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Erzgebirgische Geschichten. Erster Band

II. Die Fundgrube Vater Abraham.

Reading edition

I.

Die Bergleute des Reviers hatten Lohntag. Die Auslohnung war vorbei, und das muntere Bergvolk stand in Gruppen längs der Rathhausseite des großen Marktplatzes oder schlenderte durch die zwei Budenreihen des Krammarktes. Denn seit undenklichen Zeiten war in der freien Bergstadt dafür gesorgt, daß die Bergleute, deren Viele stundenweit herkamen, sich eines Theiles der schwergewonnenen Groschen auf leichte Art wieder entäußern konnten. Und wie man Fischreußen vor die Abflußöffnungen der Gewässer legt, so baute man die Buden gerade in die Verlängerung der Gasse, in welcher das Berg- und Zehntamt lag. Da mußten selbst diejenigen hindurch, welche Lust hatten, einen Theil ihres Lohnes in der Sparcasse niederzulegen, die seit einem Jahrzehent bestand, so daß gar manches für die Sparcasse bestimmte Fischlein dort hängen blieb. Das konnte freilich nur von dem unbeweibten Bergvolke gelten, denn der beweibte und dann sicher auch mit Kindern gesegnete Knappe konnte höchstens mit Hülfe eines Heckethalers sich an der Sparcasse betheiligen. Gönnt der sich doch nicht einmal ein billiges Frühstück in der Garküche, aus welcher es so bratenhaft duftet – an das gegenüberliegende »süße Löchel«, die Conditorei, ist gar nicht zu denken, sondern er verzehrt höchstens in den Brodbänken ein »Dreierstöllchen« mit einer halben Knackwurst, nachdem er die Hälfte für seine »Alte«, vorausgesetzt, daß sie noch jung ist, im Kittel geborgen.

Von jungen Burschen sah man in den Brodbänken höchstens den Bergner Ferdinand vom Vater Abraham. Heute war er da. Ein hochgewachsener, blonder, frischer Gesell, mit intelligenten Zügen. Der leinene Kittel kohlschwarz, Fahrleder und Gürtel schön lackirt, auch das Schuhwerk blank gewichst. Unter der Bänkenthür stand er und blickte mit seinen hellen, blauen Augen nach der gegenüberliegenden Conditorei, aber wohl eher nach dem lockigen Kopfe einer Dame, die dort an einem Fenster an der Seite eines Bergherrn stand, als nach den gaumenkitzelnden Dingen des Schaufensters. Dicht neben den Brodbänken befand sich der Laden eines Gelbgießers, an welchen sich die Gewölbe eines Tuchmachers und eines Zinngießers reihten. Diesen drei Geschäftsleuten schien der Lohntag keine Weizenblüthe zu sein; standen sie doch schon seit einer halben Stunde vor dem Gelbgießerladen und klagten über den flauen Geschäftsgang. Plötzlich aber wurde ihre Aufmerksamkeit nach der Conditorei hinübergelenkt, aus welcher eine hochgewachsene Dame mit einer Schaar junger Dämchen in orgelpfeifenähnlicher Größenabstufung hervorquoll.

»Da kommt die Staatsglucke vom Vater Abraham mit ihren Küchlein!« rief der Tuchmacher; »acht Stück, und was für eine Prachtrace! Und richtig – der Liebhaber der Aeltesten, der neue Herr Obereinfahrer, ist auch dabei; der wird wohl die ganze Schaar tractirt haben.«

»Soll mich wundern, ob aus dem Freier auch ein Nehmer wird,« sagte der Zinngießer; »der Herr Obereinfahrer ist ein Feiner; reich und von Adel, wie er ist, denkt er wohl höher hinaus, als zu der armen Schichtmeisterstochter, die Nichts hat, als was sie auf dem Leibe trägt.«

»Ja, wenn das nur noch ihr Eigenthum wäre,« fiel der Tuchmacher ein; »ich will mein Contobuch vom Schinder verbrennen lassen, wenn von all den Fahnen und Behängen, worin das schöne Fräulein prangt, nicht über Dreiviertel in verschiedenen Contobüchern ungelöscht stehen.«

»Oho!« nahm der Gelbgießer das Wort; »macht's nur nicht so gefährlich! Dazu ist mein Schichtmeister Frenzel denn doch ein viel zu wackerer Mann, als daß er solche Schuldenwirthschaft dulden sollte. Es ist wahr, die Schichtmeisterin trägt die Nase ein wenig hoch und macht am Ende mehr aus sich und ihren Töchtern, als dahinter steckt; aber sie ist doch eine tüchtige Hauswirthin, und man findet nirgends eine so ausgesuchte Ordnung und Sauberkeit, wie bei ihr zu Hause.«

»Ei, das ist doch nicht etwa ihr Verdienst!« sagte der Tuchmacher. »Ihr als Gewerke vom Vater Abraham solltet doch wissen, wer da eigentlich die Hauswirthin ist, obgleich sie nur für das Aschenbrödel gilt. Das ist die Kleine, die Stieftochter der großen Dame dort, die Einzige von des Schichtmeisters erster Frau.«

»Die kenn' ich ja gar nicht,« erwiederte der Gelbgießer.

»Natürlich,« erklärte der Tuchmacher; »sowie sich ein Besuch auf dem Vater Abraham zeigt, muß sich Aschenbrödel in der Küche verkriechen. Sie würde schön ankommen, wollte sie sich als schwarze Henne unter den bunten Küchlein der Frau Mama zeigen. Aber sie ist es, die eigentlich das ganze Haus erhält, denn das müßt Ihr doch selbst zugeben, daß die Schichtmeisterin, wenn sie eine Wirthin sein wollte, nicht mehr Staat treiben würde, wie eine Bergmeisterin!«

»Nun, wer weiß,« unterbrach der Zinngießer den Sprecher, »wer weiß, ob sich der Schichtmeister nicht besser steht wie unser Bergmeister. Der Vater Abraham hat schönes Erz, und wer kann einen Schichtmeister, der auf seiner Grube wohnt, so genau –« hier stockte der Redner; ein Blick auf das Gesicht des Gelbgießers machte ihn verstummen. Doch dieser rief schnell: »Was wolltet Ihr sagen, Nachbar Paul? Redet weiter, was meint Ihr? Bedenkt, daß ich Kuxinhaber vom Vater Abraham bin, und mich das sehr nahe angeht, was Ihr da auf der Zunge hattet!«

»Ich hab's verschluckt und vergessen,« sagte der Zinngießer; »Ihr wißt ja, Nachbar Mickley, es kommt Einem manchmal ein überzwercher Gedanke in den Mund. Ich weiß nichts, will nichts wissen und glaube, daß der Schichtmeister Frenzel ein wackerer Mann ist, wie Ihr selbst ihn nanntet.«

»Bis jetzt,« erwiederte der Gelbgießer, »hat seine Gewerkschaft alle Ursach' gehabt, mit ihm zufrieden zu sein, und er gilt allgemein als der tüchtigste Grubenbeamte im ganzen Revier. Aber es ist eine böse Zeit, man darf fast seinem Bruder nicht mehr trauen, und was Ihr da angedeutet, will ich mir hinter die Ohren schreiben.«

»Aber Nachbar Mickley,« sagte der Zinngießer fast ängstlich, »seid doch nicht so wunderlich! Ich habe gar nichts angedeutet, gar nichts. Euer Schichtmeister ist gewiß ein wackerer Mann, kein Mensch kann wider ihn auftreten, auch der Nachbar Kunz nicht. Gewiß, Nachbar Kunz, behauptet Ihr nicht im Ernst, daß es mit den Schichtmeistersleuten so übel stehe, wie Ihr vorhin sagtet.«

»Oh! was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« versetzte der Tuchmacher, »wollt Ihr einen kleinen Beweis für meine Worte sehen, so schaut in mein Contobuch, da steht noch ein alter Rest von zehn Thalern, um den ich schon zehnmal umsonst gemahnt habe. Aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und wenn ich morgen mein Geld nicht habe, geht's vor Gericht!«

Das ganze Gespräch war von dem jungen Bergmann, der unter der Brodbänkenthür stand, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt worden. Mehrmals hatte sein Gesicht den Ausdruck heftigen Unwillens angenommen, und bei den letzten Worten des Tuchmachers geschah dies wieder. Er fuhr hastig in seinen Kittel und zog ein Perlbeutelchen hervor, dessen Inhalt er überzählte. Ach! es war viel, viel zu wenig, um die Schuld seines Vorgesetzten zu decken. Er besann sich aber nicht lange; er steckte seine Börse wieder ein und eilte nach der Spar-Casse. Der Geschäftsführer derselben wunderte sich nicht wenig, daß sein treuester Sparkunde heute Geld entnehmen wollte, statt welches einzulegen; aber es half nichts, er mußte dem drängenden Häuer acht blanke Thaler auszahlen. Mit diesem Zuschuß zu seinem heutigen Lohn verfügte dieser sich nach dem Gewölbe des Gelbgießers, wo die drei Bürger noch immer beisammen standen und jetzt neue Glossen über die Schichtmeisterin machten, die mit ihren zwei ältesten Töchtern in einen Goldschmiedsladen getreten war.

»Ist hier nicht der Meister Kunz?« fragte Ferdinand, zu dem Kleeblatt tretend, nachdem er nicht unterlassen hatte, sein Glückauf! zu bieten.

»Der bin ich,« antwortete der Tuchmacher, »was steht zu Diensten? Ich seh's Ihm an, Er bringt Handgeld – nun Er soll heute einen guten Handel machen.«

»Ich komme blos im Auftrage meines Schichtmeisters,« sagte Ferdinand; »soll Ihnen die zehn Thaler auszahlen, die er noch schuldig ist.«

»So?« versetzte der Tuchmacher; »nun, das ist auch Handgeld, – doch ein Ehrenmann der Herr Schichtmeister; aber es hätte ja noch Zeit gehabt, bis der Herr Schichtmeister wieder etwas gebraucht hätte. Komm Er, ich will Ihm gleich die Quittung schreiben.« Und er nahm den Häuer mit in sein Gewölbe.

»Da habt Ihr's!« sagte der Zinngießer zu dem Gelbgießer: »da hat der Nachbar Kunz auch raisonnirt über den schlechten Zahler; nun ist er doch ein Ehrenmann, und Ihr müßt Euch keinen Floh ins Ohr setzen lassen. Ich für meine Person weiß nichts Unlauteres von Euerm Schichtmeister und alle Welt nennt ihn einen tüchtigen Mann. Ich habe nichts gesagt, behüt' Euch Gott!«

Damit entfernte sich der Zinngießer und ging in die Garküche nach seinem Morgentöpfchen. Der Gelbgießer blieb unter seinem Laden stehen und schaute nach dem des Tuchmachers. Nach einer Weile kam Ferdinand daraus wieder zum Vorschein. »Nochmals meinen gehorsamsten Dank an den Herrn Schichtmeister!« rief ihm der Tuchmacher nach, »und ich lasse mich und mein neu assortirtes Lager bestens empfehlen.«

Ferdinand steckte lächelnd seine Quittung zu dem Rest seiner Baarschaft und wollte sich auf den Heimweg machen. Als er aber an das Gewölbe des Gelbgießers kam, hielt dieser ihn auf und nöthigte ihn hinein. Er holte aus einem Wandschrank einen Teller mit Knackwurst und Brodschnitten, eine Flasche und ein Gläschen, schenkte ein und bat den jungen Häuer, zuzulangen. Dieser nahm ein Brodschnittchen, verschmähte aber den Inhalt des Gläschens, weil er nie Branntwein trinke. Der Gelbgießer nannte dies eine Sonderbarkeit und wollte ihn zu dem echten »Eibenstocker« nöthigen. Aber Ferdinand beharrte bei seiner Weigerung, und als der Gelbgießer einen Grund dafür wissen wollte, sagte er: »Ich halte das Branntweintrinken für eins der Hauptübel der Menschheit.«

»Ja, wenn man den Branntwein säuft,« fiel Meister Mickley ein; »aber ein Gläschen zum Imbiß dient zur Gesundheit.«

»Halten Sie zur Güte, Meister!« erwiederte Ferdinand; »unser Herr Markscheider, der alle Dinge der Natur kennt, soweit Menschen sie erforscht haben, hat uns in der Bergschule klar bewiesen, daß der Branntwein, in was immer für einem Verhältniß genommen, nie von Nutzen für die menschliche Natur sein könne; daß er aber in einiger Menge genossen immer verderblich wirke. Die Säufer, die unter das Vieh herabgesunken sind, haben auch Anfangs nur Gläschen getrunken. Doch selbst der mäßigste Genuß bleibt eine Sünde gegen Gott und Menschen, weil er immer die Mitschuld trägt, daß das, was Gott den Menschen zur Nahrung bestimmt hat, so gut wie unter die Füße getreten wird. Lieber Meister, Sie dulden gewiß nicht, daß auch nur ein Bröcklein Brod in Ihrem Hause muthwillig weggeworfen werde; aber in jedem Glase Schnapps werden ein paar Loth Brod zu nichte gemacht. Bedenken Sie, Meister, wie viel tausend Scheffel Korn und Kartoffeln nur in unserm lieben Gebirge jährlich zu Branntwein verbrannt werden – das ist Brod für viele tausend Menschen. Wahrlich, wenn man sich's recht überlegt, so darf es Einen nicht wundern, wenn der liebe Gott über den Greuel einmal ergrimmt und uns ganz entzieht, was wir so schmählich mißbrauchen.«

»Er ist ja ein halber Pastor!« rief der Gelbgießer aus; »na, so lassen wir den Schnapps! Also Er ist auf der Bergschule – sagte Er nicht?«

»Ich wohne bei meiner Mutter in Pobersdorf und fahre auf dem Vater Abraham an, besuche aber die Bergschule seit zwei Jahren.«

»Und da kommt Er alle Tage anderthalb Stunden weit herein in die Stunden? Das macht jeden Tag drei Stunden Wegs um eine Stunde Unterricht!«

»Was kann es helfen,« erwiederte Ferdinand, »in der Stadt ist theuer leben, dazu reicht das Häuerlohn nicht aus.«

»Und von der Grube wohnt Er auch eine Stunde entfernt; da hat Er täglich einen Marsch von 5 Stunden zu machen. Dazu kommt die saure Grubenschicht von 8 Stunden, das thut 13 Stunden täglich, mit der Schule 14 – da bleibt Ihm ja gar keine Zeit zu einem Ueberwerk!«

»Freilich nicht; – nun, ich richte mich mit meiner Mutter ein, und da wir eigne Herberg haben und eine Kuh im Stall, so kommen wir schon aus. Freilich, der Fleischtopf steht bei uns immer weit vom Feuer, aber dafür hat's uns noch kein Jahr an den lieben Kartoffeln gefehlt. Uebrigens leb' ich mit meinen Kameraden in der guten Hoffnung, daß unsere Herren Gewerken uns bald auch zu einem wenig Fleisch helfen werden, da der Vater Abraham neuerdings so höflich geworden.«

