20. Localsagen.
F. (Ferdinand) Löwe translation
a. Warum Reval niemals fertig werden darf.
Jeden Herbst ein Mal steigt in finsterer Mitternacht ein kleines graues Männlein aus dem oberen See, geht den Berg hinunter an das Stadtthor und fragt den Thorwächter: »Ist die Stadt schon fertig oder giebt es dort noch etwas zu bauen?« In großen Städten pflegt es nun so zu sein, daß die Bauarbeit selten feiert, denn wenn auch keine neuen Gebäude aufgeführt werden, so giebt es doch aller Orten an den alten zu bessern und zu flicken und Sonstiges zu thun, so daß kaum eine Zeit eintritt, wo alle Werkleute ruhen. Sollte aber auch einmal alle Arbeit still stehen, so darf man doch das dem Seemännlein nicht verrathen. Deßhalb ist von der Obrigkeit wegen allen Thorwächtern strenger Befehl gegeben, auf die Frage des alten grauen Männleins jedes Mal zu antworten: »Die Stadt ist noch lange nicht fertig, viele Gebäude sind erst zur Hälfte aufgeführt, und es kann noch manches liebe Jahr währen, bis alle Arbeiten zu Stande gekommen sind.« Das fremde alte Männlein schüttelt dann zornig den Kopf, murmelt etwas in den Bart, was der Wächter nicht versteht, dreht sich rasch um und geht zum oberen See zurück, wo sein bleibender Aufenthalt ist. — Sollte ihm auf seine Frage jemals die Antwort gegeben werden, daß es in der fertig gewordenen Stadt nichts mehr zu bauen gebe, so würde Reval zur selbigen Stunde ein Ende nehmen, weil der obere See mit seiner ganzen Wassermasse vom Laaksberge herab in's Thal stürzen und die Stadt, sammt Allem was darinnen ist, ersäufen würde[63].
b. Der Gerbleder-Verkäufer.
»Um Mitternacht der Thorwart fragt: Wer reitet gespenstig durch die Stadt?«
In alter Zeit erblickte man am Laaksberge in mondhellen Nächten oftmals einen gepanzerten Mann auf hohem weißen Rosse, der ein Bündel gegerbten Leders unter dem Arme trug, welches er den Wanderern, auf die er stieß, zum Kauf anbot. Aber Niemand mochte die angebotene Waare kaufen, weil ein widriger Geruch wie von Menschen daran haftete, der die Käufer abschreckte. Eines Nachts kam ein kleiner alter Mann mit einem Ziegenbarte des Weges und fragte: »Was für einen Preis verlangst du für deine Felle, Brüderchen?« Der Gepanzerte erwiderte: »Die Ruhe im Grabe, die mir bis jetzt nicht gegönnt war.« Der Alte forschte weiter, um welcher Schuld willen der stattliche Reiter die Grabesruhe nicht finde und wer ihn zwinge hier allnächtlich umherzureiten. Der Gepanzerte gab zur Antwort: »Ich war zu meiner Zeit ein berühmter Kriegsmann, mit Namen Pontus; ich ließ den im Kriege Gefallenen die Häute abziehen, sie gerben und dann statt thierischer Felle verwenden, so daß in meinem Hause keine anderen Ledersachen zu finden waren als solche, die aus gegerbter Menschenhaut gemacht waren. Die Stiefel die ich anhabe, Wamms und Hosen, die ich unter dem Panzer trage, ebenso der Sattel, die Zügel und alles andere Riemenwerk, was du hier siehst, sind aus gegerbten Menschenhäuten gemacht. Vor meinem Tode blieb noch eine Menge von dem gegerbten Leder übrig, weil ich ja nun keinerlei Ledergeräth mehr brauchen konnte. Als ich an die Pforten jener Welt kam und eben eintreten wollte, rief der Thorwächter: »Halt! dich darf ich nicht eher einlassen, als bis du das noch unverarbeitete Menschenleder verkauft hast und da es dir nicht gestattet ist, bei Tage das Grab zu verlassen, so mußt du dir bei nächtlicher Weile Käufer suchen. Reite drum immer von Mitternacht bis zum Hahnenschrei in der Nähe des Laaksberges[64] umher, bis du Jemanden findest, der dir die gegerbten Häute abnimmt.« Obgleich ich nun schon zwei Generationen hindurch den Leuten meine Waare angeboten habe, so wollte sie doch Niemand kaufen, weil ihr ein widriger Geruch wie von Menschen anhafte.« »Nun« — erwiderte der Alte — »um dieses Fehlers willen werde ich deine Waare nicht verschmähen. Wenn du dafür keinen höheren Preis forderst, als die Erlösung von dem nächtlichen Reiten, so wollen wir den Handel durch Handschlag fest machen. Steige vom Pferde und komm mit mir.« — Pontus freute sich daß er einen Käufer gefunden hatte, nahm sein Bündel und ging mit dem Alten. Aber der Käufer brachte ihn geraden Wegs in die Hölle. Als der Alte an die Schwelle kam, nahm er seine wahre Gestalt an — Hörner am Kopfe und einen Schwanz hinten — stieß den Pontus hinein und rief mit gräulicher Stimme: »Ihr von Pontus geschundenen Männer, tretet her!« Da kamen schaarenweis Männer ohne Haut heran, welche sämmtlich die Hülle für ihr blutiges Fleisch zurückforderten. Der alte Höllenwirth aber sagte zähnefletschend: »Zieht ihm die Haut vom Leibe und reckt sie alle Tage so lange aus bis ihr genug habt, um euer Fleisch und Bein damit zu bedecken.«
c. Das Fräulein von Borkholm[65].
»Welch' hellen Schein hat auf dem Teich Der Wächter Nachts gesehen? Ist Volksgedächtniß wohl so reich, daß wir die Mär' verstehen?«
Von einem wunderbaren Feuerschein, der fast allmitternächtlich auf dem Borkholmer Teiche zu sehen war, wußten die Leute der Umgegend in alter Zeit viel zu erzählen, wie sie es von den Wächtern vernommen hatten. Das Feuerchen schoß wie eine brennende Kerze plötzlich aus dem Wasser in die Höhe und erlosch wieder nach Verlauf einer Stunde. Wiewohl aber dieses Teichfeuer schon von Alters her den Leuten eine bekannte Sache war und viele Menschen dasselbe mit eigenen Augen gesehen hatten, so wußte doch Niemand genauer anzugeben, wie es sich mit der Sache eigentlich verhielt. Endlich fand sich im Kirchspiel Halljal ein Alter, der in dieser Beziehung nähere Auskunft geben konnte. Seine Aussage lautete so: Viele hundert Jahre vor der Russenzeit lebte in dem festen Schlosse Borkholm ein tapferer Ritter, der als lediger Mann die Haushaltung mit seiner jungen Schwester führte. Der Ritter mußte als Kriegsmann häufig abwesend sein, und so kam es, daß die Schwester mit einem jungen Manne eine Freundschaft schloß, die weiter führte als Beide voraussehen mochten. Als das Fräulein ihres Zustandes so weit inne wurde, daß sie einsah, der Frauenhaube nicht mehr entrathen zu können, entschloß sie sich das geschehene Unglück ihrem Bruder zu bekennen. Sie kam eines Tages in seine Kammer, warf sich ihm zu Füßen, gestand ihren Fehltritt, und bat um Erlaubniß sich mit dem jungen Manne trauen zu lassen. Der Bruder stieß sie voller Wuth mit dem Fuße fort wie einen Hund, ließ den Verführer seiner Schwester rufen, hieb ihm mit dem Schwerte den Kopf ab, so daß das Blut das Fräulein bespritzte, welches vor Entsetzen in Ohnmacht fiel. Dann befahl der Ritter, mitten im Teiche ein Loch in's Eis zu hauen, schleppte selber seine Schwester bei den Haaren dahin und stieß sie lebendig kopfüber unter's Eis; er selbst hielt so lange am Rande des Loches Wache, bis das unglückliche Geschöpf rettungslos verloren war.
Da aber das unglückliche Fräulein unbußfertig einen gewaltsamen Tod hatte erleiden und ohne den Segen der Kirche in ihr nasses Grab sinken müssen, so konnte auch ihre Seele darin keine Ruhe finden, sondern der ruhelose Geist mußte allnächtlich als Licht auf dem Teiche schimmern. — Als dem Prediger diese Erzählung des alten Mannes zu Ohren gekommen war, begab er sich eines Tages auf einem Kahne an die Stelle des Teiches, wo der nächtliche Feuerschein aufzusteigen pflegte, segnete die Grabstätte mit den üblichen Worten ein und verrichtete ein langes Gebet, wodurch die Seele des Fräuleins der ewigen Ruhe theilhaftig ward. Späterhin hat keines Menschen Auge mehr auf dem Borkholmer Teiche nächtliches Leuchten gesehn.
d. Der winselnde Fußknöchel.
