Ein thätiger Freund.
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Wer ist es, der an dem Schicksale eines Menschen theilzunehmen vermag, ohne durch Bande des Blutes oder der Freundschaft an ihn gefesselt zu sein? ohne Wohlthaten von ihm empfangen, ohne ihm welche erwiesen zu haben? — der mit inniger Sorgfalt der Quelle seiner Freuden und Schmerzen nachforscht, bis er sie aufgefunden, — seinen Gedanken folgt und ihrer Entwicklung bis zur That? — unermüdet lauscht auf jede Regung seiner Wünsche — auf seinen Schritt in Licht und Dunkel, — und, ohne Dank oder Lohn von ihm zu hoffen, das treue Auge auf ihn heftet, das ihn begleitet über Land und Meer — —?
Wir können es Niemandem verdenken, wenn er meint, es sei die Vorsehung oder etwas Aehnliches. — Es ist aber die Polizei. —
Wenn es uns gelungen sein sollte, einen Leser für die Persönlichkeit Kollmann’s zu interessiren, — wenn die Familie Korbach — Günther — Baron Sembrick und noch eine Anzahl Männer und Frauen, im verschiedensten Sinne an ihm Antheil nehmen, so können wir versichern, daß er, wenn gleich in anderer Richtung, in eben so hohem Grade das Interesse eines Mannes erregt hat, welcher weder sein Freund noch Feind, noch Verwandter ist, und dennoch nicht ablassen kann, seiner zu gedenken.
Es ist dieses der Polizeikommissär Lipprecht, — dessen Erscheinung alle herkömmlichen, eingeteufelten Polizei-Schablonen vollkommen Lügen straft. — Es läßt sich kaum etwas Gemüthlicheres denken als das dicke, glänzende, tadellos rasirte Gesicht dieses Mannes, an welchem Alles lacht — von der gespannten spiegelglatten Stirnhaut bis zu den Grübchen in den Wangen und dem fetten Kinn, — ja bis zu den runden, schneeweißen kurzfingerigen Händen. —
Merkwürdigerweise weicht dieses wohlwollende Lächeln gerade im Dienste nie von ihm. — Er ist da am heitersten; — wie ein Kavalleriepferd, das die Trompete hört, ganz Feuer und Leben, mit dem Herzen Polizeimann. — In guter Gesellschaft spielt er sich häufig auf den Mann hinaus, der das Gehässige seines Berufes fühlt und wird manchmal fast wehmüthig über die schmerzliche Pflicht, einigen seiner Mitgeschöpfe zu schaden. —
Seine außerordentlichen Leistungen bei Entdeckung zweier geheimer Etablissements, deren eines sich mit Vervielfältigung von Banknoten, das andere mit Vorarbeiten zur gewaltsamen Umgestaltung der Regierungsform beschäftigte, hatten seinen Ruf festgestellt. Wenn man einen Zeitungsbericht über eine „schauderhafte That“ las, der mit den Worten schloß: „Leider ist es den Bemühungen der Behörden noch nicht gelungen, den Schuldigen u. s. w.“ — so sagte Jeder: „Hätten sie es lieber gleich dem Lipprecht gegeben.“
Er war für sein Fach geboren; — Natur-Polizeikommissär. — Sein politisches Prinzip betreffend, würde er der Republik ganz so gern und gut gegen dinastische Umtriebe gedient haben, als er der Dinastie gegen demokratische diente. Näher lag ihm die Idee vom Schutze der Gesellschaft, aber die eigentliche Triebfeder war reines Jagdvergnügen, und mit dem Augenblicke, wo er des Wildes habhaft, war auch sein Interesse dafür erloschen. Solche, die ihn genau kannten, behaupteten, er wäre der Mann, der — wenn er vor Entdeckung sicher wäre — allenfalls einen Spitzbuben entspringen und ihm einen Vorsprung bis Hamburg ließe, um wieder von vorn anzufangen.
Da er so oft von den peinlichen Pflichten seines Standes gesprochen hatte, gerieth er in einige Verlegenheit, als er eine sehr bedeutende Erbschaft machte, und nun gefragt wurde, ob er denn nicht den unangenehmen Dienst quittire? Er fand jedoch, daß sich in seiner Stellung so zahllose Gelegenheiten darboten, Gutes zu wirken, — humane Zwecke zu verfolgen, daß es Pflicht sei zu bleiben. Seine Uneigennützigkeit ging so weit, daß er in wichtigen Fällen, wo ihm die knickernde Behörde nicht die nach seiner Ansicht ausreichenden Mittel zur Verfügung stellte, wohl auch eine Reise oder die Belohnungen selbstgewählter Organe aus seinem Eigenen bestritt.
Seine Chefs schätzten seine Leistungen, ohne ihn zu lieben. Wenn man schon, mit einer wirklich unverschämten Ironie, irgend ein Gefühl im büreaukratischen Verkehre mit dem Ausdruck „lieben“ bezeichnen will, so hatte er sich dasselbe durch seine Selbstständigkeit und Unlenksamkeit verscherzt. — Immer freundlich und immer lächelnd, that er Nichts als was er für zweckmäßig hielt, kümmerte sich um keine Instrukzion und pflegte nachträglich in Form einer Entschuldigung auf eine für die höhere und folglich unfehlbare Instanz höchst unverdauliche Art nachzuweisen, daß, wenn er nach der Instrukzion gehandelt hätte, die ganze Sache fehlschlagen mußte. Auch mißbilligte man seinen losen Mund über die siechen öffentlichen Zustände und über die Taubheit gegen Reformvorschläge an maßgebender Stelle. — Er schimpfte wie ein agent-provocateur, ohne es jemals zu sein. Solche polizeiliche Schülerarbeit lag tief unter ihm. —
Eben hatte er eine glänzende Aufgabe gelöst und zur Verzweiflung der hohen Gesellschaft einen ihr angehörenden bisher undurchdringlichen Schurken aus dem Salon ins Zuchthaus befördert. Es war eine schwere und lange Arbeit gewesen, er glaubte der Erholung und einiger Zerstreuung zu bedürfen und folgte um so lieber einer Einladung Günthers zu einem Champagner-Souper tête-à-tête, von welchem er eben in der rosenfarbensten Laune nach Hause kommt.
Allein die Gedanken an Ruhe sind bereits verflogen. Günther hat ihm den, übrigens nie von ihm vergessenen Namen Kollmann frisch ins Gedächtniß gerufen.. der Name raucht und leuchtet wie Fosfor in seinem Kopf!
