← Table of contents
Die Pest zu London

Text (continued 3)

Heinrich Steinitzer translation

Einen Erfolg hatte tatsächlich die Absperrung der Häuser, den ich durchaus nicht verkleinern will. Den Erkrankten wurde es dadurch unmöglich gemacht, in den Straßen herumzulaufen, wie es am Anfang so oft geschah, ehe man sie einschloß. Damals kam es sogar vor, daß sie an die Haustüren kamen, erklärten, sie hätten die Pest und um alte Lumpen baten, um ihre Geschwüre zu verbinden.

Die Frau eines wohlhabenden Bürgers wurde, wenn die Geschichte wahr ist, von einem solchen Geschöpf in der Aldersgate-Straße oder da herum umgebracht. Der Mann, ganz von Sinnen, wanderte singend durch die Straßen. Die Leute meinten, er wäre nur betrunken, aber er selbst sagte, er hätte die Pest, was auch wohl wahr war. Als er der Frau begegnete, wollte er sie küssen. Entsetzt darüber, denn er war ein roher Patron, rannte sie davon, da aber nur wenig Leute auf der Straße waren, konnte ihr niemand zu Hilfe kommen. Als sie sah, daß sie ihm nicht entfliehen könne, wandte sie sich um und gab ihm mit aller Kraft einen solchen Stoß, daß er, schwach wie er war, auf die Erde fiel. Aber unglücklicherweise hielt er sich an ihr und zog sie auch zu Boden, worauf er sie packte und küßte. Das Scheußlichste war, daß er ihr dann sagte, er habe die Pest, und warum solle sie sie nicht ebensogut kriegen? Sie war schon zuvor außer sich, besonders da sie seit einigen Monaten schwanger war, als sie ihn nun aber sagen hörte, daß er die Pest habe, schrie sie auf und fiel in Ohnmacht oder vielmehr bekam einen Anfall, von dem sie sich zwar wieder erholte, aber doch wenige Tage darauf starb, ob an der Pest oder nicht, habe ich nicht erfahren können.

Ein anderer erkrankter Mann erschien an der Tür eines Bürgers und klopfte. Da er dort gut bekannt war, ließ ihn das Dienstmädchen ein, und als man ihm sagte, der Hausherr wäre oben, lief er hinauf und trat in das Zimmer, wo eben die ganze Familie beim Abendessen war. Sie erhoben sich ein wenig erstaunt, da sie nicht wußten, um was es sich handelte. Der Mann aber bat sie, ruhig sitzenzubleiben, er käme nur, um Abschied zu nehmen. »Wieso?« fragte man ihn, »wohin geht Ihr denn?« – »Wohin –« antwortete er, »ich habe die Pest und werde bis morgen abend tot sein.« Es dürfte schwer sein, sich die Bestürzung der ganzen Familie auszumalen. Die Frauen und die Töchter, die noch kleine Mädchen waren, hatten vor Schrecken beinahe den Tod. Sie standen auf und rannten hinaus, die eine zu der Tür, die andere zur andern, die Treppe hinauf und hinab, und als sie endlich alle beisammen waren, schlossen sie sich im Zimmer ein und schrien aus dem Fenster wie die Wahnsinnigen um Hilfe. Der Hausherr, der trotz alles Schreckens und aller Empörung ruhiger geblieben war, wollte den Eindringling zuerst packen und die Treppe hinunterwerfen. Dann aber überlegte er den Zustand des Mannes und die Gefahr ihn zu berühren, und vor Entsetzen erstarrte er, ohne eine Bewegung machen zu können. Der arme Kranke, dem die Ansteckung wohl schon bis ins Gehirn gedrungen war, stand mittlerweile ganz still. Endlich wandte er sich um. »So, so,« sagte er mit der größten Ruhe, »ist es so mit euch allen! Hab’ ich euch wirklich gestört? Dann will ich nach Hause gehen und dort sterben.« Mit diesen Worten ging er zur Tür und die Treppe hinunter. Das Dienstmädchen, das ihn hereingelassen hatte, folgte ihm mit einem Licht, hatte aber Angst, an ihm vorbeizugehen und die Türe zu öffnen, so blieb sie auf der Treppe stehen, um zu sehen, was er tun würde. Der Mann machte die Tür auf, ging hinaus und warf sie hinter sich zu. Es dauerte einige Zeit, bis die Familie über den Schrecken wegkam, da aber schlimme Folgen ausblieben, haben sie seitdem die Geschichte oft mit großer Genugtuung erzählt. Der Mann war jedoch schon einige Tage fort, ehe sie sich wieder im Hause richtig zu bewegen trauten, und auch dann erst, als sie einen Haufen Räucherwerk in allen Zimmern verbrannt und einen dicken Rauch mit Pech, Schwefel und Schießpulver gemacht hatten. Auch trugen sie Sorge, die Kleider zu wechseln und zu waschen. Was aber den armen Mann anbelangt, so kann ich mich nicht erinnern, ob er auch wirklich gestorben ist.

Hätte man die Häuser nicht abgesperrt und die Kranken eingeschlossen, so wären sicher Haufen von ihnen in ihren Fieberdelirien beständig auf den Straßen hin und her gelaufen. Es taten’s ja so eine ganze Menge, die gegen die ihnen Begegnenden alle möglichen Gewalttätigkeiten verübten, wie ja auch die tollen Hunde jeden beißen, der ihnen in den Weg kommt. Ich bin auch überzeugt, daß jeder, der von solch einem verseuchten Geschöpfe gebissen worden wäre, sicher eine unheilbare Ansteckung davongetragen haben würde.

Ich hörte von einem Kranken, der von der Qual der Geschwülste, von denen er drei hatte, aus dem Bett getrieben wurde, die Schuhe anzog und nach seinem Rock griff, aber von der Pflegerin daran gehindert wurde. Sie riß ihm den Rock weg, er aber warf sie zu Boden, rannte die Treppe hinunter und im Hemd gerade auf die Straße, die zum Flusse führt. Die Pflegerin hinter ihm her, rief dem Wächter zu, ihn aufzuhalten, aber der hatte Angst ihn anzurühren und ließ ihn weiterlaufen. Er rannte bis zu den Stillyard-Stufen, zog sein Hemd aus und sprang ins Wasser. Und da er ein guter Schwimmer war, schwamm er bis ans andere Ufer, als gerade die Flut einsetzte und ihn bis zu den Stufen bei Falcon hinabtrug, wo er aus dem Wasser stieg. Wie er nun jetzt, zur Nachtzeit, niemand sah, rannte er splitternackt eine Zeitlang in den Straßen umher, sprang dann wieder ins Wasser und kam mit der Flut an denselben Platz zurück, von wo er weggeschwommen war. Dann lief er nach Hause, klopfte an die Tür, stieg die Treppe hinauf und legte sich wieder ins Bett. Durch dieses merkwürdige Mittel genas er von der Pest, d. h. die heftige Bewegung von Armen und Beinen brachte die Geschwülste in den Schulterhöhlen und der Leistengegend zum Reifen und Aufbrechen, und das kalte Wasser schlug das Fieber nieder.

Aber ungeachtet all solcher Vorfälle war man doch gegen die Absperrung der Häuser recht aufgebracht.

Es ging einem durch Mark und Bein, das Geschrei der Kranken zu hören, die von der Hitze im Blut oder der Heftigkeit ihrer Schmerzen von Sinnen gebracht, eingeschlossen oder an die Stühle oder die Betten gebunden waren, um zu verhüten, daß sie sich selbst beschädigten. Sie beklagten sich immer wieder aufs jämmerlichste, daß man sie einsperrte und nicht im Freien sterben ließ, wie sie es haben wollten.

Das Umhergelaufe der Erkrankten auf den Straßen war wirklich grausig, und die Behörden taten alles, um es zu verhindern, da es aber gewöhnlich bei Nacht geschah und sich um plötzliche Ausbrüche handelte, war meistens niemand da, der es hätte verhindern können. Und selbst bei Tage hatten die damit Beauftragten keine große Lust, sich einzumischen. Denn nur auf der Höhe der Ansteckung traten diese Anfälle ein, und demgemäß waren auch die Kranken besonders gefährlich, und es war das größte Wagnis der Welt, sie zu berühren. Ließ man sie aber in Ruhe, so rannten sie meistens so lange weiter, bis sie plötzlich tot umfielen oder völlig erschöpft zu Boden stürzten und dann nach einer halben Stunde oder einer Stunde starben. Das Kläglichste aber war, daß sie in dieser halben Stunde oder Stunde wieder zu sich kamen und dann die herzbrechendsten Klagen und Schreie ausstießen über ihre bejammerungswürdige Lage. Ehe die Absperrung der Häuser streng durchgeführt wurde, waren solche Anblicke nichts Seltenes, denn anfangs nahmen es die Wächter mit ihrer Pflicht nicht so ernst und genau wie später. Erst, als einige aufs strengste für ihre Nachlässigkeit und Pflichtvergessenheit bestraft wurden, weil sie die Leute unter ihrer Aufsicht ob krank oder ob gesund hatten entschlüpfen oder mit ihrem Einverständnis sich flüchten lassen, wurde es anders. Sie merkten nun, daß die Oberen, die ihre Führung zu prüfen und untersuchen hatten, entschlossen waren, sie zur Ausübung ihrer Pflicht zu zwingen oder zur Rechenschaft zu ziehen. Von da an wurden die Leute strenge bewacht, was sie aber aufs übelste aufnahmen und mit solchem Unwillen ertrugen, daß es kaum zu beschreiben ist. Aber die Notwendigkeit dazu war nun einmal da, das kann nicht geleugnet werden, außer man hätte zur rechten Zeit andere Maßregeln ergriffen, für die es nun zu spät war.

Hätte man die Erkrankten nicht abgeschlossen, so würde damals London der schrecklichste Ort auf der ganzen Welt gewesen sein. Ich glaube, daß dann ebensoviel Leute auf der Straße gestorben wären als in ihren Wohnungen. Denn während die Krankheit auf ihrem Höhepunkte war, wurden sie rasend und wie wahnsinnig, und man konnte sie nicht dazu bringen, im Bett zu bleiben, außer durch Gewalt. Viele, die nicht angebunden waren, sprangen zum Fenster hinaus, als sie sahen, daß man sie zur Tür nicht hinauslassen würde.

Es kam von dem Aufhören allen Verkehres während dieser Unglückszeit, daß man nur wenig von Einzelheiten erfuhr, die in verschiedenen Familien vorkamen. Ich glaube, bis auf diesen Tag weiß man nicht, wie viele Leute während ihrer Delirien sich in der Themse ertränkten und in dem Flusse, der bei Hackney vorbeifließt und als Warefluß oder Hackneyfluß bekannt ist. Was in den Sterberegistern davon angeführt wurde, war nur unbedeutend; denn wie hätte man auch wissen können, wer durch irgendein Unglück ertrunken war und wer nicht. Ich habe mir ausgerechnet, daß in diesem Jahre mehr Leute ertranken als überhaupt in den Sterbelisten aufgeführt sind, denn manche Leichen wurden niemals aufgefunden von Leuten, die man vermißte. Und so war es auch mit den andern Arten von Selbstmord. Ein Mann in der Nähe der Whitecroß-Straße verbrannte sich in seinem Bett. Einige sagen, er habe es selbst getan, andere, daß es durch die Verworfenheit seiner Pflegerin geschah, nur darin stimmen alle überein, daß er die Pest hatte.

