Viertes Kapitel. Aus der Festung. (continued 2)
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»Dein Mund spricht wie der Vers eines Dichters, Mersinah, und deine Lippen strömen über wie ein Topf voll süßen Honigs; deine Rede thut wohl, wie das Pflaster auf eine Beule, und deiner Stimme Klang kann keiner vergessen, der ihn einmal hörte. Hier, nimm fünf Piaster, um dir Khol und Henneh zu kaufen für die Ränder deines Augenlides und die rosigen Nägel deiner Hand. Mein Herz will sich freuen über dich, damit meine Seele jung werde und mein Auge sich ergötze an der Anmut deines Ganges!«
»Herr,« rief sie, »du bist tapferer als Ali, weiser als Abu Bekr, stärker als Simsah[84] und schöner als Hosseïn, der Armadener! Befiehl was ich dir braten soll; oder willst du gekocht und gebacken haben? Ich thue für dich alles, was du verlangst, denn mit dir ist Freude über mein Haus gekommen und Segen über die Schwelle meiner Thüre.«
»Deine Güte rührt mich, oh Mersinah; ich kann sie nicht vergelten! Aber ich habe weder Hunger noch Durst, wenn ich den Glanz deiner Augen, die Farbe deiner Wangen und das liebliche Bild deiner Hände erblicke. War Selim Agha da?«
»Ja. Er hat mir alles erzählt. Deine Feinde sind vernichtet. Gehe hinauf und tröste die Deinen, die in großer Sorge um dich sind!«
Ich ging hinauf.
»Endlich zurück!« meinte der Engländer. »Große Sorge! Wollten kommen und Euch holen! Glück, daß Ihr da seid!«
»Du warst in Gefahr?« fragte auch Mohammed.
»Nicht sehr. Sie ist vorüber. Weißt du, daß der Mutessarif abgesetzt ist?«
»Von Mossul?«
»Ja, und der Makredsch auch.«
»Also darum ist Selek da?«
»Ja. Hat er dir nichts erzählt, als wir am Nachmittage ausgeritten waren?«
»Nein. Er ist schweigsam. Aber da kann doch Amad frei werden, denn nur der Mutessarif hat ihn gefangen gehalten!«
»Ich hoffte dies auch, aber es steht schlimmer. Der Großherr billigt das Vorgehen der Türken gegen euch, und der Oberrichter von Anatolien hat befohlen, daß dein Sohn als Geisel nach Stambul gebracht werde.«
»Allah kerihm! Wann soll er fort?«
»Morgen vormittags.«
»Wir überfallen unterwegs seine Begleitung!«
»So lange wir noch Hoffnung haben, ihn durch List frei zu bekommen, so lange soll kein Menschenleben beschädigt werden.«
»Aber wir haben nur noch die Zeit von einer Nacht!«
»Diese Zeit ist lang genug.«
Dann wandte ich mich an den Engländer:
»Sir, ich brauche Wein für den Mutesselim.«
»Wäre Wein wert, dieser Kerl! Mag Wasser trinken! Kaffee, Lindenblüten, Baldrian und Buttermilch!«
»Er hat mich um Wein gebeten!«
»Schlingel! Darf doch keinen trinken! Ist Mohammedaner!«
»Die Moslemin trinken ihn ebenso gern wie wir. Ich möchte uns sein Wohlwollen erhalten, solange wir es brauchen.«
»Schön! Soll Wein haben! Wie viel?«
»Ein Dutzend. Ich gebe die Hälfte und Ihr die andere.«
»Pshaw! Kaufe nicht halben Wein. Hier Geld!«
Er reichte mir die Börse hin, ohne daß es ihm einfiel, zu bemerken, wie viel ich ihr entnahm. Er war ein Gentleman und ich ein armer Teufel.
»Wie ist's?« fragte er. »Retten wir Amad?«
»Ja.«
»Heute?«
»Ja.«
»Wie?«
»Ich gehe mit Selim Agha Wein trinken und suche — — —«
»Trinkt auch Wein?« unterbrach er mich.
»Leidenschaftlich.«
»Schöner Muselmann! Verdient Prügel!«
»Grad diese Geschmacksrichtung aber giebt uns Vorteile. Er wird einen Rausch bekommen und dann nehme ich ihm unbemerkt den Gefängnisschlüssel fort. Ich lasse den Araber heraus zu seinem Vater, wo er sich umkleidet. Dann führt ihn Halef nach der Villa, die Ihr für ihn gebaut habt.«
»Well! Sehr schön! Was thue ich dabei?«
»Zunächst aufpassen. Wenn ich ihn bringe, so gebe ich da drüben an der Ecke ein Zeichen. Ich werde wie ein Rabe krächzen, der aus dem Schlafe gestört worden ist. Dann eilt Halef hinunter, um die Thüre zu öffnen und die Wirtin in der Küche festzuhalten. Ihr geht mit Mohammed an die Treppe und empfangt Amad, um ihn empor zu führen. Er zieht sich an, und ihr wartet, bis ich nach Hause komme.«
»Ihr geht wieder fort?«
»Ja. Ich muß zu Selim Agha, um keinen Verdacht zu erregen und ihm den Schlüssel wieder zuzustecken.«
»Schwere Sache für Euch! Wenn Ihr nun ertappt werdet?«
»Ich habe eine Faust und, wenn das zu wenig sein sollte, auch Waffen. Jetzt aber laßt uns in Gemeinschaft zu Abend essen.«
Während des Mahles wurde auch Mohammed genau instruiert. Halef brachte den Wein und mußte ihn gut verpacken.
»Den trägst du jetzt zum Mutesselim,« sagte ich ihm.
»Will er ihn trinken, Sihdi?« fragte er erstaunt.
»Er soll ihn verwenden, wozu er ihn braucht. Du giebst das Paket an keinen andern Menschen als nur an ihn und sagst, daß ich hier die Medizin sende. Und höre! Wenn ich dann mit Selim Agha fortgehe, so gehest du uns heimlich nach und merkst dir das Haus, in welches wir treten, aber genau! Und sollte ich irgendwie gebraucht werden, so kommst du, mich zu holen.«
»Wo werde ich dich in dem Hause finden?«
»Du gehst im Flur von der Thüre aus ungefähr acht Schritte gradaus und pochest dann rechts an eine Thüre, hinter welcher ich mich befinde. Sollte der Wirt dich sehen, der ein Jude ist, so sagest du, daß du den fremden Emir suchest, der aus dem Kruge trinkt. Verstehest du?«
Er ging mit seinem Pakete fort.
Mohammed Emin befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung. Ich hatte ihn selbst damals, als es im Thale der Stufen galt, seine Feinde gefangen zu nehmen, nicht so gesehen. Er hatte alle seine Waffen angethan und auch die Flinte neu geladen. Ich konnte nicht darüber lächeln. Ein Vaterherz ist eine heilige Sache; ich hatte ja auch einen Vater daheim, der oft für mich der Sorgen und Entbehrungen genug getragen hatte, und konnte also das begreifen.
Endlich kam Selim Agha von dem Mutesselim zurück. Er verzehrte in der Küche sein Abendbrot, und dann gingen wir heimlich zum Juden. Selim Agha hatte die Wirkung des starken Weines zur Genüge kennen gelernt und nahm sich daher sehr in acht. Er trank nur in kleinen Schlückchen und auch sehr langsam.
Wir mochten bereits dreiviertel Stunden beim Weine sitzen, und noch immer zeigte derselbe keine andere Wirkung auf den Agha, als dieser stiller und träumerischer wurde und sich sinnend in seine Ecke lehnte. Schon stand ich im Begriff, ihn zum Austrinken zu nötigen und zwei neue Krüge bringen zu lassen, als es draußen an die Thüre pochte.
»Wer ist das?« frug der Agha.
»Das muß Halef sein.«
»Weiß er, wo wir sind?«
»Ja.«
»Effendi, was hast du gethan!«
»Aber er weiß nicht, was wir thun.«
»Laß ihn nicht herein!«
Wie gut, daß ich Halef aufmerksam gemacht hatte! Daß er kam, um mich zu holen, war mir Beweis, daß etwas Besonderes passiert sei. Ich öffnete von innen und trat hinaus auf den Flur.
»Halef!«
»Sihdi, bist du es?«
»Ja. Was ist's?«
»Der Mutesselim ist gekommen.«
»Das ist schlimm; das kann uns das ganze Werk verderben. Gehe. Wir kommen gleich nach. Aber bleibe stets an der Thüre meines Zimmers, damit ich dich sofort habe, wenn ich dich brauche!«
Ich trat wieder in den kleinen Raum zurück.
»Selim Agha, es war dein Glück, daß ich dem Hadschi sagte, wo wir sind. Der Mutesselim ist bei dir und wartet auf dich.«
»Allah illa Allah! Komm schnell, Effendi! Was will er?«
»Halef wußte es nicht.«
»Es muß wichtig sein. Eile!«
Wir ließen den Wein stehen und schritten mit schnellen Schritten unserer Wohnung zu.
Als wir heim kamen, saß der Kommandant auf meinem Ehrenplatze in meiner Stube, ließ sich von der roten Papierlaterne magisch beleuchten und sog an meinem Nargileh. Er war, als er mich erblickte, so höflich, sich zu erheben.
»Ah, Mutesselim, du hier in meiner Wohnung! Allah segne deinen Eintritt und lasse es dir wohlgefallen an meiner Seite!«
Im stillen aber hatte ich allerdings einen nicht ganz mit dieser höflichen Phrase übereinstimmenden Wunsch.
»Emir, verzeihe, daß ich zu dir heraufstieg. Die Wirtin dieses Hauses, der Allah ein Gesicht gegeben hat wie keiner zweiten, wies mich herauf. Ich wollte mit Selim Agha reden.«
»So erlaube, daß ich mich wieder entferne!«
Jetzt war er gezwungen, mich zum Hierbleiben aufzufordern, wenn er nicht ganz und gar gegen alle türkische Bildung verstoßen wollte.
»Bleib, Emir, und setze dich. Auch Selim Agha mag sich setzen; denn was ich von ihm verlange, das darfst du wissen.«
Jetzt mußten die Reservepfeifen her. Während des Anzündens beobachtete ich den Kommandanten scharf. Das rote Licht der Laterne ließ mich sein Gesicht nicht genau erkennen, aber seine Stimme schien mir jenen Klang zu besitzen, welcher dann zu hören ist, wenn die Zunge ihre gewöhnliche Leichtigkeit zu verlieren beginnt.
»Was meinest du, Effendi? Ist der Makredsch ein wichtiger Gefangener?«
»Ich meine es.«
»Ich auch. Darum macht mir der Gedanke, daß es ihm vielleicht gelingen könnte, zu entkommen, schwere Sorge.«
»Er ist doch sicher eingeschlossen!«
»Ja. Aber das ist nicht genug für mich. Selim Agha, ich werde diese Nacht nicht schlafen und zwei- oder dreimal nach dem Gefängnisse gehen, um mich zu überzeugen, daß er wirklich in seinem Loche ist.«
»Herr, ich werde das an deiner Stelle thun!«
»Dann siehst du ihn wohl, aber ich nicht, und ich kann dennoch nicht schlafen. Ich werde selbst gehen. Gieb mir den Schlüssel!«
»Weißt du, Herr, daß du mich kränkst?«
»Ich will dich nicht kränken, sondern ich will mich beruhigen. Der Anadoli Kasi Askeri ist ein sehr strenger Mann. Ich würde die seidene Schnur bekommen, wenn ich den Gefangenen entkommen ließe.«
Da war ja die Ausführung unseres Planes ganz und gar unmöglich gemacht! Gab es keine Hilfe? Ich war schnell entschlossen. Entweder Wein oder Gewalt! Während der Agha seinem Vorgesetzten noch Vorstellungen machte, erhob ich mich und trat hinaus auf den Korridor, wo Halef stand.
»Bringe vom allerbesten Tabak, und hier hast du Geld; gehe in das Haus, wo du mich geholt hast, und verlange von dem Juden solchen Wein von Türbedi Haidari, wie ich vorhin getrunken habe.«
»Wie viel soll ich bringen?«
»Ein Gefäß, in welches zehn Krüge gehen von der Sorte, die der Jude hat. Er wird dir ein solches Gefäß borgen.«
»Bringe ich das Getränk des Teufels in das Zimmer hinein?«
»Nein. Ich hole es aus deiner Stube. Aber der Baschi-Bozuk darf nichts wissen. Gieb ihm dieses Bakschisch. Er mag ausgehen und so lange bleiben, als es ihm beliebt. Er kann ja zur Wache gehen, um sich dem Basch Tschausch zu zeigen, mit dem er morgen reisen wird. So werden wir ihn los!«
Als ich wieder eintrat, reichte der Agha dem Kommandanten grad den Schlüssel hin. Dieser steckte ihn in seinen Gürtel und sagte zu mir:
»Weißt du, daß der Makredsch widersetzlich gewesen ist?«
»Ja. Er hat erst den Agha bestechen wollen und ihm dann gar nach dem Leben getrachtet.«
»Er wird es büßen!«
»Und,« fügte Selim bei, »als ich ihn aufforderte, seine Taschen zu leeren, that er es nicht.«
»Was hatte er darin?«
»Viel Geld!«
»Emir, wem gehört dieses Geld?« fragte mich der Kommandant lauernd.
»Du hast es in Empfang zu nehmen.«
»Das ist richtig. Laß uns gehen!«
»Mutesselim, du willst mich verlassen?« fragte ich. »Willst du mich beleidigen?«
»Ich bin dein Besuch, aber nicht dein Gast!«
»Ich habe nicht gewußt, daß du kommst. Erlaube mir, dir eine Pfeife zu stopfen, wie man sie hier selten raucht.«
Eben trat Halef ein und brachte den Tabak; es war Master Lindsays Sorte; der Kommandant fand sie sicher gut. Uebrigens war ich sehr fest entschlossen, daß er ohne meinen Willen meine Stube nicht verlassen solle. Doch, es kam glücklicherweise nicht zum Aeußersten, denn er nahm die Pfeife an. Aber im Laufe der ferneren Unterhaltung merkte ich, daß seine Augen sehr erwartungsvoll an der Thüre hingen. Er wollte Kaffee haben. Deshalb erkundigte ich mich:
»Hast du die Medizin erhalten, Herr?«
»Ja. Ich danke dir, Effendi!«
»War es genug?«
»Ich habe noch nicht gezählt.«
»Und sie auch noch nicht gekostet?«
»Ein wenig.«
»Wie war sie?«
»Sehr gut. Aber ich habe gehört, daß es auch ganz süße giebt!«
Der gute Agha wußte sehr genau, wovon die Rede war. Er schmunzelte lüstern und blickte mich mit verführerisch blinzelnden Augen an.
»Es giebt ganz süße,« antwortete ich.
