Sechstes Buch
Reading edition
In der Zeit, die nach Gottfrieds Tod kam, wurde es so recht offenbar, was ich trotz aller Schwärmerei und höheren Bedürfnissen, trotz meinem Dichten und eines gelegentlichen Schwunges im Grunde für ein ungenialer, gut bürgerlicher und lächerlich irdischer Mensch sei. Man hätte doch meinen sollen, daß nun, nachdem mein Leben in allen seinen Grundfesten erschüttert worden war, ich wurzellos und schwermütig darinnen stehe, es verabscheue, hasse und möglichst schnell auch daraus zu kommen wünsche; doch war dem keineswegs so. Als ein ordentlicher Mensch suchte ich mich so im allgemeinen mit dem Vergangenen abzufinden, streckte strebsam meine Fühler aus, auf was ich nun meine Zukunft aufbauen könne und fand auch alsbald ein Fach, in das ich mich einzureihen habe; nämlich das der nützlichen alten Jungfern.
Ich muß gestehen, daß ich dabei nicht unbeeinflußt war. Unserem Haus gegenüber wohnten im Oberstock zwei bejahrte, ledige Schwestern namens Heitenreiter. Sie hatten in häuslichen Berufen ihr Leben hingebracht und man erzählte sich, daß die beiden außerordentlich treu und tüchtig seien. Nun genossen sie in den zwei Stüblein ihr Erspartes und einen friedlichen Lebensabend. Ich sah sie oft, wie sie ihre Blumenstöcke begossen, ihr Staubtuch zum Fenster hinaus schüttelten oder auf ihrem winzigen Balkönchen saßen und Kinderkittel strickten; und ihr geruhiges und heiteres Hantieren erfüllte mich mit einer kleinen wohligen Sehnsucht. Auf der Straße sah man die beiden alten Fräulein stets zusammen, und ihnen zu begegnen und einen Blick in die guten, runzligen Gesichter tun zu dürfen, war mir jedesmal ein Genuß. Es lag so eine feine, seltene Friedlichkeit darüber und trotz aller Güte und Bescheidenheit etwas leise Ueberlegenes und fast Hoheitsvolles, das mir einen wirklichen Respekt abnötigte.
Ja, es lohnte sich schon, einmal Fräulein Heitenreiter zu werden und mit siebzig solche friedlichen und abgeklärten Runzeln zu haben. Fest schaffen wollte ich schon, und das so gewissermaßen als halbe Heilige zu tun und die Leute nicht merken zu lassen, daß man sonst noch etwas wisse oder etwa Goethe gelesen habe, dabei samt seinem abgehauenen Lebensglück vergnügt zu sein, das hatte seinen eigenen Reiz. Vielleicht machte dies den sonderbaren und heimlichen Adel der Heitenreitergesichter aus, daß sie so wacker allein und ohne Mann ihr rechtschaffenes Leben hinter sich gebracht hatten und dabei ohne jenes wunderliche Geschmäcklein, ohne Mops und ohne Bitterkeit gelandet waren. Es war freilich schwer, auf Liebesfreuden und Kinderhaben verzichten zu müssen, und es lag mir vorerst sehr wenig, solches nicht mehr als das Natürliche und Gute und Erstrebenswerte für mich anzusehen; ich mußte nun eben versuchen, den andern Köstlichkeiten des Lebens nachzusteigen und wenig mehr in die Tiefe zu gehen. Die Hauptsachen, um eine alte Jungfer zu werden, hatte ich ja; das Gedächtnis einer schönen und unglücklich ausgegangenen Liebschaft und ein Kommödlein mit Fächern und heimlich verwahrten Dingen darin. Das und mein geistiges Erbe aus jener Zeit müßten ausreichen, mir das habhafte Glück der andern zu vergüten, und es kam mir so vor, als sei meine Liebe schön genug dazu gewesen und unglücklich genug ausgegangen.
In diesen Zukunftstraum nun spann ich mich immer mehr ein und dachte schon im Voraus mit gerührter Freude, welch echte und gute Tante die Fouquéskinder an mir bekämen.
Andere, denen so etwas wie mir geschehen war, gingen ja wohl in ein Kloster oder wurden Barmherzige Schwestern, und auch ich hatte mich kurze Zeit mit solchen Plänen getragen. Das sich selber vergessen und für andere schaffen gefiel mir ja recht gut daran; doch hatte ich das Leben zu inbrünstig lieb, als daß ich es hätte auf diese Art in Sack und Asche tun mögen. Nein, es reiften vielmehr gerade in dieser Zeit die abenteuerlichsten Pläne in mir, etwa in die Kolonien zu gehen und Farmersmagd zu werden oder nach Amerika und meine Urschel zu suchen. Und als ich dieser Sehnsucht nach fremden Ländern, nach neuen Eindrücken und Erlebnissen und südlicher Schönheit ein wenig auf den Grund ging, entdeckte ich bald, daß sie zwar schon seit Urschels Zeiten in mir angeregt war und seither leise in mir fortbestanden, ihren richtigen Ursprung aber doch erst in der jüngsten Vergangenheit hatte und in engem Zusammenhang stand mit einer Sache, die mich gegenwärtig stark erfüllte und, wie ich hoffte, meinem Leben eine gute und nicht unwichtige Wendung geben sollte.
So viel ich sonst bei Fouqués drüben war, so unmöglich schien es mir, an den Dienstagsabenden unter Menschen zu gehen. Zu Anfang nach Gottfrieds Tode saß ich still und traurig in meinem kleinen Zimmer, las seine Briefe und weinte viel. Als nun eine Zeit vorüber war, fiel mir jene Erzählung in die Hände, die ich damals auf dem Zinken angefangen hatte, und ich bekam Lust, sie weiter zu schreiben; auch befand ich die Dienstagabende für würdig, damit ausgefüllt zu werden. Und indem ich nun zu schreiben anfing, wurde ich gewahr, daß die fremde, wonnig rieselnde Gewalt, die mich seit meiner Abreise vom Gottlosen Zinken fast unberührt gelassen hatte, wieder über mir war, und ich war erstaunt, wieviel stärker, buntglühender und schöner sie als damals war. Ich wußte nicht, machte dies das mächtige Erlebnis dieses Jahres und die vielen neuen Eindrücke, oder war ich überhaupt reifer und geistig kräftiger geworden; jedenfalls spürte ich es mit Freuden und Dankbarkeit und war fest entschlossen, es diesesmal auszunützen. Man muß mir glauben, daß ich dabei sicherlich nicht daran dachte, einmal berühmt und ein großer Dichter zu werden und mich im Geiste schon gefeiert und umschmeichelt sah; ich hatte keineswegs viel Glauben an mich und meine Verse, und es hätte mir genügt, einmal ein Buch, das ich geschrieben hätte, gedruckt zu sehen und mir dadurch bei meinen Geschwistern und dem Schwager ein bißchen Achtung zu verschaffen. Eher noch hoffte ich, daß die Schreiberei mir ein wenig Geld einbrächte; doch war ich auch darin bescheiden genug und hatte überdies keine Ahnung, was so ein Honorar etwa betragen möge; wenn ich für meine Novelle zwei Mark und fünfzig Pfennige bekommen hätte, wäre ich wahrscheinlich recht zufrieden gewesen. Am meisten freute mich das Dichten sozusagen für mich selber; es half mir auf eine feine und fast edle Art über die Trauer hinweg und das Tägliche und etwa Drückende und Kleinliche heiter und still beglückt zu tragen; auch erfüllte es mich mit einer tätigen Freude und wieder wie damals mit Genuß und leiser Leidenschaft.
Uebrigens paßte es zu dem Pläneschmieden dieser Zeit ausgezeichnet. Mußte ich mit meinen Zukunftsplänen doch noch einigermaßen auf festem Boden bleiben, so konnte ich mich hier ungehindert in schwindelnd phantastische Höhen versteigen. Auch fand ich, daß es sich in meinen Lebensplan trefflich füge; wenn man wie ich allein durchs Leben gehen wollte, hatte so etwas nicht unerhebliche Bedeutung, und es vertrug sich mit dem Reisen und fremde Länder sehen so prächtig wie später mit dem Altjungferntum im Dachstock.
Die Novelle war beinahe fertig, und an den schönen stillen Sommermorgen, wenn ich in der Küche stand und Gemüse putzte oder Beeren zum Einkochen richtete, dachte ich mir einen feinen, langen Roman aus.
– Leider hatte ich zum Schreiben noch weniger Zeit als damals auf dem Zinken; bei Fouqués war es nötiger als je, daß eine gute Seele sich um den Haushalt annahm. Zu eben jener Zeit kam ich einmal vom Markt heim und sah einen der Fouquésbuben vor seines Vaters Ladentür herum spazieren, nur mit einem Höschen bekleidet, das an einem Paar trübseliger und verschlissener Hosenträgerlein hing.
»Ja, Heiner, wo hast du denn dein Hemd?« fragte ich ihn.
»Ha, es ist doch in der Wäsche!« sagte er und sah mich erstaunt an, ob ich das nicht begreifen könne; mir aber fiel es bedrückend auf die Seele.
Margret war nun glücklich mit dem fünften Kind in gesegneten Umständen. Ihr Mann bedauerte es, da es mit ihrer Gesundheit nicht gut stand; sie aber freute sich, als ob's das erste wär'. »Es ist bloß halb gelebt, wenn man keine kleinen Kinder hat,« sagte sie oft.
