Lord Hamiltons Bekehrung
Reading edition
Personen:
Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge)
Sir Francis Hamilton, sein Sohn
Emma Lyon
Mr. Dashwood, Notar
Mr. Fletcher, Uhrmacher
Der Majordom
Mrs. Adams, Wirtschafterin
Doktor Middlewater
James, ein alter Diener
Drei andere Diener
Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park in der Grafschaft Suffolk.
Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten führt eine offene Flügeltür in die Halle, durch die man wiederum in den Park blickt. Rechts eine geschlossene Flügeltüre, links zwei hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist für zwei Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem massiven Gehäuse, das bis zur Decke reicht. An den Wänden hängen alte Gobelins und ein paar niederländische Stilleben.
Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr. Fletcher; er hat den mächtigen Pendel abgenommen und horcht ins Räderwerk. Der Majordom hat den gedeckten Tisch inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschränkten Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Währenddem tritt Doktor Middlewater vom Park her in die Halle, stellt seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin, wobei er der Szene den Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt Lord Hamilton von draußen rechts in die Halle. Er beachtet den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der Lord hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und ab.
Lord Hamilton
(draußen)
Mister Wardle!
Der Majordom
Mylord! (Eilt hinaus.)
Lord Hamilton
Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt?
Der Majordom
Für elf Uhr, Mylord.
Lord Hamilton
(die Taschenuhr ziehend)
Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier sein.
Der Majordom
Gewiß, Mylord.
Lord Hamilton
Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater in der Halle rechts ab.)
Mr. Fletcher
(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der Majordom zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und betrachtet sich wohlgefällig).
Der Majordom
Sie hören, Mister Fletcher, – es ist sechsunddreißig Minuten vor elf.
Mr. Fletcher
Ich habe bemerkt, daß die Pünktlichkeit in diesem Hause etwas willkürlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der göttlichen Weltordnung. – Wie finden Sie mich heute aussehend, Mister Wardle?
Der Majordom
Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Uhr gestern um neun Minuten zu spät gegangen ist.
Mr. Fletcher
(hängt den Pendel ein)
Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu früh daran; immer zu früh. Aber in der Liebe ist das der einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? Das schöne Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir.
Der Majordom
(amtlich)
Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher?
Mrs. Adams
(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame)
Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken!
Der Majordom
James? betrunken –? Wie ist das möglich?
Mrs. Adams
Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine Lordschaft in der Verfassung sieht, geht’s dem armen alten Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei Jahren den unglücklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die Landstraße jagen ließ, weil er benebelt war –?
Der Majordom
Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich James so vergessen?
Mrs. Adams
Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn. Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hängt. Nun hat Seine Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer, Mister Wardle. Ich gehe zu den Ställen hinüber, um Milch zu holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, – kurz, er ist im Zustand eines Schweines.
Mr. Fletcher
(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht)
Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme! (Seufzt, holt den Spiegel hervor.)
Der Majordom
(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab)
Mr. Fletcher
(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen)
Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, Missis Adams?
Mrs. Adams
(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt).
Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so verschworener Feind von allem Heiraten, daß ich mir’s zeitlebens mit ihm verderben würde.
Mr. Fletcher
(bekümmert)
Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit.
Mrs. Adams
(vertraulich flüsternd)
Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitän durchgebrannt und in der irischen See ertrunken.
Mr. Fletcher
Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund.
Mrs. Adams
Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so attachiert an Easton Park.
Mr. Fletcher
Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln?
Mr. Dashwood
(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens in die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf die Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht der Zeit. Quäkerhut)
Guten Morgen!
(Legt den Hut ab, wischt den Schweiß von der Stirn.)
Mrs. Adams
Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood?
Mr. Dashwood
Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, – Gott sei mir gnädig.
Mrs. Adams
Was denn? wo denn?
Mr. Dashwood
(Atem schöpfend)
Während ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen Hohlweg, Ma’am ... er ist so schmal, daß zwei Fußgänger einander nicht ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist mir in alle Glieder gefahren.
Der Majordom
(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er zuerst Hand anlegen soll)
Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen muß noch reguliert werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood.