Er hat seine Lampe angezündet, läuft oder rollt vielmehr pfeifend in seinem Zimmer auf und nieder, — bleibt vor seinem Sekretär stehen, — zieht ein Lädchen und aus diesem ein Packet Schriften heraus und blättert darin mit einem Behagen, wie ein Don Juan in alten Liebesbriefen. —
Das erste Dokument ist fast drei Jahre alt. —
Damals war es buchstäblich nichts als das Gesicht Kollmanns, welches seine Aufmerksamkeit erweckt hatte. Was ihn eigentlich, abgesehen von den wirklich unheimlichen Augen, so polizeilich simpathisch berührte, darüber vermochte er sich nicht Rechenschaft zu geben. Eine hohe Stirn mit einer tiefen Falte, — der Mund, der nichts als ein farbloser, feiner Querschnitt im bleichen langen Gesichte war, das durch den spitzen Kinnbart noch um zwei Zoll verlängert wurde, — alles das kam an Tausenden vor. Allein er hatte bei seinem Anblick Etwas in sich „rege werden“ gefühlt, ein gewisses prickelndes Behagen, welches ihn niemals getäuscht.
Er erkundigte sich auf eigene Hand, da die Behörde sich auf fisiognomische Inzichten und seine Impressionen nicht einließ, und schrieb, nachdem er erfahren, daß Kollmanns Paß von Trautenfeld datire, an einen dortigen Unterbeamten. Von diesem erhielt er den oben erwähnten Brief, den er zwar auswendig wußte, aber nun aufmerksam überlas. Derselbe lautete:
„Euer W. geehrtem Auftrage gehorsamst entsprechend, habe die Ehre zu berichten, daß Jakob Kollmann, Civil-Ingenieur und Chemiker, 35 Jahre alt, dessen Person-Beschreibung mit der von Ew. W. gegebenen genau übereinstimmt, sich auf hiesiger Herrschaft vier Monate hindurch aufgehalten und im Auftrage des Besitzers, Bankiers Freiherrn von Sieberg beschäftiget war, Vermessungen, geognostische Untersuchungen und Erz-Analysen vorzunehmen.
„Derselbe hat einen ruhigen, arbeitsamen Lebenswandel geführt und in keiner Weise Anlaß zu Bedenken gegeben. In Betreff seiner politischen Ansichten wäre hervorzuheben, daß er sich im besten Sinne sowol gegen die Arbeiter als anderwärts geäußert, auch nach der Euer W. bekannten Verhaftung des Oberingenieurs Alberti, mit welchem er auf freundschaftlichem Fuße gestanden, sich gegen dessen demokratische Umtriebe mit Entrüstung ausgesprochen.
„Kollmann hat hier im Hause eines gewissen Grünschenk, vormaligen Besitzers einer Gipsstampfe, gewohnt, welcher, während eines der häufigen tagelangen dienstlichen Ausflüge Kollmanns, starb, und demselben ein kleines Legat von 1500 Gulden, sein übriges bedeutendes Vermögen aber der Gemeinde vermachte. —
„Während seines hiesigen Aufenthalts ist er trotz seiner höheren Bildung nicht mit den Honorazioren, sondern meist mit gemeinen Leuten umgegangen. Im Ganzen war er ernst und schweigsam und äußerte nur lebhafte Freude über das Legat, das ihm seinen Lieblingswunsch erfülle, reisen zu können, wie er denn auch kurze Zeit nach dem Ableben des Grünschenk Trautenberg verlassen hat. Womit ich die Ehre habe u. s. w.“
Ein zweites Schreiben, aus Genf, bestätigt, „daß Kollmann daselbst, bald nach seiner Ankunft, die Bekanntschaft eines Fräuleins Julie Brito gemacht, welche, väterlicherseits verwaist, mit ihrer Mutter daselbst trotz ihrer notorisch sehr günstigen Vermögensumstände einfach und zurückgezogen lebte. Bei Kollmanns Ankunft sei die Mutter bereits auf den Tod erkrankt gewesen und habe die Trauung ihrer Tochter mit ihm nur um zwei Tage überlebt. Das Vermögen sei wahrscheinlich in seine Hände übergegangen.“ —
Der Aufwand Kollmanns bei seiner Ankunft mit der jungen Frau in der Residenz, so wie der Ankauf einer Chemischen-Produkten-Fabrik war hierdurch allerdings erklärt. Das dritte Schriftstück jedoch ist es, welches dem gemüthlichen Kommissär bisher das meiste Behagen und zugleich das größte Herzeleid bereitete. —
Er hatte die Orte in Erfahrung gebracht, welche Kollmann auf seiner Reise berührt, und aus Mannheim die Nachricht erhalten, „daß er daselbst einige Tage in einem Hotel gewohnt und mit einem Fremden lange Unterredungen gehabt, welchen man seines als gefälscht erkannten Passes halber verhaften wollte, jedoch um einige Stunden zu spät kam. Die Behörde habe die Ueberzeugung, daß der Fremde kein Anderer gewesen als Wangerode, das bekannte Haupt der deutschen Emigrazion in London.“
Der Chef, welchem Lipprecht, mit seinen frühern Bedenken gegen Kollmann abgefertigt, dieses Schreiben mit vieler Befriedigung vorgehalten, war aufmerksam geworden, und hatte die Korrespondenz, welche dieser zu seinem Privatvergnügen eröffnet hatte, offiziell fortsetzen lassen. Es ergab sich jedoch, daß man Kollmann so wenig verpflichten konnte, den Fremden als Wangerode gekannt zu haben, als ihn die Mannheimer Polizei als solchen, wenigstens zur rechten Zeit, erkannt hatte; und da derselbe inzwischen festen Fuß im Lande gefaßt und hohe Protekzionen gewonnen hatte, so war Lipprecht angedeutet worden, daß man es anerkennen werde, wenn es ihm gelinge, in demselben einen Konspirator zu fangen, daß aber die Polizei keinen Grund sehe, auf ihn als solchen Jagd zu machen. —
Lipprecht zog sich nun zurück, keineswegs gekränkt, sondern lachend über die Bornirtheit, welche da nicht einmal Keime sah, wo nach seinem Gefühle schon eine reife Frucht abzuschütteln war, und bedauerte, daß man diesem Gefühl nicht mehr traute, als den gedankenlosen Zuschriften von Agenten, welche nur mit den äußern Sinnen wahrnehmen.
Sein polizeiliches Herz hatte einmal laut gesprochen und sagte: die ganze industrielle Thätigkeit und die ehrgeizigen Bestrebungen Kollmanns sind der Deckmantel seiner politischen Rolle. Irgend ein kleines ordinäres Kriminalstückchen mochte mit im Spiele sein, aber für ihn war der Mann vor Allem Emissär im großen Stile, und davon brachte ihn kein Verkehr desselben mit hochgestellten Leuten, kein Orden, kein Konsulsposten ab. —
Sein Standpunkt bei Beurtheilung eines Revoluzionärs, seine Auffassung dieses Wortes verdienen ein näheres Eingehen.
Sie waren von jener des Polizeichefs verschieden. Dieser erkannte in Kollmanns Handlungen durchaus keine umstürzende Tendenz, keines von jenen Elementen, welche das Dikzionnär der Sicherheitsbehörde als staatsgefährliche Umtriebe bezeichnet. Auf einer gewissen Höhe, verbunden mit einer gewissen Beschränktheit der Ansicht, unterscheidet das Auge nur einen Feind des herrschenden Prinzips, nämlich den der es angreift, der ihm gegenübersteht.
Wenn aber ein reicher Mann durch gewisse Leidenschaften, seien es theure Raritäten, Rennpferde der Tänzerinnen u. s. w. in seinen Vermögensumständen zerrüttet worden, so ist nicht der Dieb, der den Rest seiner Kasse stiehlt, oder der Räuber, der sie ihm mit der Pistole abfordert, allein der „Umsturzmann“ seines Vermögens, sondern auch Jener, der ihm die mit frischen Transporten englischer Pferde ankommenden Händler, die Raritäten-Trödler ins Haus schickt, oder ihn hinter die Kulissen führt, und die Reize der theuern Lieblingsobjekte anpreist. — Der arme reiche Mann wird ihn nicht als seinen Feind erkennen, wohl aber sein Kammerdiener, — Stallknecht, — Jeder außer ihm. —
So auch im Staate. —
Ist das gesunde Gleichgewicht gestört, thront ein falsches schädliches Prinzip auf der herrschenden Höhe, sei es die Diktatur des Säbels, — des Krummstabes, — der Feder — oder des Geldsackes, so ist Derjenige, der das Prinzip bestärkt, reizt, auf seine äußerste Spitze treibt, ein so entschiedener Feind des Bestehenden, — nur der herrschenden Gewalt nicht erkennbar, — als der Barrikadenerbauer. — Der Teufel ruft „nur zugestoßen! ich parire.“ Und die Staatsgewalt freut sich eines hingestreckten Gegners — es fällt ihr nicht im Schlafe ein, daß der Teufel gerufen: sie hält es für die Stimme des Landespatrons. —
Lipprecht nannte dieß die Partei des „Nur so fort!“
Wer soll sie erkennen? der General? dem sie zurufen: „Dein Säbel hat den Thron gerettet! Dein Stand ist der erste, der einzige, — alle andern sind daneben nur Professionen!“ — Oder der Geistliche? dem sie zuflüstern von der Kanzel herab zu predigen: „Ihr habt im letzten Feldzuge nicht gesiegt, weil Ketzer in Euern Reihen fochten!“ — Soll er es fühlen, daß er die Sache der jubelnden Partei des „Nur so fort“ so warm und kräftig fördert, wie es kaum einer derselben vermöchte, wenn er selbst die Kanzel bestiege? — Und so Jeder der Andern! — —
Wer vor Lipprechts Ohren, oder vor den noch so viele Meilen entfernten seiner Getreuen, mit Leidenschaft für den Bestand der Militärherrschaft sprach, für Durchführung der übergreifenden kirchlichen Tendenzen, — für eiserne Gewalt den Forderungen der Zeit gegenüber, — für Centralisazion den berechtigten provinziellen Wünschen zum Trotz, der war ihm, ohne Unterschied der Stellung, sofort verdächtig als Einer von jener Partei, — vorausgesetzt, daß er ihn als intelligent, als begabt erkannt hatte.
Kollmann war für ihn ein Revoluzionär in dieser Bedeutung. Während Günther in dessen künstlichem Hineinziehen der kirchlichen Gewalten nur einen tiefdurchdachten industriellen Plan sah, hielt der Kommissär alle ihm bekannten Beziehungen Kollmann’s zusammen und fand ihn in lauter Richtungen thätig, wo es galt, einem verwerflichen Bestehenden zu schmeicheln, womöglich einen Uebergriff herbeizuführen, — zu Extremen zu treiben.
Daß in einer kleinen, beschränkten, bürgerlichen Sfäre eine solche Thätigkeit ein in seinem Verfalle noch immer gewaltiges, über unermeßliche Hülfsquellen verfügendes Sistem nicht umstürzen, kaum erschüttern werde, war allerdings klar; aber eben so gewiß, daß wenn das langsam und sicher tödtende Gift von Vielen, von Hunderten ausgestreut wird, der Erfolg kaum ausbleiben könne. —
Dieses „zum Selbstmorde Treiben durch Ueberreizung des Genusses“ konnte nach Lipprecht’s Meinung die Devise einer geschlossenen, organisirten Gesellschaft sein, wie es nach den Erfahrungen der Polizei seines Landes zwischen den Jahren 1824 und 1830 der Fall gewesen.
— Er fragte sich, welches Interesse Kollmann, der Industrielle, der Besitzende, — überhaupt an einem Umsturze haben könnte? Allein nach seiner Ansicht war der plötzlich reich Gewordene überhaupt kein Repräsentant jener Klasse, welche subversiven Tendenzen unzugänglich ist, und dann war für Lipprecht nicht erwiesen, was dem Manne eigentlich gehöre. Der große Besitz, dessen Mittelpunkt der Freinhof, ließ allerdings auf die Absicht schließen, sich an das Land zu fesseln; allein diese Partei wirft im Moment der Krise die Maske ab, fraternisirt mit den übrigen Gesinnungsgenossen, und schnappt häufig die besten Posten weg. — Bleibt alles ruhig, so bleiben auch sie im unangefochtenen Besitz und produziren fort, wie die Konservativen vom reinsten Wasser.
Lipprecht stand mit seiner Auffassung allein. Sein Chef z. B. hätte keinen für einen Umsturzmann gehalten, der ihm rieth, die kaum aufathmende Presse fester zu knebeln, während der Kommissär sagte: „Gerade die sind die Rechten! entweder unbewußte Revoluzionärs aus Bornirtheit, oder bewußte vom Nur so fort!“
Allein wenn das Erkennen schwer, war das Beweisen noch weit schwerer.
Die Hoffnung Lipprecht’s war auf Einen Umstand gegründet.
Da diese Partei verstellten Deserteuren gleicht, welche sich unter eine Garnison mischen, sie durch falsche Berichte zu ungeschickten Ausfällen reizen, und schließlich dem Feind die Thore öffnen, so muß sie mit diesem in Verbindung bleiben, — wäre es auch nur, um nicht schließlich, da sie die Uniform der Garnison trägt, mit dieser zusammengehauen zu werden.