Zu ihrem angeborenen Hang zum Müßigsein und einer genialen Faulenzerei kam nun die körperliche Entkräftung, und wenn sie Schmerzen oder Beschwerden hatte, eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegenüber ihren Haushaltungsgeschäften. Sie konnte stundenlang im Garten sitzen und mit ihrem jüngsten Kinde spielen indes im Haushalt alles drunter und drüber ging, und das Sonderbare daran war nur, daß sie dies keineswegs bedrückte, sondern daß sie vergnügt dabei war und sich ihrer Muße und der guten Stunde freute. Ich kam einmal dazu, wie sie mit einer Lauffrau Putzerei hielt, wobei sie, die Laute im Arm, auf der obersten Leiterstufe saß: »Schäpperle, ach liebe Schäpperle, putzen Sie mir doch den Boden vollends naus! Wissen Sie, Sie könnens viel schöner! Gelt, Frau Schäpperle? Kommen Sie, ich will Ihnen auch was Schönes dazu vorspielen:
Hinter meiner Schwiegermutter ihrem großen Himmelbett Steht ein großer Sack voll Sechser, wenn i nur die Sechser hätt'!«
Sie konnte in solchen Augenblicken bestrickend liebenswürdig sein und einfach unwiderstehlich, man mußte ihr den Willen tun.
Eines Morgens stand sie vor meiner Glastür und trug dem Hausmädchen auf, sie wolle mich einen Augenblick sprechen. Als ich kam, guckte sie mich lieb und spitzbübisch an und bettelte mit den Augen wie ein Kind. Ob ich ihr nicht aushelfen könne; sie hätten eine Rechnung zu zahlen und im Augenblick nicht so viel beieinander.
Peinlich erschrocken nahm ich sie schnell in mein Zimmer, und als sie so im hellen Morgenlicht vor mir stand, nahm ich mit Entsetzen wahr, daß sie noch nicht gekämmt und ihr hübscher weißer Halskragen sehr schmutzig sei. Es fiel mir noch so mancherlei auf; ach, ich schämte mich so, daß ich gar nicht mehr hinsehen mochte. Schweigend gab ich ihr alles Geld, das ich da hatte und versprach ihr, am Mittag noch mehr von der Sparkasse zu holen, worauf sie mir jubelnd um den Hals fiel und mich warm und dankbar küßte.
»Ich wußte ja, daß du mir aushelfen würdest! Du bist halt eine Gute. Man kommt nicht umsonst zu dir. Aber gelt, es macht dir auch Freude, wenn du uns was tun kannst? Du, komm heut Abend bald herüber; ich will einen Heringssalat machen, weil du ihn so gern magst! Adieu, Adieu!«
Dann war sie hinaus und die Treppe hinunter; mir aber war es gar nicht nach Heringssalat zumute.
Ich spürte in dieser Zeit wohl, daß es mit meiner Auslandsreise noch eine gute Zeit anstehe und daß ich Fouqués noch gewaltig unter die Arme greifen müsse, ehe ich an mich selber denken dürfe.
– Neben all diesem gab es noch Stunden voll verzweifeltem Heimweh nach Gottfried, wo ich alle meine Pläne und alle Dichterei mit Freuden gegeben hätte, um noch einmal eine Stunde mit ihm zusammen zu sein, wo ich weinte und wütete und nicht begreifen konnte und es in mir jämmerlich elend war. Dann fielen die Luftschlösser und guten, strebsamen Gedanken zu erbärmlichen Trümmerhaufen zusammen, und ich begriff mit grauenhafter Erkenntnis, wie unsäglich viel ich verloren habe und wie es nie, nie mehr zu ersetzen wäre.
Und lange Zeit träumte ich jede Nacht denselben Traum. Ich saß auf dem geschweiften Kanapee in Gottfrieds Stube, er hatte seinen Kopf in meinem Schoß liegen, sagte Liebesworte und sah mit strahlenden Augen zu mir auf. Der Hölderlin lag auf dem Tisch, auch war der Apfelkorb da und ein Krug mit Blumen.
Und jedesmal sagte ich traurig: »Ach, das ist alles bloß im Traum so, und nachher, wenn ich aufwache, bist du gestorben und ich bin allein. Ich weiß es gut, es ist immer so.«
»Nein, nein,« sagte er und schlang seine Arme um meinen Hals, »diesesmal ist es gewiß kein Traum, du darfst mirs glauben; ich bleibe immer, immer bei dir!«
»Das sagst du immer. Und dann wache ich auf, und es ist gelogen.«
»Aber so glaube es mir doch diesesmal noch –, hörst du, Agnes, liebe, liebe Agnes! Spüre doch, wie ich lebendig bin.« Und er küßte und liebkoste mich und tat so innig und voller Liebe, und wenn es am schönsten war, erwachte ich und lag in einer dunklen Nacht und in naß geweinten Kissen.
Obschon ich vermeinte, eine leidlich angenehme und anständige Person zu sein, gab es doch einen Menschen, der mich haßte wie die Sünde und ewige Verdammnis und mir diesen Haß täglich und stündlich in wohl gemessenen und gewürzten Portionen zu Gemüte führte.
Dieser Mensch war Genovev. – Sie mußte durch irgend wen von meiner Liebesgeschichte und ihrem bösen Ausgang erfahren haben; war es durch Margrets Monatsfrau, hatte die Alte gehorcht oder hehlings meine Schubladen ausspioniert, ich wußte es nicht; daß es sich aber so verhielt und sie genau unterrichtet war, erfuhr ich nun mit jedem Tage um so deutlicher.
In langen, vor Entrüstung bebenden Reden erging sie sich nun mit vor geheimer Schadenfreude triumphierenden Seitenblicken auf mich, wie gewisse Leute schon in der frühen Jugend so voller Sündigkeit, Unzucht und verabscheuungswürdiger Liederlichkeit wären, daß sogar Gott der Herr, der doch gewiß langmütig, gnädig und voller Geduld sei, nicht mehr länger habe zusehen können und seinen Zorn habe auf den einen der Sünder herabfahren lassen und ihn zermalmet. Und wie der andere Sünder, statt Buße zu tun, in sich zu gehen und sich zu bekehren, nichtsdestoweniger sein Gemüt verhärte und verstocke, daß es einen Stein erbarme. Schließlich, als sie sich beinahe einmal verschnappte, woher sie es wisse, behauptete sie noch, Gott der Herr selber habe ihrs geoffenbart, daß in ihrer Nähe eine weibliche Kreatur sei, die des Nachts zu fremden Männern ginge und dergleichen abscheuliche und lästerliche Dinge triebe, davor sie, Genovev, der Herr behüten möge, solches auch nur auszusprechen, und sie beschwor händeringend und tränendrückend die kleine Hausmagd, sich vor gewissen bösen Frauenspersonen in acht zu nehmen, die oft in des Menschen nächster Nähe und schlimmer als der Satan selber seien.
Im Anfang war ich noch zu traurig, um auf das bigotte Geplärre richtig hinzuhören, und es konnte mich kaum zu einem müden Lachen bringen. Später begriff ich es erst richtig, und es brachte mich in eine herzliche Heiterkeit, wenn ich mir unter den fürchterlichen »fremden Männern« meinen lieben, zarten, kindlichen Jungen vorstellte. Die Sache fing erst an, mich zu ärgern, als die Alte nach einem Vierteljahr immer noch nicht versiegt war; und als sie ihren Haß mittelst allerhand spitzigen und boshaften Tätlichkeiten auf das unumgängliche Beieinandersein und Miteinanderarbeiten des täglichen Lebens übertrug, ging es mir gegen die Gemütlichkeit.
An einem Sonntag abend hatten Fouqués Gäste, wobei es meistens recht heiter und übermütig zuzugehen pflegte; ich war etwas trüber Laune und konnte keine Lust aufbringen, hinüber zu gehen. Als nun Genovev wieder mit ihrer Buße und Bekehrung anfing und ich sie besänftigen wollte, machte ich ihr die Freude und versprach, heute abend einmal mit in ihre Betstunde zu gehen. Wir liefen also miteinander den ziemlich weiten Weg dorthin durch den regnerischen Abend, und während Genovev mit der Beständigkeit eines Wasserfalls an mich hin und an mir vorbei schwätzte, hatte ich Muße zu bedenken, wie es eigentlich in Wirklichkeit mit meiner Frömmigkeit stehe.
Ich war zwar öfters, besonders vom Zinken aus, zum Gottesdienst in der Kirche gewesen, doch hatte ich nie einen sonderlichen Gewinn daraus davongetragen. Ich erinnerte mich, daß ich in meiner Kindheit sehr fromm gewesen sei, oft und bei dem geringsten Anlaß gebetet habe und bei jeder kindlichen Unart mich sehr vor Gott gefürchtet hatte. Wie mir dieses dann eigentlich verloren gegangen war, kann ich mich nicht mehr entsinnen, doch fiel mir darüber ein viel späteres Erlebnis ein. Frau Gunhild hatte einen Kanarienvogel, dessen Käfig alle Samstage zu putzen mir anvertraut war. Nun war ich einmal so unachtsam, dieses Geschäft auf der offenen Veranda zu besorgen, der Kerl entschlüpfte, tat die Flügelein auseinander und flog in einem hohen, schwingenden Bogen davon. Ich wußte, wie sehr Frau Gunhild an dem Tierlein hing und wie aussichtslos es war, ihm nachzugehen oder sonst etwas zu unternehmen, und ich empfand namenlose Reue und Betrübnis. Plötzlich kam ich darauf, zu beten und formte in meinem Innern eine Bitte an Gott, die heiß und dringlich hätte werden sollen. Aber ob ich mir auch die größte Mühe gab, mein Herz tat nicht mit, und es blieb kalt und unbewegt in mir; die Worte kamen mir so sonderbar verloren und fremd vor und schienen mir so sinnlos, daß ich bald wieder aufhörte. Nachher war mir, als sei mein Kinderglaube so unwiederbringlich davon geflogen wie der kleine, schöne, helle Vogel, der am Ende irgendwo ersoff.