»Aber sie ist selten?«
»Nein.«
»Und heilsam?«
»Sehr. Sie gleicht der Milch, die aus den Bäumen des Paradieses fließt.«
»Aber in Amadija giebt es keine?«
»Ich kann welche bereiten, überall, auch in Amadijah.«
»Und wie lange dauert es, bis sie fertig ist?«
»Zehn Minuten. Willst du so lange warten, so sollst du den Trank des Paradieses schmecken, der Mohammed von den Houris gereicht wird.«
»Ich warte!«
Seine Augen leuchteten sehr vergnügt, noch vergnügter aber die Augen des würdigen Selim Agha. Ich verließ das Zimmer und benutzte die angegebene Pause, um zu Mohammed Emin zu gehen.
»Emir, nun ist es aus!« empfing mich dieser.
»Nein, sondern nun geht es an!«
»Aber du erhältst nun den Schlüssel nicht!«
»Vielleicht brauche ich ihn gar nicht. Harre nur geduldig aus.«
Auch Lindsay kam geschlichen.
»Von meinem Tabak geholt! Wer raucht ihn?«
»Der Kommandant.«
»Sehr gut! Trinkt meinen Wein, raucht meinen Tabak! Ausgezeichnet!«
»Warum sollte er nicht?«
»Mag zu Hause bleiben! Flucht nicht stören!«
»Vielleicht befördert er sie. Ich habe nach Wein geschickt.«
»Wieder?«
»Ja. Nach persischem. Reißt einen Elefanten nieder. Süß wie Honig und stark wie ein Löwe!«
»Well! Trinke auch persischen!«
»Habe dafür gesorgt, daß für euch auch da ist. Ich werde die beiden Leute lustig machen, und dann werden wir sehen, was zu thun ist.«
Nun ging ich in die Küche und ließ Feuer machen. Ehe es ordentlich brannte, kam Halef zurück. Er brachte ein großes Gefäß des gefährlichen Trankes. Ich setzte einen Topf voll davon über das Feuer und empfahl ihn der Fürsorge Mersinahs. Dann kehrte ich zum Engländer zurück.
»Hier ist Perser! Aber gebt Gläser her; sie sind bei Euch.«
Als ich in meine Stube trat, blickten mir die beiden Türken erwartungsvoll entgegen.
»Hier bringe ich die Medizin, Mutesselim. Koste sie zunächst, da sie kalt ist. Dann sollst du auch sehen, wie sie das Herz begeistert, wenn man sie heiß genießt.«
»Sage mir ganz genau, Effendi, ob es Wein ist oder Medizin!«
»Dieser Trank ist die beste Medizin, die ich heute kenne. Trinke sie und sage mir, ob sie nicht deine Seele erfreut!«
Er kostete und kostete abermals. Ueber seine scharfen, aber matten Züge legte sich ein Schein der Verklärung.
»Hast du selbst diesen Trank erfunden?«
»Nein, sondern Allah giebt ihn denen, die er am liebsten hat.«
»So meinst du, daß er uns lieb hat?«
»Gewiß.«
»Von dir weiß ich es, daß du ein Liebling des Propheten bist. Hast du noch mehr von diesem Tranke?«
»Hier. Trinke aus!«
Ich schenkte wieder ein.
Seine Augen funkelten noch vergnügter als vorher.
»Effendi, was ist Ladakia, Djebeli und Tabak von Schiras gegen diese Arznei! Sie ist besser als der feinste Duft des Kaffees. Willst du mir das Rezept geben, wie sie bereitet wird?«
»Erinnere mich daran, so werde ich es aufschreiben, noch ehe ich Amadijah verlasse. Aber hier steht der Krug. Trinkt! Ich muß hinab zur Küche, um die andere Arznei zu bereiten.«
Ich ging mit Vorbedacht sehr leise zur Treppe hinab und öffnete unhörbar die Küchenthüre ein wenig. Richtig! Da stand die >Myrte< vor meinem Topfe und schöpfte mit einer kleinen türkischen Kaffeetasse den jetzt bereits ziemlich heißen Wein unaufhaltsam zwischen ihre weit geöffneten Lippen, welche nach jeder Tasse mit einem herzlich schmatzenden Laute zusammenklappten.
»Mersinah, verbrenne deine Zähne nicht!«
Sie fuhr erschrocken herum und ließ die Tasse fallen.
»O, Sihdi, es war ein Oerümdschek[85] in den Topf gelaufen, und den wollte ich wieder herausfischen!«
»Und diese Spinne hast du dir in den Mund gegossen?«
»Nein, Effendi, sondern nur das Wenige, was an der Spinne hängen geblieben ist.«
»Gieb mir den kleinen Topf von da unten herauf!«
»Hier, Emir!«
»Fülle ihn dir mit diesem Tranke!«
»Für wen?«
»Für dich?«
»Was ist es, Emir?«
»Es ist die Arznei, welche ein persischer Hekim erfunden hat, um das Alter wieder jung zu machen. Wer genug davon trinkt, dem ist die Seligkeit gegeben, und wer davon trinkt, ohne jemals aufzuhören, der hat das ewige Leben!«
Sie dankte mir in blühenden Ausdrücken, und ich trug das übrige nach oben. Die beiden Trinker waren trotz ihres Rangunterschiedes sehr nahe zusammengerückt und schienen sich ganz angenehm unterhalten zu haben.
»Weißt du, Effendi, worüber wir streiten?« fragte mich der Kommandant.
»Ich hörte es ja nicht!«
»Wir stritten, wessen System am meisten leiden muß, das seinige oder das meinige. Wer hat recht?«
»Das will ich euch sagen: Wem die Arznei die größte Hilfe bringt, dessen System hat am meisten gelitten.«
»Deine Weisheit ist zu groß, als daß wir sie begreifen könnten. Was hast du in diesem Topfe?«
»Das ist Itschki itschkilerin[86], denn ihm kommt kein anderer gleich.«
»Und du willst, daß wir ihn probieren sollen?«
»Wenn du es wünschest, so schenke ich dir davon ein.«
»Gieb mir!«
»Mir auch, Effendi,« bat der Agha.
Sie hatten beide bereits das, was der Spiro-Zoologe einen »Käfer« zu nennen pflegt, ja, es schien bereits ein bedeutender Hirschkäfer zu sein, der alle Anlagen zeigte, sich nach und nach in einen bekannten Vierhänder zu verwandeln. Es war nur heißer Wein, ohne alles Gewürz, den sie jetzt kosteten, aber er brachte sie dem »Seid umschlungen, Millionen!« sehr nahe; sie tranken bereits nur noch aus einem Glase, und der Mutesselim wischte sogar seinem Agha einmal den Bart ab, als einige Tropfen der herrlichen Arznei sich in den Wald desselben verlaufen hatten. Die dabei geführte Unterhaltung war diejenige zweier Personen, die im »edlen Kampfe voller Humpen« noch vollständige Laien sind: närrisch und kauderwelsch. Selbst ich, der ich nur that, als ob ich trinke, wurde in Mitleidenschaft gezogen; denn der Mutesselim umarmte mich ein über das andere Mal, und der Agha hielt traulich seinen Arm um meinen Nacken geschlungen.
Da erhob sich einmal der letztere, um eine neue Lampe für die rote Laterne zu holen. Er kam ganz glücklich in die Höhe, dann aber streckte er die Arme zuckend aus und trillerte unsicher mit den Knieen wie einer, der zum erstenmal Schlittschuhe läuft.
»Was ist dir, Agha?« fragte der Kommandant.
»O, Herr, ich bekomme das Baldyr tschekmisch[87]. Ich glaube, ich muß mich wieder setzen!«
»Setze dich! Ich werde dir helfen!«
»Kennst du ein Mittel?«
»Ein sehr gutes. Setze dich!«
Der Agha nahm wieder Platz. Der Kommandant richtete sich ein wenig empor und erkundigte sich mit liebevoller Herablassung:
»In welcher Wade hast du den Krampf?«
»In der rechten.«
»Gieb mir einmal das Bein!«
Der Agha streckte es ihm hin, und sein Vorgesetzter begann, an demselben mit allen Kräften zu zerren und zu ziehen.
»O jazik — o wehe, Herr; ich glaube, daß es doch in der linken ist!«
»So gieb diese her!«
Selim reichte ihm sein anderes Vehikel hin, und der Helfer in der Not zog aus Leibeskräften. Es war komisch-rührend, zu sehen, daß dieser hochgestellte Beamte, der gewohnt war, sich auch im Allerkleinsten bedienen zu lassen, seinem Untergebenen mit so brüderlicher Bereitwilligkeit die Wade zog und klopfte.
»Gut! Ich glaube, es ist nun weg!« sagte der Agha.
»So stehe einmal auf und probiere es!«
Selim erhob sich und gab sich dieses Mal Mühe. Er stand kerzengrad. Aber mit dem Gehen! Ich sah es ihm an, daß es ihm war wie einem flüggen Vogel, der sich zum erstenmal der unsicheren Luft anvertrauen will.
»Laufe einmal!« gebot der Mutesselim. »Komm; ich werde dich unterstützen!«
Er wollte sich mit der gewohnten Schnelligkeit aufrichten, verlor aber die Balance und kam sehr schnell in seine vorige Stellung zurück. Aber er wußte sich zu helfen. Er legte seine Hand auf meine Achsel und stand auf. Dann machte er die Beine breit, um eine festere Stellung zu bekommen, und starrte ganz verwundert auf die rote Lampe.
»Emir, deine Lampe fällt herab!«
»Ich glaube, sie hängt fest!«
»Sie fällt, und das Papier brennt an. Ich sehe schon die Flammen zucken!«
»Ich sehe nichts!«
»Maschallah! Ich sehe sie fallen, und dennoch bleibt sie oben! Wackele nicht so, Selim Agha, sonst wirst du umstürzen!«
»Ich wackele nicht, Effendi!«
»Ich sehe es sehr genau!«
»Du selbst wackelst, Herr!«
»Ich? Agha, mir wird es sehr bange um dein System. Deine Nerven schieben dich hin und her, und die Verdauung ist dir in die Beine gesunken. Du schüttelst die Arme und schlingerst mit dem Kopfe, als ob du schwimmen wolltest. O, Selim Agha, diese Medizin war zu herrlich und zu stark für dich. Sie wird dich zu Boden werfen!«
»Herr, du irrst! Was du mir sagst, das ist mit dir der Fall. Ich sehe deine Füße tanzen und deine Arme hüpfen. Dein Kopf dreht sich rund herum. Effendi, du bist sehr krank. Allah möge dir Hilfe senden, daß das System deines Blutes nicht ganz und gar zu Grunde gehe!«
Das war dem Mutesselim denn doch zu viel. Er machte eine Faust und drohte:
»Selim Agha, nimm dich in acht! Wer da sagt, daß mein System nicht in Ordnung sei, den lasse ich peitschen oder einstecken! Wallah! Habe ich denn den Schlüssel zu mir gesteckt?«
Er fuhr sich nach dem Gürtel und fand das Gesuchte.
»Agha, mache dich auf und begleite mich! Ich werde jetzt das Gefängnis untersuchen. Emir, deine Medizin ist wirklich wie die Milch des Paradieses; aber sie hat deinen Magen umgedreht; du willst immer mit dem Kopfe nach unten. Erlaubst du, daß wir gehen?«
»Wenn es dein Wille ist, den Gefangenen zu besuchen, so darf ich dich in der Erfüllung deiner Pflicht nicht hindern.«
»So gehen wir. Wir danken dir für das Gute, das du uns heute schmecken ließest. Wirst du bald wieder Medizin bereiten?«
»Sobald du es wünschest.«
»Die heiße ist noch besser als die kalte, aber sie geht dem Menschen durch Mark und Bein und schiebt ihm die Knochen ineinander. Allah behüte dich und gebe dir eine gute Ruhe!«
Er ging auf den Agha zu und nahm ihn beim Arme.
Sie gingen ab und ich folgte ihnen. An der Treppe blieben sie stehen.
»Selim Agha, steige du zuerst hinunter!«
»Herr, diese Ehre gebührt ja dir!«
»Ich bin nicht stolz; das weißt du ja.«
Der Agha setzte, während er sich mit den Händen anhielt, einen Fuß um den andern sehr vorsichtig auf die Stufen. Der Mutesselim folgte ihm. Es wollte nicht recht sicher bei ihm gehen, zumal ihm die Treppe unbekannt war.
»Effendi, bist du noch da?« fragte er.
»Ja.«
»Weißt du, daß es Sitte ist, seine Gäste bis vor die Thüre zu begleiten?«
»Ich weiß es.«
»Aber du begleitest mich ja nicht!«
»So erlaube, daß ich es thue!«
Ich nahm ihn beim Arme und stützte ihn. Nun ging es besser. Unten vor der Thüre blieb er stehen, um tief Atem zu holen.
»Emir, dieser Makredsch ist eigentlich auch dein Gefangener,« meinte er.
»Wenn man es recht betrachtet, ja.«
»So mußt du dich auch überzeugen, ob er noch da ist!«
»Ich werde euch begleiten.«
»So komm, gieb mir deinen Arm!«
»Du hast zwei Arme, Effendi,« meinte der Agha; »gieb mir den andern!«
Die beiden Männer hingen schwer an mir, aber ihr Rausch befand sich doch noch immer innerhalb desjenigen Stadiums, in welchem man noch leidlich Herr seiner selbst ist. Ihr Gang war unsicher, doch kamen wir rasch vorwärts. Die Gassen lagen finster und öde da. Kein Mensch begegnete uns.
»Deine Arnauten werden erschrecken, wenn ich komme,« sagte der Mutesselim zum Agha.
»Und ich mit dir!« brüstete sich dieser.
»Und ich mit euch!« vervollständigte ich.
»Ist der Araber noch da?«
»Herr, glaubst du, ich lasse solche Leute ausreißen?« fragte Selim Agha sehr beleidigt.
»Ich werde auch nach ihm sehen. Hat er auch Geld gehabt?«
»Nein.«
»Wie viel denkst du, daß der Makredsch bei sich hat?«
»Ich weiß es nicht.«
»Er muß es hergeben. Aber, Selim, deine Arnauten sollten dann eigentlich nicht dabei sein.«
»So gebiete ich ihnen, fortzugehen.«
»Und wenn sie lauschen?«
»Ich riegele sie ein.«
»Gut. Aber wenn wir fort sind, werden sie mit dem Gefangenen reden.«
»Sie bleiben eingeriegelt.«
»So ist es richtig. Dieses Geld gehört in die Kasse des Mutesselim, welcher dem Agha der Arnauten ein sehr gutes Bakschisch giebt.«
»Wie viel, Herr?«
»Das kann ich jetzt noch nicht wissen, denn ich muß erst sehen, wie viel er bei sich führt.«
Wir kamen bei dem Gefängnisse an.
»Schließe auf, Selim Agha!«
»Herr, du selbst hast doch den Schlüssel!«
»Ja, richtig!«
Er langte in den Gürtel und zog den Schlüssel hervor, um zu öffnen. Er probierte und probierte, fand aber das Schlüsselloch nicht.
