichs fehlte es nun nicht, sie waren aber so mannigfaltig und wirr durcheinanderlaufend, daß der Gefragte gar nicht dazu kommen konnte, sie zu beantworten. Endlich machte der Wirth den Vorschlag, der Heimkömmling möge seine Reisegeschichte zum Besten geben, wogegen er sich zu einer »Stütze« Doppelbier erbot. Der Vorschlag wurde wie das Anerbieten freudig aufgenommen. Erst that man der »Stütze« alle mögliche Ehre an, und dann begann Heinrich seine Erzählung. Daraus erfuhren die Zuhörer, daß der junge Mann, nachdem er vor drei Jahren als Tischlergeselle das Felleisen genommen, sich nicht lange in den engen Grenzen seines Vaterlandes gefallen, daß es ihn in die Weite getrieben hatte, um Menschen und Sitten kennen und etwas Rechtes in seinem Fache zu lernen. Erst war er nach Wien gewandert, von da hatte es ihn nach Italien gezogen, wo es ihm aber sehr trübselig ergangen war. Unter unsäglichen Beschwerden hatte er sich nach der Schweiz durchgeschlagen und nachdem er hier wieder etwas »zu Federn gekommen«, sich der Hauptstadt Frankreichs zugewendet. So gut er es nun daselbst getroffen, so mächtig ihn anfangs das Leben in der ungeheuren Weltstadt angezogen hatte, so war doch allgemach die Sehnsucht nach der Heimath in ihm wach geworden. Sein Meister hatte ihn zum Werkführer über fünfzig Arbeiter, ja zu seinem Eidam machen wollen, aber da war plötzlich das Verlangen nach der lieben Heimath so mächtig geworden, daß er es keinen Tag mehr in Paris ausgehalten und »Knall und Fall« den Wanderstab zur Heimkehr ergriffen hatte. Die mancherlei kleinen Reiseabenteuer, welche in Heinrichs Erzählung vorkamen, verliehen derselben eine solche Würze, daß Einer von seinen Zuhörern nach Leerung der vom Wirth gespendeten Stütze gleich eine zweite bringen ließ. Heinrich schloß mit den Worten: »So bin ich denn nun glücklich wieder in Wellersgrün und denk' auch da zu bleiben, denn das können Sie mir glauben, werthe Landsleut', so schön es draußen sein mag, es bleibt doch wahr, wie man bei uns spricht: »d'rham is d'rham.« Da schüttelten ihm alle Umsitzenden die Hand, tranken auf sein Wohl, lobten seinen Entschluß und sicherten ihm zu seiner Niederlassung im Orte allen möglichen Beistand zu.
»An meiner Fürsprache beim Handwerk soll's ihm nicht fehlen, Heinrich!« sagte unter andern der Obermeister von der Zunft der vereinigten fünfzehn Handwerke.
»Und Credit, wie Empfehlungen nach Schneeberg und Auerbach finden Sie bei mir,« versprach der Krämer, oder wie er sich nannte, Kaufmann des Oberdorfes. Der Förster eröffnete ihm die besten Aussichten auf unbeschränkten Nutzholzcredit und der Zimmermeister wollte ihm sein mütterliches Häuschen herrichten, daß es eine Art hätte. Zuletzt war auch von einer Frau die Rede, und von mehr als einer Seite ließ man merken, daß er ein ganz annehmbarer Schwiegersohn wäre.
»Mit dem Heirathen,« sagte jedoch Heinrich, »hat es bei mir noch Zeit. Vor der Hand drängt's mich nicht, denn meine Mutter ist, Gott sei Dank! noch rüstig, und übrigens – kommt Zeit, kommt Rath!« Dabei warf er aber einen anhaltenden Seitenblick nach Meister Unger und nach einer Pause richtete er an diesen die Frage: »Wie geht's daheim, Meister Unger? Ist die Frau sammt den Kindern wohlauf?«
»Was soll's mit denen für Noth haben?« war die Antwort. »Man sorgt und schafft doch genug für sie! Nun, Er besucht uns doch, Heinrich – Er wird sich freuen, wenn Er meine Gimpel sieht und hört.«
Heinrich lächelte und blies eine starke Wolke vor sich hin.
»Ei, Heinrich!« sagte der Schänkwirth, »wir waren ja ehedem auch ein Vogelfreund und suchten als Steller Unsersgleichen – wir werden jetzt das edle Vergnügen doch auch wieder treiben?«
»Da sei Gott vor!« erwiederte der Gefragte. »Ich bedaure, daß ich jemals ein Vöglein seiner Freiheit beraubt habe – halten Sie mir's zu Gute, lieben Leute! – aber ich muß Ihnen sagen: mir erscheint es jetzt geradezu sündlich, das Vogelfangen.«
Dem Gimpelkönig entsank die Pfeife, der Wirth wurde kirschbraun im Gesicht und der eine und andere der Tischgenossen rief: »Wie so? Was sagt er? Sündlich?«
»Ja – nehmen Sie mir's nicht übel!« erwiederte der junge Mann fest, »so erscheint es mir, und lassen Sie sich sagen warum? Lassen Sie sich erzählen, wie ich zu dieser Ansicht gekommen bin. Sie wissen, daß ich früher auch meinen Vogel gestellt habe, wie Einer, und der Meister Unger da muß mir bezeugen, daß im Lernen der Gimpel Keiner ihm gleich kam als ich – es hat manchen kleinen Wettstreit zwischen uns gegeben, aber in aller Freundschaft – und wie ich in die Fremde ging, that mir nichts so weh, als daß ich meine Vögel da lassen mußte; ich hätte sie lieber mitgenommen, wenn es gegangen wäre. Zog ich dann auf meiner Wanderschaft durch einen Wald und hörte einen Reiterfinken schlagen oder eine Amsel singen, so zuckte es mir in allen Gliedern, ich ärgerte mich, daß ich gar kein Stellzeug bei mir hatte, aber dessenungeachtet schlich ich den Vögeln wohl stundenlang nach und so kam es oft, daß ich über einer mäßigen Tagereise zwei, auch drei Tage zubrachte. Das war viel Zeitverlust und Verlust an Geld obendrein. Nach und nach verlor sich zwar das Erpichtsein aufs Vogelstellen etwas, ganz aber konnte ich's doch nicht los werden und wenn der liebe Sonntag kam, ging ich vogelstellen, statt in die Sonntagsschulen, welche einsichtsvolle Menschenfreunde zur Fortbildung des Handwerkerstandes weit und breit ins Leben gerufen haben. So ging es, bis ich ins Welschland kam. Da hatt' ich das Unglück, der Polizei verdächtig zu werden: statt für einen ehrlichen Handwerksburschen sah sie mich für einen geheimen Revolutionär an – ich wurde verhaftet und nach Padua ins Gefängniß gebracht. Im Gefängniß, ihr lieben Leute, lernt man erst Jesum Christum erkennen. Vier Wochen mußte ich einsam in einem schauerlichen Loche sitzen – ach! ich dachte, der liebe Herr Gott habe in seinem Zorn die Tage plötzlich zu Jahren ausgesponnen, so fürchterlich lang wurde mir die Zeit. Da fielen mir alle meine Sünden ein – und auch mein Vogelstellen. Da dachte ich, wie meine armen Vöglein der Verlust ihrer Freiheit geschmerzt haben müsse, und ich mußte es als eine Strafe vom lieben Gott erkennen, daß ich jetzt auch in einem Käfig steckte, der freilich nicht von schwachem Draht oder Holz, sondern aus gewaltigen Steinen erbaut war. Als ein Tag nach dem andern dahinschlich, ohne daß ich erlöst wurde oder eine Vertröstung auf baldige Erlösung erhielt, wurde ich lebenssatt, die Verzweiflung übermannte mich, mehr als einmal war ich nahe daran, mit dem Kopfe wider die Wand zu rennen und ihn zu zerschmettern; nur der Gedanke an meine gute Mutter hielt mich davon zurück. Dann fielen mir meine Vögel immer wieder ein und ich dachte: so wie dir jetzt, so ist es auch den armen Thierlein zu Muthe gewesen, da sie deine Gefangenen waren! Du sahest wohl ihr ängstlich Flattern an der Leimruthe, im Netz oder im Bauer, du hörtest ihr kläglich Schreien, bemerktest ihre traurigen Mienen – und doch ließest du sie im Käfig, getrennt von ihren Jungen, oder das Männchen von seinem Weibchen; sie mußten ihr herbes Loos tragen – so füge nun auch du dich in dein Schicksal! Des Nachts aber kamen schreckhafte Träume; da verwandelten sich meine ehemaligen Gefangenen in gräuliche Riesenvögel, die mit ihren furchtbaren Schnäbeln nach mir hackten oder mich mit ihren Krallen packten und an den Rand eines schauerlichen Abgrundes rissen, bei dessen Anblick ich entsetzt aufschrie und erwachte. Da betete ich in meiner Angst zu Gott und schwur, nie wieder eines seiner für die Freiheit geborenen Geschöpfe dieses ersten Lebensgutes zu berauben – denn das sag' ich aus Erfahrung: es giebt kein köstlicheres Gut im Leben als die Freiheit, und ein Raub an diesem Gute wider ein Geschöpf Gottes verübt ist ein Frevel schwarz wie der Mord –«
»Einen Eibenstöcker!« rief der Gimpelkönig, und Heinrich, ohne auf dessen unwirsches Gesicht zu achten, fuhr fort:
»Endlich ward ich frei – mir war, als läge ein Zeitraum von Jahren zwischen Verlust und Wiedergewinn meiner Freiheit, und ich konnte kaum gehen, so hatte die Haft mich angegriffen. Als ich mich außerhalb der Stadt fand, kniete ich auf offenem Felde nieder und dankte Gott, daß ich wieder fessellos unter seinem Himmel und auf seiner Flur athmete, und wiederholte meinen Schwur, nie wieder Hand an ein lebendiges Wesen zu legen, um es seiner angeborenen Freiheit zu berauben. Darauf zog ich viele Tage durch herrlich bebaute Gegenden – aber so mannigfach und üppig alle Gewächse erschienen, so reizend die goldenen Früchte aus den dunkelgrünen Kronen der Bäume schimmerten, so schwellend die Matten, so gestaltenreich die Höhen sich in Aug' und Seele drängten, so fehlte ihnen doch ein Reiz, den ich mit Wehmuth vermißte: die Schwärme singender Vögel, welche unsere Heimathwälder beleben. Wichen sie vor mir als vor einem Feind oder einem Verfluchten, dessen Ohr nimmer werth war, sich an ihren Melodieen zu weiden?«
»Noch einen Eibenstöcker!« unterbrach Meister Unger den Erzähler abermals.
