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Die Sitten der Völker, Dritter Band

Europa (continued 2)

Reading edition

Illustration from Die Sitten der Völker, Dritter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Abb. 318. Tanz um den Maibaum.

Die Wöchnerin gilt sechs Wochen lang als unrein und während dieser Zeit auch dem Einflusse böser Geister ausgesetzt. Daher pflegt man in der Gemeinde Buchberg bei Kufstein zu deren Vertreibung dreimal mit einer Glocke um das Haus zu läuten. Mit ihren „Wochen“ ist für die junge Mutter allerlei Tabu verknüpft. Eine Wöchnerin darf nicht in den Garten gehen, sonst wüchse nichts mehr darin, kein Wasser aus dem Brunnen schöpfen, sonst würde er versiegen, kein anderes Haus betreten, sonst würde Unfriede dort entstehen, keinem Leichenzuge nachsehen, sonst stürbe bald ihr Mann, ebensowenig einem Hochzeitszug, sonst würde bald Streit zwischen den jungen Eheleuten ausbrechen, und was dergleichen mehr ist. Ihr erster Ausgang muß der Kirche gelten zur Einsegnung; lenkt sie ihre Schritte nach der Niederkunft anderswohin, dann bringt sie Unglück ins Haus oder Unfruchtbarkeit dem Acker. Auf ihren ersten Kirchgang pflegt sie ein Goldstück im linken oder drei Stückchen Brot im rechten Schuh mitzunehmen, beides gegen dämonischen Einfluß, der ihr auf dem Wege dorthin begegnen könnte. Vielfach bestehen auch bestimmte Speiseverbote, sowohl für die Wöchnerin wie für die ganze Familie. An manchen Orten ist eine ganz bestimmte Speisenfolge für die einzelnen Tage vorgeschrieben.

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Abb. 319. Dachauer Maibaum.

Der erste Mai gilt auf dem flachen Lande noch heute vielfach als sog. „Bauernfeiertag“; es wird an ihm der Maibaum gesetzt, ein ausgeputzter Tannenstamm, um den die jungen Leute tanzen.

Bis zur Taufe bestehen auch für das Kind bestimmte Vorschriften. Es darf nicht allein gelassen werden, sein Bettchen darf nicht aufgedeckt bleiben, auch wenn es nicht darin liegt; man würde damit das Grab für das Kind zurechtmachen oder bösen Geistern den Zutritt ermöglichen. Aus demselben Grunde muß beständig nachts über Licht brennen und stets die Tür geschlossen gehalten bleiben. Die leere Wiege darf nicht geschaukelt werden, weil man sonst dem Kinde die Ruhe nehmen würde. Es darf vor der Taufe auch nicht gemessen werden, weil sich sonst bald der Tischler einstellen könnte, um für den Sarg Maß zu nehmen. — In katholischen Ländern, besonders in Österreich, wird der böse Blick sehr gefürchtet. Um das Kind gegen ihn zu schützen, werden viele Kunstgriffe angewandt. Sieht zum Beispiel jemand das Kind scharf an, dann macht man das Zeichen des Kreuzes über dasselbe oder tut so, als speie man es an, oder man zupft es an der Nase. An manchen Orten setzt man dem Badewasser für das Kind eine besondere Kräutermischung zu, an anderen bindet man ihm einen Wolfszahn um den Hals. Ein weit verbreitetes Abwehrmittel besteht darin, daß man dem Kinde ein rotes Bändchen um den Arm bindet oder ihm eins seiner Kleidungstücke verkehrt anzieht. — Auf den Britischen Inseln zeigt das Volk große Furcht vor dem Zauber der Feen, die erst durch die Taufe beseitigt werden kann. Damit nun kein ungetauftes Kind eine Beute der Feen werde, nimmt man seine Hilfe zu allen möglichen Vorbeugungsmaßregeln. Im Norden werden Mutter und Kind eingesegnet; dabei wird eine Fichtenholzkerze dreimal um das Bett getragen oder, wenn dies nicht möglich ist, um ihre Köpfe geschwenkt. Außerdem werden Bibel, Zwieback oder Brot und Käse mit der Bitte: „Möge der Allmächtige alles Übel von dieser Frau fernhalten, stets um sie sein und sie und ihr Kind behüten“ unter das Kopfkissen gelegt. In Irland glaubt man, daß der Vater mit besonderer Macht ausgestattet sei, seinen Sprößling gegen den Einfluß der Feen zu schützen. In Galway speit er sein Kind an; an anderen Orten muß er zu Hause bleiben, denn solange sein Atem in der Stube ist, können die Feen das Kind nicht stehlen noch ihm sonst etwas anhaben. In Schottland gilt die Kleidung des Vaters als Schutz gegen die Feen; daher werfen schottische Mütter ihres Mannes Rock oder Weste über die Kinder, um sie vor Unheil zu schützen. Wenn im schottischen Hochland ein Kind zum erstenmal ausgezogen wird, dreht seine Pflegerin es dreimal Hals über Kopf um, schüttelt es ebenso oft mit dem Kopf nach unten und segnet es. Durch dieses derbe Mittel glaubt sie die Feen von ihm fernzuhalten.

Die Taufe, der das Volk immer noch einen Schutz gegen allerlei Einflüsse zuschreibt, ist für jedes christliche Kind durchaus notwendig, in einzelnen Gegenden wird sie daher möglichst bald vorgenommen, denn stürbe das Kind vorher, so käme es nicht in den Himmel, sondern müßte als Irrlicht ein unstetes Dasein führen. Um die bösen Geister, die das Kind selbst noch bei der Taufe belästigen könnten, abzuhalten, steckt man dem Täufling vielfach einen heiligen Gegenstand, etwa ein Gebet- oder Gesangbuch, ein Blatt aus der Bibel, ein Heiligenbild, ein Kruzifix in das Kissen. In der Willkommenkirche, in der Nähe von Morwenstow (England), öffnet man während der Tauffeierlichkeit die sogenannte Teufelstür, damit der Teufel sich durch sie entfernen könne. Derselbe Gedankengang ist mit einer Tür in der Wroxallabtei verknüpft, obgleich diese schon vor langer Zeit zugemauert worden ist. In Westfalen und Ostpreußen müssen die Teilnehmer an einer Taufe, um die bösen Geister zu bannen, über eine Axt oder einen Besen, die man auf die Türschwelle gelegt hat, mit dem Kinde hinwegschreiten.

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Phot. A. W. Jordan.

Abb. 320. Prozession am Allerseelentage zu Gunwalloe

von der Kirche zu den Klippen der Küste, wo man für die Seelen der Ertrunkenen und im Meer Begrabenen betet.

Die christliche Sitte erfordert eine Anzahl Paten für das zu taufende Kind, die zu ihm, wenn sie ihre Pflicht heute meistens auch nicht mehr so genau nehmen, in ein gewisses Verwandtschaftsverhältnis, gleichsam an Vater- und Mutterstelle treten. Ihr Verhalten am Tauftage ist nach dem Volksglauben von bestimmendem Einfluß auf das künftige Leben des Kindes. Im Harz verrichten sie daher, nachdem sie sich versammelt haben, erst noch einige Arbeiten; sie schreiben, lesen, graben, säen, nähen, stricken und so weiter, damit das Kind später in diesen Dingen geschickt und fleißig werde. Im Erzgebirge dürfen die Paten keinen Schlüssel bei sich tragen, weil sonst das Kind ein verschlossenes Herz bekäme. Die Paten pflegt man noch vielfach durch Gevatterbriefe einzuladen.

Auf dem Wege zur Kirche müssen die Teilnehmer am Taufzuge recht schnell gehen, damit das Kind auch schnell gehen lerne. Begegnet der Zug einem Manne, dann ist das von guter Vorbedeutung, wogegen die Begegnung mit einer Frau Unglück befürchten läßt. Während des Ganges nach und von der Kirche gibt man an manchen Orten mit Flinten, Pistolen oder Böllern Freudenschüsse ab.

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Phot. The Folk-Lore Society.

Abb. 321. Hörnertanz zu Abbots Bromley.

Er wird am Montag nach dem Kirchweihfest von sechs mit Hirschgeweihen geschmückten Männern aufgeführt.

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Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.

Abb. 322. Masken bei einer Kirmes in der Schweiz,

die durch Spiele, Tänze, Wettkämpfe und ähnliche Veranstaltungen gefeiert wird.

Während der Taufhandlung wird das Kind durch die Hebamme der Reihe nach den verschiedenen Paten zum Halten übergeben. Schreit es während der heiligen Handlung, dann wird es ein guter Sänger werden. Das Taufwasser darf als solches nur einmal benutzt werden; sollte man etwa mehrere Kinder mit demselben Wasser taufen, dann würde bald eins von ihnen sterben. Vielfach besteht auch der Aberglaube, daß dem Taufwasser ganz besondere Eigenschaften anhaften. Man nimmt es zum Auswaschen des ersten Hemdchens oder kocht mit ihm ein Süppchen für das Kind, um es dadurch vor Krankheit zu behüten. Der Geistliche und der Küster pflegen von den Paten ein Geschenk zu erhalten, das von diesen auf den Altar oder den Taufstein niedergelegt wird. Im Taunus erhält der erstere ein Gebäck, das Bubenschenkel heißt. Auch der Täufling wird mit einem Geschenk bedacht, das ihm die Taufpaten in ein Papier einwickeln und unter den Kopf legen, meistens zusammen mit einem Patenbrief. — In England bestehen die Geschenke, die man dem Kinde macht, sowohl bei der Taufe als auch vielfach schon bei der Geburt, in einem Ei, in Salz, Silberstücken und einem Streichholz. Auf dem Heimwege werden die Taufpaten an manchen Orten von den Kindern durch Vorhalten eines bunten Bandes oder einer Stange am Weitergehen gehindert, bis sie sich durch ein kleines Geldgeschenk losgekauft haben. Zu Hause finden sie wohl auch die Tür verschlossen und können erst hinein, wenn sie ebenfalls ein Lösegeld gegeben haben.

In Friesland (Holland) bilden beim Taufgange alle Mädchen aus der Verwandtschaft und Bekanntschaft, sofern sie über zwölf Jahre alt sind, einen Zug und begleiten das Kind auf dem Wege nach der Kirche; sie dürfen es der Reihe nach ein Stück Weges tragen. Keines von ihnen verzichtet auf dieses überkommene Vorrecht, zumal dabei der Aberglaube besteht, daß jedes Mädchen, das bei einer Tauffeierlichkeit einmal auf diese Weise mitgewirkt hat, in ihrer späteren Ehe reichlich mit Nachkommenschaft gesegnet sein werde.

Wird in England ein Knabe mit einem Mädchen zusammen getauft, dann trägt man das letztere zuerst zum Taufbecken, denn der Knabe könnte „seinen Bart im Wasser lassen“, und das könnte für das Mädchen unangenehme Folgen haben. Im Norden erhält der erste Mann oder die erste Frau, der man auf dem Wege zur Kirche begegnet, Kuchen, der oft noch von der Geburtsfeier herrührt, oder Brot und Käse, für gewöhnlich mit einem Schuß Whisky, und zwar ist, wenn der Täufling ein Knabe ist, die zuerst begegnende Frau der Empfänger, umgekehrt, wenn ein Mädchen getauft wird, der erste Mann. Die gute Sitte erfordert, daß die so ausgezeichnete Person sofort kehrt mache und den Taufzug ein Stück Weges begleite. In Cornwallis bezeichnet man dies mit dem Ausdruck „das Kind segnen“.

Wie dem ungetauften Kinde, so droht auch der Mutter, wie man in England glaubt, solange Unglück, als sie noch nicht in die Kirche gegangen ist. In Cornwallis pflegen die Frauen, die ihren ersten Kirchgang tun, einen „Seufzerkuchen“ mitzunehmen, den sie der ersten besten Person, die sie treffen, schenken.

Auch an die Wiege knüpft sich mancherlei Aberglaube. In Shropshire (England) darf eine solche für das Kind erst benutzt werden, wenn es getauft ist. Man darf eine leere Wiege auch nicht schaukeln, denn dies würde unverzüglich einen neuen Insassen zur Folge haben oder auch dem Kinde Unglück bringen. Auch darf man, so meint man in den schottischen Hochlanden, eine Wiege niemals leer versenden, sondern muß irgendeinen Gegenstand hineinlegen, gewöhnlich einen Hahn, eine Henne, Kartoffeln oder einen Mehlsack; es liegen hier offenbar Überreste eines alten Opferbrauches vor. Auch erfordert der Volksglaube, daß man, bevor das Kind die Wiege in Gebrauch nimmt, eine Henne oder einen Hahn hineinlege und daß man für den Erstgeborenen keine neue Wiege kaufe, sondern sich eine leihe.

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Abb. 323. Antrieb des Almviehs (Spitzingalm bei Schliersee).

Die mit Blumen und Bändern geschmückten Kühe werden zum erstenmal nach dem Winter in die Berge getrieben.

Um die Kinder gegen Krankheiten zu schützen, gibt es in England allerlei abergläubische Gebräuche. Kinderzähne, die ausgefallen sind, bedeckt man mit Salz oder verbrennt sie, um zu verhindern, daß der folgende Zahn ein Hunde- oder Schweinezahn werde. Auf den Hebriden darf man kein Feuer aus einem Hause holen, in dem sich ein Kind ohne Zähne befindet, weil es sonst vielleicht überhaupt keine bekommen würde. Auch darf hier ein Kind nicht rückwärtslaufen, weil man fürchtet, es könnte dadurch das Leben der Mutter verkürzen. In Shropshire darf man das Kind nicht mit einem gestutzten Besen züchtigen, weil dadurch das Wachstum gehindert werden soll, sondern man muß dies mit einer schlanken Birkenrute tun. Noch heutigestags zieht man auf dem Lande ein Kind, das einen Bruch hat, durch eine gespaltene Esche hindurch.

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Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.

Abb. 324. Ausflug eines Vereins zum Einholen des Pfingstgrüns.

In England soll man einem Säugling nicht die Handflächen waschen, weil man ihm sonst sein Glück damit fortwischen würde, und in Nord- und Westengland bleibt überhaupt die ganze rechte Hand ungewaschen, damit sie Reichtümer einsammle. Auch das Haarabschneiden ist eine bedeutungsvolle Sache. In manchen Gegenden Irlands nimmt der Vater dies zuerst vor. Die Nägel pflegt man im ersten Jahre nicht zu beschneiden, sondern die Mutter oder die Pflegerin beißt sie dem Kindchen ab. Wollte man sie mit einem scharfen Gegenstande kürzen, dann würde das Kind „lange Finger machen“, das heißt stehlen. Auch dürfen Kinder niemals gewogen oder gemessen werden.

Die herangewachsene Jugend beschäftigt sich schon frühzeitig mit der Frage nach der Person des zukünftigen Ehegenossen und dem Zeitpunkt der Vermählung. Um zu erfahren, ob ein Freier zu erwarten stehe und wann dies der Fall sein dürfte, sind allerlei abergläubische Gebräuche und Liebesorakel im Schwange.

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Phot. B. Balasse.

Abb. 325. Szene aus der „Parade du Lumeçon“ zu Mons,

die am Trinitatissonntag in Erinnerung an den Kampf des Ritters Sankt Georg mit dem Drachen abgehalten wird. Heute heißt der Held Gilles de Chin, und die Heldin ist eine Prinzessin, die von einem im Walde bei der Stadt hausenden Ungeheuer gefangengenommen wurde.

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Phot. Clive Holland.

Abb. 326. Tanzende Kinder auf einem Platze von Antwerpen

während der Kirmes.

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Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.