Ich wurde wieder von meinem gefährlichen Amte entbunden, sobald ich mir für einiges Geld einen Stellvertreter verschafft hatte. So war ich statt der üblichen zwei Monate nicht länger als drei Wochen im Amte, lang genug, wenn man bedenkt, daß es im August war, als die Seuche mit voller Heftigkeit in unserm Stadtteil ausbrach.

Während ich meinen Amtsgeschäften nachging, konnte ich mich nicht zurückhalten, meinen Freunden offen meine Meinung zu sagen in Hinsicht auf die Absperrung der Häuser. Unser Haupteinwand war, daß sie letzten Endes erfolglos war. Denn die Kranken liefen doch auf der Straße umher. Es war unser aller Ansicht, daß eine Maßregel, die in einem verseuchten Hause die Kranken von den Gesunden getrennt hätte, in mehreren Hinsichten viel vernünftiger gewesen wäre. Man hätte dann bei den Kranken nur solche Personen gelassen, die ausdrücklich darum baten und sich bereit erklärten, mit den Kranken abgesperrt zu werden.

Unser Vorschlag ging dahin, die Gesunden von den Kranken abzusondern, natürlich nur in verseuchten Häusern. Denn die Kranken abzusperren, konnte man keine Absperrung heißen. Jene, die sich nicht rühren konnten, hätten sich sicher nicht darüber beklagt, so lange sie noch bei Sinnen waren und ein Urteil hatten. Freilich, wenn das Fieber über sie kam, schrien sie laut über die Unmenschlichkeit, sie einzusperren. Was nun die Entfernung der Gesunden betrifft, so hielten wir’s für ebenso vernünftig als gerecht, sie um ihrer eigenen Sicherheit willen von den Kranken zu trennen. Zum Schutz der andern Leute konnte man sie ja für eine Zeitlang absondern, damit sie nicht Gesunde ansteckten, aber dazu schienen uns 20 oder 30 Tage genügend.

Hätte man nun Gebäulichkeiten für die Gesunden hergerichtet, um dort diese halbe Quarantäne abzusitzen, so hätten sie sich kaum darüber beklagen können, wie es geschah, wenn man sie mit den Angesteckten zusammensperrte.

Es muß aber bemerkt werden, daß man mit dem Absperren der Häuser aufhörte, als der Begräbnisse so viele geworden waren, daß man nicht mehr die Sterbeglocke ziehen, trauern, weinen oder schwarze Kleidung tragen konnte, wie es früher geschehen war. Nicht einmal Särge gab es damals mehr für die Toten. Die Wut der Seuche erschien zu fürchterlich, und alle Maßregeln, die man versucht hatte, waren fruchtlos gewesen. Die Pest verbreitete sich mit unwiderstehlicher Gewalt, wie im folgenden Jahre das Feuer, das zu löschen die Bürger auch in ihrer Verzweiflung aufgaben. So wurde auch endlich die Heftigkeit der Pest so furchtbar, daß die Leute nur noch still einander ansahen und sich der Verzweiflung überließen. Ganze Straßen schienen verlassen und nicht nur abgesperrt, sondern aller Bewohner entblößt. Türen standen auf, die Fenster schlugen im Winde gegen die leeren Häuser, da niemand da war, sie zu schließen. Mit einem Worte: das Volk fing an, in Angst und Entsetzen zu versinken und zu glauben, daß doch alle Maßregeln und Gegenmittel umsonst wären. Man wartete auf nichts mehr als auf ein allgemeines Verderben, und gerade dann, als die Verzweiflung auf den Höhepunkt gestiegen war, gefiel es Gott, seine Hand zu erheben und der Wut der Seuche Einhalt zu gebieten, in einer Weise, die ebenso wunderbar war, wie der Beginn, und klärlich anzeigte, daß seine Hand im Spiele war und der Gegenmaßregeln nicht bedurfte.

Aber noch muß ich weiter von der Pest erzählen, als sie am ärgsten wütete und das Volk geradezu zur Verzweiflung brachte. Es ist kaum zu glauben, was die Menschen alles in diesem Zustande vollführten. Kann man sich z. B. etwas Grausigeres vorstellen, als einen halbnackten Mann, der aus seinem Hause oder vielleicht gerade aus dem Bett kam und nun tanzend und singend unter tausend fratzenhaften Gebärden auf der Straße umherlief, während fünf oder sechs Frauen und Kinder ihm nachrannten, weinend und schreiend, er möchte doch um Gottes willen heimkommen, und die Hilfe aller Begegnenden anrufend, aber umsonst, da sich doch niemand traute, ihn zu berühren oder in seine Nähe zu kommen. Es brach mir fast das Herz, während ich von meinem Fenster aus zusah. Denn zu allem kam noch, daß der Kranke offenbar die äußerste Qual ausstand. Er hatte zwei Geschwülste an seinem Körper, die nicht zum Aufbrechen oder Eitern zu bringen waren, weswegen man Ätzmittel aufgelegt hatte, die wie glühendes Eisen in sein Fleisch brannten. Ich weiß nicht, was aus diesem Unglücklichen wurde, aber ich denke, er wird wohl weitergelaufen sein, bis er hinfiel und starb.

Kein Wunder, daß der Anblick auch der innern Stadt nur noch Entsetzen erregen konnte. Wo sonst ein lebhafter Verkehr war, herrschte jetzt Einsamkeit und Öde. Die Börse war zwar nicht geschlossen, aber niemand ging hin. Die Straßenfeuer waren zusammengesunken und infolge eines heftigen Regens fast erloschen, aber einige Ärzte erklärten, daß sie nicht nur keinen Nutzen hätten, sondern der allgemeinen Volksgesundheit eher schädlich wären. Sie machten darüber ein großes Geschrei und wandten sich sogar an den Lordmayor. Andere Ärzte, die ebenso berühmt waren, traten ihnen entgegen und brachten allerlei Gründe vor, warum die Feuer unterhalten werden müßten, und inwiefern sie notwendig wären, um die Heftigkeit der Seuche zu brechen. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Argumente, die von beiden Seiten ins Treffen geführt wurden, und weiß nur noch, daß sie sich gegenseitig aufs eifrigste befehdeten. Die einen sprachen sich für die Feuer aus, vorausgesetzt, daß es Holz- nicht Kohlenfeuer wären und durch besondere Holzgattungen, vornehmlich Kiefern und Zedern, des Harzes wegen, genährt würden; andere waren für Kohlen- und nicht für Holzfeuer, weil jene mehr Schwefel und Erdpech enthielten; die dritte Partei war überhaupt gegen jede Art von Feuer. Übrigens verfügte der Lordmayor, daß mit den Feuern aufgehört würde, und zwar hauptsächlich deshalb, weil man einsah, daß alle Gegenmittel erfolglos waren und mehr dazu dienten, die Seuche zu verschlimmern als ihr vorzubeugen. Diese Erfolglosigkeit der Anstrengungen der Behörden kam aber mehr von ihrer Unfähigkeit als von ihrer Abneigung, sich der Gefahr auszusetzen oder von einem Mangel an Verantwortungsfreudigkeit. Wenn man ihnen gerecht sein will, muß man anerkennen, daß sie weder Mühe noch Kräfte sparten, aber es half alles nichts, die Seuche wütete weiter und brachte die Bevölkerung in die äußerste Verzweiflung, so daß sie jede Hoffnung aufgab.

Hier muß ich jedoch bemerken, daß ich keine religiöse Verzweiflung meine oder eine Verzweiflung an den ewigen Verheißungen, wenn ich sage, die Bevölkerung habe sich der Verzweiflung überlassen. Ich meine: sie hatte jede Hoffnung verloren, der Seuche zu entgehen oder sie zu überleben, nachdem sie ihre unwiderstehliche Gewalt gesehen hatte. In der Tat entrann während der Höhe der Seuche fast niemand von den einmal Angesteckten dem Tode. Das war besonders im August und September, während im Juni und Juli und auch noch Anfang August viele erkrankten, aber nach einigen Tagen wieder gesund wurden. Jetzt aber dauerte die Krankheit meistens nur zwei oder drei Tage und nahm fast stets einen tödlichen Verlauf. Oft starben die Leute am gleichen Tage, da sie angesteckt wurden. Ob die Hundstage oder, wie die Astrologen das auszudrücken pflegten, der Einfluß des Hundssterns diese bösartige Wirkung hatte, oder ob die Ansteckung nun bei allen zugleich zum Ausbruch kam, weiß ich nicht, aber es war die Zeit, da in einer einzigen Nacht 3000 Personen gestorben sein sollen. Diejenigen, die angeblich besonders genaue Beobachtungen anzustellen in der Lage waren, behaupteten, daß sie alle binnen zwei Stunden starben, nämlich zwischen 1 Uhr und 3 Uhr des Morgens.

Für den plötzlichen Verlauf der Todesfälle in dieser Zeit gibt es unzählige Beispiele, und ich könnte mehrere davon in meiner nächsten Nachbarschaft anführen. Eine Familie, die gerade außerhalb der Schlagbäume und nicht weit von mir wohnte, war allem Anschein nach noch am Montag völlig wohl. Sie zählte alles in allem zehn Mitglieder. Am Abend legten sich ein Dienstmädchen und ein Lehrling und starben am nächsten Morgen. Tags darauf wurde der zweite Lehrling und zwei Kinder von der Seuche ergriffen, von denen eines noch am selben Abend, die beiden andern am Mittwoch starben. Bis Samstag mittag waren alle: Mann, Frau, vier Kinder und vier Dienstboten eine Beute des Todes. Das Haus war völlig leer bis auf ein ältliches Frauenzimmer, das für den Bruder des verstorbenen Hausherrn die Aufsicht über die zurückgelassenen Sachen übernahm. Sie wohnte in der Nähe und war nicht erkrankt.

Viele Häuser, deren Bewohner ausgestorben waren, waren nun gänzlich verlassen, besonders in einer engen Gasse auf meiner Seite außerhalb der Schlagbäume, die beim Wirtshaus von Aaron und Moses abbiegt. In mehreren Häusern nebeneinander war nicht ein Mensch mehr am Leben, und die Letztverstorbenen lagen lange darin herum, ehe sie begraben wurden. Der Grund hierfür war aber nicht, wie man später behauptet hat, daß es nicht mehr genug Lebendige gab, um die Toten zu begraben, sondern, weil die Seuche in der Gasse niemand mehr übrig gelassen hatte, der die Leichenträger oder Küster hätte benachrichtigen können, daß noch Tote vorhanden waren. Man erzählte, ob mit Recht, ist mir nicht bekannt, daß einige jener Leichen so verfault und zersetzt waren, daß man sie kaum noch herausschaffen konnte. Besonders auch, weil die Gasse zu eng war, um mit dem Karren weiter als bis zum Tor in der High-Straße zu gelangen. Um wie viele Leichen es sich handelte, weiß ich nicht. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß für gewöhnlich derartiges nicht vorkam.

