Fünfter Akt
Erich Holm translation
(Eine Kapelle der Peterskirche in Rom, von den Seiten her Musik und Gesang. Rechts das Erzstandbild Petri.)
Erste Szene
Der Schmied (und) Sankt Peter (treten auf, sie entblößen ihre Häupter)
Der Schmied
Ist’s hier aber gewaltig fein! Und dieses hohe Deckengewölbe!
St. Peter
Ja, wahrhaftig, es macht mich ganz befangen!
Der Schmied
Was sollen wir nur sagen, wenn der Papst kommt? Es wird am besten sein, wenn du zuerst sprichst!
St. Peter
Still, mir scheint, er kommt! Nein, das war er nicht!
Der Schmied (deutet auf das Standbild)
Himmel, wen mag das vorstellen! Lesen wir, was darunter steht. P,e,t,r,u,s; Petrus, das bist du ja!
St. Peter
Nein, wirklich! Haben sie mich da gar in Bronze abgenommen! Haha! Es sieht mir aber gar nicht ähnlich, scheint mir.
Der Schmied
Oh ja! — Vielleicht, daß das Haar hier etwas voller ist, weißt du?
Zweite Szene
Die Vorigen. Der Papst
Der Schmied
Sieh, da ist er nun! Fall auf die Knie!
(Der Schmied und St. Peter fallen auf die Knie)
Der Papst (bleibt stehen)
Wer seid ihr?
Der Schmied (zu St. Peter)
Antworte du! Ich fürchte mich so sehr!
St. Peter
Ein geringer Diener des Herrn.
Der Papst
Wie heißt du, alter Mann?
St. Peter
Petrus!
Der Papst
Wie noch?
St. Peter
Simon!
Der Papst
Steh’ auf!
St. Peter (erhebt sich)
Der Papst
Simon Petrus! Wie seltsam! — Und dein Vater hieß . . .?
St. Peter
Jona, Fischer in Kapernaum!
Der Papst
Warst du Petrus? (Er bekreuzt sich.) Du bist schon einmal in dieser Stadt gewesen!
St. Peter
Niemals! Achthundert Jahre stand ich vor dem Kölner Dom, in Rom aber war ich noch nie!
Der Papst
Dein Gedächtnis läßt dich im Stich. Hier auf diesem Platze littest du den Märtyrertod, weshalb zur Sühne und ewigen Erinnerung diese Kirche erbaut wurde . . .
St. Peter
Den Märtyrertod litt ich nicht . . .
Der Papst
So sagen die Kirchenväter!
St. Peter
Ich bin älter als die Kirchenväter und weiß darüber besser Bescheid als sie!
Der Papst
Und die Dekretalen . . .
St. Peter
Ich kenne keine Dekretalen . . .
Der Papst
Aber deine eigenen, in höchst vortrefflichem Stile geschriebenen Briefe!
St. Peter
Ich habe keinerlei Briefe geschrieben.
Der Papst
Auf Griechisch im Novum Testamentum?
St. Peter
Als Hebräer verstand ich nicht Griechisch. War ich doch ein armer, ungelehrter Mann, der sich mit Fischerei ernähren mußte!
Der Papst
Bist du Petrus, oder bist du es nicht?
St. Peter
Ich bin Petrus, derselbe, den du meinst, Papst!
Der Papst
Der Fels, auf dem die Kirche ruht, als dessen Nachfolger ich bestellt bin?
St. Peter
Ich war kein Fels, nur ein schwankes Rohr. Hab’ ich doch in jener denkwürdigen Nacht im Schreck meinen Herrn und Meister verleugnet! Zur Strafe wandre ich denn auch auf Erden, ohne Ruhe zu finden.
Der Papst
Und dies der Grund, auf dem sich die Kirche aufbaut!
St. Peter
Deshalb wackelt sie auch so, kracht in allen Fugen!
Der Papst
Daß du ein Ketzer bist, höre ich, und würde auch den großen Bann über dich aussprechen, wenn ich dich nicht im Verdacht hätte, irgendein entsprungener Tollhäusler zu sein! — Wer ist dieser dein Gefährte da?
St. Peter
’s ist nur der Schmied!
Der Papst
Welcher Schmied? Was ist sein Begehr?