Unterdessen waren wir in dem Betsaal angekommen. Es waren viele, fast lauter ältere Leute da und eine üble Luft darin. Erst war noch von der Tür her ein großer Spektakel mit den Regenschirmen; dann fing jemand an, Harmonium zu spielen, und man sang ein Lied mit vielen Versen. Hierauf bestieg ein Bruder das Känzelein, betete, las aus der Bibel und redete darüber. Er sagte ziemlich wohlgesetzt und mit priesterlichen Gebärden etwa das, daß Mühe und Arbeit mit nichten am Schlusse dieses Lebens ein Ende hätten, sondern daß im Gegenteil droben im Himmel das Schaffen und Sichregen und Wirken noch viel gewaltiger los ginge, und ein jeder im Weinberg des Herrn und Reiche Gottes Tag und Nacht und ohne Ende arbeiten müsse zu des Höchsten Lob und dergleichen mehr. Und die müden und verhärmten Gesichter der Frauen wurden noch viel müder und verhärteter und trüber dabei und senkten sich traurig vornüber. Manche Köpfe fingen an zu nicken, und ich ärgerte mich heillos über den Kerl. Nach ihm kam einer und erzählte seine Bekehrung, die mir überaus verlogen vorkam. Und indem ich schon mit Langeweile und Ungeduld auf den Schluß wartete, stieg noch einer auf das kleine Pult, und plötzlich schämte ich mich, der Aerger und die Langeweile waren weg, und ich spürte, daß es um des Gesichtes dieses einen willen wert gewesen sei, hierher zu kommen.
Der Mann mochte etwa vierzig Jahre alt sein oder älter und war von nicht sehr großer, untersetzter Figur. Sein Gesicht war ein wenig bleich und so, wie man die Heilandsgesichter gemalt sieht, ernst, gut und sanft und mit einem kräftigen, dunklen Bart. Die Augen waren groß und braun und dabei so himmelgut und gesättigt von einem inneren Glanze, wie ich's vermeinte, noch nie gesehen zu haben. Mit Scham und doch mit Freude sah ich zu dem Manne auf, und es wurde mir unter seinem Blick seltsam wohl und ruhig. Ueber was er sprach und ob er gut sprach, kann ich nicht mehr sagen. Als ich mich zusammenriß und darauf aufpassen wollte, ging er eben wieder herunter.
Dann sagte einer: »Wir wollen noch einen Seufzer beten!« worüber ich lachen mußte, man sang ein Lied und dann war es aus.
Ganz unter dem Banne der guten braunen Augen ging ich an Genovevs Seite heim; ich beschrieb ihr den Mann und befragte sie, konnte aber nur erfahren, daß er Roth heiße, Kanzleigehilfe sei und am Entengraben wohne. In meiner Bewegung und Begeisterung versprach ich Genovev, das nächstemal wieder mitzugehen, was sie überaus gnädig aufnahm.
Als ich nun wieder und auch noch ein drittesmal in die Betstunde ging, war der Mann wohl da, und ich konnte zwischen vielen Leuten hindurch seinen dunkelhaarigen Kopf mit dem bäuerlichen Nacken sehen; jedoch sprach er nicht und ging am Schlusse schnell aus dem Saal.
Betrübt machte ich mich an jenem dritten Abend auf den Heimweg. Genovev war diesesmal nicht mit, und da es so schön und sommerlich und dämmerig war, machte ich noch einen Umweg durch ein paar stille, entlegene Gassen. Nach einer Weile hörte ich Schritte hinter mir und dann neben mir hergehen, und als ich den Kopf ein wenig zur Seite wandte, erkannte ich meinen Braunäugigen; er hatte wohl noch irgend etwas besorgt oder mußte aufgehalten worden sein. Er grüßte mich, wie es unter Stundenleuten so der Brauch war und mochte wohl bei meinem Gegengruß die herzliche Freude gesehen haben, denn er verlangsamte seinen Schritt, ging neben mir her und fing ein freundliches, allgemeines Gespräch mit mir an. Als wir eine Weile so gegangen waren, sagte ich ihm, daß ich die letzten Male vergeblich drauf gewartet habe, ihn sprechen zu hören und wann er es denn wieder tue.
»Ich werde überhaupt nimmer sprechen,« sagte er, und als ich ihn erstaunt um den Grund fragte, sah er mich einen Augenblick prüfend und mit einem ganz leisen Lächeln an.
»Wenn Sie Interesse dran haben, dürfen Sie es schon wissen. Bloß, – ich kann mich nicht aufhalten; meine Frau ist im Wochenbett, – es ist unser drittes Kind, – und sie wartet auf mich. Aber vielleicht haben Sie Zeit, mich ein Stück zu begleiten?«
Ich sagte gerne und dankbar zu und lief an seiner Seite weiter durch den warmen, stillen Abend. Er schwieg eine Weile, dann fing er an.
»Ich muß mich eigentlich schämen, daß ich zweiundvierzig Jahre alt geworden bin und viele, viele Male in der Stunde gesprochen habe, ehe ich zu dieser anderen Erkenntnis gekommen bin. Nun wissen Sie, ich bin vor ein paar Monaten krank gewesen und mußte viel liegen, da hatte ich Zeit, um über all das so recht nachzudenken. Und seither ist es allmählich anders mit mir geworden.
Sehen Sie, wenn einer in der Stunde spricht oder Stadtmissionar wird oder zur Heilsarmee geht oder auch nur einen Beitrag gibt zu einem Kirchenbau, so tut er es doch im Grunde deshalb, weil er die Menschen ein wenig besser machen möchte und sie mehr zum Guten bringen, auch, weil er innerlich das Bedürfnis dazu hat und es ihn froh macht, für das Reich Gottes etwas tun zu dürfen. Und wenn man das nun ehrlich und genau bedenkt, sieht man, daß es fast ein Hohn ist, wie wenig dabei heraus kommt und wie wenig man in Wirklichkeit mit diesem nützt und an den Menschen fertig bringt. Ach, so furchtbar wenig; und als ich so darüber nachgedacht habe, hat es mich namenlos traurig gemacht.
Nun habe ich das alles auf die Seite getan. Ich will zu keinem Menschen mehr sagen, er soll gut sein und in die Kirche gehen und ein Christ werden; ich will von jetzt an über das alles schweigen und alle Kräfte und alle inneren Triebe nur noch dazu anwenden, selber ein rechtes Leben zu führen, gut zu werden, und so wenig als möglich dazu und davon sagen. – Sie meinen, ich sei doch schon seither ein guter Mensch gewesen? Ach, nur so im Sinn der Leute und im ganz, ganz Groben. Wenn man das richtig machen will, dann hat man ganz unendlich viel zu tun und fleißig zu sein und an sich zu arbeiten, die dreißig oder vierzig Jahre, die ich, wenn's gut geht, noch zu leben habe, werden mir kaum dazu reichen. Sie dürfen ja nicht meinen, daß das immer so leicht sei, so auf die rechte Art sein Leben zu führen; es wird einem manchmal so schwer, daß man an sich verzweifeln möchte; freilich macht es einen dann nachher froh und glücklich, – o, man kann nicht sagen, wie. Und das dürfen Sie auch gewiß nicht denken, daß ich etwa meine, ich könne auf diese Art gerecht und sündenfrei werden; ach nein, man braucht Christi Gnade immer noch haufenweis' dazu. Ich spüre es jeden Tag, daß ich kein Heiliger werde; bloß so gut und tüchtig, wie es ein Mensch auf dieser Erde erreichen kann, möchte ich werden.«
Herr Roth war eine Weile still und schien sich zu besinnen. Dann fuhr er langsam fort:
»Sie und die meisten anderen Menschen werden das sonderbar finden, – ich glaube aber ganz fest daran, daß keine Mission und Betstunde die Welt besser macht, sondern das stille und gute Leben der Einzelnen. Und ich weiß es ganz gewiß, daß ich als armer und einfacher Mann, auch wenn ich die Gabe habe, zu reden, nichts tun kann was besser und wertvoller wäre, als mit einem festen Willen und mit Gottes Hilfe zu versuchen, ein rechter und guter Mensch zu werden.
Und sehen Sie, es führt am Ende doch noch eine Brücke zu den anderen Menschen. Wenn meine Frau jeden Tag sieht, wie ich lebe und wie es mich froh macht, so gefällt es ihr vielleicht, und sie versucht es auch. Wenn wir nun unsere Kinder so in unserem Sinne erziehen, und sie ererben und sehen von uns nichts als Gutes und Lauteres, so werden vielleicht auch sie fest darin, und wenn am Ende meines Lebens dann doch durch mich auch nur zwei oder drei gute und frohe Menschen in der Welt wären, so wäre ich unsäglich glücklich.«
Unterdessen waren wir vor Herrn Roths Haus angekommen; es war ein kleiner Garten davor, und als ich die prachtvoll blühenden Rosen bewunderte, meinte er: »Ich möchte Ihnen gern ein paar davon schneiden; wenn Sie derweil meiner Frau Grüß Gott sagen wollen, so wird es uns freuen.«
Er ging mit mir hinein, die Kinder sprangen uns entgegen, und in einem weißen Bett lag eine saubere und vergnügte Frau und hatte ein winzig Kleines an der Brust. Ich gab ihr die Hand und bestaunte das Kindlein; wir sprachen ein wenig miteinander und merkten sogleich, daß wir einander verstanden und schon gleich ein bißchen lieb gewannen. Als dann Herr Roth mit den Rosen kam, luden sie mich ein, bald einmal wieder zu kommen, und ich versprach es Ihnen und wunderte und freute mich.
