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Die selige Christina von Stommeln

Fünfzehntes Kapitel. ______ Vom Advent 1279 bis zum Advent 1280.

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Ueber Neuß und Düsseldorf, Soest und Minden gelangte Petrus mit seinem Begleiter Folkwin Freitag den 24. November 1279 nach Lübeck, schrieb von da an Christina sowohl wie an Magister Johannes, ging am 26. November zu Schiff, erlebte in der Nacht vor St. Luzia einen furchtbaren Sturm, landete aber am Tage nach St. Luzia glücklich in Kalmar, woselbst er im Dominikanerkloster überwinterte und an Christina sowohl, wie an Magister Johannes und Hilla vom Berge Briefe schrieb. Im Briefe an Christina setzt Petrus auseinander, daß er Christina um Christi willen liebe. „Möge die Welt,“ sagt er, „lärmen, spotten, verkleinern, zürnen und abraten, so werde ich doch die Braut meines Herrn aus Herzensgrund lieben — wegen des Bräutigams selbst.“ Grund der Liebe ist Christus. Christina aber ist dem Petrus Wegweiserin und Vorbild geworden, um Christus zu finden, ihn zu lieben und feiner zu genießen. Im Frühjahr 1280 fuhr Petrus mit Folkwin nach der Insel Gotland und sie langten am weißen Sonntage in Wisby, der Geburtsstadt des Petrus, an. Hier trat dieser das Amt eines Lesemeisters an und schrieb bald nach seiner Ankunft einen Brief an Christina, in dem er unter anderm meldet, daß ein Teil der hh. Reliquien, die er in Cöln erhalten, glücklich angekommen sei. Auch entschuldigt er sich, daß er dem Magister Johannes noch nicht die versprochene Schrift, gemeint ist das erste Buch der Jülicher Handschrift, zugeschickt habe. Es habe ihm nämlich bisher an Pergament und an einem Schreiber gefehlt.

Am Vorabend des h. Laurentius (9. August) des Jahres 1280 erhielt Petrus auf dem Provinzialkapitel auf Alsen (Aslonia) einen ausführlichen Bericht des Magisters Johannes, den dieser am Freitag vor St. Urbanus (24. Mai) geschrieben hatte. Aus demselben ersehen wir, daß Christina im Advent 1279 von gänzlicher Dürre des Herzens heimgesucht wurde und zudem, wenn auch nicht in körperlicher Weise, ganz neue teuflische Quälereien zu erleiden hatte. In der zweiten Adventswoche wurde sie im Geiste in bitterster Kälte hingeschleppt über hartgefrorene Erdschollen, durch Dorngestrüpp und Hecken hingerissen zu einem Sumpf im nahen Walde, dort verhöhnt, durch Drohungen und Gotteslästerungen gequält, schließlich an einen Baum aufgeknüpft und gliedweise verstümmelt. Das wiederholte sich bis zum Weihnachtsabende. Dabei sah Christina das Schauerliche der Oertlichkeiten, ihre schimpfliche Entblößung, die Schar der Teufel und fühlte den entsetzlichen Schmerz der Verwundungen. Die Teufel trieben ihr Blendwerk so weit, daß sie sagten, sie wollten zu Christinas Beschämung alle Männer des Dorfes zusammenrufen, so daß Christina wirklich zum Glauben kam, es ständen Leute umher, um sich an ihrer Qual und ihrer Entblößung zu weiden, was aber wirklich nicht der Fall war. Es erging der seligen Christina bei diesen Vorgängen geradeso wie der h. Teresia, als ihr Herz mit einem Pfeile durchbohrt wurde. „Es war dies,“ sagt Sankt Teresia, „kein körperlicher Schmerz, sondern ein geistiger, wiewohl auch der Leib und zwar in nicht geringem Maße an demselben teilnahm.“ In der Nacht vor dem h. Abend erhielt die durch den Advent hindurch fortgesetzte Folter ihre Krönung durch die Enthauptung Christinas. Diese zagte nicht, sondern empfahl sich dem, der tötet und wieder lebendig macht. Noch vor Tagesanbruch hörten alle Qualen auf; die bösen Geister, zwölf an der Zahl, gestanden, daß alles, was sie gesagt und getan, Lug und Trug gewesen, und als Christina ihnen im Namen Jesu befahl, sich zu entfernen, schieden sie unter großem Geheul von dannen. Von da bis zum Weihnachtstage blieb Christina in Sammlung des Geistes und großer Sehnsucht des Herzens, bis sie in der h. Kommunion sich mit ihrem Bräutigam vereinigte. Sie geriet so schnell in Entzückung, daß sie nicht einmal zu ihrer gewohnten Stelle hinter dem Altare gelangen konnte, sondern zur Seite des Altares hinsank und dort regungslos bis zum dritten Tage verharrte, überströmend vor Wonne und Seligkeit, ohne irgend etwas wahrzunehmen und ohne irgendwelche Nahrung zu sich zu nehmen.

Von Weihnachten bis zum ersten Sonntag der Fastenzeit 1280 erfreute sich Christina, abgesehen von einigen Tagen vor Mariä Lichtmeß, großer Tröstungen und geistiger Freude. In der Nacht vor Mariä Lichtmeß wurde sie jedoch versucht, die h. Kommunion am folgenden Tage zu unterlassen, weil sie bisher irre gegangen und erst ein besseres Leben beginnen müsse. „Da habt ihr mir eine gute Ermahnung gegeben,“ antwortete Christina den Versuchern, „denn es ist Zeit, daß ich mich zum wahren Leben, das Christus ist, bekehre.“ — Enttäuscht begannen nun die Versucher Christina zu quälen, indem sie dieselbe mit Haken zerfleischten. Christina achtete dies alles gering, ging, wiewohl ihre Wunden bluteten, morgens zur h. Kommunion und wurde alsbald entrückt.