Darauf hatte ich allerdings gerechnet. Darum bat ich:
»Erlaube, Effendi, daß ich dir öffne!«
Ich nahm den Schlüssel aus seiner Hand, machte auf, zog ihn wieder ab, trat in den Flur und steckte den Schlüssel von innen wieder in das Schloß.
»Tretet ein. Ich werde wieder verschließen!«
Sie kamen herein. Ich that, als ob ich zuschließen wolle, drehte aber den Schlüssel schnell wieder zurück und versuchte scheinbar, ob auch wirklich fest zugeschlossen sei.
»Es ist zu. Hier hast du deinen Schlüssel, Mutesselim!«
Er nahm ihn. Da kamen aus der hintern Zelle und auch von oben die Arnauten herbei, mit den Lampen in der Hand.
»Ist alles in Ordnung?« fragte der Mutesselim mit Würde.
»Ja, Herr.«
»Ist keiner entwischt?«
»Nein.«
»Auch der Araber nicht?«
»Nein.«
»Aber der Makredsch?«
»Auch nicht,« antwortete der Sergeant bei diesem geistreichen Verhöre.
»Das ist euer Glück, ihr Hunde. Ich hätte euch totpeitschen lassen. Packt euch hinauf in eure Stube! Selim Agha, schließe sie ein!«
»Emir, willst du es nicht thun?« fragte mich dieser.
»Gern!«
Das war mir lieb. Der Agha nahm eine der Lampen, und ich führte die Leute nach oben.
»Warum werden wir eingeschlossen, Herr?« fragte der Sergeant.
»Die Gefangenen werden verhört.«
Ich ließ sie in ihre Zelle treten und schob die Riegel vor, dann stieg ich wieder die Treppe hinab. Da der Kommandant und der Agha bereits nach hinten gingen, lag die Außenthüre im Dunkeln. Ich huschte hin und öffnete sie, so daß sie nur angelehnt blieb. Dann schritt ich schnell den beiden nach.
»Wo liegt er?« hörte ich den Mutesselim fragen.
»Hier.«
»Und wo liegt der Haddedihn?« fragte ich, um dem Oeffnen der andern Thüre zuvorzukommen; denn ich mußte darauf sehen, daß bei dem Araber zuerst aufgemacht wurde.
»Hier hinter der zweiten Thüre.«
»So mache einmal auf!«
Der Kommandant schien mit meinem Verlangen einverstanden zu sein. Er nickte mit dem Kopfe, und nun machte Selim auf.
Der Gefangene hatte unser lautes Kommen gehört und stand aufrecht in seinem Loche. Der Mutesselim trat näher.
»Du bist Amad, der Sohn von Mohammed Emin?«
Er erhielt keine Antwort.
»Kannst du nicht reden?«
Es erfolgte dasselbe Schweigen.
»Hund, man wird dir den Mund zu öffnen wissen! Morgen wirst du fortgeschafft!«
Amad sprach keine Silbe, hielt aber das Auge auf mich gerichtet, um sich keine meiner Mienen entgehen zu lassen. Ich gab ihm durch ein schnelles Aufziehen und Sinkenlassen der Brauen zu verstehen, daß er aufmerken solle; dann schob Selim die Riegel wieder vor.
Jetzt wurde die andere Thüre geöffnet. Der Makredsch stand an die Mauer gelehnt. Sein Auge war erwartungsvoll auf uns gerichtet.
»Makredsch, wie gefällt es dir?« fragte der Kommandant ein wenig ironisch, wohl infolge des Weines.
»Wollte doch Allah, daß du an meiner Stelle wärest!«
»Das wird der Prophet verhüten! Dein Schicksal ist ein sehr schlimmes?«
»Ich fürchte mich nicht!«
»Du hast den Agha hier ermorden wollen.«
»Er ist es wert!«
»Hast ihn bestechen wollen.«
»Er ist die Dummheit selbst!«
»Hast ihn gleich bezahlen wollen.«
»Der Kerl verdiente, gehängt zu werden!«
»Vielleicht wären deine Wünsche zu erfüllen,« meinte der Kommandant mit schlauer Miene. Infolge des Weingenusses und vor Erwartung der hoffentlichen Beute strahlte sein Angesicht.
»Wie?« zuckte der Makredsch auf. »Sprichst du im Ernste?«
»Ja.«
»Du willst mit mir handeln?«
»Ja.«
»Wie viel wollt ihr haben?«
»Wie viel hast du bei dir?«
»Mutesselim, ich brauche Reisegeld.«
»Wir werden so billig sein, es dir zu lassen.«
»Gut, so wollen wir verhandeln. Aber nicht in diesem Loche!«
»Wo sonst?«
»In einem Raume, der für Menschen, nicht aber für Ratten ist.«
»So komm herauf!«
»Gebt mir die Hand!«
»Selim Agha, thue es!« meinte der Kommandant, der seinem Gleichgewichte nicht zu trauen schien.
Dem Agha aber kam ganz dasselbe Bedenken, denn er gab mir einen Stoß in die Seite und ermahnte mich:
»Effendi, thue du es!«
Ich streckte also, um die Sache nicht zu verzögern, meinen Arm aus, faßte den Makredsch bei der Hand und zog ihn heraus.
»Wohin soll er?« fragte ich.
»In die Wächterzelle,« antwortete der Kommandant.
»Soll ich diese Thüre auflassen oder — — —?«
»Lehne sie nur an!«
Ich machte mir mit der Thüre zu schaffen, um die drei erst in die Zelle eintreten zu lassen, aber das ging nicht; der Kommandant wartete auf mich. Ich mußte also an etwas anderes denken.
Voran trat der Makredsch ein, hinter ihm der Kommandant mit der Lampe, dann der Agha und endlich ich. In dem Augenblicke, in welchem diese Ordnung aufgelöst wurde, genügte ein schneller, bei dem Agha vorüber geführter Stoß meiner Hand an den Ellenbogen des Kommandanten, um diesem die Lampe aus der Hand zu werfen.
»Agha, was thust du?« rief dieser.
»Ich war es nicht, Herr!«
»Du stießest mich! Nun ist es finster. Schaffe eine andere Lampe!«
»Ich werde sie von den Arnauten holen,« meinte ich und verließ die Zelle. Ich verschloß sie, trat an die Thüre der Nachbarzelle und schob leise die Riegel zurück.
»Amad el Ghandur!«
»Herr, bist du es?«
»Ja. Komme schnell herauf.«
Er stieg mit meiner Hilfe empor, und ich schob den Riegel wieder vor.
»Sprich nicht, sondern eile sehr!« flüsterte ich.
Ich faßte ihn, führte ihn rasch an die Außenthüre des Gefängnisses, trat mit ihm hinaus und zog die Thüre wieder heran.
Die frische Luft trieb ihn fast zurück. Er war sehr schwach.
Ich nahm ihn wieder bei der Hand; im Fluge ging es fort, um zwei Ecken hinum, und bei der dritten hielten wir. Seine Lungen atmeten laut.
»Fasse dich! Dort ist meine Wohnung, und dort ist auch dein Vater.«
Ich stieß das verabredete Krächzen aus, und sofort erblickte ich einen Lichtschein, an dem ich erkannte, daß die Hausthüre aufgestoßen worden war.
Wir eilten über den Platz hinüber. Unter der Thüre stand Halef.
»Schnell hinein!«
Nun eilte ich zurück. Ich erreichte das Gefängnis in einer Zeit von sicher nicht zwei Minuten, nachdem wir es verlassen hatten, machte die Thüre zu und sprang die dunkle, mir aber nun bekannte Treppe hinauf, um mir von den Arnauten eine Lampe geben zu lassen. In einigen Sekunden befand ich mich wieder unten und kehrte in die Wächterzelle zurück.
»Du warst lange fort, Effendi!« bemerkte der Mutesselim.
»Die Wächter wollten wissen, warum sie eingeschlossen sind.«
»Hättest du ihnen eine Ohrfeige statt einer Antwort gegeben! Warum hast du uns eingeschlossen?«
»Herr, es war ja ein Gefangener bei euch!«
»Du bist vorsichtig, Emir; du hast recht gethan. Setze die Lampe her und laß uns beginnen!«
Es verstand sich ganz von selbst, daß der Kommandant nicht beabsichtigte, den Gefangenen gegen das Geld desselben freizugeben. Er wollte das Geld nur durch eine List an sich bringen, weil er den Widerstand des Makredsch fürchtete. Aber diese List war eine Hinterlist, eine Treulosigkeit und zugleich jedenfalls eine große Unvorsichtigkeit. Sie beide befanden sich in einem angetrunkenen Zustande; der Makredsch konnte sie überwältigen, ihnen den Schlüssel abnehmen und entfliehen, ohne daß es den eingeriegelten Arnauten möglich gewesen wäre, ihnen beizustehen.
»Nun sage, wie viel Geld du bei dir hast!« begann der Kommandant.
»Sage mir lieber, wie viel ihr von mir verlangt!«
»Ich kann erst dann eine Summe sagen, wenn ich weiß, ob du sie auch bezahlen kannst.«
»Versuche es einmal!«
»Giebst du dreitausend Piaster?«
»Das ist mir zu viel,« meinte der Makredsch zurückhaltend.
»So giebst du viertausend.«
»Herr! Du steigst ja in die Höhe!«
»Makredsch, du steigest ja abwärts! Ein Mutesselim braucht nicht mit sich feilschen zu lassen. Sagst du nicht ja, so gehe ich noch höher.«
»Ich habe es nicht. Zweitausend könnte ich dir geben!«
»Deine Hand ist verschlossen, aber du wirst sie gern noch öffnen. Jetzt verlange ich fünftausend!«
»Herr, ich will dir die drei Tausend geben!«
»Fünf habe ich gesagt!«
Die Augen des Makredsch hafteten wütend auf dem Kommandanten, und die Angst um sein Geld stand ihm deutlich auf der Stirn geschrieben. Aber die Sorge für seine Freiheit war noch größer.
»Versprichst du mir, mich hinaus zu lassen, wenn ich dich bezahle?«
»Ich verspreche es dir.«
»Schwöre es mir bei dem Propheten!«
»Ich schwöre es!«
Diese Worte sprach der Mutesselim unbedenklich aus.
»So zähle!« sagte der Makredsch.
Er langte in die Taschen seiner weiten Beinkleider und zog ein Paket hervor, welches in ein seidenes Tuch geschlagen war. Er öffnete es und begann, die Summe auf dem Fußboden aufzuzählen, wobei der Agha leuchtete.
»Ist es richtig?« fragte er, als er fertig war.
Der Mutesselim zählte nach und sagte dann:
»Es sind Kaime[88] mit dem Zahlwerte von fünftausend Piaster. Aber du wirst wissen, daß dieses Geld den vollen Wert nicht hat. Das Pfund Sterling kostet, mit Kaime bezahlt, jetzt einhundertvierzig statt einhundertzehn Piaster, und du hast also noch zweitausend Piaster daraufzulegen!«
»Herr, bedenke, daß die Kaime sechs Prozent Zinsen tragen!«
»Früher war dies der Fall, aber auch nur bei einem Teile dieses Geldes; doch der Großherr zahlte auch für ihn keine Zinsen. Lege zweitausend dazu.«
»Herr, du bist ungerecht!«
»Gut! Gehe in dein Loch!«
Dem Makredsch stand der Schweiß auf der Stirn.
»Aber zweitausend macht es ja nicht!«
»Wie viel denn?«
»Dreizehnhundertunddreiundsechzig.«
»Das bleibt sich gleich! Was ich sage, das habe ich gesagt. Du giebst noch zweitausend!«
»Herr, du bist grausam wie ein Tiger!«
»Und dich wird der Geiz noch töten!«
Mit Grimm im Angesichte zählte der Makredsch von neuem auf.
»Hier, nimm!« sagte er endlich, tief Atem holend.
Der Mutesselim zählte wieder nach, schob die Scheine zusammen und steckte sie zu sich.
»Es stimmt!« meinte er. »Danke dem Propheten, daß er dein Herz zur Einsicht bekehrt hat, denn sonst hätte ich noch mehr gefordert!«
»Nun laß mich gehen!« forderte der andere, sein Tuch wieder um die übrig gebliebenen Scheine schlagend.
Der Kommandant sah ihn mit sehr gut gespielter Verwunderung an.
»Gehen lassen? Ja, aber erst dann, wenn du bezahlt hast!«
»Ich habe es doch gethan!«
»Ja, mich hast du bezahlt, aber noch nicht diesen Agha der Arnauten!«
»Alla illa Allah!« rief der Gefangene zornig. »Du hast doch nur fünftausend Piaster verlangt!«
»Allah hat dir deinen Verstand verdunkelt. Warum fragtest du nicht, für wen diese fünftausend Piaster seien? Sie waren nur für mich. Der Agha hat seinen Teil noch zu erhalten.«
»Wie viel?«
»Ebenso viel wie ich!«
»Herr, der Satan redet aus dir!«
»Bezahle, so wird er schweigen!«
»Ich bezahle nicht!«
»So kehrest du in dein Loch zurück!«
»Oh, Mohammed, oh, ihr Khalifen, ihr habt seinen Schwur gehört! Der Scheïtan ist bereits in ihm; er wird ihn umbringen!«
»Das Oel dieser Lampe geht zur Neige. Wirst du bezahlen oder nicht?«
»Ich gebe ihm tausend!«
»Fünftausend! Handle nicht, sonst steige ich höher!«
»Ich habe sie nicht!«
»Du hast sie. Ich habe es gesehen, daß es langen wird.«
»So gebe ich — — —«
»Soll ich etwa sechstausend fordern?«
»Du bist ein Tyrann, ja, du bist der Teufel selbst!«
»Makredsch, wir sind miteinander fertig!«
Er erhob sich langsam und vorsichtig.
»Halt!« rief der Gefangene. »Ich werde bezahlen!«
Die Freiheit stand ihm schließlich doch noch höher als das Geld. Er begann von neuem aufzuzählen, während der Kommandant sich wieder setzte. Das Paket langte wirklich; aber es blieben ihm nur noch einige Scheine übrig.
»Hier liegt es,« meinte er, »und Allah verdamme den, der es nimmt!«
»Du hast recht gesagt, Makredsch,« antwortete sein früherer Verbündeter und jetziger Gegner sehr ruhig. »Dieser Agha der Arnauten wird das Geld nicht nehmen.«
»Warum?«
»Es sind nur die fünf Tausend. Du hast vergessen, die zwei Tausend daraufzulegen.«
Der Makredsch machte eine Bewegung, als wolle er sich auf den Kommandanten stürzen; aber er besann sich noch.
»Ich habe nichts mehr als diese drei Papiere.«
»So schließe ich dich ein. Vielleicht besinnst du dich dann, daß du noch mehr Geld bei dir trägst. Komm!«
Der Makredsch machte eine Miene, als ob er ersticken wolle, dann langte er abermals in die Tasche und zog einen Beutel hervor, den er so hielt, daß nur er selbst den Inhalt sehen konnte.
