Im Hafen.
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Welches ist aber das Land unserer Begebenheit? —
Es gibt Fragen, welche der Einzelne, an den sie gerichtet sind, nicht zu beantworten vermag, — so wie an Völker Jahrhunderte hindurch Fragen gerichtet wurden, die sie nicht zu lösen vermochten.
Das treue, felsenfeste Herz des Sängers, der die Frage hinausgesungen: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ hat aufgehört zu schlagen, ehe sie gelöst. — Wird sie gelöst? — Vierzig Millionen sangen und singen noch: „Das soll es sein!“ — Und immer noch soll es! Wen kann der kräftige Jubelchor froher stimmen, die Sänger oder die Zuhörer rings im europäischen Konzertsaal, — die Russen, Britten, Franzosen? — denen niemals eingefallen zu fragen, was ihr Vaterland sein solle.
Écoutez! Encore ces Allemands à la recherche de leur patrie! — lacht es über den Rhein herüber. — Ueber den Kanal tönt nicht einmal eine Persiflage, nur ernst und groß, wie das alte Meer, der Hymnus Rule Britannia! — — Der Russe hat es am Leichtesten. Er darf nicht fragen und wird nicht gefragt, aber er weiß es, — und ein Anderer hat längst für ihn gesagt: das ganze Rußland muß es sein! Und so ists auch. —
Und dennoch wird auch unser Sollen zum Haben, wenn es nur erst zum rechten Wollen geworden. Jahr für Jahr wälzen die singenden Millionen den Sisifusstein ihrer Einheit den Berg hinan, und immer geräth er auf eine Stelle, wo er abgleitet, — meist ein Stück glattes Parkett eines Konferenzsaales, — und rollt wieder in die Tiefe. — Vielleicht sind wir dem Gipfel näher als wir selbst glauben!
— — Der Strom des großen Gedankens hat unser leichtes Fahrzeug fortgerissen. Wir begannen mit der Frage nach dem Lande dieser Erzählung. Bekannte Thurmspitzen und Berggipfel ragen aus der Fata-Morgana-Landschaft, worin sie spielt, empor; der Klang der Namen lenkt unwillkürlich den Finger nach einer bestimmten Stelle der Landkarte, — und dann wird Alles wieder fremd, — wie man wohl manchmal hört: „Ich träumte, — es war in unserm Garten, — und dann war es doch wieder nicht unserer.“
„Ein Monarch, hat man zu uns gesagt, wie er des Landes der dissolving views, — ein Graf Breuneck und Andere, die dort, wo der Finger hingewiesen, nicht existiren, und alle übrigen daselbst nicht aufzufindenden Menschen und Orte vermögen doch nicht das klar gezeichnete Wirkliche zu verdecken! All dieß ist eine an den Arm gebundene Larve bei unverhülltem Gesicht.“ — Aber so verlangte es einst das Gesetz der Maskenbälle, eben in unserer Residenz: wer nicht maskirt war, mußte wenigstens das Zeichen tragen, eine kleine Wachslarve am Arm. Wir nehmen sie, um wo möglich keine Szene mit dem Ballkommissär zu haben. —
So bleiben wir denn auch bei der Bezeichnung „Hafenstadt“ für den Ort, welchem Arnold zufliegt, und zwar nicht allein, denn in Frauenwang ist ein Passagier von Korbach kommend zu ihm gestoßen, den er mit freudigem Aufschrei begrüßt. Es ist Sprenger, welcher vom alten Freunde gebeten worden, seinen Sohn zu begleiten, der des Aelteren, Erfahrneren bei seiner Sendung bedürfen könnte.
Reich genug war der Stoff ihrer Mittheilungen. Sprenger gab ein Gemälde von den Korbacher Zuständen, welches von einer Sicherheit, — ja Siegestrunkenheit Zeugniß gab, die er nicht theilen konnte.
Pater Valentin war nach St. Martin gegangen, um die Leitung des Klosters zu übernehmen, der Prior, sobald es sein Zustand erlaubte, von dort nach der Residenz gereist und der junge Geistliche Leo hatte den Pfarrhof in Korbach bezogen. —
Abschieds- und Begrüßungsfeste für die beiden Letzteren, eine große Demonstrazion der katholischen Arbeiter, welche sich mit Fahne, Musik und Blumenkränzen vor Korbach’s Hause aufgestellt und ihm für seine allgemein bekannt gewordene Thätigkeit, für die Erhebung ihres geliebten Pfarrers durch eine Deputazion dankten, — ein riesenhaftes Bouquet in Begleitung eines goldgeränderten Gedichtes, das die Mädchen Helenen überreichten, — Tags darauf ein Ständchen der Protestanten, welche nicht zurückbleiben wollten, da sie in dem Vorgange nur einen Sieg des Toleranzprinzipes sahen. Dieß Alles machte unstreitig einen ganz erfreulichen optischen und akustischen Effekt... — Der alte Korbach, sonst ein Feind alles lärmenden Gepränges, war dießmal der Demonstrazion auf halbem Wege entgegengekommen, und hatte einige kurze, kräftige Reden gehalten, des Sinnes daß, so lange er Herr in Korbach, dafür gesorgt sein werde, daß Recht und Gesetz des Staates und der Kirche gelten, nicht aber deren Verdrehungen.
Als aber Sprenger an der Altenberger Fabrik vorübergekommen war, hatte er über hundert Arbeiter mit Herstellung des Gebäudes beschäftigt gesehen, welches noch vor acht Tagen mit geschlossenen Thüren und Fenstern dagestanden war und keineswegs einen Konkurrenzbesorgnisse erregenden Anblick gewährt hatte. —
Arnold theilte ihm nun Alles mit, was er in den letzten Tagen in Erfahrung gebracht, und Sprenger war sowol von seiner Auffassung als klaren Auseinandersetzung der Sachlage, sowie der beabsichtigten Schritte befriedigt. Er fand seinen Zögling reif zur großen Aufgabe, die ihn einst als Chef eines so bedeutenden, und nun so ernstlich bedrohten Etablissements erwartete, und übergab ihm mit Beruhigung die vom Vater ausgestellte Vollmacht zu Abschlüssen, Unterzeichnungen u. dgl.
Hatte die erste Stunde der Reise durch Günther’s Abenteuer ein ungewöhnlicheres Interesse, so war dieß in der letzten durch ein anderes Zusammentreffen der Fall. —
Es war bereits ganz dunkel, und in weiter Ferne sah man das Feuer des Leuchtthurmes. Niemand außer unsern Freunden befand sich im Coupé, dessen Sitze durch hohe Lehnen getrennt sind, so daß man, ohne aufzustehen, nicht hinübersehen kann.
Auf der letzten Stazion vor dem Hafen öffnete sich unter Säbelgeklirr die Thür des Coupé, und zwei Offiziere traten ein, in deren einem Arnold sogleich den Obersten von Plomberg erkannte, welcher einen Tag früher die Hauptstadt verlassen, sich an einer Zwischenstazion aufgehalten hatte, und hier mit seinem Vetter, dem Adjutanten des Prinzen, zusammentraf.
Sie wählten das Coupé, das sie ganz leer glaubten, und nahmen in der Abtheilung neben Arnold Platz. Dieser sowol als Sprenger sprach so geläufig englisch als deutsch, und als Plomberg ein Paar Worte der eben in dieser Sprache geführten Conversazion hörte — deren sie sich nach der Ankunft der neuen Passagiere bedienten, sagte er leise zu Baron Heidenbrunn: „Niemand, als ein Paar obligate Engländer.“
Waren Arnold bis Treustadt die Köpfe der Mitreisenden willkommen, die ihn für Klotilde unsichtbar machten, so war es ihm die Lehne noch weit mehr, da ihm der Oberst geradezu antipathisch war. —
Das Anfangs halblaute Gespräch der Offiziere wurde nach und nach so laut, daß es auch Entferntere als Arnold hätten vernehmen müssen. Es ging daraus hervor, daß der Monarch sich in zwei Tagen nach dem Hafen zu begeben beabsichtige, um den Prinzen und die Einwohnerschaft bei einem Feste zu überraschen, welches, ohne sonstige besondere Bedeutung, zu Loyalitätskundgebungen von der einen und Huldstrahlen von der andern Seite benützt werden sollte.