»Höflich?« versetzte Meister Mickley, – »es geht wahrlich an mit der Höflichkeit. Es ist wahr, es hat in den letzten Quartalen einige Ausbeute gesetzt; aber lieber Freund, Er bedenkt wohl nicht, daß wir Gewerken viele Jahre nicht einen Heller von unsern Kuxen gehabt, ja gar einmal Zubuße gezahlt haben.«

»Aber die ist doch gewiß längst reichlich wieder erstattet, und nach meiner Ansicht muß es in der letzten Zeit eine ansehnliche Ausbeute gesetzt haben.«

Der Gelbgießer sah den Sprecher scharf an; dann ging er an sein Schreibpult und brachte ein Schreiben zum Vorschein, welches er dem Knappen vorlegen wollte, aber erst noch einmal zurückzog, indem er den jungen Mann fixirend fragte: »Wie hoch schätzt Er ungefähr die Ausbeute vom Vater Abraham auf das letzte Quartal? Ich will einmal sehen, ob Er schon einen tüchtigen Steiger abgäbe, wenn unser alter Meier bergfertig würde. Er muß wissen, daß ich vier Kuxe baue und im Ausschusse der Gewerken sitze, also ein Wörtlein mitzureden habe, wenn es eine Stelle auf dem Abraham zu besetzen giebt. Ich will einmal sehen, ob Er schon ein wenig Erz zu taxiren versteht. Laß Er hören!«

Der Jüngling sah vor sich nieder. Er mußte sich des Gesprächs der drei Bürger erinnern, namentlich der halben Aeußerung des Zinngießers, die zuerst seinen Unwillen erregt hatte. Offenbar wollte der Gelbgießer ihn aushorchen, und er war im Begriff, eine kurze Antwort zu geben; doch lag auch wieder etwas so Herzliches im Tone des Fragenden, daß Ferdinand das rauhe Wort nicht über die Lippen brachte. Zudem war seine Ehrliebe erregt und, was mehr sagen wollte, ihm eine Aussicht gezeigt worden, die sein höchstes Lebensglück zum Hintergrund hatte. Nach einigem Nachsinnen sagte er: »Mit dem Erzschätzen ohne genaue Probe ist es immer ein unsicheres Ding, – aber nach meinem Dafürhalten kann die Ausbeute im letzten Quartal nicht unter 1300 Species betragen haben.«

»Die Ausbeute?« rief der Gelbgießer. »Er meint wohl den Gesammtwerth des gewonnenen Erzes?«

»Nein, den reinen Ertrag, nach Abzug der Gewinnungskosten und des Zehntens.«

Jetzt schlug der Gelbgießer das Buch auf und hielt es dem Häuer vor das Gesicht: »Da les' Er, was unter Quartal Crucis notirt ist.«

Der Jüngling las die Notiz und schüttelte mit dem Kopfe. »Da hätte ich mich stark verrechnet,« sagte er, das Buch zurückgebend; »blos 5 Species auf den Kux, das thut für alle 128 Kuxe 640 Species, also noch nicht die Hälfte der von mir vermutheten Summe. So stark sollte sich einer, der Steiger werden will, freilich nicht verrechnen!«

»Ob Er sich aber auch nur verrechnet hat?« sagte der Meister. »Er scheint mir einen offenen Kopf zu haben – vielleicht hat Er doch recht gerechnet – he?«

»Sie überzeugen mich ja hier vom Gegentheil,« antwortete Ferdinand.

»Aber die Differenz kann wohl an etwas ganz Anderem liegen, als an Seiner Berechnung? Sei er aufrichtig, junger Freund, es soll Sein Schade nicht sein. – Hat Er keine Vermuthung, auf welche Art die schöne Ausbeute, welche Er der Gewerkschaft zugeschätzt hat, auf weniger als die Hälfte geschwunden sein kann?«

Der Jüngling stand rasch auf. »Meister Mickley!« sagte er, »ich habe Ihnen gleich gesagt, daß Erzschätzen nach dem bloßen Augenschein etwas sehr Unsicheres sei; und wenn Sie anderer Meinung sind, so denken Sie, daß ich noch lange in die Bergschule gehen muß, eh' ich reif bin zum Steiger!«

»Ei, nur nicht so heftig, lieber junger Mann!« bat Mickley, ihn bei der Hand nehmend; »nehm' Er nur wieder Platz, und hör' Er, was ich ihm sagen will.«

Ferdinand aber gab vor, daß er zu Hause nothwendig zu thun habe.

»Nun, so besuch' Er mich ein ander Mal, komm Er doch immer, wenn Er die Bergschule besucht; die ist alle Nachmittage zwischen 3 und 4, da kann Er bei mir sich an einer Tasse Kaffee erquicken; und wenn Er Zeichnenmaterial braucht, das kann Er bei mir auch haben, braucht's nicht in der Buchhandlung zu holen. Wart' Er, ich will Ihm einmal etwas zeigen!« Und er schob sich hinter seinen Ladentisch und brachte verschiedene Reißzeuge zum Vorschein. »Ist Er schon mit einem Reißzeuge versehen?« fragte er.

»Ich habe mich mit einem Zirkel und einem selbstgemachten Transporteur behelfen müssen,« sagte Ferdinand; »ein gutes Reißzeug war mir zu kostspielig.«

Der Gelbgießer öffnete das größte der mit schwarzem Maroquin überzogenen Kästchen und legte es mit seinen aus rothem Sammet hervorblitzenden feinen Instrumenten dem jungen Häuer vor. Dieser wurde von dem Anblick unwiderstehlich gefesselt. Ein so kostbares Reißzeug hatte er selbst bei seinem Markscheider nicht gesehen. Stumm stand er darüber gebeugt und wagte kaum Athem zu holen, damit sein Hauch das funkelnde Metall nicht erblinden mache.

»Ist das wohl vollständig?« fragte Mickley; »gefällt es Ihm?«

»Wem wollte das nicht gefallen?« sagte Ferdinand; »wer die edle Mathematik treibt, der muß daran seine Freude haben. Aber es gehört wohl ein guter Beutel dazu, einen solchen Schatz zu besitzen?«

»Manchmal hilft auch ein gutes, ehrliches Gesicht dazu,« sagte der Bürger. »Ich weiß nicht, Er hat mir's angethan. Ich will Ihm was sagen: Das Ding steht seit Jahren hier, und kein Mensch kauft es. Alles behilft sich mit billigen Kästen, den Zimmer- und Maurermeistern kommt's nicht darauf an, ob der Transporteur keinen Grad richtig zeigt, oder das Winkelmaß auf 89 Grad steht statt auf 90, und den Bergschülern fehlt's am Besten. Ich will aber das Ding einmal los sein, ehe es verrostet. Nehm' Er es als eine kleine Aufmunterung zu rechtem Fleiße, damit wir wieder einen tüchtigen Steiger bekommen, wenn der alte Meier bergfertig wird.«

Ferdinand wollte zwar ein so kostbares Geschenk nicht nehmen, aber der Gelbgießer wußte es ihm aufzureden. Als wär' er in den Besitz eines Königreichs gekommen, so froh verließ er das Gewölbe. Draußen stieß er auf Brunhild, die älteste Tochter seines Schichtmeisters aus dessen zweiter Ehe. Er bot dem schönen, eleganten Mädchen sein Glückauf und wollte vorübergehen; aber sie hielt ihn freundlich an. »Haben Sie meinen Vater nicht gesehen, Herr Bergner?« fragte sie. »Oh, zum Herrn fehlt mir viel, Fräulein Brunhild,« erwiederte er, »Ihren Vater vermuth' ich beim Herrn Markscheider.« »Gut, ich danke,« sagte sie, »und nicht wahr, Sie thun mir einen Gefallen?« – »Zwei für einen,« sagte er, »befehlen Sie nur!« – »Sie machen sich wohl aus einem kleinen Umweg nichts, wenn er über den Vater Abraham führt?« sprach sie mit einem feinen Lächeln, »wollen Sie nicht unserer Hedwig sagen, sie möchte der Mutter ihr neues Barègekleid schicken und nicht auf die Eltern mit dem Essen warten; wir sind Alle zu Landgraf's zu Tisch und zu einer Soirée bei Neuhoff's geladen; es kann Mitternacht werden, eh' die Eltern heimkommen. Grüßen Sie die gute Hedwig von mir – und hier, wollten Sie ihr wohl das Stückchen Apfeltorte von mir bringen?«

Ferdinand übernahm den Auftrag mit herzlicher Freude, und das schöne Mädchen nahm freundlich Abschied. »Die hat doch ein Herz,« sagte der Häuer ihr nachblickend; »das hat sie von ihrem Vater, und die Mutter hat es nicht verwüsten können. Gott segne sie!« – Nun lenkte er seinen Schritt dem Thore zu.

II.

Brunhild fand ihren Vater wirklich bei dem Markscheider. Sie theilte ihm mit, welche Einladungen an ihn und die Seinigen ergangen waren, und bat ihn, augenblicklich mit ihr zu kommen. Er ging mit ihr. »Wo ist denn die Mutter?« fragte er vor der Thür.

»Bei dem Goldschmied,« antwortete sie.

»Schon wieder?« fragte er trübe.

»Sei nur nicht bös,« sagte Brunhild, »ich wollte es nicht haben; aber Du weißt, wie die Mutter ist, und vielleicht hat sie heute nicht ganz Unrecht, ich habe Dir noch nicht gesagt, daß die Frau Baronin zum Besuch hierher kommt und bei Neuhoff's absteigt.«

»Heute?« fragte der Schichtmeister; »und da sollen wir wohl am Abend in Gesellschaft der Baronin sein?«

»Ja, und auch schon bei Landgraf's mit ihr speisen.«

»Also die Frau Baronin kommt? Sie will uns kennen lernen,« sagte der Schichtmeister erheitert, »so komm denn!«

Bei dem Goldschmied angekommen und von diesem in sein Wohnzimmer geführt, wurde der Schichtmeister von seiner Frau auf die Seite gezogen. »Hast Du schon gehört, lieber Schatz, welche Ehre, welches Glück uns erwartet?« redete sie ihn an. Und als er bejahte, sagte sie: »Denke Dir, das ist Alles so von dem Baron veranstaltet; der liebe, goldne Mann erwartet den günstigsten Eindruck von der Begegnung unsers Kindes mit seiner Mutter, und hofft morgen schon ihr Jawort zu erhalten. Du kannst Dir meine Seligkeit denken, Schatz, denk' einmal, in einem Vierteljahr ist unser Kind vielleicht Frau Baronin – gnädige Frau! Aber Du weißt, man muß das Eisen schmieden, wenn es glüht, und nur den Dummen kommt das Glück im Schlafe. Es versteht sich, daß wir vor der Frau Baronin anständig erscheinen müssen. Glücklicherweise sind unsere Mädchen, als hätten sie es geahnt, in den letzten Tagen fleißig hinter ihrer Garderobe her gewesen, und mein neues Barègekleid macht sich auch. Aber zu den noblen Gewändern gehört auch ein nobler Schmuck, wenigstens für Brunhild. Ich bin daher gleich hierher gegangen und habe uns einige sehr einfache, aber noble Sachen ausgesucht; Du weißt, ich verstehe mich auf dergleichen. Aber denke Dir, der Goldschmied will uns nur auf einen Wechsel von Dir weitern Credit geben. Vergebens tröstete ich ihn auf das nahe Ende meines Erbschaftsprocesses; er besteht auf dem Wechsel. Nun, Du weißt doch besser als er, wie es um den Proceß steht, daß wir ihn in erster Instanz gewonnen, und daß nach der Versicherung unsers Advocaten das Erkenntniß der zweiten Instanz bald erfolgen und unser Erbe in spätestens drei Monaten in unsern Händen sein muß. Du hast hoffentlich kein Bedenken gegen den Wechsel?«

»Allerdings, liebe Bertha, hab' ich das,« erwiederte der Schichtmeister, »Alles, nur keinen Wechsel! Ich hoffe zwar auch, daß der Proceß bis dahin entschieden sein wird, aber es bleibt doch immer eine Möglichkeit, daß er sich noch sehr lange hinauszieht. Ich meine auch, der Schmuck sei nicht so nothwendig –«

»Nicht nothwendig?« fiel ihm die Frau ins Wort, und da der Goldschmied hinausgegangen war, so rief sie laut: »Brunhild! Klotilde! sagt, ob die Schmucksachen uns nicht nöthig sind, um vor der Frau Baronin zu bestehen?«

Brunhild sagte, sie wolle nichts bestimmen, aber so viel wisse sie, daß ihr Alexis nicht nach Schmuck bei ihr frage. – »Aber,« fiel Klotilde ein, »die Frau Baronin ist eine Banquierstochter, und diese Damen halten viel auf Geschmeide. Die Frau Magisterin sagte, der erste Eindruck einer Begegnung entscheide oft über die ganze Zukunft, und ich möchte der geschmeideliebenden Baronin nicht allzu einfach vor die Augen kommen, wenn ich ihre Schwiegertochter werden wollte!«

»Aus Dir spricht Welt, Mädchen,« rief die Mutter; »ja so ist es, wir müssen den ersten Eindruck wahren!«

Zögernd erklärte der Schichtmeister seine Bereitwilligkeit, den Schmuck gegen eine Obligation zu erstehen. »Ich zweifle nur, daß Herr Reichel darauf eingeht,« bemerkte die Frau, »doch versuche Dein Glück. Komm mit in den Laden!«

Sie gingen hinaus. Der Goldschmied hatte die ausgewählten Gegenstände schon bereit gelegt. Die Frauen überließen sich mit Entzücken der Betrachtung dieser nothwendigen Entbehrlichkeiten, indeß der Schichtmeister mit dem Goldschmied über die Art der Zahlungssicherstellung verhandelte. Herr Reichel wollte von der vorgeschlagenen Art der Zahlungssicherstellung nichts wissen; er bestand auf einem Wechsel nicht nur für die schon im Buch stehende, sondern auch für die neue Schuld. Der Schichtmeister konnte sich zu dem Wechsel nicht entschließen, und der ganze Handel drohte sich zu zerschlagen. Aber Töchter, die zur rechten Zeit bethauete Wimpern zeigen, und Mütter, die im rechten Augenblick das Vaterherz zu packen verstehen, werden meist siegreich aus einem Angriff auf väterliche Finanzscrupel hervorgehen. Klotilden, die als das leibhaftige Ebenbild der Mutter des Vaters Liebling war, perlten Tröpfchen über die rosigen Wangen, und sie ging mit dem Tuche vor den Augen ins Zimmer zurück. »Komm, Brunhild!« rief die Mutter zornig und zog sie jener nach. »Aber Bertha!« sagte der Schichtmeister folgend, »sei nur nicht so bös! Ich kann doch nicht anders.«

Die Beleidigte wendete sich von ihm ab und rief ihren Töchtern zu: »Jetzt kommt, Kinder! kommt gleich mit nach Hause! Es war sehr unrecht, Euch in Pension zu thun. Euer Vater will, Ihr sollt Häuersweiber werden wie das Gänseblümchen, die Hedwig. Kommt! Ihr setzt keinen Fuß wieder in die Pension, und Du, Brunhild, vergissest Deinen Alexis! Vielleicht findet sich auch noch ein Steiger für Dich – armes – unglückliches – Kind –« und ihre Stimme erstarb in Schluchzen.