Ich muß wohl zugeben, daß jene Zeit so fürchterlich war, daß alle meine Entschlüsse zusammenbrachen und ich den anfangs gezeigten Mut nicht aufrechtzuerhalten vermochte. Wie die Verzweiflung andere Leute aus der Stadt trieb, so trieb sie mich nach Hause, und nach meinem kleinen Ausflug nach Blackwell und Greenwich, von dem ich schon erzählt habe, blieb ich fast beständig zwischen meinen vier Wänden, wie ich es schon früher 14 Tage lang gemacht hatte. Ich wiederhole, daß mich oft die Reue faßte, in der Stadt geblieben zu sein und nicht mit meinem Bruder und seiner Familie mich fortgemacht zu haben. Aber für die Reue war es nun zu spät. Nachdem ich schon lange Zeit mich im Hause gehalten hatte, ehe meine Ungeduld und Neugier mich zu dem besagten Ausflug veranlaßten, brachte mich die Folgezeit in ein gefährliches und nicht weniger als angenehmes Amt, das mich zum Ausgehen zwang. Als nun meine Amtsdauer abgelaufen war, die Seuche aber noch immer in voller Stärke andauerte, zog ich mich von neuem zurück und schloß mich für zehn oder zwölf Tage ein. Doch gab es noch manchen schauerlichen Anblick, den ich aus meinem Fenster mitansehen mußte, wie jenes unglücklichen, in seiner Todesangst tanzenden und singenden Menschen, und noch viele andere. Kaum ein Tag oder eine Nacht verging, ohne daß sich das eine oder andere Fürchterliche am Ende der Harrow-Gasse ereignete, wo nur arme Leute, hauptsächlich Fleischer wohnten, oder solche, die mit dem Schlachten irgendwie zu tun hatten.

Zuweilen spie diese Gasse Haufen von Menschen, meistens Weiber aus, die mit Schreien, Kreischen, Heulen und Durcheinanderbrüllen einen schrecklichen Lärm vollführten, so daß wir gar nicht wußten, was wir daraus machen sollten. Fast jede Nacht stand der Leichenkarren am Ende der Gasse, denn innen konnte er nicht mehr umwenden und blieb stecken. Dort stand er, um die Leichen in Empfang zu nehmen, und da der Kirchhof nicht weit entfernt war, kehrte er immer gleich wieder zurück, wenn er seine Last abgeladen hatte. Es ist ganz unmöglich, das Klagegeschrei und Gejammer zu beschreiben, das die armen Leute ausstießen, wenn sie die Leichen ihrer Kinder und Freunde an den Karren brachten. Es waren so viele, daß man denken mußte, kein einziger wäre mehr zurückgeblieben; genug, um eine kleine Stadt zu bevölkern. Manchmal schrien sie: »Mord!« manchmal: »Feuer!« es war aber leicht zu sehen, daß das nur in ihrer Verwirrung geschah, in die sie Krankheit und Verzweiflung gestürzt hatten.

Ich glaube, es war überall so zu dieser Zeit, denn die Pest wütete sechs oder sieben Wochen lang über alle Beschreibung schrecklich und erreichte endlich eine solche Höhe, daß alle die behördlichen Maßregeln, die noch beobachtet worden waren, außer acht gelassen wurden. Bisher hatte man weder Leichen auf den Straßen gesehen, noch hatte es Begräbnisse während der Tageszeit gegeben, aber nun brach die ganze, mühsam aufrecht erhaltene Ordnung für eine Zeitlang zusammen.

Etwas möchte ich hier nicht zu erwähnen versäumen, da es mir merkwürdig erscheint und zum wenigsten die Hand der göttlichen Gerechtigkeit deutlich zeigt, nämlich, daß alle die Wahrsager, Astrologen, Schwarzkünstler, Geisterbeschwörer, Hexenmeister, Traumdeuter und wie sie sonst alle heißen mögen, fort und verschwunden waren. Nicht ein einziger von ihnen war noch aufzufinden. Ich glaube wohl, daß eine große Zahl von ihnen der Wut der Seuche zum Opfer fiel, meistens wahrscheinlich solche, die die Aussicht auf großen Gewinn zum Bleiben verlockt hatte. Eine Zeitlang verdienten sie auch wirklich glänzend an der Torheit und Unzurechnungsfähigkeit der Leute. Jetzt aber waren sie stumm geworden, und manche hatten ein Schicksal gefunden, das vorherzusehen sie nicht imstande gewesen waren und auch in ihren eigenen Horoskopen nicht entdeckt hatten. Es hat nicht an Behauptungen gefehlt, daß alle insgesamt gestorben wären. Ich selbst kann das nicht bestätigen, aber so viel ist wahr, daß ich von keinem einzigen mehr hörte, nachdem die Pest erloschen war.

Inzwischen war, wie gesagt, der Monat September wohl der schrecklichste, den London je erlebt hat. Alle Ziffern, die ich aus früheren Pestjahren gesehen habe, wurden bei weitem überboten. Das wöchentliche Sterberegister brachte eine Todesrate von fast 40 000, vom 22. August bis zum 26. September, also für fünf Wochen. Für die einzelnen Wochen sind die Zahlen die folgenden:

Vom 22. zum 29. August7 496

zum 5. September8 252

zum 12. September7 690

zum 19. September8 297

zum 26. September6 460

Zusammen:38 195

Dies ist an und für sich eine unerhörte Anzahl, wenn ich aber noch all die Gründe anführte, die es mir gewiß machen, daß und um wieviel sie zu niedrig gegriffen ist, würde man zweifellos meine Ansicht teilen, daß während dieser ganzen Zeit jede Woche, eine wie die andere, mehr als 10 000 starben. Die Verwirrung unter dem Volke, besonders in der inneren Stadt, war damals unbeschreiblich. Ein solches Entsetzen hatte sich schließlich der Bevölkerung bemächtigt, daß selbst jene, die beauftragt waren, die Leichen wegzuschaffen, den Mut verloren. Viele von ihnen starben, obwohl sie die Seuche schon einmal durchgemacht hatten und davongekommen waren. Andere stürzten tot zu Boden, nachdem sie die Leichen schon bis an den Rand der Grube gebracht hatten und eben im Begriffe waren, sie hineinzuwerfen. In der inneren Stadt war die Verwirrung deshalb am größten, weil die Leute sich dort eingebildet hatten, die Seuche würde sie verschonen und die Bitterkeit des Todes ihnen erspart bleiben. Ein Leichenkarren, der Shoreditch hinauffuhr, wurde von den Fuhrleuten im Stiche gelassen. Oder vielmehr: es blieb nur ein Mann bei dem Karren, der auf der Straße starb. Die Pferde aber gingen weiter, warfen den Karren um, so daß die Leichen durcheinander herauskollerten. Einen andern Leichenkarren fand man in dem großen Massengrab in den Finsburyfields. Der Treiber war wohl gestorben oder fortgegangen, und als die Pferde zu nahe an die Grube kamen, fiel der Karren hinein und zog die Pferde mit nach. Es wurde behauptet, daß der Treiber auch mit hineinfiel und vom Karren erdrückt wurde, weil seine Peitsche mitten aus den Leichen herausstand, aber Gewißheit war darüber nicht zu erlangen.

In unserm Kirchspiel von Aldgate fand man oftmals die Leichenkarren voll ihrer schauerlichen Last vor dem Tor des Kirchhofs, aber weder Treiber noch sonst jemand dabei. Fast nie wußte irgendwer, welche Leichen auf dem Karren lagen, denn zuweilen wurden sie mit Seilen aus den Fenstern oder von den Balkonen herabgelassen, oder Träger oder andere Leute brachten sie zu dem Karren. Übrigens sagten die Leichenträger selbst, daß sie sich um die Anzahl nicht kümmerten.

Die Umsicht der Behörden war nun bis zum äußersten angespannt, was niemals genügend anerkannt werden kann. Wie überbürdet sie auch sonst sein mochten, zwei Dinge wurden doch niemals weder in der eigentlichen Stadt noch in den Vorstädten vernachlässigt.

1. Lebensmittel waren immer reichlich vorhanden, und das zu einem Preise, der kaum nennenswert den üblichen übertraf.

2. Nirgends gab es unbeerdigte und unbedeckte Leichen, man mochte von einem Ende der Stadt zum andern wandern, und während des Tages war auch nichts von Begräbnissen zu sehen, vielleicht die ersten drei Wochen des September ausgenommen, was ich schon erwähnt habe.

Dies letztere wird möglicherweise wenig Gläubige finden, nachdem in andern Berichten, die seitdem veröffentlicht wurden, zu lesen stand, daß die Leichen unbeerdigt herumlagen, was ich für gänzlich unrichtig halte. Wenn es wirklich der Fall war, so doch nur in Häusern, wo die Lebenden die Leichen verlassen hatten und Mittel gefunden hatten, zu entfliehen, ohne eine Anzeige zu erstatten. Alles in allem will das gar nichts bedeuten. Ich kann aus Erfahrung reden, nachdem ich selbst ein wenig mit diesem Teil des Ordnungswesens in unserm Kirchspiel zu tun hatte, wo, im Vergleich zur Dichte der Bevölkerung, die Verödung ebenso groß war wie irgendwo anders. Und ich bin ganz sicher, daß keine Leichen unbeerdigt blieben, wenigstens keine, von der die Aufsichtsbeamten erfuhren, und jedenfalls keine aus Mangel an Leuten, um sie wegzuschaffen oder Totengräbern, um sie in die Grube zu werfen und mit Erde zuzudecken. Mehr will ich auch gar nicht behaupten, denn was in Winkeln und Löchern herumlag, wie in der Moses- und Aaron-Gasse, zählt nicht, da auch dort alle Leichen beerdigt wurden, sobald man sie nur aufgefunden hatte.

Was nun meine erste Behauptung betrifft, nämlich in Hinsicht auf die Lebensmittel, so habe ich davon schon gesprochen und werde noch mehr davon sprechen, muß aber doch für jetzt folgendes erwähnen:

1. Der Brotpreis insbesondere wurde nicht erhöht. Am Anfang des Jahres, d. h. in der ersten Märzwoche, war das Pennyweizenbrot 10½ Unzen schwer. Als die Seuche auf ihrem Höhepunkt war, wog es 9½ Unzen, und teurer wurde es niemals während der ganzen Zeit. Anfang November verkaufte man es schon wieder zum alten Gewicht, und ich glaube nicht, daß etwas derartiges während einer solchen Unglückszeit jemals irgendwo anders erhört wurde.

2. Noch war, was mich selbst nicht wenig wundernahm, irgendein Mangel an Bäckern und Backöfen, um die Bevölkerung mit Brot zu versehen. Doch wurde von einigen behauptet, daß ihre Dienstmädchen, die sie mit dem Teig zu den Backöfen geschickt hatten, wie es damals der Brauch war, krank, d. h. mit der Pest zurückkehrten.

Während der ganzen Seuchenzeit standen nur zwei Pesthäuser in Benutzung, das eine außerhalb der Old-Straße, das andere in Westminster. Aber niemand wurde gezwungen, die Kranken dahin zu schaffen. Es war auch kein Grund zum Zwang vorhanden, da Tausende von armen Leuten, die weder Hilfe noch irgendeine Bequemlichkeit hatten, und auch an Mitteln nur das, was ihnen die Mildtätigkeit zukommen ließ, überglücklich gewesen wären, hätte man sie ins Pesthaus gebracht, wo man sich ihrer annahm. Und hier liegt der einzige Mangel in der Behandlung der öffentlichen Angelegenheiten, daß nämlich niemand, der kein Geld hatte oder nicht Sicherheit stellen konnte, ins Pesthaus gebracht oder dort behandelt werden durfte. Viele wurden dort wieder gesund, denn man hatte sehr gute Ärzte dort zum Dienst bestimmt, wovon ich später noch reden werde. Die meisten, die hingeschickt wurden, waren Dienstboten, die sich die Seuche holten, wenn sie für ihre Familien Besorgungen machen mußten. Kamen sie dann angesteckt nach Hause, so ließ man sie fortschaffen, um den Rest der Familie vor Ansteckung zu schützen. Sie hatten es während der ganzen Unglückszeit so gut dort, daß in dem einen Pesthaus nur 156 starben, und 159 in dem andern, dem von Westminster.

Die Behörden ließen es niemals daran fehlen, das Volk zu ermutigen, praktische Verfügungen herauszugeben, auf den Straßen gute Ordnung zu halten und allen Klassen der Bevölkerung die Schwere ihres Daseins nach Möglichkeit zu erleichtern.