Die folgende Fastenzeit brachte eine Prüfung neuer Art. Der Heiland, der Christina in mannigfacher Weise schon die Präge seiner Aehnlichkeit aufgedrückt hatte, ließ sie vom ersten Fastensonntage bis zum Gründonnerstage das Leiden stellvertretender Buße für die Sünden der Menschen durchmachen. Wie die öffentlichen Sünder am ersten Fastensonntage aus dem Heiligtum des Gotteshauses verwiesen wurden, um am Orte der Büßer Sühne für ihre Vergehungen zu leisten, und erst am Gründonnerstage wieder zur Gemeinschaft der Gläubigen Zulaß erhielten, so wurde Christina in genannter Zeit der tröstlichen Gegenwart ihres Bräutigams gänzlich beraubt und ihre Seelenfreude in Trauer und Trockenheit verwandelt. Sie war wie ausgeschlossen aus dem Herzen ihres Bräutigams. Trotzdem unterließ sie nichts von ihrem Gebete, hielt an in stetem Wachen und kämpfte mit mannhafter Stärke gegen alle Anfechtungen. Zur Trostlosigkeit gesellten sich vom zweiten Sonntage an auch noch besondere Versuchungen. Der Fürst der Finsternis liebt es ja, sich als Engel des Lichtes aufzuspielen. In Gestalt der beiden Dominikaner, denen Christina das meiste Vertrauen schenkte, des Petrus von Dazien nämlich und des Gerhard vom Greif, kamen zwei böse Geister nachts zu Christina, quälten sie mit allerlei Behauptungen, suchten sie von der Verkehrtheit ihres Lebens zu überzeugen und rieten ihr, einen andern Wandel anzufangen. Wiewohl Christina bei Anbruch des Tages die Täuschung erkannte, so war es ihr doch immer wieder in den folgenden Nächten so, als ob jene beiden Brüder wirklich ihr Vorhaltungen machten. Sie kamen nämlich in jeder Nacht wieder, brachten immer neue Gründe vor, um sie irre zu machen, und da sie standhaft blieb und sich zum Gebete wandte, wurde sie auf grausame Art gequält. Bald war es flammendes Feuer, bald siedendes Pech, dann Schwefel, das sie vom Gebete abschrecken sollte. Dann wurde sie mit Steinen zermalmt, dann mit einem Beile zerhackt und in der Nacht vor Gründonnerstag mit Lanzen zerstochen. Zweimal ging sie in dieser Zeit zur h. Kommunion, empfing aber keinerlei Tröstung. Ihr liebstes Gebet war in diesen Heimsuchungen der 87. Psalm: „Domine Deus salutis meae. Herr, Gott meines Heiles, Tag und Nacht ertönt mein Wehklagen vor Dir“, der so recht ihre Verlassenheit und Seelenpein zum Ausdruck bringt. Nicht mehr war in dieser Zeit der Name des himmlischen Bräutigams auf ihren Lippen; sie nannte ihn nur ihren geliebten Vater. Alle Betrachtungen und Unterredungen und Gebete Christinas waren während dieser ganzen Fastenzeit nur ein Widerhall dessen, was in der h. Messe oder im kirchlichen Stundengebet aus den Propheten oder Evangelien über das Leiden des Herrn gelesen wurde. Am Morgen des Gründonnerstages, dem Ende der Bußzeit, wurde Christina in der Verzückung wiederum ins himmlische Brautgemach eingeführt, erhielt Vergebung der Sünden, wurde der Anschauung ihres Bräutigams gewürdigt und mit seliger Wonne erquickt. Vom Abende des Gründonnerstages bis zum Karsamstage sonderte sich Christina gänzlich vom Verkehr mit den Menschen ab und zog sich in ihr Kämmerlein zurück. Alle Marter, die der Herr am Karfreitag erduldet, erneuerte sich der Reihe und Zeitfolge nach an Christina. Gegen drei Uhr war sie im Todeskampf; die Seite öffnete sich, das Herz schien zu brechen und um drei Uhr hauchte sie aus. Sie lag da wie eine entseelte Martyrin, ihre Seele aber wurde gewürdigt zu verkosten, wie groß die Liebe Christi gewesen, die ihn bewogen hatte, für uns zu sterben. Am Karsamstage leuchtete aus Christinas Blick himmlische Seligkeit hervor, ihr Antlitz strahlte wie das eines Engels, ihr ganzes Aeußere war wie verklärt. Sie war mit Christus auferstanden. Fröhlich und jubelnd ging sie am Ostermorgen zur Kirche, empfing die h. Kommunion, wurde alsbald entrückt und mit überströmender Wonne erfüllt.

In der dritten Woche nach Ostern nahte Christina wiederum dem Tische des Herrn, hatte aber in der vorhergehenden Nacht Störung im Gebete verbunden mit Quälung durch Pfriemenstiche zu erleiden.

Freitag der darauffolgenden Woche (24. Mai) vollendete Magister Johannes das Schreiben an Petrus, dem vorstehende Mitteilungen größtenteils entnommen sind, bittet gegen Schluß desselben den Petrus, er möge für Christina, ihrem Wunsche entsprechend, das Lob- und Dankopfer darbringen und auch das versprochene Buch ihr baldigst zugehen lassen. Gemeint ist die Fortsetzung des ersten Buches der Jülicher Handschrift, in dem Petrus, ohne Christina mit Namen zu nennen, im Anschluß an dreiundvierzig, in leoninische Hexameter gefaßte, dem Buche vorangestellte Leitsätze das Ideal einer gottseligen Jungfrau schildert, unter anderem ihre Züchtigkeit im Blick, ihre Klugheit in der Rede, ihre Frömmigkeit im Werke, die Innigkeit ihrer Gottesliebe, ihre Herzensgüte im Umgang, ihre Enthaltsamkeit im Genusse von Speise und Trank, ihre Bescheidenheit im ganzen Benehmen hervorhebt und ihre Fasten, Nachtwachen, Leiden, Kämpfe und Triumphe feiert.