Da brach dem Schichtmeister das Herz. Er kratzte sich den Kopf – er besann sich – es galt, sich zur Zahlung von 400 Thalern nach Ablauf von drei Monaten verbindlich zu machen. – Die Erbschaft seiner Frau, so redete er sich in der Erregung des Herzens ein, die Erbschaft mußte bis dahin eingehen, und wenn nicht, so wäre darauf inzwischen schon ein Darlehn zu erlangen. – Er ging in den Laden zurück und unterzeichnete den schon ausgefüllten Wechsel. Seine Hand zitterte, aber doch war ihm leichter ums Herz, als er, den Kasten mit dem erstandenen Geschmeide in den Händen, zu seiner Frau trat.

Die vier Familienglieder verfügten sich nun zu der »Frau Magisterin«, bei welcher Brunhild und Klotilde sich jenen schimmernden Anstrich holten, der in gewissen Gesellschaftskreisen für die Blüthe der Erziehung gilt. Als sie nur wenig Minuten das Haus des Goldschmieds verlassen, trat bei diesem ein einzelner, auch bergmännischer Besuch ein. Ein langer, hagerer Graukopf mit dem Abzeichen eines Grubensteigers. Sein gefurchtes Gesicht ließ ihn älter erscheinen, als er war. Sein Glückauf! war nicht das helle, herzhafte, wie es gewöhnlich aus der Knappen Mund ertönt, es klang hohl und traurig. Der Goldschmied führte ihn in ein kleines Bureau, das hinten an den Laden stieß. Der Steiger brachte aus seinem Kittel ein Päckchen in Papier, das ihm der Goldschmied hastig abnahm und mit den Händen wog. »Es scheint leichtes Gut zu sein,« sagte er.

»Leicht?« versetzte der Steiger; »ich wette, daß Sie noch nie schwereres Erz in den Händen gehabt, sehen Sie es nur erst an!«

Der Goldschmied entfernte das Papier und vergaß einen Augenblick den Kunstgriff des Wucherers, das zu kaufende Gut mit Geringschätzung zu betrachten.

»Wie viel haben Sie von dieser Art?« fragte er.

»Zwei Centner,« antwortete der Steiger mit einem tiefen Seufzer.

»Freilich wenig,« sagte der Goldschmied; »wird sich kaum des Schmelzens verlohnen.«

»So sprechen Sie immer,« sagte der Steiger; »aber ich weiß so gut wie Sie, was in dem Erze steckt, und was sich herausschmelzen läßt.«

»Was verlangt Ihr für den Braß?« fragte der Goldschmied wieder.

»Ich hoffe damit den Wechsel meines Sohnes gedeckt zu haben – sonst will ich weiter nichts – ich will froh sein, wenn ich diesen Stein vom Herzen habe.«

Der Goldschmied wollte den Werth des Erzes herabsetzen, so daß der Wechsel nicht damit gedeckt erschien, aber der Steiger bestand auf seiner Forderung, und zuletzt versprach der Goldschmied, den Wechsel auszuliefern, sobald er das Erz in Empfang nähme. Der Steiger wollte es in der zweitnächsten Nacht zum Theil bringen und verabschiedete sich. »O, mein Sohn! mein Sohn!« murmelte er unter der Thür, »wenn Du wüßtest, wohin Dein Uebermuth Deinen alten Vater gebracht hat!« Eine Thräne quoll aus seinem Auge – langsam stieg er die Stufen vor dem Laden hinab. Plötzlich fand er sich angeredet. Aufblickend sah er den Gelbgießer Mickley vor sich stehen.

»Ihr noch in der Stadt?« fragte dieser, »und kommt vom Goldschmied?« Der Steiger erschrak. »Ich war – ich hatte – mein Sohn schickte mich hierher –« stotterte er.

»So?« versetzte Mickley; »ist der Herr auch wieder einmal zu Platze? Er ist nun endlich einmal Doctor geworden und geht mit einer vornehmen Heirath um – he?«

»Wie er thut, ja; und da er so gut mit dem Herrn Obereinfahrer steht, so mag wohl was d'ran sein.«

»Ach ja, es ist ja die Schwester vom Herrn Baron, um die er freit; – da gratulir' ich zur vornehmen Freundschaft, Alter!«

»Danke, Meister Mickley, eine brave, bürgerliche Schwiegertochter wäre mir lieber. –«

»Ihr seid ein braver Mann, Steiger,« sagte der Gelbgießer, ihm auf die Schulter klopfend, »ich weiß, Ihr habt's nicht wie Eure Schichtmeisterin darauf angelegt, in vornehme Freundschaft zu kommen. Hättet Ihr doch in Eurer Demuth Euren Sohn gar nicht studiren lassen; aber gute Freunde haben Euch überredet. Daß er nun aus der Art geschlagen, ist somit nicht Eure Schuld.«

»Dort kommt er gerade,« sagte der Steiger, »dort aus dem Posthause; der Herr Obereinfahrer und eine Dame sind bei ihm – sie kommen hierher, wir wollen doch ein wenig auf die Seite gehen.«

»Ei warum nicht gar! Es sind Menschen wie wir auch. Ich möchte Euern Sohn 'mal in der Nähe sehen.«

Jene Drei waren bald in die Nähe der Beiden gekommen; der Steiger salutirte seinem Vorgesetzten, der Bürger grüßte höflich; der Obereinfahrer erwiederte freundlich die Grüße, aber der Doctor, anscheinend in tiefem Gespräch mit der Dame, der eine Zofe und ein Lakai mit Gepäck folgten, ging, ohne nur den Kopf nach seinem Vater zu wenden, stolz vorüber.

»War das Euer Sohn?« fragte der Gelbgießer nach einer Weile. Der Steiger bejahete es mit einem Seufzer.

»Und er sah Euch nicht einmal an!« sagte jener, »und grüßte nicht einmal! Er verleugnet seinen Vater, er schämt sich seiner Herkunft! Armer, alter Mann!«

Der ehrsame Bürger nahm Abschied von dem Greis, und dieser wankte dem Thore zu.

III.

Die Fundgrube Vater Abraham gehörte zu den ältesten Bergwerken des Reviers. An einem sanften Abhange der waldigen Hochebene gelegen, ragten die stattlichen Berggebäude, das gethürmte Huthaus, die Bergschmiede, die Wäsche und der Pferdegöpel aus dunkeln Tannen hervor. Ein Glöcklein, das von Minute zu Minute angeschlagen wurde, schallte weithin durch die einsame Gegend. Es war der Nachmittag desselben Lohntags. Das Wetter wunderschön. Auf einer Bank vor dem Huthause saß ein stattlicher Greis im Bergmannskittel zur Seite eines jungen, einfach bürgerlich gekleideten Mädchens von ausnehmender Anmuth. Eine kleine Gestalt, aber vom zierlichsten Bau, eine bewundernswürdige Vereinigung von Zartheit und Fülle. Während sie emsig strickte, hing ihr blaues Auge an den dunkelblauen Berghäuptern des Fichtelberges und seiner Nachbarn, welche trotz der Entfernung mehrer Stunden doch ganz nahe zu sein schienen, so durchsichtig war die Luft und so günstig die Lage des Standpunktes.

»Ja, schau Dir ihn nur an, den alten lieben Bergkönig,« sagte der Greis; »so wie Du hab' ich ihn schon seit mehr als vierzig Jahren fast täglich betrachtet, entweder von dieser Bank oder vom Fenster aus, und doch hab' ich mich nie satt daran sehen können. Nein, je älter ich geworden, desto lieber hab' ich da hinauf geschaut; und wenn mir noch so weh ums Herz gewesen, von meinen Bergen herab ist mir Linderung gekommen.«

»Ich habe schon oft nachgedacht,« sagte das junge Mädchen, »was es denn eigentlich sei, das uns so heimlich und so magisch von den duftigen Höhen anweht, aber ich habe den Schlüssel zu dem Zauber nicht finden können.«

»Ja, sieh, mein Kind,« erwiederte der Greis; »zwischen den Bergen und dem unverdorbenen Menschenherzen findet eine nahe Verwandtschaft statt. Beide streben zum Himmel, und beide tragen himmlische Kräfte in sich. Aber was den Fichtelberg betrifft, so hat der für ein echtes, treues Bergmannskind noch einen ganz besondern Zauber. Denn sieh, im Fichtelberg hauste der gute Geist des ganzen Gebirges. Das jetzige superkluge Volk will zwar nichts davon wissen, aber ich weiß, was ich weiß.«

»Erzählt mir doch etwas, Großvater!« bat das Mädchen und wandte ihm ihr sonniges Gesicht mit den blauen Augen zu. Zwar war es nur die alte, schon hundertmal von ihm vernommene Geschichte, die sie zu hören hoffen durfte; aber sie wußte, wie gern er sie erzählte, wenn er einen andächtigen Hörer fand, den er gern auch für einen gläubigen nahm.

»Nun, Dir kann man allenfalls so etwas erzählen,« sagte er; »Du gehörst nicht zu den Superklugen.«

»Vor Alters, wo alle Menschen gläubiger waren,« begann der Alte, »kamen die Berggeister häufig auf die Oberwelt und waren den Menschen hülfreich, wo es noth that; aber je ungläubiger die Menschen wurden, desto weniger mochten die guten Geister mit ihnen zu schaffen haben und so zogen sie sich immer mehr in den Schoß der Erde zurück. Doch kommen sie dann und wann noch ans Tages- oder Grubenlicht. Auch ihr Fürst, der Geist des Fichtelberges, ist vor gar nicht langer Zeit noch gesehen worden. Da ist bei meines seligen Vaters Lebzeiten zu Wiesenthal ein armer, armer Häuer gewesen, der hat die Stube voll Kinder und kein Brod in der »Almet« gehabt, auch keins schaffen können, denn seine Grube ist auflässig und er ohne neue Arbeit gewesen. Da treibt ihn das Geschrei der hungrigen Kinder bei Morgengrauen aus dem Hause, und in der Verzweiflung seines Herzens geht er, er weiß selbst nicht wohin. Und wie er gegangen und gegangen ist, steht er oben auf dem Fichtelberg. Da sitzt ein steinalter Bergmann unweit von ihm auf einem Stein, der winkt ihm. Wie er hinkommt, sieht er zu des Alten Füßen einen Brunnen voll hellen Wassers, und war ihm doch sonst nie ein Brunnen da oben vorgekommen. »Was soll ich?« hat er gefragt. »Räume doch die Steine aus meinem Brunnen hier; schlechtes Volk hat sie hineingeworfen.« Das hat sich der Wiesenthaler nicht zweimal sagen lassen; hat nicht gefragt: was krieg ich? oder was geht's mich an? sondern: 's ist ein alter Mann, hat er gedacht, und das Alter muß man ehren; hat sich frisch ans Werk gemacht und die Steine herausgeholt. Und wie er den letzten auf den Rand gebracht, siehe, da ist's blankes Gold gewesen; der Alte aber war verschwunden. Ist kein anderer gewesen, als der gute Bergfürst. Fröhlichen Muthes ist der Häuer heimgeeilt, und alle Noth hat bei ihm ein Ende gehabt. Später ist es ihm eingefallen, daß wohl auch die andern Steine, die er aus dem Brunnen geräumt, goldhaltig gewesen sein könnten; er ist daher wieder auf den Berg gestiegen, aber wie er auch gesucht, er hat keinen Brunnen, noch eine Spur davon mehr gefunden.«

»Es ist recht schade,« sagte das Mädchen, »daß jetzt solche guten Geister keinem Menschen mehr zu Hülfe kommen, wo es der Noth so viel in unserm Gebirge giebt.«

»Ach wohl giebt's der Noth viel im armen Gebirge!« rief der Greis, »mehr als ein Mensch aussagen kann, und die guten Berggeister wären nöthiger als je. Aber sieh, Hedwig, die Menschen haben sie durch ihren Undank selbst verscheucht. Mit den Berggeistern ist der Segen vom Gebirge geflohen; das Bergwerk, sein eigentlicher Lebenspuls, ist in Verfall gekommen, und ich weiß nicht, was noch aus ihm werden wird. Wenn ich zurückdenke in meine Jugendzeit, was für ein Leben war da noch in unserm Revier, und besonders auf unserm Vater Abraham! Wie ich als neuer Hutmann Deine Großmutter heimführte, da standen 250 Bergleute im Staat aufgepflanzt auf der Halde, lauter Vater-Abrahamer, und eine Hochzeit war's, woran die paar Alten, die aus jener Zeit noch leben, noch heute mit Lust denken. Aber wie muß es erst gewesen sein, als droben der alte Schacht noch gangbar war, wo an 500 Bergleute anfuhren und ein Häuer vom Vater Abraham von den Stadtleuten wie ein Herr angesehen war! Doch das war auch eine Strafe des erzürnten Berggeistes, daß er die schlagenden Wetter in den alten Bau schickte, so daß kein Häuer seines Lebens mehr darin sicher war, und der Schacht aufgelassen werden mußte. Nun schlug man da unten ein und suchte nach dem alten Gang, fand aber nur einen Zweig davon, dem zur Mächtigkeit und dem Reichthum des verlassenen gar viel fehlte. Ach, wenn der alte Schacht noch im Gang wäre, wie anders stände es um uns! Dann möchte allenfalls Deine Stiefmutter mit ihren Docken den Staat treiben, womit sie Deinen Vater jetzt ruinirt!«

Hedwig seufzte und fragte dann: »Aber Großvater, sollte man denn den alten Schacht jetzt nicht wieder öffnen können, nachdem er über hundert Jahre darniedergelegen?«