Mr. Fletcher
(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt)
In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! – (Wirft ihr eine Kußhand zu. Ab.)
Mrs. Adams
(zum Majordom)
Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt – – –
Mr. Dashwood
Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche mit flatternden schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an ... er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß es ein Räuber war.
Der Majordom
Am hellen, lichten Tag?
Mr. Dashwood
Ein blut- und mordgieriger Geselle.
Mrs. Adams
Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister Dashwood.
Mr. Dashwood
Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Weiß man doch nicht, was einem zustoßen wird. Mein Freund, Mister Sparre, – Sie kennen doch Mister Sparre, Ma’am? – ist neulich in Pall Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. Es ist nichts Seltenes, daß jemand inmitten der Ausübung seiner Amtsgeschäfte von einem jähen Tod ereilt wurde. Solche Katastrophen treten gewöhnlich dann ein, wenn sich der kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben. (Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma’am! Da ist er, Mister Wardle! Schützen Sie mich! Er verfolgt mich bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen!
Emma Lyon
(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter dem Hut über das schöne, von schnellem Ritt erglühte Gesicht).
Der Majordom
(auf sie zutretend)
Womit kann ich dienen, Sir?
Emma Lyon
(gebieterisch)
Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß nicht, ob der Mensch, dem ich es übergeben habe, sich damit auskennt. Was ist denn das für ein Betrunkener draußen, um den sie alle herumstehen?
Mr. Dashwood
Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... Erst neulich habe ich in der Zeitung gelesen, daß der berüchtigte Thomas Field frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen ist.
Der Majordom
Wen darf ich melden, Sir?
Emma Lyon
Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir Francis.
Der Majordom
(argwöhnisch)
Mister Rippledale –?
Mr. Dashwood
Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name.
Emma Lyon
Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf einem Ding, mehr Ochse als Gaul, beständig vor mir hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer hinter Ihnen ist, der Eile hat.
Mr. Dashwood
(demütig stotternd)
Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die Sprache! Er muß eine ganze Bande im Rücken haben.
Mrs. Adams
(leise zum Majordom)
Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer ist.
Der Majordom
Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, Sir.
Emma Lyon
Dann führen Sie mich einstweilen in seine Zimmer.
Mr. Dashwood
Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie tollkühn vielmehr.
Sir Francis
(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem Gesicht. Er trägt einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange Stiefel mit weiten Schäften. Mit allen Zeichen der Bestürzung.) Um Gottes willen, du hier, E – –
Emma Lyon
(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen Mund)
Ja, ich bin’s. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale hier zu sehen?
Sir Francis
Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es gleich. Aber – –
Emma Lyon
Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig.
Sir Francis
Mein Vater – –
Emma Lyon
Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk herübergeritten, wo ich übernachtet habe und wo meine Freunde geblieben sind.
Sir Francis
(noch immer fassungslos)
Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen treten – –
Emma Lyon
Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern vorausgeschickt.
Ein Diener
(kommt)
Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel für Mister Rippledale.
Emma Lyon
Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen männlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.)
Sir Francis
(Emma folgend und in sie hineinredend)
Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts damit.
Emma Lyon
Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, daß man hinter meinem Rücken über mich verfügt, und ich bin neugierig, wie er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.)
Mr. Dashwood
Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher.
Sir Francis
(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und auf die Gruppe um James deutend)
Was ist das, Mister Wardle?
Der Majordom
Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis.
Sir Francis
Schaffen Sie ihn hinaus. – Wenn mein Vater nach mir fragt, sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurück. (Ratlos vor sich hin.) Mein Gott! (Ab.)
James
(in der Halle)
Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergnügen ... sauft nur in vollen Zügen ... dann bleibt ihr auch gesund ... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis! Armer Sir Francis!
Sir Francis
(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab).
Mrs. Adams
(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert)
Nicht hier herein!
Der Majordom
Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst und Brot, wenn Mylord –
James
Und wär die Welt nicht kugelrund ... (Er kämpft mit denen, die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.)
Mr. Dashwood
Die Überwucherung der tierischen Natur kann Übeltaten im Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen läßt. Für den Zuschauer ist dabei das Gedächtnis ein quälender Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der Trunkenheit seine eigene Großmutter erdrosselte. (Er verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor Middlewater eintreten.)