Der Kommissär nahm mit Recht an, daß seine Revoluzionärs mit der demokratischen Emigrazion, mit jener thatbereiten Schar, in Verbindung stehen müssen, welche in dem Momente hervorbricht, wo die Bewegung aus den Hörsälen, Lesevereinen, Salons und Gaststuben auf die Straße tritt und das schnell zu erbauende und eben so schnell umgeworfene Monument der Volkssouveränität aus Pflastersteinen errichtet.
Diese Annahme gab Lipprecht die Hoffnung, einen Beweis einer solchen Verbindung in die Hand zu bekommen, und wenn die Zusammenkunft Kollmann’s mit dem Demokraten Wangerode nicht genügend befunden worden, so mochte der Zufall bei verdoppelter Aufmerksamkeit Etwas darbieten, was seinen Chef überzeugen konnte, daß bei gewissen Zuständen des Staates nicht der, der „schimpft“, ein Verräther, sondern der sich Allem anschließt, was die intelligente Majorität aller Stände laut und entschieden verdammt hat.
Und dieß war der Zustand des Landes unserer Begebenheiten. — Ingrimm im Herzen von Tausenden seiner tapfern Söhne, die den Fahnen gefolgt, über welchen trauernd der verklärte Geist eines großen Feldherrn schwebte, — gefolgt mit unbegrenzter Hingebung, — und mit blutenden, verstümmelten Gliedern heimkehrten, die Todten beneidend, die nicht bis zum Ende mit angesehen, wie der Stolz und die Kraft des Landes wie ein elendes Spielzeug zum Zerbrechen hingeworfen wurde, von der Hand der beispiellosen Unfähigkeit! — Männer, die, wenn sie tausend Leben hätten, sie freudig hinopferten für ihren Kriegsherrn, die kein höheres, schöneres Ziel kennen außer dem Siege, als den Tod auf dem Schlachtfelde, aber nicht auf der Schlachtbank, auf welche sie mit gebundenen Händen gelegt wurden von den Trägern des Sistems, oder besser von Denen, die vom Sistem emporgetragen worden! — von Jenen, welche wissen, daß die Treue unerschütterlich, — daß sie ein Menschenherz so zu stählen vermag, daß man mit dem Hammer der Willkür darauf einhauen kann!... eher wird der Hammer zerspringen, — als die Treue!
Enttäuschung im Herzen der Diener, oder besser, der Herren der Kirche, welche mit Palmen und Tedeumklängen einzuziehen gedachten in das gelobte Land, das ihnen ein unterzeichnetes Blatt eröffnete, wodurch der Monarch seiner Krone einen Stein ausgebrochen um die Tiara zu schmücken, — im frommen Glauben, der Fels, auf welchen Petrus seine Kirche baute, könne kein Loreleyfelsen sein, an dem das Staatsschiff scheitere! — Schmerz in den Gemüthern der eigentlichen Diener der Religion, die nun schutzlos anheimgegeben der Willkür der Herren.
Unmuth in der Brust des Bürgers, der sein Kleid zurückgesetzt sieht, die Last wachsen fühlt, und dennoch eine größere trüge, und gern trüge, wenn auf die alte, ewige Frage: wozu? auch nur Eine klare Silbe einer Antwort heraufklänge aus dem Abgrunde, der seine Steuer verschlingt.
Erbitterung und Sorge im Gemüthe des Beamten, welcher unter Organisazion und Reorganisazion und Desorganisazion mit jedem Mondeswechsel Grundsätze bekennen und wieder abschwören soll, wie man einen Rock wechselt!
Und so fort durch alle Stände, bis hinunter — — wohin? —
Was heißt hinunter? Wer steht „unten?“
Der Bauer? — Gott bewahre! — er liefert den Kern der Wehrkraft! —
Aber der Proletarier? — auch das ist kein rechtes „Unten“ — allenfalls der Crinoline und dem Glacéhandschuh gegenüber; aber nicht im politischen Sinne! Da genießt das Proletariat doch die scheue Anerkennung seiner Existenz als hungerige, zähnefletschende Masse!
Es gibt noch ein anderes „Hinunter!“
— Wir sagen noch einmal — „Und so fort durch alle Stände, bis hinunter zum — — Künstler!“
— — — Und das war der Punkt, wo selbst Lipprecht offener Revoluzionär war! —
Nicht als ob der Mann jenen echten, wahren Kunstsinn, jenen hochgebildeten Geschmack gehabt hätte, welcher Günther, der selbst nur mittelmäßig musizirte und zeichnete, zu einer Autorität machte, von welcher die bedeutendsten Künstler der Residenz gern Winke über entworfene oder halb vollendete Werke annahmen. Allein dieser, der stets einige arme Maler protegirte und seine reichen Bekannten zu Bilderankäufen veranlaßte, hatte in dem Kommissär eine Art Kennerschaft und Mäcenatenthum hineingeredet, so daß er allen Ernstes seine eigenen Ansichten auszusprechen glaubte, wenn er behaglich schmunzelnd jene Günther’s vor einem Bilde wiederholte.
— So hatte er auch dessen Ansicht über die Stellung des Künstlers im Vaterlande in sich aufgenommen, oder es bedurfte vielmehr nur des Hinlenkens seines hellen Blickes nach dieser Richtung, um ihn mit der tiefsten Indignazion zu erfüllen. Er sah, wie nicht nur die haute finance, sondern auch die Aristokratie Tausende für das Handwerk hinauswarfen, das ihre Salons schmückte, während die Kunst, in den Ateliers und den Magazinen der Bilderhändler, vergebens eines Käufers harrte, und er schrieb die trostlose Dürre auf diesem Felde dem Mangel der belebenden Sonne, des befruchtenden Regens zu, die von Oben herabstrahlen und strömen sollen, — und im Nachbarlande einen so reichen Flor hervorgezaubert; mit einem Worte dem gänzlichen Mangel an Kunstsinn in der höchsten Region.
Dies war die Anschauung eines wirklichen, aktiven Polizeikommissärs vom Zustande des Landes, und sogar eines der besten und brauchbarsten, — oder vielmehr eben darum.
Heute war er in der frohen Champagnerlaune von dem Steckenpferde seiner politischen Ansicht über Kollmann abgestiegen, und hatte den Gegenstand seiner Vorliebe von einer andern Seite ins Auge gefaßt. Günther glaubte den Schleier von dem Gemälde Harkeboom’s unter den nun geänderten Verhältnissen etwas lüften zu sollen; der Wetterstein war erwähnt worden. —
Aus den billets-doux, welche der Kommissär nun wieder in ihr Behältniß legte, schoß heute ein Gewimmel alter und neuer Fragen, über Kollmanns Promenaden im Gebirge, die Zeit, die er nach Grünschenk’s Ableben noch in Trautenfeld zugebracht, — des letzteren Testament, Leben und Sterben — — ein ganzes Album von ungelösten Rebus, die der Auflösung warteten.