»Was erregt sein schrilles Schreien, Was erweckt die Klagelaute?« Kalewipoeg (Einl. 131 u. 132)
Wenn man aus dem Jõmper'schen Dorfe Aruküla nach der St. Kathrinenkirche[66] geht, so führt der Weg durch eine Schlucht, wo vormals, wie sich alte Leute noch deutlich erinnern, bei nächtlicher Weile oftmals ein Winseln gehört wurde, welches wie die Klage eines gequälten Geschöpfes klang. Mancher Vorübergehende hatte auch in mondheller Nacht einen kreiselförmig sich drehenden Gegenstand wahrgenommen, von dem das Gewinsel etwa herrühren konnte. Bei Tage fand sich am Orte nichts weiter als ein menschlicher Fußknöchel, der unbeweglich da stand. Niemand wußte mit Bestimmtheit zu sagen, ob der Fußknöchel mit dem nächtlichen Winseln und Drehen etwas gemein habe oder nicht. Nun hatte aber ein beherzter junger Mann aus dem Dorfe Aruküla keine Ruhe, bis er Klarheit in die Sache brächte. Er war schon einige Male stehen geblieben, wenn die Andern erschreckt davon eilten, und da hatte er gesehen, daß allerdings die Drehung des Fußknöchels das Gewinsel hervorbrachte, weshalb er im Stillen den Vorsatz faßte, der Sache völlig auf den Grund zu kommen.
In einer mondhellen Nacht machte er sich zur Schlucht auf, hörte schon von weitem das Gewinsel und sah, als er näher kam, die wunderliche Drehung des Fußknöchels. Er beobachtete eine Zeitlang den närrischen Wirbeltanz und überzeugte sich, daß das Winseln tatsächlich von der schnellen Umdrehung herrührte. Da sprang er hinzu und packte mit beiden Händen den Knöchel, der darin noch zappelte, als wollte er dem dreisten Manne mit aller Gewalt entschlüpfen. Aber des starken Mannes Lederhandschuhe, in denen eiserne Finger steckten, ließen den eingefangenen Gegenstand nicht so leicht wieder los. Allmählich hörte das Zappeln des Knöchels auf und plötzlich stand ein fremder Mann, wie vom Himmel gefallen, vor unserm Freunde. Der Fremde sprach: »Habe tausend Dank für diese Wohlthat, daß du kamst mich von der langen Pein zu erlösen, in welcher meine arme Seele bis heute keine Ruhe finden konnte. Wohl kamen Leute genug vorbei, aber keiner hatte den Muth den tanzenden Knochen in die Hand zu nehmen, wie du gethan hast, wackerer Mann. Besorge nun weiter Alles was ich dir angeben werde, damit meine müde Seele einmal zur Ruhe komme, dann sollst du einen fürstlichen Lohn für deine Mühe erhalten. Morgen früh, wenn die Morgenröthe heraufsteigt, grabe da wo wir jetzt stehen, ein Grab von sieben Fuß Tiefe und sechs Fuß Länge, lege den Knochen auf den Grund desselben an das östliche Ende und dann geh' und bitte den Prediger her, daß er mit Gebet und den bei Bestattungen üblichen Segenssprüchen diesen Knochen begrabe, so werde ich aus meiner Pein erlöst und finde die ewige Ruhe. Ich war zu meiner Zeit ein reicher und großer König in Schwedenland. Uebermuth trieb mich an, dieses Land mit Krieg zu überziehen, wo sehr viel unschuldiges Blut meinetwegen vergossen wurde; deßhalb mußte ich zur Strafe meiner Sünden im Schlachtgewühl an dieser Stelle ein unglückliches Ende finden. Der größte Theil des Heeres fiel an diesem Tage mit mir, was verschont blieb, ergriff die Flucht, so daß Niemand Zeit behielt, sich um die Todten zu kümmern. Die Feinde plünderten mich kapp und kahl und ließen mich nackt liegen wie einen Hund. Darnach fraßen wilde Thiere meinen Leichnam, so daß nichts übrig blieb als bloß dieser Fußknöchel, der hier zum Winseln festgebannt wurde, bis sich Jemand über ihn erbarmen würde, so daß dann der Knochen eine Grabstätte und meine Seele Erlösung von der Sündenqual fände. Wenn der Fußknöchel nun so wie es sich gebührt bestattet und eingesegnet ist, und der Prediger drei Schaufeln Erde auf denselben geworfen hat, so schütte das Grab noch nicht mit Erde zu, sondern warte bis der Prediger nach Hause gegangen ist. Dann höhle den östlichen Rand des Grabes noch einen halben Fuß tiefer aus, so findest du den Lohn für deine Mühe. Von dem vorgefundenen Gelde bezahle dem Prediger 25 Thaler für die Beerdigung, funfzig Thaler laß unter die Kirchenarmen vertheilen, und was dann noch übrig bleibt ist Alles dein, und du kannst damit machen was du willst.« Mit diesen Worten war der Fremde eben so wunderbar verschwunden, wie er gekommen war.
Unser Freund steckte einen Pflock in den Boden um die Stelle zu bezeichnen, wo er das Grab graben sollte, ging dann nach Haus um eine Schaufel zu holen und war mit Anbruch der Morgenröthe schon an der Arbeit. Der Fußknöchel lag neben dem Pflocke wie er hingelegt worden war, ohne sich zu rühren. Um Mittag war das Grab fertig geworden, der Mann legte den Fußknöchel hinein und ging dann um den Prediger herzubitten, dem er sein nächtliches Erlebniß von Anfang bis zu Ende erzählte; doch ließ er nichts von dem Lohn für das Begräbniß verlauten, weil er ja selbst noch nicht wußte, ob er etwas finden würde, und nicht mit leeren Versprechungen zum Lügner werden wollte. Der Prediger wunderte sich wohl gar sehr über das, was er von dem Manne hörte, doch sträubte er sich weiter nicht, sondern ging mit ihm, um den ruhelosen Menschenknochen nach christlicher Weise zu begraben. Als der Prediger nach ertheiltem Segensspruch sich entfernt hatte, grub der Mann laut Vorschrift das Grab um einen halben Fuß tiefer aus, da stieß er auf einen großen kupfernen Deckel. Als er den Deckel aufbrach, fand er einen vier Zuber großen kupfernen Kessel, der bis an den Rand mit schwedischen Thalern angefüllt war. Er versuchte den Kessel mittels einer Stange hinaufzuheben, es war aber ganz unmöglich: drum stand er von der vergeblichen Arbeit ab, zog seinen Rock aus, breitete ihn auf den Boden, und that Mal auf Mal soviel Geld darauf, als er auf dem Rücken davontragen konnte. Die fortgebrachten Geldhaufen schüttete er etwas weiter ab unter's Gebüsch, bis der Kessel gänzlich geleert war; auf dem Grunde hatte er noch fast ein halbes Külimit an purem Golde gefunden. Den leeren Kessel ließ er an Ort und Stelle, füllte das Grab mit Erde auf, glättete die Oberfläche und ging dann um aus dem Dorfe ein Pferd zur Fortbringung des Schatzes zu holen. Das Pferd hatte aber zweimal schwer zu ziehen, um alles Geld fortzubringen. Jetzt zahlte der glückliche Finder dem Prediger den Begräbnißlohn und händigte ihm auch funfzig Thaler ein mit der Bitte, sie gleichmäßig unter die Armen des Kirchspiels zu vertheilen. Nach einigen Tagen kaufte er sich zwei starke Pferde und einen mit Eisen beschlagenen Wagen, lud das Geld darauf und zog aus seinem Orte weg. Wohin? Das hat später Niemand vernommen; man meint aber, daß er übers Meer, sei es nach Finnland oder nach Schweden gezogen war, weil die gefundenen Thaler sämmtlich königlich schwedisches Gepräge hatten und dort mehr werth sind als hier zu Lande.
Nach dieser Zeit hat keines Menschen Ohr mehr in der Schlucht das Winseln des Fußknöchels gehört, welches, ehe derselbe begraben wurde, noch mein Großvater, wenn er vorbeiging, manches Mal vernommen hat.
e. Der von der Stelle gerückte See.