Lord Hamilton ist eine Erscheinung von imposanter Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren Ernstes. Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden.
Doktor Middlewater
Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden, Mylord.
Lord Hamilton
Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper dazu da, um mir zu dienen, so lange ich ihn brauche.
James
Und wär die Welt nicht kugelrund ... so müßt ich mich erhängen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe zugeht.)
Lord Hamilton
Was bedeutet das, Mister Wardle?
Der Majordom
Wir haben alles mögliche versucht, den Mann zur Besinnung zu bringen, Mylord.
James
Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin ein sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, fest zu stehen.)
Lord Hamilton
(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die Miene der Besorgnis an)
Doktor Middlewater, der Mann ist krank.
Doktor Middlewater
(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich)
Es scheint mir selber so, Mylord.
Lord Hamilton
(strafend)
Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater.
Doktor Middlewater
(tut es; James fügt sich wie gebannt).
Lord Hamilton
Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes Fieber.
Doktor Middlewater
(eifrig)
Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches Fieber.
Lord Hamilton
Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß der Mann zu Bett gebracht werde.
Der Majordom
Du hörst es, James –!
Lord Hamilton
Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers. Gegen das Fieber.
Der Majordom
Soll geschehen, Mylord.
Lord Hamilton
Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater. Zwei Unzen des kranken Bluts können Sie ihm gut und gern entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater?
Doktor Middlewater
Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit.
Lord Hamilton
Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken mit Senfpflastern, und Sie, Missis Adams, sorgen dafür, daß ein stark purgierender Tee für ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.)
Doktor Middlewater
Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so vehemente Kur – –
Lord Hamilton
(ohne den Einwurf zu beachten; streng)
Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fügst, James! Du bist todkrank, hörst du? Und das eine merk dir für die Zukunft: Kein solches – Fieber mehr! Hinaus mit ihm! Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener führen den schon halb ernüchterten und widerstandslosen James ab. Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschäft, Mister Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen.
Der Majordom
Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück.
Lord Hamilton
Wie viel Uhr ist es?
Der Majordom
(mit Blick auf die Wanduhr)
Elf Uhr, neun Minuten.
Lord Hamilton
Unmöglich.
Der Majordom
(ängstlich)
Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord.
Lord Hamilton
(ruhig)
Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt unmöglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle.
Der Marjordom
(blöde; weiß nichts zu antworten).
Lord Hamilton
(mit der Taschenuhr in der Hand)
Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort gefälligst zurück, Mister Wardle.
Der Majordom
(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den Befehl, dann kopfschüttelnd ab).
Mr. Dashwood
(schüchtern)
Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord.
Lord Hamilton
Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister Dashwood. Es ist für mich kein Anlaß vorhanden, über Ihre Sinnestäuschungen zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so viel, als »ich schwätze«.
Mr. Dashwood
(verletzt)
Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu nahe treten will, lassen sich doch Fälle denken, wo die Bestimmtheit der Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderläuft. Die Kleinen müssen politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den Galgen. Was würde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen? Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede.
Lord Hamilton
(auf und ab gehend; ungeduldig)
Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich wünsche nicht, daß man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb ich Sie rufen ließ, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen schweren Schritt.
Mr. Dashwood
Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg, Mylord. Es ist ein erhebendes Gefühl für den Staatsbürger, daß die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der Autorität neigt.
Lord Hamilton
Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue Nachrichten über die fragwürdige Person dieser Emma Lyon einziehen lassen. Die Nachrichten bestätigen meine schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben.
Mr. Dashwood
Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der vermögensrechtlichen Maßregel einen langsameren Gang nimmt, als der Heroismus wünschbar macht, den ich an Eurer Herrlichkeit ehrfürchtig erkenne.
Lord Hamilton
(nimmt den Brief aus der Tasche)
Es wird sich zeigen.
Ein Diener
(meldet)
Sir Francis. (Ab.)
Sir Francis
(schuldbewußt)
Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich mich verspätet habe.
Lord Hamilton
Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt elf Uhr.