»Willst Du schon nach Hause?« fragte der Obermeister der fünfzehn Handwerke.
»Nein,« erwiederte der Gefragte, »es wird mir blos übel von dem Gemähre –«
»Ruhig!« riefen mehre Stimmen, »erzähl' weiter, Heinrich!«
»Ja, erzähl' Er weiter, Mosje Sacher!« stimmte der Förster bei – aus Seiner Geschichte kann Mancher 'was lernen!«
Dies beabsichtigte Heinrich eben und rücksichtslos, wie immer jugendliche Verkündiger ernster Wahrheiten, fuhr er fort: »Bald traf ich mit einem Landsmann zusammen, einem Maler, der desselben Weges zog wie ich, und als die Rede gerade auf den von mir wahrgenommenen Mangel an Singvögeln in der paradiesischen Gegend kam, fragte ich ihn nach der Ursache dieser Erscheinung. Er antwortete mir, daß nur die furchtbaren Nachstellungen der Menschen nach und nach die Wälder und Fluren dieses Striches von den kleinen Sängern entblößt hätten. Da dacht' ich an meine Heimath und den hier getriebenen Vogelfang, und mir war bange darum, daß da auch eintreten möchte, was ich dort zu beklagen fand. Später gingen wir durch eine große Kastanienpflanzung, die fast ganz abgestorben war. Die wenigen noch grünen Bäume waren mit Schaaren von Raupen bedeckt. Es war ein trauriger Anblick – ich dachte an alle die Arbeit, die hier vergebens aufgewendet, an alle die Hoffnungen, welche vernichtet waren. Offenbar war die Pflanzung ein Opfer des Raupenfraßes, und ein Landmann, den mein Gefährte fragte, bestätigte dies. »So rächt sich jetzt an den Kindern, was ihre Väter gesündigt haben,« sagte der Maler, »hätten diese die Singvögel nicht von Wald und Flur vertilgt, so hätte das zerstörende Insekt nie so mächtig werden können, als es hier geworden.« Ich schrieb mir das hinter die Ohren und will's auch mein Leben lang nicht vergessen. Und ich hab' noch viel über den Gegenstand nachgedacht, und es ist mir immer klarer geworden, daß das Wegfangen der Singvögel eine Sünde sei und daß ein Vogelsteller Gott nimmermehr gefallen, ja schwerlich in den Himmel kommen könne.«
»Hoho!« rief der Schänkwirth, »wer's glaubt, wird selig.«
»Nein, der ist ein Esel!« polterte Meister Unger.
»Es ist dummes Zeug,« sagte der Obermeister der Fünfzehnerzunft, »schmeckt nach Pfaffen – fort damit!«
»Ja, fort damit!« schrie der Gimpelmonarch. »Wirth, noch einen Eibenstöcker! Das fehlt noch, daß so ein Gelbschnabel uns Mores lehren will!«
»Der Sacher hat aber Recht,« erklärte der Förster.
»Bei Euch Grünröcken,« erwiederte Unger, das ihm gereichte Glas Branntwein hinabstürzend, »Ihr möchtet nur allein im Walde Herr sein, es soll kein anderer Mensch sein Vergnügen darin haben. – Weiß Er was, Sacher: geh' Er lieber hin, wo Er hergekommen ist, wir brauchen in Wellersgrün keine Neuerer und Weltumstürzer, wie Er ist – geh' Er wieder nach Paris, wo dergleichen hingehören!«
Heinrich schwieg, aber seine jüngern Freunde drangen jetzt ungestüm auf den Gimpelkönig ein. »Das leiden wir nicht,« schrieen sie, – »das ist schändlich, ein Wellersgrüner Kind so zu behandeln!«
»Ein Wechselbalg mag er sein und kein Wellersgrüner!« rief Meister Unger, aber sogleich saß ihm ein Schlag im Gesicht.
»Ums Himmelswillen, keine Schlägerei!« rief Heinrich und warf sich zwischen den Angegriffenen und die Angreifer – da fuhr ein Bierglas durch die Luft, im Nu war die Schänkstube in ein Schlachtfeld verwandelt, wo zwischen zwei an Stärke fast gleichen Parteien ein erbitterter Faustkampf geführt wurde. Die Ursache des Kampfes selbst, Heinrich, gab sich alle Mühe, ihn beizulegen – umsonst; – er bat, er flehete, er weinte – er ließ sich sogar von dem ergrimmten Gimpelkönig einen Schlag versetzen, ohne ihn zu erwiedern, – es war vergebens, der Kampf wurde nur erbitterter – bis »Rußbuttenlobel« außerhalb eines Fensters erschien, sich durch den offenen Flügel auf die innere Brüstung schwang und mit vorgehaltenem Spieß ausrief: »Ruhe! im Namen der Obrigkeit, Ruhe! eh' Ihr's Euch versehen werdet, ist der Gensd'arm hier!«
Das wirkte. Die Parteien trennten sich; die Anhänger Heinrichs meinten, man müsse ja nicht bei den »Dickköpfen« sein, und alsbald zogen sie ab und hinauf auf den Tanzboden, wo sie, namentlich dem weiblichen Theile der Gesellschaft, ganz willkommen waren. Heinrich nahm aber traurig in einem Seitenzimmer Platz, und während seine Kameraden walzten, versank er in tiefes Sinnen.
3.