Der Prinz hatte an einem mit vielem Geschmack gewählten Punkte der, die ganze Hafenbucht beherrschenden, Anhöhe eine Villa gebaut, welche seine Residenz bleiben sollte, so lange er das Marinekommando führte, und die festliche Eröffnung derselben an seinem Geburtstage bot den Anlaß zu den erwähnten Manifestazionen. Was die Ueberraschung durch den Monarchen betrifft, so gehörte sie in die Kategorie der bis ins Kleinste verabredeten, welche dem überraschten Theile die gehörige Zeit zu allen Vorbereitungen lassen, und man sprach darüber seit einigen Tagen in beiden Städten.
Oberst Plomberg entsprach im Dialog dem Bilde, welches Arnold von ihm nach einigen Aeußerungen im Freinhof behalten. Er gehörte, insofern ihn sein alter Adel als Kavalier passiren ließ, zu jener Gattung, welche bei Entwicklung ihres Standesbegriffes etimologisch zu Werke geht, und alle ihre Rechte und Pflichten von dem Stammworte herleitet —: cavallo, — cheval, — Roß. —
— Sie verkehren mit der Crême der Gesellschaft, aber der feine Salonduft vermag nicht den geistigen Stallgeruch zu beseitigen. Auch fühlen sie sich nur unter sich eigentlich behaglich. Man darf nur Einmal den Akzent hören, mit welchem die Worte: „Ein süperbes Mädel!“ aus einer beisammenstehenden Schaar dieser — wie Sprenger sie derb und richtig nannte, „Roßkavaliere“ herausklingen, um über den Standpunkt der ganzen Race im Reinen zu sein. Es sind übrigens glückliche Leute, meistens hübsch, gesund, reich und dumm, und wenn man ihnen aus dem Wege geht, thun sie nicht leicht Jemandem etwas zu Leide. — Der bürgerliche Gentleman hat vor dem adeligen den Vortheil, daß er dieser Gattung von Geschöpfen leicht ausweichen kann, während der letztere häufig gezwungen ist, sich mit ihnen abzugeben.
Das Verhältniß Heidenbrunn’s zu Plomberg war weder ein freundschaftliches, noch feindliches, sondern kühle Bekanntschaft, mit dem erschwerenden Umstande der Verwandtschaft. Der einzige Unterschied der beiden Herren bestand in der Façon, — die Kameraden, in allen Ständen die einzig kompetenten Richter, würden schwerlich gesagt haben, der Adjutant sei ein geschliffener und Plomberg ein ungeschliffener Edelstein. Von Edelstein war kein Rede, aber das böhmische Glas war bei einem polirt, beim andern mit Pferdestaub überzogen,
— „Wie lange wird denn der ganze Spektakel bei Euch dauern? sagte Plomberg — und was für Species von Ennui bekommen wir zu verdauen?“ —
— „Es dauert einen Tag und zwei Abende. Morgen Ball, oder vielmehr Rout, nach dem Prinzip der vollständigsten Fusion: Wir Alle, — Munizipalität, Beamten — Kaufmannschaft“ —
— „Wenigstens hübsche Weiber. Was weiter?“
— „Dabei Illuminazion und Feuerwerk. Uebermorgen Frühstück für die fremden Offiziere, und Abends kleiner Cercle mit Tableaux.“
— „Herr Gott im Himmel! — das ist ja zum Erschießen! Hätte ich nur Greuth’s Kommission nicht, so kehrte ich jetzt noch um. Er hätte auch einen Andern gefunden zu dieser Bagatelle.“
— „Das ist es wohl nicht; schon des Prinzips wegen.“
— „Prinzip? eine Misere, die sie zu einer Staatsakzion aufgeblasen haben. Was geht’s uns Soldaten an? Ich verstehe meinen eigenen Auftrag nicht, ich weiß nur daß du beim Prinzen bewirken sollst, daß eine Bestellung auf eine halbe Million ich weiß nicht was, sistirt werde.“
— „Ich weiß ganz gut um was es sich handelt was mir nicht klar, sind nur zwei Dinge: wie nämlich diese reine Geschäftssache ganz oben solchen Lärm machen konnte, und warum, wenn man sie schon aufgreift, nicht einfach und offiziell aufgetragen wird, dieser oder jener Firma aus Gründen, die man sagt oder nicht sagt, die Bestellungen zu entziehen?“
— „Der Lärm kommt von einem Pfaffen, den ich lange kenne, und der Prälat werden wollte, und da ist ihm ein Fabrikant, der ein ganz gescheidter Kerl sein muß, durchs Zeug gefahren, mit einem originellen Coup, und er ist durchgefallen. Darauf wird er vor Galle krank und kommt nun in die Stadt und hetzt die Leuchtendorf’s auf den Allergnädigsten, und meine Alte und deren Frau Schwester auf die Prinzessin Marie, macht einen Höllenlärm, daß in einem Jahr die ganze Provinz lutherisch wird. — Der Erzbischof gibt auch seinen Senf dazu, und gestern Abends läßt mich Greuth rufen und sagt: Sie würden ohnedem mit uns gehen, — fahren Sie voraus und sagen Sie Ihrem Vetter, und so weiter. — Es heißt sie wollen Exempel statuiren, im Keim ersticken und weiß der Teufel was, und ein Offizier muß in der Pfaffen- und Fabrikantengeschichte eine Art Kurierreise machen. Man glaubt ein Narr zu sein.“
— „Ganz richtig. Es ist übrigens nicht leicht, da der Prinz, dem sie in andern Dingen oben die Hände binden, sich nicht influenziren läßt, wo er auf seinem eignen Terrain steht.“
— „Meinethalben. Ich habe Greuth gesagt, daß ich ein schlechter Diplomat bin. Er hat mir geantwortet, das wisse er ohnedem, er könne zu der Sache keinen guten brauchen.“
— „Ich werde, da die Sache bloß ein vertraulicher Wink, mich ganz nach der persönlichen Disposizion des Prinzen richten.“
— „Wie du willst. Schlägt’s fehl, so habe ich das Meinige gethan. Greuth soll einen Andern mit solchen Klatschmissionen beehren. — A propos Klatsch, zwischen ihm und der Zeltner ist Alles aus. Weiß dein Prinz, daß die Geschichte bestanden?“
„Kein Wort; das würde dieser Frau, die ein gutes moyen d’action werden kann, einen Theil ihrer Anziehungskraft rauben.“
„Wie steht denn die Sache eigentlich?“
„Auf dem alten Fleck. Der Prinz ist, seit wir von der Residenz weg sind, oft ungnädiger Laune, und seine Gedichte haben einen blassen, melancholischen Teint. Wenn nicht bald eine neue Flamme auftaucht, so gehe ich mit Urlaub nach der Residenz und hole sie, vorausgesetzt daß sie geht. Sie geht aber keinen Schritt weiter, als sie will; von abandon, unbewachtem Moment u. dgl. ist bei diesem Weib keine Rede.“
Baron Heidenbrunn ahnte nicht, daß die Besprochene, nur in einer Entfernung von zwölf Stunden, in derselben Richtung fahre, und eben so wenig, daß das Gespräch nicht von zwei Engländern vernommen wurde.
