← Table of contents
Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen

Die Uhr (continued 2)

Reading edition

Mit der Leichtigkeit und Anmut, in denen sich nun doch wieder die Schauspielerin verriet, wußte sie das Gespräch nach anderen Punkten zu lenken, ihre Stimmung und allmählich auch die meine zu verwandeln. Aus ihrem Wesen und Betragen glänzte mir ein Hoffnungsschimmer entgegen. Und hatte sie nicht Recht? Ich forderte nicht allein ihre Freundschaft, sondern auch ihre Zukunft, nicht nur ihre Hand, sondern auch ihre Freiheit und ihren Ruhm. In der That – ich hätte sie geringer schätzen müssen, wenn sie, ohne sich zu besinnen, in meine Bitte eingewilligt.

Freilich – als ich nicht mehr unter dem Zauber ihrer Gegenwart stand, nahm die Sache eine dunklere Färbung für mich an. Wohl mußte ich ihre Bedenken gelten lassen, aber – würde sie danach gefragt haben, hätte sie mich geliebt? So ungerecht sind wir; ich hatte mir Tage und Wochen zur Ueberlegung und zum Austrag meiner Herzenskämpfe gestattet und wollte ihr nicht die kürzeste Frist gönnen. Gern oder unwillig, schließlich mußte ich mich darein ergeben. Die nächsten Tage schlichen in Hangen und Bangen, im Wechsel von Furcht und Hoffnung dahin; sie war viel beschäftigt, jeden Abend auf der Bühne, ich wurde von einer russischen Fürstin in Anspruch genommen, die mich zu konsultiren nach der Stadt gekommen war, ehe sie ihre Winterreise nach dem Süden antrat. So sahen wir uns nur flüchtig, zum Aussprechen war keine Muße gegeben. Und derselbe Drang, der mich zu meiner Erklärung fortgerissen, hielt mich jetzt zurück, ungestüm die ihrige zu verlangen. Zeit zu gewinnen, schien mir plötzlich in meiner Lage das Wünschenswerteste. Mindestens blieb mir dadurch das Herbste erspart, ihr Nein zu vernehmen, den Schmerz zu verbeißen und in der Entfernung von ihr nicht Vergessenheit, doch Trost zu suchen. Der Ernst ihres Gesichtes, ein gewisser träumerischer Zug, den ich in solcher Stärke noch nicht an ihr bemerkt, bewiesen mir hinlänglich, daß sie mit sich selbst nach einer Entscheidung rang. Wenn ich des Abends im Theater dem stürmischen Beifall zuhorchte, der ihre Darstellung begleitete, die Kränze und Blumensträuße zählte, die man ihr zuwarf, fühlte ich wohl, daß ich da einen ungreifbaren, kaum zu überwindenden Gegner hatte. Alle stimmten darin überein, daß sie noch nie so vortrefflich gespielt habe. Und dem Allen, ihrem Talente, diesen Triumphen sollte sie entsagen, um einem älteren Manne den Abend seines Lebens zu verschönen und ihre eigene Zukunft vor Stürmen und Schicksalsschlägen sicher zu stellen! Welche Thorheit, welche Dürftigkeit der Phantasie, welche Leere des Herzens mußte ich bei ihr voraussetzen! Sie aus diesem Glanz, aus diesem bacchantischen Taumel herausreißen zu wollen – ich hätte meine Werbung zu keiner ungelegeneren Zeit vorbringen können!

Gleichsam, um die Aussichtslosigkeit meiner Wünsche mir grell vor das Bewußtsein zu führen, mußte mir da eines Nachmittags bei meinem Spaziergange durch die Siegesallee des Parkes Lüttow entgegenkommen und mich anreden. Er war in Gesellschaft, schlank und hoch und trotzig wie immer, aber er ließ, wie er mich erkannte, die Herren stehen, eilte auf mich zu und bot mir die Hand.

»Haben uns lange nicht gesehen, Herr Medicinalrat,« sagte er in seiner lauten, aber dennoch gewinnenden Weise. »Sie haben eine Wunderkur an Fräulein Themar vollbracht. Das ist jetzt all' ein Leben und ein Feuer in ihrem Spiel. Schauen Sie mich nicht so fragwürdig von der Seite an; ich rede im Ernst. Dies Mädchen ist eine große Künstlerin, es wäre ein Unrecht, sie der Kunst zu entführen und prosaisch zu heiraten. Ihr Genius hat sie richtig geleitet. Wollen Sie ihr sagen, daß ich aufrichtig alle meine Sünden gegen sie bereue?«

Zum Glück hatten sich jetzt seine Begleiter genähert, und ich konnte mit einigen allgemeinen verbindlichen Redensarten und mit der Zustimmung in sein Lob Elsa's mich losmachen. Was vor Wochen mich sowohl ihret- wie meinetwegen gefreut hätte, Lüttows Einkehr in sich selbst, wie ich es damals genannt hätte, ängstigte mich jetzt. Hoffte ich zu siegen, wo dieser Hartnäckigste der Menschen sein Spiel verloren gab? Wenn er den Triumph und den Rausch der Bühne für mächtiger hielt als seine Leidenschaft, was hatte ich dagegen einzusetzen? Dennoch teilte ich meine Begegnung mit Lüttow Elsa mit: es wäre mir unmöglich gewesen, ihr eine solche Mitteilung zu verschweigen. Sie wurde blaß, als ich seinen Namen nannte – wie ich dann zu Ende war, griff sie nach ihrem Herzen, und ein schwermütiges Lächeln spielte um ihren Mund: »Er ist ja sehr ruhig geworden!«

Irgend etwas in seiner Aeußerung hatte sie verletzt. »Wenn mein Spiel eine so beruhigende Wirkung auf erregte Nerven ausübt,« meinte sie, »sollten Sie es Ihren Kranken als Heilmittel empfehlen, werter Freund. Im übrigen hat mich Herr von Lüttow niemals verstanden, weder meine Empfindungen noch meine Handlungsweise; er würde sonst wissen oder doch ahnen müssen, daß mich nie mehr als gerade in meinem Triumph das Gefühl meiner Unzulänglichkeit und die Sehnsucht nach der Stille beschlichen hat.«

Wie hoffnungsvoll klang das für mich! Und endlich mußte doch auch die Entscheidung fallen. Wie alle Spieler und unglücklich Liebende war ich in diesen acht Tagen abergläubisch geworden und hatte mir fest eingeredet, am Neujahrstage würde Elsa ihr Ja oder Nein sprechen. Mein Erstaunen, meine Verwirrung war darum nicht gering, als sie mir am Morgen des Sylvestertages sagte:

»Schelten Sie mich nur gleich tüchtig aus, als Arzt und als Freund. Wenn es noch Ablaßzettel gäbe, kaufte ich mir einen im Voraus. Ich will heut' Abend eine Thorheit begehen und das alte Jahr auf einem Maskenball beschließen. Meine Kollegen haben mir so viele lustige Geschichten von dem Balle erzählt, den das Balletcorps heute giebt, daß ich nicht habe widerstehen können. Ich werde im Domino hingehen und hoffentlich einen guten Tänzer finden. Nun, da sitz' ich, was muß ich thun, um die Sünde zu büßen?«

Anfangs war ich so betroffen, daß ich sprachlos vor ihr dastand, bis ihr helles Gelächter mich zur Besinnung brachte.

»Bin ich eine rückfällige Ketzerin, für die Sie gar keine Buße und Strafe wissen? Wollte ich nun meine Hexenmacht gebrauchen, müßte ich darauf bestehen, daß Sie mich begleiteten und mit mir in dieselbe Schuld verfielen. Bekennen Sie, daß ich großmütig bin, wenn ich allein die Verdammniß auf mich nehme.«

Wie verstimmt ich auch über ihre so unerwartet auftauchende Laune war, durch ein schroffes Dareinreden wagte ich meine Lage nicht noch mehr zu verschlimmern. Mein Mißvergnügen war gewiß kein vernünftiger Grund gegen den Besuch eines Balles, und wenn schon der Liebhaber Einspruch gegen ihre Vergnügungen erhob, welche Beschränkungen ihrer Freiheit und ihrer Neigungen mußte sie erst von dem Gatten befürchten. Nach Kräften suchte ich einzulenken und riet ihr nur, sich nicht zu erhitzen, nicht zu heftig zu tanzen – Albernheiten, über die ich vor mir selbst errötete. Wie es nicht anders sein konnte, schieden wir ein wenig kühl und frostig. Wider meinen und ihren Willen war nun doch der Unterschied zwischen einer lebenslustigen, munteren Schauspielerin und einem alternden Gelehrten zur unerfreulichen Erscheinung gekommen. Ich pflegte sonst den Sylvesterabend im Kreise langjähriger Freunde, Wittwer oder Hagestolze, zuzubringen: heute lehnte ich ab, ich war zu verdrießlich und unzufrieden, um einen halbwegs erträglichen Gesellschafter abzugeben. Aber was nun mit dem langen Abend beginnen? Zu Hause bleiben, lesen, schreiben, die Rechnung des Jahres ziehen? Ein Alpdruck lastete auf mir, als müßten in der nächsten Sekunde die Mauern über mich hin zusammenstürzen. Vielleicht fiel es Elsa gar ein, im Domino und mit der Larve vor dem Gesicht Abschied von mir zu nehmen, ehe sie in den Wagen stieg. Ich glaubte das Rollen der Räder zu hören – jeder Schlag versetzte meinem Herzen einen Stoß. Ich blickte auf die Uhr – die neunte Stunde ging eben zu Ende, und sie spielte noch im Theater. Nein, ich wollte, ich konnte sie nicht erwarten; jetzt schalt ich sie herzlos, eitel, vergnügungssüchtig, und dann spottete ich mich aus, einen Gecken, einen Eifersüchtigen, wie es noch nie einen größeren und traurigeren gegeben. Unmöglich, in den engen, überheizten Zimmern auszudauern. Wenn auch ich auf den Ball ginge und sie beobachtete? Unsinn, ich auf dem Maskenball des Corps de Ballet! Wollte ich die lustigen Streiche der Jugend mit fünfzig Jahren nachholen? Inzwischen, inmitten all dieser Anklagen, Ausrufungen, ironischen Betrachtungen kleidete ich mich gesellschaftsmäßig an. Ich getraute mich dabei nicht, meinem Diener ins Gesicht zu sehen, aber der Gute vermutete meine bösen Gedanken nicht und wunderte sich nur, daß ich mich so früh schon auf den Weg zu meiner Sylvester-Gesellschaft machte. Auf der Straße war ich bald, aber mein Wille blieb zwiespältig wie zuvor. Als ich um die Ecke unserer stillen Straße in die belebtere Hauptstraße einbog, fuhr ein Wagen dicht an mir vorbei. Ich wußte, daß es der Wagen war, der sie aus dem Theater heimbrachte, und ich empfand eine gewisse Genugthuung, ihr entgangen zu sein. Sie sollte merken, daß ich auch ohne sie zu leben vermöchte. Und dabei schmachtete ich armseliger Thor nach ihrer Gegenwart, ihrer Rede und ihrem Lächeln. Nein – fahrt dahin, Stolz des Weisen und Würde des Alters, dahin ihr Entschlüsse der Entsagung! Ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut. Sehr wahrscheinlich werde ich morgen einen Thorenstreich zu bereuen haben, aber der Drang des Herzens will seine Befriedigung, gleichviel, um welchen Preis. Ein Maskengarderobe-Laden war leicht gefunden, ein dunkelblauer Domino, eine Maske erstanden – ich ließ eine Droschke kommen und fuhr nach dem im Parke gelegenen Ballhause. Der Pförtner schaute mich verwundert an, ich war der erste Ballgast. Von dem Kellner, der mir eine Flasche Wein brachte, erfuhr ich, daß die rechte Lustigkeit und das bunteste Maskengewühl erst kurz vor Mitternacht seinen Anfang nähme. Eines vor Allem that mir not: Gelassenheit, ich war sonst nahe daran, die auffälligste Erscheinung des Balles zu werden.