»Du weißt nicht, was es mit den schlagenden Wettern für eine Bewandtniß hat. Sieh, die kommen durch feine, unsichtbare Spalten aus dem feurigen und kochenden Innern des Erdkörpers. Da ist's wie in einem Schmelzofen, nur daß nicht blos ein, sondern alle möglichen Metalle da unter einander in glühendem Fluß sind, und wenn es schon in unsern Schmelzhütten an giftigen Dämpfen und Gasen nicht fehlt, die dem Schmelzer übel zusetzen, wie viel weniger da unten in dem ungeheuren Generalschmelzofen! Die Dämpfe sind zwar gut, es sind die Nährmütter unserer Erzadern, indem sie sich in den gröbern Spalten der Erde zu Metallen niederschlagen; aber ihre Gesellen, die Gase, werden, wenn sie in eine Grube eindringen, die größte Plage des Bergmanns. Es ist aber in der Macht des Berggeistes, die Gasritzen zu öffnen und zu schließen, und er öffnet sie zur Strafe, wenn die Gewerken oder das Bergvolk mit seinen Schätzen gottlosen Mißbrauch treiben. So war's auch auf dem alten Vater Abraham. Da sind die Bergleute gar übermüthig geworden; die Schichtmeisterin ist auch ein Weib gewesen wie Deine Stiefmutter, hoffärtig und hart gegen die Armuth, und ein Gewerke, der die meisten Kuxe gebaut, hat die Schwelgerei so weit getrieben, daß er sich in Wein gebadet und den so mißbrauchten edlen Saft den Armen geschenkt hat. Das hat der Berggeist nicht länger mit ansehen können. Erst hat er gewarnt, hie und da ist eine kleine Wand eingestürzt; dann und wann hat einem Bergmanne ein Schwaden den Athem versetzt – aber wie alle Warnungen nichts gefruchtet, hat er seine furchtbarsten Wetterschleusen aufgezogen; da sind auf einmal zehn Mann vor Ort erschlagen worden, und wer sich nachher wieder hingewagt, hat das gleiche Schicksal gehabt, zuerst in der tiefsten, zuletzt in allen Gezeugstrecken. So hat man den reichen Gang im Stiche lassen müssen. Später sind wohl Versuche gemacht worden, den Gang wieder aufzunehmen, sie sind aber alle unglücklich abgelaufen; noch zu meiner Zeit ließ sich ein vorwitziger Bergmann in den Schacht und ward todt herausgezogen, nicht etwa erstickt, sondern erschlagen. Seitdem hat Niemand dem Zorne des Berggeistes zu trotzen gewagt; und dieser Zorn wird auch nicht weichen, wenn es die Menschen auf dem Vater Abraham treiben wie bisher.«

»Aber Großvater,« sagte Hedwig, »es sind doch nicht alle Leute hoffärtig oder gottlos, die auf dem Vater Abraham leben und verkehren; sollte denn der Berggeist den Unschuldigen mit dem Schuldigen strafen? Das wäre doch ungerecht. Da seid Ihr, mein Vater, der Ferdinand, die Brunhild, der Steiger Meier und so viele rechtschaffene Bergleute, auch die Mutter hat ihre guten Seiten.«

»Dich hast Du nicht mit genannt,« sagte der Greis, »und doch bist Du das einzige Wesen, um dessentwillen der Berggeist wenigstens nicht weiter geht in seinem Zorn. Du bist wie Deine selige Mutter – o die Liebe! sie wäre der Schutzgeist vom Vater Abraham geworden, hätte sie fortgelebt und Deinem Vater eine Schaar Kinder geboren wie ihre Nachfolgerin, das unselige Weib. Mit Deiner Mutter ging der gute Engel Deines Vaters von der Erde, und Deine Stiefmutter scheuchte den letzten Segen vom Vater Abraham. Denn wie das Weib hier zu hausen begann, wurden da unten die Erze tauber und tauber, und zuletzt förderte der Göpel nichts mehr zu Tage als Haldensturz.«

»Aber« – wandte Hedwig ein – »seit ein paar Jahren ist die Grube doch wieder recht höflich geworden, und es sind Aussichten vorhanden, daß sie es noch mehr wird.« –

»Ist doch kein Segen dabei!« versetzte der Greis. »Wenn man unser Erz sieht, so lacht Einem das Herz im Leibe, und wenn es in die Hütten kommt, ist's nichts. Ich sage Dir, es ist kein Segen mehr auf dem Vater Abraham; selbst das Gute, was die Erde noch giebt, wird zunichte, wenn nicht zum Fluch. Du sprachst vom Steiger Meier, ja, das ist mein alter Kamerad von Kindheit auf; wie ich Hutmann ward, wurde er Steiger, und wir sind immer gute Freunde gewesen. Erst als sein Student aus der Art schlug, und der alte Vater dem Oben'naus und Nirgendsan die Zügel nicht straff anzog, gab's manche Mißhelligkeit zwischen uns, und seit einiger Zeit ist er mir gar entfremdet. Ich weiß nicht, was ich denken soll, er kann mich nicht mehr aufrichtig anschauen, und in seinen Mienen liegt etwas, das mir weh thut.«

»Der alte gute Mann hat so viel Sorgen um den Sohn ausgestanden, und die Sorgen haben sein Gesicht fast zur Unkenntlichkeit verzerrt,« meinte Hedwig.

»Und dieser Sohn sollte einmal Dein Mann werden,« – sagte der Greis; – »es war ein Lieblingsgedanke von uns Alten; wer konnte denken, daß der schöne schwarzlockige Bube so ausarten würde! Nun, ich brauchte mein Wort gegen den Steiger nicht zu brechen, sein Herr Sohn sorgte dafür, daß nichts daraus ward. Der liebe Gott hatte es besser mit Dir im Sinne, als wir kurzsichtigen Menschen; er hatte Dir den Rechten schon erwählt. Ja, das ist der Trost meiner letzten Tage, daß ich Dich in der Hut eines so rechtschaffenen Menschen weiß, wie Dein Ferdinand ist. Das ist noch ein echtes Bergmannsblut, treu und wahr und unbefleckt.«

Hedwigs Antlitz leuchtete wie verklärt; sie nahm die braune, schwielige Rechte ihres Ahnen und preßte sie zwischen ihre kleinen zierlichen Hände.

»Deine Stiefmutter sieht zwar scheel zu Eurer Liebe,« fuhr er fort; »die hochmüthige Frau glaubt, es falle eine Perle aus ihrer Krone, wenn ihres Mannes Tochter eines Steigers Weib wird; aber Ihr sollt ihr zum Trotz ein Paar werden, bevor ich meine Augen schließe. Was ich Dich noch fragen wollte, Hedwig – was denkst Du von den Besuchen, die der Doctor Meier seit seiner Ankunft dem Vater Abraham abstattet? Sonst mied er ihn ja.«

Hedwig wurde roth und bückte sich auf ihren Strickstrumpf: »Ich weiß nicht, was er will,« sagte sie nach einer Pause, »ich geh' ihm aus dem Wege, wenn er kommt.«

»Er scheint mit dem hoffärtigen Weibe ziemlich vertraut zu sein,« sagte der Alte, »es fehlte blos noch ein Laster auf dem Vater Abraham! – Doch es fängt an, mir kühl zu werden; die Stunde des Schichtwechsels rückt auch heran, da will ich mich zum Beten fertig machen. Da unser Volk heut' nicht da ist, so hast Du wenig Kocherei auf den Abend, geh' doch noch ein wenig aus, mein Kind!« Er streichelte ihr das volle, in Wellen gescheitelte Haar, stand auf und ging ins Haus.

Auch Hedwig erhob sich, verließ langsam die Halde und verlor sich im nahen Walde. Unwillkürlich schlug sie den Fußweg ein, der am alten Vater-Abraham-Schacht vorbei nach Pobersdorf führte. Der alte Schacht befand sich auf dem höchsten Theile des weiten Plateaus, und seine Halde bot eine vollständige Rundsicht dar, welche Hedwig benutzen wollte, nach ihrem Geliebten zu spähen, der jetzt anfahren mußte. Sie stieg daher hinauf, aber als sie oben ihren Blick in die rechte Richtung brachte, sah sie eine andere Gestalt daher kommen, als die ersehnte. Es war der Doctor Meier, derselbe, dem sie als Kind versprochen gewesen, und der sie aus Hochmuth von sich gestoßen, ehe sie noch das jungfräuliche Alter erreicht hatte. Am letzten Sonntage war sie ihm auf dem Kirchwege begegnet, das erste Mal seit vielen Jahren. Da war der inzwischen zum Mann Gereifte vor der blühenden Jungfrau voll Staunen stehen geblieben. Er hatte sie angeredet, doch war sie durch Ferdinands Dazwischenkunft aus dieser verlegenen Lage befreit worden. Als sie aber nach Hause gegangen, und Ferdinand auf dem halben Wege von ihr geschieden war, hatte der Doctor plötzlich vor ihr gestanden und sich ihr zur Weiterbegleitung aufgedrungen. Da hatte er einen Ton gegen sie angestimmt, der mit seinem frühern Betragen in vollem Widerspruche stand. Sie hatte indessen seine girrenden Aeußerungen für leeres Gerede genommen; doch war sie ihm, als er seitdem täglich im Vater Abraham einsprach, sorgfältig ausgewichen. Auch jetzt wünschte sie ihm nicht zu begegnen; sie schlüpfte daher in die nahe, offenstehende Kaue, welche den alten Schacht überdeckte. Aber die scharfen Geieraugen des Doctors hatten bereits die liebliche Gestalt erspäht, und gerade ihre Flucht reizte ihn, sie zu verfolgen. In raschen Sätzen sprang er die Halde hinan und stand bald im Eingange der Kaue, der schönen Flüchtigen gegenüber; aber zwischen ihm und ihr klaffte der furchtbare Schlund.

»Was fliehen Sie, Hedwig?« fragte er. »Kommen Sie, ich habe einen Auftrag von Ihrer Mutter an Sie. Hier ist ihr Commodenschlüssel, den soll ich Ihnen mit der Bitte überbringen, ihr den neuen Pariser Shawl durch mich zu schicken. Das Kleid hat ihr der Junge richtig überbracht.«

»Warum hat sie denn nicht dem Jungen aufgetragen, ihr den Shawl zu holen, wenn sie ihn durchaus haben muß?«

»Da fragen Sie mich zu viel; – genug, ich kam vorhin in ihre Gesellschaft, und als ich beim Abschiednehmen sagte, ich ginge erst noch einmal nach Pobersdorf, da bat sie mich, auf dem Rückwege ihr den kleinen Gefallen zu thun.«

Zögernd kam jetzt Hedwig um das Mundloch des Schachtes herum. »So kommen Sie,« sprach sie, als sie sich ihm näherte. Er stand unbeweglich vor ihr und schien sie mit seinen Blicken verschlingen zu wollen. Nach einer Weile reichte er ihr die Hand. »Hedwig, Sie stehen mir gegenüber wie eine Fremde, fast wie eine Feindin; das sollte anders sein! Geben Sie mir die Hand.«

»Kommen Sie nur!« drängte sie, »ich will Ihnen den Shawl holen.«

»Stolzes Mädchen! Können Sie den Mann entgelten lassen, was der wilde Knabe verbrach? Konnte er auch in der verschlossenen Knospe die Herrlichkeit der Blume ahnen? Hedwig, der erste Strahl Ihrer Schönheit, der mein Auge traf, ist wie der Blitz durch meine Seele gegangen; ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Sie um Vergessen und Vergeben anflehen. – Hedwig, lassen Sie die alten Zeiten wieder gelten, wo ich Ihnen der nächste Mensch auf Erden sein sollte! –«

»Aber nicht wollte,« fiel sie ein, »und mit Recht, denn wie paßte solch ein Gänseblümchen zu solch einem stolzen Ritter! Nein, Herr Meier, die alten Zeiten sind todt und begraben – lassen wir die Todten ruhen. Zu vergessen und zu vergeben habe ich nichts, denn Sie haben mich nicht gekränkt; die Blume weiß nichts von dem verächtlichen Blick, der die Knospe traf. Gehen Sie jetzt, ich folge Ihnen!«

Aber er ergriff ihre Hand, und als sie sie ihm entziehen wollte, schlang er seinen Arm um ihren Leib und zog sie heftig an sich. »Nein, Mädchen! so mußt Du mich nicht abspeisen wollen. Sieh und fühle, wie Du plötzlich mein ganzes Wesen mit einer namenlosen Gluth erfüllt hast! – Hedwig! es ist über mich gekommen wie ein plötzliches Erwachen aus wüstem Schlaf, wie ein Wirbel, der mich mit allmächtiger Gewalt zu Dir reißt. – Hedwig – das Wort unserer Väter muß sich erfüllen – Du mußt mein werden!«

»Lassen Sie mich los!« rief Hedwig ringend, »ich habe weder Lust noch Zeit, Komödie mit Ihnen zu spielen!«

»Komödie? Mädchen! Siehst Du nicht, fühlst Du nicht, welch verzehrendes Feuer in mir rast, ein Feuer, das, beim Himmel! eher zu einer Tragödie paßt als zu einer Komödie! Hedwig, ich habe gelesen, daß Männer, die lange dem Geschoß des blinden Gottes Trotz boten, von ihm plötzlich mit unheilbarer Wunde gestraft wurden; ich fühle jetzt, daß dies kein bloßes Märchen ist. Hedwig, laß Gnade walten und gieb mir das Recht auf Deinen Besitz zurück!« Hedwig wand sich mit abgewandtem Gesicht ängstlich in den Armen des starken Mannes. »Gieb, gieb es mir zurück!« drängte er – »oder ich nehme es mir!«

Da blickte sie ihm ins Gesicht und erschrak vor dessen Ausdruck bis in die innerste Seele hinein. War es möglich, daß ein Mensch so plötzlich von einer rasenden Leidenschaft ergriffen werden konnte? »Lassen Sie mich!« schrie sie, »Sie sind wie ein Wahnsinniger!«

»So scheint es mir selbst,« versetzte er, »darum gehen Sie glimpflich mit mir um – seien Sie mild und versöhnlich!«

»Lassen Sie mich erst los – dann wollen wir vernünftig mit einander reden.«

»Versprich mit einem Kuß, daß Du nicht entfliehen willst,« und er neigte sich zum Empfang des Pfandes. In diesem Augenblick riß sie sich mit verzweifelter Anstrengung los und floh. Aber er hatte sie schnell wieder erreicht und zog sie in das Innere der Kaue zurück. – »Hülfe! Hülfe!« kreischte sie, daß es weit durch den Wald hin gellte; aber schnell verschloß er ihr den Mund mit seinen Küssen. Vergebens kämpfte Hedwig mit allen Waffen, die dem Weibe gegen die Gewalt verliehen sind, um sich der ungestümen Liebkosungen des Rasenden zu erwehren; aber ihre Kraft reichte gegen die Gewalt ihres Gegners nicht aus. Da plötzlich fühlte der Doctor sich hinten kräftig gepackt, ja eh' er sich noch besinnen konnte, sah er sich zu seinem Entsetzen gerade über dem schwarzen Schachtschlunde schweben, in den er unrettbar stürzen mußte, wenn die Riesenfaust, die ihn hielt, ihn fahren ließ. War etwa ein Berggeist dem bedrängten Mädchen zu Hülfe gekommen? Insofern man die Bergleute scherzweis auch Berggeister nennt, allerdings: Ferdinand war der Retter, der auf seinem Wege zur Schicht den Hülferuf vernommen hatte. Da stand er nun und hielt mit dem nervigen Arm den Dränger seiner Trauten über die grauenvolle Tiefe, und da kniete die Geliebte zu seinen Füßen und beschwor ihn, den Elenden zu schonen. Der Doctor war zu einem Bilde des Todes erblaßt. »So, nun wird er genug haben,« sagte Ferdinand; »diese Cur wird hoffentlich gründlich sein – meint der Herr Doctor nicht selbst?« Und er trug den bleichen Mann vor die Kaue: »Nun komm, Hedwig!« sagte er, »den Arm kann ich Dir nicht bieten in meinem lettigen Grubenzeug.« – Aber Hedwig hing sich ängstlich an seinen Arm und ging mit Ferdinand heim. Beide sahen nichts von den racheblitzenden Blicken, die ihnen folgten.

