14. Die Nachsuche.
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Es giebt in unseren Naturgeschichten einige althergebrachte Anekdoten von Menschen und Thieren die einmal »gang und gäbe« sind und die Einer dem Anderen so unbefangen nacherzählt, als ob es sich nur um allgemein anerkannte Thatsachen handelte. So versteht es sich von selbst daß der Löwe ein höchst großmüthiges uneigennütziges Thier sei, der Rinaldo Rinaldini unter den Bestien, der eine bestimmte Aversion gegen den Blick des Menschen habe, und demselben unter keinen Umständen begegnen könne. Bei der Klapperschlange heißt es, daß sie mit ihrem Blick allein Vögel anlocke, banne und – verschlinge. Ein Gemsjäger ferner ist, für die Jugend wenigstens, untrennbar von dem Bilde eines Menschen der, mit einem sehr spitzen Hut, auf einer sehr steilen Eiszinke steht und sich die Fußsohle aufschneidet. Ich selber kann mich auch noch recht gut aus meiner Jugendzeit erinnern, daß ich das Fußaufschneiden als vollkommen identisch mit der Gemsjagd hielt, und so natürlich und einleuchtend, wie das Anziehen von Ueberschuhen bei schmutzigem Wetter fand. Wie hätten sie anders an solchen Eiszacken herumklettern wollen. Kommt man dann aber später in das wirkliche Leben und auf den Schauplatz solcher außerordentlichen Ankündigungen hinaus, so findet man nicht allein bei diesen, sondern auch bei noch vielen anderen, mit großer Entschiedenheit aufgestellten Behauptungen, daß sich irgend ein biederer Gelehrter daheim im warmen Studirzimmer bei einer Pfeife Tabak und mit Hülfe einer unbestimmten Anzahl von Folianten derlei Schlüsse excerpirt und combinirt, und mit großem Selbstvertrauen in die Welt hinausgestreut hat. Natürlich glaubt er das am Ende selber was er geschrieben, und darf das Nämliche nun auch von Anderen verlangen.
Wenn die Klapperschlangen aber nur davon leben sollten was sie mit den Augen fangen, würde es bald keine mehr geben, und wenn sich der Gemsenjäger dadurch forthelfen sollte daß er sich des einzigen Mittels dazu durch einen Riß in die Sohlen beraubte – seiner gesunden Füße – so hätten die Gemsen wahrlich gute Zeit.
Nichtsdestoweniger ist das Steigen in den Bergen doch eine keineswegs so leichte Sache, und wenn der noch nicht recht darin Geübte auch gerade nicht an solche Stellen hinzugehen braucht, die selbst den alten Steigern »schiech« vorkommen, findet er doch Gelegenheit genug zu versuchen ob er schwindlig ist und einen festen Schritt hat.
Die Jagd selber bietet dabei noch nicht das Schlimmste, denn dort kann sich der Schütze und selbst der Treiber doch immer noch den gangbar scheinenden Weg aussuchen und die schlimmsten Stellen vermeiden. Auf der Nachsuche dagegen, um ein angeschossenes Gemsthier, führt dieses selber den Jäger, der ihm auf dem Schweiß folgen muß, und daß sich die kranke Gems nicht die bequemsten Wechsel aussucht läßt sich denken. Die Nachsuche ist jedenfalls der wildeste und gefährlichste Theil der ganzen Gemsenjagd, und eine recht hübsche Probe habe ich wenigstens davon bekommen. Am Heimjoch hatte ich eine Gemse, die flüchtig auf dem Pirschgang vor mir in die Laatschen sprang, angeschossen, und Rainer war ihr schon an dem Abend soweit auf dem Schweiß gefolgt, bis er eben nicht weiter nach konnte. Die Nacht regnete es was vom Himmel herunter wollte, und um das angeschossene Wild nicht zu verlieren, ging ich am nächsten Morgen mit ihm, Wastel und zwei Hunden aus, dort wo er gestern die Spur verlassen, heute »verloren« nachzusuchen.