In erster Linie faßten der Lordmayor, die Scherifs, das Ratskollegium und eine bestimmte Anzahl der Gemeindebevollmächtigten sowie ihre Vertreter den Beschluß, der sofort veröffentlicht wurde, die Stadt nicht zu verlassen, sondern sich beständig bereit zu halten, überall nach dem Rechten zu sehen und bei allen Gelegenheiten nach Billigkeit zu entscheiden. Sie gelobten, die Mittel, die durch die öffentliche Mildtätigkeit aufgebracht würden, nach Gerechtigkeit zu verteilen, kurz, das Vertrauen, das von der Bürgerschaft in sie gesetzt wurde, bis zum äußersten ihrer Kraft zu rechtfertigen.

In Übereinstimmung mit diesem Beschlusse hielten sie fast täglich Sitzungen ab, um die für das öffentliche Wohl gerade nötigen Verfügungen zu treffen, und obwohl sie gegen das Volk die größte Nachsicht ausübten, gingen sie gegen alle vermessenen Burschen, als Diebe, Einbrecher, Leichenräuber und dergleichen mit Strenge vor, bestraften sie entsprechend und sparten nicht mit Bekanntmachungen, die gegen sie gerichtet waren.

Auch alle Polizeibediensteten und Kirchspielbeamten wurden bei schwerer Strafe verpflichtet, in der Stadt zu bleiben, oder geeignete Stellvertreter zu besorgen, die von den höheren Distriktsbeamten bestätigt werden mußten und für die sie Sicherheit zu stellen hatten. Auch für den Todesfall galt diese Sicherheit und verpflichtete zur Stellung eines neuen Stellvertreters.

Durch derartige Verordnungen wurde der Mut der Bevölkerung nicht wenig gestärkt, besonders am Anfange der Seuche, als im ersten Schrecken jeder nur an Flucht dachte. Damals war die Stadt in Gefahr, gänzlich verlassen zu werden, bis auf die Armen, was sicher eine allgemeine Plünderung durch den Pöbel im Gefolge gehabt hätte. Auch blieben die Behörden nicht hinter dem zurück, was sie durchzuführen gelobt hatten. Der Lordmayor und die Scherifs waren beständig auf der Straße um dort, wo die Gefahr am größten war, zu sehen, und wenn schon sie den Volksansammlungen aus dem Wege gingen, hatte doch in dringenden Fällen jedermann Zutritt zu ihnen. Alle Klagen und Beschwerden wurden mit Geduld von ihnen angehört. Der Lordmayor ließ zu diesem Zwecke in seiner Empfangshalle eine kleine Tribüne errichten, wo er von der Menge ein wenig abgesondert, sich aufhielt, wenn Beschwerden vorgebracht wurden, um wenigstens in einiger Sicherheit zu sein.

Auch die zu seinem Amtsbereich gehörenden Beamten wechselten in bestimmtem Turnus, und wenn einer von ihnen krank oder von der Ansteckung ergriffen wurde, trat sofort ein anderer an seine Stelle, bis sich herausstellte, ob jener am Leben bleiben würde.

Ebenso hielten es die Ratsherren und Scherifs in ihren verschiedenen Amtsbezirken. Ihre Unterorgane waren angewiesen, den Dienst der Reihenfolge nach zu versehen, so daß der Lauf der Gerechtigkeit niemals unterbrochen zu werden brauchte. Zu ihren besonderen Obliegenheiten gehörte es, danach zu sehen, daß die Marktstatuten jederzeit beobachtet würden. An jedem Markttage war der Lordmayor oder einer oder beide Scherifs zu Pferde anwesend, um über die Aufrechterhaltung ihrer Verordnungen zu wachen und dafür zu sorgen, daß die vom Lande Kommenden in keiner Weise, auch nicht bei ihrer Rückkehr belästigt würden. Ferner, daß nichts auf der Straße zu sehen war, das sie entsetzen und vom Wiederkommen abhalten könnte. Auch die Bäcker standen unter besonderen Verordnungen. Das Haupt der Bäckerinnung wurde mit seinen Hilfskräften verpflichtet, die vom Lordmayor erlassenen Verfügungen in Vollzug zu setzen und sich um das richtige Gewicht des Brotes, das wöchentlich vom Lordmayor bestimmt wurde, zu kümmern. Alle Bäcker waren verpflichtet, ihre Öfen beständig in Tätigkeit zu halten, bei Strafe, sonst die Vorrechte eines Meisters in der Stadt London zu verlieren.

Durch solche Mittel wurde erreicht, daß es stets genügend Brot gab, und zwar, wie ich schon erwähnt habe, zu dem üblichen billigen Preise. Auch mangelte es niemals an Vorräten von Lebensmitteln auf den Märkten. Es gab so viel davon, daß ich oftmals darüber erstaunt war und mir Vorwürfe machte über meine Zaghaftigkeit und Vorsicht beim Ausgehen, während doch das Landvolk ohne Bedenklichkeit auf den Markt kam, als ob es gar keine Ansteckung und Gefahr von der Seuche gäbe.

Es war, wie gesagt, eine bewunderungswürdige Maßregel von seiten der Behörden, daß die Straßen immer rein und frei von allen ekelhaften Gegenständen gehalten wurden, wie von Leichen oder irgend etwas, das Widerwillen hätte hervorrufen können. Stürzte jemand plötzlich zu Boden oder starb auf der Straße, so wurde die Leiche meistens mit einem Tuch oder einem Leintuch zugedeckt oder bis zur Nachtzeit in den nächsten Kirchhof verbracht. Alles, was, wenn auch unumgänglich nötig, doch gefährlich und mit peinlichen Anblicken verknüpft war, wurde in die Nacht verlegt. Der Transport der Kranken, die Beerdigung der Toten, das Verbrennen der verseuchten Kleider wurde bei Nacht vorgenommen. Die Leichen, die in den großen Massengräbern auf den Kirchhöfen eingescharrt wurden, holte man nur bei Nacht zusammen, und ehe der Tag anbrach, waren sie alle mit Erde bedeckt und alles wieder in Ordnung gebracht. So daß unter Tage nichts von dem allgemeinen Unglück zu sehen oder zu hören war, außer was die Verödung der Straßen, das Klagegeschrei der Leute hinter den Fenstern und die vielen geschlossenen Häuser und Läden von selbst erzählten.

In der innern Stadt war diese Verödung der Straßen nicht so stark wie in den Vorstädten, als die Seuche sich nach Osten zu ausdehnte und über die ganze Stadt verbreitete. Es war wirklich eine barmherzige Fügung Gottes, daß die Seuche zuerst an einem Ende der Stadt ausbrach und nur allmählich auf die andern Stadtteile übergriff. Nach Osten kam sie erst, nachdem sich ihre Heftigkeit im Westen erschöpft hatte, und so nahm sie gleichzeitig zu und ab.

Ich möchte um Erlaubnis bitten, wenn man mir auch Wiederholungen vorwerfen wird, noch einmal mich der Schilderung der jämmerlichen Lage der innern Stadt und jener ihrer Teile, wo ich wohnte, in jener Unglückszeit zuwenden zu dürfen. Die City und die andern Stadtteile waren noch immer, trotz der ungeheuren Anzahl der Geflüchteten, gestopft voll von Leuten. Besonders auch deshalb, weil der allgemeine Glaube war, die Seuche würde weder die City, noch die Orte auf dem jenseitigen Flußufer, wie Southwark, Wapping und Ratcliffe, erreichen. So fest war dieser Glaube, daß viele aus den westlichen und nördlichen Vorstädten nach Osten und Süden ihrer Sicherheit wegen verzogen und, wie ich bestimmt glaube, dadurch die Seuche früher dahin brachten, als sie im natürlichen Verlauf der Dinge gekommen wäre.

Hier möchte ich auch einiges zum Nutzen der Nachwelt bemerken, was die Art und Weise der gegenseitigen Ansteckung betrifft, nämlich, daß es nicht nur die Kranken waren, von denen die Gesunden den Keim der Ansteckung empfingen, sondern ebensogut die Gesunden. Um mich näher zu erklären: unter den Kranken verstehe ich jene, die als krank bekannt waren, im Bett lagen, gepflegt wurden, Geschwüre an ihrem Leibe hatten usw. Vor ihnen konnte sich jedermann in acht nehmen, da sie entweder im Bett lagen oder doch auch sonst ihren Zustand nicht zu verheimlichen vermochten.

Mit den Gesunden aber meine ich solche, die wirklich angesteckt waren und das Gift in sich aufgenommen hatten. Es war in ihrem Blut, aber in ihrem Aussehen zeigte sich davon nichts. Ja, sie wußten selber nichts davon, oft mehrere Tage lang. Diese verbreiteten den Tod überall hin, wohin sie auch kamen. Wer in ihre Nähe kam, war verloren. Aus ihren Kleidern ging die Ansteckung hervor, und was ihre Hände berührten, war verseucht, besonders, wenn sie warme und feuchte Hände hatten, was im allgemeinen der Fall war.

Nun war es unmöglich, diese Leute zu erkennen, nachdem sie ja selbst oft nicht wußten, daß sie angesteckt waren. Sie gehörten zu jenen, die plötzlich auf der Straße ohnmächtig wurden und hinstürzten. Oftmals gingen sie bis zu ihrem letzten Augenblick auf den Straßen umher. Mit einem Male fingen sie dann zu schwitzen an, es wurde ihnen schwach, sie setzten sich an einer Türe hin und starben. Erkannten sie so ihren Zustand, so boten sie meistens noch alle Kräfte auf, ihr Heim zu erreichen, und manchmal gelang es ihnen auch gerade noch, um dort zu sterben. Andere wanderten umher, bis die Merkmale der Seuche sich schon am Körper zeigten, ohne daß sie es bemerkten. Draußen fühlten sie sich noch ganz wohl, sobald sie aber dann nach Hause kamen, legten sie sich hin und starben innerhalb weniger Stunden. Dies waren die gefährlichen Leute, vor denen die wirklich Gesunden sich hätten in acht nehmen müssen, wenn es nur möglich gewesen wäre, sie herauszukennen.

Viele hatten keine Ahnung, daß sie bereits die Seuche im Leibe trugen, bis zu ihrer unaussprechlichen Bestürzung die Merkmale sich am Körper zeigten, worauf sie selten länger als noch sechs Stunden zu leben hatten. Denn die Flecken, die man als »Merkmale« bezeichnete, waren Brandflecken oder absterbendes Fleisch, in kleinen Knötchen von der Größe eines Silberpennys und hart wie ein Stück Horn. War es einmal mit der Krankheit so weit gekommen, so war der Tod unausbleiblich. Und trotzdem wußten solche Leute nichts davon, daß sie verseucht waren und fühlten sich auch nicht im geringsten unwohl, bis jene tödlichen Anzeichen herauskamen. Dabei muß man aber zugeben, daß sie schon früher im höchsten Grade verseucht waren, vielleicht schon längere Zeit, und daß daher ihr Atem, ihr Schweiß, und ihre Kleider schon während dieser ganzen Zeit die Ansteckung verbreiteten.

Es gab eine ungeheuere Verschiedenheit der Krankheitsfälle, an die sich ein Arzt natürlich viel leichter erinnern könnte als ich, aber einige, die ich selbst beobachtet, oder von denen ich gehört habe, will ich doch in folgendem anführen.