Sir Francis
Wirklich? – Dann muß meine Uhr falsch gehen.
Lord Hamilton
Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich gebeten habe, könnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen Kartenspielern behandelt werden.
Sir Francis
(unruhig, mit Blick auf den Notar)
Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache unter vier Augen ...
Lord Hamilton
Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu hören noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend.
Sir Francis
(resigniert)
Wie Sie befehlen.
Lord Hamilton
Du hast mir gestern eine Art von Entschluß brieflich kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich die Zulässigkeit eines schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwägung gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte und Feder erklären. Ein Hamilton spricht höchstens, aber er schreibt nicht.
Mr. Dashwood
(schnupft; vor sich hin)
Ein Diktum von antiker Größe.
Sir Francis
Wenn Sie Emma kennten, Vater – –
Lord Hamilton
Emma? Was ist das, – Emma –? Du unterstehst dich, mit sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz.
Sir Francis
(aufwallend)
Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle!
Lord Hamilton
(kalt)
Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind der Luxus der Unbotmäßigen.
Mr. Dashwood
Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel her.
Sir Francis
(wütend)
Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch – abwesend ist?
Lord Hamilton
Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen. (Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.)
Mr. Dashwood
(liest)
Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes herab.
Sir Francis
Dies ist eine Verleumdung!
Lord Hamilton
Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit, beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood.
Mr. Dashwood
(in weinerlichem Ton)
– Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück.
Sir Francis
So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war. Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen väterlichen Beschützer fand.
Lord Hamilton
Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur Welt ist ein wahrhaft kindliches.
Sir Francis
Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen Bett gelegen.
Mr. Dashwood
(für sich)
Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!
Lord Hamilton
Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden, wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen Entrüstung einstellen könnten.
Mr. Dashwood
– der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham verfiel auf den Gedanken – (stockt, zieht das Taschentuch, wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ...
Lord Hamilton
Überwinden Sie sich, Mister Dashwood.
Mr. Dashwood
– verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig unbekleidet ...
Lord Hamilton
(scharf)
Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood?
Mr. Dashwood
(trostlos)
Nackt. Völlig nackt!
Lord Hamilton
(erhebt sich)
So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.
Mr. Dashwood
– oder kaum bedeckt mit einem Schleier ...
Sir Francis
(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend)
Also doch mit einem Schleier bedeckt –
Lord Hamilton
(stark)
Kaum! – kaum!
Mr. Dashwood
Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem Sodom!
Lord Hamilton
Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig nackt, oder –
Mr. Dashwood
(mit erbarmenswürdiger Stimme)
– kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut niederzulegen und bald sah man überall unanständige Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra abkonterfeiet war.
Lord Hamilton
Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen konntest ...
Sir Francis
(verzagt)
Ich liebe sie.
Lord Hamilton
Einfältiges Zeug!
Sir Francis
Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen, Vater –
Lord Hamilton
Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu heiraten ableitet?
Sir Francis
Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie sich endgültig entschließen ...
Lord Hamilton
Nun?
Sir Francis
Sprechen Sie mit Emma Lyon!
Lord Hamilton
(voll Verachtung)
Du bist ebenso verrückt als vermessen.
Sir Francis
(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr hat)
Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie mit Ihnen gesprochen hat.
Lord Hamilton
(starr und steif)
Wie –?
Mr. Dashwood
Jesus Christus steh mir bei!
Emma Lyon
(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle).
Der Majordom
(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet mit dummem Gesicht)
Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden.
Lord Hamilton
Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure. (Majordom ab.)
Emma Lyon
(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung)
Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind nämlich ein und dieselbe Person.
Mr. Dashwood
(mit gefalteten Händen vor sich hin)
Lockbild der Hölle!
Emma Lyon
Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen jungen Hund.
Lord Hamilton
(schweigt angeekelt).
Emma Lyon
(unbekümmert weiterplaudernd)
Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt, Mylord.
Mr. Dashwood
(entsetzt flüsternd)
Ein Dämon!
Sir Francis
(zerknirscht und vorwurfsvoll)
Emma –!
Lord Hamilton
(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).