Dann ging ich durch den immer leise hellen Sommerabend heim; die warme Luft war je und je voll einem starken und süßen Geruch aus den Gärten, und indem ich über den seltsamen Menschen nachdachte, meinte ich, dies alles schon einmal gehört zu haben, bloß viel kürzer und noch schöner, dann fiel es mir ein und daß es mit Gottfried zusammen in den schönsten Stunden meines Lebens gewesen war, und zu Hause schlug ich es auf und las es:
»Reines Herzen zu sein, Das ist das Höchste, Was Weise ersannen, Weisere taten.«
– Das Erlebnis jenes Abends war mir ein mächtiger Antrieb und zündender Funke in die Pläne hinein, die ich mir für mein Leben ausgedacht hatte; es freute mich, daß ich immer noch etwas dazu erfuhr und kennen lernte, wie ich dieses reich und fein und wertvoll machen könne. Ich probierte es auch zwei Tage lang, so ganz gut und richtig zu leben, wie Herr Roth es mir geschildert hatte; aber im Gedränge und in den Sorgen des dritten Tages ließ ich es wieder fahren. Doch hatte ich immerhin etwas von dem süßen und frohen Frieden geschmeckt und legte mir Herrn Roths Lebensplan und Weisheit gleichsam zurück, bis ruhigere Tage kämen, als einen Schatz, den mir niemand stehlen und den ich jederzeit nach Bedarf benützen könne.
In die Betstunde ging ich nimmer, wohl aber des öfteren zu meinen neuen Freunden am Entengraben. Ich spürte, daß es nichts Verläßlicheres gab, als diese beiden Menschen; ich kann nicht sagen, daß wir sehr interessante Gespräche mit einander geführt hätten oder daß ich mir viel geistige Anregung dort geholt hätte, aber wenn ich nach einem bewegten und sorgenvollen Tag eine Viertelstunde unter dem Blick der milden braunen Augen saß, fiel eins ums andere von dem was mich plagte weg, und es wurde mir sonderbar leicht und wohl. Herr Roth war ein stiller, ernster Mensch, er sprach nicht viel und war eher zum grübeln und sinnieren geneigt; dagegen war seine Frau von einer überaus warmen und gütigen Fröhlichkeit und wenn auch bei weitem nicht so klug wie ihr Mann, viel mehr geeignet zum Helfen und zum Trösten und einem etwas Liebes tun. Trotz aller Frömmigkeit verfiel sie gelegentlich in eine kleine Neckerei mit ihrem steifen und schwerfälligen Mann, die überaus ergötzlich anzuhören war. Er hing mit fast zu großer Liebe an ihr, einmal klagte er mir, er könne den von ihm angestrebten Grad von Reinheit und Frömmigkeit nie erreichen, da er seine Frau mit solcher Glut und Leidenschaft liebe, wie es Gott unmöglich gefallen könne.
An einem Abend kam ich zu ihnen, als sie eben am Essen saßen; die Frau hieß mich mit fröhlicher Herzlichkeit willkommen, holte einen Stuhl und belud mir einen Teller mit Gemüse und Kartoffeln. Ich tat mit, und während dem Essen versprach sie sich ein übers anderemal, indem sie mich duzte und sich zwar gleich darauf verbesserte, mich aber so lieb und neckisch dabei ansah, daß man ihre Absicht merken konnte, und am Ende gestand sie's freimütig, sie und ihr Mann hätten mich gern und würden sich freuen, wenn ich gute Freundschaft mit ihnen halte und zu ihnen beiden von jetzt an Du sagen wolle.
Ich war froh darüber, so eine gute und friedliche Heimat gefunden zu haben, und war den lieben Leuten von Herzen zugetan. So klar und einfach ihr Wesen war, blieb es mir doch noch lange merkwürdig, und zum Hochachten und Bewundern ist es mir noch heute. Sie stammten beide von Bauersleuten, doch besaß Herr Roth einige Bildung und hatte als junger Mensch viel gelesen und gehört. Er saß auch jetzt noch gerne des Abends über einem Buch, doch war es mir befremdlich, wie gänzlich unwichtig und unnötig ihm alles dieses zum Leben schien und wie undenkbar es ihm war, daß solches einen wahrhaft glücklich machen und erfüllen könne; gleichwie er alles Schöne auf der Erde gelten ließ und, wo es ihm beschert war, mit dankbarer Freude hinnahm und doch in jeder Stunde bereit war, es mit fast derselben Freude wieder zu verlieren und hinzugeben.
Wenn ich mit diesen Leuten von meinem Leben sprach, erschien es mir, als ob viel Gutes und Schönes darin gewesen sei. Ich sagte ihnen viel von meiner Mutter, nach der sie immer wieder fragten, und auch von Elsbeth und der schönen Gunhild und Frau Finkenlohr; sie verstanden mich und hörten es gern, wenn ich erzählte. Und es war sonderbar, mit diesen beiden, die doch für eng und strenge rechtlich galten, konnte ich von meiner Liebschaft und sogar von jener wunderbaren Nacht sprechen, und sie verurteilten mich nicht, sondern gaben mir die Hand und waren lieb und zart mit mir. Vielleicht spürten sie die echte Liebe, die dahinter stand.
Ich muß nun leider berichten, wie ich in der frömmsten Zeit meines Lebens und da ich den besten Umgang, das beste Beispiel und die besten Vorsätze hatte und eben im Begriff stand, mich zu einer halben Heiligen emporzuschwingen, einen ganz greulichen Fall und Absturz tat, und wie der etwaige Stolz auf meine Tugend mit einer recht beschämenden Geschichte gestraft wurde.
Mein edler Mitmensch Genovev machte mir zu jener Zeit das Leben ordentlich sauer. Es war nicht bloß, daß sie wütender und verachtungsvoller als je über mich predigte und über jeden Spüllumpen und jede Kutterschaufel, die ich in der Hand gehabt hatte, das Kreuz schlug, ehe sie sie berührte; das hätte ich noch ertragen. Aber die Alte spürte, daß es mir doch allmählich auf die Nerven ging und mich ärgerte und sah ihren Plan, mich hinauszuekeln und eine andere neben sich zu bekommen, die ihr weniger auf die Finger guckte, verlockend nahe. Auch baute sie im Grunde so sehr auf meine Naivität und Unwissenheit, die wohl niemals etwas von ihren heimlichen Gängen erfahren habe, daß sie nun die meiste Vorsicht und Diplomatie fahren ließ und mir offensichtlich und so übel als möglich meinen Tag und meine Arbeit versalzte.
Ich hatte die Novelle fertig, sauber abgeschrieben und an eine Zeitschrift geschickt, und neben dem seltsam leeren und öden Gefühl an den Dienstagen plagte mich nun noch das beständige und unruhevolle Fieber der Erwartung, das sich trotz aller Beherrschung nicht umgehen ließ; denn schließlich war ich eben doch ein junges Mädchen und dieses Ereignis zu wichtig in meinem Leben.
Dazu jährte es sich in diesen Tagen, daß ich meinen fünftägigen Sommerurlaub gehabt hatte und auf den Zinken gereist war, wo auch Gottfried seine Ferien wieder verbrachte. Die selige Zeit leuchtete mir nun heiß und ungewollt im Gedächtnis auf, ich mußte mehr als je an Gottfried denken, und es war mir schmerzlich und ungut zumute.
Nun hatten die Professorsleute zu einem Abendessen eine feine und größere Gesellschaft eingeladen, und schon tagelang vorher war deshalb ein mächtiger Umtrieb und Spektakel. Jedes wollte sich von seiner besten Seite zeigen; die Professorin legte mir mit Ernst und größtem, anerkennendem Vertrauen das gute Gelingen des Mahles ans Herz, ich tat so etwas gerne, freute mich auf eine stramme Kocherei und hoffte, die trüben und törichten Gedanken darüber eine Weile los zu werden.
Den Glanzpunkt des Essens sollte eine französische Geflügelpastete geben, ich hatte sie den Tag zuvor gebacken, damit man sie dann vor dem Anrichten nur noch zu wärmen und zu füllen brauche. Sie war prachtvoll geworden, ach, ich sehe sie im Geiste heut noch vor mir. Der Abend kam also, da Genovev zum Herumreichen zu unappetitlich war, besorgten es ich und das Hausmädchen. Mit Vergnügen und Eifer gingen wir daran; zuvor hatte ich noch meine Pastete in den Wärmofen gestellt und es Genovev aufs eindringlichste angekündigt, mir darauf aufzupassen, und als die Suppe vorbei und der Fisch aufgetragen war, ließ ich das Hausmädchen allein bei den Gästen und ging eilig in die Küche, meine Pastete fertig zu machen. Ich zog sie stolz aus dem Ofen und stellte sie auf den Tisch. Da merkte ich es erst.
Sie war schwarz verbrannt, beinahe wie ein Mohr, und aus einer Ecke tönte Genovevs leises Gewieher wie Hohngelächter von sieben Teufeln.
Ich schabte und putzte ja nun, so gut es gehen wollte und trug es mit Würde und Ergebenheit, wie nachher der Hausherr, als er mich mit der verhunzten Pracht zur Tür hereinkommen sah, ohne Ahnung der Moritat zu seinem Gegenüber sagte: »Passen Sie auf, Doktor, nun kommt das Glanzstück dieses Abends; Pasteten sind nämlich die Spezialität unserer jungen Stütze; Sie essen's nirgends besser – – –« In meinem Innern aber wußte ich, daß ich heute noch Genovev unter meinen Fäusten haben und ihr den Buckel verhauen mußte, oder es war mir keine Minute mehr wohl und erträglich in meiner Haut. Das mit der Pastete hatte dem Faß den Boden ausgeschlagen.
