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Die Sitten der Völker, Dritter Band

Europa (continued 3)

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In Siena findet an zwei Tagen im Jahre, Mariä Heimsuchung und Mariä Himmelfahrt, auf dem Marktplatz zwischen den Vertretern von zehn Stadtbezirken ein sonderbares Wettrennen, der Palio, statt, bei dem der Siegespreis in einem seidenen, mit dem Bilde der Madonna geschmückten Banner besteht. Natürlich strömt zu diesem Schauspiel, bei dem die Abgeordneten der einzelnen Bezirke die Tracht des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts in hellleuchtenden Farben tragen, eine vieltausendköpfige Menge zusammen. Unter Glockengeläute ziehen diese Vertreter zunächst in ihre Bezirkskirchen, um dort den Jockei und sein Pferd — es sind keineswegs Rennpferde an dem Wettrennen beteiligt, sondern gewöhnliche Arbeitspferde — vor dem Altar durch den Priester weihen zu lassen. Aus dem Verhalten der Rosinante wird vielfach schon der Erfolg vorausgesagt; wenn das Tier bei der Weihe scheu zurückfährt, was wohl meistens der Fall sein dürfte, sobald der Priester ihm plötzlich mit dem Weihwedel vors Gesicht fährt, dann sieht die Menge dies als gutes Vorzeichen an und bricht in endlosen Jubel aus. Von den Kirchen ziehen die Vertreter der Bezirke durch die Stadt auf den Festplatz; der heißersehnte Siegespreis, das Madonnenbanner, wird unter Trompetenschall auf einem von vier Pferden gezogenen altertümlichen Karren dorthin gefahren; den Schluß des Zuges bildet ein bunter Schwarm mittelalterlich gekleideter Gestalten. Das farbenprächtige Bild, das die Zuschauer in vergangene Zeiten versetzt, zumal Siena selbst mit seinen gut erhaltenen alten Bauten diese Vorstellung noch verstärkt, ruft den Jubel der Menge hervor, die an den Straßen, auf den mit Teppichen und Blumen geschmückten Balkonen und Tribünen sich angestaut hat. Der Beifall steigt aufs höchste, wenn der Zug auf dem Markt angekommen ist, die Jockeis im Rathause verschwinden, um ihre malerische Tracht mit einem einfachen Leinenkittel zu vertauschen, und bald darauf ein Kanonenschuß den Beginn der wilden Jagd (Abb. 393) anzeigt. Denn eine solche ist es in der Tat, die auf einer schmalen Rennbahn zwischen Tribünen und Häusern anhebt. Sie enthält eine Reihe von Hindernissen, das größte an der Ecke von San Martino ganz nahe beim Turm des Rathauses. Hier hat man an Stelle der Tribünen Matratzen aufgestellt, um die herabstürzenden Reiter nach Möglichkeit vor lebensgefährlichen Unfällen zu bewahren. Denn bei dem dreimaligen Durchreiten der Bahn auf ungesatteltem Pferde pflegt regelmäßig der eine oder andere Reiter oder auch eines der Pferde hinzustürzen. Dessenungeachtet rast man dahin und sucht die armen Gäule durch Knüttel noch anzuspornen. Mit stürmischem Evvivarufen und Hutschwenken wird der Sieger begrüßt und auf Händen im Triumph zu den Preisrichtern getragen, um den Siegespreis in Empfang zu nehmen und mit ihm in die Kirche zu ziehen, wo er der Madonna dafür zu danken hat. Die Mitglieder des betreffenden Bezirks aber feiern dieses frohe Ereignis noch ein bis zwei Wochen lang.

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Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 385. Beginn der Karwoche in Rom.

Ein Geistlicher klopft mit dem Stabe des in violettes Tuch gehüllten heiligen Kreuzes an die Tür der Basilika. Diese wird darauf geöffnet, und die Priester, die Palmen in der Hand halten, treten ein.

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Phot. Alinari.

Abb. 386. Die Brüderschaft der „Misericordia“ in Florenz,

die es sich, wie viele andere Laiengenossenschaften, zur Aufgabe gemacht haben, bei Begräbnissen mitzuwirken. Die „Misericordia“ leistet außerdem bei Straßenunfällen hilfreiche Hand (wie im Bilde). Die Mitglieder sind bei Ausübung ihrer Tätigkeit von Kopf zu Fuß vermummt.

In Venedig bildet das Erlöserfest ein gleichfalls großartiges Schauspiel. Schon wochenlang vorher beginnt das Volk in freudiger Erwartung eifrig mit seinen Vorbereitungen. Am dritten Sonnabend des Juli nimmt das Fest dann seinen Anfang. Nachdem Glockengeläute seinen Beginn angekündigt hat, setzt sich die Bevölkerung von ganz Venedig nach der Insel Giudecca in Bewegung, wo sich die Kirche mit der Statue des Redemtore befindet, um hier zu beten und zu feiern. Das zweite scheint dabei die Hauptsache zu sein; denn um die Basilika herum sind viele Buden aufgeschlagen, und unter dem Sternendach der Julinacht entwickelt sich hier ein wirkliches Jahrmarkttreiben mit Musik, Tanz, Osterien, Garküchen, Seiltänzern, Menagerien und vielen anderen Lustbarkeiten. Zahllose Barken nähern sich aus den vielen Seitenkanälen dem Festplatze und fahren vor ihm auf und ab oder legen sich vor Anker; es sind dies aber nicht jene schwarzen, unheimlichen Gondeln, wie sie Venedig sonst nur kennt, sondern schwimmende Baldachine, Lauben aus Lorbeer- und Myrtenzweigen oder auch Weinranken, ferner Zelte aus bunter Seide und Musselin, alles lebhaft prangend im Schmuck der purpurnen Granat- und safranfarbigen Oleanderblüten und phantastisch beleuchtet von farbigen Glaslampions. In ihnen sitzen die vornehmen Patrizier der Lagunenstadt um kristallgedeckte Tische beim leckeren Mahl und perlenden Schaumwein. In bescheideneren, mit armseligen Papierlaternen geschmückten Gondeln erfreuen sich die Ärmeren aus dem Volke an einem Laib Polenta, aber alles ist ausgelassen lustig und singt unter Begleitung zahlreicher Musikbanden, die ihre Weisen auf dem Wasser ertönen lassen. Die Stimmung wächst um Mitternacht und erreicht ihren Höhepunkt in den ersten Morgenstunden, bis die Glocke die dritte Stunde verkündigt. Wie mit einem Schlage verstummen jetzt Musik, Singen, Lachen, Becherklang und Lärm. Die Fröhlichkeit ist verflogen und an ihre Stelle die graue Nüchternheit und tiefe Buße getreten. Sowie der letzte Glockenschlag verhallt ist, setzen die Boote sich schleunigst nach der Düne des Lido zu in Bewegung, wo bereits Tausende von Menschen, die soeben noch der ausgelassensten Fröhlichkeit hingegeben waren, in ernster Stimmung darauf warten, daß die Sonne sich goldig aus der Meeresflut erhebe. Ein Jubelschrei entringt sich allen Lippen bei ihrem Erscheinen, und die zahllose Menge sinkt andächtig in die Knie, um sich vor der majestätischen Naturerscheinung zu beugen und zu beten.

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Phot. J. Brocherel.

Abb. 387. Vom Fest des heiligen Paulinus,

des angeblichen Erfinders der Glocken, zu Nola. Mächtige Türme, die von Statuen, auf Ereignisse im Leben des Heiligen anspielend, gekrönt sind, werden dabei durch die Straßen getragen.

Daß eine religiöse Feier für die Romanen ohne gleichzeitige Lustbarkeit kaum denkbar ist, wie die angeführten Beispiele zur Genüge zeigen, liegt in dem Charakter dieser Völker. Ihre Religiosität ist auch keine tiefgehende, innerliche, sondern trotz sorgsamer Pflege durch die Kirche und ihre Diener meist eine nur äußerliche. Dafür spricht auch der Umstand, daß alle diese Nationen trotz ihrer Frömmigkeit noch tief im Aberglauben stecken; in Frankreich und Spanien sind vorgeschichtliche Steindenkmäler verschiedentlich noch Gegenstand abergläubischer Verehrung (Abb. 388). Die Furcht vor bösen Geistern, Hexen und anderen mißgünstigen Wesen ist überall in Stadt und Land verbreitet. In Italien ist es bekanntlich vor allem die Furcht vor dem bösen Blick, von dessen Einfluß das Volk in allen seinen Schichten fest überzeugt ist. Es dürfte in den romanischen Ländern wohl kaum einen Menschen geben, und zwar nicht allein unter dem niederen Volke, der nicht irgendein Amulett, sei es das Bildnis eines Heiligen oder irgendein anderer Gegenstand, bei sich trägt oder gegen eine ihm drohende Gefahr schnell die sogenannte Fica oder Feige macht, das heißt seine Hand nach der Seite, von woher ihm ein vermeintliches Unglück naht, oder nach der betreffenden Person ausstreckt und dabei den kleinen und den Zeigefinger vorhält, während die übrigen Finger eingeschlagen bleiben.

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Phot. The Exclusive News Agency.

Abb. 388. Ein Dolmen (vorgeschichtliches Grabmal) zu Barroza

(Provinz Minho), den jede Braut zehn Meilen im Umkreis aufsucht, weil dies Glück bringen und die frommen Wünsche, die im Schatten dieses Steines vorgebracht werden, in Erfüllung gehen sollen.

Besonders Kinder glaubt das Volk am leichtesten dem Einfluß der bösen Mächte ausgesetzt; um diesen abzuwehren oder wieder unschädlich zu machen, kennt es zahlreiche Mittel. Am beliebtesten ist das schon geschilderte Entgegenhalten der Hand, das übrigens schon von den alten Römern als Abwehrmaßregel geübt wurde; ferner kommen als solche Mittel noch in Betracht das Umhängen von Amuletten (kleine Nachbildungen der „Feige“ in Gold, Silber, Blei oder, was besonders wirksam sein soll, in roter Koralle, aus denselben Stoffen hergestellte figürliche Darstellungen von Sirenen, das sind Weiber mit Fischschwanz, kleine Hörner, Phalli, Türkise, Perlen und manches andere der Art) um den Hals der Kleinen, das Anbringen von großen Kuhhörnern an der Tür oder vor dem Hause, das Anspeien der Kinder in dem Augenblick, wo man annimmt, daß sie vom bösen Blick betroffen worden sind, und dergleichen (Abb. 391). Auch die sonst besonders bei den slawischen Völkern sehr verbreitete Furcht vor bösen Hexen, Zauberern, Druden und anderen dämonischen Wesen, die dem Kinde ein Leid antun, es wohl auch gegen einen sogenannten Wechselbalg eintauschen, spukt im italienischen Volke. Allgemein ist der Aberglaube, daß eine solche Hexe von dem Kinde Besitz ergreifen könne, wenn man seine Wäsche in der Nacht zum Trocknen draußen hängen läßt. Daher pflegt die italienische Mutter diese sorgsam vor Einbrechen der Dunkelheit hereinzuholen. Unterläßt sie diese Vorsichtsmaßregel, dann kann sie den Zauber dadurch wieder lösen, daß sie die Wäsche erst am anderen Tage hereinnimmt, nachdem sie tüchtig der Sonne ausgesetzt worden ist. Auch die kleinen Kinder, die über das Ave-Maria-Läuten hinaus im Freien bleiben, fallen nach dem Volksglauben den Hexen leicht zum Opfer. — In der Bretagne hängt man den Neugeborenen, um sie gegen Zauberei zu schützen, geweihtes Brot um den Hals oder steckt ihnen solches in den Ärmel, muß aber jeden Tag neues Brot dazu nehmen.

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Abb. 389. Adventsfeier in Neapel.

Ländliche Musikanten spielen vor der Weihnachtskrippe. Nach einer Originalzeichnung von J. Matania.

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Phot. Giles & Co.

Abb. 390. Hochzeitspaare in Plougastel.

In Plougastel ist es üblich, daß eine größere Anzahl Brautpaare an einem und demselben Tage heiraten und dabei gemeinsam durch die Straßen ziehen.

In Frankreich pflegen sich Schwangere einen Gürtel um den Leib zu binden, der von derselben Länge (zwei Meter) sein muß, wie ihn die Jungfrau Maria getragen haben soll, als sie sich in gesegneten Leibesumständen befand. In Quintin schenken, wie berichtet wird, die Ursulinerinnen ihren verheirateten ehemaligen Schülerinnen, wenn diese in andere Umstände gekommen sind, solche Gürtel mit frommen Inschriften zur Erleichterung der Geburt, und in der Kirche zu Saint-Germain-des-Prés soll es seit langem Brauch sein, den dort befindlichen Gürtel der heiligen Margarete zu dem gleichen Zweck an Frauen, die Mutterfreuden entgegensehen, auszuleihen. — In Spanien sind ziemlich dieselben Abwehrmaßregeln wie in Italien üblich.

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Abb. 391. Allerlei Amulette gegen den bösen Blick.

1. Prähistorische steinerne Pfeilspitze in Silberfassung (Italien). 2. Stein mit natürlichem Loch (Irland). 3. Korallenarmband (Türkei). 4. Drei Alaunstücke in Perlengeflecht (Ägypten). 5. Ring mit Türkis (Orient). 6. Perlenamulett mit Samen von Zizyphus und Mirabilis Jalapa (Türkei). 7. Schnur mit Samen vom Seifennußbaum (Sapindus trifoliatus) (Zentralindien). 8. Elefant aus Koralle (Italien). 9. Fisch aus Perlmutter (Italien). 10. „Tempelmünze“ mit Drachen (China). 11. Dachspfote in Silberfassung (Spanien). 12. Dachshaare in Silberfassung (Italien). 13. Hörnchen aus Koralle (Italien). 14. Hörnchen aus Hirschhorn (Österreich). 15. Krebsschere in Silberfassung (Griechenland). 16. Eberzahn in Silberfassung (Italien). 17. Menschlicher Schädel aus Perlmutter (Italien). 18. Buckliger aus Perlmutter (Korfu). 19. Auge aus blauem Glas (Palästina). 20. Silbernes Medaillon mit Auge (Korfu). 21. „Horusauge“ (Ägypten). 22. Doppeltes Auge aus Silber (Portugal). 23. Hand aus Gold mit dem hebräischen Gottesnamen „Schadai“ (Lyon). 24. „Hand der Fatme“ aus Silber (Tunis). 25. Hand aus blauem Glas (Türkei). 26. Faust aus Perlmutter (Italien). 27. „Figa“ (Feige) aus Knochen (Portugal). 28. „Mano cornuta“ aus Koralle (Italien). 29. Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger aus Silber (Tunis). 30. Phallusamulett aus Bronze (antik-römisch). 31. Kaurimuschel (Türkei). 32. Glöckchen aus Silber (Italien). 33. Halbmond aus rotem Glas (Portugal). 34. Kreis mit Stern aus Knochen (Portugal). 35. Blaue Glasperle (Palästina). 36. Pentagramm aus Zinn (Portugal). 37. Kranz mit Christus am Kreuz aus „Einhorn“ (Korfu). 38. Amulett aus blauem Glas mit Inschrift „Maschallah“ (Türkei). 39. Bleimedaille mit hebräischer Inschrift (London).

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Phot. Clive Holland.

Abb. 392. Szene von einer bretonischen Hochzeit in Pont-Aven.

Nach der Trauung tanzt das junge Paar nebst Brautführern und Brautjungfern auf einem öffentlichen Platze.

