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Die Pest zu London

Text (continued 2)

Heinrich Steinitzer translation

Die Träger merkten bald, daß er weder krank noch verrückt war, sondern nur von dem schrecklichsten Kummer niedergebeugt, was er wohl sein mochte, denn in dem Karren lagen die Leichen seiner Frau und mehrerer Kinder. Es war leicht zu sehen, wie schwer es ihm ums Herz war, aber trotzdem ließ er den Tränen keinen Lauf und unterdrückte sie mit männlicher Fassung. Er bat mit ruhiger Stimme die Träger, ihn allein zu lassen, er wolle nur sehen, wie die Leichen hineingeworfen würden und dann fortgehen. Sie ließen ihn also stehen und leerten die Leichen, wie sie durcheinander auf dem Karren lagen, in die Grube. Das schien der Mann nicht erwartet zu haben. Er mochte wohl geglaubt haben, daß sie auf anständige Weise hineingelegt würden, obwohl er sich später selbst überzeugte, daß das unmöglich war. Wie er das sah, war es mit seiner Selbstbeherrschung zu Ende, und er schrie laut auf. Ich verstand nicht, was er sagte, sah ihn nur zwei oder drei Schritte nach rückwärts taumeln und dann ohnmächtig zu Boden sinken. Die Träger liefen hin, hoben ihn auf und brachten ihn, nachdem er nach einiger Zeit wieder zu sich gekommen war, in ein Gasthaus, am Ende von Houndsditch, wo er anscheinend bekannt war und man sich seiner annahm. Ehe er ging, sah er noch einmal in die Grube hinab, aber die Leute hatten die Leichen schon mit Erde bedeckt, und obwohl es Licht genug gab, denn an allen Seiten der Grube steckten Laternen in der Erde, war doch nichts mehr zu sehen.

Dieses traurige Schauspiel erschütterte mich aufs tiefste. Und was ich sonst noch sah, war auch über alle Maßen grauenvoll. Auf dem Karren lagen 16 oder 17 Leichen, einige in Leintücher eingeschlagen, andere in Fetzen, noch andere fast gänzlich nackt oder nur so leicht zugedeckt, daß die Hülle sich losmachte, als sie nun in die Grube geworfen wurden. Da lagen sie nun völlig nackt unten, aber für sie war’s gleich, denn sie waren alle tot, und sonst konnte wohl auch niemand daran Anstoß nehmen, angesehen sie nun alle im gemeinsamen Grab der Menschheit ruhten. Denn hier gab es keinen Unterschied, arm und reich lagen beieinander. Eine andere Art von Begräbnissen war unmöglich, denn woher hätte man die Särge für die ungeheure Anzahl der der Seuche Erlegenen nehmen sollen?

Um den Leichenträgern etwas anzuhängen, wurde wohl erzählt, daß sie den Toten, die ein richtiges, über dem Kopf und den Füßen zusammengebundenes Totenhemd aus gutem Leinenzeug trugen, es wegnahmen, wenn sie auf dem Karren lagen und sie ganz nackt in die Grube warfen, aber ich kann nicht glauben, daß es solche Scheusale unter den Christen gibt, besonders nicht in einer derartig schrecklichen Zeit. So erzähle ich nur und lasse die Sache unentschieden.

Zahllose Geschichten liefen auch um über die Unmenschlichkeit der Pflegerinnen, die den Tod der Kranken, die ihrer Sorge übergeben waren, beschleunigt haben sollten. Aber darüber werde ich später mehr zu sagen haben.

Der Anblick des Massengrabes überwältigte mich fast, und ich ging mit tief erschüttertem Herzen fort und voll von unaussprechlichen marternden Gedanken. Gerade als ich aus dem Kirchhof kam und in die Straße einbog, die zu meinem Hause führte, kam mir ein neuer Karren entgegen mit Pechfackeln und einem Kerl vor dem Karren, der mit der Glocke läutete. Er war ganz voll mit Leichen, und ich ging über die Straße, um zuzuschauen, aber dann fehlte mir doch der Mut, umzukehren und das gleiche grausige Schauspiel noch einmal anzusehen. So ging ich denn direkt nach Hause, in der Hoffnung, daß ich keinen Schaden genommen hatte, wie es auch in der Tat der Fall war.

Zu Hause fiel mir die unselige Geschichte des armen Mannes auf dem Friedhofe wieder auf die Seele, und wirklich, so oft ich an ihn dachte, mußte ich weinen, vielleicht heftiger, als er selbst es getan hatte. Und da ich sein Schicksal gar nicht mehr aus meinen Gedanken wegbrachte, zwang es mich förmlich, nochmals auszugehen und in das Gasthaus hinüberzuschauen, um zu erfahren, was aus ihm geworden war.

Es war schon 1 Uhr nachts, aber der arme Mann war noch immer dort. Da die Leute vom Hause ihn kannten, hatten sie sich seiner angenommen und ihn die Nacht über dabehalten, ohne Rücksicht auf die Gefahr, von ihm angesteckt zu werden, wenn schon er einen ganz gesunden Eindruck machte.

Ich kann nicht ohne Beschämung an dieses Gasthaus zurückdenken. Die Hausleute selber waren höflich, freundlich und gesittet genug und hatten bis zur Stunde ihr Haus offengehalten und das Geschäft weitergeführt. Aber die Gesellschaft, die dort jede Nacht zusammenzukommen pflegte, benahm sich in einer lärmenden und schamlosen Weise, wie es eben bei solchen Menschen zu andern Zeiten üblich war, und das in einem solchen Grade, daß der Gastwirt und seine Frau selbst darüber empört und bestürzt waren.

Gewöhnlich hielten sie sich in einem Raum auf, der auf die Straße ging, und da sie meistens bis tief in die Nacht zechten, geschah es, daß sie die Fenster aufmachten, wenn sie das Geklingel des Leichenkarrens hörten, der am Hause vorbei nach Houndsditch fuhr, um sich die traurige Geschichte anzusehen. Wenn dann die Leute auf der Straße oder an den Fenstern beim Vorbeifahren des Karrens klagten und jammerten, machten sie ihre schamlosen Scherze und Spöttereien, besonders, wenn die Leute den lieben Gott anriefen, Mitleid mit ihnen zu haben, wie es viele in dieser Zeit zu tun pflegten.

Diese sauberen Herren, die sich durch die Aufnahme des armen unglücklichen Mannes gestört finden mochten, ärgerten sich und wurden recht hochfahrend gegen den Gastwirt, daß er einen solchen »Kerl«, wie sie sagten, vom Grabe her, in das Haus gebracht habe. Als nun der Wirt entgegnete, daß der Mann ein Nachbar sei, auch gesund, und nur überwältigt vom Jammer wegen seiner Familie, richtete sich ihr Ärger gegen den Mann, und sie fingen an, ihn wegen seines Kummers um Frau und Kinder zu verspotten, indem sie ihm Mangel an Mut vorwarfen, sonst wäre er in die Grube gesprungen, um, wie sie höhnisch bemerkten, sich mit den Seinigen im Himmel zu vereinigen. Dazu machten sie noch einige schnöde, ja geradezu gotteslästerliche Redensarten.

Sie waren gerade dabei, als ich ins Haus trat, und obwohl der Mann in seiner stillen Trostlosigkeit verharrte, konnte ich ihm doch anmerken, daß ihre Redereien ihn bekümmerten und verletzten. Auf das hin machte ich ihnen auf ruhige Weise einige Vorwürfe, denn ich wußte, mit was für Leuten ich’s zu tun hatte. Übrigens war ich zweien unter ihnen wohlbekannt.

Sofort überhäuften sie mich mit Flüchen und Schimpfreden und fragten mich, warum ich nicht, wie so viele weit bessere Menschen, schon begraben sei oder wenigstens zu Hause, um zu beten, daß mich der Leichenkarren nicht hole.

Ich wunderte mich nicht wenig über die Schamlosigkeit der Leute, aber sie brachte mich nicht aus der Fassung, und ich hielt an mich. Aber wegen der Art, wie sie sich gegen den armen Mann benommen hatten, sagte ich ihnen doch meine Meinung. Wie sie es nur übers Herz brachten, sich über diesen bejammernswerten Menschen, dem Gott die ganze Familie genommen hatte, lustig zu machen.

Ich erinnere mich nicht mehr an all die abscheulichen Scherze, die sie auf meine Rede hin gegen mich losließen, da sie besonders darüber aufgebracht waren, daß ich mir kein Blatt vor den Mund genommen hatte. Ich möchte auch all die gemeinen Flüche, Schimpfworte und ekelhaften Ausdrücke, die kaum der niederste Straßenpöbel in den Mund nimmt, nicht niederschreiben. Nur so ganz verhärtete Halunken konnten sich in einer Zeit des Schreckens, den die Hand des Schicksals jeden Augenblick auch auf sie schleudern mochte, so gehen lassen.

Das Greulichste dabei war, daß sie sich nicht fürchteten, Gott zu lästern und sich darüber lustig zu machen, daß ich die Pest eine Strafe Gottes nannte. Sie lachten über das Wort »Gericht«, als ob Gott keine Absicht dabei gehabt hätte, uns eine solche Heimsuchung aufzuerlegen. Und daß die Leute, wenn sie den Leichenkarren vorbeifahren sahen, Gott anriefen, fanden sie nur blödsinnig, lächerlich und unverschämt.

Ich machte, daß ich wegkam, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie das Gericht, das schwer über der ganzen Stadt lag, rächend auf sie niederbrach und auf alle, die zu ihnen gehörten.

Auf diese Weise trieben sie’s noch drei oder vier Tage, mehr war’s nicht. Dann traf den einen von ihnen die Seuche, und zwar gerade den, der den armen Mann am grausamsten verspottet hatte, und er ging auf die jämmerlichste Weise zugrunde. Kurz, einer nach dem andern wurde in die große Grube geworfen, ehe sie noch ganz voll war. –

Bisher hatten sich die Menschen eifrig in die Kirchen gedrängt, um die Barmherzigkeit Gottes in dieser Zeit des Schreckens anzurufen, aber als die Seuche in unserm Stadtteil nun immer ärger wurde, fing man an, sich zu scheuen, zur Kirche zu kommen, wenigstens war sie nicht mehr so voll wie früher. Das kam auch daher, weil viele der Geistlichen gestorben, andere aufs Land gezogen waren. Und wirklich, es bedurfte schon eines ordentlichen Mutes und eines starken Glaubens, in einer solchen Zeit nicht nur in der Stadt zu bleiben, sondern auch das Amt auszuüben und die Gemeinde mit christlichem Troste zu versehen, von der aller Wahrscheinlichkeit nach schon eine Menge angesteckt war, und das täglich oder an manchen Plätzen zweimal täglich durchzuführen. –

Ich erinnere mich an einen Mann, der aus seinem Hause in der Aldergate-Straße oder da herum ausbrach und die Straße nach Islington einschlug. Er versuchte im Wirtshaus zum »Engel« und dann im »Weißen Roß« unterzukommen, die auch jetzt noch so heißen, wurde aber abgewiesen. Dann kam er zu dem »Scheckigen Stier«, der auch noch das gleiche Zeichen trägt, und bat um ein Nachtquartier für nur eine Nacht, indem er vorgab, daß er sich nach Lincolnshire begeben wolle, auch völlig gesund und frei von jeder Ansteckung sei, die auch da draußen noch wenig Schaden getan hatte.

Man sagte ihm, daß kein Zimmer frei wäre, nur eine einbettige Dachstube und auch die nur für eine Nacht, da am nächsten Tage einige Viehtreiber erwartet würden. Da er damit zufrieden war, gab man ihm ein Dienstmädchen mit einer Kerze mit, um ihn hinaufzuführen. Er war sehr gut angezogen und sah nicht aus, wie jemand, der gewohnt war, in einer Dachstube zu schlafen. Als er das Loch sah, stieß er denn auch einen tiefen Seufzer aus und sagte zu dem Mädchen: »So ist es mir noch nie gegangen.« Das Mädchen versicherte ihm, daß sie’s nun einmal nicht besser hätten, worauf er meinte: »Schön, dann werd’ ich mich eben behelfen. Das ist eine schreckliche Zeit. Aber es ist ja nur für eine Nacht.« Er setzte sich auf das Bett und bat das Mädchen, ihm einen Krug Warmbier zu bringen. Das Mädchen ging also hinunter, aber irgendwie kam ihr der Auftrag aus dem Kopf, und sie ging nicht wieder nach oben.

Als am nächsten Morgen der Fremde nicht erschien, fragte irgend jemand das Mädchen, das ihn hinaufgeführt hatte, was denn aus ihm geworden sei? »Donnerwetter,« sagte sie, »ich sollte ihm ein Warmbier bringen, aber ich hab’s ganz vergessen.« Darauf wurde sie oder jemand anders hinaufgeschickt, um nach ihm zu sehen. Da lag er, quer über dem Bett, maustot und schon fast kalt. Die Kleider hatte er ausgezogen, sein Kinn war herabgefallen, die Augen starrten weitgeöffnet, und mit einer Hand krallte er sich in die Bettdecke. Es war ganz klar, daß er gleich, nachdem das Mädchen ihn verlassen hatte, gestorben war, und hätte sie ihm sein Warmbier gebracht, so würde sie ihn wahrscheinlich schon als Leiche gefunden haben. Der Schrecken im Hause war natürlich groß, wie sich jeder vorstellen kann, denn bisher waren sie von der Seuche verschont geblieben. Aber jetzt war die Ansteckung im Hause und verbreitete sich sofort in der Umgebung. Ich weiß nicht mehr, wie viele im Hause selbst starben, aber ich glaube, daß das Mädchen, auch aus Schrecken, sich gleich hinlegte, und ein paar andere auch. Bisher waren in Islington in der vorigen Woche nur 2 an der Pest gestorben, in der nächsten waren es schon 14. Das war in der Woche von 11. zum 18. Juli. –

Für nicht wenige Familien gab es ein Auskunftsmittel, wenn ihre Häuser verseucht wurden, und das war so. Die Leute, die beim ersten Ausbruch der Pest aufs Land hinaus geflohen waren, um sich dort bei ihren Freunden zu verbergen, übergaben meistens irgend jemand, sei es einem Nachbarn oder einem Verwandten, die Aufsicht über ihr Haus, ihre Waren, oder was es sonst war. Einzelne Häuser wurden tatsächlich vollständig verschlossen, vor die Türen kamen Vorhängeschlösser, Fenster und Eingänge wurden mit Brettern vernagelt, und nur selten vertraute man sie der Aufsicht der gewöhnlichen Wächter oder Kirchspielbeamten an.