Der Abend verlief vollends schön und ohne weiteren Zwischenfall. Gleich einem gewiegten Uebeltäter und Totschläger ließ ich mein Opfer mit keinem Blicke ahnen, was ich Finsteres im Sinne hatte, war wohl gleichgültig gegen Genovev, doch im übrigen durchaus nicht anders als sonst. Gegen halb elf Uhr gingen die Gäste, wir räumten noch schnell die Tafel ab, dann sagte ich laut Gutenacht und ging hörbar in mein Zimmer.
Eine Weile später schlich ich mich lautlos in den Hof hinunter; es war sehr dunkel und stille. Einmal glaubte ich zwar, von Fouqués Gärtlein, das dicht daneben war, ein Geräusch zu vernehmen, doch war es alsbald wieder ruhig. Richtig tappte nach einer Viertelstunde fast so leise wie ich Genovev die Treppe herunter; die Kellertür knarrte ein wenig, dann stellte ich mich davor und lauerte. Ach, es klappte großartig! Sie kam, ich packte sie am Kragen, drohte bei dem geringsten Laut, den sie von sich gebe, daß ich morgen alles Gesoffene und Gestohlene haarklein dem Professor erzähle und schleppte sie in den Hof, wo ich es ihr so gründlich besorgte, daß es mich trotz allem heute noch freut.
Lautlos wankte sie davon, ich hörte noch, wie sie sich droben in ihrer Stube einschloß, dann setzte ich mich müd und zitternd vor Aufregung auf den Kellersims im Hof. Ach, es war mir kein bißchen sieghaft oder triumphierend zumut; meine abgründige Wut war jäh verraucht, es blieb nur eine Schlaffheit und weinerliche Abgespanntheit und alles Bedrückende und Traurige von vorher fiel doppelt schwer über mich herein. Wenn ich an meine Freunde Roth dachte und an das gute und rechte Leben, das ich führen wollte, wurde ich noch in der Dunkelheit rot vor Scham; – und mit meiner Schreiberei war es auch nichts, sonst hätte ich doch schon irgend eine Antwort bekommen müssen. Es war mir zum Heulen elend und jämmerlich zumut.
»Das hast du fein gemacht, Ageli!« sagte plötzlich eine Stimme nahe mir, laut und lachend.
Ich sprang auf, wahnsinnig erschrocken, und starrte in die Dunkelheit. »Um Gotteswillen, wer ist da – –?«
»Dein Schwager, liebes Kind,« sprach die Stimme mit spottend sanftem Ton, und ich erkannte nun wahrhaftig im Dunkeln Fouqués dicke Gestalt am Zaun lehnend. »Komm an mein Herz, Kind, und laß dir gratulieren. Sieh, es sind hier liebenswürdigerweise zwei Zaunlatten weg; komm noch eine Weile herüber, es würde mich außerordentlich freuen.«
»Wenn du es niemand sagst – –,« sprach ich, immer noch zitternd vor Schreck.
»Ganz, wie du es wünschest,« sagte er liebenswürdig; erhob jedoch zu meinem namenlosen Entsetzen gleich darauf seine Stimme zu einer Stärke, daß es in der stillen Nacht gewaltig laut und hallend tat: »Ich werde es niemand, niemand, niemand sagen, daß ich hocherfreuter Zeuge dessen war, wie in stiller Stunde –«
Unterdessen war ich aber schon bei ihm drüben, fauchte ihn an wie ein wilder Kater und schüttelte ihn weinend und bebend.
»Adolf – wenn du nicht augenblicklich still bist –«
»Verhaust du mir auch den Ranzen?« fragte er lachend; doch war er gleich darauf ruhig, nahm meinen Arm und führte mich zu einem versteckten Gartenbänklein, wo er mit väterlicher Güte sein großes Sacktuch herauszog und mir die Tränen damit wegputzte, bis ich lachen mußte. Darauf ging er ins Haus und kam nach einer geraumen Weile mit einem Krüglein Wein und zwei Gläsern wieder. Er schenkte ein und hielt mir das Glas an die Lippen.
Wir tranken also, es wurde mir ein bißchen besser zumut, und da es mir war, als sei ich Adolf eine Erklärung schuldig, erzählte ich ihm die ganze tragische Geschichte der letzten Wochen und wie mich die Bosheit und Gemeinheit dieses Frauenzimmers geplagt und bombardiert und gezwiebelt habe, und am Schlusse sprach ich traurig von dem trüben Ereignis mit der Pastete. Adolf saß unbeweglich und hörte mir zu; nur hin und wieder vernahm man sein leises, erfreutes und prachtvolles Lachen durch die Stille.
»Du hast gut lachen,« sagte ich am Ende bitter. »Du bist über alle solche Sachen erhaben, und es kann dich nichts aus deiner Ruhe bringen. Ich glaube, dich hätte nicht einmal die schwarze Pastete angefochten!«
»Nein, wahrhaftig nicht!« lachte er. Ich starrte trübe vor mich hin. »Weiß Gott, wie du's machst!«
»O, ich tue bloß das Gegenteil von dem, wie du's machst,« sagte er ruhig. »Du hast doch jetzt selber gemerkt, daß es nicht ganz schlau war, wie du's angegriffen hast. Du hättest der Alten keinen größeren Gefallen tun können, als auf ihre Bosheit einzuschnappen. Die nimmt gern ihren Buckel voll Hiebe in den Kauf, wenn sie weiß, wie unmäßig sie dich geärgert hat. Siehst du, man muß die Leute ansehen, wie wenn sie alle einen Tropfen an der Nase hätten oder ein Loch im Aermel – und auch so mit ihnen umgehen. Im Anfang ist das eine Kunst, später geht's von selber. Um ganz unabhängig und frei und glücklich zu sein, gehört freilich noch ein dickes Fell dazu, – und dann noch – weißt du, noch ein paar innerliche Sachen, die du wahrscheinlich doch noch nicht verständest, auch wenn ich dir's jetzt erklären würde. Ich sag es dir später einmal, wenn du mehr von Philosophie verstehst. Du bist jetzt auch noch ein wenig zu jung dazu.«
Ich sann dieser sonderbaren Lehre betroffen nach und fragte zweifelnd, ob er wirklich meine, daß ein Mensch nur mit diesem und so ohne weitere Anstrengung richtig glücklich werden könne.
»Unbedingt ja,« antwortete er felsenfest und ruhig. Ich sagte ihm nun, daß ich immer gemeint habe, man könne sein Glück und seine innere Fröhlichkeit nur durch einen rechtschaffenen und tätigen Lebenswandel erwerben und setzte ihm Herrn Roths Lebensanschauung auseinander, die ja nun auch die meine war.
»Ei, so plage dich doch!« rief er. »Wir wollen sehen, wer in seinem Leben, und, worauf ihr es doch am meisten abgesehen habt, am Ende dieses Lebens, glücklicher ist, du oder ich!«
Wir gerieten in ein heftiges Wortgefecht; Adolf redete mich schließlich in Grund und Boden hinein. Ich saß still und wußte nichts mehr drauf zu erwidern.
»Das kann alles wahr sein,« sagte ich nach einer langen Weile, »und es kann für alle andern Menschen passen und recht sein. Aber daß mein Glück irgendwo anders liegt, das glaube ich eben doch. Wenn ich wüßte, daß du es ernst nehmen und mich nicht auslachen würdest, könnte ich es dir vielleicht sagen.«
»Ich lache dich sicher nicht aus,« antwortete er freundlich und ohne Spott. »Im Gegenteil; ich freue mich recht, wenn du es mir sagen willst.«
Da fing ich an, daß schon lange, ehe mir Herrn Roths Weisheit aufgegangen sei und lange, ehe ich überhaupt mit Bewußtsein und Verstand über solche Sachen nachgedacht habe, etwas in mir gewesen sei, das viel echter und glühender und gewaltiger sei und viel mehr zu mir selber gehört habe und aus mir selber gekommen sei als alles das andere. Ich erzählte ihm von dem Grab des Namenlos und der großen, roten, nackten Zehe, auch von dem Morgen bei der Buche und von der Zeit, nachdem der spitzfindige Herr Bürger vom Zinken abgereist war. Und später von der Nacht in des Bäsleins Babetts Gastkammer, von der Zeit mit Gottfried und von allen diesen Stunden, da ich die göttlichen Ströme in mir gespürt habe. Und als ich zu Ende war, wurde ich sehr verlegen und wußte nicht, wie er es aufgenommen habe.
»Ich danke dir, Ageli,« sagte er herzlich. »Es ist sehr fein und etwas ganz Besonderes, und ich glaube schon, daß man damit glücklich werden kann. Ich bin nun gespannt, wie es dir im Leben geht. Bloß sieh, du sprichst davon, daß es dich dränge, alle Menschen zu lieben und ihnen zu dienen. Weißt du, da ist eben das gewöhnliche brave Geschmäcklein dran, und du wirst es auch so im üblichen – hm – christlichen Sinn meinen?«
»Nein,« sagte ich zögernd, »– ich glaube, ich – ich meine – das – menschlich!«
Da fing er nun doch an, laut und aus Herzensgrund in die schweigende Nacht hinaus zu lachen; ich hielt ihm erschrocken und beschämt den Mund zu, aber es lachte dennoch übermütig und knabenhaft darunter hervor. »So, so, du meinst das Lieben menschlich! – – ach, Mädel, du bist köstlich! – –«
Ein paar Wochen darnach kam an einem Morgen Margrets Aeltester zu mir herauf, aufgeregt und verstört: Die Mutter liege auf dem Boden und jammere und könne nicht mehr aufstehen; der Vater sei nicht da, ob ich nicht geschwind herüberkommen könne.