Emma Lyon
(wie oben)
Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an, und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne?
Mr. Dashwood
Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß erstaunlich.
Lord Hamilton
(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener kommt)
Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie vorfahren!
Emma Lyon
Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen. Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn! Er bedarf der Kräftigung.
Mr. Dashwood
(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will, und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen, als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu korrespondieren, auch Sir Francis).
Emma Lyon
(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen)
Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord? (Sie setzt sich, lächelt gewinnend.)
Lord Hamilton
(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt)
Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen?
Emma Lyon
(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als ob sie ihn ermuntern wolle).
Lord Hamilton
(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen)
Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre diese Befehle für ungültig.
Emma Lyon
(harmlos)
Das dacht ich mir gleich.
Lord Hamilton
Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister Dashwood wieder hereinzurufen.
Emma Lyon
Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie hinauszubringen.
Lord Hamilton
Ich kenne Sie nicht, ich – –
Emma Lyon
Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit, daß Sie mich kennen lernen.
Lord Hamilton
Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn Sie nicht gehen wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen müssen, Sie hinauszubegleiten.
Emma Lyon
Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun?
Lord Hamilton
(nimmt die Handglocke, läutet).
Emma Lyon
(fast fröhlich)
Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden.
Ein Diener
(kommt)
Mylord befehlen?
Lord Hamilton
(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon; er zaudert).
Der Majordom
(kommt)
Mylord befehlen?
Emma Lyon
(lächelnd)
Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman sich auf diese Weise einer Dame entledigt.
Lord Hamilton
(zum Majordom, gepreßt)
Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. (Winkt den beiden, das Zimmer zu verlassen.)
Der Majordom
Sehr wohl.
(Ab mit dem Diener.)
Emma Lyon
Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die Flucht ergreifen, Mylord.
Lord Hamilton
(bleibt unwillkürlich stehen)
Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß.
Emma Lyon
Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit durchschnüffeln mußten, – wie kommt das?
Lord Hamilton
Es geschah für die Ehre der Familie.
Emma Lyon
Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit berichtet hat?
Lord Hamilton
Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.
Emma Lyon
So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande gewesen ist, Ihnen die ganze Wahrheit zu enthüllen. Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten aufgeboten, um Sir Francis’ Unschuld vor mir zu schützen.
Lord Hamilton
Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte.
Emma Lyon
Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung hindern, meine – Wälder und Ländereien zinstragend zu verwerten.
Lord Hamilton
(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)
Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach meinem Sohn werfen mußten.
Emma Lyon
Na, einer muß es doch sein.
Lord Hamilton
Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese Spekulation verfehlt ist.
Emma Lyon
Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.
Lord Hamilton
Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens noch auf Easton Park zu wohnen.
Emma Lyon
Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts unnötige Hindernisse zu bereiten.
Lord Hamilton
Sie irren.
Emma Lyon
Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde, – so oder so.
Lord Hamilton
(kalt)
Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags.
Emma Lyon
Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum nicht? Weil in England Männer regieren.
Lord Hamilton
Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im Königreich gewachsen ist?
Emma Lyon
Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun; na, da war ein Richter, – ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken, als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte aufmuntern.
Lord Hamilton
(dem plötzlich unbehaglich wird)
Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen. Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren.
Emma Lyon
Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun.
Lord Hamilton
(setzt sich mit versorgtem Gesicht)
Also wie soll das enden?
Emma Lyon
(mit versteckter Schelmerei)
Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe.
Lord Hamilton
Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ...
Emma Lyon
Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles, aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein. Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine fehlerlose Genealogie zu fabrizieren.
Lord Hamilton
(in die Enge getrieben, vornehm)
Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe.
Emma Lyon
Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase, die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel, daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern, Schmugglerkapitänen ...
Lord Hamilton
(nervös)
Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.
Emma Lyon
Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist. Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen Stall –?
Lord Hamilton
Stall –? Kuh –? Um Himmels willen, was für Worte!
Emma Lyon
Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen Sie mich an, sage ich.
Lord Hamilton
(irritiert)
Nun ja ... ja ... ich sehe.
Emma Lyon
Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?
Lord Hamilton
(noch mehr irritiert)
Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil.