Man berechnete, daß nicht weniger als etwa 1000 Häuser von ihren Inwohnern verlassen wurden, Stadt und Vorstädte sowie das andere Ufer in Surrey zusammengenommen. Dabei waren die Einzelmieter natürlich nicht mitgezählt, so daß die Gesamtzahl der Geflüchteten wohl auf rund 200 000 angenommen werden konnte. Darüber später noch mehr, für jetzt möchte ich nur bemerken, daß jene, die über zwei Häuser die Aufsicht hatten, in Krankheitsfällen regelmäßig die gesund Gebliebenen, Kinder, Dienerschaft und alles in das zweite Haus schafften, ehe sie dem Visitator oder einem anderen Beamten von der Verseuchung Anzeige machten. Das taten sie erst dann, besorgten eine Pflegerin für die erkrankte Person und sahen zu, daß sie außerdem noch irgend jemand fanden, was für Geld leicht möglich war, der sich mit einschließen ließ und nach dem Rechten sah, falls jene sterben sollte.

Auf diese Weise wurden in vielen Fällen ganze Familien gerettet, die, wenn sie mit dem Kranken abgesperrt worden wären, unvermeidlich zugrunde gegangen wären. Andererseits war das ein anderer Nachteil der Häuserabsperrung. Denn die Angst, eingeschlossen zu werden, ließ viele mit ihren Familien fliehen, die, wennschon es noch nicht offen zutage trat und sie auch noch leidlich sich wohl fühlten, doch die Ansteckung schon im Leibe trugen. Da sie nun völlig frei waren, herumzugehen wo sie wollten, dabei aber doch genötigt waren, die näheren Umstände zu verbergen, auch wohl selbst gar nicht wußten, wie es um sie stand, so steckten sie wieder andere an und verbreiteten die Seuche in der schrecklichsten Weise.

In meinem Hausstand hatte ich nur eine ältliche Person, die mir den Haushalt führte, ein Dienstmädchen und zwei Lehrlinge, und wie nun die Seuche um uns herum zunahm, dachte ich oft bekümmert darüber nach, was ich tun und wie ich handeln sollte. All das Grauenvolle, das ich auf meinen Gängen durch die Straßen sehen mußte, hatte mein Herz mit tiefem Entsetzen erfüllt und mit Furcht vor der Seuche selbst, die wirklich fürchterlich genug war, viel ärger als andere Krankheiten. Wenn die Geschwülste, die meist am Genick oder in der Leistengegend auftraten, hart wurden und nicht aufgingen, verursachte das solche Schmerzen, wie sie die raffinierteste Tortur kaum hätte hervorbringen können. Manche, die sie nicht aushalten konnten, sprangen zum Fenster heraus, schossen sich eine Kugel vor den Kopf oder räumten sich auf andere Weise aus dem Leben, wie ich selbst nur zu oft gesehen habe. Andere, die unfähig waren, sich zu beherrschen, suchten ihre Qual durch beständiges Gebrüll zu erleichtern. Es war unsagbar gräßlich, das Geschrei dieser Elenden zu hören, wenn man durch die Straßen ging. Es ging durch Mark und Bein, und dabei mußte man noch daran denken, daß das gleiche schauerliche Schicksal jeden Augenblick über einen selber kommen könne.

Ich muß gestehen, daß mir mein Entschluß nun leid wurde, daß mich der Mut verließ, und ich oft meine Unbesonnenheit bereute, in der Stadt geblieben zu sein, wenn beim Nachhausekommen die entsetzlichen Bilder auf meine Seele drückten. Oft wünschte ich, ich hätte mich meinem Bruder und seiner Familie angeschlossen.

Manchmal faßte ich in meiner Angst den Entschluß, nicht mehr auszugehen und blieb auch drei oder vier Tage dabei. Diese verbrachte ich dann im Gebet und ernstlichem Nachdenken über die Gnade Gottes, die mich bisher erhalten hatte. Außerdem las ich viel und beschäftigte mich damit, ein Tagebuch zu führen, in das ich alle täglichen Vorfälle eintrug, und das mir auch zur Abfassung dieses Buches gedient hat. Daneben schrieb ich Betrachtungen über theologische Fragen, wie sie mir in solcher Zeit einfielen. Ich selbst hatte davon einen großen Nutzen, aber für fremde Augen sind sie nicht bestimmt, und daher sei darüber geschwiegen.

Ich besaß einen sehr guten Freund, einen Arzt, namens Heath, den ich in dieser Unglückszeit häufig aufsuchte. Ich bin ihm vielen Dank schuldig für manchen Ratschlag, den er mir gab, um beim Ausgehen die Ansteckung zu vermeiden. So hatte ich auf der Straße beständig ein Gegenmittel im Mund. Dieser Dr. Heath kam auch oft zu mir, und da er ein ebenso guter Christ als Arzt war, war mir seine Gesellschaft, mitten unter all diesen Schrecken, sehr viel wert.

Es war jetzt Anfang August, und die Seuche nahm in unserer Gegend eine schreckliche Ausdehnung an. Dr. Heath, der hörte, daß ich häufig ausging, ermahnte mich aufs Ernstlichste, mich mit meinem ganzen Haushalt einzuschließen, kein Fenster zu öffnen, die Laden vorzulegen und die Vorhänge herabzulassen. Zuerst aber, erklärte er mir, müßte ich, während Fenster und Türen offenstanden, die Zimmer mit Harz, Pech, Schwefel und Schießpulver gut ausräuchern. Eine Weile folgten wir auch seinem Rat, da ich mir aber keine Vorräte zugelegt hatte, war es unmöglich, gänzlich zu Hause zu bleiben. Doch versuchte ich, diesem Mangel, so gut es noch gehen wollte, abzuhelfen. Backen und Brauen konnte ich zu Hause, so ging ich aus und kaufte zwei Sack Mehl, und einige Wochen lang bereiteten wir unser Brot im eigenen Backofen. Auch Malz hatte ich erstanden, und braute nun so viel Bier, als meine Fässer halten konnten, was für fünf oder sechs Wochen reichen mochte. So versorgte ich mich auch mit gesalzener Butter und Cheshire-Käse, aber Fleisch hatte ich nicht, und die Seuche wütete so entsetzlich unter den Schlächtern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sie ihre Läden hatten, daß es nicht ratsam war, sich hinzuwagen.

Ich darf nicht verschweigen, daß diese Notwendigkeit, sich mit Lebensmitteln zu versehen und dazu auszugehen, in hohem Grade zur Verseuchung der Stadt beitrug, denn die Leute steckten sich dabei gegenseitig an, und auch die Lebensmittel waren nach meiner Überzeugung oft verpestet. Daher glaube ich auch nicht, trotzdem es oft mit Bestimmtheit versichert wurde, daß die Leute, die Lebensmittel von außen her in die Stadt brachten, niemals angesteckt wurden. Das weiß ich sicher, daß die Metzger in Whitechapel, wo am meisten geschlachtet wurde, von der Seuche in solchem Grade heimgesucht worden waren, daß nur ganz wenige Läden noch offen waren. Die Überlebenden schlachteten in Mile-End und brachten das Fleisch auf Pferden zu Markt.

Wie dem nun aber auch sei, die arme Bevölkerung konnte sich keine Vorräte aufspeichern und war gezwungen, auf den Markt zum Einkaufen zu gehen, oder Kinder und Dienstboten hinzuschicken, und das täglich. So kamen Haufen von verseuchten Leuten auf den Markt, und viele, die gesund hingegangen waren, brachten von dort den Tod heim.

Freilich beobachtete man alle mögliche Vorsicht. Wenn einer ein Stück Fleisch kaufte, ließ er sich’s nicht vom Metzger geben, sondern nahm es selbst vom Haken. Und der Metzger berührte das Geld dafür nicht, sondern es mußte in einen Topf mit Essig gelegt werden, der eigens dazu da stand. Jeder Käufer hatte sich mit kleinem Gelde versehen, um das Wechseln unnötig zu machen. Man trug Flaschen mit allerlei Gerüchen in der Hand und gebrauchte auch sonst jede nur erdenkliche Vorsichtsmaßregel, aber für die Armen kam das alles nicht in Frage, und sie waren jeder Gefahr ausgesetzt.

Zahllose Schauergeschichten liefen darüber um. Zuweilen fiel ein Mann oder eine Frau auf dem offenen Marktplatz tot um. Denn viele Leute hatten die Pest in sich, ohne es zu wissen, bis der inwendige kalte Brand sich auf die wichtigsten Körperteile warf, worauf sie dann in wenigen Minuten starben. Manchen ging es so, ohne das geringste Vorzeichen, andere hatten vielleicht noch Zeit, die nächste Bude zu erreichen oder sich an irgendeiner Tür zusammenzukauern, ehe der Tod sie ereilte.

Das kam so oft vor, als die Seuche bei uns ihren Höhepunkt erreicht hatte, daß man kaum über die Straße gehen konnte, ohne da und dort auf der Erde Leichen liegen zu sehen. Im Anfang blieben die Leute noch stehen und riefen den Nachbarn zu, herauszukommen, bald aber beachtete man es kaum mehr. Nur daß man acht gab, nicht in die Nähe des Leichnams zu kommen, oder, wenn das in einer engen Gasse oder einem Durchgang nicht möglich war, wieder umkehrte. In solchen Fällen blieb die Leiche liegen, bis die damit Beauftragten benachrichtigt wurden und sie holten. Oder auch bis zur Nacht, wenn die Leichenträger mit ihrem Karren des Wegs kamen und sie mitnahmen. Dann wurden erst von diesen vermessenen Gesellen die Taschen geleert und, wenn der Tote gut angezogen war, ihm die Kleider abgezogen.

Um aber noch einmal vom Markt zu sprechen, so hatten die Fleischer immer irgendeinen Amtsdiener zur Hand, der einen plötzlich Verstorbenen auf einen Schubkarren lud und ihn zum nächsten Kirchhof fuhr. Das geschah so häufig, daß man jene, die tot auf den Straßen oder auf dem Felde gefunden wurden, gar nicht mehr ins Sterberegister eintrug, sie verloren sich eben in der Masse der Pestopfer.

Nach und nach steigerte sich aber die Seuche in solchem Grade, daß nur noch wenige Lebensmittel zu Markt gebracht wurden. Auch die Käufer wurden selten, und der Lordmayor verfügte, daß die Leute vom Lande, die etwas brachten, vor der Stadt aufgehalten würden, um dort ihre Waren zu verkaufen und dann sofort wieder umzukehren. Das war ihnen auch sehr recht, denn so schlugen sie ihre Waren schon beim Eintritt in die Stadt los, ja selbst auf dem Felde, besonders über Whitechapel hinaus in Spittlefields. Was man jetzt so nennt, war damals wirklich freies Feld, ebenso in Woods Close bei Islington, wohin der Lordmayor, die Ratsherren und Beamten ihre Diener schickten, um für ihre Familien einzukaufen. Diese Maßregel kam dem Landvolk sehr gelegen. Die Leute brachten nun alle Arten von Lebensmitteln und kamen nur selten zu Schaden, was wahrscheinlich zu den wunderbaren Geschichten über ihre Ansteckungsunfähigkeit beitrug.

Was nun meinen kleinen Hausstand anbetrifft, so hatte ich mir, wie gesagt, Vorräte von Brot, Butter, Käse und Bier zugelegt und folgte nun dem Rate meines Freundes, zu Hause zu bleiben. Lieber wollte ich mich ein paar Monate ohne Fleischnahrung behelfen, als sie mit Gefahr meines Lebens bezahlen zu müssen.

Aber obwohl ich meine Hausgenossen abschloß, konnte ich selbst meine Neugierde doch nicht gänzlich unbefriedigt lassen. Ich mußte hinaus, zwar nicht so häufig wie früher und obschon ich stets mit schwerem Herzen und ganz trübsinnig wieder nach Hause kam.

Einen Grund auszugehen hatte ich ja, nämlich in dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße nachzusehen, das er meiner Aufsicht unterstellt hatte. Anfangs ging ich täglich hin, später aber nur noch ein oder zweimal wöchentlich.

Auf diesen Gängen hatte ich die schrecklichsten Anblicke: Leute, die tot auf der Straße zusammenfielen, Geschrei und Geheul von Weibern, die in ihrer Todesangst die Fenster aufrissen und in herzzerreißender Weise hinausjammerten, kurz, es ist nicht zu beschreiben, zu welchen Anfällen die Verzweiflung die armen Leute brachte.

Als ich einmal durch den Hof von Tokenhouse in Lothbury kam, flog gerade über meinem Kopfe ein Fensterladen auf, und eine Weiberstimme schrie, daß mir das Blut in den Adern vor Entsetzen gerann, dreimal hintereinander: »O Tod – Tod – Tod!« Kein Mensch war auf der Straße, auch alle Fenster blieben geschlossen, denn niemand war mehr neugierig, und zu helfen war ja doch nicht. So ging denn auch ich weiter.

In der nächsten Straße gab es auch wieder ein fürchterliches Geschrei. Ich konnte hören, wie in einer Wohnung Kinder und Frauen durcheinander heulten wie die Wahnsinnigen. Plötzlich wurde gegenüber der Laden von einem Dachfenster zurückgeschlagen und jemand fragte, was es denn gäbe? Darauf kam aus dem ersten Hause die Antwort: »O Gott, mein alter Herr hat sich erhängt.« Der andere fragte: »Ist er denn schon tot?« und »Ja, tot und schon kalt!« tönte es zurück. Dieser Mann war Kaufmann, stellvertretender Ratsherr und sehr reich gewesen. Ich will seinen Namen nicht nennen aus Rücksicht auf die Familie, der es jetzt wieder ganz gut geht.

Aber das ist nur ein Fall. Es ist nicht zu glauben, was sich alles täglich ereignete. Leute, die durch die Glut des Fiebers oder die Qualen der Geschwülste den Verstand verloren, Hand an sich legten, zum Fenster heraussprangen, sich eine Kugel durch den Kopf jagten, Mütter, die in ihrem Wahnsinn die eigenen Kinder umbrachten; manche, die am Kummer oder an Entsetzen zugrunde gingen, ohne im mindesten angesteckt zu sein; andere, die blödsinnig wurden oder in Schwermut verfielen.