»Zeige, Seelein uns'ren Schritten, Deines alten Standes Grenzen.«
Wenn man von dem Städtchen Werro[67] nach Pleskau[68] zu geht, so liegt hinter dem siebenten Werstpfahl links von der Landstraße in einer tiefen engen Schlucht ein kleiner See zwischen Kieshügeln. Eine halbe Werst weiter wenn man hinter der Senkung wieder bergauf kommt, liegt ebenfalls links vom Wege eine kleine runde von Kieshügeln eingefaßte Schlucht, welche an ihrem Nordrande deutlich erkennen lassen, daß Wasserwellen einst hier durchgeflossen sind und die Hügelwand niedergerissen haben. Gegen Südost wächst jetzt am Abhange der Schlucht ein hübsches Birkenwäldchen, und es werden in demselben ein paar kleine Bauerhöfe sichtbar, jenseits welcher am Rande des Waldes vor einigen Jahrzehnten ein Schulhaus aufgeführt worden ist. An den hier beschriebenen Ort führen uns alte Sagenspuren, von denen wir Nachstehendes melden wollen, wie es der Volksmund erzählt.
Vor einigen hundert Jahren lag in der eben bezeichneten Schlucht ein kleiner See mit klarem silberfarbigem Wasser zwischen grünen Ufern; wo jetzt der Birkenwald steht, erhob sich auf der Steile des Ufers ein prächtiger Eichwald, in dessen Schatten ein einzelner schöner Bauerhof lag, dessen Aussehn schon von weitem einen wohlhabenden Wirth verrieth. An Stelle der umliegenden Höfe, welche jetzt zu beiden Seiten der Straße hie und da dem Wanderer sich zeigen, stand in alter Zeit ein ausgedehnter Laubwald. Aber kehren wir jetzt zu dem kleinen See zurück, in dessen Fläche beim Sonnenschein Eichwald und Bauerhof sich spiegeln und dessen Wellen selten gekräuselt sind, weil ihn zwischen seinen hohen Ufern das Spiel von Wind und Wetter wenig berührte. Die Bewohner des Hofes holten täglich aus dem See das nöthige Trink- und Kochwasser und im heißen Sommer erfrischten sie ihre erschlafften Glieder im See. — Der höchste und herrlichste Schatz des Hofes aber war des Wirths einzige Tochter, die wie ein Kleeblümchen[69] mit fünf kräftigen Brüdern zusammen aufwuchs und auf's schönste erblühte, so daß weit und breit kein Mädchen zu finden war, das ihr gleich kam. Ihr frommes unschuldiges Herz glich auch darin einer Blume, daß sie selbst nicht wußte, welche Freude sie durch ihren Liebreiz den Andern, besonders jungen Männern, machte. Freier meldeten sich oft genug und von allen Seiten, aber sie hatte gar kein Verlangen sich so früh das Ehejoch auf den Nacken legen zu lassen. »Zum Heirathen habe ich noch Zeit genug« sprach sie lachend zu ihren Eltern und Brüdern, wenn die Freier nach vergeblicher Werbung wieder davon ritten.
Eines Tages geschah es, daß ein junger Ritter von vornehmer Geburt auf dem Wege von Schloß Kirumpä nach Schloß Neuhausen[70] am Hofe vorbei ritt, und die schöne Jungfrau am Ufer des Sees erblickte. Dieser Anblick weckte in seinem Herzen ein solches Verlangen, daß er fortan Nacht und Tag das Mädchen nicht mehr aus dem Sinne bringen konnte. Als er deßhalb nirgends Ruhe fand, schlug er unter dem Vorwande verschiedener Geschäfte oftmals den Weg zum Bauerhofe ein, wo denn der Wirth und dessen Söhne sich wohl mit ihm unterhielten, das Mädchen ihm aber niemals zu Gesicht kam. Da diese List also nicht anschlug, so nahm der junge Ritter zu einem andern Mittel seine Zuflucht. Er schlich Tage lang heimlich um den See herum, bis er einmal den Augenblick fand, mit der Jungfrau allein zu reden und ihr seines Herzens Wünsche kund zu thun. Obwohl nun die Jungfrau nicht die geringste Liebe für ihn fühlte, so wagte sie doch nicht den ungestümen vornehmen Jüngling rundweg abzuweisen, der, wenn er sich so verschmäht sah, ihren Eltern und Brüdern viel Böses zufügen konnte. Nothgedrungen mußte sie also die Liebeswerbung des Ritters ertragen, wiewohl sie ihm nicht die geringste Annäherung gestattete, welche ihre jungfräuliche Ehre hätte beleidigen können. Als die Eltern und Brüder die Festigkeit des Mädchens sahen, hatten sie auch nichts mehr dagegen, daß der vornehme Fremde fast täglich auf ihren Hof kam; er hoffte wohl doch noch einen Augenblick zu erhaschen, wo er das Mädchen in seine Liebesnetze verstricken könnte. Auf des Ritters Flehen gab die Jungfrau stets die Antwort: »Geehrter Herr! zu eurer Gemahlin taugt meines Gleichen nicht, denn ihr seid ein hochstehender Deutscher, ich nur eine geringe Bauerntochter, und euer Kebsweib zu werden habe ich nicht die mindeste Lust. Es wäre darum nach meinem Dafürhalten das Beste, daß ihr mich vergässet und zu euren Standesgenossen zurückkehrtet.«
Eines Tages saßen sie wieder beisammen am Ufer unter einer mächtigen Eiche, als der Ritter ihr das alte Lied von seiner heißen Liebe wieder in die Ohren sang und versicherte, er würde, wenn es möglich wäre, lieber zehn Mal sein Leben hingeben als sich vom Liebchen trennen. Das Mädchen flehte dagegen: »Spottet meiner nicht länger! ich darf und will euren Betheuerungen nicht glauben; es ist eine Laune, die euch angeflogen ist und ebenso wieder verfliegen wird. Mit euch Freundschaft zu halten widerstrebt meiner Seele. Ihr könnt nimmer Macht über mich gewinnen, denn ich kann euch der Wahrheit gemäß sagen, eher lasse ich mir das Leben nehmen, als meine Ehre beschimpfen. Zwischen uns darf nicht länger Freundschaft sein.« Der Ritter erwiderte: »So gewiß wie dieser klare See vor uns seinen Platz nicht verlieren oder von hier an eine andere Stelle rücken kann, — eben so gewiß soll meine Liebe zu dir ewig unveränderlich bleiben.« —
Auf diese Weise hatte er noch bis in den Abend hinein das Mädchen an sich zu ziehen gesucht, bis er endlich unmuthig nach Hause ging, erzürnt über sich selbst und das Mädchen, daß die Sache nicht besser abgelaufen war.
Nicht gering war am andern Morgen der Schrecken und das Erstaunen auf dem Bauerhofe, als die Leute beim Aufstehen vor die Thür tretend den See nicht mehr vorfanden, sondern an Stelle desselben nur Schlamm und Schmutz auf feuchtem Sandgrund. Das Mädchen hob, der gestrigen Betheuerung des jungen Mannes gedenkend, die Augen gen Himmel, da der alte Vater (der Himmelsvater) ihr ein so deutliches Zeichen gegeben. Der Ritter aber wagte seitdem nicht mehr seinen Fuß auf den Seehof zu setzen, wo die Macht des Himmels seine Betheuerungen so zu Schanden gemacht hatte.
f. Die Kaufmannstochter von Narva.
In der Stadt Narva war vor Zeiten großer Reichthum, und derselbe wurde durch den Handel mit der Kunglainsel[71] und mit andern Ländern jenseits des Meeres von Jahr zu Jahr größer. Man erzählt, daß jeden Sommer Hunderte von fremden Kauffahrern aus allen Gegenden in den Hafen von Narva einliefen, um ausländische Waaren zu bringen und dafür die Erzeugnisse unseres Landes zu holen. Von Narva aus nahmen die Waaren dann eine doppelte Richtung: ein Theil wurde nach Dorpat verführt, der andere, größere über Pleskau nach Rußland; deshalb mußten die Fahrzeuge der narvaschen Kaufleute im Sommer ununterbrochen auf dem Flusse und auf dem Peipus schiffen, während im Winter die Frachtfuhren über's Eis zogen.