Eilig ging ich mit dem Buben hinüber; wirklich lag Margret umgesunken da, unfähig, sich zu erheben, und wimmerte und wand sich in Schmerzen. Ich brachte sie ins Bett, Adolf kam und holte einen Arzt und eine Pflegerin, und man sprach von einer Ueberführung ins Krankenhaus, falls Frau Fouqué zu Hause nicht die nötige Pflege habe. Margret wehrte sich flehentlich dagegen.
»Meine Schwägerin ist sehr gewissenhaft,« sagte Adolf zu dem Arzt und sah mich an. »Wenn du hier bleiben könntest –!« Ich nickte ihm eilig und selbstverständlich zu, und alles war in Ordnung. Man ließ Margret da, auch die Pflegerin blieb vorerst, und zur Besorgung des Haushalts erbot sich eines der Fräulein Heitenreiter gerne auszuhelfen, bis ich frei wäre. In einer Stunde war alles beschlossen. Das Zusammensein mit Genovev und dadurch meine ganze Arbeit war seit jenem dunklen Abend herzlich unerquicklich und hätte doch kaum so weiter gehen können. Also kündigte ich und war schon nach vierzehn Tagen mit meinen Sachen in Fouqués Gastzimmer untergebracht.
Es bleibt bei diesem nur noch zu sagen übrig, daß Genovev ihre guten Tage nicht mehr lange genießen konnte; sie wurde nach einem halben Jahre in eine Anstalt überführt, da sie am delirium tremens erkrankt war.
Bei Margret ging es etwas besser, sie hatte keine Schmerzen mehr, und die Pflegerin war entbehrlich, als ich hinkam. Nur war sie sehr geschwächt und durfte das Bett nicht verlassen; wir beschlossen nun, daß ich auf eine lange Zeit ganz dableiben solle, zum mindesten bis das Kind da sei und über das Gröbste hinaus, bis dem Haushalt wieder auf die Füße geholfen und Margret wieder ganz, ganz gesund sei. Ueber diese Aussicht geriet nun die ganze Familie Fouqué in eine solch freudige Begeisterung, daß ich halb tot geküßt und gedrückt wurde und alle Ursache hatte, gerührt und beglückt zu sein.
Margret wurde zum erstenmal in ihrer Ehe gepflegt, versorgt, verwöhnt, sie lag strahlend und selig da und fühlte sich beständig als Fürstin oder Prinzessin, wie sie jeden Morgen so sauber gekämmt und gewaschen in ihrem reinen weißen Bett lag und in ihrer aufgeräumten Stube herumsah. Hatte sie sich jemals Sorgen oder trübe Gedanken gemacht, so fiel das nun völlig von ihr ab; fragte ich sie etwas über irgend eine Geldangelegenheit, so hielt sie sich die Ohren zu, zog unwillige Stirnrunzeln und drehte sich auf die andere Seite. Sie überließ das alles mir; mochte ich sehen, wie ich damit zurecht kam; – wenn ich nur sie in Ruhe ließ. Nun, da sie keine Schmerzen mehr hatte, lag sie stets vergnügt und ledig aller irdischen Beschwertheit da und lebte gleich einem Kind ihre schönen, müßigen Sommertage hin.
»Ich bin so arg glücklich,« sagte sie oft. »Es ist mir in meinem Leben noch nie so gut gegangen wie jetzt. Gelt, Adolf, es ist die schönste Zeit von unserer ganzen Ehe? Und das ist alles, weil das Ageli da ist! – Ach Kinder, ihr müßt es schrecklich lieb haben. Es ist eine arg Gute!«
Fouqué schwärmte kaum minder für mich; doch war ich klug und ehrlich genug, wohl zu wissen, daß dieses nicht den etwaigen Reizen meiner Persönlichkeit, meinen geistigen Interessen oder meiner Aufopferungsfähigkeit zugrunde lag, sondern lediglich deshalb war, weil ich gut kochen konnte. Er hatte beständig ungeheuerliche Lobsprüche dafür auf Lager, und wir konnten uns an den Abenden, wenn ich bei einer Näherei saß, stundenlang über italienische und französische Kochrezepte unterhalten. An die Philosophie kamen wir vorerst nicht viel.
Trotz allem, was ich schon von Margrets Haushalt kannte und wußte, hätte ich mir die Karre nicht so jämmerlich verfahren vorgestellt. Es war wirklich stark, und ich schämte mich unendlich vor der ordentlichen und appetitlichen Fräulein Heitenreiter, daß sie diese Wirtschaft gesehen hatte! Später gewöhnte ich es mir ab, mich zu schämen.
Alles was man in die Hand nehmen wollte, war kaputt oder nicht sauber oder überhaupt verschlampt. Die ganz notwendigen Gebrauchsgegenstände, wie Margrets Haarbürste, die Schere und das Küchenmesser fand ich an Schnüren gebunden, die an der Wand festgenagelt waren, damit sie wenigstens nicht abhanden kämen. Dafür entdeckte ich an den absonderlichsten Orten ganze Kolonien von Stecknadeln, Kaffeelöffeln, einzelnen Strümpfen und Kinderhandschuhen und abgegangenen Hosenknöpfen. Es fehlte so am nötigsten, daß ich heimlich auf die Sparkasse ging und etwas von meinem Geld holte und Kinderleintücher und ein wenig Anderes drum kaufte. Fouqués merkten so etwas nicht. Es tat not, daß ich um fünf Uhr morgens aufstand, um für Margret und das Jüngste zu waschen, und ich mußte bis tief in die Nacht hinein über dem Nähen und Flicken sitzen. Und dennoch war es mir, als rutsche das was ich arbeite, allsogleich wieder in ein Loch und verschwinde ungesehen; und alles was ich tue, sei umsonst; ich war verzweifelt, daß trotz meiner Aufbietung aller Kräfte kein Schwung in diesen jämmerlichen und verlotterten Haushalt zu bringen war. Man mußte noch ganz froh und zufrieden sein, wenn wieder ein Tag herumging, ohne daß man aus seiner Haut fuhr, und wenn am Abend alle satt und noch am Leben waren.
Die Buben waren prächtige und aufrichtige Kerle, bloß von solch unbändiger Wildheit und einem solchen Leichtsinn, daß mir Margret in ihrer Kindheit noch als Lamm dagegen erschien; ach, sie mochten von der Fouquéschen Seite noch so das Richtige dazu bekommen haben. Mit bleichem Grauen sah ich ihre fürchterlichen Expeditionen über den Laufsteg hinüber und am Schloßberg, ich hätte, weiß Gott, von keinem geglaubt, daß er das vierzehnte Lebensjahr erreiche und noch den Kopf und alle Glieder habe. Es passierten jeden Tag ungezählte Malheure; der eine warf den Milchtopf um, der zweite tappte in die Scherben und blutete; ich schickte den dritten zur Milchfrau, da man doch wieder Milch haben mußte, und dieweil ich dem einen seine Hiebe gab und dem andern den Fuß verband, kam er wieder und hatte das Geld verloren, weil er auf der Straße irgend etwas nachgesprungen war; nur in der Küche stand inzwischen tröstlich ein Trupp fleißiger Katzen und leckte die Milch auf. Täglich gab es Beulen, Risse, Schnitte und Löcher in den Köpfen, dazwischenhinein wurde gelegentlich auch ein Arm oder Bein gebrochen, wobei man dann leider zum Doktor schicken mußte; bei allem übrigen derartigen lachte mich Margret schallend aus, wenn ich es tragisch nahm oder Anstalt machte, die Buben zu verbinden und in der Stube zu behalten. Kam einer heulend und blessiert angelaufen, so nahm sie ihn geschwind zu sich ins Bett, erfand irgend eine fabelhafte Geschichte, kitzelte ihn ein bißchen und lachte mit ihm, dann schickte sie ihn wieder weg. Löcher in den Hosen nahm sie viel schwerer, da diese nicht von selber zuheilten. Auch Adolf, wenn er beim Mittagessen seine Buben sah, lachte in einem solchen Fall gemütlich und sagte höchstens: »So, Kerl, warst du wieder auf der Mensur?«
Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich auch, daß ich eines Morgens ins Schlafzimmer kam, wo das dreijährige Mädelchen noch im Bett lag, und wo ich mit Entsetzen wahrnahm, daß die Kleine auf ihrem weißen Deckbettlein mit einem ansehnlichen Klumpen prächtig nassen Gartenlehms spielte, den sie sich in einem unbewachten Augenblick geschwind barfüßig geholt hatte. Ehe ich noch ein Wort sagen konnte, fing Margret herzlich an zu lachen und meinte bittend: »Gelt, du schimpfst jetzt nicht und läßt ihr's noch eine Weile; sie spielt gerade so fein und das Bett ist sowieso schon dreckig!«
Schlimmer als das bedrückten mich die Geldnöte der Familie. War es bei uns zu Haus auch sehr arm zugegangen, so war doch nie eine wirkliche Not und immer noch irgendwo ein Sparpfennig gewesen. Bei Fouqués aß man Forellen oder Geflügel, wenn es gute Zeiten waren, ging das Geld aus, holte man in der Ladenkasse, und war auch da nichts, so hatte man eben Tee und Brot zu Mittag. Jedesmal, wenn die Miete oder eine Rechnung zu zahlen war und kein Geld dafür da, überlegte ich mir's, ob ich nicht mein Erspartes holen solle und dran geben; und jedesmal schlug ich mir's wieder aus dem Kopf. Lieber wollte ich den Dingen ein wenig auf den Grund gehen.