Allmählich füllten sich die Säle mit Charaktermasken und Dominos. Mir waren diese wie jene gleichgiltig, ich suchte nur die Eine zu entdecken. Unter Tausenden hätte ich geglaubt, ihren Wuchs, ihre Haltung, ihren Gang heraus erkennen zu müssen – nun zeigte sich die Sache doch schwieriger, die Stimme des Herzens schwieg. Hinauf und hinab drängte ich mich durch das Gewühl, wiederholt angeredet von Stimmen, die mir unbekannt waren, und mit einer Stimme antwortend, die den Anderen so fremd klang, wie ihnen die meine. Ohne Absicht war ich so in die Nähe zweier schwarzen Dominos gekommen, die Hand in Hand mit einander gingen. Leise streifte ich die Eine, sie achtete nicht darauf, aber im nächsten Augenblick hörte ich sie halblaut zu ihrer Begleiterin sagen: »Da ist er!« Die Musik übertönte das Uebrige, allein mir genügten die drei kurzen Worte. Es war Elsa, offenbar mit einer befreundeten Schauspielerin. Da ist er – nur sie konnte mit diesem eigentümlich zitterndem eindringlichen Tone reden. Da ist er – wen hatte sie gemeint? wen konnte sie meinen? Hatte sie mich eher entdeckt als ich sie? Hatte die unwillkürliche Berührung ihres Gewandes mich verraten? Oh, oh! grollte es dagegen in mir, täusche dich doch nicht länger! Nicht von dir war die Rede, nicht deinetwegen ging sie auf diesen Ball. Herunter die Maske und betrachte dein runzeliges, häßliches Gesicht in einem der vielen Spiegel, welche die Wände zieren. Und dann entfliehe diesem Raum, wohin du nicht gehörst, vergrabe dich in deine Höhle, vertrinke deinen Gram wie ein alter Satyr, oder noch besser, hänge dich auf, Medicinalrat, ehe du eine Figur für die Posse wirst!

Und nun fing eine tolle Jagd an. Ich suchte ihr auf den Fersen zu bleiben und zugleich den Unbekannten zu entdecken, den sie ihrer Begleiterin bezeichnet hatte. Einmal war ich dicht hinter ihr, dann schob sich wieder eine Menschenwelle zwischen uns. Zuweilen blickte sie sich um, als hätte sie die Empfindung, daß sie verfolgt würde. Aber sie beschleunigte ihren Schritt darum nicht. Sie anzureden wagte ich nicht, meine Stimme würde mich verraten haben. Plötzlich, als die Paare sich zum Tanz ordneten und das Ganze zu einem buntschimmernden, in einander wirrenden, rasenden Wirbel wurde, war sie mir entrückt. Weder unter den Tanzenden noch unter denen, die zuschauten, vermochte ich sie zu entdecken. Eine geraume Weile verlief so, mir stand die Zeit still. Ich lehnte mich an eins der hohen Fensterkreuze des Saales und starrte beinahe gedankenlos in das jubelnde, lachende, walzende Gewühl. Der Wein, die Hitze im Saal, die rauschende Musik, das Drehen hin und her vor meinen Augen hatten mir einen dumpfen Schmerz im Kopf, Ohrensausen und Schwindel verursacht: ich war in der That auf einen Hexensabbat verschlagen worden. Zu Ende – die Musik schweigt. Was ist das? Alle drängen sich zusammen, zischeln mit einander, rücken an ihren Masken, ziehen ihre Uhren. – Und da – zwölf laute, dröhnende, weithin hallende Schläge. Neujahr! Prost Neujahr! schreien sie wie die Besessenen. Champagnerpfropfen knallen – und Hurrah! Hoch! Das Orchester bläst einen Tusch. Trink, Brüderchen, trink! Das neue Jahr soll leben! Und die alten Flammen! Was wir lieben, rosa Domino! Die Masken werden abgenommen, überall lachende, grinsende, erhitzte Gesichter, flatternde Locken, funkelnde Augen – Bacchanten und Mänaden! Was soll ich unter ihnen? In ihren Lärm und Taumel mit einstimmen? Mich von ihnen foppen lassen? In diesem Tumult Elsa suchen und sie am Arme eines Andern finden? Nein, ich rette mich ... Da entsteht ein Laufen, ein ängstliches Durcheinander, ein herzzerreißender Schrei ... ich kenne diesen Schrei! Und zugleich der Ruf: »Zu Hilfe, ein Arzt, ein Arzt!« »Hier! hier!« schreie ich, reiße mir die Larve, den Domino vom Leibe und arbeite mich durch das Gedränge. Alle machen mir Platz, ich komme aus dem Tanzsaal in den Nebensaal. – »Sie stirbt mir unter den Händen!« jammert eine Frauenstimme aus einer der Nischen. – Auf dem Divan liegt Elsa besinnungslos in Krämpfen, ein junger Arzt ist schon um sie beschäftigt, der den älteren, ihm bekannten Kollegen mit Freuden begrüßt. An ein Fragen, wie Alles gekommen, ist hier nicht zu denken, es gilt zu helfen. Unseren Bemühungen gelingt es, mit krampfstillenden Mitteln die Gewalt des Anfalls zu brechen. In einer halben Stunde ist es möglich, Elsa mit ihrer Begleiterin in einen Wagen zu schaffen, ich fahre sie nach Hause. Gesprochen wird kein Wort zwischen uns, obgleich sie mich erkannt hat, schlaff ruht ihre Hand in der meinen. Während sie mit Hilfe ihrer Zofe und meines Dieners hinaufgebracht wird, eile ich in die nächste Apotheke, um noch einige Medicamente herbeizuschaffen. Die Bereitung dauert länger, als ich gehofft; als ich zurückkehre, finde ich Elsa schon im Bett, unruhig, in Fieberphantasien. Ihre Zofe ist bei ihr. – »Ich werde mich im Salon in einen Lehnstuhl setzen,« sage ich, »und mit Ihnen wachen. Weinen Sie nicht, wenn der Krampf nicht wiederkehrt, ist es noch nicht gefährlich. Ruhe und Eisumschläge.«

Und nun sitze ich bei einer mit einem großen grünen Schirm verdeckten Lampe, im Halbdunkel, in meinem Ballstaat, die ängstlich hin- und herflackernde Flamme des mir theuersten Lebens bewachend. Welch' eine Neujahrsnacht! Daß Lüttow bei dem Unglück mit im Spiel gewesen, daß Elsa von einer dämonischen Macht angezogen, nur seinetwegen auf diesen Maskenball gegangen, stand bei mir fest, aber alle diese Nachgedanken, diese ohnmächtigen, leise zwischen den Zähnen gemurmelten Verwünschungen beseitigten das Uebel, verscheuchten das Schreckgespenst eines tödlichen Herzschlages nicht. In kurzen Pausen trat ich an ihr Bett, um zu sehen, ob das Pochen des Herzens sich mindere, ob die einschläfernden Mittel ihre Wirkung thäten. Halb aufgerichtet saß sie in den Kissen, mit geschlossenen Augen, gelblichweiß im Gesicht, aus der matt brennenden Lampe fiel nur wie verloren ein Lichtschimmer über sie hin. Endlich schien sich ein leichter Schlummer auf sie herabzusenken. Ich schlich in das Vorderzimmer zurück.

Die unglückliche Uhr mit ihrem lauten Pendelschlag hatte die Dienerin schon aus dem Schlafgemach fortgenommen, jetzt wollte ich auch den Pendel anhalten, nicht das leiseste Geräusch sollte Elsa's Schlaf stören. Erst da fiel mir ein, daß ich zum ersten Male das unselige, geheimnißvolle Werkzeug dieser ganzen Verwickelung mit Augen sah. Diese Uhr hatte mich zuerst peinlich und unangenehm auf meine Nachbarin aufmerksam gemacht, ihr gleichmäßiger, rauher, heiserer Schlag hatte alle Wandlungen unseres Verhältnisses begleitet. Gab es einen magischen Zusammenhang zwischen dieser Uhr und unserer Freundschaft? Endete die Freundschaft, wenn der Pendel der Uhr still stand?

Entschlossen streckte ich dennoch die Hand aus und hielt ihn an; niemals hatte mir sein Geräusch unheimlicher geklungen. Eine altmodische Uhr, von Gold, Elfenbein und Ebenholz in dem Geschmack des Empire, mit vergoldeten Säulchen und einem Giebelfeld darüber, an den Ecken Adler sitzend, auf der Spitze eine Figur mit fliegendem Gewande, die wohl den Genius der Zeit darstellen sollte – Alles in strengen, harten Linien. Aber das Wunderlichste ist ein kleines auf Elfenbein gemaltes, in die Mitte des Giebels eingelegtes Bild. Ich nehme die Lampe, um es genauer zu betrachten: es ist in Miniatur ein Brustbild der Kaiserin Josephine. Ich will meinen Augen nicht trauen, ein Nebel täuscht mich, ein Lichtschein – ein Schatten, der gerade so oder so fällt, bringt die Wirkung hervor. Allein wie ich auch die Lampe halte, hoch oder niedrig, nahe oder fern, wie ich auch meinen Platz ändere: es ist der Kopf, das Gesicht Josephinens. Und je länger ich nun die Uhr, die still, unbeweglich auf ihrer Konsole steht, betrachte, kommt sie mir bekannt und immer bekannter vor, die Adler, den Adlern auf den französischen Fahnenstangen nachgebildet, der davonfliehende Genius – ich habe sie schon gesehen! Wo gesehen – wie gesehen! Die Lampe zittert in meiner Hand, kaum daß ich sie auf den Tisch ungefährdet zurücksetzen kann. Ist es denn möglich! Ich nähere mich Elsa's Bett ... »Sie schläft,« flüstert mir die Zofe zu. Mit dem Gesicht der Wand zugewendet liegt sie da, ruhiger atmend. Es ist, als ob wir die Rollen umgetauscht hätten, als ob ihr Leiden jetzt in meinem Herzen wohne ... wie von einem unsichtbaren Schlage getroffen, sinke ich in den Sessel.

Eine Uhr aus der Napoleonischen Zeit ... es giebt hundert, tausend Uhren aus jenen Tagen. Auch wohl mit dem Bilde der Kaiserin Josephine. Muß die Uhr da vor mir gerade dieselbe sein, die ich vor vielen ... vor dreiundzwanzig Jahren gesehen, in einer Lage, der meine jetzige, hier auf dem Sessel, im Nachtwachen bei einer schwer Kranken, auf das Genaueste gleicht? Eine Uhr, deren grausamer Stundenschlag mir damals verkündigte, daß ich den Augenblick des Glücks für immer versäumt? Ja wohl für immer, wenn sie nicht durch einen Zufall in Elsa's Hände gekommen, wenn sie ein Erbstück ist – das Erbe ihrer Mutter! Keinen Blick kann ich von der Uhr abwenden, es ist, als ginge jene ganze holde schmerzliche Vergangenheit noch einmal an mir vorüber, als tauchte in dem Halbdunkel des Gemaches ein vielgeliebter Schatten auf, den erst Elsa's liebliche Wirklichkeit aus meinem Herzen zu vertreiben vermochte, als gäbe die tiefe Stille und die ängstliche Spannung meines Geistes der Phantasie eine doppelte Gewalt. Halb träumte ich und halb erlebte ich ein unvergessenes Abenteuer noch einmal.