Eine geraume Weile saß Heinrich gedankenvoll allein, als er seine Schulter von einer Hand berührt fühlte und aufblickend Rußbuttenlobel neben sich sah. Heinrich reichte ihm stumm das Glas dar; Lobel trank daraus, gab ihm die Hand und sagte:
»Es war eine Finte mit dem Gensd'arm, Vetter! Ich wollt' Euch nur auseinander haben.«
»Ich danke Dir, Vetter!« erwiederte Heinrich – »ach, ich möchte weinen wie ein Kind über diesen Empfang in der Heimath. Wie hab' ich mich in der Fremde draußen auf diesen Tag gefreut – und nun muß er mir so verdorben werden!«
»Wie konntest Du auch dem Meister Unger so auf sein bestes Hühnerauge treten?« sagte Lobel. »Hast Du denn gar nicht ans Hannel gedacht? Drunten sitzt der alte Vogelfried nun, und tobt und schimpft auf Dich, und sagt ganz unverholen, er wisse wohl, daß Du ein Auge auf seine Tochter hättest, aber eher woll' er sie dem Rußbuttenlobel – also mir – geben, denn so einem Neuerer und Weltverbesserer, wie Du wärest. Wenn das arme Hannel dies wüßte!«
»Ei was wird die sich darum härmen!« erwiederte Heinrich, »wer weiß, will sie noch etwas wissen von mir! Damals, wie ich mit ihr ging, war sie noch ein halbes Kind und ich selbst hinter den Ohren nicht trocken, und inzwischen sind drei Jahre vergangen – ich hab' ihr nie geschrieben – Lobel, lassen wir das Mädel sein – ich weiß ja auch nicht, ob sie heute noch nach meinem Sinne wäre!«
»Sieh sie nur einmal, Heinrich!« fiel der Andere ein, »ich wette meinen Spieß gegen was du willst, sie gefällt dir jetzt noch besser, denn sonst – ach, die Augen werden Dir übergehen, wenn Du sehen wirst, wie das voll und schlank, und blumig und samig geworden ist, so voll Lieblichkeit, daß man's immer anschauen und drüber beten und fluchen vergessen möchte! Komm mit; sie erwartet Dich!«
»Wo?«
»Daheim, bei ihrer Mutter.«
»Wo denkst Du hin, Lobel! Nach dem, was hier vorgefallen ist, kann nicht die Rede davon sein, daß ich die Schwelle des Unger'schen Hauses betrete. Ich hätte nach dieser Geschichte lieber Lust, wieder in die Fremde zu gehen.«
»Und Deine alte Mutter zu verlassen – und das traute Hannel! Du denkst, das Mädel hat Dich vergessen? Das weiß ich besser. Denk' nur, wie ich vorhin zum Kaffee unten war, da erzählt' ich der ganzen Gesellschaft, daß Du da wärest. Da schrie sie laut auf, wurde über und über roth, und als ich sie mit Dir aufzog, rannte sie zur Thür hinaus. Und als ich darauf fortging, stand sie im Grasgarten hinter ihrem Hause, und ließ sich von der Käseblume sagen, ob Du sie liebtest. Und als die Blume sagte: er liebt Dich, kreuzte sie die Hände über das wonnige Herzchen und sah mit entzückten Augen gen Himmel. Sieh, so liebt sie Dich – und Du – ja, die Blume spricht wahr: Du liebst sie, du willst Dir's nur nicht gestehen.«
»Du irrst Dich, Vetter – ich gestehe, daß ich mich des herzigen Kindes gern erinnere, aber mein Herz schlägt ganz ruhig dabei. Wie ist es – wird sie nicht zum Tanz kommen?«
»Seit Du fort warst, ist sie äußerst wenig zur Musik gewesen – aber heute, da sie weiß, daß Du wieder da bist, wird sie wohl kommen.«
»Gut – warten wir das ab – sehen möcht' ich sie wohl, aber in ihres Vaters Haus komm' ich nicht.«
»Und mußt doch einmal Hochzeit darin machen.«
»Still davon, Vetter! Das ist vorbei! – Da, laß frisch einschenken!«
Der Tanz war eben zu Ende; die Tänzer stürmten, soweit es der Platz zuließ, ins Zimmer, wo Heinrich saß. Die Freunde tranken ihm zu und als die Musik von Neuem begann, drangen sie in ihn zu tanzen. Er ließ sich endlich bewegen, aufzustehen, ging langsam nach der Saalthür und musterte den anwesenden Mädchenflor. Es schien nicht, daß ihn Eine anzog – er stand unschlüssig da – auf einmal öffnete sich die gegenüber befindliche Thür des Haupteingangs. – »Da kommt sie,« flüsterte Lobel hinter Heinrich, der die eintretende Gestalt anstarrte.
War das wirklich das Kind, mit dem er einst harmlos »Liebstens« gespielt hatte? War diese vollaufgeblühte Jungfrau, diese gebietende und doch so leicht daher schwebende Gestalt mit dem Zaubergrübchen im rosigen Kinn, dem schwellenden Purpurmund und den meertiefen Augen wirklich die stille Mädchenknospe, die einst an seinem Herzen geruht hatte, sorglos träumend in der sicheren Hut seines reinen Sinnes? Was damals nur Ahnung gewesen, das war jetzt Licht, Fülle, Leben – was einst dulden konnte, daß der Jüngling harmlos mit ihm tändelte, das forderte jetzt Achtung, Verehrung, Liebe. Eine süße Bestürzung, ein minutenlanges Schwanken zwischen Staunen und Entzücken und dann ein Aufflammen des ganzen Feuers, das in seiner Brust verborgen glühte – dann stand er vor ihr mit der stummen, aber tiefen Huldigung, die noch jeder männliche Geist dem Weibe darbrachte, dessen Liebreiz sein Herz rührte. Seine Verneigung vor ihr, die Schüchternheit, mit der er die ihm ebenso schüchtern gebotene Hand nahm, die ehrerbietige Art, mit welcher er sie »Jungfer Hannchen« anredete – das waren die äußeren Zeichen dieser Huldigung; andere hatte der, trotz seinen weiten Wanderungen und seinem Verkehr mit Welschen und Franzosen, einfach gebliebene Gebirgssohn nicht. Und sie? Sie fand ihn freilich nicht in so bedeutsamer Weise verändert, wie er sie – der Schritt vom einundzwanzigjährigen zum vierundzwanzigjährigen Jüngling ist kein so großer, wie der vom fünfzehn- zum achtzehnjährigen Mädchen – aus dem Flaum um den Mund war ein zierlicher Bart geworden, eine weitere äußerliche Veränderung fiel ihr nicht auf. Erst war es ihr gewesen, als müsse sie ihm so frei und munter entgegenhüpfen wie sonst – aber mit einemmal empfand sie ihm gegenüber eine unaussprechliche Beklemmung, ihre Hand zitterte in der seinen und außer dem großen, strahlenden Blick, mit dem sie ihn begrüßt hatte, wagte sie ihm keinen mehr ins Gesicht zu thun, wenn sie merkte, daß sein Auge auf ihr ruhte. So standen sie lange da und wer weiß, wie lange sie es so getrieben hätten, wäre nicht ein junger Mann im lichtblauen Rock auf sie zugekommen und hätte da Hannchen nicht schnell Heinrichs Arm genommen und ihm zugeflüstert: »Wir wollen tanzen, sonst fordert mich Der auf und ich kann ihn doch nicht leiden!« Da flog Heinrich mit ihr in den Reihen und tanzte nach Jahren wieder den ersten heimathlichen Walzer. Vergessen war alles vorhin Vorgefallene – Athem wehete in Athem – Puls schlug an Puls – Blick flammte in Blick. – »Mein Hannchen« klang es herüber – »mein Heinrich« flüstert' es hinüber – und als der Walzer zu Ende war, führte der glückliche Tänzer sein Mädchen mit dem Entschlusse aus dem Saale, nimmer wieder von der Heimath und seinem Hannchen zu weichen.
Dort in dem heimlichen Winkel des Nebenzimmers, wo Heinrich vorhin allein gesessen, nahmen sie jetzt miteinander Platz, und nun ging es an ein Fragen und Erzählen und Händedrücken und – was weiß ich! – Zum Beschluß erklärte Heinrich dem entzückt aufhorchenden Mädchen noch, daß er in vier Wochen Meister würde und wenn's nach seinem Willen ginge, müßte Hannchen in einem Vierteljahr sein liebes Weibchen sein. Da kam »Rußbuttenlobel« und flüsterte: »Kinder! seid »a Bissel« auf Eurer Hut vor dem Kunz-Karl-Fried – wenn er kommt und will mit Ihr tanzen, Jungfer Hannel, so schlag' Sie's ihm nicht ab; Sie weiß, er hat ein Aug' auf Sie, und wenn Sie ihn beleidigt, so geht er hinunter zum Alten und verdirbt Euch die Freude! Ich muß jetzt einmal ins Dorf schauen – seid gescheidt!« Damit verschwand er.