Abb. 327. Kurzweil bei der Weinlese,

bei der es sehr heiter zuzugehen pflegt und noch allerlei althergebrachte ländliche Sitten geübt werden.

An bestimmten Tagen, so behauptet der Volksglaube, gelingt es den jungen Burschen und Mädchen, den Schleier zu lüften; am meisten Aussicht hierfür bietet der Andreasabend. Beim Zubettgehen stößt man mit dem Fuß an das untere Ende der Bettstatt, sagt einen bestimmten

Vers her und sieht dann den Geliebten im Traum, oder man wirft, den Rücken der Tür zugekehrt, nachts zwölf Uhr einen Pantoffel rückwärts über den Kopf: fällt derselbe mit der Spitze nach der Stube, dann ist dies ein Zeichen, daß sich bald ein Freier einfinden wird; fällt er aber umgekehrt, dann bleibt er aus. Das Mädchen kann auch um Mitternacht zu einem Brunnen gehen und hineinblicken, um das Bild des Zukünftigen zu schauen, oder um die gleiche Stunde nackend das Zimmer kehren, worauf der Gewünschte seinen Schatten an der Wand zeigt. An anderen Orten schreiben die jungen Burschen oder Mädchen die Buchstaben des Alphabets an die Stubentür und gehen verbundenen Auges mit vorgestreckter Hand auf sie zu; der Buchstabe, den sie dabei mit dem Finger berühren, zeigt ihnen den Anfangsbuchstaben des Namens ihrer späteren Ehehälfte an. Auch decken sie wohl Schlag zwölf Uhr nachts in der Mitte der Stube einen Tisch, stellen Lichter und zwischen diesen ein Glas Wasser, ein Glas Wein, ein Stück Brot und ein Messer auf, worauf sie aus einem Versteck der Dinge harren, die da kommen sollen. Der oder die Zukünftige erscheint dann und beginnt von den vorgesetzten Speisen zu genießen. Trinkt die Erscheinung von dem Wasser, dann wird man mit seinem Ehegespons ein armseliges Leben fristen, genießt sie dagegen von dem Weine, dann wird das gemeinsame Leben in Wohlstand verlaufen. Schneidet der gespenstige Besuch aber von dem Brote ab, dann muß der die Zukunft Erforschende am anderen Morgen das Messer vor Sonnenaufgang an einer verborgenen Stelle tief vergraben, weil er sonst Gefahr liefe, späterhin von seinem Gatten oder seiner Gattin erstochen zu werden. — Ähnliche Gebräuche bestehen am St. Thomastag (21. Dezember) und am Silvesterabend, auch in der Christnacht, zu Ostern und zu Johanni. Am Silvesterabend gießt man geschmolzenes Blei ins Wasser und deutet aus den seltsamen Gebilden, die dabei entstehen, den Beruf des Zukünftigen, oder man läßt in einer mit Wasser gefüllten Schüssel kleine Lichtchen oder Zettel mit Namen in einer Nußschale oder auf Korken schwimmen und beobachtet, welche Schiffchen aufeinander zuschwimmen oder zusammenstoßen (Abb. 301); diejenigen, denen sie gehören, geben dann ein Paar ab. In der Christnacht muß das Mädchen mit dem Schlüsselbund zum Fenster hinausklappern und aufpassen, aus welcher Gegend der Schall widerklingt; aus dieser steht der Freier zu erwarten. Oder es nimmt aus fließendem Wasser eine Anzahl Kieselsteine; ist ihre Anzahl paarig, dann heiratet es im nächsten Jahre. Auch kann sich das Mädchen völlig entkleidet auf den Feuerherd stellen und in den Schornstein oder in das Ofenloch gucken, dann erblickt es den ihm bestimmten Bräutigam. Auch kann es schließlich in der Weihnachtsnacht im Evakostüm in einen Spiegel sehen, bis der Zukünftige darin erscheint. — Auf den Britischen Inseln besteht ein ähnlicher Aberglaube. Auf der Insel Man deuten die Mädchen aus dem Verhalten der ausgeglühten Asche auf dem Herde am anderen Morgen ihre Zukunft, oder sie begeben sich am Abend vor Allerheiligen, den Mund mit Wasser und die Hände mit Salz gefüllt, zum übernächsten Hause und horchen auf den ersten Namen, der dort ausgesprochen wird; dieser ist dann der Name des Zukünftigen. Die Mädchen von Guernsey suchen neun Morgen lang stillschweigend, ohne vorher etwas gegessen zu haben, die Sankt Georgsquelle auf und legen silberne Sachen in eine dazu bestimmte Nische, dann steht in neunmal neun Wochen ihre Hochzeit bevor. Eine Irin pflegt dreimal um einen Spiegel herumzugehen und im Namen des Teufels einen Apfel mit neuen Stecknadeln zu bestecken; darauf erscheint ihr im Spiegel der Mann, der sie heiraten wird. Und auf den Hebriden legen sich die heiratslustigen Mädchen ein Stück Kohl unter ihr Kopfkissen, um von ihrem Zukünftigen zu träumen.

Zahlreich sind die Mittel, deren sich Verliebte bedienen, um Gegenliebe zu finden. Um ein paar Beispiele anzuführen, so muß der Betreffende Haare oder Kleidungstücke von der Person, die er an sich fesseln will, in einem neuen Gefäße kochen, worauf der sehnsüchtig Erwartete sich dort, wo seine Liebe „gesotten“ wird, einfinden wird. Auch kann man dem zur Ehe Begehrten Fledermausblut oder eigenes Blut, bei einem Mädchen Menstrualblut, oder andere Ausscheidungen des Körpers in das Bier schütten, wobei das Hersagen von Zauberformeln und Beschwörungen die Sache fördern soll, ferner die Kleider oder die Hand der geliebten Person mit der „Hand“ eines Frosches, den man in einen Ameisenhaufen vergraben hatte, berühren oder seine eigenen Kleider an diejenigen des anderen heften, und zwar mit einer Nadel, mit der man ein in Kopulation befindliches Froschpaar durchstochen hatte, und was dergleichen abergläubische Gebräuche mehr sind. Auf der anderen Seite aber kennt der Volksaberglaube auch Mittel und Wege, um eine lästig gewordene Person wieder von sich zu stoßen.

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Phot. The Exclusive News Agency.

Abb. 328. Prozession des heiligen Blutes zu Brügge.

Eine Reliquie mit einigen kostbaren Tropfen Blut von einem Heiligen wird Mitte Mai von der Kapelle, die 1150 durch Thierry von Elsaß und Sybilla von Anjou gestiftet wurde, feierlich durch die Stadt getragen.

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Phot. The Sport & General Preß Agency.

Abb. 329. Fisch-Erntedankfest.

Zu Ehren des Märtyrers Sankt Magnus werden in der Kirche Fische als Dankesgaben dargebracht.

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Phot. The Exclusive News Agency.

Abb. 330. Kinder in Landestracht bei einem festlichen Zuge durch die Straßen von Gent,

der jährlich am dritten Samstag im Juli veranstaltet wird.

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Phot. The Exclusive News Agency.

Abb. 331. Szene von der Prozession des heiligen Blutes zu Brügge.

Christus trägt sein Kreuz.

Die Werbung (Abbildung 337) wird von den jungen Burschen entweder persönlich vorgebracht oder sie geschieht durch Vermittlung von Verwandten oder guten Freunden, die für ihre Bemühungen, falls sie zum Ziele führen, bei der Hochzeit belohnt werden, entweder mit Geld oder durch andere Geschenke, wie eine Weste, ein Paar Stiefel, früher auch ein Paar Beinkleider und selbst einen Pelz (daher der Name Kuppelpelz). Diese Vermittler gehen entweder ohne Umschweife auf ihr Ziel los oder sie schlagen allerlei Umwege ein, um ihr Anliegen vorzubringen, ganz wie wir dies früher mehrfach bei den Naturvölkern kennen gelernt haben. Zuweilen geben die Eltern der Auserwählten dem Werber durch die Art der Aufnahme zu verstehen, ob er ihnen willkommen ist oder nicht. Wird er zum Beispiel gut bewirtet, dann darf er sich Hoffnung machen, daß sein Vorschlag Gehör finden werde. In Schlesien erbittet er sich „e bißle Tobakfüer“. Wird ihm dieses verweigert unter dem Vorwand, daß kein Feuer vorhanden sei, dann bedeutet dies einen Korb; ebenso in Oberhessen, wenn man dem Vermittler Käse vorsetzt, während Bewirtung mit Wurst und Eiern ausdrückt, daß der Freier willkommen ist. Die abgewiesenen Burschen brauchen natürlich für den Spott der übrigen nicht zu sorgen. In Österreich wird bei der Brautschau zunächst gar nicht von dem eigentlichen Zweck des Besuches gesprochen, sondern ein Viehkauf oder ein ähnliches Geschäft vorgeschützt. Nachdem man darüber nach längerer Erörterung einig geworden ist, wird das Abendessen aufgetragen. Bei dieser Gelegenheit macht der junge Mann der von ihm Auserwählten in Gegenwart der Eltern Geschenke. In manchen Gegenden ist es üblich, daß er ein Kalb mitbringt und im Kuhstall stehen läßt; am Hochzeitstage wird dieses dann festlich ausgeputzt. Gefällt in Holland einem jungen Mann ein Mädchen, dann sucht er im besten Staat das Haus seiner Auserwählten auf und bleibt dort bis zum Abend; während der ganzen Unterhaltung verliert man kein Wort über den Grund des Besuches, obwohl dieser kein Geheimnis für die Eltern und ihre Tochter ist. Wenn dann die Zeit zum Schlafengehen gekommen ist, zieht sich die Familie in ihre Gemächer zurück, nur die beiden jungen Leute bleiben und unterhalten sich über alle möglichen Dinge, nur nicht über ihre Liebe. Das Mädchen gibt indessen auf andere Weise dem Bewerber zu verstehen, ob es ihm geneigt ist. Läßt es nämlich das Herdfeuer herunterbrennen, dann will es ihm damit andeuten, daß er sich keine Hoffnung machen dürfe; schürt es dagegen die Flamme, dann zeigt es dem Freier dadurch an, daß es ihm wohl gesinnt sei.

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Phot. The Exclusive News Agency.

Abb. 332. Szene von der Prozession des heiligen Blutes zu Brügge.

Altdeutsche Ritter im Zuge.

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Phot. The Folk-Lore Society.

Abb. 333. Girlandentag zu Castleton.

Am 29. Mai verfertigen die Glockenläuter des Ortes „Girlanden“, das heißt Kronen von der Form eines Kirchturms, an deren oberem Ende ein Blumenstrauß (die „Königin“) angebracht ist. Nach feierlichem Umzug werden diese Girlanden auf die Zinnen der Kirche gesetzt.

Noch eigenartiger sind die Werbegebräuche in Irland. Der Bräutigam und ein Freund von ihm finden sich abends, natürlich mit einer Flasche Whisky in der Tasche, im Hause der Auserwählten ein. Der Freund klopft und gibt bekannt, daß er „eine Frau haben will“. Nachdem längere Zeit hinter verschlossener Tür über diese Angelegenheit verhandelt worden ist, läßt man den Bewerber, falls er willkommen ist, herein. Unter großem Aufwand von Händeschütteln, Begrüßungen und Trinken wird man unter einander über die Mitgift einig; hierauf erst läßt man das Mädchen eintreten. Falls es sich nun etwa dem Beschlusse ihrer Angehörigen widersetzen sollte, kann es von diesen eine tüchtige Tracht Prügel erhalten. Am nächsten Morgen ladet man die Verwandten zum Abendbrot ein; bei dieser Gelegenheit wird die Hälfte der Mitgift erlegt. (Der Rest erst im nächsten Jahre, wenn das erste Kind geboren worden ist.) Zwei Tage darauf findet die Hochzeit statt.

Verlobte haben manche abergläubische Vorsichtsmaßregeln zu beachten, denn sie sind vielen schädlichen Einflüssen ausgesetzt. Sie dürfen sich gegenseitig keine Schuhe, ebensowenig eine Schere, ein Messer oder Nadeln schenken, weil sonst ihre Liebe zertreten oder zerschnitten werden könnte; sie dürfen, wenn sie zusammen sind, nicht Brot und Butter anschneiden, weil sonst Zwist zwischen ihnen entstehen könnte; sie dürfen auch nicht Pate stehen, weil sonst ihr Verhältnis sich wieder lösen könnte, nicht zusammen verreisen, weil sonst Unglück über sie hereinbrechen würde; die Braut darf sich vor ihrer Hochzeit nicht in ihrem Brautkleid sehen lassen — und noch viele andere derartige Verhaltungsvorschriften.

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Bauernhochzeit auf der Schwäbischen Alb.

Nach einem Ölgemälde von Theodor Lauxmann.

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Phot. The Sport & General Preß Agency.

Abb. 334. Eine Stachelbeerpastete,

wie sie zu Tollesbury am letzten Samstag des Juni in dem Backhause des Ortes für jede Familie hergestellt und durch den Hausvater dann verteilt werden.

Das Glück der zukünftigen Eheleute wird auch vielfach von dem Tage, an dem die Trauung stattfindet, abhängig gemacht. Daher sind bestimmte Tage verpönt, unter anderem die Zeit der Fasten und des Advents, der Sonntag Jubilate, der Mittwoch und besonders der Freitag, weil sie Unglück bringen. Nach dem Volksglauben in Baden kehrt eine Braut, die am Mittwoch heiratet, bald wieder ins Elternhaus zurück. Dagegen sind der Dienstag und der Donnerstag sehr beliebt; beide Tage waren einst heidnischen Göttern geweiht, die der Ehe freundlich gesinnt waren: Tiu und Donar. Auch in Holland heiratet man meistens am Donnerstag, offenbar aus althergebrachten Gründen; um dieser Sitte gerecht zu werden, hat man sogar für diesen Tag die Traugebühren außerordentlich niedrig bemessen. — In Nordengland und in Wales ist dagegen gerade der Freitag als Hochzeitstag beliebt. — Vielfach legt man in Deutschland auch Gewicht darauf, daß die Hochzeit bei zunehmendem Monde stattfindet, denn dabei soll das Glück und der Reichtum der Neuvermählten geradeso wie der Mond zunehmen. Auch dem Verhalten des Wetters am Hochzeitstage wird Bedeutung beigelegt. Schlechtes Wetter, wie Sturm, Donner, Gewitter, Regen lassen auf Unglück in der Ehe schließen, dagegen Sonnenschein auf einen glücklichen Verlauf derselben. In manchen Gegenden dagegen bedeutet Regen umgekehrt Glück, und man sagt, daß „wenn es der Braut auf den Kranz regne, es ihr auch Glück und Kinder regnen werde“.

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Phot. The Folk-Lore Society.

Abb. 335. Szene vom Girlandentag in Castleton.

Den Schluß des Festzuges bildet ein als Frau verkleideter, vermummter Mann.

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Phot. The Sport & General Preß Agency.

Abb. 336. Nach der Weinernte zu Hungerford

gehen zwei Männer von Haus zu Haus und fordern von dem Hausvater für jedes Familienmitglied einen Penny, von den Frauen aber einen Kuß.