Sprenger erinnerte sich nicht, seit Arnold’s Kindheit je einen so schweren Stand gehabt zu haben. — Bei der Erwähnung seines Vaters war er bereits aufgesprungen und Sprenger hielt ihn geradezu mit Gewalt zurück, und sagte: „Arnold! habe ich dich denn je einen andern Weg geführt, als den der Ehre? Ich selbst lade dir die Pistolen bei der ersten Ehrensache die du auszufechten hast, aber das ist keine. — Wenn er deinen Vater einen gescheidten Kerl nennt, so ist das nach meinem Verstande keine Beleidigung, und im Uebrigen erfüllen sie ihre Aufträge, für die du die ganze Coterie zur Rede stellen müßtest.“
„Es handelt sich um etwas ganz Anderes! entgegnete Arnold — Meinst du, ich könnte den Beiden, wenn sie beim Aussteigen an mir vorübergehen, ins Gesicht sehen als Fremder, und morgen oder übermorgen als Korbach? daß sie dächten, aha, das ist der! im Waggon hat er sich geduckt! — Diesen Leuten gegenüber muß man eher zu viel thun, als zu wenig! Ich werde ruhig sprechen und es wird sich erst zeigen, ob sie renommiren wollen.“
Damit zog er seine Hand aus jener Sprenger’s und trat, mit einem raschen Schritt um die Scheidewand der Sitze, vor die Offiziere, welche durch das lautere Gespräch und die Laute der Muttersprache überrascht, einander ansahen und im Momente eine Revüe ihrer eigenen Unterhaltung hielten, die allerdings einen sehr konfidenziellen Karakter gehabt.
Die Gedanken: Verdammte Civilisten! — Aufpasser, — Zusammenhauen (die Hauslogik des Roßkavaliers) fuhren durch Plomberg’s Kopf, während Heidenbrunn, obwol ungefähr auf derselben Höhe, mehr über die eigene Unbesonnenheit als über die Indiskrezion ärgerlich war, die nach seiner Auffassung darin lag, daß zwei Passagiere sich nicht die Ohren mit Baumwolle verstopften, um ein im Waggon laut geführtes Gespräch nicht zu hören.
Arnold’s Gesicht hatte in dem Augenblick, wo er vor sie hintrat, durchaus keinen herausfordernden Ausdruck, sondern nur jenen ruhiger Offenheit. „Herr Oberst, begann er, Sie haben in der Unterredung, deren unfreiwilliger Zeuge ich war“ — „Halt, fiel Plomberg ein, unfreiwillig, das leugne ich; von dem Augenblick, wo Sie hörten, daß das Gespräch nicht für fremde Ohren berechnet war, stand es bei Ihnen, durch einige laute deutsche Worte zu zeigen, daß Sie uns verstanden.“
Immer ruhig, aber sehr bestimmt, versetzte Arnold: „Abgesehen davon, daß auch ein Ausländer Ihre Sprache verstehen konnte, mußte ich voraussetzen, daß zwei Herren in Ihrer Stellung an einem öffentlichen Orte, vor Fremden, nur dann sich in so vernehmlicher Weise unterhalten, wenn sie keinen Werth darauf legen, ungehört zu sein. Nicht mir, sondern Ihnen stand die Beurtheilung zu, ob Ihre Worte für fremde Ohren geeignet seien!“
„Darüber wollen wir nicht streiten, — sagte Plomberg mit hinaufgezogenen Augenbrauen, — aber ich möchte fragen, was Ihnen eigentlich zu Diensten steht?“
„Ich wünsche, als Sohn des erwähnten Fabrikanten, die Ansicht, welche in einem hohen Kreise über die Handlungsweise meines Vaters vorherrscht, bei Ihnen, meine Herren, dahin zu berichtigen, daß derselbe mit dem, was Sie einen originellen Coup genannt, eine Handlung vollbracht, auf welche jeder Ehrenmann stolz sein muß; daß jenem Vorgang nicht ein einziges Motiv zum Grunde liegt, welches Zweifel an seiner Loyalität, oder Schritte rechtfertigen könnte, die ihm nachtheilig sind.“
„Wir begreifen, sagte Heidenbrunn, daß Sie die Sache Ihres Herrn Vaters führen, aber Sie werden auch begreifen daß, da es sich um höhere Aufträge handelt, wir weder zu richten, noch uns gegen Sie zu rechtfertigen haben. Es wird sich eben darum handeln, Ihrer Ansicht dort Geltung zu verschaffen, wo darüber entschieden wird.“
„Dieß wird sehr schwer geschehen können, da ich mit der Absicht reise, meine Angelegenheit dem Prinzen vorzutragen. Ihr Auftrag heißt Sie dem entgegentreten. Dawider steht mir keine Einwendung zu. Meine Pflicht war nur, fürs Erste zu sprechen, damit ich den Verdacht beseitige, als wollte ich irgend einer Konsequenz meines Zuhörens ausweichen, fürs Zweite die Ueberzeugung auszudrücken, daß Sie, meine Herren, wenn es mit Ihrer Pflicht vereinbar ist, einen solchen Auftrag sicherlich nicht übernähmen, wenn Sie den Karakter dessen kennen würden, gegen den er gerichtet ist.“
Arnold grüßte mit einer leichten Neigung des Kopfes und nahm seinen Platz wieder ein. Sprenger schüttelte ihm beifällig die Hand. — Die beiden Offiziere sahen einander an, und sagten fast zu gleicher Zeit: „Mir scheint, wir haben eine ungeheure bêtise gemacht.“ — Der Schein wurde ihnen, je länger sie nachdachten, desto mehr zur Gewißheit. Sie setzten sich ans andere Ende des Coupé.
„Was liegt daran! — sagte Plomberg. — Vielleicht könntest du die ganze Audienz verhindern?“
„Gott bewahre, der Prinz hält auf seine Popularität, so wenig wir auch noch davon gehabt haben. Der junge Mensch wird auch wahrlich nicht von Greuth oder der Zeltner reden. Im schlimmsten Falle aber kommt zuletzt Alles auf Greuth; der Prinz wird a camera fulminiren, da er ihm öffentlich nichts anhaben kann. Dieser Korbach gefällt mir übrigens nicht übel, er scheint „Schneide“ zu haben.“
„Das müßte man erst sehen! Glaub’s aber gern, daß es ihm eine Ehre und ein Vergnügen gewesen wäre, sich mit uns herumzuhauen. Seitdem das Wort Gentleman in der Mode, ist keine Barriere mehr. Früher hat sich Unsereiner manchmal herabgelassen, sich mit einem sogenannten Honorazioren zu raufen, jetzt ists schon bald verfluchte Schuldigkeit geworden, einem Federfuchser oder Kaufmann Rede zu stehen! — Ein Denkzettel hätte ihm aber nicht schaden können!“
— „Im Gegentheile nützen! Das wäre das beste Mittel gewesen ihn zu heben! Darum habe ich auch den Passus von „Konsequenzen“, denen er nicht ausweichen will, nicht aufgegriffen!“
— „Was wirst du jetzt thun?“
— „Ich werde meine Sache so machen, daß ich mit meinem Prinzen und du mit Greuth auf gutem Fuße bleiben; wie diese Beiden dann mit einander stehen, kann uns indifferent sein.“
— — Es war zehn Uhr Abends, als man im Hafen anlangte.
Vor dem Hotel, in welchem Arnold und Sprenger ihre Wohnung nahmen, ragten die Masten der Schiffe in den dunkeln Himmel, welche in dichter Reihe am Quai lagen. Der bekannte tausendstimmige südliche Lärm füllte die laue Luft. — Unsere Reisenden waren aber nicht in der Stimmung, sich mit pittoresken und kulturbildlichen Studien zu befassen, sondern sperrten die Reize des nächtlichen Seestückes und das ganze Geschrei der bella Italia mittelst der Fensterläden hinaus, so gut es ging, und suchten die Ruhe.