Magister Johannes hatte den Anfang des Buches, den er bereits von Petrus erhalten hatte, der Christina vorgelesen und erklärt. „Sie hat sich dadurch,“ so schreibt Johannes an Petrus, „gar sehr erbaut und mit solcher Herzenseinfalt zugehört, daß sie sich über Euch nicht genug wundern konnte, warum Ihr von dieser Euerer geistlichen Tochter ihr nie etwas gesagt hättet.“ In ihrer Demut kam es ihr nämlich nicht in den Sinn, daß von ihr selbst im Buche die Rede war.

Am Mittwoch nach Apostel-Teilung (17. Juli 1280) ging ein neues Schreiben von Magister Johannes und Christina an Petrus, das verschiedene Mitteilungen über Christinas innere Erlebnisse enthält, vornehmlich aber die Aufnahme Sigwins, des Bruders Christinas, in den Dominikanerorden bezweckte.

Wir entnehmen demselben, daß Christina am Vorabende von Christi Himmelfahrt, als sie nach der Beichte in der Kirche allein zurückblieb, um dem Gebete obzuliegen, darin wieder vom Versucher durch Lärm und Getöse gestört wurde, ihre Verachtung gegen diese Versuchung aber dadurch bekundete, daß sie anfing mit lauter Stimme zu singen. Magister Johannes, welcher in der an die Kirche anstoßenden Klause damals seine Wohnung hatte, öffnete das in die Kirche Einblick gewährende Fenster und beobachtete den ungewohnten Vorgang. Am Feste der Himmelfahrt unseres Herrn empfing Christina die h. Kommunion, wurde entrückt, verkostete einen Vorgeschmack der Himmelsseligkeit und wiederholte im Seelenjubel gar oft den Vers des Psalmes: Ascendit deus in iubilatione — Der Herr ist aufgefahren unter Jubelsang. — Dem Briefe des Magisters Johannes fügte Christina am Schlusse folgende Bitte bei:

„Im Uebrigen bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, bei der Treue und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, in der ich Euch liebe und mich auch freue, von Euch wiedergeliebt zu werden, Ihr wollet aus meinem Herzen alle Besorgnis wegräumen und meiner Seele volle Freiheit verschaffen, indem Ihr bezüglich meines Bruders dem Wunsche, den ich Euch bei Euerer Anwesenheit hierselbst, leider nicht nachdrücklich genug, kundgegeben und den ich in meinem letzten Schreiben inständigst in Erinnerung gebracht habe, wie ich zuversichtlich hoffe, zu entsprechen Euch bestrebt. Ich darf Euch nicht verhehlen, daß seit Euerer Abreise dieser auf das Seelenheil meines Bruders gerichtete Wunsch immer lebhafter geworden ist. Ich befürchtete nämlich, sein jugendlicher Sinn könnte ihn, der jetzt noch heilsamen Ratschlägen ein williges Ohr leiht, weltlichem Treiben zuführen und so, was Gott verhüten möge, sein Seelenheil in Gefahr bringen. Deshalb bitte ich Euch, geliebtester Vater und Herr, recht herzlich bei der Treue und Liebe, die uns miteinander verbindet, Ihr möget womöglich bei der ersten besten Gelegenheit die Erlaubnis nachsuchen, baldigst in unsere Gegend kommen zu dürfen. Solltet Ihr aber für Euere Person diese Erlaubnis nicht erlangen können, so wollet durch befreundete Ordensbrüder oder durch vertrauenswürdige Boten meinen Bruder wissen lassen, was er tun soll oder wie er zu Euch gelangen soll. Sollte man aber nicht sonderlich geneigt sein, meinen Bruder in den Orden selbst aufzunehmen, weil er ein Laie ist und wenig geeignet dazu, so wollet doch dafür Sorge tragen, daß er dem h. Ordensleben in irgend einem Orte angeschlossen werde, aber in der Nähe Euerer Stadt, damit Ihr ihn, den Fremdling und Ausländer, in väterlicher Liebe mit frommem Zuspruch im Dienste Christi mitunter bestärken könnt.

Es erübrigt mir, teuerster Vater, Euch von ganzem Herzen für die mir unwürdigen durch soviele Wohltaten an Leib und Seele erwiesene Güte zu danken. Da ich jedoch nicht im Stande bin, Euch Euere Güte entsprechend zu vergelten, so bitte ich flehentlich Denjenigen, dem zu Liebe Ihr das Alles getan habt und noch tut, er möge selbst Euer übergroßer Lohn sein.

Es grüßt Euch Johannes, der Lehrer (rector) der Knaben, der mir allerwegen besondern, vertrauten und treuen Beistand leistet. Auch bitte ich, teuerster, zugleich mit Magister Johannes recht dringend, Ihr wollet, sofern Ihr wünscht, er solle Euch schreiben oder da bleiben, wo er jetzt ist, das uns versprochene Büchlein mit den weitern Darbietungen, die Ihr zu unserer Erbauung oder Tröstung geeignet erachtet, uns möglichst bald zugehen lassen. Magister Johannes hat mir den Teil davon, den wir hier haben, zweimal vorgelesen und ich muß Euer Liebden gestehen, daß ich nie etwas gehört habe, was mir solche Freude bereitet hat. Auch wundert es mich gar sehr, daß Ihr mir von dieser Euerer Tochter oder Freundin nie etwas gesagt habt, obschon Ihr doch seit langer Zeit mit mir befreundet seid.