Die Einladung zur Hochzeit erfolgt entweder durch die Brautleute persönlich beziehungsweise einen ihrer nächsten Verwandten, meistens die Eltern, oder auch durch einen Hochzeitsbitter oder Hochzeitslader. Im ersteren Falle trägt das junge Paar in katholischen Gegenden geweihtes Salz in den Schuhen oder sonst einen geweihten Gegenstand mit sich herum, um sich vor bösen Einflüssen zu schützen. Natürlich sind beide Brautleute bei diesem ihrem Rundgang aufs festlichste geschmückt, meistens mit bunten Bändern, die Braut auch mit einer bunten Schürze angetan. Auch der Hochzeitsbitter pflegt geputzt zu sein, er trägt ein Sträußchen am Hute und im Knopfloch und oft einen Stock in der Hand, der gleichfalls geschmückt ist, in Österreich mit einem roten Apfel und einem Rosmarinstrauß. Die Einladungen werden mündlich vorgebracht, öfters in bestimmten Formeln und in gebundener Rede. Falls die Brautleute dieselben in eigener Person übermitteln, pflegen sie, besonders ihren Verwandten und Paten, allerlei kleine Geschenke mitzubringen und dafür allerlei für ihren zukünftigen Haushalt brauchbare Gegenstände als Gegengabe in Empfang zu nehmen. Früher erhielt die Braut darunter auch ein „Glücksbrot“, von dem sie einige Scheiben in die erste von ihr im neuen Haushalt zu kochende Suppe zu tun hatte, um Glück in der Ehe zu haben. In Holland werden die Eingeladenen durch Übersendung einer Schachtel Süßigkeiten und einer Flasche Wein, der die eigenartige Bezeichnung „Brautträne“ führt, zur Teilnahme an der Hochzeit aufgefordert. In Niederösterreich besteht die sonderbare Sitte, daß auch die Braut zu ihrer eigenen Hochzeit eingeladen wird, und zwar durch den Bräutigam und seine Trauzeugen, die sich in festlicher Kleidung morgens gegen zwei oder drei Uhr bei ihr einfinden und sie in der Wohnung zu suchen haben. Bei dieser Gelegenheit darf sich die Braut aber nicht im Schlafe überraschen lassen, weil man daraus schließen könnte, sie werde keine gute Hausfrau werden; anderseits darf sie auch nicht zu schnell von ihrem Zukünftigen gefunden werden, weil man sonst leicht annehmen könnte, sie habe es mit dem Heiraten sehr eilig. Deshalb versteckt sie sich, und je länger nach ihr gesucht wird, um so mehr fühlt sie sich geehrt.

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Abb. 337. Die Brautwerbung.

Nach einem Gemälde von Franz v. Defregger.

In Norddeutschland ist es üblich, dem Hochzeitstage den Polterabend vorausgehen zu lassen, zu dem bereits die Hochzeitsgäste und sonstige Bekannte sich einzufinden und teilweise auch schon ihre Geschenke zu überreichen pflegen. Die Bezeichnung Polterabend rührt von dem großen Lärm her, den die Leute der Nachbarschaft, meistens Kinder, durch Zusammenwerfen von alten Töpfen und Scherben vor der Haustür zu machen pflegen, oder auch von dem Peitschengeknalle und Schießen von seiten der jungen Burschen. Es steckt in dieser Sitte wieder ein gut Stück heidnischen Aberglaubens, nämlich das Austreiben oder Bannen dämonischer Mächte, die den die Ehe Eingehenden Schaden bringen könnten. Noch deutlicher beweist dies die in Bayern übliche Sitte, an dem Abend vor der Hochzeit die bösen Geister unter entsetzlichem Gepolter, vom Keller bis zum Boden hinauf, und unter Gemurmel althergebrachter Bannformeln, durch Beklopfen der Wände, Umhersprengen von Wasser und sorgfältiges Verschließen aller Öffnungen des Hauses aus diesem zu vertreiben beziehungsweise von ihm fernzuhalten. — In Schottland bringt man am Abend vor der Hochzeit ein mit Salz angefülltes Nachtgeschirr in die Wohnung des angehenden jungen Paars und schüttet einen Teil seines Inhaltes auf den Boden aus zum Schutz gegen den bösen Blick.

Am Hochzeitstage legen Braut und Bräutigam (Abb. 338) in den ländlichen Gegenden, wo die alten Trachten noch zu Ehren bestehen, diese an, meistens die kostbaren Gewänder ihrer Vorfahren, die man für solche feierliche Gelegenheiten in den Truhen aufbewahrt hat (Abb. 339, 340 und 342). Wohl überall ist es Sitte, daß der Bräutigam sich an die linke Seite seines Rockes einen Myrten- oder Rosmarinstrauß steckt und die Braut, falls sie noch jungfräulich ist, sich einen Myrtenkranz und einen Schleier auf den Kopf setzt. In vielen Gegenden trägt sie einen zu diesem Zweck besonders bereitgehaltenen wertvollen Kopfputz in Gestalt einer reich gestickten Haube oder einer Krone, die mit Flittergold, Perlen, Blumen und bunten Bändern geschmückt ist (hierzu die farbige Kunstbeilage sowie Abb. 343 und 344). An den Brautkranz knüpft sich auch wieder mancherlei Aberglaube. Er darf von einem anderen jungen Mädchen nicht aufgesetzt werden, denn sonst verlobt sich dieses nicht. Ebensowenig darf die junge Frau ihn an ihrem Ehrentage vor zwölf Uhr nachts ablegen, weil es sonst in der Ehe Unglück gäbe. In England besteht der Glaube, daß sie auch das Brautkleid nicht vor der Hochzeit anziehen dürfe; in Yorkshire ist es ihr untersagt, es bei Kerzenlicht zu besehen. Einige Gebräuche am Hochzeitstage sind als Überreste früherer Raubehe zu deuten, so zum Beispiel, wenn der Bräutigam sich die Braut, die sich versteckt hat, erst suchen muß, oder wenn diese sich sträubt, bevor sie ihrem Zukünftigen zum Traualtar folgt.

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Phot. Hohlwein & Gircke, Berlin.

Abb. 338. Hochzeitszug in der Schweinfurter Gegend.

Zu jeder Hochzeit gehören Brautführer (Hochzeitsknechte, Kirchführer, Brautgesellen und so weiter) sowie Brautjungfern (Kränzlemädle, Kränzlerinnen, Kirchführerinnen, Hochzeitsmägde oder ähnlich; siehe die Kunstbeilage). Die ersteren begleiten den Bräutigam, die letzteren die Braut auf dem Wege zur Kirche. Vielfach pflegen auch noch kleine Kinder, die sogenannten Brautengel oder Vorbräute, Straußlesbuben, Kringlesmädle dem Zuge, den auf dem Lande meistens noch eine Musikbande begleitet (Abb. 347 und 348), voranzugehen und Blumen auf den Weg zu streuen. — Nicht selten trifft man noch die alte Sitte an, die Ausstattung der jungen Brautleute im Festzuge mitzuführen (Abbildg. 341 und 346).

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Aus der Großen Berliner Kunstausstellung 1915.

Abb. 339. Ostfriesische Braut.

Nach einem Gemälde von Otto H. Engel.

Auch mit dem Gang zur Trauung ist mancherlei Aberglaube verknüpft. Die alte Vorstellung, daß irgendein böser Einfluß dem jungen Paare unterwegs schaden könnte, kommt in verschiedenen Gebräuchen zum Ausdruck. So ist es vielfach Sitte, daß die Brautleute zum Schutz gegen bösen Zauber stark riechende Kräuter, wie Kümmel, Dill, Wermut, Beifuß, Rosmarin und anderes derart bei sich tragen. Um mit Reichtümern gesegnet zu sein, müssen sie einen auf ihren Haushalt oder ihr Handwerk bezüglichen Gegenstand zu sich stecken, wie Brot, Messer, Gabel, Löffel, Getreide, Nähzeug (bei einem Schneider), Nägel (bei einem Schmied), etwas Geld (für gewöhnlich im Schuh der Braut) und manche andere Dinge. — Beim Verlassen des Hauses muß das Brautpaar über ein Messer oder ein Beil, auch wohl über einen Besen schreiten. Auf dem Wege zur Kirche sollen beide möglichst dicht nebeneinander gehen, damit der böse Geist nicht zwischen sie fahren könne; auch sollen sie fein sittsam auf den Boden sehen und sich ja nicht umsehen, weil sonst der Betreffende in der Ehe nach einem anderen Gatten Umschau halten und untreu werden könnte; die Braut darf auch bei Schmutzwetter ihr Kleid nicht aufheben, ebensowenig etwas, das auf der Straße liegt, an sich nehmen, weil es von Hexen herrühren könnte. Bestimmte Personen oder Tiere, die dem Brautpaar zuerst begegnen, werden als entscheidend für sein künftiges Schicksal angesehen; so bringen eine alte Frau, ein Fuhrwerk, ein Hase, eine Katze Unglück, hingegen ein Mann, ein Schwein, ein Schaf und anderes Glück. In England sind auch die Farben, die man trägt, für die Zukunft der Neuvermählten ausschlaggebend; ein Tabu ruht dabei auf Grün. Dies wird in Schottland sogar auf die Farbe des Gemüses für die Hochzeitstafel ausgedehnt. — In England wirft man ferner dem Brautpaar beim Antritt seines Kirchganges oder bei der Rückkehr von der Trauung ein paar alte Schuhe nach, damit die Ehe fruchtbar sei. — In Norwegen muß die junge Frau, wenn sie aus der Kirche kommt, rasch den Sattelgurt ihres Pferdes lösen, damit sie leichte Geburten habe.

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Phot. The Exclusive News Agency.

Abb. 340. Isländerin im Brautstaat.

Das Kleid ist aus Seide oder Sammet hergestellt und mit Hermelin und Stickereien besetzt; wertvolle Schmucksachen vervollständigen den Anzug. Die Kopfbedeckung bildet eine Art Helm, von dem ein langer weißer Schleier herabhängt.

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Abb. 341. Brautkastenführer in Kärnten.

Nach einem Bilde von J. Schlegel

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Bei der Trauung weissagt man aus dem Verhalten der brennenden Altarkerzen während des Ringwechsels das Schicksal der Getrauten: wenn sie trübe brennen, flackern oder gar erlöschen, befürchtet man Unglück, Zwist und selbst frühzeitigen Tod dessen, auf dessen Seite die Flamme erlischt; brennen sie dagegen hell und gleichmäßig, so erhofft man ein glückliches, langes Zusammenleben, Friede und Freude. Fällt ein Ring zur Erde, dann bedeutet dies gleichfalls Unglück. Um die Herrschaft über die andere Ehehälfte zu haben, muß der Bräutigam beim Empfangen des Segens auf den Saum des Kleides seiner Braut niederknien, diese dagegen beim Aufstehen zuerst auf den Fuß des Bräutigams treten, und jeder von beiden muß versuchen, beim Händereichen seine eigene Hand nach oben zu bringen.

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Phot. Solveig Lund.

Abb. 342. Dänische Braut

in der alten Volkstracht.

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Wendische Brautjungfer vor dem Hochzeitshause. (Kreis Hoyerswerda, schlesische Oberlausitz.)

Nach einem Gemälde von William Krause.

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Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.

Abb. 343. Bückeburgerin im Brautstaat,

meistens einem alten Familienerbstück.

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Nach Beendigung der Trauung pflegt man meistens schnell nach Hause zu eilen; fährt die Hochzeitsgesellschaft zu Wagen (Abbildung 349), dann wird der Weg nicht selten in rasendem Galopp zurückgelegt, offenbar, weil man den Unglück bringenden Mächten entrinnen will. Wie auf dem Wege zur Kirche, so wird auch jetzt das junge Paar vielfach mit Flinten- und Böllerschüssen oder Peitschengeknall begrüßt; in Irland zündet man ihm zu Ehren große Strohgarben an. Häufig begegnet man auch der Sitte, sowohl in Deutschland wie in England, daß den Neuvermählten bei der Rückkehr allerlei Hindernisse in den Weg gelegt werden; so zum Beispiel sperrt man die Landstraße mit Stricken (Abb. 350) oder Girlanden ab und nimmt von dem Paar ein Lösegeld, bevor man es hindurchläßt. Je größer in Wales die Anzahl dieser Stricke ausfällt, um so größeren Ansehens erfreut sich das junge Paar und für um so großartiger gilt die Hochzeit. Beim Betreten des Hauses findet die Hochzeitsgesellschaft nicht selten Tor und Tür verschlossen; auch hier muß das junge Paar sich durch kleine Geschenke erst wieder loskaufen. In Pommern müssen die Neuvermählten beim Betreten ihres neuen Heims ein Stück Brot abbeißen, damit sie an dieser Gottesgabe niemals Mangel leiden. In Österreich überreicht man der jungen Frau einen Laib Brot und ein hölzernes Messer mit dem Ersuchen, ein Stück Brot abzuschneiden, und weidet sich an ihrer Verlegenheit, wenn sie nicht damit zustande kommt. Indessen hat man die Frau meistens im voraus davon verständigt, und sie hat vorsorglich ein Taschenmesser zu sich gesteckt, mit dessen Hilfe es ihr leicht gelingt, dem Wunsche zu entsprechen. Das abgeschnittene Stück wird sorgfältig von ihr aufbewahrt, damit stets genug Brot im Haushalt vorhanden sei. In England pflegt man die junge Frau beim Betreten des neuen Heims mit Reis zu überschütten, in Deutschland verschiedentlich mit Erbsen und Getreidekörnern. In Irland wird über ihrem Kopfe ein Kuchen zerbrochen, den ihre Mutter während der Trauung gebacken hat. Im schottischen Hochland endlich wird ein Handtuch über ihren Kopf gelegt und darüber der Inhalt einer Brotschüssel ausgeschüttet, nach dem die Umstehenden haschen. Im nördlichen England verwendet man zu diesem Zweck statt Brot knuspriges Gebäck, und in manchen Gegenden muß der älteste Mann des Dorfes diese Handlung vornehmen. Hier und dort nimmt die junge Gattin beim ersten Betreten des Hauses noch manche andere zeremonielle Handlung vor, die vielfach auf alten überlieferten heidnischen Vorstellungen von der Bedeutung der Hausahnen und dem Vertreiben böser Mächte beruht. So muß sie sich zunächst vor den Feuerherd stellen oder um ihn herumgehen und sich vor ihm verneigen, sodann die Dungstätte auf dem Hofe betreten, in den Stall gehen und das Vieh füttern, sich den Bienenstöcken vorstellen und so fort. — An manchen Orten haben sich noch andere, ganz merkwürdige Gebräuche erhalten (Abbild. 351 bis 353). Überall sind wohl Hochzeitsgeschenke üblich, die verschiedentlich in Lebensmitteln und Wirtschaftsgegenständen für den neuen Haushalt bestehen (Abb. 354).

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Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.

Abb. 344. Braut in hannöverscher Tracht.

Früchte, Blumen und Myrtenstrauß kennzeichnen sie als Braut und unterscheiden ihren Anzug von der Festtracht der übrigen Mädchen.

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Phot. The Folk-Lore Society.

Abb. 345. Szene vom Girlandentag in Castleton.

Die „Girlanden“ werden von einem Berittenen in altertümlicher Tracht auf Kopf und Schultern durch die Stadt geführt.

Hieran schließt sich das Hochzeitsmahl (hierzu die Kunstbeilage und Abb. 356), bei dem es häufig genug hoch hergeht und besonders auf dem Lande Unheimliches im Essen und Trinken geleistet wird. Um ein Beispiel aus Pommern anzuführen, so wurden im Jahre 1907 gelegentlich einer Bauernhochzeit in Schwarzau laut Zeitungsbericht zur Bewirtung der Gäste angeschafft — und auch verzehrt: zweiunddreißig Zentner Weizenmehl, vier Schweine von je zweieinhalb Zentnern, zwei Kälber, drei Schafe, zweiunddreißig Gänse, acht Zentner große Fische, zehn Zentner kleine Fische, vierundfünfzig Tonnen Bier, fünfhundert Flaschen Wein und dreihundert Liter Branntwein.

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Phot. Rudolf Jobst, Wien.

Abb. 346. Hochzeitszug in Mayrhofen (Zillertal).