Die Qual der Schwellungen war sehr heftig, zuweilen ganz unerträglich. Man kann ruhig behaupten, daß die Ärzte manche der armen Geschöpfe einfach zu Tode marterten. Wenn die Geschwülste hart wurden, legten sie starke Zugpflaster oder Umschläge auf, um sie zu erweichen, und wenn das nicht half, schnitten sie an ihnen in der scheußlichsten Weise herum. Manchmal waren diese Geschwülste so hart, daß kein Instrument durchkam, dann brannten sie sie mit Ätzmitteln, daß die Leute nicht selten während der Operation verrückt wurden. Oft war niemand da, sie im Bett festzuhalten, so daß sie Gelegenheit fanden, mit sich ein Ende zu machen, andere rasten nackt auf die Straße und sprangen in den Fluß, wenn sie nicht von einem Wächter aufgehalten wurden.

Es ging einem durch Mark und Bein, das Stöhnen und Brüllen der so Gemarterten zu hören, und doch waren sie von allen an der Seuche Erkrankten noch am besten dran. Denn wenn die Geschwülste zum Aufbrechen oder, wie die Ärzte sagten, zur Entleerung des Eiters nach außen, gebracht werden konnten, wurde der Kranke meistens wieder gesund. Diejenigen aber, die, wie jenes junge Mädchen, den Tod schon im Leibe trugen, so daß die Flecken allmählich herauskamen, fühlten sich oft bis zum letzten Augenblick ganz wohl. Sie fielen hin wie die Epileptiker oder als hätte sie der Schlag getroffen. Bei solchen kam das Ende ganz plötzlich. Gerade, daß sie noch irgendwo sich hinkauern konnten, vielleicht daß sie noch ihre Wohnung erreichten, dann wurde es ihnen schwach, und sie starben. Ihr Tod war so wie beim kalten Brand, in Bewußtlosigkeit oder fast wie im Traum. Sie wußten kaum etwas davon, daß sie angesteckt waren, bis sich der Brand durch den ganzen Körper verbreitet hatte. Auch die Ärzte konnten erst dann Sicherheit geben, wie es mit ihnen stand, nachdem sie ihre Brust oder andere Körperteile entblößt und darauf die Merkmale der Pest gesehen hatten.

In dieser Zeit wurden die schauerlichsten Geschichten erzählt von Wächtern und gemieteten Pflegerinnen, die die Kranken in der schändlichsten Weise behandelten, sie verhungern ließen, erstickten oder auf andere Weise ums Leben brachten. Auch von den Wächtern, denen die Aufsicht über die abgesperrten Häuser übertragen war, sagte man, daß sie, wenn nur ein Kranker im Hause war, einbrachen, ihn ermordeten und gleich auf den Totenkarren warfen, ehe der Unglückliche noch ganz erkaltet war.

Ich glaube auch, daß manche solche Schändlichkeiten von ihnen begangen wurden. Zwei wurden festgenommen, starben aber, ehe die Verhandlung gegen sie stattfand. Drei andere sollen wegen Mordes hingerichtet worden sein. Aber häufig waren solche Verbrechen nicht, wie man später behauptet hat. Und was hätte es auch für einen Sinn gehabt, Leute umzubringen, die gänzlich hilflos waren und in den meisten Fällen doch sterben mußten?

Leugnen will ich ja nicht, daß Räubereien und ähnliche schlimme Dinge an der Tagesordnung waren. In gewissen Menschen ist die Habsucht so stark, daß sie auf jede Gefahr hin stehlen und rauben. Besonders in Häuser, von wo alle Inwohner schon als Leichen hinausgetragen worden waren, pflegten sie einzubrechen, ohne an die Ansteckungsgefahr zu denken, und schleppten selbst die Kleider der Gestorbenen und ihr Bettzeug fort.

So war es der Fall bei einer Familie in Houndsditch, wo man einen Mann und seine Tochter, deren Angehörige schon früher dem Leichenkarren verfallen waren, splitternackt in zwei Kammern auffand, tot auf der Erde, während all das Bettzeug verschwunden war. Wahrscheinlich hatten die Diebe die Leichen von den Betten heruntergeworfen und liegen lassen.

Bemerkenswert ist, daß während der ganzen Pestzeit die Weiber sich vor allen durch ihre Verworfenheit auszeichneten. Da eine Menge von ihnen als Pflegerinnen untergekommen war, hatten sie Gelegenheit, zu stehlen, wo es nur anging. Einige wurden öffentlich ausgepeitscht, statt daß man sie zum warnenden Beispiel gehängt hätte. Bis endlich die Kirchspielbeamten beauftragt wurden, die Pflegerinnen für die Kranken auszusuchen und sich erst nach ihrer Tauglichkeit zu erkundigen, so daß sie zur Rechenschaft gezogen werden konnten, wenn in dem betreffenden Hause etwas Verdächtiges vorkam.

Freilich erstreckten sich diese Diebstähle meist nur auf Kleider, Bettzeug und etwa herumliegendes Geld und Kostbarkeiten; zu einer allgemeinen Ausplünderung des Hauses kam es nicht. Von einer Pflegerin könnte ich erzählen, die später auf ihrem Totenbette mit dem größten Abscheu die Räubereien eingestand, die sie während der Ausübung ihres Berufes begangen hatte, und durch die sie recht wohlhabend geworden war. Was aber Morde anbelangt, so glaube ich nicht, daß außer den schon berichteten, irgendwelche sonst sich ereigneten.

Allerdings wurde mir von einer Pflegerin erzählt, die ein nasses Tuch auf das Gesicht der Kranken drückte, und sie so umbrachte, und von einer andern, die ein junges Frauenzimmer erstickte, als es ohnmächtig dalag, auch von sonstigen Greueltaten durch Verhungernlassen und was dergleichen mehr ist, aber diese Geschichten hatten immer zwei Eigenheiten, die sie verdächtig machten, einmal, daß ihr Schauplatz bei näherer Erkundigung stets an das andere und entfernteste Ende der Stadt verlegt wurde, dann, daß die Einzelheiten unweigerlich dieselben waren, so bei der Geschichte von dem nassen Tuch und der Erwürgung des jungen Frauenzimmers. Ich für meinen Teil wenigstens bin überzeugt, daß mehr vom Märchen als von Wahrheit darin war. –

Ein Bekannter aus meiner Nachbarschaft, der Geld von einem Ladenbesitzer in der Whitecroß-Straße zu fordern hatte, schickte seinen Lehrling, einen Jungen von etwa 18 Jahren, hin, um den Versuch zu machen, zu seinem Gelde zu kommen. Der Junge kam an die Tür, und da er sie verschlossen fand, pumperte er mit Gewalt dagegen. Er glaubte auch, irgend etwas innen zu hören, da er aber nicht sicher war, so wartete er eine Weile und wiederholte den Lärm so lange, bis er jemand die Treppe herabkommen hörte.

Endlich erschien der Hausherr an der Türe. Er hatte nur seine Unterhosen an, eine gelbe Flanellweste, keine Strümpfe, dagegen ein paar Pantoffel, eine weiße Mütze auf dem Kopfe und, wie der Junge sagte, auf seinem Gesichte den Tod.

»Warum läßt du mich nicht in Ruhe?« fragte er, während er die Türe öffnete. Der Junge antwortete ein wenig verlegen, er käme von dem und dem, um die Schuld einzutreiben, von der jener wohl wissen werde. »Schön, mein Junge,« sagte die lebende Leiche, »geh’, wenn du vorbeikommst, bei der Cripplegate-Kirche vor, und sage dort, man solle die Glocke läuten.« Damit schloß er die Türe, ging wieder hinauf und starb noch den gleichen Tag, vielleicht sogar in derselben Stunde. Der Junge hat’s mir selber erzählt, und ich habe keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Damals war die Seuche noch nicht auf ihrer Höhe. Es muß, scheint mir, im Juni gewesen sein, als man die Leichenkarren noch nicht eingeführt hatte, und noch die Glocke für jeden Toten läutete. Schon im Laufe des Juli wurde das anders, denn bei einer wöchentlichen Sterbeziffer von über 550 mußte man wohl oder übel mit den richtigen Beerdigungen aufhören, ob es sich um arm oder reich handelte. –

Ich habe schon erzählt, daß die Diebereien und Räubereien hauptsächlich von Weibern ausgeführt wurden. Eines Tages, ungefähr um die elfte Stunde, kam ich zu dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße, wohin ich öfters ging, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre. Vor dem Hause befand sich ein kleiner, mit einer Ziegelsteinmauer umgebener Hof, zu dem eine Türe führte. In dem Hof waren mehrere Schuppen, worin mein Bruder seine Waren aufbewahrte. In dem einen befanden sich einige Kisten mit hohen Deckelhüten für Frauen, die auf dem Lande, ich glaube für den Export, gemacht wurden.

Als ich mich dem Hause meines Bruders näherte, war ich erstaunt, drei oder vier Frauen zu begegnen, die hohe Deckelhüte auf dem Kopfe trugen; eine oder zwei von ihnen hatten auch noch welche in der Hand. Da ich sie aber nicht aus dem Hause selbst kommen sah, auch nicht wußte, daß mein Bruder solche Hüte führte, sprach ich sie nicht an, sondern ging meines Weges weiter im Bogen um sie herum, wie man’s aus Angst vor der Ansteckung jetzt gewöhnlich tat. Als ich aber an die Tür kam, traf ich auf noch eine Frau mit gleich ein paar von diesen Hüten in der Hand. »Darf ich wissen, werte Frau, was Ihr hier zu suchen habt?« fragte ich. »Es sind noch mehr Leute hier,« antwortete sie, »und ich habe hier ebensoviel zu suchen wie jene.« Auf das hin schwieg ich und beeilte mich, an die Tür zu kommen, und die Frau ging weg. Gerade, als ich an der Tür war, sah ich zwei weitere Frauen über den Hof kommen, auch mit Hüten auf dem Kopfe und unter dem Arme. Nun schlug ich die Tür hinter mir zu, die einschnappte, und wandte mich an die beiden. »Was habt ihr hier zu tun?« fragte ich und nahm ihnen die Hüte weg. Die eine von ihnen sah gar nicht nach einer Diebin aus, das muß ich gestehen. »Es war wohl unrecht von uns,« entgegnete sie, »aber man sagte uns, daß die Sachen hier herrenlos wären. Nehmt sie nur wieder und seht dorthin, wenn’s Euch beliebt, dort gibt’s noch mehr Kunden.« Sie fing dabei zu weinen an und machte dazu ein so jämmerliches Gesicht, daß ich die Türe öffnete und die zwei gehen hieß, denn sie taten mir wirklich leid. Als ich dann aber nach dem Schuppen zu schaute, erblickte ich sechs oder sieben andere, die sich alle mit Hüten ausstaffierten, so ruhig und unbefangen, als wenn sie bei einem Hutmacher wären und für ihr gutes Geld etwas kauften.

Ich war nicht wenig in Verlegenheit, die andern aber auch, wenn auch nicht aus demselben Grunde. Sie meinten alle, sie kämen aus der Nachbarschaft, hätten gehört, daß es hier Sachen gäbe, die niemand gehörten und mehr dergleichen. Zuerst fuhr ich gewaltig auf sie los, ging zur Türe, schloß ab und drohte, sie alle im Schuppen einzusperren und dann die Polizei herbeizuholen. Nun verlegten sie sich aufs Bitten, sagten, sie hätten die Tür offen gefunden, und sicher wäre schon früher jemand eingebrochen, der es auf viel Wertvolleres abgesehen hatte. Unwahrscheinlich war das gerade nicht, denn das Schloß war kaput und das Vorhängeschloß auch verdorben, und schließlich waren noch nicht recht viele Hüte gestohlen worden. So überlegte ich mir denn, daß man in einer solchen Zeit nicht so strenge sein dürfe, und daß ich im Falle einer Anzeige ein ewiges Herumgelaufe hätte, von einem zum andern, über deren Gesundheit ich nichts wußte, und daher leicht, statt einen Schadenersatz zu bekommen, mein eigenes Leben verlieren könne. Ich begnügte mich also, die Namen und Wohnungen von einigen aufzuschreiben und ihnen anzudrohen, daß mein Bruder sie zur Rechenschaft ziehen würde, wenn er zurückkehrte.

Dann zog ich andere Saiten auf und fragte sie, woher sie den Mut hernähmen, in dieser Unglückszeit und angesichts von Gottes Gericht, sich so aufzuführen. Vielleicht stände die Pest schon vor ihrer Türe oder wäre schon ins Haus gedrungen, und der Leichenkarren hielte in wenigen Stunden davor, um sie auf den Kirchhof zu bringen.

Ich kann nicht sagen, daß meine Rede einen großen Eindruck auf sie machte. Später kamen noch zwei Männer aus der Nachbarschaft, die von dem Vorfall gehört hatten und einige der Frauen kannten. Sie konnten mir ihre Namen und Wohnungen angeben; es scheint aber nicht, daß die Frauen mich vorher, als ich diese niederschrieb, angeschwindelt hatten. Bei diesen beiden Männern fällt mir etwas Merkwürdiges ein. Der eine hieß John Hayward und war seines Zeichens zweiter Küster im Kirchspiel von St. Stephan, wobei unter »zweiter Küster« damals der Totengräber und Leichenträger verstanden wurde. Er half bei der Beerdigung sämtlicher Leichen in diesem großen Kirchspiel, und als das förmliche Beerdigen aufhörte, begleitete er den Leichenkarren und holte die Toten aus den Häusern und Wohnungen. Oft konnte er mit dem Karren nicht bis ans Haus kommen, denn in der ganzen Gegend gab es und gibt es jetzt noch von ganz London die meisten Durchgänge, wo kein Karren Platz fand und man die Leichen oft eine lange Strecke weit tragen mußte. Oft gebrauchte man auch eine Art von Schubkarren, auf den man die Toten legte und bis zum Karren hinfuhr. All das machte der Mann, und bekam doch niemals die Pest, sondern lebte nach ihrem Erlöschen noch gut 20 Jahre, blieb auch bis zu seinem Tode im Amte. Sein Weib war zur gleichen Zeit Pflegerin, bekannt wegen ihrer Ehrlichkeit, und auch sie wurde nicht angesteckt. Er selbst benutzte niemals ein Gegenmittel gegen die Seuche, als daß er Knoblauch und Raute im Munde hatte und viel rauchte. Sein Weib pflegte sich den Kopf mit Essig zu waschen und ihre Haube beständig mit Essig anzufeuchten. Wurde der Gestank der Kranken zu stark, so schnupfte sie mit der Nase Essig auf und hielt ein ebenso getränktes Taschentuch vor den Mund. –

Man muß zugeben, daß die Armen, unter denen die Seuche am meisten wütete, sich auch am wenigsten darum scherten, und ihren Geschäften mit einer Art von rohem Mut nachgingen. Ich kann ihn nicht anders nennen, denn er stützte sich weder auf Vernunft noch Frömmigkeit. Selten, daß sie irgendeine Vorsicht beobachteten. Wenn sie nur Beschäftigung fanden, ganz gleich, ob sie gefährlich war, ob nicht. Zu den ersteren gehörte die Pflege der Kranken, die Bewachung der verseuchten Häuser, das Wegschaffen von Kranken nach dem Pesthause und das allerschlimmste, das Wegführen der Leichen in die Massengräber.