IV.

Der Doctor stand lange brütend auf der Halde. Langsam trat er endlich den Weg nach der Stadt an. Aber er beschloß, den Jungen zu erwarten, welchen Hedwig mit dem Shawl schicken wollte. Er brauchte nicht lange zu warten; der Junge war froh, sich seines Botendienstes so leicht entledigen zu können, und ein Trinkgeld machte seine Freude vollkommen.

»Aber welche Entdeckung hab' ich machen müssen!« sagte der Doctor, als er der Schichtmeisterin den Shawl überreicht hatte und von ihr mit Dankesergießungen überschüttet worden war; »Ihre Hedwig lustwandelte tête-à-tête mit einem gemeinen Bergmann im Walde.«

»Meine Hedwig?« erwiederte die Frau; »die Sie meinen, ist doch nicht mein Kind, sonst würde sie sich sicher nicht zu einer Liaison mit einem Häuer verirren. Aber interessiren Sie sich vielleicht jetzt für das Gänseblümchen, wie Sie es vor Jahren getauft haben?«

»Das gerade nicht; ich wundere mich nur, daß die Liaison von ihnen geduldet wird. Immer ist Hedwig die rechte Tochter von Fräulein Brunhild's Vater, mithin des Barons künftige Schwägerin. Wenn nun die Frau Baronin Mutter erführe, daß ihr Sohn Gefahr liefe, der Schwager eines gemeinen Häuers zu werden, so könnte sie leicht –«

»Um Gotteswillen!« unterbrach ihn die Schichtmeisterin entsetzt; »ich bitte, lassen Sie den Baron und die Frau Baronin ja nichts merken von dem, was Sie gesehen; dafür, daß aus Hedwigs Liaison nichts wird, stehe ich. Von Stund' an muß mein Mann den frechen Menschen, der sich in unsere Familie drängt, ablohnen und Hedwig jeden Verkehr mit ihm untersagen.«

»Zum Glücke Ihrer Brunhild dürfte das klug und weise sein,« bemerkte der Doctor und empfahl sich in der Hoffnung eines genußreichen Abends. Er begab sich zu dem Goldschmied Reichel, der ihn wie einen guten Kunden empfing.

»Wie steht's, Bester?« fragte der Doctor, »hat mein Alter gedeckt?«

»Ich glaube – wenn die ganze Lieferung der Probe gleicht; das muß sich erst ausweisen.«

»Wißt Ihr was? Ihr müßt mir augenblicklich noch hundert Thaler vorstrecken; ich muß morgen nach Hallbach zu meiner Erkornen und da nobel auftreten; wahrscheinlich muß ich ihren Papa nach Bad Kissingen begleiten. Wir vertauschen den alten Wechsel mit einem neuen, und – nun Ihr wißt Euch schon bezahlt zu machen.«

»Aber Ihr Vater war schon jetzt schwierig,« wendete der Goldschmied ein.

»Nur keine Umstände, mein Guter!« sagte der Doctor. »Hoffentlich ist das der letzte Schröpfkopf, den ich an den guten Alten ansetzen muß. Zieht nur die Casse auf, mein Goldmann!«

Der Goldschmied mußte den Doctor wohl unwiderstehlich finden, er zog ein Kästchen aus seinem Ladentisch und zählte die verlangte Summe in Dukaten auf.

Der Doctor strich sie ein. »Die habt Ihr aber gehörig mit Königswasser getauft,« sagte er, die Münzen prüfend, »Ihr seid doch ein unverbesserlicher Anabaptist!«

Gleichgültig, als ob er die Anspielung nicht verstehe, füllte der Goldschmied ein Wechselformular aus und legte es dem Schuldner vor. Dieser unterzeichnete. »So, wieder ein Geschäft gemacht!« sagte er, sein Gold einsteckend.

»Nun noch Eins: Vergeßt um Eurer selbst willen nicht, daß die Klausel, »nach Wechselrecht verfahren,« keine andere Bedeutung haben kann, als die eines Schreckschusses! Ihr kennt das Sprichwort vom Hehler!« Und er ging.

»Das ist der leibhaftige Satan!« murmelte der Goldschmied, ihm nachstarrend.

Diese Verhandlung zeigt, daß der unglückliche alte Steiger sich sehr irrte, indem er wähnte, seinem Sohne sei das verzweifelte Mittel, dessen übermäßige Geldbedürfnisse zu befriedigen, so verborgen geblieben, wie er es zu halten gesucht. Der entartete Sohn selbst hat den Goldschmied auf den Vater gehetzt. Nur der Ort, wo dieser das Erz aufbewahrte, war jenem unbekannt, und er hatte bisher auch nicht Ursache gehabt, danach zu forschen.

Während der Vater tief im Schoße der Erde nicht nur mit seinem schweren Tagewerk sich plagte, sondern auch von Gewissensbissen gequält wurde, verlebte der Sohn einen genußreichen Abend im Salon des reichen Handelsherrn Neuhoff. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter, als solcher schon früher der Baronin von Brunn, in deren Haus ihn ihr Sohn eingeführt hatte, so lieb und werth geworden, daß man an ihrem Wohnorte Hallbach lange von einem zärtlichen Verhältniß zwischen Beiden munkelte, bis es offenkundig ward, daß der junge Arzt sich Hoffnung auf die Hand der Baronesse Lydia mache. Heute entfaltete er alle seine Gaben, theils um sich in guter Gesellschaft über die am Nachmittag erlittene Niederlage erhoben zu fühlen, theils um seinen Einfluß auf die Baronin zu befestigen. Diesen Einfluß bedurfte er nicht nur für seinen Heirathsplan, der freilich mit seinem Benehmen gegen Hedwig im Widerspruch stand, sondern auch zur Förderung der Wünsche des jungen Barons und Brunhild's, wodurch er an der Schichtmeisterin eine dankbare Bundesgenossin gegen Hedwig und ihren Häuer gewann. Seine Bemühungen gelangen vollständig; er wußte die Baronin dergestalt auf die in Wahrheit vorhandenen trefflichen und zum Theil glänzenden Eigenschaften Brunhild's aufmerksam zu machen, daß am Schlusse des Abends der Baron es wagen konnte, der Mutter seine Wahl zu gestehen. Und die von der schönen, und, was ihr allerdings viel galt, eleganten jungen Dame bezauberte Gnädige beschloß den Abend mit einer stillen Verlobung, vorbehältlich der Einwilligung ihres gichtkranken Gatten, an der sie nicht zweifelte. »Ich curire ihn,« sagte der Doctor, »und im schlimmsten Falle geht das Glück des Freundes dem meinigen vor, wenn ich liquidire.«

Als er früh zwischen vier und fünf Uhr sich seiner väterlichen Behausung näherte, sah er aus der schwer zugänglichen Oeffnung eines alten Stollens eine dunkle Gestalt treten und gleichfalls auf das Haus zugehen. Er ging ihr schnell nach und stieß an der Hausthür auf seinen Vater. »Du kommst so spät aus der Stadt?« redete der Greis den Sohn an, »so lange hast Du geschwärmt? Und ich muß mich mit der sauern Nachtschicht plagen! Du solltest doch nun ein anderes Leben anfangen!«

»Du hast keine Idee von dem Leben einer Gesellschaftssphäre, zu der ich nun einmal durch Anlage und Neigung gehöre,« antwortete der Doctor. »Ich muß meine höhere Bestimmung erfüllen, und Du wirst bald Ursache haben, Dich über alle Opfer zu freuen, die Du mir gebracht. Du sollst sie an keinen Undankbaren verschwendet haben. Laß Dir sagen, daß ich heute glücklich die Verlobung zwischen dem Obereinfahrer und Schichtmeisters Brunhild zu Stande gebracht habe; und was ich über die Mutter zu Gunsten Anderer vermocht, das vermag ich auch zu meinen eigenen. Du wirst sehen, in wenig Wochen darfst Du die reiche Baronesse Lydia von Brunn als Deine Schwiegertochter begrüßen!«

»Dann werde ich wohl am längsten einen Sohn gehabt haben,« sagte der Greis, »wer seinen Vater auf der Straße nicht kennen will, wenn er nur in eines Barons Gesellschaft geht, wird ihm vollends fremd sein, wenn er der Mann einer Baronesse ist. Nun, ich wünsche Glück zu dem hohen Flug – freuen könnte ich mich nur, wenn Du mir eine Schwiegertochter brächtest, wie meine Hedwig, die Du im tollen Hochmuth von Dir gestoßen.«

»Die hat sich längst zu entschädigen gewußt,« sagte der Doctor.

»Wohl ihr,« erwiederte der Steiger, »Gott hat ihr trefflichen Ersatz gegeben. Das ist auch mein Trost bei der ganzen Geschichte, daß das Mädchen nun doch noch glücklich wird. Doch jetzt laß uns hineingehen, ich höre die Mutter Licht anschlagen.«

Sie gingen hinein.

Die letzten Worte hatten den Stachel der Eifersucht und Rache, den der Sohn im Herzen trug, tiefer hineingetrieben. Daß sein Vater aus dem alten Stollen gekommen war, leitete ihn auf die Vermuthung, daß dort die geheime Erzniederlage desselben sei, und diese Vermuthung führte sein brütendes Gehirn auf einen Gedanken, dessen Tücke er vor sich selbst mit der Ausflucht beschönigen konnte, er müsse von seinem Vater die nahe Möglichkeit der Entdeckung seines Verbrechens entfernen; denn so gut wie er konnte auch ein fremder Mensch, vielleicht gar der Bergner, den Vater einmal bei seinem nächtlichen Gange von oder zu dem Stollen beobachten, Verdacht schöpfen, untersuchen – und dann war der Vater verloren.

Wie kein Mensch so bös ist, daß er nicht nach einer Rechtfertigung seiner bösen Absichten suchte und sie auch glücklich fände, so fand der Doctor, als er am Tage wieder in die Stadt kam und da zufällig den Häuer Ferdinand Bergner aus dem Laden des Gelbgießers treten und diesen das Abschiedswort rufen hörte: »Auf Wiedersehen, mein lieber Steiger in spe,« in diesem Worte mehr als eine bloße Rechtfertigung seines schon fertigen Anschlages, er fand sich als Sohn verpflichtet, einen Menschen unschädlich zu machen, der offenbar seinem Vater nach dem Brode trachtete. Er hatte eigentlich heute abreisen wollen, aber sein tückischer Plan nöthigte ihn, noch eine Nacht in der Heimath zu verweilen. Sobald es finster war, verließ er die Stadt, nicht ohne sich vorher mit Wachszündern zu versehen, eilte nach Pobersdorf und in den alten Stollen bei der väterlichen Wohnung. Er mußte lange suchen, ehe er seine Vermuthung bestätigt fand; aber er fand sie bestätigt: in einem Haufen alten Schuttes lagen die schimmernden Stufen.

Wie das Haus des Steigers, war auch Ferdinands Wohnung ein altes Zechenhaus, das von ersterem etwa tausend Schritte entfernt stand. Daher fehlte es auch nicht an einem Stollen daselbst, der dicht hinter dem Hause mündete. Der Doctor kannte, als Ferdinands Jugendgespiele, die Oertlichkeit genau; er wußte auch, daß dieser Stollen durch eine Thür verschlossen war; aber auch dafür hatte er sich gerüstet; er kannte die einfache Schließvorrichtung solcher Grubenthüren und hatte sich mit einem Stück Draht versehen, das er hier gleich in die rechte Form brachte. Seine Absicht war, die Erzstufen in Ferdinands Stollen, die sogenannte Jakobszeche, zu schaffen, dort zu verbergen und nach einiger Zeit den Verdacht der Erzentwendung auf den verhaßten Häuer zu lenken. Sein Werkzeug zur Vollendung des verruchten Vorhabens sollte ein naher Anverwandter, ebenfalls Häuer auf dem Vater Abraham und Aspirant auf die Steigerstelle, werden. Mittels einer Leinenschürze, welche seine Mutter am Gartenzaun zum Trocknen aufgehangen, bewirkte er in drei Gängen den nicht leichten Transport. In einer Stunde war das Werk der Bosheit geschehen. Er hatte das Erz in der Jakobszeche so untergebracht, daß nur ein mit Absicht spähendes Auge es entdecken konnte. Froh über das Vollbrachte ging er heim, um noch eine Nacht unter dem väterlichen Dache zuzubringen.

Er hatte keine Ahnung, daß gerade diese Nacht, wo sein Vater die Nachtschicht aussetzte, zur Ablieferung einer Hälfte des gestohlenen Erzes bestimmt war. Um 1 Uhr nach Mitternacht stand der Steiger auf und begab sich in seinen Stollen. Wie erschrak der beklagenswerthe Mann, als das Erz nicht mehr zu finden war! Er durchsuchte alle Winkel und Schutthaufen des nicht tiefen Stollens – das Erz war verschwunden. Wie vernichtet setzte er sich auf einen Stein im Stollen; er erschöpfte sich in Muthmaßungen, wer des Erzes habhaft geworden und es fortgetragen haben könnte; eben so wenig wie sein alter Camerad, der Hutmann, war er ganz frei von Aberglauben – vielleicht war das Erz durch das Blendwerk eines Kobolds unsichtbar gemacht, vielleicht war es gar »heimgegangen« – aber es konnte wohl auch von einem Menschen entdeckt und weggeschafft worden sein; dann war das Geheimniß schon nicht mehr blos unter Zweien. Er zitterte vor Angst, aber auch vor Frost; um sich zu erwärmen und zu ermuntern, nahm er einen Schluck aus seinem Fläschchen, das er jedes Mal gefüllt mit zur Schicht zu nehmen pflegte, die er heute von der Stadt aus antreten wollte. Aber statt daß er sonst das Fläschchen nur allmälig im Verlaufe der Schicht geleert hatte, trank er es jetzt in wenig Minuten aus. Neu belebt machte er sich an eine neue Durchsuchung des Stollens. Umsonst, das Erz war und blieb weg. Wieder setzte er sich nieder und versank in qualvolles Sinnen. Endlich erklang das Häuerglöcklein. Das lud zur Schicht. Er erhob sich, sein Kopf war schwer, taumelnd verließ er den Stollen und schlug die Richtung nach dem Vater Abraham ein. Was ihm noch nie begegnet, widerfuhr ihm jetzt: er verirrte sich im Walde und kam erst später als die andern Bergleute auf die Grube. Noch immer berauscht, voll Angst und Verdruß, stieg er in den Schacht. Die gewohnte Sicherheit des Trittes hatte ihn verlassen; in der halben Teufe verfehlte er eine Sprosse und stürzte hinab zu den Füßen Ferdinands, der heute bei der Förderung beschäftigt war. Dieser fing zwar noch den Oberkörper des stürzenden Greises mit seinen Armen auf, derselbe war aber bereits im Fallen durch die Wände erheblich verletzt, so daß er stark blutete und kein Lebenszeichen von sich gab. Ferdinand befahl dem nahen Hundejungen, Wasser zu bringen, und suchte dann seinen unglücklichen Vorgesetzten zu beleben. Auf den Lärm des Jungen kamen bald mehrere Häuer von ihren Oertern und theilten Ferdinands Bemühungen. Es gelang, dem Greise einige Lebenszeichen zu entlocken; aber sie blieben sehr schwach. »Wir müssen ihn hinaufschaffen,« erklärte Ferdinand, »ich fahre schnell aus und mache die Hängematte zurecht; Einer von Euch führt sie beim Herausfördern.« Die Cameraden waren damit einverstanden. Ferdinand fuhr aus, traf Hedwig schon wach, machte sie mit dem Unglücksfall bekannt, und erhielt nicht nur die nöthigen Decken und Stricke zu der Hängematte, sondern wurde auch von ihr in deren rascher Herstellung unterstützt. Nach einer halben Stunde lag der Verunglückte auf einem Sopha in der Wohnstube des Schichtmeisters, der sogleich einen Boten nach Pobersdorf schickte, um den Doctor herbeizuholen. Inzwischen kam der Steiger zum Bewußtsein; das erste Wort aber, das er wieder vernehmen ließ, war: »Ich muß sterben, ruft mir den Hutmann, daß ich ihm beichte!«