»So will ich versuchen, ob ich es noch zusammenbringe! Dein Herz ist von Stein, und deine Seele hat sich in einen Felsen verwandelt. Ich habe hier nur kleine Silberstücke mit einigen goldenen Medschidje darunter. Diese letzteren sollst du erhalten, wenn sie reichen.«
Er legte die drei Scheine hin und dann sehr langsam ein Goldstück nach dem andern hinzu.
»Hier! Nun bin ich arm, denn ich habe höchstens noch vierzig Piaster bei mir, und diese muß ich haben, wenn ich nicht verhungern will!«
Ich muß gestehen, daß ich mit dem Manne Bedauern empfand; aber ich sah vorher, daß er auch den letzten Heller werde geben müssen. Es war als ob der Anblick des Geldes den Mutesselim vollständig ernüchtert hätte. Und auch an dem Agha war nicht die Spur eines Rausches zu bemerken. Dieser langte hastig zu, um die Summe an sich zu nehmen.
»Halt!« wehrte ihm der Kommandant. »Ich werde dieses Geld einstweilen aufbewahren.«
Er schob es zusammen und steckte es ein.
»Jetzt endlich bin ich frei!« sagte der Makredsch.
Der Kommandant schüttelte in höchster Verwunderung den Kopf.
»Frei! Hast du denn bezahlt?«
»Sind dir deine Sinne abhanden gekommen? Du hast ja das Geld eingesteckt!«
»Das meinige und das dieses Selim Agha. Aber dieser Emir hat noch nichts erhalten!«
»Er hat ja gar nichts zu bekommen!«
»Wer sagt dir das? Er ist ja hier, und muß also auch bezahlt werden!«
»Aber er hat ja über mich nicht das mindeste zu gebieten!«
»Hat er dich nicht gefangen nehmen lassen? Du hast das Fieber, Makredsch, sonst würdest du erkennen, daß er eigentlich noch mehr zu bekommen hat, als wir beiden anderen zusammen.«
»Er hat nichts zu erhalten!« rief der Gepeinigte nun förmlich wütend. »Er bekommt nichts, denn ich habe nichts mehr, und ich würde ihm keinen Piaster und keinen Para geben, selbst wenn ich Millionen bei mir trüge!«
»Du hast noch Geld!«
»Vierzig Piaster, wie ich dir schon sagte!«
»Oh Makredsch, wie dauerst du mich! Glaubst du, daß ich den Klang des Goldes von dem des Silbers nicht unterscheiden kann! Dein Beutel ist noch voll goldener Medschidje zu hundert und fünfzig Piaster, und sein Bauch ist so umfangreich, daß du mehr zusammenbringst, als was du brauchst, um den Emir zu bezahlen. Du hast dich sehr gut mit Reisegeld versehen!«
»Du irrst!«
»Zeige mir den Beutel her!«
»Er gehört mir!«
»So behalte ihn, aber bezahle!«
Der Makredsch wand sich wie ein Wurm unter den unnachsichtlichen Forderungen des geldgierigen Mannes. Es war eine widerwärtige Scene, aber sie warf ein deutliches Licht auf die Zustände der türkischen Verwaltung besonders jener Provinzen, welche dem Padischah am fernsten liegen.
»Ich kann nicht!« erklärte der Makredsch entschieden.
»So folge uns in dein Loch!«
»Ich gehe nicht. Ich habe dich bezahlt!«
»Wir werden dich zu zwingen wissen.«
»So gieb mir mein Geld wieder heraus!«
»Es gehört mir. Bedenke, daß ich dich gefangen habe und verpflichtet bin, dir alles abzunehmen, was du bei dir trägst!«
»Ich würde auch diese Summe bezahlen, wenn ich sie hätte!«
»Du hast sie. Und wenn dein Beutel ja zu wenig enthält, so habe ich eine schöne Uhr bei dir gesehen, und an deinen Fingern glänzen Ringe, welche viel mehr wert sind, als das, was ich noch zu verlangen habe.«
»Es bleibt dabei, ich kann nicht! Fünfhundert Piaster will ich diesem Manne geben, der mein größter Feind ist.«
Er blitzte mir mit Augen entgegen, in denen der grimmigste Haß zu lesen war. Ich konnte nicht an seiner Feindschaft zweifeln.
»So hast du dein letztes Gebot gethan?« fragte der Kommandant.
»Ja.«
»Dann vorwärts! Folge uns!«
Er stand entschlossen auf; auch der Agha that dies.
Ich stand an der Thüre und trat zur Seite, um dem Mutesselim den Vortritt zu lassen. Aus dem Gürtel desselben blickte der Schlüssel hervor. Die Augen des Gefangenen leuchteten auf. Er that einen Sprung, riß den Schlüssel heraus, warf den Kommandanten auf den Agha, daß beide taumelnd an mich flogen und ich fast niedergerissen wurde, sprang zur Thüre hinaus und eilte den finstern Gang hinauf. Die Lampe war umgestürzt und Finsternis umhüllte auch uns.
»Ihm nach!« rief der Kommandant.
Der Makredsch wäre gerettet gewesen, wenn er die Geistesgegenwart gehabt hätte, die Thüre hinter sich zuzuwerfen und den Riegel vorzuschieben. Zeit dazu hätte er gehabt, denn die beiden Männer verwirrten sich ineinander, so daß ich, um schnell hinauszukommen, sie fassen und von der Thüre zurückschleudern mußte.
Schon hörte ich den Schlüssel im Schlosse klirren. Der Umstand, daß die Thüre bereits von mir geöffnet war, wurde dem Makredsch verderblich. Er wandte die Kraft der Verzweiflung an, mittels des Schlüssels den Riegel zurückzubewegen, ohne das Oeffnen der Thüre zu versuchen. Der Riegel aber konnte nicht nachgeben. Jetzt war ich dort und faßte ihn. Er hatte sich gegen mich gewendet und die Vorsicht gebraucht, nach meinem Gürtel zu langen. Ich fühlte dies und griff nieder. Es war ihm gelungen, mein Messer zu ergreifen, denn die Schneide desselben strich, mich verwundend, über die Außenfläche meiner Hand hinweg. Es war so dunkel, daß ich seine Bewegungen nicht sehen konnte. Ich griff ihm also, indem ich ihn mit der Rechten festhielt, mit der Linken nach seiner rechten Achsel und fuhr von derselben aus längs des Armes herab, um sein Handgelenk zu fassen. Es war grad die rechte Zeit gewesen, denn er hatte bereits den Arm erhoben, um zuzustoßen.
Mittlerweile waren die beiden anderen schreiend bei uns angekommen. Der Kommandant packte mich an.
»Lasse los, Mutesselim, ich bin es ja!«
»Hast du ihn fest?«
»Ja. Schließe die Thüre schnell zu, und brenne Licht an. Er kann uns nicht entkommen!«
»Kannst du ihn allein halten, Emir?« fragte der Agha.
»Ja.«
»So werde ich Licht holen!«
Der Kommandant verschloß die Thüre, getraute sich dann aber nicht, uns nahe zu kommen. Ich hatte den Gefangenen an die gegenüberliegende Wand gebracht, konnte ihn aber nicht zu Boden drücken, weil ich die Hand nicht frei bekam, welche mich vor dem Messer zu schützen hatte. Ich hielt ihn aber fest, bis nach einer sehr langen Zeit der Agha mit Licht erschien. Er hatte erst oben bei dem Sergeanten Oel holen müssen. Er stellte die Lampe auf eine der Treppenstufen und kam herbei.
»Nimm ihm das Messer,« bat ich.
Er entriß es ihm, und nun hatte ich freie Hand. Ich faßte den Makredsch bei der Brust. Er griff nach mir, aber augenblicklich bückte ich mich, und während seine beiden Hände in die Luft langten, faßte ich ihn am Unterbeine und riß dasselbe empor, so daß er das Gleichgewicht verlor und niederstürzte.
»Bindet ihn!« sagte ich.
»Womit?«
»Mit seinem Gürtel.«
Sie thaten es. Er lag still und ruhig und ließ es geschehen. Nach der großen Anstrengung war das Gefühl einer Ohnmacht über ihn gekommen.
»Halte ihm die Beine!« gebot der Mutesselim dem Agha.
Der Erstere leerte nun vor allen Dingen die Taschen des Gefangenen; dann zog er ihm auch die Ringe ab und steckte alles zu sich. Hierauf packte der Agha den Gefangenen bei einem der Beine und zog ihn bis vor seine Zelle, in welche er ihn hinabgleiten ließ. Dann wurde dieselbe zugeschlossen. Nun mußte Selim hinauf, um die Wächter frei zu lassen und ihnen die größte Wachsamkeit einzuschärfen.
»Nimm ihnen den Schlüssel zum Thore ab!« rief ihm der Kommandant zu. »Dann kann niemand öffnen, und auch sie nicht.«
Selim that dies, und dann verließen wir das Gefängnis.
Draußen blieb der Mutesselim stehen. Er war jetzt vollständig ernüchtert, indem er sagte:
»Agha, ich werde nun das Verzeichnis von allem anfertigen, was der Makredsch bei sich hatte; denn ich habe alles mit ihm nach Mossul zu senden. Du wirst es unterzeichnen, damit ich beweisen kann, daß ich die Wahrheit geschrieben habe, falls ihm einfallen sollte, zu behaupten, daß er mehr gehabt habe!«
»Wann soll ich kommen?« fragte Selim.
»Zur gewöhnlichen Zeit.«
»Und den Schlüssel behältst du?«
»Ja. Vielleicht gehe ich des Nachts noch einmal hierher. Gute Nacht, Emir! Du warst mir heute von großem Nutzen und wirst mir sagen, wie ich dir dankbar sein kann.«
Er ging, und wir wandten uns unserer Wohnung zu.
»Effendi!« meinte der Agha mit sehr bedenklicher Stimme.
»Was?«
»Ich hatte siebentausend Piaster am Boden liegen!«
»Und freutest dich darauf?«
»Sehr!«
»Laß sie dir geben!«
»Ich? Geben? Weißt du, wie es morgen sein wird?«
»Nun?«
»Er wird ein Verzeichnis aufstellen, in welchem steht, daß der Makredsch tausend Piaster bei sich gehabt hat, und ich werde es unterschreiben. Das übrige, die Uhr und die Ringe behält er zurück, und ich werde dafür die große Summe von hundert Piastern erhalten.«
»Und wirst dich auch darüber freuen!«
»Zu Tode ärgern werde ich mich!«
»Das Verzeichnis erhält der Basch Tschausch?«
»Ja.«
»So wirst du mehr erhalten.«
»Wer sollte es mir geben?«
»Der Mutesselim oder ich.«
»Ich weiß, daß du ein barmherziges Herz besitzest. Oh Effendi, wenn du nur wenigstens noch ein wenig von deiner Arznei übrig hättest!«
»Ich habe noch davon. Willst du sie haben?«
»Ja.«
»Ich werde dir davon in die Küche bringen.«
Wir fanden die Thüre nicht verschlossen. In der Küche lag die >Myrte< auf einigen alten Fetzen, die ihr des Tages als Hadern und des Nachts als Lager dienten, und schlief den Schlaf der Gerechten.
»Mersinah!« rief der Agha.
Sie hörte nicht.
»Laß sie schlafen,« bat ich. »Ich werde dir die Arznei bringen, und dann magst du dich zur Ruhe begeben, die du so nötig brauchst.«
»Allah weiß es, daß ich sie verdient habe!«
Ich fand oben die Beteiligten alle in der Stube des Haddedihn versammelt. Sie brachten mir einen zu lauten Schwall von Worten entgegen, so daß ich Ruhe gebieten mußte. Ich befriedigte zunächst den Agha und überzeugte mich, daß er schlafen ging; dann kehrte ich zu ihnen zurück.
Amad el Ghandur hatte die neue Kleidung angelegt und war von seinem Vater rasiert und gereinigt worden. Nun bot er einen ganz andern Anblick dar, als vorher in der Zelle. Die Aehnlichkeit mit seinem Vater war ganz unverkennbar. Er hatte sich erhoben und trat mir entgegen.
»Emir, ich bin ein Beni Arab und kein plaudernder Grieche. Ich habe gehört, was du meinem Stamme und mir gethan. Mein Leben gehört dir, auch alles, was ich habe!«
Das war einfach gesprochen, aber es kam aus einem vollen Herzen.
»Noch bist du nicht in Sicherheit. Mein Diener wird dich in dein Versteck bringen,« antwortete ich.
»Ich bin bereit. Wir warteten nur auf dich.«
»Kannst du klettern?«
»Ja. Ich werde das Versteck erreichen, trotzdem ich schwach geworden bin.«
»Hier hast du meinen Lasso. Wenn dir die Kräfte fehlen, so mag Hadschi Halef Omar voranklettern und dich ziehen. Hast du Waffen?«
»Dort liegen sie; der Vater hat sie mir gekauft. Hier hast du deinen Dolch. Ich danke dir!«
»Und Nahrung?«
»Es ist alles eingepackt.«
»So geht! Wir werden dich bald abholen.«
Der Sohn des Scheik verließ mit Halef vorsichtig das Haus, und bald schlich auch ich mich fort, seine alten Kleider am Arme. Ich gelangte unbemerkt in die Nähe der Schlucht, riß den Haïk in Fetzen und hing dieselben an die Felskanten und Zweige des Gestrüppes, welches dort stand.
Zu Hause angekommen, wurde ich von dem Engländer in seine Stube geführt. Er hatte ein sehr zorniges Angesicht.
»Herein kommen und setzen, Sir!« sagte er. »Schlechte Wirtschaft! Miserabel hier!«
»Warum?«
»Sitze bei diesen Arabern und verstehe kein Wort! Mein Wein wird alle, mein Tabak wird alle, und ich werde auch alle! Yes!«
»Ich stehe Euch ja zu Diensten, um alles zu erzählen!«
Ich mußte ihm seinen Willen thun, obgleich ich mich nach Ruhe sehnte. Doch hätte ich immerhin erst Halefs Rückkehr erwarten müssen. Dieser ließ sehr lange auf sich warten, und als er kam, begann bereits der Tag zu grauen.
»Wie ist's?« fragte Master Lindsay. »Glücklich angekommen auf Villa?«
»Mit einiger Mühe!«
»Well! Halef hat Kleider zerrissen. Hier, Halef, Bakschisch!«
Der Hadschi verstand die englischen Worte nicht, wohl aber das letzte des Satzes. Er streckte die Hand aus und erhielt ein Hundertpiasterstück.
»Neuen Mantel kaufen; sagt es ihm, Sir!« — — —
So war denn dieser schlimme Abend vorüber, und ich konnte mich, wenigstens für einige Stunden, zur Ruhe legen, die ich denn auch in einem sehr tiefen, traumlosen Schlafe genoß. Ich erwachte nicht von selbst aus demselben, sondern es weckte mich eine sehr laute, hastige Stimme:
»Effendi! Emir! Wache auf! Schnell!«
Ich blickte von meinem Lager empor. Selim Agha stand vor mir, ohne Oberkleid und Turban. Die Scheitellocke hing ihm schreckensmatt in das Gesicht hinab; der Schnurrbart sträubte sich voll Entsetzen zu ihr empor, und die von dem genossenen Weine noch trüben Augen versuchten ein Rollen, welches sehr unglücklich ausfiel.