Der Schmied
Ja, es klingt wohl wie eine Sage, aber eigentlich ist St. Peter hierher gekommen, sich nach den Schlüsseln zum Himmelreich umzusehen —
Der Papst (ruft hinaus)
Sbirre!
Sbirre (tritt auf)
Der Papst
Treib das Gesindel aus der Kirche! (Ab.)
Dritte Szene
Der Schmied. St. Peter. Sbirre
Sbirre
Hinaus!
Der Schmied
Dich nennen sie Gesindel, Petrus!
Sbirre
Hinaus!
Der Schmied
Schön! Schön! Ihr wißt nicht, Sbirre, wen Ihr hier die Ehre habt hinauszujagen!
Sbirre
Hinaus! Gesindel!
St. Peter
Was sagst du, was sie alles über mich zusammengelogen haben! Da gehen sie hin und lesen Briefe von mir, die ich nie geschrieben. Aber seien wir demütig, Schmied!
Der Schmied
O, du brauchst nicht demütig zu sein, du, dessen Standbild in der Kirche steht —
St. Peter
Ja, doch! Ich schäme mich! Ich schäme mich!
Der Schmied
Das magst du wohl, und glaube nur ja nicht, daß ich im Schoße einer Kirche bleibe, in der es von Sbirren spukt.
St. Peter
Ich glaub’, ich habe mich mein Lebelang dem Himmel nicht so fern gefühlt als eben jetzt.
Sbirre
Hinaus!
St. Peter
So geht es einem, wenn man blöde ist und die Wahrheit reden will. (Zum Sbirren.) Hinaus? — Jawohl, Schmied, wieder hinaus, zu irren und zu wallen, sonder Rast noch Ruh! Weißt du, woran es uns gebricht, warum wir nicht ans Ziel gelangen?
Der Schmied
Nein.
St. Peter
Am Glauben. Denn nun kommt mir’s auf einmal in den Sinn: Der Weg zum Himmel ist der Weg des Kreuzes! Laßt uns das Kreuz aufsuchen!
Der Schmied
Du meinst das Leiden?
St. Peter
Ich meine das Leiden!
Der Schmied
Wohl. Nur dünkt mich, der leide am schwersten, der an nichts glaubt, und doch steht er dem Kreuze am fernsten.
St. Peter
Krieche zu Kreuz, Schmied, und wir werden uns überzeugen! (Gehen ab.)
Verwandlung
(Ein Kreuzweg und ein Kalvarium, steinerner Sockel, darüber Christus zwischen den zwei Schächern am Kreuze, letzteres mit der Rückseite gegen das Publikum.)
Vierte Szene
Don Quixote (sitzt am Fuße des Kreuzes). Der ewige Jude (der Arzt verkleidet, tritt auf, den Kramkasten am Riemen um den Hals.)
Jude
Kauft vom ewigen Juden, gestrenger Herr Ritter!
Don Quixote
Was hast du denn noch zu verkaufen, nachdem du deinen Herrn und Meister verkauft hast?
Jude
Manschettenknöpfe und Krawattennadeln, Spiegel und Kämme, Bleistifte und Notizbücher!
Don Quixote
Gib mir einen Spiegel!
Jude
Ist’s gefällig?
Don Quixote
Was kostet er?
Jude
Eine Mark!
Don Quixote
Kannst du auf dreißig Silberlinge herausgeben?
Jude
Jawohl!
Don Quixote
Du verstehst keine Satire, Jud’?
Jude
O, ich schon! — Aber der Herr Ritter?
(Er spuckt auf das Geld und steckt es ein.)
Don Quixote
Du spuckst aufs Geld?
Jude
Ja, ich mach’ es, wie der Herr Ritter mit dem Juden. Ihr spuckt ihn an und nützt ihn dennoch aus.
Don Quixote
Für dein schlechtes Gewissen hast du einen merkwürdig guten Humor!
Jude
Wieso?
Don Quixote
Nun, gingst du nicht auch hin und kreuzigtest . . .?
Jude
O nein, das taten der Römer Pilatus und seine Kriegsknechte, und mußte Pilatus sich auch seine Hände waschen, weil sie nicht rein waren, brauch’ doch ich die meinen nicht zu waschen, die rein sind! (Setzt sich.)