Emma Lyon
Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat! So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig) zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich verstecken müßte. Und der Nacken, – (wendet sich) mißfällt er Ihnen? Die Haare, – braucht man sich ihrer zu schämen? Die Hand, – läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen? Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, – vertragen sie nicht jede Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord.
Lord Hamilton
(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen Narkose)
Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht.
Emma Lyon
(diebisch)
Soll ich das Fenster öffnen, Mylord?
Lord Hamilton
Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser reichen wollten.
Emma Lyon
(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser in ein Glas, bringt es ihm).
Lord Hamilton
Ich danke Ihnen.
Emma Lyon
(nachsichtig)
Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord.
Lord Hamilton
Durchaus nicht. – Durchaus nicht.
Emma Lyon
Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser? (Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand!
Lord Hamilton
(scheu)
Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm.
Emma Lyon
Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott!
Lord Hamilton
Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu begehrlich.
Emma Lyon
Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel? Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die, die kraftlos sind.
Lord Hamilton
Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen?
Emma Lyon
Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales.
Lord Hamilton
Wieso? Ist er bissig?
Emma Lyon
Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St. James wert.
Lord Hamilton
Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare Welt!
Emma Lyon
Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten, Mylord.
Lord Hamilton
Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen des Vergnügens.
Emma Lyon
(heuchlerisch)
Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so anstrengend ist wie das Laster.
Lord Hamilton
Sehen Sie! Sehen Sie!
Emma Lyon
(versonnen)
Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend noch anstrengender ist.
Lord Hamilton
Versuchen Sie es doch einmal ...
Emma Lyon
Meinen Sie?
Lord Hamilton
Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden Absichten fallen lassen.
Emma Lyon
Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache.
Lord Hamilton
(steht auf)
Im Ernst, Miß Lyon: – Was kann Sie an dem Jüngling locken? Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand. Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken zu setzen.
Emma Lyon
(zerknirscht)
Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben will, sondern auch etwas gibt.
Lord Hamilton
(erfreut)
Nun also ...
Emma Lyon
Würden Sie mir helfen?
Lord Hamilton
Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt.
Emma Lyon
Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen.
Lord Hamilton
Das versteh ich nicht ...
Emma Lyon
Verständlicher kann nichts auf der Welt sein.
Lord Hamilton
(vor Schrecken gelähmt)
Sie meinen –?
Emma Lyon
Ja!
Lord Hamilton
Ich? – Ich –? Ich sollte –? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er fällt in den Stuhl zurück.)
Emma Lyon
(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den Nacken)
Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben, wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an, dann ist man verloren.
Lord Hamilton
(klagend)
Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen lassen.
Emma Lyon
Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?
Lord Hamilton
Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich nur ausdrücken? – eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist.
Emma Lyon
Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.
Lord Hamilton
Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung, was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will es wenigstens hoffen.
Emma Lyon
Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich, Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten, sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich, aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz, und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen, wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre Finger spreizen, – so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich) ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie bewahren.
Lord Hamilton
(murmelnd)
Niemals würde ich mich so tief erniedrigen.
Emma Lyon
(kategorisch)
Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten.
Lord Hamilton
(schüttelt den Kopf)
Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ... (Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble Dinge.
Emma Lyon
Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord.
Lord Hamilton
Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen.
Emma Lyon
Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe.
Lord Hamilton
Verzeihen Sie, die Hülle, – die haben Sie abgeworfen.
Emma Lyon
Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher sein als in Panzern.
Lord Hamilton
Das ist Rabulismus.
Emma Lyon
Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug.
Lord Hamilton
Das ist ein Argument.
Emma Lyon
Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord, deckt jugendliche Torheiten zu.
Lord Hamilton
(mit einem Rest von Bedenklichkeit)
Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ...
Emma Lyon
Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun. Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.)
Lord Hamilton
Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel hört auf zu schwingen.)
Emma Lyon
Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, – sehn Sie! – bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen, bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer! Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella!
Lord Hamilton
(vor sich hin)
Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder die Macht einer Bezauberung vorliegt. – Gönnen Sie mir, Miß Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen.
Emma Lyon
So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich Dispositionen zu treffen habe –
Lord Hamilton
Ich könnte es versuchen ...