Ein gewisser Bürgersmann, der wohl und gesund bis zum September gelebt hatte, als die Seuche sich erst in der innern Stadt auszubreiten begann, war sehr zuversichtlich, ja für meinen Geschmack fast etwas zu vermessen in seinen Redensarten: wie sicher er sei, wie vorsichtig er gewesen wäre und daß er niemals sich in die Nähe eines Kranken gewagt hätte. Ein anderer Bürger, ein Nachbar, sagte eines Tages zu ihm: »Seid nicht zu vertrauensselig. Es ist schwer zu sagen, wer gesund und wer krank ist, denn wir sehen Leute, die jetzt dem Anschein nach völlig gesund aussehen und in einer Stunde tot sind.« – »Gewiß«, sagte der erste, der nicht etwa übermütig war, aber die ganze Zeit über verschont geblieben war und zu den Leuten in der City gehörte, die deshalb ein wenig zu zuversichtlich geworden waren. »Gewiß, ich glaube ja auch nicht, daß ich sicher bin, aber ich hoffe, daß ich nie mit jemand verkehrte, bei dem irgendeine Gefahr der Ansteckung vorgelegen hätte.« – »So,« meinte der Nachbar, »seid Ihr denn nicht vorgestern im Wirtshaus zum Stierkopf in der Gracekirch-Straße mit dem so und so zusammengewesen?« – »Jawohl,« antwortete der erste, »aber sonst war kein Mensch dort, den wir vernünftigerweise für gefährlich hätten halten können.« Darauf schwieg der andere, um ihn nicht in Bestürzung zu versetzen, aber gerade das machte jenen noch neugieriger, und je zurückhaltender der eine wurde, um so mehr drängte der andere in ihn, bis er endlich laut fragte: »Nun, er wird doch nicht gestorben sein?« Sein Nachbar entgegnete kein Wort, blickte aber nach oben und murmelte etwas zu sich selbst, worauf der erste bleich wurde und nichts sonst herausbrachte als: »Dann bin ich auch schon so gut als gestorben.« Er ging sofort nach Hause und schickte nach einem Apotheker, der in der Nähe wohnte, um sich irgendein Gegenmittel geben zu lassen, denn bisher hatte er sich noch ganz wohl befunden. Der Apotheker öffnete seine Kleider, schaute die Brust an, seufzte tief auf und sagte nur: »Wendet Euch an Gott«, und der Mann starb innerhalb weniger Stunden.

Die Pest ist wie eine große Feuersbrunst. Bricht sie dort aus, wo nur wenige Häuser zusammenhängen, kann sie nur diese vernichten; bricht sie in einem einzelstehenden Hause aus, so fällt ihr nur dieses zum Opfer. Entsteht sie aber in einer großen volkreichen Stadt und wird nicht gleich gelöscht, so verheert sie den ganzen Ort und alles, was sie erreichen kann.

Gewiß, Hunderte, ja Tausende von Familien flüchteten sich vor der Pest, aber viele flohen zu spät und gingen auf der Flucht zugrunde. Und nicht nur das, sie verschleppten auch die Seuche überallhin, wohin sie kamen und steckten die an, bei denen sie Sicherheit und Zuflucht gesucht hatten. Dadurch wurde die beste Maßregel, um der Seuche zu entgehen, zu einem Mittel sie zu verbreiten. Dies bringt mich auf das zurück, was ich schon angedeutet habe, von dem ich aber nun ausführlicher sprechen möchte. Darüber nämlich, daß viele Leute nach außen hin völlig wohl umhergingen, während sie schon tagelang das Gift der Seuche im Leibe trugen und ihr Blut so sehr verseucht war, daß sie nicht mehr zu retten waren. Während dieser ganzen Zeit waren sie für andere höchst gefährlich, und die Tatsachen haben das bewiesen. Denn solche Leute steckten die Orte an, wohin sie kamen und die Leute, mit denen sie umgingen. So geschah es, daß fast alle größeren Städte Englands mehr oder weniger verseucht wurden, und immer wieder kam’s heraus, daß es durch den oder jenen Londoner verursacht worden war.

Ich muß hier ausdrücklich erklären, daß ich annehme, diese Leute, die den andern so gefährlich wurden, seien selbst ohne jede Kenntnis von ihrem eigenen Zustande gewesen. Wäre es anders, so hätte man jene überlegte Mörder heißen müssen, die sich mit vollem Bewußtsein der Umstände unter die Gesunden mengten. Aber nichtsdestoweniger hieß es, wenn ich auch selbst es nicht für richtig halte, daß die Angesteckten gegen die Weiterverbreitung der Seuche gänzlich gleichgültig, ja eher dafür als dagegen waren. Daraus mag jenes Gerücht entstanden sein, von dem ich nur hoffen kann, daß es nicht den Tatsachen entsprach.

Freilich besitzt ein einzelner Fall keine Allgemeingültigkeit, aber ich könnte doch die Namen einiger Leute nennen, die auch anderwärts bekannt und deren Familien noch am Leben sind, die das genaue Gegenteil bezeugen. So wurde ein Mann in meiner Nachbarschaft krank. Er vermutete, von einem armen Arbeiter angesteckt worden zu sein, den er bei sich beschäftigt hatte oder in dessen Wohnung er gekommen war. Schon damals hatte er eine trübe Ahnung, aber erst am nächsten Tage kam die Krankheit wirklich zum Ausbruch, und er fühlte sich gleich recht schlecht. Auf dies hin veranlaßte er sofort, daß er in ein Hinterhaus auf seinem Grundstück gebracht würde, wo sich über der Rotgießereiwerkstatt eine Kammer befand. Hier lag er, und hier starb er und ließ sich von niemand pflegen als einer fremden Pflegerin. Seiner Frau, den Kindern und Dienstboten verwehrte er aufs strengste den Eintritt, um sie nicht der Ansteckung auszusetzen, und übersandte ihnen nur seinen Segen und Wünsche für ihre Erhaltung durch die Pflegerin, die aber auch nicht in ihre Nähe kommen durfte. Und all das nur, um sie vor der Seuche zu bewahren.

Es muß erwähnt werden, daß die Pest, wie wohl alle Krankheiten, je nach der Beschaffenheit des Körpers, ganz verschieden wirkte. Manche wurden sofort von ihr völlig überwältigt; es kam zu schweren Fieberanfällen, Erbrechen, unerträglichen Kopf- und Rückenschmerzen, bis zu Tobsuchtsanfällen. Bei andern brachen Geschwülste im Genick, in der Leistengegend oder unter den Armen aus, die, wenn sie nicht zum Reifwerden gebracht werden konnten, eine furchtbare Qual verursachten. Die Dritten endlich wurden unmerklich angesteckt, das Fieber wütete in ihnen, ohne daß sie darum wußten, bis sie schließlich das Bewußtsein verloren und schmerzlos dahingingen.

Ich bin nicht Arzt genug, um die Einzelheiten dieser verschiedenen Wirkungen einer und derselben Seuche schildern oder erklären zu können, noch halte ich das für meine Aufgabe, da sie von den Ärzten viel besser ausgeführt wurde, wenn unsere Meinungen auch in einigen Punkten auseinandergehen. Darum habe ich auch nur berichtet, was ich selbst gesehen und beobachtet oder gehört habe und was in den verschiedenen Fällen, die ich erwähnte, in Erscheinung trat. Nur das mag noch angeführt werden, daß die schlimmsten Fälle, was die Schmerzen und die Schwere der Krankheitserscheinungen betrifft, oft zur Heilung gelangten, besonders wenn die Geschwülste aufbrachen, daß aber in jenen Fällen von einer kaum merklichen Erkrankung der Tod unvermeidlich war.

Die Krankheit und Weiteransteckung, ohne daß die betreffenden Personen das geringste davon wußten, zeigte sich in zwei Arten von Fällen, die in jener Zeit ziemlich häufig und in London allgemein bekannt waren.

1. Väter und Mütter gingen umher, als ob sie völlig wohl wären, waren auch davon überzeugt, bis sie ihre ganzen Familien verseucht hatten und die Ursache ihres Unterganges geworden waren. Hätten sie die leiseste Ahnung ihres Zustandes besessen, so würden sie nimmermehr so gehandelt haben. Eine Familie, von der ich hörte, wurde auf solche Weise vom Vater angesteckt. Einige Mitglieder wurden krank, noch ehe er selbst von der Seuche etwas merkte. Als er aber durch genauere Beobachtungen herausbrachte, daß er das Gift zu den Seinen gebracht hatte, wurde er wahnsinnig und hätte Hand an sich gelegt, wenn man ihn nicht verhindert haben würde. In wenigen Tagen war er tot.

2. In anderen Fällen fühlten die von der Seuche auf diese Weise Betroffenen nur ganz leichte Beschwerden, etwa eine Verminderung des Appetits, oder ein wenig Magenweh oder auch Heißhunger und leichte Kopfschmerzen, worauf sie zum Arzte schickten, um irgendein Mittel zu begehren und dann aufs tödlichste erschrocken waren, als sie hörten, daß sie auf der Schwelle des Todes standen und rettungslos verloren waren.

Es ist schauerlich, darüber nachzudenken, daß solche Menschen als Mörder vielleicht wochenlang umhergingen, diejenigen zugrunde richteten, die sie unter Gefahr ihres Lebens gerettet haben würden und vielleicht durch eine zärtliche Liebkosung dem Tode überlieferten. Und doch kam das oft vor, und ich könnte zahlreiche derartige Fälle anführen. Wenn nun der Schlag so aus dem Hinterhalte herabsaust, wenn der Pfeil ungesehen und unentdeckbar von der Sehne fliegt, was haben dann alle Maßregeln von Häuserabsperren und Fortschaffen der Kranken für einen Zweck? Dort ja, wo die Ansteckung offen zutage tritt, aber in den tausenden von Fällen, wo es sich um anscheinend völlig Gesunde handelt, sind sie gänzlich nutzlos.

Dies setzte natürlich auch unsere Ärzte in Verwirrung, und besonders die Apotheker und Wundärzte, die die Kranken nicht von den Gesunden zu unterscheiden wußten. Aber alle gaben die Tatsachen zu, daß viele Leute die Seuche im Blut hatten und eigentlich nichts anderes als herumwandelnde verpestete Gerippe vorstellten, deren Atem Tod, deren Schweiß Gift war, und die doch eben so aussahen wie andere Menschen, und selbst nichts von ihrem fürchterlichen Zustande ahnten. Die Tatsache also wurde von allen zugegeben, aber keiner wußte ein Mittel dagegen.

Mein Freund, der Dr. Heath, war der Meinung, daß es an dem Geruch des Atems zu erkennen wäre, aber wer hätte sich dem aussetzen mögen, die Wahrheit aus dem Atem eines Menschen zu holen, um sie mit dem eigenen Tod zu erkaufen. Denn um den Geruch zu unterscheiden, hätte er das Gift des Atems in das eigene Gehirn einziehen müssen. Andere sollen behauptet haben, daß man den Verdächtigen auf ein Stück Spiegelglas hauchen lassen müsse. Wäre er verseucht, so würde der Niederschlag des Hauches, durch ein Mikroskop gesehen, die Form von lebenden Geschöpfen gräulichster und scheußlichster Art, als Drachen, Schlangen, Vipern und teufelsartigen Gebilden, annehmen. Aber das halte ich doch für recht zweifelhaft; auch besaßen wir damals noch keine Mikroskope, um den Versuch anzustellen.