Don Quixote
Steh auf! Und geh! Geh, geh, solange die Welt steht, du, der du dem Herrn auf seinem letzten Gange die Rast verweigert hast!
Jude
Sagen, Ritter! Nichts als Sagen! Übrigens, wenn ich tue wie der bußfertige Schächer und um Verzeihung bitte, wird mir dann das Paradies nicht offen stehen?
Don Quixote
Hast du denn um Verzeihung gebeten?
Jude
Ich habe noch mehr getan: ich habe meine Strafe abgebüßt, und nun bin ich müde.
Don Quixote
Setz’ dich her, armer Jude, und möge der Schatten des Kreuzes dir Kühlung spenden!
Jude
Wißt Ihr, Ritter, weshalb Judas die dreißig Silberlinge wegwarf und hinging und sich erhängte?
Don Quixote
Nein!
Jude
Das Geld war falsch!
Don Quixote
Deine Gedanken drehen sich fort und fort um Geld und weltliche Dinge, und du bist noch weit vom Kreuz.
Jude
Ich will mit Euch nicht streiten, Herr Ritter, und finde es vernünftiger, Eure Meinung zu teilen; so sind wir mindestens in der Hauptsache eins.
Fünfte Szene
Die Vorigen. St. Peter. Der Schmied
St. Peter
Hier, seh’ ich, sammelten sich müde Pilger: Der Ritter nahm den ersten Platz.
Don Quixote
Am Scheidewege treffen wir uns alle, Allein wir treffen uns nur, um zu scheiden!
St. Peter
Du scheinst nun allen Ernstes müde, Ritter!
Don Quixote
Nicht müde bin ich bloß, zusammen brech’ ich! Mein Leben, war es auch nur eine Sage, Neu leben wird es jegliches Geschlecht, So lang’ die Erde kreist, der Himmel steht, Die Menschen hinter Truggebilden jagen, Solange man nichts lernt und nichts vergißt, Wird Don Quixote weiter leben In Jünglings Torheit, Mannes Klugheit! Fahr’ wohl, du Welt, voll grimmen holden Trug’s!
(sinkt nieder.)
St. Peter
Der edle Ritter, er ist tot!
Jude
Und lebt doch! Er hielt sich selbst die beste Leichenrede, Wie keiner sie ihm besser halten konnte. — Doch sieh’, mich dünkt, daß auch St. Peter Sein müdes Haupt zur Ruhe neigt.
St. Peter (hat sich niedergesetzt und scheint schläfrig)
Der Plag’ und Mühen bin ich nunmehr satt, Und ohne Klage geh’ ich aus der Welt, Denn nicht auf Erden findest du den Himmel, Nur dessen Pforte — die da heißt der Tod!
(Stirbt.)
Sechste Szene
Der Jude ([der Arzt] läßt die Verkleidung fallen). Der Schmied
Der Schmied
(will sich setzen, wird jedoch vom Arzte zurückgehalten)
Der Arzt
Nein, nein! Du darfst dich noch nicht setzen, Zur Hälfte kaum verstrichen ist dein Leben.
Der Schmied
So warst das du? — Dann laß uns scheiden, Denn ich will ruhn hier in des Baumes Schatten, Und deine Wege, nie verstand ich sie.
Der Arzt
Es ist gut ruhen nicht im Schatten solcher Bäume, Auch leg’ auf andrer Schultern nicht dein Kreuz, Das ist bequem, doch führt es nicht ans Ziel, Steh’ auf und trage selbst es bis ans Ende.
Der Schmied
Das tat ich auch, und hier ist nun das Ende.
Der Arzt
Nein, hier!
Verwandlung
(Das Innere der Ruinen des Turms zu Babel. Galerien und Gänge. Im Hintergrunde eine große Nische. Rechts eine Leiter, die auf halber Wand aufhört, mitten im Raume ein Tisch, über den eine zierliche Decke gebreitet ist. Unter derselben ein Korb.)
Der Schmied
Wo bin ich hier? — Ist das die Unterwelt?
Der Arzt
Das nicht. — Doch in dem Turm zu Babel bist du. Der Sage doch gedenkst du aus der Jugend, Wie einst die Menschen sträflich sich vermaßen Und in den Himmel klettern wollten, In Turmesform sich eine Treppe bauend? Die Götter — nein, hm, Gott vertrug das nicht, Und er zertrümmerte den stolzen Bau.