Hedwig weckte ihren Großvater, der den Schlaf der Gerechten schlief. Sie theilte ihm schonend mit, was seinem Jugendfreunde zugestoßen war. Erschüttert stand der Greis auf und war bald am Lager des Sterbenden. Als dieser verlangte, mit ihm allein zu sein, ging der Schichtmeister mit den Uebrigen aus der Stube; und nun nahm der Unglückliche dem alten Freunde das Versprechen ab, gleich wie ein Geistlicher das Beichtgeheimniß zu ehren; dann bekannte er ihm seine Schuld und beschwor ihn, den Schichtmeister vor den Fallstricken des wucherischen Goldschmiedes zu warnen. Unmittelbar darauf verschied er. Der Doctor kam nur zur Leiche des durch ihn gemordeten Vaters. Ob er die grause Schuld wohl fühlte? Ob die Schmerzensäußerungen, denen er sich überließ, echt und von tiefem Grunde waren? Der weitere Verlauf dieser Geschichte wird es lehren.

V.

Für jetzt hatte der erschütternde Todesfall wenigstens den Einfluß auf das Gemüth des Doctors, daß er den Anschlag gegen Ferdinand nicht weiter verfolgte, sondern nach der Beerdigung seines Vaters seine so lange aufgeschobene Reise antrat. Der Trauerfall hatte auch bei den Bewohnern des Vater Abraham alles Andere so weit in den Hintergrund gedrängt, daß bis dahin der Schichtmeister die ihm von seiner Frau als nothwendig dargestellte und geforderte Ablohnung Ferdinands auszusprechen vergessen hatte. Kaum war der Steiger Meier begraben, so erinnerte die Schichtmeisterin ihren Gatten wieder an jene Maßregel. Vergebens stellte er vor, wie unentbehrlich gerade jetzt Ferdinand für die Grube geworden sei, denn der Häuer Meier, der sich zur Vertretung der Steigerstelle dränge, sei dieser Aufgabe nicht gewachsen. Allein die Frau brachte bald wieder durch den Vater den Beamten zum Schweigen. Glücklicherweise war die Verhandlung von Brunhild gehört worden, die auf einen kurzen Besuch da war; und diese vertraute Hedwig den ihrer Liebe drohenden Streich. Hedwig setzte augenblicklich ihren Großvater davon in Kenntniß.

»Was!« schrie der würdige Greis, »den besten Häuer vom Vater Abraham will mein Sohn dem Drachen von Weib opfern? Und gerade jetzt, wo ein Steiger fehlt? Denn der Meier Hilf, der den Steiger spielen möchte, taugt kaum zum Scheidejungen. Wart', da will ich, der Hutmann, auch ein Wort mitreden!« Und er ging hinab, rief seinen Sohn aus dem Zimmer und lud ihn zu einem kleinen Gang in den Wald ein.

»Lieber Sohn,« begann er, als sie im Schatten der Tannen wandelten, »ich habe noch den Auftrag eines Sterbenden an Dich auszurichten. Der arme Steiger Meier hat mir in seinen letzten Augenblicken ein schreckliches Geheimniß anvertraut, das mir zum Theil den Unsegen erklärt, der auf dem Vater Abraham lastet. Ich darf Dir nicht Alles sagen, aber ich soll Dich warnen vor den Fallstricken des wucherischen Goldschmieds. Ich will hinzufügen, daß dieser Goldschmied den unglücklichen Steiger zu einem Verbrechen verführt hat, zu dem er wohl auch Dich verleiten könnte, wenn er Dich so in seine Gewalt bekäme wie ihn.«

»Ich weiß nicht, was mir das soll,« sagte der Schichtmeister empfindlich; »ich bin doch kein Knabe mehr.«

»Höre Deinen Vater an, mein Sohn!« sagte der Greis. »Noch bin ich Hutmann auf dem Vater Abraham und das Haupt meines Stammes; ich habe darauf zu sehen, daß Zucht und Ehre in dem Hause wohne, das mir zur Hut übergeben worden, und in der Familie, die meinen Namen führt. Ich hätte schon eher ein ernstes Wort mit Dir reden sollen, um das Verderben abzuwehren, das dem Vater Abraham und meinem Hause droht. Aber es ist so, man bessert nicht eher einen gefährlichen Pfad, bis ein Nächster darauf den Hals gebrochen. Ich sage Dir, der Hochmuth, der in Deiner Familie eingerissen, führt Dich zum jähen Fall – vielleicht zu einem schlimmeren, als er den Steiger Meier ereilte. Ihr treibt mehr Aufwand, als ihr ehrlicherweise bestreiten könnt.«

»Ach Vater, mische Dich doch nicht in meine eigensten Angelegenheiten!« unterbrach ihn der Sohn, »ich weiß schon, wie weit ich dem Dir allerdings unbehaglichen Sinne meiner Frau für das Feine und Wohlanständige und ihrer Mutterzärtlichkeit nachzugeben habe. Ich hoffe, der Hutmann Frenzel wird die Ehre seines Namens nicht befleckt finden durch die Verbindung seiner Enkelin mit einem Freiherrn von Brunn.«

»Alle Achtung vor dem Freiherrn von Brunn; ist er doch mein hoher Vorgesetzter und gewiß ein vortrefflicher Herr; aber die Ehre eines Namens wird in Wahrheit nur durch Rechtschaffenheit bewahrt. Mein Sohn, das edle Bergwerk ist im Verfall, wodurch? Durch die Schuld der Gewerke und des Bergvolkes, besonders seiner Vorgesetzten. Die sind nicht der wahren, sondern eitler Ehre nachgejagt, und diese Jagd hat die Treue von den Bergen gescheucht und mit der Treue den Segen.«

»Sonst soll es der Unglaube gewesen sein, der die guten Berggeister verscheucht und so das Bergwerk zu Grunde gerichtet habe,« warf der Schichtmeister spottend ein.

»Es hängt Alles zusammen,« sagte der Hutmann, »der Unglaube kommt aus einem hoffärtigen Herzen wie die Ehrsucht, und wo die Demuth wohnt, wohnt auch die Treue; und die guten Geister mögen nicht länger weilen, wo Treue, Glaube und Demuth fliehen; es hängt Alles zusammen.«

»Ich will Dir bessern Bescheid über den Verfall unsers vaterländischen Bergbaues sagen,« fiel der Schichtmeister ein: »unser Erzgebirge ist nicht ärmer an Metallen als sonst, aber der Bau in den großen Teufen ist kostspieliger als sonst bei geringerer Teufe, und dazu ist der Metallwerth so gesunken, daß sich der Abbau manches Erzfeldes nicht mehr lohnt, das bei den alten Metallpreisen für reich und ergiebig gelten würde.«

»Ja, Ihr studirten Herrn habt für Alles eine ganz natürliche Erklärung,« meinte der Alte, »aber ich weiß, was ich weiß, sei es, wie es sei, das kannst Du mir nicht abstreiten, daß die Hoffart die Mutter der Untreue ist, und wo Hoffart und Untreue hausen, da baut keine Schwalbe ihr Nest, da ist Unsegen und Verderben. Darum beschwör' ich Dich, treib' den Hoffartsteufel aus Deinem Hause, eh' er das Ei der Untreue ausbrütet! Fang' gleich damit an, daß Du zu Deinem hoffärtigen Weibe sprichst: Der Ferdinand Bergner bleibt auf dem Vater Abraham, Punktum! Was hast Du gegen den Menschen, daß Du ihn fortschicken willst?«

Der Schichtmeister wußte keine Anklage wider den jungen Häuer vorzubringen, er behauptete blos, der bevorstehenden Familienverbindung mit dem Freiherrn von Brunn das Opfer bringen und einen ihm sonst selbst lieben Menschen dem Hause entfremden zu müssen. Der schwache Mensch glaubte, seinen Erzeuger von der Nothwendigkeit dieser Maßregel ebenso überzeugen zu können, wie er durch seine Frau überzeugt war. Aber er irrte sich.

»Weißt Du, ob dem Obereinfahrer die Halbschwägerschaft mit dem Häuer, hoffentlich bald Steiger Bergner anstößig ist? Hast Du ihn schon darüber gefragt?« Der Schichtmeister mußte verneinen. »Also ist der ganze Vorwand nur ein Hirngespinnst Deiner Frau!« sagte der Greis; »der Obereinfahrer beweist ja schon dadurch, daß er selbst eine arme bürgerliche Schichtmeisterstochter freit, daß er weit über die lächerlichen Standesgrillen hinaus ist, die Ihr ihm zutraut. Ich glaube, er würde es Euch sehr wenig danken, daß Ihr mehr um seine Standesehre besorgt seid als er selbst. Aber so geht es der Hoffart allerwegen: immer macht sie die Rechnung ohne den Wirth. Ich hoffe, der Ferdinand bleibt auf der Grube, und solltest Du ihn vertreiben wollen, so werde ich mich den Weg in die Stadt nicht verdrießen lassen und dem Gewerkenausschuß rathen, der Grube sofort in dem Bergner einen neuen Steiger zu geben. Ich hoffe, daß mein Wort noch etwas gilt bei den Herren, und ich will es geltend machen; denn dem Vater Abraham thut gerade jetzt, wo der Schichtmeister so schwach ist, ein Steiger noth, der die Augen offen hat und die alte Bergmannstreue fest im Herzen!«

»Du wirst mich doch nicht in eine schiefe Stellung zur Gewerkschaft bringen wollen?« sagte der Schichtmeister.

»Gehe nur ein Jeder seinen geraden, rechten Weg, so giebt's keine schiefe Stellung!« versetzte der Alte. »Du weißt nun meine Meinung – thu, was Du willst!« Er wandte sich wieder dem Huthause zu.

Als der Schichtmeister heim kam, hatte er mit seiner Frau eine geheime Berathung, in welcher sie lange auf Ferdinands Entfernung bestand, sich endlich aber doch überzeugen ließ, daß nach der Willenserklärung des Großvaters der gefaßte Beschluß unausführbar war. Sie gab in der Hoffnung nach, bald Mittel zu finden, sich des »gemeinen Menschen« zu entledigen.

Während der wackere Hutmann sich so eifrig seines Schützlings annahm, war auch der Gelbgießer Mickley bemüht, ihm den Steigerposten zuzuwenden. Ehe Ferdinand es sich träumen ließ, wurde er vom Bergamte zur Prüfung geladen. Es waren zwar außer dem Vetter des Doctors noch drei Bewerber um die Stelle da, aber er durfte es mit allen aufnehmen. Er ging als Sieger aus diesem Ehrenkampfe hervor und erhielt schon am folgenden Tage seine Bestallung als Steiger der Fundgrube Vater Abraham. Es versteht sich von selbst, daß ein redlich Liebender, wenn er sich in die Lage gebracht sieht, sein Nestchen zu bauen, damit nicht säumt. So empfing auch Ferdinand nicht so bald seine Bestallung aus der Hand seines Schichtmeisters, als er sich auch ein Herz faßte und um Hedwigs Hand bat. Der Schichtmeister hätte vielleicht im ersten Augenblick sich das Jawort durch den persönlichen Zauber, den der Freier auf ihn übte, entlocken lassen, wäre nicht die Schichtmeisterin eingetreten. Ein Blick auf sie und von ihr reichte hin, den ganzen Zauber wirkungslos zu machen, und der junge Steiger sah sich abgewiesen. Vergebens erklärte Hedwig ihren entschiedenen Willen, niemals von Ferdinand zu lassen, vergebens erhob auch der Großvater seine gewichtige Stimme zu Gunsten der Liebenden; die Schichtmeisterin setzte jetzt ihren Willen durch.

»Na, weißt Du was,« sagte der Greis, als er mit Hedwig allein war, »eigentlich ist es gut, daß es nicht so glatt mit Euch Beiden geht; je steiler der Weg zum Himmel, desto größer die Seligkeit. Ich bin nun siebzig Jahre alt und hab' schon viel widerwillige Eltern gesehen; aber mir ist kein Fall vorgekommen, wo sie durchgedrungen wären, wenn anders die Liebenden das Herz auf dem rechten Flecke hatten. Na, bei Dir ist das der Fall, das weiß ich, und bei dem Ferdinand auch, das mußt Du noch besser wissen als ich. Daß Du noch eine Weile Aschenbrödel hier sein mußt, ist gewiß ein kleineres Unglück für Dich, als wenn Dich Deine Stiefmutter hätschelte und zur Hoffart erzöge!« Und zu Ferdinand sprach er: »Glückauf, Steiger! Du bist nun berufen, scharf nach dem Rechten zu sehen auf dem Vater Abraham. Für Deine Steigerbildung hat der Markscheider gesorgt; aber die Steigerbildung thut's nicht allein, ein echter Steiger braucht auch ein Steigerherz. Nun, ein solches hat Dir Gott verliehen, das halte fest und rein, so wird's wohl um Dich und den Vater Abraham stehen. Wisse, Dein Vorfahrer war auch ein rechter Steiger, aber er ließ sich vom Teufel blenden und entging vielleicht nur durch den schnellen Tod großer Schmach. Aber wenn er selbst auch noch so wegkam, das Bergwerk hat doch den Fluch seines Strauchelns gefühlt – trag' Sorge, Steiger, daß der Fluch wieder hinweggenommen werde; halt' auf Recht und Treue auf dem Vater Abraham! Und wenn Du einmal etwas siehst, was nicht ganz recht ist vor Gott und Menschen, auf welcher Seite es immer sei, drück' nicht etwa Deine Augen zu – aber fahr' auch nicht mit der Hast eines Büttels drein, der ein Dutzend Kinder von seinen Denunciations-Groschen füttern muß! Weißt, es würde weniger Verbrechen in der Welt geben, wenn man das erste Verbrechen unter vier Augen strafte, statt den Verbrecher sogleich der Brandmarkung für's ganze Leben preiszugeben!«

Ferdinand schüttelte dem Greise herzlich die Hand und stieg mit hoffnungsfreudigem Herzen in den Schacht zu seiner ersten Steigerschicht.