Die Ansicht eines andern sehr gelehrten Mannes war, daß der Hauch solch eines Kranken einen kleinen Vogel im Nu vergiften und töten würde, und nicht nur einen kleinen Vogel, sondern sogar ein Huhn oder einen Hahn, oder wenn nicht gleich töten, ihn doch räudig machen müßte. Besonders merkwürdig wäre, daß zu dieser Zeit gelegte Eier alle verfault wären. Ich habe aber nie gehört, daß diese Behauptungen durch einen Versuch bewahrheitet wurden. So gebe ich sie als das, was sie sind, möchte aber doch bemerken, daß ich sie für sehr wahrscheinlich halte.

Manche haben vorgeschlagen, daß solche Leute recht heftig auf warmes Wasser hauchen sollten, worauf sich ein ungewöhnlicher Schaum darauf bilden würde. Es ginge aber auch bei andern klebrigen Substanzen, die geeignet wären, den Schaum aufzunehmen und festzuhalten.

Alles in allem muß ich aber doch sagen, daß diese Art der Ansteckung jeder Möglichkeit der Entdeckung spottete, und daß keine menschliche Geschicklichkeit imstande war, die Weiterverbreitung zu verhindern.

Zu jener Zeit war die Aufregung groß, als man erkannte, daß die Ansteckung in dieser Art verbreitet, durch anscheinend völlig Gesunde verbreitet werden könne, und man fing an, jeden, der in die Nähe kam, mit äußerstem Mißtrauen und größter Unbehaglichkeit zu betrachten. Einmal, ich glaube an einem Sonntage in der Aldgate-Kirche, glaubte irgendeine Frau in einer vollbesetzten Kirchenbank einen schlechten Geruch zu verspüren. Sofort bildete sie sich ein, die Pest wäre in der Bank, gab flüsternd ihren Verdacht der Nächsten weiter und verließ schnell ihren Platz. Die Nachbarin machte es geradeso, und in einem Augenblick hatten sämtliche Insassen von zwei oder drei Kirchenbänken die Kirche verlassen, ohne daß irgend jemand wußte weswegen oder von wem der üble Geruch ausgegangen wäre.

Infolgedessen fiel man darauf, irgend etwas in den Mund zu stecken, was von alten Weibern oder auch Ärzten empfohlen wurde, um die Ansteckung durch den Atem von Kranken unmöglich zu machen. Dies ging so weit, daß besonders in den Kirchen man gleich beim Eingange von einer Wolke aller möglichen Gerüche empfangen wurde, die viel stärker, wenn auch wahrscheinlich nicht so bekömmlich waren, als die Gerüche in Apothekerläden oder bei Drogisten. Die ganze Kirche war eine große Riechflasche. In der einen Ecke roch es nach Parfüms, in der andern nach aromatischen Essenzen, balsamischen Düften und allen möglichen Kräutern, in der dritten nach Riechsalz und scharfen Wassern, da jeder sich mit etwas anderem zum Schutze versehen hatte. Nachdem aber einmal der Glaube allgemein geworden war, daß die Ansteckung von scheinbar Gesunden übertragen werden könne, wurde der Kirchenbesuch erheblich schwächer. Aber ganz geschlossen wurden die Kirchen und Betsäle während der ganzen Zeit der Seuche in London niemals, außer in einigen Kirchspielen, wo die Seuche gerade besonders arg wütete, und auch da wurden sie, sowie es einigermaßen besser wurde, wieder geöffnet.

Im Gegenteil war nichts erhebender, als zu sehen, mit welchem Mute die Bevölkerung die öffentlichen Gottesdienste besuchte, sogar zu einer Zeit, als man sich fürchtete, zu irgendeinem andern Zwecke das Haus zu verlassen. Daß die Kirchen bis auf eine kurze Zeit während des Höhepunktes der Seuche immer voll waren, war auch ein Beweis für die außerordentliche Bevölkerungsdichtigkeit beim Ausbruch der Pest, trotz der ungeheuren Menge, die gleich damals sich aufs Land hinaus geflüchtet hatte und den Massen, die später von ihrem sinnlosen Entsetzen in die Wälder hinausgetrieben wurden.

Man muß anerkennen, daß die Leute, die alle jene Vorsichtsmaßregeln anwandten, von denen ich gesprochen habe, der Ansteckung weniger ausgesetzt waren. In solchen Häusern brach die Seuche nicht mit der gleichen Heftigkeit aus, und ganze Familien wurden auf solche Weise gerettet, womit die schuldige Ehrfurcht vor der göttlichen Vorsehung natürlich nicht verletzt werden soll.

Aber es war unmöglich, irgend etwas Vernünftiges in die Köpfe der armen Leute hineinzubringen. Wurden sie krank, so konnten sie sich mit Geschrei und Gejammer nicht genug tun, doch solange sie gesund waren, blieben sie gleichgültig, sorglos und eigensinnig. Wo sie Arbeit kriegen konnten, fluteten sie hin, wenn auch die Beschäftigung noch so gefährlich und der Ansteckung ausgesetzt sein mochte. Machte man ihnen Vorwürfe, so war die gewöhnliche Antwort: »Das muß man Gott überlassen. Hat’s mich, so ist wenigstens für mich gesorgt, und die ganze Geschichte hat ein Ende.« Oder sie sagten: »Was soll ich sonst tun? Schlimmer als Verhungern ist die Pest auch nicht. Arbeit habe ich nicht, also was machen? Sonst bleibt mir nichts übrig als zu betteln.« Ob es sich darum handelte, die Leichen einzuscharren oder Kranke zu pflegen oder verseuchte Häuser zu bewachen, ihre Antwort war immer dieselbe. Sicher war die Not eine gute Entschuldigung, aber sie redeten nicht anders, wenn auch keine Not vorlag. Erst durch solche Handlungsweise der Armen kam es, daß die Seuche unter ihnen auf so schreckliche Weise wütete. Zusammen mit ihrer ohnehin wenig erfreulichen Lage war es der Hauptgrund ihres Massensterbens. Ich kann nicht behaupten, daß sie nach meinen Beobachtungen besser haushielten, als sie noch alle gesund waren und Geld verdienten. Das flog heraus, und das »Morgen« scherte sie auch nicht einen Deut. So kam es, daß sie im Falle der Krankheit gleich in das äußerste Elend gerieten, ebenso der Krankheit wegen als aus Mangel.

Allerdings hing dies auch zusammen mit der Lage unseres Handels während jener Zeit des allgemeinen Unglücks, und zwar sowohl des Außen- wie des Binnenhandels.

Was den Außenhandel betrifft, braucht nur wenig gesagt zu werden. Die europäischen Handelsvölker hatten alle Angst vor uns. Kein Hafen in Frankreich, Holland, Spanien oder Italien ließ unsere Schiffe einfahren. Und zudem hatten wir mit den Holländern einen heftigen Krieg, obwohl wir dazu kaum in der Lage waren, nachdem wir einen so schrecklichen Feind im eigenen Lande zu bekämpfen hatten.

Unsere Kaufleute hatten daher alle nichts zu tun. Ihren Schiffen war jeder auswärtige Platz verschlossen, und von ihren Waren und Fabrikaten, die im Lande hergestellt wurden, wollte man auswärts nirgends etwas wissen. Vor den Waren hatte man dieselbe Angst wie vor uns selber, und mit gutem Grund. Denn unsere Wollwaren hielten die Ansteckung fest wie menschliche Körper. Wurden sie von kranken Leuten verpackt, so waren sie ebenso gefährlich als die Kranken selber. Wenn daher ein englisches Schiff in einem fremden Hafen löschte, mußten die Ballen immer geöffnet und auf dazu bestimmten Plätzen gelüftet werden. Aus London durfte überhaupt kein Schiff in den Hafen, um wieviel weniger erst die Waren, die es an Bord hatte.

Ebenso war es in Spanien und Portugal. Es ging ein Gerücht um, daß eine Ladung von englischem Tuch, Baumwollwaren, Kirseizeug und dergleichen, die heimlich an Land gebracht worden war, von den Spaniern verbrannt wurde, während sie die an dem Schmuggel beteiligten Leute mit dem Tode bestraften. Ich kann das Gerücht nicht bestätigen, glaube aber schon, daß es auf Wahrheit beruhte.

Noch muß ich über den Stand des Binnenhandels während dieser Schreckenszeit berichten, besonders insofern es sich um die Fabriken und die Geschäfte in der Stadt handelt. Beim ersten Ausbruch der Seuche entstand, wie jeder sich selbst leicht ausmalen kann, unter der Bevölkerung ein allgemeiner Schrecken, und infolgedessen ein völliger Stillstand im Handelsverkehr, außer in Lebensmitteln. Aber auch darin war er durch die Flucht der vielen Tausende, die zahllosen Kranken und das Massensterben bis auf die Hälfte zurückgegangen.

Durch die Gnade Gottes war das Jahr in Getreide und Obst überaus fruchtbar gewesen. Nicht so in Heu und Gras. Daher war das Brot billig, weil es Getreide in Überfluß gab, und Fleisch war billig der schlechten Heuernte wegen. Aus demselben Grunde aber waren Butter und Käse teuer, und Heu wurde, gleich außerhalb der Schlagbäume von Whitechapel, um 4 Pfund die Ladung verkauft, was allerdings für die Armen von keinem Belang war. Dafür gab es eine unerhört gute Obsternte. Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Trauben kosteten fast nichts, aber das hinwiederum veranlaßte die Armen, davon im Übermaß zu essen, wodurch sie sich die Ruhr, Darmleiden, Magenbeschwerden und dergleichen zuzogen, was oft genug mit der Pest endigte.

Um aber zum Handel zurückzukehren, so war der Export gleich null oder wenigstens aufs äußerste erschwert, so daß natürlich alle Fabriken still lagen, die für den Export arbeiteten. Und obwohl die auswärtigen Kaufleute Waren brauchten, konnte doch fast nichts geschickt werden, da man englische Schiffe nirgends zuließ. Damit kam der Export so gut wie in ganz England zum Stillstand, abgesehen von einigen entlegenen Häfen, aber bald auch dort, denn nach und nach kam die Pest überall hin. Doch noch weit schlimmer war, daß auch der Binnenhandel aufhörte, so weit er über London ging, denn hier war er gänzlich zum Erliegen gekommen.

Alle Handarbeiter, Kaufleute und Mechaniker waren, wie ich schon früher ausgeführt habe, arbeitslos, und das griff natürlich auf das Heer von Tagelöhnern u. a. m. über, da nichts mehr geschah, was nicht absolut notwendig war. Dadurch waren nun alle Leute, die keinen eigenen Hausstand hatten, mit einemmal ohne jede Versorgung, ebenso wie die Familien, deren Einkommen gänzlich von dem Verdienst des Familienoberhauptes abhängig war. Sie gerieten in ein unsagbares Elend, und es muß zur immerwährenden Ehre der Stadt London gesagt werden, daß durch wohltätige Gaben die Bedürfnisse so vieler Tausende, von denen Unzählige später erkrankten, in einer Weise befriedigt wurden, daß niemand an Mangel zugrunde ging, wenigstens soweit die Behörden davon erfuhren.