Ich sitze in einem prächtig ausgestatteten Zimmer, vor mir dieselbe Uhr auf einer marmornen Konsole, das große Fenster ist geöffnet, Lindenblütenduft haucht hinein, der süße Schauer einer Mondscheinnacht, durch die hohen Bäume des Gartens geht zuweilen ein sanftes Säuseln. Mir gegenüber liegt halb ausgestreckt angstvoll, übernächtig auf dem Sofa eine schöne blasse Frau, die Hände wie zum Gebet gefaltet – zu einem Gebet ohne Worte. Daneben ruht ihr Kind in Todesgefahr, ihr einziges, zweijähriges Töchterchen ... Ein Schul- und Universitätsfreund, ein reicher Gutsbesitzer in der Rheinprovinz, hatte mich eingeladen, einige Zeit auf seinem Gute zu verweilen; bei einem Besuche in der Hauptstadt hatte den treuen Kameraden mein krankhaftes Aussehen erschreckt: du gehst zu Grunde, wenn du keine Unterbrechung in deinen Studien und Arbeiten eintreten lässest, hatte er ärgerlich ausgerufen. Ich hatte seinen Bitten nachgegeben und war zu ihm gekommen. Seit zwei Wochen wohnte ich nun bei ihm, in herrlichster Lage, in der Nähe des schönen Stromes, mitten in den Weinbergen des Rheingaus; dem Ufergelände entlang reihten sich in mäßiger Entfernung von einander Städtchen, Dörfer, Landhäuser; Dampfschiffe, Segelboote, Nachen belebten beständig den Fluß, überall ein munteres, geschäftiges, wie vom Weinduft angehauchtes Treiben. Landschaft und Leute wirkten wohlthuend, erfrischend auf mich ein. Nicht nur ins Gesicht, die Junisonne schien mir auch in das Herz. Am Fuß des Hügels, auf dem sich das Haus meines Freundes erhob, stand eine kleine Villa inmitten eines großen Gartens, die hellen Fenster auf den Strom gerichtet. Sie gehörte einem der reichsten Kaufleute in der Hauptstadt der Provinz, der in jedem Jahre den Septembermonat darin zuzubringen pflegte: jetzt hielt sich seine Gattin mit ihrem Töchterchen in dem Landhause auf. Zwischen der Familie meines Freundes und der Frau Friederike bestand ein höflicher nachbarlicher Verkehr, näher war man einander nicht gekommen. Die Gattin meines lieben Wirts hatte für die feine, verzärtelte Städterin etwas zu derbe Formen, sie war schnell mit der Zunge wie mit der Hand, während Frau Friederike an sich hielt und in ihrer vornehm lässigen Weise Dinge und Menschen mehr von sich entfernte, als sie eifrig in ihren Kreis zog. Wir Männer redeten auf unseren Spaziergängen oft von ihr: bald begegneten wir ihr, wenn sie im Wagen einherfuhr oder mit ihrem Kinde an der Hand unter den Bäumen ihres Gartens auf- und abwandelte, den nur eine Hecke und ein niedriges Gitter von der Fahrstraße schied. Und niemand konnte Frau Friederike sehen, ohne sich noch einmal, wenn sie ihm vorübergegangen, verwundert nach ihr umzuschauen. Sie war eine Frau von wunderbarer Schönheit, eine Raphaelische Madonnenfigur mit einem leisen Zuge des Leidens im Gesicht, der halb eine körperliche Schwäche anzudeuten, halb die ungestillte Sehnsucht des Gemüts nach einer schöneren Welt auszudrücken schien. Sanftmütig, nicht von schnellem und scharfem Geiste, aber voll tiefer Empfindung schilderte sie mir der Freund; was ich von ihr sah und hörte, denn ein und ein anderes Mal war sie in dem Hause auf dem Hügel, wir in ihrer Villa gewesen, ergriff mich weit über den Grad des Eindrucks, den bisher noch ein weibliches Wesen auf mich gemacht hatte. Sie stand etwa in meinem Alter und behandelte mich, für eine so reiche und ausschließliche Dame, wie sie es war, mit besonderer Güte. Von dem Freunde erfuhr ich, daß sie nicht glücklich verheiratet sei. Also unglücklich? An einen Mann, der sie nicht verdient, der sie peinigt, einen Tyrannen? fragte ich erregt. Von dem Allen war nicht die Rede. Der Mann, in der Mitte der vierziger Jahre, behandelte sie mit der größten Achtung und Freundlichkeit, und auch ihr entschlüpfte niemals ein Wort des Verdrusses oder der Klage über ihn; sie paßten eben nicht für einander: sie eine schwebende Natur mit ätherischem Anfluge, er fest und hart in der Welt der Thatsachen wurzelnd, ohne Neigung, sich daraus zu erheben. Bei ihrer Stille und sanften Anmut mochte er kaum bemerken, daß die Uebereinstimmung ihrer Seelen fehle; die Zärtlichkeit, die sie entbehrte, bedurfte er nicht. So beschrieb mir der Freund das Verhältniß der beiden Gatten, und er wird wohl das Richtige getroffen haben; ich selbst habe den Mann nie gesehen.

Ein Unglücksfall verband mich dann inniger mit Friederiken. Eines späten Abends kam atemlos einer ihrer Diener herauf geeilt: das Töchterchen der gnädigen Frau sei erkrankt, der Arzt im nahegelegenen Flecken über Land gefahren, ich möchte mich des kranken Kindes annehmen. »Rette es,« rief der Freund mir zu, »hier geht für dich der Weg zum Ruhm!« Was dachte ich in jenem Augenblick an den Ruhm, an die Zukunft! Ich hatte nur Sinn für Friederikens Angst und Verzweiflung, ich flog den Hügel hinunter. Als ich dann vor ihr stand, ihr in das thränenüberströmte, schmerzvoll zuckende Antlitz blickte, ergriff mich eine unbeschreibliche, so noch niemals empfundene Bewegung, als ob ein neues Element in meinen Körper gekommen. Es war eine furchtbare Nacht; das Kind war von einem gefährlichen Anfall der Diphtheritis ergriffen worden, und mehr als einmal schwebte der Todesengel dicht an ihm vorüber – dicht, wie jetzt an Elsa! War ich in beiden Fällen die Hand, der sich das Schicksal bediente, ein und dasselbe Leben zu retten? Und beide Male zu meinem Verderben!

Diese Nacht mit ihren Schrecken hatte Friederike und mich einander mehr genähert, als eine langjährige gleichgiltige Bekanntschaft es gethan haben würde. In der gleichen Sorge enthüllte sich unabsichtlich das Innerste unseres Wesens, Jedes fand in dem Herzen des Andern etwas wie das Echo des eigenen. Die Krankheit des Kindes gestattete keine Trennung; kaum war der Anfall beseitigt, zeigten sich Spuren des Scharlachfiebers, das zwar nur leicht auftrat, aber die einmal in Angst versetzte Mutter nicht aus der erregten Spannung ließ. In ihrer freudlosen Ehe war die Tochter ihr einziger Trost, ihre einzige Freude; es schien ihr, als könnte sie den Verlust derselben nicht überleben. Ihr Gemahl befand sich gerade auf einer Geschäftsreise in England; er bat sie, ihm jeden Tag Nachricht von dem Befinden des Kindes zu geben, aber sie schalt es herzlos, daß er nicht ohne Zögern alle seine Geschäfte hatte fallen lassen und an das Lager der kleinen Elsbeth geeilt war. Mein Gastfreund nannte das eine Uebertreibung der Mutterliebe; ich aber stimmte ganz mit Friederike überein: wenn nicht des Kindes, doch einer solchen Mutter wegen hätte der Vater kommen müssen; wie konnte man diesem Weibe gegenüber nur den leidigen Gelderwerb in die Wagschale legen! So geschah es, daß Friederike sich immer lebhafter und inniger an mich anschloß. Wenn ich mit ihr zusammen den Schlaf der Kleinen überwachte, ihre Besorgnisse und Kümmernisse anhörte, zu zerstreuen suchte oder meinen Teil daran forderte, ihr ein Buch vorlas, dem Kind ein Spielwerk mitbrachte, erfüllte ich in ihren Augen die Pflichten eines wirklichen Vaters; unmerklich schob ich den wahren Vater, den Entfernten, aus seiner Stellung. Ich that, was er hätte thun sollen, und da mein Alter und meine Gemütsart besser zu Friederikens Jahren und Ansichten stimmten, als die seinigen, galt ich ihr bald als der vorzüglichere Mann. Meine Empfindung für sie war die der reinsten Verehrung; ich sah und betete etwas in ihr wie das Ideal des Weibes an, eine Mischung von Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit, wie ich sie bisher nur in den Werken der großen Maler angestaunt hatte, ohne an ihre irdische Verkörperung glauben zu können.

Nicht wenig trug der Gegensatz, in dem Friederikens poesievolle Erscheinung zu der trockenen Prosa meiner gutmütigen Wirtin stand, dazu bei, diesen Glorienschein um ihr liebliches Haupt täglich zu erneuen. Wohl erkannte ich, daß die zugleich glänzende und reizende Umgebung Friederikens den Zauber ihrer Gegenwart verstärkte; nur zu gut wußte ich aus eigener trauriger Erfahrung, welche Feindin eines schönen Lebens, einer sich immer gleich bleibenden würdigen und anmutigen Haltung die Armut, die Dürftigkeit ist – aber vielleicht, sagte ich mir, ist das Glück auch das größte Verdienst. Wenn es solche auserwählte Wesen nicht gäbe, denen die gemeine Sorge um das tägliche Brot, die Anstrengung und Mühe des Kampfes um das Dasein niemals den heitern Wechsel ihrer Tage und das gefällige Spiel der Erscheinungen stört oder trübt, wie armselig wäre die Erde! Sie sind in der Menschenwelt, was die schöne Landschaft in der Natur ist. Indem wir sie erblicken, fühlt sich unser Herz erfreut und erhoben, wie bei einem Blick von der Bergeshöhe in ein entzückendes Thal. Gemeine Seelen mögen sie beneiden, edlere begrüßen sie als den höchsten Ausdruck menschlicher Vollkommenheit. Ich konnte mir Friederike nicht anders als im Reichtum, inmitten wohlgeordneter Verhältnisse denken; der Harmonie ihres Wesens mußte die Ordnung und Sauberkeit des Aeußeren entsprechen.

»Du bist noch nicht weit und viel in der Welt umhergeschleudert worden,« meinte der erfahrene Freund bei meinem begeisterten Lob der schönen Frau, »und hast noch zu wenig Frauen in ähnlicher Lage kennen gelernt; du bist wie ein junger Mönch, der aus der Klosterschule seinen ersten Schritt ins Leben thut und überall Engel oder Teufel sieht.«

Nein – der Freund hatte Unrecht; hundert und aberhundert reiche und vornehme Frauen habe ich seitdem in nächster Nähe, mit und ohne Schleier gesehen, aber eine Friederike habe ich nie wieder gefunden!

Wohin mein Gefühl mich führen könnte – ich ahnte es nicht. Ohne Rück- wie ohne Vorgedanken überließ ich mich der Gegenwart. Ich weilte wie in einem verzauberten Garten. Gerade genug, daß die Sorge um das langsam genesende Kind noch an die Wirklichkeit erinnerte und mich immer wieder aus dem Labyrinth der Empfindungen zurückzog. So unendlich erhaben dünkte mich Friederike, daß ich fest überzeugt war, meine Augen würden nie anders als wie zu einem Heiligenbild zu ihr emporschauen. Und ahnungslos des Abgrunds, dem wir entgegentrieben, war auch sie in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft. Sie hatte nach einem Retter ihres Kindes gerufen und ihn in mir gefunden. Die Dankbarkeit, die sie jedem andern an meiner Stelle ebenso gewidmet haben würde, erhielt durch die Einsamkeit, in der sie lebte, durch den Unmut über die Hartherzigkeit ihres Gatten, durch die Aehnlichkeit unseres Wesens, wie ich glaube, eine wärmere Färbung. Darüber hinaus dachte und sorgte sie nicht. Erst als es zu spät war, blickte sie auf den Weg zurück, den wir gewandelt. Und niemals waren zwei Menschen einen lieblicheren dahingegangen. Als die fortschreitende Genesung des Kindes meine täglichen Besuche und noch mehr mein stundenlanges Verweilen in Friederikens Hause unnötig machte, hatten wir uns schon so sehr in diese Gewohnheit hineingelebt, daß uns das Aufhören derselben mehr erschreckt haben würde, als das Fortsetzen. Nach wie vor erschien ich am Morgen in der Villa, nach wie vor blieb ich am Abend. Ich war der Hausgenosse, dessen Erscheinen zu jeder Zeit nicht einmal der Dienerschaft mehr auffiel, der Hausfreund, den der Gemahl in seinen kurzen Briefen nie zu grüßen vergaß. Eine Weile bildete noch das Kind, die um sein Wohl und Wehe ausgestandenen Aengste und Beschwerden den Mittelpunkt unserer Gespräche, aber allmählich suchten sie andere Stoffe und Ziele. Wir lasen zusammen in unseren Dichtern, neben einander schritten wir durch die schattigen Laubgänge des Gartens oder schauten von der Terrasse auf den im Abendrot schimmernden Strom und die gegenüberliegenden Berge.