Im Laden unten war als Gehilfe – Lehrling gab es keinen – ein Junggeselle namens Breisel. Ob er ein tüchtiger Buchhändler sei, konnte ich nicht beurteilen; doch besaß er eine äußerst treue Seele und mein Schwager hatte ihn mit dem Geschäft übernommen. So großartig, so vornehm und verwöhnt nun Fouqué auftrat, so dünn und bescheiden war Breisel. Ich kam bald dahinter, daß er kein ordentliches Gehalt bezog, sondern gleich uns aus der Ladenkasse nahm, was er brauchte, wobei der arme Tropf recht schlimm wegkam, da er mehr als gewissenhaft war und genügsam wie eine Kirchenmaus. Er hätte bis nachts zwölf Uhr gearbeitet, wenn ihn nicht Adolf zur Zeit heimgeschickt hätte; – er hätte es schließlich auch ganz ohne Gehalt getan, so mit Leib und Seele war er im Bann der schönen Fouqués.
Mit diesem Breisel nun suchte ich mich hinter dem Rücken meines Schwagers anzubiedern; ich wußte, daß er eine Schwäche habe, nämlich für Zwetschgenmarmelade. So kochte ich ihm einen Topf voll ein und brachte sie an einem Abend, als Adolf verreist war, hinunter. Wenn Breisel ein Hundeschwänzchen gehabt hätte, so hätte er nun gewedelt; er war unendlich gerührt. Ich blieb aber sehr ernst, sagte, wie ich wohl wisse, daß ihn mein Schwager nicht recht bezahle und man ein wenig für ihn sorgen müsse. Von so vieler Liebe hingerissen, setzte sich Breisel auf den Ladentisch, baumelte aufgeregt mit seinen dünnen Beinen und schüttete mir sein Herz aus. Und was ich längst geahnt hatte, wurde mir nun düster bestätigt, daß nämlich das Geschäft trotz des aufgebrauchten Kapitals und trotz der Schulden hätte ordentlich gehen können und das Einkommen ausreichen müssen, wenn Fouqué kein solch unheimlich fauler Tropf und Schlamper gewesen wäre.
»Ich muß fast den ganzen Tag im Laden sein und bedienen,« sagte Breisel klagend; »wenn nun eine Sendung kommt, so bleibt sie eben unausgepackt, bis ich dran komme, – und wenn es noch so pressiert; Herr Fouqué tut es nicht und sonst ist niemand da. Es gäbe so viele Bestellungen zu erledigen, ach, es wird mir schwindelig, wenn ich dran denke; – wissen Sie, besonders jetzt auf Weihnachten hin. Aber ich habe keine Zeit dazu und Herr Fouqué schiebt es von Tag zu Tag hinaus. Man sollte Auswahlsendungen zusammenstellen, und man sollte Remittenden packen, die Auslagen neu machen und Rechnungen herausschreiben; und mit dem Bücherführen sind wir schon seit Jahren im Rückstand; ich weiß mir nicht mehr zu helfen wegen der Steuer. Und die neuen Börsenblätter hat Herr Fouqué in der Tasche, ach, und wenn ich sie brauche und haben möchte, dann findet er sie meistens nimmer. Aber das Allerärgste ist mir, daß er mich mit Ladenschluß fortschickt, und alles, was zu tun wäre, bleibt liegen! Ich sag' es immer: allzugut ist liederlich, jawohl: liederlich – – –!«
Am hellen Tage aber oder in Adolfs Gegenwart hätte der sanfte Herr Breisel etwas Derartiges nicht gesagt.
Ich ließ es mir durch den Kopf gehen; die geheime Mitverschworenheit und alle guten Eigenschaften Breisels hatte ich mir gesichert, da ich von nun an stets darauf bedacht war, daß in dem kleinen Ladenstüblein neben Breisels Hut ein Gesälzhafen stehe, der gleich dem Oelkrüglein jener Frau von Sarepta nimmer leer wurde. Ich ließ mir zeigen, wie man Bestellungen machte und einfache Geschäftsbriefe schrieb, wie man Bücherballen packte und ein Schaufenster richtete, und am Ende weihte mich Breisel sogar in seine Strazzen ein. Fouqué kam mit dem gewohnten Scharfsinn sofort dahinter; als er mich ertappte, sah er mich eine Weile mit seinem seltsam spöttischen und überlegenen Blicke an, und ich wurde rot darunter, als müßte ich mich schämen und nicht er sich. »Ach, richtig – du brauchst ja so etwas, um glücklich zu sein, nicht wahr? Dann tu es nur; ich verderbe dir die Freude nicht. Bloß den Breisel darfst du mir nicht über die Zeit anspannen, sonst geht er ein.«
Und Adolf ließ mich ruhig gewähren.
– – Eines war mir damals voller Unbegreiflichkeit und beinahe Heiligkeit: Margrets Ehe. Ging auch keines der beiden darin irgendwie über seine Grenzen hinaus, so, daß es sich etwa dem andern zu lieb überwunden hätte, etwas strebsamer und tüchtiger zu werden, so lag doch die Liebe, die sie zu einander hatten, verklärend und wie ein beständiger Adel über dem trägen und so wenig tiefen Leben der beiden. Es war die Liebe eines Brautstandes oder einer ganz jungen, ungetrübten Ehe, – voller Zärtlichkeit, Leidenschaft und Ueberschwang und einer bei den beiden doch sonst so seltenen glühenden Beständigkeit. So im Lauf der Krankheit nahm mir Adolf fast die ganze Pflege Margrets ab; es war ganz wenig, was ich noch an ihr tun durfte. Er brachte ihr zu essen, wusch und bettete und besorgte sie und das alles leicht und gewandt und mit unglaublich geschickten Händen. Ich weiß noch, wie mir Margret eines Morgens, als ich sie betten wollte, erklärte: »Ich danke schön, Ageli; ich möchte lieber warten bis Adolf kommt. Du mußt mir verzeihen, aber er macht das so viel zarter und feiner als du!«
Er überhäufte sie mit Geschenken, Blumen und Leckerbissen und dachte sich die feinsinnigsten Sachen aus, mit denen er sie erfreuen und zum Lachen bringen konnte. War er um sie, zeigte er stets seine hellste und gewinnendste Fröhlichkeit, und wenn sie bei Nacht wach lag und nicht einschlafen konnte, stand er auf und spielte auf dem Klavier ihre Lieblingsstücke.
Und für Margret wiederum gab es nichts Schöneres, als, wenn er nicht da war, immerwährend von ihm zu sprechen und zu schwärmen. Ueberaus gern erzählte sie von der Zeit, da sie ihn kennen gelernt hatte und von ihrem Brautstand; wenn ihr etwas besonders Feines daraus einfiel, so konnte sie mich von der Arbeit wegrufen, um es mir zu sagen, so wichtig war es ihr. Einmal hatte ich mich wegen irgend einer Schlamperei gewaltig über Adolf geärgert; obwohl ich es vor Margret möglichst zu verbergen suchte, so merkte sie es doch und rief mich zu sich her. »Du machst es noch nicht ganz recht mit ihm, Ageli,« sagte sie mit ganz ungewohntem Ernst und sah mich fast vorwurfsvoll an. »Ich weiß wohl, daß er Fehler genug hat, aber du mußt immer daran denken, daß er ein Genie ist und so ungewöhnlich und bedeutend, daß solche Sachen doch ganz verschwinden. Ein wahrhaft großer Mensch hat sich noch nie mit Streberei vertragen, und es ist ein Verbrechen, wenn man ihn mit dem gewohnten und kleinlichen Maßstab mißt. Du mußt doch merken, daß man ihm seine kleinen Sünden hingehen lassen muß, wenn man solche einem Maier oder Huber auch nicht verzeihen würde.« Und sie wurde ganz erregt dabei. –
– »Seine erste Frau muß ein Frosch gewesen sein,« sagte sie oft. »Denk dir bloß, wie man von Adolf weglaufen kann!«
An einem Abend, als er im Konzert war, sprachen wir auch wieder von ihm. »Weißt du, daß er ein Dichter ist?« fragte Margret.
»Meinst du seine Knittelverse?«
»Nein,« sagte sie geheimnisvoll. »Wenn du mich nicht verrätst, will ich dir etwas zeigen. In seinem Bücherschrank steht ganz rechts, ich glaube in der zweiten Reihe, ein Band lyrischer Gedichte von einem ganz unbekannten Modernen.« Und als ich das Büchlein geholt hatte, fuhr sie fort: »Sieh, es steht auf jeder Seite bloß ein ganz kleines, dünnes Verslein von dem Menschen, da hat es Adolf gejuckt, auf den unmenschlich vielen leeren Platz etwas hinzuschreiben, weißt du, nur des Spasses und der schlechten modernen Verse wegen!«
Wir schlugen das Buch auf, und siehe, um den süßen Lyriker herum standen Adolfs Kratzefüße in holder Eintracht. Ich habe mich seit jenem Abend noch manchmal an dem wunderlichen Büchlein ergötzt und will hier ein paar von den Gedichten niederschreiben.
Wenn die Becher klingen, Denk an kein Zerspringen! Wenn der Früchte goldene Sonnen Ihre Fülle senken, Lasset uns an kein Zerronnen – Heute nicht an Morgen denken! Laßt uns singen, Daß die Lieder, die die Götter schenken, Hell erklingen!