Zu der Zeit, wovon die Rede ist, besaß ein Kaufmann in Narva ein so bedeutendes Vermögen, daß die großen Kellergewölbe unter seinem Hause von der Diele bis zur Decke mit Tonnen Goldes und Silbers angefüllt waren. Aber Gott hatte dem reichen Manne nur eine einzige Tochter gegeben, die all das Geld nach ihrer Eltern Tode erben sollte. Es läßt sich leicht denken, daß es ihr an Freiern nicht fehlte, weil reiche Mädchen damals ebenso hoch im Preise standen und ebenso gesucht waren wie heutzutage. Die Bewerber um die Hand der reichen Kaufmannstochter strömten aus allen Landen herbei, darunter auch Söhne vornehmer Leute, aber keines Einzigen Branntwein[72] wurde angenommen. Wie es nicht selten geschieht, daß in Heirathsangelegenheiten reiche wie arme Mädchen ganz anders denken und ganz andere Wünsche hegen als ihre Eltern, so war's auch hier der Fall. Während die Eltern einen reichen oder doch einen vornehmen Schwiegersohn wollten, hatte sich ihr Töchterchen in der Stille einen Liebsten erwählt, der weder einen großen Namen noch Reichthümer noch sonst Etwas besaß, was ihn über die Andern hätte erheben können: gleichwohl liebte ihn das reiche Mädchen von ganzem Herzen und war fest entschlossen, entweder dieses Jünglings Gattin zu werden, oder als alte Jungfer hinter ihren Geldkisten zu verwelken. Zwar wußte sie so gut wie ihr Geliebter, daß die reichen Eltern einem so lumpigen Freier ihr einziges Kind nicht geben würden; allein die Liebenden hofften zuversichtlich, daß irgend ein unvorhergesehener Glücksfall ihnen zu Hülfe kommen werde.
Da segelte eines Tages ein stolzer junger Schwedenkönig in den Hafen von Narva ein, stieg aus dem Schiffe und begab sich geradeswegs in die Wohnung des reichen Kaufmanns — wie die Leute meinten, um Geld zu borgen. Aber nach einigen Stunden war es in der ganzen Stadt bekannt, daß der junge König des reichen Kaufmanns Schwiegersohn werden sollte. Der hochgeborne stolze Freier war von den Eltern sogleich mit solcher Freude empfangen worden, daß es ihnen gar nicht eingefallen war, vor Annahme seines Branntweins erst ihre Tochter zu fragen, ob sie diesen Bräutigam auch wolle. Das Sträuben und Weinen der Tochter wurde als kindische Thorheit verlacht, und ohne darauf Rücksicht zu nehmen, verlobten die Eltern ihr Kind dem Könige; die Hochzeit sollte binnen einer Woche gefeiert werden.
Einige Tage vor der Hochzeit hatte des Königs Braut noch einmal eine heimliche Zusammenkunft mit ihrem früheren Geliebten, dem sie einen kostbaren goldenen Ring zum ewigen Andenken schenkte und zugleich betheuerte, wenn kein anderer Retter käme, so sollte der Tod sie von dem Schwedenkönige befreien. Drohungen dieser Art hatte sie schon zuvor ihren Eltern gegenüber wiederholt verlauten lassen, aber man glaubte nicht daran und machte sich nicht das Geringste daraus.
Die Hochzeit wurde festlich begangen, aber in das Herz der jungen neuvermählten Frau drang keine Freude, vielmehr war sie anzusehen wie eine Blume, die im Sonnenbrande verdorrt. Als nun der König gleich nach der Hochzeit zu Schiffe gehen und mit seiner Gemahlin nach der Heimath segeln wollte, fiel die junge Frau einmal über das andere in Ohnmacht, also daß sie halbtodt auf's Schiff getragen wurde. Am andern Tage, als das Schiff schon auf hoher See schwamm, legte die junge Frau dieselben Festkleider an, in denen sie getraut worden war, und verlangte auf's Verdeck, um frische Luft zu schöpfen. Der König führte sie selbst die Treppe hinauf; oben ging sie einige Mal auf und nieder und stürzte sich alsdann plötzlich, ehe Jemand es hindern konnte, über Bord.
Wohl empfanden die Eltern bitteren Schmerz, als sie die Nachricht von dem unglücklichen Ende ihrer Tochter erhielten, aber was konnte das jetzt helfen? Den Todten kann all' unsere Reue nicht wieder in's Leben zurückrufen.
Man erzählt, daß noch gegenwärtig, wenn der Wind von Schweden her kommt und die Wogen peitscht, mitten im Brausen des Sturms ein feines Ohr das Klagen und Weinen der jungen Königsfrau vernehmen kann.
g. Wo Narva's früherer Reichthum liegt.
In den Tagen, als Narva noch eine reiche Stadt war, zog einst von Rußland oder von Polen her der grimmige Feind mit großer Heeresmacht heran, um die Stadt einzunehmen und auszuplündern. Zum Glück erhielten die Bewohner einige Tage vorher durch ihre Spione Nachricht, so daß sie noch Zeit hatten, den größten Theil ihres Goldes und Silbers zusammenzuraffen und in der Mündung des Flusses unweit der See zu versenken. Darauf wurden die Thore geschlossen und die Schanzen besetzt. Mit Proviant war die Stadt so reichlich versehen, daß eine Hungersnoth nicht zu besorgen stand; die festen Mauern und Werke rings um die Stadt, der tiefe, breite Fluß einerseits und die mit Wasser gefüllten Wallgräben andrerseits wehrten den Feind ab, so daß er nicht eindringen konnte. Er belagerte die Stadt bis zum Herbst, mußte aber dann unverrichteter Sache abziehen. Nach dem Abzuge des Feindes hatten die Bürger der Stadt nichts Eiligeres zu thun, als an die Mündung des Flusses zu gehen, um ihren Schatz aus seinem Versteck heraufzuholen. Unglücklicher Weise aber hatten sie ihn zu nahe am Meere auf den Grund des Flusses gesenkt; die heftigen Stürme hatten oftmals die Tiefe aufgewühlt und die Geldfässer gegen einander geschüttelt und zerbrochen, der vom Meere ausgeworfene Sand aber hatte später Alles bedeckt und festgelegt, so daß man nur wenig von dem versenkten Gelde wieder erlangte. Der größte Theil dieses Schatzes der Vorzeit ruht bis zum heutigen Tage auf dem Grunde des Flusses und des Meeres, und Niemand weiß, welchem Glückskinde er einmal in die Hände fallen wird.
Vor Zeiten ging einmal an einem freundlichen stillen Sommerabend ein frommes Mädchen, sich in einem Bache unweit Waskjalasild zu baden, um die von der Hitze des Tages ermatteten Glieder zu stärken. Der Himmel war klar, die Luft wehte lind und aus dem nahen Erlengebüsch ertönte die Nachtigall. Der Mond stieg am Horizonte auf und blickte liebreich auf des Mädchens Kopfband, ihr hellgelbes Haar und ihre rothen Wangen. Der Jungfrau Herz war unschuldig, keusch und rein wie Quellwasser, das durchsichtig ist bis auf den Grund. Plötzlich fühlte sie in ihrem fröhlichem Herzen ein unbekanntes Sehnen sich regen, so daß sie ihren Blick nicht mehr vom Antlitz des Mondes wegwenden konnte. Weil sie nun so fromm, keusch und unschuldig war, so gewann der Mond sie lieb, und nahm sich vor, ihr die geheime Sehnsucht und das Verlangen ihres Herzens zu stillen. Aber die fromme Maid trug nur den einen Wunsch im Herzen, den sie nicht laut werden zu lassen wagte: aus dieser Welt zu scheiden und am hohen Himmel ewig bei dem Monde zu leben. Der Mond errieth auch die unausgesprochenen Gedanken ihres Herzens.