»Was giebt es?« fragte ich sehr ruhig.
»Erhebe dich! Es ist etwas Entsetzliches geschehen!«
Erst nach und nach brachte ich aus ihm heraus, daß der Mutesselim die Flucht des jungen Arabers entdeckt habe und nun in fürchterlicher Wut sei. Der geängstigte Agha bat mich inständig, mit ihm in das Gefängnis zu gehen und den Mutesselim zu beschwichtigen.
In kurzer Zeit befanden wir uns auf dem Wege. Unter der Gefängnisthüre wartete der Mutesselim auf den Agha. Er dachte gar nicht daran, mich zu begrüßen, sondern faßte Selim beim Arme und zog ihn in den Gang hinein, in welchem die zitternden Wächter standen.
»Unglücklicher, was hast du gethan!« brüllte er ihn an.
»Ich, Herr? Nichts, gar nichts habe ich gethan!«
»Das ist ja eben dein Verbrechen, daß du nichts, gar nichts gethan hast! Du hast nicht aufgepaßt!«
»Wo sollte ich aufpassen, Effendi?«
»Hier im Gefängnisse natürlich!«
»Ich konnte ja nicht herein!«
Der Mutesselim starrte ihn an. Dieser Gedanke schien ihm noch gar nicht gekommen zu sein.
»Ich hatte ja keinen Schlüssel!« fügte der Agha hinzu.
»Keinen Schlüssel — — —! Ja, Agha, das ist wahr, und das ist auch dein Glück, sonst wäre dir sehr Uebles widerfahren. Komm her und sieh einmal in das Loch hinab!«
Wir schritten den Gang entlang. Die Zellenthüre war geöffnet, und in dem Loche war nichts zu sehen, als das Loch.
»Fort!« meinte der Agha.
»Ja, fort!« zürnte der Mutesselim.
»Wer hat ihm aufgemacht?«
»Ja, wer? Sage es, Agha!«
»Ich nicht, Herr!«
»Ich auch nicht! Nur die Wächter waren da.«
Der Agha drehte sich nach diesen um.
»Kommt einmal her, ihr Hunde!«
Sie traten zögernd näher.
»Ihr habt hier geöffnet!«
Der Sergeant wagte es, zu antworten:
»Agha, es hat keiner von uns einen Riegel berührt. Wir haben die Thüren erst am Nachmittage zu öffnen, wenn das Essen gegeben wird, und so ist nicht eine einzige geöffnet worden.«
»So war ich der erste, welcher diese Thüre hier öffnete?« fragte der Kommandant.
»Ja, Effendi!«
»Und als ich öffnete, war das Loch leer. Er ist entflohen. Aber wie hätte er herausgekonnt? Gestern abend war er noch da; jetzt ist er fort. Zwischen dieser Zeit seid nur ihr dagewesen. Einer von euch hat ihn herausgelassen!«
»Ich schwöre bei Allah, daß wir diese Thüre nicht geöffnet haben!« versicherte zitternd der Sergeant.
»Mutesselim,« nahm ich jetzt das Wort, »diese Leute haben keinen Thorschlüssel gehabt. Wenn einer von ihnen den Gefangenen herausgelassen hätte, so müßte er noch im Hause sein.«
»Du hast recht; ich habe ja alle beide Schlüssel,« meinte er. »Wir werden alles durchsuchen.«
»Und schicke auch auf die Wache, um die Mauern der Stadt und die Klippen zu untersuchen. Wenn er die Stadt verlassen hat, so ist es sicher nicht durch eines der Thore, sondern über die Mauer weg geschehen, und dann glaube ich bestimmt, daß eine Spur von ihm gefunden wird. Seine Kleidung ist in diesem Loche so verschimmelt und vermodert, daß sie den Weg über die Felsen gewiß nicht ausgehalten hat.«
»Ja,« gebot er einem der Arnauten, »laufe eilig zur Wache und bringe meinen Befehl, daß die ganze Stadt durchsucht werde.«
Es begann jetzt ein sehr sorgfältiges Durchsuchen des Gefängnisses, welches wohl eine ganze Stunde dauerte. Natürlich aber wurde nicht die geringste Spur von dem Entflohenen entdeckt. Eben wollten wir das Gefängnis verlassen, als zwei Arnauten erschienen, welche mehrere Kleiderfetzen trugen.
»Wir fanden diese Stücke draußen über dem Abgrund hangen,« meldete der eine.
Der Agha nahm das Zeug in die Hand und prüfte es.
»Effendi, das ist von dem Ueberkleide des Gefangenen,« berichtete er dem Mutesselim. »Ich kenne es genau!«
»Bist du dessen sicher?«
»So sicher wie meines Bartes.«
»So ist er dennoch aus diesem Hause entkommen!«
»Aber wohl in den Abgrund gestürzt,« fügte ich hinzu.
»Laßt uns gehen und nachsehen!« gebot er.
Wir verließen das Gefängnis und kamen an den Ort, an welchem ich das Gewand zerrissen und verteilt hatte. Ich wunderte mich jetzt am Tage, daß ich nicht während der nächtlichen Dunkelheit hinab in den Schlund gestürzt war. Der Mutesselim besah sich das Terrain.
»Er ist hinuntergestürzt und sicher tot. Von da unten ist kein Auferstehen! Aber wann ist er entkommen?«
Diese Frage blieb natürlich unbeantwortet, so sehr sich der Kommandant während einiger Stunden auch Mühe gab, dem Geheimnisse auf die Spur zu kommen. Er wütete und tobte gegen einen jeden, der ihm nahe kam, und so war es kein Wunder, wenn ich seine Nähe mied. Die Zeit wurde mir trotzdem nicht lang, denn ich hatte genug zu thun. Zunächst wurde ein Pferd für Amad el Ghandur eingekauft, und dann ging ich zu meiner Patientin, die ich bis jetzt vernachlässigt hatte.
Vor der Thüre des Hauses stand ein gesatteltes Maultier; es war für ein Frauenzimmer bestimmt. Im Vordergemach stand der Vater, welcher mich mit Freuden bewillkommnete.
Ich fand die Kranke aufrecht sitzend; ihre Wangen waren bereits wieder leicht gerötet und ihre Augen frei von allen Spuren des Unfalles. An ihrem Lager standen die Mutter und die Urahne. Diese letztere befand sich in Reisekleidern. Sie hatte über ihr weißes Gewand einen schwarzen, mantelähnlichen Umhang geschlagen und auf ihrem Kopfe war ein ebenfalls schwarzer Schleier befestigt, welcher jetzt über den Rücken hinabhing. Das Mädchen reichte mir sofort die Hand entgegen.
»Oh, ich danke dir, Effendi, denn nun ist es sicher, daß ich nicht sterben werde!«
»Ja, sie wird leben,« sagte die Alte. »Du bist das Werkzeug Gottes und der heiligen Jungfrau gewesen, mir ein Leben zu erhalten, welches mir teurer ist, als alles auf Erden. Reichtümer darf ich dir nicht bieten, denn du bist ein großer Emir, der da alles hat, was er braucht; aber sage mir, wie ich dir danken soll, Effendi!«
»Danke Gott anstatt mir, dann kommt dein Dank an die rechte Stelle; denn er ist es gewesen, der dein Enkelkind gerettet hat!«
»Ich werde es thun und auch für dich beten, Herr, und das Gebet eines Weibes, welches bereits nicht mehr der Erde angehört, wird Gott erhören. Wie lange bleibst du in Amadijah?«
»Nicht lange mehr.«
»Und wohin gehest du?«
»Das soll niemand wissen, denn es wird vielleicht Gründe geben, es zu verschweigen. Euch aber kann ich sagen, daß ich nach Sonnenaufgang reiten werde.«
»So gehest du nach derselben Gegend, nach welcher auch ich abreise, Herr. Mein Tier wartet meiner bereits vor dem Hause. Vielleicht sehen wir uns niemals wieder; dann nimm den Segen einer alten Frau, die dir nichts weiter geben darf, aber auch nichts Besseres geben kann! Aber ein Geheimnis will ich dir verraten, denn es kann dir vielleicht von Nutzen sein. Ueber den Osten von hier brechen böse Tage herein, und es ist möglich, daß du einen dieser Tage erlebst. Kommst du in Not und Gefahr an einer Stelle, welche zwischen Aschiehtah und Gunduktha, dem letzten Orte von Tkhoma, liegt, und es kann dir niemand helfen, so sage dem ersten, der dir begegnet, daß dich der Ruh 'i kulyan[89] beschützen wird. Hört er dich nicht, so sage es weiter, bis du einen findest, der dir Auskunft giebt.«
»Der Ruh 'i kulyan? Der Höhlengeist? Wer führt diesen sonderbaren Namen?« fragte ich die Hundertjährige.
»Das wird dir niemand sagen können.«
»Aber du sprichst von ihm und kannst mir wohl Auskunft geben?«
»Der Ruh 'i kulyan ist ein Wesen, das niemand kennt. Er ist bald hier, bald dort, überall wo ein Bittender ist, der es verdient, daß seine Bitte erfüllt werde. An vielen Dörfern giebt es einen bestimmten Ort, an welchem man zu gewissen Zeiten mit ihm reden kann. Dahin gehen die Hilfesuchenden um Mitternacht und sagen ihm, was sie von ihm begehren. Er giebt dann Rat und Trost, aber er weiß auch zu drohen und zu strafen, und mancher Mächtige thut, was er von ihm begehrt. Nie wird vor einem Fremden von ihm gesprochen; denn nur die Guten und die Freunde dürfen wissen, wo er zu finden ist.«
»So wird mir dein Geheimnis keinen Nutzen bringen.«
»Warum?«
»Man wird mir nicht sagen, wo er zu finden ist, obgleich man sieht, daß ich seinen Namen kenne.«
»So sage nur, daß ich dir von ihm erzählt habe: dann wird man dir den Ort sagen, wo er zu finden ist. Mein Name ist bekannt im ganzen Lande von Tijari, und die Guten wissen, daß sie meinen Freunden vertrauen dürfen.«
»Wie lautet dein Name?«
»Marah Durimeh heiße ich.«
Das war eine geheimnisvolle Mitteilung, die aber so abenteuerlich klang, daß ich nicht den mindesten Wert auf sie legte. Ich verabschiedete mich und ging nach Hause. Dort merkte ich, daß es ungewöhnlich laut in der Küche herging. Es mußte der edlen >Myrte< etwas widerfahren sein, was ihren Unmut erweckt hatte. Unter den gegenwärtigen Umständen konnte das kleinste Ereignis für mich Wert besitzen, und so trat ich ein. Mersinah hielt dem tapfern Agha eine Strafpredigt, das sah ich auf den ersten Blick. Sie stand mit drohend erhobenen Armen vor ihm, und er hielt die Augen niedergeschlagen wie ein Knabe, der von seinem Erzieher einen Verweis erhält. Sie sahen mich eintreten, und sofort bemächtigte sich die >Myrte< meiner.
»Siehe dir einmal diesen Selim Agha an!«
Sie deutete mit gebieterischer Miene auf den armen Sünder, und ich machte mit meinem Kopfe eine Viertelwendung nach rechts, um ihn pflichtschuldigst in Augenschein zu nehmen.
»Ist dieser Mann ein Agha der Arnauten?« fragte sie nun.
»Ja.«
Ich gab diese Antwort natürlich in dem Tone meiner festesten Ueberzeugung, aber grad dieser Ton schien einen Rückfall ihres Raptus über sie zu bringen.
»Was! Also auch du hältst ihn für einen Befehlshaber tapferer Krieger? Ich werde dir sagen, was er ist; ein Agha der Feiglinge ist er!«
Der Agha schlug die Augen auf und versuchte, einen verweisenden Blick zu stande zu bringen. Es gelang ihm leidlich.
»Erzürne mich nicht, Mersinah, denn du weißt, daß ich dann schrecklich bin!« sagte er dabei.
»Worüber seid ihr so ergrimmt?« wagte ich jetzt zu fragen.
»Ueber diese fünfzig Piaster!« antwortete die >Myrte<, indem sie mit der verächtlichsten ihrer Mienen auf die Erde deutete.
Ich blickte nieder und sah nun zwei silberne Zwanzig- und ein ebensolches Zehn-Piasterstück am Boden liegen.
»Was ist's mit diesem Gelde?«
»Es ist vom Mutesselim.«
Jetzt begann ich das übrige zu ahnen und fragte:
»Wofür?«
»Für die Gefangennehmung des Makredsch. Effendi, du weißt ungefähr, wie viel Geld dieser bei sich hatte?«
»Ich schätze es auf ungefähr vierundzwanzigtausend Piaster.«
»So hat Selim mir doch die Wahrheit gesagt. Dieses viele ungeheure Geld hat der Kommandant dem Makredsch abgenommen und von demselben diesem tapfern Agha der Arnauten fünfzig Piaster gegeben!«
Bei diesen Worten bildete ihr ganzes Gesicht ein empörtes Ausrufezeichen. Sie schob die Silberstücke mit dem Fuße fort und fragte mich:
»Und weißt du, was dieser Agha der Arnauten gethan hat?«
»Was?«
»Er hat das Geld genommen und ist davongegangen, ohne ein einziges Wort zu sagen! Frage ihn, ob ich dich belüge!«
»Was sollte ich thun?« entschuldigte sich Selim.
»Ihm das Geld in den Bart werfen! Ich hätte es ganz sicherlich gethan. Glaubst du das, Effendi?«
»Ich glaube es!«
Mit dieser Versicherung sagte ich die Wahrheit. Sie beehrte mich mit einem Blicke der Dankbarkeit und fragte mich dann:
»Soll er es ihm wiedergeben?«
»Nein.«
»Nicht?«
Ich wandte mich an den Agha:
»Hast du das Verzeichnis, welches der Kommandant nach Mossul schicken muß, unterschrieben?«
»Ja.«
»Wie viel hat er angegeben?«
»Vierhundert Piaster in Gold und einundachtzig Piaster in Silber.«
»Weiter nichts?«
»Nein.«
»Die Uhr und die Ringe?«
»Auch nicht.«
»Er ist dein Vorgesetzter, und du darfst ihn dir nicht zum Feinde machen; darum ist es gut, daß du das Geld ruhig genommen hast. Weißt du noch, was ich dir versprochen habe?«
»Ich weiß es!«
»Ich werde mein Wort halten und mit dem Kommandanten sprechen. Tausend Piaster wenigstens sollst du erhalten.«
»Ist das wahr, Effendi?« frug Mersinah.
»Ja. Das Geld gehört weder dem Mutesselim noch dem Agha, aber es kommt auf alle Fälle in Hände, welche kein Recht daran haben, und so mag es bleiben, wo es ist. Aber der Agha soll nicht so schmählich betrogen werden!«
»Er sollte doch wohl siebentausend erhalten?«
»Die bekommt er nicht. Das wurde nur als Vorwand gesagt. Selim, ist der Basch Tschausch schon fort?«
»Nein, Effendi.«
»Er sollte doch am Vormittage fortgehen.«
»Der Mutesselim hat ja einen neuen Bericht zu schreiben, weil er in dem alten sagte, daß er den Araber schicken werde. Vielleicht soll der Basch Tschausch warten, bis wir den Entflohenen wieder haben.«
»Dazu ist wohl keine Hoffnung vorhanden.«
»Warum?«
»Weil er sich an den Felsen zu Tode gestürzt hat.«
»Und wenn wir uns getäuscht hätten?«
»Wieso?«
»Der Mutesselim scheint jetzt zu glauben, daß er noch lebt.«
»Hat er dir nähere Mitteilung darüber gemacht?«
»Nein; aber ich hörte es aus verschiedenen Worten, welche er sprach.«
»So wünsche ich ihm, daß er sich nicht irren möge!«
Ich begab mich nach meinem Zimmer. Sollte ein von mir oder von uns unbeachteter Umstand den Verdacht des Kommandanten erregt haben? Möglich war es. Aber dann war es auch geraten, sich auf alles gefaßt zu machen. Doch ehe ich meinen Gefährten eine Mitteilung machte, ging ich im Geiste noch einmal alles Geschehene durch. Ich konnte nichts finden, was mir hätte auffallen können, und noch war ich mit mir nicht im klaren, als der Agha die Treppen emporkam und bei mir eintrat.
»Effendi, es ist ein Bote des Mutesselim da. Er läßt uns sagen, daß wir nochmals in das Gefängnis kommen sollen.«
»Er ist bereits dort?«
»Ja.«
»Erwarte mich unten. Ich komme sogleich!«
War es in Frieden oder war es Feindseligkeit, daß er mich kommen ließ? Ich beschloß mich auch auf letztere vorzubereiten. Die beiden Revolver waren geladen. Ich steckte auch die Pistolen zu mir und ging dann zu Halef. Dieser war allein in seiner Stube.
»Wo ist der Buluk Emini?«
»Der Basch Tschausch hat ihn geholt.«
Das war nichts Besonderes, fiel mir aber doch auf, weil ich einmal Verdacht gefaßt hatte.
»Wie lange ist es her?«
»Gleich als du fortgingst, um das Pferd zu kaufen.«
»Komm mit herüber zum Haddedihn!«
Dieser lag rauchend am Boden.
»Emir,« empfing er mich, »Allah hat mir nicht die Geduld verliehen, lange auf ein Ding zu warten, nach dem ich mich sehne. Was thun wir noch in dieser Stadt?«
»Vielleicht verlassen wir sie in kurzer Zeit. Es hat fast den Anschein, als ob wir verraten seien.«
Jetzt erhob er sich langsam und in der Art und Weise eines Mannes, der zwar überrascht wird, sich aber stark genug fühlt, diese Ueberraschung zu verbergen und ihren Folgen zu begegnen.
»Woraus schließest du das, Effendi?«
»Ich ahne es einstweilen nur. Der Kommandant hat zu mir geschickt, daß ich in das Gefängnis kommen soll, wo er mich erwartet. Ich werde gehen, aber die Vorsicht nicht vergessen. Komme ich in einer Stunde nicht zurück, so ist mir ein Uebel widerfahren.«
»Dann suche ich dich!« rief Halef.
»Du wirst nicht zu mir können, denn ich werde mich vielleicht in dem Gefängnisse befinden, und zwar als Gefangener. Ihr könnt dann wählen: — entweder ihr flieht, oder ihr sucht, mich frei zu machen.«
»Wir werden dich nicht verlassen!« versicherte der Haddedihn mit ruhiger Stimme.
Wie er jetzt stolz und aufrecht vor mir stand; im langen, weißen Bart, der bis auf den Gürtel herab wallte, bot er ganz das Bild eines kühnen, aber doch besonnenen Mannes.
»Ich danke dir! Sollten sie mich gefangen nehmen, so steht doch so viel fest, daß es nur nach einem heißen Kampfe geschieht. Binden aber lasse ich mich auf keinen Fall, und dann wird es wohl möglich sein, euch die Zelle zu bezeichnen, in der ich mich befinde.«
»Wie willst du dies thun, Sihdi?« fragte Halef.
»Ich werde versuchen, an der Mauer in die Höhe zu kommen, und euch das Zeichen mit einem meiner Kleidungsstücke geben, welches ich soweit im Loche vorschiebe, daß ihr es sehen könnt. Dann ist es euch vielleicht möglich, mir durch den Agha oder durch Mersinah eine Botschaft zu senden. Lange bin ich keinenfalls gefangen. Auf alle Fälle aber haltet ihr eure Pferde gesattelt. Ueberlegt euch die Sache selbst weiter; ich habe keine Zeit, denn der Mutesselim wartet, und ich muß noch zum Engländer.«
Auch dieser saß auf seinem Teppich und rauchte.
»Schön, daß Ihr kommt, Sir!« begrüßte er mich. »Wollen fort!«
»Warum?«
»Ist nicht geheuer hier!«
»Sprecht deutlicher!«
Er erhob sich, trat in die Nähe der Fensteröffnung und deutete auf das Dach des gegenüberliegenden Hauses.
»Seht dort!«
Ich blickte schärfer hinüber und erkannte die Gestalt eines Arnauten, welcher auf dem Bauche lag und unsere Wohnung beobachtete.
»Werde auch auf unser Dach steigen,« sagte Lindsay ruhig, »und dem Manne dort eine Kugel geben!«
»Ich gehe jetzt nach dem Gefängnisse, wo mich der Mutesselim erwartet. Wenn ich in einer Stunde nicht zurück bin, so ist mir etwas geschehen, und ich sitze fest. In diesem Falle stecke ich irgend ein Kleidungsstück aus dem Loche heraus, in welchem ich hocke. Ihr könnt es von den hintern Fenstern oder von dem Dache aus sehen.«
»Sehr schön; wird großes Vergnügen sein; sollen Master Lindsay kennen lernen!«
»Verständigt Euch mit Halef. Er spricht ja einige Brocken Englisch.«
»Werden Pantomimen machen. Yes!«
Ich ging. Ueber mich wachten drei Männer, auf die ich mich verlassen konnte. Uebrigens war Amadijah bereits menschenleer; die Hälfte der Garnison laborierte am Fieber, und den Mutesselim hatte ich in meiner Hand.
Selim Agha stand bereits unter der Thüre. Die beiden Besprechungen hatten ihm zu lange gedauert, und er suchte das Versäumte durch einen schnellen Schritt wieder einzuholen. Wie bereits heute morgen, stand der Kommandant auch jetzt wieder unter der geöffneten Gefängnisthüre. Er trat zurück, als er uns erblickte. Seit meinem Austritte aus der Wohnung bis hierher hatte ich scharf gespäht, aber keinen Menschen gesehen, der den Auftrag hätte haben können, mich zu beaufsichtigen. Die zwei Gassen, durch welche wir kamen, waren leer, und auch in der Nähe des Gefängnisses ließ sich niemand sehen. Der Kommandant begrüßte mich sehr höflich, aber mein Mißtrauen entdeckte sehr leicht, daß hinter dieser Höflichkeit sich eine Arglist barg.
»Effendi,« begann er, als er die Thüre hinter sich und uns verschlossen hatte, »wir haben den Körper des Entflohenen nicht gefunden.«
»Hast du in der Schlucht suchen lassen?«
»Ja. Es sind Leute an Stricken hinabgelassen worden. Der Gefangene ist nicht dort hinab.«
»Aber seine Kleider lagen dort!«
»Vielleicht hat er sie dort nur abgelegt!«
»Dann würde er ja ein anderes Gewand haben müssen!«
»Vielleicht hat er das gehabt. Es ist gestern ein vollständiger Anzug gekauft worden.«
Er blickte mich bei diesen Worten forschend an. Er meinte jedenfalls, ich werde mich durch eine Miene verraten; im Gegenteil aber hatte er sich durch diese Bemerkung bloßgestellt, denn nun wußte ich ganz genau, was ich von ihm zu erwarten hatte.
»Für ihn?« fragte ich ungläubig lächelnd.
»Ich glaube es. Ja, man hat sogar ein Reitpferd gekauft!«
»Auch für ihn?«
»Ich denke es. Und dieses befindet sich noch in der Stadt.«
»Er will also offen und frei zum Thore hinausreiten? Oh, Mutesselim, ich glaube, dein System ist noch nicht in Ordnung gekommen. Ich werde dir Medizin senden müssen!«
»Ich werde nie wieder eine solche Medizin trinken,« antwortete er einigermaßen verlegen. »Ich habe die Ueberzeugung, daß er zwar hier aus dem Gefängnisse entkommen ist, sich aber noch in der Stadt befindet.«
»Und weißt du auch, wie er entkommen ist?«
»Nein; aber davon bin ich nun überzeugt, daß weder der Agha noch die Wächter die Schuld tragen, daß es ihm gelang.«
»Und wo soll er sich versteckt halten?«
»Das werde ich schon noch entdecken, und dabei sollst du mir helfen, Effendi.«
»Ich? Gern, wenn ich es vermag.«
Ich hatte bei meinem Eintritte einen raschen Blick zur Treppe emporgeworfen und oben mehr Arnauten stehen sehen, als vorher hier postiert gewesen waren. Man hatte also wohl die Absicht, mich hier festzuhalten. In dieser Ueberzeugung bestärkten mich natürlich die unvorsichtigen Reden des Kommandanten. Ein Blick auf das offene Gesicht des Agha ergab, daß er von dem Vorhaben des Mutesselim ganz sicher keine Kenntnis hatte. Also auch er stand im Verdacht, und daraus schloß ich, daß man den Entsprungenen in seiner und in meiner Wohnung vermute.
»Ich habe gehört,« meinte der Kommandant, »daß du ein großer und geschickter Kenner aller Spuren bist.«
»Wer hat dir das gesagt?«
»Dein Baschi-Bozuk, dem dein Diener Halef es erzählte.«
Also er hatte den Baschi-Bozuk verhört. Darum also war derselbe von dem Basch Tschausch geholt worden! Der Kommandant fuhr fort:
»Und darum bitte ich dich, dir einmal das Gefängnis anzusehen.«
»Dies habe ich doch bereits gethan!«
»Aber nicht so genau, wie es geschehen muß, wenn man Spuren entdecken will. Dann ist oft ein ganz kleines Ding, welches man erst gar nicht beachtet hat, von sehr wichtiger Bedeutung.«
»Das ist richtig. Also das ganze Haus soll ich durchsuchen?«
»Ja. Aber du wirst wohl mit dem Loche beginnen müssen, in dem er gesteckt hat, denn dort hat auch seine Flucht begonnen.«
O schlauer Türke! Hinter mir hörte ich auf den Treppenstufen etwas knistern. Die Arnauten kamen leise herab.
»Das ist sehr richtig,« bemerkte ich scheinbar ahnungslos. »Laß die Thüre zu der Zelle öffnen!«
»Mache auf, Selim Agha!« gebot er.
Der Agha schob die Riegel zurück und legte die Thüre ganz bis an die Wand hinum.
Ich trat näher, aber so vorsichtig, daß mich kein Stoß von hinten hinabwerfen konnte, und blickte aufmerksam hinein.
»Ich sehe nichts, was mir auffallen könnte, Mutesselim!«
»Von hier aus kannst du auch nichts sehen. Du wirst wohl hinabsteigen müssen, Effendi!«
»Wenn du es für nötig hältst, werde ich es thun,« erwiderte ich unbefangen.
Ich trat zur Seite, faßte die Thüre, hob sie aus den Angeln und legte sie quer vor der Thüröffnung auf den Boden nieder, so daß ich sie von dem Loche aus stets im Auge behalten konnte. Das hatte der gute Kommandant nicht erwartet; es machte ihm einen sehr dicken Strich durch seine Rechnung.
»Was thust du da?« fragte er enttäuscht und ärgerlich.
»Ich habe die Thüre ausgehoben, wie du siehst,« antwortete ich.
»Warum?«
»O, wenn man Spuren entdecken will, so muß man sehr vorsichtig sein und alles im Auge behalten!«
»Aber das Abnehmen der Thüre ist doch nicht notwendig. Du erhältst dadurch nicht mehr Licht in das Loch, als vorher.«
»Richtig! Aber weißt du, welche Spuren die sichersten sind?«
»Welche?«
»Diejenigen, welche man in dem Angesichte eines Menschen findet. Und diese« — dabei klopfte ich ihm vertraulich auf die Achsel — »weiß ein Effendi aus Germanistan ganz sicher zu finden und zu lesen.«
»Wie meinst du das?« fragte er betroffen.
»Ich meine, daß ich dich wieder einmal für einen großen Diplomaten halte. Du verstehst deine Geheimnisse und Absichten ausgezeichnet geheim zu halten. Und darum werde ich dir auch deinen Willen thun und jetzt hinunterspringen.«
»Was meinst du für Absichten?«
»Deine Weisheit hat dich auf den ganz richtigen Gedanken geführt, daß ein Gefangener es am besten erraten könne, wie es einem andern Gefangenen möglich gewesen sei, zu entkommen. Allah sei Dank, daß er so kluge Männer geschaffen hat!«
Ich sprang hinunter in das Loch und bückte mich, um zu thun, als ob ich am Boden suche. Dabei jedoch sah ich unter dem Arm hinweg und bemerkte einen Wink, den der Mutesselim dem Agha gab. Beide bückten sich, um die schwere Thüre aufzunehmen und in die Angeln zu bringen. Ich drehte mich um.
»Mutesselim, laß die Thüre liegen!«
»Sie soll dahin, wohin sie gehört.«
»So gehe ich auch wieder dahin, wohin ich gehöre!«
Ich machte Anstalt, mich emporzuschwingen, was nicht sehr leicht zu bewerkstelligen war, weil das Loch eine bedeutende Tiefe hatte.
»Halt, du bleibst!« gebot er mir und gab zugleich einen Wink, auf welchen mehrere bewaffnete Arnauten herbeitraten. »Du bist mein Gefangener!«
Der gute Selim erschrak. Er starrte erst den Mutesselim und dann mich an.
»Dein Gefangener?« fragte ich. »Du scherzest!«
»Es ist mein voller Ernst!«
»So bist du über Nacht verrückt geworden! Wie kannst du glauben, daß du der Mann seist, der mich gefangen nehmen kann!«
»Du bist ja schon gefangen und wirst nicht eher wieder frei kommen, als bis ich den Entflohenen entdeckt habe.«
»Mutesselim, ich glaube nicht, daß du ihn entdecken wirst!«
»Warum?«
»Dazu gehört ein Mann, welcher Mut und Klugheit besitzt, und mit diesen beiden Eigenschaften hat dich Allah in seiner Weisheit verschont.«
»Du willst mich verhöhnen? Siehe zu, wie weit du mit deiner eignen Klugheit kommst! Legt die Thüre an und schiebt die Riegel vor!«
Jetzt zog ich eine der Pistolen.
»Laßt die Thüre liegen, das rate ich euch!«
Die braven Arnauten blieben sehr verlegen stehen.
»Greift zu, ihr Hunde!« gebot er drohend.
»Laßt euch nicht erschießen, ihr Leute!« sagte ich, indem ich die Hähne spannte.
»Wage es, zu schießen!« rief der Mutesselim.
»Wagen? O, Mutesselim, das ist ja gar kein Wagnis. Mit diesen Leuten werde ich ganz gut auskommen, und du bist der erste, den meine Kugel trifft!«
Die Wirkung war eigentümlich, denn der kühne Held von Amadijah verschwand sofort von der Thüröffnung. Aber seine Stimme ertönte:
»Schließt ihn ein, ihr Schurken!«
»Thut es nicht, ihr Männer, denn ich werde den, der diese Thüre zu schließen wagt, ganz sicher in die Dschehennah schicken!«
»So schießt ihr wieder!« ertönte es von der Seite her.
»Mutesselim, vergiß nicht, wer ich bin! Eine Verletzung meiner Person würde dich deinen Kopf kosten.«
»Wollt ihr gehorchen, ihr Buben! Oder soll ich es sein, der euch erschießt? Selim Agha, greif zu!«
Der Neffe des Schwagers von der Schwester des Enkelsohnes der Mutter von der Stiefschwester der >Myrte< war dem Beispiele seines Vorgesetzten gefolgt und hatte sich in der Entfernung an die Mauer gedrückt. Er befand sich jetzt gewiß in sehr großer Verlegenheit, aus der ich ihn erretten mußte.
»Tretet ein wenig zurück, ihr Männer, denn jetzt geht es los!«
Ich richtete die Mündung der Waffe auf sie und bekam die Oeffnung frei. Nach einer schnellen Kraftanstrengung stand ich oben vor dem Kommandanten, dem ich die Pistole unter die Nase hielt.
»Mutesselim, ich habe da unten keine Spur gefunden!«
»Alla illa Allah! Emir, thue diese Waffe weg!«
Daß er selbst ein solches Schießding, mit dem er sich ja wehren konnte, im Gürtel trug, schien ihm gar nicht einzufallen.
»Sie kommt erst dann zurück an ihre Stelle, wenn diese Wächter zurückgekehrt sind nach oben. Selim Agha, schaffe sie fort!«
Diesem Befehle leistete der Agha augenblicklich Folge:
»Packt euch, und laßt euch nicht wieder sehen!«
Sie retirierten schleunigst die Treppe empor.
»So, jetzt stecke ich die Waffe ein. O, Mutesselim, in welche Schande hast du dich gebracht! Deine List ist nicht gelungen, deine Gewalt hat nichts genützt; und nun stehest du da wie ein Fakara günakiar[90], der um Gnade bitten muß. Warum wolltest du mich einschließen lassen?«
»Weil ich bei dir haussuchen muß.«
»Darf ich nicht dabei sein?«
»Du hättest dich gewehrt.«
»Ah, du hast also Respekt vor mir? Das höre ich gern! Und du meinst, daß die andern sich nicht gewehrt hätten?«
»Du bist der schlimmste, sie aber hätten wir nicht gefürchtet.«
»Du irrst, Mutesselim. Ich bin der gütigste von ihnen allen. Mein Hadschi Halef Omar ist ein Held; der Hadschi Lindsay-Bey ist ein Wüterich, und der dritte, den du noch nicht gesehen hast, der übertrifft noch beide. Du wärest nur tot von ihnen weggekommen! Wie lange aber, glaubst du, daß ich mich hier in diesem Loche befunden hätte?«
»So lange es mir beliebte!«
»Meinst du? Sieh diese Waffen und diesen Beutel mit Kugeln und Patronen! Ich hätte die Riegel oder die Angeln aus der Thüre geschossen und in zwei Minuten da gestanden, wo ich jetzt stehe. Und bereits bei dem ersten Schusse hätten meine Leute gewußt, daß ich in Gefahr war. Sie wären herbeigeeilt, um mir zu helfen.«
»Sie hätten nicht herein gekonnt.«
»Eine Büchsenkugel öffnet dein altes Schloß ganz leicht. Komm her, ich will dir etwas zeigen!«
Ich drehte ihn nach der Zelle zu und deutete nach dem Fensterloche, durch welches man ein Stückchen des Himmels erblicken konnte; jetzt aber sah man in dem Rahmen des Loches eine Gestalt, welche ein schwarz und rot karriertes Gewand trug, eine Büchse in der Hand hielt und aufmerksam nach dem Gefängnisse herüberblickte.
»Kennst du diesen Mann?« fragte ich.
»Hadschi Lindsay-Bey!«
»Ja, er ist's. Er steht auf dem Dache meiner Wohnung und wartet auf das Zeichen, welches wir verabredet haben. Mutesselim, dein Leben hängt an einem Haare. Was hast du gegen mich?«
»Du hast den Entflohenen befreit!«
»Wer sagte das?«
»Ich habe Zeugen.«
»Mußt du mich da gefangen nehmen, mich, einen Effendi und Bey, einen Emir, der viel höher steht, als du, der das Budjeruldi des Großherrn besitzt und dir schon viele Beweise gegeben hat, daß er keinen Menschen fürchtet?«
»Ja, du fürchtest niemand, und eben darum wollte ich dich hier sicher haben, ehe ich deine Wohnung durchsuchte.«
»Du kannst sie in meiner Gegenwart durchsuchen!«
»Herr, nun thue ich es nicht. Ich werde meine Leute senden.«
Ah, er fürchtete jetzt den ›Helden‹, den ›Wüterich‹ und den, der diese beiden noch übertraf.
»Auch das werde ich gestatten, wenn es ohne Aufsehen geschieht. Sie können jeden Winkel durchstöbern; ich habe nichts dagegen. Du siehst also, daß du mich nicht einzusperren brauchtest, Mutesselim!«
»Das wußte ich nicht!«
»Dein größter Fehler aber war, daß du glauben konntest, ich sei mit Blindheit geschlagen und werde mich ruhig einsperren lassen. Thue das nicht wieder, denn ich sage dir: dein Leben hing an einem Haar.«
»Aber, Emir, wenn wir den Gefangenen bei dir entdecken, so werde ich dich doch gefangen nehmen müssen!«
»Dann werde ich mich nicht weigern.«
»Und ich kann dich jetzt nicht nach Hause gehen lassen.«
»Warum?«
»Ich muß sicher sein, daß du nicht den Befehl giebst, den Gefangenen zu verstecken.«
»Gut. Aber ich sage dir, daß meine Gefährten dann die Wohnung nicht durchsuchen lassen. Sie werden im Gegenteile einen jeden niederschießen, der sie zu betreten wagt.«
»So schreibe ihnen, daß sie meine Leute eintreten lassen sollen!«
»Das will ich thun. Selim Agha kann den Brief gleich hintragen.«
»Nein. Dieser nicht!«
»Warum?«
»Er könnte von allem wissen und sie warnen.«
»Oh, der Agha ist dir treu und weiß kein Wort über den Gefangenen zu sagen oder zu verschweigen! Nicht wahr, Selim Agha?«
»Herr,« meinte dieser zu seinem Vorgesetzten, »ich schwöre dir, daß ich nicht das Geringste weiß, und daß auch der Effendi ganz unschuldig ist!«
»Das letztere kannst du nicht beschwören, das erstere aber möchte ich glauben um deinetwillen. Emir, du gehst mit zu mir, wo wir dann weiter über diese Sache reden werden. Ich werde dich deinen Anklägern gegenüberstellen.«
»Das verlange ich auch!«
»Einen derselben kannst du gleich jetzt hören.«
»Wer ist es?«
»Der Arnaute, der um deinetwillen dort in dem Loche steckt.«
»Ah! Dieser?«
»Ja. Ich durchsuchte heute noch einmal die Zellen und fragte jeden Gefangenen, ob er heute nacht etwas gemerkt habe. Ich kam auch zu ihm und hörte von ihm etwas, was dir sehr schädlich ist.«
»Er will sich rächen! Aber willst du nicht lieber einen der Wächter nach meiner Wohnung senden? Wenn ich einen Brief schreibe, könnte doch ein Irrtum unterlaufen, oder meine Gefährten könnten glauben, daß ihn ein anderer geschrieben habe.«
»Sie werden dem Wächter noch viel weniger glauben!«
»Das meine ich auch nicht. Dieser Mann soll aber meinen Diener holen, der sich überzeugen kann, daß ich selbst die Erlaubnis gebe, die Wohnung zu durchsuchen.«
»Du wirst nur in meiner Gegenwart mit ihm sprechen?«
»Ja.«
»So werde ich ihn holen lassen.«
Er rief einen der Arnauten und gab ihm den betreffenden Befehl; dann mußte Selim Agha den Kerker öffnen, in welchem der frühere Khawaß des Engländers eingeschlossen war.
»Stehe auf,« gebot ihm der Mutesselim, »und gieb mir Rede und Antwort! Behauptest du das, was du mir heute sagtest, auch jetzt noch?«
»Ja.«
»Wiederhole es!«
»Der Mann, den du Hadschi Lindsay-Bey nanntest, ist ein Inglis. Er nahm mich und einen Dolmetscher von Mossul mit, und diesem hat er erzählt, daß er einen Mann suche, der ausgezogen ist, einen Gefangenen zu befreien.«
Also hatte Master Fowling-bull dennoch geplaudert!
»Hat er diesen Mann genannt?« fragte ich den Arnauten.
»Nein.«
»Hat er dem Dolmetscher den Namen des Gefangenen gesagt, welcher befreit werden soll?«
»Nein.«
»Auch nicht den Ort, wo dieser Gefangene ist?«
»Nein.«
»Mutesselim, hat dieser Arnaute noch mehr zu sagen?«
»Das ist alles.«
»Nein; das ist gar nichts! Selim Agha, schließe wieder zu! Oh, Mutesselim, du bist wirklich ein so großer Diplomat, daß ich in Stambul gewiß deine Verdienste sehr viel rühmen werde! Man wird sich dann beeilen, dir eine noch viel höhere Stellung als die jetzige zu geben. Vielleicht macht dich der Padischah gar zum Vicekönig von Bagdad. Hadschi Lindsay-Bey will einen Mann aufsuchen. Hat er gesagt, daß ich dieser Mann sei? Dieser Mann will einen Gefangenen befreien. Hat er gesagt, daß es dein Gefangener sein soll? Wird ein Inglis sein Vaterland, welches beinahe tausend Kameltagreisen von hier entfernt ist, verlassen, um einen Araber aus der Gefangenschaft zu befreien? Er hatte, als er es verließ, noch niemals einen Araber gesehen.«
»Aber du, du bist ein Freund von Amad el Ghandur?«
»Ich sage dir, daß ich ihn noch nie gesehen hatte, als bis ich ihn hier in dem Loche sah! Hadschi Lindsay-Bey versteht nicht Türkisch und nicht Arabisch, und sein Dolmetscher konnte nicht gut englisch sprechen. Wer weiß, was dieser Mann gehört und verstanden hat. Vielleicht hat der Hadschi ihm nur ein Märchen erzählt.«
»Aber er redet doch nicht!«
»Damals sprach er noch. Er hat sein Gelübde erst später gethan.«
»So komm, du sollst auch den andern Zeugen hören! Man klopft. Es wird dein Diener sein.«
Er öffnete den Eingang. Der Arnaute brachte Halef, dem ich sagte, daß ich mit der Haussuchung einverstanden sei, und fügte bei:
»Ich will dem Mutesselim beweisen, daß ich sein Freund bin. Die Leute sollen überall hingelassen werden. Nun gehe!«
»Wo gehest denn du jetzt hin?«
»Zum Mutesselim.«
»Wann kommst du wieder?«
»Ich weiß es noch nicht.«
»In einer Stunde kann sehr viel gethan und gesprochen werden. Bist du bis dahin noch nicht zurück, so werden wir kommen und dich holen!«
Er ging. Der Kommandant machte ein sehr zweifelhaftes Gesicht. Das mannhafte Wesen meines kleinen Halef hatte ihm imponiert.
In dem Vorzimmer seines Selamlüks befanden sich mehrere Beamte und Diener. Er winkte einem der ersteren, welcher mit uns eintrat. Wir setzten uns, aber eine Pfeife erhielt ich nicht.
»Das ist der Mann!« meinte der Mutesselim, indem er auf den Beamten zeigte.
»Was für ein Mann?«
»Der dich gesehen hat.«
»Wo?«
»Auf der Gasse, welche zum Gefängnisse führt. Ibrahim, erzähle es!«
Der Beamte sah, daß ich mich auf freiem Fuße befand; er warf einen unsichern Blick auf mich und berichtete:
»Ich kam vom Palaste, Herr. Es war sehr spät, als ich meine Thüre öffnete. Eben wollte ich sie wieder schließen, da hörte ich Schritte, die sehr eilig herbeikamen. Es waren zwei Männer, die sehr schnell gingen; der eine zog den andern mit sich fort, und dieser andere hatte keinen Atem. An der Ecke verschwanden sie und gleich darauf hörte ich einen Raben schreien.«
»Hast du die beiden Männer erkannt?«
»Nur diesen Effendi. Es war zwar finster, aber ich erkannte ihn an seiner Gestalt.«
»Wie war die Gestalt des andern?«
»Kleiner.«
»Haben sie dich gesehen?«
»Nein, denn ich stand hinter der Thüre.«
»Du kannst gehen!«
Der Mann trat ab.
»Nun, Emir, was sagest du?«
»Ich war den ganzen Abend bei dir!«
»Aber einige Minuten bist du fort gewesen, nämlich als du die Lampe holtest. Da hast du den Gefangenen fortgeschafft, wie ich vermute, und dabei solche Eile gehabt, weil wir auf dich warteten.«
Ich lachte.
»Oh, Mutesselim, wann endlich wirst du einmal ein guter Diplomat werden! Ich sehe, daß dein System wirklich einer Stärkung bedarf. Erlaube mir einige Fragen.«
»Rede.«
»Wer hatte den Schlüssel zur Außenthüre des Gefängnisses?«
»Ich.«
»Konnte ich also hinaus, selbst wenn ich gewollt hätte?«
»Nein,« antwortete er zögernd.
»Mit wem bin ich nach Hause gegangen?«
»Mit Selim Agha.«
»Ist dieser Agha der Arnauten länger oder kürzer als ich?«
»Kürzer.«
»Und nun, Agha, frage ich dich: Sind wir langsam gegangen wie die Schnecken oder mit schnellen Schritten?«
»Schnell,« antwortete der Gefragte.
»Haben wir uns geführt oder nicht?«
»Wir führten uns.«
»Mutesselim, kann ein Rabe, der im Traume ein wenig krächzt oder ruft, in Beziehung zu dem Entflohenen stehen?«
»Emir, das trifft ja wunderbar!« antwortete er.
»Nein, das trifft nicht wunderbar, sondern das ist so einfach und natürlich, daß ich über die Kleinheit deiner Gedanken erschrecke! Ich werde ganz besorgt um dich! Du hattest den Schlüssel, und niemand konnte heraus; das mußtest du wissen. Ich bin mit dem Agha nach Hause gegangen, und zwar durch die Gasse, in welcher jener Mann wohnt; das wußtest du auch. Und auf eine Erzählung hin, die nur geeignet wäre, mich zu rechtfertigen, willst du mich verurteilen? Ich war dein Freund. Ich gab dir Geschenke; ich führte den Makredsch, dessen Festnehmung dir Ehre und Beförderung in Aussicht stellt, in deine Hände; ich gab dir Arzenei, um deine Seele zu erfreuen und das alles dankst du dadurch, daß du mich in das Gefängnis stecken willst. Geh! Ich werde irre an dir! Und was ebenso schlimm ist: du wirfst dein Mißtrauen sogar auf den Agha der Arnauten, dessen Treue du kennst, und der für dich kämpfen würde, selbst wenn er dabei das Leben verlieren müßte!«
Da richtete sich Selim Agha um einige Zoll höher auf.
»Ja, das ist wahr!« beteuerte er, indem er an seinen Säbel schlug und die Augen rollen ließ. »Mein Leben gehört dir, Herr. Ich gebe es für dich hin!«
Das war zu viel der Beweise. Der Kommandant reichte mir die Hand und bat:
»Verzeihe, Emir! Du bist gerechtfertigt, und ich werde in deiner Wohnung nicht nachsuchen lassen!«
»Du wirst suchen lassen. Ich verlange es nun selbst!«
»Es ist ja unnötig geworden!«
»Ich bestehe aber auf meinem Verlangen.«
Der Mutesselim erhob sich und ging hinaus.
»Effendi, ich danke dir, daß du mich von seinem Verdachte gereinigt hast!« sagte nun der Agha.
»Du wirst gleich hören, daß ich noch mehr für dich thue.«
Als der Kommandant wieder eintrat, machte er ein sehr verdrießliches Gesicht und begann:
»Draußen steht jetzt der Basch Tschausch, der nach Mossul gehen soll — — —«
»Der meinen Baschi-Bozuk holte,« unterbrach ich ihn, »damit du ihn über mich verhören konntest! Hast du wohl ein Wort von ihm erfahren, das mich verdächtigt?«
»Nein, er war deines Lobes voll. Aber sage mir, was ich dem Anadoli Kasi Askeri über den entsprungenen Gefangenen schreiben soll!«
»Schreibe die Wahrheit!«
»Das wird mir großen Schaden machen, Effendi. Denkst du nicht, daß ich schreiben könnte, er sei gestorben?«
»Das ist deine Sache!«
»Würdest du mich verraten?«
»Ich habe keinen Grund dazu, solange du mein Freund bist.«
»Ich werde es thun!«
»Aber wenn es dir gelingt, ihn wieder zu ergreifen? Oder wenn er glücklich seine Heimat erreicht?«
»So hat sich der abgesetzte Mutessarif geirrt und mir einen Mann geschickt, den er zwar für Amad el Ghandur hielt, der es aber nicht war. Und wenn ich ihn wieder ergreife — — Effendi, es wird das beste sein, daß ich gar nicht nach ihm suchen lasse!«
Das war eine echt türkische Weise, sich aus der Not zu helfen; mir jedoch kam sie sehr willkommen.
»Aber der Basch Tschausch weiß ja, daß der Araber entflohen ist?«
»Das ist ein anderer Araber gewesen, kein Haddedihn, sondern ein Abu Salman, der mir den Zoll verweigerte.«
»So eile, damit du der Sorge um den Makredsch ledig wirst. Wenn es auch diesem gelingen sollte, zu entkommen, so bist du verloren.«
»In einer Stunde soll der Transport abgehen.«
»Hast du schon das Verzeichnis von den Sachen fertig, welche der Makredsch bei sich hatte?«
»Es ist fertig und von mir und Selim Agha unterzeichnet.«
»Du hast eine Unterschrift vergessen, Mutesselim.«
»Welche?«
»Die meinige.«
»O, Effendi, diese ist gar nicht nötig.«
»Aber wünschenswert.«
»Aus welchem Grunde?«
»Man könnte mich in Mossul oder Stambul über diese Sache fragen, wenn etwas nicht stimmen sollte. So wird es besser sein, ich unterzeichne mich jetzt; dann ist alles in Ordnung. Auch dir muß es willkommen sein, einen Zeugen mehr zu haben; denn ich traue dem Makredsch gar sehr zu, daß er dich verleumdet, um sich an dir zu rächen.«
Der Kommandant befand sich augenscheinlich in großer Verlegenheit.
»Das Verzeichnis ist bereits verschlossen und versiegelt,« sagte er.
»Zeige es!«
Er erhob sich wieder und ging in die Nebenstube.
»Effendi,« flüsterte der Agha ängstlich, »verrate nicht, daß ich dir alles gesagt habe.«
»Sei ohne Sorge!«
Der Mutesselim kehrte zurück und hielt ein versiegeltes Schreiben in der Hand. Er reichte es mir ohne Bedenken.
Ich nahm es, um mich zu überzeugen, daß es auch das rechte sei. Ich drückte die langen Bauchseiten zusammen, so daß sich eine Röhre bildete, in deren Inneres ich blicken konnte. Da es nicht couvertiert war, sah ich zwar aus einzelnen Wörtern, daß der Kommandant mich nicht getäuscht habe; doch befanden sich die Ziffern, welche ich suchte, nicht an einer Stelle, die ich hätte lesen können. Gleichwohl aber that ich, als ob ich sie sähe, und las laut und langsam:
»Vierhundert Piaster in Gold — einundachtzig Piaster in Silber — —! Mutesselim, du wirst dieses Schreiben öffnen müssen; du hast dich sehr verschrieben!«
»Herr, diese Angelegenheit ist nicht die deinige, sondern die meinige!«
»So war es also nur die deinige, als ich dir beistehen mußte, den Makredsch festzuhalten und ihm sein Geld abzunehmen?«
»Ja,« antwortete er naiv.
»Gut! Aber du versprachst mir fünftausend Piaster, auf welche noch zweitausend zu legen sind, weil das Papiergeld keinen vollen Wert besitzt. Wo ist diese Summe?«
»Emir!«
»Mutesselim!«
»Du sagst, du seist mein Freund, und willst mich dennoch peinigen!«
»Du sagst, du seist mein Freund, und willst mich dennoch hintergehen!«
»Ich muß das Geld nach Mossul senden.«
»Vierhunderteinundachtzig Piaster, ja. Deine Pflicht ist es aber, alles Geld des Makredsch samt der Uhr und den Ringen einzusenden. Thust du dies, so habe ich nichts zu fordern; thust du es aber nicht, so verlange ich den mir gebührenden Teil.«
»Du hast ja gar nichts zu bekommen,« erklärte er.
»Du auch nicht, und Selim Agha auch nicht. Hat er etwas erhalten?«
»Siebentausend Piaster in Papier,« antwortete er sehr schnell, um dem Agha die Antwort abzuschneiden. Dieser schnitt ein Gesicht, daß ich beinahe in lautes Lachen ausgebrochen wäre.
»Nun, also,« sagte ich, »warum willst du mir da meinen Teil vorenthalten?«
»Du bist ein Fremdling und keiner meiner Beamten.«
»Du sollst recht behalten; aber dann trete ich meinen Teil an den Padischah ab. Sage also dem Basch Tschausch, daß er nach meiner Wohnung kommen soll, ehe er abreist. Ich werde ihm meinen Bericht an den Anadoli Kasi Askeri mitgeben. — Lebe wohl, Mutesselim, und erlaube, daß ich dich heute abend besuche.«
Ich ging zu der Thüre, hatte diese aber noch nicht erreicht, als er rief:
»Wie viel Geld wirst du angeben?«
»Die runde Summe von fünfundzwanzigtausend Piaster, eine Uhr und vier Brillantringe.«
»Wie viel willst du davon haben?«
»Meinen vollen Teil. Siebentausend Piaster in Papier, oder fünftausend in Gold oder Silber.«
»Effendi, es war wirklich nicht so viel Gold!«
»Ich kann den Klang des Goldes sehr gut von dem des Silbers unterscheiden, und der Beutel hatte einen sehr dicken Bauch.«
»Du bist reich, Emir, und wirst mit fünfhundert Piaster zufrieden sein!«
»Zweitausend in Gold, das ist mein letztes Wort!«
»Allah kerihm, ich kann es nicht!«
»Lebewohl!«
Wieder ging ich nach der Thüre. Er wartete, bis ich sie geöffnet hatte, dann rief er mich zurück. Ich ging jedoch weiter und war bereits auf der Straße, als mir eilige Schritte folgten. Es war Selim Agha, der mich zurückrief.
Als ich wieder in das Selamlük trat, war der Kommandant nicht da, bald aber kam er aus dem Nebenzimmer. Sein Blick war finster und feindselig, und seine Stimme vibrierte heiser, als er mich fragte:
»Also zweitausend willst du?«
»In Gold!«
Er setzte sich nieder und zählte mir zwanzig Hundertpiasterstücke auf den Teppich.
Ich bückte mich, nahm das Gold auf und steckte es ein. Er wartete einige Augenblicke, dann fragte er mit finsterer Stirn:
»Und du bedankst dich nicht?«
»Ich? Ich erwarte im Gegenteile deinen Dank, weil ich dir dreitausend Piaster geschenkt habe!«
»Du bist bezahlt und hast mir nichts geschenkt. Wann reisest du ab?«
»Ich weiß es noch nicht.«
»Ich rate dir, noch heute die Stadt zu verlassen!«
»Warum?«
»Du hast dein Gold, nun gehe! Aber komme ja nie wieder!«
»Mutesselim, spiele keine Komödie mit mir, sonst lege ich dir die Piaster wieder her und schreibe einen Bericht. Wenn es mir beliebt, zu bleiben, so bleibe ich, und wenn ich zu dir komme, wirst du mich höflich empfangen. Aber um dir deine Sorge vom Herzen zu nehmen, will ich dir sagen, daß ich noch heute abreise. Vorher aber werde ich kommen, um von dir Abschied zu nehmen, und dann hoffe ich, daß wir in Frieden scheiden.«
Jetzt verließ ich ihn und kehrte zu den Gefährten zurück. Ehe ich das Haus erreichte, begegnete mir eine Truppe Arnauten, welche sich scheu zur Seite stellten und mich vorüber ließen. Unter der Thüre stand Mersinah und blickte ihnen nach. Ihr Angesicht glühte vor Zorn.
»Emir, ist schon einmal so etwas geschehen?« schnaubte sie mir entgegen.
»Was?«
»Daß ein Mutesselim bei seinem eignen Agha der Arnauten hat aussuchen lassen?«
»Das weiß ich nicht, o Engel des Hauses, denn ich bin noch niemals ein Agha der Arnauten gewesen.«
»Und weißt du, was man suchte?«
»Nun?«
»Den entflohenen Araber! Einen Flüchtling bei dem Aufseher zu suchen! Aber kommt nur dieser Selim Agha nach Hause, so werde ich ihm sagen, was ich an seiner Stelle gethan hätte.«
»Zanke nicht mit ihm. Er hat Leid genug zu tragen.«
»Worüber?«
»Daß ich mit meinen Gefährten abreise.«
»Du?«
Sie machte ein ganz unbeschreiblich erschrockenes Gesicht.
»Ja. Ich habe mich mit diesem Mutesselim gezankt und mag nicht länger an einem Orte bleiben, wo er gebietet.«
»Allah, Tallah, Wallah! Herr, bleibe hier. Ich werde diesen Menschen zwingen, dir mit Ehrerbietung zu begegnen!«
Das war ein Versprechen, dessen Ausführung beizuwohnen höchst interessant gewesen wäre. Ich hielt sie aber leider für unmöglich und ließ Mersinah unten stehen, wo ihre Stimme fort grollte, wie ferner Donner. Droben stand der Baschi-Bozuk vor der Treppe. Er hatte meine Stimme gehört und auf mich gewartet.
»Effendi, ich will Abschied von dir nehmen!«
»Komme herein; ich will dich bezahlen!«
»Oh, Emir, ich bin schon bezahlt.«
»Von wem?«
»Von dem Manne mit dem langen Gesichte.«
»Wie viel hat er dir gegeben?«
»Das!«
Er fuhr mit freudeglänzenden Augen in den Gürtel und holte eine ganze Hand voll großer Silberstücke hervor, die er mir zeigte.
»So komme nur. Wenn dies so ist, so hat der Mann mit dem langen Gesichte dich bezahlt, und ich werde nun den Esel bezahlen.«
»Allah kerihm, den verkaufe ich nicht!« rief er erschrocken.
»Ich meine nur, daß ich ihm seinen Lohn auszahlen will!«
»Maschallah, da komme ich!«
Er ging mit in meine Stube, die leer war. Hier stellte ich ihm ein Zeugnis aus und gab ihm noch einiges Geld, über welches er vor Freuden fast ganz außer sich geriet.
»Emir, ich habe noch niemals einen so guten Effendi gesehen, wie du bist. Ich wollte, du wärest mein Hauptmann oder mein Major oder Oberst! Dann würde ich dich in der Schlacht beschützen und um mich schlagen wie damals, als ich meine Nase verlor. Das war nämlich in der großen Schlacht bei — — —«
»Laß das sein, mein guter Ifra. Ich bin von deiner Tapferkeit völlig überzeugt. Du bist heute bei dem Mutesselim gewesen?«
»Der Basch Tschausch holte mich zu ihm, und ich mußte Antwort geben auf sehr viele Fragen.«
»Auf welche?«
»Ob ein Gefangener bei uns sei; ob du bei den Dschesidi viel Türken ermordet hast; ob du vielleicht ein Minister aus Stambul bist, und noch vieles andere, was ich mir gar nicht gemerkt habe.«
»Euer Weg, Ifra, führt euch nach Spandareh. Sage dem Dorfältesten dort, daß ich heute nach Gumri aufbreche, und daß ich dem Bey von Gumri das Geschenk bereits übersandt habe. Und in Baadri gehst du zu Ali Bey, um das zu vervollständigen, was ihm Selek erzählen wird.«
»Dieser geht auch fort?«
»Ja; wo ist er?«
»Bei seinem Pferde.«
»Sage ihm, daß er satteln kann. Ich werde ihm einen Brief mitgeben. Und nun lebe wohl, Ifra. Allah behüte dich und deinen Esel. Mögest du nie vergessen, daß ein Stein an seinen Schwanz gehört!« — —
Die drei Gefährten saßen kampfgerüstet in der Stube des Engländers beisammen. Halef umarmte mich beinahe vor Freude, und der Engländer reichte mir mit einem so frohen Gesichte die Hand, daß ich erkennen mußte, er sei in herzlichster Sorge um mich gewesen.