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Die Osternacht. Zweite Abtheilung

Leopold Schefer Die Osternacht

Reading edition

Die Osternacht.

Zweite Abtheilung.

Sinnwort:

Soldatenfreuden Sind Menschenleiden.

I.

Nun wird die gute Zeit wohl aus sein! sprach Christel, mit gesenktem Köpfchen zur Erde sehend und ihre Hände gefaltet.

Vater, die Straße brennt! rief Daniel, durch das Thor in den Hof springend.

Ach, daß die nur brennte, nicht auch unser liebes Zahlbach, und Häuser, Gehöfte, Dörfer und Kirchen im Lande! erwiederte ihm Johannes und nahm ihn an die Hand. Wo erst die Pferde Rauch machen, da machen die Menschen dann Feuer und Elend.

Was für Menschen? frug Wecker, fast erhaben darein sehend, und mit dem Ohre wie vom Himmel auf eine Antwort horchend. Aber, mein Daniel, fuhr er mit belehrender Geberde fort, die da kommen, das sind gar wundersame Menschen, Cento- oder Milletauren aus Taurien, mit vier Pferdebeinen und Pferdeschwänzen, und mit zwei Köpfen — einem Pferdekopf, der sehr klug ist, und Hafer frißt, auch grüne Saat und Dachschoben von den Strohhütten und liebes Brod von den Tischen — und einem Menschenkopf mit einem Bart wie ein Ziegenbock, und mit zwei Händen, wovon die eine so lang ist, wie ein Spieß, und von Holze, und ganz vorn der eine Finger daran von Eisen! — Cavallerie, von Cavallo, nicht von Cavalier! wie euer alter Vater Frommholz sagt, Johannes!

Ach, scherzt doch nicht, Wecker! bat Christel. Mir ist wie vor einem Gewitter, das still heraufzieht.

— Und vorüber! meinte Wecker. Ist am Himmel nur Eine Wolke von heute früh nur, oder von gestern, von vor dem Jahre, von vor hundert oder tausend Jahren zu sehen! — seht hinauf, mit euren lieben feuchten Aeuglein, liebe Christel: Alle sind weg! Verflogen, verregnet, verdonnert, verstoben — und der alte Himmel ist hell! Und kommen auch neue Wolken, so wird der Schwarm, so groß und barbarisch er ist, auch vorüberziehen, und die Erde wird wieder rein sein — wie nach der Sündfluth, Der arme Noah! Der litt einmal! Es ist auch ein Elend, viele, viele, ja alle andere Menschen umkommen zu sehen, und selbst feuer- und wasserfest und wohlverpicht in seiner Arche zu sitzen, und Tauben und Raben hinaus zu lassen, um zu wissen, ob die Erde wieder gangbar ist? — Und hätte ich nachher den Regenbogen gesehen, so hätte ich gesagt: Verzeih’ mir’s Gott! er gefreut mich nicht; — es sind gar zu viel Menschen ersoffen, denen er — Frieden bedeutet! Das sind nur die Thränen von allen den Leuten, die zum Himmel geweint haben, aller der desperaten Sünder! Darum lieber selbst etwas mitleiden, etwas mitweinen, ein paar Glieder von den Seinigen oder von seinem Leibe miteinbüßen, wenn ganze Korporationen in und am corpore — dem corpus delicti — leiden, das ist in bösen Zeiten ein wahrer Trost! Das macht uns zu Mitmenschen, Mitkönigen und Mitbauern, je nachdem wir nun dies oder das sind, liebe Christel. Die Kinder Gottes leiden! Von jeher, und noch wie lange, weiß Niemand! Und die Herren denken: haben sie so lange gelitten, mögen die paar Millionen auch noch ein paar tausend Unglücke weiter leiden. Denn sie bleiben es doch. Aber — Wecker bleibt Wecker!

Ach, Ihr meint es rechtschaffen, mit uns und der ganzen Welt! sprach Christel.

Das wollt’ ich nur wissen! erwiederte er weich, da sich oben am Himmel ein Regenbogen aufbaute. Glaubt nur, Kinder, für einen Rechtschaffenen ist das ganze Himmelszelt, so groß es ist, nur eine Hütte! Er ist viel größer, viel leichter als die Bläue, viel fester in seinem Kerne, und lebt und schwebt mitten darin und doch hoch darüber — wie euer alter Vater, Johannes, da droben als Zimmermann an dem Kirchthurme hängt, wie ein Grünspecht mit seiner grünen Jacke, und hackt! Seht nur, jetzt hackt er die Axt fest, und sieht sich um über die Gegend nach Britzenheim zu, und sieht den Schwarm der Feinde kommen, davon wir nur erst noch den Staub erblicken, nicht die Herren Staubmacher, zu Staubmacher und zu Staubwerder selbst!

Jetzt blieben alle eine Weile still, denn es fiel ein Kanonenschuß von der Klubbistenschanze vor der, nur eine Viertelstunde von Zahlbach entfernten Festung Mainz; und als er verdonnert, und in den Thälern verhallt war, sahen sie sich an, Wecker aber fuhr fort: Kinder, das war seit langer Zeit der erste! Die blauröckigen Kinder drin werden wach, und schau . . . sie haben den Staub auch gesehen! Aber um hinauf zu dem alten Großvater Frommholz auf den Thurm zu kommen, seht nur, er läßt die Axt eingehackt und kriecht zum Loche hinein! Er wird herunter kommen, und uns berichten . . . oder kommt er bloß zum Abendessen? Das wäre besser! Aber dabei bleibe ich: Jetzt in der allgemeinen Noth marschirte ich mit keinem lieben Vieh, je einem Männlein oder Fräulein, und mit meiner seligen Frau, mit Söhnen und Töchtern und sündlosen Anverwandten, auch wenn ich welche hätte, doch nicht in die aufgethane Arche, und lebte darin in Freuden, und wohlverpicht! Denn das erlebe ich, daß auch mein Sohn Friedrich Wecker, der wohlgerathene Tambour, aber mißrathene Schulmeister, ohne Arme oder ohne Beine — ad lubitum der Herren Feinde, aus Rußland oder aus Deutschland angewackelt kommt — oder nur von Hanau, wo man unserem Hochverehrten den Weg verlegt hat, die Breite und nicht die Länge. Verkehrt! Denn von der Seite reitet man ein Pferd um. Aber mag er kommen ohne Trommel, ohne Arm, ohne Zehrpfennig — er soll mein lieber Sohn sein! Ich will mich im Geiste seiner Mutter, als meiner lieben Ehehälfte im Grabe, wovon die andere Hälfte, als nämlich ich, noch über dem Grabe vagirt — freuen, und wieder einmal weinen, als ein einsamer Mensch, der gar Niemanden mehr schelten kann; denn ihr alle, der alte Großvater Frommholz, Ihr Johannes, Christel und eure Kindlein, ihr seid doch Alle gar zu gut, und ich habe nichts, als im Herzen euch Dank zu sagen! Aber Mann und Weib ist ein Leib. Aber was ist ein Wittwer und eine Verklärte? nämlich meine Ehehälfte. Es ist doch ein närrisches Leben, wenn Einer halb im Grabe liegt mit schwarz bombasinenem Kleide und cannevassener Haube — und zugleich auch halb draußen steht, wie Ich, und als Ich, ganz, gesund, alt, mager und sechs Fuß hoch, wie ein Weinstock — ohne eine einzige Rebe, vor dem Winter eingepackt in einen alten Rock, grob wie eine Matte, und einen Stock im Leibe, damit die ganze Vogelscheuche nicht einfällt! Darum mein großer Friedrich, komme Du heim, komme mir nur heim, ob ich gleich keine Heimath habe! Aber ich habe eine Brust und ein Herz, da sollst Du Schlingel zu Hause sein, weil Du doch einmal darin immer zu Hause gewesen bist — auch so lange Du entlaufen warst, oder wohlgerathener Landstreicher und Tambour — vielleicht . . . Major!

Nun, sprach Christel, das Unglück der Großen ist oft, wenn nicht immer, der Kleinen Glück; wenn ein Sack — wie Napoleon, reißt, fallen viel Körner heraus; und so kommt vielleicht auch mein Bruder, der Stephan, wieder, der mit Gewalt mit angeworben wurde, weil er kein Weib, keine Kinder, sondern nur . . .

— — nur Haus und Hof, Kühe und Kälber, Pferde und Ochsen hatte, fiel Wecker ein. Freilich, um die war’s nicht Schade, ob sie ihn gleich vielleicht auch gut gekannt und lieb gehabt haben! Aber wer kann alle Herzensangelegenheiten schonen!

Daniel winkte zu hören, und sprach nach einer langen Pause: Wie sie gesungen kommen —

— daß einem das Herz im Leibe lacht und der Magen, meinte Wecker. So in Fugen singen sie; Einer fällt nach dem Andern ein, der Dritte, der Vierte, und Alle aus vollem Halse. Und wie es fromm klingt! Das sind gewiß gute Menschen! Wer singt, ist gut, nämlich so lange er singt, und den Mund dazu braucht.

— Horcht! nun pfeifen sie gar! rief Daniel, freute sich, und wollte zum Thor gehen, um aus dem Gehöfte auf den Weg das Dorf hinauf zu sehen.

Ach, seufzte Christel, was sollen wir thun? Was ist jetzt gut, oder was ist schlimm von dem, was wir Leute gewohnt sind? Jetzt ist kein Schritt recht oder gleichgültig, kein Fleisch recht gekocht, kein Huhn gut gebraten, keine Suppe recht gesalzen! Da lob’ ich meinen Johannes und euch Alle! — Ihr wart immer mit mir zufrieden. Aber darum vernachläßigte ich nichts, in dem guten Zutrauen auf eure Geduld; sondern je begnügter ihr wart, je sorgsamer strengte ich mich an, und lauschte und merkte mir gern, was der Kleinste gern hatte. Nun werde ich nichts recht machen; und ich möchte wahrhaftig mein Sophiechen oder meine Clementine sein! Heut nur in unserm Zahlbach! Denn . . . seht nur, wie glücklich sind doch die Kinder! Wie leben sie überall und immer im Paradiese! Ohne Sorge und Furcht, glücklich, wenn nur die Mutter lächelt und spricht: Du bist mein liebes Kind! Seht nur, mein kleines Osternachtkind, die kleine Clementine, die ich der guten gnädigen Frau zum Andenken so genannt — sie versprach mir gestern Nacht: ohne mich ganz allein einzuschlafen, wenn ich ihr ein Brodchen mitbüke; und so konnte ich ungestört backen; jetzt hat sie es dort bei sich; und da ihr das Schaukeln so gefällt, so denkt sie: dem lieben Brodchen soll es auch gefallen, und so hat sie es auf den Sitz der Schaukel gesetzt, und schaukelt es mit ihren kleinen Aermchen! Ach mag doch Alles verloren gehen . . .

. . . Also hübsch langsam! schaltete Wecker ein. Verloren gehen, nicht verloren rennen!

Auch das! fuhr Christel fort; mag heut, schnell, gleich Alles verloren werden, und hin sein, selber das tägliche Brod, sogar wie es Luther auslegt, nur nicht . . . nur nicht: Mann und Kinder! Nicht Ein Kind! Weiter bitte ich Gott um nichts . . .

. . . Um nichts weiter! Ei, meine bescheidene Christel, da bittet Ihr recht viel, recht grob den lieben Gott! sprach Wecker. Denn, wie ich Euch kenne, habt Ihr eben nichts weiter, nichts Anderes in Euren Gedanken, in Eurem Herzen, als den Mann und die Kinder. Ihr wollt also nur geradezu Alles behalten, was Ihr habt und besitzt; denn die Tausend Gulden von Eurem Vater, die der alte Herr von Borromäus für Euch am Kaufgelde hat fahren lassen müssen, und die Ihr ausgeborgt habt für die Kinder, die kümmern Euch nicht; auch nicht die dreihundert Gulden Lotteriegewinn vom Gevatter Pathen Leineweber Krieg, die Euch Dorothee wiederbezahlt, weil sie nun mehr hat, und nichts schuldig sein wollte, das protzige Mädchen, das nicht aus Fleisch und Blut zu bestehen scheint, sondern aus lauter Ehre zusammengebacken, und mit Mädchenstolz gesäuert.

Ihr habt nicht ganz Unrecht, . . . Meister Wecker, wie Ihr ohne Schule nun einmal wollt genannt sein, damit Ihr doch noch etwas wäret oder hießet; sprach Johannes dazu. Selbst die saubern Geräthschaften, Tische, Stühle, Schränke, Betten, Gebetten, Kisten und Kasten mit Wäsche und sächsischer Leinwand, und was wir Alles aus Herrn Paschalis Schiffchen packten, freute meine gute Christel nur um der Kinder willen; die freuten sich! Aber doch Sonntags, wenn Alles fein sauber aufgeräumt war, die liebe Sonne in die blanke Stube schien, und Christel selbst auch sonntäglich in dem lieben Sonnenschein stand, da gewann ihr die neue Heimath denn doch ein heimliches Lächeln ab. Das Geld haben wir nicht zum Bauen gebraucht; denn als meinem Vater seine zweite Frau gestorben war, mit welcher er Alles erheirathet hatte, da ward ich wieder sein Sohn, da durfte ich wieder zu ihm kommen, da mußte ich sogar Haus und Garten und Feld von ihm nehmen, zum Zeichen, daß er heimlich immer mein guter Vater gewesen.