»Was?« sagte Hannchen, »mit dem Kunz soll ich tanzen? Nimmermehr! Ich will nur mit Dir tanzen, Heinrich!«
»Doch,« erwiederte dieser, »doch möcht' ich Dir rathen, ihm wenigstens einen Tanz zu gönnen. Du bist ihm vorhin schon ausgewichen – ein zweites Mal nimmt er's gewiß sehr übel, und dann – ich muß Dir sagen, daß ich bei Deinem Vater in Ungnade gefallen bin – wenn ihm der Kunz hinterbringt, daß wir beisammen sind, so reißt er uns wohl auseinander.«
»So wollen wir fortgehen – ich sage Dir, ich kann und darf nicht mit diesem Menschen tanzen, Du wirst schon noch erfahren, warum –«
»So laß uns noch den nächsten Reihen zusammentanzen,« sagte Heinrich, »damit ich wenigstens einmal bestelle – man möchte mich sonst für einen Lump halten – dann gehen wir spazieren.«
Das Paar erhob sich – aber da stand der Gemiedene schon vor ihnen und bat Hannchen um den nächsten Tanz. Diese schmiegte sich an den Geliebten und ward von ihm dem Unliebsamen im Fluge entführt. »Einen Walzer!« rief Heinrich den Musikern zu, ein Achtgroschenstück auf das Orchesterpult werfend. Schnell war der Tanz im Gange und Kunz hatte das Nachsehen.
Inzwischen fuhr in der Schänkstube Meister Unger fort, dem so unberufen aufgetretenen Gegner des Vogelstellens in tiefster Seele zu grollen und dann und wann diesem Groll durch ein derbes Wort Luft zu machen. »Ich hab' ihm aber doch eins gegeben, daran er denken wird,« sagte er endlich und ließ sich den vierten »Eibenstöcker« geben und noch einen – und wieder einen – da wurde er immer aufgeregter, bis der junge Kunz-Müller von Neuhahn – eben jener Karl-Fried – hereintrat und sich dem »Herrentische« näherte. Er war ein guter Kunde des Gimpelkönigs; als ihn dieser daher zu Gesicht bekam, sänftigte sich sein Zorn etwas, er reichte ihm freundlich die Hand und zog ihn an seine Seite. »Na, wie ist's, Karl-Fried,« redete er den Platznehmenden an, »wollt Ihr meinen Wallheim noch haben? Wenn nicht, so wandert er nach Kirchberg, wo mir Einer fünf Thaler und Tuch zu einem Rock und ein Paar Lödelschuh dafür geboten hat.« Der Wallheim war aber einer seiner gefiederten Schüler, darum so genannt, weil er das Mantellied aus Holtei's »Lenore« sang.
»Was der Wollklopper giebt, kann ich auch noch zahlen,« erwiederte der Müller, »ich nehme den Vogel für einen Doppellouisd'or, aber den Bauer müßt Ihr zugeben.«
»Für eine Metze Heugesäm' – topp! – Wirthschaft, ein Fläschel zum Leihkauf!« rief der Verkäufer. Während der Wirth dem Befehl nachkam, flüsterte der Müller dem Vater Hannchens etwas ins Ohr.
»Da soll doch gleich –« der Fluch erstarb dem empörten Vater auf der Zunge; er sprang auf und eilte zur Thür. Der Ohrenbläser rannte ihm bestürzt nach. »Lieber Meister Unger!« bat er, »seid nicht so hitzig! macht kein Aufsehen! – ich bin dem Hannel gut – und weil wir einmal darauf zu reden kommen, so will ich Euch nur sagen, daß es mein Wunsch ist, Euer Schwiegersohn zu werden.«
Der Alte vergaß seinen Zorn für einen Augenblick. »Wirklich, Karl-Fried? Ist das Euer Ernst?« fragte er erfreut. »Warum habt Ihr mir das nicht schon längst gesagt?«
»Je nun – ich hatte immer das Herz nicht – das Hannel that so apart gegen mich.«
»Ich will ihr das Apartthun schon einstreichen,« erklärte Meister Unger. »Ihr wißt, in meinem Hause bin ich Herr, da gilt, was ich will. Ihr werdet mein Schwiegersohn, Karl-Fried, oder ich will zeitlebens keinen Vogel mehr fangen! Jetzt aber will ich meinen Nickel vom Tanzboden holen, wenn sie mit dem »Leimtiegel« karessirt.«
Er eilte fort und stand in wenig Augenblicken vor den Liebenden, die bei der eben eingetretenen Tanzpause sich in ihren Plauderwinkel zurückgezogen hatten.
»Du gehst augenblicklich mit mir in die Schänkstube oder nach Hause!« herrschte der Vater der Tochter zu.
Hannchen, an unbedingten Gehorsam gegen die Eltern gewöhnt, erhob sich und erklärte, nach Hause gehen zu wollen, wenn sie nicht auf dem Tanzboden bleiben dürfe. Heinrich stand auf und sagte: »Verzeihen Sie mir, Meister Unger, wenn ich Sie beleidigt habe – es war bestimmt nicht meine Absicht –«
»Mit Ihm hab' ich gar nichts zu reden,« versetzte Jener, »und Er hat nichts mit meiner Tochter zu reden, merk' Er sich das, und wenn Er dem Mädel nachläuft, so will ich's Ihm schon einstreichen!«
Das liebende Paar wäre dem Ergrimmten gern um den Hals gefallen, wenn der Ort eine solche Scene gestattet hätte. Mit feuchten Augen fügte sich Hannchen in den Befehl ihres Vaters. Er wollte sie mit in die Schänkstube nehmen, allein sie machte sich los und ging weinend nach Hause.
Heinrich hatte ihr mitgetheilt, auf welche Weise er dazu gekommen war, den Vater so gegen sich zu erbittern, und sie kannte diesen zu gut, um nicht zu wissen, wie ernst und dauernd diese Erbitterung sein mußte. Aber so tief sie darum den Vorfall beklagte, so konnte sie doch dem Geliebten nicht Unrecht geben, daß er so freimüthig als Anwalt der armen Vöglein aufgetreten war, und wiewohl sie bisher über das Unrecht, das in der Liebhaberei des Vogelstellens lag, noch wenig nachgedacht hatte, so war es ihr doch sofort einleuchtend, und mit dem Feuer eines edlen Gemüthes faßte sie den lebhaftesten Abscheu dawider. Es beunruhigte sie sogar, daß sie ihren Vater zuweilen nach dem Vogelherd begleitet, Beeren für denselben gesammelt, auch wohl, wenn er selbst abwesend war, an seiner Statt den Herd besorgt hatte. Sie beschloß, sich künftig solchen Aufträgen nur gezwungen zu fügen. Daheim angelangt, fiel sie ihrer Mutter weinend um den Hals und gestand ihr ihr Glück und ihr Leid. Frau Unger tröstete die Bekümmerte, billigte ihre Liebe, ermahnte sie zur Geduld und versprach ihr, Alles aufzubieten, um ihr den Weg zur Hochzeit zu ebnen.
Den folgenden Tag gab es zwei Brautwerbungen im Ungerschen Hause. Die eine kam schriftlich an die Hausfrau, Rußbuttenlobel war ihr Ueberbringer und Heinrich ihr Absender – die andere brachte Kunz-Karl-Fried in Person bei dem Hausherrn an. Dieser saß indeß nicht auf dem hohen Pferde wie gestern; er war mit einem Rausche heimgekommen, und dessen schämte er sich heute vor seiner Familie. Er nahm daher den ihm so lieben Werber etwas kleinlaut auf und schob, um seine stillzürnende Ehehälfte zu begütigen, ihr die Entscheidung über diese Angelegenheit zu. Frau Unger aber entschied so: »Meister Kunz, Er hat schon Sein Theil – heirath' Er das arme Mädel, dem Er die Ehre genommen!« Verblüfft vernahm der reiche Bewerber diesen Bescheid, stotterte etwas von dem Unpassenden, ein so armes Ding wie die Gemeinte zu seiner Frau zu machen, und zog sich, als ihm hierauf Frau Unger eine tüchtige Lection in Wellersgrüner Hochdeutsch gegeben, mit dem erhandelten Gimpel zurück, jedoch ohne seine Hoffnung auf Hannchens Besitz ganz aufzugeben, da er auf seinen Geldsack und Meister Jobsts Gunst pochte.