Es grüßt Euch auch mein Bruder Sigwin; betet doch für ihn zu Gott. Desgleichen Hilla vom Berge mit allen Euern Freundinnen; sie bitten, Ihr möget für sie beim Herrn Fürsprache einlegen. Grüßet auch, wenn Ihr könnt, den Bruder Folkwin und saget ihm, er solle für uns alle zu Gott beten.“

Weil Christina in ihren Briefen öfter von der Liebe und Freundschaft sprach, die sie mit Petrus verband, so setzte Petrus in seinem Antwortschreiben die Gründe der wahren, in Gott gegründeten Liebe auseinander, die auch bei räumlichem Getrenntsein keinerlei Einbuße erleidet. Den Freund, so führt er schließlich aus, sollen wir in Gott und den Feind um Gottes willen lieben. So sei auch Christus für alle Menschen, auch für seine Feinde gestorben. Wiewohl nun aber der Tod des Herrn hinreichend gewesen sei, um Freunden und Feinden Erlösung zu bringen, so hätte er sie doch in Wirklichkeit nur den Freunden gebracht. Wie daher hinreichende und wirksame Gnade nicht in der Bemessung des Spenders, sondern in der Bewertung des Empfängers den Grund ihres Unterschiedes hätten, so sei auch Christi Tod von verschiedenem Werte gewesen für seine Freunde und für seine Feinde.[48]

In einem Briefe, den Petrus erst im Jahre 1282 erhielt, der aber viel früher, nämlich nach Allerheiligen 1280, geschrieben wurde, berichtet Magister Johannes unter anderm, daß Christina vom 5. Juli ab, an welchem Tage die Seele des Pfarrers Johannes aus dem Fegfeuer befreit wurde, bis zum Feste der h. Maria Magdalena ununterbrochen große Tröstung und Wonne des Herzens verkostet habe. Sie sei während dieser Zeit sehr oft in Verzückung gekommen und in die Geheimnisse ihres göttlichen Bräutigams derartig vertieft gewesen, daß sie ihn, den Magister Johannes, wenn er mitunter in ihre Wohnung oder in ihr Kämmerlein eingetreten, nicht einmal bemerkt habe, obschon sie den Spinnrocken in der Hand hielt und recht fleißig spann oder sonst eine Handarbeit verrichtete. Und obschon er sie mehrmals angeredet habe, so hätte sie doch nichts von dem gehört, was er gesagt, bis sie aus der Entrückung gänzlich zurückgekehrt gewesen.

In den drei Nächten, die dem Freitage vor Mariä Geburt vorangingen, also vom 4.-6. September, hatte sie verschiedenartige Qualen zu leiden, jedoch nicht sichtbarer Weise, sondern nur innerlich im Geiste. Es war ihr, wie wenn Donner und Blitz ihr Herz bestürmten. Da sie sich nicht darüber klar war, ob der böse Feind der Urheber der Quälereien sei, beschwor sie in der dritten Nacht, als die Plagen aufhörten, deren Urheber mit den Worten: „Ich beschwöre euch, ihr bösen Geister, im Namen des Herrn Jesus, daß ihr bekennet, ob dies alles durch euere Bosheit geschehen ist?“ Darauf erfolgte die Antwort: „Dienerin des allmächtigen Gottes, wir alle sind böse Geister, tausend an der Zahl; mit Zulassung des Allmächtigen haben wir dir diese Qualen unsichtbarer Weise zugefügt, um dich vom Gebete abzuhalten.“ Am folgenden Tage, dem Freitage vor Mariä Geburt, ging Christina zur Kirche, empfing den Leib des Herrn, kam in Verzückung, in der ihre Seele nach dem Maße der überstandenen Schmerzen die Wonne der göttlichen Tröstungen zuteil wurden (Psalm 90, 19).

Es begab sich in der dritten Nacht nach Mariä Geburt, daß Christina mit ihrem Bruder Sigwin und einem andern Manne geschäftshalber nach Cöln reiste. — Ihr Bruder fuhr einen Karren mit Weizen. — Als sie nun nicht mehr weit von Cöln waren, aber erst Mitternacht vorbei war, spannten die beiden Männer die Pferde aus, ließen sie auf die Weide gehen ... und legten sich zum Schlafe nieder. Christina aber stieg auf den Karren, setzte sich auf die Säcke und hielt Wache, doch gar bald kam der Karren derart ins Wanken und Schwanken, daß Christina sich gezwungen sah, abzusteigen. Sie kniete nun auf die Erde nieder und hub an zu beten. Und siehe da, ein Wolf stürzte auf sie los mit funkelnden Augen und fletschenden Zähnen, wie wenn er sie hätte verschlingen wollen. Sie aber erachtete dies für teuflische Gaukelei und fuhr fort zu beten, ohne auch nur zu zucken. Da stürzte sich der Wolf auf Christinas Bruder, und es erscholl ein klägliches Geschrei wie aus dem Munde Sigwins, damit Christina glauben sollte, er würde erwürgt. Dann lief er auch auf die Pferde zu und griff diese an. Und bald kam ein ganzes Rudel Wölfe, fraß anscheinend die Leichen Sigwins und der Pferde und erfüllte die Luft mit wildem Geheul.

Wir glauben diesen visionären Vorgang mitteilen zu sollen, weil er Veranlassung geworden, am Nordportal des Cölner Domes die selige Christina mit einem Wolfe darzustellen.