»Leben« heißt die tolle Dirne, Die Dein Arm in Lust umfange. Rosen decken ihre Stirne, Geht ihr Mund in keckem Sange. Trink den Wein aus ihrem Glase. Schmeckt er nicht, so nimm den Scherben, Wirf ihr eine blutige Nase. Buhl mit ihrer Schwester »Sterben«.
Verspielt war Lieb und Lust und Glück Und nichts mehr übrig blieben. Da hab ich einen Augenblick Dem Teufel mich verschrieben. Da floß der Wein, da sprang mein Blut Rot in die graue Stunde. Und winkend brach mir Flammenglut Vom kühl verbotnen Munde. Mit leeren Händen griff ich drein Und haschte nach den Funken, Und hab vom Mund und roten Wein Das ganze Feuer trunken!
Schatz, mein Schatz, Du machst mir bittern Schmerz! Ich hab Dich wollen küssen, Ward nausgeschmissen, Das bricht mein Herz. Schatz, mein Schatz, mir war's so kalt im Haus! In Deinen schönen Armen Wollt' ich erwarmen, Jetzt ist es aus. Schatz, mein Schatz, nun bist Du gar verlobt! Nach Deinen weißen Brüsten Tät mich gelüsten, Nun han ich ausgetobt!
Mit Faulheit bin ich hochbegabt Und Lust am Rauch der Pfeife. Daß einer sich am Schanzen labt, – Wer weiß, wann ich's begreife. Mein Sinn, der wilde Meereswind, Will keine Mühlen treiben, Zerschellt an Klippen, toll und blind Und heult um kleine Scheiben. Wer betet oder spinnt und klagt, Der habe meinen Segen. Ich weiß allein, was mir behagt, Und will des Lebens pflegen.
– Im November kam das Kind. Es war ein großer prächtiger Knabe, und Margret behauptete, es sei keins von ihren andern so schön gewesen. Sie konnte das schlafende Büblein stundenlang in ihrem Bette haben und es mit Glück und Rührung betrachten, auch fiel es mir auf, wieviel ängstlicher und sorgsamer als mit den Großen sie mit ihm war. »Es ist ein ganz Besonderes!« sagte sie oft, »ich seh es schon jetzt. Ich möchte gern, daß du ihm Patin wirst, Ageli, weil du so eine Liebe bist. Und du mußt mir versprechen, daß du für ihn sorgst, wenn wir es einmal nicht können sollten. Er soll es gut haben, Ageli, gelt, du verbürgst es mir?«
Ich versprach es; als das Peterlein getauft wurde, stand ich Gevatter, und im Innern machte ich Pläne mit ihm, als ob's mein Eigener wäre.
Etwa drei Wochen nach der Geburt des Kleinen sagte der Arzt zu Adolf und mir, daß Margret nicht mehr lange zu leben habe. Ich war gänzlich unvorbereitet, da sie ohne Schmerzen und immerwährend glücklich und vergnügt gewesen war, nun überfiel es mich mit Schrecken und Grauen; ich konnte es nicht fassen, war namenlos betrübt, daß das schöne und fröhliche Wesen nicht mehr sein solle und brach in ein fassungsloses Schluchzen aus. Adolf nahm es ruhig und schweigend auf.
– Wenn ich nun gedacht hätte, daß es bei Fouqués von jetzt ab anders werden würde, etwa stiller und ernster, so hatte ich mich gründlich getäuscht. Der Winter kam, und die Kinder waren meist auf das Haus und die Stuben angewiesen; nun trugen sie ihre Spiele, ihre Händel, ihren Unband und ihr Gelächter an Margrets Bett. Das Kleine lag in seinem Körblein daneben, krähte und strampelte, daß es eine Lust war, und alle Augenblicke stand Adolf da mit Blumen und Spässen, bereit zu Liebesdiensten und heiterer Gesellschaft. Margret wurde zwar matter, und an ihrem Körper sah man die Zerstörung wohl, aber es war keine Stunde, in der sie einen trüben Gedanken gehabt hätte und nicht befriedigt und strahlend glücklich gewesen wäre.
An einem Märztag, als die Kinder schon wieder draußen waren und Adolf auf einen halben Tag nach auswärts gereist, rief mich Margret zu sich. »Es ist mir ein bißchen bang,« sagte sie zu mir, »und ich kann es fast nimmer erwarten, bis Adolf da ist. Kann man nichts tun, daß er früher heimkommt?«
Ich besann mich, doch war alles ziemlich aussichtslos; man mußte eben warten. Margret gefiel mir nicht –. Ich holte Adolfs Gedichte, legte ihr den Kleinen aufs Bett und setzte mich zu ihr. Endlich kam Adolf; Margrets Gesicht glänzte und lachte, und sie lag selig still in seinen Armen.
Dann tat sie noch einen fast verlegenen, spitzbübischen und bittenden Blick zu mir herüber und sagte ganz leise: »Gelt, Ageli, du bist so gut und läßt uns jetzt allein –!«
Betrübt und beinahe ärgerlich ging ich hinaus und an meine Arbeit. Als nach einer Stunde die Kinder heimkamen, trat Adolf aus dem Schlafzimmer und sagte, daß Margret gestorben sei.
– Als ich ihm am Abend dieses Tages Gute Nacht gesagt hatte und eben in mein Zimmer wollte, hielt er mich noch ein wenig am Aermel fest und sah mir ernst und eigentümlich in die Augen: »Es ist schade, daß du nicht dabei warst, als sie starb. Ich sage dir nur, du kannst froh sein, wenn es mit samt deiner Anstrengung und Plackerei an deinem Ende so schön und glücklich hergeht. Gute Nacht, Ageli; es ist nichts mit eurer Weisheit.«
Als am Morgen die Leichenfrau kam, setzte ihr Adolf ein gutes Vesper vor, fragte sie nach der Schuldigkeit und bezahlte sie. Dann, als sie an ihre Arbeit gehen wollte, bot er ihr ihre Jacke und ihren Hut und nötigte sie freundlichst zur Tür hinaus. »Wir danken Ihnen recht schön, Frau Müller; das andere besorgen wir gerne selber!«
Nun wusch er Margret mit seinen schönen, weißen Händen, bekleidete sie und legte sie in den Sarg und machte das alles ruhig und unendlich zart und fein. Ich sah nur zu und stand still dabei, kaum daß ich ein paar Handlangerdienste tun durfte.
Auch als nun die Trauerbesuche kamen, benahm er sich ernst und würdig und war ohne Spott und ohne seine boshaften Blicke. Nur als am zweiten Tag der Stadtpfarrer ihn aufsuchte, um ihm Beileid zu sagen und etliches wegen der Leichenrede zu fragen, geschah ihm etwas recht Mißliches. Ich war eben ausgegangen und Adolf mit seinem kleinen Mädelchen allein in der Wohnung. Das Kind war in dem fremden und ungewohnten Getriebe ängstlich und weinerlich geworden; Adolf setzte sich daher mit ihm auf einen Stuhl in den Gang und versuchte in seiner herkömmlichen Weise, es zu trösten. Die beiden gerieten dabei an jenes schöne und ergötzliche Spiel, wobei man sich erst an der Nase zieht und dazu die Zunge herausstreckt, sich sodann erst am rechten, hernach am linken Ohrläppchen packt und die Zunge jeweils in der angedeuteten Richtung bewegt, endlich aber sich aufs Kinn stupst und die Zunge dabei hineinschnappen läßt und dieses alles so närrisch und gewandt als möglich wiederholt. Und sie betrieben dieses Spiel mit Eifer und herzlicher Vergnügtheit eben in dem Augenblick, als der geistliche Herr die Treppe heraufkam und durch die offene Glastür das seltsame Gebaren der trauernden Hinterbliebenen sehen konnte. Er sah es aber nicht lange mit an, sondern ging meuchlings, ohne Gruß und in tiefer Entrüstung die Treppe wieder hinunter, und die Leichenrede am andern Tag fiel auch darnach aus.
Auch meine Mutter war zu Margrets Begräbnis hergekommen; wir hatten uns seit damals nimmer gesehen, und sie erkannte mich kaum mehr, so groß und stark war ich inzwischen geworden. Es war mir ein eigenes Gefühl, als sie mich küßte und mir in die Augen sah; ich wußte nicht, sollte ich mich schämen oder stolz sein. Die alte, herzliche Liebe war aber schnell wieder da, und wir waren in jenen Tagen viel beieinander. Die Mutter hatte sich nicht verändert; sie sah schön und vornehm aus in ihrem vollen weißen Haar und dem feinen Kleid, das ihr der Greiner geschenkt hatte, und sie saß wie eine fremde, alte Königin unter uns.
– Als die Trauergäste fort waren und eben die letzten von ihnen um die Straßenecke bogen, stand Adolf unter dem Fenster und schaute ihnen nach; er räusperte sich von Herzen und spuckte hinter ihnen her in den schönen weißen Märzenschnee hinunter. Dann schnaufte er tief auf und drehte sich um. Als ich später am Wohnzimmer vorbei kam, hatte er die Tür und alle Fenster sperrangelweit aufgerissen, so daß der kalte Wind mächtig durchfuhr. In der Stube aber lief Adolf mit einer kräftigen Zigarre auf und ab, die dicken Wolken in alle Winkel blasend, als ob er ein übles Gestänklein ausräuchern wolle; und als er mich, die ich erschrocken über ein solch befremdendes Getue in der offenen Tür stehen geblieben war, gewahrte, nickte er mir freundlich zu: »So, nun könntest du die Stube wieder warm heizen; man kann's jetzt wieder aushalten hier drin!« Und er machte seine Fenster zu.