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Eine Gemsjagd in Tyrol

5. Das Treiben am Joch.

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Mit dem Riegeln – wie diese Art Treiben genannt wird – ist's jetzt vorbei. Dort drüben pfeift noch einmal eine Gems, die wahrscheinlich den Wind von einem der andern Treiber bekommen. Platz genug hat sie indessen zur Flucht, und bringt sich auch rasch in Sicherheit. Wieder hinauf klettern wir jetzt, von dem schmalen Steinkamm bis hinüber zum Waldeshang, denn hinunter zur erlegten Gemse könnte wohl kaum eins der scheuen Thiere selbst, so schroff und jäh läuft da der Fels hinab. Ragg wird sie schon hinauf zum Sammelplatz schaffen.

Aber auch selbst das Aufklettern geht nicht so rasch, denn bist Du ein einziges Mal durch die Laatschen aufwärts gestiegen, Freund, dann weißt Du auch was das Ding zu sagen hat. Die zähen elastischen Zweige liegen alle nach unten, eine Strecke erst am Boden oder einen Fuß darüber hinlaufend, und dann wieder in die Höhe biegend, daß sie die Büschel an den Spitzen der Zweige gerade und aufrecht tragen. Ein in einander greifen sie dabei, und wenn auch die schlanke Gemse, die nur ihre Krickeln auf den Rücken zu legen hat, leicht hindurch schlüpft, bleibt doch der Jäger mit seiner Büchse über der Schulter, mit dem Bergstock in der Hand, mit Hut und Rock und Riemen alle Augenblick darin hängen, und abzubrechen ist fast gar kein Zweig. – Nur mit dem Messer gehauen oder eingeschnitten, knickt er augenblicklich ab. Noch schlimmer ist es dabei, wo dürre Aeste mit dazwischen liegen; ein Durchkommen wird da fast zur Unmöglichkeit, oder muß Zoll für Zoll erzwungen werden.

Und dennoch ist es, wenn nicht leichter, doch jedenfalls sicherer in den Laatschen auf, als abwärts zu klettern. Die zähen Büsche hängen über alle Abgründe weit hinaus, und wollte man rasch zwischen ihnen niedergleiten, da sich die weichen Zweige dem nach unten Hindurchdrängenden aus dem Wege biegen, wäre man jedem Augenblick der Gefahr ausgesetzt ganz gemüthlich vielleicht in eine fünf- bis sechshundert Fuß tiefe Schlucht hineinzufahren.

Illustration from Eine Gemsjagd in Tyrol

Als ich den Sammelplatz endlich erreichte hatten sich, den kleinen Ragg ausgenommen, der noch mit seinem Gemsbock irgendwo unten im Graben stak, schon sämmtliche Treiber um den Herrn versammelt.

Wie wundervoll die Wildniß um uns liegt. Dort drüben hebt der große Falke sein riesiges Haupt empor, während die gewaltigen Tannen an dem gegenüberliegenden Hang so niedrig aussehn wie kleine zierliche Büsche, und unter uns gähnt eine wilde Schlucht tief in den Graben nieder, der hier scharf und abschüssig viel hundert Fuß wohl jäh hinunter sinkt.

Auf einem Felsenvorsprung aber, der weit über den dunklen Abgrund hinausragt, die Büchse über der Schulter, den Bergstock in der Hand, steht unser Jagdherr, und neben ihm demonstrirend und erzählend der große Ragg, während sich Rainer etwas kleinlaut hinter diesen gedrückt hat.

Die anderen drei Jäger, von denen der eine den vom Herrn erlegten starken Bock im Bergsack trägt, stehen etwas weiter zurück.

»Und Ihr seht jetzt daß ich recht hatte,« sagt dieser; »die drei starken Rudel die von unten kamen, haben alle mit einander gar nicht daran gedacht bis zu mir herauf zu klettern, sondern sind, wie sie das jedesmal thun, seitwärts ausgebrochen. Haben Sie etwas geschossen?«

»Einen Bock« –

»Nun ja, ich auch einen, und die andern Freunde sind gar nicht zum Schuß gekommen, während wenigstens vierzig Gemsen in dem Treiben waren.«

Rainer spricht kein Wort, Ragg hingegen, der ganz ungleich seinem Vetter nie eine Gelegenheit vorüber gehn läßt seine Meinung, lebhaft dabei gesticulirend, zu sagen, will sich auf eine nähere Beschreibung des Treibens einlassen – es ist die Elster unter den Jägern. Diesmal aber wird er unterbrochen, das zweite Treiben rasch besprochen, und fort geht's wieder, die steilen Höhen hinan, ein Treiben an der Nordseite des Jochs, im sogenannten Ochsenthal zu machen, wo nur ein paar gezwungene Wechsel den Gemsen bleiben sich zu retten und die schützenden Dickichte wieder zu erreichen.

Ein wilder rauher Marsch war das jetzt den steilen Hang hinauf, bald in überbiegende Laatschen hinein, bald an steilem Felsgeröll emporklimmend. Einer hinter dem Anderen her, oder seitwärts auch ausbiegend, einen bequemeren Aufweg zu finden. Der Stock nützt dabei gar wenig, und ist oft nur im Weg; die Laatschenzweige sind dagegen treffliche Hülfen und oft, wenn ein lockerer Stein losbröckelt, schützt die rasch ergriffene Laatsche den Steigenden vor einen bald mehr bald weniger gefährlichen Fall. Unverdrossen aber, nur das eine Ziel, die Höhe im Auge, wird jede Schwierigkeit besiegt, und nach drei Viertelstunden schweren Steigens etwa haben wir endlich das ersehnte Joch erreicht.

Bald ist hier Alles besprochen, die Schützen sind vertheilt, die Treiber, die sich auf den kahlen Felsen an bestimmten Punkten nur zu zeigen, und ein paar Steine hinab zu werfen haben, sind abgegangen und Jeder hat sich, so gut das eben auf dem offenen Terrain gehen will, hinter irgend einen Felsblock, einen einzelnen Laatschenbusch, oder eine sonstige Erderhöhung gedrückt.

Da rasselt's da drüben an der Wand, Steine rollen und kleine dunkle Punkte, nicht größer wie Ameisen, springen blitzschnell über die lichten Wände hin.

Mit dem Fernrohr, nach Büchse und Bergstock das wichtigste Instrument für dem Gemsenjäger, suchen die Schützen indessen das Terrain, das sie übersehn können, ab. – Unerwartet kann ihnen überhaupt hier kein Wild kommen, denn der steinige, rauhe Boden verräth es schon aus größere Entfernung. Da drüben ist ein dunkler Punkt an der nämlichen Wand über der der erste Treiber sichtbar wurde – richtig es ist ein alter Bock, der sich hier unter einen Felsvorsprung gestellt hat, nach unten hin aufmerksam die springenden Gemsen betrachtet, nach oben ganz erstaunt hinauf horcht, woher auf einmal all die großen dicken Steine kommen, von denen er freilich, g'rad wo er steht, wenig zu fürchten hat.

Dort und da wird es jetzt lebendig. Ueber den tiefen Thalgrund des weiten Felsenkessels springt das stärkste Rudel grade dort hinauf, wo der fürstliche Jäger, die Büchse im Anschlag, fest hinter einen hohen Stein gedrückt steht. Näher und immer näher kommen sie hinan – der Wind schlägt auf und sie wittern nicht die Gefahr der sie sich nahen. Prachtvoll sieht es dabei aus, wie die dunklen schlanken Thiere an den lichtgrauen Steinwänden hin und aufwärts setzen. Jetzt bleibt die Leitgeis auf einer vorspringenden Zacke mit dicht zusammen geschobenen Schaalen stehn und sichert umher. – Aber nicht lange braucht sie nach der vermutheten Gefahr zu suchen – der Treiber dort oben auf dem nackten Joch schwenkt den Hut nach ihnen hinüber; seine ganze Gestalt zeichnet sich ihnen scharf und rein gegen den blauen Himmel ab, und fort stürmen sie wieder, geschützteren Platz zu erreichen und aus so gefährlicher Nähe zu kommen – die armen Dinger.

Jetzt setzen sie die Schlucht hinauf an dessen oberem Ende der Jagdherr steht – kaum fünfzig Schritt an ihm vorbei springt das Leitthier – hält einen Augenblick auf dem Kamm, sieht den neuen Feind, thut einen scharfen Pfiff und verschwindet an der andern Seite des Jochs. – Und kein Schuß? – noch eine Gems und noch eine folgen ihr und jetzt – eine kleine blaue Wolke steigt hinter dem Felsen auf – jetzt noch eine, und zwei Gemsen sind schon lange zusammengeknickt und von der steilen Höhe niedergerollt, als der dumpfe Knall der Büchse sich erst donnernd an den Wänden bricht, und in das Thal seine Schallwellen niederwälzt. – Wie die übrigen Thiere stutzen und schrecken – aber die Leitgeis ist voraus, der müssen sie folgen, und nach drängt deshalb, trotz dem Schuß, der ganze Trupp, nur einen scheuen Bogen um die gestürzten Kameraden beschreibend.

Wieder steigt in zwei kurzen Stößen der blaue drohende Dampf empor, und wieder taumelt eine Gemse. Wild vorbei stürmen die entsetzten Thiere. Aber noch ist der Donner nicht verhallt als auf's Neue die tödtliche Kugel ihr Opfer sucht.

Sechsmal hat es aus den drei Doppelbüchsen gesprochen und drei Gemsen liegen verendet auf dem Platz und schwer verwundet schleppten sich zwei andere noch über das Joch hinüber, davon eine der Hund nach kurzer Suche in einem Laatschenbusche antrifft und niederreißt. Die andere ward später verendet gefunden.

Die übrigen Rudel brachen zwischen den Treibern durch, und nur der eine alte Bock war halsstarrig in seinem wohlversteckten Platz stehn geblieben, bis die Jäger ihn längst passirt hatten. Dann drehte er sich um und verschwand plötzlich in einer der zahlreichen Spalten, wie in die Wand hinein.

Und nun der fröhliche Heimzug von der Jagd! Rasch sammeln sich die Jäger, guter Dinge daß der mühselige »Trieb« gelungen; brechen das erlegte Wild auf, und werfen es aus, thun sorgfältig das gesammelte Feist wieder hinein, packen die Gemsen in ihre Bergsäcke, und heimwärts geht es jetzt, am Rücken des Jochs auf einem ziemlich guten Pirschweg hin.

Illustration from Eine Gemsjagd in Tyrol

Ihr Tagewerk war aber auch kein leichtes, und wer ihnen zusieht wie sie an den steilen Wänden hinlaufen, oft über Abgründen hängen wo der geringste falsche Tritt sie rettungslos in die Tiefe schickte – denn ein Anklammern wäre da nicht mehr möglich – wie sie jetzt im Schweiß ihres Angesichts durch ein Laatschendickicht arbeiten, jetzt über das Geröll einer Reißen klettern und immer munter, immer vergnügt dabei, der muß die Leute wahrlich bewundern. Und trotz den oft furchtbaren, jedenfalls höchst mühseligen Wegen die sie zu steigen haben, achten sie nicht blos auf ihren schmalen Pfad, nicht blos auf das Wild, das sie dort losgehen sollen, nein ihr Auge späht zugleich, sorglos um die Gefahr die sie umgiebt, nach dem spärlich, und nur an den wildesten rauhsten Stellen wachsenden Edelweiß, nach einer einzelnen, vom Sommer übrig gebliebenen Scabiosa, nach einem tiefblauen Enzian oder einer in dieser Jahreszeit sehr seltenen Alpenrose, mit diesen Blüthen, neben Spielhahnfedern und Gemsbart ihren Hut zu schmücken.

Der Bruch von einer Laatsche an Mütze oder Hut ist heute das Siegeszeichen der gelungenen Jagd, und das Behagen erreicht den höchsten Grad, wenn Abends die erlegten Gemsen am Pirschhaus oder der Almhütte mit den Krickeln oben am Dach eingehakt zur Zierde, als ebensoviel wohlerworbene Trophäen hängen.

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Die Berathung.

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Nach dem Treiben.

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