Im Herbste desselben Jahres trafen neue Schicksalsschläge Christina und ihren Bruder Sigwin. Die Eltern Christinas waren infolge einer Bürgschaft, die ihr Vater für einen Christen einem Juden gegenüber übernommen hatte, um ihre Habe gekommen. Nur der ausverkaufte Gutshof mit dem eingestürzten Wohnhause scheint ihnen geblieben zu sein. Durch Christinas Bemühungen wurden jedoch die Verhältnisse wieder geordnet, wenn auch noch Schulden zu tilgen waren. Sigwin scheint Ländereien gepachtet zu haben, und unterstützt von Christina führte er wieder Ackerwirtschaft größeren Stiles. Christina durfte so hoffen, bald alle Schulden beglichen zu sehen und dann, aller weltlichen Sorgen ledig, ungestört der Pflege des innern Lebens sich hingeben zu können. Doch es sollte durch Gottes Fügung anders kommen. „Der Herr,“ so schreibt Magister Johannes, „hat seine Hand ausgestreckt und die fünf Pferde, die sie hatten, mit schwerer Seuche heimgesucht. Als die Ernte kaum unter großer Arbeit eingeheimst war, hat er zur allerschlimmsten Zeit, wo nämlich die Aecker zur Saat bestellt werden mußten, alle fünf Pferde an plötzlichen Erkrankungen eingehen lassen. In Zeit von drei Wochen wurden sie alle, und zwar zwei an einem Tage, dann eines allein und darauf wieder an einem Tage die beiden übrigen abgedeckt. Infolge dessen befindet sich Euere Tochter in mehrfacher Trübsal. Zunächst drücken sie stark die Schulden, die sie binnen Kurzem bezahlen zu können gehofft hatte. Dann ist sie auch noch immer gar sehr bekümmert wegen des Seelenheiles ihres Bruders, der jetzt die Ackerwirtschaft drangeben will. Doch diese und andere Leiden erträgt sie mit Geduld, indem sie spricht: Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen hat, so ist es geschehen; der Name des Herrn sei gebenedeit von nun an bis in Ewigkeit.“ —

Zum Schlusse des Schreibens des Magisters Johannes ergreift Christina das Wort und spricht:

„Folgendes läßt Euere Tochter Euch melden. Ihr möget ihr eine einsame und stille Zelle besorgen mit einer Kapelle in der Nähe, in der genannter Johannes, der zum Priester geweiht werden soll, die h. Messe lesen kann ... Dann aber klage ich Euch, teuerster Vater, daß der Prior Ingeld, ich weiß nicht durch welche Versäumnis dies gekommen, mich nicht gesehen und über die Angelegenheit meines Bruders deshalb auch nicht mit mir Rücksprache genommen hat. Das verursachte mir keinen geringen Kummer. Doch wurde ich dagegen nachher auch sehr erfreut durch Euern Brief, den genannter Prior mitgebracht hatte, den ich aber erst nach seiner Abreise, am Sonntag nach Sankt Bartholomäus (25. August), erhalten habe. Bedenket, teuerster Vater, die Leiden, die ich an Seele und Leib zu erdulden habe und unterstützet mich bei Euerm ewigen Bräutigam und Freund ohne Unterlaß durch Euer Gebet. Säumet auch nicht, das im Briefe in Aussicht gestellte recht bald auszuführen. Es grüßt Euch der Herr Pfarrer, der Magister Johannes, Hilla vom Berge, mein Bruder und meine Schwester sowie Euere sonstigen Freunde. Sie bitten um Euer Gebet, namentlich aber Magister Johannes, weil er die heiligen Weihen, nämlich das Diakonat und sodann die Priesterweihe, zu empfangen wünscht.[49]

Flehet also in andächtigem Gebete zu Gott, daß, wenn es so sein heiliger Wille sei und genannter Johannes in der Demut und Frömmigkeit Fortschritte machen soll, sein Wunsch in Erfüllung gehe und der Herr seinen Sinn und all sein Tun nach seinem heiligen Wohlgefallen ordne und lenke. Wir möchten zu unserer Tröstung um Zusendung des dem Magister Johannes versprochenen Büchleins bitten, wenn wir uns nicht in Wirklichkeit mit der Hoffnung trügen, Ihr würdet persönlich zu uns kommen. Lebet wohl, teuerster Vater, und bleibet stark in der Liebe des ewigen Bräutigams Euerer Seele und Eueres trautesten Freundes. Nicht ein dürftiges Schreiben, sondern Euer persönliches Kommen, nach dem wir lange und inständig uns sehnen, möge auf diesen Brief die Antwort bilden. Nochmals, lebet wohl und freuet Euch allzeit im Herrn.“

Vorstehender Brief blieb ohne Antwort, weil er erst nach nahezu zwei Jahren in die Hände des Petrus kam. Deshalb schrieb Christina im Advent 1280 abermals an Petrus, vornehmlich um ihm ihren Bruder Sigwin zu empfehlen. Das Schreiben lautet, wie folgt:

„In Jesus Christus, ihrem ewigen Bräutigam und geliebtesten Freunde, entbietet ihrem Vater und Freunde, dem Herrn Bruder Petrus, Lesemeister von Gotland, seine arme und verlassene Tochter, Christina von Stommeln, Gruß sowie unvergänglichen und vollen Trost im Herzen des Geliebten, dessen sie sich leider gänzlich beraubt fühlt.