Jetzt kam der alte Frommholz vom Thurme. Die Kinder liefen ihm entgegen, auch die Kleinste mit ihrem Brodchen, und er mußte sie auf den Arm nehmen. Der alte Mann nahte und trat zu ihnen. Seine Gestalt war hoch, sein Gesicht ernst geworden von dem langen Zuschauen der wechselnden Erde, die ihre schönsten und besten Kinder, die Menschen, wenig zu achten scheint; dennoch war seine Stellung fest, sein Auge getrost, aber seine Hand vom Alter mager, von der Sonne braun; und das Kind hatte sein kleines, weißes Händchen darauf gelegt, wie ein Blüthenästchen auf einen trockenen Ast; und — wie eine Rose an ein altes Gemäuer — lehnte es sein kleines Gesicht weiß und rosig an das gleichsam wettergraue Gesicht des Alten; und die noch nicht gefärbten weißlichen Haare der Kleinen mischten sich mit den schon wieder entfärbten, und nun auch weißen Haaren des Großvaters, die ihm voll bis auf die Schultern hingen, und er hieß bei Menschen ein ehrwürdiger alter Mann, entweder weil er die Sonne lange gesehen hatte, oder sie nicht mehr lange schauen sollte. — Da will ich die Wahl haben! meinte der lebenssatte Wecker, wenn die Leute demselben Glück zu dem schönen Alter wünschten und ihn bewunderten — wie den eingefallenen Thurm zu Babel, und die vornehme Nase, die nach Damaskus — geschaut hat, in ihrer Jugend.

Nun, Großvater, sagte jetzt Christel, Ihr stellt Euch so ruhig und schweigsam zu uns! Erzählt uns doch! Rathet uns doch!

Wer kommt denn eigentlich? frug Johannes; unsere große, ganz klein gewordene Armee?

— Unser Friedensstifter, Vermittler, Bundruthe unseres Rheinbundes, unser allergroßmächtigster Kaiser und allezeit Mehrer des Reiches, auch wenn er ein Stück von seinem Kaisermantel nach dem andern verliert? fragte Wecker.

Was sollen wir thun? frug Johannes; sollen wir hier bleiben, draußen? oder hineingehen? Kochen, braten oder backen? Und was? Oder sollen wir Alles stehen und liegen lassen, und ein ruhiges Land aufsuchen?

Kinder, sagte der Alte, heut zu Tage kann man immer auf das Entgegengesetzte von dem gefaßt sein, was alle Menschen vermuthen und glauben, selbst die Herren Potentaten. Alles kommt anders und besser, als selbst der Freiestgesinnte und Beste denkt, und ganz etwas Neues! So kommen auch jetzt unsere Feinde, die Kosaken, vor unserer Armee, als ihre Vorreiter, Voresser und Vortrinker. Aber, was Ihr thun sollt, meine Kinder? — Nichts! Wenn böse, gefährliche Zeiten kommen, muß Jeder schon das Seine gethan haben: gelebt, gebaut, geheirathet, gesorgt, verdient und gespart. Die böse Zeit tritt zum Menschengeschlecht als sein Richter, und spricht: So wie du gelebt hast, so wird dir geschehen; mein Buch ist geschlossen, deine Rechnung gezogen. Die sieben fetten Kühe müssen die sieben magern übertragen. Wer die sieben fetten in’s Haus geschlachtet hat, der kommt um! — Aber, sprach er mit Lächeln, ein ruhiges Land aufsuchen? — Wo denn? Jetzt nirgend. Wenn Erndte ist, ist überall Erndte, ein Paar Tage, ein Paar Wochen später; aber Erndte ist gewiß, gute oder schlechte, wie und was Jeder gesäet hat. Vielleicht hätten wir sollen mit den verständigen, freien Würtembergern, den Rhein hinunter, nach Amerika ziehen. Wenn in einem Lande Herbst wird, ziehen die Lerchen, die Schwalben und Störche von dannen, und sind unverständige Vögel. Sie nisten über dem Meere nicht, aber der Mensch baut sich an, und gedeiht überall wohl, wo nur die Erde ist, und nur die Erde ist sein Vaterhaus und seine gute gleichnährende Mutter überall. Die große Lehre hat uns Schmach und Schande gelehrt. Uns aber ließ man doch die vorzüglichste Freiheit — wegzuziehen, wenn es uns nicht unter dem neuen Herrn des Landes gefiel; und nur die Freiheit des freien Abzugs mit Weib und Kindern, kleinen und großen, zu jeder Zeit muß den Menschen bleiben, wenn sie so durcheinander gewürfelt und hinüber und herüber verspielt und gewonnen werden, wie bis jetzt anno 1813, als wenn die Unterthanen liebes Vieh wären, und kein Herz hätten, und zu Niemand ein Herz haben sollten. So wollte man, und so ist den ihr Wille geschehen. Amen!

Amen! Amen! In Ewigkeit! sprach Wecker fromm und gläubig dazu. Der Bauer Adam Müller hat doch Recht gehabt! Es ist Krieg geworden, 1812, wie in dem Briefe an den seligen Herrn von Borromäus stand! Vielleicht gehen nun auch die unschätzbaren schlechten Zeiten an, die er verheißen, und worüber sich das Landesväterchen so gefreut!

Die Unsrigen rücken aus Mainz dem Feinde entgegen, und wahrscheinlich begegnen sie hier sich im Dorfe; sagte der Alte erst jetzt. Es kommt darauf an, wer schneller reitet.

Mein Gott! stöhnte Christel. Wer hätte gedacht, daß man unter einer Festung Napoleons nicht sicher wohnte!

Sogar er selber nicht mehr, sprach der Alte. Aber wenn Er sogar nicht mehr sicher ist, so können alle Andern, die nicht solche Männer wie Er sind, nicht ihren festen Sitz auf hundert Jahre verpachten, ohne daß der Pächter nicht vor Ablauf der Pachtzeit — stirbt.

Wecker schüttelte sich und sprach: Mir ist ordentlich als ginge Jemand mit Geisterschritt in den Wolken, und warnte herab mit dem Finger, und spräche große Lehren herab; und auf Erden liefen Teufel umher, und hielten den großen Menschen die Ohren zu, und sprächen: Das da oben ist bloßes Luftgebrause! Unsinn am Himmel! Wer nicht gehört hat, der darf nicht folgen. Erlauben Sie also gnädigst, Ihre hochgeehrten Ohren mit dem weichsten schadlosesten Wachs zu verkleben; es ist gelbes natürliches Wachs, ohne allen Arsenik! Sehen Sie, ich verschlinge ein Stück davon. — Und bei den Worten brach Wecker einen Krumen von Clementinens Brodchen, und verschlang ihn im Eifer.

Der Lärm ist im Dorfe! sprach Christel bestürzt. Riegelt das Thor zu!

Da sprengen sie es ein! und werden erst wüthende Gäste! versetzte der Greis.

— Verbergt Euch!

Da holen sie uns hervor mit Flintenkolben und flachen Klingen.

— Fliehen wir!

Da zünden sie das Haus an, oder richten uns Alles zu Grunde.

— Kommt in das Haus!

Da kommen sie nach, und erbitterter! Das weiß ich als alter Soldat. Thut, als kämt Ihr, sie zu begrüßen. Sagt, Ihr wartet auf sie. Laßt Alles offen! Bleibt, wo Ihr seid; wir sind überall in Gottes Händen! Wer da denkt: Gott hat ihn nur im Mutterleibe gebildet, und da das Leben gegeben; und nicht glaubt, daß Gott ihn jeden Augenblick so wunderbar fort bildet, und seinen Odem ihm leiht, der ist ein Blinder.

Das wollt’ ich nur wissen! meinte Wecker.

Wißt, denkt, glaubt es doch auch, Ihr alle meine Lieben; fuhr der Alte fort, während man kaum vor Geräusch und Geschrei und Geklirr und Gestampf seine Stimme recht hörte. Wißt Ihr es auch. Die Rosse hat Er geschaffen, die eisernen Spitzen sind aus seiner Erde, die Menschen sind aus seinem Paradiese. —

Die Wuth aber ist vom Teufel! schloß Wecker.

Denn von den Feinden, die sich eben im Dorfe einnisten wollten, aber schon wieder ihre Feinde: französische Infanterie, begegneten, kam ein Kosak in den Hof gesprengt, der einen Franzosen verfolgte. Der Franzose lief in einem Zickzack um die schönen Linden, die jetzt schon gelbe Blätter verstreuten, auf das Haus zu. Alle sprangen nach dem Hause; Wecker mit Gotthelf, Christel mit Sophiechen, Johannes mit Daniel, und der alte Großvater Frommholz war mit dem kleinen Osternachtkinde, mit Clementinen, die er auf dem Arme trug, der Letzte. Das Kind sah über die Achsel des Großvaters nach dem weißen Pferde, und hielt sein Brodchen hoch und bereit, es dem fremden Manne zu geben — da verfehlte der Kosak mit der langen, rothen, eschenen Lanze seinen Feind, der eine schnelle Wendung machte, und sich platt mit seinem Gewehr auf die Erde warf, und die eiserne lange Spitze der rothen Stange fuhr dicht über der Schulter des Großvaters mitten in die kleine Brust des Kindes, und durch und durch, daß der alte Mann die Spitze mit seinem rechten Auge erblickte; und er stand wie angewurzelt, wie mit Feuer begossen von dem Gedanken, was da geschehen sei; und ohne Kraft, das Schicksal der leichten, aber unglücksschweren Last zu tragen, sank er auf seine Kniee; vor seinen Augen war gänzliche Nacht, und in der Nacht war gänzliche Wüste; aber das Kind hielt er noch fest.

II.

Nur der Kosak schrie auf — menschlicher Weise gedenkbar: selbst in der eigenen Wuth noch erschrocken über das — Kriegsglück, daß er statt des Feindes, das Kind durchbohrt. Aber es war ein Schuß gefallen; denn der bedachte, absichtlich handelnde Franzose hatte sich gleich wieder auf ein Knie gerafft, richtig den Augenblick ergriffen, sicher gezielt und sicher getroffen, und der Kosak lag am Boden. Niemand konnte erkennen, daß er ein alter Mann mit silberweißem Barte war, kaum daß er ein Mensch sei, wenn es nicht die übrige Gestalt noch hätte schließen lassen; denn über Augen und Gesicht floß lichtrothes Blut von der Stirn, unter der rothen vierlappigen Mütze hervor, und überfloß den breiten Bart, als sei er aus blühendem Fuchsschwanz künstlich gemacht; und die gerötheten Zähne im Munde klapperten vor Schmerz oder Wuth; denn er war gleichsam nur ein blautuchener Schlauch voll deutscher Beute.

Die indeß genahten Franzosen hatten mit einer Salve der reitenden Artillerie die Kosaken wie sechsbeinige Hasen aus dem Dorfe gebürschet. Man hörte in der Ferne nur schreien und reiten, und sah wieder die Straße brennen. Im Dorfe aber und in Johannes Hofe war es still. Der Franzose hatte den Schimmel am Zaume aufgegriffen, und an der Linde angehangen, stand ruhig, putzte seine Flinte rein, und ladete sie wieder, während er mit finstern Seitenblicken zu dem Kosaken auf die Erde zwischen den Zähnen murmelte: Moskowiter! Ismaeliter! Esauwiter! — Da liegst Du — und Ich nicht! — Du bist mein — und Ich nicht Dein!

Wecker war in heiliger Entrüstung indeß bei dem alten Frommholz vorüber, herausgeschritten, und in Bezug auf den in seinem Blute schwimmenden Asiaten sprach er mit innigem Bedauern und herzlichem Wohlmeinen zu dem Franzosen: Kain! Kain! Kain! o fliehe! fliehe! — Du hast Deinen Bruder erschlagen! Wir wollen unsere Augen indeß zudrücken, daß wir nicht wissen, wohin Du geflohen!

Und so drückte er seine Augen zu, und stand mit geröthetem Angesicht harrend. Da er aber nur ein verwundertes Lachen hörte, schlug er die Augen wieder auf, sah den Lachenden mit Erstaunen an, und frug ihn, ganz irr’ an sich und der Welt: Nun so sagt: Wer hat Euch das Recht gegeben, den Mann zu erschlagen?

Ihr seid verrückt! entgegnete der Franzose.

Das habe ich schon von Andern gehört! entgegnete Wecker; aber, mein Freund — — denn auch Ihr seid noch mein Freund — aber auch so ein Ungeheurer, wie ich, kann fragen; also ernstliche Antwort: Wer hat Euch das Recht gegeben, geliehen, geschenkt oder vermeint zu geben, zu leihen, zu schenken!

Das Beispiel! närrischer Mensch. Die Trommel, der Feldwebel, der erste Kanonenschuß, das Wort „Marsch!“ Kein Mensch hat es uns eigentlich laut gesagt.

An der verschämten Art haben sie wohl gethan! sprach Wecker mit einiger Freude; aber gemeint haben sie es doch!

Und das recht redlich! Die Hohen befehlen, die Kleinen thun, die Alten thun es vor, die Jungen nach.

O Volk, du heiliger Affe! „sacra simia,“ wie auch Horaz den verfluchten Hunger nennt; aber kennt Ihr nicht aus dem Vorschreibe-Versbüchlein das Symbolum? Daniel! Wo bist Du? Bete doch dem Herrn Todtschläger den Vers vor: „Flieh, wenn Du — —“ Da er aber den Daniel nicht gewahrte, dictirte er gleichsam die Zeilen dem Manne in die Feder oder in die Flinte — wie er bemerkte — und sprach laut und warnend:

Flieh, wenn Du Böses siehst, Und thu’ es niemals nach! Du bist so strafbar sonst, Als der es erst verbrach!