Emma Lyon
Schön, versuchen wir es.
Lord Hamilton
Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden.
Emma Lyon
Zwei Monate? Das ist etwas wenig.
Lord Hamilton
Sagen wir vier Monate.
Emma Lyon
Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen.
Lord Hamilton
Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir vorläufig bei den vier Monaten.
Emma Lyon
Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm gegenüber in eine schiefe Position.
Lord Hamilton
Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen –?
Emma Lyon
Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke, läutet.)
Lord Hamilton
(verwundert)
Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer.
Der Majordom
(tritt ein)
Mylord befehlen?
Emma Lyon
Sir Francis soll kommen.
Der Majordom
(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite)
Mylord wünschen Sir Francis?
Lord Hamilton
(kalt)
Sie haben gehört.
Der Majordom
Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen kann. Er hat dringende Geschäfte.
Emma Lyon
Er soll warten. – Ist nicht Frühstückszeit?
Lord Hamilton
Es dürfte Frühstückszeit sein.
Der Majordom
(schaut auf die Wanduhr)
Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht.
Lord Hamilton
Ja. Die Uhr steht.
Emma Lyon
Es soll serviert werden.
Der Majordom
(bekümmert und fast vorwurfsvoll)
Soll serviert werden, Mylord?
Lord Hamilton
Sie hören.
Emma Lyon
Auch fehlt noch ein Gedeck.
Der Majordom
Noch ein Gedeck, Mylord?
Lord Hamilton
Noch ein Gedeck.
Der Majordom
Sehr wohl.
(Ab.)
Emma Lyon
Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein.
Lord Hamilton
(in ziemlicher Unruhe)
In welche Form soll ich also Francis gegenüber die Mitteilung kleiden?
Emma Lyon
Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen und mich dafür in Ihre Obhut nehmen.
Lord Hamilton
(zieht die Stirn in Falten)
Das wäre ja ein regelrechter Handel!
Emma Lyon
Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer in Ohnmacht fällt, wenn von einem Handel die Rede ist.
Lord Hamilton
Wie viel betragen seine Schulden?
Emma Lyon
Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund.
Lord Hamilton
Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie?
Emma Lyon
(lacht)
Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden?
Lord Hamilton
Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer – Weitherzigkeit.
Emma Lyon
Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein.
Lord Hamilton
Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten.
Emma Lyon
(streckt den Arm aus)
So küssen Sie mir die Hand.
Lord Hamilton
(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die Hand küßt, kommt)
Sir Francis
(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die Tür zur Halle bleibt offen).
Lord Hamilton
(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über die Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon getreten).
Sir Francis
(bewundernd; leise)
Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast du ihn denn herumgekriegt?
Emma Lyon
Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hören. Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose.
Sir Francis
Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend Pfund –? Du weißt, meine Gläubiger drängen ...
Emma Lyon
Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend dazu.
Sir Francis
(entzückt)
Du bist umsichtig wie ein Kaufmann!
Lord Hamilton
(zu Mister Dashwood)
Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und Sie tun gut daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf aufmerksam machen, daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung bestrafen lassen werde.
Mr. Dashwood
Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen ist ein giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen –
Lord Hamilton
(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch an Sir Francis)
Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, daß alles, was wir von ihrem früheren Leben gehört haben, nichtswürdige Lügen sind.
Sir Francis
Das hab ich ja gleich gesagt –
Lord Hamilton
Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches Bett, und sie hat niemals eine Göttin Hygäa dargestellt. Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede. Sie können gehen, Mister Dashwood.
Mr. Dashwood
(mit tiefer Verbeugung ab).
Lord Hamilton
(mit der Taschenuhr in der Hand)
Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, fünf Minuten. (Mister Dashwood hat sich entfernt.)
Emma Lyon
Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein von angenehmer Sorglosigkeit.
Lord Hamilton
Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn, erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu unterrichten. Miß Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde mehr für dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit ruhiger Sicherheit) deine zukünftige Mutter, Lady Hamilton.
Sir Francis
(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder).
Lord Hamilton
Den Fisch, Mister Wardle!
Vorhang.