Ganz andern Bescheid trug Rußbuttenlobel von Frau Unger heim. Zwar auf eine schriftliche Erwiederung des schriftlichen Antrages konnte die Gute sich nicht einlassen, da es zu ihrer Jugendzeit in Wellersgrün noch nicht Sitte gewesen war, daß ein Mädchen schreiben lernte – aber der freundlichste Gruß und die herzlichste Zusage legte sie dem Liebesboten in den Mund, und dieser war nicht der Mann, der eine Silbe fehlen ließ, wenn er etwas auszurichten hatte. »Was die Einwilligung meines Alten betrifft,« hatte die wackere Frau gesagt, »so wird es zwar etwas Zeit und Mühe kosten, sie zu erlangen, aber einmal muß er doch Ja sagen.«
»Du lieber Gott!« rief Heinrich, als er dies vernahm, »heute über zwanzig Jahre ist auch »einmal!« Da kann mir's gehen, wie dem Lautersgrüner Pastor, – der hat sich mit seinem Schatz auch zwanzig Jahre geschleppt und wie er endlich zu der Pfarre gekommen, daß er hat heirathen können, sind sie beide halb stumpf gewesen!«
»Ich denk', so soll's Dir nicht gehen,« tröstete Lobel, »der alte Gimpelkönig hat zwar einen harten Kopf, aber ich glaub', er ist mürb' zu machen – ich hoffe, Du führst Dein Hannel in Kurzem heim, wenn Du mir folgst.«
»Vetter – Herzensvetter – sprich, was soll ich thun?«
»Du mußt den Alten mürb' machen – mußt mit ihm um die Wette vogelstellen und Gimpel lernen –«
»Nimmermehr!«
»Versteh mich recht – Du sollst's nur zum Schein – sollst selbst nicht einen einzigen Vogel fangen, aber sollst einen Vogelherd bauen – dem Alten in den Strich – und ihm so den Fang verderben, Du weißt ja Bescheid damit.«
»Man muß auch den Schein des Unrechts meiden, besonders wenn man sich zu seinem Bekämpfer aufwirft.«
»Auch um dieses Bekämpfens willen ist es gut, wenn Du scheinbar umlenkst. Du hast es ganz falsch angefangen, daß Du so mit der Thür ins Haus fielst. Böse Gewohnheiten sind wie Warzen – Wegschneiden hilft nicht, man muß sie durch Sympathie vertreiben. Jetzt, wo Du das ganze vogelstellende Wellersgrün vor den Kopf gestoßen hast, magst Du noch so schöne Reden wider den Vogelfang halten, Du predigst doch tauben Ohren. Mach' es einmal ganz anders! Gewinne Dir zuerst den Eckstein der Vogelstellerzunft, den Gimpelkönig, geh' ihm in seiner Leidenschaft zu Leibe! Ich verschaffe Dir Gimpel zum Lernen – und Du mußt ein paar lernen, vor welchen sich alle Gimpel des Gimpelkönigs verstecken müssen. Er muß seine Reputation in Gefahr kommen, muß sie auf Dich übergehen sehen – so wird er mürbe und kapitulirt!«
»Vetter!« rief Heinrich und schloß die Wellersgrüner Sicherheitspolizei mit einer Freude in seine Arme, die dieses Institut ihm anderwärts nicht eingeflößt hatte – »Vetter! Du bekommst in meinem Hause deinen Auszug – Dein Plan ist göttlich – daß ich nicht selbst darauf verfiel! – Aber ich bin zu sehr verliebt, dergleichen auszudenken. – Vetter, mach' Deine Sach', ich mache die meine!«
4.
Die Zeit des Gimpelfangs war wieder da, und es that auch noth, denn Meister Ungers Kapelle war durch einen in letzter Zeit ungewöhnlich starken Absatz sehr zusammengeschmolzen und er mußte rekrutiren. Hannchen hatte sich längst auf diesen Zeitpunkt gefreut, denn nun lag ihr Vater zu halben Tagen im Vogelherd und sie konnte den Geliebten unter den Augen ihrer Mutter täglich bei sich empfangen.
Dieser war inzwischen Meister geworden, erfreute sich einer guten Kundschaft, und sein Hauswesen war so in den Stand gesetzt, daß er jeden Tag ein Weibchen heimführen konnte. Bisher war es ihm nur selten vergönnt gewesen, die dazu Auserkorene auf Augenblicke verstohlen zu sprechen – mit welchem Entzücken ging er am ersten Nachmittage, da Meister Unger auf dem Vogelfang war, frank und frei in das ihm geöffnete Haus!
Ein Glück war es, daß der »Kunz-Karl-Fried« nicht im Orte hauste, sonst wäre dem glücklichen Freiersmann die Freude bald wieder versalzen gewesen; aber die Wellersgrüner konnten ihn immerhin zu seinem Schätzchen gehen sehen, die hielten das Geheimniß eines liebenden Paares heilig. Einiges Aufsehen machte es indeß, als man erfuhr, der Sacher Heinrich, der sich in der Schänke so kräftig gegen den Vogelfang ausgesprochen, habe jetzt selbst im Niederwellersgrüner Hammerwalde einen Vogelherd angelegt – aber auch dies fand man bald in der Ordnung, indem man es als ein »Blendwerk« deutete, daß der pfiffige Liebhaber nothgedrungen dem Vater seiner Liebsten vormache, um diesem die Meinung beizubringen, er wäre gleich ihm selber auf dem Vogelfang, während er ganz gemüthlich um das Töchterlein freiete. Als aber Meister Unger die sonderbare Mär von Heinrichs Anstalten zum Vogelstellen hörte, rieb er sich vergnügt die Hände. »Da hat man das Großmaul!« sagte er, »wie es außer der Zeit war, da konnt' er gut wider das Vogelstellen predigen, aber kaum ist die Zeit da, da kann er's selbst nicht lassen. Ja, lehrt mich das nicht kennen! Was einmal zum Vogelfang geboren ist, kann sein' Lebtag' nicht davon loskommen! – Meine Tochter kriegt er aber nun doch nicht!«
Vier Wochen des herrlichsten Wetters für den Vogelfang gingen in das Land. Täglich ging Meister Unger ans Werk und täglich kehrte er heim, ohne mehr zu fangen, als hin und wieder einen »lumpigen Quäker«. Das edlere Geflügel, wie Grünertse, Zippen, namentlich aber Gimpel, schien ihm ganz und gar den Rücken gekehrt zu haben. Noch drei gelernte Gimpel hatte er in seinem Besitz und die Nachfragen nach diesen Sängern häuften sich wie noch nie. Nach Monatsfrist war er auch nicht um einen reicher.
Man hätte glauben sollen, das fortwährende Fehlschlagen aller Bemühungen wäre das Grab von Seiner Majestät Geduld geworden; aber man hat keinen Begriff von der Geduld eines leidenschaftlichen Vogelstellers. Meister Unger wurde durch das Mißlingen seiner Operationen nur um so erpichter, zumal da die Anreizungen von Außen – Bestellungen auf gelernte und ungelernte Gimpel – sich mehrten. Aus diesen Bestellungen ersah er zugleich, welch' ungeheuern Ruf er erlangt hatte, und er war nicht der Mann, der gegen solchen Ruf gleichgültig sein, ihn ohne Schmerz verlieren konnte. Davon, daß viele Aufträge fingirt, ein bloßes Machwerk Rußbuttenlobels waren, hatte er freilich keine Ahnung. Statt des halben, legte er sich bald den ganzen Tag auf seine Lieblingsbeschäftigung; es fehlte wenig, so wäre er ganz hinaus auf den Vogelherd gezogen. Es war aber Alles umsonst – das Glück hatte sich entschieden von ihm gewendet. Dagegen mußte er hören, wie dem Sacher die »rarsten« Vögel zuströmten und wie dieser bereits im Besitz einer so zahlreichen Gimpelkapelle sei, wie er selbst sie nie beisammen gehabt. Da wurde dem Gimpelkönig angst und bang um seinen Ruhm – wenn jetzt bei seiner Anwesenheit zu Hause ein städtischer Besuch kam, versteckt' er sich und ließ sich verläugnen, denn er wußte nicht, wie er seine Armuth an Sängern beschönigen sollte. Er begann an Zauberei zu glauben, und als er eine Zeitlang weiter nichts fing, galt es ihm als ausgemacht, daß sein Vogelherd behext sei – und wer konnte der Hexenmeister anders sein, als der in Welschland und Frankreich mit allen Teufelskünsten bekannt gewordene Sacher? – Der Hexenmeister war jedoch Niemand als Rußbuttenlobel, welcher sich im Besitz eines Mittels befand, wodurch der für die Vögel ausgehängte Köder diesen schon von Weitem verleidet wurde – eine feine Essenz, womit Lobel in der Nacht die Beeren, oder worin sonst der Köder bestand, besprengte und dadurch die Vögel verscheuchte.