Da ich, teuerster Vater und Herr, die vielfache Trübsal und Kümmernis meiner Seele weder durch Briefe noch durch Worte so, wie es mir ums Herz ist, auszudrücken vermag, so möge jener, der Herzen und Nieren durchforscht, Euch kundtun und Euerem Geiste Verständnis dafür und Mitleid einflößen. Ach, teuerster, welcher Güter und Tröstungen bin ich beraubt! Ach, von welchen Leiden und Aengsten bin ich umgeben! Stimme denn an deine Wehklage, o du, mein armes Herz, und seufze auf in deiner Trostlosigkeit, weil dein Heiland und Helfer ob deiner Sünden sich gänzlich von dir zurückgezogen und dich lebendig zu den Dämonen in der Unterwelt gesellt hat. Gleich erachtet bist du jenen, die hinabsinken in den See; geworden bist du wie eine Erschlagene, gleich jenen, die in den Gräbern ruhen; und deren nicht mehr mit Segensspruch gedacht wird, da sie weggewiesen sind von Gottes beseligendem Antlitze.[50] Was nun wirst du tun? Zu wem wirst du deine Zuflucht nehmen? Wer wird dich aus dieser tiefsten Unterwelt befreien? O, möchte es dir freistehen, aus Liebe zu deinem Geliebten, wiewohl er sich dir entzogen hat, zu sterben oder es dir doch vergönnt sein, deinem Schmerze freien Lauf zu lassen. Doch ach! und abermals ach! Schmerz häuft sich auf Schmerz! Denn zu alledem wirst du auch noch in die Sorgen und Kümmernisse der Welt verwickelt und so beklagenswerter Weise abgehalten, deinem Schmerze dich hinzugeben und den Verlust deines Geliebten ohne Unterlaß zu beweinen. Um das Maß deines Schmerzes voll zu machen wird dir überdies zu den vielen und unaufhörlichen Plagen auch noch von den Dämonen der Vorwurf gemacht, daß jene, die du für deine treuesten Freunde hieltest, wegen deines übelgeordneten und irrigen Lebenswandels, deiner überdrüssig sind und dich gänzlich verlassen. Wenn daher, teuerster Vater, Ihr noch Mitleid verspürt, wenn in Euerm Herzen sich noch Mitgefühl regt, so möge dieses Euch rühren und zur Teilnahme bewegen. Somit beschwöre ich Euch, teuerster Vater, bei jener Treue und Liebe, vermöge der Ihr von Ewigkeit her von Gott zum engern Freundschaftsbunde ausersehen worden seid, Ihr wollet den Schmerz meines Herzens lindern und meiner Seele wieder volle Freiheit wiedergeben und deshalb bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit ohne Verzug persönlich hieher kommen, um die schier unerträgliche Last meines Herzens zu erleichtern, besonders aber, um meinen Bruder, worum ich Euch so oft und so inständig gebeten habe, an eine Stätte zu bringen, wo er ungestört ein gottseliges Leben führen kann. Denn er ist hauptsächlich Gegenstand all meiner äußern Besorgnis. Ich sagte aber, Ihr möchtet persönlich kommen, weil mein Bruder sich nicht so sehr aus eigener Neigung, als infolge von Belehrung und gütlichem Zureden zum Ordensleben hingezogen fühlt und deshalb einem Fremden wohl nicht so bereitwillig folgen möchte als gerade Euch.

10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.
10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.

10. Christinenaltar in der neuen Pfarrkirche zu Stommeln.

11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.
11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.

11. Altes Grabmal Christinas zu Jülich.

Wohlan denn, teuerster Vater, von ganzem Herzen danke ich Euer Liebden für alle und jede Wohltaten, die Ihr mir so väterlich erwiesen habt, und abermals bitte ich flehentlich im geliebten Herzen des vielgeliebten Bräutigams und Freundes, in dem wir uns einander aufrichtig lieben, Ihr wollet doch, getreu Euerer bisherigen Gepflogenheit, in diesem meinem Anliegen, das gleichsam Ziel und Anfang all meiner Besorgnis ist, mir Euern Liebeserweis weder versagen noch ihn hinausschieben, um nicht durch Zögern mein Herz, anstatt es zu erfreuen, über die Maßen zu betrüben und den Gewinn, den Ihr an meinem Bruder erzielen könnt, durch Hinausschieben gänzlich in Frage zu stellen. Denn es liegt auf der Hand, daß mein Bruder, so lange er noch in Demut Rat anzunehmen gesonnen ist und sich nach Euerer Ankunft sehnt, durch Euern Rat und Beistand zum Hafen des Heils geführt wird oder aber, zum bittersten Schmerze und Leidwesen meines Herzens, von den Nichtigkeiten der Welt, die jetzt sein Seelenheil in Gefahr bringen, betört, heilsame Ratschläge von sich weisen und in den Abgrund des Lasters versinken wird. Es liegt auch noch ein anderer Grund vor, weshalb ich gar sehr nach Euerer Ankunft verlange. Magister Johannes, der bereits zum Diakon geweiht worden ist, soll, wie ich mit Sicherheit annehme, an den kommenden Quatembertagen die Priesterweihe erhalten. Die Zahl seiner Schüler hat aber derartig abgenommen und ist so gering geworden, daß er Mangel am nötigen Lebensunterhalt hat und deshalb an seiner bisherigen Stelle nicht mehr bleiben kann. Sollte er nun wegziehen, so können Euer Liebden leicht ermessen, daß dies mir mehr Schmerz verursachen würde als der Tod irgend eines mir Nahestehenden. Deshalb hegt besagter Johannes gleich mir das sehnlichste Verlangen nach Euerer Ankunft, damit Ihr meinen Bruder mitnehmet und auch mir raten möget, was wir tun und wohin wir gehen sollen. Deshalb bitte ich nochmals und abermals flehentlich: Kommet doch. Lebet wohl, teuerster Vater, und betet recht inständig und herzlich zu Euerem Freunde für Euere schwer geprüfte und trostlose Tochter. Johannes läßt Euch sagen, daß er manches über Christi Wunderwerke aufgeschrieben hat. Wenn Ihr es zu haben wünscht, so empfiehlt es sich, daß Ihr möglichst bald kommt. Lebet wohl und bleibet stark in der Liebe Christi!“