Die Luft des lieblichen Abends war wiederum mild und still, die Nachtigall flötete im Erlengebüsch durch die Nacht, der Mond schaute in den Grund des Baches von Waskjalasild hinab, aber nicht mehr einsam wie vorher; der Jungfrau liebes Gesichtchen schaute mit ihm in den Bach durch die Wellen hindurch in die Tiefe und blieb von der Zeit an bis auf den heutigen Tag immer neben dem Monde sichtbar. Dort am hohen Firmament zu wohnen hat das Mägdlein jetzt ihre Freude und Genüge und hegt den Wunsch, daß auch andere Mädchen mit ihr dieses Glückes theilhaftig werden könnten. Freundlich blickt deshalb ihr Auge in mondheller Nacht von oben auf die Erde herab und lockt schmeichelnd die staubgeborenen Schwestern zu sich zu Gaste. Da aber nicht eine von ihnen so fromm, keusch und unschuldig ist wie sie, so kann auch keine zu ihr hinauf in den Mond kommen. Das Mondmägdlein wendet drum von Zeit zu Zeit ihre Augen trauernd ab und bedeckt ihr Antlitz mit einem schwarzen Tuche. Gleichwohl giebt sie deswegen die Hoffnung nicht auf, vielmehr hofft sie immer noch, es werde sich künftig einmal unter ihren irdischen Schwestern eine finden, die so fromm, keusch und unschuldig sei, daß der Mond sie zu sich rufen könne, um des glückseligen Lebens theilhaftig zu werden. Darum wendet die Mondjungfrau von Zeit zu Zeit mit wachsender Hoffnung ihre Augen zur Erde nieder, mit freundlichem Lächeln und unverhülltem Antlitz, wie an dem seligen Abend, wo sie zum ersten Male vom hohen Himmel herab in den Bach von Waskjalasild hinunter schaute. Aber auch die besten und verständigsten der staubgeborenen Mädchen sind nicht ohne Fehl, und weichen, ehe man sich's versieht, vom rechten Pfade ab, und keine von ihnen ist so fromm, keusch und unschuldig, daß sie des Mondes Gefährtin werden könnte. Wenn das fromme Mondmädchen dessen inne wird, so bemächtigt sich ihrer der Unmuth von Neuem und sie verhüllt ihr Gesicht abermals mit dem schwarzen Trauertuche.
i. Emmujärw und Wirtsjärw[75] (Muttersee und Pfützensee).
Nachdem Altvaters Güte dem Menschengeschlecht hier zu Lande Wohnsitze bereitet, den Boden gesegnet, daß er ihnen Frucht bringe, die Wälder mit Vögeln und Vierfüßern angefüllt hatte, schuf er auch einen See mit klarem, kaltem und erquickendem Wasser, aus welchem die Menschen sich jederzeit einen stärkenden Trunk holen konnten. Am hohen Ufer des Sees wuchsen grüne Eichen- und Lindenwälder, in deren Schatten die schönsten Blumen blühten, während in den Wipfeln der Bäume Morgens und Abends Vogelsang ertönte, so daß eitel Wonne und Jubel das Menschenherz erfüllen mußte. Solch' ein glückliches Loos hatte Altvater's Wille seinen Kindern bereitet. Aber dies Glück war nicht von langer Dauer, denn die Menschen wurden übermüthig, thaten was ihr böses Herz ihnen eingab und wurden endlich so verderbt, daß Altvater länger kein Wohlgefallen an ihnen haben konnte; die Ohren sausten ihm, da er immerfort von ihrer Bosheit hören mußte. Da sprach Altvater eines Tages: »Ich will meine entarteten Kinder für ihre Ruchlosigkeit züchtigen und zwar dadurch, daß ich das erquickende Wasser mit sammt dem See ihnen entziehe, vielleicht daß die Qual des Durstes sie bessert und allmählich auf den rechten Weg zurückführt. Und siehe! eines Tages stieg im Süden eine schwarze drohende Gewitterwolke auf, und zog näher und näher, bis sie über dem See stand, wo sie gleichsam ausruhte und ihren Rand säulenartig zum See hinabstreckte. Plötzlich begann das Wasser des Sees zu zischen und zu steigen und sich so lange aufzublähen, bis es, die Wolkensäule berührend, mit ihr sich vereinigte: dergestalt verschwand in wenig Augenblicken alles Wasser aus dem See bis auf den letzten Tropfen.
Die schwarze Gewitterwolke schwebte mit ihrer Ladung weiter und entschwand vor Abend den Blicken der Zuschauer. Das vormalige Becken des Sees war leer und es war nur ein sumpfiger Schlamm für Frösche zurückgeblieben; aber auch diesen trockneten nach einigen Tagen die Sonnenstrahlen und der Wind aus. Jetzt erhob sich groß Geschrei und Wehklagen unter den Leuten: der Durst quälte sie, weil sie nirgend mehr ein anderes Trinkwasser fanden, als was der Regen in Vertiefungen des Bodens sich ansammeln ließ. Allmählich füllten zwar Regenschauer und die Schneeschmelzen des Frühlings den früheren Raum des Emmujärw wieder bis zum Rande, aber es war weiches Pfützenwasser, was weder den Durst hinlänglich stillte noch den Körper zu erquicken vermochte. Die Leute legten dem See wie zum Schimpfe den Namen Wirtsjärw (Pfützensee) bei und dieser Name ist ihm auch bis auf den heutigen Tag geblieben. Die schönen hohen Ufer mit den grünen Laubholzwaldungen und den blühenden Blumen sind aus der Umgebung des See's längst verschwunden; an ihrer Stelle bildeten sich Moräste, in denen nicht viel Andres wächst, als einige kränkliche Kiefern.
Als späterhin des Durstes Pein die frevelnden Menschen etwas gebessert hatte und ihre Klagen und Bitten mit jedem Tage wehevoller zu Altvaters Ohr emporstiegen, erweichte er sein Herz und erbarmte sich ihrer wiederum. Gleichwohl wurde ihnen der frühere See nicht wieder zurückgegeben, sondern Altvater ließ überall schmale unterirdische Rinnsale entstehen, goß das vormalige Wasser des Emmujärw hinein und befahl zugleich dem Wasser so zu fließen, daß es hie und da aus dem Boden hervorsprudele, damit die Menschen ihren Durst löschen könnten. Damit aber die unterirdischen Wasseradern im Winter nicht zu kalt und im Sommer nicht zu heiß würden, ordnete Altvater's Weisheit an, daß im Frühling ein Kältestein in die Quellen gelegt werde, der im Herbst herausgenommen und zum Winter mit einem Wärmesteine vertauscht wird: wodurch bewirkt wird, daß die Quellen niemals gefrieren können — wie sonst Bäche, Flüsse und Seen sich mit Eis bedecken.
k. Die Tochter des Strandbewohners von Tolsburg[76].
Am Strande von Tool wohnte vor Zeiten ein unermeßlich reicher Fischer, der schon von vielen Geschlechtern Geld und Gut geerbt hatte, ungerechnet das, was er selbst zusammengescharrt oder was der Hausgeist[77] ihm zugeführt hatte. Er besaß eine einzige Tochter, die von außen wohl einem hübschen Blümchen glich, inwendig aber voll Tücke war. Der Reichthum ihres Vaters reckte die Nase des Dirnleins so sehr in die Höhe, daß es ihrer Meinung nach im ganzen Lande keinen Burschen geben konnte, den sie hätte heirathen können. Daran wäre nun auch weiter nichts gelegen gewesen, hätte sie nicht selbst die jungen Leute zu sich herangelockt und sie dann hinterdrein mit Spott und Schande heimgeschickt und vor aller Welt gelästert. In dem Maße freilich, wie mit der Zeit die Geschichte der verschmähten Freier überall bekannt wurde, hörten endlich auch die Brautfahrten auf, weil die jungen Leute dachten: mag die Uebermüthige hinter ihren Geldkasten zur alten Jungfer verwelken, an deren Fleisch dann auch nicht einmal ein Wolf mehr anbeißt.
So verstrichen ein paar Jahre ruhig, während welcher kein Freier mehr erschien. Eines Morgens aber kam ein fremder vornehmer Freier auf einem schwarzen Pferde, er selbst von Gold und Silber schimmernd, so daß man ihn durchaus für nichts Geringeres als einen Königssohn halten konnte. Einen solchen Freier durften nun freilich weder die Eltern noch die Tochter verschmähen, vielmehr wurde er mit großen Ehren- und Freudenbezeugungen empfangen. Als jedoch der Freier zu Tische gebeten wurde, nahm er weder Speise noch Trank in den Mund, sondern bat die Braut sich schleunigst anzukleiden und mit ihm in seine Wohnung zu kommen, welche nicht weit entfernt sei und wo Hochzeitsschmaus und Gäste schon des neuen Paares harreten. Als die Maid sich geschmückt hatte, hob der Bräutigam sie auf den Rücken seines Pferdes, schwang sich selbst in den Sattel und ritt wie der Wind davon, so daß man von ihm nichts weiter gewahr wurde als die Funken, welche des Pferdes Hufe aus den Steinen schlugen. Sie erreichten ein freies Feld, wo ein prächtiges steinernes Schloß vor ihnen stand, aus welchem ihnen der Festlärm der Hochzeitsgäste dumpf entgegentönte. Der Bräutigam sprang vom Pferde, half der Braut absteigen, nahm ihren Arm und trat mit ihr in den Festsaal. Ein häßliches Hohngelächter, welches dem Mädchen durch Mark und Bein drang, empfing die Beiden. Dann erhob sich ein lautes Krachen, als ob ein Donnerschlag die Erde zum Bersten gebracht hätte! In demselben Augenblicke war das schöne Schloß mit allen Hochzeitsgästen wie weggefegt und von Allem keine Spur mehr vorhanden.
Als die umwohnenden Leute auf das Getöse herzueilten, zu sehen was es gebe, konnte man nichts weiter entdecken, als einen steinernen Pfosten von Menschenhöhe, an dessen oberer Hälfte viele Streifen hinliefen, wie Perlenschnüre um einen Hals. So steht der steinerne Pfosten bis zum heutigen Tage bei Karlshof vor dem Dorfe Raudlep zum Schreckbild für übermüthige Mädchen.
l. Die Steindenkmale der Hungersnoth[78].
»Die Männer seien hochgeehrt, Die Volksgedächtniß hält so werth.«
Wer je nach Palms[79] gekommen ist, der hat wohl auch jene Steinhaufen gesehen, welche an vielen Orten auf den Gutsfeldern stehen. Wie die alten Leute zu erzählen wissen, sind jene Steinhaufen alle zur Zeit einer schweren Hungersnoth zusammengetragen worden, was so zuging: Die Herren von Pahlen hatten seit unvordenklichen Zeiten die Gewohnheit, einen reichen Getreidevorrath in den Gutskleten anzusammeln, auf daß, wenn einmal die Leute durch Mißwachs Mangel litten, die Gutsklete sie bis zur neuen Ernte ernähren könnte. Da geschah es, daß eines Jahres eine so bittere Hungersnoth in Estland herrschte, daß die Leute aller Orten hinstarben wie die Fliegen. Wer aber zu seinem Glücke noch soviel Kraft hatte, sich nach Palms aufzumachen, der war gerettet. Daher kamen hier nach und nach Hunderte von Menschen zusammen, welche der Herr von Pahlen aus seiner Klete versorgte und es war ein so reicher Gottessegen vorhanden, daß die Kornkasten nicht leer wurden. Obgleich nun der Herr dafür keine Arbeit von den Leuten verlangte und sie zu keinerlei Leistung anhielt, sondern ihnen aus Erbarmen das Brot gab, so hielten es doch die Leute ihrerseits für Pflicht, für den Herrn irgend eine Arbeit zum Dank für seine Wohlthat auszuführen. Weil nun die Pahlenschen Felder sehr steinig waren, so faßten die Leute einmüthig den Beschluß, alle Steine von den Feldern aufzusammeln und in Haufen aufzuthürmen. Diese Steinhaufen führen deshalb den Namen: »Steindenkmale der Hungersnoth.« Man sagt ferner, daß seit der Zeit bis auf unsere Tage herab die Pahlenschen Felder reich gesegnet sind, und wenn auch ringsum Mißwachs eintritt, so bleiben diese Felder doch bewahrt, weil die Thränen der Hungrigen sie bethaut haben und die Dankgebete der Gesättigten zu Gottes Ohr gedrungen sind.
m. Der Herren von Pahlen Schutzgeist.
Schon von Alters her war es den Leuten wohl bekannt, daß die Herren von Pahlen einen Schutzgeist hatten, der sie in jeglicher Noth vor Schaden hütete. Alle Männer aus dem Geschlechte der Pahlen waren von hohem Wuchse und starkem Körperbau, so daß sie immer mindestens um eines Kopfes Länge Andere überragten und ihre Schutzgeister waren wieder noch um einen Kopf höher als sie selbst. So erzählt man von einem dieser Herren, daß seine Höhe derjenigen der gekappten Fichten gleich kam, die wie eine Gasse den Gemüsegarten durchschnitten. Wenn er nun unter diesen Bäumen lustwandelte, ging der Schutzgeist ihm zur Seite, an Gesichtsbildung und Gestalt dem Herrn gleich und auch wie er gekleidet, der Kopf aber ragte über die Fichten hinaus. Zuweilen hörte man beide auch mit einander reden, aber in einer fremden Sprache, welche kein Anderer verstand. Hatte der Herr sich zur Tafel niedergelassen oder sonst auf einem Sitze Platz genommen, so kauerte der Geist neben ihm am Boden, ohne sich je zu setzen, Nachts aber schlief er mit dem Herrn in einem Bette. Doch konnte es immer für einen Ausnahmefall gelten, wenn der Geist von anderen Leuten erblickt wurde, meist blieb er fremden Augen unsichtbar. Es geschah einmal während einer schweren Pest, daß die Seuche die Menschen zu Hunderten hinraffte und die Kranken allerwärts darnieder lagen, ohne daß Jemand ihnen zu Hülfe kam. Da ging der Herr von Pahlen täglich in den Dörfern umher nach den Kranken zu sehen, brachte ihnen Getränk und andere Stärkungen und tröstete sie auf jegliche Weise, so daß er den Bedrängten wie ein rettender Engel erschien. Auf solchen Gängen wurde sein Schutzgeist immer neben ihm erblickt, ein schwarzes Säckchen in der Hand, aus welchem er unablässig Nebel ausstreute, so daß sein Herr wie im dichten Nebel dahinschritt. Dies geschah, damit die Seuche ihn nicht anstecken könne.
Als derselbige Herr in seiner Jugend Kriegsmann gewesen war, hatte ihm weder eine Degenschneide noch eine Flintenkugel etwas anhaben können, sondern Beide waren immer von ihm abgeprallt. Wenn er gefragt wurde, ob ihm denn die Kugeln nicht weh thäten, so antwortete er lachend: »Ich habe nur das Gefühl, als ob mich Jemand mit Wachholderbeeren würfe.« Als der Lebensabend des alten Herrn herangekommen war und derselbe aus dieser Welt abberufen wurde, war der Schutzgeist von ihm geschieden. In der Nacht vor seinem Tode vernahm das ganze Gutsgesinde einen gewaltigen Lärm im Waffensaale und es kam ihnen vor, als würden die Waffen von einer Wand an die andere geworfen, so daß Wände und Estrich erbebten. Niemand hatte Muth genug hinzugehen um das grause Spiel mit anzusehen, das bis über Mitternacht dauerte; aber wunderbar war es, daß der kranke Herr in seinem Bette nichts von dem Getöse hörte. Als die Diener am nächsten Tage im Waffensaal nachsahen, wo nach ihrer Meinung Alles wirr durcheinander am Boden liegen mußte, da fanden sie zu ihrem Erstaunen, daß jedes Stück an seinem alten Fleck am Nagel hing und auch nicht ein einziges Spinngewebe auf den Waffen zerstört war. Das vernommene nächtliche Gelärme hatte nichts Anderes zu bedeuten gehabt, als daß es den Leuten die Todesstunde des alten Herrn verkünden sollte.
n. Der aus den Klauen eines Adlers gerettete Königssohn.
Von einem andern Herrn von Pahlen, der in seiner Jugend im Russenheere gedient hatte, wird ebenso wie von dem vorher erwähnten erzählt, daß er gegen Hieb und Schuß gefeit gewesen sei. Noch in späteren Lebensjahren, wo er von seines Tagewerkes Last und Hitze in Palms ausruhte, sollte er durch Zufall der Lebensretter eines Königssohnes werden. Er war eines Tages auf der Jagd von seinen Begleitern abgekommen und an das Ufer eines kleinen Flusses gerathen, da hörte er plötzlich ein seltsames Sausen und Brausen in der Luft wie von einer heranfahrenden Hagelwolke. Dennoch war, soweit das Auge reichte, der Himmel überall klar, von einer Wolke nirgends eine Spur; als aber der Herr schärfer hinsah, bemerkte er am südlichen Horizont ein schwarzes Klümpchen, welches rasch näher kam und immer mehr aufschwoll — es war die Ursache des vernommenen Geräusches. Zu seinem Erstaunen wurde der Herr gewahr, daß die schwarze Masse nichts Anderes war als ein ungeheuer großer Adler; in seinen Fängen hing ein Kind, ob todt oder lebendig? wer konnte es wissen. Der alte Herr schloß alsbald aus der Beschaffenheit des Adlers, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehe, riß einen silbernen Knopf von seinem Wamms, stieß ihn in die schon mit Pulver geladene Flinte, zielte und schoß auf des Adlers Leib. Der schlimme Vogel ließ das Kind fahren und suchte mit furchtbarem Flügelschlage das Weite. Das Kind fiel in den Fluß, aber ein auf den Knall der Büchse herzugeeilter Diener sprang dem Kinde nach und rettete es glücklich aus der neuen Gefahr. Am Halse des Kindes hing an goldener Kette ein kleines goldenes Täfelchen auf welchem eingegraben stand, daß das Kind ein Königssohn aus fernen Landen sei. Der alte Herr sandte nun das Kind durch zwei zuverlässige Männer den Eltern zurück, welche um den Verlust desselben in schwerer Sorge waren. Der König bot nun dem Retter seines Kindes reiche Dankesgaben, die jedoch der Herr von Pahlen nicht annahm, indem er sagte: für ein gerettetes Menschenleben bedarf es keines zeitlichen Lohnes, denn ich habe damit nur meine Pflicht gethan. Später ließ er an der Stelle, wo das Kind in's Wasser gefallen war, eine Mühle bauen, welche noch gegenwärtig die Adlermühle genannt wird, doch besorge ich, daß heut zu Tage unter den Besuchern der Mühle nicht Viele sind, welche zu sagen wissen, wovon die Mühle ihren Namen erhalten hat.
o. Die Meermaid und der Herr von Pahlen.