Mittlerweile machte der Müller aus Neuhahn vergebliche Versuche, sich bei Frau Unger sowohl, als bei Hannchen in Gunst zu setzen. Ein goldener Henkeldukaten an schwarzem Sammethalsbande wurde von ersterer ohne Antwort zurückgeschickt, und eine schwere goldene Halskette erfuhr bei Hannchen, die eben keine Danae war, gleiches Schicksal. Herr Kunz, der nicht begriff, wie ein Frauenzimmer blind gegen die Reize des Goldes sein könnte, argwöhnte ganz richtig, daß doch wohl der Sacher Heinrich noch zu dem Hannchen schleiche. Er legte sich in den Hinterhalt, um darüber ins Reine zu kommen, und brauchte nicht lange zu lauern, um seinen Verdacht bestätigt zu finden. Eine Stunde später erfuhr Meister Unger auf dem Vogelherd die Schreckenspost, daß der Mensch, der an all seinem Unglück schuld war, hinter seinem Rücken in sein Haus »auf die Freiet« ginge. »Der Mensch bringt mich unter die Erde!« rief der betrogene Vater aus und das Wasser trat ihm in die Augen vor Zorn und Schmerz. Er kratzte sich hinter den Ohren, raufte sich die Haare, lief im Vogelherd auf und ab und fragte: »Was soll ich thun? Den Vogelherd verlassen und nach Hause eilen, dort Ordnung zu schaffen? Aber wer weiß, mach' ich nicht gerade heute einen guten Fang? O ich geplagter Mann! Drin in meinem Hause geht's drunter und drüber und hier hält mich das Geschäft. – Herzens-Karl-Fried«, redete er diesen weinerlich an, »jetzt kann ich unmöglich von hier fort – Ihr müßt Euch gedulden – wenn ich nach Hause komme, will ich meinem Weibsen den Marsch schon machen. Verlaßt Euch auf mich, der Tischler kommt mir nicht wieder ins Haus!«
Es giebt keine blindere und verkehrtere Leidenschaft als die Eifersucht einer aufdringlichen Liebe. Kunz begriff nicht, daß eine angefochtene Liebe nur heißer und fester wird. Als Meister Unger am Abend seinem »Weibsen den Marsch machte« und Heinrichs Besuche in seinem Hause streng untersagte, unterwarfen sich zwar Weib und Kind dem Verbote; aber die wußten schon, wo sie waren: sie waren ja »d'rham« in Wellersgrün, im lieben Gebirge, wo verfolgte Liebe überall Schutz findet, wenn nicht unter dem eigenen Dache, so doch in irgend einem Nachbarstübchen, oder, wenn es sein muß, draußen im schattigen Tannenwald. »Ihr werdet einander doch dann und wann sehen,« tröstete die Mutter ihr Kind, »morgen gehst Du zur Muhme Christliebe zu Rocken, und wenn früh das Rußbuttenlobel kommt, so steck' ich's ihm, dann erfährt's Dein Heinrich schon.«
Die Bestellungen auf Gimpel, welche Meister Unger erhalten und angenommen hatte, beliefen sich schon auf ein paar Dutzend, und er hatte noch immer nur seine alten drei Stück. Man kam und mahnte – er vertröstete – aber seine Hoffnungen auf eine Wendung seines Unsterns schlugen fehl – er konnte sein Wort nicht halten – er stand am Abgrunde seines Ruhmes. Heinrich hatte eine Menge der begehrten Vögel und zum Theil schon gelernte – wenn Ungers Kunden davon erfuhren, so war er »gepritscht«, und Heinrich trat an seine, so lange mit Ehren behauptete Stelle. Als er eines Abends glücklos wie immer heimkehrte, kam ihm wohl der Gedanke, es koste vielleicht nur ein Wort bei dem Tischler, so ließe dieser ihm einen Theil seiner Herde, und er könne damit seine Ehre retten – aber dieses Wort zu sprechen, war ihm unmöglich. Den Abend darauf schüttete er gegen Rußbuttenlobel, dem er nicht im mindesten mißtrauete, sein ganzes Herz aus. Der schlaue Wächter unterließ nicht, auf der einen Seite den Ehrgeiz des alten Voglers gehörig zu streicheln, auf der andern aber Heinrichs Virtuosen in das glänzendste Licht zu stellen. In der That war es dem jungen Tischlermeister gelungen, ein paar Gimpel vorzüglich gut abzurichten; der eine sang sogar zwei Melodieen: »Kommt a Vogerl g'flogen« und »Hörst Du nicht die Vöglein singen« – ohne allen Anstoß und mit einer Richtigkeit des Zeitmaßes, die Unger seinen Sängern nie beizubringen wußte. Diesen Vogel taufte Rußbuttenlobel den »Steiermärker« und er hatte es durch seine Beredtsamkeit bald dahin gebracht, daß Meister Gottfried von Begierde brannte, den »Steiermärker« zu hören, ja wo möglich zu besitzen. Lobel äußerte jedoch bescheidene Zweifel in Bezug auf die Erfüllung des letzten Wunsches, dagegen versprach er zur Erreichung des ersten behülflich zu sein, nur müsse er abwarten, wenn Heinrich einmal einen Nachmittag nicht zu Hause wäre, da wolle er dem Meister den Steiermärker auf den Vogelherd bringen.
Der Nachmittag, wo Heinrich nicht zu Hause war, mußte natürlich bald kommen, und Rußbuttenlobel zog vergnügt mit dem Käfig, welcher den Steiermärker beherbergte, hinaus nach Ungers Vogelherd. Der arme Mann hatte eben wieder einen Schritt näher zum Grabe seines Ruhmes gethan: er hatte »kein Schwänzel« gefangen und war recht niedergeschlagen, als Lobel in den Herd eintrat. Dem ehrlichen Boten das Bauer entreißen, das es verhüllende Tuch wegziehen und den Gimpel nach allen Seiten betrachten, war eins. Lobel intonirte und der Steiermärker begann. Lange lange schon war dem Gimpelkönig auf seinem jetzt wackeligen Throne kein Ohrenschmauß zu Theil geworden, wie in diesem Augenblick. Es war ihm, als müsse er den Sänger küssen – er schnalzte mit der Zunge – klatschte in die Hände – er setzte den Vogel vor sich auf die Bank und kauerte andächtig davor – am Ende fing er an zu greinen und sagte: »Mit mir ist's aus – wenn die Leute dich hören, Steiermärker, so will kein Mensch von mir einen Gimpel mehr, und ich heiße der Gimpelkönig nur noch zum Spott! – Rußbuttenlobel, verschafft mir den Steiermärker!«
»Das steht nicht in meiner Macht – Ihr könnt denken, daß mein Vetter den Vogel auch gern hat – ja, ich sag' Euch, er hält ihn wie seinen Augapfel, und wenn er wüßte, daß ich ihn hier herausgetragen hätte – ich käme ins Teufels Küche!«
»Oho! ich werd' ihn nicht behexen, wie mir der Sacher den Vogelherd behext hat,« erwiederte Meister Unger. »Lobel! ich bitt' Euch, verhelft mir zu dem Gimpel da!«
»Ich will dem Heinrich sagen, daß Ihr –«
»Nein! nein! er darf nicht wissen, daß ich den Vogel haben will.«
»Das würde ihm ja doch nicht verborgen bleiben, wenn der Vogel in Eure Hände käme,« sagte Lobel und versprach alles Mögliche zu thun, um seinem Vetter den Gimpel feil zu machen.
Von Stund' an war es um den letzten Rest von des Gimpelkönigs Seelenruhe geschehen. Der Gesang des Steiermärkers klang ihm in den Ohren, wo er ging und stand. Daheim, auf dem Vogelherd, auf dem Felde, überall war es ihm, als hörte er's tönen: »Kommt a Vogerl g'flogen, setzt sich auf mein'n Hut« – er träumte wachend und schlafend von dem niedlichen Sänger. Er fing schon an, den Zwiespalt mit dem Eigenthümer desselben zu beklagen, begann zu bereuen, daß er ihn beleidigt, geschlagen, aus dem Hause gewiesen – ach! wenn es ihm nur möglich gewesen wäre, dem Beleidigten die Hand zur Versöhnung zu bieten! Wie sich jetzt herausstellte, war es dem Tischler ja mit dem Verdammen des Vogelfanges gar nicht so ernst gewesen, als man es aufgenommen hatte – jetzt ließ sich schon mit ihm leben – aber ihm entgegengehen? – nein – das wäre eine Erniedrigung gewesen, ein solcher Gedanke durfte nicht aufkommen. »Wenn nur das Rußbuttenlobel käme!« seufzte der Geplagte, als er wieder leer vom Vogelherd heimkehrte.
Rußbuttenlobel kam.