Nach alter Sitte wird dabei die Ausstattung der angehenden Eheleute mitgeführt.

Vor Beginn des Mahles pflegt in manchen Gegenden der Hochzeitsbitter einen Hochzeitspruch oder eine „Abdankung“ herzusagen. Das Weinglas, aus dem die Gesundheit des jungen Paares ausgebracht wurde, wird hinterrücks über die Schulter geworfen, so daß es in möglichst zahlreiche Stücke zerspringt, was Glück bringen soll, und zwar um so mehr, je mehr Scherben es sind.

In Irland erscheinen manchmal nach dem Mahle eine Anzahl „Bettler“ oder „Strohknaben“, so genannt, weil sie sich in Stroh einwickeln; ihr Anführer tanzt mit der Braut, und den übrigen werden Erfrischungen vorgesetzt. Der Tanz (Abb. 355) bildet wohl überall den Abschluß des Hochzeitsfestes. In manchen Gegenden ist er besonders auf diesen Zweck zugeschnitten. Den ganzen Abend über versucht man, der jungen Frau allerlei Schabernack zu spielen, der darauf hinausläuft, sie dem Gatten abspenstig zu machen, im besonderen sie ihm zu entführen; daher lassen die Brautjungfern sie nicht aus dem Auge. Gelingt den jungen Burschen ihr Spaß, dann führen sie die junge Frau in ein besonderes Zimmer und geben sie erst wieder her, wenn ihre Wächter Geschenke spenden. In Irland sucht die junge Frau ihrerseits nach dem Mahle zu entschlüpfen, wobei ihr die verheirateten Frauen behilflich sind. Wird sie dabei von den Gästen ertappt, dann muß sie den rechten Strumpf ausziehen und mit demselben nach ihnen werfen. Wer dabei getroffen wird, dem steht die nächste Heirat bevor.

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Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.

Abb. 347. Hochzeitszug im Gutachtal (Schwarzwald),

wo die alten Trachten noch viel und gern getragen werden.

Gegen Mitternacht geht die feierliche Handlung der Kranzabnahme und die sich daran anschließende der Haubung vor sich. Für gewöhnlich nehmen der Bräutigam, ein Brautführer und eine Brautjungfer der jungen Frau den Kranz vom Kopfe ab, wobei in Nord- und Mitteldeutschland ein Kreis um sie gebildet und unter Absingung eines eigens für diese Gelegenheit bestimmten Liedes im Reigenschritt um sie herumgezogen wird. Der Braut sind dabei die Augen verbunden, und sie bemüht sich, während des Reigens eins der sie Umtanzenden zu erhaschen; wen sie erhascht, der wird demnächst Bräutigam oder Braut. Nach der Kranzabnahme setzen die verheirateten Frauen der Neuvermählten die Haube auf, womit sie andeuten, daß sie sie nunmehr in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben. Meistens pflegt sich die Braut nach Möglichkeit dagegen zu sträuben. In ähnlicher Weise wird das Sträußchen des jungen Ehemannes vertanzt. Schließlich wird der Brautschleier noch zerrissen und in kleinen Stückchen an die Gäste verteilt.

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Phot. Gerda Södersund, Leksand.

Abb. 348. Schwedischer Brautzug.

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Phot. R. Sennecke, Berlin.

Abb. 349. Mecklenburgischer Brautwagen.

Vor seinem Fortgang pflegt das junge Paar noch einen „Ehrentanz“ zu tanzen, und zwar um drei brennende Lichter herum, die entweder auf dem Fußboden stehen oder von drei Mädchen gehalten werden. Es darf aber auf keinen Fall eins der Lichter von den Tanzenden ausgelöscht werden, da es sonst Unglück in der Ehe geben würde. Eine Weiterbildung dieser Sitte ist der bekannte Fackeltanz, wie er bei Hochzeiten im Hause der Hohenzollern aufgeführt wird.

Die Hochzeit endet in Norddeutschland mit dem sogenannten Kehraus, einer Polonäse, bei der die mit allen möglichen Wirtschaftsgegenständen bewaffneten Gäste nach einer bekannten Melodie durch das ganze Haus und auch durch die Ställe ziehen, wonach sie in frühern Zeiten schließlich mit einem Besen tatsächlich ausgekehrt wurden.

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Abb. 350. Hessische Bauernhochzeit.

Nach einer Originalzeichnung von A. v. Roeßler.

Den Neuvermählten wird auf dem Wege nach ihrem neuen Heim der Weg versperrt; erst nachdem der Bräutigam sich durch ein Trinkgeld losgekauft hat, kann der Zug seinen Weg fortsetzen.

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Mit Erlaubnis des Schlesischen Museums für Kunstgewerbe und Altertümer in Breslau.

Bauernhochzeit in Oberschlesien.

Nach einem Gemälde von Wilhelm Voigt.

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An den letzten Abschnitt des menschlichen Lebens, den Tod, knüpfen sich bei den Kulturvölkern wohl noch die meisten abergläubischen Vorstellungen. Die geheimnisvollen Mittel und Wege, den Schleier der Zukunft zu lüften und zu erfahren, ob etwa einem ein baldiges Lebensende bevorstehe, sind ziemlich zahlreich. Das Volk läßt manche Menschen mit der besonderen Gabe des „zweiten Gesichts“ ausgestattet sein, das heißt mit der Fähigkeit, im Geiste vorauszusehen, wer demnächst im Sarge liegen oder aus welchem Hause ein Leichenzug sich in Bewegung setzen werde. Es nennt solche Leute „Totenkieker“ oder „Schichtige“. Aber nicht nur sie vermögen den Tod vorauszuschauen, sondern auch jeder andere ist zu bestimmten geheimnisvollen Tagen und Stunden des Jahres dazu in der Lage; wie schon gezeigt wurde, sind solche Tage der Johannistag, der Sankt-Thomas-Abend, der Silvesterabend und andere. Der Volksglaube kennt auch noch zahlreiche andere Anzeichen eines bevorstehenden Todesfalls in manchen Erscheinungen der Tier- und Pflanzenwelt sowie des täglichen Lebens. Ein zu nächtlicher Stunde mit gesenktem Kopf bellender oder viele Löcher in die Erde scharrender Hund, ein an einem Hause nur mit großen Schwierigkeiten vorbeizubringendes Pferd, die Begegnung mit einem Schimmel bei Antritt einer Reise, das Entstehen von Maulwurfshaufen in der Diele des Hauses, das Komm-mit-Rufen des Käuzchens (oder Totenvogels), das ängstliche Flattern einer Schar Raben um ein Haus, das Hinauswerfen toter Jungen aus dem Nest von Störchen oder Hausschwalben, das Ticken oder „Dengeln“ des Holzkäfers (oder der Totenuhr) im Gebälk, das Erscheinen weißer Blätter und Stengel an Pflanzen des Gemüsegartens oder des Ackers, das plötzliche Eingehen von Obstbäumen, das Aufblühen einer einsamen Rose im Spätherbst, ein Strohhalm auf einem Hühnerschwanz (Hebriden), auffällige Geräusche unbekannten Ursprungs im Hause, wie Klopfen, Hämmern, Knallen und so weiter, das grundlose Stillstehen der Uhr, das Herabfallen von Wandbildern, das Selbstaufgehen von Türen und manches Ähnliche wird als eine Todesbotschaft für die Hausbewohner oder die Familienmitglieder angesehen.

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Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.

Abb. 351. Szene von einer Hochzeit im Harz.

Auf dem Schornstein des Hauses der Braut ist ein Sägbock aufgestellt, den der Bräutigam vor der Trauung herunterholen muß. Nach der Rückkehr aus der Kirche muß das Paar auf dem Bock Holz sägen (siehe nächstes Bild).

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Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.

Abb. 352. Szene von einer Hochzeit im Harz.

Nach der Trauung muß das junge Paar einen Kloben Holz auf einem Bock zersägen. Aus dem Grade der Geschicklichkeit, mit der es diese Arbeit vollführt, zieht man Schlüsse auf günstigen oder ungünstigen Verlauf der Ehe.

Naht die Todesstunde, dann wird der Geistliche geholt, um bei den Evangelischen dem Sterbenden das Heilige Abendmahl darzureichen, bei den Katholischen ihn mit der Letzten Ölung zu „versehen“; die Familie und auch wohl die Freunde versammeln sich hinterher in dem Sterbezimmer. Bei schwerem Todeskampf öffnet man das Fenster oder hebt einen Ziegel vom Dach ab, damit die Seele nicht „hängen bleibe“, sondern frei zum Himmel fliegen könne. In Yorkshire legt man den Sterbenden auf den Boden, damit die Seele freien Ausgang habe. — Ist der Tod eingetreten, dann wird zunächst das Fenster geöffnet, darauf wieder geschlossen und dieses selbst sowie die Spiegel im Zimmer verhängt, das Uhrpendel angehalten, die Stühle umgekehrt, alles Wasser im Hause ausgegossen und dergleichen. In manchen Gegenden ist es Sitte, ein lautes Wehklagen anzuheben. In Böhmen, teilweise auch in Schwaben stellt man neben die Leiche ein Glas Wasser, ein Handtuch und ein brennendes Licht, damit die Seele sich reinigen könne, bevor sie vor ihren himmlischen Richter tritt; in Schwaben spricht man dabei von Seelenbad. Vielfach trifft man auch auf dem Lande die Sitte an, daß der Todesfall des Hausherrn den Tieren im Stalle sowie den Bienen mitgeteilt wird; wo in England die Bienenstöcke nicht auf so förmliche Weise davon benachrichtigt werden, hebt man doch die Körbe in dem Augenblick hoch, wo man die Leiche aus dem Hause zu Grabe trägt. Die Sitte beruht auf der Anschauung, daß die Haustiere gleichsam mit zur Familie gehören und daher in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Hausvater stehen; um also dieses zu lösen und damit zu verhüten, daß der Abgeschiedene das eine oder das andere Familienmitglied nach sich ziehe, wird den Tieren der Tod eigens mitgeteilt. Aus demselben Grunde wird auch sämtliches Hausgerät, desgleichen das Getreide, das Obst, die Kartoffeln, die Mehlsäcke und dergleichen von seinem Platze bewegt, verrückt oder geschüttelt. Vielfach wird der Tote auch „ausgeläutet“ oder „heimgeläutet“.

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Phot. R. Welch.

Abb. 353. Eine Hochzeitstanzmaske (Mayo, Westirland).

Hier besteht die Sitte, daß sich bei Hochzeiten Männer als Frauen verkleiden, Strohmasken und wohl auch Strohröcke anlegen und so am Tanz teilnehmen. Man wird dadurch an die Maskentänze der Naturvölker erinnert.

Der Todesfall wird auch im Dorfe bekanntgegeben, entweder durch die Angehörigen selbst oder in manchen Gegenden auch durch einen Leichenbitter oder Leichenlader; wie bei der Hochzeit sind bei diesen Ansagen noch mancherlei stehende Formeln üblich. Die Leichenansager sind durch besondere Abzeichen, wie über der Brust gekreuzte Arme, weiße Stirnbinde, umflorten Stock und Dreimaster, kenntlich gemacht. Auch in Holland sind sie, unter der Bezeichnung „Anspreker“ eine bekannte Erscheinung. Sie sind hier von Kopf bis zu Fuß schwarz gekleidet und tragen ebenfalls besondere Abzeichen: je nachdem es sich um die Mitteilung von dem Tode eines Kindes, eines Junggesellen, einer Jungfrau und so fort handelt, werden verschiedenfarbige Rosetten von ihnen angelegt. Sie gehen von Haus zu Haus und sprechen bei allen, selbst solchen, die nur in weitläufiger Verwandtschaft zu dem Verstorbenen stehen, vor, um den Tod anzuzeigen, oft genug mit Worten, die einen komischen Beigeschmack haben. So sagt der Anspreker zum Beispiel: „Ich muß euch die Grüße des Schlächters (oder Schusters und so weiter) X. überbringen, und er ist tot.“ Früher und gelegentlich noch jetzt an abgelegenen Orten begleitet den Anspreker noch der Heilebolk, dem die Pflicht obliegt, in Tränen auszubrechen, nachdem von jenem der Tod gemeldet worden ist. In Irland verbrennt man ein kleines Strohkissen, auf dem der Tote seine Seele aushauchte, auf der Spitze des nächsten Hügels, um die Nachbarschaft in Kenntnis zu setzen. An manchen Orten Englands zeigt man den Todesfall durch feierliches Läuten an; man verbindet damit auf dem Lande noch den Aberglauben, daß der Ton der Glocke die bösen Geister vertreiben soll. Für gewöhnlich wird nur eine Glocke geläutet; wenn man aber glaubt, daß mehrere Glocken von größerem Erfolg sein könnten, läßt man mehrere ertönen. Auch das Verkünden des Todes von der Kanzel herab ist hier, wie auch in Deutschland, vielfach üblich.

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Abb. 354. Szene von einer Hochzeit bei den Wenden.

Verwandte bringen der Braut Butter als Geschenk.

Die Leiche wird gewaschen und in ein neues Hemd (Sterbehemd) sowie in den besten Anzug, oft das Hochzeitskleid, gesteckt und aufgebahrt, nachdem sie in katholischen Gegenden vorher noch mit Weihwasser besprengt worden ist. In Hindeloopen in Holland befinden sich in der Kirche eine ganze Reihe Bahren, eine neben der anderen aufgestellt; je nach dem Beruf des Verstorbenen wird von diesen Bahren eine bestimmte benutzt, also die eine etwa, wenn es sich um einen Schuhmacher handelt, während beim Tode eines Schneiders, Bäckers, Schmiedes und so fort je wieder eine andere Bahre in Gebrauch genommen wird. — Früher waren noch Leichenwachen Sitte, an denen sich vorzugsweise junge Mädchen beteiligten; auch jetzt begegnet man ihnen noch hier und dort. Stets aber pflegt man nachts wohl noch Kerzen bei den Toten brennen zu lassen. In England müssen es deren fünf sein, die man um die Leiche stellt; in Wales bleibt eine davon unangezündet. An anderen Orten zündet man nur drei Kerzen an, was wieder zu dem Aberglauben geführt hat, daß es Unglück bedeutet, wenn drei Kerzen in einem Zimmer brennen. Wenn in gewissen Gegenden Schottlands die Leiche aufgebahrt worden ist, zündet die älteste Frau die Totenkerze an, die von einer angeblichen Hexe oder von einer „unglücklichen Person“ herstammen muß, und schwenkt sie dreimal um die Leiche, worauf sie drei Hände voll Salz auf einen Teller häuft und diesen auf die Brust des Toten setzt; schließlich stellt sie noch drei leere Schüsseln ans Feuer. Jeder der Anwesenden verläßt nun das Zimmer, kommt dann aber rückwärtsgehend unter Aufsagung von Segensprüchen wieder herein.

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Abb. 355. Zweitritt auf der Stelle

nach der Trauung in einem wendischen Dorfe.

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Abb. 356. Festtafel auf einer Hochzeit bei den Wenden.

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Solange sich die Leiche im Hause befindet, herrscht allgemeine Ruhe und Stille, auch unterbleiben Haus- und Feldarbeiten. Jedoch ist es in manchen Gegenden noch Sitte, daß die Bekannten abends zusammenkommen und Gebete sprechen oder fromme Lieder singen.

Sehr verbreitet ist die Angst, daß der Tote wiederkommen oder auch ein anderes Familienmitglied holen könnte. Um dies zu verhindern, kennt man eine ganze Reihe Abwehrmaßregeln. So darf auf den Toten oder seine Gewänder keine Träne fallen, das Totenhemd darf nicht an einem Sonntage angefertigt werden, in dem Faden, mit dem es gemacht wird, darf sich kein Knoten finden, die Nadeln, die dazu benutzt werden, müssen entweder im Hemd stecken gelassen oder ins Feuer geworfen werden; keins der Bekleidungstücke, die man der Leiche anzieht, darf einen Namen aufweisen, etwa vorhandene Buchstaben oder Namen müssen herausgeschnitten werden, alle Leib- und Bettwäsche, die der Tote bei seinem Ableben benutzte, muß gewaschen, seine Kleider gereinigt werden, dem Toten darf kein Gegenstand, der einem Lebenden gehört, mit ins Grab gegeben werden und so weiter. Dagegen folgen häufig dem Toten mit ins Grab (oder aufs Grab; Abb. 357) seine Gebrauchs- und Lieblingsgegenstände, wie die Tabakspfeife, die Schnupftabaksdose, bei Kindern Spielsachen und so fort; vielfach wird ihm auch ein Zehrpfennig auf den Weg gegeben. Unter das Kopfkissen kommt für gewöhnlich ein Gesangbuch oder das Neue Testament zu liegen, auf die Brust ein Kruzifix oder ein Kreuz aus Blumen.

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Phot. R. Welch.

Abb. 357. Ein Kirchhof, auf dessen Gräbern Tabakspfeifen niedergelegt sind.

In Westmayo, Westgalway und Leitrim besteht die Sitte, den Trauernden, soweit sie im Sterbehause nicht bewirtet werden können, Tabakspfeifen zu verehren. Diese werden auf dem Grabe des Verstorbenen zurückgelassen, bisweilen noch gestopft, um die Seele des Abgeschiedenen zum Bleiben zu veranlassen.

In manchen Gegenden wird der Tote nicht in den Sarg, sondern auf ein Brett gelegt, das in Bayern Rebrett genannt wird. Diese Bretter pflegt man mit dem Todesdatum und einigen Kreuzen, auch wohl mit frommen Sprüchen zu versehen und nach dem Begräbnis entweder in der Nähe des Hauses oder an einem viel begangenen Wege oder Platze aufzustellen, damit die Vorübergehenden, dadurch aufmerksam gemacht, für das Seelenheil des Verstorbenen beten (Abb. 358).

Das Begräbnis bietet hinsichtlich der Beteiligung, der Zusammensetzung und Anordnung des Trauergefolges, des Weges, den der Zug zum Friedhofe nimmt, sowie der verschiedenen Zeremonien, die unterwegs und am Grabe vorgenommen werden, mancherlei Verschiedenheiten. Beim Aufheben und Hinaustragen des Sarges werden auch wieder Abwehrmaßnahmen vorgenommen. In dem Augenblick, wo er das Haus verläßt, muß die Uhr wieder gerückt oder aufgezogen werden; der Tote darf nicht eine Treppe hinaufgetragen werden; er darf das Haus nur mit den Füßen voran verlassen; auf der Türschwelle muß er in Kreuzstellung zu dieser eine Zeitlang abgesetzt werden. Sobald die Leiche das Zimmer verlassen hat, wird dieses gekehrt und mit Kümmel und Wacholderstengeln, die über glühenden Kohlen verbrannt werden, ausgeräuchert; Fenster und Türen werden geschlossen. Stühle und Bänke, auf denen der Sarg gestanden hat, werden umgekehrt, der Weg von der Hausschwelle bis zur Hofgrenze, den der Leichenzug genommen hat, gefegt. Wenn der Sarg diese überschritten hat, wird Wasser über den Weg ausgeschüttet. Alles dieses und manches andere der Art geschieht, um zu verhindern, daß der Verstorbene wiederkomme und etwa noch ein anderes Familienmitglied nach sich ziehe. Aus eben diesem Grunde bewegt sich der Leichenzug möglichst schnell vorwärts, müssen die Teilnehmer in dicht geschlossenen Reihen gehen, dürfen sie sich auf dem Wege nicht umsehen und dergleichen.

Der Sarg wird auf dem Friedhof ins Grab gesenkt. Dieses darf nicht auf einmal hergestellt, sondern muß in drei Absätzen von ein und demselben Totengräber ausgeschaufelt worden sein; in Irland darf dies an keinem Montag geschehen. Bevor der Totengräber das Grab zudeckt, wirft jeder der Leidtragenden drei Hände voll Erde, auch wohl Blumen als Abschiedsgrüße hinein. In Westpreußen tut man dies auch mit dem Tischlermaß, mit dem die Größe des Sarges genommen wurde. Auf gewissen Inseln Irlands wirft man Münzen mit ins Grab hinein, um der Erde ihren Zoll zu entrichten. In anderen Gegenden sammelt man das Geld lieber als Gabe für den Priester oder als Bezahlung der Totenmessen für den Verstorbenen. Das Gegenstück dazu ist der Pastorenpfennig in Wales.

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Phot. Kester & Co., München.

Abb. 358. Totenbretter, sogenannte Rebretter, am Rand eines Getreidefeldes.

In Bayern besteht vielfach die Sitte, die Toten auf einem Brett aufzubahren und diese Bretter späterhin am Rande der Landstraßen aufzustellen, damit die Vorübergehenden veranlaßt werden, für das Seelenheil der Verstorbenen zu beten.

Ihren Abschluß finden die Begräbnisfeierlichkeiten in einem Leichenschmause oder Leichentrunk, entweder im Hause des Verstorbenen oder im Wirtshause; früher ging es dabei nicht selten hoch her, jetzt aber pflegen dazu nur die Verwandten oder nächsten Bekannten zusammenzukommen; da sich zu Leichenbegängnissen auch entfernter Wohnende einzufinden pflegen, so wird die seltene Gelegenheit gern benutzt, um die Familienbande enger zu knüpfen. Die Bewirtung dabei besteht aus Kaffee und Kuchen oder Brot (Sterbewecklein), auch wohl noch Wein.

Für die Trauer, die sich meistens auch noch entsprechend der seit dem Tode verflossenen Zeit abstuft, ist in vielen Gegenden, wo noch die Volkstrachten getragen werden, eine bestimmte Tracht vorgeschrieben (Abb. 359).

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Phot. C. S. Burne.

Abb. 359. Trauerhaube (Staffs),

wie sie beim Begräbnis von Mädchen oder kleinen Kindern getragen wird; dabei hält man in der Hand Rosmarin als Sinnbild des Gedenkens.

Die Grabhügel pflegt man mit Efeu oder mit Singrün zu bepflanzen und mit Zypressen oder Taxushecken, auch wohl mit Trauereschen einzufassen. Als Gräberschmuck dient in erster Linie die Rose, ferner die Lilie, die Ringelblume und der Rosmarin, eine den alten heidnischen Göttern Fro und seiner Gattin Holda geweihte Pflanze. Von Zeit zu Zeit, namentlich aber an bestimmten Tagen (Allerseelen, Totenfest, Karfreitag und anderen) schmückt man die Grabstätten mit frischen Blumen. In Schottland kennt man merkwürdigerweise keinen Gräberschmuck. Nebenbei bemerkt, sollen hier auch amputierte Gliedmaßen in aller Form beerdigt werden.

Der Aberglaube, daß der Tote nicht für immer seiner Familie entrückt sei, sondern noch längere Zeit, wenigstens solange er noch nicht verwest ist, mit ihr in Verbindung stehe und zurückkehre, ist fest eingewurzelt bei allen europäischen Völkern, offenbar ein altes Überbleibsel aus altheidnischer Zeit. Auf der einen Seite fürchtet man dieses Wiedererscheinen und sucht es durch allerlei Abwehrmaßregeln zu verhindern, wie schon mehrfach gezeigt wurde, anderseits aber wünscht man auch wieder, daß der Verstorbene möglichst lange in der Nähe weile. Man nimmt an, daß er unter anderem darum nach Hause zurückzukehren suche, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei und seinen alten Gang gehe. In Thüringen hängt man in der Wohnstube zu diesem Zweck ein Handtuch auf, hinter das der Verstorbene treten soll; man läßt für ihn bei Tisch einen Stuhl frei und stellt ihm Brot und Wasser hin. Einer im Wochenbett Verstorbenen setzt man an das Lager ihres Kindes nachts Wasser und einen Schwamm, damit sie ihren Liebling wasche und pflege, und was dergleichen Gebräuche mehr sind.

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Phot. C. Chusseau-Flaviens.

Abb. 360. Vom Fest der Jugend zu Arles.

Zu Arles, das ebenso wie die ganze Gegend durch die Schönheit seiner Frauen berühmt ist, kommen die jungen Mädchen vom Lande jährlich einmal zusammen. Sie reiten dabei auf den Pferden ihrer Liebhaber auf einem hinter diesen aufgelegten eigenen Sattelkissen.

Die romanischen Völker.

Unter den romanischen Völkern wird, ganz allgemein gesagt, die Bevölkerung der westlichen Mittelmeerländer verstanden, also die Franzosen — in einem großen Teile Nordfrankreichs überwiegt allerdings das nordeuropäische, germanische Blut —, die Spanier, Portugiesen und die Italiener. Rassenanthropologisch betrachtet, gehören zu ihnen die Vertreter des brünetten mediterranen Typus (Abb. 362 und 398), der, wie schon oben gezeigt wurde, vielfach Kreuzungen mit der nordischen und der alpinen Rasse eingegangen ist, sich aber immerhin verhältnismäßig rein in den südlichsten Gebieten der Mittelmeergestade erhalten hat. Unter den Romanen begegnet man vielfach recht schönen Gestalten und ansprechenden Gesichtern, besonders in der Frauenwelt. In Frankreich haben die Frauen von Arles wegen ihrer großen Schönheit eine gewisse Berühmtheit erlangt, deren sie sich übrigens schon zur Römerzeit erfreuten. Die Schönheit der romanischen Frauen wird vielfach noch durch ihre malerische Tracht erhöht, die man hier viel häufiger als in Nord- und Mitteleuropa noch zu tragen pflegt, besonders in ländlichen Bezirken.

Die einzelnen Trachten hier zu schildern, ist ganz unmöglich; es muß genügen, einige wenige im Bilde vorzuführen, denn es herrscht eine große Mannigfaltigkeit in dieser Hinsicht (Abb. 361, 363 und 365). Im allgemeinen sind bunte, leuchtende Farben in geschmackvoller Zusammenstellung für die südeuropäischen Trachten bezeichnend, neben denen in manchen anderen Gegenden aber auch weniger farbenfreudige Stoffe bevorzugt werden. Mit vielem Geschmack und vielem Geschick verstehen die Romaninnen sich darauf, ihre körperlichen Reize durch allerlei Beigaben, besonders in der Kleidung, zu erhöhen. Ein ständig wiederkehrendes Stück der Tracht, das seine größte Verbreitung unter den Spanierinnen (Abb. 366) hat und die anmutigen Gestalten außerordentlich vorteilhaft kleidet, ist das Spitzenschleiertuch (Mantille, Fichu).

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Phot. Prof. Petrucci.

Abb. 361. Bretonische Frauen in Festtracht.

Bezeichnend sind die Hauben, die flügelähnlichen Besätze auf den Schultern und die reichgestickten Schürzen, oft alte, von Geschlecht zu Geschlecht vererbte Stücke.

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Phot. Alinari.

Abb. 362. Italienische Ziegenhirten,

die im einsamen Gebirge die Herden hüten, sehr genügsam leben und in Strohhütten auf einer Streu übernachten. Ihr einziges Vergnügen besteht im Blasen auf dem „ciufolo“, einer Art Pfeife.

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Da die Südeuropäerinnen, soweit sie zum Volke gehören, meistens ohne Kopfbedeckung auszugehen pflegen, so widmen sie der Pflege ihrer Haare große Sorgfalt. Es klingt kaum glaublich und ist doch tatsächlich wahr, daß man in Süditalien überall Volkshaarkünstlerinnen antrifft, die ihr Gewerbe für fünf Centesimi ausüben, und zwar nicht im Innern der Häuser, sondern unter freiem Himmel auf der Straße. In den Volksvierteln Neapels ist es am Sonnabendnachmittag keine Seltenheit, die dunkeläugigen Frauen eine neben der anderen auf der Straße sitzen und darauf warten zu sehen, daß die Haarkünstlerin ihr tiefschwarzes Kopfhaar in gefällige Formen bringe. Dagegen wird in der Bretagne der Pflege der Haare keine besondere Sorgfalt gewidmet. In den Augen der dortigen Bevölkerung sind Locken geradezu verpönt. Ein junges Mädchen, das durch die Schönheit seiner Haare in Versuchung kommen sollte, nur ein einziges Löckchen unter der festsitzenden kappenartigen Kopfbedeckung hervorsehen zu lassen, würde Gefahr laufen, der Aussicht auf einen Freier verlustig zu gehen; denn die jungen Burschen würden sie für leichtfertig und ihrer Zuneigung nicht würdig erachten. Diese Sitte hat offenbar dazu geführt, daß die bretonischen Frauen und Mädchen, da sie ihr Kopfhaar nicht recht zur Geltung bringen können, es an umherziehende Leute, die sich alljährlich zu den Festen einfinden, verkaufen (Abb. 364). Die Männer dagegen pflegen ihr Haar lang wachsen zu lassen, oft bis über die Schultern herab, eine Sitte, die übrigens schon dem griechischen Satiriker Luzian von den Bretonen bekannt war. Eine besondere Bewandtnis hat es mit den schwarzen Schlapphüten der Männer, wie sie nicht nur in der Bretagne, sondern auch sonst in Frankreich getragen werden. Sie werden nämlich so gebogen, daß sie auf der einen Seite eine in die Höhe stehende Spitze bilden, und unverheiratete junge Männer setzen den Hut nun so auf, daß seine Spitze über dem Ohr zu stehen kommt, während Verheiratete dieselbe nach hinten, Witwer sie nach vorn tragen. Wer diese Sitte kennt, kann daher aus der Art, wie jemand den Hut trägt, leicht erraten, wie es in ehelicher Hinsicht mit ihm bestellt ist.

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Aus: Gallichan, Spain Revisited.

Abb. 363. Eine Frau aus der Provinz Galicien (nordwestliches Spanien)

in ihrer anmutigen Tracht.

In Toulouse besteht noch heutzutage der merkwürdige Brauch der Verunstaltung des Schädels durch das beständige Tragen einer festen Kappe von frühester Kindheit an; der Schädel wird dadurch in eine langgezogene Form gedrängt. Einen schädlichen Einfluß auf die geistigen Fähigkeiten übt diese Verunstaltung indessen nicht aus. Sehr verbreitet ist unter den Romanen auch die Unsitte des Tatauierens. In Süditalien herrscht sie besonders im Gebiete von Loreto, wo sich nach dem Volksglauben das von den Engeln dorthin gebrachte Haus der Jungfrau Maria befindet. Zu Ehren der Himmelskönigin lassen sich die Tausende von Besuchern dieses Wallfahrtortes deren Monogramm in die Haut „einschreiben“.

Ebenso wie in körperlicher Hinsicht unterscheiden sich Romanen und Germanen auch in geistiger streng voneinander. Während der Germane ein ernstes, nachsinnendes, gemessenes Wesen zur Schau trägt, viel überlegt, nachdenkt, sich nur langsam und erst durch Vernunftgründe überzeugen läßt und zur Innerlichkeit neigt, zeigt der Romane ein heiteres, leichtlebiges, leidenschaftliches Temperament, begeistert sich schnell für alle Neuerungen, ohne viel zu überlegen, ist sehr leicht bestimmbar und läßt sich gern durch Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten beeinflussen. Seine durchschnittliche Bildung steht auf einer viel niedrigeren Stufe als die des Nordeuropäers; es gibt unter den Spaniern und Italienern noch ungemein viel Leute, die weder lesen noch schreiben können. Daher haben in Städten und Dörfern auf Plätzen, in Straßen und vor den Posthaltereien öffentliche Schreiber ihre Buden aufgeschlagen, die einen kleinen Tisch mit Papier, Tinte und Feder enthalten; hier wird der Briefwechsel der Schreibunkundigen erledigt, eingelaufene Briefe ihnen vorgelesen und die Antwort geschrieben. Lebhaften Zuspruch erhalten diese öffentlichen Schreiber auch von Liebenden; über deren Angelegenheiten bewahren sie tiefstes Amtsgeheimnis.