* * *
Dafür begrüßte Arnold die aufgehende Sonne auf dem Hafendamme. —
Sie schüttete ihr Gold ins Meer, heute wie immer, unbekümmert um die schlafende Stadt; — so wenig diese sich um die Sonne kümmert. — Was ist daraus zu prägen? Der Sonnenaufgang gibt keinen Kurszettel für die schlummernden Handelsherren. Was wäre da zu notiren? „Fernsicht flau — rothes Gewölk über dem Kastell wenig begehrt — starke Schwankungen der kleinen Fischerboote — die große Fregatte fest, aber bei den Italienern nicht beliebt — Wellengold und Nebelsilber ausgeboten — — von der unerschöpflichen Hand, welche täglich ihre Valuten auf den Markt wirft — aber kein Käufer.“
Doch Einer war ja aufgetreten! — Und wie klein ist der Preis, den die ewige Natur fordert! Nichts als ein offenes Auge und Herz, — und ohne zu wägen und zu zählen füllt sie Beide mit ihren Schätzen, — so voll, daß sie den Tropfen aus dem Auge drängen und den Seufzer des Schmerzes oder der Seligkeit aus der Brust.
Den Preis hatte Arnold zu bieten. Noch gab es Hochalpen in seinem Innern, zu denen kein Schienenweg der Industrie hinanreichte, Wildwasser, die kein Schwungrad trieben. Nur schärfer hatte sich in den letzten Tagen das Chaos in ihm gesondert, die Wasser der Höhe von denen der Tiefe. Er konnte sich Stunden lang ganz seiner materiellen Aufgabe hingeben, die mit der Schwierigkeit einen Reiz gewann. Aber unter dem häufigen gewaltsamen Zurückdrängen hatte sich sein Herzensleben nur kräftiger entwickelt, wie Keime unter Schnee.
So oft er, das Arbeitsgeräthe des geschäftigen Tages zur Seite werfend, die Pforten seines innern Heiligthums aufriß, vor das geliebte Bild, das im zauberischen Dunkel seiner harrte, hintrat und ihm ins freundlich sinnende Auge sah, ward das Wiedersehen inniger, die Andacht heißer, die Trennung schmerzlicher. — Diese Morgenstunde am Meeresstrande war dem Gebete vor seiner „Bildsäule von rosenrothem Diamant“ geweiht. — Fest und rein wie das blaue Gewölbe über ihm, war sein Glaube geworden, — jedes Wölkchen des Zweifels entflohen. — Sein Auge durchflog die Unermeßlichkeit um ihn und wendete sich von der fernen Linie, die im Süden Meer und Himmel trennt, müde und geblendet nach den Bergen über der glutbegossenen Stadt, — der Gedanke schwingt sich über sie weg, und sinkt nieder am rothen Kreuz.
Wiedersehen! und welches Wiedersehen? — Meer und Himmel hatten keine Antwort. Er fand sie in sich. — War doch in ihm die Liebe zum hohen markigen Baume emporgewachsen — — und sie könnte ihm, die halbverschlossene Knospe in der Hand entgegentreten? —
— Und doch — welches war das Pfand, das er vom Freinhofe mitgenommen, der Keim, aus welchem er den Baum großgezogen?
Sein Gedanke nach jener ersten seligen Stunde war: sie vertraut dir! — kein Anderer. Daraus war entsprossen: wenn dieses Weib dich lieben könnte! — Und wie er es Tag für Tag dachte, klang das Wenn immer leiser. Nun hatte er sich hineingelebt in den Gedanken, und vergessen, daß es jene einzige Stunde war, aus welcher er, er allein das Feenschloß einer Gegenliebe aufgebaut, — daß sie ihm nicht ein Sandkorn mehr dazu gereicht, seit der Trennung nach dem ersten Begegnen.
Am heiligsten und schönsten ist vielleicht ein solcher Glaube, der ohne irgend ein Wärmen und Pflegen von Außen, aus sich erwachsen, wie die Perle in der Perlenschale des Herzens. Aber bitterer auch die Enttäuschung, wenn in den Schmerz die höhnende Frage hineinklingt: Was hieß dich denn glauben?
— — Als Arnold nach Hause zurückkehrte, mochte Etwas von dem Morgengebet in seinen Augen glänzen. Mit Sprenger hatte er von seiner Liebe nicht gesprochen, und dieser, der das Innere seines Zöglings wie sein eignes kannte, schwieg gleichfalls. Er sah ihn besonnen und thätig, sah weder sieche Sentimentalität noch leidenschaftliche Fieberhitze, und dieser Grund, nichts dagegen zu thun, gesellte sich zu dem Hauptgrunde, der darin bestand, daß überhaupt nichts dagegen zu thun war.
Sie besprachen die gestrige Fahrt, die heute zu machenden Gänge, und nahmen ihr Frühstück auf dem Balkon des Hotels. — Längst war der Hafen erwacht, — dann die Stadt und immer zahlreicher mischten sich unter die braunen Gestalten und malerischen Trachten des Volkes blasse Comtoirgesichter und Gehröcke, nach den Magazinen und Schreibstuben laufend.
Unter dem Thor stand erwartend die offizielle Räuberschaar von Kellnern und Lohnbedienten, außerhalb die nicht offizielle von Trägern, Führern, Kommissionären, der Opfer harrend, die der Posttrain aus der Residenz in ihre Hände liefern sollte. Das Hotel hat einen energischen Diplomaten im Bahnhofe, der mit sicherm Blicke auf dem Gesichte eines Jeden liest, ob er bereits eine Wahl getroffen, und Jeden, der einen Augenblick suchend und fragend vor sich hinsieht, mit Beschlag belegt.
Der erste Miethwagen mit Ankommenden bricht durch das Gewimmel am Platze. Es folgt ein zweiter und dritter. — Aus einem der letzten steigt Klotilde, etwas blaß von der Nachtreise, aber hübscher als je.
Sie verhandelt mit dem Aufwärter, in geläufigem Italienisch, mit großer Sicherheit alle Punkte des Einquartirungsvertrages und tritt, vom gepäcktragenden Burschen gefolgt, ins Thor. —
Nach einigen Minuten klingt ein Fenster über den Häuptern unserer Freunde, — sie überblickt ein Paar Minuten die Aussicht und schließt es wieder. Die Vorhänge rollen herab: die Dame bedarf der Ruhe, der Sammlung ihrer Mittel zu großen Zwecken. —
Arnold wäre ihr jetzt nicht ausgewichen, da sie ihm wie ein freundlich humoristischer Gruß von Günther erschien, und weil überhaupt ein in der Heimat fremdes Gesicht in der Fremde zum bekannten wird. Ist’s vollends ein Gesicht wie das Klotildens, so liegt, wenn auch von einer Anziehungskraft für Arnold keine Rede sein konnte, wenigstens nichts Abstoßendes im Gegenstande.
Er begab sich nun mit Sprenger zu Franchini, welcher sie in seinem Kabinet empfing. Der Kopf des Banquiers hätte jedes Bild eines Gesandtenkongresses geziert. Die freien, intelligenten Züge waren wohlwollend und gewinnend, — seine schneeweißen Haare und lebhaften schwarzen Augen dienten einander als Folie, — Ausdrucksweise, Bewegungen und Toilette vollendeten den Eindruck des banquier-diplomate.