»Es kann nicht anders sein,« klagte der unglückliche Vogelsteller dem würdigen Polizeimann, »mein Vogelherd ist behext – zwei Tage hab' ich wieder kein Schwänzel gefangen.«
»Das glaub' ich,« sagte Lobel, »in den letzten zwei Tagen ist mein Vetter beständig auf seinem Herd gewesen, da konntet Ihr nichts fangen, Meister Unger!«
»Wie so? – sagt mir's, wie so?«
»So fragt man die Bauern aus, Meister Unger –«
»Lobel, sagt mir's – es soll Euer Schade nicht sein – der Sacher kann hexen, gelt?«
Lobel machte eine geheimnißvolle Miene, rückte seine Mütze, kratzte sich das Hinterhaupt, nahm den Frager beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr: »Versprecht Ihr mir, daß Ihr mich nicht verrathen wollt, Meister Unger?«
Dieser schwor »Stein und Bein« und Lobel sagte darauf: »Der Heinrich hat ein Mittel, alle Vögel eine Stunde im Umkreis an sich zu locken – ich weiß nicht, worin es besteht, aber so viel kann ich Euch sagen: die Kraft liegt im Köder – die Beeren sind in eine Flüssigkeit getaucht, deren Bereitung ich vergebens erforscht habe, sonst hätte ich Euch längst ein Fläschchen davon verschafft –«
»Um's Himmelswillen, verschafft mir eins!« unterbrach ihn der leichtgläubige Hörer.
»Das ist unmöglich, ich müßt' es denn stehlen – das wäre ein schöner Streich von einem Polizeimann. Aber hört – ich weiß einen Weg, Euch zu helfen. So viel hab' ich nach und nach ausspionirt, daß mein Vetter vor jedem Fang frische Beeren – ich glaub', es sind Pfaffenhütle – nimmt und sie auf dem Vogelherd selbst zubereitet. Ihr müßt sehen, wie Ihr solche Beeren in Eure Gewalt bekommt. Der Heinrich bleibt nie wie Ihr einen ganzen Nachmittag auf dem Herd – er geht stundenlang davon weg und wieder hin, wie's ihm gelegen ist. Nun dürft Ihr nur einmal abpassen, wenn er eine solche Pause macht – da schleicht Ihr – ja so, das geht nicht – eine Mannsperson und eine verheirathete Weibsperson darf die Beeren, wenn sie einmal geweiht sind, nicht berühren, sonst verlieren sie ihre Kraft; es muß eine reine Magd sein, welche die Beeren nimmt – und auch nicht zu jeder Zeit darf das geschehen, sondern nur zum Neumond –«
»Ich schick's Hannel,« fiel Meister Unger ein.
»Aber wird die gehen – wird die ihren Herzensschatz bestehlen?«
»Ei was! – so was ist kein Diebstahl, dergleichen kommt unter Jägersleuten vor. Also zum Neumond, sagt Ihr, muß es geschehen?«
»Zu keiner andern Zeit – all solch Hexenwerk will beim Neumond getrieben sein.«
»Gut – wenn haben wir den nächsten Neumond?«
»Uebermorgen.«
»Das ist herrlich! Aber wird da der Sacher gerade auf den Vogelherd gehen?«
»Und wenn er sonst nie ginge, den Neumond versäumt er nicht. Instruirt nur's Hannel gut, damit sich's nicht erwischen läßt! Und noch eins, das ich bald vergessen hätte – wenn sie hingeht, muß sie stracks nach dem Herd gehen, darf nicht davor stehen bleiben, sich nicht umsehen und keinen Laut von sich geben, bis sie bei den Beeren ist, und wenn sie die hat, muß sie, ohne sich umzusehen, wieder fortgehen. Das schärft ihr ja recht ein!«
In der Erwartung des Neumonds und des damit verknüpften Hexenstückleins schlichen dem Gimpelkönig die Stunden langsam dahin. Er hatte jetzt für nichts mehr Sinn als für den Köderraub, selbst der Steiermärker trat etwas in den Hintergrund, doch vergaß er ihn nicht ganz, und als am Vorabend des verhängnißvollen Tages ein Brief von Leipzig an ihn kam, worin ein Unbekannter anfragte, ob es wahr sei, was man von dem wunderbaren Gimpel spräche, der zwei Melodieen mit unerhörter Virtuosität sänge, und ob dem Herrn Unger – denn sonst könne doch Niemand im Besitz eines solchen Wunders sein – das Thier feil wäre – als Meister Unger diesen Brief gelesen, behauptete der Steiermärker den gleichen Platz mit dem morgenden Abenteuer. Er konnte unmöglich schlafen – als Lobel in der Nähe die zehnte Stunde abrief, schlich er sich hinaus zu ihm und bat ihn, nach dem Abrufen zu ihm zu kommen und ein Gläschen »Eibenstöcker« mit ihm zu trinken, denn als Krämer führte er selbst seinen Magentrost im Laden.
Lobel ließ nicht vergebens auf sich warten. Was die Beiden da mit einander ausgemacht haben, weiß ich nicht; aber am folgenden Morgen erschien der Wächter sehr früh bei Heinrich, lachte im ganzen Gesichte und sagte: »Heinrich, das Eisen ist warm – nun schmiede zu! Heute oder nie wird die Komödie aus.«
5.
Nie war der Gimpelkönig seinen Angehörigen milder erschienen, als am heutigen Tage. Nicht ein einzigesmal ließ er sich als Topfgucker betreffen, nicht ein einzigesmal keifte er um ein Nichts. Der wackern Hausfrau widerfuhr das Unglück, daß »der Götzen« in der Röhre anbrannte – wenn es nun nichts setzt, dachte sie, so geht ein Wunder vor! Aber der gestrenge Hausherr verlor kein Wort darum, er setzte sich zu Tische und verschlang seinen Götzen sammt der verbrannten Rinde in schweigsamer Hast. Das frohe Staunen der Frau und Kinder war groß.
Eben so groß, aber minder froh war Hannchens Staunen, als nach dem Essen der Alte sie ersuchte, sich fertig zu machen, daß sie mit ihm auf den Vogelherd gehen könne. Was sollte sie auf dem Vogelherd? Sollte sie an einem Geschäft sich betheiligen, das ihr Heinrich sie als ein Unrecht verabscheuen gelehrt? Sie machte Ausflüchte, aber umsonst; sie mußte sich entschließen, und ihre Mutter, von Lobel gestimmt, forderte sie selbst auf, diesmal dem Vater zu willfahren. »Nimm Dein Handkörbchen mit!« befahl er beim Fortgehen, und dem nachkommend, trat sie an seiner Seite den Gang an. Aber statt nach dem Gemeindeholz, wo der väterliche Vogelherd stand, ging es nach dem Hammerwalde. »Dort ist ja nicht Dein Vogelherd!« sagte sie stehen bleibend.
»Komm nur!« erwiederte er, »wir machen einen Umweg; dort giebt's viel Beeren, die mir fehlen, die wollen wir mitnehmen.« Und sie schritten weiter. »Hannel!« sagte er bald darauf im sanftesten Tone, dessen er den Seinen gegenüber nur fähig war, »Hannel, Du mußt mir einen Gefallen thun – wer weiß, ob ich Dir nicht auch einen thun kann.«
Hannchen, die einer solchen Sprache aus dem Munde ihres Erzeugers gar nicht mehr gewohnt war, fühlte sich ganz gerührt dadurch und sagte: »Ich bin Dir ja immer folgsam gewesen – nur wegen des Kunz-Karl-Fried war mir's unmöglich, Dir zu gehorchen – ach, Vater! dringe mir doch diesen Menschen nicht weiter auf! ich will auch Alles thun, was Du nur willst.«
»Gut, Du sollst Deinen Willen haben, wenn Du den Kunz nun einmal nicht leiden kannst – aber laß mich nun auch meinen Willen haben.«
»Nun?« fragte Hannchen mit erleichtertem Herzen.