Vor Zeiten erging sich einmal ein Herr von Pahlen am Strande des Meeres, da sah er auf einem Steine eine Jungfrau sitzen, die bitterlich weinte. Der Herr trat alsbald näher und fragte sie, was ihr fehle, daß sie so bitterlich weine. Die Jungfrau sah ihn eine Weile mit thränenden Augen an, seufzte tief auf, antwortete aber nicht. Da streichelte ihr der Herr sanft Kopf und Wangen und fragte abermals mit liebreicher Rede: »Sage mir deines Herzens Kummer, denn ich frage nicht zum bloßen Zeitvertreib, sondern will, wenn irgend möglich, dir helfen und deine Thränen trocknen.« Die Jungfrau erwiderte weinend: »Du bist ein sterblicher Mensch, darum kannst du mir keine Hülfe bringen, da ich unter einem höheren Gesetze stehe, aber da du freundlich gegen mich warst, so will ich dir meine Noth klagen. Sieh, ich bin des Meervaters[80] einzige Tochter und muß seine Befehle unweigerlich ausführen, wenn mir auch das Herz zu springen droht und die Thränen mir aus den Augen stürzen. Heute morgen erhielt ich den Befehl, vor Abende die Wellen hoch aufschäumen zu machen und sie die Nacht durch im Toben zu erhalten. Denke ich daran, wie viele Schiffe und Menschen da zu Grunde gehen werden, so kann ich mein kummervolles Herz nicht beschwichtigen[81].« Der Herr forschte nun weiter, weßhalb der Meeresvater ein so grauenvolles Spiel liebe, welches Niemandem Nutzen bringe, worauf das Mädchen erwidertet: »Ich glaube, er wirkt die Verzauberung der Wellen lediglich der Windesmutter zum Ergötzen, mit welcher er heimlich Freundschaft geschlossen hat und nach deren Pfeife er jetzt tanzen muß. Wenn Jemand den Machtring mir vom Finger ablösen könnte, so daß es mir unmöglich würde die Wellen zu erregen, dann hätte der Vater von mir gar keine Unterstützung, sondern müßte die häusliche Arbeit allein vollbringen.« Der Herr bat, den Ring besehen zu dürfen, und fand daß derselbe ganz in's Fleisch hinein gewachsen war, und daß keine Gewalt ihn abzuziehen vermochte. Nachdem nun der Herr den Machtring eine Zeit lang betrachtet hatte, bat er die Jungfrau, sie möchte ihm erlauben zu versuchen, ob es nicht möglich sei den Ring durchzubeißen. »O, wenn dir das möglich wäre!« rief sie freudig — »dann würde ich dir ewig dankbar sein und dir reichen Lohn für deine Mühe zahlen!« Darauf packte der Herr den Ring kräftiglich mit den Zähnen, die Jungfrau schrie vor Schmerz auf — ein Ruck! und der Ring war mitten durchgebrochen. Jetzt fiel die Jungfrau dem Herrn um den Hals, dankte und reichte ihm den durchgebissenen Ring mit den Worten: »Nimm ihn zum Andenken und verliere ihn ja nicht, er wird dir Glück bringen. Morgen sollst du den Lohn für deine Mühe empfangen.« Dann ging sie singend und hüpfend dem Meere zu, setzte sich auf den Kamm einer Welle und schwamm wie eine Wildgans bald so weit, daß der Herr sie aus den Augen verlor.
Als der Herr am andern Morgen erwachte und die Augen weit aufthat, standen zwei mit starken Eisenreifen beschlagene Tonnen vor seinem Bette. Niemand konnte Auskunft darüber geben, wie die Tonnen dahin gekommen waren, denn soviel das Gutsgesinde wußte, war keine fremde Seele, weder am Abend noch am Morgen da gewesen, und in der Nacht waren alle Thüren verschlossen geblieben. Die Tonnen wurden so schwer gefunden, daß drei starke Männer sie nicht vom Flecke schieben, geschweige denn aufheben konnten. Als man die Deckel aufbrach, fand sich daß beide Tonnen bis zum Rande mit Silber gefüllt waren. »Gott sei gedankt!« rief der Herr aus — »jetzt kann ich meines Herzens Sehnsucht stillen und den Armen Gutes thun!« Noch selbigen Tages ließ er die Leute des Gebiets zusammenrufen und theilte jedem Gesinde eine Handvoll Geld aus — damit erschöpfte er die eine Tonne. Von der andern Tonne schenkte er die Hälfte zu Kirchenbauten, die andere Hälfte der Stadt Reval, damit ihre Ringmauern verstärkt würden. Daher also stammt der alte Reichthum des Pahlenschen Gebiets, der sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.
p. Der Kapellenbau.
Weil die Kathrinenkirche sehr weit war und zur Zeit der schlechten Wege der Kirchenbesuch den Leuten sehr schwer fiel, ließ ein Herr von Pahlen seinen Gebietsinsassen auf seine Kosten eine Kapelle aufbauen. Als das neue Gotteshäuschen fertig war, machte es dem Herrn großen Kummer, daß die Kapelle keine Glocke hatte und Glockengießer gab es damals bei uns zu Lande nicht. Der Herr betete oftmals zu Gott, er wolle nach seiner eigenen Fügung helfen, das halb gebliebene Werk durchzuführen. Da erhob sich eines Tages ein heftiger Sturm auf dem Meere und brachte ein mit reicher Fracht beladenes Schiff in große Gefahr. Der Schiffer gelobte in der höchsten Noth, er wolle, wenn Gott ihnen helfe, lebendig das Ufer zu erreichen, der nächsten Kirche zwei Glocken schenken. Nach einigen Stunden legte sich der Sturm und das beschädigte Schiff erreichte glücklich den Strand von Palms, wo es ausgebessert wurde; die Kapelle aber erhielt auf diese Weise zwei schöne Glocken.
q. Ein Herr von Pahlen rettet Reval aus Feindeshand[82].
Reval, welches darum das jungfräuliche heißt, weil kein Feind es jemals bezwungen hat, war einst einen ganzen Sommer hindurch von einem feindlichen Heere umzingelt. Obgleich nun die rings um die Stadt laufenden Mauern und Schanzen stark genug waren, den Feind abzuwehren, so kam es doch mit der Zeit dahin, daß der Hunger die Bewohner quälte und daß bei der von Tage zu Tage wachsenden Noth die Schwächeren schon verzweifeln wollten. In dieser Bedrängniß wurde wieder ein Pahlen ihr Retter. Listiger Weise ließ er, als wollte er den hungernden Bewohnern der Stadt Proviant zuführen, eine Frachtfuhre vom Laaksberge her in die Nähe des feindlichen Lagers abgehen, wo denn die mit Lebensmitteln und Bier beladenen Wagen sofort festgehalten wurden. Im Lager aber herrschte nicht viel weniger Mangel als in der Stadt, weswegen die Kriegsleute sich wie hungrige Wölfe auf den Proviant stürzten, so daß Niemand Zeit hatte auf die Stadt viel Acht zu geben. Diesen kurzen Zwischenraum suchte nun der Herr von Pahlen zur Rettung der Stadt zu benutzen. Er ließ zur See einen gemästeten Ochsen nebst einigen Scheffeln Malz heimlich in die Stadt bringen. Die Einwohner brauten nun alsbald frisches Bier, brachten zur Nachtzeit große Kufen auf die Stadtwälle, kehrten sie um und gossen das gährende Bier darauf, so daß der Schaum über die Ränder floß. Dann wurde der Stier auf den Wall gelassen, der brüllend umher lief und mit den Hörnern die Erde aufwarf. Als nun die Feinde die schäumenden Bierfässer und den gemästeten Ochsen gewahr wurden, da sank ihnen plötzlich der Muth: »Hol' euch der und jener!« riefen die Kriegsleute — »wer noch soviel Bier brauen und Mastochsen auf den Wällen umherlaufen lassen kann, den können wir nicht durch Hunger aus der Stadt treiben, vielmehr werden wir noch früher dem Hunger verfallen als jene.« Am andern Morgen sah man wie der Feind das Lager räumte und den Rückmarsch antrat; Reval aber war wiederum gerettet.
r. Der Frauen von Pahlen Todesboten.