Nachdem Arnold, so zu sagen als Missionschef, in klarer Form und zu sichtlicher Befriedigung des Zuhörers die Hauptzüge des fraglichen Geschäfts entwickelt, und Sprenger die Umrisse hie und da mit Details ausgefüllt hatte, faßte Franchini, schnell und mit freundlichem Tone sprechend, das Gesagte zusammen: „Der Zweck Ihrer Reise, meine Herren, ist die Sicherung der Bestellungen für die Marine. Sie deuten auf Konkurrenz hin. Es war vor kurzer Zeit ein Agent eines Herrn Kollmann hier, der auch meinen geringen Einfluß in Anspruch nahm. Ich habe abgelehnt, da kein Grund vorliegt die Verbindung mit Ihrer Firma zu lockern. Sie wünschen den Abschluß mitzunehmen und eine Audienz beim Prinzen soll Sie gerade ans Ziel führen. Es bedurfte keiner Empfehlungsbriefe, um mich aufs Wärmste für Sie zu interessiren. Ich hoffe Ihnen einen Dienst zu erweisen, indem ich Ihr Ansuchen um die Audienz vermittle, da ein mir offener indirekter Weg unter dem Gedräng der Festlichkeiten vielleicht der Anmeldung in gewöhnlicher Form vorzuziehen ist.“
Franchini schloß mit einer Einladung, heute und die ganze Zeit ihres Aufenthaltes, seine Mittaggäste zu sein; — die beste Gelegenheit, sie mit mehreren Notabilitäten, namentlich dem Direktor der Marine-Kanzlei bekannt zu machen. —
Arnold konnte keinen bessern Erfolg des ersten Besuches wünschen. Einige andere füllten den Vormittag. Sie fanden auf ihren Gängen die Stadt in lebhaftester Bewegung; wo immer drei Menschen beisammen standen, hörte man die Worte Villa, Ball, Beleuchtung, und die Namen des Monarchen und des Prinzen. Wir folgen dem allgemeinen Impulse und wenden uns zuerst zu Letzterem.
Der Prinz war einige zwanzig Jahre alt, und seine körperlichen und geistigen Eigenschaften mochten für jeden Posten besser taugen als für den, welchen er bekleidete. — Schwer konnte man sich diese zarte, schlanke Gestalt in der Admiralsuniform an Bord des Linienschiffes denken, als Beherrscher der schwimmenden Donnervulkane. Wenn man den blonden Schein über der feinen Lippe, durch welchen der Wunsch einen Schnurbart zu tragen ausgedrückt war, wegnahm und die weichen Haare zu Ringellocken auszog, konnte er ganz gut eine junge Lady vorstellen. — Sein Geistiges stand insofern im Einklange damit, als er eine lirische Natur war, welche im Mittelalter weniger das Ritterschwert geführt, als mit der Laute des Minnesängers Frauendank und Bandschleifen erkämpft hätte.
Er hatte, wie alle Prinzen des Hauses, eine militärische Erziehung bekommen, behielt aber auch in der modernen Uniform die mittelalterlich romantische Richtung. — Seinem Sinne war das gesammte reguläre Militär nicht simpathisch. Kreuzfahrerkostüme, oder in wirren Haufen hinjagende Tscherkessen und Perser, spanische Guerilla’s, Palikaren, — kurz alle pittoresken Gestalten waren Labsal für seinen Sinn, und er wendete auf dem Paradeplatz gern den Blick von der steifen Linie der defilirenden Grenadiere nach der Suite, nach dem fliegenden Gemeng der glänzenden Uniformen aller Waffengattungen.
Er dichtete, und nicht einmal ganz schlecht. Eines der weniger gelungenen Gedichte war aber seine Führung des Statthalterpostens einer Provinz, welche zu den widerspänstigsten des Reiches gehörte, und welche er durch eine Art von cour d’amour im Stile des Königs René, Maskenzüge, orientalisch kostümirte Trabanten und Tableaux zu beruhigen gedachte. Er ließ es dabei auch an Unterstützung der Künste und wohlthätigen Spenden nicht fehlen, machte aber, dem ernsten, festgewurzelten Hasse gegenüber, mit seinem heitern, durchsichtigen Streben nach Popularität vollständig Fiasko, mehr als es vielleicht mit einer puritanisch-strengen Haltung der Fall gewesen wäre.
Als sich sein der Centralgewalt längst nicht zusagendes Sistem praktisch nicht bewährte, verlangte und erhielt er das Marinekommando, wobei ihm jedoch wieder die Bilder von Tempesta, das Wimpelgeflatter und alle Seeabenteuer von Jason bis auf Marryat lebhafter vorschwebten, als die trockene Aufgabe, eine in der Entwicklung begriffene Marine zu organisiren. — In angebornem Pflichtgefühl suchte er seiner Aufgabe gerecht zu werden, arbeitete mit den Fachmännern, so lange er eben aushielt, erwarb sich die Liebe der Untergebenen und der Stadt, welche ihn von seiner glänzendsten Seite, der repräsentirenden, kennen lernte, und entschädigte sich für die Mühen seines Berufes durch Feste und Galanterie.
In letzterer Beziehung war er von dem Regime der Minnesänger, welche von einem Stück blauen Band und Sacktuchwehen vom Erker herab eine Anzahl Jahre lebten, bald abgewichen, und hielt diese Richtung nur in seinen Gedichten fest, während im wirklichen Leben Bänder und Taschentücher nur insofern Gegenstände seines Wunsches waren, als ihr Besitz zugleich jenen der Eigenthümerin bedeutete. Im Gedichte verherrlichte er die Silfide, den weibgewordenen Mondstrahl: in der Wirklichkeit zog er die niederländische Schule der deutschen vor, und schätzte eine Dürer’sche Madonna dann am höchsten, wenn er auf dem darunter stehenden Sofa einer Rubens’schen Frau zur Seite saß. — Dabei war er jedoch ziemlich beständig, und man konnte seine liaisons während dreier Jahre an den Fingern Einer Hand aufzählen. Seine poetische Natur schmückte die Erwählte mit Reizen, die ihr vielleicht nicht eigen waren, und es ließ sich nachweisen, daß der Bruch der bisherigen Verhältnisse immer durch eine Thatsache herbeigeführt worden, welche Seine Hoheit überzeugen mußte, daß man ihr ritterliches Vertrauen mißbraucht habe.
Das Admiralitätsgebäude, dicht am Hafen, entsprach in keiner Beziehung seinem Geschmacke. — Es gewährte keinen Ueberblick, kein Bild! — Der Wellenspiegel mit den Objekten seiner Thätigkeit sollte unter ihm liegen — die Marine in Morgen- und Abendbeleuchtung — des Mondes nicht zu erwähnen — — und er selbst auf der Höhe, sinnend an eine Säule gelehnt — mit dem Nelson-Perspektiv hinunterschauend! — Auch lag die Admiralität mitten unter andern Häusern. Nicht einmal Hinterpforten. Jede „Rubens’sche Frau“ mußte vermummt zwei Schildwachen passiren.
Nun thronte die Villa auf der Höhe des Berges, der dem Dampfer der Levante über die Nebeldecke der See den ersten Gruß zusendet! Aus reichem Grün glänzt die Gloriette mit ihren Marmorstatuen, und die Flügel liegen halbmondförmig in den Armen der Waldhöhe. — —
Die Fantasie des Prinzen war einige Monate hindurch in voller Gährung über die Ausschmückung der Villa. — Es waren so ziemlich alle Stile vertreten, griechischer, gothischer, Renaissance... er hatte eine eigene Erfindung im Kombiniren von Erfundenem. So wenig das Auge des Kenners ein Labsal fand, so sehr bestach das Bauwerk die große Masse, durch den Reichthum des Stoffes und gewisse Effektstücke, die nicht ohne Reiz waren, wie z. B. der achteckige Saal, der das Centrum bildete. Die Mauerflächen waren mit weißem Marmor überkleidet, Baumstämme, täuschend aus dunklem Bronce gearbeitet, stiegen in jeder Ecke empor, unten glatt, oben in Aesten, Verzweigungen, und endlich in ein grünes Laubdach sich ausbreitend, welches den ganzen Raum überwölbte, und über welchem durch die Kuppel von blaßrosenfarbenem Glase das Licht einfiel, ohne daß man eine Flamme sah. Ein alter Gedanke, den aber der Prinz auf seinen Reisen doch nirgends ausgeführt gesehen. —
Wenn in dem anstoßenden Sale die Glasgemälde der Fenster bunte Farbenflecken auf den spitzen gothischen Zierrath der Wände und Gewölbe warfen, und in einem dritten das Kristallbassin mit Blumenfontaine, und die Teppiche und niedern Ottomanen einem Märchen der Scheherasade zu lauschen schienen, so mochte das Gesetz des Schönen durch den Mangel an Einheit noch so sehr verletzt werden, die Sinne wurden doch eigenthümlich gereizt, wenn der Lichtstrom und Blumenduft sich durch den ganzen Raum ergoß, und man das Ganze nur als fantastische Traum-Mosaik, als märchenhafte Zimmerreise in einem Zauberpalaste betrachtete.