VI.

Vier Wochen nach Ferdinands Beförderung erlangte der Obereinfahrer die väterliche Einwilligung in seine Heirath, und nun wurde seine Verlobung öffentlich bekannt gemacht. Schicklicherweise konnte Brunhild nun nicht länger in der Pension bleiben, sondern mußte bis zu ihrer Vermählung im Vaterhause wohnen. Da war jetzt alle Sorge auf Vollendung der bräutlichen Ausstattung und Vorbereitung zu einer würdigen Hochzeitsfeier gerichtet. Mit bangem Herzklopfen sah Hedwig, der jetzt die ganze Hauswirthschaft zufiel, das Herbeischleppen all der kostbaren Gegenstände, welche der eitlen Mutter zur Ausstattung der künftigen Baronin unerläßlich schienen, mit Kopfschütteln und Murren beobachtete der Großvater das Treiben; zumal als der Erbschaftsproceß, auf den seine Schwiegertochter pochte, kein Ende nehmen wollte, und der Schichtmeister selbst anfing, eine sehr besorgte Miene zu zeigen.

Da jetzt der Obereinfahrer öfters auf dem Vater Abraham einsprach, um seine Braut zu sehen, so wachte die Schichtmeisterin strenger als je darüber, daß Ferdinand sich ihrem Familienkreise fernhielt. Doch fand sich bei ihren häufigen Stadtbesuchen und Brunhild's freundlicher Gesinnung für die Liebenden Gelegenheit genug, sich zu sehen und gegenseitig zu ermuthigen. Ferdinand ging jeden Tag mit frischer Hoffnungsfreudigkeit an sein schweres Tagewerk; er war seinen Untergebenen, von denen nur der bei der Steigerwahl durchgefallene Meier ihm mit Mißmuth gehorchte, ein Vorbild an Fleiß und Pünktlichkeit im Dienst und sah streng auf die Pflichterfüllung jedes Einzelnen. Aber er sorgte auch für die Verbesserung ihrer Lage. Die Anbrüche hielten aus, und ehe drei Monate um waren, erfuhr er durch seinen Gönner Mickley, daß die letzte Erzlieferung von der Schmelz-Administration doppelt so hoch bezahlt worden sei, als jede frühere Lieferung von gleichem Gewicht. Mußte Ferdinand, der keine so auffallende Veredlung des Ganzen wahrgenommen hatte, dies Ergebniß Wunder nehmen, so äußerte er doch nichts hierüber, vielmehr ergriff er diese Gelegenheit sogleich, um für seine Häuer eine Lohnaufbesserung zu beantragen.

»Na,« sagte der Gelbgießer; »ich werde die Sache dem Ausschuß vorlegen. Es ist schön von Ihm, daß Er Seiner armen Kameraden gedenkt und für sich nichts begehrt. Wenn der Vater Abraham so höflich bleibt wie jetzt, so glaub' ich, die Gewerkschaft wird sich billig finden lassen. Ich werde mich gewiß dafür verwenden. Aber jetzt muß ich Ihm was zeigen.« Er holte aus einem Wandschrank eine Erzstufe. »Woher glaubt Er wohl, daß diese Stufe ist?« fragte er.

Ferdinand nahm sie, wog und betrachtete sie genau. »Soll sie aus dem hiesigen Revier sein?« fragte er nach einer Weile. Der Gelbgießer bejahete, und der junge Metallurg begann seine Prüfung von Neuem. Endlich sagte er: »Die Gangart ist ganz die unsrige, und ich glaube nicht, daß im hiesigen Revier noch irgendwo Weißgiltigerz mit gediegenem Silber zugleich so in den Quarz einbricht, wie auf dem Vater Abraham. Ich kenne hier herum wohl jedes Gestein, wo man auf Silber baut, aber nirgends sonst hab' ich dergleichen gesehen, wie dieses ist.«

»Hm!« sagte der Gelbgießer, »ich dachte mir's auch – aber ich traute doch meinen Augen nicht ganz. Nun will ich Ihm auch sagen, wie ich zu der Stufe gekommen bin. Der Goldschmied Reichel hat seinen Lehrjungen mißhandelt, daß er ihm davongelaufen ist. Da er nicht wieder zu ihm und lieber Gelbgießer werden wollte, so bat mich sein Vater, es mit ihm zu versuchen. Nun, es scheint ein anstelliger Junge zu sein; deshalb brauchte ich ihn bei der neuen Einrichtung meines Stufen-Cabinets nach dem Breithaupt'schen System. Da sagte er, er hätte auch ein paar Stufen zu Hause, ob ich sie haben wolle. Nun, ich bin ein Liebhaber von dem Zeug und hieß ihn danach gehen. Da brachte er mir die schöne Silberstufe da, aber nur diese, die andere hatten seine Geschwister verschleppt. »Aber, Junge!« rief ich erstaunt, »wo hast Du die prächtige Stufe her?« Ganz unbefangen gab er zur Antwort, er habe sie beim Kartoffelabkeimen für seine Meisterin im Keller unter den Kartoffeln gefunden, und weil es gerade Weihnachten gewesen, wo bei seinen Eltern das Bergwerk für die Kinder aufgebaut worden, da habe er beide Stufen mit hingenommen und in das Bergwerk gethan. Was sagt Er dazu?«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« sagte Ferdinand, »wie können die Stufen vom Vater Abraham in den Keller des Goldschmieds gekommen sein, der nicht einmal zu den Gewerken gehört?« Bei sich mußte er wohl an die Anspielung des alten Hutmanns auf ein Verbrechen des Steigers Meier denken; aber er wagte nicht, den Gedanken laut werden zu lassen.

Der Gelbgießer sah dem jungen Mann forschend ins Gesicht, doch nicht mißtrauisch, denn dieses Gesicht war ihm ein treuer Spiegel des fleckenlosesten Gemüthes. »Ich will Ihm was sagen, Steiger,« nahm Mickley endlich das Wort, »dem Goldschmied hab' ich nie getraut, er ist ein Wucherer, und wer einmal Wucher treibt, der ist auch zu andern Schlechtigkeiten fähig! Wer nur einmal in seinem Kartoffelkeller nachgraben könnte, der fände vielleicht noch mehr Erz vom Vater Abraham.«

»Wenn er es nicht bei guter Zeit fortgeschafft hat,« fiel Ferdinand ein. »Aber Sie haben Recht, wo die zwei Stufen gelegen, da können auch noch mehr gelegen haben. Nur ist es mir ein Räthsel, wie sie hingekommen.«

»Weiß Er noch, wie ich Ihn vor einem Vierteljahr fragte, wie hoch Er das gelieferte Erz schätze, und wie wenig die Ausbeute Seiner Schätzung entsprach? Junger Freund,« fuhr er seine Hand fassend fort, »wir sind jetzt unter uns, und was wir reden, bleibt unter uns: ist Ihm denn noch nicht der übermäßige Aufwand unseres Schichtmeisters aufgefallen?«

»Seiner Frau, wollen Sie sagen,« versetzte Ferdinand, »denn der Schichtmeister selbst ist ein schlichter Mann, nur leider zu gut gegen seine Frau. Allerdings ist das für einen Schichtmeister eine sehr theure Ehehälfte.«

»Zumal jetzt,« fiel der Gelbgießer ein, »wo sie Schwiegermutter eines Barons wird. Es ist ja übertrieben, was die Frau zusammenkauft – borgt, wollt' ich sagen; aber später oder früher muß es doch einmal bezahlt werden. Wovon aber? he? etwa von dem da?« Er deutete auf die Stufe.

Ferdinand erschrak – »Herr Mickley!« rief er, – »Sie thun unserm Schichtmeister Unrecht.«

»Ich sage nicht, daß er schon auf solche Art gezahlt hat, aber es kann dazu kommen; Schulden und Schuld und Schuft – es ist nur ein Unterschied von wenig Buchstaben, gewöhnlich geht's vom ersten zum letzten.«

»Aber nicht Jeder, der Schulden hat, ist oder wird ein Schuft.«

»Das sag' ich ja nicht, ich habe selbst einen Schuldner, einen Poeten, der hier die Schule besuchte; ein strebsamer, offener Kopf, aber armer Teufel, der hinter dem Webstuhl verkommen wäre, hätte er keine Schulden machen wollen. Nun, er hat als Student und Poet mehr Schulden machen müssen, als ich zu bezahlen haben möchte; aber er ist darum doch eine grundehrliche Haut und wird's auch bleiben, denn bei allem hohen Geist hat er ein demüthiges Herz. Aber wo Schulden eine Frucht der Hoffart und des Uebermuthes sind, da hat der Teufel sein Spiel.«

»Für den Schichtmeister bin ich gut,« sagte Ferdinand warm, »und was die Frau betrifft, so hab' ich helle Augen, und wäre ich auch blind, so würde kein Häuer, kein Hundejunge ihr zu einem Unterschleif behülflich sein, drehte es sich auch nur um eine Bleiglanzstufe wie ein Daumenglied groß.«

»Nun, ich will Ihm glauben,« sagte der Gelbgießer, – »eine sonderbare Sache bleibt es mit der Stufe, – aber es läßt sich vor der Hand nichts damit machen. Ein Glück, daß wir jetzt einen tüchtigen Steiger haben, – der alte, – na, man soll die Todten ruhen lassen. – Seh' Er nur wacker zum Rechten, – es wird Sein Schade nicht sein. Da fällt mir noch etwas ein. Neulich wurde im Ausschuß die Frage aufgeworfen, ob es nicht gut wäre, den alten Schacht wieder einmal zu untersuchen, es könnten die bösen Wetter wohl gewichen sein. Vor Jahren wurde schon einmal ein Gutachten darüber von unserm Schichtmeister verlangt. Der fand den Versuch nur unter der Bedingung möglich, daß wir einen neuen Stollen zur Wetterlosung vom Höllengrund aus treiben ließen. Das war und blieb uns ein zu kostspieliges Unternehmen. Jetzt wollen wir den Schichtmeister geradezu mit der Untersuchung beauftragen, weil wir glauben, bei gehöriger Vorsicht sei die Sache nicht nothwendig lebensgefährlich. Einen gemeinen Bergmann hinabzulassen, wie es vor Zeiten geschehen, das würde wenig nützen. Gesetzt aber, der Schichtmeister lehnte den Auftrag ab, was dem Vater einer so zahlreichen Familie Niemand verdenken könnte, hätte Er wohl den Muth, das Wagstück zu unternehmen?«

»Wenn mir's befohlen wird, – ja!« erklärte Ferdinand fest, »aus bloßem Vorwitz wär' es wohl strafbar, aber bei Erfüllung einer Pflicht giebt man sich in Gottes Hand. Da muß ja jeder Bergmann täglich sein Leben wagen!«

»Er ist ein echtes Bergmannsblut!« rief der Gelbgießer. »Nun weiß Er was, ich hab' mir ein Plänchen erdacht. Wird der alte Schacht wieder gangbar, so müssen wir doch dort neue Bergleute anlegen und mehr als am neuen. Da reicht nun ein Schichtmeister mit einem Grubensteiger und Hutmann nicht aus, und wenn wir schon dem Frenzel die Leitung beider Gruben als Schichtmeister lassen, so brauchen wir doch noch ein paar Grubensteiger für den oberen Schacht und für beide Schächte einen tüchtigen Obersteiger. Und der wird Er und kein Anderer. Dann denk' ich, soll Er auch Sein Mädchen bekommen.«

Ferdinand drückte dem Redner freudig die Hand. »Wenn über mich befohlen wird,« sagte er, »so gehorche ich. Aber den Schichtmeister übergehen Sie nicht! Und wenn er das Wagstück auf sich nimmt, so wollen die Herren Gewerken hübsch an seine Familie denken.«

»Daran soll's nicht fehlen,« sagte Mickley und Ferdinand nahm Abschied.

Ferdinand hatte in der einzigen Buchhandlung des Ortes ein Buch über Naturlehre bestellt und wollte sehen, ob es angekommen sei. Er mußte da an dem Hause des Goldschmieds vorbei und begegnete vor der Thür desselben dem Schichtmeister mit ganz verstörtem Gesicht. Er konnte sich nicht helfen, er trat mit einem Glückauf auf ihn zu und fragte, ob ihm etwas fehle. Der Gefragte starrte ihn an, – nach einer Weile sagte er: »Was soll mir fehlen? Ich suche meine Frau, – hat Er sie gesehen?«

Da Ferdinand verneinte, so ließ ihn der Schichtmeister stehen und eilte in die nächste Seitengasse. Ferdinand sah ihm bedenklich und beklommen nach. Schon seit längerer Zeit war ihm eine zunehmende Abmagerung und Verdüsterung des sonst so vollen und freundlichen Gesichtes seines Vorgesetzten aufgefallen, und er und Hedwig hatten darüber oft ihre Besorgnisse getauscht; aber so verstört war ihm dieses Gesicht nie erschienen. Mit trüben Gedanken ging er in den nahen Buchladen; hier eingetreten, fand er sich dem Obereinfahrer und – dem Doctor Meier gegenüber. Ferdinand bot dem Ersteren seinen bergmännischen Gruß und fragte dann nach seinem Buch. Es war nicht angekommen.