Es war, wie man nun will, unser Glück oder unser Unglück, daß für mich wie für Friederike eine zärtliche, schwärmerische, romantische Neigung noch eine ungekostete Frucht vom Baume der Erkenntniß war: sie hatte ohne Liebe, aber auch ohne Widerwillen ihrem Gatten vor fünf Jahren die Hand gereicht und in ihrem Lebenskreise Keinen getroffen, der ihr ein wärmeres Gefühl erweckt, dem sie ein größeres Vertrauen hätte schenken können, als eben ihm; mir war in harter, unablässiger Arbeit der Umgang mit Mädchen und Frauen beinahe ganz verwehrt gewesen – ich hatte mit der Welt um das Dasein ringend keine Muße für Liebeständeleien, nicht einmal für eine Schülerliebe gefunden. Den Naturtrieb kannten wir beide; aber was die Liebe ist, war uns unbekannt wie der Apfel der Hesperiden. Wir hatten von idealischen Gefühlen bisher nur gelesen und geträumt, jetzt erlebten und erlitten wir selbst sie.

Welche Stunden! Hätten sie ewig dauern oder wir doch mit ihnen schmerz- und schuldlos in die Unendlichkeit versinken können! Freilich damals freuten wir uns jedes neuen sonnigen Tages, der uns aufstieg. Dieselbe Uhr, die mir jetzt regungslos gegenübersteht, der einzige Zeuge jener Vergangenheit, der letzte Rest, der von ihr geblieben, wie oft gebot uns ihr Weiser Trennung. Ein Erbstück noch von der Großmutter her, schmückte die altmodische Uhr das Lieblingszimmer Friederikens im Erdgeschoß. Von unseren Wandelgängen durch den Garten zurückgekehrt, sagten wir uns hier, wenn die Uhr die zehnte Stunde verkündigte, Lebewohl. Wie berauscht stieg ich dann den Hügel hinauf, um noch lange am offenen Fenster stehend auf die dunklen Wipfel ihrer Bäume herabzuschauen, die in ihrem Schatten sie, ihr Kind und ihr Haus einschlossen und verbargen. Ich hatte ihr meine ganze Jugendgeschichte erzählen müssen, bis zu dem Tage, an dem ich sie zum ersten Male gesehen, der für mich einen neuen Lebensabschnitt bezeichnete. Es war im Vollmondschein; wir gingen unter den Platanen hin und wieder, zuweilen fiel das Mondlicht auf ihr Gesicht, daß es wundersam erglänzte; unsere Hände suchten und verschränkten sich in einander ... da entfloh mir das erste Liebeswort. Sie zuckte zusammen, sie erwiderte nichts, aber sie duldete doch, daß ich ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Ich wollte vor ihr niederfallen, ihre Kniee umfassen – »Gotthold! Gotthold!« hauchte sie leise, und ihre Lippen berührten meine Stirn. Im nächsten Augenblick war sie entschwunden. Ich wagte ihr nicht zu folgen; glückselig irrte ich unter den Bäumen hinauf und hinab. Als ich endlich in den Salon zurückkam, Abschied zu nehmen und meinen Hut zu holen, saß sie am Tisch und blickte ohne zu lesen in ein Buch. Bei meinem Eintritt fuhr sie empor – eine Sekunde standen wir uns so wortlos mit fliegenden Pulsen und glühenden Gesichtern gegenüber. »Gute Nacht, liebe gnädige Frau!« stammelte ich. Da warf sie sich heftig weinend an meine Brust, küßte mich unter Thränen und rief: »Nun gehe, gehe!« Und sie drängte mich zur Thür. Ein Klügerer oder ein Kühnerer würde geblieben sein und es auf eine nochmalige Abweisung haben ankommen lassen, aber ich war ein Neuling in der Liebe und zu gewohnt, jedem ihrer Winke zu folgen. Auch getraute ich mich in meiner Zaghaftigkeit gar nicht an mein volles Glück zu glauben und fürchtete, wenn ich fest danach griffe, würde es mir in leere Luft zerrinnen. Sie mich lieben! dies Götterbild sich zu mir herabneigen – nicht im verwegensten Traume hätte ich es gefordert, und nun war es Wirklichkeit. Was wollte, was konnte ich noch mehr wollen?

In jener Nacht nichts mehr, das große unverdiente Glück hatte alle geringeren Wünsche verschlungen. Denn im ersten Rausch einer schwärmerischen Jugendliebe erscheint die Seligkeit, wieder geliebt zu werden, als der Inbegriff alles Höchsten und Begehrenswerten; das Herz wagt sich noch gar nicht an den Gedanken, die Geliebte zu besitzen, heran. Nichts trübte mir darum den Vollgenuß jener Stunden. Am nächsten Tage fiel freilich der Schatten des Irdischen wieder auf unsern Weg. Mit seltsamer Scheu, wie ich sie bisher an der ihres Wesens und ihrer Rede so sicheren Frau noch nicht wahrgenommen, begegnete sie mir; sie vermied es, mit mir allein zu sein, und behielt ihr Töchterchen um sich, es bald an der Hand fassend, bald es auffordernd, auf dem Teppich zu ihren Füßen zu spielen. Viel früher als sonst verabschiedete sie mich, unter dem Vorwande, daß sie noch Briefe zu schreiben habe, und als ich sie anschaute und »Friederike!« rief, erwiderte sie meinen Blick mit so bittendem, so herzrührendem Ausdruck ihrer Augen, daß ich nichts anderes zu thun vermochte, als zu gehen. Lange brauchte ich nicht nach der Ursache ihres Benehmens zu suchen: gerade als ich aus der Gartenpforte ging, übergab der Briefträger dem Hausdiener einen Brief – »Ach! vom Herrn!« sagte der, nachdem er die Aufschrift angesehen. Und damit sank die Last, die ihre Seele bedrückte, auch auf die meinige. Sie war vermählt, einem andern hatte sie Treue gelobt – wir standen vor einer Schuld. Eine quälende Unruhe ergriff mich. Ich war unter dem kategorischen Imperativ der Pflicht erzogen worden und hatte danach mein Leben eingerichtet. Wollte ich aufrichtig sein, konnte ich nicht einmal sagen, daß es mir seelisch schwer geworden, bis dahin alle meine Pflichten nach Kräften zu erfüllen. Hart hatte ich arbeiten müssen, Lieblingsplänen entsagt, auf den schönen Schein der Welt verzichtet, statt frei und ganz mich der Wissenschaft hinzugeben, als Tagelöhner gedient: aber ich hatte das alles wie eine Bestimmung auf mich genommen und mich nicht lange mit unnützen Gedanken aufgehalten. Jetzt zum ersten Male entbrannte in meinem Innern ein harter Kampf. Der Scheideweg des Herkules war da. Die eine Erkenntniß führte die andere herbei; waren wir schon zur Hälfte schuldig geworden, wie lange konnte es währen, und wir wurden es in jedem Sinne! Weil wir wußten, daß wir an eine verbotene Frucht gerührt, mußte sie bald doppelt verlockend für uns werden. Nur die Flucht konnte mich davor bewahren, sie zu brechen. Aber Friederike fliehen! Für immer mich von ihr losreißen, jeder Hoffnung, sie wiederzusehen, zu entsagen: es war zu viel! Und mußte denn gleich das Aeußerste geschehen, konnte unsere Liebe nicht auch ferner rein im reinen Gewande bleiben?

So war ich denn am nächsten Tage wieder in der Villa. Wie wir beide uns ansahen – so hatten wir uns noch nie angesehen, auch damals nicht, als ich ihr meine Liebe gestanden.

»Sie wollten mich verlassen,« sagte Friederike nach den ersten in der Gegenwart der Dienerin und des Kindes gewechselten Begrüßungsworten, als wir allein waren, »ich habe die Nacht in schmerzlichen Gedanken durchwacht, und die Ahnung zerriß mir das Herz, daß Sie auf Flucht sännen, auf Flucht vor der Liebe und vor mir.«

»O Friederike, Sie allein haben über mich zu gebieten! Ein Wort von Ihnen heißt mich bleiben oder vertreibt mich. Sprechen Sie dies Wort; ich höre auf keine andere Stimme als die Ihrige, bei Ihnen liegt die Entscheidung meines Schicksals.«

»Kann ich dies Wort denn sprechen, Gotthold? Wie wäre ich darauf verfallen, daß Sie mich fliehen wollten, wenn ich nicht selbst den Gedanken unserer Trennung in mir erwogen hätte! Durch ein unlösliches Band bin ich mit einem Anderen verbunden – und doch kann ich Ihnen nicht sagen: verlaß mich. Wenn Sie von mir gingen – ich weiß nicht, was geschähe, aber selber mein Unglück zu vollenden, dazu fehlt mir die Kraft.«

»Und warum sollte ich Sie fliehen,« entgegnete ich in der Selbstbethörung der Leidenschaft, »da ich Sie wie eine Heilige verehre, da ich keinen andern Wunsch hege, als Sie glücklich und ruhig zu sehen« ... und was uns in solcher Lage noch weiter der Wahn, Meister unsers Willens zu bleiben, und die Hoffnung, daß die Seele so wie jetzt immer über die Begierden der Sinnlichkeit triumphiren werde, auf die Lippen legen – eitle, fadenscheinige Gründe, wenn sie nicht an eine Frau gerichtet würden, deren Herz nichts weiter verlangt, als bethört zu werden. So viel schwärmten wir einander von hingebender Freundschaft, von unentweihter Seelensympathie und platonischer Liebe vor, daß wir an jenem Abend überzeugt waren: wir würden am Absturz nicht straucheln. »Wir haben einen Engel, der uns beschützen wird,« sagte Friederike und schloß ihr Töchterchen in ihre Arme, »ich habe es geboren, du hast es gerettet, lege deine Hand auf dies unschuldige Haupt, daß wir niemals vor diesem Kinde zu erröten brauchen.«

Mein Gastfreund mochte sich das Seinige von meinen Besuchen in der Villa denken, er gehörte in Liebessachen nicht zu den strengen Moralisten, sondern eher zu denen, die mutig ein gutes Glück erhaschen und festhalten, wo und wie es sich ihnen bietet. Unsere Gefühlsentzückungen würde er einfach als überwundene Romantik zurückgewiesen haben. So gab es niemand, der uns hätte raten können – als ob wir noch Rat angenommen! Wir waren eben in der Gewalt einer übermächtigen Leidenschaft, die mit uns ihr grausames Spiel trieb und uns bald mit heftigem Anreiz, bald mit dem Martyrium der Entsagung quälte. Eins nur war gewiß, in diesen vier Tagen war trotz aller guten Vorsätze unser Handdruck zärtlicher und unser Lebewohl länger geworden. Immer, wenn die Stunde des Aufbruchs schlug, hatten wir uns noch etwas zu sagen, immer schwerer wurde die Trennung. Wir hüteten uns wohl, unsere Stimmung in ein Wort zu fassen, aber statt dessen redeten die Blicke. Stumm und doch verständlich leuchtete in ihnen Frage und Antwort, ein schüchternes Verlangen, ein halbes Gewähren auf. Eines Abends war sie besonders erregt, in stürmischer Hast, voll wechselnder Launen – ich schob es auf die Schwüle der Luft, ein Gewitter zog von Süden her den Strom hinunter. Von den verschiedensten Dingen hatten wir gesprochen, wie wir uns einander schreiben wollten, daß ich aus der Hauptstadt nach ihrem Wohnsitz ziehen sollte, daß mir ihr Einfluß und der ihrer Verwandten bald eine auskömmliche Praxis dort verschaffen würde, von der Schönheit des Sommers, von der Kürze des Lebens, von der Bedürftigkeit des Menschen und der Unsterblichkeit der Seele, wie das Loos der Armen an Geist und Herz auf Erden das glücklichste wäre – alles wirr und kraus durcheinander, wie Menschen, die den Gegenstand, der sie einzig beschäftigt, nicht zu berühren wagen. Endlich faßte sie Mut: »Gotthold, am Sonntag trifft mein Mann hier ein –« und ihrer Gefühle nicht mehr Herrin, brach sie in ein wildes Schluchzen und Weinen aus.