Fast stellte die Villa ein Bild des Staates dar, dem der Prinz angehörte. Ein Bild seiner schönsten Zeit! Das bunte Gemenge seiner Nazionen, von Einem Gebäude umfangen, von Einer Hymne durchklungen, Eine Fahne hoch wehend über dem Farbengeflatter der zahllosen kleineren — wie hier die Kuppel Alles überragt, durch ihr Ueberragen allein dem Ganzen einen Halt und Mittelpunkt gibt. — Denkt die umfangende Mauer weg, — und der altgläubige gothische Saal steht feindlich dem Grazientempel, — der blühende Orient den klaren, scharfen Formen des Westens entgegen, — — und dennoch vermag kein’s als Ganzes für sich zu bestehen.
Doch die Villa ist kaum erbaut! — Wer denkt hier an Zerfallen?
Denkt doch auch dort kaum Einer daran, wo der Gedanke so nahe läge! — Eben fliegt der Faëton ihres Besitzers den Berg hinan, auf der herrlichen Kunststraße, die sich wie ein weißes Band in dreimaliger Windung hinaufschlingt. Er leitet persönlich die letzten Anstalten der beleuchtenden und dekorirenden Schaaren. —
— — Der Ball war an dem Tage, wie überall, so auch beim Diner bei Franchini Hauptgegenstand des Gespräches, welches schon während der ersten Gänge sehr heiter und ungezwungen geführt wurde. Mr. Brown, der Chef der Gaskompagnie, schilderte einen Abend, den er mit dem Prinzen auf dem Gebälke über der Glaskuppel zugebracht, unter beständigen Versuchen mit dem Beleuchtungsapparate, der sich endlich zu voller Zufriedenheit bewährte. —
Der Direktor der Akademie, Volpi, vertraute der, nur aus vierundzwanzig Personen bestehenden Gesellschaft unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, daß die Wahl des Comité’s für Bestimmung der drei schönsten Frauen zur Schlußgruppe der morgigen Tableaux auf Contessa Sanvitelli, Generalin Heuneberg und die Gattin des Banquiers Strada gefallen sei. Die Gemahlin des Gouverneurs, welche bei den ricevimenti des Prinzen die Honneurs machte, war von den Damen der Stadt gebeten worden, zu wählen, und hatte, — den ganzen Frieden ihrer Zukunft auf dem Spiele sehend, — drei Professoren der Academia delle belle arti ersucht, die Rolle des Paris zu übernehmen. — An zwanzig Damen fanden sich, auf Erlaß des Comités, am hellen Mittag, in ganz gleichen einfachen weißen Kleidern bei der Gouverneurin zusammen. Jede hatte die ihr vortheilhafteste Frisur gewählt; allein die genannte Dame theilte ihnen lächelnd einen weiteren Beschluß des Wahlcomités mit, in Folge dessen ein Friseur nebst Gehülfen erschien, welche alle Kunstbauten beseitigten, und die Haare sämmtlicher Kandidatinnen glatt scheitelten und aufgelöst über die Schultern fallen ließen. Sie hatten hierauf in einem Salon mit dunkelgrünen Tapeten einen Kreis zu bilden, in welchem die drei Professoren sich eine halbe Stunde sehr angenehm herumbewegten. Ihre Wahl fand zwar nicht den Beifall der Nichtgewählten, aber den einstimmigen der Tischgesellschaft. —
Korbach wurde vom Herrn des Hauses mit Auszeichnung behandelt, und die Gäste schenkten seinen ruhigen aber bestimmt geäußerten Ansichten Aufmerksamkeit. Als der Bürgermeister der großen Vortheile gedachte, welche der Prinz der Hafenstadt zugewendet, welche ihm außerdem für den entwickelten Luxus dankbar sei, nahm er das Wort und schilderte die Stimmung der Residenz als eine, seiner humanen, wohlwollenden Tendenz höchst günstige, namentlich in den industriellen Kreisen, wo man seinen Bestrebungen zum Schutze der inländischen Produkzion volle Anerkennung zolle. — Es waren einige free-traders anwesend, für welche der Chef eines englischen Kommissionsgeschäftes das Wort führte, während Arnold die Schutzzölle vertheidigte. Die gegen Ende des Diners begonnene Debatte wurde in schönster Form mit Beobachtung aller Rücksichten auf interessante Weise geführt, daß die Gesellschaft in zwei ungleiche Lager getheilt — da die Majorität auf Arnold’s Seite — mit Spannung und Vergnügen zuhörte. — Der junge Korbach, der zum ersten Male als Repräsentant seines Hauses und Verfechter der demselben verwandten Interessen, in einer fremden, fast durchweg aus älteren Leuten bestehenden Gesellschaft auftrat, ward durch den Beifall, den seine ersten Reden gefunden, ermuthigt und entwickelte die Forderungen der Praxis, einer glänzenden Theorie gegenüber, mit so schlagenden Gründen und zugleich in so liebenswürdiger, natürlicher Form, daß er den entschiedensten Sieg errang.
Er schloß mit den an den Engländer gerichteten Worten: „Es ist eine, wir wollen es gestehen, erzwungene Huldigung, die wir durch Vertheidigung unseres Schutzsistems Ihrer großen Nazion darbringen! Wir gestehen damit nur ein, nicht auf der Höhe zu sein, aus der wir Ihnen als Gegner den Handschuh hinwerfen können. So lange aber das Terrain der vaterländischen Industrie nicht hoch genug, um nicht von den Wogen Ihrer bisher an Werth und Billigkeit unerreichten Produkte überschwemmt zu werden, können Sie nun und nimmer verlangen, daß wir selbst den Damm einreißen! Der überschwemmte Markt würde in kürzester Zeit aufhören ein guter Markt für Sie zu sein, und wenn uns — was eben nicht der Fall — alle Minen Südamerika’s zu Gebote ständen, so würden wir nur dort anlangen, wo Jeder anlangen muß, der — — verzeihe mir die Gesellschaft das ganz unoratorische und unparlamentarische Gleichniß — seine Schranken zu einem Kampfe zwischen der Hauskatze der vaterländischen Industrie und dem gewaltigen brittischen Leopard öffnet!“ —
Die Gegner reichten sich lachend die Hände. Franchini ward in seinem Entschlusse, Alles was von ihm abhinge, für den jungen Mann zu thun, bestärkt. Er hielt ihn nebst Sprenger und dem Direktor der Marinekanzlei zurück, als die Gäste sich entfernten. Das Geschäft wurde nach allen Richtungen besprochen, und Sprenger übernahm die Ausarbeitung einer Vorlage, welche er mit Zuhülfenahme der Nacht bis zum nächsten Morgen zu vollenden gedachte, für welchen Franchini bereits die Audienz erwirkt hatte. Er übergab den beiden Gästen zugleich Einladungskarten zum Balle in der Villa, wovon jedoch nur Arnold Gebrauch machen konnte, da Sprenger keine Zeit erübrigen zu können erklärte. — Das Erscheinen des Ersteren schien allen passend, ja nöthig.
Während er hier auf dem „Wege, den ein Korbach geht“, für sich arbeitete, war ein kleiner Notenwechsel zwischen dem Hotel, wo Klotilde wohnte, und der Villa gepflogen worden.
Sie hatte, vom Schlummer gestärkt, — ihre Ankunft und den Entschluß, zwei Tage zu verweilen, in einigen Zeilen kurz und bündig dem Baron Heidenbrunn angezeigt, welcher zum Prinzen stürzte, um diesen mit einem Ereignisse zu überraschen, das ihn etwas wärmer bewegte als der Glückwunsch der eben anrückenden Gemeinde-Deputazion.
Der Adjutant flog mit einem Billet ins Hotel, mit einer Antwort zurück, und Nachmittags fand eine Schlußkonferenz zwischen ihm und Klotilden Statt, in welcher folgende Friedensartikel festgesetzt wurden:
Frau Klotilde Zeltner wird dem Balle in der Villa beiwohnen, in Gesellschaft einer griechischen Kapitänsgattin als Anstandsbegleiterin, welche Baron Heidenbrunn besorgt. — Der Prinz macht sich verbindlich, zehn Minuten lang mit Frau Klotilde in einer Weise zu sprechen, daß die Gesellschaft des Anblickes der Unterhaltung theilhaftig werde. — Ihrerseits bewilligt sie eine Unterredung, à discrétion über zehn Minuten, außerhalb der Gesellschaft. — Dieselbe stellt schließlich unbestimmte Verlängerung ihres Aufenthaltes in Aussicht. —
Der Adjutant suchte vergebens den Schlüssel zur Erklärung des schnellen Ueberganges zum Sistem der Konzessionen. —
Klotilde hatte Zeit gehabt, Günther’s Andeutungen auf der Reise zu überlegen, und den Gedanken, daß Kollmann die Erscheinung seiner Frau zu Gunsten seiner Angelegenheit in die Wagschale legen könne, so lange ausgemalt, bis sie überzeugt war, derselbe sei bereits in der Hafenstadt angelangt, und in einer niederträchtigen Intrigue begriffen. Als, auf ihr Befragen, Heidenbrunn von Schritten eines Herrn Kollmann beim Prinzen so wenig als von einer Frau dieses Namens wußte, ward sie ruhiger, hielt es jedoch für angemessener, das streitige Terrain zu occupiren. Sie kannte den Karakter des Prinzen hinlänglich, um zu wissen, daß er unter dem ersten Reize eines glücklichen Verhältnisses unzugänglich für andere Eindrücke sei, und beschloß ihm so viel Hoffnung zu geben als möglich, wenn noch welche übrig bleiben sollte. —
— — Der Himmel bescheerte dem Prinzen einen umwölkten Abend, — der erst spät einer hellen Mondnacht wich — als Hintergrund seiner Illuminazion. Der Chef der Gaskompagnie wüßte vielleicht zu sagen, wie viele Tausende von Flämmchen die Form der Villa in feurigen Linien auf den Grund des Waldes zeichneten. Weder Jemand von der Gesellschaft noch der Prinz hat sie gezählt, sondern Letzterer nur bezahlt, und wenn man das Spalier der Pechpfannen von der Stadt bis auf den Berg, die Girandolen auf dem Vorplatze, das bengalische Feuer auf der Kuppel und die alle fünf Minuten nach dem Himmel fahrenden Büschel von farbigen Raketen dazu rechnet, so läßt sich annehmen, daß dieser Versuch, die Nacht bei Tageslicht anzuschauen, allein so viele Mittel in Anspruch nahm, als die Verwandlung von einem Paar Hundert kalter und finsterer Stuben in warme und helle für die ganze Dauer des Winters. — — Eine nördliche Reflexion! — den tropisch heißen Empfindungen gegenüber, mit welchen die Munizipalität mit Frauen und Töchtern den Berg hinanrollte, größtentheils in viersitzigen Wägen in der gewöhnlichen, durch Verspätung und Angst des Kleiderzerdrückens erzeugten Familienverstimmung. — Kühler fuhren die Damen der höchsten Gesellschaft dahin, einzeln oder zu zweien — es war ja eine Konzession, welche die geschmückten Opfer mit lächelnder Resignazion der Lieblingsmarotte des Prinzen brachten. Am kühlsten die alten Militärs, welche berechneten, wie viele Stunden sie im Glühofen dieses Feenpalastes mit loyaler Freudigkeit dorren mußten. —
In eigentlich froher behaglicher Stimmung kamen nur die Frauen der haute finance; wir werden hören warum.
Mit welcher Empfindung aber auch Jeder gekommen sein mochte — wenige Minuten nachdem er durch die Blumenpforte des Vestibule getreten, wurde er von jener erfaßt, welche sich gleich in der ersten Stunde, nachdem sich die Geladenen versammelt, Bahn gebrochen hatte.
Es gibt Gesellschaften, die einem ummauerten Teiche gleichen mit einem langweiligen Triton in der Mitte, und schief im Wasser stehenden, glotzenden Goldfischen.
Andere — seltene, glückliche! — mahnen an eine frische Quelle, die durch Felsen schlüpft und in welcher sich die Forellen jagen.
Die Goldfische in den steifen Uniformen wußten Anfangs nicht, wie ihnen geschah, als sie in das gewohnte schwüle stehende Wasser zu fallen meinten, und von einer wirbelnden Flut gefaßt wurden, die sie fortriß.
Nicht einmal die Polonaise — (armes Heldenvolk, das seinen Namen zu dem getanzten Tarok hergeben mußte!) — nicht einmal diese hatte begonnen. — Statt der geometrischen Promenade flogen in der ersten Viertelstunde die glänzenden Roben im Walzer dahin, — lösten sich wehende Locken von den warmblühenden Stirnen, — und mit den feurigen Klängen der Musik mischte sich frohes Lachen und die Fülle von hundert reizenden Stimmen bis herab zum süßen südlichen contre-Alt — der wahren viole d’amour der weiblichen Brust — und durchtönte die Blumengrotten, den Marmorsaal und alle die hohen strahlenden Räume.... Schaudernd entflohen war die langweilige Matrone Etikette, als fürchtete sie einen Orangenhagel von den Kobolden des neckenden Frohsinns!
Und wer hat sie verscheucht? wem dankt der Gebieter dieser Räume, daß sie heute nicht der dürre Samum des Ceremoniells durchweht?
Eine Verschwörung hatte die Matrone gestürzt.
Die Frauen hatten gesagt, so soll es sein, und sie setzen ihren Willen sicherer durch, als die am Anfange dieses Kapitels singenden vierzig Millionen.
Eine große Zahl der schönen, jungen, geistreichen, lebhaften Frauen des reichen und gebildeten Mittelstandes der Hafenstadt hatten beschlossen, dem liebenswürdigen Herrn der Villa zu zeigen, was sie der Gesellschaft zu bieten vermochten, und den vollen Reiz der ungezwungensten Heiterkeit gegen den spanisch-exclusiven Ennui ins Feld zu führen!
Sie umringten den Prinzen, es fiel wie ein Regen von Wortblumen auf ihn — ein reizendes Impromptu folgte dem andern — sie bestimmten die Ordnung der Tänze ohne nach einem Obersthofmeister zu fragen, — verflochten während des Tanzes den Prinzen, der so leicht zu verflechten war — und während der Ruhe die alten Kammerherren und Generäle in jene raschen, witzsprühenden, zündenden Gespräche, welche einmal die Damen des pur-sang für ihr Monopol hielten, und kümmerten sich um diese letzteren so gar nicht, und wenn’s möglich wäre, noch weniger als gar nicht!, bis endlich Alles belebt und durchglüht war — — mit Ausnahme einiger verknöcherter Repräsentanten eines, dem Himmel sei Dank, täglich tiefer ins Meer der Lächerlichkeit versinkenden Prinzipes. —
— Es war der glänzendste Sieg der Grazie über die freudeversteinernde Medusa des Ceremoniells!
Der Prinz, nicht ohne Geist, begriff den Sinn der Demonstrazion — der einen Seite derselben, der freundlichen, seiner Person dargebrachten Huldigung, freute er sich laut, und ging in den Ton vollkommen ein, — der andern, der arrière-pensée, die gegen eine gewisse Koterie gerichtet war, freute er sich still. — Er dankte Gott, daß der Ueberraschungsbesuch des gekrönten Vetters noch nicht in den Jubel des heutigen Abends hineingefallen!