Die Hochzeitsgebräuche sind in den großen Städten ziemlich die gleichen wie anderwärts in solchen Nordeuropas, aber in der „Provinz“ zeigen sie noch manche anziehende Besonderheiten. In Paris kommt wohl nur noch ganz vereinzelt die Sitte vor, daß beim Hochzeitsmahl ein Junge unter den Tisch kriecht und der jungen Frau heimlich das Strumpfband löst, das dann zerschnitten und unter die Gäste verteilt wird. Die Regel dürfte es heutzutage bilden, daß die Neuvermählte dem Knaben eine Anzahl bereits zugeschnittener Strumpfbänder in die Hand drückt. Am meisten haben sich noch in der Bretagne von den Vätern überkommene Sitten und Gewohnheiten erhalten, darunter auch verschiedentlich solche, die die Hochzeit betreffen. Ein solcher Brauch ist das „Suchen der Braut“. Wenn der Bräutigam sich in der Wohnung seiner Auserwählten einfindet, um sie in die Kirche zu führen, findet er zunächst das Haus verschlossen. Ist es ihm durch vieles Bitten gelungen, endlich Eintritt zu erhalten, dann führt man ihm nacheinander verschiedene junge Mädchen vor und gibt diese als seine Braut aus. Darauf beginnt er im Hause die richtige zu suchen, indem er alle Winkel durchstöbert; die jungen Burschen unter den Gästen sind ihm dabei behilflich. Derjenige, der sie erhascht, raubt ihr für gewöhnlich einen Kuß und erhält noch eine Tasse Kaffee oder eine andere Gabe zum Lohn. Nach der Trauung findet von neuem eine Trennung der jungen Eheleute statt; der Bräutigam geht mit seinen Angehörigen, die Braut mit den ihrigen nach Hause, und beide Parteien speisen für sich. Erst nach dem Mahl kommen sie wieder zusammen und tanzen bis zum Abend. Bevor die jungen Eheleute sich nun zurückziehen, überreichen die Burschen der jungen Frau einen Blumenstrauß nebst einem Kuchen und singen dabei ein Lied, das ihr ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter vorhält. Nach jeder Strophe trinkt man auf ihr Wohl; alle Anwesenden tun Bescheid, indem sie gleichzeitig ein Bein und einen Arm heben. Ein diesem Brautsuchen ähnlicher Brauch besteht im Bourdonnais. Auch hier kommen der Bräutigam und seine Burschen zunächst vor verschlossenen Türen an. Sie preisen in Versen die schönen Geschenke, die sie mitbringen, finden aber seitens der Braut und der Brautjungfern vorläufig keine Erhörung. Erst wenn die jungen Leute draußen singen: „Einen jungen Burschen bringen wir euch auch“, öffnet sich das Tor. Aber die Mädchen haben sich inzwischen unter ein Tuch versteckt, und es ist nun Sache des Bräutigams, seine Braut zu erraten und die Hand auf sie zu legen, sonst wird sie den ganzen Abend von ihm ferngehalten. Am nächsten Tage wartet man auf die Neuvermählten, bis sie aus der Kirche kommen, und überreicht ihnen eine Schüssel Suppe, von der sie zum Zeichen ihrer nunmehrigen Gemeinschaft mit demselben Löffel kosten müssen; boshafte Gesellen sollen manchmal Pfeffer hineintun. Am Tage nach der Hochzeit „wird der Kohl gepflanzt“. Die jungen Leute setzen einen mit Blumen geschmückten Kohlkopf auf den Dachgiebel; die eine Hälfte von ihnen läuft mit einem langen Strick, dessen anderes Ende an den Kohlkopf gebunden ist, den unter den Hochzeitsgästen befindlichen Mädchen nach und sucht sie, soweit die Länge des Strickes es erlaubt, einzufangen. Wer nicht beizeiten davonlaufen kann, wird unter das Dach geführt und von den Kohlwächtern auf dem Dache mit Wasser begossen.

Im südlichen Teil der Bretagne, wo sich noch manche alte Hochzeitsbräuche erhalten haben (Abb. 392), wird vor dem Hochzeitshause ein Maibaum gepflanzt, sein Stamm mit dürrem Reisig umgeben und das Ganze angezündet, wenn das Brautpaar aus der Kirche kommt. Sobald die Flamme zu erlöschen droht, schießen die jungen Burschen hinein. Setzt die Flamme daraufhin aus, dann will dies besagen, daß die junge Frau es an Geduld und Pünktlichkeit in ihrer Wirtschaft fehlen lassen wird. Der Maibaum bleibt bis zur Taufe des Erstgeborenen stehen. Zu Plougastel pflegen sich mehrere Brautpaare zusammenzutun, um an einem Tage gemeinsam die Hochzeit zu feiern (Abb. 390). — Im Departement Orne besteht der sonderbare Brauch, daß der junge Mann nicht an der Festmahlzeit teilnimmt, sondern die Gesellschaft zu bedienen hat, während man alle Ehren nur der Frau erweist. Vielleicht ist dies ein Überrest des Matriarchats der Vorzeit.

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Abb. 393. Wettrennen zu Ehren der Madonna (Palio) zu Siena.

Natürlich geht es überall auf Hochzeiten lustig zu. Fiedel und Dudelsack begleiten den Zug der Gäste nach und von der Kirche und spielen bei dem Mahle, das meistens recht reichlich ausfällt, und dem darauffolgenden Tanze auf. In der Normandie vereinigt man sich sogar am Sonntag nach der Hochzeit wieder, um noch einmal mit den Neuvermählten lustig zu sein. Im Departement Orne nennt man dies „die Katze peitschen“ oder „das Bettstroh der Schwiegertochter essen“. — In Arles pflegen sich die Hochzeitsgäste zu Pferde einzufinden, und zwar für gewöhnlich ein junges Paar auf einem und demselben Pferd; vorn reitet der junge Mann und hinter ihm sitzt, ihn fest umklammernd, sein Mädchen auf einer Art Sattelkissen (Abb. 360).

In Berry werden am Schluß des Hochzeitsfestes alle Frauen nebeneinander gestellt; man zieht ihnen Schuh und Strümpfe aus und bedeckt alle mit einem großen Tuche, das nur die Beine unverhüllt läßt. Darauf muß der junge Ehemann, dem sie den Rücken zukehren, unter ihnen seine Frau heraussuchen.

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Phot. The Farringdon Photo Company.

Abb. 394. Pilgerzug zu der heiligen Grotte in Lourdes,

wo die Jungfrau Maria erschienen sein soll.

Zum Schluß wollen wir noch des Heiratsmarktes zu Ecaussines-Lélaing in Südfrankreich gedenken. Früher war es hier Sitte, daß die jungen Burschen dem von ihnen verehrten Mädchen in der Walpurgisnacht eine grüne Birke, den Maibaum, mitunter mit der Inschrift „Honneur à la jeunesse“ (Ehre der Jugend), vor das Haus pflanzten, um dadurch ihre Zuneigung zu erkennen zu geben. Zum Zeichen, daß der Jüngling ihm genehm sei, lud das Mädchen ihn nebst seinen Freunden dann zu Kaffee und Kuchen ein. Dieser schöne Brauch geriet allmählich in Vergessenheit, und damit nahm auch die Heiratslust der jungen Männer ab. Um diesem Übelstande abzuhelfen, hat man seit einer Reihe von Jahren einen Heiratsmarkt eingerichtet, der am zweiten Pfingstfeiertage abgehalten wird. Die jungen Burschen kommen dazu in großen Scharen zusammen und werden von den Mädchen bewirtet; man plaudert, scherzt, schäkert, singt und tanzt, und die dabei angeknüpften Bekanntschaften pflegen sich auch meistens zur Heirat zu verdichten.

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Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 395. Ein eigenartiger Karfreitagsbrauch in Belleguardo.

Die Bürger wählen einen aus ihrer Mitte, der Christus darzustellen und als solcher den ganzen Tag mit seitlich erhobenen Armen auf dem Altar zu stehen hat, wobei er ein großes, von seinem Halse vorn herabhängendes Kreuz trägt. Die Andächtigen knien vor ihm nieder, singen geistliche Lieder und legen Geld in die vor dem Altar aufgestellten Opferschalen. Das auf diese Weise zusammenkommende Geld verteilt der „Christus“ zu Ostern an Kranke und Arme.

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In Spanien, im besonderen in Valencia und Andalusien, ist als Werbeversuch noch die Serenade sehr beliebt. Der Liebhaber erscheint spät abends in Begleitung zweier Musikanten unter dem Balkon seiner Angebeteten und bekennt ihr seine Liebe durch den Mund eines Trovador, der sehr geschickt darin ist, Liebeslieder aus dem Stegreif abzufassen und vorzutragen. Nach vielem Bitten läßt sich das junge Mädchen endlich bewegen, anscheinend widerwillig auf dem Balkon zu erscheinen, um dem Bewerber eine Blume aus ihrem Haar hinabzuwerfen, als Zeichen, daß sie ihm gewogen sei. Dies alles ist aber nur Spiel, denn der Liebhaber hat bereits lange vor dieser öffentlichen Werbung die Zusage der Eltern und des Mädchens erhalten. — Wenn die Eltern der Auserwählten dem Freier ihre Einwilligung etwa hartnäckig verweigern sollten, dann wählt dieser ein durchgreifendes Mittel, indem er die Hilfe der Obrigkeit anruft. Der Alkalde in seiner Staatsuniform fährt bei den Eltern vor und fragt den Vater in seiner amtlichen Eigenschaft, ob er gewillt sei, seine Tochter dem Betreffenden zur Frau zu geben, vorausgesetzt, daß keine Gründe ernsterer Natur dagegen vorliegen. Beharrt der Vater trotzdem noch weiter auf seiner Weigerung, dann nimmt der Alkalde die Tochter einfach mit sich und bringt sie bis zur Hochzeit in einer angesehenen Familie unter. — In Kastilien trägt die Braut bei der Hochzeit eine weiße Blume an der Brust, in Andalusien einen Kranz von Nelken und roten Rosen im Haar. In Cadix kennt man keine Trauringe, die verheiratete Frau unterscheidet man dadurch von den unverheirateten Mädchen, daß jene rechts im Haar stets eine Blume trägt. — In der Umgebung von Madrid besteht ein ganz eigentümlicher Hochzeitsbrauch. Am Tage der Hochzeit stellen sich zwei Burschen vor der Haustüre der angehenden Frau auf und fangen, wenn sich genügend Volk versammelt hat, einen Wortwechsel über die Fehler und Mängel der Braut auf der einen Seite, ihre Tugenden und Vorzüge auf der anderen an; sie können dabei unter Umständen so in Erregung geraten, daß sie schließlich einander beschimpfen und selbst handgemein werden.

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Abb. 396. Allerseelenfeier in der Bretagne.

In Italien zeichnet sich das Liebesleben noch heute wie schon einst im alten Rom (siehe die Kunstbeilage) durch große Leidenschaftlichkeit aus. Die Werbung wird entweder von dem Jüngling persönlich vorgebracht oder der Vater tut dies für ihn. In der Regel müssen daraufhin die jungen Leute sich erst einige Zeit lang näher kennen lernen, ehe die Verlobung gefeiert wird, um zu erfahren, ob sie zueinander passen. Der Bräutigam pflegt seine Auserwählte mit allerlei Schmucksachen, Süßigkeiten und anderen Gegenständen zu beschenken. Eine Schere darf aber nie darunter sein, weil darin eine Anspielung auf eine scharfe Zunge erblickt werden könnte (nicht, wie bei uns, eine Hindeutung auf das „zerschnittene Tischtuch“ = Abbruch der Beziehungen), ebensowenig ein Kamm, weil Kämme gern von Hexen benutzt werden. In Toskana verlangt der gute Ruf des Mädchens, daß es niemals vor der Hochzeit das Haus des Bräutigams betritt, nicht einmal in dessen Nähe kommt und auf seinen Spaziergängen sogar einen Umweg um dasselbe macht. In Venedig ist es kostspielig, die Rolle des Brautführers zu übernehmen, und nur ein wohlhabender Bursche kann sich diese Ehre leisten. Er muß nämlich bereits am Tage vor der Hochzeit der Braut eine Schachtel mit Süßigkeiten senden, auf deren Deckel ein Wickelkind in Zucker angebracht ist, dazu zwei Blumensträuße, einen natürlichen und einen künstlichen, und Schmucksachen (Brosche oder Ohrringe). Am Hochzeitstage muß er für die Getränke beim Mahle sorgen, vier Kerzen für die Hochzeitsmesse anschaffen, vier Gondeln mieten, auf denen die Teilnehmer zum Gasthause gefahren werden, schließlich unter die Kinder und Bettler, die beim Austritt aus der Kirche Hochrufe auf die Neuvermählten ausbringen, Münzen verteilen; seine eine Hand ist beständig in der Tasche.

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Phot. J. Brocherel.

Abb. 397. Vom Fest der heiligen Rosalia,

der Schutzpatronin Palermos. Das Standbild der Heiligen wird auf einem mächtigen Wagen durch die Straßen der Stadt gezogen.

In den verschiedensten Gegenden Italiens wird der Brautzug von den jungen Burschen des Dorfes aufgehalten, meistens durch ein Band, das die Braut mit einer Schere durchschneiden muß, oft aber auch durch einen ordentlichen Verhau, den die das Paar begleitenden jungen Leute dann wegräumen müssen. Das Brautpaar zahlt den es aufhaltenden Jünglingen ein Sühnegeld, wofür diese es manchmal auch freihalten. — In Sardinien wird der Bräutigam, wenn er zur Verlobungsfeier eintrifft, in ein Zimmer geführt, wo möglichst viele Mädchen in einer Reihe nebeneinander sitzen, alle schweigsam und gemessen, ohne seinen Gruß zu erwidern. Der Brautvater führt ihn von einer der Schönen zur anderen und fragt ihn vor jeder: „Ist das etwa Euer Schaf?“ — der für den jungen Mann werbende Vater hat nämlich vorher erklärt, er suche das schönste und beste Schäfchen, das ihm aus der Herde verloren gegangen sei —, bis man zu der richtigen kommt und der Bewerber hier schließlich die Antwort gibt: „Ja, das ist es.“ In einigen Teilen der Insel gießt die Schwiegermutter ein Glas Wasser vor dem jungen Paar aus, wenn es die Schwelle der Hochzeitskammer überschreitet; offenbar soll damit ein Hindernis für böse Geister geschaffen werden, die in der Nacht die jungen Leute stören könnten.

Die Begräbnisgebräuche der südeuropäischen Völker weichen von denen der nordeuropäischen Länder wenig ab; im allgemeinen pflegt aber mehr Pomp entfaltet zu werden als bei uns; besonders in ländlichen Gegenden sind die Begräbnisse in dieser Hinsicht anziehend und malerisch. Die Kränze und Kreuze, die man den Toten aufs Grab legt, werden in Frankreich mit Vorliebe aus galvanisiertem Draht hergestellt, schwarz, weiß oder malvenfarbig angestrichen und mit Blumen aus gleichfalls angemaltem Blech oder mit Perlen geschmückt (Abb. 396). Eine besondere Eigentümlichkeit in französischen Gegenden ist die Sitte, in dem Grabstein eine kleine Vertiefung ausmeißeln, darin das Bild des Verstorbenen in verschiedener Ausführung, manchmal sogar in feinster Miniaturmalerei auf Elfenbein, anbringen und das Ganze mit einem Glasdeckel überdecken zu lassen. Schließlich sei noch auf den in Frankreich herrschenden Brauch hingewiesen, die Grabstätten nicht für lange Zeiten an die Angehörigen zu verkaufen, wie dies bei uns der Fall ist, sondern sie für ganz kurze Fristen nur zu verpachten. Wenn dann die Pacht abgelaufen ist, werden die Leichen ausgegraben und die Stätte von neuem verpachtet, damit andere auf ihr beerdigt werden können. Oft pflegt man nach solcher Ausgrabung die Särge mit den Gebeinen in einer Ecke des Friedhofes aufzuhäufen; vielfach aber schichtet man auch Schädel und Gebeine in sogenannten Beinhäusern zu vielen Tausenden übereinander, zündet vor ihnen heilige Kerzen an und läßt Seelenmessen abhalten.