»Wollen Sie das Buch für sich?« fragte der Baron, und als Ferdinand bejahete, sagte er: »Dann können Sie sich die Ausgabe ersparen; vielleicht ist das Buch noch gar nicht verschrieben, oder man macht die Bestellung rückgängig. Ich habe eine sehr gute Physik zum Selbstunterricht, – irre ich nicht, so sind Sie der neue Steiger auf dem Vater Abraham, den ich mit geprüft habe, kommen Sie mit zu mir, ich schenke Ihnen das Buch.«

Ferdinand war ganz überrascht von dieser Güte. Bis jetzt war der Herr nur immer an ihm vorübergegangen, ohne von ihm weiter Notiz zu nehmen, und nun kam er ihm auf einmal mit einem so freundlichen und werthvollen Geschenk entgegen. Hatte vielleicht Brunhild ihre Furcht vor der Mutter und ihre Schüchternheit vor dem vornehmen Bräutigam so weit überwunden, daß sie ihm von Hedwigs Liebe zu Ferdinand geplaudert? Während dieser hierüber nachsann, sagte der Obereinfahrer zu dem Doctor: »Es bleibt dabei, Robert: Du wohnst die wenigen Tage Deines Hierbleibens bei mir. Willst Du jetzt Deine Mutter begrüßen, was nicht mehr als billig ist, so geh' und komm' zurück, wann es Dir beliebt!« Dann ging er mit Ferdinand fort. Düster blickte diesem der Doctor nach und machte sich dann langsam ebenfalls auf den Weg. Auf dem Markte begegnete er der Schichtmeisterin mit ihrer zweiten Tochter. »Ei! da ist ja der Herr Doctor wieder!« rief ihm die Frau entgegen. Nach gewechselter Begrüßung fragte sie: »Wie geht's auf Hallbach? Was machen die gnädigen Herrschaften?«

»O, die sind in dulci jubilo, weil ich den Papa gichtfrei aus Kissingen zurückgebracht habe. Sie senden die herzlichsten Grüße an die Braut ihres lieben Sohnes und ihr ganzes Haus, aber der gnädige Herr will nun auch die künftige Schwiegertochter sehen. Ich komme als außerordentlicher Botschafter, um sie mit ihrer Frau Mama und dem Bräutigam abzuholen!«

»O welche Ehre! die treffliche Herrschaft!« rief die Schichtmeisterin; »Klotilde, da gilt es, schnell etwas Garderobe in Stand zu setzen!« dann stellte sie noch manche Frage eitler Neugier, die der Doctor zur größten Befriedigung beantwortete. »Aber was hab' ich hören müssen?« sagte er darauf, – »der Mensch, – wie heißt er doch! – nun, der früher Ihr Schwiegersohn werden wollte, der ist ja Steiger auf dem Vater Abraham geworden!«

»Das erfahren Sie jetzt erst?« versetzte die Schichtmeisterin, »freilich ist er's geworden, so sehr ich dagegen gekämpft, er hat sich die Gunst der Gewerke erschlichen und schon auf den Tod Ihres Vaters gelauert.«

»Das scheint mir selbst so,« sagte der Doctor, »und nun ist er Ihnen ein Stück näher gerückt; ich meine in Betreff seiner Heirathsabsichten.«

»Das mag er sich einbilden, aber daß er sich täuscht, dafür bin ich da!«

»Er scheint aber ein Fuchs zu sein, hat er doch auch schon den Baron für sich eingenommen. Der hat ihn jetzt freundlich zu sich eingeladen, um ihm ein Buch zu schenken. Wenn der Mensch da nur nicht von seiner Liebschaft plaudert!«

»Das wäre ja gräßlich! Was meinen Sie, da wäre der Baron wohl im Stande, die Verlobung rückgängig zu machen?«

»Das schon nicht,« erwiederte der Doctor lächelnd der erschrockenen Frau, »dazu liebt er die Brunhild zu innig; ja ich glaube, er könnte mit seinem guten Herzen wohl der Fürsprecher des Schleichers werden, aber auch dadurch sein eigenes Glück gefährden. Ich weiß, was es bedurft hat, den alten Herrn für die Verbindung mit einer so anständigen Familie, wie die Ihrige ist, zu gewinnen. Hätte ich nicht meine eigene Angelegenheit vor ihm einstweilen in den Hintergrund treten lassen, so weiß ich nicht, ob Sie so bald Hochzeit halten würden, als es nun der Fall sein wird.«

»O, Sie guter, lieber Herr Doctor!« sagte die Frau, seinen Arm drückend, »wie dankbar müssen wir Ihnen sein! Aber verlassen Sie sich auch darauf, daß wir Ihren Empfehlungen keine Schande machen werden. Lassen Sie nur erst die Hochzeit vorbei sein, dann muß das Frauenzimmer zu fernen Verwandten. Jetzt bei dem Drasch, den wir haben, kann ich sie nicht entbehren.«

Leise flüsterte der Doctor ihr zu: »Lassen Sie das Mädchen lieber da, vielleicht findet sich ein Mittel, den Steiger unschädlich zu machen – wir sprechen weiter darüber – auf Wiedersehen!« Damit trennten sie sich.

Die Schichtmeisterin begab sich jetzt nach der Pension ihrer Kinder, wo sie ihrem Manne das Rendezvous gegeben, das sie aber um eine Stunde versäumt hatte. Er hatte, wie wir gesehen, sie inzwischen gesucht, war aber zuletzt wieder an den verabredeten Ort gegangen und traf, abermals zum Suchen ausgehend, sie unter der Thür.

»Endlich!« rief er, »Du bist aber doch auch gar zu sorglos, Frau!«

»Sorglos? Ich?« rief sie erstaunt. – »Nun bitt' ich einen Menschen, zu entscheiden, wer mehr sorgt und schafft in dieser Zeit wie ich!«

»Geh hinauf, Klotilde,« sagte der Schichtmeister, »ich muß mit Deiner Mutter noch einen Weg gehen.«

Klotilde gehorchte, und der Schichtmeister nahm den Arm seiner Frau, blieb aber in der Hausflur stehen und sagte: »Weißt Du auch, daß wir verloren sind? Morgen ist der Wechsel fällig, und die Post ist wieder angekommen, ohne eine Entscheidung Deiner Angelegenheit, geschweige gar Geld zu bringen!«

»Nun, der Goldschmied wird wohl prolongiren,« sagte sie.

»Nicht eine Stunde. – Ich war bei ihm, bat ihn, fiel ihm bald zu Füßen, – umsonst: er erklärte, er könne nicht anders, er habe in jüngster Zeit solche Ohrfeigen von unsicheren Schuldnern bekommen, daß er nicht mehr schonen könne. Wenn der Wechsel morgen nicht gedeckt wäre, müsse er nach Wechselrecht verfahren.«

»Um des Himmels willen!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend; »was wird da aus meinen Kindern? was aus Brunhild? Dich setzen lassen, – Herr des Himmels! das wäre ja ein Schlag, der alle Hoffnungen vernichtete! Komm, Mann! ich will selbst mit zum Goldschmied gehen, – er muß noch warten, ich will ihm meine Erbschaft verpfänden, – komm!«

Sie gingen zu dem Wucherer. Er empfing sie mit triumphirender Miene und führte sie in sein Zimmer. »Ist vielleicht die Erbschaft angelangt?« sagte er, »das wäre mir höchst erwünscht.«

Die Schichtmeisterin berichtigte seinen vermeintlichen Irrthum und brachte ihren Vorschlag an.

»Es thut mir leid, verehrte Frau,« entgegnete der Goldschmied, »darauf kann ich mich nicht einlassen. Ich bin schon zu sehr geprellt worden, – verzeihen Sie, – aber in Geldsachen keine Freundschaft! – bis morgen Abend um fünf hab' ich mein Geld, oder der Herr Schichtmeister sitzt im Stockhaus. Ich kann's nicht ändern.«

»Aber Mann! Sie werden doch kein solcher Tyrann sein?« rief die Schichtmeisterin. – »Sie werden uns doch nicht unglücklich machen wollen? Denken Sie doch an meine Kinder, meine armen, unschuldigen Kinder, – meine Brunhild, die dieser Schlag auf der Stelle tödtete!«

»Die Kinder, – hm, – die Kinder,« sagte der Wucherer im Tone des Mitleidens, – »um ihretwillen könnte man schon ein Uebriges thun.« –

»O Sie Guter!« rief die Frau, dem Manne fast um den Hals fallend, und der Schichtmeister sagte: »Ja, Herr Reichel, um meiner Kinder willen lassen Sie Billigkeit walten. – Nur noch kurze Zeit Geduld, und Sie sollen mit gutem Zins bezahlt werden.«

»Die Zeiten sind schlecht, sehr schlecht,« sagte der Wucherer, eine Thräne im Auge, – »aber Ihre Fräulein Tochter ist ein herrliches Geschöpf, – ja, die Natur hat sie sichtlich zu etwas Hohem bestimmt; es wäre jammerschade, wenn sie an der Schwelle ihres Glückes ins tiefste Elend geschleudert würde.« –

Die Schichtmeisterin schluchzte laut auf, dem Schichtmeister blutete das Herz.

»Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr der Goldschmied fort, »borgen kann ich nicht länger, aber aus Erbarmen mit Ihrer lieben Fräulein Tochter will ich – könnte ich – nun, man ist auch ein Mensch – ich könnte – für Sie freilich ist es ein Leichtes, ich riskire doppelt und dreifach dabei, aber was thut man nicht aus christlicher Liebe! – ich könnte mich allenfalls zur Annahme von Waare an Zahlungsstatt verstehen.«

»Waare?« rief die Frau; »was für Waare sollen wir Ihnen denn bringen? Ich habe unbeschränkten Credit bei den Schnitt- und Modehändlern.«

»Sie verstehen mich nicht,« sagte der Goldschmied lächelnd, »ich kann doch keinen Schnittladen etabliren! Ich meine: der Herr Schichtmeister soll mir von seiner Waare liefern.«

»Von meiner Waare?« rief der Schichtmeister zusammenfahrend, »was hab' ich denn für Waare?«

»Ich glaube, die Frau Schichtmeisterin versteht mich nun, ich kann mich nur auf Waare einlassen, die in mein Fach schlägt, denken Sie, ich wäre der Schuster und Sie der Gerber, liefern Sie dem Schuster Leder!«

Der Schichtmeister sah starr zur Erde. Der Wucherer wechselte mit der Frau einen Blick der Verständigung.

»Ich sehe, Sie sind unentschlossen,« sagte er dann zu dem Schichtmeister, »und Unentschlossenheit steckt an, ich finde doch, es sei gut, daß ich mir die Sache selbst erst noch überlege. Was Ihnen bedenklich scheint, muß es mir doppelt sein. Gut! ich will aus warmem Antheil an Ihrem Familienglück den Wechsel um acht Tage prolongiren, bis dahin wollen wir uns den Handel überlegen, aber ich schwöre, daß ich länger keinen Augenblick warten kann.«

Wie Verhungernde ein Brodkrümchen, ergriffen die beiden Gatten die dargebotene Frist. Sie schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß inzwischen der Erbschaftsstreit sich entscheiden und sie in den Besitz der nöthigen Zahlungsmittel bringen müsse. So gingen sie heim.

VII.

Der Schichtmeister und seine Frau sollten sich sehr bald enttäuscht sehen. Am folgenden Morgen brachte der Postbote ein Schreiben von ihrem Sachwalter aus der Kreisstadt, dem das appellationsgerichtliche Erkenntniß in ihrer Sache beilag, und dieses Erkenntniß sprach der Gegenpartei die Erbschaft ungetheilt zu. Das war ein fürchterlicher Schlag. Zwar vertröstete der Sachwalter auf das drittinstanzliche Urtheil, welches gewiß das erste Erkenntniß wieder herstellen würde, – aber welche weit hinausgeschobene Aussicht war das, wie nutzlos für die Gefahr, in der man schwebte!

Brunhild, welcher aus den aufgeregten und verstörten Mienen ihrer Eltern eine Ahnung von dem Inhalte der Hiobspost aufging, nahm die Mutter auf die Seite und erbot sich, all' ihren Schmuck, selbst den bezahlten, zurückzugeben; die Mutter und Schwester sollten das Gleiche thun, um den Goldschmied zu befriedigen.

»Wo denkst Du hin, Kind?!« rief die Frau; »in einigen Tagen sollen wir zu Deinem Schwiegervater reisen, sollen uns dem freiherrlichen Hause präsentiren! Wie können wir so ärmlich auftreten, nachdem uns die gnädige Frau so geschmückt gesehen! Da müßte sie ja denken, wir hätten die Sachen blos geborgt gehabt. Nein, das geht nicht! Nur nicht ängstlich, meine Tochter! Es wird sich Alles machen. Der Goldschmied wird befriedigt, kümmere Dich um nichts!« Und sie ging zu ihrem Gatten, der bei ihrem Eintritte schnell ein paar Terzerole im Pulte verbarg. Sie bat ihn, mit in den Wald zu gehen, und er folgte ihr.

»Noth kennt kein Gebot!« begann sie unter den Bäumen, nachdem sie sich sorgfältig umgesehen. »Wir müssen uns in das Unvermeidliche schicken; – einmal ist nicht immer, – und den kargen Gewerken, die ihrem Schichtmeister längst hätten eine Gehaltzulage geben können, da der Vater Abraham so höflich geworden, geschieht nur Recht, wenn wir uns selber helfen.«

»Weib!« rief der Schichtmeister, – »wo denkst Du hin? Es hieße ja ewige Schande über uns Alle bringen, wenn ich solche Untreue verübte. Nein, lieber geh' ich ins Gefängniß, oder –«

»Und zerstörst das Glück Deiner Tochter, ja aller Deiner Kinder! Ich fürchte nicht, daß Du solch ein Rabenvater sein wirst. Brunhilds schönes Herz bräche auf der Stelle, zerrisse ihr Bund mit Alexis, – denn die Tochter eines Schuldgefangenen kann nicht mehr hoffen, Baronin von Brunn genannt zu werden.«

»O Gott! mein Gott! welche Qual!« klagte der Mann; »ich sehe keine Möglichkeit der Rettung. Ich bin gestern bei Pontius und Pilatus gewesen, um Geld zu erborgen, – verlorne Mühe! Alles zog sich hinter Ausflüchte zurück. Es steht schrecklich, schrecklich mit uns!«

»Nicht so schrecklich, als es Dir die Muthlosigkeit vorspiegelt,« versetzte die Frau, »Du wärest nicht der Erste, der sich auf die Art rettete, wie ich meine – ein paar Centner Erz sind bald auf die Seite geschafft.«

»Aber, Weib! wenn es herauskäme.«

»Ja, dafür muß man sorgen, daß es nicht herauskommt.«

»Wie wäre das möglich? Ja, wenn der alte gute Steiger Meier – –« er konnte nicht vollenden; ihm fiel die Warnung seines Vaters ein, und ein Schauer durchrieselte ihn.

»Du meinst, wenn der noch lebte, ließe sich eher etwas wagen, als unter den Späheraugen des neuen Steigers? Wolltest Du nicht so sagen?«

Der Schichtmeister seufzte tief auf. – »Bertha! brechen wir ab von dem Capitel!«

»Nein, Schatz! wir müssen ins Reine kommen, was geschehen soll. Geschehen muß etwas; wir sind es unsern Kindern schuldig, daß wir handeln. Es ist mein einziger Stolz, meine Kinder zu Glück und Ehre zu bringen. Es sind Deine Kinder, Fritz! die liebsten, schönsten Kinder der Gegend. Sie dürfen nicht in Dunkelheit und Elend verkommen! Auf, Mann! Vater!«

»Aber der Steiger – der Ferdinand – er hat seine Augen überall.«

»Der Spion! – Aber halt! – ich entsinne mich – wart' einmal, Mann! ich denke, wir werden den Aufpasser los.«

»Wie so?«

»Nun, laß mich nur machen! Ein Freund hat mir gestern etwas zugeflüstert. Ich gehe diesen Nachmittag wieder in die Stadt, um das Nähere zu erforschen.«

»Vater! Mutter!« rief jetzt eine Stimme vom Huthause her. Es war Brunhilds Stimme. Die Gatten folgten dem Rufe und trafen vor dem Hause den Zubußboten, der den Schichtmeister einlud, den Nachmittag um 4 Uhr in der Wohnung des Gelbgießers Mickley zu einer Berathung des Gewerkeausschusses sich einzufinden.

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