Der Franzose aber hatte einen großen russischen Hund, Peter, oder der große Peter gerufen, mitgebracht; und der Hund nun beroch den Kosaken; und hungrig, wie Peter sein mochte, leckte er ihm endlich das warme Blut vom Gesicht und aus den Augenhöhlen — und der Kosak stöhnte, schlug die Augen auf und erblickte seinen Schimmel, der sich von der Linde los gemacht, und mit gesenktem Kopfe neben seinem gefallenen Herrn, Freund und Vater stand. Und der Kosak schloß die Augen wieder.

Der kleine Gotthelf aber frug Weckern: Meister Wecker! Ist das ein Centaure?

Ja, mein Söhnchen, mein Gotthelfchen! erwiederte er. Gott helfe ihm! Es ist ein solcher guter, armer Teufel, wie einst ein gewisser Pferde- und Menschendoctor, Chiron benannt! Ist dieser hier nicht so lange todt wie Jener, so wird er es doch bald so lange werden. Aber die Todten holen sich wohl nicht ein? Indeß, so weit her sind sie Beide, und unser Gast wohl noch weiter her, der daher gekommen, um unsere Erde zu kosten, und statt um ein drei Ellen hohes Federbett, nur um ein drei Ellen tiefes Wurmlager bittet, ja nicht einmal bittet — so gut ist der liebe, alte Mensch; mein Gotthelf, mein Gotthelf. O, helfe doch Gott allen Menschen!

So sprach er in heißer Entrüstung und mit zum Himmel gestreckten Händen, und er schickte sich an, dem armen Alten beizustehen, und wo möglich noch Hülfe zu leisten, da er doch noch ein Lebenszeichen von sich gegeben — als Christel laut aufschrie.

Jetzt erst war sie herausgetreten; jetzt erst hatte die Mutter ihr Kind gesehen. Es lag auf dem Rasen neben der Thüre, und als es die Mutter erblickte, streckte es beide Händchen nach ihr. Der alte Mann hätte sein Enkeltöchterchen vielleicht sogleich hineingetragen, wenn er nicht befürchtet, dem Kinde durch eine Wendung oder durch das Nachschleppen der langen, schweren Lanze, an der es steckte, weh oder weher in seiner Brust zu thun; und so hatte er es nur ruhig hingelegt, und sich selbst auf die Bank gesetzt, wo er kraftlos und athemlos saß. Die Mutter bedeckte die Augen vor ihrem Kinde mit ihren Händen. Sie hatte gesehen . . . Alles mit einem Blick . . : es lebte noch! Es blutete nicht! Denn der Speer verschloß seine Wunde zugleich! Aber das holde Gesicht des Kindes war blaß, und die rosenrothen Wangen auf Zeit der Erde oder des Himmels dahin! Der Blick aus den schönen blauen, Hülfe bittenden Augen in ihre Mutterseele hatte ihr schweigend gesagt: sie sei des Kindes Mutter nicht mehr! Die liebe Kleine sei ihr auf einmal vom Herzen gefallen, so fremd geworden, und werde ihr bald so unkenntlich und so unergründlich sein, wie — Erde, und immer ferner, weit, fern, unerreichlich fern, und doch so nahe, so fest, so recht innig im Herzen, wie der durchbohrende, schmerzliche Speer in der kleinen Brust des Kindes. Ihre volle Mutterliebe stand auf einmal an einem grausen Abgrund still, wie ein gefrorner Wasserfall — und nur in der Tiefe schlich noch ein kleiner, zusammengedrängter, warmer Quell unter der eisigen Decke, das ewige schöne Gefühl: sie liebe noch! und jetzt erst unaussprechlich, unausweinbar, und zerflöße sie selber zu Thränen. Der blaue Himmel war ihr sonst nur die herrliche, gleichsam unsichtbare Decke über die Erde gewesen; die Erde selbst aber nur das weite, breite Haus für die Menschen, und die Sonne das stille Geleucht zu den Geschäften und Sorgen und Mühen aller solcher treuen Mütter wie sie, solcher redlichen Väter wie ihr Johannes, und solcher von Liebe der Aeltern gedeihender Kinder wie ihre! Jetzt war ihr die Erde kein fester Boden mehr; denn er schwand unter ihren Füßen hinweg, als habe sie auf falschem, nichtigem Gewölk gestanden; sie taumelte und hielt sich an die Pfosten der Thür. Und so war auch der Regenbogen über ihr nur ein Schatten; und die Sonne — dem Regenbogen gegenüber — war ihr nur ein grauses Gespenst, ein Gesicht ohne Augen, ein kahler, liebloser, lebloser Scheitel ohne Haar — sie hatte vergessen, daß es eine Welt gab, und ein Leben; denn dieses ihr Kind war hin! Und ihr Mutterherz empfand in dieser ihrer Noth keine andern Kinder mehr, sie waren ihr alle gestorben — und sie schrie laut und durchdringend. Dadurch hatte sie sich selbst aufgeweckt; sie blickte schüchtern und ängstlich und neugierig umher, ob es wahr sei, was sie geträumt — und als sie nun wiederum sah, es ist wahr . . . . es bleibt und bleibt wahr . . . . da strömte Eifer zu retten über sie; sie kniete hin und wollte dem Kinde den Speer aus der Brust reißen mit schneller, schonungsloser und schonender Hand.

Der französische Soldat aber sprang hastig hinzu, und wehrte ihr mit den Worten: Junge Frau, thut das nicht! Sonst verblutet sich erst das Kind. Es kann noch leben, bis ein verständiger Arzt kommt, der das vernünftig macht!

Johannes lief auf das Wort sogleich in das Dorf nach dem Dorfbarbier.

Seht, sprach der Soldat weiter, und riß seine breite, weiße, mit Haaren männlich geschmückte, schöne, hohe Brust auf, ich bin mitten hindurch geschossen, und lebe und kann schreien wie Einer: „Es lebe der Kaiser!“ — Mein Gehirn ist abgedeckt worden durch einen mich dumm zu machen meinenden Säbelhieb eines albernen Russen, aber, Gott sei Dank, ich bin noch so klug — wie ein Franzose! — Eine Kanonenkugel ist mir quer an den Augen vorüber gesauset, und hat sich unterstanden mir das Nasenbein verstellen zu wollen — aber seht, meine Nase ist noch musterhaft und der feinste Riecher! Und so schwach ich sehe, so sehe ich doch — aus Uebung den Feind, er sei blau, grün, weiß oder roth, wenn Ihr das versteht, liebe junge Frau! Ich muß denken — es ist Herbst auf immer für mich geworden, oder Abenddämmerung zwischen Hund und Wolf, oder die Frau Erde hat ihr Schleierkleid für mich angezogen — also sie hat mich ausgezeichnet durch ihre besondere Gunst.

Er sah sie bei diesen Worten an, und mußte zu ihr mitleidig lächeln, so freundlich sprach ihn das schöne, blasse, ängstliche Muttergesicht der Christel an, und er war eigen sanft und mild gegen sie, wie gegen eine frühere liebe Bekannte. Und das war sie auch wirklich. Christel war seine Schwester. Aber als er aus dem Vaterhause gezogen, war sie noch ein ganz kleines Jüngferchen gewesen; und er erkannte sie nicht, weil sie groß, ausgebildet, verändert durch ihre Reife, und verwandelt in ihrem Wesen durch ihr schreckliches Leid jetzt vor ihm stand; und nicht im Vaterhause, sondern im Hause eines fremden, ihm unbekannten Mannes, und als Mutter von erd- und weltfremden Kindern. Christel aber erkannte ihren Bruder Stephan nicht, weil sie sich nur seiner angehenden Jünglingsgestalt und obendrein nur dunkel erinnerte, er aber jetzt ein gebräuntes, bartverwachsenes Gesicht hatte, dem wohlgeheilte Wunden dennoch eine Entfremdung für sie gegeben; und der Mann schien ihr Bruder nicht, der aus einem sanften Knaben jetzt kriegverwildert vor ihr stand, auf die frühere Gutmüthigkeit jetzt rauh, roh und hart erschien, groß und älter geworden, wie sie ihn nie gesehen. Hätte er sie erkannt, dann hätte sie das Bild ihrer Erinnerung von ihm mit seiner gegenwärtigen kriegerischen Gestalt vertauschen müssen; aber ihn hinderte vorzüglich die Unwahrscheinlichkeit: sie könne es seyn, daran; und in ihrer reinen, liebenden Seele wurde jede mögliche Ahnung durch den Gedanken niedergedrückt: Das ist ein Mörder — der hat einen Mann erschlagen — der kann dein Bruder nicht sein! Und dennoch sah sie ihm in die mild auf sie gerichteten Augen, und frug nach seinem Namen.

St. Etienne heiße ich, antwortete er nicht ganz unbefangen, weil er sich durch und durch französisch gemacht hatte; und darauf schlug sie die Augen nieder und seufzte tief, als habe sie keine Ursache dazu, die sie wüßte; und ihr Anblick war wunderbar, bis sie sich über ihr Kind hinbeugte, und ihre Gedanken vergingen in heiligem Mutterschmerz. Aber sie hatte in Wahrheit ihren Bruder doch wiedergesehen. Und so hatte sie das Geschick auf eine zwar unverstandene, doch heilige Weise geheim und zart getröstet — und sie konnte weinen! Und das Kind hielt sich fest an dem Hals der weinenden Mutter geklammert.

Wecker aber hatte sich herzugekehrt, seine Augen waren immer größer geworden, sein Mund offener, sein langes, blasses Gesicht immer länger, seine Hände immer krampfhafter von ihm gestreckt, und zitternd gehalten, bis er nun die beiden stillen, theuern Wesen sah, seinen Nacken beugte und leise zu dem Kinde sprach:

Wie freundlich thust du dich doch zu, Und greifst mit beiden Armen Nach aller Welt, in Lieb’ und Ruh Uns ewig zu umarmen!

Denn ich war Dir auch gut, Clementine, ob Du gleich noch nicht schulfähig warst! Nur Aepfel- und Birnenfähig, die ich Dir brachte. O, mein Kind! —

Der Kosak hatte sich mühsam aufgesetzt, und starrte vor sich ihn, als ob er zusähe. Und so gab Wecker ihm gleichfalls seinen Vers: „Hast Du noch etwas einzuwenden, Du armer Teufel! Ei komm’ her, versuch’ es ob Du was kannst enden; laß hören, was ist Dein Begehr? Doch Trotz Dir, Du verfluchter Geist, daß Du mich von dem Kreuze reißst!“ — „Pfeif, pfeif, Du tückische Sirene, und locke, Du vertrackte Welt! Ja, mach’ es noch einmal so schöne, und preise, was Dir wohl gefällt: bei einem, der sich hier befindet, da kommst Du Narre viel zu blind!“ — Er schämte sich aber, da der alte Mann, auf der That bestraft, wieder umsank; beugte sich zu Christeln, rührte sie an der Schulter an, und sagte ihr, während Thränen aus seinen Augen tropften:

„Wer hätte bei den Mördern Die Unschuld doch gesucht? Den Segen zu befördern Wirst du von Gott verflucht. Die Dich zu Boden treten, Woher Dir weh geschieht. Für diese willst Du beten; Mehr Rache weißt Du nicht.“

Diese Worte erweichten Christel vollends. Und nun wußte sie nicht, was sie dem Kinde vor seinem Tode noch schleunig sagen, Liebes thun, vorsprechen oder versprechen sollte, um es über die böse Stunde hinweg zu bringen, oder nur die Augenblicke noch zu benutzen.

Kennst Du mich denn? mein liebes Kind! frug sie leise und hold, so hold sie es vermochte. Und die kleine Clementine lächelte nur, und drohte ihr mit dem Finger. Und dennoch frug sie, um es noch einmal zu hören: Nun wer bin ich denn?

„Nun meine liebe Mutter!“

Nun so habe mich einmal recht lieb! einmal („nur noch einmal“ vermochte sie nicht zu sagen). Und das Kind drückte sie, daß es zitterte, und küßte sie wieder und frug dann: „Mutter, aber was weinst Du denn gar so sehr!“

Und die Mutter antwortete ihr, sich bezwingend: Darum, daß Du nicht aufstehen kannst, nicht herumspringen, daß Dir die Brust wohl weh thut?

„Ach, es ist nur so wenig Luft geworden, und gar so heiß ist es, Mutter. Gieb mir nur mein Brodchen — ich will auch heute wieder ohne Dich einschlafen!“

Die Mutter schloß die Augen über das Wort, und gab ihr das Brodchen und sagte ihr dann: Sei nur noch ruhig und gelassen, bis der Vater wieder kommt. Wenn Du hübsch fromm bist, sollst Du auch ein ganz neues weißes Kleid kriegen, neue grüne Schuhe, und in Deine Härchen einen Kranz von den schönen Astern, die Du nicht hast pflücken sollen, und auch nicht angerührt hast, mein folgsames Kind!

Da sie aber den Todtenkranz gemeint, so konnte sie nicht weiter sprechen, wandte sich ab, und schüttete schnell ihre Thränen aus.

„Mutter, lachst Du? Ja, ich freue mich auch!“ Und das Kind lachte, klaschte in die Hände, und die Mutter lachte mit ihr, unaussprechliches, sanftes und heiliges Lachen.

