Vierter Akt
Erich Holm translation
(Eine Landschaft im Schlaraffenland. An den Bäumen hängen allerlei Eßwaren, Früchte und dergleichen. Drei Bäche kommen aus dem Hintergrunde hervor. In dem einen fließt Milch, in dem andern Honig und in dem dritten Sirup. — Mit der leichten bunten Tracht wilder Volkstämme bekleidete Menschen liegen schlafend oder schlummernd der Länge nach hingestreckt. In der Mitte der Bühne ein niederer römischer Speisetisch mit Ruhebetten ringsum. Rechts ein Ziehbrunnen, der gesperrt und oben mit einer königlichen Krone versehen ist. Der Däumling und Aschenbrödel liegen am Sirupbache.)
Erste Szene
Sancho (tritt auf)
Sancho
Welch ein gesegnetes Land, welch ein glückliches Volk! Nun bin ich volle acht Tage hier, und noch habe ich keinen mißvergnügten Laut gehört; nichts von Opposition, nichts von Steuern, nichts von Polizei! Tag und Nacht gleich lang: am Tage scheint die Sonne, bei Nacht der Mond. Gebratene Tauben fliegen in den Mund, Milch und Honig fließen. O, es ist alles so vollkommen, daß es einen rasend machen könnte! Ein Hagelschauer, ein Donnerschlag, eine kleine Überschwemmung dort und da, würde in dieses verschlafene Volk doch etwas Leben bringen! — Ein träges Volk, das sich wund liegt und an Magenkatarrhen leidet! Wenn ich nur zu entdecken vermöchte, wie ich in diese schlafenden Gemüter auch nur das winzigste Samenkörnchen Unzufriedenheit säen könnte. Ritter Don Quixote, der hier sein Ideal und seinen Idealstaat wiedergefunden hat, ist Staatsminister geworden, nachdem er anderwärts der prinzipiellen Opposition angehörte. Nun ist er natürlich ein eifriger Gegner aller und jeder Neuerung!
Das Volk (regt sich ein wenig auf)
Sancho
Gibt es gar niemanden, der einen noch so geringfügigen Grund zur Unzufriedenheit hätte?
Einer aus dem Volk
Womit sollten wir unzufrieden sein?
Sancho
Mit einer Bagatelle! — Mit allem! — Dem Bestehenden!
Einer aus dem Volk
Etwas einförmig ist’s freilich!
Sancho
Ei, sieh doch! Das Essen ist gut, die Wärme wohlig, der Schlaf exzellent! Vielleicht daß es Euch an Arbeit fehlt?
Das Volk
Ja, Arbeit!
Sancho
Schön! Eine kleine Arbeiterfrage als Anfang. — Gibt es nicht sonst noch etwelche kleine Mängel in Regierung oder Verwaltung, denen allerdings nicht abzuhelfen ist, die sich aber gerade dadurch als dauernd wertvoll herausstellen könnten? Däumling, du bist doch sonst voller Finten! Fällt dir nichts ein?
Däumling
Herr Waffenträger! Meine Unbedeutendheit, meine geringe Herkunft —
Sancho
Bravo! Du dokumentierst dich sofort als Ministerkandidat!
Däumling
— Sowie meine vollkommene Unkenntnis in bezug auf staatliche Angelegenheiten, veranlassen mich die Frage aufzuwerfen, ob wir denn in einem privilegierten Gemeinwesen leben oder nicht, und zwar auf Grund eines Sachverhalts, der schon längst den öffentlichen Unwillen hätte auf sich ziehen sollen.
Sancho
Was ist dies! Sprich, Engel!
Däumling
Bemerkt das Volk denn nicht, daß der Brunnen gesperrt ist und obendrein noch von einer Königskrone verunziert wird?
Sancho
Ha! Eine Kabinettsfrage, die leicht mit einer Ministerkrise endigen kann! — Was sagt das Volk zu dieser Verletzung der verfassungsmäßig gewährleisteten Grundrechte?
Das Volk (ermuntert sich)
Sancho
Das Volk erwacht! Die Opposition hat sich gebildet, und ich eile, eine Interpellation an den Staatsminister zu richten.
Zweite Szene
Die Vorigen. Don Quixote
Don Quixote
Ist dies nicht der ideale Staat, Sancho? Siehst du, daß das Ideal denn doch auf Erden zu finden ist, was du stets in Zweifel zogst! O, beglücktes Land, o, beglücktes Volk! — Wenn mir nun noch vergönnt wäre, mein Ideal, mein Liebesideal zu schauen, ich würde mit Freude und mit grauen Haaren in die Grube fahren!