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Phot. J. Brocherel.

Abb. 398. Sizilianischer Eselskarren,

der, wie es vielfach geschieht, mit künstlerisch ausgeführten Holzschnitzereien verziert ist.

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Phot. J. Dazario.

Abb. 399. Szene von einer ländlichen Verlobung in Rußland.

Der Bräutigam bringt der Braut Brot, Salz und Mandelgebäck. Die Freunde des Hauses werden bewirtet, und hieran schließt sich ein Tanz an.

Die slawischen Völker.

Die slawischen Völker nehmen, ganz allgemein betrachtet, den Osten Europas ein, also das europäische Rußland (über 73 Prozent seiner Bevölkerung sind Slawen) mit Ausnahme der nördlichen und südlichen Gebiete, wo nichtslawische Elemente, zum Beispiel die Samojeden, Lappen, Finnen, Esten, Tawasten, Tataren, Rumänen und andere Stämme ansässig geworden sind, ferner einen beträchtlichen Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, bis über die Donau hinaus, und die sich hieran anschließenden Strecken der Balkanhalbinsel, endlich kleine Enklaven in Deutschland. Man unterscheidet sprachlich unter ihnen drei große Gruppen: die Ost-, West- und Südslawen. Zu den ersteren zählen die Bewohner des russischen Reiches, die wiederum in Großrussen oder Moskowiter (größter Teil des Reiches), Weißrussen (westliches Rußland) und Kleinrussen (von Ostungarn und Galizien an bis zum Don: Ruthenen, Huzulen) zerfallen; die zweite Gruppe umfaßt die Tschechen mit den Slowaken in Böhmen, Mähren und Nordungarn, die Polen in Galizien und Schlesien, die Kaschuben in Hinterpommern und Westpreußen, die Slowinzen am Lebasee, die Wenden oder Sorben im Spreewalde; die Südslawen endlich setzen sich aus den Serben und Kroaten — der Unterschied zwischen beiden beruht ausschließlich auf der verschiedenen Konfession — einschließlich der Bosnier und Herzegowiner, den Montenegrinern, den Slowenen und den Bulgaren der Balkanhalbinsel sowie der nördlich und westlich angrenzenden Gebiete zusammen.

Von einem einheitlichen anthropologischen Typus der Slawen kann man nicht sprechen; der Grund hierfür liegt in den vielfachen Kreuzungen zwischen den ursprünglich wohl allein im Osten ansässig gewesenen Vertretern des alpinen Typus mit den zahlreichen Völkern und Rassenelementen, die im Laufe von Jahrtausenden teils von Nordwesten nach Südosten (germanische Stämme), teils in umgekehrter Richtung (Finnen, Mongolen, Türken) Osteuropa überfluteten. Man trifft dementsprechend unter den Slawen Leute an, die germanischen Einschlag zeigen (Polen mit vorwiegend blondem Haar, blauen oder grauen Augen und heller Gesichtsfarbe), und anderseits auch wieder solche, die deutlich mittelasiatische Herkunft verraten. Im allgemeinen kann man die Behauptung aufstellen, daß der durchschnittliche Typus des Slawen mehr Annäherung nach Osten (Asien) als nach Westen (Europa) zeigt.

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Phot. Dr. Buschan.

Abb. 400. Montenegriner.

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Abb. 401. Bosnischer Guslare,

der unter Begleitung der Gusla, eines einsaitigen Streichinstruments, die Heldentaten der Vorfahren öffentlich besingt.

Die Tracht der slawischen Völker ist keine einheitliche, die der Männer einförmiger und dunkler, die der Frauen mannigfaltiger und farbenprächtiger. Trotz oft ziemlich bunter Farben verstehen die slawischen Frauen es doch, sich recht geschmackvoll zu kleiden; besonders ihre Oberkleider sind reich mit Stickereien in ansprechenden Mustern verziert (Abb. 400, 402, 403 und 405). Die Tracht der Russen ist eine ziemlich gleichmäßige im ganzen Lande. Die der Männer besteht aus Pluderhosen, langen Schaftstiefeln und einem mit silbernen oder goldenen Besätzen bestickten Kaftan in Grün oder Dunkelrot, die der Frauen in dem anschließenden, meist bestickten Saraffan und einer eigenartigen Kopfbedeckung, dem Kokoschnik (Abb. 408). Die Tracht der übrigen Slawenvölker im einzelnen zu schildern, ist bei ihrer überaus großen Mannigfaltigkeit nicht möglich; ihre Darstellung im Bilde möge einen Begriff von der Verschiedenartigkeit in der Form und der Art der Verzierung der Gewänder geben. — In Bosnien bringen die Frauen nicht selten Tatauierungen auf den Armen an.

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Mit Erl. der serbischen Gesandtschaft.

Abb. 402. Serbin in Landestracht.

Diese besteht aus einem dunkelblauen oder roten Kleid, einem reichverzierten seidenen Gürtel von leuchtender Farbe, einem scharlachroten, reich mit Gold und Silber bestickten Mantel und einem hellfarbigen Kopfschleier; dazu tritt bisweilen noch eine mit Münzen verzierte Krone.

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Die Slawen sind ein tanz-, gesang- und liederfrohes Volk (Abb. 420). Verschiedentlich, besonders in Bosnien, durchziehen noch heutzutage Sänger das Land, um nach Art der alten Barden in halb singendem, halb rezitierendem Ton die Heldentaten der Väter zu preisen (Abb. 401). — In wenigen Ländern dürfte auch das Tanzen eine solche Verbreitung gefunden haben, wie in den slawischen und vor allem in Rußland. Lieder melancholischen Charakters werden fast ausschließlich gesungen, hingegen solche heiteren Inhalts durch Tänze begleitet. Urplötzlich springt einer aus dem Chor auf, ein zweiter, dritter und noch andere folgen, und schließlich tanzt die ganze Gesellschaft unter dem einförmigen Klang der Ziehharmonika in merkwürdigen Verrenkungen (Abb. 410). Der russische Tanz besteht nämlich in einem Wechsel von Kniebeugen und Vorwärtsschleudern der Beine. Die Frauen nehmen daran nur geringen Anteil, insofern sie an der Hand ihres Tänzers ruhig dahinschweben, also die Sprünge der Männer nicht mitmachen. Bei den Kleinrussen ist der Tanz durch viel größere Grazie ausgezeichnet; die Liebeswerbung liegt ihm zugrunde: das begehrte Weib macht von seiner freien Entschließung Gebrauch, indem es bald diesem, bald jenem Tänzer folgt. — Die Südslawen haben als Nationaltanz den Kolo, einen Reigentanz, bei dem die Teilnehmer eine geschlossene Kette bilden (Abbildung 416). Unter stetem Gesang der Tanzenden setzt sich der Kreis in Bewegung, langsam und mehr schwermütig beginnend, dann schneller und lustiger werdend und schließlich in einen leidenschaftlichen Wirbel ausklingend. Natürlich kommen hierbei die verzehrende Sehnsucht und die glühende Leidenschaft so recht zum Ausdruck. Die Serben kennen noch einen besonderen Kriegstanz, bei dem sie mit Schwertern in der Luft umherfuchteln.

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Phot. Alinari.

Abb. 403. Rumänin in Landestracht.

Diese besteht aus einem langen, weißen Hemd mit weiten, bauschigen Ärmeln, die ebenso wie die Vorderseite des Hemdes mit Stickereien besetzt sind, zwei vorn und hinten von der Hüfte herabhängenden Tüchern (foça), einer dunklen, mit hellfarbigen Stickereien besetzten Schürze und einem bunten, mehrfach um die Taille gelegten Gürtel.

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Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 404. Ein montenegrinischer Osterbrauch.

Man trinkt auf das Wohl der Heiligen Dreieinigkeit und pickt mit Ostereiern (vgl. Abb. 306), was Glück bringen soll.

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Phot. Clive Holland.

Abb. 405. Junge Mädchen aus der Gegend von Veldes.

Die geschmackvolle Haube ist aus Gold- und Silberfiligran sowie aus Spitzen angefertigt und stellt oft einen hohen Wert dar.

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Verlag von R. Bromberger, Olmütz.

Königsfahrt bei den Slowenen.

Nach einem Gemälde von Joža Uprka.

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Phot. The Exclusive News Agency.

Abb. 406. Griechisch-orthodoxe Prozession,

bei der Heiligenbilder (Ikones) mit im Zuge geführt werden.

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Phot. P. Postel.

Abb. 407. Eine Wohltat, die Reisende in den Karpathen genießen.

Da das Wasser im Gebirge knapp ist, pflegt man hin und wieder am Wege einen Krug mit Wasser und einen Becher hinzustellen zur Labe für die Vorübergehenden. Um ihnen zu einem Dankgebet Gelegenheit zu geben, hat man gewöhnlich daneben ein Kruzifix errichtet.

Ihrem Glauben nach bekennen sich die meisten Slawen zur griechisch-orthodoxen Kirche (Abb. 406 und 407); nur Tschechen, Polen, Kroaten und die Slawen Deutschlands sind Anhänger der katholischen Kirche. Unter den Letztgenannten gibt es auch Evangelische. — Zahlreich sind die Feste, die das slawische Volk feiert. Beginnen wir mit einer Schilderung der wichtigsten russischen Feste und Feiertage. Ihre große Zahl beginnt mit dem Feste der Wasserweihe (Abb. 409) am Erscheinungsfest, dem 6. Januar. Die Bevölkerung der an einer Wasserstraße, und sei es auch nur ein Gebirgsbach, gelegenen Gebiete strömt an diesem Tage festlich gekleidet zusammen. Am Flusse hat man eine Brücke oder Rampe in diesen hineingebaut und mit Blumen, Teppichen, Fahnen und so weiter ausgeschmückt. Begleitet von den Spitzen der Behörden, den Offizieren in Paradeuniform — in Petersburg nimmt auch der Zar mit dem gesamten Hofstaat an der Feier teil — und zahlreichen Bürgern des Ortes, begibt sich die gesamte Geistlichkeit, angetan mit ihren reichsten, von Gold strotzenden Gewändern, zum Flusse, wobei ein griechisches Kreuz auf einer langen Stange vorangetragen wird. Nachdem ein Tauflied gesungen worden ist, taucht der höchste geistliche Würdenträger das Kreuz am Ende der Brücke dreimal in die Fluten und besprengt die Umstehenden mit einem Weihwedel, den er ins Wasser getaucht hat. Die Frauen füllen sodann die mitgebrachten Krüge mit dem geweihten Wasser, um es das ganze Jahr lang aufzubewahren und teils zum Einfüllen in die Weihwasserbecken, teils zum Austreiben von allerlei Krankheiten und Gebrechen zu verwenden. In den ländlichen Bezirken endet die Wasserweihe mit einem größeren Volksfest, bei dem gegessen, getrunken und getanzt wird. — Unsere Fastnacht findet in Rußland ihr Gegenstück in der Masljanza oder Butterwoche, der Zeit ausgelassener Freude. Für die Unterhaltung des Volkes sorgen Jahrmärkte mit den üblichen Buden und sonstigem Zubehör; besonders in Moskau sind diese auf dem „Jungfernfeld“ stattfindenden Veranstaltungen zu einer Berühmtheit geworden. In den Familien feiert man die Butterwoche durch festliche Zusammenkünfte, zu denen man die Verwandten und Bekannten auf „Blini“ einladet. Blini sind Pfannkuchen, die mit zerlassener Butter, saurer Sahne und Kaviar genossen werden und ein Meisterstück der Hausfrau darstellen. — Die siebenwöchige Fastenzeit, die sich an die Butterwoche anschließt, wird in Rußland im allgemeinen ziemlich strenge innegehalten. Im Innern des Zarenreiches sind während dieser Zeit sogar geräuschvolle Vergnügungen und Tanz gänzlich verpönt. Mit dem Palmsonntag, der die letzte Fastenwoche einleitet, beginnt überall vollständige Ruhe einzuziehen. Besonders feierlich wird der Gründonnerstag begangen, vornehmlich in den beiden Hauptstädten. Hier spielt sich in den Hauptkirchen die Zeremonie des Fußwaschens in größter Feierlichkeit vor einer Kopf an Kopf gedrängten Menge ab. Mitten im Schiff des Gotteshauses ist eine Rampe errichtet, auf der zwölf Archimandriten Platz nehmen; mit ihren langen wallenden Bärten und bis auf die Schulter herabhängenden Locken machen sie ganz den Eindruck von Patriarchen der ersten christlichen Zeit. Unter den ergreifenden Gesängen der Domsänger vollzieht der Metropolit an jedem von ihnen die Fußwaschung in einem silbernen Becken. Nach der Feierlichkeit sucht jeder der Kirchenbesucher seine brennende Kerze noch flammend nach Hause zu bringen, denn wer sein Heim mit der unverlöschten Flamme erreicht, hat Glück und Segen im kommenden Jahre. Es gewährt einen drolligen Anblick, wie groß und klein auf der Straße sich bemüht, seine Kerze vor dem Erlöschen zu schützen. Am Karfreitag sind die Kaufläden und Auslagen nicht wie bei uns geschlossen, sondern es drängen sich im Gegenteil auf den Märkten und Plätzen die Leute an die massenhaft aufgespeicherten Lebensmittel, um sich für die Feiertage vorzusehen. In der Nacht vom Sonnabend der Karwoche zum Ostersonntag strömt alles wieder in die Kirchen, die buchstäblich bis auf den letzten Platz angefüllt sind, und wartet auf den Glockenschlag zwölf, wo der Geistliche aller Welt das „Christos woskress“, Christus ist auferstanden, verkündet. In Petersburg gestaltet sich dieser Augenblick ganz besonders feierlich und erhebend. Sobald der Priester die frohe Botschaft verkündet hat, stimmt der Domchor den Lobgesang an; Tausende von Kerzen erhellen plötzlich das Düster des Gotteshauses — jeder hat die mitgebrachte Kerze angezündet —, alle Glocken läuten, und die Peter-Pauls-Festung feuert einen Salut von hundert Schüssen. In der Kirche und auf der Straße pflanzt sich der Ruf „Christus ist auferstanden“ durch Tausende und aber Tausende von Kehlen fort; ein jeder antwortet darauf mit „Woistinje woskress“, Er ist wahrhaftig auferstanden, und besiegelt diese Wahrheit durch einen dreimaligen Kußwechsel (Abb. 411). Kein Mensch darf sich diesem Osterkuß entziehen, ob alt oder jung, ob reich oder arm, ob vornehm oder gering, alles küßt sich, selbst der Zar seine niedrigsten Soldaten. Alle Rang- und Klassenunterschiede sind in diesem Augenblick weggewischt, ein wirklicher Freudentaumel hat die ganze Bevölkerung ergriffen. Vor dem Hochaltar oder auch auf den Stufen vor der Kirche haben inzwischen die Gläubigen ihre Bündel geöffnet und die Osterspeisen ausgepackt, damit sie der Geistliche segne. Für gewöhnlich sind dies die Kulitsch, der hohe, unserem Napfkuchen ähnelnde Kuchen, die Pascha, eine Art Käsekuchen mit Rosinen, und die gefärbten Ostereier, die bei wohl allen slawischen Stämmen sich großer Beliebtheit erfreuen und mit schönen Zeichnungen versehen werden; durch den Reichtum und die vollendete Kunstfertigkeit ihrer Bemalung zeichnen sich die Ostereier der Huzulen und Slowaken, auch die der Wenden aus. In den Häusern der Vornehmen auf dem Lande setzt die Hausfrau ihren ganzen Stolz darein, einen prächtigen Ostertisch mit den eben genannten Speisen, wozu natürlich noch Kaviar und alle möglichen geistigen Getränke kommen, herzurichten und durch Ausschmückung mit Blumen in eine Art Gewächshaus zu verwandeln. Der Pope segnet hier gleichfalls die Speisen und besprengt auch das übrige Haus, ja sogar die Tiere mit Weihwasser. Das Gesinde, das der Feier beigewohnt hat, findet sich darauf mit prächtig bemalten Ostereiern bei der Herrschaft ein und tauscht sie gegen weniger schöne um. Natürlich besiegelt alles diesen Austausch mit einem Kuß. Die festlich gekleideten Burschen und Mädchen ziehen dann noch die Dorfstraße entlang und entbieten allen, die ihnen begegnen, den Ostergruß, den sie außerdem noch in die Häuser hineinrufen. Den übrigen Teil des Tages entschädigt sich alles durch tolle Ausgelassenheit für das siebenwöchige Fasten, wobei ähnliche Lustbarkeiten wie in der Butterwoche stattfinden (Abb. 404). Auf dem Lande haben sich auch noch allerlei abergläubische Gebräuche erhalten. Um ein paar Beispiele anzuführen, so wäscht man sich in der Frühe mit dem geweihten Wasser das Gesicht, um sich dadurch gegen Hautkrankheiten zu schützen, oder trinkt es wohl auch, um gegen allerlei Gebrechen gefeit zu sein. An dem gedeckten Ostertisch nimmt man niemals sitzend, sondern nur stehend seine Mahlzeit ein. — Acht Tage nach Ostern ist die „Krasnaja gorka“, das „rote Berglein“; an diesem Tage steigt die Jugend auf die sonnenbeschienenen Hügel und begrüßt mit frohen Liedern den Frühling. Am 9. Mai findet Mikula, das Fest des Wundertäters Nikolas, statt. Daran schließt sich der „Namenstag der feuchten Mutter Erde“ an, an dem die Zauberinnen, die wohl in keinem russischen Dorfe fehlen, unter Hersagen feierlicher Formeln zum erstenmal im Jahre auf die Suche nach heilkräftigen Kräutern gehen. Weiter folgt dann der Semik (das heißt der siebente Donnerstag nach Ostern), der Tag der Mädchenfreundschaften. An ihm zieht die weibliche Jugend, festlich gekleidet, in den Wald, flicht Kränze, tauscht Küsse aus und schließt Freundschaften für das ganze Leben. Die Kränze werden schließlich noch ins Wasser geworfen, um aus ihrem Verhalten in diesem einen Schluß auf die Zukunft zu ziehen. Den Dorfschönen, deren Kranz oben auf dem Wasser weiterschwimmt, steht in Bälde die Heirat in Aussicht; hingegen diejenigen, deren Kranz untersinkt, kommen noch nicht unter die Haube oder werden, falls sie doch heiraten sollten, schon frühzeitig Witwe werden. So gehen die Feste weiter bis zum Peter-Pauls-Tag, mit dem sie vorläufig ihr Ende finden; denn mit diesem Tage beginnt die Straba, die Arbeitszeit, die Zeit der Ernte (Abb. 421) und der Bestellung der Wintersaat.

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Phot. The Preß Picture Agency.

Abb. 408. Russische Bäuerin in der Landestracht.

Die sehr mannigfaltigen slawischen Volkstrachten zeichnen sich meist durch grelle Farben aus; viele von ihnen sind sehr kleidsam. Als Kopfputz werden gewöhnlich Blumen getragen.

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Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 409. Szene von der Wasserweihe am Erscheinungsfest

zu Petersburg, an der der kaiserliche Hof teilzunehmen pflegt. Der Geistliche taucht zuerst dreimal feierlich das russische Kreuz und sodann einen Weihwedel in die Newa; mit diesem werden hierauf die Teilnehmer besprengt.

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Abb. 410. Russischer Nationaltanz.

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Abb. 411. Osterkuß.

Mit dem Weihnachtsfest beginnt dann ein neues Feiern. Die Sitte, einen Christbaum auszuputzen und anzuzünden, sowie die Familie und die Hausgenossen zu beschenken, hat in Rußland schon vielfach Eingang gefunden, selbst der Knecht Ruprecht stellt sich um diese Zeit ein, und zwar als „Weihnachtsgroßväterchen“. In manchen Gegenden Rußlands läßt man am Heiligen Abend einen Platz bei der Festmahlzeit unbesetzt für ungebetene Gäste, weil man annimmt, daß unter den Wanderern, die an diesem Abend möglicherweise um Nachtlager und Speise vorsprechen, sich der Herr Jesus in Verkleidung befinden könnte. Die Sage berichtet nämlich, daß in einzelnen Fällen solche Gäste von der Landstraße am anderen Morgen verschwunden waren, ohne daß die Tür oder das Fenster geöffnet wurde. Im allgemeinen ist Weihnachten in Rußland bei weitem nicht in dem Grade ein kirchliches Freudenfest wie bei uns. Es besteht vielmehr in einer Reihe von weltlichen Vergnügungen, die vom 25. Dezember bis zum 6. Januar dauern; an diesem Tage, den Drei-Königen, erreicht die Festesfreude ihren Höhepunkt. Besonders in Moskau geht es hoch her. Hier besteht der Weihnachtstrubel in allerlei Schießbelustigungen, Schlittenausflügen, Festgelagen und ähnlichem mehr. Gewerbe und Handel liegen in dieser Zeit ganz still danieder. — Überall ist zu Weihnachten das Wahrsagen beliebt, von dem man wohl gegen dreißig Arten kennt. In waldreichen Gegenden wird es in der Weise betrieben, daß ein Beil in einen Holzklotz geschlagen und dieser herumgedreht wird, wobei man die Namen der anwesenden Mädchen nennt; dasjenige, bei Nennung von dessen Namen das Beil zu wackeln beginnt, wird am ehesten der Freuden der Ehe teilhaftig werden. In anderen Gegenden suchen die Mädchen aus der Beschaffenheit eines Holzscheites, das sie mit verbundenen Augen aus einem Holzstoß hervorziehen, ihr eheliches Schicksal zu ergründen. Ein glattes Scheit mit dünner, gleichmäßiger Rinde zeigt einen hübschen und guten Bräutigam an, eines mit rauher Rinde einen häßlichen; ein Scheit mit dicker, aber gut erhaltener Rinde verkündet einen reichen, eines mit schadhafter Rinde einen armen, ein dickes Scheit einen dicken Zukünftigen; eines mit vielen Astansätzen endlich wird auf reichen Kindersegen gedeutet. Wieder in anderen Gegenden gehen die Mädchen nachts auf den Hof und lauschen auf Hundegebell. Aus der Richtung, aus der es ertönt, kommt der Bräutigam; hört man es leise, dann ist dieser ein schon älterer, erklingt es dagegen laut, ein junger Mann, und so fort. — In manchen Gegenden besteht auf dem Lande noch ein eigenartiger Weihnachtsbrauch, die Brautwahl der jungen Leute (Abb. 414). Am Heiligen Abend begeben sich die Dorfschönen zu dem Gemeindeältesten und setzen sich hier eine neben der anderen hin, worauf jede mit einem großen Tuch bedeckt und auf diese Weise unkenntlich gemacht wird. Die jungen Burschen kommen nach und nach in die Stube herein und gehen aufs Geratewohl auf eines der verhüllten Mädchen zu, machen ihm eine Verbeugung und lüften das Tuch. Das auf diese Weise zusammengekommene Paar gilt als verlobt. Natürlich ist das meistens eine schon vorher ausgemachte Sache. Das Mädchen hat mit seinem Liebsten ein Zeichen verabredet, das es ihm ermöglicht, die richtige herauszufinden.

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Phot. P. Postel.

Abb. 412. Der Starost eines ruthenischen Dorfes mit den Hochzeitsgeschenken des Bräutigams

auf dem Wege zum Hause der Braut.

Bei den übrigen Slawenstämmen verlaufen die Feste in ziemlich ähnlicher Weise; hier und da gibt es noch besondere Gebräuche (Abb. 413). So veranstalten die Slowaken Mährens zu Pfingsten einen prächtigen Aufzug, das Königsreiten oder Königsuchen, auch Königsfahrt genannt (hierzu die farbige Kunstbeilage, in deren Unterschrift statt Slowaken irrtümlich Slowenen gesetzt wurde). Die jungen Burschen bitten sich für den Pfingstmontag aus einer der angesehenen Familien des Dorfes einen etwa vierzehn- bis fünfzehnjährigen Jungen als König aus und stellen ihm zwei tüchtige „Adjutanten“, drei „Abgesandte“ und ebensoviele „Ausrufer“ und „Einnehmer“. Man vereinigt sich darauf zu einem Festzug in die Dörfer. Die Reiter tragen weiße Schürzen mit roten Schärpen und rote Fähnchen in den großen Schaftstiefeln; der „König“ ist als Mädchen verkleidet, trägt einen Blumenkranz auf dem Kopfe und reitet meistens auf einem Schimmel. Die Pferde sind sämtlich mit bunten Bändern und Tüchern ausgeputzt. Im Galopp reitet die Schar nun in die nächstgelegenen Dörfer und sammelt hier unter umständlichen Förmlichkeiten allerlei Fleisch- und Wurstwaren, die dann abends im Hause des Königs oder im Wirtshaus gemeinsam verzehrt werden, wozu der Vater des Königs das nötige Bier spendet. — Während es bei den Russen am Weihnachtsfest lustig und üppig hergeht, wird dieser Tag von den Slowaken sehr ernst und erhebend begangen. An ihm ruht alle Arbeit, in vielen Dörfern wird nicht einmal gekocht. In einzelnen Orten verbindet die Bäuerin sogar den Rindern das Maul, um zu verhindern, daß das Geräusch des Wiederkauens die Feiernden in ihren Gebeten und in dem Absingen frommer Lieder störe.

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Phot. P. Postel.

Abb. 413. Lustbarkeiten am Osternachmittag,

wie sie die ruthenische Jugend auf dem Kirchplatz zu treiben pflegt. Sehr beliebt ist das im Bilde wiedergegebene Bauen von lebendigen Pyramiden.

Das russische Landvolk verharrt noch vielfach in ganz krassem Aberglauben und hält mit großer Zähigkeit an allerlei Gebräuchen fest, die altheidnischen Ursprungs sind. Ganz allgemein verbreitet ist der Glaube an die Damovoi, elfen- oder zwergähnliche Wesen, die man sich schwarz oder rot bekleidet und mit einem langen grauen Barte sowie mit flachsgelben Haaren und roten, leuchtenden Augen vorstellt und in jedem Hause als ständige Genossen anwesend denkt. Von ihnen hängt das Wohl und Wehe der Insassen ab. Daher pflegt man die Überreste des Abendbrots noch eine Zeitlang auf dem Tische stehen zu lassen, um sich dadurch die Hausgeister gut zu stimmen; sollte man ihnen diese Wohltat etwa nicht erweisen, dann würden sie sich zu rächen suchen und das Haus samt seinen Bewohnern ins Unglück stürzen. Der russische Bauer kennt noch verschiedene andere geisterähnliche Wesen, die bestrebt sind, den Menschen Böses zuzufügen. Um ihnen den Eintritt in die Häuser zu wehren, kritzelt man in die Wand und in die Türe das heilige Kreuz und malt es rot oder weiß aus.

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Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 414. Brautwahl am Heiligen Abend.

In einigen Dörfern Rußlands ist es Sitte, daß sich die jungen Mädchen, die zu heiraten wünschen, im Hause des Dorfältesten zusammenfinden. Hier nehmen sie nebeneinander Platz und werden mit großen Tüchern verhüllt. Darauf treten die heiratslustigen jungen Männer einer nach dem andern ein. Jeder macht vor einer der verhüllten Gestalten eine Verbeugung, das Tuch wird gelüftet, und die beiden gelten fortan als Brautleute. Natürlich haben die einander gewogenen Paare vorher irgendein Erkennungszeichen vereinbart.

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In vielen Gegenden besteht auch die Sitte, daß der Pope bei Beginn des Frühlings die Häuser, Ställe, Scheunen, Wiesen und Äcker segnet, um dadurch die bösen Geister zu vertreiben, die etwa beim Aufbrechen des Eises aus dem Wasser auftauchen und sich an den genannten Orten einnisten könnten. Die Furcht vor Hexen, Teufeln, Zauberern und anderen übelwollenden Wesen ist unter allen Slawenvölkern sehr verbreitet; sie kommt in zahlreichen abergläubischen Vorstellungen und Handlungen bei wichtigen Lebensereignissen zum Ausdruck, hauptsächlich aber bei der Geburt eines neuen Weltbürgers.

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Phot. Newton & Co.

Abb. 415. Serbische Braut im Hochzeitstaat,

neben ihr der Priester in vollem Ornat. Der Brautkranz ist aus Basilikum gewunden, das bei der Landbevölkerung als heilig gilt.

Während der Entbindung klopft im Gouvernement Wilna die Hebamme mit einem Besen an die Zimmerdecke. Früher war es in ganz Rußland allgemein üblich, einen Besen in einen Winkel der Stube zu stellen; man glaubte dadurch die Wöchnerin und ihr Kind gegen böse Geister zu schützen, diese sollten damit gleichsam hinausgekehrt werden. Jetzt noch pflegt man bei einer Geburt alles im Hause zu lösen, also auch alle Knoten. Bei den Weißrussen nimmt man aus diesem Grunde der Kreißenden sogar die Finger- und Ohrringe ab — sie sind auch etwas Gebundenes, Geschlossenes — und öffnet vor Beginn der Geburt alle Kästen, Schübe und selbst die Ofentüren, weil auch alles Verschlossene geöffnet werden muß; die Kreißende selbst ruft durch Klopfen mit der Ferse auf die Schwelle des Zimmers die Ahnengeister, deren Sitz dort angenommen wird, zu ihrem Beistande an.

Wenn das Kind geboren ist, muß man sehr darauf achten, daß es nicht vertauscht wird mit einem sogenannten Wechselbalg, einem mißgestalteten Wesen, das vom Teufel mit einer Hexe erzeugt sein soll. Derartige Wechselbälge sind nach dem Volksglauben dadurch gekennzeichnet, daß sie bis zu ihrem zwölften Lebensjahre weiter nichts tun als essen, trinken, schlafen und schreien, daß sie ferner geistesschwach sind, aber über ungeheure Körperkräfte verfügen und mit Ablauf der ersten zwölf Lebensjahre in den Wald zu entwischen trachten. Gelingt ihnen diese Flucht nicht, so müssen sie zeit ihres Lebens unter den Menschen bleiben; sie werden dann zu bösen Zauberern. Um das eigene Kind wiederzuerhalten, muß man eine heilige Messe lesen lassen, doch darf das entführte Kind bis dahin noch nicht von den Speisen des Waldgeistes genossen haben. Trifft diese Voraussetzung zu, dann bringt der Geist das Kind wieder zurück. Man kann sich der Wechselbälge auch auf andere Weise entledigen, indem man sie mit geweihten Ruten peitscht — auf ihr Geschrei hin bringt die Drude oder der Waldgeist das geraubte Kind dann wieder — oder die Wiege umkehrt, so daß der Balg herausfällt. — Der Aberglaube, daß böse Mächte, die bald Waldfrauen oder Waldgeister, bald Hexen, Druden, Alpe, Nixen, Zwerge, Unterirdische und ähnlich heißen, darauf ausgehen, ihre eigene Brut gegen Menschenkinder auszutauschen, hat sich besonders bei den Slawen bis in unsere Tage herein unerschüttert erhalten. Als einem solchen Tausch am meisten ausgesetzt gilt die Stunde des Ave-Maria. Man schützt die Wöchnerin und ihr Kind gegen die Belästigungen von seiten der bösen Geister, indem man das Kind möglichst schnell taufen läßt oder wenigstens den Segen über dasselbe ausspricht, ein Gesangbuch unter sein Kopfkissen steckt, einen hölzernen Hammer und einen Besen kreuzweise unter sein Bett legt, und durch andere derartige Maßnahmen. Auch darf die Frau ihr Kind niemals ohne Aufsicht lassen; daher versammeln sich bei den Südslawen Bekannte und Verwandte sofort nach der Geburt im Hause der Wöchnerin und bleiben stets um sie, wobei sie einander durch Erzählen und Singen die Zeit vertreiben.

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Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 416. Schwerttanz der Serben (Kolo).

Er wird nur von den jungen Mädchen aufgeführt, die einander bei der Hand fassen und im Kreise tanzen. Die Vortänzerin trägt Helm und Küraß und schwingt ein Schwert, eine andere Tänzerin eine Lanze.

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Phot. P. Postel.

Abb. 417. Der Korowaj oder Hochzeitskuchen

wird zum Hause der Braut getragen. Hier überreicht der Starost den Kuchen, auf den man ein Bäumchen mit Lichtern gesteckt hat, dem Brautpaar mit einer Ansprache.

Auch der böse Blick wird von den Slawen für kleine Kinder sehr gefürchtet. Als bestes Schutzmittel dagegen gelten Kohlen. In der Ukraine achtet man darauf, daß kein Besucher und selbst nicht einmal die Angehörigen sich über das gute Aussehen des Kindes äußern, ohne eine Zauber- oder Verwünschungsformel herzusagen und gleichzeitig dreimal auszuspucken. In Serbien besteht der Aberglaube, daß man beim Herausnehmen des Kindchens aus seinem Bett dreimal über dasselbe spucken müsse. — Die Mutter pflegt auch mancherlei zeremonielle Handlungen an dem Kinde vorzunehmen, um es vor bestimmten Krankheiten zu schützen oder für seinen künftigen Beruf brauchbar zu machen. So muß sie bei den Serben das erste Brot, das sie ißt, mit den Zähnen abreißen, damit das Kind bald selbständig zu essen anfange, bei den Polen Oberschlesiens in den ersten sechs Wochen ihrem Kinde vor dem Baden den Rücken abreiben und dreimal auf den Ofen spucken, um ihren Liebling vor Schwindsucht zu schützen, bei den Tschechen das Badewasser von Knaben den Pferden, das von Mädchen den Kühen zu trinken geben, damit die Kinder später einmal mit diesen Tieren gut umgehen; bei den Ruthenen Galiziens darf die Mutter die Wäsche der Tochter nicht mit einem Waschholz klopfen, damit diese nicht später in der Ehe von ihrem Gatten Schläge bekomme, und was derlei Gebräuche mehr sind.

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Phot. P. Postel.

Abb. 418. Korowaj oder Hochzeitskuchen der Ruthenen.

Vor der Hochzeit werden Freunde und Verwandte eingeladen, um beim Backen der erforderlichen großen Menge Kuchen zu helfen. Dabei werden eigens für diese Gelegenheit übliche Lieder gesungen.

Für die heranwachsende Jugend beider Geschlechter bieten sich viele Gelegenheiten zusammenzukommen und miteinander anzuknüpfen; so die zahlreichen Feste mit ihren Lustbarkeiten, von denen wir oben bereits sprachen, vor allem auch die Reigentänze, bei denen meistens die ungezügelte Leidenschaft zum Durchbruch kommt, sowie die Zeiten des Pilz- und Beerensammelns in den Wäldern. Da die sittlichen Anschauungen beim russischen Landvolk (und nicht minder bei der vornehmen Stadtbevölkerung) ziemlich lax sind, so feiert die Liebe in diesen „Nächten des Rausches“, wie sie heißen, ihre Orgien, aber selten führt dies zu einer festen Verbindung. Denn die Ehe ist nach Ansicht des russischen Bauern weniger eine Sache der Neigung als vielmehr ein richtiges Kaufgeschäft; bei dem patriarchalischen Zusammenleben in einer großen Familie erwartet der Vater, daß sein Sohn ihm eine tüchtige, gesunde, leistungsfähige Frau als Arbeitskraft zuführt. Bis in die Neuzeit herein gab es in verschiedenen Gegenden Rußlands noch wirkliche Heiratsmärkte, auf denen die jungen Männer die auf dem Markte oder dem Kirchplatz aufgestellten Mädchen in Augenschein nahmen und die ihnen passend erscheinenden aussuchten. Heutzutage ist diese Sitte, die sich übrigens auch bei anderen slawischen Stämmen findet, mehr und mehr in Abnahme gekommen. Jetzt kommt vielmehr eine Heirat meistens durch eine gewerbsmäßige Vermittlerin, die Svacha, zustande. Mit den Worten: „Wir haben einen Käufer, ihr eine Ware; wollt ihr nicht eure Ware verkaufen?“ findet sich die Svacha im Hause der Eltern der Zukünftigen ein und fängt ein regelrechtes Feilschen um den Kaufpreis an, der nicht allein in Geld, sondern auch in Pelzwerk, Stiefeln, Branntwein, Fleisch, Getreide und anderen Gegenständen besteht. Wenn man sich endlich auch über den Tag der Hochzeit geeinigt hat — die Vermittlerin spielt gleichzeitig die Rolle einer Wahrsagerin, die aus den Karten einen für die Ehe glückbringenden Tag herausliest — wird der Handel durch Handschlag und ein sich daran anschließendes Zechgelage festgemacht. Das Volk nennt dies „die Braut vertrinken“. Die Verlobung (Abb. 399) ist sodann eine recht feierliche Handlung, bei der der Bräutigam seiner Auserwählten neben Brot, Salz und Mandelkuchen noch einen mit Türkisen besetzten Ring überreicht. Dieses Unterpfand der versprochenen Ehe wird von der Braut und ihrer Familie in hohen Ehren gehalten und gleichsam als Erbstück aufbewahrt, darf aber nie wieder zu demselben Zweck benutzt werden.

Schon acht Tage nach der Verlobung (hierzu die farbige Kunstbeilage sowie Abb. 422) findet die Hochzeit (Abb. 412, 417 und 418) statt, die, obwohl die Ehe eigentlich eine rein geschäftliche Sache ist, doch sehr festlich begangen wird und große Kosten verursacht, denn die Eltern halten darauf, daß die Tochter bei der Trauung möglichst kostbare Gewänder trage; diese selbst pflegt außerdem meistens noch der Jungfrau Maria der Kirche, in deren Bezirk sie wohnt oder die Trauung stattfindet, ein neues, prächtig besticktes Gewand darzubringen. In Südrußland erhält der Pope von ihr ein paar schneeweiße Tauben als Geschenk. Die kurze Zeit bis zur Hochzeit muß die Braut damit zubringen, mehrmals am Tage ihr grausames Geschick, das sie aus dem Hause der Eltern entführt und zwingt, „einem fremden Fremdling aus der Fremde“ zu folgen, mit Tränen und wehmütigen Liedern zu beklagen; Freundinnen und Verwandte wachen dabei streng darüber, daß sie dies auch in gehöriger Weise tue. Am „Jungfernabend“, der etwa unserem Polterabend entspricht, finden sich die Freundinnen der Braut ein. Diese löst ihren Zopf auf, der das Abzeichen des unverheirateten Mädchens ist, und schmückt mit den Bändern und Blumen aus ihrem Haar eine ihrer Freundinnen, meistens ihre jüngere Schwester, worauf diese sie ins Bad begleiten. Nach dem Bade setzen die Freundinnen ihren ganzen Stolz darein, der Braut das Haar wieder recht schön in Ordnung zu bringen und sie aufs beste herauszuputzen, wobei sie Lieder von der Liebe und dem Eheglück singen.

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Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 419. Eine russische Troika.

Von den drei Pferden, die vorgespannt sind, wird das in der Mitte an zwei, die an der Seite an je einem Zügel gelenkt. Das Mittelpferd läuft im Trab, die Seitenpferde im Galopp.

Am Hochzeitstage erwartet die Braut verhüllten Hauptes unter Absingung von Klageliedern ihren Zukünftigen. Wenn sich der Zug des Bräutigams nähert, öffnet der Brautvater die bis dahin verrammelte Tür. Ehe man aber die Gäste hereinläßt, spielen sich noch lustige Gespräche zwischen ihnen und dem Druzka (dem „Freundchen“) ab, einer Art Witzbold, der auf keiner Hochzeit fehlen darf; namentlich gibt dieser Rätsel zum Raten auf, die unter dem russischen Volke sehr beliebt sind. Der Bräutigam und der Brautvater müssen darauf ihren Platz neben der Braut sich durch Geldstücke erkaufen. Dann erst findet die Bewirtung der Gäste statt, bei der die Braut den „fremden Fremdling aus der Fremde“ noch einmal fragt, wie er heiße und woher er stamme. Ehe man sich zur Kirche begibt, wirft sich die Braut noch vor ihren Eltern auf die Knie, bittet sie um Verzeihung für alle ihnen bereitete Sorge und küßt sie sowie die Heiligenbilder. Sie bleibt noch immer verschleiert, bis ihr in der Kirche bei der Trauung, einer langatmigen, aber sehr anziehenden Zeremonie, bei der unter anderem wieder die Heiligenbilder geküßt werden, die Brautleute dreimal um den Altar herumgehen und so fort, der Schleier endlich abgenommen wird. Gleichzeitig spielt sich hier auch die Haubung ab, das heißt der lange Zopf wird in zwei kleinere geflochten und der Neuvermählten das Abzeichen der verheirateten Frau angelegt. Darauf begibt sich der Hochzeitszug, meistens zu Pferde, nach dem Hause des jungen Ehemanns. Hier wird das junge Paar von den Eltern mit Salz und Brot empfangen, womit der Wunsch angedeutet werden soll, daß es in dem neuen Haushalt nie an dem Nötigsten zum Leben fehlen möge. — Bei den Weißrussen müssen beide Eheleute nach der Rückkehr aus der Kirche, wie schon vorher beim Verlassen des elterlichen Hauses, über einen brennenden Scheiterhaufen reiten oder fahren, in den sie einige kleine Münzen werfen; offenbar soll damit ein Reinigungsopfer angedeutet werden und zugleich eine Abwehrmaßnahme gegen böse Geister, die dem jungen Paare etwa folgen könnten. — In Bosnien macht die junge Frau im neuen Heim drei feierliche Verbeugungen vor der Türschwelle, küßt diese und opfert einige Silbermünzen; die Schwelle wird, wie schon oben erwähnt, als der Sitz der Ahnen aufgefaßt. — Vielfach fährt die Hochzeitsgesellschaft in flottem Trabe von der Kirche heim; das für Rußland bezeichnende Fahrzeug ist das Dreigespann, die Troika (Abb. 419).

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Phot. C. Chusseau-Flaviens.

Abb. 420. Serben bei der Hora, einem ihrer Nationaltänze.

Männer und Frauen sind in Landestracht; die verheirateten Frauen tragen einen Nackenschleier.

Bei dem nun stattfindenden Gastmahl geht es hoch her, und besonders wird dem Wodka gut zugesprochen. Die Eheleute werden gegen Abend von der Svacha und den Brautführern ins Hochzeitsgemach geleitet, wo die Frau dem Manne feierlich die Schuhe auszieht. Die Gäste feiern indessen mit Essen und Trinken weiter und fahren darin am nächsten Tage an dem „Fürstentisch“ fort, dem Gastmahl, das die Neuvermählten ihnen geben. Bei dieser Gelegenheit findet unter den Verwandten ein allgemeines Abküssen statt. In einzelnen Teilen des Reiches ist es Sitte, daß man bei der Hochzeit alle Türen, Fenster und selbst den Schornstein geschlossen hält, um den bösen Geistern den Zutritt zu verwehren.

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Phot. Nevin O. Winter.

Abb. 421. Szene vom russischen Erntefest.

Der Gutsherr verteilt an die Dorfmädchen Dornenkronen.

Neben dieser legitimen Erwerbung der Braut kennt das Landvolk in Rußland noch die Raubehe. Haben sich die beiden Liebenden zur Flucht verabredet und den Popen durch Geld bestochen, daß er sie traue, so wählen sie eine dunkle Nacht zu ihrem Vorhaben aus; möglichst schnell suchen sie die nächste Kirche zu erreichen, wo dann die Trauung stattfindet, die nach dem Gesetz unanfechtbar ist. Für gewöhnlich glückt ihnen dies, worauf am nächsten Morgen die Neuvermählten ihre Eltern aufsuchen, um sich vor ihnen auf den Boden zu werfen und ihre Verzeihung zu erbitten. Diese bestrafen die beiden Ungehorsamen zunächst wohl durch Bearbeitung mit Peitsche und Ofengabel für ihr Vergehen, lassen sich dann aber doch versöhnlich stimmen und bewirten schließlich das junge Paar. Sollte aber die Sache ruchbar werden, bevor die Fliehenden das nächste Kirchdorf erreicht haben, dann machen sich der Vater der Braut und ihre übrigen Angehörigen auf die Verfolgung; holt man die Flüchtigen ein, dann versucht man die Braut „herauszuhauen“, wobei es selten ohne Blutvergießen abgeht.

Bei den Serben geht der Vater eines Jünglings, der sich verheiraten will, mit zwei Personen, meist Verwandten, auf die Freite. Sie bringen einen flachen, weichen Kuchen und einen Strauß Blumen mit; einer von ihnen ist auch mit einer Flinte oder Pistole ausgestattet, um das freudige Ereignis, wie es bei den Slawen vielfach Sitte ist, sogleich mit Schießen zu feiern. Die Brautwerber richten es so ein, daß sie zum Abendbrot dableiben. Während des Essens setzt einer von ihnen in passender Weise den Grund ihres Besuches auseinander. Darauf bringt der Vater des jungen Mannes den mitgebrachten Kuchen zum Vorschein und legt ihn auf den Tisch, daneben den Blumenstrauß und etwas Geld. Der Vater des Mädchens geht hinaus, um sich angeblich mit seiner Frau und Tochter zu besprechen, meistens haben aber schon vorher Unterredungen darüber zwischen ihnen stattgefunden. Nach einem Weilchen kehrt er zurück, gefolgt von seiner durch einen ihrer Brüder oder nächsten männlichen Verwandten hereingeführten Tochter. Diese geht zuerst zu ihrem zukünftigen Schwiegervater, verbeugt sich vor dem Tisch und küßt jenem die rechte Hand, worauf sie gegenüber den anderen Anwesenden ebenso verfährt. Darauf händigt ihr der Vater des Bewerbers den Blumenstrauß nebst den Münzen aus, indem er zugleich seinen Glückwunsch darbringt. Das Mädchen verbeugt sich zum Dank noch einmal vor ihm und küßt ihm wieder die Hand. Von diesem Augenblick an gilt es für die Verlobte des jungen Mannes. Schließlich legt der Schwiegervater noch ein Geldstück auf den Kuchen, das gleichsam den Brautpreis („das Geschenk für das Haus“) versinnbildlichen soll.

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Verlag von R. Promberger, Olmütz.

Braut und Bräutigam aus Wltschnov bei Ungarisch-Brod.

Nach Aquarellen von M. Gardavski.

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Phot. P. Postel.

Abb. 422. Ruthenisches Brautpaar (Tyszkowce bei Horodenka).

Die Kopfbedeckungen sind mit einem Kranz aus vergoldeten Immergrünblättern und vier Troddeln aus roter Wolle geschmückt.

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Phot. The Exclusive News Agency.

Abb. 423. Szene von einer russischen Totenfeier.

Die Angehörigen und näheren Bekannten haben sich zum Totenmahl vereinigt.

Bei der serbischen Hochzeit spielen drei Personen eine große Rolle. In erster Linie der Koom; er ist der hauptsächlichste Brautzeuge, für gewöhnlich der Sohn oder der nächste Verwandte des Mannes, der bei der Hochzeit der Eltern des Bräutigams dasselbe Amt versah. Die zweitwichtigste Person ist der Stavri svat, dem gleichsam die Aufgabe des Zeremonienmeisters zufällt. Als dritter endlich wirkt der Dever oder Führer der Braut mit, der als ihr besonderer Beschützer für diesen Tag ihr niemals von der Seite weicht. Nachdem sich die Hochzeitsgäste (Abb. 424) im Hause des Bräutigams versammelt haben, begeben sie sich zur Wohnung der Braut, und zwar für gewöhnlich zu Pferde. Voran reitet ein Mann mit einem großen Holzgefäß, das Rotwein enthält; er muß davon jedem, der ihm unterwegs begegnet, zu trinken geben. Außerdem ist er der Spaßmacher auf der Hochzeit. Ihm folgen auf einem Wagen die Brautjungfern mit den Hochzeitsgeschenken. Weiter schließt sich der Bräutigam an und endlich die lange Reihe der Gäste. Öfters stellen sich die Nachbarn mit Stangen und gekreuzten Schwertern dem Brautzug entgegen; da die Hochzeitsgäste trotz dieses Hindernisses weiterzukommen versuchen, entspinnt sich ein heißer Scheinkampf (Überreste der Raubehe), der erst beigelegt wird, wenn den Nachbarn Sühne gezahlt wurde. Wenn der Hochzeitszug endlich vor dem Hause der Braut eingetroffen ist, werden zunächst nur die Männer an den reichbesetzten Tisch geführt, während die Weiber die Braut ankleiden. Ist dies geschehen, dann wird sie von dem Bruder oder nächsten männlichen Verwandten zu dem Koom und dem Stavri geführt, deren Hände sie zu küssen hat, und darauf in die Küche, wo gegenüber dem brennenden Herd ihre Eltern Platz genommen haben. Sie wirft sich hier vor dem Herd auf die Erde, küßt diese oder die Herdsteine, verbeugt sich dann vor den Eltern, küßt ihnen die Hände und empfängt dafür ihren Segen. Darauf geht man in die Kirche zur Trauung (Abb. 415) und von dort nach dem Hause des jungen Gatten. Hier muß die junge Frau, wenn sie vom Wagen gestiegen ist, zunächst über einen Sack Hafer, einen Pflug und schließlich über die Türschwelle schreiten, sodann wird sie von einer Frau begrüßt, die ihr ein kleines Kind hinhält, das sie möglichst hoch aufheben und küssen muß. Dann erst darf sie ihr neues Heim betreten. Die Eltern des angetrauten Gatten empfangen sie in der Küche, wo sie sich gegenüber dem Herdfeuer niedergelassen haben. Nachdem sie auch deren Hände geküßt hat, führt die Schwiegermutter sie dreimal um den neuen Herd herum und gibt ihr in die Hand eine Schaufel, mit der sie die auf dem Herde brennenden Kohlen auf einen Haufen zusammenfegen muß. Damit sind die eigentlichen Hochzeitszeremonien erledigt; es beginnt darauf Schmausen, Trinken und Tanzen der Festgäste.

Ähnlich wie bei den Serben sind die Hochzeitsgebräuche mit geringen Abweichungen auch bei den Bulgaren. Hier begegnet man noch der eigentümlichen Sitte, daß die jung Verheirateten für eine Woche in ihrem eigenen Hause eingeschlossen werden, während deren niemand sie besuchen darf. Nach Ablauf dieser Zeit kommen die verheirateten Frauen und führen die junge Frau an den Dorfbrunnen oder zu einer Quelle, um die sie dreimal herumgehen muß, offenbar ein Fruchtbarkeitsritus, wie ihn die Volkskunde auch in Europa noch verschiedentlich nachgewiesen hat. Bei den Bulgaren Mazedoniens geht die Trauung durch den Priester vor einem eigenartig anmutenden Altare vor sich, nämlich einem Weinfaß, das auf einem Kuchen steht. Die Brautleute trinken bei der Trauung geweihten Wein aus einem Glase und gehen dreimal um diesen sonderbaren Altar herum, während die Gäste sie mit Süßigkeiten und Früchten bewerfen. Bei ihrer Ankunft im neuen Heim bestreicht die junge Frau alle Schwellen, die sie im Hause zu überschreiten hat, mit Honig, was gewiß auch als Überrest eines Opfers an die Ahnen aufzufassen ist. Schmaus, Tanz und Gesang machen auch hier einen wichtigen Bestandteil der Hochzeitsfeier aus (Abb. 425).

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Phot. Newton & Co.

Abb. 424. Hochzeitszug bei den Serben.

An einer Hochzeit pflegt das ganze Dorf Anteil zu nehmen.

Mit den angeführten Beispielen sind die Hochzeitsgebräuche unter den slawischen Völkern (siehe die Kunstbeilage) bei weitem nicht erschöpft; man könnte über sie ein ganzes Buch schreiben, so verschieden untereinander und vielseitig sind sie bei diesen Völkern. Es soll nur noch kurz die Schilderung einer Hochzeit bei den Huzulen, einem Ruthenenstamm, gegeben werden, da die Gebräuche hierbei ganz besonders fremdartig anmuten. Der Bräutigam trägt während der Trauung einen Kranz, den man unter großer Feierlichkeit auf seiner Mütze befestigt hat. Er besteht aus Immergrünblättern und ist mit Flittergold und Münzen verziert; auch Knoblauch darf darin nicht fehlen, der wegen seines scharfen Geruchs als vorzügliches Abwehrmittel gegen alles Böse in hoher Gunst steht. In dem Brautkranz der Huzulin muß stets die Nadel stecken bleiben, mit der er zusammengenäht wurde. Als weiteres Schmuckstück tragen Braut und Bräutigam um den linken Arm einen großen Ring aus Käse. Nach der Trauung reitet die Braut mit ihrem Gefolge im Galopp nach ihrem Heim zurück, während der Bräutigam mit seinen Gefährten absichtlich etwas zurückbleibt. Erst wenn mit der jungen Frau zu Hause noch bestimmte Zeremonien vorgenommen worden sind, findet sich der junge Ehemann bei ihr ein. Seine Ankunft kündet er dadurch an, daß er seiner Gattin seinen Käsering hineinschickt. Diese erwidert die Aufmerksamkeit, indem sie dem Harrenden den ihrigen hinaussendet; hierauf erst nehmen die Festlichkeiten ihren Fortgang. Wenn die Braut das elterliche Haus verläßt, um zur Kirche zu reiten, gießt man ein Glas Wasser aus, damit „das Glück wie das Wasser komme“, eine Sitte, die ebenfalls als eine Schutzmaßregel gegen böse Geister aufzufassen ist.

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Phot. J. Brocherel.

Abb. 425. Bulgarischer Volkstanz.

Er ähnelt der Hora der Serben, aber mit dem Unterschied, daß der Kreis nicht geschlossen wird und daß jeder Teilnehmer die Hände kreuzweise seinem übernächsten Nachbar reicht.

Die Toten- und Begräbnisgebräuche bei den Slawen bieten wenig Eigentümlichkeiten. Bei den Balkanslawen trifft man die Vorbereitungen für das Begräbnis öfters lange vorher selbst; so besorgt man sich schon bei Lebzeiten seinen Sarg, schafft die Totenkleider an, die Taschentücher, die bei der Beisetzung an die Teilnehmer verteilt, sowie die Wachskerzen, die dabei angezündet werden sollen; auch stellt man ein Fäßchen des Nationalgetränkes bereit, das von dem Trauergefolge für das „Seelenheil“ getrunken werden soll. — Naht die letzte Stunde, so versammelt der Sterbende alle Verwandten und Freunde um sich und bittet jeden von ihnen um Verzeihung; man antwortet ihm darauf mit der stehenden Redensart: „Möge dir alles in dieser und in jener Welt vergeben sein.“ Hat der Betreffende dann seinen letzten Atemzug getan, dann öffnet man sofort die Fenster, damit die Seele davonfliegen könne. Der nächste Angehörige, meistens das Lieblingskind, drückt dem Verstorbenen die Augen zu. Die Frauen lösen darauf ihr Haar auf und lassen es weit über den Nacken hinunterfallen; ferner beginnen sie um den Toten ein Jammergeschrei zu erheben, das sie auch während des Begräbnisses und bei jedem späteren Besuch des Grabes wiederholen. Ihre Wehklage weist einen bestimmten Rhythmus auf und nimmt vielfach die Form von Fragen an den Verstorbenen an. So rufen sie ihm zu: „Was sollen wir jetzt tun, nachdem du uns verlassen hast? Was denkst du, daß aus unserer Familie jetzt wird? Werde ich nie mehr deine Stimme hören?“ und so fort. Solange die Leiche im Hause liegt, dürfen bei den Balkanslawen die Angehörigen keine Speisen zu sich nehmen. Man stellt in dem Sterbezimmer Salz, Brot und ein Glas Wein auf, weil man glaubt, daß der Tote noch eine Zeitlang im Hause weile und der Nahrung benötige.

Der Leichenzug (Abb. 426) wird durch Knaben eröffnet, die das heilige Kreuz und kirchliche Banner tragen; darauf folgen andere mit großen Mulden, die Eßwaren, und zwar vor allem Kolliva, enthalten. Ihnen schließt sich die Geistlichkeit in vollem Ornat unmittelbar vor dem Sarge an, der nicht zugedeckt, sondern offen getragen wird, so daß man den Toten in halbsitzender Stellung sehen kann. Hinter dem Sarge folgen darin endlich die Angehörigen, Freunde und Bekannten. Die Weiber singen, während der Zug in Bewegung ist, Klagelieder. Bei den Serben pflegt man sich auf dem Wege nach dem Kirchhof nicht umzusehen, wie man auch auf dem Heimwege nicht rückwärts blicken darf; man fürchtet, daß sonst leicht ein zweiter Todesfall eintreten könne. Auf dem Friedhof spricht der Priester den Segen und gießt bei den Balkanslawen über den Toten eine Mischung von Rotwein und Olivenöl in Form eines Kreuzes aus, worauf der Sarg versenkt wird. Auf dem Heimwege sucht man, wenn möglich, einen anderen Weg zu gehen. Zu Hause angelangt, waschen sich alle Teilnehmer an dem Begräbnis die Hände. Außerdem nehmen sie von einer Schippe, die ihnen ein junger Mensch hinhält, ein Stückchen glühender Kohle, lassen es von einer Hand in die andere gehen und werfen es schließlich über die linke Schulter hinter sich. Auf dem Lande schließt sich hieran noch ein wirkliches Festmahl (Abbildung 423), bei dem jeder ein paar Tropfen Wein „für die Seele des Toten“ ausgießt. In den Städten verteilt man an die Armen und Bettler Speisen, Kuchen und Geld, sowohl auf dem Friedhof wie auch zu Hause. Nach dem Begräbnis wird das Haus ausgekehrt. Den dazu benutzten Besen wirft man weg; er darf nie wieder ins Haus kommen, da sonst Unglück zu befürchten wäre.

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Phot. W. Szuchie.

Abb. 426. Ruthenisches Begräbnis.

Der Sarg wird von sechs Ochsen zum Friedhof gefahren.

Die Trauer der Frauen dauert ein Jahr; währenddessen dürfen sie weder singen noch Schmucksachen tragen, auch sich nicht mit Blumen putzen. An bestimmten Tagen des Jahres gibt es Erinnerungsfeste an die Verstorbenen, die stets auf den Sonnabend fallen und daher „Seelensabbate“ heißen. An ihnen strömt das Volk auf die Friedhöfe zum Besuch seiner Toten, und die Priester sprechen Gebete für sie. — Sieben Jahre nach dem Tode pflegt man das Grab zu öffnen, die Gebeine herauszunehmen und in einem kleineren Sarge endgültig beizusetzen. Große Bedeutung wird dabei der Beschaffenheit der Leichenreste beigelegt; sind sie vollständig in Verwesung übergegangen, so daß nur noch die Knochen übriggeblieben sind, dann gilt dies für ein sicheres Zeichen, daß dem Verstorbenen seine Sünden vergeben sind und seine Seele in Frieden ruht.

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Phot. Weinberg.

Abb. 427. Das Schlachten von Hämmeln,

ein religiöser Weiheakt bei den Türken.

Die nichtslawischen Balkanvölker.

Man versteht unter den nichtslawischen Balkanvölkern die Türken oder Osmanli einerseits und die Griechen, Rumänen und Albanier anderseits. Die ersteren gehören der finnisch-ugrischen Menschenrasse an, sind daher Verwandte der Ungarn und Finnen und stammen, wie man annimmt, aus Nordasien her, die letzteren, wohl ursprünglich Vertreter des nordischen Typus, wanderten bereits in der Vorzeit aus Nordeuropa in die von ihnen heutzutage eingenommenen Gebiete ein und vermischten sich zuerst mit den hier ansässigen Stämmen, wahrscheinlich Angehörigen der mittelländischen Rasse, später mit hinzugewanderten slawischen und türkischen Elementen. Von einem einheitlichen anthropologischen Typus kann daher weder bei diesen, noch bei jenen die Rede sein, denn auch die Türken haben auf ihren langen Wanderungen durch Mittelasien und Südrußland, wo überdies zu der Zeit ihrer Durchquerung Mischvölker schon ziemlich stark vertreten waren, viel fremdes Blut in sich aufgenommen, wozu nicht wenig die Erlaubnis der Lehre Mohammeds beigetragen hat, daß ihre Anhänger sich außer den erlaubten vier rechtmäßigen Gattinnen noch eine beliebige Zahl Sklavinnen halten dürfen, die man den unterjochten Völkern denn auch in reichlicher Menge entnahm. Die Türken haben annähernd vier Jahrhunderte den ganzen Balkan beherrscht und daher großen Einfluß auf die Rassenmischung dieser Völker sowie deren Kulturverhältnisse ausgeübt, anderseits aber auch selbst sehr viel von den Sitten und Gebräuchen dieser angenommen.

Die Kleidung der Türken (Abb. 428) ist eine ziemlich einförmige; sie besteht aus einem langen, kaftanähnlichen Rock, Pluderhosen und einem Fes, der bei festlichen Gelegenheiten mit einem weißen Turban vertauscht wird; dieser ist bei Mekkapilgern mit Gold durchwirkt und bei den Geistlichen, den Hodscha, mit einer purpurroten Verbrämung versehen. Die Türkinnen sind gekennzeichnet durch weite Pluderhosen, seidenes Hemd, gestickte Jacke, gelbe Schuhe und Verschleierung des Gesichts (Abb. 429). Die letztere dürfte kaum auf religiöse Vorschriften zurückzuführen sein — im Koran findet sich keine Stelle, die man in diesem Sinne auslegen könnte, und außerdem trugen die Frauen der Türken bereits lange vor Mohammed ihr Gesicht verschleiert —, sondern wahrscheinlich mit der Sitte der Türko-Tataren zusammenhängen, sich der Frauen durch Raub zu bemächtigen. Da man wohl nur solche Frauen raubte, die einem gefielen, dabei aber Gefahr lief, daß sie auch den Beifall anderer finden möchten, die stärker waren und sie wieder wegnehmen konnten, verfiel man auf den Gedanken, das Gesicht der geraubten Frauen zu verhüllen, um dadurch ein Urteil über ihr Aussehen unmöglich zu machen und ihrer Entführung vorzubeugen. Die Gewohnheit hat sich im Laufe der Zeiten fortgeerbt, scheint aber dank der modernen Reformbewegung auf dem Wege zu sein, mehr und mehr abzukommen.

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Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 428. Türken vor einem Kaffeehaus beim Rauchen des Nargileh,

einer Tabakpfeife, bei der der Rauch, bevor er in den Mund genommen wird, durch ein Gefäß mit Wasser zieht.

Die Nationaltracht der Griechen (Abb. 431) ist den Albaniern (Abb. 430) entlehnt. Sie besteht aus einem Hemd mit weiten, fliegenden Ärmeln, kurzen Beinkleidern, reichbestickter, blauer oder roter, ärmelloser Jacke und dem typischen weißen, in Falten gelegten Röckchen von ähnlicher Form, wie es unsere Ballettmädchen tragen, der sogenannten Fustanella, deren Bund ein Ledergurt umschließt; an ihm werden Patronentasche und Waffen getragen. Dazu kommen noch lange rote Gamaschen, rote Schnabelschuhe mit einem Knauf an der Spitze und ein hoher roter Fes mit lang herabhängender Quaste. Die Frauen (Abbildung 434) tragen ein langes Hemd mit tiefsitzendem Gürtel und darüber einen kurzen, weißen, wollenen Rock; die unteren Enden der Ärmel sind reich bestickt. Das mit Ketten aus aneinandergereihten Münzen geschmückte Haar wird vielfach noch mit einem Fes bedeckt, den ebenfalls eine lange, golddurchwirkte Troddel ziert.

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Phot. Bonfils.

Abb. 429. Verschleierte Türkin.

Für die Volkstracht der Rumänen ist die unter den Armen weit ausgeschnittene Pelzweste bezeichnend, die aus dem mit den Haaren nach innen gekehrten Schaffell hergestellt ist und von Männern und Frauen im Winter sowohl wie auch im Sommer getragen wird. Aus demselben Stoff sind auch die schwarze Pelzjacke und der lange Pelzmantel angefertigt. Auf dem bloßen Leibe tragen beide Geschlechter ein Hemd, das bei den Männern meistens kurz ist, selten bis an die Knie hinabreicht, hierüber die in Querfalten gelegte enge Hose, die um die Hüften von einem wollenen oder ledernen, zur Aufbewahrung von Messer, Geldbeutel, Pfeife und Tabak dienenden Gürtel umschlossen wird. Auf dem Kopfe sitzt die hohe, schwere Lammfellmütze oder ein breitkrempiger Filzhut (Abb. 432.) Das weite Hemd der Frauen, das im Gegensatz zu dem der Männer bis an die Knöchel reicht, pflegt an den Ärmeln und am Halse stets reich bestickt zu sein, ebenso der Rock und die übrigen Kleidungstücke (Abb. 438). Eine Eigentümlichkeit der Rumäninnen ist ihre große Vorliebe für kräftige, leuchtende Farben. Sie kommt besonders in der Foça zum Ausdruck, einem schürzenartigen Hüfttuch, das oft genug auch kostbare Stickereien trägt. Dieses breite Tuch wird ganz eng um den Unterkörper geschlungen, so daß es ihn rockartig umhüllt. Neben der Foça tragen die Rumäninnen noch wirkliche Schürzen, die Fransenschürze und die Catrinta; dies sind schmale Stücke Tuch, die, jedes mit einer besonderen Art von Muster bedeckt, vom Gürtel vorn und hinten herabhängen, so daß die Beine frei bleiben (Abb. 403). — Die Tracht der Albanierin weicht von der rumänischen völlig ab (Abb. 435).

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Mit Erlaubnis von R. Bong, Berlin.

Bojarenhochzeit.

Nach dem Gemälde von C. B. Lebedeff.

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Der Religion nach sind die Türken Anhänger des Islams, und zwar befolgen sie die religiösen Vorschriften äußerst pünktlich (Abb. 427); die übrigen uns hier beschäftigenden Balkanvölker bekennen sich dagegen zum Christentum, vorwiegend griechisch-orthodoxer Richtung. Im großen und ganzen feiern diese die christlichen Feste in ähnlicher Weise, wie dies die Slawen tun.

Bei den Griechen gibt es wie in Rußland eine Wasserweihe am 6. Januar. Schon am Tage vorher gehen die Priester in die Häuser, um Weihwasser und Basilikumzweige zu segnen. Diese balsamische Pflanze gilt allgemein als heilig, da sie der Sage nach aus dem Grabe Christi entsprossen sein soll, woraus sich die Kreuzform ihrer Blätter erklären soll. Es gibt wohl kein Gärtchen im Lande, und sei es noch so ärmlich, in dem man die Pflanze nicht zieht, keinen Strauß, in dem sie nicht vertreten ist. Ein Bündel Basilikumreiser wird in der Stube aufgehängt und als unfehlbares Mittel gegen den bösen Blick hochgeschätzt. Am Vorabend des Erscheinungsfestes (des Tages der Wasserweihe) durchziehen die Kinder mit brennenden Laternen in festlichem Zuge die Straßen des Ortes und singen fromme Lieder. Am nächsten Morgen findet frühzeitig Gottesdienst in den Kirchen statt; am Schlusse desselben sprechen die amtierenden Priester ein Gebet über eine große silberne Urne aus, die Wasser enthält, und segnen ihren Inhalt. Darauf stürzt sich das Volk mit Gläsern auf dieses Gefäß, um etwas von dem geweihten Wasser zu erhaschen und mit nach Hause zu nehmen. Später begibt sich ein Festzug unter Vorantritt der geistlichen Würdenträger in ihren reichverzierten Kirchengewändern zum Hafen, falls es sich um einen Ort an der See oder einem schiffbaren Fluß handelt. Hier hat man einen Raum im Wasser abgegrenzt, in dem sich bereits eine Unmasse von Menschen tummelt. Der oberste Priester wirft das heilige Kreuz in das Wasser, worauf sich ein heftiger Kampf unter den Schwimmern entspinnt, um es aufzufischen und zu bergen. Wem das Glück günstig ist, es zu erhaschen, der darf es durch die ganze Stadt tragen und dabei Gaben sammeln. — Solange die Gewässer nicht eingesegnet sind, verläßt kein Schiffer den Hafen, da man von der Wasserweihe unter anderem auch günstiges Wetter für die Schiffahrt erhofft.

Die verschiedenen Johannestage werden gleichfalls festlich begangen, und zwar ist am volkstümlichsten der Namenstag Johannis des Täufers. Da man in Griechenland nicht seinen wirklichen Geburtstag, sondern den Tag seines Schutzheiligen feiert und viele Leute nach Johannes dem Täufer Yannis genannt werden, so pflegen diese ihren Namenstag gemeinsam zu feiern.

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Abb. 430. Albanier

in seiner eigenartigen Tracht, deren Rock an den der Ballettmädchen erinnert.

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Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 431. Griechischer Bauer

mit kurzem, gefaltetem Rock, roten ledernen Schuhen, roter Jacke und fesähnlicher Kopfbedeckung.

Auf der Insel Korfu wird das Fasten, das im übrigen in Griechenland strenger als sonst in der christlichen Kirche innegehalten wird, am Palmsonntag unterbrochen. An diesem Tage strömt alles vom Lande und den kleinen Orten in die Hauptstadt der Insel, um an der großartigen Prozession ihres Schutzpatrons, des heiligen Spiridion, teilzunehmen, natürlich aufs festlichste geputzt und voller Freude darüber, daß man nach dem langen, schweren Fasten sich zum ersten Male wieder dem Genuß von Speise und Trank hingeben darf. Die Teilnehmer an dem Zuge versammeln sich in der Kirche des Heiligen und ziehen von dort unter dem Donner der Kanonen und dem Schmettern der Trompeten in großartiger Prozession stundenlang durch die Straßen, unterwegs in verschiedenen Kirchen Einkehr haltend. Den Zug eröffnen Fahnenträger und eine lange Reihe Geistlicher in golddurchwirkten Gewändern, zahlreiche Schüler, alle in Uniform, und Soldaten; sämtliche Teilnehmer tragen geweihte Kerzen in den Händen. Ihnen schließt sich wiederum eine große Zahl von Priestern an, in ihrer Mitte der ehrwürdige Patriarch mit einer goldenen Krone auf dem weißen Haupte; in den Pausen, die die Musik macht, murmeln alle Gebete. Unmittelbar hinter dem Patriarchen folgt die Hauptsache des Zuges, der heilige Spiridion in eigener Person, das heißt seine wohlerhaltene Mumie. Sie ruht in einem innen mit Purpur ausgeschlagenen Glaskasten mit durchbrochenem Goldrahmen und wird von vier Priestern wie eine Sänfte getragen. Mit dieser Reliquie hat es eine eigene Bewandtnis. Sie gehört nämlich merkwürdigerweise nicht der Kirche, sondern ist Eigentum der korfiotischen Familie Bulgaris, die sie ihrerseits dadurch erworben hat, daß vorzeiten ein Bulgaris mit einem jungen Mädchen sich verheiratete, das die Gebeine des heiligen Spiridion als Mitgift erhielt. Für die Familie Bulgaris nun ist der Besitz der Reliquie zu einer dauernden, nicht zu verachtenden Einnahmequelle geworden. Sie hat damit zugleich allerdings die dauernde Verpflichtung übernommen, stets ein Mitglied Priester werden zu lassen, um durch diesen gegen Gebühren die Wohltaten zu vermitteln, die der Heilige bei allen möglichen Unglücks- und Krankheitsfällen spenden soll. Hinter der Mumie und ihren Trägern folgen wiederum zahlreiche Priester und endlich die Volksmenge, die ebenfalls festlich gekleidet ist und Palmzweige in den Händen trägt. Unterwegs drängt sich immer mehr Volk heran, besonders in die nächste Nähe des Heiligen, um durch ihn Erfüllung seiner Wünsche zu erhalten. Mütter lassen ihre kranken Kinder mit den Händchen den Sarg berühren oder legen sie wohl gar auf die Erde an der Stelle, über die der Zug kommen wird, so daß die Träger über sie hinwegschreiten müssen, andere sammeln den Staub an der Stelle, die jene betreten haben, ein oder fangen das Wachs auf, das von den Kerzen neben dem Sarge herabträufelt. — Damit ist übrigens nur eine Auswahl aus der großen Zahl derartiger Gebräuche gegeben.

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Phot. H. H. Johnston.

Abb. 432. Rumänen in Volkstracht.

Die Beinkleider sind aus Wolle oder Hanf, das über sie hinweghängende, durch einen Gürtel zusammengehaltene Hemd aus Leinen angefertigt. Die Jacke ist aus Schafpelz hergestellt, mit der Wolle auf der Innenseite, und außen mit bunten Wollfäden schön bestickt. Eine Lammfellmütze vollendet den Anzug.

Die Feier des griechischen Karfreitags beginnt schon am Abend vorher. Alles strömt dann bereits in die Kirchen, wo neben anderen Feierlichkeiten seidene Gewänder, in die eine Darstellung des im Grabe ruhenden Christus eingestickt ist, auf einer Art Katafalk inmitten des Schiffes ausgestellt und mit zahlreichen Blumenspenden geschmückt werden. — Der Ostersonntag wird auf dieselbe Weise, die schon bei der Darstellung der russischen Gebräuche geschildert wurde, eingeleitet und gefeiert. Die Straßen sind festlich geschmückt, und überall herrscht große Freude, die in allerlei Vergnügungen, namentlich in den Nationaltänzen (Abb. 433, 436 und 442) zum Ausdruck kommt. Auf dem Lande schlachtet jeder Hausvorstand an diesem Tage ein Lamm und bestreicht mit dessen Blut einen der Seitenpfosten an seiner Haustür sowie die obere Schwelle. — Bei den Rumänen besteht die schöne Sitte, daß am Ostermorgen die Frauen der wohlhabenderen Stände die Gefängnisse aufsuchen, um an die Gefangenen kleine runde Kuchen, denen das Kreuz aufgedrückt ist, zu verteilen. Ostern gilt ja auch bei der orthodoxen Kirche allgemein als das Versöhnungsfest. Die ländliche Jugend aber zieht am Osternachmittag in die Eichenwälder, um hier auf dem frischsprossenden Rasen der Waldwiesen das Auferstehungsfest durch ein lustiges Spiel zu feiern. Jedes Mädchen bringt in einem Weidenkörbchen eine Anzahl buntgefärbter Hühnereier mit. Im Walde stellen sich dann Burschen und Mädchen, je in einer Reihe, einander gegenüber auf und beginnen ein Spiel, das Tanz und Ballspiel in sich vereinigt, wozu Fiedel und Dudelsack ihre Weisen ertönen lassen. Die Mädchen werfen tänzelnd den Burschen die bunten, zerbrechlichen Bälle in hohem Bogen zu, wobei sie sowohl im Tanz wie auch beim Werfen eine bewunderungswürdige Geschicklichkeit und Anmut entwickeln. Aber auch die Burschen geben ihnen nichts nach und zeigen ihrerseits eine große Sicherheit im Auffangen, so daß nur selten ein Ei vorbeifliegt. Sind die Körbchen geleert, so beginnt das Spiel von neuem, nur mit dem Unterschied, daß jetzt die Rollen vertauscht werden, die Burschen also den Mädchen die Eier zuwerfen und diese sie auffangen. Auf solche Weise vergnügt man sich bis zum Anbruch des Abends, worauf der nationale Horatanz zu seinem Rechte kommt.

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Phot. Th. Jürgensen, Kiel.

Abb. 433. Tanz der Ewzonen.

Um Weihnachten herum ziehen die Kinder in Griechenland von Haus zu Haus, singen Weihnachtslieder und heimsen dafür allerlei Leckerbissen, wie getrocknete Früchte, Nüsse, Oliven und Eier, ein. In Rumänien gehen sie dabei in ähnlicher Vermummung, wie bei uns an dem Feste der heiligen Drei Könige (Abb. 439). Da während der Adventszeit streng gefastet wird, so tut man sich am Heiligen Abend überall besonders gütlich. — Die Zeit der Zwölften wird in Griechenland besonders gefürchtet, denn in diesen Tagen oder, richtiger gesagt, Nächten steigen nach dem Volksglauben die längst verschwundenen heidnischen Götter wieder aus ihrer Versenkung empor, aber nicht in ihrer einstigen schönen Gestalt, sondern in der abergläubischen Einbildungskraft des Volkes zu tückischen Unholden verzerrt, meistens bocksfüßigen Ungeheuern — Anklänge an den alten Vater Silen —, die in Felshöhlen und Waldschluchten hausen, nachts ihr Unwesen treiben und besonders den Frauen nachstellen. Ganz gefährlich sind sie jungen Müttern; ein Kind, das in der Zeit der Zwölf Nächte geboren wird, ist ihnen rettungslos verfallen, es muß sein ganzes Leben lang nachtwandeln und nach dem Tode „umgehen“. Das Aussprechen eines Heiligennamens oder das Hersagen eines frommen Spruches, auch das Hinhalten eines Kreuzes zur rechten Zeit schlägt die bösen Mächte in die Flucht. Daher erblickt man auch an allen griechischen Haustüren große weiße Kreuze, und am Weihnachtsmorgen segnet der Priester feierlich jede Türschwelle, beräuchert sie und besprengt sie mit Weihwasser. Mit dem Morgen des 6. Januar aber ist die Macht der Unholde für ein Jahr wieder einmal endgültig gebrochen; der dritte Hahnenschrei scheucht alle Dämonen in die ewige Finsternis zurück.

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Abb. 434. Griechin (Athen)

in der Landestracht.

Am Sankt-Basilius-Abend, der unserem Silvesterabend entspricht, ziehen ganze Scharen festlich gekleideter Kinder und Burschen unter fröhlichen Gesängen durch die Straßen und tragen dabei auf Stangen zierliche, mit bunten Bändern geschmückte Reisigbündel, in deren Mitte ein Glöckchen hängt. Vor jedem Hause lassen sie dieses erklingen, singen Lieder zu Ehren des Heiligen und erwarten von der Hausfrau ein kleines Geschenk in Gestalt von Äpfeln, Nüssen, Feigen oder Eiern, wofür sie ihr ein farbiges Seidenbändchen von dem „Strauße“ einhändigen, das ihr Glück bringen soll. In dieser Nacht vergißt wohl keiner, eine Granatfrucht in den Mondschein zu legen und sie am anderen Morgen in der Kirche einsegnen zu lassen. Nach der Rückkehr aus dem Gotteshause schleudert er die Frucht kräftig zu Boden, so daß sie zerspringt, ruft dabei aus: „Möge das Haus so reich an Segen sein wie dieser Granatapfel an Samen!“ und fügt, gleichsam die Hausgeister beschwörend, hinzu: „Ihr aber, Flöhe, Wanzen, Ungeziefer und Unglück aller Art, fliehet und lasset Gesundheit, Glück und Freude herein!“ — Alles, was am ersten Tage des Jahres geschieht, wird als Vorbedeutung für dasselbe ausgelegt. In den Neujahrskuchen, von dem jedes Familienmitglied, selbst der Säugling, ein Stück erhält, bäckt man eine Münze hinein; wem sie mit seinem Stück zuteil wird, der kann auf Glück rechnen. Ein Stück des Kuchens wird für den Hausaltar, das heißt die Heiligenbilder in der Stubenecke, zurückgelegt. Ein Teil von ihm wird den Armen gegeben, die mit großen Körben bettelnd von Haus zu Haus gehen und reichlich beschenkt werden. Jeder sucht einem anderen irgendein Geschenk zu machen, und wäre es auch nur eine wertlose Haselnuß; selbst die Bettler versäumen nicht, von ihrem Almosen an andere abzugeben. Diese Gebefreudigkeit ist sicherlich als ein Rest der strenae der alten Römer zu deuten.

Wie unter allen auf niederer Kulturstufe stehengebliebenen Völkern Europas, so spielt ganz besonders auch bei den Balkanvölkern der Aberglaube noch eine große Rolle. Vor allem der Furcht vor übelgesinnten Mächten und dem bösen Blick begegnet man allenthalben. Für ganz besonders bedroht hält man, wie dies auch bei der Betrachtung anderer südeuropäischer Völker berichtet wurde, schwangere Frauen und neugeborene Kinder.

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Phot. Dr. Träger.

Abb. 435. Albanierin im Brautschmuck.

In Griechenland sind es die Nereiden, die darauf ausgehen, den Frauen, die guter Hoffnung sind, und ihrer Leibesfrucht Schaden zuzufügen, unter anderem auch die Entbindung zu erschweren. Man sucht sich ihrer durch Amulette, bei denen der Jaspis eine große Rolle spielt, zu erwehren. Der Aufenthalt dieser bösen Mächte sind die Platanen oder Pappeln, auch die Quellen, weswegen eine Schwangere solche Stellen meiden muß, sich unter einem solchen Baume nicht aufhalten, neben einer Quelle sich nicht niederlegen darf. Schreitet jemand über eine Schwangere oder über ein neugeborenes Kind hinweg, so ermöglicht er den Nereiden ihre bösen Absichten, bringt jener Unglück und hindert dieses am Wachstum. Man kann dem Schaden dadurch vorbeugen, daß man sogleich wieder zurückschreitet. Der griechische Volksglaube kennt ferner noch andere bösartige Mächte in Gestalt geflügelter, häßlicher alter Weiber, die nachts durch die Lüfte ziehen, in die Häuser kommen, schlafenden Kindern das Blut aussaugen und ihnen sogar schon durch ihren Hauch schaden können. Um die Kinder gegen diese Unwesen zu schützen, legt man ihnen Jaspis in die Wiege, salbt ihnen die Stirn mit geweihtem Öl oder reibt sie mit dem Bodensatz eines Wassergefäßes ein. Gegen den nicht minder gefürchteten bösen Blick muß man das Kind und seine Umgebung ausräuchern, über dasselbe ausspucken oder die Hand mit ausgespreizten Fingern darüber halten, Knoblauch an seiner Wiege befestigen, dem Kinde ein dreieckiges, mit Salz, Kohlen und Knoblauch — diese Pflanze wird als Abwehrmittel gegen allerlei Zauber sehr geschätzt — gefülltes Amulett um den Hals hängen unter gleichzeitigem Hersagen von Verwünschungsformeln, und so fort. Natürlich darf die Wöchnerin in den ersten Wochen ihr Kind nicht aus den Augen lassen, erst recht nicht aus dem Hause gehen; ist sie zu einem Ausgang gezwungen, dann muß sie wenigstens vorher den Hausschlüssel oder einen anderen eisernen Gegenstand berühren. Man behauptet sogar, daß sie in der Zeit, wo sie durch die bösen Mächte gefährdet ist, auch anderen Leuten Unglück bringen könne; daher vermeiden Personen, die einen wirksamen Talisman zu besitzen glauben, damit in die Nähe einer Wöchnerin zu kommen, aus Furcht, derselbe könnte an seiner Kraft Einbuße erleiden. In Albanien machen in den ersten sieben Tagen nach einer Geburt die Nachbarn nachts einen gewaltigen Lärm, einmal, um die bösen Geister zu verscheuchen, und zum anderen, um Mutter und Kind am Einschlafen zu verhindern, da sie im Schlaf jenen leicht zum Opfer fallen könnten. — Außer den bösen Mächten kennt das griechische Volk auch noch wohlgesinnte Göttinnen, die Schicksalsfrauen, drei an der Zahl; sie erscheinen in der dritten Nacht nach einer Geburt, um das Schicksal des Neugeborenen zu bestimmen oder, wie der Ausdruck lautet, „das Glück des Kindes niederzuschreiben“. Man sucht sie natürlich auf alle mögliche Weise gut zu stimmen. Die Rumänen stellen zu diesem Zweck auf den Tisch unter das Heiligenbild allerlei Eßwaren für sie hin. Niemand darf dann in das Zimmer gehen, um nicht zu stören; vielmehr geht jeder in dieser Nacht, wo sie erwartet werden, möglichst frühzeitig zu Bett. Neben die Wiege des Kindes wird eine brennende Kerze gestellt. Selbst die Hofhunde werden für diese Nacht bei den Nachbarsleuten untergebracht, damit sie die Schicksalsgöttinnen durch ihr Gebell nicht verscheuchen. In Mazedonien muß sich unter den dargebrachten Eßwaren ein Honigkuchen befinden, den ein Mädchen gebacken hat, das noch beide Eltern am Leben hat. Dieser Kuchen wird am anderen Morgen an Ort und Stelle an die Hebamme und an Verwandte verteilt. Doch muß man dabei ja darauf achtgeben, daß keine Krume auf die Erde falle; sie könnte möglicherweise in die Hände von übelgesinnten Leuten geraten und Schaden bringen. Die Göttinnen schreiben das Schicksal des Kindes auf seine Stirn; irgendein auffälliges Merkmal oder eine Hautabschürfung an derselben wird als Beweis für diese Niederschrift angesehen.

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Nach H. C. Seppings-Wright.

Abb. 436. Griechischer Volkstanz,

der noch heute an den Tanz der Phäaken bei Homer erinnert.

Die Taufe findet für gewöhnlich am achten oder zehnten Tage nach der Geburt, und zwar meistens an einem Sonntage statt. Dieselbe Person, die bereits bei der Eltern Hochzeit Gevatter stand, pflegt bei der Taufe ihres Kindes das gleiche Amt auszuüben. Das Verhältnis zwischen dem Kinde und seinem Paten ist ein so inniges, daß die Mitglieder der beiderseitigen Familien nicht einmal untereinander heiraten dürfen. Ebensowenig ist es gestattet, daß ein Jüngling und ein Mädchen, die denselben Paten haben, die Ehe miteinander eingehen. — Bei den Rumänen schätzt man den Tag nach der Taufe, an dem das Salböl abgewaschen wird, ebenso hoch wie den Tauftag selbst. In das Bad zur Reinigung von dem Öle pflegt man eine Münze und ein Stück Brot zu werfen, was dem Kinde Glück und Reichtum bringen soll, desgleichen Basilikumkraut, um es begehrenswert zu machen.

Die Werbe- und Hochzeitsgebräuche sind bei allen Balkanvölkern ziemlich dieselben, was nicht wundernehmen wird, da sie alle jahrhundertelang unter der gemeinsamen Herrschaft der Türken gestanden haben. Vor Eingehung der Ehe wird im allgemeinen die materielle Frage erörtert, was indessen nicht ausschließt, daß gelegentlich auch Neigungsheiraten vorkommen. Für gewöhnlich bedient man sich eines Vermittlers, der die wichtige Frage der Mitgift zu regeln hat. Sind die Eltern nicht imstande, alle Kosten zu tragen, so nehmen wohl auch die Brüder des Mädchens einen Teil derselben auf sich. Im allgemeinen bleiben die Söhne so lange ledig, bis alle Schwestern unter die Haube gekommen sind, zumal wenn keine großen Altersunterschiede zwischen Söhnen und Töchtern bestehen. Außerdem ist es Sitte, daß die Töchter der Reihe nach verheiratet werden, so daß eine jüngere keine Ehe eingehen darf, bevor nicht die älteren versorgt sind. Bei der Verlobung werden Ringe zwischen den beiden jungen Leuten gewechselt, während die anwesenden Bekannten sie mit wohlriechenden Blüten des Mandelbaumes überschütten und ihnen eine recht baldige „Krönung“ (das heißt Trauung) wünschen. Erfrischungen werden herumgereicht, in manchen Gegenden wird auch ein festliches Mahl eingenommen. Auf Korfu besteht die Sitte, daß ein junges Mädchen, das verlobt ist, fortan eine Menge falscher Haare anlegt, die zu beiden Seiten des Gesichts aufgetufft und mit Streifen von rotem Stoff durchflochten werden. Diese unechten Haare werden später das ganze Leben lang getragen und vererben sich von einem Geschlecht auf das andere. — In Griechenland findet sich vielfach noch die Sitte des Kinderverlöbnisses (siehe die Kunstbeilage).

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Verlag Benziger & Co. A.-G., Einsiedeln.

Aus: Netzhammer, Rumänien.

Abb. 437. Rumänische Beerdigung.

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Mit Genehmigung der Photogr. Gesellschaft, Steglitz-Berlin.

Kinderverlöbnis in Griechenland.

Nach dem Gemälde von N. Gysis.

⇒ GRÖSSERES BILD

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Abb. 438. Siebenbürger Rumänin aus dem Komitat Gorgény in der Landestracht.

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Zu Berlad in Rumänien findet im Frühling immer noch ein richtiger Heiratsmarkt statt, zu dem Mädchen armer Herkunft von ihren Eltern gebracht werden, um einen Freier zu finden. Die Männer, die sich dort einfinden, gehören auch den ärmeren Klassen an, sie müssen aber, falls sie eine Wahl treffen, den künftigen Schwiegereltern den Nachweis erbringen, daß sie eine Frau unterhalten können; auch erfordert es die gute Sitte, daß die Schwiegermutter zur Bekräftigung der getroffenen Abmachung ein kleines Geldgeschenk von ihnen erhält.

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Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 439. Der Weihnachtstern (Rumänien).

Zwischen Weihnachten und Erscheinungsfest pflegen Knaben mit ihrem „Stern“ am Abend von Haus zu Haus zu gehen und Weihnachtslieder zu singen. Dieser Stern ist aus Holz angefertigt, mit buntem Papier sowie Goldflitter beklebt und mit Papierkrausen und Glöckchen behängt. Das Mittelstück bildet eine Darstellung der Jungfrau Maria mit dem Kinde auf durchscheinendem Papier, das durch ein dahinter angebrachtes Licht beleuchtet wird.

Die Hochzeit findet bei dem griechischen Volke für gewöhnlich an einem Sonntag statt, doch beginnen die Hochzeitsfeierlichkeiten bereits drei, bei den Bewohnern des südlichen Mazedoniens sogar schon acht Tage vorher. Hier wird nämlich am vorausgehenden Sonntag dem Bräutigam feierlich eine Abschrift des Ehevertrags übersandt, der seiner Verlobten dafür einige bescheidene Geschenke überbringen läßt, wie Süßigkeiten, Henna, Schminke und dergleichen, sowie für die Schwiegereltern einen Krug Wein. Während der folgenden vier Tage beschäftigt man sich mit dem Backen des Hochzeitskuchens. Am Freitag werden die Geschenke, die meistens in nützlichen Haushaltsgegenständen bestehen, im Zuge durch die Straßen getragen. Am Samstag fertigt man bei den Rumänen den Brautkranz an; auch pflegt man in Griechenland dann bereits die Braut für den folgenden Tag anzuputzen (Abb. 440). An manchen Orten trägt die Braut auch schon an diesem Vortage den Kranz, wenn der Bräutigam sie besucht. Bei der Ankunft tritt der Brautführer vor und sagt einen artigen Vers auf die Braut. Diese, die ein Gefäß mit Wasser und den Hochzeitskuchen neben sich stehen hat, besprengt zum Scherz die jungen Leute und verteilt an sie von dem Kuchen. Darauf begibt sich der Bräutigam noch einmal nach Hause und übersendet der Braut seine Geschenke, unter denen nie die Gewänder für den nächsten Tag fehlen einschließlich des Schleiers, der Goldschnüre und Blumen. An manchen Orten werden die Hochzeitsgeschenke erst am Samstag in feierlichem Zuge nach dem Hause des Bräutigams geschafft; beim Verlassen des Hauses und bei der Ankunft im neuen Heim werden Flintenschüsse abgegeben. Der nächste Tag ist der eigentliche Hochzeitstag. Die Braut wird von den Brautjungfern angezogen und geschmückt, die ihr auch das Haar kämmen und Orangenblüten hineinflechten sowie lange, bis an die Knie reichende Goldschnüre, für gewöhnlich auch heimlich eine silberne Münze, damit sie sich nie in Geldnot befinde; den Schluß bildet die Anlegung des Schleiers. Bei den Mazedoniern nimmt die Braut hierauf in einem Winkel des Zimmers, der besonders schön ausgeputzt ist, Platz, um ihren Bräutigam zu erwarten. Beim Verlassen des Hauses wird von der Mutter vor diesem und seinen Freunden ein Gefäß mit Wasser ausgegossen, auch ein Gürtel über den Weg gelegt, über den er hinwegschreiten muß. Auf dem Weg nach dem Brauthause wird von den Begleitern gesungen. — Einen wichtigen Bestandteil der Trauung bildet die sogenannte Kranzzeremonie oder die Krönung. Zwei kronenartige Kränze (Abb. 441) von Blumen oder Metall werden Braut und Bräutigam mit Hilfe der Trauzeugen aufs Haupt gesetzt und auf ein gegebenes Zeichen gewechselt. Darauf vereinigt der Priester die Hände des jungen Paares und ihrer Zeugen, und alle gehen dreimal um den Altar herum. Dabei stimmt der Geistliche einen besonderen Gesang, „Jesaias tanzt“, an, während dessen alle Anwesenden die jungen Eheleute mit Süßigkeiten, Weintrauben und Haselnüssen überschütten.

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