Der Gegenstand verdiente und belohnte eine Kunstreise. Er bedurfte, wie gesagt, der Erholung, und schwerlich ließ sich ein genußreicherer Ausflug ersinnen, als nach Trautenfeld. Hierzu entschlossen, schlief er zufrieden ein mit dem Vorsatz, nächsten Tag einen jener häufigen Urlaube zu verlangen, welche ihm nie versagt wurden, am wenigsten seit er täglich in seinem eleganten Wagen mit zwei schönen Rappen ins Büreau gefahren kam und seine Chefs gegen seine Selbstständigkeit milder gestimmt waren, welche nun eine ihnen einleuchtende Basis hatte.
Eine eigene Ansicht haben und durchführen wollen, wenn man von seinem Gehalte lebt, war denn doch eine Marotte, welche kaum einer Spezialität wie Lipprecht zu verzeihen war. Nun war es anders. — Der Mann gab auch vortreffliche Garçon-Diners.
Sein Vorhaben war, einige Tage an dem reizend gelegenen Orte zuzubringen, Lokalitäten und Verhältnisse zu studiren, so viele Personen als möglich gesprächsweise auszuholen, — das Uebrige mußte seiner Kombinazion und dem Zufall überlassen bleiben.
Er reiste, da keine Eisenbahn dahin führt, in seinem Wagen. — Der Morgen, an dem er wegfuhr, war nicht glänzender und heiterer als er selbst; er fühlte sich von einer so frohen Sehnsucht nach den Bergen durchweht, wie er, nach seinem Geständnisse gegen Günther, gewöhnlich vor Gauermanns Bären und Geiern empfunden.
Wie ein Globus im Holzgestell saß der kleine dicke Mann in dem leichten Wagen, dessen zierliche Form nicht verrieth, daß in ihm Alles angebracht war, was auf einige Tage die ganze Außenwelt entbehrlich machte. Ein Flaschenkeller, ein Viktualienmagazin, Gebäckbehältnisse, Pistolenkassette, dieß Alles vermochte nicht, der Kalesche ihre Schlankheit zu benehmen, in welcher der Besitzer, mit nichts beladen als seinem quadrillirten Reiseanzuge und der braunen englischen Kappe, etwas mehr als zwei Dritttheile des Sitzes ausfüllte.
— — Gegen Mittag umwölkte sich der Himmel, und Abends fuhr der Kommissär im Markte Trautenfeld unter einem jener Regengüsse ein, welche die in die Hälfte der Straße vorstehenden Dachrinnen in speiende Delfine verwandeln, aus deren Maule das Wasser auf Wagendach und Spritzleder mit trommelndem Getöse niederstürzt.
In langen Strahlen fällt es von den vier ungeheuern Linden in der Mitte des Platzes in die von ihnen umschlossene Pferdeschwemme, — zugleich Kaltbadeanstalt sämmtlicher Enten und Gänse — — eine Gruppe der letzteren steht heraußen im Freien, mit emporgerichtetem Schnabel den Himmelssegen auffangend und von Zeit zu Zeit der innern Freudigkeit in einem scharfen, kurzen Trompetenstoß Luft machend. Wirkliches Naß rinnt über den steinernen Wasserfall, der an der Gießkanne des heiligen Florian hängt, — vor welchem eben der Pfarrer den Hut lüftet, der unter dem rothen Parapluie mit hochbestiefelten Beinen und halbe Klafter langen Schritten durch den improvisirten See sticht. Heller glänzt der Zeiger an der schwarzdurchnäßten Thurmuhr, heller die runden Ziegel der Giebeldächer, über welche hinweg die nahen Berge nur als dunklere Flecken in dem tief hereinhängenden Nebel erscheinen. Es sieht aus wie einer jener Gebirgsregen, die sich zur Verzweiflung des Touristen wochenlang aus sich selbst gebären, niederfallen, verdünsten, sich zu Nachtgewölken verdichten, und abermals herabträufeln, — wie ein Kind, das, einmal ins Weinen gebracht, immer von Neuem losbricht, — bis endlich ein neues Spielzeug — hier ein wohlthätiger Windstoß — dem langweiligen Unwesen ein Ende macht.
Die Kalesche nähert sich dem Gasthause und der große braungelbe nasse Hund tritt vor und salutirt mit schief heraushängender Zunge und aufgerichteten Ohren. Er ist selbst Sicherheitsorgan und es scheint ihn etwas Kollegialisches anzuwehen. Der Kommissär, durch den Regen nicht einen Augenblick aus seiner Laune gebracht, begrüßt aufs freundlichste den Wirth, in welchem er auf den ersten Blick einen jener biedern Patriarchen erkennt, welche das Bild ländlicher Einfalt sind bis zum Momente der Rechnung, und die sich in allen geschäftlichen Beziehungen, schlicht gesagt, als abgefeimte Hallunken bewähren.
Lipprecht setzte sich mit ihm auf den besten Fuß, richtete sich in einem hübschen Zimmer ein, und begab sich zum Abendessen in die Gaststube, wo die Markt-Honorazioren beisammen saßen. Sie behandelten ihn Anfangs mit jener klotzigen Exklusivität, welche den geschlossenen Bier- und Tabakkränzchen der herrschaftlichen Beamten u. dgl. meistens eigen, allein der Kommissär kannte seine Leute, brachte nach einem bescheidenen, ruhigen Eingange einige politische Neuigkeiten, — sodann ein Dutzend derber Anekdoten, und nach einer halben Stunde war er der „charmanteste, jovialste (nach Trautenfelder Aussprache: schovialste) Mann“ und erhielt, da er sich als Jagdfreund, Kegelschieber und Tarokspieler ankündigte, vielseitige Einladungen. — Der nächsten Tag noch fortdauernde Regen sperrte die Gesellschaft noch früher und länger zusammen als sonst. —
Er brachte mit Leichtigkeit das Gespräch auf Kollmann, den die Meisten gekannt. Alle schilderten ihn als einen unermüdet thätigen, geschickten Menschen, der, wenn er von seinen Gängen nach Hause gekommen, beständig gelesen und studirt habe. Sie hatten sein Zurückziehen Anfangs für albernen Stolz gehalten, aber dann gesehen, „daß er nun einmal keinen schovialen Karakter habe, und einen solchen Menschen müsse man gehen lassen und bedauern.“
Den Tag über hatte er den Markt und die beiden außerhalb desselben gelegenen, durch einen Garten getrennten Häuser des Grünschenk besichtigt. Das größere gehörte nun der Gemeinde, das kleine war von der vormaligen Haushälterin Grünschenk’s bewohnt, einer, nach dem Verdikt der Stammgäste, höchst achtbaren alten Frau Namens Fellinger. — Bei dieser schien ihm der Schwerpunkt seiner Erhebungen für den Augenblick zu liegen.