Alte Leute erzählen, daß Gott den Frauen von Pahlen das besondere Glück verlieh, daß er ihnen jedesmal, wenn das Scheiden aus dieser Welt bevorstand, ihre Todesstunde voraus verkünden ließ. Dies geschah so, daß sie einige Tage vor ihrem Tode sich selber erblicken mußten, sei es nun, daß ihre eigene Gestalt ihnen irgendwo entgegentrat, oder auf demselben Stuhle saß, wo sie täglich selbst zu sitzen pflegten oder vor ihren Augen schlafend im Bette lag. Hatte eine Frau von Pahlen ihr eigenes Bild auf diese Weise erblickt, so wußte sie, daß nach einigen Tagen ihr Ende bevorstehe, denn es war mit ihren Müttern und Großmüttern ganz ebenso gewesen. — Einer dieser Frauen war ihr Ebenbild auf der Schwelle erschienen und hatte sie mit betrübtem Blicke angesehen. Eine andere wollte sich eben zu Tische setzen, als sie sich selbst schon auf ihrem Stuhle sitzend gewahrte.
s. Der Heimgänger-Schütze[83].
Mein seliger Großvater erinnerte sich aus seinen Kinderjahren, wie noch mancher von dem alten Herrn von Kersel zu erzählen wußte, der als berühmter Heimgänger-Schütz keine nächtliche Wanderung anders unternahm als mit einer Flinte bewaffnet, die mit silbernen Kugeln geladen war. Rings um Kersel waren endlich alle diese Nachtgespenster fortgeschafft, so daß sich keins derselben mehr getraute, sich vor den Menschen sehen zu lassen, aber an andern Orten wurden sie noch häufig gefunden. So hat einst der Prediger von Halljal[84] die Hülfe des seligen alten Herrn angerufen, weil er, in der Nähe des Kirchhofes wohnend, Nachts keine Ruhe hatte. Als der alte Herr hinkam, hatte er die ersten Nächte sehr viel zu thun, ehe er dem Kirchhofe Ruhe schaffen konnte. Vier und fünf Flintenschüsse wurden fast in jeder mondhellen Nacht vernommen, bis endlich dem Schützen diese Vögel nicht mehr zu Gesicht kamen. Nur spottete seiner doch noch eine Weile eine lange weibliche Gestalt, welche jeden Abend beim ersten Hahnenschrei mitten auf dem Kirchhofe über einem Grabe aufstieg, auf den Schuß des Herrn wie ein Nebel verschwand, aber nach einigen Augenblicken wieder auf dem alten Flecke war. Ein paar Dutzend silberner Kugeln hatte der Herr schon an sie verschwendet, ohne dem Feinde beizukommen. Da erschien eines Tages ein altes Väterchen vom Strande von Tolsburg[85] und schlug dem Herrn vor, das die silbernen Kugeln nicht fürchtende Weibsbild den Wölfen[86] entgegen zu jagen, wobei es gewiß sein Ende finden werde. »Ich habe« — sagte der Strandbewohner — »einen mit Zauberkräutern beräucherten[87] Hund, der sie von hier vertreiben und in die Flucht jagen wird, nur müssen wir warten bis zum Monat Februar, wo die Wölfe ihre Brunstzeit haben und ihrer viele beisammen sind.« — Da der Herr keinen besseren Anschlag gegen den Feind wußte, nahm er den Beistand des Strandbewohners mit Dank an, und versprach bis zur angegebenen Zeit zu warten und dann mit ihm und dem beräucherten Hunde auf die Jagd gegen die Heimgängerin zu ziehen.
In einer mondhellen Februarnacht machte man sich auf, das Werk zu vollführen. Einige Werst weit von der Kirche stand eine mit Heu gefüllte Scheune. In diese stellte der Strandbewohner einen ihm bekannten beherzten Mann mit einer tüchtigen dreizackigen eisernen Gabel zum Wächter, damit er die vor den Wölfen die Flucht Nehmende zurückscheuche, falls sie einen Zufluchtsort in der Scheune suchen würde. Eine gute Stunde vor Mitternacht ging der Herr mit dem Strandbewohner auf den Kirchhof, wo die bekannte Gestalt schon vor ihnen auf einem der Gräber stand. Der Herr wollte nun zuerst noch ein Mal sein Heil mit der Flinte versuchen, weswegen er diese stark lud und drei silberne Kugeln hineinthat; dann zielte er gut und schoß los! — die Gestalt verschwand, stand aber im nächsten Augenblicke wieder vor ihnen. Jetzt wurde der Hund darauf gehetzt, der die weiße Gestalt alsbald vom Kirchhof verscheuchte und gerade nach dem Sumpfe zu trieb. Die Gestalt schwebte voraus, der Hund war ihr bellend auf den Fersen. Nicht gar weit vom Sumpfe kam eine Wolfsherde daher, es mochten ihrer mindestens zehn Stück sein; der Hund kehrte um und die Wölfe waren gleich der Heimgängerin auf den Fersen. Aber die weiße Gestalt schien wie Flügel unter den Sohlen zu haben, so daß die Wölfe ihr durchaus nicht nachkommen konnten. Drei oder vier Schritt vor der Scheune sprang sie wie ein Eichhörnchen mit einem Satze durch die obere Thüröffnung in die Scheune, setzte sich auf die Schwelle nieder und streckte die Füße hinauf, so daß sie über die Thür hinausragten. Nach einiger Zeit langten auch die Wölfe hier an und blickten mit glühenden Augen hinauf nach dem Sitze der Heimgängerin, konnten aber an der Thür-Wand nicht hinan. Da höhnte sie die Heimgängerin! Sie streckte abwechselnd den rechten und den linken Fuß den Wölfen hin und rief dabei jedesmal: »Da! nehmt diesen Fuß! da! nehmt den andern Fuß! keinen kriegt ihr: beides sind meine Füße[88]!« — Der hinter ihr aufgestellte Wächter sah das Spiel eine Zeit lang mit an, packte dann mit beiden Händen die Gabel am Stiel und stieß mit einem kräftigen Schlag das Gespenst kopfüber hinunter vor die Wölfe. Augenblicklich zerrissen die Wölfe sie, so daß kein Fetzen von ihr nachblieb.
Den andern Morgen ging der Herr mit dem Strandbewohner, die Stelle zu besehen, wo in der Nacht die Wölfe der Heimgängerin das Garaus gemacht hatten, allein sie fanden da keine andere Spur als ein handbreites Stück eines feinen leinenen Gewandes und einen goldenen Ring. Als der Herr die Inschrift auf der Innenseite des Ringes beobachtete, wurde sein Antlitz bleich wie Schnee, denn in dem Ringe stand der Name einer benachbarten Gutsfrau. Er fuhr sogleich hin und vernahm von dem Gesinde, daß in diesem Augenblicke Niemand von den Herrschaften zu Hause sei. — Nach einigen Tagen aber kehrte der Herr des Gutes in Trauerkleidung allein zurück und erzählte, die Frau sei plötzlich in Reval gestorben. Im Frühjahr verkaufte er das Gut und zog in die Fremde, aus der er nimmer wiederkehren mochte.
Nach dem Wegzug des Herrn lösten sich die Zungen der Leute; man erzählte erst im Stillen, dann öffentlich, daß es mit der Frau nicht habe mit rechten Dingen zugehen können, denn das ganze Gutsgesinde wußte gar wohl, daß sie nicht eine Nacht zu Hause geschlafen hatte, sondern, wenn der Herr eingeschlafen war, räucherte sie ihm, wer weiß mit was für Kräutern, unter die Nase, und ging dann im weißen Nachtgewande ihrer Wege, von denen sie erst gegen Morgen zurückkam. Andere wieder erzählten, daß die verstorbene Frau niemals Speise und Trank zu sich genommen, sondern, wie von der Luft gelebt habe, wenn sie nicht etwa auf ihren nächtlichen Wanderungen irgendwo an einem fremden Orte sich gesättigt habe.