Es war im Beisein jenes John Hayward, daß die Geschichte mit dem Sackpfeifer passierte, die den Leuten so viel Vergnügen machte. Er versicherte mir, daß sie wahr wäre. Es hieß, er wäre blind gewesen, aber John sagte mir, daß das nicht der Fall war, nur wäre er ein elender, jämmerlicher, armer Teufel gewesen. Nachts gegen zehn Uhr trat er gewöhnlich seine Runde an und wanderte mit seiner Sackpfeife von Tür zu Tür. Die Leute zogen ihn dann in die Wirtshäuser herein, wo er bekannt war, und gaben ihm zu essen und zu trinken und manchmal auch Geld, wofür er dann sang, die Sackpfeife spielte und komische Reden hielt, die seine Zuhörer belustigten. So lebte er, aber damals freilich waren schlechte Zeiten für solche Unterhaltungen. Nichtsdestoweniger trieb’s der Bursche weiter, wie er’s gewohnt war, ging aber dabei fast zugrunde. Fragte ihn jemand, wie’s ihm ginge, so pflegte er zu antworten: noch hätte ihn der Leichenkarren nicht geholt, aber für die nächste Woche wär’s ihm versprochen.

Eines Nachts hatte er mehr als gewöhnlich zu essen bekommen, und da er daran nicht mehr gewöhnt war, legte er sich auf das Dach einer Bude und schlief fest ein. Auf dasselbe Dach legte man nun, als durch die Glocke das Nahen des Leichenkarrens sich anzeigte, einen Toten, der eben an der Pest gestorben war, weil die Leute wohl meinten, da läge so schon einer.

Als nun John Hayward mit seinem Karren daherkam und zwei Tote auf dem Dach der Bude liegen sah, zog er sie mit dem Hacken, der dazu gebraucht wurde, herab und warf sie auf den Karren, was den Sackpfeifer in seinem Schlaf nicht störte. Dann ging’s weiter, und sie luden, wie mir John erzählte, so viele Leichen auf, daß sie den guten Sackpfeifer fast lebendig begruben. Er aber schlief immer weiter. Endlich gelangten sie zu dem Ort, wo die Leichen begraben werden sollten, wenn ich mich recht erinnere, bei Mountmill. Als nun der Karren hielt und die Leute sich fertig machten, ihre Ladung in die Grube zu werfen, erwachte der Bursche, machte mit einiger Anstrengung seinen Kopf unter den Leichen frei, stemmte sich auf und rief: »Hoho, wo bin ich denn?« Der eine von den Leuten entsetzte sich darüber nicht schlecht, John aber faßte sich schnell und sagte: »Beim Himmel, da ist einer auf dem Karren, der noch nicht ganz tot ist.« Darauf fragte der andere: »Wer bist du?« – »Ich bin der arme Sackpfeifer,« antwortete der Bursche, »aber wo bin ich denn?« – »Wo du bist!« meinte John Hayward, »nun, du bist auf dem Leichenkarren und sollst jetzt begraben werden.« – »Ja, bin ich denn tot?« fragte er, worauf sie nun doch lachen mußten, obwohl sie zuerst nicht wenig erschrocken waren. Dann halfen sie dem Burschen herab, und er machte sich davon.

Ich weiß, die Geschichte wird so erzählt, daß er auf dem Karren zu spielen anfing, und die Träger dadurch dermaßen in Schrecken setzte, daß sie davon liefen, aber davon wußte John Hayward nichts. Er erzählte die Sache genau so, wie ich sie wiedergegeben habe. –

Von dem Augenblick an, als man sah, daß die Seuche sich über die ganze Stadt verbreiten würde, und jeder floh, der es nur irgend möglich machen konnte, stockte aller Handel vollständig, bis auf die Geschäfte, die zur unmittelbaren Erhaltung des Lebens notwendig waren.

Das war eine so ernsthafte Sache, die die Lage der Bevölkerung aufs Schwerste in Mitleidenschaft zog, daß ich ins einzelne gehen muß. Ich will in folgendem die verschiedenen Volksklassen zusammenfassen, die dadurch sofort in verzweifelte Umstände gerieten.

Es wurden arbeitslos:

1. Alle Werkmeister in den Fabriken, besonders jenen, die Putz, Modeartikel, Kleider und Möbel herstellten; die Band- und Bortenwirker, die Verfertiger von Gold- und Silberspitzen, die Gold- und Silberdrahtzieher, die Näherinnen, Putzmacherinnen, Schuhmacher, Hut- und Handschuhmacher, dann die Tapezierer, Kunsttischler, Spiegelglaser und zahllose Arbeiter, die von ihnen abhingen. Die Werkmeister hörten auf und entließen alle ihre Arbeiter und Hilfsarbeiter.

2. Da der Handel gänzlich aufgehört hatte (denn nur wenige Schiffe wagten sich noch flußaufwärts, und hinaus ging gar keines), wurden mit einem Male alle überzähligen Zollbeamten, die Bootführer, Fuhrleute, Träger und alle die sonst mit dem Handel zu tun hatten, entlassen und arbeitslos.

3. Alle Bauarbeiter hatten nichts mehr zu tun, denn niemand hatte Lust, sich ein Haus zu bauen, zu einer Zeit, da Tausende leer standen, so daß dadurch alle Maurer, Ziegelträger, Schreiner, Zimmerleute, Stukkateure, Zimmermaler, Glaser, Schlosser und Dachdecker überflüssig wurden.

4. Da es keine Schiffahrt mehr gab, waren alle Seeleute ohne Beschäftigung und mit ihnen alle jene, die mit dem Bau und der Schiffsausrüstung zu tun hatten, die Schiffszimmerleute, Kalfaterer, Tau- und Segelmacher, Ankerschmiede, Figurenschnitzer, Kanonengießer, Lichtzieher u. a. m. Ihre Werkmeister konnten vielleicht von ihren Ersparnissen leben, aber der Handel lag so gänzlich darnieder, daß alle Arbeiter entlassen werden mußten. Dazu kam, daß auch der Bootsverkehr auf dem Flusse aufgehört hatte, und damit auch die Bootführer, Leichterführer, Bootbauer und was sonst noch damit zusammenhängt, arbeitslos geworden waren.

5. Alle schränkten sich soviel als möglich ein, sowohl die Geflohenen als jene, die in der Stadt geblieben waren, so daß eine Unmenge Dienstpersonal, Tagelöhner, Buchhalter und besonders Dienstmädchen entlassen wurden und ohne Hilfe auf der Straße lagen – und das war wirklich eine schlimme Sache.

Ich könnte noch ausführlicher werden, aber es mag genügen, im allgemeinen festzustellen, daß jedes Geschäft aufhörte und damit den Armen die Arbeit und alle Möglichkeit, ihr Brot zu verdienen, abgeschnitten war. Im Anfang war denn auch ihre Lage schrecklich, bis die Wohltätigkeit sie ein wenig milderte. Viele flohen gleich hinaus aufs Land, die meisten aber blieben in London, bis der äußerste Mangel sie wegtrieb. Aber der Tod folgte ihnen auf ihrem Wege, und wirklich konnten sie als Boten des Todes gelten, denn sie trugen die Ansteckung hinaus und verbreiteten sie bis in die entferntesten Orte des Reiches.

Von den entlassenen Dienstmädchen dagegen kamen viele als Pflegerinnen unter.

In gewisser Weise muß man, so traurig es klingt, es als eine Erlösung bezeichnen, daß die Pest in der schlimmsten Zeit 30–40 000 dieser armen, arbeitslosen Leute hinwegraffte, die sonst eine unerträgliche Last bedeutet hätten. Die ganze Stadt hätte sie weder erhalten noch mit Nahrung versorgen können, und so wären sie dazu gezwungen worden, in der Stadt selbst oder der Umgegend zu plündern, um sich durchzubringen, was früher oder später das reinste Chaos herbeigeführt hätte. Die meisten starben im August und September, in welchen beiden Monaten die Sterberegister fast 50 000 Opfer verzeichneten. Genau waren diese Register freilich nicht, soviel ich glaube, und es konnte auch nicht wohl anders sein bei der allgemeinen Verwirrung. Die Leichenkarren arbeiteten doch nur bei Nacht, und in einigen Kirchspielen wurden die Toten überhaupt nicht eingetragen, da Küster und Schreiber wochenlang fehlten.

Wenn ich sage, daß die Kirchspielbeamten in ihren Angaben nicht zuverlässig waren, so muß man anderseits berücksichtigen, daß das auch in einer solchen Zeit kaum möglich gewesen wäre. Viele von ihnen erkrankten selbst und starben vielleicht zur gleichen Stunde, als sie ihre Listen fertig hatten. In Stepney allein wurden während des Jahres 116 Küster, Totengräber, Leichenwagenkutscher und Träger von der Seuche hinweggerafft.

Die Arbeit, die sie auszuführen hatten, erlaubte ihnen auch wirklich nicht, genaue Listen von den Toten aufzunehmen, die in der Nacht alle durcheinander in die Gruben hineingeworfen wurden, denen niemand ohne die äußerste Gefahr nahe kommen konnte. In Aldgate, Cripplegate, Whitechapel und Stepney gaben die wöchentlichen Listen 5, 6, 7 und 800 Tote an, während nach meiner Überzeugung und der meiner Mitbürger manchmal an 2000 in der Woche in diesen Kirchspielen starben. Von einem, der es wissen mochte und mich unter der Hand Einsicht in seine Aufzeichnungen nehmen ließ, erfuhr ich, daß er die Anzahl, der in einem Jahre an der Seuche Verstorbenen, auf 100 000 berechnete, während die offiziellen Totenregister sie nur mit 68 590 angaben.

Und nach dem, was ich mit eigenen Augen sah und von anderen hörte, die auch Augenzeugen waren, glaube ich auch, daß 100 000 nicht zu hoch gegriffen war, außer denen, die auf den Landstraßen, auf freiem Feld oder in verborgenen Schlupfwinkeln zugrunde gingen. Es war allgemein bekannt, daß eine Menge armer verseuchter Geschöpfe, die schon halb blödsinnig durch ihr Elend geworden waren, aufs freie Feld oder in die Wälder wanderte, um hinter einem Busch oder einer Hecke das Ende zu erwarten.

Die Bewohner der anliegenden Dörfer brachten ihnen aus Mitleid Nahrung, die sie in einiger Entfernung hinstellten, damit jene sie holen konnten, wenn sie dazu noch imstande waren, was oft genug nicht der Fall war. Kamen sie dann das nächste Mal, so fanden sie den armen Teufel tot und die Nahrung unberührt. Ich weiß von vielen, die auf diese Weise zugrunde gingen, und könnte die Stellen so genau bezeichnen, daß ich mich anheischig machen wollte, ihre Gebeine dort auszugraben. Die Bauern gruben nämlich etwas entfernt davon ein Loch und zogen mittels langer Stangen, an denen ein Hacken befestigt war, die Leichen hinein, worauf sie von weit her, so gut es gehen wollte, Erde darauf warfen. Dabei beobachteten sie genau, woher der Wind kam, um nicht durch den Geruch angesteckt zu werden. Viele, viele Leute verließen so die Welt, ohne daß es jemals bekannt wurde.

Ich weiß das hauptsächlich vom Hörensagen, denn ich selbst kam selten soweit hinaus, außer nach Bethnalgreen und Hackney. Geschah es aber einmal, so sah ich immer aus der Entfernung eine Menge dieser armen Leute. Näheres konnte ich freilich nicht über sie in Erfahrung bringen, denn ob in der Stadt oder draußen wich man stets jedem aus, den man herankommen sah.

Und da ich gerade vom Ausgehen spreche, muß ich doch erwähnen, was für ein gottverlassener Ort die Stadt in jener Zeit war. Die Straße, in der ich wohnte, ist eine der breitesten in den Vorstädten, aber die ganze Seite, wo die Fleischer wohnten, besonders außerhalb der Schlagbäume, glich eher einer grünen Wiese als einer gepflasterten Straße. Es ist richtig, daß sie am äußersten Ende, gegen Whitechapel zu, nicht gepflastert war, aber auch auf dem gepflasterten Teile wuchs das Gras ganz dicht. Das darf nicht weiter wundernehmen, wenn man hört, daß auch in den großen Straßen in der inneren Stadt, wie der Leadenhall und Bishopsgate-Straße, in Cornhill und sogar vor der Börse große Grasflecken waren. Kein Wagen, keine Kutsche war von morgens bis abends auf den Straßen zu sehen, höchstens einige Bauernkarren, die Bohnen, Erbsen, Heu und Stroh auf den Markt brachten. Aber auch diese waren sehr spärlich. Droschken wurden nur gebraucht, um Kranke ins Pesthaus zu schaffen oder von Ärzten bei ihren Krankenbesuchen. Denn diese Droschken waren unheimliche Dinger, und die Leute hatten wenig Lust, sie zu benutzen, weil man nie wußte, wer zuvor damit befördert worden war. Wie gesagt: man brachte damit die Kranken ins Pesthaus und andere Krankenhäuser, und manchmal kam’s vor, daß sie während der Fahrt darin starben.

Solange die Seuche am ärgsten wütete, ließen sich nur sehr wenige Ärzte zu Krankenbesuchen bereitfinden. Die berühmtesten waren tot, wie auch viele von den Wundärzten, denn durch einen ganzen Monat starben täglich 15–1700 – Tag aus Tag ein.

Zu dieser Zeit war die Arbeit, die Leichen auf Karren wegzuschaffen, so widerwärtig und gefährlich geworden, daß Klagen ergingen, die Träger gäben sich keine Mühe mehr, sie aus den Häusern zu bringen, die ganz ausgestorben waren, sondern ließen die Leichen darin liegen, daß die Nachbarn es vor Gestank nicht mehr aushalten konnten und angesteckt wurden. Diese Pflichtvergessenheit nahm so zu, daß die Kirchenvorsteher und Polizisten beauftragt wurden, der Sache nachzugehen. Selbst die Friedensrichter mußten sich dazu herbeilassen, den Leuten Mut zuzusprechen, denn zahllose Träger starben an der Ansteckung durch die Leichen, und wäre nicht die Anzahl jener, die Arbeit und Brot um jeden Preis suchten, so groß gewesen, würde man kaum noch jemand zu solcher Arbeit gefunden haben, und die Leichen wären überall halb verfault herumgelegen.

Man kann den Behörden nicht genug Dank wissen, für die Art und Weise, wie sie sich des Beerdigungswesens annahmen. Sobald einer der Leichenträger der Seuche erlegen war, füllten sie seinen Platz sogleich mit einem anderen aus, was, wie gesagt, bei der Masse der Arbeitslosen nicht allzu schwer war, so daß man alles in allem niemals sagen konnte, die Lebenden wären nicht imstande gewesen, ihre Toten zu begraben.

Je weiter die Seuche fortschritt, desto mehr nahm auch die Verwirrung der Bevölkerung zu. Was die einen in ihrem Fieberwahn, andere in der Qual der Krankheit alles taten, ist nicht zu sagen. Einige trieben sich schreiend und weinend mit gerungenen Händen in den Straßen umher, andere betend mit zum Himmel erhobenen Händen, um Gottes Barmherzigkeit anzuflehen. Ich glaube, daß man sich noch des berüchtigten Salomon Eagle erinnert, der, zwar nur im Kopfe angesteckt, manchmal völlig nackt, eine Pfanne mit glühenden Kohlen auf dem Kopfe, durch die Straßen rannte und der Stadt das Gericht des Herrn verkündete.

Ich will ja nicht entscheiden, ob dieser Geistliche wirklich verrückt war oder nicht, und alles nur aus Mitleid mit den armen Leuten tat, die jeden Abend durch Whitechapel zogen und mit aufgehobenen Händen immer wieder flehten: »Verschone uns, lieber Gott, verschone dein Volk, das du durch dein heiliges Blut erlöst hat.« Ich kann nicht gut über all diese Dinge sprechen, weil ich sie nur aus meinem Fenster sah, denn ich öffnete selten die Läden, solange die Pest am ärgsten wütete, und viele glaubten, daß kein einziger übrigbleiben würde. Ich selbst glaubte das auch und hielt mich über zwei Wochen im Hause. Aber dann konnte ich nicht mehr. Übrigens gab es immer Leute, die trotz aller Gefahr den Gottesdienst nicht versäumten, sogar in der ärgsten Zeit. Freilich hatten manche Pfarrer ihre Kirchen geschlossen und waren geflohen wie die anderen Leute auch, aber doch nicht alle. Einige übten ihr Amt aus und hielten Gebetsversammlungen ab mit kurzen Predigten oder Ermahnungen zur Buße und Besserung, solange man sie nur hören wollte. Die Dissenters machten es gerade so, auch in den Kirchen, deren Pfarrer tot oder geflüchtet waren, und es war auch wirklich keine Zeit für Religionsstreitigkeiten.

Die Gnade Gottes hatte mich bisher noch immer verschont, und ich fühlte mich völlig wohl, nur machte mich der lange Aufenthalt zu Hause in der geschlossenen Luft allmählich ungeduldig. Endlich hielt ich’s nicht mehr aus und machte mich auf, einen Brief an meinen Bruder auf die Post zu tragen. Auf der Straße war kaum ein Laut zu hören. Als ich zur Post kam, sah ich einen Mann in einem Winkel des Hofes stehen und zu einem Fenster hinauf mit einem zweiten sprechen. Ein dritter stand an der offenen Tür des Amtsraumes. In der Mitte des Hofes lag ein kleiner Geldbeutel aus Leder, der Geld zu enthalten schien und an dem zwei Schlüssel hingen. Aber keiner wollte ihn anrühren. Ich fragte, wie lange er schon dort gelegen habe, und der Mann sagte mir aus dem Fenster, vielleicht eine Stunde, aber sie hätten sich nicht drum gekümmert, weil sie dachten, die Person, die ihn verloren habe, würde wieder zurückkommen. Ich war gerade beim Weggehen, als der Mann an der Tür meinte, er würde den Beutel doch aufheben, aber nur, um ihn dem rechtmäßigen Besitzer wieder zurückzugeben, falls er kommen sollte. Er holte also einen Eimer voll Wasser und stellte ihn neben den Beutel, dann warf er einen Haufen Schießpulver auf den Beutel und streute es in einer Linie noch etwa zwei Ellen weit, holte darauf eine rotglühende Feuerzange, die er offenbar schon vorbereitet hatte, und setzte das Pulver am äußersten Ende in Brand, um den Beutel und die Luft zu reinigen. Aber auch damit war er noch nicht zufrieden, sondern nahm den Beutel mit der Feuerzange auf, bis sie sich durch das Leder gefressen hatte, schüttelte das Geld ins Wasser aus und trug es erst dann mit dem Eimer hinein. Es waren, soweit ich mich erinnere, 13 Schillinge und einige Kupferpfennige und Heller.

Ungefähr um dieselbe Zeit machte ich einen Spaziergang über die Felder gegen Bow, denn ich war sehr neugierig zu erfahren, wie die Sachen auf dem Flusse und bei den Schiffen standen, und dachte, es wäre eigentlich das beste Mittel, sich vor der Seuche in Sicherheit zu bringen, sich auf einem Schiffe einzuquartieren. Unter solchen Gedanken war ich vom Wege etwas abgekommen und fand mich plötzlich an den Landungstreppen bei Blackwell. Hier traf ich einen armen Teufel, der ganz allein auf der Flußmauer auf und ab ging. Ich ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein und erfuhr, daß seine Familie nicht weit entfernt lebte. Eins von seinen Kindern war bereits an der Pest gestorben, die Frau und eins der beiden anderen Kinder war krank, und er erhielt sie als Bootsführer, indem er jeden Abend, was er verdient hatte, auf einen Stein in der Nähe der Wohnung niederlegte. Das Boot diente ihm nicht nur als Mittel, den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu gewinnen, sondern zugleich als Schlafstätte während der Nacht.

Ich fragte ihn dann weiter, wie er denn in der jetzigen Zeit zu Gelde käme, da doch niemand ein Boot brauche. »Doch Herr,« antwortete er, »ich kann mich schon nützlich machen. Seht Ihr dort, unterhalb der Stadt, die fünf Schiffe vor Anker liegen und dort oben weitere acht oder zehn? Sie alle haben Familien an Bord, von den Reedern und Besitzern, die sich dort aus Angst vor der Ansteckung hingeflüchtet haben. Ich besorge für sie, was sie brauchen, ihre Briefe, und was sonst nötig ist, damit sie nicht an Land kommen müssen. Nachts mache ich mein Boot dann an einem von ihren Schiffsbooten fest und übernachte darin, und Gott sei Dank, bin ich bis jetzt verschont geblieben.«

»Ja, läßt man Euch denn an Bord,« fragte ich, »wenn Ihr aus diesem so schrecklich verseuchten Orte kommt?«

»An Bord komme ich auch nur selten,« sagte er, »sondern lasse, was ich gebracht habe, in ihrem Beiboot oder sie ziehen es auch hinauf. Übrigens wäre ich auch dann wohl keine Gefahr für sie, denn ich gehe niemals in ein Haus, nicht einmal mein eigenes, noch komme ich jemand in die Nähe, außer um Lebensmittel einzukaufen.«

»Um so schlimmer,« warf ich ein, »denn Ihr müßt doch die Lebensmittel von irgend jemand haben, und da dieser ganze Stadtteil aufs ärgste verseucht ist, ist es schon gefährlich, nur mit jemand zu sprechen, und auch dieses Dorf ist viel zu nah an London, um sicher zu sein.«

»Wohl wahr,« meinte er, »aber Ihr versteht mich nicht recht. Hier kaufe ich nichts ein, sondern ich rudere nach Greenwich hinauf, um frisches Fleisch zu kaufen, und manchmal auch bis nach Woolwich hinab. Dann gehe ich in einzelne Bauernhöfe auf der Kentischen Seite, wo ich bekannt bin, und kaufe Geflügel, Eier und Butter und bringe sie zu den Schiffen, welche mir gerade den Auftrag geben. Hierher komme ich nur selten, um von meinem Weib zu hören, wie es allen geht, und ihnen das Wenige zu bringen, das ich in der vorigen Nacht verdient habe.«

»Armer Kerl,« sagte ich, »und wieviel habt Ihr diesmal bekommen?«

»Vier Schillinge, was heutzutage für einen armen Teufel schon etwas heißen will. Und außerdem haben sie mir noch einen Sack Brot, einen gesalzenen Fisch und etwas Fleisch mitgegeben, das kommt auch noch dazu.«

Während wir noch weiter uns unterhielten, öffnete sich die Türe seiner Hütte, die Frau kam heraus und rief: »Robert, Robert!« Er bat sie, einen Augenblick zu warten, lief die Treppe hinunter und kam wieder mit einem Sack, der die Lebensmittel enthielt. Dann ging er zu dem großen Stein, den er mir gezeigt hatte, leerte den Sack aus und zog sich wieder zurück. Als darauf die Frau hinging, einen kleinen Buben an der Hand, um alles zu holen, erklärte er ihr, von wem jedes einzelne Stück herstamme, rief den Schutz des Himmels auf sie herab und ging dann weg.

Ich fragte ihn dann, wie es käme, daß die Leute auf den Schiffen sich nicht mit genügenden Vorräten alles Nötigen versehen hätten? Er sagte, einige hätten das schon getan, andere aber hätten sich erst später an Bord geflüchtet, als es schon zu gefährlich war, in den Läden herumzukaufen. Er selbst bediene zwei Schiffe, auf denen sie fast nichts hatten als Schiffszwieback und schlechtes Bier, alles sonst müsse er besorgen. Ich fragte ihn darauf, ob es noch mehr Schiffe gäbe, die sich so abgeschlossen hielten? »Gewiß,« sagte er, »den ganzen Weg von einem Punkt gegenüber Greenwich bis Limehouse und Redriff ist der ganze Fluß voll, wo immer es Raum genug für zwei Schiffe gibt, nebeneinander zu liegen. Manche haben mehrere Familien an Bord.« Darauf wollte ich noch wissen, ob niemals die Seuche hingekommen wäre? Er meinte, er hätte nichts davon gehört, außer auf zwei oder drei Schiffen, die aus Nachlässigkeit die Seeleute an Land hätten gehen lassen.

Als er sagte, er würde wieder nach Greenwich fahren, sobald die Flut einsetze, fragte ich ihn, ob er mich nicht mitnehmen und wieder zurückbringen wolle, denn ich hatte große Lust zu sehen, wie die vielen Schiffe auf dem Wasser lagen. Er sagte, wenn ich ihm als Christ und ehrlicher Mann mein Wort geben wolle, daß ich nicht angesteckt sei, so würde er mich fahren. Ich versicherte ihm, daß ich durch die Gnade Gottes bisher verschont geblieben war, daß ich in Whitechapel wohnte und nur durch das Bedürfnis nach frischer Luft herausgetrieben worden wäre, und daß niemand in meinem Hause auch nur die leiseste Spur einer Ansteckung gezeigt habe.

»Nun,« sagte er, »da Ihr Mitleid mit mir und meinen armen Leuten gezeigt habt, könnt Ihr nicht so unbarmherzig sein, in mein Boot zu steigen, wenn Ihr nicht gesund wärt. Denn das würde für mich und meine Familie den Untergang bedeuten.« Seine Angst rührte mich so sehr, daß ich ihm sagte, ich wolle lieber meine Neugierde unterdrücken, als ihn in Unruhe versetzen, obwohl ich so gesund wäre wie nur irgendeiner auf der Welt. Aber davon wollte er nichts wissen und redete mir jetzt selbst zu, mit ihm zu kommen. So stieg ich denn, als die Flut einsetzte, ins Boot, und er fuhr mich nach Greenwich hinüber. Während er seine Besorgungen machte, ging ich auf die Spitze des Hügels, an den sich die Stadt anlehnt, um einen Blick über den Fluß zu haben. Es war auch wirklich ein erstaunlicher Anblick: die vielen Schiffe, die je zwei und zwei manchmal, wo es die Breite des Flusses erlaubte, zwei oder drei Reihen bildeten, und das nicht nur bis weit in die Stadt, sondern flußabwärts bis zum Knie von Long-Reach, also soweit man sehen konnte.

Die Anzahl der Schiffe war nicht zu erraten, aber es mögen wohl an 300 gewesen sein, und ich mußte diesem Auskunftsmittel meinen Beifall spenden, durch das mehr als 10 000 Menschen sich hier vor der Ansteckung geschützt hatten und in völliger Sicherheit lebten.

Später erfuhr ich, daß die Schiffe, als die Seuche noch heftiger wurde, ihren Platz veränderten. Einige stachen sogar in See und suchten die Häfen an der Nordküste auf, wo sie eben am besten unterkommen konnten. Aber ganz sicher war man freilich auch an Bord der Schiffe nicht, eine ganze Anzahl Leute starb und wurde in den Fluß geworfen, manche in Särgen, andere ohne solche, die noch lange die Flut auf der Oberfläche des Wassers hin und wider trieb.

Ich bin jedoch überzeugt, daß es sich in solchen Fällen stets um Leute handelte, die sich zu spät auf die Schiffe zurückzogen und schon angesteckt waren, wenn sie selbst auch nichts davon merkten, so daß man in Wahrheit sagen kann: die Seuche kam nicht auf die Schiffe, sondern die Menschen brachten sie erst hin. Das waren auch immer jene Schiffe, auf denen man nicht für Vorräte hatte sorgen können, und um solche an Land schicken mußte, wodurch die Ansteckung unversehens hingelangte.

Ebenso wie die wohlhabenderen Leute auf die Schiffe flohen, hatten die Armen ihre Treckschuten, Schmacken, Leichter und Fischerboote, und viele, besonders die Bootführer, lebten vollständig auf ihren Fahrzeugen. Die letzteren gewannen allerdings nicht viel dabei, denn beim Einkaufen von Lebensmitteln wurden sie angesteckt und starben in Haufen, oft mutterseelenallein in ihren Booten, wo man sie erst auffand, als sie sich schon in einem unbeschreiblichen Zustand der Auflösung befanden.

Die Lage der Seeleute in diesem Stadtteil war wirklich höchst bejammernswert und verdiente das größte Mitleid, aber zum Unglück war das eine Zeit, in der jeder zuerst an seine eigene Sicherheit dachte und sich mit dem Elend des Nächsten nicht abgeben konnte. Alle hatten den Tod vor ihrer Türe oder schon im Hause und wußten weder, wohin zu fliehen, noch was sonst sie tun sollten. Dadurch wurde alles Mitleid erstickt und die Selbsterhaltung zum obersten Gesetz. Kinder verließen ihre Eltern, Eltern ihre Kinder, wenn das auch vielleicht nicht so häufig vorkam. Schreckliche Geschichten waren in Umlauf von Müttern, die in ihrem Wahnsinn ihre eigenen Kinder umgebracht hatten. Die eine ereignete sich nicht weit von meiner Wohnung; das arme, von Sinnen gekommene, Geschöpf lebte nicht einmal mehr so lange, um zum Bewußtsein ihrer Untat zu kommen, geschweige denn, dafür bestraft zu werden.

Wundern darf man sich darüber nicht, denn die ununterbrochene Todesgefahr zerstörte alles Mitgefühl und alle Sorge für andere. Ich rede natürlich nur im allgemeinen, denn es gab auch Beispiele einer unauslöschlichen Liebe, von Mitleid und Pflichtgefühl, von denen ich einige durch Hörensagen erfuhr. Für die Wahrheit in allen Einzelheiten kann ich freilich nicht einstehen.

Ehe ich näher darauf eingehe, möchte ich noch bemerken, daß das ärgste Schicksal von allen Menschen in dieser Unglückszeit die schwangeren Frauen traf. Kam ihre Stunde und stellten sich die Wehen ein, so blieben sie ohne jede Hilfe. Weder Hebammen noch mitleidige Nachbarinnen kamen zu ihnen. Die meisten Hebammen waren schon gestorben, besonders jene, die unter den Armen ihren Beruf ausübten; die besseren waren geflohen, so daß es den armen Frauen, die nicht einen unerhörten Preis zahlen konnten, so gut wie unmöglich war, eine zu bekommen. Die man haben konnte, waren meistens ungeschickte und unwissende Weiber, und die Folge war, daß eine unglaubliche Anzahl von Schwangeren in das haarsträubendste Elend gerieten. Viele wurden bei der Entbindung durch die Dummheit jener sogenannten Hebammen zugrunde gerichtet, und zahllose Neugeborne, ich möchte sagen, ermordet, wobei sie sich darauf hinausredeten, sie hätten auf Kosten des Kindes die Mutter retten wollen. Oft genug starben Mutter und Kind, besonders, wenn die Mutter schon verseucht war, und nun niemand sich in ihre Nähe wagte. Viele starben während der Geburt, in anderen Fällen lebte das Kind, hing aber noch durch die Nabelschnur mit der toten Mutter zusammen. Man konnte wirklich damals von ihnen sagen: Wehe in diesen Tagen den schwangeren Müttern und jenen, die ihre Kinder säugen.

Das Elend der stillenden Mütter war fast ebensogroß. Viele Kinder gingen zugrunde, weil ihnen die Amme fehlte. Man fand Kinderleichen bei der toten Mutter, die an nichts als Nahrungsmangel gestorben waren. Andere wurden durch die Ammen angesteckt, ja selbst durch die eigene Mutter, die ohne es zu wissen, ihnen das Gift mit der Milch einflößte. Sollte jemals wieder solch eine Seuche auftreten, so meine ich, daß alle schwangeren oder stillenden Frauen die Stadt verlassen sollten, denn ihr Elend ging wahrhaftig über alles menschliche Maß hinaus.

Ich könnte manche Schauergeschichte erzählen von noch lebenden Kindern, die an der Brust ihrer bereits erkalteten Amme oder Mutter saugten. In meinem Kirchspiel geschah es, daß eine Mutter, deren Kind nicht ganz wohl war, zum Apotheker schickte, er möchte sich’s ansehen. Als er kam, stillte sie gerade und schien völlig gesund zu sein, aber wie er sich näherte, sah er die Merkmale der Seuche auf derselben Brust, die dem Kinde Nahrung bot. Er wollte die arme Frau nicht zu sehr erschrecken und bat sie, ihm das Kind zu geben. Als er’s nun in die Wiege legte und dabei sein Kleidchen öffnete, gewahrte er die gleichen Merkmale auch auf seinem Körper. Beide starben, noch ehe er nach Hause gekommen war, um ein Gegenmittel zu senden. Ein anderes Mal wurde ein Kind zu seinen Eltern wieder nach Hause gebracht, da die Amme an der Pest gestorben war. Trotzdem ließ es sich die zärtliche Mutter nicht nehmen, den Säugling an die eigene Brust zu legen. Dadurch wurde sie angesteckt und starb, das tote Kind in ihren Armen.

Von einem Handelsmann in Ost-Smithfield hörte ich, dessen Frau zum erstenmal gebären sollte und in die Wehen kam, während sie schon angesteckt war. Er konnte ihr weder eine Hebamme noch eine Pflegerin verschaffen. Die zwei Dienerinnen waren geflüchtet, und er rannte wie ein Verrückter von Haus zu Haus, fand aber keine Hilfe. Endlich versprach ihm ein Wächter, der vor einem verseuchten und abgesperrten Hause seinen Posten hatte, ihm bis zum Morgen eine Pflegerin zu schicken. Der arme Teufel ging verzweifelt heim, leistete seiner Frau Beistand, so gut es gehen wollte, und brachte ein totes Kind zur Welt. Auch die Frau starb eine Stunde später, und er hielt die Leiche noch in seinen Armen, als der Wächter mit der Pflegerin erschien. Er hatte das Haus offen gefunden, war die Treppe heraufgekommen und fand nun den Mann, wie er sein totes Weib umschlungen hielt, und so sehr drückte ihn der Kummer nieder, daß er einige Stunden später seinen Geist aufgab, ohne irgend ein Zeichen der Ansteckung zu zeigen. So war er wirklich an gebrochenem Herzen gestorben.

Von andern habe ich gehört, die der Kummer über den Tod ihrer Angehörigen blödsinnig machte. Einer insbesondere wurde von seinem Trübsinn so völlig überwältigt, daß nach und nach sein Kopf förmlich zwischen die Schultern hineinsank. Er verlor allmählich Stimme und Empfindung, das Gesicht lehnte sich gegen das Schlüsselbein und konnte nur mit Gewalt aufgerichtet werden. Der arme Teufel kam nie mehr wieder zu sich, sondern blieb fast ein Jahr in diesem Zustande, ehe er starb. Niemals schlug er die Augen auf oder richtete seinen Blick auf einen der ihn umgebenden Gegenstände. –

Ich spreche jetzt von der Zeit, als die Pest im östlichsten Teile der Stadt wütete. Die Leute dort hatten gehofft, daß sie verschont bleiben würden, und waren nun entsetzt, als die Seuche wie ein geharnischter Mann auf sie eindrang. Dabei fallen mir wieder die drei Gesellen von Wapping ein, der Bäcker, Zimmermann und Segelmacher, von denen ich schon erzählt habe. Als sie sahen, daß sie nirgends mehr Arbeit bekommen könnten, entschlossen sie sich, sich vor der Seuche davon zu machen, und da sie haushälterisch angelegt waren, wollten sie versuchen, solange als möglich von ihren Ersparnissen zu leben und dann zusehen, wie sie weiterkämen. Aber zuerst wurde noch viel hin und her geredet wegen der Ausrüstung und der Straße, die sie einschlagen wollten. Besonders waren sie wegen eines Unterkommens zur Nachtzeit besorgt, aber dabei hatte der Bäcker, der, wie man sich erinnern wird, früher Soldat gewesen war, einen guten Einfall, indem er vorschlug, der Segelmacher solle ihnen ein kleines Zelt verfertigen. Der einzige Einwand, der dagegen gemacht wurde, war der, daß es zu schwer zum Tragen wäre, da sie ja schon alles mögliche mitzuschleppen hatten und das Wetter recht heiß war, denn es war um Mitte Juli. Aber auch in dieser Sache kam ihnen das Glück zu Hilfe. Der Meister, bei dem der Segelmacher gearbeitet hatte, besaß ein kleines elendes Pferd, und da er den drei ehrlichen Gesellen wohl wollte, überließ er es ihnen, zusammen mit einem alten Topbesansegel, das zwar nicht mehr viel wert, aber zu einem Zelt noch recht gut zu gebrauchen war. Nach den Anweisungen des gewesenen Soldaten war es bald fertig, und so konnte also die Reise angetreten werden. Ihre Ausrüstung bestand aus dem Zelt, dem Pferde, einer Flinte, da der Bäcker sich seines früheren Standes erinnerte und nicht ohne Waffe ausziehen wollte, einem kleinen Sack mit Werkzeugen für den Zimmermann und ein wenig Geld, das in eine gemeinsame Kasse zusammengelegt wurde.

Da der Wind bei ihrem Ausmarsch aus Nordwesten blies, so entschlossen sie sich, in dieser Himmelsrichtung vorzugehen. Dabei gab’s gleich die erste Schwierigkeit, weil sie stark verseuchte Stadtteile hätten berühren müssen. Sie machten daher einen weiten Umweg und erreichten die Landstraße gerade bei Bow. Die Wache auf der Bowbrücke hätte sie nicht durchgelassen, so waren sie gezwungen, einen schmalen Nebenweg einzuschlagen, auf dem sie bis Oldford kamen. Auf allen Straßen standen Konstabler, nicht so sehr, um die Leute anzuhalten, als um dafür zu sorgen, daß sie sich nicht in den Orten, die sie zu bewachen hatten, niederließen. Außerdem war auf dem Lande das Gerücht verbreitet, daß die Bevölkerung Londons, aus Verzweiflung über den Mangel an Arbeit und an Lebensmitteln, sich bewaffnet hätte und ausziehen wollte, um die Orte in der Umgegend mit Gewalt zu plündern.

In Oldford wurden die drei Wanderer nur ausgefragt, und da sie eher vom Lande als aus der Stadt zu kommen schienen, benahmen sich die Leute ganz freundlich gegen sie, ja führten sie sogar in ein Wirtshaus und setzten ihnen zu essen und zu trinken vor. Dabei hatten die Drei den guten Gedanken, von jetzt ab nie zu sagen, sie kämen von London, sondern aus Essex. Um diesen kleinen Betrug wahrscheinlicher zu machen, bewogen sie den Konstabler, ihnen ein Zeugnis auszustellen, daß sie von Essex kämen und nichts mit London zu tun hätten, was übrigens ja auch dem Buchstaben nach wahr war, da Wapping nicht mehr zu London gehörte.

Diese Bescheinigung war ihnen von großem Nutzen. Mit ihrer Hilfe wurden sie nicht nur in Hackney durchgelassen, sondern erhielten auch vom dortigen Friedensrichter ohne viel Schwierigkeit ein richtiges Gesundheitsattest. So hatten sie denn bald Hackney hinter sich und wanderten weiter, bis sie bei Stamfordhill auf die große Heerstraße gelangten.

Mittlerweile waren sie rechtschaffen müde geworden und beschlossen, ein wenig abseits von der Straße ihr Zelt aufzuschlagen. Dies taten sie denn auch, und zwar mit dem Eingange gegen einen Heuschober, den sie zuerst gehörig durchsuchten, ob niemand dort versteckt wäre. Dort legten sie sich schlafen, aber dem Zimmermann gefiel es nicht, daß sie so gleichsam schutzlos die Nacht zubringen sollten, er nahm die Flinte und ging als Wache vor dem Heuschober auf und ab. Bald hörte er das Geräusch von Stimmen, die lauter und lauter wurden, bis auch der Bäcker aus dem Zelt gekrochen kam. Die Leute gingen gerade auf den Heuschober zu, bis ihnen der Bäcker ein martialisches »Wer da?« zurief. Auf das hin hielten sie an und besprachen sich untereinander, woraus hervorging, daß sie alle zusammen 13 waren, darunter auch einige Frauen. Außerdem erfuhren unsere Freunde auf diese Weise, daß sie gleich ihnen auf der Flucht vor der Seuche waren und eine große Angst verrieten, von ihnen angesteckt zu werden, was wohl bewies, daß sie selbst gesund waren. Auf dies hin sagte der Bäcker zum Zimmermann, man solle die Leute doch herrufen, und nach längerem Hin- und Herreden kamen sie auch herbei und krochen in den Heustadel, der bis oben voll Heu war, so daß sie sich’s ganz bequem machen konnten. Ehe sie sich schlafen legten, hörte man sie noch beten und den Schutz Gottes auf sich herabrufen.

Als der Tag angebrochen war, machten sie sich näher miteinander bekannt und erfuhren, daß die Leute auch aus London kamen und den Plan hatten, über den Fluß und durch die Sümpfe in den Wald von Epping zu wandern, wo sie hofften, sich länger aufhalten zu können. Sie hatten genug Vorräte für 2 oder 3 Monate bei sich, und dann, meinten sie, würde bei Eintritt kalter Witterung wohl die Seuche erlöschen, wenn auch vielleicht nur deshalb, weil kein Lebender mehr in der Stadt zurückgeblieben wäre.

Die Absichten unserer drei Freunde waren eigentlich nach einer anderen Richtung gegangen, aber nun entschlossen sie sich doch, mit den anderen gemeinsame Sache zu machen und ihnen nach Essex zu folgen. So wurde denn das Pferd mit dem Zelt beladen und dann gemeinschaftlich der Marsch angetreten.