Er schenkte der kleinen Nichte derselben, welche für sie Verschiedenes aus dem Gasthause holte, eine silberne Münze an rothem Band, und die alte Frau kam nach einer Stunde in halbstädtischem Anzuge zu ihm, und dankte in gewählteren Worten, als er erwartet. Zugleich lud sie ihn ein, im Vorübergehen ihre kleine Wirthschaft zu besehen.
Lipprecht begab sich am selben Nachmittage zu ihr; es gelang ihm bald sie gesprächig zu machen, und Einzelnheiten zu erfahren, durch welche der oben erwähnte alte Brief des Unterbeamten vervollständigt, und ein Faktum in den Vordergrund gestellt wurde, welches seinen Gedanken eine neue Richtung gab.
Am 27. August vor drei Jahren war Grünschenk, seit Langem leidend, plötzlich Nachmittags sehr übel geworden und in der Nacht gegen zwei Uhr verschieden.
Kollmann, der im Hause gewohnt, war Tags zuvor auf eine Vermessung ausgegangen und erst bei dessen Beerdigung zurückgekehrt.
Bei Grünschenk’s Tode waren anwesend: der Pfarrer, der Ortschirurg, die Ober-Ingenieure Wimmer und Alberti, deren freundschaftlicher Bemühungen die Fellinger dankbar erwähnte, und Holzschreiber Walcher, welcher zwei Tage später in den Wald gegangen und nicht wiedergekommen.
— — Das klang ja in den Ohren des Kommissärs wie der erste Takt eines Triumfmarsches! — — Einer, der „nicht wiedergekommen“ —!?
Er erbat sich eine Karakteristik des Holzschreibers.
Walcher war ein stiller, schwächlicher, gutmüthiger Mensch, — ledig, — ein armer Teufel, die Ehrlichkeit selbst, und war von Grünschenk seiner guten Handschrift wegen zu Schreibereien, und außerdem zu Gängen verwendet worden. Man hatte ihn, als er zwei Tage nicht zurückkehrte, allenthalben in den Waldungen gesucht. „Es war alles umsonst, sagte die alte Frau, — im Wald hätten ihn die Hunde wohl gefunden, aber er muß sich gegen das Hochgebirg gewendet haben, das dahinter aufsteigt und wenn er sich da verstiegen oder vom Nebel überrascht worden, so liegt er vielleicht bis zum jüngsten Tag in einer Schlucht am Jaitstein, oder am Reifeneck oder Wetterstein“ — —
Wetterstein! — — wieder ein Klang für Lipprecht, — wie wenn die Norma ans kupferne Becken schlägt, um die Gallier zur Rache zu rufen...
Er hatte bereits zum Entzücken der Frau die dritte Tasse Kaffee getrunken. Nun besah er wehmüthig lächelnd alle Möbeln und sonstigen Reliquien Grünschenk’s, ließ sich sogar ein Autograf von dem alten Herrn geben, las mit Rührung die Abschrift von dessen Testament, und erbat sich endlich ein Blatt von der Handschrift des verschollenen Walcher. Die alte Frau, vollständig mit ihren Erinnerungen beschäftigt, wußte von manchen Einzelnheiten selbst die Stunde anzugeben. — Bedeutend schien, daß Kollmann zur Zeit von Walcher’s Verschwinden von Trautenfeld abwesend und erst am zweiten Tage darnach zurückgekehrt war; seine Thätigkeit bei den Nachforschungen, von der alten Frau sehr hervorgehoben, war für den Kommissär nur ein erschwerender Umstand.
Das leuchtete Alles ganz anders als der elende Brief des Unterbeamten.
Allerdings hingen die drei Namen Kollmann, Grünschenk und Walcher vor der Hand nur in Gott und dem Kommissär zusammen, kriminalistisch betrachtet; allein wir wissen aus dem Abc der Geometrie, daß je drei Punkte, die nicht in einer geraden Linie liegen, ein Dreieck bilden: der Holzschreiber lag nun einmal nicht in der rechten, geraden Linie, und Lipprecht legte ein Dreieck hindurch, welches mit einigem Biegen und Wenden ganz leidlich die Form eines Galgens darstellte.
Man würde ihm himmelschreiendes Unrecht thun, wollte man ihm eine diabolische Freude an diesem im Winde wankenden Resultate zuschreiben! — so wenig als der Jäger sich der Zuckungen und verglasten Augen des verendenden Hirsches freut! — — Er war nicht nur überhaupt gegen die Todesstrafe, sondern hätte, wie wir bereits gesagt, unter Dreien Zwei laufen lassen, wenn es ohne Gefahr für die Gesellschaft geschehen könnte... aber das Jagdvergnügen...!
Das Trautenfelder Terrain war nun so ziemlich abgeweidet, sein Notizenbuch angefüllt. Ein Herumstreifen in den nassen Wäldern schien vollkommen nutzlos. Aber ein Ausflug nach dem acht Stunden entfernten Wetterstein sollte die Unternehmung beschließen. Es stand für ihn fest, daß die übrige hohe Berg-Aristokratie, Jaitstein u. s. w. so unschuldig und rein wie ihr Schnee, und der Genannte der allein Anrüchige sei. — Was er eigentlich dort wollte? Er fühlte nur das Bedürfniß zu sehen, da seine Augen schon oft anders gesehen als die der Uebrigen. — Und dann war ja das Ganze nur eine Lustreise! —
— — Terrassenförmig steigt das Mittelgebirge hinan; auf einer Strecke von vier Stunden konnte er seinen Wagen benützen, der dann zurückgesendet wurde. Von da an winden sich Fußpfade durch die Nadelwälder, bis an den nördlichen Abhang des Wettersteines selbst. Er ist von dieser Seite leicht zugänglich, während auf der südlichen nur von der Bucht des Freinhofes einige Wege hinaufführen, die Wände an der Seeseite aber, wie bereits gesagt, senkrecht abfallen. —
Eine Stunde bevor der Kommissär mit dem ihn begleitenden Trautenfelder Jäger an den Berg kam, gelangten sie zu einer Holzknechthütte, und es ward beschlossen, daselbst zu übernachten, wenn man vom Wetterstein zurückkäme, welchen Lipprecht, bis es dunkel würde, nach allen Richtungen abschreiten wollte, — wozu der Jäger lächelte.