Jetzt bleibt mir nur noch übrig, etwas über den gnädiger verlaufenen Teil dieses schrecklichen Gerichtstages zu sagen. In der letzten Woche des September hatte die Seuche ihren Höhepunkt erreicht und begann von da an abzunehmen. Ich erinnere mich, daß mein Freund, der Dr. Heath, mich in der vorhergehenden Woche besuchte und mir versicherte, daß in einigen Tagen die Heftigkeit der Seuche gebrochen wäre. Als ich aber in das wöchentliche Sterberegister blickte, das mit 8297 Toten alle früheren übertraf, hielt ich ihm das vor und fragte ihn, auf was er denn sein Urteil gründete. Seine Antwort war allerdings nicht das, was ich erwartet hatte. »Seht,« sagte er, »nach der Anzahl der Erkrankten und Verseuchten hätten wir in der letzten Woche 20 000 statt 8000 Tote haben müssen, falls der Verlauf der Krankheitsfälle ebenso ungünstig geblieben wäre wie vor zwei Wochen. Damals starben die Kranken gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen, jetzt nicht vor acht oder zehn; früher war unter fünf Fällen eine Heilung, jetzt sterben nur noch höchstens zwei von fünfen. Glaubt mir, die nächste Liste wird eine Abnahme bringen, und Ihr werdet sehen, daß die Heilungen stark zunehmen werden. Denn obwohl wir überall Massen von Verseuchten haben, und auch eine große Anzahl noch täglich erkrankt, sterben doch nicht mehr so viele als früher. Die Bösartigkeit der Seuche hat nachgelassen, und ich habe jetzt Hoffnung, nein, mehr als das, daß die Krisis vorüber ist.« Und wirklich war es auch so, denn in der letzten Septemberwoche zeigte die Liste nur noch 2000 Tote.

Es ist wahr: noch immer herrschte die Pest mit großer Heftigkeit. Die nächste Liste brachte 6460 und die weitere noch 5720 Tote. Aber dennoch hatte mein Freund mit seiner Behauptung recht; die Leute erholten sich schneller und in größerer Anzahl als früher. Was hätte auch sonst aus London werden sollen? Der Berechnung von Dr. Heath nach waren zu dieser Zeit nicht weniger als 60 000 erkrankt, von denen nur 20 477 starben, während der Rest wieder gesund wurde. Solange die Seuche aber auf ihrem Höhepunkte war, waren von einer solchen Anzahl Erkrankter zum mindesten 50 000 gestorben, vielleicht noch ebenso viele dazu erkrankt, und dann hätte man wohl wirklich glauben müssen, daß kein Mensch mehr davonkommen würde.

Noch weiter bewahrheiteten sich die Beobachtungen meines Freundes während der folgenden Wochen. Die Sterbefälle gingen beständig zurück und betrugen in der ersten Oktoberwoche nur noch 1843, in der nächsten 1413, und das, obwohl die Zahl der Erkrankungen nicht ab-, sondern eher etwas zugenommen hatte. Aber, wie gesagt: die Bösartigkeit der Seuche war gebrochen.

Und so ist nun einmal die Art unserer Bevölkerung, wie vermutlich auch auf der ganzen übrigen Welt: gerade, wie man beim ersten Ausbruch der Seuche jeden Verkehr aufgegeben hatte, vor Schrecken und Entsetzen sich gegenseitig aufs eifrigste aus dem Wege gegangen war und die Flucht aus der Stadt ergriffen hatte, ehe es noch nötig gewesen wäre, nahm man jetzt, als man sah, daß eine Menge Menschen erkrankte, aber wieder geheilt wurde, die Pest überhaupt kaum noch ernst, betrachtete sie nicht anders, als wäre sie ein einfaches Fieber und kümmerte sich nicht im geringsten mehr um die Gefahr der Ansteckung. Nicht nur, daß die Leute ohne Scheu mit solchen verkehrten, die laufende Geschwüre und Geschwülste an sich hatten, sie aßen und tranken auch mit ihnen, gingen in ihre Häuser und selbst in die Zimmer, wo sie krank lagen.

Für vernünftig konnte ich das nicht halten. Mein Freund, der Dr. Heath, gab zu, daß die Seuche so ansteckend als nur je wäre und auch noch viele daran erkrankten, behauptete aber, daß die Sterblichkeit in keinem Verhältnis mehr zu der Zahl der Erkrankungen stände, verglichen mit der früheren Todesrate. Ich meine aber, daß doch immer noch eine ganze Anzahl sterben mußte. Und da die Krankheit an sich sehr qualvoll war, von den Geschwülsten und Geschwüren gar nicht zu reden, die Todesgefahr auch durchaus nicht ausgeschlossen schien, die Heilung endlich sehr lange Zeit brauchte, so hätte nach meiner Meinung sich jeder wohl überlegen sollen, mit den Erkrankten zusammenzukommen und die Ansteckungsgefahr leichter als früher zu nehmen.

Noch etwas anderes hätte die Leute veranlassen müssen, die Erkrankung an der Pest wie das höllische Feuer zu scheuen, das war die schreckliche Wirkung der Ätzmittel, die die Wundärzte auf die Geschwülste legten, um sie zum Aufbrechen und Eitern zu bringen, da sonst die Gefahr eines tödlichen Ausganges bis zum letzten Augenblick äußerst groß war. Auch ohnedies waren die Geschwülste an sich sehr qualvoll, und wenn sie die Leute auch nicht mehr wie vordem zum Wahnsinn brachten, verursachten sie doch kaum erträgliche Schmerzen. Diejenigen, die mit dem Leben davonkamen, beklagten sich später aufs bitterste, daß man ihnen gesagt hätte, es wäre keine Gefahr bei der Sache und bereuten tief, daß sie sich nicht besser in acht genommen hatten.

So rächte sich die unkluge Handlungsweise der Leute, die alle Vorsicht beiseite ließen. Viele wurden geheilt, aber viele starben auch, und ich bin überzeugt, daß das Herabgehen der Sterberate dadurch nicht unwesentlich verzögert wurde. Nach dem ersten starken Abflauen zeigten die beiden nächsten Listen keine entsprechende Abnahme, und der Grund hierfür war sicherlich, daß das Volk alle früher gebrauchten Vorsichtsmaßregeln vernachlässigte in dem Glauben, es würde niemand mehr die Seuche bekommen und wenn, würde es auch nicht gleich ans Sterben gehen.

Die Ärzte widersprachen solcher Kopflosigkeit aus allen Kräften. Sie veröffentlichten gedruckte Anweisungen und verbreiteten sie über die ganze Stadt und in allen Vorstädten, worin sie die Leute zur Zurückhaltung ermahnten und ihnen rieten, trotz der Abnahme der Sterbefälle die äußerste Vorsicht im täglichen Leben zu beobachten, weil es sonst leicht zu einem neuen Ausbruch kommen könnte, der noch weit schrecklicher und verhängnisvoller sein würde als der erste. Zum Beweise fügten sie eine Menge Erläuterungen und Erklärungen an, die aber an dieser Stelle nicht wiederholt werden können.

Aber all das half nichts. Die Leute waren wie besessen von der Freude über das Herabgehen der Sterblichkeit, daß die neu angedrohten Schrecknisse bei ihnen nicht mehr verfingen. Sie ließen sich den Glauben nicht nehmen, daß es nun mit dem Sterben zu Ende wäre, und wer ihnen das Gegenteil beweisen wollte, hätte ebensogut in den Wind sprechen können. Man öffnete wieder die Läden, spazierte in den Straßen umher, machte Geschäfte und sprach jeden an, der gerade in den Weg kam, ob man mit ihm zu tun hatte oder nicht, und ohne jemals nur nach der Gesundheit zu fragen oder sich um die Gefahr der Ansteckung zu kümmern, wenn es sich um einen augenscheinlich Kranken handelte.

Ein gewisser John Cock, ein Barbier, war ein ausgezeichnetes Beispiel für die überstürzte Rückkehr der Leute, nachdem die Seuche etwas nachgelassen hatte. Er hatte seinerzeit mit seiner ganzen Familie die Stadt verlassen, sein Haus zugesperrt und war, wie so viele andere, aufs Land verzogen. Als er nun hörte, daß im November nur noch 900 wöchentlich starben, beeilte er sich, wieder nach Hause zu kommen. Sein Hausstand bestand aus zehn Personen: seiner Frau, fünf Kindern, zwei Lehrlingen und einem Dienstmädchen, wozu noch er selbst kam. Er war noch nicht eine Woche zu Hause und hatte eben seinen Laden wieder aufgemacht und sein Geschäft begonnen, als die Seuche bei ihm ausbrach; und binnen fünf Tagen starb die ganze Familie völlig aus, und nur das Dienstmädchen blieb am Leben.

Aber die Gnade Gottes war größer, als wir vernünftigerweise hätten hoffen dürfen. Die Bösartigkeit der Seuche war erloschen, das Ansteckungsgift hatte sich erschöpft, und zudem stand der Winter vor der Tür. Als bei klarer Luft einige scharfe Fröste einsetzten, trat bei den meisten Kranken Heilung ein, und die Gesundheit fing an, in die Stadt zurückzukehren. Zwar gab es noch im Dezember einige Rückfälle, und die Listen stiegen wieder bis auf hundert Tote an, aber dies war nur vorübergehend, und in kurzem war alles wieder im alten Gleise. Es war erstaunlich zu beobachten, mit welcher Schnelle sich die Stadt von neuem bevölkerte. Ein Fremder hätte sich nicht vorstellen können, daß Zehntausende zugrunde gegangen waren. Auch die Wohnungen schienen alle wieder bezogen. Leere Häuser waren eine Seltenheit, und an Mietern für sie war kein Mangel.

Nachdem, im allgemeinen gesprochen, nun wieder alles beim alten war, mußte es den Leuten um so seltsamer vorkommen, wenn sie auf Erkundigungen hin hören mußten, daß ganze Familien so völlig ausgestorben waren, daß man sich kaum noch an sie erinnern konnte. Niemand kam, der auf das, was sie etwa hinterlassen haben mochten, einen rechtmäßigen Anspruch geltend gemacht hätte. Allerdings war in den meisten Fällen solcher Art das, was sich vorgefunden hatte, längst vergeudet und gestohlen worden.

Es hieß, daß alles herrenlose Gut dem König als einzigem Erben verfallen wäre. Wie dem auch sein mag, schien es doch, daß der König darauf zugunsten des Lordmayors und des Ratskollegiums von London verzichtete, damit es unter die zahlreichen Armen verteilt würde. Denn obwohl die Gelegenheiten zur Erleichterung der Lage der Armen während der Pestzeit weit vordringlicher gewesen waren als jetzt, da alles vorüber war, ging es ihnen jetzt doch viel schlechter, da alle Kanäle der allgemeinen Wohltätigkeit versiegten. Die Leute schienen zu glauben, daß sie genug getan hätten und hielten sich zurück, während doch noch manches Elend zu lindern gewesen wäre.

Ich hätte erwähnen sollen, daß die Quäker zu jener Zeit einen eigenen Begräbnisplatz besaßen, der auch jetzt noch in Gebrauch ist. Sie hatten auch einen eigenen Leichenkarren in Benutzung. Und merkwürdigerweise war es jener Salomon Eagle, der, wie ich schon erzählt habe, die Pest als Gericht Gottes vorhersagte und, nackt in den Straßen umherrennend, die Leute zur Buße aufgerufen hatte, der als eines der ersten Opfer in dem Leichenkarren auf den neuen Begräbnisplatz gefahren wurde.

Recht ernst waren die Vorwürfe, die man den Ärzten machte, weil sie während der Pest ihre Kranken im Stiche gelassen hätten. Als sie jetzt wieder in der Stadt erschienen, wollte niemand mehr mit ihnen zu tun haben. Man nannte sie Deserteure, und häufig wurden Zettel an ihre Türen geheftet, auf denen geschrieben war: Hier ist ein Doktor zu vermieten! So daß nicht wenige es für besser hielten, sich einige Zeit nicht zu zeigen oder in eine andere Wohnung zu ziehen, in deren Umgebung man sie nicht kannte. Ebenso war es mit der Geistlichkeit, die vom Volke in Spottgedichten und dergleichen bös mitgenommen wurde. Auf den Kirchentüren fand man oft die Inschrift: Hier ist eine Kanzel zu vermieten oder, was fast noch schlimmer war: zu verkaufen.