An der Fähre über den Fluß gab es den ersten Aufenthalt, da der Fährmann Angst vor ihnen hatte. Aber endlich verständigten sie sich aus der Entfernung, und der Fährmann willigte ein, ein Boot etwas weiter flußaufwärts zu bringen und es dort zu lassen, damit sie sich selbst übersetzen könnten. Er zeigte ihnen, wo sie das Boot drüben lassen sollten, damit er’s mit seinem anderen wieder abholen könne, was er übrigens erst nach mehr als acht Tagen getan haben soll. Der Fährmann brachte ihnen auch Lebensmittel und Getränk ins Boot, nachdem man ihm das Geld dafür zuvor hingelegt hatte. Zum Schluß machte es noch nicht geringe Schwierigkeit, das Pferd hinüberzubringen, und da die Fähre dafür zu klein war, mußte man es abpacken und über den Fluß schwimmen lassen.

Vom anderen Ufer aus marschierten sie gegen den Wald zu, aber als sie nach Walthamstow kamen, verwehrte ihnen die Bevölkerung den Zutritt, wie es jetzt überall geschah. Die Konstabler und Wächter hielten sich in einiger Entfernung und unterhandelten mit ihnen. Sie wiederholten, was sie schon das vorige Mal gesagt hatten, aber hier fanden sie keinen Glauben, da schon 2 oder 3 Gesellschaften unter denselben Vorwänden sich durch mehrere Orte durchgeschmuggelt und eine ganze Anzahl von deren Bevölkerung angesteckt hatten. Darauf war man, wenn auch gerechtermaßen, so unbarmherzig gegen sie vorgegangen, daß einige von ihnen auf freiem Felde zugrunde gegangen waren, ob an der Pest oder aus Mangel an Lebensmitteln, ließ sich nicht sagen.

Daher waren die Leute in Walthamstow sehr argwöhnisch geworden und hatten den Entschluß gefaßt, niemand mehr aufzunehmen, von dessen Gesundheitszustand sie nicht überzeugt wären.

Der Zimmermann und einer von der anderen Gesellschaft meinten, das alles wäre kein Grund, die offene Straße zu versperren und die Leute nicht durch die Stadt zu lassen. Sie wollten ja gar nichts von ihnen als die Freiheit, durch die Stadt zu ziehen. Hätten die Einwohner Angst, so könnten sie ja in ihre Häuser gehen und die Türen abschließen. Die Konstabler aber und wer sonst noch herumstand waren jedem vernünftigen Grunde unzugänglich und versteiften sich auf das, was sie schon gesagt hatten. So kehrten die beiden Unterhändler zu ihren Kameraden zurück, um mit ihnen zu beraten, was zu tun wäre. Darüber konnten sie sich nicht einig werden, bis der Bäcker und frühere Soldat sagte, sie sollten alles ihm überlassen. Er wies darauf den Zimmermann an, aus Baumzweigen etwas Flintenähnliches zu schnitzen, und nachdem sie auf diese Weise 5 oder 6 Musketen verfertigt hatten, die aus der Entfernung ganz gut für solche gehalten werden konnten, nahm er ein paar Leute mit sich und schlug das Zelt mitten auf der Straße auf, der Barrikade gerade gegenüber, die von den Stadtbewohnern errichtet worden war. Dann stellte er vor das Zelt eine Wache mit der einzig wirklichen Flinte in ihrem Besitz, der mit geschultertem Gewehr auf und ab gehen mußte, daß jeder ihn sehen konnte. Das Pferd wurde an eine Hecke neben dem Zelt gebunden und ein Feuer auf dessen anderer Seite angezündet, so daß man von der Stadt aus das Feuer und den Rauch sehen konnte, aber nicht, was die Leute dabei taten.

Die Städter beobachteten sie eine gute Weile und mußten bei all diesen Zurichtungen glauben, daß sie es mit einer ganzen großen Bande zu tun hätten. Daher machten sie sich mehr Sorge, daß sie bleiben als daß sie weggehen würden. Von dem einen Pferd und der einen Muskete schlossen sie auf viele, und als sie noch Leute mit geschulterten Gewehren auf dem Felde hin- und hergehen sahen, gerieten sie in einen mächtigen Schrecken, liefen zum Friedensrichter und fragten ihn, was man tun solle. Was ihnen jener antwortete, weiß ich nicht, aber jedenfalls kamen sie gegen Abend auf die Barrikade und riefen die Schildwache vor dem Zelt an.

Das Ergebnis der langen Unterhandlungen war endlich, daß die Flüchtlinge versprachen, einen Fußweg hinten um die Stadt herum über die Felder zu nehmen, und die Städter sich dagegen verpflichteten, sie mit reichlichen Lebensmitteln zu versorgen, unter der Bedingung, daß jene auch nicht einen Schritt gegen die Stadt von der Stelle aus hin machten, wo die Lebensmittel niedergelegt würden.

Damit war alles einverstanden, und demgemäß wurden an den vereinbarten Platz 20 große Brotlaibe und ebensogroße Fleischstücke gebracht, auch einige Gatter auf dem Nebenwege geöffnet, aber niemand hatte den Mut, den Flüchtlingen zuzusehen, und da die Nacht schon hereingebrochen war, hätte man auch nicht gewahren können, wie wenige Leute sie waren.

So zog der Soldat die ganze Gesellschaft aus der Schlinge, brachte aber dafür die ganze Grafschaft in Aufruhr. Wären sie wirklich 200 oder 300 gewesen, wie es hieß, so hätte man die Bevölkerung gegen sie aufgeboten und sie ins Gefängnis geworfen oder auch totgeschlagen.

Das merkten sie bald, denn zwei Tage später trafen sie auf mehrere Haufen Reiter und Fußvolk, die »drei Kompanien mit Musketen bewaffneter Leute« verfolgen sollten, die von London kamen und mit der Pest verseucht waren, und nicht nur diese verbreiteten, sondern auch überall plünderten.

Nun erkannten sie die Folgen ihrer Handlungsweise und die Gefahr, in der sie sich befanden. Sie beschlossen daher, auf den Rat des früheren Soldaten, sich wieder zu trennen. Die drei wandten sich gegen Waltham, die andern in zwei Teilen nach dem Walde von Epping zu.

Die erste Nacht brachten sie alle im Walde zu, nicht weit voneinander, vermieden es aber, das Zelt aufzuschlagen aus Angst, daß sie dadurch verraten werden könnten. Dagegen machte sich der Zimmermann mit Axt und Beil an die Arbeit und schlug so viele Baumzweige herab, daß sie daraus drei hüttenartige Unterschlupfe machen konnten, in denen sich ganz gut übernachten ließ. Lebensmittel hatten sie auch genug, und die Sorge für den nächsten Tag überließen sie der Vorsehung. Die Ratschläge des alten Soldaten hatten ihnen so gut gefallen, daß sie ihn nun freiwillig zu ihrem Führer erwählten. Er zeigte auch gleich, daß sie damit das Richtige getroffen hatten. Er meinte nämlich, daß sie nun weit genug von London wären, und daß sie die gleiche Sorge tragen müßten, nicht angesteckt zu werden, als niemanden anzustecken. Gewaltsam wollten sie nicht vorgehen, und daher müßten sie sich den getroffenen Maßregeln anbequemen. Damit waren sie alle einverstanden und setzten am nächsten Tage ihren Marsch gegen Epping zu fort. Auch der Kapitän, wie er jetzt genannt wurde, und seine beiden Gefährten hatten sich wieder an die anderen angeschlossen.

Als sie in die Nähe von Epping kamen, machten sie halt und suchten sich einen Platz im offenen Walde, nicht zu nah, aber auch nicht zu weit von der Straße in einem kleinen Gebüsch. Hier schlugen sie ihr Lager auf, das aus drei großen runden Hütten bestand, die der Zimmermann mit Hilfe der andern aus Zweigen aufbaute, die er an den Enden zusammenband. Die Seitenwände wurden mit Blättern und Moos verstopft, so daß sie vollständig dicht und warm hielten. Außerdem hatten sie das kleine Zelt, das den Frauen überlassen wurde, und eine kleine Hütte für das Pferd.

Am nächsten Tage war zufällig Markttag in Epping, wohin der Kapitän mit einem Begleiter sich aufmachte, um einige nötige Lebensmittel einzukaufen, nämlich Brot und etwas Fleisch. Zwei der Frauen gingen für sich, als ob sie gar nicht zu der Gesellschaft gehörten, und kauften noch mehr. Mittlerweile verfertigte der Zimmermann einen Tisch und einige Bänke und Stühle, so gut es eben gehen wollte.

Zwei oder drei Tage lang wurde ihre Anwesenheit nicht bemerkt, dann aber zogen die Leute haufenweise aus der Stadt, um sie anzusehen, und die ganze Gegend geriet ihretwegen in Aufregung. Anfangs hatte man Angst, ihnen nahezukommen, und die Flüchtlinge selbst waren froh, wenn dies nicht geschah, denn das Gerücht ging, daß die Pest auch in Waltham ausgebrochen sei und bereits auf Epping übergegriffen habe. Daher bat sie der Kapitän, nicht in ihre Nähe zu kommen, da sie alle völlig gesund wären und weder von ihnen angesteckt werden noch auch hören möchten, daß sie die Seuche zu ihnen gebracht hätten.

Darauf erschienen die Kirchspielbeamten und fragten aus der Entfernung, wer sie wären und mit welchem Recht sie sich hier aufhielten. Der Kapitän antwortete ganz aufrichtig, sie wären arme Flüchtlinge aus London, die dem kommenden Elend sich hatten entziehen wollen, um ihr Leben zu retten und die weder Freunde noch Verwandte besäßen, wohin sie sich hätten flüchten können. Zuerst wären sie nach Islington gezogen, da aber die Seuche auch dahin gekommen sei, wären sie weitergewandert. Und weil sie voraussetzten, daß die Inwohner von Epping ihnen doch verwehrt hätten, in die Nähe der Stadt zu kommen, hätten sie nun ihr Lager unter dem freien Himmel aufgeschlagen und nähmen freiwillig all die Beschwerlichkeiten eines solchen Aufenthaltes auf sich, lieber, als daß irgend jemand ihnen vorwerfen könnte, er wäre durch sie zu Schaden gekommen.

Zuerst wollten die Leute von Epping nichts davon hören, daß sie dablieben und befahlen ihnen, weiterzuwandern. Dies wäre kein Platz für sie, und wenn sie auch behaupteten, gesund zu sein, so möchten sie doch, ohne es zu wissen, schon angesteckt sein und die ganze Gegend anstecken, und deshalb könne man sie hier nicht dulden.

Der Kapitän verhandelte mit ihnen in aller Geduld weiter und hielt ihnen vor, daß sie alle von London, wohin sie ihre Landesprodukte verkauften, lebten und ihre Höfe erhielten, und daß es nicht recht wäre, so unbarmherzig gegen Londoner zu sein, durch die sie so viel verdienten. Später würden sie sich nur mit Reue daran erinnern, wenn es sich herumspräche, wie ungastlich, unfreundlich und barbarisch sie sich gegen Bewohner von London verhalten hätten, die vor dem schrecklichsten Feinde des Menschengeschlechtes geflüchtet wären. Von nun an wäre jeder Eppinger in London verfehmt, und der Pöbel würde ihnen Steine in den Straßen nachwerfen, wenn sie wieder zu Markt kämen.

Die Eppinger erwiderten darauf, in Walthamstow wäre eine ganze Bande erschienen, die auch behaupteten, sie wären alle gesund, und hätten gedroht, die Stadt zu plündern und mit Gewalt ihren Weg fortzusetzen. Fast 200 wären sie gewesen, mit Waffen und Zelten wie eine richtige Armee. Durch die Drohung, sonst sich alles selbst zu nehmen, hätten sie Lebensmittel von der Stadt erpreßt, und die ganze Umgegend wäre von ihnen verseucht worden. Wahrscheinlich gehörten auch sie zu dieser Bande und verdienten, ins Gefängnis geworfen zu werden, bis sie Schadenersatz geleistet hätten für alles, was sie angerichtet und für die Angst und den Schrecken, in die sie die ganze Gegend gestürzt hätten.

So wurde noch lange hin- und hergeredet, bis endlich der Kapitän sagte, sie würden nichts mit Gewalt nehmen, selbst wenn die Eppinger ihre Herzen gänzlich jedem Mitleid verschlössen, und wenn dann das Wenige, das sie hätten, verbraucht wäre, so müßten sie eben nach dem Willen Gottes zugrunde gehen.

Seine vernünftige und ruhige Art zu reden hatte eine solche Wirkung auf die Eppinger, daß sie fortgingen. Und obwohl sie wohl mit ihrem Bleiben nicht einverstanden waren, taten sie doch auch nichts, sie zu vertreiben, so daß die armen Teufel die nächsten drei oder vier Tage Ruhe hatten. Mittlerweile hatten sie sich mit einem Lebensmittelladen am Rande der Stadt in Verbindung gesetzt, der ihnen die nötigsten Bedürfnisse in der üblichen Weise lieferte, indem die Lebensmittel in einiger Entfernung auf die Erde gelegt wurden.

Das junge Volk kam inzwischen oft bis ganz nahe ans Lager, stand da herum, schaute sich alles an und unterhielt sich mit ihnen, wobei aber immer noch ein Zwischenraum aufrechterhalten wurde. Daß man hörte, wie sie am ersten Sonntag beteten und ihre Sonntagsfeier mit Psalmensingen begingen, machte einen guten Eindruck, so daß allmählich die Stimmung der Leute umschlug, und man sie mit Mitleid zu betrachten begann. Die Folge davon war, daß nach einer schweren Regennacht ein gewisser Landedelmann, der in der Nachbarschaft lebte, ihnen einen Karren mit zwölf Bündeln Stroh schickte, um darauf zu liegen und die Dächer ihrer Hütten damit zu decken. Der Kirchspielgeistliche sandte ihnen auch, ohne von dem ersteren Geber zu wissen, zwei Scheffel Weizen und einen halben Scheffel weiße Erbsen.

Nachdem diese beiden so begonnen und ein Beispiel der Nächstenliebe gegeben hatten, schlossen sich bald andere an, und es verging kaum ein Tag, der ihnen nicht irgendeine Gabe brachte. Einige schickten Sessel, Tische und solche Haushaltungsgegenstände, die sie nötig hatten, andere Leintücher und Bettdecken, die dritten Ton- und Küchengeschirr.

Dadurch ermutigt, baute ihnen der Zimmermann in wenigen Tagen einen großen Schuppen oder ein Haus mit Dachsparren, einem richtigen Dach und einem oberen Stockwerk, wo sie trocken hausen konnten, denn das Wetter begann jetzt, anfangs September, allmählich feucht und kalt zu werden. Auf der einen Seite errichtete er noch eine Erdmauer mit einem Kamin darin, und ein anderes Mitglied der Gesellschaft fabrizierte dazu mit unsäglicher Mühe und Arbeit einen Rauchfang, um den Rauch hinauszulassen.

Hier lebten sie also soweit ganz gut, bis anfangs September die schlimme Neuigkeit kam, daß die Seuche, die sich schon über die ganze Umgegend verbreitet hatte, nun auch Epping, Woodford und alle sonst um den Wald gelegenen Städte ergriffen habe. Daran sollten hauptsächlich die Hausierer schuld sein, die von und nach London her- und hinzogen. Wenn das wirklich der Fall war, so ist es ein klarer Gegenbeweis gegen die Behauptung, die man später in ganz England hörte, daß nämlich die Marktleute niemals angesteckt wurden oder die Seuche aufs Land hinaustrugen, was ich aus eigenem Wissen auch nicht bestätigen kann.

Die Flüchtlinge aber gerieten nun in große Aufregung, da die umliegenden Städte tatsächlich verseucht waren; sie trauten sich nicht mehr, sich um Lebensmittel umzutun und kamen dadurch in eine sehr üble Lage. Denn nun hatten sie nichts mehr, als was die Güte der Landherren in der Umgegend ihnen zukommen ließ. Ein Glück war, daß einer, von dem sie bisher nichts erhalten hatten, nun anfing, ihnen Lebensmittel zu schicken und gleich mit einem ansehnlichen Schwein den Beginn machte. Von einem andern bekamen sie zwei Schafe und von einem Dritten ein Kalb, kurz, an Fleisch fehlte es ihnen nicht, und zuweilen kam dazu auch noch Milch und Käse. Nur mit dem Brot sah es schlecht aus, da sie nur Weizen besaßen, aber endlich verfertigte der Bäcker eine Art Ofen und brachte damit ganz genießbare Brotkuchen zustande. So gelang es ihnen, ohne weitere Hilfe von den Städten auszukommen, und das war gut so, denn bald war die ganze Gegend verseucht, und in den umliegenden Dörfern starben nicht weniger als 120 Leute an der Pest.

Auf dies hin beratschlagten sie aufs neue, und jetzt hatten die Städte keinen Grund mehr, sich vor ihnen zu fürchten, im Gegenteil zogen einige Familien der ärmeren Bevölkerung zu ihnen in den Wald und bauten sich dort nach ihrem Vorbild Hütten. Aber schon war es zu spät für sie, und die Ansteckung folgte ihnen auch dahin. Das war ein schwerer Schlag für die Gesellschaft, als sie davon Kenntnis erhielt. Denn nun hieß es wieder weiterwandern, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollten, ihr Leben zu verlieren.

Es ist kein Wunder, daß sie den Ort nur mit schwerem Herzen verließen, wo sie so viele Barmherzigkeit und Menschlichkeit erfahren hatten, aber sie sahen ein, daß ihnen keine Wahl bliebe. So beschlossen sie, sich erst an jenen Gutsbesitzer zu wenden, der sich zuerst ihrer angenommen hatte, und ihn um Rat und Hilfe zu bitten. Der gute Mann redete ihnen zu, den Platz zu verlassen, um nicht von jeder weiteren Zuflucht abgeschnitten zu werden, wohin sie aber gehen sollten, wußte er ihnen auch nicht zu sagen. Schließlich bat ihn der Kapitän, ihnen als Friedensrichter Gesundheitszeugnisse auszustellen, die sie überall seinen Amtsgenossen vorzeigen könnten, damit man sie nicht wieder zurückwiese, obschon sie nun schon so lange von London fort wären. Dies geschah auch; sie erhielten die Atteste und hatten nun die Freiheit zu gehen, wohin es ihnen beliebte.

Mit diesen Zeugnissen versehen machten sie sich also auf den Weg und wanderten gegen die Sümpfe auf der Seite von Waltham zu. Hier trafen sie auf einen Mann, der eine Art Wehr im Flusse errichtet hatte, um das Wasser für die aufwärtsgehenden Schiffe aufzustauen, und der ihnen erzählte, daß alle am Flusse liegenden Orte in ganz Middlesex und Hertfordshire, auch alle Plätze an der Hauptstraße verseucht wären. Dadurch ließen sie sich abschrecken, ihren Weg fortzusetzen, obwohl ihnen der Mann wahrscheinlich nur etwas vormachte, denn in Wirklichkeit lagen die Dinge lange nicht so schlimm.

Sie beschlossen nun, durch den Wald gegen Rumford und Brentwood zu ziehen, hörten aber, daß der ganze Wald schon voll von Flüchtlingen aus London wäre, die ohne Obdach und Lebensmittel, ein jämmerliches Dasein führten und von denen es hieß, daß sie durch Gewalttaten aller Art ihr Los zu erleichtern suchten. Einige von ihnen hatten neben der Straße Hütten errichtet und bettelten in der frechsten und unverschämtesten Weise, so daß die ganze Gegend in Aufregung geraten war und manche festgenommen werden mußten.

Mit der Mildtätigkeit und Freundlichkeit, die unsere Freunde früher erfahren hatten, war’s nun wohl zu Ende, das sahen sie ein, im Gegenteil waren sie in Gefahr, von den andern Flüchtlingen Böses gewärtigen zu müssen. In dieser Lage schickten sie den Kapitän zu dem guten Herrn zurück, ihrem Wohltäter, um ihn in ihrer aller Namen noch einmal um Rat zu bitten. Den gab er denn auch und meinte, sie sollten ihr altes Quartier wieder beziehen oder, wenn sie das nicht wollten, weil die Jahreszeit schon zu weit fortgeschritten wäre, sich näher an der Straße ansiedeln. Dort fanden sie ein altes, halbverlassenes Haus, das kaum noch bewohnbar war und ihnen deshalb gern von dem Bauern, dem es gehörte, überlassen wurde.

Nun gab es für den Zimmermann und seine Helfer genügend Arbeit, aber in wenigen Tagen hatten sie das Haus ganz wohnlich hergerichtet, und da sie dort einen Kamin und einen Ofen fanden, waren sie auch gegen die kommende Kälte gesichert. Was sie sonst noch brauchten, nämlich hauptsächlich Bretter, um Fensterladen, Fußböden und Türen zu machen, erhielten sie von den Leuten, bei denen sie nun schon einmal bekannt waren, und wo ihnen jeder gern aushalf.

Hier richteten sie sich nun für die Dauer ein, entschlossen, dazubleiben. Denn sie sahen wohl, wie aufgebracht die Provinz gegen alle war, die aus London stammten, und daß sie ohne die größten Schwierigkeiten nirgends durchkommen würden oder auf einen freundlichen Empfang rechnen könnten. Aber trotzdem ihnen von allen Seiten Hilfe zuteil wurde, hatten sie doch genug Beschwerden zu erdulden, denn nun, im Oktober und November, setzte die Kälte ein, so daß viele von ihnen erkrankten, freilich nicht an der Pest. Im Dezember kehrten sie dann wieder nach London in ihre Heimat zurück.

Ich habe diese Geschichte so ausführlich erzählt, um zu zeigen, woher plötzlich die Masse Menschen kam, die in London erschienen, sobald die Seuche nachgelassen hatte. Die bessern Klassen hatten bei ihren Freunden auf dem Lande ein Unterkommen gefunden, und jene, die keine Freunde draußen hatten, waren nach allen Richtungen geflohen, ob sie nun Geld hatten oder nicht. Die ersteren kamen am weitesten, da sie sich selbst erhalten konnten, die andern aber mußten die ärgsten Entbehrungen erdulden und konnten sich oft nur durch Stehlen durchbringen. Dadurch wurde man wieder gegen sie aufgebracht und steckte sie ein, obwohl man nicht recht wußte, was man mit ihnen anfangen sollte und sie nicht gut bestrafen konnte. Oft genug aber schob man sie von Ort zu Ort ab, bis sie wieder in London waren.

Ich habe seitdem überall nachgefragt und erfahren, daß es eine Menge von diesen armen, unglücklichen Leuten gab, die irgendwohin aufs Land hinaus geflohen waren und nun in Hütten und Heuschobern ihr Leben fristeten, wo man sie zuweilen auch unterstützte, wenn sie überzeugend dartun konnten, daß sie nicht zu spät London verlassen hätten. Die meisten aber wohnten in selbstgebauten Hütten auf freiem Feld oder in den Wäldern oder wie Einsiedler in Löchern und Höhlen, oder wo sie sonst bleiben mochten, wo es ihnen so schlecht ging, daß sie auf jede Gefahr hin wieder lieber nach der Stadt zurückkehrten. Die Hütten blieben dann verlassen, und das Landvolk glaubte, daß die Bewohner tot drin lägen, und traute sich noch lange nicht, in die Nähe zu kommen. Und wirklich ist es auch durchaus nicht unwahrscheinlich, daß eine Anzahl dieser unseligen Flüchtlinge allein und verlassen und ohne jede Hilfe zugrunde ging. –

Von einem traurigen Fall hörte ich, einem Bürger, der durch die Seuche seine Frau und alle Kinder verloren hatte. Nur er, zwei Dienstboten und eine alte Frau waren am Leben geblieben, eine Verwandte, die ihre Angehörigen bis zum Tode gepflegt hatte. Der Mann begab sich in ein nahes noch unverseuchtes Dorf, fand dort ein leeres Haus und mietete es von dem Besitzer. Nach einigen Tagen verschaffte er sich einen Karren, belud ihn mit dem Nötigsten und fuhr damit hinaus. Die Dorfbewohner wollten ihn zwar nicht durchlassen, aber teils durch Zureden, teils durch Gewalt, gelang es den Leuten, die den Karren schoben, doch bis zur Türe des Hauses zu kommen. Aber dort leistete der Konstabler ihnen neuen Widerstand und ließ sie nicht ins Haus. Der Mann ließ die Sachen vor der Tür abladen und schickte den Karren weg, worauf man ihn vor den Friedensrichter führte. Dieser befahl ihm, die Sachen auf dem Karren wieder zurückbringen zu lassen, was der Mann verweigerte. Darauf schickte der Friedensrichter den Karrenführern den Konstabler nach und beauftragte ihn, sie vorzuführen und sie zu zwingen, die Sachen wieder aufzuladen und fortzubringen, widrigenfalls sie in den Stock gelegt würden. Sollte er die Leute nicht finden und der Mann sich nicht bereit finden lassen, die Sachen zu entfernen, so sollten sie mit Hacken auf die Straße gezogen und dort verbrannt werden. Auf das hin ließ der arme Teufel die Sachen wieder holen, aber nicht, ohne sich über die ihm widerfahrene Härte und Grausamkeit aufs bitterste zu beklagen. Aber es half nun einmal nichts, der Selbsterhaltungstrieb zwang die Leute zu solchen Maßregeln, von denen sie unter andern Umständen nichts hätten wissen wollen. Was aus dem Manne wurde, kann ich nicht sagen, aber es hieß, er wäre schon damals angesteckt gewesen, wenn das auch vielleicht nur die Leute sagten, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen.

Ein Haus in Whitechapel wurde eines angesteckten Dienstmädchens wegen abgesperrt, das nur Flecken, nicht die eigentlichen Merkmale der Seuche hatte und später auch wieder gesund wurde. Die Hausleute durften also 40 Tage lang auch keinen Schritt an die Luft gehen. Angst, Ärger, Wut, Mangel an frischer Luft und was sonst noch mit einer solch schlimmen Behandlung zusammenhing, zogen der Hausfrau ein Fieber zu. Darauf erschienen die Visitatoren und sagten, sie hätte die Pest, obwohl die Ärzte erklärten, daß das nicht der Fall wäre. So wurde die Familie gezwungen, die Absperrungszeit von neuem durchzumachen, obwohl an der ersten nur noch ein paar Tage fehlten. Der Kummer und die Empörung darüber warfen sie nun alle aufs Krankenlager, die einen erkrankten an Skorbut, andere an ähnlichen Übeln, bis schließlich, nachdem die Absperrung noch mehrmals verlängert worden war, einige Besucher, die mit den Visitatoren kamen in der Hoffnung, die Ärmsten endlich in Freiheit zu setzen, wirklich die Seuche ins Haus schleppten, an der fast alle starben. Also nicht an der Pest, die sie gehabt hatten, sondern die jene ihnen zugebracht hatten, die sie davor hätten schützen sollen. Dergleichen passierte häufig genug und war eine der schlimmsten Folgen der Häuserabsperrung.

Um diese Zeit mußte ich eine kleine Mühe auf mich nehmen, die mich zuerst in große Bestürzung versetzte und sehr unbehaglich machte, obwohl sich später herausstellte, daß es damit nicht so schlimm war. Der Ratsherr unseres Distriktes nämlich ernannte mich zu einem der Untersuchungsbeamten in dem Bezirk, wo ich wohnte. In unserm Kirchspiel gab es deren nicht weniger als 18. Wir hatten den Titel Untersuchungsbeamte, das Volk aber nannte uns Visitatoren. Ich versuchte alles mögliche, um mich von einem solchen Amte loszumachen und brachte gegen den Stellvertreter des Ratsherrn einen Haufen Gründe vor, die mich verhinderten. Besonders führte ich an, daß ich gegen die Absperrung der Häuser sei, und daß es unrecht wäre, mich zur Durchführung einer Maßregel zu zwingen, die gegen meine Überzeugung wäre, und wie ich glaube, auch keinen wirklichen Nutzen brächte. Das einzige aber, was ich erreichen konnte, war, daß ich anstatt der üblichen zwei Monate nur auf drei Wochen verpflichtet wurde, vorausgesetzt, daß ich dann einen geeigneten Stellvertreter namhaft machen könne. Das war freilich nur ein schwacher Trost, denn es war äußerst schwierig, jemanden zu finden, der ein solches Amt auf sich nehmen wollte.

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