Nun waren sie an der Felsenwand, die den Gipfel krönt, angelangt und ruhten. —
Unermeßlich ist die Aussicht über die Bergwellen hinaus, nach der endlosen Ebene — klar und durchsichtig die Luft nach den Regentagen. Der Kommissär gönnt sich keine lange Rast. Die Südseite ist erst der Ort, wo sich, nach der Angabe des Jägers, leicht „Jemand verlieren“ kann.
Steil ging es die Schneide hinan, — nun war sie erreicht. Der Jäger faßt ihn am Arm und mahnt zur Vorsicht, und sie ist nöthig, denn im nächsten Augenblick stehen sie am Rande, — jäh fällt es zu den Füßen ab — unabsehbar, unendlich liegt die blaue Bergwildniß der südlichen Fernsicht vor ihnen. —
Sanft waren die Linien und Töne der Ferne. — Aber die Nähe! — der Wetterstein selbst, dessen gewaltige Steinmasse ausgebreitet unter ihnen lag! — nicht über weichgeschwungene Wellen glitt hier der Blick: wie die Gemse sprang er von Zinke zu Zinke. Drüben Alles heiter und mild, hier der tiefe Ernst, die eiserne, starre Kraft.. das Auge glaubt die Ruinen einer zerschmetterten Titanenburg zu schauen — — ein granitnes Palmyra, — zerworfene Tempeltrümmer und Säulen und Quadern — ein mitten im Orkane versteinertes Meer.
Das Opfer der See kann ans Ufer geworfen werden, lebend oder als Leiche, aber nimmermehr Jener, der in den Abgründen dieser steinernen Wogen zerschellte.
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Der Anblick war — aus dem Standpunkte einer „Haussuchung“ — nicht tröstlich.
Erhitzt und müde setzte sich der Kommissar auf einen Vorsprung nieder, hing seinen leichten Staubmantel über, ließ die runden Beine über den Felsen hinabhängen und betrachtete die einzelnen Parthien.
Gerade unter ihm lag, nach allen Richtungen von Schluchten durchschnitten, das Hochplateau, welches weiterhin sich wieder hebt bis zu jenem Felsen, der nach dem See abfällt. Letzterer ist durch das Plateau selbst verdeckt. —
Die Schwierigkeit schien hier mehr darin zu liegen, eine Stelle aufzufinden, wo Jemand nicht verunglückt sein könne, als wo dieß der Fall war. — Lipprecht pfiff Melodien aus allen Opern, trommelte mit beiden Händen auf beiden Knien und gelangte zur Ueberzeugung, daß, wenn der Holzschreiber Walcher auf diesem Terrain sein Ende gefunden, die polizeilichen Kräfte des Gesammtstaates sich an Leitern und Stricken in die Eingeweide des Wettersteines hinablassen könnten, ohne etwas Anderes heraufzubringen, als zerschlagene Knochen, aber nicht die gesuchten fremden, sondern eigene. Ein Zufall, der sie eben auf jene stoßen ließ, war so wahrscheinlich, als das Zusammentreffen zweier Kanonenkugeln in der Luft.
Starr und stumm ragten die riesigen grotesken Grabsteine aus den schwarzen Grüften empor.. Mehrere, in die er von seinem Sitze aus hineinsah, endigten in eine Höhle — wie tief in den Berg? Darüber fehlten vor der Hand offizielle Angaben, — so wie über die hundert andern Felsenlöcher, von denen einige zum Theil mit Wasser gefüllt waren.
Dennoch beschloß Lipprecht auf das Plateau hinabzusteigen — da er die Partie nicht zu wiederholen gedachte, wollte er wenigstens als Naturmerkwürdigkeit besehen, was zu sehen war — und für den Hauptzweck konnte es mindestens nicht schaden.
Er stieg den beschwerlichen Pfad hinab, und jeder Schritt über die Steinblöcke überzeugte ihn, daß keine weitere Ausbeute zu holen, als landschaftliche, — diese aber reichlich. Als er auf den bekannten Vorsprung der Seewand heraustrat, war die Sonne im Sinken; wie ein dunkler Smaragd lag der See in der Tiefe, zur Linken die Bucht mit dem Freinhof, gegenüber die schwärzlichgrünen Waldhöhen und über ihnen der Kranz von fernen Gipfeln, auf denen die ewige Trikolore des Abends wehte, aus rothem Sonnengold, blauen Schatten und glänzendem Schnee gewebt.
Lipprecht ist in dem Augenblicke wirklich gemüthlich. Es fällt ihm auch ein, daß Günther, wenn er hinter ihm stünde, sagen würde: „Machen Sie doch einmal Ihre runden Maikäferaugen auf, und versuchen Sie zu sehen, so wie ein Mensch die Natur sehen muß, wenn er von Kunstsinn reden will!“ — Es steht jedoch nur der Jäger hinter ihm, der, nicht ohne Besorgniß für den Rückweg, zum Aufbruch drängt. — Er erhebt sich mühsam und sendet einen Scheideblick nach dem Freinhofe, dessen ferner Besitzer sicherlich gerührt wäre, wenn er sähe, mit welcher Aufopferung der wildfremde dicke Mann Berge um seinetwillen ersteigt, und wie es ihn schmerzt, so ganz ohne Aufklärung über die innersten Angelegenheiten seines erwählten Schützlings abzuziehen.
Der Kommissär hatte noch einen bösen Moment, wo er die ganze Kunstreise zum Teufel wünschte, als er nämlich auf dem Rückwege über das Plateau ausglitt, aber glücklicher als Harkeboom.