Besonders waren es die Dissenters, die der Geistlichkeit der englischen Kirche vorhielten, daß sie geflohen war, und das Volk dann, als es sie am nötigsten gebraucht habe, verlassen hätte. Aber das läßt sich kaum billigen, denn nicht alle Menschen haben die gleiche Zuversicht und den gleichen Mut, und die Heilige Schrift befiehlt uns, stets ein mildes und günstiges Urteil abzugeben.

Ich versuchte einmal, eine Liste von allen Berufen und Beschäftigungen aufzustellen und jene darin zu verzeichnen, die bei Ausübung ihres Amtes oder ihrer Geschäfte gestorben waren, aber für einen Privaten war es ganz unmöglich, dabei zu irgendeiner Sicherheit zu gelangen. Nach meinen Erinnerungen starben 16 Geistliche, 2 Ratsherren, 5 Ärzte, 13 Wundärzte innerhalb der inneren Stadt vor Anfang September. Aber da erst dann die Seuche ihren Höhepunkt erreichte, kann diese Liste kaum vollständig sein. Was das niedere Volk betrifft, so starben 46 Konstabler und Gemeindevorsteher in den beiden Kirchspielen von Stepney und Whitechapel. Leider konnte ich meine Liste nicht fortsetzen, denn als im September die ganze Wut der Seuche über uns kam, spottete sie aller Aufzeichnungen. Die Menschen starben nicht mehr als einzelne, sondern in Massen und wurden in Massen eingescharrt, ohne sie zu zählen, mochten die öffentlichen Sterberegister auch 7 oder 8000 oder was immer für eine Zahl anführen. Wenn man jenen glauben darf, die bessere Gelegenheit hatten als ich, diese Dinge der Wahrheit gemäß zu untersuchen, so starben zu dieser Zeit wöchentlich etwa 20 000 Menschen. Ich selbst will mich lieber an die veröffentlichten Zahlen halten, denn schon 7 oder 8000 Tote wöchentlich sind genug, um zu rechtfertigen, was ich von dem Grauen jener Zeit berichtet habe. Es erfüllt mich mit Genugtuung, sagen zu dürfen, daß ich in keiner Weise übertrieben habe und eher noch unter der Wirklichkeit geblieben bin.

Für die Nachwelt sei bezeugt, daß alle bürgerlichen Beamten, die Konstabler, Gemeindevorsteher, Scherifs und Kirchspielbediensteten, in deren Aufgabe es lag, sich der Armen anzunehmen, ihre Pflichten im allgemeinen so gut wie nur irgendeiner und vielleicht besser erfüllten. Sie waren den meisten Gefahren ausgesetzt, da ihr Werk in den Armenvierteln lag, wo die Ansteckung am leichtesten war. Fielen sie selbst der Krankheit zum Opfer, so war ihre Lage höchst bejammerungswürdig. Es ist auch nicht anders möglich, als daß eine große Anzahl von ihnen von der Seuche verschlungen wurde.

Ich habe noch kein Wort über die Medizinen und Vorbeugungsmittel gesagt, die man gewöhnlich während jener Zeit gebrauchte. Wenigstens alle jene, die wie ich auf der Straße zu tun hatten. Von den Quacksalbern ist viel darüber geschrieben worden, aber auch das Ärztekollegium veröffentlichte täglich Vorbeugungsmittel, von deren Wirkung es sich überzeugt hatte. Da alle diese Dinge gedruckt vorliegen, brauche ich sie nicht zu wiederholen.

Eine Geschichte aber möchte ich doch noch erzählen. Sie betrifft einen Quacksalber, der sich gerühmt hatte, ein Gegenmittel gegen die Pest zu besitzen, das den Träger vor jeder möglichen Ansteckung schütze. Dieser Mann, der doch jedenfalls niemals ausging, ohne etwas von seinem unübertrefflichen Gegenmittel bei sich zu führen, erkrankte an der Seuche und starb binnen zwei oder drei Tagen.

Ich gehöre nicht zu jenen, die einen Widerwillen oder gar Verachtung gegen alle Medizinen haben, im Gegenteil habe ich ja schon oft von der Achtung gesprochen, die ich für die Vorschriften meines besonderen Freundes, Dr. Heath, hatte. Aber ich muß doch gestehen, daß ich selbst nichts gebrauchte, als ein stark riechendes Mittel, für den Fall, daß mir irgend etwas Ekelhaftes unterkäme, oder daß ich in die Nähe einer Leiche oder eines Begräbnisplatzes gelangte.

Es herrschte damals ein Streit unter den Gelehrten, der die Leute nicht wenig in Verlegenheit brachte, nämlich, in welcher Weise die Wohnungen und Sachen, wo die Pest hingekommen war, wieder gereinigt werden möchten. Besonders auch, was man zu tun hätte, um die lange leergestandenen Häuser bewohnbar zu machen. Eine Unmenge von Räuchermitteln von der oder jener Zusammensetzung wurde von den Ärzten angegeben, die die Leute, die sie anwendeten, ein nach meiner Meinung unnützes Geld kosteten. Die ärmeren Leute, die ihre Fenster Tag und Nacht offenstehen ließen und in den Zimmern Schwefel, Pech und Schießpulver verbrannten, hatten mindestens ebensoviel davon. Und diejenigen, von denen ich schon gesprochen habe, die sich auf jede Gefahr hin beeilten, wieder in die Stadt und nach Hause zu kommen, taten wenig oder gar nichts und fuhren dabei doch nicht schlimmer.

Im allgemeinen waren es vornehmlich die ärmeren Klassen, die sich mit der Rückkehr so beeilten, die Reichen folgten viel langsamer. Die Geschäftsleute kamen wohl schnell, aber sie ließen ihre Familien erst im Frühling nachkommen, als man allen Grund zu dem Glauben hatte, daß die Seuche nicht wieder erscheinen würde.

Der Hof kehrte bald nach Weihnachten zurück, der Adel jedoch, der nicht bei Hof angestellt war oder bei der Regierung zu tun hatte, folgte erst später.

Merkwürdig war, daß die Pest trotz ihrer Heftigkeit in London und anderen Orten nie auf die Flotte übergriff. Obwohl sowohl auf dem Flusse wie auf der Straße zu jener Zeit stark gepreßt wurde, um Leute für den Dienst auf der Flotte zu bekommen. Das war allerdings am Anfang des Jahres, als die Seuche kaum begonnen hatte und noch nicht in jene Stadtteile gedrungen war, wo hauptsächlich gepreßt zu werden pflegte. Der holländische Krieg, der damals geführt wurde, war durchaus nicht nach dem Geschmack des Volkes, und die Seeleute meldeten sich nur mit großem Widerwillen zum Dienst und beklagten sich bitter, wenn sie mit Gewalt dazu gepreßt wurden, aber für viele war es eine wohltätige Gewalt. Denn wahrscheinlich wären sie bei dem allgemeinen Unglück, der Pest nämlich, zugrunde gegangen, während sie so nach Ablauf des Sommerdienstes heil und gesund zurückkehren konnten. Freilich fanden manche unter ihnen ihre Familien im Grabe, worüber sie mit Recht klagen und jammern mochten, aber deshalb konnten sie doch einem Schicksal dankbar sein, das sie selbst, wenn auch gegen ihren Willen, vom Verderben gerettet hatte. Es war in jenem Jahre ein heißer Krieg zwischen uns und den Holländern mit einer sehr großen Schlacht, bei der die Holländer den kürzeren zogen. Aber auch wir verloren viele Leute und einige Schiffe. Die Pest aber kam, wie gesagt, nicht auf die Flotte, und als diese zurückkam, war auch die Heftigkeit der Pest gebrochen.

Ich wäre sehr froh, wenn ich den Bericht dieses schrecklichen Jahres mit einigen Beispielen der Dankbarkeit gegen Gott, unsern Erhalter, abschließen könnte, der uns vom Verderben erlöste. Die Umstände dieser Erlösung von dem furchtbaren Feinde hätten die ganze Nation dazu veranlassen müssen. Nur die Hand Gottes und seine Allmacht konnten sie vollbringen. Die Ansteckung spottete aller Gegenmittel, der Tod wütete bis in die letzten Winkel, noch einige Wochen, und in der Stadt wäre keine lebende Seele zurückgeblieben. Überall bemächtigte sich die Verzweiflung der Menschen, Angst verdrängte den letzten Rest von Mut, und auf allen Gesichtern zeigte sich nur noch die äußerste Hoffnungslosigkeit. Und da, als man wohl sagen konnte: Umsonst ist alle menschliche Hilfe, gefiel es Gott, die Wut der Seuche einzudämmen und ihre Bösartigkeit zu lähmen.

Es ist unmöglich, die Veränderung in den Zügen der Leute zu beschreiben, als an jenem Donnerstag das wöchentliche Sterberegister erschien. Eine heimliche Freude und Heiterkeit war auf allen Gesichtern zu sehen. Während man früher sich sorgsam auswich, schüttelte man sich jetzt die Hände. In den Straßen öffneten sich die Fenster, und die Inwohner fragten einander, wie sie sich befänden und ob sie schon die gute Neuigkeit wüßten, daß die Pest nachgelassen habe. Einige taten verwundert und meinten: »Was denn für eine gute Neuigkeit?« Dann riefen die anderen: »Die Pest hört auf, die Liste ist schon auf fast 2000 heruntergegangen!« und nun schrien sie alle miteinander: »Gott sei Dank!« und weinten aus Freude und erklärten, sie hätten noch nichts davon gehört gehabt. Die Seligkeit der Leute war so groß, als wäre das Leben aus dem Grabe zu ihnen zurückgekehrt. Ich könnte eine ganze Reihe der verrücktesten Dinge anführen, die sie im Übermaß ihrer Freude vollführten, wie früher im Übermaß ihrer Verzweiflung, aber ich will’s lieber unterlassen, um den Wert ihres Glückes nicht herabzusetzen.

Jetzt war’s auf einmal mit allen Befürchtungen zu Ende, und das zu früh, denn nun machte es uns nichts mehr aus, einem Mann mit einer weißen Kappe auf dem Kopfe zu begegnen, oder mit einem Tuch um den Hals gewickelt oder hinkend wegen der Geschwülste in der Leistengegend, was uns alle noch eine Woche vorher in den äußersten Schrecken versetzt haben würde. Die ganze Straße war jetzt voll dieser armen Geschöpfe, die sich ihrer unerwarteten Erlösung von ganzem Herzen freuten. Ich würde ihnen sehr Unrecht tun, nähme ich nicht an, daß viele unter ihnen aus voller Seele dankbar waren. Bei den meisten mochte es allerdings zu Recht heißen, was von den Kindern Israels gesagt wurde, als sie nach ihrem Durchzug durch das Rote Meer die Ägypter im Wasser versinken sahen: »Sie lobten Gott, aber bald vergaßen sie seine Werke.«

Doch hier will ich Schluß machen, um nicht tadelsüchtig und vielleicht ungerecht gescholten zu werden, wenn ich mich in Erwägungen einließe, warum die Undankbarkeit und Schlechtigkeit wieder zu uns zurückkehrte, deren Zeuge ich seitdem oft genug gewesen bin. Daher werde ich die Schilderung dieses unseligen Jahres mit einem schlechten aber gutgemeinten Verschen eigener Mache beschließen, das ich an das Ende meiner Tagebücher setzte in demselben Jahre, in dem sie geschrieben wurden.

Im Jahre fünfundsechzig hat’s Die Pest in London gegeben, An Hunderttausend nahm sie mit, Doch ich, ich blieb am Leben!

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings