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Die selige Christina von Stommeln

Zweites Kapitel. ______ Christina bei den Beginen in Cöln.

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Das engelgleiche Töchterlein des Heinrich Bruso wuchs inzwischen zur blühenden Maid heran. Sie war mit allen Vorzügen ausgestattet, die ihre Hand auch für die erlesensten aus der Schar der Jünglinge begehrenswert machten. Sie war das Kind wohlhabender und angesehener Eltern. Schlank von Wuchs und kräftig von Gestalt, machte sie mit ihrem frischen, edelgeformten und von goldblondem Haar umwallten Gesichte den Eindruck jungfräulicher Anmut. Kein Wunder, daß die Eltern daran dachten, sie zu verloben; denn sie hatten keine Kenntnis von dem Traumleben ihres Kindes. Doch Christina widerstrebte diesem Vorhaben. „Bei den Beginen sollst du bleiben,“ so hatte der Herr ihr gesagt, und dieser Weisung wollte sie folgen. Ohne Vorwissen der Eltern begab sie sich deshalb am St. Katharinentage des Jahres 1255, als sie dreizehn Jahre alt war, nach Cöln. Es schneite und stürmte und sehr kalt schnitt der Wind. Nichts hatte sie von Hause mitgenommen, als ein leinenes Tuch, das sie über den Kopf geworfen hatte. Eine Frau, die sie mitgenommen, zeigte ihr den Weg. Die Freude, bald zu den Beginen zu kommen, beflügelte ihre Schritte. Die einzige Besorgnis, die sie auf diesem Wege hatte, war die, jene Frau könne sie möglicherweise verraten oder in Cöln, wo sie unbekannt war, in ein Haus führen, wo ihre Ehre und Unschuld Gefahr leiden könnte. Sie langte jedoch glücklich in Cöln an und ging sofort zu den Beginen, wo sie auch aufgenommen wurde.

Die Beginen bildeten einen nach Art einer Ordensgemeinschaft organisierten Stand weiblicher Personen, die als Jungfrauen, Ehefrauen und Witwen sich zu einem enthaltsamen Leben entschlossen hatten. In Folge der Kreuzzüge war damals die männliche Bevölkerung in unseren Gegenden bedeutend verringert, und für einen erheblichen Teil der weiblichen war mithin die Ehelosigkeit der gewiesene Weg. Es war natürlich, daß diese weibliche Bevölkerung Anschluß an die bestehenden Ordensgenossenschaften suchte. Die Prämonstratenser waren es, die zuerst dieser Frauenbewegung sich annahmen, dann ihr aber, als sie ihnen zur Plage wurde, wieder den Rücken kehrten. Darauf versuchten die Zisterzienser die Lösung derselben Frage, die aber auch ihnen ebenso wenig wie den Prämonstratensern gelingen sollte. Notgedrungen bildete sich nun diese der Enthaltsamkeit geweihte Frauenwelt zu einer selbständigen Eigenart des Ordenswesens aus, zum Beginentum. Ohne Gründer und ohne Gründerin aus dem Drange der Verhältnisse geboren, entwickelte es sich vorzugsweise in den belgischen und rheinischen Landen zu großer Blüte. Seine Wiege ist die Stadt Nivelles in Brabant, wo im Jahre 1207 das erste selbständige derartige Kloster entstand. Als kirchliche Organisation wurde das Beginentum anerkannt durch Papst Gregor IX., der ihm am 30. Mai 1233 einen Schutzbrief ausstellte. Den Anforderungen, die der Völkerapostel an die gottgeweihten Frauen und Jungfrauen stellt, nacheifernd, bemühten sich diese frommen Frauen, nicht bloß ein keusches, enthaltsames Leben zu führen, sondern auch den Geist des Gebetes zu pflegen, die hh. Sakramente häufiger zu empfangen, ein Leben der Entsagung zu führen und sich in den Werken der christlichen Barmherzigkeit zu üben. Sie trugen einfache, eigene Kleidung von schwarzer Farbe, verrichteten das kirchliche Stundengebet, pflegten aber auch mit besonderer Vorliebe das Rosenkranzgebet[3]; wohnten gewöhnlich in nächster Nähe der Pfarrkirche, trugen Sorge für die hh. Gewande, die Reinheit und den Schmuck des Gotteshauses, unterrichteten die Mädchen, pflegten die Kranken und beherbergten die durchreisenden Fremden. Ihr Reformeifer erweckte jedoch vielfachen Widerspruch. Man warf sie zusammen mit der Sekte der Apostoliker und Albigenser, und weil in jenem Zeitalter ein Lütticher Priester namens Lambert, zubenannt le bègue, d. h. der Stammler († 26. März 1187), viel von sich hatte reden machen wegen seines Reformeifers, der ihn in einen Streit mit seinem Bischof verwickelt hatte, in Folge dessen er zensuriert und eingekerkert wurde, so nannte man sie Beginen, womit der Begriff der Ueberkirchlichkeit und Widersetzlichkeit verbunden war. Doch der Priester Lambert war mit Unrecht bekämpft worden; in der Tat war er ein Mann Gottes. Papst Luzius III. hob das Urteil des Lütticher Bischofes auf und gab dem unschuldig Gemaßregelten die Vollmacht zu predigen wieder. Die neuen Ordensfrauen brauchten deshalb den ihnen in kränkender Absicht zugelegten Beinamen nicht zurückzuweisen und er ist ihnen in der Folge verblieben, wiewohl Lambert le bègue geschichtlich mit ihnen keinerlei Zusammenhang hat.[4] Als die beiden Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner sich hierzulande auszubreiten begannen, kamen die Beginen wie von selbst in ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen. Mit diesen beiden Ordensfamilien, die im ersten und zweiten Orden das eigentliche Ordensleben für das männliche und weibliche Geschlecht organisiert hatten, war nämlich ein dritter Orden planmäßig verbunden, der eine losere Form des Ordenslebens für Weltleute darstellte. Dieses Tertiarierwesen war aber seiner Idee nach der Grund zur Bildung des Beginentums gewesen. Es ist deshalb auch nicht zu verwundern, daß die Beginenhäuser sich um die Klöster der Dominikaner und Franziskaner zu gruppieren pflegten. Im 15. Jahrhundert sind die Beginen durch die kirchlichen Behörden veranlaßt worden, eine bestimmte Ordensregel anzunehmen. Sie entschieden sich für die Augustinerregel. Die noch heute blühenden Klöster der Zellitinnen in Cöln, Düren, Neuß und Aachen sind dem Ursprunge nach Beginenklausen.

Das älteste Beginenhaus in Cöln ist der Konvent „ver Selen“, der 1230 gegründet wurde, sich in der Stolkgasse befand und dem Dominikanerkloster, dessen Stelle jetzt die Hauptpost einnimmt, gegenüberlag. Allem Anschein nach war es dieses Haus, in das Christina eintrat. Denn wir lesen von ihr, daß sie die Dominikanerkirche fleißig besuchte. Im Kloster erhielt Christina jedoch bald Besuch. Ihre Mutter hatte erfahren, wo sie sich hinbegeben. Sie kam nach Cöln, und unter Tränen bat sie ihre Tochter, doch wieder mit ihr nach Stommeln zurückzukehren. Christina indes war nicht hierzu zu bewegen. Zum Entgelt versagte die Mutter ihr jegliche Aussteuer. Ein ganzes Jahr hindurch ließ sie ihr nicht die mindeste Unterstützung zukommen, sodaß Christina darben mußte und an manchen Tagen nicht einmal Brot zum Essen hatte. Einige Beginen redeten ihr deshalb zu, sie sollte doch wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Sie aber lehnte dies ab, da sie lieber dem Willen Gottes gemäß im Kloster in Armut, als bei den Eltern im Ueberfluß leben wollte. Sie blieb ungefähr vier Jahre bei den Beginen in Cöln und übte sich dort eifrig in der Schule der Vollkommenheit. Sie liebte die Einsamkeit, um dem Gebete obliegen zu können; auf Erholung und Unterhaltung nahm sie nicht Bedacht. An jedem Samstage und an allen Vorabenden der Heiligenfeste fastete sie bei Wasser und Brot. Sie trug ein einfaches, wollenes Kleid, aber kein leinenes Unterzeug. Ein fest anliegender Gürtel umschlang ihre Lenden. Sie schlief allein. Holz und Stein bildeten ihr Ruhelager, damit sie desto eher erwache und zum Gebete sich erhebe. Zweihundertmal beugte sie das Knie in jeder Nacht und tagsüber flehte sie zu allen Heiligen, deren Namen sie kannte, sie möchten ihr die h. Liebe erwirken. Ihr Stundengebet verrichtete sie gewöhnlich mit dem ganzen Körper seitwärts zur Erde hingestreckt, Freitags dagegen streckte sie dabei die Arme in Kreuzesform aus und so legte sie sich dann auch auf ihr Ruhelager. Strümpfe trug sie nicht; sie hatte nur Sohlen unter den bloßen Füßen. Die Hälfte des Jahres fastete sie, ohne irgendwelche Fleischnahrung zu sich zu nehmen. Ihr gewöhnliches Getränk war Wasser, sehr selten nahm sie etwas Bier. Alles, was nach Weichlichkeit aussah, war ihr zuwider. All ihr Sinnen und Trachten war unablässig darauf gerichtet, zu betrachten, wie vieles und wie schmerzliches Christus für uns gelitten hat.

Christina besuchte, wie gesagt, mit Vorliebe die Dominikanerkirche. Im Jahre 1225 waren die Dominikaner nach Cöln gekommen. Die Stiftsherrn zum h. Andreas hatten ihnen ihr in der Stolkgasse gelegenes Hospital zur h. Maria Magdalena geschenkt. Dieses Hospital hatten die Dominikaner zur Kirche umgewandelt, an deren Stelle Albert der Große 1271 die zu Anfang des 19. Jahrhunderts niedergelegte prächtige Kirche gotischen Stiles zum h. Kreuz erbaute. In jener älteren Magdalenenkirche war eines Tages Christina in die Betrachtung des bitteren Leidens unseres Herrn versenkt. Da wurde sie mit einem Male entrückt. Sie war wie entseelt und mußte aus der Kirche nach Hause getragen werden. Drei Tage lang dauerte dieser Zustand. Die Beginen aber, mit denen sie zusammenlebte, wußten diesen Zustand nicht zu beurteilen. Sie meinten, das müßte ein Anfall von Geisteskrankheit oder von Fallsucht gewesen sein, und sie hielten deshalb Christina für eine Minderwertige.

So ergeht es ja in der Regel den von Gott besonders begnadigten Personen. Sie werden für unsinnig gehalten und Gott läßt dies zu, um sie vor Ueberhebung zu bewahren.

Die Entzückung ist jedoch weit davon entfernt, etwas Krankhaftes zu sein. Es hat ja auch Männer von Ruf gegeben, die künstlerische Begabung, zumal das Dichter- und Musikergenie, als eine Art von Wahnsinn ansahen. Und doch ist solch' künstlerische Begabung ein Zeichen höchster Geisteskraft und Geistesgesundheit. Noch viel mehr sind Verzückungen Aeußerungen höchsten Geistesaufschwunges. Freilich können gottbegnadigte Personen und desgleichen Dichter und Musiker gerade so gut geisteskrank werden wie andere Menschen; allein an und für sich haben mystische Zustände und künstlerische Begabung mit Geisteskrankheit nichts zu tun. Es gehört freilich ein Kennerauge dazu, krankhafte Erscheinungen von mystischen Zuständen zu unterscheiden, weil gewisse äußere Aehnlichkeiten vorliegen bei aller Verschiedenheit des Wesens. Die Kenntnisse eines auch noch so hervorragenden Nervenarztes reichen da nicht aus; der eigentliche Fachmann ist da der mit den Zuständen des übernatürlichen Seelenlebens entweder durch eigene Erfahrung oder durch eindringendes Studium der Wissenschaft der Heiligen vertraute Geistesmann.

Die h. Teresia, eine der vorzüglichsten Lehrmeisterinnen des geistlichen Lebens, wußte wohl zu unterscheiden zwischen Weiberohnmachten und Verzückungen. Sie kannte beide Zustände aus Erfahrung. Auch träges, träumerisches Versunkensein beim Gebete hat mit Verzückung nichts zu tun. Diese ist vielmehr ein machtvoller, urplötzlicher Aufschwung der Seele zu Gott, ihrem Urheber. Es sind nicht mehr die natürlichen, von der Gnade unterstützten Fähigkeiten der Seele, die da tätig sind; es ist vielmehr der Geist Gottes selbst, der h. Geist, der durch seine sieben Gaben, zumal durch die Gabe des Verstandes, den menschlichen Geist anregt und leitet. Ein unmittelbares Schauen der Gottheit, wie es im Zustande der Verklärung eintritt, findet freilich nicht statt. Dazu bedarf es des Lichtes der Herrlichkeit. Auch bei der mystischen Vereinigung wird die Seele geleitet auf dem Wege des Glaubens, der nicht im Schauen aufgegangen ist. Allein die Seele ist auf eine höhere Stufe des übernatürlichen Lebens erhoben, welche die Mitte hält zwischen dem gewöhnlichen Gnadenzustande und der Himmelsseligkeit. Vermöge der Eingießung der Gaben des h. Geistes sind es nicht so sehr die natürlichen Seelenkräfte, die tätig sind, es ist vielmehr der Geist Gottes, der von der Seele Besitz ergreift und in ihr tätig ist. Da ist nun höheres, göttliches Licht, da ist ein Vorgeschmack der Seligkeit und Wonne des Himmels. Würde jemand aus nebelumlagerter Finsternis plötzlich in der h. Weihnacht in den in hellster Beleuchtung prangenden Cölner Dom eintreten und sein Ohr von den Klängen überirdischer Musik entzückt werden, er würde sprachlos dastehen, staunen und genießen. Und wenn dies Schauen und Genießen auch nur eine Viertelstunde währen sollte, es würde ihm zeitlebens unauslöschlich vor der Seele stehen, und niemand würde ihm einreden können, er habe nur ein Traumbild geschaut. Aehnlich ist es mit der Seele, die entzückt wird. Beim Einfluten des Lichtes der Gottheit wird sie sprachlos. „Der Atem stockt, sodaß sie, wenn auch die Tätigkeit der anderen Sinne noch andauert, durchaus nicht reden kann. Manchmal jedoch hört urplötzlich alles auf, es erkalten die Hände und der ganze Körper erstarrt derart, daß es den Anschein gewinnt, die Seele sei nicht mehr da, und mitunter kann man auch keinen Atem wahrnehmen. Dieser empfindungslose Zustand dauert jedoch nur kurze Zeit; denn sobald dieser gewaltige Aufschwung etwas nachläßt, scheint der Körper wieder einiges Leben zu gewinnen und atmet wieder auf, um aufs neue zu sterben und der Seele ein höheres Aufleben zu verschaffen. Bei all dem dauert eine solche großartige Verzückung nie lange. Es kommt aber auch vor, daß nach ihrem Aufhören der Wille so versenkt und der Verstand einen ganzen Tag oder mehrere Tage so entrückt bleibt, daß es den Anschein hat, er könne auf nichts achten als auf das, was den Willen zur Liebe zu erwecken vermag. Hierzu ist er in vollkommen wachem Zustande, dagegen ist er ganz eingeschlafen, wo er einem Geschöpfe besondere Aufmerksamkeit zuwenden soll.“

Diese Beschreibung, welche die h. Teresia[5] von der Entzückung gegeben, paßt ganz und gar auf das, was bei Christina wahrgenommen wurde. Der Leib wird empfindungslos und starr. Zu verschiedenen Malen hat man an Christina, während sie in Verzückung war, den Versuch gemacht, zu erproben, ob dem wirklich so sei. Einmal hat man ihr am Arme drei Wunden beigebracht. Christina aber regte sich nicht und merkte nichts. Als sie aber aus der Verzückung erwachte, fühlte sie den Schmerz der Wunden, die nun anfingen zu bluten und langer Zeit bedurften, um zu heilen. Ein anderes Mal hat, wie Bruder Gerhard vom Greif, der Pfarrer Johannes und andere dem Bruder Petrus berichteten, eine Begine der Christina, als sie nach der Kommunion in Verzückung gekommen, mit der Schere tief in die Wade geschnitten. Auch diesmal merkte Christina während der Verzückung nichts von der beigebrachten Verletzung. Als sie aber zu sich kam, empfand sie heftigen Schmerz und die Wunde fing an zu bluten. Da sie kein Mittel anwandte, um die Wunde zu heilen, so schwoll das Bein bedenklich an und die Wunde fing an in Fäulnis überzugehen. Sie begab sich nun nach Cöln und klagte dem Bruder Gerhard vom Greif ihr Leid. Dieser sagte ihr, es müsse ein Wundarzt die Wunde untersuchen und einen Einschnitt machen. „Muß der Mann die Wade sehen?“ fragte Christina. Bruder Gerhard erwiderte: „Ich glaube, er wird sie sonst nicht heilen können.“ In einer Weise, die mehr zu bewundern als nachzuahmen ist, erwiderte Christina: „Lieber lasse ich das ganze Bein verfaulen, als daß ich dieses zugebe,“ und ging fort. In der Nacht wandte sie sich zum Gebete und erlangte vom Herrn Heilung ihrer Wunde. Morgens ging sie dann zurück zu Bruder Gerhard und sprach: „Es ist nicht nötig, den Wundarzt zu rufen; denn der Herr hat mich in seiner Güte geheilt.“[6] Auch trifft bei Christina zu, was die h. Teresia von den Wirkungen der Verzückung sagt. Krankhafte Erscheinungen erzeugen Unlust zu geistiger Betätigung, sie hinterlassen Schwäche, Abspannung und Erschöpfung. Ganz anders die Verzückung. Auch sie greift die Sinnesorgane in ihrer Weise an. Durch das übermächtig einströmende Licht der Gottheit wird die Tätigkeit der Sinnesorgane nicht nur, sondern auch alle gewöhnliche Tätigkeit des Geistes gebunden. Die Seele ist ganz aufgegangen in ihrer höchsten und edelsten Tätigkeit, im Schauen und Lieben ihres Urhebers. Sie lebt ein höheres Leben und das natürliche ist eine Weile wie erstorben. Kehrt sie nun wieder zum natürlichen Leben zurück, so bedarf es einer Art Neubelebung des Organismus, um wieder die gewohnten Beschäftigungen aufnehmen zu können. Diese geht gemach vor sich, hat aber, da eine Krankheit gar nicht vorlag, mit Rekonvalescenz keine Aehnlichkeit. Bald fühlt der Organismus sich wieder ganz frisch. Die Seele brennt vor Glut, sich wiederum mit Gott und zwar für immer zu vereinigen. Die ganze Schöpfung möchte sie aufrufen, mit ihr Gott zu preisen. Entbehren und leiden aus Liebe zu Gott ist für sie eine Genugtuung. Keine Bußübung ist ihr zu schwer. Die Welt und was sie enthält erscheint ihr gar armselig. Ihre Herrlichkeit ist ihr wie welkes Gras und ihre Lust wie ödes Sumpfwasser. Sie hat ja Höhres verkostet. Was sie in der Verzückung geschaut, vermag sie, wie St. Paulus es darlegt, nicht in Worte zu kleiden. Es übersteigt ja alle Erfahrung. Gefällt es jedoch dem Allmächtigen, sie durch bildähnliche Erscheinungen zu belehren oder zu erbauen, so weiß sie diese auch, sobald sie zu sich gekommen, zu beschreiben. Wo jedoch die Mitteilung des göttlichen Lichtes unmittelbar auf die geistige Erkenntnis einwirkt, ist einerseits eine Täuschung unmöglich; denn durch den Vorgang selbst hat die Seele die Gewähr, daß sie mit Gott verbunden ist, andererseits aber versagen ihr auch die Ausdrucksmittel, das, was sie erfahren, entsprechend wiederzugeben.

In der Regel sind solche besondere Hulderweisungen der göttlichen Liebe Vorboten großer Prüfungen und Leiden. Liebe und Leib gehören nun einmal zusammen wie im natürlichen Leben, so auch im übernatürlichen. Seine besondern Lieblinge führt Gott den Weg des Leidens. Keine verzärtelten Geschöpfe würdigt er seiner besonderen Freundschaft, sondern nur die Heldenseelen, die Opferfreudigen. Sie werden in der Schule des Leidens geübt, dann aber auch im Brautgemache der göttlichen Liebe erquickt. Unter den Heiligen des Himmel ragen die hh. Martyrer hervor, die für Christus die grausamsten Qualen erduldet und ihr Leben für ihn gelassen haben. Was in den Zeiten der Christenverfolgung wutschnaubende Machthaber an den Bekennern des christlichen Namens verübt, das gestattet in friedlichen Zeiten Gott der Herr dem Satan an seinen Auserwählten zu vollbringen, damit auch ihnen des Martyriums Palme nicht fehle. Es darf uns daher nicht wundern, wenn in der Lebensbeschreibung Christinas nach der hohen Begnadigung von widerwärtigen Versuchungen und grausamen Quälereien die Rede ist. Sie verehrte mit besonderer Innigkeit den h. Apostel Bartholomäus; sie betrachtete ihn als ihren ganz besonderen Schutzpatron, da sie in ihren Trübsalen sehr oft seinen Beistand erfahren hatte. In der Dominikanerkirche sowohl wie in der nahegelegenen Stiftskirche zum h. Andreas befanden sich Reliquien des h. Bartholomäus. Ob es nun diesem Umstande zuzuschreiben ist, daß Christina sich ihn zum besonderen Schutzheiligen erkor, oder ob seine grausame Marter, da ihm lebendigen Leibes die Haut abgezogen wurde, auf ihr mitleidiges und heldenmütiges Herz bestimmend eingewirkt hat, läßt sich nicht ermitteln. Vielleicht haben beide Gründe zusammen eingewirkt.

2. Kirchhügel zu Stommeln.
2. Kirchhügel zu Stommeln.

2. Kirchhügel zu Stommeln.

Als Christina bereits zwei Jahre bei den Beginen zu Cöln war, sie mithin fünfzehn Jahre zählte, kam, als sie nachts in ihrer gewohnten Art sich zum Gebete niedergeworfen hatte, der Versucher in Gestalt des h. Bartholomäus vor sie hinstehen und sprach: „Tochter, du betest viel und hast ein großes Verlangen, in den Himmel zu kommen. Nun wisse, daß du dies erreichen wirst, wenn du dich tötest. Das ist ja bald geschehen, und du kommst dann ohne alles Leid ins Himmelreich.“ Christina, die noch unerfahren war in der Unterscheidung der Geister, glaubte, es sei wirklich der h. Bartholomäus, und war ein halbes Jahr lang von dieser lästigen Versuchung geplagt. Wenn sie allein war, meinte sie, sie müsse sich das Leben nehmen; stand sie an einem Brunnen, so kam ihr der Gedanke, hineinzuspringen; war sie in der Kirche, so fühlte sie sich zu ihrem größten Leidwesen gedrungen, wieder hinauszugehen, um den Tod zu suchen. Doch endlich hatte der Herr Erbarmen mit ihr. Als diese Versuchung ihr schier unerträglich wurde, kam ihr in den Sinn das Wort des Evangeliums, das sie früher gehört, sie würde verloren gehen, wenn sie Selbstmord verübe. Und so schwand diese Versuchung.

Nach einer Weile indes wurde sie von einer andern Versuchung gequält. Es kamen ihr Zweifel an der Gegenwart Christi im allerheiligsten Altarssakramente und an der Erschaffung der Welt durch Gott; auch erschien es ihr fraglich, ob überhaupt Gott um sie wisse oder die Heiligen. Sie hatte kaum Freude mehr daran, Gutes zu tun, zu beten und die Kirche zu besuchen. Achtzehn Wochen lang blieb sie dem Beichtstuhl fern. Doch gab sie der Versuchung nicht nach. Trotz der Unlust wohnte sie dennoch dem Gottesdienste bei und eines Tages betete sie bei der h. Messe also: „Herr, ich habe doch immer gehört, daß dein Leib wahrhaftig hier zugegen ist. Zeige mir doch, wie ich diese Zweifel los werden kann.“ Und alsbald sah sie bei der Wandlung ein Knäblein in den Händen des Priesters, das zu ihr sprach: „Ich bin Jesus.“ Als sie solches sah und vernahm, kam sie vor Staunen außer sich. Und als sie wieder zu sich gekommen, verspürte sie in ihrem Geiste ein gewisses Maß von Licht. Daraufhin ging sie am folgenden Tage zur h. Kommunion und die Versuchung wich so vollständig von ihr, als ob sie dieselbe niemals gehabt hätte. Auch diese Anfechtungen gegen den Glauben währten ein halbes Jahr.

Nunmehr suchte der arglistige Feind des Menschengeschlechtes ihr Speise und Trank und vor allem die h. Kommunion zum Gegenstand des Ekels zu machen. Es kam ihr vor, als ob auf jeglicher Speise, die sie zum Munde führen wollte, häßliche Tiere säßen, Molche, Spinnen und dergleichen. Vor Spinnen hatte sie, nebenbei bemerkt, ganz besonderen Abscheu. Der Beichtvater gab ihr den Rat, den Ekel zu überwinden und nichtsdestoweniger zu essen. Sie folgte, vermochte jedoch vor Ekel die Speise nicht bei sich zu behalten. Selbst wenn sie dem Tische des Herrn nahte, überkam sie das Gefühl des Ekels. Doch auch diese Plage überwand sie, indem sie trotz des Widerwillens dennoch den h. Leib des Herrn empfing. Auch diese dritte Versuchung währte ein halbes Jahr. Dies alles trug sich zu, während Christina zu Cöln bei den Beginen weilte. Dort blieb sie bis zum Alter von siebenzehn Jahren, also bis zum Jahre 1259. In diesem Jahre kehrte sie nach Stommeln zurück.

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