Im Augenblick wo er am Boden lag, tauchte hinter dem nächsten Steinblock ein Kopf hervor, aus dessen Munde die Worte erschollen: „Bedaure unendlich, werther Herr! bleiben Sie aber gefälligst liegen, ich helfe gleich!“ Damit war er auch schon an Lipprechts Seite, und hob ihn, ohne Hülfe des etwas vorangegangenen Jägers, mit einer Leichtigkeit empor, als wäre der Kommissär ein Kautschukballon. Dieser dankte dem gefälligen Riesen, den wir wohl nicht zu nennen brauchen, aufs Verbindlichste und sagte: „Sie scheinen mit diesem Terrain vertrauter als ich, der ich meine Naturbewunderung mit einigen Beulen bezahle. Der Wetterstein scheint die Dilettanten zu kennen“ —
„Besser als diese ihn; der zweite Fall in wenig Wochen“ — erwiederte Knorr. — „Ich gehe oft herauf, bin aber selbst neulich über die kleine Wand dort abgefahren, daß mich meine eigenen Hunde apportiren wollten. Aber wo wünschen Sie denn eigentlich Ihr Nachtquartier aufzuschlagen? hoffentlich nicht da oben?“ fragte er, als er sah, welche Richtung Lipprecht einschlug. —
Dieser setzte ihm seinen Plan auseinander. — „So wahr ich Knorr heiße und auch übrigens ein ehrlicher Kerl bin, gebe ich das nicht zu! Sie gehen mit mir den bequemen Weg ins Thal hinunter, schlafen in meiner Einsiedelei und gehen morgen wohin Sie wollen oder müssen. Ehe Sie über den Steig da hinauf kämen, wäre es finster. Sie wären ein zu fetter Bissen für einen dieser Höllenrachen, als daß er nicht nach Ihnen schnappte! Im vorigen Jahr hat er einen dürren Engländer eingeschluckt, den sie aber theilweise wieder herausfischten, und vor drei Jahren einen noch dürreren Holzschreiber von Trautenfeld“ —
Lipprecht zog rasch ein Blatt und Bleistift heraus, schrieb eine Ordre an den Wirth, seinen Wagen nach der Stadt zurückzuschicken, gab den Zettel dem Jäger und schickte diesen fort. Knorr’s Einladung nahm er zu dessen herzlicher Freude an, und sagte: „Ich habe drüben von einem Verschollenen, Namens Walcher gehört, aber Niemand wußte Näheres.“
„Ich war selbst neugierig, da ich den armen Teufel gekannt. Vielleicht liegt er zehn Schritte von uns! Aber wer kanns sagen? Die Holzknechte fanden Nichts. Die Polizei hat sich nicht damit befaßt, und meine Hunde, die jedenfalls weit klüger sind, haben nicht einmal im ersten Jahre Etwas entdeckt, — geschweige jetzt, wo der Holzschreiber schon ein ganz appetitliches, sauberes Skelett sein muß.“
Lipprecht hielt es passender, mit einer humoristischen Wendung seinen Karakter zu enthüllen, als weitere Ansichten Knorr’s über die Sicherheitsbehörde abzuwarten, — und die Männer setzten lachend ihren Weg fort.
„Ich habe, begann Knorr wieder, meinen Nachbar im Freinhof, einen gewissen oder ungewissen Kollmann, wenigstens zwanzigmal gefragt, ob er denn, als Grundherrschaft, nicht wisse, wo der Holzschreiber liegt? Die ersten Male wurde er grob, aber jetzt lacht er dazu. — Es ist so ein fixer Spaß unter uns.“
„Aber warum werfen Sie Ihre Vermuthung eben auf den Wetterstein, während jene der Trautenfelder auf dem ganzen Gebirgszuge herumirrt?“
„Herr! — wenn Kollmann seine Besitzung am Jaitsteine hätte, so würde ich nach diesem fragen. Es ist nur wegen des fixen Spaßes.“ Nun veränderte sich aber plötzlich der Ausdruck seines Gesichts, und er sagte mit jenem Ernst, den er auch im Gespräch mit Sembrick mit einem Mal gezeigt: „Mein sehr lieber und werther Gast, ich sage Ihnen, nicht als solchem, sondern als Polizeikommissär, daß ich leider Gottes das Rechte nicht weiß. Sehen Sie, ich rede immer von meinen Hunden; diese haben von meinem Verstande nichts angenommen, ich aber von ihrem Instinkt. — Das ist Alles!“
Wenigstens war es Alles, was Lipprecht erfuhr, welcher durchaus nicht allzu inquisitorisch auftreten wollte, den aber Knorr bedeutend zu interessiren begann.
In tiefem Dunkel waren sie in den Thalgrund herabgekommen, — am stillen, leeren Freinhof vorübergegangen, den Fichtenkegel hinangestiegen. —
Eine Stunde später hatte Knorr’s einfache, treffliche Küche und der, ganz unerwartete Sorten liefernde, Keller alle Ermüdung vollständig beseitigt. —
Es wurde Mitternacht und noch drang durch die Spitzbogenfenster Gläserklingen und Lachen in den Wald hinaus, und die Stimmfülle, womit das Gespräch geführt wurde, war ein glänzendes Zeugniß für die Organe der beiden Herren.
Während aber Knorr, mit der Tragweite seiner Flaschenbatterie vollkommen vertraut, eben so vollkommen Herr seines gerichtlich nachgewiesenen Verstandes blieb, hatte der sonst so umsichtige Kommissär einer ihm trotz seiner Kennerschaft fremden Weingattung auf die Bürgschaft seines Wirthes zu sehr vertraut und ein Paar Fragen gethan, die er besser unterdrückt hätte.
Als er, nach den Mühseligkeiten des Tages und der eben so angreifenden, die halbe Nacht währenden Erholung auf Knorr’s Ruhebett einschlief, stand dieser mit verschränkten Armen vor ihm, betrachtete ihn, in seinen Bart lachend, und sagte vor sich hin: „Da liegt die wirkliche Polizei und schläft wieder, — nachdem sie früher so lange geschlafen. Wer sie denn jetzt mag aufgeweckt haben?“
— — Lipprecht that am Morgen noch einen Gang durchs Thal, um den Hof herum, nahm in seinem Gehirn einen förmlichen Wachsabdruck sämmtlicher Lokalitäten mit, begab sich auf dem uns bekannten Wege nach Pottenbach zur Bahn, und brachte als Ergebniß seiner Vergnügungsreise nebst zahllosen kleinen Notizen folgende Hauptartikel zurück:
der Holzschreiber Walcher liegt in einer Schlucht des Wettersteins; —
Kollmann ist in irgend einer Weise an dessen Verschwinden betheiligt; —
ein Motiv, warum der arme Teufel aus dem Wege geschafft worden, ist nicht aufzufinden;
eben so wenig ein Zusammenhang der Begebenheit mit dem alten Grünschenk zu ermitteln; —
der Trautenfelder Unterbeamte, der in seinem alten Berichte Walchers nicht erwähnte, war ein Dummkopf; —
die Oberbehörde, welche in Kollmann keinen Gegen stand ihrer Beobachtung findet, ist um nichts klüger. —
Doch zweifelte der Kommissär keinen Augenblick an einer künftigen Lösung der Aufgabe, die sich seine polizeiliche Privatindustrie gestellt, obgleich im Lande der dissolving views ein Beamter, welcher seine Pflicht nicht als Maschine, sondern razionell vollziehen will, darauf gefaßt sein muß, nicht nur durch die Steine, die der Gegner in das Geleise wirft, sondern auch durch den Radschuh, welchen das Sistem auf dem ebensten Wege, und selbst bergauf, anlegt — gehemmt zu werden.