Diesen Brief erhielt Petrus im Herbste 1281, als er zum Provinzialkapitel in Skeninge weilte. Sogleich besprach er sich bezüglich der Anliegen Christinas mit dem Prior der Insel Gotland, Bertold, der ihr eine Unterstützung im Betrage von zwölf Sterlingsschillingen (solidi sterlingorum) zuschickte und zugleich den guten Rat erteilte, ihren Bruder Sigwin nach Gotland einzuladen und seine Aufnahme in den Dominikanerorden in die Wege zu leiten. Der bereits mehrfach erwähnte Bruder Mauritius, ein Bekannter Christinas, sollte den zum Definitor des für den Frühling 1282 in Wien anberaumten Generalkapitels seitens der Provinz Dazien erwählten Bruder Johannes auf der Reise begleiten und dieser sollte, da die Reise über Cöln ging, den Sigwin mitbringen. Mauritius brachte drei Briefe nach Stommeln mit, einen Brief des Bruders Petrus für Christina, desgleichen einen Brief des Priors Bertold an Christina, in denen Christina eingeladen wird, mit Sigwin nach Gotland zu kommen, wo sie in einem Kloster der Dominikanerinnen alle Tage ihres Lebens Gott dienen könne. Sie könne dort ihr jetziges Ordenskleid beibehalten oder auch das Ordenskleid der Dominikanerinnen annehmen. „Doch,“ schreibt Petrus, „will ich Euch in dieser Sache nicht meine Meinung aufdrängen; denn ich weiß, daß Ihr den Geist Gottes habet, der Euch in allem zu belehren pflegt.“

Der dritte Brief war für Magister Johannes bestimmt und von Bruder Petrus geschrieben. Aus ihm ersehen wir, daß im Sommer 1281 die Abhandlung von den Tugenden, die das erste Buch der Jülicher Handschrift bildet, durch einen jugendlichen Cölner Bürger, Johannes von Stolzenberg, dem Magister Johannes und Christina aus Gotland war überbracht worden. Auch ein Mann von vornehmer Herkunft, Johannes, Bruder der Miliz Christi, d. h. des dritten Ordens des h. Dominikus, schrieb an Christina, er habe von seinen Eltern eine besondere Vorliebe für den Dominikanerorden überkommen und selbe auch bewahrt. Auch habe er zwei Schwestern, von denen eine, Namens Christina, bereits gestorben sei. Beide hätten das Kleid der Schwestern des h. Dominikus genommen und es länger als zehn Jahre allein im Königreich Schweden getragen. Ihr Verlangen nach Zuwachs sei leider lange Zeit hindurch unerfüllt geblieben. Jetzt endlich sei mit Bewilligung des Königs von Schweden und des zuständigen Diözesanbischofs sowie des Provinzials von Dazien ein schön und günstig gelegenes Kloster gegründet worden, das er aus seinem Vermögen sowie demjenigen seines Bruders Andreas und seiner Schwestern mit Einkünften ausgestattet habe. Dahin ladet er Christina mit ihrem Bruder Sigwin ein, damit sie dort an die Stelle seiner verstorbenen Schwester Christina trete. Auch Helborgis und ihre Schwester, die beide Beginen auf Gotland waren, luden Christina zu sich ein, wobei sie bemerkten, daß sie unter Leitung der Dominikaner ständen. Der Definitor der Provinz Dazien auf dem Generalkapitel in Wien, Johannes, starb zu Wien oder auf der Reise und sein Begleiter Mauritius schrieb nun nach Cöln an Bruder Laurentius aus Dazien, der in Cöln studierte, er möge Christina wissen lassen, ihr Bruder Sigwin solle sich bereit halten, um mit ihm, Mauritius, bei seiner Rückreise aus Oesterreich zu Bruder Petrus nach Dazien zu reisen.

Auch empfiehlt er die Seele des verstorbenen Definitors Johannes in Christinas Gebet und läßt ihr danken für das h. Haupt, das sie diesem verschafft habe.

Am Feste Peter und Paul oder kurz nachher ist dann Sigwin mit Bruder Mauritius nach Dazien abgereist. Am Vorabend des h. Laurentius langten die beiden in Wisby auf Gotland an, woselbst gerade das Provinzialkapitel gehalten wurde. Die beiden überbrachten dem Bruder Petrus einen Brief Christinas, den letzten, der uns erhalten ist. Derselbe lautet wie folgt:

„Ihrem in Jesus Christus, dem süßesten Bräutigam und Freunde, geliebtesten Vater und Herrn, dem Bruder Petrus, Lesemeister auf Gotland, entbietet seine gar arme Tochter Christina von Stommeln, demütiges und frommes Gebet und was immer an Wonnevollem sich im Brautgemache des ewigen Bräutigams finden mag. Teuerster Vater und Herr, für die Güte und Treue, die Ihr mir allerorts und in allen Stücken in väterlicher Huld erweiset, jetzt aber dadurch, daß Ihr Euch für meinen Bruder so getreulich bemühtet, in ganz vorzüglicher Weise bekundet habt, kann ich Euch niemals genugsam Dank sagen. Ich bitte aber und flehe, jener süßeste Bräutigam und Freund, der gütig und getreu ist und ein überaus gnädiger Belohner alles Guten, möge statt meiner es Euch vergelten. Im vollen Vertrauen auf Euere Güte und Treue lasse ich also jetzt meinen Bruder zu Euch reisen und ich empfehle ihn Euerer Liebe in Christo. Er ist aufrichtigen Sinnes, schüchtern im Auftreten und sanften Gemütes. Unter allen meinen leiblichen Brüdern und Schwestern habe ich ihn von Kindheit an besonders geliebt und ihn deshalb, da ich zuversichtlich hoffe, er werde sein ewiges Heil wirken, allzeit durch fromme Ermahnungen und gütiges Zureden zu fördern gesucht. Und nun bitte ich Euch inständig bei aller Treue und Liebe, mit der wir uns einander zugetan sind, Ihr wollet ihn, als Ankömmling und Fremdling in Euerem Lande, in Güte aufnehmen und ihm die Erweise Euerer Liebe noch mehr als mir selbst, wenn ich in Person bei Euch wäre, um Gottes willen zukommen lassen. Auch bitte ich Euch, dafür Sorge zu tragen, daß er, sofern es nur irgendwie möglich ist, in Euerem Kloster Unterkunft findet, und Ihr ihn dort gleich wie Euern Sohn behandelt, ihn wie eine zarte Pflanze durch gütiges Zureden und heilsame Lehre gleichsam bewässert und zum Ordensleben anleitet. Das ersehne und erhoffe ich nämlich mit allen Fasern meines Herzens, weil ich vor allen Menschen zu Euch ein besonderes Vertrauen habe. Sollte dieses jedoch sich nicht bewerkstelligen lassen, so bitte ich inständigst und ergebenst, Ihr wollet ihn Euerem besondern Freunde, dem Herrn Prior Bertold, und den einzelnen Brüdern jenes Klosters getreulich anbefehlen und denselben ans Herz legen, daß sie ihn liebevoll aufnehmen, durch gütiges Zureden und trauliche Unterredungen ihn zum Guten anleiten und seinen Sinn weiter ausbilden; denn seine Gemütsart erheischt Ermunterung zum Guten und liebevollen Zuspruch. Und weil ich vor allen übrigen Orden dem Predigerorden in aufrichtiger Liebe und besonderer Ergebenheit zugetan bin, so bin ich voller Freude und Wonne darüber. daß mein Bruder in denselben Aufnahme findet. Deshalb bitte ich Euch, Ihr wollet doch diesen meinen Bruder in keinem andern Orden als demjenigen Euerer Brüder unterbringen und dafür sorgen, daß er von den Brüdern mit solchem Wohlwollen behandelt wird, daß nicht die fremde Gegend, die immerhin schwerdrückende Entfernung von der Heimat und die Strenge der Ordenszucht ihm Ueberdruß verursachen, ihn mutlos machen und, was Gott verhüten wolle, in die Heimat zum größten Schmerze meines Herzens zurücktreiben ... Abermals bitte ich recht herzlich, Ihr wollet zu meines Herzens großer Freude mir recht bald schreiben und mir im Einzelnen mitteilen, wo, wie und wann mein Bruder in Euern Orden aufgenommen worden ist und wie es ihm auf der Reise ergangen. Aber auch noch einen andern Wunsch habe ich, daß Ihr ihn nämlich im Ordenskleide der Predigerbrüder hierher führet. Denn nichts könnte mich, sofern es Gottes Wille sein sollte, so sehr bewegen und bestimmen, in Euerem Lande meinen Aufenthalt zu nehmen. Geschrieben am Tage der Apostel Petrus und Paulus. Lebet wohl für immer.“

Am 9. August 1282 kam Sigwin, von Bruder Mauritius geführt, in Wisby an. Sie brachten auch ein Heiligenhaupt mit, das Christina für den inzwischen verstorbenen Definitor Johannes in Cöln besorgt hatte, wofür Petrus später seinen Dank ausspricht. Petrus besprach sich sofort in Wisby mit dem dort zum Provinzialkapitel weilenden Prior Bertold, und Sigwins Aufnahme in den Dominikanerorden wurde beschlossen. Bereits am Tage des h. Bernard (20. August) wurde er wahrscheinlich in Schöningen eingekleidet und erhielt den Namen Gerhard, weil der Name Sigwin in dortiger Gegend nicht gebräuchlich war. Bruder Petrus konnte in einem Briefe, den er vor dem Provinzialkapitel des Jahres 1283 an Christina schrieb, nur Gutes über ihren Bruder melden: Er sei gesund an Leib und Seele und von Gott und den Menschen geliebt. „Unsere Brüder,“ schreibt Petrus, „die ihn kürzlich sahen und lange Zeit mit ihm zusammen waren, haben mir erzählt, er sei Kellermeister unserer Brüder und führe dieses Amt so umsichtig, daß es allen eine wahre Freude sei. Auch sagten sie, er sei gottselig und eifrig besorgt, unsere Ordenssatzungen zu beobachten. Dafür, Teuerste, schuldet Ihr Gott innigsten Dank. Jetzt will ich, was ich bisher nicht wagte, Euch die Wahrheit gestehen. Wider Erwarten nämlich ist die Sache gelungen; denn, wenn Ihr wüßtet, wieviel hin und her überlegt wird, wenn es sich um die Aufnahme von Laienbrüdern in unsern Orden handelt, so würdet Ihr es für ein Wunder oder doch für einen besonderen Hulderweis Gottes erachten, daß Euer Bruder unter Unbekannten so schnell in den Orden aufgenommen worden ist.“ Vom Provinzialkapitel des Jahres 1284, dem Petrus als Prior von Wisby beiwohnte, erhielt Christina die weitere fröhliche Nachricht, daß ihr Bruder, wie es von jeher ihr sehnlichster Wunsch gewesen, unter die Leitung des Petrus komme. Noch vor dem Winter des Jahres 1284 wurde er ins Kloster zu Wisby versetzt, wo Petrus Prior war. Im Jahre 1287 war er aber wieder in einem andern Kloster. Denn Petrus meldet der Christina, ihr Bruder befinde sich sehr wohl und sei Gott und den Menschen wohlgefällig. Alle Ausgaben der Brüder seines Klosters gingen durch seine Hand und seien seiner Verwaltung übergeben. Auch habe er ihm geschrieben, es sei ihm sehr lieb, in dem Kloster zu verbleiben, in dem er sich jetzt befinde. Im Herbste 1287 jedoch starb Petrus und Bruder Folkwin, der am 9. September Christina die Trauerbotschaft meldete, stellte einen baldigen Besuch Sigwins in Stommeln in Aussicht. Weitere Nachrichten über Sigwin fehlen.

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