Der Schmied
Weshalb ihn heut nicht wieder auferbaun, In diesen Tagen, da wir nachgeahmt Den Blitz, hinan zum Himmel segeln, Herniedersteigen auf des Meeres Grund Und durch den Draht mit fremden Ländern sprechen.
Der Arzt
Du Himmelsstürmer, lebst du immer noch? Sieh hier im Bilde deine ältsten Ahnen!
Phantasmagorien
(auf weißem Grunde in der Tiefe de Nische)
Der Arzt
1. Ikarus
Hier sieh, wie Ikarus sich Flügel bildet, Um zu der Sonne sich emporzuschwingen, Sie aber schmolz das Wachs im Mechanismus, Und den Entflügelten verschlang das Meer.
2. Prometheus
Hier ist Prometheus, wohl der Kuckuck In deiner Himmelsstürmer Schar, Im übrigen verwandt dem Riesen, Du denkst doch sein? Willst lieber ihn vergessen! —
3. Jakob ringt mit Jehova
Hier sieh den Patriarchen Jakob, Der kämpfen wollte wider seinen Gott Mit dem Erfolge, den die Bibel lehrt. — Wünschst du noch mehr zu sehn, so sprich!
Der Schmied
Ich sah genug, hab’s auch verstanden!
Der Arzt
Bist also du des Himmelsfluges satt! Wohlan, zurück denn auf die Erde!
Der Schmied
Ein Wort noch! Diese Leiter hier?
Der Arzt
O, das ist die berühmte Jakobsleiter.
Der Schmied
Auf der die Engel steigen auf —
Der Arzt
Und nieder! Bei Gott, es läßt dich noch nicht ruhn, Dem Himmelswahne nachzujagen!
Der Schmied
Der steckt in einem, wie die Sünde selbst!
Der Arzt
Kein Wunder das! Demselben Baum Entsproß er wie die Sünde. Wohlan, klimm auf, versuch’ die Leiter, Und trägt sie dich nicht himmelan, Steht sie doch fest auf Erden. Nun scheiden wir, doch eh’ du gehst, Nimm hier die kleinen Angedenken Von ihm, der dich geführt ins Sagenland. Am Herbstesabend, da mit deinem Gram Der Regen draußen um die Wette weinte, Zog ich aus meinem großen Korb Des Spielzeugladens beste Waren, Gebrauchend sie nach Zauberart.
(Während des folgenden nimmt er Spielsachen und Märchenbücher aus dem Korbe und legt sie auf den Tisch.)
Hier sieh’ den Riesen, greulich anzuschaun, Der Felsen schleudert und die Kleinen schluckt. Da haben wir den winz’gen Däumling, Der Riesen fräße, käm’ er ihnen bei, Und seine treue Gattin Cendrillon. Sieh hier die Sagen mit den hübschen Bildern, Den Ritter Blaubart mit den Frauen, St. Peter, der auf Erden wandelt, Ob er auch lang schon, lange tot, Den Schuster aus Jerusalem, Schlaraffenland — — — Laß dir’s genügen und trag’s heim den Kindern.
Der Schmied
Was soll der Hohn, der grausamer denn all die Bilder?
Der Arzt
Nie sprach ich je ein wahrer Wort! — Steig auf die Jakobsleiter dort, Und du wirst sehn — mag’s gar nicht mit anschaun, Dort wirst zu allererst du sehn Die Schmiede und dein Kämmerlein; Drin an der Wand drei kleine Bettchen.
Der Schmied
Die Räume will ich niemals wiederschaun!
Der Arzt
Und in der Kammer findest du Bekannte! Doch glaub’ nur nicht, der Himmel falle nieder, Und daß auf Leitern seine Engel wallen.
(Die Kinder des Schmiedes erscheinen in der Nische.)
Der Schmied
O, meine Kinder!
Der Arzt
Nun geh’ ich fort, Denn meine Zauberkunst vermag hier nichts. Bau nun ein neues Himmelreich dir selbst, Glaub’ denen nicht, die mit den Schlüsseln klappern, Vertrau’ der Wirklichkeit und nicht dem Schein, Bau keinen Babelsturm; er stürzt dir ein.
(Der Vorhang fällt.)
(Schluß)