Sancho
Das wäre auch das Ratsamste, Euer Gnaden, denn seine Ideale soll man nicht überleben!
Don Quixote
Sehr wahr, Sancho! Doch was hat sich während meiner kurzen Abwesenheit hier zugetragen? Das Volk schläft nicht mehr!
Sancho
Nein, das Volk erwacht!
Don Quixote
Wer hat es aus seinen süßen Träumen geweckt?
Sancho
Der Zeitgeist, das Klassenbewußtsein und — ich!
Don Quixote
Warum tatest du uns das? Denn der da schläft, sündigt nicht, und im Schlafe kommen uns die schönsten Träume! — Was wünscht das Volk?
Sancho
Als Führer der Opposition liegt mir die schmerzliche Pflicht ob, die Wünsche des Volkes dessen erleuchtetem Diener vorzutragen!
Don Quixote
Was wünscht das Volk?
Sancho
Arbeit!
Don Quixote
Arbeit? Wo soll ich die hernehmen?
Sancho
Ja, seht, wenn wir dies wüßten, so wäre die Frage gelöst!
Don Quixote
Und es ist dir ja gar nicht darum zu tun, daß sie gelöst werde! Du Schelm!
Sancho
Zugleich bekundet sich eine allgemeine Unzufriedenheit betreffs des privilegierten Brunnens, der verschlossen gehalten wird und überdies im Widerstreite mit der geltenden Verfassung des Reiches mit einer Königskrone versehen ist.
Don Quixote
Gut! Liegt noch etwas vor?
Sancho
Für den Augenblick nicht.
Don Quixote
Gut! Die großen Fragen sollen im Zusammenhang gelöst werden. Ich werde bei dem königlichen Landesherrn über die Angelegenheiten Vortrag halten.
(Ab.)
Dritte Szene
Die Vorigen. St. Peter
St. Peter
O, welch wonnigliches Reich! Sollte ich nun wirklich an das Ziel meiner Wanderung gelangt und dies das Himmelreich sein? — Doch ich habe keine Pforte gesehen!
Sancho
Hast du sie nicht gesehen? Sie stand ja sperrangelweit offen.
St. Peter
Ach, ist das nicht der widerwärtige Sancho Pansa? Nein, wenn der da ist, kann das nicht das Himmelreich sein!
Sancho
Du glaubst also nicht an den bußfertigen Schächer? Komm her, Däumling, und bring den Fisch sowie das Augenglas zur Stelle, damit der Prophet sich überzeugt, daß er sich in guter Gesellschaft befindet. Komm hervor, Däumling!
Däumling (zu Sancho)
Das sollst du mir entgelten. (Zu St. Peter, dem er den Fisch und das Glas übergibt.) Hier habt Ihr den Plunder, den ich auf einem Tisch unter einer Linde gefunden.
St. Peter
Ah, mein Symbol!
Sancho
Sind das deine Augengläser?
St. Peter
Und meine Brille!
St. Peter (betrachtet die Szenerie durch sein Augenglas)
Hm! Mich dünkt, es sieht hier so weltlich aus! Auch die Mienen der Leute entsprechen meinen Vorstellungen nicht! Nein! Hier ist sicherlich nicht das Himmelreich!
Sancho (zum Däumling)
Der Alte hat dich und deine Dieberei total vergessen. Gratuliere dir!
Vierte Szene
Die Vorigen. Der König (der Schmied) und die Königin (die Liebhaberin)
König (zur Königin)
Hier ist der Himmel, ja, und deine Augen Sie spiegeln ihn so blau, so licht!
Königin
Es ist das nicht der Widerschein des Himmels, Nein, deines eignen liebevollen Blicks!
König
Der sich am hellen Feuer deiner Tugend, An deiner Schönheit sich entzündet hat . . .
Königin
Ihn zeugte deiner Milde Majestät, Wie ihn auch nähret deine Güte, König!
Fünfte Szene
Die Vorigen. Don Quixote
Don Quixote
Eure Majestät sollten einen Entschluß fassen, denn die Flamme des Aufruhrs wächst und droht um sich zu greifen.
König
In welchem Maße? Du siehst immer alles im Großen, Don Quixote. — Um was handelte es sich doch? Ja, richtig, das Volk begehrt Arbeit, und das Volk begehrt eine Abänderung beim Brunnen! Und du siehst dich also nicht imstande, diese Fragen in ihrem Zusammenhange zu lösen?
Don Quixote
Nein, Eure Majestät!
König (zur Königin)
Verzeiht, liebe Königin, aber ich muß ein wenig regieren, um zu Tische Appetit zu bekommen! — (Zum Volke.) Gibt es jemanden hier, der diese Nuß mit einem Griff zu knacken vermag, so soll er Staatsminister werden!
Sancho (reckt die Hand in die Höhe)
König
Sancho! Nun wohl, so sprich! Aber sprich weise, und vor allem, kurz!
Sancho
Ich hab’ mir die Sache so zurechtgelegt, nichts für nichts, und etwas gegen etwas! Die Mißvergnügten stehen von ihrer Forderung nach Arbeit ab, dafür wird der Brunnen der allgemeinen Benutzung überlassen.
König
Sehr schön! Man pflegt das einen Kompromiß zu nennen!
Don Quixote
Weißt du denn aber auch, Waffenträger, ob die Mißvergnügten auf den Kompromiß eingehen?
Sancho
Was? Man ladet die Opposition zu einem Korruptionsdiner und verleiht dem Führer ein Portefeuille.
Don Quixote
In diesem Falle sehe ich mich genötigt, mein Mandat in die Hände Eurer Majestät zurückzulegen. Ich trage das Bewußtsein davon . . .
Sancho
Doch nicht den Sieg!
König
(hebt die Krone von dem Brunnen und reicht Sancho den Schlüssel)
Hier ist der Schlüssel zum Düngerbrunnen! Pumpt nun, Leutchen! Doch gebt acht, daß ihr euch nicht bespritzt!
Das Volk
Ei!
König
Nachdem der Grund zur Unzufriedenheit nunmehr behoben ist, hoffe ich, du wirst gut regieren, Sancho, auf daß das Land künftighin vor Zerwürfnissen bewahrt bleibe.
Sancho
Eure Majestät! Da nunmehr aller Anlaß zur Unzufriedenheit hinweggeräumt ist, wird das Volk alsbald wieder in jene beseligenden Träume gelullt sein, aus denen es jüngst in so unliebsamer Weise aufgestört worden ist! Schlummere, Volk!
(Er macht mit den Händen einige hypnotische Gebärden.)
König
Ist das ein Staatsmann, dieser Sancho! Ist das ein Staatsmann! (Ab mit der Königin.)
Sechste Szene
Die Vorigen (ohne den König und die Königin)
Don Quixote
Du bist ein Schurke, Sancho!
Sancho
Der König bediente sich des Wortes Staatsmann in einem ganz anderen Sinne!
Don Quixote
Bist du nun zufrieden?
Sancho
Nun bin ich zufrieden!
Don Quixote
Müssen aber deshalb auch schon alle andern zufrieden sein?
Sancho
Ich hoffe, sie sind es bereits! Ich weiß, daß sie es sind!
Das Volk
(das der Däumling unter der Hand bearbeitet hat, beginnt zu lärmen)
Sancho
Weshalb lärmt das Volk?
Däumling
Die allgemeine Unzufriedenheit, das Klassenbewußtsein, der Zeitgeist und ich, wir haben uns in unsern — Wünschen dahin geeinigt . . .
Sancho
Womit seid ihr unzufrieden?
Däumling
Mit allem! Mit dem Bestehenden, dem Gegenwärtigen und Zukünftigen!
Sancho
Das ist doch merkwürdig, daß man nie und nimmer zur Ruhe kommen kann, daß es ewig nur Hader und Unzufriedenheit geben muß! Wolltet ihr mir nur gehorchen, nur tun, was ich euch sage, der Himmel wäre auf Erden! Du bereitest mir Kummer mit deinen übertriebenen Forderungen, Däumling, schweren Kummer! Das Volk hatte es so gut, als es nur immer wünschen konnte: weshalb es unglücklich machen?
Das Volk (lärmt)
Don Quixote
Jetzt kehrt sich der Spieß gegen dich, Spitzbube!
Sancho (zum Däumling)
Was begehrt denn aber das Volk? Detailliere! Detailliere!
Däumling
Ja, seht, einige möchten den Brunnen gesperrt haben!
Sancho
Hat man nicht eben erst verlangt, daß er geöffnet werde?
Däumling
Jawohl! Wieder andere wünschen eben auch, daß er geöffnet sei!
Sancho
Alle Wetter! O, du kleiner, großer Schelm! Ich beuge mich vor dem Meister, der die Parteien ins Leben rief.
Däumling
Teile und herrsche!
Siebente Szene
Die Vorigen. König (und die) Königin
König
Was gibt es nun wieder?
Sancho
Eine Ministerkrise! Der Parteigeist ist los!
König
Sei den Parteien zu Willen!
Sancho
Es ist nicht möglich, beiden Parteien zugleich zu Willen zu sein!
König
Nein, das ist freilich nicht möglich! Ist es der Brunnen, der wieder spukt? — Wißt ihr was, Leutchen, ich geh’ jetzt meiner Wege!
Königin
Nein, du mußt bleiben!
König
Ich muß? Was redest du da?
Königin
Welche Sprache! Welcher Ton!
König
Du willst mir wohl meine niedrige Herkunft vorrücken, daß ich ein Schmied war. Da muß ich dich doch daran erinnern, was du gewesen! Was bist du! (Regt sich mehr und mehr auf.) Dirne, Metze! (Er schlägt mit der einen Hand auf die andere.)
Königin (sinkt um)
So also liebtest du mich!
St. Peter
Mir scheint, ich bin geradenwegs in die Hölle geraten! (Ab.)
(Es dunkelt.)
König (auf den Knien neben der Leiche)
Tot ist sie, o ihr Himmel, sie ist tot. Du holder Engel, der das Leben mir versüßte!
Sancho
Hier wird es mehr und mehr ungemütlich. Ich geh’ jetzt auch, so erspare ich, gegangen zu werden! (Ab.)
Don Quixote
Ich fange an zu glauben, daß, was nie gewesen, das Beste ist. — Dulzinea! — Dulzinea! (Ab.)
Däumling
Weißt du, Aschenbrödel, du bist ein prächtiges kleines Weibchen. Du fällst doch nicht gleich in Ohnmacht, wenn ich gegen dich grob bin, wie diese großen Prinzessinnen!
Aschenbrödel
Nein, da mach ich’s besser. Ich geb’s zurück!
Däumling
Und bei Geschenken und Gegengeschenken erhält sich die Liebe am längsten. Komm, gehen wir. Mir sind solche Szenen in der Seele zuwider! Hier wäre unstreitig ein gutes Land, aber es ist ein schlechtes Volk, das doch eine bessre Regierung verdiente! (Ab, Arm in Arm mit dem Aschenbrödel.)
Achte Szene
König (an der Leiche der) Königin. Arzt. Sankt Peter
König
Unsel’ges Leben, oh, und grimmer Tod!
Der Arzt
Hast wieder ’mal was Schönes angerichtet!
König
Ja, was hab’ ich denn eigentlich getan? Kann ich dafür, daß man ihr kein Wort sagen darf!
Der Arzt
Weißt du, Schmied, ich glaube, es ist am besten, daß sie dahin ist. Da schwärmst du immer am meisten für sie. Und Engel werden wir ja doch erst, wenn wir tot sind!
König
Leider, daß dem so ist! Aber nur einmal noch, wenn sie wiederkehrte! Wie wollte ich mich dann zusammennehmen!
Der Arzt
Einmal noch? — Nein! Nie wieder!
St. Peter
Hört, meine lieben Freunde! Aufrichtig gesagt, ich fange an, dieser Wanderung hier herzlich müde zu sein, und wenn ich so sehe, wie der Schmied immer nur Spektakel macht, so fürchte ich, daß wir gänzlich das hohe Ziel aus den Augen verlieren . . .
Der Arzt
Das Ziel? Ach ja, das war das Himmelreich! Wir kommen sicher noch dahin, nur müssen wir eben erst durchs Fegefeuer. Sag, Schmied, bist du der Erdenwanderung auch schon müde?
Der König
Ob ich es bin! War’s schier von allem Anfang! Und seit ich tiefer nun ins Aug’ geblickt Dem Menschen und dem Leben, widert’s mich! Das Große ist mir nicht genügend groß, Das Kleine wieder dünkt mich allzu klein, Und hat hier unten man bankrott gemacht, Dann eben sehnt das Herz sich nach dem Oben!
Der Arzt
Man sagt, der Teufel wird im Alter Mönch, Verlangt dich etwa nach dem Schoß der Kirche?
Der König
Du hast’s vielleicht erraten; in den heil’gen Stand Wünscht’ ich als Knabe schon dereinst zu treten.
Der Arzt
Wohlan, zwei Fliegen schlagen wir mit einem Schlag. Erhält doch Petrus so des Himmels Schlüssel, Die dort in Rom verwahrt der heil’ge Vater, Auf daß er bind’ und löse, ihm von jenen Zum Erbe einst gegeben, die die Kirche Erbauer auf dem Fels — so heißt es doch? Auf denn zum letzten Male, über’n letzten Steg, Es gehet über Rom zum Himmel unser Weg!
(Die Szene beginnt sich zu verändern; der Vorhang fällt.)