Der Wind, der heute in diesen Sälen wehte, hatte den Friedenstraktat zwischen ihm und der noch immer nicht erschienenen Klotilde insofern zerrissen, als von verabredeten gnädigen Worten und Erwiederungen keine Rede sein konnte: die Vorstellungen mit Frage und Antwort, Verbeugung, Zurücktreten und einem Andern Platzmachen, waren gar nicht zur Ausführung gekommen. Der Prinz war bald mitten im Gedränge, mit vielen zugleich sprechend, bald saß er in einer Blumennische — mit einer Feuernelke oder blaßrothen Camellie — die Frauen sprachen ihn an, ohne von der Hand der Gouverneurin vorgeführt zu sein — und die Männer hatten hinlänglichen Takt, um die fröhliche Razzia über die sonstigen abgesteckten Grenzen hinaus auf eine Weise mitzumachen, welche die Exklusiven am meisten ärgerte, die immer auf ein störendes, plumpes Zuviel hofften, und immer vergebens!
Auch der alte Franchini hatte seinen Moment ersehen, Arnold dem Prinzen vorzustellen. Dieser sprach von dem Glück, das ihm morgen bevorstehe (der Audienz) und von dem noch größeren heutigen, und bedauerte, fast der einzige Vertreter der Residenzbewohner zu sein, welche in dem Prinzen die eigentliche Stütze der vaterländischen Kunst anbeteten, und welche ein einziger Gang durch die Villa überzeugen würde, wie jeder seiner schönen Gedanken auch zur That werde. —
„Machen Sie schnell diesen Gang mit mir, sagte der Prinz rasch und freundlich, und erzählen Sie zu Hause; ich sehe daß Sie Kenner sind!“ und damit verließ er seinen Platz und durchschritt mit Korbach mehrere Säle, in jedem mit einigen Worten die Idee bezeichnend, die ihn geleitet.
Als sie in der letzten Piece, zunächst dem Eingange anlangten, traten die letzten Angekommenen der ganzen Gesellschaft — Klotilde und ihre Begleiterin, ein.
„Es hat mich sehr gefreut Sie kennen zu lernen,“ sagte der Prinz zu Arnold, das „sehr“ so laut und freundlich betonend, daß es Klotilde und die übrigen Anwesenden vernahmen.
Arnold zog sich nun zurück, und der Prinz sprach die Ersehnte und so unerwartet Wiedergefundene an, und machte mit ihr den ganzen Weg zurück nach dem Platze, wo er heute schon manches reizende Gespräch geführt. Das jetzige währte ungefähr so lange als drei der früheren.
Als es, augenscheinlich zur vollen gegenseitigen Zufriedenheit, endigte, trat der Prinz unter eine Herrengruppe, Klotilde aber ließ ihre Blicke durch die Säle schweifen, bis sie Arnold fand, den sie ohne Weiteres ansprach, von dem Zusammentreffen im Freinhof ausgehend.
Endlich ein Laut von dorther! ein Gespräch über sie! und eines, in welches sich nicht der ekelhafte Konkurrenzgedanke mischte... ein Gespräch über Julie, ohne daß die Firma Kollmann mitklang.
Er vernahm zwar nichts, was seinen Durst stillen konnte, — Klotilde war selbst seit der Zeit nicht dort gewesen — aber ihre Erscheinung wurde für den Augenblick zu einer angenehmen für ihn. Sie sprach ruhig und in berechnet liebenswürdiger Weise. Der Prinz war gegen Arnold äußerst gnädig gewesen: Motiv genug. — Während der Prior von Sankt Martin über den Prälatenstuhl weg nach dem Kardinalshut hinaufsah, dachte Klotilde, praktischer, über die Villa des Prinzen hinaus an eine Zeit, wo ihr jede freundliche Verbindung in einer tiefern Region erwünscht sein könnte. Ueberdies hatte die Persönlichkeit Arnold’s ihre Wirkung auch auf sie nicht verfehlt. Die Unterhaltung war lang und lebhaft. — Klotilde brach sie plötzlich mit einem „auf Wiedersehen!“ ab, und verschwand im Gedränge.
Leider schien dem Prinzen kein ganz ungestörter Genuß des Festes vergönnt zu sein. Mitten in einem angelegentlichen Gespräche wurde er durch Baron Heidenbrunn unterbrochen, welcher den Saal mit einem großen versiegelten Schreiben durchschritt, das er dem Prinzen überreichte. Dieser riß es mit offizieller Miene auf, rief dem Adjutanten zu: „Ich spreche den Kurier selbst!“ und verließ die Gesellschaft mit der Versicherung seiner baldigsten Rückkehr. —
Der Adjutant hatte nach dem Gange des Prinzen mit Arnold einige Worte an Letzteren gerichtet, welche dieser artig und kühl erwiederte. Mit Plomberg war es bei einem steifen Gruße geblieben. — Die beiden Offiziere hatten eine kurze Unterredung mit einander, in welcher Heidenbrunn erklärte, er habe keine Gelegenheit finden können, den vertraulichen Auftrag an den Prinzen zu vollziehen, und finde sich unter den jetzigen Konstellazionen wenig bewogen, gegen Korbach zu operiren. Plomberg, welcher sich nur Greuth gegenüber gedeckt wünschte, verlangte Nichts als das Versprechen der Bestätigung, daß er seine Sendung vollzogen. —
Und somit wehten Arnold’s Fahnen hoch im Winde!
Es waren Vortheile errungen, Gefahren abgewendet, und der Zweck des Balles für ihn erreicht. Er gedachte denselben zu verlassen, nachdem er sich noch mit Franchini unterredet, welcher ihm Glück wünschte. Das Gespräch verlängerte sich durch hinzutretende Bekannte.
Als er sich von dem Bankier trennte und umwendete, legte sich eine Hand auf seinen Arm und Klotilde, mit der griechischen Dame, stand vor ihm. „Sie scheinen zu denken wie wir, sagte sie, daß man die Spielbank verlassen soll, wenn man gewonnen, und nicht das Glück mit zu langem quitte ou double ermüden! Wir fahren nach Hause, und Sie, lieber Korbach, werden uns um so gewisser das Vergnügen machen, uns zu begleiten, da Sie in demselben Hotel wohnen!“
Es ließ sich wohl schwer ein Refüs finden, und Arnold dachte auch an keinen.
Das Fest hatte früh begonnen und es war nicht viel über die Mitternachtsstunde, als der Wagen mit den beiden Frauen und Korbach die Bergstraße hinabrollte, von den Klängen des Balles, die weit in die Nacht hinaustönten, begleitet. —
Es war eine taghelle Mondnacht. Hie und da standen auf den Plätzen einzelne Menschen und Gruppen und sahen nach den vor dem Licht der Silberflut verlöschenden Flämmchen und blauen Feuern auf der Höhe. Nicht ein Wölkchen am weiten Himmel, so weit das Auge reichte. Alles klar und durchsichtig.
Die Frau des griechischen Kapitäns wohnte am Quai, einige Hundert Schritte vom Hotel. Sie stieg bei ihrem Hause ab, Klotilde gleichfalls. Letztere schickte den Wagen weg, sagte der Begleiterin Lebewohl und legte ihren Arm in jenen Arnold’s.
In wenigen Minuten war der Weg bis zum Hotel zurückgelegt. Klotilde war befangen, verwirrt und stumm, ohne daß Arnold einen Grund errathen konnte.
Als sie in das Thor traten, sagte sie: „Wenn Sie in der Contrada grande, statt auf mich, auf einen Balkon hinaufgesehen hätten, würden Sie in der Dame, die Ihnen und mir einen Augenblick ins Gesicht sah und dann zurücktrat, Julie Kollmann erkannt haben. Ich hatte aber meine Gründe, keine Erkennungsszene, auf den Balkon hinauf, zu spielen.“