»Dein Mann?« fragte ich zurück, nicht weniger entsetzt, als sie: das Unerwartete schlug mich nieder.

»Er ist heute in Ostende, morgen wird er in Köln sein – er will das Kind sehen.«

»Und du?«

»Und ich!« brach sie leidenschaftlich aus. »Ich bin das unglückseligste Weib. Einem Mann verbunden zu sein, sich ihm versprochen zu haben für Tod und Leben, den man nicht liebt, ist ein Elend, aber es ist erträglich, so lange man nicht liebt. Aber ich liebe dich – dich allein und kann nicht länger die Seine sein. Der bloße Gedanke erregt mir einen tödlichen Schauer, ich bin entwürdigt in seinen Armen.«

Mit entfesselten Haaren stürmte sie durch das Gemach, in dem Sturm, der ihr Innerstes aufwühlte, hatte sie all ihre sonstige Gemessenheit verloren. Zu der Spannung unserer Gemüter stimmte das Rollen des heranziehenden Gewitters und der Widerschein des fernen Blitzes.

»Giebt es etwas Bejammernswerteres als ein Weib?« fuhr sie heftig fort. »Sie ist die Sklavin, die Puppe, die Beute des Mannes, der sie erworben. Es fällt ihm nicht ein, nach den Bedürfnissen ihres Herzens zu fragen – genug, wenn er für sie sorgt, er ist dann schon der beste Gatte, dem sie Gehorsam und Treue schuldet.«

»Denke nicht mehr an ihn,« unterbrach ich sie, »wir sind beisammen, Friederike, ich liebe dich, keine Macht soll dich jetzt mir entreißen; die Liebe ist das höchste Gefühl, das uns gegeben ward, sie allein hat Recht vor allen anderen Gesetzen und Pflichten.«

Sie hatte eine Weile am Fenster gestanden und in das Blitzgefunkel hineingestarrt, jetzt umschlang ich sie mit meinen Armen.

»Durch dich lebe ich erst und soll dich nun aufgeben, Friederike, dich für immer verlieren, ohne dich je besessen zu haben, und dabei zu wissen, daß du mich liebst – sei mein! sei mein!« flehte ich.

In ihren Thränen war sie widerstandslos; das lange, seidene, sie umflutende Haar, das unter der Berührung meiner Hand leise knisterte, wie elektrische Funken, die Unordnung ihrer Kleidung machten sie noch verführerischer und begehrenswerter. »Mutter! Mutter!« rief es da nebenan – die Stimme des Kindes, das ein stärkerer Donnerschlag aus seinem Schlafe geschreckt hatte. Ich werde nie den Blick vergessen, mit dem mich Friederike bei diesem Rufe anschaute. Sie riß die Glasthür, welche den Salon von dem Nebenzimmer trennte, auf und kniete neben dem Bette Elsbeth's nieder. Und in demselben Moment hob die Uhr – dieselbe Uhr, die mir jetzt wieder gegenübersteht, aus und schlug die zwölfte Stunde. Die Glasthür stand offen, mit ihren Liebkosungen und tröstenden Worten hatte die Mutter das schlaftrunkene Kind bald wieder eingewiegt, das Wetter, das einen Augenblick über unsern Häuptern gestanden, schien sich fernab von uns nach dem jenseitigen Ufer hinüberzuziehen – noch hatte der Zeiger auf dem Ziffernblatt nicht zehn Minuten zurückgelegt, aber in uns beiden hatte sich ein Umschwung vollzogen. Schon damals wäre es mir nicht möglich gewesen, was in mir vorging, genau zu schildern, wie vermöchte ich es jetzt nach dreiundzwanzig Jahren! Ihre rührende Schönheit, die Schuldlosigkeit ihres bisherigen Lebens – und dagegen eine schuldvolle, ungewisse Zukunft, das Versprechen, das wir uns gegeben, die dunkle Furcht, daß der Augenblick des Glückes durch viele Stunden des Grames und der Reue gebüßt werden müßte, die letzte Regung der Tugend, die sich noch einmal, halb besiegt im Kampf mit der Leidenschaft, aufrichtet – alles drängte sich mir wie auf einen Punkt, wie in einen Strahl zusammen, der mein Herz durchbohrte. Es war mir, als gingen auf dem Ziffernblatt der Uhr gespenstisch alle Stunden, die ich schon gelebt und die ich noch leben würde, vorüber – die ersten mit ernst ruhigem Gesicht, leicht beflügelte Gestalten, die andern, das Auge am Boden oder scheu sich umblickend, die Hände ringend, blaß und verstört, als wären die verfolgenden Furien auf ihren Fersen.

»Gotthold!« sagte da leise hinter mir ihre Stimme, und ihre Hand legte sich sanft auf meine Schulter. Ich hatte es nicht gemerkt, daß sie wieder aus dem Nebengemach hereingetreten war. »Das Kind schläft –«

Wie es nun auch gekommen, ob durch Zufall, ob durch unser Verdienst – das, was die Mehrzahl der Menschen in diesem Falle Glück genannt hätte, war verpaßt. Der unerbittliche Weiser der Uhr war über die Schicksalsminute hinweggeschritten und nicht wieder zurückzustellen.

»Friederike!« rief ich und fiel vor ihr nieder. Sie hatte die Haare aus der Stirn gestrichen und hob mich empor.

»Es ist besser so, Gotthold,« flüsterte sie, »glaub' es mir. Wir gehören nicht zu denen, welche die Reue nicht kennen oder sie doch zu ersticken wissen. Lass' uns schuldlos scheiden. Dann war alles wie ein Traum, aber ein seliger Traum, an den wir ohne Bitterniß zurückdenken können.«

Was sollte ich ihr entgegnen? Wie wild und ungestüm auch etwas im Innersten meines Herzens ihr widersprach, ich fand ihr gegenüber nicht mehr die überredenden, die siegreichen Worte. Aus mir selbst war das Dämonische der Leidenschaft gewichen; was übrig blieb, leuchtete wohl noch wie Abendrot, aber es wärmte nicht und zündete kein Feuer mehr an. Friederike war für mich wieder die Madonna unserer ersten Bekanntschaft geworden; kein sinnliches Begehren wagte sich an sie heran.

So sind wir von einander gegangen, glücklos und reuelos. Denn ich kann nicht behaupten, daß ich jemals später meine Entsagung, Schwäche, Dummheit oder Blödigkeit, wie man es nun nennen mag, bedauert oder dem Abenteuer ein anderes Ende gewünscht hätte. Am wenigsten in jener Neujahrsnacht, wo mir im plötzlichen Anblick der Adleruhr mit Josephinens Bildniß die Vergangenheit wieder lebendig wurde. Was damals mit der Schnelle des Gedankens und doch in hellsten Farben vor mir vorüberflog, habe ich manche Tage nachher hier niedergeschrieben. Blaß und matt das Ganze – ein rechtes Abbild meines Lebens. Am andern Tage reiste ich entschlossen ab. Auf meinen Abschiedsbrief schrieb sie mir einmal nach der Hauptstadt, es ist einer meiner theuersten Schätze; aber einen innigeren Briefverkehr lehnte sie ab. Drei Jahre nachher meldete mir der Freund, daß sie in Nizza gestorben sei.

Und ich mußte nach einer so langen, so wechselvollen Zeit, unter so veränderten Umständen ihrer Tochter wieder begegnen und wie von einer magischen Gewalt an sie gefesselt werden! Noch ehe ich eine sichere Bestätigung hatte, zweifelte ich schon nicht mehr, daß Elsa jenes Kind sei, das ich damals gehütet, bewacht und gebettet, dem ich, wie die Mutter in ihrer dankbaren Freude ausgerufen, ein zweiter Vater gewesen. Die unerklärliche Macht der Sympathie verband uns beide und wirkte zwischen uns mächtiger als die Verwandtschaft des Blutes. Uns unbewußt gab es einen geheimen Zusammenhang zwischen unseren Schicksalen und unseren Herzen, weil wir an einem dritten, an Friederikens Leben gleichen Teil gehabt. Mit einem Dasein, das vorübergegangen, mit einem Wesen, das ausgelöscht, waren wir verwachsen, und diese Gemeinsamkeit trieb uns trotz aller Hindernisse der Wirklichkeit zu einander. Zu einander und zugleich ach! aus einander! Wie durften die Lippen, die der Mutter Liebe zugeschworen, der Tochter dieselben Beteuerungen wiederholen! Die Neigung meines alten Herzens zu Elsa dünkte mich wie eine Verirrung des natürlichen Gefühls. Väterliche, freundschaftliche Empfindungen waren in dem farbenschillernden Theaterdunstkreis, der Elsa umgab, in eine Art phantastischer Leidenschaftlichkeit umgeschlagen – und wenn das Herz solche Deutung auch nicht zugeben wollte, der Verstand, die Pflicht, die Seele forderten sie gebieterisch. Einer, der als Jüngling die Mutter geliebt, konnte nicht in grauen Jahren die Tochter zum Traualtar führen – konnte vor allem nicht, weil er durch eine traurige Erfahrung wußte, daß er nicht geliebt wurde. Das Glas voll Wein ist wieder aus deiner Hand gefallen – da liegen die Scherben!

Inmitten dieses Gedankensturms, der mir im Gehirn tobte, hatte ich nur ein festes, unerschütterliches Bewußtsein: das meines Berufes. Ich war wieder an Elsa's Bett gegangen, die Fieberhitze hatte ein wenig nachgelassen. Einmal, als ich ihr den Eisumschlag zurechtrückte, schlug sie die Augen auf. »Sie sind es, mein Freund,« wimmerte sie, »wenn Sie bei mir stehen, verschwinden die Schreckbilder. Lassen Sie mich nicht sterben, ich bin die Ihre!«

Gutes Kind, deine Entscheidung kam zum Glücke schon zu spät – ein Schatten hatte sich zwischen uns aufgerichtet, den wir nicht verscheuchen durften.

Es dämmerte bereits, der trübe Morgen eines Wintertages, als ich, da jede unmittelbare Gefahr beseitigt war, in meine Wohnung hinüberging. Beinahe wäre ich zurückgefahren – wie vor einem Gespenst: in meinem Lehnstuhl saß Lüttow, im grauen Mantel, den Hut auf dem Kopfe.

»Ich erwarte Sie schon mehrere Stunden, Herr Medicinalrat,« sagte er zwischen Beben und Knirschen, »ich habe Ihrem Diener verboten, Sie zu rufen – Sie waren nebenan viel nötiger als bei mir.«

Der unheimliche Ausdruck des Mannes hatte jetzt noch die Zugabe des Verwahrlosten und Nachtschwärmers bekommen, so daß ich beinahe zweifelhaft war, ob er nicht ebenso sehr wie Elsa die Hilfe des Arztes bedürfe.

»Was begucken Sie mich von oben bis unten?« brach er aus, Hut und Mantel von sich schleudernd, »bin ich ein Todeskandidat – was liegt an mir!«

»Ein Todeskandidat,« antwortete ich gereizt – wie viele Ursachen hatte ich nicht, ihn zu hassen! – »nein, aber einer für das Irrenhaus.«

»Ich habe es auch schon gedacht. Was ich in dieser Nacht gelitten, würde auch einen besseren Verstand als den meinen außer Fassung gebracht haben. Erst als ich Sie eintreten sah, wurde mir leichter. Sie lebt, sie wird leben – ich habe nicht die Last eines doppelten Totschlages auf dem Gewissen. Aber seit Mitternacht jagte ich wild und unstät durch die Gassen, ich unter all' den Fröhlichen ein zwiefacher Mörder, der Mörder meines Jugendfreundes und meiner Geliebten. Hätte ich einen Revolver bei mir gehabt – Wetter! ich würde jetzt nicht das Vergnügen haben, Ihnen ein fröhliches Neujahr zu wünschen!«

Die Antwort ersparte mir der Diener, der mich die Thür hatte öffnen hören und nun in klugem Verständniß menschlicher Bedürftigkeit den Kaffee hereinbrachte. Mein seltsamer Gast hatte den erwärmenden Trank gewiß so nötig wie ich. »Nicht wahr – Sie verschmähen eine Tasse nicht?« sagte ich. Er trank hastig, in schnellen Zügen – in seine fahlen Wangen kam ein Schimmer von Farbe.

»Und Elsa – und Fräulein Themar,« verbesserte er sich, »ist außer Gefahr?«

»Ich hoffe es, aber schließlich würde auch ein stählerner Körper solchen wiederholten Erschütterungen nicht Stand halten, und Sie haben nun schon zum zweiten Male das Fräulein in Todesgefahr gestürzt. Trotz des Verbotes, das ich Ihnen als Arzt gegeben, sich ihr zu nähern, trotz Ihrer eigenen Versicherung, die Sie mir vor einigen Tagen machten, daß Sie jeder Hoffnung entsagt hätten. Ich habe weder Veranlassung noch Recht über Ihre Leidenschaft abzusprechen, aber Ihre Handlungen sind nicht die eines Mannes, der wahrhaft liebt.«

Nach dem Opfer, das ich in meinem Herzen gebracht, fühlte ich mich stark und hatte wieder die Stelle in diesem Drama gefunden, die meinen Jahren und meinem Stande geziemte. Ingrimmig, die geballte Faust auf dem Tische, schaute er mich von der Seite an; allein er merkte, daß seine Mienen, sein Zorn mich nicht einschüchterten.

»Nicht wahrhaft liebt? Weil ich eben anders liebe, als Sie? Weil ich kein Fischblut in den Adern habe? Weil ich nicht girre und seufze, sondern zugreife?«

»Nein,« entgegnete ich, »sondern weil Sie nicht achten, was Sie zu lieben vorgeben, und nur Ihre Befriedigung suchen, unbekümmert um die Empfindung der Geliebten.«

»Wollen Sie mich anhören?« fragte er darauf. »Der Gang zu Ihnen war mir nicht leicht; ich unterwerfe meine Handlungen nicht gern dem Urteil anderer, aber ich bin in Verzweiflung – zwischen Selbstmord und Irrenhaus.«

»Die Aufregung wird sich legen, Herr von Lüttow; sprechen Sie sich aus, vielleicht werden wir dann klarer sehen, was zu Ihrer, was zu Elsa's Heilung führen kann; ein Richter bin ich in der Sache nicht, nur ein Arzt.«

»Sie sind unter anderen Verhältnissen groß geworden als ich, haben nur mit Büchern und mit Kranken gelebt – alle Ihre Ansichten und Gefühle werden sich darum von den meinigen unterscheiden; aber Sie sind ein Mann und werden mich begreifen.«

»Ich will's versuchen, wenn auch nicht, um alles zu entschuldigen.«

»Als ob ich mich nicht selbst für einen ganz unseligen Menschen hielte! In meiner Familie sind der Jähzorn und das aufbrausende Wesen erblich. Und in einem solchen Charakter, der einer Pulvertonne gleicht, fällt nun der Funke der Liebe. Da muß wohl Würde, Haltung, Verstand in die Luft fliegen! Ich habe das Fräulein in Wiesbaden kennen gelernt, in glänzendster Umgebung, recht auf der Höhe des Lebens. Sie bewohnte mit ihrem Vater, dem Kommerzienrat Asser« –

»Asser!« nickte ich ... sie war Friederikens Tochter!

»Kannten Sie den Mann?«

»Ich habe gelegentlich von ihm gehört.«

»Sie bewohnten eine kleine, in der Nähe der Stadt reizend gelegene Villa, mit Dienerschaft, Wagen und Pferden. Welche Rolle Fräulein Elsbeth in der Badegesellschaft spielte, brauche ich Ihnen nicht zu schildern. Sie war voll Geist und Leben, immer in der geschmackvollsten Kleidung, überreich mit allen gesellschaftlichen Talenten begabt, zu Pferde sah sie entzückend aus. Ich verliebte mich in sie, blindlings, kopfüber. In dem Schwarm der Verehrer, der Freunde, der ernsthaften Bewerber, die sich um das reiche und schöne Mädchen drängten, kostete es einige Mühe, einen ersten Platz zu erringen. Aber es gelang mir, von ihr bemerkt und wenigstens durch Neckereien ausgezeichnet zu werden. Sie glauben mir, daß unser Verhältniß damals nichts von der Spannung und der Pein hatte, die es seitdem angenommen.«

»Ich glaube es gern, die Frage ist nur, durch wessen Schuld es sich verändert.«

»Schicksal! Schicksal! Ich hatte dem Mädchen gegenüber die redlichsten Absichten; wir standen in dem passenden Alter zu einander, sie brauchte, schön wie sie war, nicht zu fürchten, nur ihres Vermögens wegen geheiratet zu werden – ich bin reich, und wenn ich Schulden hatte, konnte ich sie allein bezahlen.«

»Aber was half das Ihnen, wenn Sie nicht geliebt wurden?«

»Wurde ich nicht geliebt? Das eben hat mich toll gemacht. Es hat Augenblicke gegeben, wo ich das Gegenteil glauben durfte, wo auch die anderen überzeugt waren, daß Elsbeth sich für mich erklären würde. Eine unüberwindliche Scheu hielt sie indessen zurück, mir ihr Jawort zu geben. Man mag ihr von meiner Unbändigkeit und Wildheit erzählt haben, und sie empfand eine Art Schrecken vor mir, der das Gefühl der Liebe nicht aufkommen ließ. Es lag tief vergraben, wie unter einem Alp, den es nicht von sich abschütteln konnte. Und ich bin ein schlechter, ein zu ungeduldiger Schatzgräber. Manche meiner Aeußerungen und Handlungen verstärkten die schlimme Meinung, die sie von mir hatte: ich habe einmal gesagt, daß ich es wohl verstände, wenn einer in Liebesraserei die Geliebte töte. Hm! das war nicht vielverheißend für eine, die meine künftige Gattin werden sollte, um so weniger, da sie einen starken Eigenwillen und einen harten Trotzkopf hatte. So hab' ich Wiesbaden verlassen, ohne ihr Herz, ohne ihre Hand zu erhalten: die Nachricht von der gefährlichen Erkrankung meines Vaters rief mich nach meiner preußischen Heimat. Dort hörte ich von dem Fallissement des Kommerzienrats Asser – gerade sechs Monate waren seit unserm lustigen Badeleben vergangen – daß er aus Kummer darüber gestorben, daß die Tochter ihr eigenes Vermögen daran gegeben, um den Makel von dem Namen ihres Vaters zu löschen, und fern zu Verwandten, bald hieß es nach Holland, bald in die Schweiz, verzogen sei. Genug, für mich war Elsbeth Asser verschollen. Nun malen Sie sich mein Erstaunen, den Wirbelsturm von Gedanken und Gefühlen aus, als ich dies Mädchen auf der Bühne meiner Garnisonstadt als Emilia Galotti wiedersehe! Die Flamme meiner Leidenschaft war noch nicht niedergebrannt, sie schlug bei diesem Anblick mit erneuter Glut auf. Alles diente ihr zur Nahrung: Elsa's Unglück, ihr Talent, ihre neue Stellung, die verschiedenen Rollen, die sie spielte, die Selbständigkeit und Einsamkeit ihres Lebens – ach! Sie haben es ja selber durchgemacht, diese Hölle, dies Fegefeuer und Paradies, was man eine Schauspielerin lieben heißt.«

Eine Weile saß er, den Kopf in beide Hände gestützt, schweigend, in sich hinein brütend, da. »Das Uebrige,« fuhr er dann fort, »wissen Sie wohl, sie wird es Ihnen erzählt haben. Ich habe meinen liebsten Freund erschossen – aus Verblendung, Eifersucht, Jähzorn, Wahnsinn ... immer bleibt es doch bestehen: ich bin ein Mörder. Zuweilen, während der Festungshaft, hoffte ich, daß ich sie, die unschuldige Ursache meiner Unthat, hassen und fortan fliehen, daß der Schatten des Getöteten neben ihr einhergehen würde ... Es war thörichte Gespensterfurcht. Ich liebe sie heftiger als je: mein Freund ist dieser Leidenschaft zum Opfer gefallen, ihre Liebe ist mir den Ersatz für ihn schuldig. Das Blut, das vergossen wurde, kittet uns an einander – vergebliche Mühe, dies Band zu zerreißen. Manchmal regt sich die verständige Ueberlegung und sagt mir, daß Elsa mit mir und ich mit ihr unglücklich werden würde – kann sein! zischelt der Dämon dazwischen, aber zuerst werdet ihr glücklich sein. Seit Tagen suchte ich eine Unterredung mit ihr, ich wollte ihr noch einmal mein Herz ausschütten, noch einmal mich bemühen, ihren Starrsinn zu brechen – ich hatte mich hinter eine ihrer Kameradinnen gesteckt und das gutmütige Mädchen für mich gewonnen. Allein Elsa verweigerte mir den Zutritt zu ihrer Wohnung, sie mochte einen Zusammenstoß zwischen mir und Ihnen besorgen. Da machte die Vermittlerin den Vorschlag, wir alle drei sollten uns auf dem Maskenballe treffen; ich würde Muße und Gelegenheit finden, mich auszusprechen, und zugleich gäben die Oeffentlichkeit des Ortes und die Menge der Gäste Elsa Sicherheit gegen meine etwaige Heftigkeit. Daß sie einwilligte, bestätigte mir wieder den Glauben, der mich noch nicht verlassen, daß eine leise Stimme in ihrem Herzen für mich spricht.«

»Ich glaube es beinahe auch,« sagte ich unwillkürlich; seine Erzählung hatte mir ein gewisses Mitleid mit ihm erweckt.

»Sie auch!« schrie er auf. »Viktoria!« Und er umarmte mich stürmisch. »Es wird doch noch gut werden, sie wird sich umstimmen lassen und endlich erkennen, daß all mein Thun nur aus Liebe zu ihr entspringt.«

»Aber ich weiß noch immer nicht, was in der Nacht vorgefallen ist und Elsa in diesen Zustand versetzt hat,« unterbrach ich ihn.

Er rieb sich die Stirn und zog die buschigen Augenbrauen noch dichter zusammen.

»Was soll ich Ihnen sagen? Ein Wort gab das andere – man hatte mir zugeflüstert, sie dächte daran, die Bühne zu verlassen und eine reiche Heirat zu schließen – mit Ihnen, natürlich,« lachte er halb spöttisch, halb hämisch dazwischen. »Und als sie auf meine Frage, ob das Gerücht die Wahrheit spräche, nicht so antwortete, wie ich es gehofft, wogte es wie eine Blutwolke vor meinen Augen. ›Hüte dich!‹ rief ich, ›es ist schon einer um dich gestorben!‹ Gerade mußte da Mitternacht schlagen und der Jubel im Nebensaal ausbrechen – sie fiel besinnungslos nieder, mich rissen die Menschen fort oder jagten die Furien hinaus!«

»Und nun?« fragte ich nach einer längeren Pause, da er nicht Willens schien, unaufgefordert seine letzten Gedanken zu äußern, »was soll, was kann nun geschehen?«

»Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, Herr Medicinalrat, Ihnen eine Beichte abzulegen: ich kam, ein von Angst Gefolterter, der von Ihnen Tod oder Leben erwartet; das Gespräch hat mich weiter geführt, als ich beabsichtigte. Sie wissen jetzt, wie diese Geschichte begonnen und sich verwickelt hat, wie es um mein – wie es um Elsa's Herz steht. Wir sind Nebenbuhler, und wir müßten uns eigentlich die Hälse brechen, aber Sie sind ihr Retter und Arzt, Sie haben selbst vorhin zugegeben, daß Elsa's Herz sich zu mir neige – seien Sie großmütig, werden Sie mein Fürsprecher. Mir ist es immer, als wäre alles, was uns trennte, nur Schein und Mißverständniß, als bedürfte es nur einer ruhigen und glücklichen Hand, diese Scheidewand zu entfernen. Ich besitze eine solche Hand nicht, aber Sie« ...

Bei all' seiner Wildheit lag etwas Bestechendes in seinem Benehmen, und in der Entsagungsstimmung, in der ich war, konnte ich seine Bitte nicht abschlagen. Vielleicht versprach ich ihm mein Fürwort auch nur, ohne mir recht klar darüber zu werden, um mich und Elsa eine Weile von ihm zu befreien.

»Sie werden nichts unternehmen, Herr von Lüttow, bis ich Ihnen Nachricht gegeben,« sagte ich beim Abschiede.

»Auf Ehrenwort.«

»Und sich der Entscheidung des Fräuleins fügen?«

»Auch das. Es soll der letzte Versuch sein« – dabei griff er mit beiden Händen in den rötlich blonden Bart und bemühte sich, hell auf zu lachen. Aber es kam nur ein heiserer Ton und eine Gesichtsverzerrung heraus. Der Wolf in ihm stritt beständig mit dem Menschen.

Wie nach Elsa's erstem Unfall, stellte sich auch diesmal, nachdem die Kraft des Uebels gebrochen war, die Besserung und Genesung schnell wieder ein. Ihre gute Natur rückte alles bald in das Gleichgewicht; sie schrak leicht zusammen, wie die Mimose, allein die Gesundheit und glückliche Beschaffenheit ihres Körpers, verbunden mit ihrer Jugend, tilgten eben so rasch die Spuren des Schreckens. Nur aus ihrem Gemüt schien er diesmal nicht weichen zu wollen. Ihre Stimmung hatte eine düstere Färbung angenommen, kein Mittel, sie zu erheitern, schlug durch. Die Unmöglichkeit, auf der Bühne während der nächsten Tage aufzutreten, der Gram, durch eigene Unvorsichtigkeit sich den Fortgang ihrer Triumphe verscherzt zu haben, mochte mit an ihrem Herzen nagen.

»Dieser eine Maskenball,« sagte sie bitter, »hat mich von der Laune geheilt, je einen zweiten zu besuchen. Ich habe meine Thorheit theuer bezahlt, aber ich hoffe, daß es Ihrer Frau zu gute kommen wird.«

Sie glaubte oder gab sich den Anschein zu glauben, daß unsere Verbindung eine fest beschlossene Sache sei, und daß es nach allem, was geschehen, kaum noch ihrer besonderen Einwilligung bedürfe. Zunächst widersprach ich ihr nicht; die Enttäuschung, die ihrer wartete, bereitete ihr schwerlich einen ernsthaften Schmerz, die Empfindungen der Dankbarkeit und Freundschaft erlitten durch die Enthüllungen, die ich ihr zu machen hatte, keinen Eintrag, sondern erfuhren dadurch nur eine Reinigung und Läuterung; alle Schlacken eines falschen Gefühls, einer im tiefsten Grunde halb unfreiwilligen Zärtlichkeit fielen von ihnen ab, fortan brauchten sie ihren Glanz nicht von dem Namen der Liebe zu borgen, in dem Licht ihrer eigenen Schöne konnten sie strahlen. Ich allein hatte einen unersetzlichen Verlust zu beklagen, ich allein sah einer freudlosen Zukunft entgegen. Es war nur menschlich, mich eine kurze Frist noch in dem holden Wahn eines erträumten Glückes zu wiegen und dabei zugleich die Anzeichen aufzusuchen und zu finden, daß dies Glück sich niemals hätte verwirklichen lassen – so viel Selbstquälerei darin lag, so viel Stärke der Entsagung schöpfte ich doch auch daraus.

Eines Abends begann sie von ihren Eltern zu erzählen; ich müsse doch ihre Herkunft wissen, ehe ich sie heimführe. –

»Ach! Elsa, ich kenne Sie längst – länger als wir beide es bis jetzt geglaubt,« antwortete ich. »In jener Neujahrsnacht – die Uhr dort hat mir alles verraten.«

»Die Uhr? Wie merkwürdig! So altmodisch und wunderlich sie aussieht, ich habe mich nie von ihr trennen können. Schon als Kind hatte ich sie lieb, wohl des hübschen Bildes willen. Sie ist ein Erbstück aus dem Hausrat meiner Urgroßmutter, und bei dem Zusammenbruch unseres Hauses habe ich sie als eine der wenigen Reliquien einer glücklicheren Zeit gerettet. Und Sie wollen sie kennen?«

»Beinahe so genau wie Sie« – sagte ich und konnte vor Bewegung eine Thräne nicht unterdrücken.

»Um Gottes willen, was ist Ihnen, mein Freund? Sie weinen! Habe ich eine so schmerzliche Erinnerung erweckt?«

»Die traurig süßeste meines Lebens, Elsa, die Erinnerung an Ihre Mutter!«

»An meine Mutter!« Sie stand vor mir und schaute mir tief in die Augen. »Ich war noch ein Kind, als ich sie verlor, und habe nur eine ganz undeutliche Vorstellung von ihr. Sie haben sie gekannt? O sie war gut und schön, erzählen Sie mir von ihr. Ich weiß so wenig von ihrem Sein und Denken, ich bin unter fremden Leuten groß geworden. Der Vater sprach nur selten von der Vergangenheit, und ich wagte nicht oft, als ich wieder aus der Erziehungsanstalt in sein Haus zurückgekehrt war, nach der Verstorbenen zu fragen; Sie aber haben ihr ein gutes Angedenken bewahrt« ...

»Ich habe sie geliebt, Elsa« –

»Meine Mutter!« Und mit einer unbeschreiblichen Bewegung, in der sich Staunen, Scheu und geheime Freude ausdrückte, griff sie mit ihren beiden Händen nach ihrem Herzen, als müsse sie es hindern, sich durch sein lautes Pochen zu verraten.

»Und vielleicht entspringt aus dieser Liebe die Sympathie, die mich mit Ihnen verbindet,« setzte ich rasch hinzu.

Sie saß auf einem niedrigen gestickten Stuhl halb zu meinen Füßen, die Hände im Schooß verschränkt, zuweilen zu mir aufblickend, zuweilen träumerisch in die rotglühenden Kohlen des Kamins schauend. So erzählte ich ihr die Geschichte meiner ersten Liebe. Es gab nichts darin zu verschweigen oder zu übertünchen, weder hatte ich vor ihr noch hatte sie über ihre Mutter zu erröten; es war eben eine deutsche Liebe, kein Abenteuer, wie sie es in ihren französischen Komödien zu spielen pflegte. War es nun die Rührung, die mich überwältigte, oder hatte die Einfachheit und Unschuld des ganzen Vorgangs eine solche Gewalt – thränenüberströmt legte sie ihr Haupt, als ich geendet, auf meine Kniee. Ich mußte ihr den vergilbten Brief Friederikens herüberholen, und sie las ihn mit dem Ausdruck tiefster Erregung.

»Warum mußte ich sie verlieren, ehe ich sie recht hatte lieben lernen!« schluchzte sie. »Ja, mein verehrter Freund, in der Erinnerung an sie werden wir immer vereinigt bleiben!«

»Ja wohl, in Freundschaft verbunden, liebe Elsa,« sagte ich und schloß sie in meine Arme. »Jedes unklare Gefühl ist aus meiner Brust gewichen, die Verwirrung hat sich gelöst – ich liebte ahnungslos in Ihnen die Mutter, ich glaubte mich berufen, Sie zu beschützen, als Ihr Gatte Sie zu vertheidigen – es war nur die letzte Nachwirkung jenes Dranges, der mich damals trieb, das Leben des Kindes vor dem Tode zu schirmen. Vergeben Sie mir die Irrung meines Herzens, wenn sie, wie ich fürchte, Ihnen schwere Stunden bereitet hat, und vertrauen Sie fortan in jeder Lage und zu jeder Zeit Ihrem Freunde!«

»Wie mein Leben, schulde ich Ihnen nun auch meine Freiheit,« brach sie aus, »so kann ich denn ganz, ungeteilt und ohne quälende Rückgedanken mich meiner Kunst widmen, es überkommt mich aus Ihrem, aus meiner Mutter Beispiel etwas wie eine Reinigung aller Leidenschaften, zum ersten Male fass' ich den Glauben an meine Künstlerschaft!«

Aus ihren Augen leuchtete ein Feuer, wie es mir so hell und strahlend noch nicht daraus entgegengeglänzt, eine edle Begeisterung beseelte und erhöhte ihr ganzes Wesen. Es war Unrecht, diese getragene Stimmung zu stören und, statt die eine Saite voll ausklingen zu lassen, eine andere zu berühren, die aller Wahrscheinlichkeit nach einen schrilleren Ton von sich gab. Aber wenn ich diese Gelegenheit gegenseitiger Offenbarungen versäumte, ihr von Lüttow zu sprechen, wer wollte sagen, ob ich sie bald wiederfand? Welche Ueberwindung es mich auch kostete, ich war entschlossen, ihm mein Wort zu halten. Ueberlegte ich ihr Benehmen gegen ihn, so konnte auch ich nicht daran zweifeln, daß sich das Seltsame und Widerspruchsvolle darin am besten durch eine von mancherlei Einwänden und Bedenken bekämpfte, über sich selbst ungewisse Neigung erklärte.

»Sie kennen meine Ansichten über das Schauspielertum und das Bühnenleben,« sagte ich darum nach einer Weile, an ihre letzten Worte anknüpfend. »Ich begreife sein Berauschendes, die Verklärung der ganzen Persönlichkeit auf den Brettern, im Schein der Lampen. Die Kunst selbst, wer schätzte, wer bewunderte sie nicht! Ob aber ihre Ausübung den Künstler glücklich macht? Niemand kann Ihnen eine glänzendere Zukunft wünschen, als ich, der ich frei von allen eigensüchtigen Hoffnungen und Eitelkeiten bin, dennoch dürfen Sie es der Weisheit meines Alters nicht verargen, wenn sie danach forscht, ob hinter diesem bunten Glanz sich auch wirklich Zufriedenheit und Herzensruhe verbirgt?«

Der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich, sie runzelte die Stirn und entfernte sich einige Schritte von mir.

»Herr von Lüttow hat mit Ihnen gesprochen,« sagte sie dann hart und scharf.

»Ja.«

»Er hat Ihnen unser Zusammentreffen auf dem Maskenballe erzählt?«

»Ich fand ihn am Neujahrsmorgen in meiner Wohnung als einen Verstörten; es war natürlich, daß ich Aufklärungen von ihm forderte, und daß er sie gab.«

»Er kann Ihnen nicht gesagt haben, warum ich in sein Begehren einwilligte und ihm die Unterredung gestattete. Ihre Freundschaft für mich war in Theaterkreisen bekannt geworden; ich verhehlte meine Achtung, meine Dankbarkeit nicht, und da ich entschlossen war, Ihre Hand anzunehmen, wollte ich dem Gerücht zuvorkommen und Herrn von Lüttow selbst meine Absicht ankündigen –«

»Und sich dem Ausbruche seines Jähzornes aussetzen?«

»Lieber mich als Sie!« Sie stand während des ganzen Gesprächs, hochaufgerichtet, mit finsterem Gesicht, wie zur Abwehr eines Angriffes bereit.