Da dem Platz, wie Rainer versicherte, von oben nicht gut beizukommen war, versuchten wir es von unten, die Klamm aufwärts, und mit Steigeisen an den Füßen, jetzt an steilen Klüften hinauf, wo wir den Hunden nachhelfen mußten, jetzt durch die nassen Laatschen kriechend, über glattes Gestein und bröckelige Reißen, an Abgründen und Felsspalten hin, erreichten wir endlich die Stelle wo der Jäger vermuthete, daß sie sich eingestellt haben möchte. Wastel war ein Stück zurück geblieben, in ein paar andere Felsspalten hinein zu schauen, ob sie dort nicht vielleicht verendet läge, als plötzlich die Hunde dicht vor mir laut wurden. Und sie hatten Ursach dazu, denn aus den Laatschen heraus, durch die steile Schlucht vor, an deren Wänden wir hingen sprang plötzlich die angeschossene Gems, machte ein paar Sätze und stellte sich dann kaum zehn Schritt von mir entfernt auf eine kleine spitze Felskuppe.
Jetzt kam ein Moment den der Amerikaner sehr treffend mit dem Sprichwort bezeichnet »den Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.« Das Schloß der Büchse hatte ich, die Nässe davon abzuhalten, mit dem Taschentuch umwunden, und an einer Stelle wo ich mich nicht einmal umdrehen konnte, während ich mit dem linken Arm um einen Laatschenzweig hing, war ich nicht im Stande den verwünschten Knoten der nassen Seide aufzubekommen. Lang' hielt sich die Gemse aber auch nicht auf, die Hunde waren ihr zu dicht auf den Fersen, und nur einen halberstaunten, halberschrockenen Blick auf uns werfend sprang sie, von den Hunden verfolgt und augenscheinlich krank den Hang hinunter. Bergmann besonders, der kleine Teckel, warf sich mit wahrer Todesverachtung, und ganz auch seine kurzen krummen Beinchen vergessend, hinter drein. Ein Stück Wegs sah ich ihn auch wirklich auf dem Rücken, die Beinchen in der Luft, hinabrutschen; aber er kam richtig wieder auf die Füße, und es dauerte gar nicht lange so hatten sie unten die kranke Gemse gestellt, die der herbeigeeilte Wastel todt schoß.
Rainer hatte seine innige Freude daß die angeschossene Gems gefunden worden – die Leute setzen einen Stolz darein Alles wobei sie betheiligt sind mit Erfolg gekrönt zu sehn.
»Ich wußte daß wir ihn heut' bekommen würden,« rief er, als der Schuß von unten herauf, und das plötzliche Schweigen der Hunde den Tod der Beute kündete – »wie ich nur den Schweiß gestern observirte wußt' ich es. Was aber der Bursch noch springen konnte. Er setzte mit wahrer Tolleranz die Wand hinunter.«
Außerdem entwickelte er bei dieser Gelegenheit auch noch eine, auf praktische Erfahrung gegründete Theorie der Bergschuh, insofern sie auf Lannen und Felsen verschiedene Eigenschaften besitzen müssen. Er hielt nämlich die Schuh für gefährlich, die außer den Randnägeln auch noch eiserne Nägel in der Mitte hätten. »Auf den steilen Lannen und Grasboden,« sagte er dabei, »schadet das Nichts, da ist Eisen die Hauptsache, aber wenn man auf Steine kommt, dann ist es auch nöthig daß man Leder unter dem Schuh zu fühlen bekommt. Das Eisen rutscht auf den Steinen eher ab, aber das Leder ist mehr »elektrisch« – das hält!«
Die Jagd! Die frohe herrliche Jagd! oh wie viel könnt' ich dem Leser noch davon erzählen, müßt' ich nicht fürchten ihn zuletzt zu ermüden. Es ist ein Unterschied das mit durchzuleben, oder es nur erzählen zu hören, obgleich der, der selber Jäger ist, sich wohl leicht und gern in das herrliche Leben solcher Berglust mit hineindenkt, und selbst der Laie für kurze Zeit Theil daran nimmt. Lieber Gott, die Poesie liegt uns, in der altbackenen Wirklichkeit unseres Daseins, meist so fern, daß man eigentlich froh sein sollte noch einen Platz in gar nicht so weiter Ferne zu wissen, in dem sie in all ihren Reizen prangt und thront. Wenige Herzen sind es ja außerdem, die den Sinn, die das Gemüth und den freien männlichen Muth haben sie dort festzuhalten.
Wie eine Schnur kostbarer Perlen reiht sich da ein Tag an den anderen, keiner dem vorigen ähnlich, alle wieder neue Abenteuer, neue Scenen, neue Erfahrungen bringend, und alle gleich werthvoll, gleich schön in der Erinnerung. Heute ein Treiben in wild zerrissener und zerklüfteter Klamm, während der Sturm durch die Berge heult, und wie Kanonendonner durch die Schluchten saust, die Laatschen wie ein grünes Meer durchwogt und schwere Steine von den Wänden reißt – Morgen ein stiller Pirschgang in früher Morgenstunde über die Joche hin und durch die Gräben nieder, und gerad' Beschwerden und Gefahr genug dem wahren Manne das Herz mit Lust und Wonne bis zum Rand zu füllen.

Auch daß die Jagd nicht alle Tage glückt, verleiht ihr einen weit höheren Reiz, als wenn man eben nur hinauszugehen brauchte das Wild todt zu schießen. Es ist wirkliche Jagd, und hat deshalb auch gar keine Aehnlichkeit mit den Hasenschlächtereien des flachen Landes. Was man erlegt, hat man sich wahrlich sauer und schwer genug verdient. Wenn man dann auch drei oder vier Tage umsonst die schwersten Touren gemacht, bringt der Erfolg des fünften hundertfachen Lohn.
So verfliegt der Tag draußen in den Bergen, daß man oft gar nicht weiß wo er hingekommen, und der Abend am lodernden Kamin vergeht nicht schneller fast. Müde wird der Körper ja überhaupt nicht in dieser reinen Luft, selbst nach Anstrengungen, die im flachen Land den stärksten Mann zum Tod erschöpfen würden. Die Zeit dann zwischen Jagd und Jagd ist deshalb nicht Erholung, sondern wieder nur ein Vergnügen anderer Art. Man hat eben nicht zu jagen aufgehört weil man müde – sondern einfach weil es dunkel wurde, und beginnt frisch, wie am vorigen Morgen, sobald die Sonne sich im Osten zeigt – bis der Schnee kommt.
Der Schnee ist des Gemsjägers Feind, und so erfreulich ein Neues im flachen Lande sein mag, Wild zu bestätigen, und den Wald nach Raubzeug abzuspüren, so derb und mächtig tritt er dort in den Bergen gewöhnlich auf, wenn er erst einmal beginnt.
Oft geschieht es allerdings, daß es oben auf den Jochen in der Nacht einen Fuß Schnee herunterwirft, und um Mittag herum die Sonne, von dem warmen Boden begünstigt, auch das Letzte an der Südseite der Hänge wieder aufgesogen hat. Er liegt dann auch weit lockerer dort wie im flachen Land. Das geht aber ein- oder zweimal so – nachher wird's Ernst, und hat er sich erst einmal ordentlich da festgesetzt, dann ist's auch in den Alpen mit der Jagd vorbei, – wenigstens mit der Treibjagd. Ja selbst der Pirschende wäre gezwungen alle gefährlichen und selbst nur steilen Plätze zu vermeiden, und hätte sich noch außerdem vor Lawinen und Schneestürzen arg zu wahren.
Die Gemsen sollen sich bei heftig eintretendem Schneewetter in den Wald hinunterziehn. Sobald es aber aufgehört hat zu schneien, gehen sie wieder auf die Höhen, und wo die Lawine den Schnee in's Thal hinunter reißt, öffnen sich für sie nicht allein vollkommen sichere, sondern auch treffliche, von der hemmenden Decke freie Aesungsplätze.
Daß Gemsen von Lawinen erfaßt und begraben werden geschieht außerordentlich selten. Die klugen Thiere kennen schon die gefährlichen Plätze wie die gefährlichen Zeiten, und meiden sie sorgfältig. Weit eher wird ein Stück Wild von diesen »Schrecken der Berge« überrascht, wie denn auch das Roth- und besonders das Rehwild, weit eher dem schweren Schnee erliegt.

Das Niedersteigen.