Das Kind hatte aber bei der Erschütterung der kleinen Brust große Schmerzen empfunden, und sagte auf einmal: „Mutter, ich werde sterben. Lebe wohl, und grüße den Vater. Sage dem heiligen Christkind, es soll mir bei Euch nicht bescheren, sondern gleich oben — Du weißt schon: wo!“

Der Mutter war fast unerträglich im Herzen, und es kam jener Ernst über sie, wo der Schmerz ein freundlicher Wahn wird, und die Gedanken die Pforten der Heimath der Menschen aufthun, und die Welt zum schönen Mährchen wird. Und so sprach sie mit verschlossenen Augen: Nun so gehe in Gottes Namen von uns, mein liebes, liebes Kind! Sage dem großen Vater: wir hätten Dich in seinem Namen lieb gehabt, beinahe wie er selber Dich lieb hat; oder beinahe wie wir ihn lieben — ich hätte Dich immer sanft am Morgen mit einem Kusse geweckt, mit einem Kusse seist Du eingeschlafen im Mondschein oder wenn draußen die Sterne standen — — — sage ihm: ich hätte Dich immer sauber und warm gekleidet, Dich auf meinem Schooße getränkt und gespeiset, und Dir von seinem Sohne erzählt, und von ihm selbst, der die schönen Blumen Dir gemacht hat, an jedem Morgen neue! Sage ihm, wir würden Dich sanft in seine Erde senken, und er möchte Dich mir da bewahren, wie einen großen Schatz — und darinnen schlafe Du ruhig, bis ich komme, und mich zu Dir lege. —

„Du kommst doch gewiß?“ frug die Kleine.

— Gewiß, Gewiß! Das dauert nicht lange! antwortete die Mutter.

„Aber in die Erde!“

— Habe ich Dir denn nicht gesagt, daß der liebe Gott auch in der Erde ist! Denn Du weißt ja, die andern Sträucher und Blumen können die Blumen nicht machen, und machen sie nicht — und doch hast Du immer welche am Morgen gefunden, die er verborgen Dir aus der Erde heraus gesteckt: frisch, fertig und voller Geruch! Also kommst Du da zu ihm, Du liebe Blume, Du mein Herz!

„Aber der Vater soll auch nachkommen zu Bett, und Brüder und Schwestern!“

— Wir kommen! Wir kommen! sprachen sie alle, und reichten ihr die Hände, daß sie sie nicht alle fassen konnte. Und so schloß sie die Augen und lächelte sehr. Die Mutter beugte sich über sie und schwieg, so, lange, während die Abendglocke geläutet ward vom Thurme, weil die Sonne zu Rüste ging und zu Golde ward, und zerschmolz.

Indeß war das Kind gestorben. Und als die Mutter merkte, daß es ausgezittert hatte an ihrem Halse, da entfloh sie und warf sich im Garten in das Gras unter die Bäume — aber durch das so eben geschehende Wunder der Natur war es der armen Mutter: ein weiches smaragdenes Bett, und der Schirm des Baumes über ihr: ein von der untergehenden Sonne purpurn und golden leuchtender Baldachin; und der Herbstwind fuhr eilig, doch sanft, von der Abendröthe daher und streute falbe Blätter leis über sie nieder, und breitete den Hall der Abendglocke wie himmlischen Duft weit über ihr Gefild aus, und bewegte die blauen Astern, die zum Todtenkranz für das Kind bereit standen — und diese schauerten und nickten mit ihren schönen Engelsgesichtern.

Wecker aber sagte langsam zum alten Frommholz: Vater! Großvater! noch immer kaum glaublicher Großvater von einer kleinen Todten! Beweiset nun Eure Zimmermannskunst an dem Kinde; faßt Euch ein Herz; nehmt den Fuchsschwanz und sägt die Länge des unschuldigen Spießes von beiden Seiten ab, sonst muß der Todtengräber ein unmöglich tiefes oder langes Loch machen! Geht, alter Vater, geht! Braucht Euer rechtschaffenes Handwerkszeug einmal dazu! Die schönen grünen sonnigen Hügel auf Erden dienen ja auch zu kleinen grünen Hügeln für Todte! Der Herr hat die schöne Erde also auch dazu bestimmt! Seid nicht dagegen, Großvater! und laßt die Sachen sein, was sie sind, weil sie Gott dazu bestimmt; ob ich Euch gleich sage, daß ich es nicht begreife, wenn so ein Acker schöner weißumblühter und mit gelben Blumen geschmückter Frühlingserde zu solchem Jammer dienen soll! Aber ich mag hinsehen wie ich will: die großen Hügel bleiben grün unter dem blauen Himmel, und die kleinen Todten-Hügel bleiben bunt von gelben und rothen Blumen, die duften und wehen; und die liebe, wahrscheinlich unverständige Sonne wärmt sogar darauf und beleuchtet sie recht. Närrisch, aber wahr! Alter Frommholz — seid einmal von Holze und fromm dabei, so wird es sich sägen mit Gottes Hülfe! Und dann seid hübsch ehrlich — gebt die eiserne Spitze und den rothen Schaft seinem Herrn wieder! Die 5 Zoll Holz aber die dazwischen fehlen, die wird sich das Kind schon verdient und bezahlt haben — durch seine zwei schönen, blauen, zugemachten Aeuglein. Zwei Augen zumachen, ist das schwerste Werk der armen Menschen, geschweige der Reichen! Selbst der kleinen Kinder, geschweige der Großen!

Zu den Kindern aber sprach er: Mein Daniel! geh und setze Dich still dort neben die Mutter! Denn damals als Du aus Mangel an Holz erfroren warst, da bekam sie gleichsam statt Deiner die kleine Osternachttochter Clementine; jetzt, da das Kind durch ganz überflüssiges Holz umgekommen, nun geh Du wieder hin, daß sie Dich habe statt jener, besonders da ich Dich erweckt habe mit einem Strohwisch, als so viel ich Apotheker-Spezerei zur Hand hatte. Und wenn sie Dich ansieht, dann sage nur, Wecker hat mich erweckt, und ist ein bloßer Schulmeister! Jener ist aber der hohe Patron der Schule der großen Menschenkinder, der hat gar andere Mittel die Kinder aufzuwecken, als bloße Strohwische; und alle Apotheken sind bloße Mördergruben gegen seine Offizin mit Lebensbalsam, der alle Frühjahre schon die todten Blumen erweckt, daß sie riechen, daß wir sie riechen und kostbar! Gehe, geh. — Sophiechen, geh Du auch hin; Du bist ein Mädchen, die Mutter muß also sehen, wenn hinter ihrem Mutterauge die Mutterseele nicht am trauerschwarzen Staar leidet, daß sie noch ein Töchterchen hat! Und willst Du, so magst Du auch den Kern-Vers von Johann Menzer beten und sprechen: „Nun ist nur noch der Tod zurücke; jedoch er hat mir wenig an: mein Jesus bricht ihm das Genicke, so ist’s um seine Macht gethan: weil er mir Christum nur nicht frißt, so weiß ich gar wohl wie mir ist.“ Gehe, geh. — Und Du, Gotthelf, gehe auch, und setze Dich hin, und sprich weiter nichts, als: Liebe Mutter, Gotthelf ist da! Und, liebe Mutter, Du hast mir sonst immer gesagt: „Wenn Du der Mutter folgst und das thust und das annimmst von ihr, was sie will, so ist Dir gleich wohl, mein Kind; nun, liebe Mutter, nimm Du auch einmal das an, was der Vater will — so wird Dir auch gleich wohl sein! Gehe, geh.“

Und als Wecker sah, daß die Kinder langsam zur Mutter schlichen, da ging er selbst aus dem Gehöft auf den Kirchthurm — um frische Luft zu schöpfen. St. Etienne aber machte sich an das Aussuchen und Ausplündern des Kosaken, des Don Tauro, wie er ihn nannte, oder an das Beutemachen. Aber das erste Wort des Aufgerüttelten, sich wieder Besinnenden und Hülfe Flehenden war: — — „Mutter! — — Schnaps!“ —

III.

Unterwegs traf Wecker seinen Schutz- und Brodherrn Johannes außer Athem. —

„Er war nicht da, er war nicht dort, er war nirgends!“ sprach er zu Wecker.

Wer denn? frug Wecker. — Nun, der Sonntagsbarbier, der wochentags sechs Handwerke treibt. —

Geht nur heim, Johannes, tröstete ihn Wecker, „der Herr hat schon geholfen!“

Und so eilte Johannes fröhlich nach Hause.

„Aber der Christel steht bei!“ rief ihm Wecker nach, und sprach dann zu sich: „Jetzt ist es in deinem kleinen Oberstübchen nicht richtig, mein lieber Meister, darum gehe du in dein großes Oberstübchen! auf den Thurm! der hilft! Ein Thurm ist ein gewaltiger Freund in der Noth; aber das alberne Volk läuft drunten hinweg, und kennt nicht die Kraft der tausend Riesen, die bloß im Lande umher als dumme Jungen stehen!“

In der Halle begegnete er dem Chirurgus, den er herzlich bat, den Kosaken in seine Cur zu nehmen. Der aber entschuldigte sich mit dem Wort: er sei ein bloßer Civilchirurgus, und als solcher habe er keine solche wallfischmaulgroße Wunden von Pferden, Kanonenkugeln, ja von Kanonen selber, zu verbinden oder wohl gar zu heilen — übrigens zahle die Soldateska nichts, es geschehe Alles auf Regiments-Unkosten, und das Regiment — marschire weiter . . . mit klingendem Spiel! Kurz er gehe nicht, und werde lieber seine Pfeifen curiren und purgiren; denn sein Herr Bruder komme zu ihm, der Herr Licentiat! mit Frau Licentiatin!

Wecker fielen alle dessen Sünden, selbst das Schweinchen, aufs Herz, und so ergriff er den in der Halle stehenden schwarzen, rußigen Besen, und trillte den störrischen Menschenfreund zum Tempel hinaus, und ein Stück auf dem Weg zu Johannes fort; dann warf er „das chirurgische Operationsinstrument“ in den Winkel, und begegnete auf der Thurmtreppe — dem Teufel — den er herabwünschte, um Deutschland rein zu kehren, und anfing ihn zu beschwören; aber der brummte: noch nicht; doch bald; — und er erkannte den Schornsteinfeger, der sich nach den brennenden Dörfern umgesehen, und reichte ihm die Hand, um ihm seinen frommen Irrthum abzubitten.

„Euer Breitenthal brennt auch!“ sagte ihm der Schwarze. „Auf dem Striche, der droben auf der Dorf-Rose gerade nach dem Feuer weiset, steht richtig Breitenthal; es kann auch ein Dorf dahinter sein. Bei Tag scheint das Feuer zu weit, bei Nacht zu nah. Aber ehrlicher Freund, stürmt nicht erst mit der Glocke! Welch Dorf soll jetzt dem andern helfen? Jedes braucht seine Beine, Arme, Augen und Ohren zu Hause; und obendrein alles voll Soldaten!“

Wecker aber sah droben von der Zinne des Thurmes den Erdspectakel, den Krieg, wie er laut sagte, wodurch die Menschen zu Vieh ohne Mitleid zu werden — gezwungen waren — so offenbar und hell, wie der Himmel feuerroth zu werden gezwungen war. Und als er einige Zeit hinüber gestarrt und ganz geblendet und wüthend war — stand plötzlich der Teufel neben ihm. Wecker starrte ihn an, indem er die Hände mit ausgespreiteten Fingern gegen das Ungethüm, wie zur Abwehr, hielt; und er hörte es sprechen: „Denkst du, ich bin gestorben? Närrisches Haus! der Teufel — et le Roi — stirbt nicht, als aufgehoben zum letzten Gericht. Und wenn ich mit allen Gestirnen im Abgrund der Welt verschüttet läge, also nicht mit Pfeffernüssen — die kleinste Sünde der letzten Zeit erweckt den Teufel in seiner ersten Kraft wieder auf — und jetzt geschehen tausend Große, nun geht mein Reich wieder an, diesmal nur ein kurzes, aber Höllefüllendes: das Reich der Unterlassungssünden! Wie lange habe ich mit meinen vorzüglichsten Geistern gearbeitet: die Welt klug zu machen, und das wahre, ächte, erste Christenthum auszubreiten! Erschrick nicht ungläubig, Schulmeisterlein, sondern höre mich aus. Erfahren und weise muß die große Welt, oder auf französisch (denn das ist meine Sprache): le grand monde werden, damit sie doppelt strafbar werde, damit doppelt so viel Große und Kleine zur Höllen fahren — und nicht wieder auferstehen. Wenn ein verlorenes Lämmchen zurückekehrt, wird ein Kalb geschlachtet, wenn sich ein Hoher verkehrt, dann brate ich einen Leviathan ganz, als Rost-beef. Wie jener fromme — Kreuzzug mit leckern Ziegen und Gänsen und glattzöpfigen Kuttenträgern an der Spitze nach einem heiligen Grabe, das, wie sie wußten, doch nirgends vorhanden war und keinen Leichnam enthält, — so beginnt nun ein neuer Kreuzzug blutdürstend nach einem lebendigen Leichnam. Und nun sie so erfahren und so weise sind, nun erst will ich alles alte Unrecht, allen alten Unsinn, ich will den Papst und seine — oder meine Schaaren — wieder auf die Beine bringen und sein Regiment durch ein Regiment zu meinem Regiment wieder einsetzen lassen. — Kann ich frömmer und christlicher handeln? Mir ist Niemand auf Erden schätzbarer als Christus. Denn seit das Licht in die Welt gekommen, und die sogenannten Menschen dennoch in Finsterniß wandeln, Werke der Finsterniß fördern und thun, sich im Namen des Lichtes dazu vereinigen, die Finsterniß auszusäen wie Ruß und Mohn; seitdem ist Gedräng in den Pforten der Hölle, und ich habe neue erbliche Pairs müssen creiren, um neue unsterbliche Strafen zu stiften! Es lebe Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Aber Wecker, mein närrisches Haus — denn alle Narren sind mein — beruhige Du Dich! Für jeden Einen, der in den Kreuzzügen hochlöblicher Maaßen umgekommen, sind schon Millionen — Aepfel und Birnen gewachsen; Pflaumen und Kirschen (aus Kerasus mitgebracht) gar nicht gerechnet! Und wie viele St. Lampertsnüsse werden noch wachsen! O schmackhafter Profit der Kreuzzüge, großer, kindlicher Gewinn! Hat Clementinchen Dir nicht nach dem — Kreuzzuge die Taschen oft ausgesucht: Und was hätte sie sonst gefunden, als ächtdeutsche Plunschken und schöne, blaue, abscheuliche Schlehen? So werden auch künftige Kinder die Früchte dieses Kreuzzuges aus den Taschen der Verrückten suchen. Ist das kein Gewinn für die schöne, die große Welt, wenn Weiber, Kinder und Sperlinge etwas zu naschen haben in Ewigkeit! Sage: „Ich bin Wecker, bin verrückt, und ich sage Ja!“ Und nun sei ruhig über das Surren und Stechen des Schwarmes, der nur einen Leichnam — meinen großen Sohn in das Grab schaffen wird, und Kindern — wenn nicht Enkeln — und Sperlingen — wenn nicht Adlern nutzen wird, und gewißlich doch mir; durch Weisheit, die Dummheit wird; durch Wahrheit, die Lüge wird; durch Versprechungen, die Wortbrüchigkeit wird. O, meine Sperber freuen sich auch, und ich lasse die Hölle neu dielen, und die Dielen um des Pilzes Stamm in der Mitte voll von den Herren Musicis — mit Blumengewinden malen zum Festball. — Mit der Bande bin ich nun fertig; nun noch ein Wort an Dich, Schulhauptmann! Höre einen großen Vorschlag: Ich gebe Dir alle Reiche der Herrlichkeit, nicht etwa, wenn Du niederkniest und mich anbetest — das ist abgedroschen; nein, wenn Du nur heute das kleine Mädchen willst mit dem Speere durchstoßen haben; — eine pure Kriegslappalie, eine Kinderei gegen die hunderttausend Todten, die Millionen Wunden und Billionen Thränen, die daheim Wittwen und Waisen, Väter und Mütter und Brüder und Schwestern um sie weinen werden. Was ist also ein solches albernes Kind, und was sind alle Reiche der Herrlichkeit, Wecker? Wach’ auf! Schlag ein! Und Du sollst sie ganz monarchisch, ja türkisch oder autokratorisch besitzen, ohne Constitution, ohne gebundene Hände, ohne gebundenes Maul, oder irgend eine gebundene Gliedmaaße; ja ich gestehe Dir viel zu — ohne Papst und Jesuiten! Schlag’ ein, nimm das Kind auf Deine Seele, und sei legitimer Herr Aller.“

„Hebe Dich von mir, Satan!“ rief Wecker in äußerster Empörung. „Was hülfe es mir, wenn ich die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an meiner Seele.“

„Das wollt’ ich nur wissen!“ rief sein Satan lachend. „Sie — sie werden Schaden an ihrer Seele nehmen durch Selbstsucht, Habsucht und elende Seelenkratzerei — und doch nicht die Welt gewinnen, noch sich arrondiren; denn wie können alle Bienenzellen rund werden, Du Esel! Oder wie sollen alle Menschen Hörner bekommen, Du Schaaf!“

Wecker führte einen gewaltigen Streich mit der Faust nach dem Lügengeist. Aber der stürzte sich jäh vom Geländer hinab, und zerfloß drunten wie Wasser in eines alten katholischen Bischofs Grabe, und Leichenduft kam herauf. Aber wie eine wispernde Eidechse, kroch auch noch am Thurme die vergessene Einladung herauf: . . . „Wecker, komm’ wieder! Ich komme auch wieder. Verstanden?“

— Fahre zum Teufel, also zu Dir selber! Lügengeist! sprach Wecker, von wirbelnder Angst erlöst. Was will der Mensch — oder verzeihe mir Gott, der Extract des Bösen der Menschen, bei Dir? Sollst Du seine Meinung ausposaunen? Bist Du eine Posaune, Wecker! — dann müßte Dich Jemand blasen! und das wollte er! Aber das wären abscheuliche deutsche Herzen, die nicht zufrieden wären mit der Arbeit und Frucht von 30 Jahren der Erde, wenn Diese auch nichts gethan hätten, als den Veruneiner, Hetzer und Schandesäer von Deutschland zu Grabe zu tragen! Und wenn sie auch 15, ja 30 Jahre auf solch eine Höllenarbeit ruhten — und ein langes Leichenessen feierten — ich gönnte ihnen den Sabbath! Wer das gethan, hat auf Jahrtausende gethan, o Du Schänder, Spötter, Lügengeist — Teufel! — Eine neue Volksbewegung mag Neues erstreiten! Und Deine — des Teufels Lobrede auf Christum — und Dein Vivat! — mir stehen noch die Haare zu Berge! —

Indem er so sprach, und sich, aber bedächtiger und menschlicher als der Teufel über — Stufe für Stufe — die Treppe hinab vom Thurme stürzen wollte, um unter Menschen zu kommen, da trat eine weibliche, schwarz gekleidete, tief verschleierte Gestalt heraus auf den Gang, die ihn nicht wahrnahm, niederkniete, den Lockenkopf beugte, die weißen Hände vor die Stirn gefaltet oder gewunden hielt, noch einmal beten wollte, aber nur verworrene Worte murmelte, sich hastig auflöste, sich wild umsah, bebend sich auf das Geländer schwang, und wahrscheinlich sich — gerade an des Teufels Stelle hinunter stürzen wollte.

„Du weiblicher Teufel!“ schrie Wecker. „Hier geht’s in die Hölle. Halt! in aller Engel Namen, ich fasse Dich an den Haaren!“ Und so hatte er sie schon ergriffen, mit beiden Armen um die Kniekehlen gefaßt, und hob sie herab, und setzte sie derb nieder auf ihre Füße. Aber sie setzte sich auf den Boden, und als er sehen wollte, wer sie sei, schrie sie laut, und hielt sich den Schleier fest über Haupt und Gesicht. Wecker aber nahte ihr ganz, und beim Scheine der Abendröthe sah er — wie er meinte — durch den angezogenen Schleier ein Gesicht, das er kannte — und er fuhr zurück, wie ein redliches Herz vor einem solchen Gedanken.

Und als er sich gefaßt hatte, trat er wieder näher, legte der weinenden Gestalt seine Hand sehr sanft auf das Haupt und sprach vorsichtig-allmählig zu ihr, so mild er nur konnte: — „D . . . Do . . . Doro . . . Dorothea, ja ganze, leibhafte Dorothea, Gott weiß es ja doch, wer Ihr seid — das war albern! Ich weiß, Breitenthal ist abgebrannt — oder brennt noch da drüben — aber wegen Breitenthal, und wenn es Langenthal — Goldenthal dazu wäre — so kenne ich Euch nicht, brave Jungfrau!“

— Sie schauderte. —

„Oder, oder — ich weiß — Ihr seid Braut mit dem gar lieben, jungen Herrn von Ellenroth — ist Euch der etwa untreu geworden? Dann weinen gewöhnlich treue Mädchen, die Gott danken sollten, daß sie vorher klug werden, nicht nachher!“

— Die Gestalt lehnte sich kraftlos an. —

„Oder ist er Soldat geworden, und kann erschossen werden? Oder ist er schon Soldat und zerhauen worden?“

Die Verschleierte stöhnte tief, aber das Stöhnen klang Weckern wie Freude.

„Oder . . . wenn nur Euer Vater, der ehrbare Herr Paschalis nicht gestorben ist,“ sprach er, „so wird sich Alles geben. Ihr lebt ja! Aus Euch ist noch Alles zu machen, die schönste, beste Frau im Lande! Und für allen Dank erbitte ich mir nur auf Eurer Hochzeit erscheinen zu dürfen — ein Hochzeit- oder Kindtaufenschmaus ist das beste Regal der geplagten Schulmeister! Und da ich nicht mehr geplagt bin, wird es mir desto besser schmecken, und gar erst auf dem Kindtaufenschmaus . . .“

— Die Gestalt beugte ihr Haupt, und drückte die Ballen der Hände in die Augen. —

„. . . Da wird sich Wecker freuen, wie der Großvater Paschalis!“ fuhr er unwissend fort, gutgemeinte, aber der unerhört Gefallenen oder gewaltsam Herabgerissenen, entsetzliche, unerhörte Worte zu sagen: „Denn wenn der gemeinste Schuft Vater, ach, Vater und endlich gar Großvater wird, und noch so verwerflich gelebt hat, wird er eine Respectsperson, und so betrachtet, so behandelt; und der himmlische Vater stößt Jeden selbst mit der Nase auf seine Würde, und aller Firlefanz fällt nun weg — es geht ihm Niemand mehr darauf ein, wer da weiß, was er ist und vorstellt auf Erden bei Menschen und bei den Seinen. So sicher und herrlich sorgt Gott für Jeden, der nur jemals Eine seiner lieben Jungfrauen recht angesehen hat; denn dann muß er heirathen; über sein, ihm von Gott hingesetztes Kind erschrecken, erstaunen, das Wunder bewundern, das Mysterium der Kindtaufe ausrichten, sich Vater von seinem Weibe rufen lassen, und ein neues, seliges Leben anfangen, er mag wollen oder nicht.“

— Die Verschleierte schrie laut. —

Wecker schwieg betroffen, aber in seiner Freude setzte er hinzu: „Ihr seid verschämt, und ein keusches Kind, das wissen wir, darum vergebt! Denn ich habe große Freude. Wäre die arme Clementine der armen Christel nicht umgekommen, so rannte ich nicht auf den Thurm! Wollte mich der Teufel nicht zu einem Teufel machen, so wäre ich nicht Euer Engel geworden und hätte Euch nicht gerettet — denn ich war fort! Oder gar nicht da! Furchtbar! Entsetzlich! Ja nun freu’ ich mich ordentlich, daß ich so alt geworden, so lange gnädiges Brod — sogenanntes Gnadenbrod, aber von der guten Christel: wirkliches — gegessen, und ich möchte bald rufen wie Satan: Es lebe Christus, der Sohn . . . . aber heut kann ich nicht, vielleicht morgen — wenn ich ihn vergessen. Aber wollt Ihr nicht mit hinunterkommen zu der armen Christel? Ihr könnt ihr helfen das Kinderzeug machen, das letzte weiße Kleid, das nicht mehr gewaschen wird! Kommt!“

— Sie wollte aufstehen und reichte ihm matt die Hand. —

„Haha!“ lachte Wecker und rieb sich die Hände, „haha! Das wollt’ ich nur wissen! Ihr seid es . . . Ihr liebe Person seid Dorothea — die Gabe Gottes — sonst wolltet Ihr nicht zu Christel kommen! Ja, ja, Mitleid läßt gute Menschen nicht sterben, und sie richten sich vom Sterbekissen noch einmal auf . . . und leben wieder lange. Weiß Gott, was in der Welt steckt; ich glaube: der liebe Gott!“

Da sprang die Gestalt so plötzlich auf, daß Wecker erschrak und zurückfuhr.

„Nun gut,“ sprach sie, und riß ihren Schleier empor und hielt ihn so mit der rechten Hand; „ich bin Dorothea — . . . oder — ich war sie! — Aber Eure Hand darauf — schweigt, schweigt, schweigt . . . daß Ihr mich hier gesehen . . .“

„. . . und was ich gesehen!“ setzte er hinzu. „Wecker bleibt Wecker. Ich bin ein alter Mann und keine alte Frau. Und sollt ich mich selber rühmen, daß ich nicht der Teufel war, sondern bei einem guten Engel zugriff! Und wollt Ihr nicht mit mir kommen, kommt nach! Auf der Treppe ist’s lange schon dunkel. Euer Vater ist wohl auch da? . . oder kommt doch?“

Und da sie leise nickte, sprach er: „nun so seid ihr gebunden — da kommt Ihr schon; denn Ihr scheint nun wieder so vernünftig wie ich!“

Und so ging er. Und sie seufzte tief.

IV.

In Johannes Hause leuchtete der Kamin hell zu den hellen Scheiben hinaus, und von draußen sah die Wohnung sich so ruhig und erdglücklich an wie je. In Christels Stübchen nach Morgen war auch Licht. Rauch stieg aus der Esse gerade und ein wenig mondbeleuchtet von der Sichel des Neumonds zu dem dunkelblauen herbstlichen Himmel empor, und er hatte seinen alten weißen nächtlichen Friedensbogen sich umgegürtet und die Gestirne schienen still so fort, und jeder Stern brannte ruhig und unbewegt so fort, ohne zu flackern und Strahlen zu schießen, wie in einer heilig dunkeln Todtenkammer — der Lebendigen.

Auf Johannes Hofe aber stand ein — bei Tage und von Prunkthoren sogenannter prächtiger englischer Reisewagen, aber diesmal, statt der geraubten, braunen vier — National-Engländer mit sechs schwarz und weiß großgescheckten holländischen Kühen bespannt, und hinten, statt der Bedienten mit zwei angebundenen Mastochsen. Auf dem Bocke aber saß neben dem englischen Kutscher die Kuhmagd, die besser als er ihr liebes Vieh zu bereden und zu regieren wußte. Die Kühe sollten für Herrn Paschalis und seine Tochter Milch geben; die Mastochsen aber frisches Fleisch, wenn sie in der Festung Mainz vor dem doppelten Feinde, den Russen und der Krankheit sich eingeschlossen hätten, wie in dieser Nacht noch geschehen sollte; und die Viehmagd trug schon die unsichtbare Bestimmung an sich, dann Kammerjungfer zu sein, wozu sie schon jetzt so treu als hübsch genug war. Der englische Kutscher war dann ein nothwendiges Uebel und Ueberlei, und ward bloß auf bessere Zeiten aufgehoben, wie ein leeres gutes Weinfaß von einem Winzer auf bessere Weinlesen.

Paschalis war ausgestiegen und that kaum einen Blick nach der Gluth am Himmel zurück; ein schwerer, ja der allerschwereste Seelenschmerz schien ihn zu bedrücken, ja niederzubeugen; denn er hielt ein weißes Schnupftuch in der Hand, und wie er in dem Düster der Nacht unbemerkt zu sein glaubte, hielt er es plötzlich vor die Augen, als wenn er eine Fluth von Thränen darein ausgießen wollte, ob gleich kein Tropfen darein floß und sein Gehirn wie ausgetrocknet war, und doch wollte er nur — wenn ihn ja Jemand bemerkt — das Ansehen tragen: als habe er genieset; und er nahm wieder Tabak aus seiner goldenen Dose; aber er steckte ihn in den Mund — denn es war schwarzbraunes egyptisches Opium.

Johannes hatte das schöne Vieh brüllen gehört, sich hinaus getraut, seinen dankbaren Freund Paschalis gefunden, sich gewundert, und voll wie sein Herz war — demselben in einfachen Worten das Schicksal mitgetheilt, das sein Haus betroffen, aber keinen Trost erhalten, als einen langen Händedruck und keine Antwort als: „Dankt Gott für dieses reine Leid, mein lieber Johannes!“ und auf die Frage, wo Dorothea sei, erhielt er nur den Bescheid: „sie ist auf Euren Thurm gestiegen, um den Rauch von Breitenthal noch einmal zu sehen.“

Während nun Johannes für die Leute und das Vieh sorgte, schlich Paschalis sacht an die lichten Fenster, lehnte leis die Stirn an und sahe hinein, und er sahe: In der großen Wohnstube, ihm gegenüber an der Wand, hatte der alte Frommholz seine Hobelbank, und er arbeitete mit Daniel an einem kleinen Sarge; denn es waren schon sechs Brettchen zugeschnitten, und der Knabe und der Alte sägten eben an den vier kleineren.

„Ach, Ihr seyd glücklich!“ sagte Paschalis und schlich vorüber, an Christels Stübchen. Seine Angst, als Vater Dorotheas, war groß; seine Ungewißheit war halbe Verzweiflung. Denn während in seinem Schlosse sieben Feinde, Kosaken, gelegen, schien seiner Tochter ein unmenschliches Unglück zugestoßen zu sein. Er vermuthete es nur, er wußte es nicht. Er hatte sie nicht gefragt vor Entsetzen und Scham; sie hatte also auch nicht geredet, vor Entsetzen und Scham, Aber in dieser Meinung hatte er ein siebenfaches Verbrechen begangen, und das marterte ihn. Aber auch Dorothea schien ein siebenfaches Verbrechen begangen zu haben, so gut oder so schlimm wie er, nur auf andere Weise. Er vermuthete das gleichfalls nur, und er wußte auch das nicht. Aber Dies zugleich — oder Jenes allein, schien sie zu foltern; und er war kein Vater und kaum ein Mensch mehr, nur sein eigener körperlicher runder Schatten; und seine Seele war nur noch wie der schrillende Klang einer geborstenen Glocke, die er nicht wagte anzurühren mit dem leisesten Gedanken, aus Furcht, sie verrathe den schmählichen Riß — ihm selber. Und noch unglücklicher hätte er sich gefühlt, wenn er nur hätte ahnen können, mit welchen seligen tröstenden Worten von Brautstand und Ehestand Meister Wecker seiner Tochter Dorothea die leidende unschuldig-schuldige Seele zerrissen.

Jetzt sah er in Christels Fenster. Da drinnen aber sah es anders aus. Denn Christel hatte es unmöglich über das Herz bringen können, den Gebrauch noch vieler Deutschen nachzuahmen, welche die Gestorbenen sogleich aus ihrem Bette reißen, und mit kaum zugedrückten Augen und kaum verbundenem Munde nackend auf ein Brett legen, darauf schon die halbe Stadt oder das halbe Dorf gelegen hat, und dann die Aermsten, zur Dauer für die Würmer, wo möglich in ein finsteres kaltes Gemach stellen, bis zum Tage ihrer Einkleidung für die Gruft. Die herzige Mutter hatte dagegen ihr Kind, nach schicklicher Ruhe, sogleich schön gewaschen und angezogen, ihm über die Bettchen seiner Wiege — worin es noch geschlafen — ihr feinstes weißes Tuch gebreitet, und das liebe Mädchen darauf gelegt. Selbst der Kranz von rothen und blauen Astern schmiegte sich schon wehmüthig-schön um das theure kleine Haupt. Und wie es die Mutter so ansah, that ihr sonderbar genug recht eigen leid, daß die Kleine mit einer gefallenen und noch ungeheilten Wunde auf der Stirn in das Grab gelegt werden sollte; wie ein Maler sein eben vollendetes Werk gern recht sauber und ohne Stäubchen aus seinen Händen giebt, es noch einmal zurückverlangt aus den Händen des Empfängers, es genau überblickt, noch ein Sonnenstäubchen vorsichtig von dem goldenen Rahmen haucht, und dann lächelnd und zufrieden es auf immer dahin läßt und spricht: „Nun, so!“ — Christel aber, welche die Wunde nicht hatte weghauchen oder wegküssen, noch mit Thränen wegwaschen können, hatte sie unter eine Blume versteckt — schüchtern sich umgesehen, als ob ihre redliche Seele Jemanden getäuscht habe, und leise gesagt: „Nun, so!“

Zu den Kindern aber hatte sie gesagt: „Meine Kinder, seht euch noch an eurem Schwesterchen satt! Ihr habt sie nur noch, bis zweimal die Sonne untergeht — dann seht ihr sie lange nicht wieder!“ — Und so hatten die Kinder ihre Weihnachtswachsstöckchen aus ihren Schränkchen hervorgeholt, sie in lauter kleine Lichter zerschnitten, sie zu Häupten der Wiege an den Tischrand geklebt, angezündet — alle auf einmal — und nun waren die goldgeschmückten Lichtlein in Kurzem alle auf einmal niedergebrannt, und sie weinten nun, daß es würde finster sein, und sie ihr Schwesterchen nicht mehr sähen. Die Mutter hatte den Schaden gut gemacht durch angezündete Lichter. Aber Sophiechen war über das Weinen eingeschlafen; und Gotthelf war müde und hungrig eingeschlafen und hatte sich nicht getraut, heut von der Mutter ein Abendbrod zu bitten. Und so lagen die lieblichen Kinder alle drei wie vom Schlafe gelöst, noch mit den Gesichtern zusammen; zweien davon blühten die Wangen rosig und sie athmeten leis, aber ihre Haare waren unbekränzt — dem dritten aber blühten die Wangen von einem tiefern Schlafe weiß und rein, und es bedurfte die Erde zu keinem Athemzuge mehr; aber seine Härchen waren bekränzt. Christel aber hatte dem Mörder des Kindes, nachdem er nothdürftig verbunden worden, ihr eigenes Bett eingeräumt; er lag auf demselben; und wie sie jetzt vor ihm stand und ihn ansah, seufzte sie schwer darüber, wie sehr er sie beraubt habe, und sprach, nun ihn deswegen aus tiefer Seele bedauernd: „Armer, armer Mann! Armer Sebast-Janow!“ Denn St. Etienne hatte seinen Namen in seinen Sachen aufgezeichnet gefunden und ihr ihn gesagt. St. Etienne hatte ihr aber auch zum Abschied und zum Troste ein Bildniß dagelassen, welches er dem Sebastianow, als dessen Raub und nun seine Beute, mit abgenommen, und welches Christel hatte annehmen müssen, aber noch nicht angesehen, ja nur hingelegt; er aber hatte es ihr an dem goldenen venetianischen Kettchen hingehangen. Denn das Bildniß hatte unläugbare Aehnlichkeit mit der kleinen Tochter Clementine. Christel drehte das funkelnde Geschmeide jetzt kaum neugierig um — aber sie sahe die Brillanten daran nicht vor Ueberraschung: denn das Bild stellte ihre Schwester Martha dar . . . . Niemand anders hatte es getragen, als ihre Dorothea, welcher es der Vater Paschalis geschenkt . . . Dorothea hätte es lebend Niemandem von ihrem Herzen gegeben . . . es war ihr also nur gewaltsam geraubt . . . und Christel trat hastig drei Schritt nach der Thüre zu. Aber wo wollte sie hin? Was konnte sie ändern? Sie war in der Stimmung, worin sie aus Noth und Tod, aus Vertrauen und Liebe von aller Welt das Beste hoffte. Und mit ganz anderem Sinn stellte sie sich wieder vor den verwundeten Sebastianow und sprach jetzt mit Thränen: „Armer, armer Mann!“ — Aber die Worte zerschnitten ihr Herz. Sie blickte auf ihr Kind; sie küßte alle drei schlummernde Häupter; sie setzte sich zu ihnen, und eines davon schlang in halbem Schlafe — die Mutter ahnend — sein Aermchen um ihren Nacken und wandte sich um, ohne aufzuwachen.

Dem weinenden Paschalis aber war zu Muth, als sähe er in die seligen Gefilde eines Mährchens: oder als sei ihm jetzt erst die Welt zu einer großen heiligen Wundergrotte geworden; oder die Welt sei schon lange, lange undenkliche Zeit der Zaubersaal des Gottes, in der That und unläugbar; und es bedürfe nur Augen der Seele dazu, es zu sehen, daß er das sei; und nun dachte er, daß sich der himmlische Vater freuen müßte, wenn auch Er das Alles sähe: — Eine gute Menschenmutter in ihrem heiligen Schmerz! Ein Weib, das freilich keine Unsterbliche sei, und bald selbst auch von der Erde verschwinden werde; aber daß hier ja keine Unsterbliche zu sein brauche, um alles Menschliche richtig zu thun und zu leiden, und das als Sterbliche eben noch wunderbarer daliege, wie in einem Mährchen, mit dem Haupt neben den kleinen Häuptern der drei schlummernden Kinder! Und wenn Er sähe: Gute Kinder voll Liebe, Leid und Mitleid — welche schöne Gefühle alle in ihrem engen Geiste nur Traum seien . . . . und einen guten Vater, der um alle still und schweigsam besorgt war; vor allem aber: den Großvater, der alle um ihrer Liebe willen liebte und um ihrer Schmerzen willen litt, aber auch für alle gefaßt war und thätig — denn sein eigenes Leben hatte er überstanden und gleichsam zugemacht wie einen schönen Bildersaal, und ihn kümmerte nur noch das Leben und Glück der Seinen. Paschalis aber dachte nicht nur, er glaubte, er empfand, daß der himmlische Vater zugleich mit ihm, und doch ganz anders, in das Stübchen sähe; und er kehrte sich vor unerträglicher Seligkeit des reinen Menschenlebens ab; denn Verzweiflung ergriff ihn, und er — niesete wieder!

„Ei, meine allerbeste Gesundheit! und zugleich meinen allerschönsten guten Abend, theuerster Abgebrannter und Herr Paschalis!“ sagte Wecker, der still gekommen. „Nicht wahr . . . ein himmlischer Guckkasten, worein Sie beliebten zu sehen! Ein trauliches stilles Hirtenhäuschen — das eben ruht; nur die Papierwände freilich etwas groß von himmelblauem Himmelspapier! Aber still . . . da kommt ihre Tochter, unsere Dorothee — was ein wahres Glück ist! Denn gewisse Leute können sogar mit allen zerschmetterten Gliedmaaßen — nicht — füglich — mehr — wandeln — — am wenigsten anhero!“ — Und, um seinem Wohlthäter auf eine unverständliche Weise zu verstehen zu geben, wie er ihm heut vergolten habe, setzte er hinzu: „Denn heute habe ich alter Mann — wie Sie mich hier sehen — eine gleich große schöne Jungfrau geschaffen! Mit diesen dürren Meisterhänden! Ja ihr auch eine neue Seele in ihre eigene Rippe geblasen — denn Eva war eine Rippe — aber Adam’s, wissen Sie — wie ich weiß — können Sie denken! Der Mann bin ich.“

O Wecker, wenn Ihr das könntet! sprach Paschalis leise, und zog ihn still um die Ecke des Hauses in’s Düstre; und Dorothee ging darauf langsam hinein zu Christel.

Johannes aber, von einer andern Seite kommend, brachte schon wieder etwas Neues: die Ansagung von zwanzig Mann Einquartirung auf ihr Haus, und schon diese Nacht! Beide wurden dadurch gehindert zu sehen, wie Dorothea sich bei Christel bezeigen würde, und zu hören, durch welch ein Wort sie sich vielleicht errathen lasse. Denn auch ihrem Vater war ihre plötzliche Verwandlung in’s Tiefe, Abgeschlossene, Finstre, Verschwiegene, Qualvolle und Weltverachtende selbst ein Räthsel, wenn er auch ohngefähr vermuthen konnte: was sie gethan. Denn auch gethan hatte sie etwas, ja ein Grausames und Schreckliches. Aber das behielt er als Vater für sich, und niesete nur auch jetzt wieder auf diese neue Nachricht, Wecker wünschte aber diesmal sein höflichstes: „Gotthelf!“ wozu Paschalis nur leise verneinend den Kopf bewegte.

Hoho! sagte Wecker, kann auch der nicht mehr helfen!

Johannes aber hatte eine große Bitte auf dem Herzen und sprach: Ich getraue mich kaum es zu sagen, wenn Ihr es nicht wäret — unser lieber Herr Paschalis, der an uns schon so viel gethan. Darum habe ich auch jetzt mein Vertrauen auf Euch gesetzt, und bitte Euch: nehmet unsere Kinder mit! Nach der Stadt ins Sichere! Wir sind gewarnt auf Zeitlebens! Und hat der Großvater aus zu großem Vertrauen die Vorsicht uns versäumen lassen, möge Gott nicht auch mein Mißtrauen gegen unsere Lage, im Dorfe hier einsam und unter der Schanze, mit Unglück bestrafen! Aber wie es auch komme — ich nehme es auf mich; denn ich meine es gut; und so wird es gewiß auch der himmlische Vater meinen — meinet Ihr es auch gut mit den Kindern, mit Christel und mir! Nur der Großvater wird in der Sicherung der Kinder einen stillen Vorwurf gewahren, und nur deswegen möcht’ ich kaum bitten . . . . aber ich bitte doch!

Wenn das nur Christel zufrieden ist; meinte Paschalis; die Kinder wird Dorothea schon wohl besorgen; und — liebe Sorge thut dem Herzen wohl, und trägt uns furchtlos über grause Wogen!

Lieber Herr Paschalis, sagte Johannes, was einem Manne so recht wohlgemeint in die Gedanken kommt, das will seine Frau gewiß auch, sonst käme es ihm gar nicht ein, oder er bliebe nicht lange dabei! Ich rede aber aus ihrer Seele, wie sie immer aus meiner; denn wir sind Eheleute — Ihr wißt das nicht; nehmt das nicht übel; aber Ihr werdet meine Rede bestätiget finden! —

Als sie nun alle hineingegangen in die Wohnstube, wo Frommholz und Daniel arbeiteten, kam Christel herüber, grüßte Paschalis, und — als könne sie es vor Angst nicht länger ertragen, bat sie unverweilt: er möchte sie selber mit nach Mainz nehmen!

Paschalis lächelte niedergeschlagen darüber, als habe Dorothea ihr das gerathen, und sagte dagegen: Die Kinder! liebe Christel. So meinte Johannes.

Ja, ja, die Kinder! rief sie bestimmt.

Und Johannes sagte zu Paschalis: Sie hat nicht, wie ich, gewußt, daß sie 20 Mann Einquartirung bekommt.

„Zwanzig Mann, nicht Männer!“ erklärte Wecker.

O Gott, scherzt nicht! verwies ihm Christel und eilte Anstalt zu treffen für die „Mann“ und die Kinder. „Dorothea schläft!“ hatte sie Paschalis noch gesagt.

„Ungegessen? oder: ohne gegessen zu haben — wie ich die Schulkinder verbesserte; eine sonderbare Braut!“ sprach Wecker.

„Die schlafende Clementine hat sie angesteckt!“ meinte Paschalis, zu welchem Daniel jetzt bescheiden trat und ihn frug, was für einen Text aus der Bibel, die er ihm hinhielt, er auf dem Kreuze der kleinen Schwester zitiren solle?

Und Paschalis nahm das Buch, setzte sich an das Kaminfeuer, blätterte, seufzete, las, blätterte wieder und sagte ihm endlich: „Lieber Daniel, hier! Zitire Deinen Namens-Vater Daniel oder das sechste Capitel aus dem Buche der Weisheit, das paßt jetzt auf alle Welt. Denn die Schrift ist für alle Zeiten geschrieben, und jeder Mensch und jedes Jahrhundert findet seine Lehre, und sein Urtheil darin. Gebe nur endlich Gott, daß die ganze Welt zusammen nur Einen Vers daraus hält, als etwa gleich diesen!“ — Er wollte Einen sagen, aber seine Leiden verwandelten ihm die Worte im Munde und er sprach, zu aller Verwunderung diese: „Ach, daß ich wüßte, wie ich ihn finden, und zu seinem Stuhl kommen möchte, und das Recht vor ihm sollte vorlegen, und den Mund voll Strafe fassen, und erfahren die Rede, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde!“

Und Wecker sprach leise zu den Andern: Stille, stille! Er meint den lieben Gott! Er ist jetzt Hiob! Laßt ihn schlafen; er senkt schon sein Haupt auf die Brust. Setze Dich neben ihn, Daniel, und nimm ihm nachher die Bibel leise aus seiner Hand, damit er nicht aufweckt, wenn sie zu Boden fällt! Ich aber übernehme das diesmal leichte Colfactoramt am Kamin, und will — nicht mehr anlegen! So wird ihm der Kopf nicht noch heißer vom Feuer! Lasset ihn schlafen, und ruhet Ihr auch!

Und so setzte er sich hin. Das Feuer erlosch nach und nach, und es ward trauliches Dunkel und heimliche Stille im warmen Zimmer, und die Sterne schienen herein zu den Schlummernden.

V.

Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen — nicht ahnend: daß er Keines mehr wiedersehen würde. Und so war er froh, als er den Daniel aufgehoben, ohne daß er aufgewacht war, und ihm und sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmöglich gemacht, wenn er gar so sehr gebeten hätte: bei Vater und Mutter zu bleiben und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was über sie käme. Daniel aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er während des Tragens doch merkte, daß etwas mit ihm vorging, und erzählte seinen Geschwistern im Traume, ohne die Augen zu öffnen, das Mährchen: „Die sieben Raben,“ und fuhr jetzt laut darin fort: „Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis an der Welt Ende, um seine sieben Brüder zu finden. Da kam es zur Sonne; aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder; eilig lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös; und als er das Kind merkte, sprach er: „ich rieche Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch!“ — Diese Worte klangen aus eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nähe des todten Schwesterchens zauberhaft-ängstlich, und Johannes war herzlich froh, als er seinen Knaben glücklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: „da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .“

Damit schwieg er. Die jüngern Kindern aber, Sophiechen und Gotthelf ängsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen hatte ihn fest um den Hals gefaßt und wollte die Arme nicht wieder wegnehmen. Johannes aber löste sie ihr langsam und legte sie ihr in den Schooß, und die Hand des Brüderchens darein, als sei es die Mutter. Und so, vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon, wenn nicht ihr Glück, doch ihr Leben in der nächsten Zukunft, welche für ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft war. So täuschte ihn sein Gefühl, und Ahnung künftiger sicherer Tage beglückte ihn.

Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, für alles zu sorgen und es neu und gefällig anzuschaffen, was die Kinder bedürfen könnten, so brachte doch Christel zuletzt noch ein Körbchen mit den bekannten Spielsachen der kleinen Kinder, „damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben Bekannten sähen und fänden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in ihren Spielen Vater und Mutter vergessen hätten; so gut wie die Kinder ja oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schüsseln und Becher und Fläschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen, selbst Vater und Mutter stundenlang vergessen. Und sagt nur immer: „ich komme Morgen!“ sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann. Da soll Freude sein in Mainz!“ —

Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben hindert, an Arbeit und redlicher Sorge für die Seinen. Aber sie sind in guten Händen; die Stadt ist nicht weit — und wir haben ja noch ein Kind — das auch in guten Händen ist! Komm hinein!

Und während jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden? — sie fühlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide für Eins.

St. Etienne, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als — Werber. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schießfähigen und erschießensfähigen Mannspersonen zu nehmen — ausgenommen den einzigen Wirth oder Stamm des Hauses. Selber Weckern hatte er gedroht in den Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft, keine Schule, keinen Kix noch Kegel habe. Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten; die Dummen raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrückter werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig für verrückt gehalten, und dürfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch! Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller würden ihn als Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem Stocke und einem Säbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinüber zur Hülfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden könne. Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfuß. —

Wecker kam über die Rede ergrimmt und erschrocken in die Küche zu Christel, die ihn seinetwegen tröstete, aber selbst erschrak, als sie darauf hineinkam mit dem Frühstück, das sie ihren Gästen freundlich brachte, denen sie alles, für die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafür, hinzugeben verbunden war — denn „der Herr bedarf sein,“ wie Wecker dem Rechte den Titel gab. Sie erschrak, lächelte aber gefaßt und blickte St. Etienne endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah.

So gefällt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch, zum Scherz sei’s genug! Gott sei Dank, daß die Kinder nicht da sind! Die schrien sich todt, und Daniel fiel Euch zu Füßen, wenn er in seines Vaters Hand „ein Pasquill auf das fünfte Gebot“ sähe, wie unser Wecker einen Säbel oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letzten Verstand*) der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus!

Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: „Weß ist der Rock und das Bandelier?“

„Des Kaisers!“ sprach der Sergeant.

„Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!“ verlangte Wecker.

Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach: Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth — und euern Wecker zum Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wächst auch heran — und wie Ihr weint, mein junges hübsches Weib, so haben schon Viele geweint in aller Welt, und Viele schon aufgehört in aller Welt, und so fügt Euch darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist — und Er hat gesagt: „Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!“

— Es ist Etwas Majestätisches um Einen großen Mann, sprach Wecker. „Denn die Erde ist des Herrn und alles, was darinnen ist. Er sitzet über dem Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die Fürsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als hätte ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden; daß sie, wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln wegführt.“

St. Etienne hatte das betroffen angehört, denn es klang gewaltig, und er sprach lächelnd: Das kann kommen! Den König von Westphalen hat schon der Wirbelwind fortgeführt.

Die Wirbelwinde haben immer verschiedene Namen, je nach dem Ort, wo sie einherblasen, und werden sie immer haben, sprach Wecker; wie hieß denn also der Wirbelwind Hieronymi?

Tzschernitschef; hört’ ich, antwortete St. Etienne.

So ist das schöne Land ohne König! sprach Christel. So hört doch, St. Etienne! Das geht weiter! Was werbt Ihr also!

Johannes aber klagte aufrichtig aus seinem treuherzigen Sinne: Mein Gott, ein Land ohne König, wie soll das gehen? Das ist das größte Unglück. Mir däucht ordentlich als könne da keine Saat mehr keimen, kein Baum blühen und kein Weinstock tragen! Wenn ein Land auch Alles verloren, Menschen, Häuser, Habe, Vieh, Getreide, Geld und Wohlsein, wenn alle Uebel drin hausen und alle Krankheiten darin sich satt fressen, und es hat nur noch einen König, wie ein Bienenstock einen Weisel, so erholt sich der Stock wieder, setzt Brut, höselt Wachs, baut Zellen, schleppt Honig, und das ganze Land hat wieder ein süßes Maul. Wer wird nun die Steuern empfangen? Wer wird befehlen? Denn ohne Befehlen hört der Gehorsam auf. O schlimme amerikanische Zeit! —

Wir wollen Gott bitten, sprach Wecker, daß er sich wieder erbarmt und das Herz eines Andern regiert, der sich wieder des verwaiseten Thrones erbarmt!

Bittet nur bald, sonst bittet Ihr guten Leute zu spät; sprach St. Etienne. Ich bin glücklich! Wir sind glücklich! — Wir haben noch einen Kaiser; und der braucht Soldaten, nachdem er Sechsmalhunderttausend in Rußland — angeführt hat! Tüchtig angeführt! Also werbe ich! Denn ohne Soldaten bleibt Er sogar nicht vier Wochen auf dem Throne, geschweige ein Anderer fünfzehn Tage. Darum werden wir Soldaten auch beinahe auf Händen getragen, wenigstens, wenn’s Noth thut, auf Wagen gefahren zur Schlacht. —

„— Bank!“ setzte Wecker hinzu.

Also zur Schlachtbank — meinen Johannes! meinen einzigen Sohn, den einzigen Vater der Kinder, den einzigen Mann unsrer Christel! sagte der alte Frommholz betäubt: „Das ist der Kaiser nicht werth. Viel Hunde sind des Hasen Tod, und er wird es nicht lange mehr bleiben — aber jetzt freilich bin ich noch hier in dieser eurer Gewalt.“

„Ihr nicht! alter Mann!“ belehrte ihn St. Etienne, noch lachend.

Ja wohl ich, nur ich; stöhnte der Alte verworren und schwieg.

Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklärte St. Etienne. Aber, freilich, wäret Ihr nicht, so wäre Johannes der Einzige auf der Bude, die zu Einquartirungen und Lieferungen und Abgaben und zur Zucht von neuen Soldaten gebraucht wird, und Johannes wäre frei.

„Frei!“ rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt.

Warum hab’ ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheißung Gottes: ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich weiß ein . . . ja ich bin ein sicheres Mittel!

Wecker aber merkte, daß der Herr Sergeant erbittert worden und fragte darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? — Und Johannes antwortete: — Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbürsten, da sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel.

Dankt Gott, daß ich ihn Euch nicht am Leibe ausklopfe versetzte St. Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krüppel auf dem Schlachtfelde finden, sondern lauter nagelneue, brühwarme. Sollen wir Andere mit Lahmen und Blinden, mit Einäugigen und Buckligen — fallen, welcher brave Soldat wohl vertrüge die Schmach. — Also, Johannes, um zwei! —

Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach endlich laut mit sich selbst: „Frommholz, altes mürbes Holz, Du hast Dir immer im Leben Rath gewußt; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath gleich lieber an, damit Christel keine Wittwe wird, die Kinder keine Waisen, und Du kein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern Treppe brauchen, das weißt Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich, nicht um selbst hinein zu kommen, sondern um aus stürmischem kaltem Regenwetter gute verlorene Kinder hineinzusichern, den läßt man vielleicht mit einlaufen, wie auf der St. Bernhardsstraße den armen guten Hund, der verirrte Menschen in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stieße das gute verständige, vor Kälte stumme Thier nicht wieder mit dem Fuße über die Schwelle zurück in den Schnee und die Kälte, in das Heulen und Zähnklappern hinaus — in die Hölle! Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! — Wehe denen, die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glücklich gewandelt, und erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worüber sie Hals und Beine brechen! — Hals und Beine!“ —

Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen Gliedmaßen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch noch ganz, — „Nun,“ sprach er, „so ist es doch schlimm, daß es Dich trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weißt ja, manches Holz macht dem Menschen wenig Plage — einige Mal den Stamm querdurch gesägt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schläge darauf, dann die Kloben in Scheite gespalten — so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes bloßes Stück Holz aber soll eine Säule zu einer Wendeltreppe werden, oder ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger Jahren statt Späne von Balken, Arme vom Leibe, und Köpfe vom Rumpfe hiebst, gestehe nur, Du mein halbvergessener Vorfahr, daß Du die Strafe wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo der Papst zur Veränderung auch einmal der Türken Bundesgenosse war, einen bildhübschen jungen Mann zusammen, weil „Erschlagen“ befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins Quartier zu der jungen, schönen Gräfin, die ihr Knäbchen wiegte! Hörtest Du sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann in der Gestalt herein trugen, in welche Du ihn verhunzt! — Hei! das war ein schönes Ebenbild Gottes! — Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der Wiege riß, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschläger zeigte — daß Dir die Haare zu Berge standen — und wie sie es Gott dem unsichtbaren Vater zeigte, daß Du vor Furcht Dich bücktest, — und die silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der Mutter aus dem Händchen gefallen war! Hörtest Du nicht, wie sie Rache schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schönen Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf beschworen und ihn wüthen geheißen, bloß um selbst länger ihr Volk zu beglücken — denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schönes Gesicht entstellt, daß sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du mußtest schweigen, und aßest still von ihrem weißen Brode und trankest ihren rothen, süßen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim, legtest den Soldatenrock und die Höllenwaffen ab, und griffst zum Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjäger und Brandstifter auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch, Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind alle, wie sie auch heißen, ob sie Kronen tragen oder Pelzmützen, Sterne oder Knöpfe. Und kein Mensch kann das fünfte Gebot aus der Bibel kratzen, oder das „nicht“ aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: „Du sollst tödten!“ ohne daß ihn der Donner des Herrn erschlüge! — „Aber,“ warf ihm der Soldat Frommholz ein: „Sie thun ja doch so — und der Herr läßt regnen über Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen über Gute und Böse.“ — „Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische Mahnung!“ entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht Christen werden! — Oder doch die Türken! — Da sagte mir ein vornehmer Mann, der meine laute Verwunderung hörte: „Ich würde die Juden und die Türken verabscheuen, wenn sie das werden wollten: was wir sind oder heißen, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reißenden Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab. — Ich muß in die Sitzung! Lebt wohl!“ So schied er. Und jetzt da Einer 300 Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter aufzuspießen, und ich sie nicht einmal vor dem Wirrwar hineingetragen — nun will ich, der Zimmermann, Deine Sünden wieder gut machen, Soldat, gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!“

„Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf weiß; . . . Du legst nun das Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl — es schwankt; . . . Du schwankst — es fällt; Du fällst . . . und Johannes ist kein Soldat, so wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt: daß sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf mein Grab, und kommen zu mir, sie an schönen Sommerabenden frisch zu begießen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und „zum Wahrzeichen“ hänge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes — und die thörichten Kinder im Dorfe sprechen: „Das ist der alte Frommholz!“ Aber der Wahre hat die Seinen aus der Gewalt der erbärmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das wissen die Millionen nicht!“

VI.

Johannes mußte nun auf Christels Fürbitte für den armen Sebastianow und auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag — krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er müsse zu einem Russen kommen, der also wahrscheinlich die ansteckende gefährliche Krankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der grassirenden Krankheit sich — das Reisegeld und die Aufenthaltskosten geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hülfe vom Arzte erwarten, es auch gern, gefällig und richtig geliehen erhalten — und ohne Schuldschein. Starben sie also während der Abwesenheit seines Leibes — denn Geistesgegenwart besaß er nirgend — so waren sie bezahlt; oder er bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch überstiegen, damit die Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten Freunde Johannes nicht ausweichen, der mit Holenlassen zu drohen beauftragt war, und erwiederte: „Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrübten Zeit, wo ich wenigstens meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewöhnlich gut, wo nichts ist; aber jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, daß Jeder selbst sein bester Arzt ist, wenn er sich vor ihr und vor uns sein in Acht nimmt — wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste Mittel selbst gegen die Pest: — „Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spät erst kehre zurücke!“ — Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine Krankheit zu curiren! Denn diese läßt sich nicht spinnen! Und Ein Thaler bei Tag für den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden?“ — Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lächelnd gefragt und gehört hatte, daß die vorher so preßhafte ganze Familie sich nun in gesegneten Umständen befinde, nicht bloß mehr die liebe Hausfrau Christel, also bezahlen konnte und gut bezahlen mußte, so legte sie bei ihrem Manne ein bittendes Fürwort ein, das aber wie er wußte, ein unweigerlicher Befehl war. Und so versprach er zu kommen — doch in der Dämmerung, aus besondern Gründen. Frau Licentiatin räucherte, daß Alle husten mußten; selbst der Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch zum Troste in der Thür: „Vertraut nur der Christel . . .“

Das thue ich immer in Allem; versetzte Johannes.

„. . . Nein vertraut ihr nur das: „ihr Schweinchen hatte Finnen! So vergißt sie es leichter.“

Johannes aber schied stumm. Aber wie erschracken sie Alle, als am Abend — ein Elephant die Thür aufmachte, und seine lange, bis auf die Erde reichende und riechende Nase, oder den Rüssel, vorsichtig über die Schwelle zog — und „Guten Abend!“ sagte, hinter einer Larve mit Glasaugen hervor. Denn es kam nur der Anfang, das Vordertheil eines jungen Elephanten herein, dem der Körper fehle; denn die glanzleinewandene Erscheinung sagte gleich selbst: „Ich bin der Licentiat, der seine Sicherheitsnase, die nur etwas reine Luft an der Erde holt, nicht zu fürchten bittet!“

Sebastianow aber sprang von dem Bette; man hielt ihn, bedeutete ihn schwer, daß die Gestalt sein Doctor sei, und er ließ sich endlich zum Niedersitzen bewegen; schloß aber die Augen, als Christel Licht brachte, damit er verbunden werden könne, und bat unter nachlassendem Zittern um etwas Niederschlagendes für ihn, und rief: „Mutter, Schnaps!“

Entweder dieses niederschlagende Getränk, der Schreck, der Verband, die Hoffnung, oder Alle zugleich, stärkten Sebastianow, daß er dann aufblieb, und seines Glaubens eingedenk war, sobald er sich wieder allein befand mit der kleinen Todten. Er suchte sich aus den Bildern an der Wand Jemand aus, der seinem Schutzheiligen am ähnlichsten sah; zündete Lichter an, und las, nach seinen Gebräuchen, aus seinem Büchlein nun unaufhörlich Gebete, bald leise, bald laut, bald still, um auszuruhen. Das that er dem Kinde zum Nutzen im Himmel, und sich zum Vortheil auf Erden, weil auf die Beerdigung dann, seiner Meinung nach, ein prächtiges Abendessen zu hoffen stand, oder weil er sich dadurch Christels Gunst erwerben wollte, der die einfache Feier gefiel, die aber von selbst schon Alles an ihm that, um nicht zu ihrem Schmerz noch Rache zu fühlen, und sich nicht die heiligsten Tage einer Mutter zu verderben.

Als nun das Särglein fertig war, und grün und weiß gemalt mit der Farbe der Unschuld und Hoffnung, und Wecker den Text auf das Kreuz geschrieben, da schritten sie zu dem Begräbniß. Und Wecker las latent, wie er es nannte, erst selbst als Schuljunge oder Custos, an der Hausthüre mit nachgemachter Knabenstimme, die schöne Verkündigung von den Todten; dann las er wiederum selbst mit Baßstimme drinnen an der offenen Stubenthür die Trostworte des Engels, als geistlicher Herr, mit viel mehr innerer Würde; und wer ihn sah, der wußte, was er las, und weinte latent mit, wie er; denn das Haus war voll fremder, unbekümmerter Menschen. — Darauf sprach Wecker als bloßer angemaßter Schulmeister und treue Hausseele: „Nun sind wir so weit! Liebe Christel! Wenn nur Jemand Todtes da ist, so kann man immer begraben, nämlich einmal, nicht alle Abende, wie die Kinder den Staar. Wir warten vergebens auf einen ruhigern Tag, und Johannes steht schon seit Mittag im Hofe exerciren mit einem Prügel statt einer Flinte, wie ein Bär; und der abgewachsene Mensch und Ehemann lernt nun auf einem Beine stehen, wie eine Gans — ganz prachtvoll! und lernt den Kopf drehen, wie ein Wendehals, ganz wunderbar! Hört nur das Commando: Köpfe — — — links! Köpfe — — — rechts! und so fliegen ihnen die Köpfe, als wären sie nun jemand Anderm! — Prachtvoll! Und jetzt treten sie gar den Gänsemarsch an — Einer hinter dem Andern! Prachtvoll! Und nun Köpfe links! und Köpfe rechts dazu — schwer! doch nun ganz erstaunend! Hei, nun schwenken sie! sie defiliren hierher, wie Enten, Alle an einem Faden Zwirn, und der Hinterste hat den Speck im Leibe; und die Arme haben sie Alle ohne Windelschnur fest am Leibe, wie Wickelkinder — und schreien, ja mucken auch nicht, sondern sehen ganz jämmerlich-ehrwürdig aus! Soll ein Mensch nicht erstaunen, was aus einem vernünftigen Menschen werden kann, sogar eine Maschine! Also die Kunst ist nicht gelungen: eine Maschine zum Menschen zu machen, wie man schon einen Trompeter hat. Aber die Kunst florirt: Menschen zu Einer Maschine von Einem zu machen. Und die stille Musik dazu! Nein, ich bin außer mir vor Freuden! Laßt uns begraben, daß ich weinen kann! Denn ehe die Rekruten — schon ein ganz himmlischer Name — ein Rekrut — ehe nicht zwanzig Stück halb todt umgefallen vor Müdigkeit und Gänsestehen und Entenmarschiren, jetzt hier niedrig, jetzt drüben, ehe läßt man sie nicht aufhören zu exerciren. Johannes kommt also vor Nacht nicht in sein Haus, und marschirt wie ein Betrunkener vor seiner eigenen Thüre herum und vorbei! Laßt ihm die Freude! Uns aber laßt allein zu dem Werke schreiten; da die lieben, kleinen, weißen Mädchen des Dorfes nicht mittrippeln mit ihren Kränzen, so schreite ich mit. Denn Alte gehen nur mit Alten, Weiber mit Weibern, Jungfrauen mit Jungfrauen, und Männer mit Männern zu Grabe, nach unserem schönen Gebrauche in Zahlbach. Jetzt aber lassen die Aeltern, wie keine Gans und keine Henne noch Ente, auch die lieben Kindlein nicht heraus aus dem Wirrwar in allen Häusern in den Wirrwar vor allen Häusern; Sr. Auchwohlerwürden der Herr Schulmeister, kann auch nicht mit schreien, noch mit schreiten, denn er hat „vom Volke“ — wie wir mit Recht den Ausschuß desselben nennen — mit Unrecht Schläge bekommen, weil er die Suppe zu heiß ausgethan und die Herren sich die Schnäbel verbrannt, und ist ausgetreten. Sr. Hochehrwürden, der Herr Pfarrer Lademann aber kann nicht mit einherschlendern, weil er erst ein junges Weib, einen schönen, lustigen Finken aus Bockenheim, genommen; ist also noch eifersüchtig und ganz verschämt oder confus, besonders da sich der gnädige Gottlieb, nunmehriger Lieutenant bei den Cohorten, im Pfarrhause dermaaßen einquartiert, daß er jämmerlich schiert, um sich vorerst Furcht zu machen. Darum schreitet der Herr Pfarrer nicht dreißig Schritt geradeaus mit dem Rücken vom Hause, für dreißig Ducaten; aber zweihundert Schritt um die Ecke der Kirche, nicht um zweihundert Louisd’or. Da ziehen ihn Eure sechszehn Kreuzer denn diesmal nicht. Auch geht man jetzt nicht auf der Straße, sondern bei dem Wetter in der Straße bis an die Waden. — Ich muß also schon mit schreiten oder waten, das seht Ihr ein! Seid nur so gut!“ —

Notes in this chapter

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