Mit der leichten Erregbarkeit der Südländer hängt auch ihre große Vorliebe für Duelle (Abb. 370) zusammen. Dies gilt schon von Frankreich, noch weit mehr aber von Spanien und Italien. In Frankreich kommt der Zweikampf hauptsächlich unter den oberen Zehntausend vor, besonders unter Offizieren, Leuten, die im öffentlichen Leben stehen, und Journalisten. Sie tragen ihre Streitigkeiten meistens mit dem Florett aus, und zwar sind die Anlässe in der Mehrzahl der Fälle ganz geringfügig, ja lächerlich. Sehr wenige dieser Zweikämpfe endigen mit gefährlichen Verletzungen für die Kämpfenden; ein kleiner Stich mit dem Degen oder ein paar in die Luft abgegebene Schüsse genügen meistens, um die verletzte Ehre wiederherzustellen. Viel häufiger und ernster sind dagegen die Duelle bei den Leuten aus dem Volk auf der italienischen und der spanischen Halbinsel. Hier werden sie meistens mit dem Messer ausgetragen. Nur zu leicht fühlen sich die Südländer in ihrer Ehre verletzt und greifen daher sogleich zum Messer oder zum Revolver. Zahlreiche Kreuze, denen man auf seinen Wanderungen in Italien begegnet, legen davon Zeugnis ab, daß hier ein Mord begangen wurde, und bilden eine stillschweigende Mahnung an die Gesetzlosigkeit, die noch immer im Lande herrscht. Auch Eifersucht spielt bei der Entstehung derartiger Duelle eine große Rolle. Nicht selten ist die Italienerin stolz auf die Wunden, die ein verschmähter Liebhaber ihr im Gesicht beibrachte, um es zu entstellen; sagen sie ihr doch, daß sie imstande ist, Leidenschaften unter den Männern zu einfachen.

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Abb. 364. Vom Haarmarkt in Saint-Jean in der Bretagne.

Die Frauen lassen sich das Haar von umherziehenden Haarschneidern kürzen und verkaufen es an diese.

Sobald ein Mord begangen ist, flüchtet der Mörder in den nächsten Wald oder ins Gebirge; seine Freunde sorgen dafür, daß er unentdeckt bleibt, und bringen ihm Nahrung. Dagegen machen die Verwandten und Freunde des Ermordeten die größten Anstrengungen, des Angreifers habhaft zu werden und ihn gleichfalls niederzustechen oder, falls ihnen dies nicht gelingt, an seinen nächsten Verwandten Rache zu üben. Es ist dies die bekannte Blutrache, die Vendetta, die oft genug immer weitere Kreise zieht und sich vielfach von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzt. Bisher konnte sie durch keine Macht ausgerottet werden. Die Obrigkeit in Italien hat nicht die Macht, diesem gefährlichen Treiben Einhalt zu tun; das Volk kümmert sich eben nicht um die Gesetze der Regierung und regelt das Unrecht nach ungeschriebenem Sittenkodex. In Süditalien ist es die Kamorra, auf Sizilien die Mafia, die diese Volksgerichtsbarkeit in die Hand genommen haben. Beide Geheimbünde erfreuen sich immer noch eines guten Gedeihens, wenngleich sie dem Namen nach unterdrückt sein sollen. Denn gerade die Polizei, die sie zu Fall bringen sollte, ist ihr bester Freund und Bundesgenosse. Eine einheitliche Organisation besitzen weder die Kamorristen noch die Mafiosen; es bestehen vielmehr in verschiedenen Gemeinden verschiedene Verbände der Kamorra beziehungsweise Mafia, die unabhängig voneinander ihr Gebiet bearbeiten, manchmal aber auch sich gegenseitig befehden. Die Tätigkeit der beiden Geheimbünde ist nach den Örtlichkeiten verschieden, meistens besteht sie in gegenseitiger Selbsthilfe und gelegentlich im Rächen von Unbilden nach dem Faustrecht, aber auch in der Unterstützung unterdrückter, dem Bunde fernstehender Personen. Sie reicht von den niedrigsten bis in die höchsten Schichten hinein, so daß ebensogut die Wahl eines Gemeindedieners wie die eines Parlamentsmitgliedes von diesen Geheimbünden abhängen können, und zwar erstreckt sich ihr Einfluß über mehr als die Hälfte des ganzen Landes. Der feste Glaube, daß sein besonderer Schutzheiliger, dessen Reliquie der Kamorrist oder Mafiose in einem kleinen Beutel um den Hals trägt, ihn vor jeder Kugel der Truppen, die zu seiner Verfolgung ausgesandt werden, behütet, verleiht ihm den zu seinem gefährlichen Handwerk erforderlichen Mut.

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Phot. J. Laurent & Co.

Abb. 365. Tracht der Bevölkerung von Valencia.

Sowohl die männliche wie die weibliche Tracht ist reich, eigenartig und malerisch.

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Aus: Gallichan, Spain Revisited.

Abb. 366. Spanierin mit der Mantille.

Dieses Kleidungstück aus zartem, weißem Spitzengewebe, das vielleicht die anmutigste Kopfbedeckung ist, die es gibt, wird noch viel in der Provinz Galicien und überhaupt in den Provinzstädten Spaniens getragen.

Der Südländer mit seinem lebhaften Temperament ist sehr für Spiel und Tanz eingenommen. In Spanien ruft kein Vergnügen größere Freude und Begeisterung hervor, als der Stierkampf, die Corrida. In den Augen des Spaniers ist dies der einzige wissenschaftliche, heldenmütige und gleichzeitig künstlerische Sport. Kein anderes Land der Welt hat einen Sport aufzuweisen, der eine ähnliche Stellung einnimmt oder eine ähnliche Anziehungskraft auf die Bevölkerung ausübt. Er ist in dem Grade dem gesamten Volk gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen, daß jeder Bürger mit allen Förmlichkeiten, Gesetzen und Regeln des Spiels — und bei einer Corrida wird ganz planvoll verfahren — vertraut ist, die Fehler, die etwa begangen werden, sogleich erkennt, die Teilnehmer, ganz gleich ob Mensch oder Tier, in ihren Leistungen streng beurteilt und unerschöpflich ist, wenn es gilt, über diesen Gegenstand zu plaudern. Pünktlichkeit kennt der Spanier sonst nicht, aber in Sachen des Stierkampfes läßt er auch hierin nichts zu wünschen übrig; zur festgesetzten Stunde findet er sich zum Stierkampf ein mit einer Pünktlichkeit, die geradezu überrascht. Wenn sich die Uhrzeiger der für die Schaustellung festgesetzten Stunde langsam nähern, dann wird der Stimmenlärm, der bisher in der tausendköpfigen Menge herrschte, beinahe zum Schweigen gebracht; alles ist ganz Ohr und Auge. Mit dem ersten Glockenschlag erscheint der Präsident in Frack und hohem Hut, wie es die Sitte vorschreibt, auf seinem Platze — sollte er nicht zur Stelle sein, dann würde er die Wut der harrenden Menge heraufbeschwören —, setzt sich, wartet einen Augenblick und gibt durch Schwenken eines Tuches das Zeichen zum Anfang. Zunächst erfordert es die Sitte, daß der Chiquero in aller Form eröffnet werde. Zu diesem Zweck erscheinen in dem Bogengang unter dem Platz des Präsidenten zwei vollständig in schwarzen Samt gekleidete, mit Mänteln aus demselben Stoff und mit Federhüten geschmückte Alguaciles auf sich bäumenden Rossen, traben, der eine nach rechts, der andere nach links, im Halbkreise um die Arena herum, bis sie sich auf der entgegengesetzten Seite begegnen, galoppieren darauf wieder zurück und begrüßen den Präsidenten, worauf sie durch die Eingangspforte wieder verschwinden. Einen Augenblick ist die Arena leer, dann treten die Alguaciles am gegenüberliegenden Eingang wieder auf, und mit ihnen vollzieht sich der eindrucksvolle Einmarsch der Kämpfer (Abb. 368). Voran reiten die Alguaciles, dicht hinter ihnen marschieren die drei Matadores nebeneinander, und zwar strenger Vorschrift gemäß in der Rangordnung des Alters (links der älteste). Den rechten Arm haben sie frei; von der linken Schulter hängt ihnen der glänzende Parademantel herab, der rings um die Taille geschlungen wird und dessen Enden von der linken Hand des Trägers auf der Hüfte gehalten werden. Hierauf folgen die Bandilleras in glänzenden Gewändern aus Samt und Seide und dann wieder Berittene, die Picaderos. Hinter ihnen kommen noch die Ringwärter in ihren roten Hemden, die die Aufgabe haben, die Wunden der Pferde mit Werg auszustopfen; sie müssen aber auch die gefallenen Tiere durch Schläge auf die Beine bringen, wenn sie noch imstande sein sollten, einen weiteren Angriff des wütenden Stiers zu ertragen, auch ihre toten Körper an die mit Schellen versehenen Maultiere, die den Nachtrab bilden, anschirren, um sie durch diese hinausschleppen zu lassen. Das Ganze bietet ein recht würdevolles, dabei malerisches und prächtiges Schauspiel und verfehlt nie, die Bewunderung und den lauten Beifall der Zuschauer hervorzurufen. Alle Teilnehmer des Zuges stellen sich gleichfalls vor dem Präsidenten auf und begrüßen ihn durch Aufheben ihrer Gerätschaften. Dieser erwidert ihren Gruß durch Lüften seines Zylinders, worauf sich der Zug verteilt. Die Maultiere aber verschwinden, ebenso die Picaderos bis auf zwei, die gegen die Barriere gelehnt dastehen, in gewisser Entfernung von der Tür, aus der der Stier erscheinen soll. Die Bandilleras und Espadas vertauschen ihre Parademäntel mit ausgebleichten, blutbefleckten roten und gelben Umhängen; die ersteren vertrauen sie guten Freunden unter den Zuschauern an. Ein Trompetenstoß ruft dann einen der Alguaciles herbei, der den Schlüssel zum Tor, den der Präsident herabwirft, mit seinem federngeschmückten Hut auffängt und einem alten Wärter übergibt, während er sich selbst in Sicherheit bringt. Der alte Bediente öffnet das Toril und tritt zur Seite. Tiefes Schweigen tritt jetzt ein. Der Stier erscheint, galoppiert in die Arena, wittert die seiner wartenden Picaderos und stellt sich so, als wolle er einen jeden von ihnen beim Vorbeistürmen angreifen. Dabei versetzen ihm die Picaderos einen leichten Stoß. Der Stier wird dadurch wütend gemacht, schnauft ärgerlich, scharrt die Erde auf und geht schließlich mit gesenktem Kopf auf einen der Reiter zu. Erst wenn ihm mindestens zwei Pferde zum Opfer gefallen sind, treten die Bandilleras in Tätigkeit, um den Stier dadurch in noch größere Wut zu versetzen, daß sie ihm eine Reihe mit Widerhaken versehener Lanzen in den sehnigen Nacken stoßen. So geschmückt, tritt der Stier nun einem Espada oder Matador gegenüber (Abb. 369), der ihn dazu verleitet, wiederholt einen Anlauf auf ihn zu nehmen. Sodann hebt er das Heft seines Schwertes in gleiche Höhe mit seinem Auge und zielt vorsichtig auf eine bestimmte Stelle des Stieres, der auf ihn losstürmt und in das Schwert bis an das Heft hineinläuft. In demselben Augenblick springt der Espada zur Seite, der Stier taumelt und fällt mit einem Krach auf den Boden. Der tote Körper wird an das schon erwähnte Maultierpaar gespannt und im Galopp hinausbefördert. Frischer Sand wird über die Blutlache gestreut, und die Trompeten verkünden die Wiederholung des grauenerregenden Schauspiels. Dem Espada aber, der dem Stier den Garaus gemacht hat, wird mächtige Begeisterung gezollt; je mehr Erfolge er aufzuweisen hat, um so mehr steigt er in der Achtung aller, besonders aber der Frauen, die geradezu einen Kultus mit ihm treiben und ihn beinahe vergöttern. Für den Nordeuropäer aber ist es nicht faßlich, daß Kulturmenschen an einem so widerwärtigen Vorgang, wie die Corrida es ist, Gefallen finden können; doch sind die Stierkämpfe nun einmal eine althergebrachte Leidenschaft des ganzen spanischen Volkes und werden es auch immer bleiben.

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Phot. J. Giletta. Mit Erl. von H. J. Shepstone.

Abb. 367. Aus dem Festzug des berühmten Karnevals zu Nizza.

Die Figur auf dem Heck des Bootes hält unter dem Arm eine Nachbildung der Mona Lisa, deren Original bekanntlich aus dem Louvre gestohlen wurde.

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Phot. Diego Gonzalez.

Abb. 368. Szene vom Stierkampf.

Der Aufzug der Kämpfer (Matadores, Bandilleras, Picaderos und so weiter).

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Phot. Diego Gonzalez.

Abb. 369. Szene vom Stierkampf.

Der bereits von den Speeren der Bandilleras getroffene Stier wird von dem Matador zum neuen und wohl letzten Angriff gereizt.

Auch Frankreich kennt Stierkämpfe; so finden solche in der Stadt Arles statt, aber hier sind es nicht wie bei der spanischen Corrida blutrünstige Metzeleien, an denen das Volk seine Freude hat, sondern die heiteren naiven Spiele, in denen die Gewandtheit des Menschen gegen die Stärke des Stiers zum Auftrag gebracht wird. Der Kämpfende muß nämlich dem Stier eine Kokarde, die er zwischen den Hörnern trägt, fortzureißen versuchen.

In Italien huldigt man mit Vorliebe dem Glückspiel. Dieser Sport ist über die ganze Halbinsel verbreitet und bildet die Haupteinnahmequelle für den Staat. Jede Woche finden in allen bedeutenderen Städten Lotterieziehungen statt, so daß für die Italiener, die schon seit Jahrhunderten einem süßen Nichtstun ergeben sind, das Spiel das sicherste Mittel ist, um noch immer ärmer zu werden. Die Gewinnaussichten sind nämlich recht gering, da die Regierung den Löwenanteil an den Einnahmen nimmt, indem sie den Wert der Gewinne nie den dritten Teil der Summe übersteigen läßt, die sich nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeitsrechnung aus den Einnahmen ergibt; auf diese Weise bringt sie es fertig, sich eine dauernde, freiwillig gespeiste Geldquelle zu verschaffen. Denn das Volk ist auf das Spielen, wie gesagt, rein versessen. Bei der Auswahl der zu spielenden Nummern spricht der Aberglaube viel mit. Das in Italien am meisten gelesene Buch ist das Traumbuch, eine alte, alphabetisch angeordnete Liste von Wörtern, deren jedem eine aufs Geratewohl zwischen eins und neunzig ausgewählte Zahl zugeordnet ist. Irgendein Ereignis oder ein Traum, der auf eins der dort verzeichneten Wörter anspielt, gibt den Ausschlag für die damit verbundene Zahl, und diese wird zur Nummer des zu spielenden Lotterieloses. Auch die Mönche werden nicht selten um Nennung einer glückbringenden Nummer angesprochen. Da sie in großem Ansehen stehen und auch eine gewisse Bildung besitzen, so meint das abergläubische Volk, daß sie auch mit der Gabe ausgestattet seien, vorauszusehen, welches Schicksal einem bevorsteht, was ein Traum bedeutet, welche Nummern in der Lotterie Erfolg haben werden und so fort. Es kann unter Umständen auch geschehen, daß ein solcher „Onkel“ Mönch, wenn er sich weigert, Auskunft zu erteilen, unbarmherzig durchgeprügelt wird.

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Phot. Clarke & Hyde.

Abb. 370. Duell mittels Stoßdegen,

wie es in Frankreich bei Beleidigungen üblich ist.

Unter keinem Himmelstrich Europas bringt das Volk dem Tanzen so lebhaftes Interesse entgegen wie in Italien und vor allem in Spanien. Hier ist wieder Andalusien, wo die Herzen am raschesten schlagen und die Liebe am wildesten auflodert, entschieden das Wiegenland der spanischen Tänze, denn an dieser Stätte sind eine ganze Reihe derselben entstanden, und von hier aus haben sie sich nicht nur Spanien, sondern einzelne die ganze Welt erobert. Der älteste spanische Tanz, der Fandango, ist ein urechtes Kind des sonnigen Andalusiens, in dem die ganze Liebessehnsucht und Leidenschaft der Tanzenden zum Ausdruck kommt. „Ein getanztes Bekenntnis der Liebe“ hat man einmal den Fandango treffend genannt. Der spanische Tanz, mag er nun Fandango oder Cachucha, Bolero, Malequeña, Seguidilla oder sonstwie heißen, ist nämlich fast immer eine anmutig durchgeführte Pantomime, in der die Liebessehnsucht, Werbung, Erhörung oder Ablehnung zum Ausdruck kommen. Die einschmeichelnden Töne, die den Saiten der Gitarre, des Nationalinstrumentes der Spanier, entlockt werden, und der melodische Gesang, der sie begleitet, verleihen den spanischen Tänzen erst den vollen Reiz; alle drei sind unzertrennbar miteinander verbunden zu einem harmonischen Ganzen.

Der Süditaliener hat seine Tarantella (Abb. 371), einen Tanz, der gleichfalls der Erotik nicht entbehrt, aber hinsichtlich der Inbrunst, mit der er getanzt wird, wohl kaum dem Fandango gleichkommen dürfte. Für gewöhnlich schlagen die Tanzenden mit einem Tamburin den Takt dazu, während Musikanten mit der Gitarre oder dem Dudelsack die Begleitung spielen. Das lebhafte Temperament der Südländer kommt so recht in ihrer ausgelassenen Karnevalfeier zum Ausdruck (Abb. 367).

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Phot. Harlingue.

Abb. 371. Tarantellatänzer in Sorrent.

Alle Südeuropäer sind in hohem Grade strenge Anhänger der katholischen Kirche, der sie leidenschaftlich ergeben sind. Im besonderen gilt dies für die Spanier, unter denen sich der Katholizismus des allergrößten Ansehens erfreut. Nirgends in Europa begegnet man daher so viel Geistlichen, Ordensgesellschaften (Mönchen und Nonnen), Kirchen, Klöstern und Prozessionen, nirgends einem solchen Einfluß der alleinseligmachenden Kirche wie in Frankreich, Spanien und Italien. Der Reliquiendienst, desgleichen der Glaube an Wundertaten treibt hier besonders reiche Blüten. Mit großer Regelmäßigkeit wiederholen sich die Wunder in dieser oder jener Stadt. Die Grotte zu Lourdes ist bekannt. Sie hat dem Erscheinen der Jungfrau Maria ihr Entstehen zu verdanken; alljährlich pilgern viele Tausende von Kranken aus aller Herren Ländern nach dieser Wundergrotte, um Heilung von ihren Gebresten zu finden (Abb. 375 und 394). In Neapel fließt das geronnene Blut des heiligen Januarius alle Jahre an einem bestimmten Tage und zieht gleichfalls Hunderttausende von frommen Menschen an, die dieses Wunder mit eigenen Augen zu schauen begehren. Sankt Nikolaus in Bari besitzt ein Wunderknie, aus dem dauernd Wasser rieselt, das man in kleinen Gefäßen auffängt und im ganzen Lande als unfehlbares Mittel gegen alle möglichen Krankheiten, sogar gegen gebrochene Beine, verkauft. Und so ließen sich noch viele andere Stätten aufzählen, deren Besuch bei dem Gläubigen Wunder wirken soll.

Prozessionen (Abb. 374, 376, 378, 379 und 397) nach solchen Orten finden beständig statt. Aber nicht nur zu solchen Wunderstätten veranstaltet man feierliche Umzüge, sondern noch zu zahlreichen anderen heiligen Plätzen, Kirchen, Klöstern, Kreuzen und so weiter, die irgendwie mit einem der Heiligen in Beziehung stehen. Aus der Zahl der Heiligenbilder, die solche Stätten zieren, aus der Menge der Opfergaben, die dort hängen — sie bestehen aus verschiedenartigen Gegenständen, für gewöhnlich aus der Nachbildung eines einzelnen Körperteiles, der durch die wundertätige Vermittlung des besonderen Heiligen von seinem Schaden befreit wurde —, und aus der Anhäufung von Geldspenden kann man auf die Volkstümlichkeit eines Heiligen Schlüsse ziehen.

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Phot. Alinari.

Abb. 372. Umherziehende Musikanten in Kalabrien,

die zu Weihnachten von den Apenninen herabkommen, um vor dem Presepio, einer rohen Darstellung der Krippe zu Bethlehem, auf ihren Pfeifen und Dudelsäcken zu spielen und dazu zu singen.

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Phot. W. A. Mansell & Co.

Abb. 373. Teilnehmer am Fürbittefest von Sankt Anna

treffen in bannergeschmückten Segel- und Ruderbooten ein.

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In der Bretagne wird an der Westküste, wo der Sardinenfang blüht, am Morgen des Sankt-Anna-Tages (26. Juli) die Fischerei gesegnet (Abb. 373). Zu diesem Zwecke begibt sich die Geistlichkeit unter Vorantragung von Kreuz und Heiligenbannern in feierlichem Zuge von der Kapelle Notre-Dame de L’Armor (Unsere liebe Frau zur See) zum Strand und schifft sich hier in Boote ein. Diese fahren etwa zwei bis drei Seemeilen hinaus, wo ihnen die Boote von L’Orient und anderen Küstenplätzen zu Hunderten entgegenkommen. Wenn alle Boote einen Kreis gebildet haben, dessen Mitte die Fahrzeuge der Priester einnehmen, wird von diesen der Segen gesprochen. — Gerade in der Bretagne haben sich noch zahlreiche andere fromme Gebräuche erhalten, die mit der Vergebung der Sünden in Verbindung stehen und Anlaß zu bemerkenswerten Volksfesten geben. Fast jede Kirche im Innern des Landes soll unter der Obhut eines Schutzpatrons stehen, der im Gegensatz zu den für den betreffenden Ort unwirksamen Heiligtümern der übrigen Kirchen nach dem Glauben des Volkes und den Lehren der Priester die Macht besitzt, Vergebung der Sünden zu erwirken. Manche dieser Heiligen sind berühmt wegen ihrer Fähigkeit, den Männern besonderen Schutz zu verleihen, andere wieder nehmen sich der Frauen und Kinder an, während einer von ihnen, Sankt Kornelius, das Vieh unter seine besondere Obhut genommen hat. Sein Vergebungsfest wird in der kleinen Kirche von Sankt Nicholas zusammen mit dem des heiligen Nikodemus gefeiert. Diese Vergebung findet alljährlich am ersten Sonnabend des Monats August statt; jeder Besitzer von Vieh bringt das seinige dorthin, so daß die Wiesen um die Kirche von Herden gleichsam übersät erscheinen. Die Segnung der Tiere geschieht in der Weise, daß der Priester mit verschiedenen Reliquien des Heiligen das Vieh berührt (Abb. 381). Darauf treibt jeder Eigentümer seine Tiere wieder nach Hause, in dem sicheren Glauben, daß sie im kommenden Jahre von Krankheit nicht heimgesucht werden können und reiche Nachkommenschaft haben werden. — In Italien ist der heilige Antonius Schutzpatron des Viehs. An seinem Festtage sucht der Geistliche alle Tiere in Haus und Hof auf, segnet sie und feit sie gegen Krankheiten und Unglücksfälle im kommenden Jahre. Bei derselben Gelegenheit werden auch Felder und Ernte gesegnet, um sie im besonderen gegen Hagelschlag und Heuschrecken zu schützen.

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Phot. Clive Holland.

Abb. 374. Umzug am Morgen des Fürbittefestes

(Gegend von Quimper). Zahlreiche, zum Teil prächtige Banner werden im Zuge mitgeführt.

Der religiöse Zug, der die Mehrzahl der Feste bei den romanischen Völkern auszeichnet, beeinträchtigt keineswegs ihren Frohsinn; besonders die Spanier sind wahre Vergnügungskünstler. Von Januar bis Dezember werden überall im Lande zahlreiche Ferias oder Fiestas gefeiert; von Nationalfesten allein besitzen sie wohl einige Dutzend. Dem Neujahrstage wird nicht viel Bedeutung beigelegt; die erste große Festlichkeit im neuen Jahre fällt vielmehr auf den 6. Januar. Die höheren Kreise feiern diesen Tag nach althergebrachtem Brauch, indem ihre Mitglieder sich gegenseitig besuchen und Karten austauschen, während die Armen sich von den Anstrengungen des Vorabends erholen, an dem sie die Ankunft der heiligen drei Könige erwarteten und sich vergnügten. Der nationale Karneval erstreckt sich über mehrere Februartage; die Bevölkerung des ganzen Landes feiert ihn auf der Straße, läuft in Masken umher, hält in den Theatern glänzende Bälle ab, wirft auf den Straßen Papierschlangen und Konfetti in ungeheuren Mengen und vergnügt sich vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein. — Der Sankt-José-Tag (19. März) ist immer ein wichtiges Ereignis, denn dieser Heilige erfreut sich in ganz Spanien einer ungewöhnlichen Volkstümlichkeit. Man schickt an diesem Tage Geschenke, die in Blumen, Süßigkeiten und Karten bestehen, an Personen beiderlei Geschlechts, die den Namen des Heiligen führen. In Valencia herrscht die Sitte, am Sankt-José-Tage inmitten der Straßen Katafalke aus Leinwand und Holz aufzubauen und auf diese Figuren zu stellen, die die wichtigsten politischen Ereignisse des Jahres in scherzhafter Weise zur Darstellung bringen (Abb. 382).

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Phot. The Farringdon Photo Company.

Abb. 375. Pilger küssen die Wand der Grotte zu Lourdes.

Im Vordergrunde rechts stehen zahlreiche Krücken, die von solchen, die Heilung gefunden zu haben glaubten, zum Dank zurückgelassen wurden.

Der Palmsonntag (Abb. 377) gibt Veranlassung zu einer allgemeinen religiösen Feier, ebenso zeichnen sich alle übrigen Tage der Karwoche durch eindrucksvolle Gottesdienste und Feierlichkeiten (Abb. 384) aus. Alles trägt in diesen Tagen schwarze Gewänder. Jede geschäftliche Tätigkeit außer der allernotwendigsten unterbleibt am Karfreitag und auch am vorangehenden Donnerstag; der Handel in den Straßen der großen Städte ist unterbrochen und ein feierliches Schweigen liegt über dem ganzen Lande. Am Gründonnerstag wäscht die Königin zur Erinnerung an die Fußwaschung der Jünger durch den Heiland einigen Armen, die sich zu diesem Zwecke im Palast zu Madrid einfinden, die Füße und macht am Nachmittag einen feierlichen Rundgang durch die Kirchen der Stadt. Der Karfreitag ist in jeder spanischen Stadt der Tag großartiger Umzüge (Abb. 383) durch die Straßen. Vielleicht am berühmtesten von allen solchen Veranstaltungen in der ganzen Welt sind die Umzüge von Sevilla (Abb. 380) wegen der großartigen Pracht, die dabei entfaltet wird, und der Schönheit sowie Kostbarkeit der sogenannten Pasos, geschnitzter Bildwerkgruppen, durch die einzelne Ereignisse aus der Leidensgeschichte Christi dargestellt werden. Sie werden unter großer Beteiligung von seiten der Mitglieder zahlreicher Brüderschaften, Orden und Gilden, die in lange schwarze, braune oder auch weiße Büßergewänder gehüllt und mit hohen Spitzmützen bedeckt sind, durch die Straße getragen; jede Brüderschaft begleitet den ihr gehörigen Paso. Das volkstümlichste Schauspiel nach dieser Richtung bietet die Gilde der Zigarettenmacher, deren Mitglied der König ist, und die Macarenos, die sich am Ostersonntag auf dem Stierkampfplatz in ihrem profanen Berufe zeigen. Ihre Pasos, für gewöhnlich der eine den gekreuzigten Christus, der andere die Mutter Gottes darstellend, werden auf blumenbekränzten Sänften getragen; sie sind von terrassenförmig aufsteigenden Kerzenreihen beleuchtet und von einem kostbaren Baldachin aus schwarzem Samt überdacht.

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Phot. Clive Holland.

Abb. 376. Das Fürbittefest von Saint-Jean-du-Doigt.

Der Heilige wird an seinem Fest durch ein kleines Kind dargestellt, das in Felle gekleidet ist und ein Kreuz sowie ein Lamm trägt. Vor der Kirche wird mit Raketen ein Freudenfeuer angezündet.

Auch Italien kennt solche Brüderschaften, die zusammen mit der Geistlichkeit, wenn irgendein heiliges Fest gefeiert wird, die Umzüge begleiten und die Standbilder der Heiligen in der Stadt umhertragen. Auch sie pflegen in ähnlicher Weise vom Kopf bis zu Fuß mit einem schwarzen Domino nebst Kappe bekleidet zu sein. Nebenbei betätigen sie sich meistens auch noch auf dem Gebiete der öffentlichen Wohltätigkeit, begleiten unter anderem die Begräbnisse oder nehmen sich, wie die Brüder der „Misericordia“ in Florenz, der auf der Straße Verunglückten an (Abb. 386).

Himmelfahrtstag und Fronleichnam (Korpus-Christi-Tag) werden in allen spanischen Städten gleichfalls aufs festlichste begangen. Der 1. und 2. November sind die Tage, an denen jeder Spanier dem Friedhof — bienenwabenähnlich angeordnete Nischen in hohen Mauern, die die Särge aufnehmen und dann zugemauert werden — seinen Jahresbesuch abstattet und Blumenschmuck sowie Totenkränze an den an der Außenwand dicht nebeneinander angebrachten Tafeln aufhängt. Heiligabend und Weihnachten bilden die letzten Festtage des an solchen überaus reichen spanischen Jahres. Den ersteren feiert man auf den Straßen, den Weihnachtstag selbst dagegen zu Hause. Am 24. Dezember begibt sich ganz Spanien auf den Markt; die Erwachsenen holen ihren Vorrat an Puten, Backwerk und Obst ein, der am anderen Tage zu Hause verzehrt wird, während die Kinder von Reichen und Armen sich einen Nacimiento kaufen, das ist eine Darstellung der Geburt Christi aus Pappe oder Terrakotta, die dann beleuchtet wird. Tannenbäume, Weihnachtskrippen und Geschenke sind dem spanischen Volke fremd. — Italien dagegen kennt Weihnachtskrippen. In Neapel kommen zur Weihnachtszeit ländliche Musikanten aus den benachbarten Bergen zusammen und spielen vor den Krippen (Abb. 372 und 389).

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Abb. 377. Palmsonntag in den Sabiner Bergen.

Nach einem Gemälde von Cesare Tiratelli.

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Phot. Braun & Co., Dornach.

Abb. 378. Osterkirchgang in der Bretagne.

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Der Franzose kennt Weihnachtsbräuche im allgemeinen nicht; nur in den wohlhabenderen Familien von Paris bürgert sich die Sitte des deutschen Weihnachtsbaumes mit seinem Lichterglanz mehr und mehr ein. Das einzige, was von der Heiligkeit des Weihnachtsfestes Zeugnis ablegt, ist die Mitternachtsmesse, die man um zwölf Uhr nachts in der Kirche abhält. Familienfestlichkeiten gibt es gar nicht. Früher speiste man wohl gemeinsam zu Hause, ehe man sich zur Messe begab; jetzt aber wird dieser „Reveillon“ mehr in die Wirtshäuser verlegt und hat dadurch das in den Familien ihm etwa noch anhaftende Stimmungsvolle gänzlich verloren. — Auch in Frankreich kennt man bestimmte Gerichte für das Weihnachtsmahl: getrüffelte Pute auf der Tafel der Reichen, geröstete schwarze Blutwurst auf dem Tische der ärmeren Klassen. Man beschenkt nur die Kinder, aber diese Freude wird ihnen nicht am Heiligen Abend, wie es bei uns zumeist üblich ist, zuteil, sondern erst am anderen Morgen. Vor dem Schlafengehen stellen sie ihre Pantöffelchen in den Kamin und finden sie beim Erwachen mit allerlei Spielsachen und Süßigkeiten vom Weihnachtsengel (le petit Noël), der hier die Stelle unseres Weihnachtsmannes oder Knechts Ruprecht vertritt, angefüllt. Im übrigen verläuft Weihnachten für die Kleinen sang- und klanglos; dazu kommt, daß es für sie keine Weihnachtsferien gibt: am 24. nachmittags wird die Schule geschlossen, und am 26. haben sich die Kinder schon wieder zum Unterricht einzufinden, da die Franzosen einen zweiten Weihnachtsfeiertag nicht kennen.

Eine charakteristische Erscheinung in Frankreich ist der Weihnachts- beziehungsweise Neujahrsmarkt, der vom 20. Dezember bis zum 5. Januar abgehalten wird (les baraques genannt), eine Art Jahrmarktsrummel, auf dem wie bei uns aus ähnlichem Anlaß in marktschreierischer Weise alle möglichen Sachen, vor allem Kinderspielzeug, das in scherzhafter Weise auf die in- und ausländische Politik anspielt, ausgeboten wird und alle möglichen Dinge gegen Geld öffentlich zu sehen sind. Neujahr ist dann der Tag, an dem sich die Erwachsenen in Frankreich beschenken. Diese Etrennes bereiten den Franzosen sehr bedeutende Ausgaben, denn die Zahl derer, die auf sie Anspruch machen, ist eine recht beträchtliche. Nicht nur die Mitglieder der Familie, Verwandte und Freunde werden mit einem Geschenk bedacht, sondern auch das ganze Heer von Untergebenen und sonstigen Leuten, die im Hause zu tun haben, die man aber sonst überhaupt nicht zu sehen bekommt, also die Dienstboten, der Pförtner, der im Pariser Hause eine sehr wichtige Rolle spielt, Briefträger, Zeitungsjunge, Laufburschen, Wäscherinnen, Friseur und noch manche andere. Es leuchtet ein, daß diese Trinkgelder eine ganz stattliche Höhe erreichen müssen, denn ausschließen kann man sich von ihnen nicht gut, weil die Sitte sie einmal vorschreibt. — Während die Pariser Weihnacht unseren deutschen Silvesterabend an Straßenlärm wohl noch bedeutend übertrifft, insofern hier die wildeste Ausgelassenheit bis zum hellen Morgen herrscht, unterscheidet sich die Pariser Silvesternacht keineswegs von den übrigen Nächten des Jahres. Man kommt nicht zusammen, trinkt keinen Punsch, ißt keine Pfannkuchen, gießt kein Blei, bringt kein Hoch auf das neue Jahr aus und lärmt nicht auf der Straße; die Nacht verläuft vollständig ruhig, alles bereitet sich anscheinend auf den folgenden Tag vor, der große Anforderungen an den Geldbeutel stellt.

In Süditalien ist vielfach noch der Weihnachtsbrauch des Ceppo üblich. In der Heiligen Nacht legt man feierlich auf den Herd des Hauses einen großen Holzklotz, zündet ihn an und läßt ihn mehrere Nächte hindurch brennen. Offenbar ist diese Sitte gleichbedeutend mit dem nordischen Julblock und höchstwahrscheinlich in weit zurückliegenden Zeiten durch Einwanderer germanischer Herkunft hierhin verpflanzt worden. Das Volk bezeichnet Weihnachten häufiger mit Feste del Ceppo (Fest des Holzblockes) als mit Natale (Geburtsfest des Herrn).

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Phot. J. Brocherel.

Abb. 379. Blumengeschmückte Straßen

bei einer Prozession zu Genzano. Die Blumen werden in kunstvollen Mustern auf dem Boden angeordnet. — Die Zuschauer auf den Balkonen bewerfen die Prozession, während sie sich durch die Straßen bewegt, mit Blumen.

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Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 380. Spanische Jünglinge in mittelalterlicher Tracht führen einen religiösen Tanz auf,

dessen Schauplatz der Raum vor dem Hochaltar einer Kirche Sevillas ist. Die Bewegungen der Tänzer zeichnen sich durch große Anmut aus.

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Die Karwoche und Ostern werden in Italien in ähnlicher Weise gefeiert wie überall in den südeuropäischen Ländern (Abbildung 385 und 395). Am Vorabend vor Ostern spielt sich in Florenz ein ganz eigenartiger Vorgang ab. Auf dem Platz vor der Kirche wird ein aufgeputzter Wagen aufgestellt und mit dem Hochaltar der Kirche durch einen Draht verbunden. An diesem Draht läßt man eine hölzerne Taube mit einer Rakete entlangfliegen, die der Geistliche am Hochaltar anzündet. Diese hat die Aufgabe, das auf dem Wagen befindliche Feuerwerk in Brand zu setzen. Gelingt dies beim ersten Versuch, dann bricht die versammelte Menge, die meistens aus Landleuten besteht, in laute Jubelrufe aus, weil sie darin einen göttlichen Hinweis erblickt, daß eine gute Ernte zu erwarten stehe; verfehlt die Taube aber ihr Ziel und ist sie nicht imstande, das Feuerwerk anzuzünden, dann verlassen die Zuschauer niedergeschlagen und enttäuscht den Platz, in dem Glauben, daß die Ernte dieses Jahres schlecht ausfallen werde.

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Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 381. Einsegnung des Viehs

die durch den Geistlichen in der Kirche vorgenommen wird.

Auf Sizilien, besonders in dem Städtchen Prizzi, finden am Palmsonntag Aufzüge statt, die den Einzug Christi in Jerusalem zur Darstellung bringen. Einer der Geistlichen stellt Christus vor; er reitet auf einer reich mit Blumen geschmückten Eselin, neben der ein Füllen einhertrabt, wie die Überlieferung es berichtet. Ihm folgen als die zwölf Apostel ebensoviel Geistliche mit Palmzweigen in den Händen; einer von ihnen stellt Judas dar und ist an einer Laterne als solcher kenntlich, die er in der Hand hält. An die Priester schließt sich eine große Volksmenge an; alles trägt Palm- oder Ölzweige. Am Tor der Stadt begrüßt der Bürgermeister den Zug und führt das Reittier Christi am Zügel weiter bis zum Altar der Kirche. Hier wird der Zug von dem Hosianna des Chors empfangen, worauf Christus absteigt und das Zeichen zur Palmenweihe gibt. Die gesegneten Zweige nimmt man nach Hause mit und befestigt sie hier als Abwehrmittel gegen alle möglichen bösen Einflüsse. — Die Stadt San Remo in Norditalien hat das Vorrecht, am Palmsonntag Palmzweige nach Rom zu senden.

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Abb. 382. Das Fest der „Fallas“ von Sankt Joseph zu Valencia in Spanien.

Der große aus Leinwand und Holz in der Straße aufgebaute Katafalk trägt Figuren, die auf die wichtigsten auf der Iberischen Halbinsel sich abspielenden Ereignisse Bezug nehmen, zum Beispiel das auf einen Bienenschwarm losschlagende Portugal (oben), das schlafende Spanien, das von einem Riffkabylen geneckt wird (Mitte), eine portugiesische Familie, die sich zum Auswandern anschickt.

In Neapel bietet Pfingsten (Pentecoste oder vom Volke lieber L’altra Pasqua, das zweite Ostern, oder auch Pasqua dei fiori, Blumenostern, genannt) Anlaß zu einem großartigen Pilgerzug, der sich am Pfingstnachmittag vom Monte Vergine zur Stadt ergießt. Schon am vorangehenden Donnerstag sind die Pilger zum Berge hinaufgestiegen, haben hier zu der braunen Madonna gebetet, reichlich der Kirche geopfert und sind in jeder Weise fromm gewesen. Nach drei Tagen kehren sie zurück, machen aber keineswegs den Eindruck von Büßenden im Pilgergewand und mit Pilgerstab, sondern von überaus lustigen Gesellen. Unter Gesang, Evvivarufen und Schreien, begleitet von den Tönen der Mandoline und Gitarre sowie dem Schall von Pfeifen, Trommeln und anderen Lärminstrumenten, bekränzt mit Blumengirlanden, die einen auf Karren, die anderen im Ein- oder Zweispänner oder auch in vornehmen Vierspännern, andere wieder hoch zu Roß — so erscheinen sie am Pfingstnachmittage in der Stadt, wo die zurückgebliebenen Neapolitaner, aufs festlichste geschmückt, sie mit Jubel begrüßen.

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Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 383. Karfreitagsprozession in Sevilla zu Ehren der heiligen Jungfrau.

Die Teilnehmer, sämtliche Ordensgesellschaften, sind teils schwarz, teils braun oder weiß gekleidet und tragen schwarze Kapuzen. Auf ihren Standarten steht die bekannte Inschrift der alten Römer (SPQR = Senatus populusque Romanus). Die Polizisten, die den Zug begleiten, halten die linke Hand auf die Brust.

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Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 384. Karfreitagsprozession der Frauen zu Kergornet.

Im Vordergrund ist Reisig zu einem der dabei üblichen Freudenfeuer aufgestapelt; ein alter Überrest aus der Druidenzeit.

In Neapel, wie überhaupt in den Städten unter der Sonne Süditaliens, wo das Leben sich leidenschaftlicher und lauter abspielt, kennt man zur Sommerszeit eine ganze Reihe von Festen, die im Juni beginnen und fast ununterbrochen bis in den September hinein andauern. Jede der hundert Kirchen Neapels feiert in dieser Zeit ihr besonderes Fest. Dann verwandeln sich die Straßen in der nächsten Umgebung der betreffenden Kirche für einige Tage gleichsam in Festsäle mit Fahnen, Girlanden, Teppichen, Lampions, Kandelabern und bunten Lämpchen; Musikbanden lassen ihre Weisen ertönen, und am Abend knallt und sprüht das Feuerwerk; natürlich wird dabei auch dem Wein tüchtig zugesprochen. Ebenso ist es in anderen Städten. Das großartigste aller dieser Feste ist das des heiligen Paulinus oder der tanzenden Türme zu Nola, das zur Erinnerung an weit zurückliegende Zeiten begangen wird, als der Vandalenkönig Geiserich mit seinen Scharen Italien überflutete und der Bischof Paulinus im Jahre 460 aus der Gefangenschaft dieses Fürsten mit seinen Nolanern in die Heimat zurückkehrte. Schon Tags zuvor strömen die Pilger zu Tausenden zusammen und harren auf den Straßen, den Balkonen und den Dächern des eigenartigen Schauspiels. Auf dem Markte hat man nämlich auf einer festen Unterlage Türme aus Fachwerk errichtet, die die größten Häuser überragen; sie bestehen aus mehreren Stockwerken, von denen die unteren mit Teppichen und Gemälden (Szenen aus dem Leben des Heiligen) geschmückt sind, auch eine Rampe für Musikanten tragen, die übrigen bis oben hinauf mit Säulen, Standbildern und allerlei Zierat aus farbigem Stuck bekleidet sind; das Ganze wird von der lebensgroßen Figur eines Engels oder des Heiligen gekrönt (Abb. 387). Diese Türme sollen die „Lilien“ und andere Blumen des Sankt Paulinus bedeuten, die man in früheren Jahrhunderten bei den Prozessionen trug, mit der Zeit aber ins Ungeheure vergrößerte, indem einer mit dem anderen wetteiferte, die Pyramiden immer reicher auszuschmücken. Zu diesen „Giglii“ (Lilien) tritt nun noch des weiteren in der Mitte des Platzes ein mächtiges, bewimpeltes Schiff mit schwellenden Segeln, das ebenfalls auf einem Balkenwerk ruht und das Fahrzeug vorstellen soll, auf dem Paulinus der Heimat zueilte. An Stelle des Bischofs trägt es aber an Bord einen pechschwarzen, orientalisch gekleideten Mohrenkönig. Die Hauptsache bei der Feier des Paulinusfestes ist aber der Tanz dieser Türme. Zahlreiche kräftige Leute kommen mit Hebebäumen heran und heben die schwere Last samt dem ganzen Aufbau und der darauf sitzenden Musikbande hoch. Das eine Turmpaar bewegt sich auf das gegenüberstehende zu, dann wieder zurück; dasselbe tut das andere Paar, darauf gehen beide gleichzeitig aufeinander zu, drehen sich nach rechts und links, ziehen aneinander vorbei und kehren wieder auf ihren Stand zurück, alles geradeso wie bei unserem Kontertanz. Nachdem das Schiff schließlich noch einige Male um den Marktplatz gezogen worden ist, wiederholt sich das ganze Schauspiel noch verschiedene Male, wohl zwei Stunden lang; dabei sind die Beteiligten unermüdlich, denn Ermattung kennt der Italiener nicht, zumal wenn der tobende Beifall der Menge seinen Mut und Ehrgeiz immer von neuem anspornt. Hieran schließt sich dann eine Prozession rings um den Marktplatz unter einem Regen von Blumen und Konfetti. Ist diese Feierlichkeit vorüber, dann bedeckt sich der ganze Platz mit allerhand Buden, in denen man Heiligenbilder, Zuckerwerk, Obst und besonders Schnüre von gerösteten Kastanien und Haselnüssen feilbietet. Den Abschluß bilden, wie gewöhnlich, ein prächtiges Feuerwerk, Tanz und Musik. Auch fehlt an einem solchen Abend eine dem italienischen Volke eigentümliche Art von Stegreifgesängen, die Canti a figliuole, nicht; es sind dies Rezitative, die mit einem hohen Tone einsetzen und sich durch ein bis zwei Oktaven chromatisch hindurchwinden, um in einem langgehaltenen Grundton auszuklingen. Für gewöhnlich singen die jungen Burschen solche Canti, um ihren Mädchen aus der Ferne allerlei Liebes mitzuteilen, weswegen sie auch die Bezeichnung Canti a figliuole (Mädchenlieder) führen. Am Paulinusabend nun teilen sich die Sänger in zwei Parteien und besingen in edlem Wettstreit die Taten der Heiligen oder die Ereignisse des Tages in dieser Form, wobei sie sich in freien Erfindungen und kühnen Witzen zu überbieten suchen.

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