»Geh – hm – je nun – Du sollst mit Deinem Körbchen hinübergehen nach des Sacher Heinrichs Vogelherd – siehst Du, dort in der Telle liegt er – Dort wirst Du viel Lockbeeren finden – davon sollst Du mir ein Körbchen voll holen.«
»Die Beeren sind aber ja nicht unser.«
»Das weiß ich wohl – sie sind dem Sacher – aber ich muß die Beeren haben – wenn Du mir sie nicht holst, so nehm' ich mein Wort zurück und Du mußt den Kunz-Karl-Fried doch heirathen!«
Hannchen schrak zusammen. Sie hatte als einfaches gebirgisches Landmädchen keinen rechten Begriff von der Ausdehnung der väterlichen Gewalt, daher zitterte sie bei dem Gedanken, daß ihr Vater sie wohl am Ende ebenso gut zu einer Heirath mit dem ihr verhaßten Bewerber zwingen, als er seine Einwilligung zur Verbindung mit dem Geliebten verweigern konnte. In der Angst ihres Herzens gehorchte sie ohne Weiteres. Ihr Vater versicherte, daß sie nicht zu fürchten brauche, erwischt zu werden, da der Eigner des Herdes erst vor einer Stunde heimgegangen sei, schärfte ihr noch Rußbuttenlobels Anweisungen ein und entließ sie mit den Worten: »Ich verberge mich hier im Gebüsch und erwarte Dich.«
Die Entfernung des Sacherschen Vogelherdes von besagtem Gebüsch betrug nur zehn Minuten; in spätestens einer halben Stunde mußte Hannchen mit dem Raube zurück sein. Allein es vergingen Dreiviertelstunden und die Abgesandte ließ sich nicht wiedersehen. Der Alte harrte in fieberhafter Aufregung – an dem glücklichen Erfolge des Unternehmens hing sein Ruf, seine Ruhe, das Glück seiner Tage, wie er wähnte. Von Minute zu Minute steigerte sich diese Erregung. Er trat von Zeit zu Zeit aus seinem Versteck und spähete nach der Gegend des Vogelherdes hinüber – aber Hannchen zeigte sich nicht. Endlich übermannte ihn die Unruhe seines Herzens – es litt ihn nicht mehr auf dem Platze – er mußte sehen, was aus dem Mädchen geworden. Er zog sich in dem Gebüsche, das den Hammerwald säumte, langsam und vorsichtig nach dem Vogelherde hin. Jeden Augenblick, wenn ein Vogel im Gebüsch sich regte, glaubte er, die Tochter käme, aber er fand sich allemal getäuscht. So gelangte er in die Nähe des Herdes. Keine Spur von einem Menschen rings zu sehen. Er kroch auf allen Vieren nah an die Einfriedigung – es war so still hier wie auf dem Friedhofe. Nur dann und wann drang das Pfeifen eines Lockvogels aus der Reisighütte des Vogelherdes. Sollte Hannchen etwa da drinnen und eingeschlafen sein? Er schlich sich hinan – es war, als vernähme er ein Flüstern und Murmeln – er bog einige Zweige zurück, um ein Guckloch zu erhalten – Himmel! welch ein Schauspiel öffnete sich da seinen Blicken! Da saß sie, die Pflichtvergessene, in den Armen ihres Buhlen; vor ihr stand das Körbchen, halb gefüllt mit Beertrauben, während eine Menge dergleichen auf Heinrichs Schooß lag. Andere hielt er in seiner Linken – aber was that er damit? Er zählte die Beeren daran – »fünfundzwanzig,« schloß er halblaut – »also weiter, mein Kind! fünfundzwanzig Küsse als Lösegeld!« – Und die Gefangene? Da hält sie das Mäulchen hin und zahlt, zahlt so prompt, wie es nur auf der Wechselbank geschehen kann. Fünfundzwanzig baare Küsse zählt der erstaunte Vater, dann sieht er, wie die Zahlerin die Traube lächelnd nimmt und sie in das Körbchen wirft – mithin hat sie alle Trauben, die darin liegen, mit solcher Münze ausgelöst! Und weiter muß er sehen, wie Heinrich schon wieder eine andere Traube ergriffen hat und daran zählt – also soll es so fortgehen, bis alle Beeren ins Körbchen gewandert sind? Welch Vaterauge könnte das mit ansehen?
»Was ist das?« ruft Meister Unger in die Scene hinein und steht einen Augenblick später zürnend vor dem auseinandergeprallten Paare. Wehe! welch' ein Wetter wird nun über die Erschrockenen hereinbrechen? – Doch horch! welch ein Tönen dringt an das Ohr des Ergrimmten und schmeichelt sich weich und lieblich in seine innerste Seele hinein? »Kommt a Vogerl g'flogen«, singt der Steiermärker zur Seite seines Herrn – wie bezaubert steht der Gimpelkönig da, und lauscht und lauscht, vergißt Vaterzorn und Kindesungehorsam und hat nur Augen und Ohren für den kleinen Sänger. Und wie dem ersten Stücklein gar das andere folgt:
»Hörst du nicht die Vöglein singen Abends von der Donau her, Wie sie dir die Botschaft bringen Daß mein Herz nicht läßt von dir!«
da wird er so gerührt, so von Entzücken hingerissen, daß es ein Blinder wahrnehmen möchte, geschweige denn die scharfsichtige Liebe. Kaum hatte der Steiermärker ausgesungen, so ergriff Heinrich den Käfig und reichte ihn dem Lauschenden mit den Worten: »Nehmen Sie den Vogel, Meister Unger; er war längst für Sie bestimmt und alle meine Vögel sollen Sie haben – seien Sie nur wieder gut mit mir!« Und Hannchen warf sich an die Vaterbrust und bat mit für den Geliebten und für sich selbst: »Du siehst, ich that Deinen Willen, aber ich wurde ertappt, und da ich Dir für mein Leben gern die Beeren verschaffen wollte, an denen Dir so viel gelegen schien, so unterwarf ich mich der Bedingung, unter welcher ich sie allein retten konnte: ich löste sie aus.«
»Und das ist Dir gewiß nicht sauer geworden, Du Taubenschnabel!« fiel ihr der Alte ins Wort. Dann wendete er sich an Heinrich: »Er will mir den Steiermärker wirklich lassen?« fragte er.
»Den Steiermärker sammt meinem ganzen Reichthum an Gimpeln.«
»Und was will Er dafür haben?«
»Für Geld sind mir die Vögel nicht feil – schenken Sie mir Ihre Freundschaft!«
Das war für den Gimpelkönig zu viel. Er fühlte, wie schwer er den jungen Mann gekränkt hatte – und doch schenkte derselbe ihm jetzt den unschätzbaren Steiermärker – solche Großmuth hätte einen Botokuden rühren müssen – er richtete sich in die Höhe und sagte: »Von einem fremden Menschen kann ich kein Geschenk nehmen, Meister Sacher.«
»O so lassen Sie das Fremdsein zwischen uns aufhören – machen Sie mich zu einem Gliede Ihrer Familie – zu Ihrem Sohne!«
Hannchen umschlang mit dem Bittenden zugleich den mit seinem Ausspruch Zögernden – da trat das bis jetzt versteckt gebliebene Rußbuttenlobel leise hinter ihn, intonirte, und der Steiermärker sang: »Hörst Du nicht die Vöglein singen.« Da war von einem längern Widerstande gegen die Bitten der Liebenden keine Rede.
»Wenn Ihr denn durchaus nicht voneinander lassen könnt, so habt Euch in Gottes Namen!« sprach der Alte, drängte die Glücklichen von sich weg und schloß dafür den Vogelbauer mit dem Steiermärker in seine Arme.
»Wann soll ich Euch denn die andern dreißig Vögel bringen, Meister Unger?« fragte Rußbuttenlobel vortretend.
»Ihr auch da, Lobel?« rief der Gefragte.
»Ja,« sagte Lobel; »ich hatte Lunten, daß hier 'was Polizeiwidriges im Werke wäre, und da gehörte ich auf den Plan. Ich bin nur froh, daß Alles so abgelaufen ist, denn es ist ein traurig Amt, der Gerechtigkeit in die Hände zu arbeiten, viel lieber schanz' ich der Geistlichkeit 'was zu.«
Den andern Tag erfuhr ganz Wellersgrün und auch die Neuhahner Mühle durch die getreue Dorfpost die unerwartete Kunde von der Aussöhnung der Meister Gottfried und Heinrich und des Letzteren Verlobung mit Hannchen. Der Verlobung folgte bald die Hochzeit, und als Heinrich im Besitze seines Schatzes war, ließ er nicht nur seinen Vogelherd wieder eingehen, sondern bekämpfte auch aufs Neue, jedoch mit mehr Behutsamkeit und Mäßigung, als jenen Sonntag, die Leidenschaft seiner Heimathgenossen für den Vogelfang. Der Schwiegervater wurde leichter, als sich erwarten ließ, durch die Großvaterfreuden bekehrt, und wenn ihm auch der Steiermärker, so lange er lebte, schon als Vermittler dieser Freuden lieb und werth blieb, so war sein Vogelherd doch bei der Taufe seines fünften Enkels bereits verfallen, und es kam ihm fast wie eine alte Sage vor, daß es einst in Wellersgrün einen Gimpelkönig gegeben und daß dieser Niemand anders gewesen als er selbst.