»Liebe Elsa,« bat ich, »beruhigen Sie sich. Lüttow bereut seine Heftigkeit, seine Eifersucht – er ist mehr ein Unglücklicher als ein Schuldiger.«

»So sprechen Sie, weil Sie ihn nicht kennen.«

»Nein, gerade weil ich einen Einblick in sein Herz gethan zu haben glaube. In seinem Schmerz war er aufrichtig und verringerte weder noch entschuldigte er seine Wildheit; er liebt Sie.«

»Und weil er mich liebt, darum scheinen Sie nun auch, wie er, zu verlangen, daß ich ihn wieder liebe! Als ob wir Frauen nur dazu da wären, uns hinzugeben, weil es einem der Herren der Schöpfung einfällt, heftiger nach uns zu begehren. Alle Männer denken in diesem Falle gleich, alle fühlen sich in der Person des einen Zurückgewiesenen verletzt.«

»Doch nicht, Elsa; ich nehme nur an, daß solch wildloderndes Feuer nicht ohne Wirkung auf ein Frauenherz bleiben kann; etwas entzünden diese Funken, Haß oder Gegenliebe, und ich zweifle, ob Sie Lüttow hassen.«

»Er hat Ihnen eingeredet, daß ich ihn lieben müsse?«

»Mich kümmern die Worte eines Verstörten nicht, aber so weit meine ich herzenskundig zu sein, um sagen zu dürfen, daß er Ihnen nicht gleichgiltig ist.«

»Nicht gleichgiltig,« wiederholte sie halblaut und ging unruhig im Gemach auf und nieder. »Warum soll ich es läugnen, daß Lüttow im Anfang unserer Bekanntschaft mir liebenswert erschien? Sein Ungestüm, seine Verwegenheit hatten einen romantischen Zug, es lockte mich, an dem Löwen meine Zähmungskunst zu versuchen; es war schmeichelhaft, einen so unbändigen Mann meinen Winken gehorsam zu sehen. Hinter der gesellschaftlichen Schranke fühlte ich mich vor seiner Heftigkeit sicher; ich stand unter dem Schutze eines strengen Vaters und war ihm ebenbürtig. Aber schon damals warnte mich etwas davor, ihm näher zu treten und mich durch ein Versprechen, eine Gunstbezeugung an ihn zu binden. Urteilen Sie selbst, wie dies innere Unbehagen, das mich schon damals in seiner Gegenwart überfiel, sich steigern mußte, als ich ihm wieder begegnete – eine arme kleine Schauspielerin, die er nun beschützen, in die Höhe bringen, für die er Sonnenschein oder Regenwetter machen konnte! Da hat sich mein Herz gewandelt. Schelten Sie es Stolz oder Eitelkeit – das Fräulein Elsbeth Asser, die reiche Tochter eines reichen Vaters, hätte wohl die Frau des Herrn von Lüttow werden und in leidlicher Ehe mit ihm leben können, aber die Schauspielerin Elsa Themar – niemals!«

»Dies ist nur eine Grille von Ihnen, ein übertriebenes Zartgefühl. Nie würde Ihnen Lüttow Ihre Künstlerschaft als einen – wie sag' ich nur – als einen Makel vorhalten, im Gegenteil!«

»Und wollen Sie vergessen, was alles aus dieser ersten notwendigen Entfremdung zwischen uns hervorgegangen ist? Seine zunehmende Wildheit, meine wachsende Furcht vor ihm, der Tod seines Freundes – eine Blutschuld, die mich immer von Neuem schaudern läßt! Sind das Mißverständnisse, die wir mit gutem Willen heben können? Wenn mein Herz zehnmal lauter für ihn spräche – ich würde es doch bezwingen und schweigend mein Leid tragen. Der lärmt mit seinen Schmerzen, dem sie nicht tief gehen. Sagen Sie ihm dies, es ist mein unabänderlicher Entschluß. Ich will endlich einmal frei sein, mir selbst und der Kunst leben, keinem Manne – da ich es Ihnen nicht kann. Sagen Sie ihm das!«

»Sage es ihm selbst, wenn du es wagst!« rief da eine heisere Stimme, und die Thür ward aufgerissen.

Im Mantel auf der Schwelle stand Lüttow. Noch heute ist es mir unerklärlich, wie er in Elsa's Wohnung gekommen; ob ich, als ich hinübergegangen war, Friederikens Brief zu holen, in der Hast die Korridorthür offen habe stehen lassen, ob er die Hilfe der Dienerin Elsa's erkauft und sie ihm heimlich die Thür erschlossen hat.

»Es dauert mir zu lange, ehe ich mein Urteil aus Ihrem Munde höre, Herr Medicinalrat – ich will es mir aus schönerem holen,« sagte er, aber er that keinen Schritt weiter in das Zimmer hinein.

»Das ist wider die Abrede, Herr von Lüttow,« entgegnete ich. »Sie lassen es mich bald genug bereuen, für Sie gesprochen zu haben.«

Bei dem ersten Ton seiner Stimme hatte Elsa gezittert, aber sei es nun, daß sie diesen Zusammenstoß im Voraus geahnt, oder daß ihr die Erregung des leidenschaftlichen Gesprächs, das sie mit mir über Lüttow geführt, ungewohnte Stärke verlieh – sie zuckte nicht, die Hand auf den Marmorsims des Kamins gestützt, stand sie, mit bleichem Gesicht und bebenden Lippen.

»Herr von Lüttow, Sie entehren sich durch diesen Ueberfall. Was wollen Sie von mir? Soll ich Ihnen wiederholen, daß ein Abgrund zwischen uns gähnt?«

»Ein Abgrund? Soll ich ihn vielleicht noch durch die Leiche des Herrn da überbrücken?« meinte er spöttisch, auf mich zeigend. »Höre mich, Elsa! Ich liebe dich wie ein Rasender, und du warest nicht immer so unempfindlich und unnahbar wie jetzt! Ich fordere Wahrheit, warum stößest du mich zurück?«

Ich wollte mich zwischen Beide werfen, denn ein Unglück schien unvermeidlich bei der Wut, die aus seinen Blicken und Worten sprach, aber Elsa drängte mich zurück.

In diesem Augenblicke schlug die Uhr mit ihrem dröhnenden Klange die neunte Stunde.

»Sie wollen es wissen?« rief sie wie außer sich. »Sagt Ihnen diese Stunde nichts? So wie heute sind Sie um diese Abendstunde in mein Zimmer gedrungen, um mir zu sagen, daß Sie am Morgen Ihren Freund erschossen hätten. Da wußt' ich, was mein Loos – da wußt' ich, daß Sie mein Mörder werden würden. Sehen Sie denn nicht den Schatten, der neben Ihnen steht – er winkt mir! er winkt!« Und mit einem erstickten Schrei warf sie sich an meine Brust.

Lüttow hatte beide Fäuste geballt – er drang auf mich ein, als ob er mit einem Schlage mich und sie niederstrecken wollte. War es ein Zufall, daß er daran stieß oder traf sein erhobener Arm im Niederfallen die Konsole, auf der die Uhr stand – mit lautem Gekrach stürzte sie auf den Teppich des Gemachs. »Verfluchtes Gespenst!« schrie er und stampfte mit dem Fuße auf die Trümmer. Von dem Lärm und dem Geräusch der fallenden Uhr erschreckt, öffnete die Dienerin die Thür des Nebenzimmers.

»Es ist nichts!« sagte er. »Eine Uhr ist zerbrochen. Ich bin nicht so schlimm, wie ich aussehe, Fräulein Themar. Ohne Sorge, ich werde nicht Ihr Mörder werden. Gute Nacht, ich werde Sie nicht wiedersehen.«

Und den Mantel dicht zusammenschlagend, war er hinaus. Alles so schnell, gespenstisch fast, daß ich ihn, Elsa im Arme, weder festhalten noch ihm in den Weg treten konnte.

»Er ist fort!« sagte sie, sich von mir losreißend. »Mein Gott! was hab' ich gethan?«

Das lang verhaltene, halb bekämpfte Gefühl sprengte alle Bande, und wie von einer höheren Gewalt wider Willen fortgerissen, breitete sie die Arme gegen die Thür aus, durch die er entschwunden war: »Egon! Egon! ich liebe dich!« und fiel wie tot nieder.

Zu ihrem Heil! Denn so in ihrer Besinnungslosigkeit hörte sie den Schuß nicht, der ihr Antwort auf ihren Ruf gab. Unten in der Flur des Hauses hatte sich Lüttow mit einem Revolverschuß getötet, gerad' ins Herz hinein. Mit unheimlichen Gedanken war er gekommen, nun hatte er sich selbst für immer beruhigt. –

Was ist unser Leben! Von welchen Mächten hängt es ab? Diese zwei Menschen schienen für einander bestimmt zu sein, und es genügte, daß die Empfindung um wenige Atemzüge zu spät die halb physische, halb psychische Hülle, unter der sie lag, durchbrach, um das Glück Beider zu vernichten. Oder wußte es das Unbewußte besser? Hatte Elsa's Seele die richtige Vorahnung, daß sie in der Liebe zu Lüttow niemals zur Ruhe kommen würde, und fand sie darum erst das entscheidende Wort, als es zu spät war? Die Leidenschaft macht nicht glücklich, aber ach! wenn ich mich selber betrachte, auch die Entsagung nicht. Auf anderem Wege, als Lüttow, war ich zu demselben Ziele gelangt. Sein keckes Zugreifen hatte ihm so wenig genützt, wie mir mein bescheidenes Zurücktreten.

Und wenn nun wenigstens sein Tod und mein Schmerz ihr eine reine und heitere Zukunft bereitet hätten! Aber ihr Sinn ist düster und ihr Herz herbe geworden. Nur die Kunst hat von all unserem Elend Vorteil gezogen. Elsa Themar ist eine große tragische Schauspielerin. Fern von unserer Stadt, die sie nach der schrecklichen Katastrophe verlassen hat, feiert sie Triumphe.

Ob ich sie noch einmal im Leben sehen werde? Ich hoffe es kaum. Je zuweilen in langen Zwischenräumen schreiben wir uns freundliche, ja zärtliche Briefe, wie zwischen Vater und Tochter, aber mir ist es oft, als starre aus den lieben Worten ein finsteres Auge fragend mich an: hast du vielleicht doch durch deine Dazwischenkunft und deine voreilige Geschäftigkeit den unseligen Ausgang mit herbeigeführt?

Sind das nur Wahngebilde eines einsamen Träumers, der zu tief über die Vergangenheit und das Rätsel des Lebens nachgrübelt, oder ist es die unklare Stimme des Gewissens, das eine Schuld empfindet und sie doch nicht bezeichnen kann? Ich wühle in der alten Wunde, aber die Kugel finde ich nicht – den Punkt nicht in dieser Geschichte, wo ich mit meinem Wesen und Charakter anders hätte handeln können und müssen, als ich es gethan.

Eines der alltäglichsten Dinge, eine Uhr, bildete den Einschlag dieses Gewebes, in dem sich für mich so wundersam Vergangenheit und Gegenwart, Diesseits und Jenseits verbanden. Sorgfältig bewahre ich die dürftigen Scherben jenes Ziffernblattes und die Reste des Werkes – sie werden sich niemals zu jenem Ganzen wieder zusammenfügen, das sichtbarlich meiner Freuden wie meiner Schmerzen unvergessene Minuten zeigte. So behalten wir von all' unseren Geschicken, Empfindungen und Erfahrungen gleichsam auch nur Trümmer in der Hand und wundern uns dann, daß sie, wie wir sie auch wenden und drehen, nicht mehr recht zusammenstimmen wollen, weil sie den Klang verloren haben, der einst in ihnen war und sie verband.

Ende.

Frenzel, Erzählungen (Das Abenteuer. Der Hausfreund. Die Uhr.) Zus. in einem Geschenkband 2 Mark

Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings