Leopold Schefer Die Osternacht (continued 2)
Reading edition
Und so fuhr denn der alte Frommholz das liebe Kind auf dem Gras-Schiebbock zu dem ausgeworfenen Grabe, und des Kindes Mutter ging allein still hinter ihm als Leidträgerin; Wecker aber vorn, als Schulmeister, Schule und Custos mit dem Kinderkreuz, und sang — stumm, oder latent, mit sehr beweglichem und bewegtem Gesicht, wie Jemand, der mit vollem Munde kauet; er aber hatte Seelenspeise auf der Zunge, und labte sich recht.
Als sie bei dem Hofthore auf dem rechten Flügel der „Rotte“ vorüber kamen, hätte Johannes, der mitten im langen Gliede stand, seelensgern rechts gesehen, um wenigstens seines Kindes kleinen, bunten Sarg noch einmal ins Auge und in die Seele zu fassen; aber die Köpfe waren links commandirt, und er hatte im rechten Auge nur einen mattblendenden Schein von dem sonnebeschienenen Särglein. Es zog ihn unwiderstehlich, doch hinzublicken; er wandte allein von der ganzen Rotte den Kopf rechts; und der gnädige Gottlieb, der als Lieutenant inspiciren gekommen, sprang zu, und rückte ihm denselben bei den Ohren gewaltsam in das heilige Commandowort „Links,“ und hielt ihn dann zornig am Kinn mit der Faust.
Und Johannes alter Vater, der das vorüberfahrend mit angesehen, sprach nur halblaut vor sich: „Es ist schon gut!“ — Johannes aber sah sogar die große soldatenbunte Gestalt des gnädigen Gottlieb nicht, die ihm nahe in die Augen grollte; sondern vom Scheidegefühl und dem stillen Lebewohl ganz anders ergriffen, sprach er nur, im Herzen still, die Worte seinem Kinde nach: „Der Herr behütet Dich, der Herr ist Dein Schatten . . . daß Dich des Tages die Sonne nicht steche, und der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich vor allem Uebel, er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.“ — „Amen!“ sprach er laut; und der Lieutenant lachte, und das Glied, und er ließ ihm das Kinn los.
Nahe bei der Kirche, wo die Wege sich kreuzen, ward aber Wecker von einer Schaar betrunkener Reiter überritten, deren jeder eine Koppel wilder Handpferde zur Armee führte; und ein, von den betrunkenen Menschen gleichsam mit wie betrunken gemachtes Pferd sprang über das Särglein, riß es dem Alten vom Schubkarren herab und auf, daß der Deckel weit hinflog; ein anderes schlug scheu aus, und traf das Kind, während Christel sich verhüllte, und mit gewundenen Händen darauf nach Hause lief wie vom Feuer verfolgt. — „Es ist Krieg!“ riefen die rohen Gesellen. Und Einer, an dessen Stimme Wecker seinen Sohn zu erkennen glaubte, sprach lachend: „Was führt Euer Weg über unseren Weg? Kronengut geht vor Bauerngut! Und wenn wir die Pest am Leibe hätten, wir zögen frei durch alle Lande, und schliefen in Eurem Bett! Fort aus dem Wege!“
„Es ist schon gut!“ stöhnte der alte Vater wieder. „Mein Sarg steht schon lange auf unserem Boden.“ Und so las Wecker das liebliche, wie vor Schreck blaß gewordene Kind wieder von der Straße in das Särglein, auch den kleinen frischen Asternkranz von heut, und das kleine Brodchen, damit es ohne die Mutter gut schlafe, und deckte den Deckel wieder leise und schonend darauf, daß er dem Kinde ja kein Fingerchen quetsche. — Und während der alte Frommholz stumm es darauf unter einzelnen fallenden Thränen versenkte, und zuwarf mit der immergleichen, unverweslichen Erde, sah Wecker zum Himmel und auch zum Thurme — und sah den Teufel auf der Spitze stehen, der ihn herunter angrinsete unter unhörbarem Hohngelächter, während er die schwere eiserne Fahne mit dem vergoldeten Adler um seinen Kopf schwenkte, so daß ein Kreis von Fahnen mit Adlern sich um den Knopf des Thurmes bildete, wie Schwalben sich an einander hängen. Und die Raben kamen zur Nachtruh in das alte Gemäuer geflogen, und krächzten ihr Lied. Wecker aber riß das neue schon gepflanzte Kreuz wieder aus, und hielt es — seiner Erscheinung empor, und sie verschwand. Zu den Raben aber sprach er empor, indem er seine Hände vor dem Munde zu einem kurzen Schallstück höhlte und rundete: „Ihr wißt nicht, wer ihr seid? Ihr seid Engel gegen die Adler, ja Engel gewiß, die ihr eurem kleinen Gespielen entgegen singt. Es klingt aber schlecht! Ich — ich kann nicht singen — mir ist die Kehle wie zugeschnürt: Der Mann bin ich! . . . Wollt’ ich sagen: Der Vater!“
VII.
Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne Morgenröthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glühte geblendet von dem schmückenden Scheine. —
Wo ist denn das Kind? — Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da gewahrte sie durch das Fenster, daß Berge und Bäume und Garten und Gefilde verschneit waren vom reinsten Schnee. — Ach, seufzte sie, nachdem sie unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schläft unter einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn — o mein Gott — es hat mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frühe leise weckende Stimme: „Mutter, mache die Augen auf! . . . mach’ doch die Augen auf!“ und ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen Händchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Röckchen, die Schüchel und die Schürzchen — ich bin um Alles — da hängt es, und liegt es, und sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und möchte doch reden! so bunt — und möchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die letzte Schmach an ihm! — —
Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht.
An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden gegangen! Tausenden wird es gewiß noch so gehen — und ärger! Und was hilft das Unglück eines Menschen den andern? Was mir — das fremde? Und was den lieben fremden Menschen das meine — oder das unsere, wollte ich sagen, Johannes; sei nicht böse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird, als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes, ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz. Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Füßen treten muß! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja schlimmer, als wenn Du nicht wieder kämest, und Du mich verlörest, und ich Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt — vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so gräßliche Worte gesagt von Kronengut und Soldatenfreiheit — weil der Abscheuliche — sein großer Friedrich, sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat ihn erkannt — als ihn der Teufel gefragt hat: — „Wecker! war das nicht Dein Sohn, der da reitet nach Britzenheim!“ — Siehe, und so ist der alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was er bei ihm und mit ihm will — weiß Gott! Er hat ein Messer mitgenommen . . . .
„Ein Messer?“ frug Johannes erstaunt.
Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: „Kein Vater darf sich das Recht über seine Kinder nehmen lassen — ausgenommen sie werden besser und klüger als er, und es werden ihnen vernünftigere und menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause! Sonst muß der Vater aufstehen! und lehren und strafen und rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker, bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie ich, soll gescheidter sein, als viele ganz curiose Leute; und so ein armer Sünder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrönte, geschlossene Gesellschaft von christlichen Türkenhäuptern! Wozu sie noch der Corse, der Corsar zu Lande, macht, — und meinen Sohn! . . .“ — So sprach er stöhnend und jammernd, riß mir das verweigerte Messer geschwind aus der Hand, und ließ sich nicht halten!
Laß den guten Wecker mit seiner Ruthe ziehen! sagte ihr Johannes betrübt-lächelnd. Alles zu dulden bin ich auch nicht gemeint! Zum Ackern lassen sich selber die Ochsen geduldig anspannen, und ziehen im Schweiße ihres Angesichtes bis die heilige Sonne zu Rüste geht, und der Acker in Schatten und Dunkel liegt; aber wunderlich ausgeputzt mit goldenen Klapperblechen, werden sie rasend bei der Stierhetze, wie der Großvater von Rom uns erzählt hat. Wir Völker, mit uns allein, ohne Hetzer, sagte er, würden alle in Frieden leben, wenn man diejenigen ruhig beisammen ließe, die einerlei Sprache reden; höchstens würde einmal ein Viehstreit oder ein Hutungsstreit ein paar Stunden dauern. Aber, da sind Andere, die glauben, die Erde zu besitzen und verschenken zu können, wie einen großen grünen Schweizer Schabsickerkäse mit Kräutern und Maden und Milben — als nämlich mit uns Erwachsenen und Kindern, wie der Papst; — und Andere, die glauben: die Länder eigenthümlich, wie ein Müller seine Mühle oder die Mahlsteine zu besitzen, sie rund machen zu müssen, sie Mehl für sich mahlen zu lassen, sie verkaufen, vererben, ja entzweireißen und theilen zu können, als wären es wirklich bloß Steine . . . und nun kommt dazu: daß Viele das wollen, oder wie der Großvater eben behauptet: nur Einige; — und so mahlen sich die Steine zu Schanden, von einem dampfenden Menschenblut-Strome getrieben, und von fühllosen Rädern aus Eichenholz; und statt Mehl kommt Menschenasche und Knochenkleie herunter, die auf zum Himmel riecht, und die Müller selber werden elend von dem Elend, schleichen schlaflos auf den Gängen umher, hören mit Angst die Glocken rufen: „neue Menschenknochen aufzuschütten!“ und wollen doch Müller heißen und bleiben; denn anders haben sie nichts gelernt. Wenn sie aber Christen wären — ließen sie den lieben Gott seine Gaben auf seine Mühle schütten, ließen ihn das Mühlhaus beglücken, und hätten Freude und Schlaf und Dank. Und wenn der Müller nicht ein Christ wird, so kann es Gott selbst nicht anders bessern, als wenn die Menschen Christen werden, nämlich wir, wir Alle, und nichts mehr thun und leiden, als was Christus der Herr oder die zwölf Jünger gethan oder gelitten hätten. Darum muß sich das Volk nicht unterweisen lassen im Aberglauben, es muß keine Zauber- und Hexereistückchen-Fabrik mehr in Italien geben; das Volk muß nach der wahren Lehre Christi fragen, und darum fleißig das Wort Gottes lesen, um des Teufels Worte auszurotten!
„Nichts weiter!“ sagte Christel zum Morgengebet. „Nichts weiter;“ ich habe es gestern im Stillen weinend mit angehört, wie Dir Dein Vater das Alles gestern im Dunkeln gesagt hat. Ich war ja in der Stube. Doch indeß — indeß — bis dahin: wer will Dich retten. Soldat zu werden, mein Johannes, und von der Schmach: Deinem deutschen Vaterlande neue Ketten schmieden zu helfen mit Deinem christlichen Seitengewehr! Denn der Kaiser wird nicht klug! Ein anderer Vater wird menschlich, wenn er einen Sohn erhält; aber nun der seinen kleinen König von Rom hat, nun will er ihm erst das große Reich recht groß machen, wenigstens sicher und fest — aber Du weißt, was der Adam Müller prophezeiet hat! Das klingt ganz anders! Wenn ich den Mann nur einmal sehen sollte, der ein Bauer sein soll, doch was für ein Bauer — ein Prophet wie Daniel! — Ach, was wird mein Daniel machen? — „Ich muß fort, ich muß hin!“ sprach sie, von dem Namen des Propheten an ihren Knaben erinnert.
Gehe in Gottes Namen! hieß ihr Johannes. Ich aber habe Muth zu thun und zu leiden . . . . Jedes aber nur, so lange sich jedes mit meinem Gewissen verträgt. „Ich will ein Schaaf scheinen, wenn ich nur keines bin; und ich will ein Tiger scheinen, wenn ich nur keiner bin. Aber ich werde keiner, das fürchte nicht! Nur habe ich durch des Großvaters Worte eine große Hoffnung gefaßt! Wenn nur die Menschen alle die Hoffnung haben und die Aussicht, die das Wort Gottes verheißt, das nicht lügt — eben weil das Wort sich in jedem Menschen selbst wahr macht, und der Mensch selber ist — so sehen sie es eine Weile noch an, wie die Welt läuft, oder wie die Mühle geht; und wenn nicht gut, dann schützen sie selber den Blutstrom ein, und die Müller mögen ihre eigenen Kinder mahlen, nicht unsere! Denn wir, wir legen Alle, ein Jeder die Hand auf das Herz und sagen: Du sollst nicht länger bluten als dafür: — daß wir nicht länger bluten, und daß wir nicht länger zu Staube gemahlen werden, und unsere Kinder! — so sagt der Vater.“
Christel tröstete indeß ihren redlichen Mann, mit allen holden Tröstungen, die ein junges schönes liebendes Weib im Ueberfluß hat; und sie saßen in süßer stiller Betrachtung noch einige Zeit neben einander, indem sie sich still an den Händen hielten. „Deines Vaters Geburtstag ist heut,“ sprach sie endlich; „heut ist er siebzig Jahr.“ Gott erhalte ihn uns noch lange! besonders nur mir; denn was er mir thut, das thut er Dir und Deinen Kindern. Jedoch wenn er auch nur noch ist, lebendig und gegenwärtig; wenn er ißt, und es ihm schmeckt, und er sein Gutes empfängt von uns in seinen letzten Tagen, so ist ein Alter schon unersetzlich im Hause, ein wahrer Hausschatz, den kein anderes Gut mehr aufwiegt. Denn jedes ist schon ein eigenes, und ein alter Vater auch ein eigenes. Darum wollen wir den Tag still feiern, und kochen etwas Besseres für Alle, oder braten von den Gänsen; und so mögen es heut Alle bei uns gut haben, wenn sie auch nicht wissen: warum? selber der alte Sebastianow und der große Peter, der Hund. Ich aber gehe nach Mittags den kurzen Weg zu den Kindern in die Stadt, und zur armen Dorothea, die einmal nicht glücklich werden soll, das junge Mädchen. Auch bringe ich vielleicht von ihr heraus, was ihr ist, geschehen ist, oder Gott verzeihe mir, was sie vielleicht gefehlt hat! In diesen Zeiten ist Niemand vor großen Fehlern sicher, ja nicht vor Verbrechen; die Angst, die Furcht, die Entrüstung, die Rache sind los, und ergreifen Einen um den Andern, den Schuldigen und den Unschuldigen — und nichts ist länger, selbst die Gerichtsbank nicht, als Gottes Langmuth — spricht Wecker; aber in der Länge ist Muth und Gewißheit. Und erhasche ich nur ein Wort von Dorothea, verschweigt sie auch nur eine Antwort, so sehe ich durch ihr Wesen, wie durch einen Schleier, und kann ihr dann rathen und helfen! Nur ein Weib löst einem Weibe die Zunge, und weiß sie recht aus dem Grunde zu verstehen, recht aus der Seele Theil an ihr zu nehmen und es mit ihr gut zu meinen als wie mit sich; denn beide sind Weiber, und aus demselben weichen Stoffe — aus Liebe und Thränen! —
Christel brach ab; denn sie sahe durch’s Thor einen vornehmen Reiter herein in den Hof gesprengt kommen und halten. Als Johannes hinabgeeilt, kam er wieder und schickte Christel in den Hof. Der fremde, schöne, junge Herr rief sie nahe an sein Pferd und ritt dann an einer einsamen Stelle des Gehöftes, immer im Kreise langsam umher, während er hochglühend im edlen Gesicht, und doch sehr niedergeschlagen sagte: „Ich heiße Ellenroth und bin . . . oder war, oder heiße noch der Bräutigam Euerer Dorothea.“ Er holte schwer Athem, dann fuhr er mit einem Seitenblicke zu Christel geneigt fort: „Und so glaube ich Euch schon ganz bekannt zu sein; denn von einem Bräutigam wissen die Verwandten der Braut schon Alles; und wißt: ich bin ein junger Mann, der ein Mensch werden will durch ein Weib. Denn durch ein Weib wird man ein Mensch, nicht erst ein Mann; der muß man dazu ja gewesen sein. Auch bin ich Euch durch meine Liebe zu einer Verwandten von Euch gewiß schon lieb und vertraut — wie ein Anverwandter — wenigstens habe ich herzliches Vertrauen zu Euch, und bedarf Euern Rath und Euere Hülfe, denn Ihr seid jetzt gleichsam die Mutter der Dorothea, da Euere Schwester Martha dahin ist — dahin, wo . . . fürchte ich . . auch Dorothea bald folgen wird, oder zu folgen glaubt. Denn nehmt nur den Brief hier von ihr! „Sie will nicht die Meine werden“ — weil sie mich liebe und ehre; aber auch keines Andern — weil sie mich herzlich bemitleide und beklage. Ja, sie meint: „Gott erhalte mir nur meinen Verstand, damit ich nicht katholisch werde, weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.“ Leset! Erkläret mir, helft! Ich bin unschuldig und rein wie der gefallene Schnee! Und auch Sie ist gewiß so leicht über die Erde gewandelt, wie über Schnee, ohne eine Fußtapfe zu beflecken! Da, nehmt!“
Christel nahm den Brief, blieb stehen und las, während Ellenroth in großem Kreise langsam umherritt. Darauf ging ihm Christel entgegen und sagte ihm traurig: „Was ein Mädchen, wie Dorothea sagt, so sagt, und schreibt, das hält sie gewiß, dabei bleibt es. Armer, junger Herr!“
„Geht zu ihr!“ bat er; „redet noch einmal zu ihr! Ich bin so thörig wie alle Menschen, die das Theuerste entbehren, das Aeußerste dulden, wenn sie nur klar wissen, warum? und wie es gekommen! Und diese Thorheit beweiset, daß es ein größer Glück giebt als alles Glück oder alles Unglück — und das ist: die Wahrheit, ist die Vernunft! Ach, daß die Liebe zu dem Weibe mir nur nicht höher wäre, liebe Christel! Denn erfahre ich auch den Grund der Zurückweisung und Verweisung meines Herzens auf sich selbst, so ist es doch leer, halb, zerrissen ohne Sie — und der Tod ist jetzt leicht zu finden: ich werde Soldat! oder erlöse durch meine freiwillige Gestellung vielleicht und gern noch einen gezwungenen Vater von Kindern! Vielleicht sollte das nur so kommen, das sollte ich im Leben vielleicht nur thun! Wer weiß, wozu ein jeder bestimmt ist auf Erden. Doch die Tage erst lichten das Leben auf — und die finstern: ein helles! Nur verdenkt mir nicht, daß mir die Augen tröpfeln! Vor Euch will ich es nicht verbergen.“
Christel meinte in diesen Worten auch eine Schickung Gottes zu sehen, ward durch und durch froh, und über und über roth, und wollte den verlorenen oder nicht erst erworbenen Freund inständigst bitten . . . wenn er denn wollte, was er müßte, oder müßte was er wollte . . . diesen Dienst dann ihrem Johannes zu leisten . . . den Vater ihrer Kinder frei zu machen von den Soldaten, durch sich! Aber sie erröthete bei dem Tröpfeln seiner Augen ganz anders. Denn Thränen rühren ein Weib am meisten, und unter allen Thränen, die Thränen eines Mannes, der schön und edel und muthvoll ist; ja diese solche Thränen erheben sie über sich selbst, und geben ihr alle ihren weiblichen Adel wieder und eine Himmelsseele dazu, oder erwecken sie nur in ihr, wenn sie schlummerte. Und so erwiederte Christel: „Armer Herr! Ich weiß gewiß, es ist vergeblich — aber ich gehe zu Euerer Dorothea. Bleibt bis zum Abend hier . . . und kann ich Euch nicht helfen . . . so helfet Ihr uns! Und Ihr . . . Ihr könnt es, und wollt es gewiß . . . schon um Dorothea’s willen! — Die wird sich doch freuen über Euch!“
„Sagt es dann gleich lieber jetzt!“ bat er. Aber sie beruhigte ihn damit, daß sie gleich nach Mittag in die Stadt gehen werde, nahm ihm das heißgerittene braune Pferd ab, und als er hineingegangen, sahe er bald darauf — den Johannes exerciren, und faßte im Stillen selbst den Entschluß: den redlichen, einfachen, aber den Seinen so kostbaren Freund zu erlösen . . . oder verstand er jetzt erst Christels Worte. Denn manche Worte werden erst spät verstanden, oft Jahre und Jahrhunderte nachdem sie verhallt sind, „wie die ächten wenigen Worte Christi,“ wie Wecker sagte.
Der alte Frommholz aber wußte von dieser fast gewissen Hülfe nichts, und auch von keiner andern irgend woher. Aber er wußte heimlich aus einem andern Hause den noch verborgen gehaltenen Befehl: „daß übermorgen, oder schon morgen, die Neugeworbenen, Alte und Junge, selbst halbe Greise und halbe Kinder, die nur verwüstet wurden, über den Rhein auf jene linke Seite geführt werden sollten.“ Darum hatte er beim Schlafengehen große Sehnsucht nach dem Tage. Der untergehende, prachtvoll schillernde Mond, der vor einigen Tagen schon voll gewesen, täuschte ihn: sehr früh aufzustehen, und zwang ihn gleichsam, die wechselnden aber immer wiederkehrenden Wunder der Nacht noch einmal recht zu genießen; bis er sich in seinen geschnitzten Lehnstuhl setzte, und mit stiller Freude endlich die Tritte seines Johannes über sich hörte. Da löschte er im Kalender, schon in der heiligen Morgenfrühe den Tag aus — den Montag — wie er sonst immer erst nach dem Abendsegen that; dann zog er die stehengebliebene Wanduhr auf; ließ den Kukuk die Stunden nachrufen — und schrieb noch einmal seinen Namen auf das mit Schiefer belegte Tischblatt, sahe ihn an, und löschte ihn lächelnd weg. Dann betete er aus seinem Kubach das sonderbare, doch ächte „Gebet eines Schieferdeckers, so er vom Thurme fällt,“ welches zwei Seiten lang ist, also einen wolkenhohen Thurm voraussetzt, wenn der dabei besonnene Unglückliche nicht eher auf Erden anlangen soll, als er es ausgebetet hat. Er merkte das, und lächelte die geringe Höhe seines Thurmes und seinen Fall, wie ein Kinderspiel, dadurch hinweg — und das Gebet bekräftigte ihn und machte ihn stark! Dann öffnete er die Stubenthür einen Fingerbreit, um noch einmal zu sehen: wie Alles darin morgen stehen würde! . . . . Wie in fünfzig Jahren . . . . in hundert Jahren die liebe Sonne so hereinscheinen würde!
Der stille Herr Ellenroth machte das Frühstück still. Doch sagte Christel dem Großvater, daß sie zu den Kindern hineingehen würde, und er ließ sie alle grüßen und bitten: „sie sollten ihn nicht vergessen!“ Das durfte er sagen. Aber Johannes durfte ihm nicht sagen, daß sie seinen Geburtstag begehen würden; um ihn beim Mittagsessen zu überraschen.
Als der Alte aber an die Arbeit gehen wollte, bat ihn Johannes: „Vater, bleibt doch zu Hause! nur heute zu Hause!“ Das Wort traf den alten Vater, als sei er verrathen. Doch als der Sohn hinzu setzte: „macht wenigstens Mittags bei Zeiten Feierabend; die paar Schläge an dem Thurme werden ja noch vor dem Winter gethan werden“ — da versprach er zu Mittag bei Zeiten bei ihnen zu Hause zu sein — und sähe sich jetzt um, wie es dann in der Stube unruhig aussehen würde, wie er daliegen würde todt und zerschmettert; aber auch, wie er des Sergeanten, ja des Kaisers grausame Befehle zu bloßem Wasser gemacht; und freute sich, daß so Jeder, der stark etwas Gutes will, frei ist von allen über den Ländern liegenden eisernen Gittern; und nur das Eine that ihm in seiner redlichen Seele leid, das ehrliche Begräbniß, das sie ihm würden angedeihen lassen; und das Bedauern, als sei er unglücklich gewesen in seinem Tode; da er doch grade sich säen wollte in Gottes Erde als einen Keim des Glücks für die Seinen. Und so sagte er nur zu Johannes: „Du bist mein lieber, mein einziger Sohn! Und Du meinst es gut mit mir — das merke ich heimlich! Merke nur auch heimlich: Ich meine es auch gut mit Dir — so gut wie ein alter Vater noch kann! — Lebe wohl — indeß!“
So ging er.
Aber auch Christel ging kurz vor Essen noch eilig in die Stadt; denn Paschalis Magd, die Einiges zu holen gekommen, hatte ihr gesagt: daß das kleine Mädchen sehr nach ihr geweint — und mit gewollt! Das war nun schon Stunden vorbei, aber das hielt sie nicht aus, obgleich das Kind gewiß jetzt längst schon wieder ruhig war.
VIII.
Von den Kindern zurückgehalten, ging Christel erst am anderen Vormittage von Mainz nach Hause. So wußte sie nichts aus Zahlbach — und so gewährt der Himmel den guten Menschen das Glück ihrer Treue und Liebe; und wo das Glück ist, kann nicht zugleich Schreck und Pein sein; und so sind sie nicht nur nicht elend, sondern oben darein beseligt. Wie viel Ursache aber Alle, ja alle Völker haben: tagtäglich zu bitten, daß auch ihre Nachbarn und alle die Ihrigen auf unschädlicher, ja wohltätiger Bahn wandeln mögen, damit sie nicht durch ihren Verkehr mit ihnen und grade durch ihre Neigung und Freundschaft und Liebe recht Bitteres von ihnen leiden — das erfuhr sie heute.
Daniel begleitete sie in Mainz bis an das Thor. Unter dem hohen dunklen langen Gewölbe wandelnd umfingen sie gleichsam die alten Zeiten sichtbar und doch so wunderlich. Denn wenn draußen auf Markt und Straßen neue Sonnenhelle und neues Leben sich regte, so hingen hier drinnen still, wie Fledermäuse, an den schattigen Mauern, die Spuren vieler hundert verflogener Jahre; und Alles, was sich hier Fröhliches und Trauriges herein oder hinaus bewegt, herein oder hinaus geschollen war, das hatte sich gleichsam nur — als Rauch an die Bogen gehangen, und ihnen die wettergraue, alterbraune Farbe — der vergänglichen Welt gegeben. Die Gewölbe aber hallten nur wieder, selber stumm; und so sagten ihr die Steine nicht, daß so eben die Rekruten aus Zahlbach hier durch geschleppt worden waren, während die armen Teufel ihre Angst in lustigen Liedern zum Himmel gesungen.
„Aber Mutter!“ sprach Daniel, „sind das nicht unsere Kühe dort? und unsere vier neuen Räder am Wagen?“
Sie drängten sich hin vor die Wache, vor welcher der Wagen mit einem im Strohe liegenden Manne hielt; aber nahe hinan konnten sie nicht, denn Soldaten und Menschen umstanden ihn. Und ein Bürger sprach zu dem andern: „Das ist ein böses Zeichen! Die Welt hat den Krieg satt; und damit nun grade der Kaiser und seine Brüder, seine Herrn Vetter und Frau Muhmen, Töchter und Schwäger auf den mit Braten gepolsterten und mit Wein besprengten Thronen sitzen, und Niemand Anders, oder Niemand, deswegen wollen sich nun die dummen Bauern nicht mehr selber todt schlagen lassen, noch ihre Söhne als frische Schemmelbeine unter den Thron zerzimmern lassen!“ —
„Sie sagten, es wäre ein Zimmermann;“ versetzte ein Anderer.
„Ja,“ bestätigte ein Dritter. „Er ist vom Thurme gefallen; und nun hat der Lieutenant in Zahlbach gesagt: er habe sich hinunter gestürzt — weil er ihn habe früh morgens am Altare knien und beten sehen — weil er einen einzigen Sohn mit Weib und drei Kindern zu Hause habe.“
Ach Gott! der Großvater ist todt! sagte Christel zu Daniel.
„Der alte Mann gefällt mir!“ sagte der Erste. „Erstlich, weil er ein Mann auf seine Hand ist, der uns Allen vorleuchten sollte; zweitens, weil er soll den Arzt gefragt haben: ob er auch wirklich ein Krüppel wäre, nun er beide Beine zweimal gebrochen habe . . .“
Mutter! rief Daniel fast zu laut vor Freuden: der Großvater lebt ja! Er hat nur beide Beine zweimal gebrochen . . . .
„. . . und als ihm das ist bestätigt worden, hat er mit Freuden eingestanden: er sei nicht gefallen! Auf dieses sein Geständniß, daß er seinen Sohn dem forcirten Vaterlande habe vorenthalten wollen, ist er nun hier in Ketten hereingebracht und soll ins Gefängniß geworfen werden und, als Zimmermann am richtigsten in den Holzthurm — sie wissen nur noch nicht in welches, denn alle — Holzthürme sind voll: — Verräther, das heißt nur voll Freunde ihres alten wahren Vaterlandes, das da Deutschland heißt.“
„Schwager!“ versetzte der Dritte: „das ist das größte Elend auf der Erde, daß grade das wahre Herz der Völker jetzt ein Scorpion sein soll! und die alte ächte redlichste Treue — Verrath; weil sie nicht mehr paßt, und nicht höflich und artig ist, wenn ein Andrer das Vaterland zerrissen, erbeutet und unterjocht hat, und doch so gut wie ein alter treuer, lieber guter Vater nun Kindesdienste, ja die Kinder selber verlangt! Der gute liebe Mann! Und wenn ich hunderttausend Jahre alt würde — ich würde kein Franzose! Und wenn ich Millionen Jahre alt würde, so würde ich nie ein Russe, geschweige zehn oder tausend Russen mit meinen Kind und Kindeskindern — und wenn ich alle Tage 1000 Napoleons, oder alle Stunden 5000 heilige Andreaskreuze mit Brillanten — geschweige die Knute bekäme; — — denn so Etwas ist nicht möglich, wider den Mann und wider den Menschen, und das sollte man einsehen, besonders: — „Man, der Teufel!“
Darauf sahen sie einen schönen Knaben auf ein Rad des Wagens steigen, und jetzt nur erblaßt und ängstlich nach dem braven Manne darin spähen . . . dann langsam und vorsichtig über die Leiter steigen und sich zu ihm setzen; und der Alte hob sein Haupt auf, sahe ihn wieder an, und rief: „Daniel!“ und Daniel rief: „Mein Großvater!“
Darauf war es umher still vor Mitleid und Verwunderung; selbst die Soldaten wehrten dem Knaben nicht; und so überwand auch Christel die Scheu, aber nur durch eine starke innere Aufwallung, sich vor so vielen Augen zu zeigen; und so ließ sie die Menschen die Menschen sein, unbekümmert, ob sie solche heilige Kleinode unter der Stirn besäßen, die da zu sehen vermöchten, was unter der Sonne vorgeht; oder ob solche kleine Hämmer in ihren Ohren ihnen verkündigten, was aus einer Menschenbrust herauf und heraus getönt in die himmlische Luft — — sie drückte dem Vater die Hand, und hielt sie fest, während ihre thränengefüllten Augen über ihm schwebten. Denn sie bedachte mit staunendem Bedauern, wie nahe ihm die Hülfe des Himmels durch den entschlossenen Ellenroth gewesen sei, und welche That er aus Mangel an Vertrauen gethan — und sie drohte ihm mild mit dem Zeigefinger; — er kehrte sein Gesicht ab — und sie hatte nun eisernes Antlitz — vor aller Welt zu weinen! Dann erblaßte sie über und über vor Scham vor der Welt der Großen, und erröthete wieder über ihre eigene Schuld der Verschweigung gegen den Schwiegervater: welchen Trost ihr der Herr von Ellenroth gegeben! Aber „soll ein Weib denn alle Augenblicke Alles sagen? und gleichsam vom Herzen abschlagen, was noch nicht reif ist, sondern erst eine kleine grüne Frucht ansetzt, die noch abfallen kann?“ So tröstete sie sich selbst, faßte sich schwer aufathmend, und befahl ihrem Daniel leise, bei dem Großvater zu bleiben und ihn zu pflegen und darum wohl zuzusehen, wohin man ihn ins Gefängniß werfen werde, und dann Herrn Paschalis zu bitten, daß er sich seiner erbarme. Darauf gab sie dem Daniel Geld, stieg rasch vom Wagen und verlor sich unter der Menge.
Und der eine Bürger sagte wieder: „Schwager! Wenn wir nicht alle die Hoffnung hätten, daß eigentlich Nichts lange besteht, was die Großen thun, höchstens von einem Friedensschluß bis zum andern, und wenn es nicht ein wahres Glück wäre, daß ein Friede nicht von Eichenholz ist, also nicht versteinern kann, sondern der ewigste Friede nur etwa fünfzehn Jahr alt wird — so möchte ich kein Schuhflicker sein in Ewigkeit! Sela!“
„Und ich kein Schneider! Schwager!“ versetzte der Andre, „Aber wir hoffen, das deutsche Reich, dieses viel zerrissene und von aller Welt behaltene Gewand, das der liebe Gott am Schöpfungs-Sonntage selber abgelegt, das wird nun endlich wieder auf seine alte rechte Seite neugewandt werden, und auf eine beßre, ja hoffentlich gute Weise mit Cameelgarn und Seide wieder zusammengenäht, daß es so lange hält wie ein Rock der Kinder Israel in der Wüsten — 40 Jahr! Sela!“
„Wenn’s nur noch Stich hält!“ schloß der Dritte. „Menschenherzen sollten sie können zusammen nähen! So einen Schneider gebe uns Gott! Desselben Ziegenbock will ich sein in Ewigkeit!“
„Ich auch!“ sprach der Dritte. „Ich auch!“ schrie der Erste. Und von ihrem Gedanken gleich froh ergriffen, meckerten alle drei Freunde laut, und nunmehr erscholl unauslöschliches Lachen. Doch nun meckerten sie erst recht. Und die Kinder umher meckerten, die Lehrjungen meckerten; die Kühe brüllten; die Soldaten fluchten und schlugen ohne Auswahl und ohne Schonung unter die Menge. Und die drei ursprünglichen Ziegenböcke fingen an zu reden und sprachen: „Vergieb ihnen, Herr! denn Soldaten wissen ja nie, was sie thun! — nur was sie leiden!“
Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt öfter ihre — mit den Ellenbogen wie in die Luft gestützte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete, daß das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklärte es sich aus gutem Herzen so: — „Johannes liebte sie; das sahe der Großvater; — und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und die Kinder liebte mit seiner Liebe.“ So war es gekommen. Darum beschloß sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem Herzen. Und so ward dieses neue Unglück ein neues Band um sie und Johannes; denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trägt, und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das Frohe.
Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: „Weißt Du?“ — Und sie antwortete nur: „ich weiß!“ Und nach zeitlangem Schweigen setzte er nur noch hinzu: „Deine schönen Kühe sind auch fort!“ — Sie aber versetzte heiter lächelnd: „aber die Kinder — die Kinder sind alle — ach nun alle die wir noch haben — gesund und fröhlich — bis auf den Daniel, der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!“
Sie schwiegen darauf beide — aber übereinstimmend — und gingen an ihre Geschäfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen selbst, der in ihren nöthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat, ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefühlen darüber zu machen, sondern seine Leiden und Freuden in seine Geschäfte hinein arbeitet oder hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag — und das Gottgeheißene willig und still vollendend, ein Mensch ist, ein ächter Träger der Zeit — wenn er bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heißt.
Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein großes Geheimniß kaum verständlich zugeflüstert: Daß Dorothea nichts gethan: — als eine Thüre zugemacht, eine Gewölbthür im Unterstock des Schlosses, — Das Mädchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere Erkundigung gesagt: „in dem Gewölbe habe ein großes Kohlenbecken mit glühenden Kohlen gestanden.“ — Mit diesem unverständlichen Bescheid wollte der verstoßene Bräutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber — er nahm seinen Weg über Breitenthal, um zu erfahren: Wie „eine Thür zumachen“ seine Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen können.
So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte Unordnung, und von Mühe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gästen, die sich müßig pflegten und schonten bis zum Lord- — Todesschmause auf dem großen grünen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht aber mitspeisen, höchstens ins Gras beißen, oder Erde kauen; — „so wie Bauern beim Schachspiel, welches morgenländische Herrscher mit lebendigen Figuren spielten oder noch spielen, und den verlornen und gewonnenen, vom Stehen müden Statisten die Köpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen oder es befehlen; ohne daß die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als — den Braten gerochen, den sie wie Jäger, noch grunzend im Walde für ihres gnädigen Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern aufgerissen hat;“ wie Wecker gesagt.
IX.
Das Weihnachtsfest kam während deß herbei, aber nicht als ein dankbar-heiteres Fest der Geburt Christi, sondern als ein irdischer Lärm, und als eine Gelegenheit: das wenige Wohlschmeckende noch zu verzehren, was über den unfruchtbaren Winter hinaus bis zu den neuen Gaben der Erde hatte langen sollen. Darum fehlten die Kinder nur Christel am meisten — denen sie Freude machen konnte! Und doch bereute sie nicht ihre übereilte Furcht, aus welcher sie dieselben in die sichere Stadt gebracht. Denn wenn sie jetzt auch nicht am Leben gefährdet schienen, so war ihr kindliches Herz und ihre junge Seele doch in Gefahr der Verwahrlosung durch die rohen Gäste; und bei jedem frechen Worte und jeder frechen Geberde und That derselben, welche die Kinder nicht sahen und nicht hörten, dankte Christel Gott, und empfand nur Freude, als fromme Mutter, welche die Weise gefunden hatte: die Welt sich immer gut zu deuten in dem ihr entgegengesetzten guten Herzen.
Sie wollte den Kindern selbst bescheren gehen, saß in stiller Nacht vor dem Backofen und buck jedem sein Christbrod; und jedes gedieh sehr schön und ward groß; — selber das Christbrod, das sie für die kleine umgekommene Tochter Clementine, voll guter Sachen und voll großer Rosinen mitgebacken, ging hoch auf, und färbte sich lieblich braun; und Christel sah es mit feuchten Augen und weinte und dachte: „es geht Dir also wohl im Himmel, mein Kind, das seh’ ich an diesem Zeichen! Deine Bescherung aber soll ein armes Kind bekommen, das dagegen ohne Mutter ist, wie ich ohne Dich!“ — Auch für den verschollenen alten Hausfreund Wecker soll sein Christbrod groß und lockend daliegen, und der neue Rock dahängen — bis er kommt! Und zum Weihnachtsfest, oder doch zum Neujahr kehrt ein Jeder gerne heim. Sie freute sich auf Weckern, sah ihn im Geist das liebe Gut verzehren und hörte ihn wieder wie sonst dazu sprechen: „Daß wir durch des Christkindes Geburt nicht mehr Sklaven der weltlichen und geistlichen Tyrannen sind, sondern daß wir armen alten Schulmeister, ja jedermännig klüger sind, auch wohl besser, als anderleuts Narren zu sein oder nur zu scheinen, das verdient wohl, daß man ein paar Tage Christbrod ißt, oder wohl gar ein delikates Stück Mohnstriezel, der einem im Munde zergeht!“
— „Oder auch zwei Stück!“ sprach Christel dann fast laut, und legte ihm in Gedanken noch ein tüchtiges Stück hin; und Daniel legte ihm still das Seine auch dazu — und Wecker bedankte sich nicht bei ihr und dem Knaben, sondern bei dem Herrn Christus, besonders aber bei dem fast ganz aus der Acht gelassenen, ja wie in die Acht erklärten heiligen Geiste, dafür, als welcher es eigentlich so weit gebracht, daß Christbrod in der Welt sei — und gute Menschen!
Darauf weinte sie im Stillen vor alter Freude, und zuletzt vor neuem Leid. Aber das künftige kannte sie nicht, und ahnete es kaum; wie Niemand an bunten warmen Herbsttagen den Alles weiß bedeckenden Schnee. Und doch war ihr Herz voll Angst und Furcht vor der Zukunft, die sie gern gewußt hätte, nur ein Augenblickchen gern hinter den Vorhang der Jahre geguckt, oder nur hinter die Nebelwand, die vor dem nächsten Jahre hängt, um zu sehn, was für Gestalten dahinter standen; blutig, glänzend, wohlthätig, oder schrecklich — alle aber vom Himmel gesandt; — oder schon auf Erden wandelnd, aber ihre eigenen künftigen Thaten und Werke noch nicht kennend, und unerkannt unter der Menge wandelnd; bis ein Engel mit seinem Finger vom Himmel herab auf ihn deutet, laut seinen Namen nennt, ihn anruft und spricht: „Nun sei du selbst! Werde und wirke!“
Am Vorabend des Neujahrfestes 1814 trat da in der Dämmerung ein Mann in Johannes Stubenthür und sprach: „Willkommen!“ Sprich „Willkommen,“ mein liebes sogenanntes Pathchen, denn ich bringe Euch einen Gast mit! — Ich bin der sogenannte Leinweber Krieg mit der Baßgeige; aber ich habe sie heute nicht mit! Und der Fremde wird Euch gewiß lieber sein, denn er brummt nicht so, und ist ein stiller Mann und alter guter Freund von mir — und wird nicht lange bei Euch verweilen — sage ich Euch zum Troste. Nun tretet nur ein, sogenannter Herr Prophet Adam! Hier wohnen treue verschwiegene Leute. Das sei Gott geklagt! Nämlich: daß nicht in jedem Hause dergleichen Adamskinder wohnen, mein Adam! Denkt, Ihr seid ihr Urvater, macht’s Euch bequem, und setzt Euch nieder, als wärt Ihr zu Hause im sogenannten Paradiese. — Marsch, hinein! nicht hinaus! denn ich bin kein sogenannter Engel mit dem Schwert — nur mit dem Stocke, der heut gewiß so müde ist als ich — ob ich gleich als Leinweber das Treten gewohnt bin, aber — beim Sitzen, nicht beim Laufen! Nun Christel, macht sogenanntes Licht; das heißt: zündet es an, oder den Kamin! das heißt das Holz darauf, damit wir uns sehen und kennen lernen, und Adam nicht glaubt, ich habe ihn in ein sogenanntes Blindenhaus geführt, was jetzt die ganze Welt ist, nämlich nicht für immer, sondern nur bis wieder die sogenannte liebe Sonne aufgeht, das heißt: die Erde unter, das heißt: sich nur herumdreht mit den Betten voll schlafender Halbtodter, das heißt: nur immer eine Nacht Todter. Also nur Licht! Wärme, Brod, ein Schoppen Wein, und dann Stroh zu einem sogenannten Bett, mein liebes Pathchen! Erschreckt nicht über meine lange Eingangsrede; sie ist nicht der Eingang, sondern die Rede selbst, und ist nun aus und heraus! Vorhin war mir das Maul von der Kälte zugefroren — jetzt ist es aufgethaut.“
Christel schlug mit freudezitternden Händen Feuer und — machte Licht. Dann nahm sie dem lieben Pathen Leinweber den Pelz ab, und sahe mit sonderbarer Scheu zum ersten Mal in ihrem Leben einen Propheten. Der Mann war schlank und hager; seine großen schwarzen Augen funkelten sie an, und sie sahe darin Gutmüthigkeit, Treuherzigkeit und viel mehr Demüthiges als Stolzes, und vielmehr Offenheit als Schlauheit; wenn auch sein Mund nur freundlich grüßte, aber zurückhaltend dann schwieg, oder nur die nöthigsten Worte sprach. Denn er schien menschliches Wesen, den Lärm um das Heut und das Jetzt immerfort zu belächeln, wie das brennende sich verzehrende Licht; und doch beobachtete er alles Geschehende scharf, und schien es nicht recht fassen oder sich damit vertragen zu können. Und so lag eine gewisse, schwer zu verhüllende Hast und Ungeduld in seinen Geberden und Schritten, bis er wieder in einer Ecke still stand und sah und zusah. Wie Jemand, der selbst auf einer weitschauenden Höhe steht, und hinter den Bergen her viel fremde wunderbare Gäste erwartet, die ihm haben zusagen lassen: „sie würden kommen,“ und die alle Augenblicke, aber auch in Jahren erst kommen können, und die zu erwarten und zu begrüßen er auf die Höhe gestellt ist. Und so lag auch Ueberdruß auf seinem blassen Gesicht, und seine Kleidung war nur — Kleidung, und schien nicht sorgfältig angezogen, sondern nur umgehangen. Auch seine schweren langen schwarzen Haare hingen ihm grad und schlicht, ohne zu glänzen, bis auf die Schultern herab. Seine Sprache aber drückte selbst das Gewöhnliche so aus, als sei sie bloß für diese jetzige Sache von ihm erschaffen worden, und solle in der Welt nichts anders mehr bedeuten; und so erschien sie klar wie Wasser, das den Grund durchsehen läßt, doch nicht wie geprägtes fertiges Gold, sondern wie solches, das eben geprägt wird, das mühsam aber sauber und fehllos unter dem hörbar arbeitenden Stempel hervorkommt.
Sie hatten kaum zu Abend gegessen und sich ausgeruht, als ein furchtbarer Lärm im Dorfe entstand. Alle Soldaten liefen bewaffnet hinaus, und auch die Bewohner von Zahlbach standen eine Zeitlang betäubt in jenem allgemeinen Erschrecken, in welchem alles Grause, das in der Natur ist, aufgeschrien, wie Ungeheuer des Himmels, des Meers und der Erde drohend und schnappend mit offenen Rachen die Menschen umlagert, und gegen welches das größte Unglück nur Kinderei wird, wenn der Schreck seinen Namen durch die Taufe der Zeit erhalten. Und so ward sogar allen leicht um das Herz, als sich ein nahender Bote erbarmte und kund that: „Mainz brennt!“
Nun eilten Viele auf die Clubbisten-Schanze. Aber es war nur dort ein matter niedergehaltener Schein über der Stadt zu sehen; oder bisweilen einige leuchtende Funken um die Thurmspitzen, und dumpfes Geräusch scholl auf; dazwischen auch wohl ein Knall, hier einer und dort zwei, auch drei; dann schwieg es wieder und rauschte und rief nur fort und blieb hell, Johannes mit seiner Christel und der Leinweber Krieg mit seinem Propheten Adam Müller stiegen also auf den noch höher liegenden Berg zur Seite. Krieg prophezeihe Unglück — denn die sogenannten Verbündeten gingen in dieser Nacht über den Rhein! . . .
„Friede! Friede! Es ist Friede!“ scholl es von der Clubbistenschanze.
„Friede?“ rief Adam, aufglühend vor Zorn, „Friede! Der ist nicht! Der wäre schrecklich! Das kann ein Kind begreifen! Die Völker sollen Eins werden — und im Kriege erkennt Jedes das Andre als ein eigenes Wesen mit eigenen Rechten und Ansprüchen, und fühlt sein eigenes Unrecht und seine Sünden . . . wie seine Wunden! und kann den Himmel mit Händen greifen . . . wie seine Leichen. Friede? Entsetzlich! Wie würde da Frankreichs Licht ausgegossen über Europa! Der Kosak sticht in ein französisches Herz mit der Lanze, wie ein Hammerschmid in den hohen Ofen, und eine ganze Gans, ein Strom Feuer fließet ihm zu! Deswegen sind die rohen unwissenden Völker so kriegslustig — um zu wissen, und sterben gern wie Ameisen; denn sie wissen, ihre Nachkommenden erstürmen die Zuckerdose!“
In Mainz flogen Leuchtkugeln auf, und die nächste Umgebung ward schwach erhellt davon, wie von vielen kleinen zerplatzenden Monden.
„Seht nur,“ sprach der Leinweber; „das ist ein sogenannter alberner Spaß für einen Propheten, der den Feldmarschall Blücher wieder besuchen und ihm den Verlauf und den Ausgang des Krieges prophezeien will — nämlich daß alle sogenannten Schlachten jetzt so gut wie halb umsonst geschlagen werden, und daß das viele junge Blut jetzt umsonst fließet, weil Napoleon wiederkommt nach Jahresfrist — und nun machen sie Friede in Mainz!“
„In Mainz!“ versetzte Adam. „Der Friedensjubel ist nur eine Maske, in welche die endlich auch einmal schlau gewordenen Deutschen die Feinde gesteckt, damit sie drin tanzen und nicht — den Uebergang über den Rhein sehen.“
Also wird der Kaiser vom Throne gestoßen werden? frug Johannes. Sagt uns doch auch Etwas!
„Das kann ein Kind begreifen!“ sprach Adam; „freilich der Kaiser; denn ein ganzes Volk läßt sich nicht absetzen von seiner Menschenwürde oder auf den Thron stoßen! Darum sind alle Kanonen nur auf Ihn gerichtet, welche freilich den armen Franzosen Arme und Beine zerschmettern oder den Leib aufreißen, weil ein Potentat nur aus anderleuts Gliedmaaßen besteht. Aber nur ein schwangerer Mann wird ihn überwinden; denn mit einem solchen Elephanten-Unternehmen trächtig gehen, ist kein platter Spaß, sondern ein höherer Ernst, ihr Leutchen! Sein Sieger muß glauben, einen Elephanten gebären zu sollen. Nur wie man das einmal auf’s Theater bringen will, oder malen, ist meine Sache nicht; aber auch eingebildete Dinge sind wahr, und wär’ es ein junger Elephant. Das Blut muß aber doch vergossen werden.“
Und dann wird Friede? frug Christel fröhlich und getrost.
„Das kann ein Kind begreifen!“ sagte ihr Adam. „Aber, meine Frau Christel: ein Donnerwetter im Frühjahr ist nur eine sichtbare, hörbare und wandelnde Schaffung der Blüthenzeit auf der Erde. So soll und wird der bekannte gemeine Krieg nicht aufhören, damit der bekannte gemeine Friede wird, sondern damit der reine große ewige Krieg wieder anheben kann, welchen die Menschheit unter sich tagtäglich kämpft. Denn Leben ist der Streit und das Ringen nach Weisheit, Recht und Freiheit; und in diesem soll bewährt werden die Liebe und die Tugend; denn die Thränen und Wunden, die Schmerzen und Tode in dem stillen Kriege der Menschen, der da Frieden heißt, sind unaussprechlich tiefer, schwerer und tödtlicher, und millionenfacher — als in dem lauten Kriege. Darum bete ich um Frieden, auf daß der wahre Krieg wieder seinen großen Verlauf beginne; und der leibliche Krieg muß nicht mehr geduldet werden von keinem Volke, weil er den Welt- und Geisterkrieg nur unterbricht. Und da müßte Einer oder Mehrere blind, stock — blind sein, wenn sie nicht sehen, daß das deutsche Volk nun aufsteht die Auferstehung, die mit dem nie dahin begrabenen Kaiser im Kyffhäuser gleichsam begraben liegt, seine große, ganze Auferstehung! Nicht dafür, daß Jeder wieder seine vorher so beglückten Leute wieder so wie bisher beglücken soll; denn das kann ein Kind begreifen: das Volk steht nicht begeistert auf für Andere, sondern für sich, von einer großen Ahnung voll: das große gemeinsame Vaterland soll leben und dastehn, nicht Heinze oder Kunze, die als Sterbliche doch bald umfallen. Für Heinzen und Kunzen opfert es also scheinbar auch sein Blut; deutlicher aber schon: um die Schande los zu werden, daß es ein fremder Tyrann nach seinem eignen Gefallen beherrscht. Und Deutschland wird durch seinen Sturz sich emporrichten; den ihm Niemand abgewehrt, den im Gegentheil ihm Viele lange herbeigeführt haben durch Habsucht und Uneinigkeit; und Deutschland wird durch seine Erniedrigung erhöhet werden, wozu ihm nur Gott der Herr hilft. Und das weiß das Volk — und Gott! Und das Volk wird siegen mit Gott!“
Jetzt erdonnerten hundert Kanonenschüsse rund um die Stadt, aus feurigen freudigen Schlünden, wie Triumphhall; die deutsche Erde bebte, und die deutschen Augen weinten auf dem Berge. Aber Adam setzte sich traurig nieder, sahe auf Mainz hin und weinte auch, aber ingrimmig; und der Mann schien eine feurige Flamme, die aus der Erde gefahren, und aus der Flamme sprach es: „Ja, jubele nur Du unschuldige Stadt, Neu-Bethlehem, Du Stadt des Unheils der unschuldigen Kinder, um das Wort der Weisen zu Schanden zu machen: daß die Erlösung nun da sei und das Licht geboren! In Dir wird man hören aus thörigen Kindern, was — die Erde will, und um dieser Kinder willen wird man ein Netz über alle Lande legen, ein eisernes Netz, das zehntausend Millionen Goldstücke kosten wird, und in einer Sommernacht zerreissen wird wie von Spinnenfäden, und dann keinen Kreuzer mehr werth sein wird, wie ein zerrissenes Kreuzspinnennetz! Denn die Kreuzspinnen werden es spinnen, und eine große Kreuzspinne mitten darin still sitzen und Spinnen brüten, und hineilen, wo nur ein Fädchen sich lösen möchte. Aber das Netz hat der Spinne letzte Lebenskraft gekostet; sie kann es nicht wieder verschlingen, nicht mehr verdauen, um es neu zu weben, so lange der Himmel bleibt.“ —
Da erscholl mit erschütternder Wirkung vom Thurme des Domes Posaunenhall durch die Nacht, und himmlische Luft trug unter den heiligen Sternen und über der heiligen Erde die Worte her: „Herr Gott, Dich loben wir!“ — „Herr Gott, wir danken Dir!“ —
„Er hat schon geholfen!“ schrach der Leineweber. „Mir ist, als spielte ich das Lied mit meinem Basse mit, und striche furchtbar dazu, daß es die adligen vornehmen Todten in den Grüften beim Altare hörten, und die gemeinen Bauern-Todten draußen in schlechter Erde auf dem Gottesacker! Blaset nicht mehr! Ich halte es nicht aus — ohne meine Baßgeige! Hört auf, ihr Menschen!“
Und gleich auf der Stelle trifft das ein, was Ihr voraussagt, Herr! sagte Christel. „Das Netz soll zerreißen“ — und gleich danken sie Gott dafür in Mainz!
„Nicht nur in Mainz, meine Christel!“ sprach Johannes. „Aber besinne Dich nur! Denn Du vermischest seine wahre Rede mit ihrer falschen Freude; — eigentlich posaunen sie Unsinn! Sie sind nur zum Narren gehabt!“
„Aber nicht Narren! — Hilf Deinem Volke, wirklicher, nicht nur sogenannter Herr und Gott! Das trifft gewißlich ein;“ meinte der Leinweber.
„Alles Gute trifft ein. Denn das Gute ist Gott! Und Gott ist nicht todt zu machen, und Gott bleibt nicht aus! Er ist immer da und nah! Gebt acht!“ — sagte Adam Müller. —
Und eine ungeheure Nachteule, groß wie der Vultur papa, oder auf Deutsch: der Papst der Geier, rauschte niedrig am Boden vor ihnen vorüber, und krächzte schauerlich-furchtbar und furchtsam wieder heran. Denn sie war geblendet, und wahrscheinlich aus dem alten, dunkelrothen Dome der Stadt verblasen und verschossen worden. Sie setzte sich nahe vor ihnen hin; ihre Augen funkelten; ihre Federn standen ihr zu Berge; sie war aufgehuschert, wie zum Schlafe. Und Peter, der Hund, der ihnen nachgekommen war, stürzte sich auf sie, und zerfederte sie; aber die Eule klammerte sich über seinem Maule fest, und hackte nach seinen Augen; und der Hund heulte, von ihren Krallen zerkratzt, durch die Zähne; schnaufte, boll dumpf, wälzte sich, biß sie endlich todt, und schüttelte das schändliche Schloß mit Schmerzen und Qual vom Munde, und kam dann blutend und doch fröhlich zu den Menschen.
Allen war grauenvoll zu Muth.
Ist das auch ein Zeichen heut in der Neujahrsnacht? frug Christel.
„Die Natur verstehe ich nicht auszulegen;“ erwiederte der Prophet, „ich sehe nur Gesichte. Aber etwas Aehnliches kann kommen. Denn das deutsche Volk nimmt jetzt einen ungeheuren Anlauf zum Hohen und Großen, wie nie zuvor; und unfehlbar auf immer; und wenn es Eines wird in Sinn und Geist, würde es furchtbar allen Blinden und Taubstummen — wenn es nicht ein treuer Hund wäre, der eher wacht und schützt, als raubt und verschlingt, wie ein Wolf. Deswegen werden die vergrößerungssüchtigen, falschen — Türken seinen Herren falsche Angst machen; daß der Hund nun ein Ungeheuer werden könnte, und bitten und rathen, und befehlen, daß ihm ein Schloß vor den Mund gelegt werde, damit er nicht . . . reden lerne wie Bileams Esel, und kaum klagen könne seine Nothdurft, aber nur dumpf, aber nicht bellen noch beißen — das treue arme gute Thier! Seht nur, wie Peter blutet! heißt er nicht so? Denn was jetzt geschehen wird, das kann ein Kind begreifen . . . aber in den dreißiger Jahren, wenn der Komet kommen wird . . . da wird die Erde Angstschweiß schwitzen, wie ein Roß vor dem Kameel! Und wie die Fliegen, die auf dem Rosse sitzen, von dem Angstschweiß sterben; so werden die Menschen, die Fliegen und Würmer der Erde — sterben. Denn heut ist es ein Jahr, da klopfte es um Mitternacht an mein Fenster. Ich horchte; aber ich las still fort in den großen Propheten. Da klopfte es wieder. Ich sah hin — es schwieg — ich las fort. Aber — ich weiß nicht auf welche Weise, ich schlich leise zur Hausthür, und harrte. Und als es zum dritten Mal pochte, riß ich die Thüre auf, um zu sehen, wer . . . doch ich sah — laßt mich schweigen — ich sah Jemand in einem weißen langen Gewande, weiß, wie der Schnee . . und es blickte mich an mit hohlen Augen . . . und es winkte mir fort — und als ob ich von ihm an einer Kette geführt würde, mußte ich folgen, und wir schritten durch das mondhelle todtenstille Dorf auf den mondhellen todtenstillen Gottesacker — — und die Pforten der Kirche standen offen, und es zog mich hinein, und die Pforten fielen hinter uns zu, und die Schlösser verriegelten sich — die Gestalt deutete nach dem Altar, und versank vor meinen Füßen in die Steine des Bodens, wie Wasser zerrinnt; und ich stand allein in der mondhellen todtenstillen Kirche. Aber sie war heller als von einem bloßen Monde, und so still, daß ich das Blut vor meinen Ohren sausen hörte, wie Rauschen des Meeres. Und aus Furcht schritt ich zu dem Altar hin, wo es heller war, und die Gestalten von Engeln wenigstens aus Stein gehauen um mich waren. Aber da kamen vor meinen Augen — wie drei goldene Kähne still aus einem Wasser tauchen — drei Särge aus dem Boden herauf, und an jedem stand eine Jahrzahl, wie von einem inwendigen Feuer glühend und licht. Und mich zog es wider meinen Willen hinzu, und ich mußte den Deckel des ersten Sarges abheben — und der Sarg war voll von warmem noch dampfendem Menschenblut — aber das Blut schrie leis und unaussprechlich bang zum Himmel, wie ein neugebornes Kind schreit in seinen Windeln. Das Blut aber wimmerte in drei Sprachen zum Himmel . . . und nannte drei Namen, und rief über jeden Namen dreimal Wehe! — und die Engel neben mir riefen: „Wehe!“ — Und ich konnte es nicht ertragen. Und um Grausen mit Grausen zu vertilgen, riß ich den Deckel vom zweiten Sarge . . . und ich sah . . . er lag voll Menschengebeine . . . und die Gebeine regten sich und klapperten, und dürre Hände falteten sich wie zu beten, und wollten sich aufstellen und konnten nicht, und fielen immer wieder in die Asche zusammen, wie Kartenhäuser den Kindern . . . . Und der tiefste Ton in der Orgel fing an zu sausen und mit dem Tremulanten zu zittern, daß die steinernen Glieder der Engel zitterten und klapperten; und die Steine der Kirche zitterten und klapperten mit, und die Fenster klirrten; der Mond von draußen und das Licht von drinnen erlosch, und ich stand in schwarzer Nacht. Und vom Orgelchor sang eine einsame Stimme eines Knaben — vom Tremulanten in einem Tone begleitet, die Worte: „Und dann, wenn kein Elend mehr laut genug ächzen kann, dann wird ein Schaafsterben kommen und die Hirten erschrecken. Endlich muß Jeder dadurch einsehen: „Jeder sorgt zugleich für sich am besten, wenn er für die Andern sorgt: für die Armen, die Hungernden und Nackten, und die zugleich arm, hungernd und nackt sind! Endlich soll nach den sechstausend Jahren seit der Schöpfung im Paradiese, Gottes Ebenbild und alle seine tausend kleine Bilder, nicht mehr tausendmal schlechter sein als das Vieh, das sein Fell — seine Kleidung, sein Gras — seine Nahrung hat für den Leib. Denn selbst das Vieh bleibt nur gesund und giebt Nutz, wenn es sein Futter bekommt zu rechter Zeit. Aber demüthig, ohne Fell und ohne Futter stehen noch Millionen Kinder Gottes und beten: „O Pest! Stecke nicht durch uns die Reichen an, sondern eröffne die Augen derer, die Zungen haben, daß der ungerechte Ueberfluß aufhört, und die überflüssigen Rechte, daß nicht länger Unbarmherzigkeit sei auf Erden! Darum soll dein Name, o Menschenvertilgerin, genannt werden: „Die endlich barmherzige Mutter der Menschheit!“ — Da erklang ein ungeheurer Lärm von lauter verstimmten Instrumenten, Geigen und Bässen, Fagotten und Hörnern und Trompeten und Pauken; die Orgel aber spielte noch obendarein einen halben Ton tiefer dazu, und ein Gelächter erscholl, wie von hundert brüllenden Löwen. Ich sah mich um, und alle Orgelpfeifen waren gleissende dicke Schlangen und hatten Teufelsköpfe, und die Köpfe lachten alle; und eine große Schlange zischte und gebot dem Gelächter Stille, und die Stimme sprach dann herab: Niemand ist barmherzig als Gott! Kein Teufel läßt einen Kreuzer aus seinem Sacke Gold fahren; kein Gewaltiger läßt ein Haar nach von seinen geerbten Rechten, als höchstens gezwungen ein Paar, um die übrigen sich zu erhalten! Niemand ist barmherzig als Gott! Kein Teufel!“ — Und die Köpfe verfielen wieder in ihr Gelächter, und lachten sie aus die Barmherzigkeit der Menschen. — Und wie mir da grauenvoll zu Muthe war — siehe da springen die Pforten der Kirche auf, und blendendes Licht bricht herein; und die Halle bricht oben aus einander, und die Gewölbe und das Schiff der Kirche bersten oben auseinander, und als wären die Mauern und Pfeiler und Säulen von blauem Weihrauchduft, werden sie lichter und lichter, durchsichtig und leicht, und duften nach und nach hinweg; und der tiefe blaue Himmel ist droben und drunten und um mich. Und ein Stern, groß wie zwölf Scheiben des Mondes, und weiß wie Schlehenblüthe, nahet da langsam wie ein Mensch, kommt herein in den Raum, und ich weiche vor ihm bis an den Altar, und er nahet und bleibt ruhig schwebend, wie die Sonne am Untergange anschaubar stehen vor den drei Särgen. Und der Stern war — ein großes himmlisch-schönes Antlitz, und es blickte mit thränenfeuchten Augen auf die Gebeine im zweiten Sarge, und das Blut aus dem ersten Sarge sprach wieder, aber leise: Das ist das leidende Gesicht der Menschheit! Sieh es an! — Und ich schaute es nun getroster an, und das Blut sprach: Siehst Du das leidende Gesicht der Menschheit von solchem Nebel umblasen, daß es wie blind ist und nicht gern die Augen aufmacht, weil ihm die Augen übergehen! Verwegene Buben haben ihm Nießwurz unter die Nase gestrichen, und es muß niesen, und schlägt mit dem Kinn auf das vor ihm zugemachte in Eisen eingebundene harte Buch, worin es gern lesen möchte . . . die Weltgeschichte. Das Haupt ist wie ein Engelshaupt, ohne Leib, ohne Hände und Füße, und rückt nur höher wie die Sonne; aber in tausend Jahren nur eine Spanne hoch, und sieht noch kaum die Erde vor Nebel und Glanz. Aber ach, es hat auch nicht Flügel wie Engel, und es muß auf Erden bleiben, es mag ihm gehen wie es will. Andere Dämonen wollten ihm die Augenlieder abschneiden, wie griechisch-gläubige Kaiser ihrem Vorgänger, damit es niemals schlafen könne, sondern nur, unschädlich, in einem irrigen Traume dahin starre! Sieh nur; das kindlich fromme Gesicht hat Wunden über und über aus tausend Kriegen, und Pestspuren, und sieht hungersatt, arbeitsmatt und kummervoll aus, und trägt einen Ausdruck in seinen götterschönen Zügen, der selbst dem härtesten Menschen das Herz im Leibe erweichen müßte, wenn er eins hätte — und ihm das leidende Gesicht der Menschheit einmal erschiene. Du aber bist gewürdigt worden es zu sehen, und sage es nur, sage nur die Wahrheit: das erbarmungswürdigste, ehrwürdigste, leidendste und doch das schönste, was es geben kann, ist das leidende Gesicht der Menschheit! — — Ich selbst nun wollte ihm einen frommen Trostspruch aus Gotteswort in das Ohr rufen — aber das Ohr war taub! und ich hatte zu viel Ehrfurcht, um zu schreien; aber das Haupt neigte sich, wie ein stillwahnsinniges Kind, und seine frommen großen milden Augen sahen freundlich auf mich; über das Antlitz flog einmal — ein trauriges Lächeln, und die schönen Lippen zuckten, als wollten sie sprechen. Aber es bedeckte seine Augen wie blaue Glockenblumen, mit den schöngewölbten, langbewimperten Augenliedern — und schwieg. Und ich rief außer mir: „Geduld, Geduld, wenn’s Herz auch bricht; mit Gott im Himmel hadre nicht!“ und es war, als hätte das Haupt sein Herz in der Erde, und das Herz desselben schlug laut unter mir, und hämmerte wie ein tiefes unterirdisches Werk in stiller weithörender Nacht. — Und der Chorknabe stand jetzt drunten neben mir in himmelblauem Gewande und frug, und Thränen rannen ihm dabei über seine reinen Wangen, er frug: „Ist es möglich, giebt es wohl so harte selbstsüchtige Herzen, dies Himmelsantlitz so tief zu kränken! Ist es möglich, ihm nicht alles Liebe und Holde zu thun, ihm selbst sein Herz zu opfern — nicht wie dem Abgott Fitzliputzli — denn das Antlitz ist Gottes Ebenbild und Gottes des Sohnes Ebenbild — und was ihr ihm thut, das habt ihr ihm gethan — oder ihm „nicht“ gethan. Aber hast Du Muth zu sterben und nur eine Viertelstunde todt zu sein (wenn Du, der schändlichen Welt entrissen, nicht immer unter den Seligen bleiben willst), so will ich Dich schauen lassen, welche Strafen und Qualen alle die leiden, die diesen Himmelsaugen nur eine Thräne ausgepreßt, über die das in der Erde schlagende Herz nur einmal verborgen geseufzet!“ — Und er sank hin vor meinen Augen und starb und war todt — und eine geheimnißvolle innere Macht hielt mein Herz an, wie eine Uhr, nahm den Hauch aus meiner Brust und schloß mir leicht und süß die Augen zu, und ich war gestorben und todt — aber ich wunderte mich, daß ich noch lebte, als der Knabe mir an einem fremden Orte leuchtend entgegentrat, daß ich sah; aber Alles klarer, so daß ich zugleich es einsah; und daß ich hörte, aber aus ungemessenen Fernen, und doch Alles deutlich unterscheidbar und unterschieden. Und wir standen auf einem Berge, mitten in grüner, großer Ebene, groß, wie dem Schiffer die offenbare See um ihn her; doch die Ebene schien wie die Erde voll Saatfelder, Bäche, Flüsse mit Bäumen besäumt, mit Hügeln und Felsen und wunderlichen Gebäuden und altem Gemäuer besetzt, und sonderbare Gestalten regten sich emsig im ganzen Gefilde. In der Mitte desselben stand ein riesengroßer Kandelaber, und erleuchtete den ganzen Raum mit hellem Purpurlicht; denn keine Sonne, kein Mond und kein Stern war hier zu sehen; denn diese hatten noch alle ihre göttliche Arbeit in der lebendigen Welt. Auf dem Kandelaber aber stand als rubinrothe Lampe — ein Menschenherz. Es war durchsichtig, und man sah das Blut in den Adern desselben umlaufen, und zu den Ohren des Herzens lüfteten sich von Zeit zu Zeit lichte Flämmchen heraus, wie wenn man Stahl in Lebensluft verbrennt; und in dem Kandelaber liefen Röhren, wie Adern, hinauf, die dem leuchtenden Menschenherzen sein Oel — das vergossene Blut aus der Erde überall zusammensaugten und heraufführten. Wärme aber gab ein ungeheures Felsenthor in einem Gebirge zur Seite, worin man Flammen brennen sah — „das Feuer, das bereitet ist vom Anbeginn“ — sagte mein Führer. Am Himmel waren keine Wolken zu sehen, nur reine azurne Wand, aber in den vier Himmelsgegenden: vier himmelhohe Bilder, nicht gemalt, sondern nur in Umrissen, ausgelegt mit buntschimmernden falschen Edelsteinen. Ein Anblick, wie ihn selbst so groß und erstaunend der gestirnte Himmel nicht zeigt, der dagegen nur aussieht, wie eine — blaue Wiese, oder eine blaue Höhe mit gelben Schmergelblumen. Aber hier war Arbeit! Gegen Morgen ragte das Bild der Herrschsucht empor, und die Gestalt hatte ein Kind mit einer eisernen Spindel statt des Rückgrates auf ihren Armen — den Stolz, der eine barbarische verachtende Unterlippe hatte, an welcher drei schwere Ordenskreuze hingen. Gegen Mittag aber stand die Habsucht, mager und lauschend, mit gierig umhergreifenden Händen wie Polypen, die jappend und schnappend im Leeren sich selber faßten und ansaugten und fraßen; weil der Himmel umher, wie eine Wand mit Eisenspitzen bewaffnet war, daß sie sich blutig ritzten. Gegen Norden aber stand die Furcht, wie auf dem Sprunge zu entfliehen, aber zu schwer gepanzert, als daß sie entfliehen konnte; und sie trug an ihrem Gürtel viele Arten Waffen. Ihr Mund aber war mit Schlangenzähnen besetzt, und statt des Herzens, sah man durch die Gestalt — trug sie einen grünen Beutel voll Scorpionen, und auf dem Beutel stand: „Das böse Gewissen.“ Gegen Abend aber stand die Religion, aber sonderbarer Weise nur als ein großer Deckmantel abgebildet, mit wunderlichen Zeichen, Mützen, Ketten, Bullen und Bullenbeißern und Fackeln farbig gestickt. Wie eine große Gallerie aber lief, über den Köpfen der vier Riesenbilder, horizontal unter der Kuppel des Himmels umher, ein breiter schwefelgelber Streif mit einer schwarzen Umschrift, die aber nicht still harrte, wie eine andere Schrift, bis sie Jemand läse; sondern sie rief immerfort selbst ihre eigenen Worte laut umher aus: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land. Denn, sagte mein Engel: Gott hat zwar gesagt im neunten Gebot: Du — also Jedermann, wer es sei, denn Gott redet jeden Erdenwurm aus Machtvollkommenheit mit „Du“ an: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus; und im zehnten Gebote hat er gesagt: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder Alles, was sein ist. Aber weil der gute Vater der Menschen nicht erst die Vermessenheit eines sterblichen Sünders für möglich gehalten, daß Einer hunderttausend Häuser, nebst Millionen Weibern, Millionen Knechten, Mägden, unzählbares Schaaf- auch Rindvieh und Alles, was ihr ist, begehren, ja sogar nehmen, ja sogar behalten würde; darum steht nun hier deutlich ausgedrückt: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land! Auch hatte er jene Gebote nur mit dem Finger auf stumme Steine geschrieben; darum spricht sich nun sein erläutertes Gebot ohne Rast und Ruhe Tag und Nacht, wie von Gott gerufen, selbst ganz laut aus, und Niemand kann die göttliche Stimme hemmen oder zum Schweigen bringen, noch in sich und in Andern betäuben; denn sie übertönt Alles, und nach ihr wird an jenem großen Tage ein Jeder unerbittlich gerichtet werden. Denn wie soll der gerechte, ja der barmherzige Gott Jemandem seine tausend Pfund, oder so etwas Heiliges wie sein Weib und seine Kinder, seinen Vater und seine Mutter wiedergeben, und die Seligkeit dazu, wenn ein Mensch so etwas Sorgenvolles und kurz Besessenes wie ein Land, seinem Nächsten auf Erden nicht wiedergegeben? Die zehn Pfund! — Mitten in dem Aetherdome aber hing ein erstaunend und furchtbar großes Kreuz, ganz einsam und allein, an einer langen, langen Wurzel des Lebensbaumes herab; doch Christus hing nicht an dem Kreuze, sondern es war nur verhüllt und umwunden mit schwarzem Trauerflor, und statt der Inschrift: I. N. R. I., an der Stelle wo sein Haupt für die Menschheit gestorben, glühten rubinroth die Worte: Bis heute vergebens! Aber sie riefen sich nicht selber laut aus über die Welt, wie des Gebotes Erfüllung: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land, sondern sie schwiegen unbeschreiblich wehmüthig anzublicken, und weinten immerfort, wie ein still rinnender lebendiger Quell in Tropfen herab, die verblinkten wie Thau und verdufteten wie Himmelsthau. Hoch droben aber, über dem Kreuze hing im Schlusse der Kuppel des Alles umfangenden Aetherdomes die große Posaune zum Weltgericht an Spinnenfäden; und ein Engel schwebte Wache um sie, mit einem silbernen Mundstück in der immer bereiten Hand. — Gerade unter dem trauerumflorten gewaltigen Kreuze aber war ein Chor erbaut, auf welchem sechshundert auf Erden ermordete Tyrannen und Herrscher, in Bärenhäute gekleidet, saßen, mit ihren Weibern und Kindern und Brüdern und Schwestern und Vätern und Müttern. Und ich hörte sie singen, und frug; und der Engel antwortete mir: Höre nur, wie befangen, widerwillig und immer trotzig sie singen; denn sie singen die Marseiller Hymne immer durch, und vom Ende wieder zum Anfang in einem ewigen da Capo, bis der, wie ein feuriger Stahl und Strahl auf die Erde gefallene Gesang, dessen gleichen seit Paulus Worten nicht erscheinen, und seit welchem für die Menschheit das neue Reich anhebt, bis er in ihr Haupt gestiegen, und wo möglich in ihr Herz, damit ihre Seelen nicht verloren gehen. Denn das will der große Vater nicht! Sie singen ihn aber zugleich zur Ermunterung der Millionen Arbeiter in diesem großen Fabrikgefilde. Denn siehe, für alle Verbrechen muß erst Wiederersatz geleistet werden; und das konnten sie Alle nicht im Leben, im immer gedrängtvollen, breit mit Werken besetzten Hause der Menschen; darum müssen sie Schadenersatz und Genugthuung leisten im Tode. Und hier in diesen Räumen — dem Orte des Wiederersatzes — hier ist unendlicher unbehinderter Raum dazu, und unendliche unbehinderte Zeit. — Denn ehe nicht Jeder und Alle: Jedes und Alles wieder in den Stand gebracht, in welchem es war, ehe er es verdorben, verwüstet oder zerstört, ehe kann ja nicht das Weltgericht beginnen, wo erst die Sünde jeder That gewogen und vergolten wird! Hier also ist die bloße Vorbereitung zum Weltgericht, zum Gericht der Seelen, wo Herz und Nieren geprüft werden. Und der Engel rief einen alten Griechen, der Gesanglehrer bei dieser Singacademie war, und frug: Dionysius! Wer kann die Hymne? — Sie singen und brummen alle die Weise, die wir wissen: Du einem Menschen eingegeben hast; aber . . . aber . . . ich will fragen! und nun frug er: — He! Cäsar! — Und mit Mühe und Noth sang Cäsar — der vor Lange unsern Calender verbessert — den ersten Vers:*) „Sei uns gegrüßt du holde Freiheit! Zu dir ertönt froh der Gesang! Du zerschlägst das Joch der Bezwinger, Du erhebst zu Tugend und Heil. Uns zu erneu’n kehrst Du vom Himmel, längst deinen Geweihten ersehnt. Was hemmt ihr Bezwinger, noch in verschworener Wuth die Erneuung? Mit Waffen in den Kampf! für Freiheit und Recht!“ — und Alle fielen ein: „Wir nah’n, wir nah’n! Beb’ Miethlingsschwarm, entfliehe und stirb!“ — — „Ja die Chorworte wissen sie Alle!“ sprach Dionysius lächelnd. „Aber, Richard der Dritte! wie heißt der zweite Vers?“ — Und Richard wußte den Anfang nicht, und stammelte die zweite Hälfte. „Ihr, die zum Vieh Menschen entwürdigt, Unmenschen, ihr trotzt noch jetzt? Ihr straft, wo ein Gedank’ ertönt, und erzwingt fühllosen Gehorsam . . .“ „Und der sechste Vers . . . Landvoigt Geßler! wie lautet der?“ — Und Geßler stand auf wie ein großer Schulknabe und brummte: „Und es erträgt zahllose Heere, die wie der Feind lasten und drohen, nur genährt zum Dienste der Willkür, dem Gewerb’ und Pfluge geraubt! Und es erträgt Kriege des Throns, Arglisten und Launen ein Spiel! und Jammer!“ — — — Da erscholl eine dumpfe gesprungene eiserne Glocke, und läutete Mittag; und plötzliche Ruhe und tiefes Schweigen ward überall. Vom Himmel aber regnete es Mannakörner, aber nicht zur Speise, nur statt derselben. Denn ich kostete ein Korn, und es war bitter mit Galle gewürzt — damit die Genugthuenden immerwährend nur einen bittern Geschmack im Munde hätten, wie mein Führer sagte; und Becher mit Thränen gefüllt, welche Menschen einst über sie geweint, gingen herum; aber nur die sonst am durstigsten Gewesenen, setzten sie kaum an die Lippen, und gaben sie weiter. Und während die Ersatzleistenden von ihrer Arbeit feierten, ging ich in ihren Werkstätten umher, und sah und besah, was sie geleistet oder noch zu leisten hatten; und ich erstaunte und sah vor Verwunderung empor — da zog am Himmel sich ein Augenlied von einem Auge weg, das ich nicht bemerkt hatte, und ein Donnerschlag erklang durch das ganze Gefild. Und mein Führer sprach: „Entsetze Dich nicht! Lilith, des Teufels Großmutter, schlägt ihr Wächterauge auf, um zu sehen, ob die Genugthuenden diesen halben Tag genug gethan? Denn ein teuflisches Weib sieht am meisten, und sieht am eh’sten, was fehlt; denn sie weiß am besten, was sie selber unterlassen und verbrechen würde. Darum ist sie die Wächterin, und so oft sie ihr Auge aufthut, fällt ein Donnerschlag, und die Trägen erschrecken und fallen mit Hast auf ihr Werk. Aber hörst Du? Sie lacht! Hohngelächter! Denn Nichts ist vollendet. Und Alles ist schwer zu thun, aber Ersatz zu leisten am schwersten.“ Und das sah ich nun selbst. Denn nicht weit von uns stand die unbeschreiblich schöne Charlotte Corday; vor ihr lag der todte frischerhaltene Marat mit noch bluttriefender Brust, und sie sollte die Wunde des Dolches heilen; um sie standen alle köstlichen Salben, lagen Geräthe und Binden — aber sie saß nur, das Werk bedenkend, in tieferem Schweigen, und düsterer Verdruß stand auf ihrem schönen ängstlichen Gesicht. Weiterhin stand Napoleon und hatte dem erschossenen Palm die Kugel aus dem Herzen gezogen, und hoffte ihn wieder lebendig zu seiner Wittwe und seinen Kindern nach Erlangen zuschicken. Und ich sprach verwundert: Napoleon lebt ja noch auf der Erde, und er steht doch auch schon hier unten und leistet Ersatz! — Ja, sprach mein Führer: „Der Leib ist nicht der Mensch, sondern seine Seele, sein Wille. Der Mensch besteht aus so vielen Thaten als er gethan hat, guten und bösen — und mit jeder That stirbt er einmal und stellt sich fest in ihren Reichen, in dem seligen oder dem unseligen Werke; und so siehst Du Napoleon dort eben wieder; aber einen andern seines Gepräges — wie er dreimal hundert tausend Franzosen, die erfroren sind, durch seinen Trotz und sein blindes Gottvertrauen auf linden Winter, wieder durch Schnee, oder durch was er sonst meint und dazu begehrt, lebendig machen soll, und so, daß Keinem mehr eine Zehe schmerzt, oder eine Nase roth wird, wenn Nordwind streicht. Eher kommt er nicht von hinnen. Und dort steht noch ein Napoleon, der den Schill in der heiligen Arbeit hat. Denn jeder Mensch muß selbst das entgelten, was er Andern befohlen hat, die gehorchen mußten; und die da schlechte unmenschliche Befehle vollzogen, müssen eben noch selbst auch dasselbe entgelten; denn dort arbeiten noch zehn Andere an dem Herzog von Enghien, die ihn erschossen haben, und jeder Einzelne hat seinen eigenen Herzog vor sich und für sich. Darum siehst Du auch hier im Gefilde so wenige Könige und Fürsten; meist nur die erbärmlichen Handlanger, Rathgeber und heimlichen Regenten der Leidenschaften und Leiden der Regierenden: — ihre Frauen, Geliebte, Leibärzte, Kammerhusaren, Beichtväter, ja oft auch nur ihren Koch oder Hofnarren in mannigfach angezogener Person. Denn die Fürsten sind gut, und thäten gewiß lauter Königliches, wenn sie lauter edle Könige zu Freunden hätten, nicht unzähliges Volk dazu wählen müßten, das sich in Respect vor ihnen verhüllt, wie in eine Nebelkappe, so daß sie nie einen Menschen sehen; denn ein ächter Mensch ist wahr und frei, weil er gut ist, und gut, weil er frei ist, und nur das Gute, die Freiheit will und die Wahrheit.“ — Und so erstaunt’ ich nicht mehr so stark, als ich eine verwüstete und verbrannte Stadt sah, die ich an ihrem schönen Dome als Magdeburg erkannte, und keine Seele war darin — als Tilly, der Mutter-Seelen allein eine Kirche wieder aufbaute, die er zerstört. In den einigen Jahrhunderten hatte er nun Ziegel gestrichen, Grund gegraben, und war fast mit dem Sockel heraus; aber indem er hier mauerte, war dort ein Theil vom Wetter schon wieder verwaschen und aufgelöset — und er sah mich wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Eben so gewahrte ich Suwarow im Hemde arbeitend, wie er Warschau wieder baute — und ich sah ihn auch wieder vor einer dabei liegenden Festung — Ismael — wo er dreißigtausend Menschen wieder Athem einblasen sollte. „So geht’s dem treuen Diener der Mutter!“ sprach er; einem Throne dienen, und Gott, oder nur den schofeln Menschen, ist ein Unterschied wie Suwarow oben und Suwarow drunten! Und er sah mich wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Weiterhin aber gewahrte ich wahre Kriegsräthe, die unübersehbares Elend gut zu machen hatten hier unten, ob es gleich Gott der Herr wieder droben gut gemacht, so weit das selbst der Allmacht möglich ist in der Zeit. Sie fingen aber ihr Werk gründlicher an, als Charlotte Corday mit Marat — sie studirten die Natur, und Einzelne versuchten Einzelnes nachzumachen, Diese: Augen; Andere: Adern und Nerven, wozu ihnen alle Zuthat unentgeldlich geliefert ward. Aber Manche saßen schon Jahrtausende und sahen ganz schimmlig und ganz zerdacht aus, und waren noch nicht mit der Bildung eines Auges zu Stande gekommen, das nicht sah! geschweige mit einem Ohre, das nicht hörte! Andere hatten zwar Zungen fertig liegen, aber sie schmeckten nichts; denn es fehlte der Jemand, der Geist dazu, den sie aus dem Tode nicht wieder in den beinahe vollendeten künstlichen Leib herauf beschwören noch beten konnten, und studirten nun: erst nur einen Geist zu machen. Kurz, ihre Arbeit war schwer, und mehrere, selbst alte deutsche Minister und Kriegsräthe hatten siebzig bis achtzig tausend Menschen herzustellen, die Pferde und Ochsen ungerechnet — die sie nachher machen wollten, oder sich an ihre Stelle gestellen; und zum Trocknen der Thränen und Aufwaschen des Blutes wollten sie sich Weiberkleider anziehen, wenn sie bis zu der letzten Arbeit gelangt wären. Einige theuer bezahlte Engländer aber bauten türkische Flotten in griechischen Häfen, und waren fast damit — bis auf die Türken selber — fertig, und fluchten ein God dam nach dem andern, daß ich entsetzt mich entfernte. — „Du wunderst Dich, über diese unerlassenen Wiederherstellungen,“ sprach mein Begleiter. „Und eure Könige fordern für einen elenden Hirsch oder einen jämmerlichen Hasen erschrecklichen Ersatz und Strafen, wenn Jemand eines dieser unvernünftigen Thiere in ihren Thiergärten gebürscht. Aber in Gottes Garten soll Alles frei stehen zu verwüsten und zu zerschlagen, selber der Mensch! Aber seid ihr nicht besser als viele Sperlinge? Und sind nicht alle eure Haare auf euren Häuptern gezählt, geschweige eure Adern und Gebeine, eure Thränen und Kinder! Du guter Narr! Und wisse: Auch Tyrannei, Gräuel und Mord darf kein Mensch tyrannisch, graunvoll und mörderisch wieder gut machen, noch Unrecht auf ungerechte Art. Glaube ja nicht, daß die Herrscher Alles thun, weder alles Gute noch alles Böse; sie thun in Wahrheit sehr wenig in dem großen Erdenleben, sondern bewachen das Volk bloß wie ein Nachtigallfreund die Ameisen, welche die Eier ihm dahin tragen, wo er ihnen ein Grübchen gemacht und mit Laub bedeckt. Das Volk thut Alles sich selbst, das Meiste aber durch sein Leiden, und alle eigene Hülfe soll bloß die sein, daß Alle besser werden, und wo möglich gut sind; dann fällt Unvernunft und Gewaltthat nimmer es an, wie keine Leichenwürmer und Asseln den Leichnam Christi, geschweige seinen lebendigen Leib, noch gar seinen verklärten, zu welchem die Menschen ja werden sollen!“ — Ich schwieg tief betroffen und überzeugt, ging beschämt von ihm — und sprach mit Andern aus verschiedenen Völkern; und Alle verstanden mich, und ich verstand Alle; denn hier galt der Sinn der Rede wie Blumenduft, und die Worte waren nur wie erschütterte Luft, die ihn fort- und hinführte. Aber auch hohle Gebilde sah ich reglos liegen, denn ihr Geist war jetzt — wo Nacht auf Erden war — hinauf geschwebt als Träume, damit sie ihre Söhne oder Freunde bewegten: das zu halten für sie, was sie einmal versprochen und nicht gehalten. Und ich rührte die entgeisterten Gebilde an, und sie zuckten wie Chrysaliden und ihr Gesicht war in blutigem Angstschweiß gebadet und sah unbeschreiblich flehentlich aus — so flehentlich wahrscheinlich, wie ihre Seele jetzt bat: ihr gegebenes heiliges Wort zu lösen! Und Grauen und Mitleid erfaßte mich um die Elenden — und ich sah mich selbst — meine eigene hohle Gestalt, die durch mein Nahen beseelt, wie rasend über mich herfiel, — und vor Schreck — erwachte ich . . . in der Kirche, und als ich zu mir gekommen war, faßte ich mir zum Troste meinen Begleiter an der Hand. Und als ich mich in dem leeren Raume umsah, sprach er: „Du wirst das leidende Gesicht der Menschheit wiedersehen . . im Kleinen abgedrückt auf allen Menschengesichtern in dieser Zeit; aber groß und erschütternd zu schauen, wird es selber lebendig wiederkommen am Himmel . . . und es wird der Komet sein! Der Komet, der in zwanzig Jahren erscheinen wird, um ihnen Frist zu lassen. Das Antlitz wird stumm fragen, tief in alle Augen und Herzen blicken, und Schrecken über alle Bösen und Säumigen bringen, Schrecken über Alle, die sich vor dem Volke fürchten mehr als vor Gott; die da aus Selbsterhaltung fürchten ihm Gutes zu thun und sein göttliches Recht und seine göttlichen Gaben ihm auszuhändigen, — als sei Gottes Ebenbild des Teufels Ebenbild, und die Menschen lauter Teufel! nicht: arme Kinder der Erde, leicht froh zu machen und durch eine kleine Gabe herzlich dankbar, und schwer weinend vor Schmerz und leicht schluchzend vor Freude! — Du aber verschweige nicht dies Gesicht; denn alle Engel Gottes schützen den mit übergewaltigen Händen, der selber schuldlos und arglos im Herzen, nur will: daß Keinem ein Uebles geschehe, selbst einem Wurme nicht, und der durch himmlische Gesichte und Gottes unfehlbare Gerichte die Zweifelnden warnt: nicht darein zu verfallen, sondern durch jede ihrer Thaten sich täglich hinauf in das selige Reich zu stellen und tausend Engel zu werden aus einem Menschen, und zu leuchten wie die Sterne; denn die Gerechten sollen leuchten wie die Sterne; aber diejenigen, die da wissen, daß die Gerechtigkeit nur göttliche Milde und feurige Liebe sei, und Liebe üben, die sollen leuchten wie die Sonnen — und Sonnen sein!
X.
Der redliche Mann hatte sich selbst ganz erweicht durch seine Worte. Die ganze Angst, die er für alle Andern in seinem reinen besorgten Herzen fühlte, stand sichtbar auf seinem glühenden Gesicht. Er trieb nach Hause, und dort griff er sogleich nach dem Stabe, um diese Nacht noch weiter zu gehn; Krieg, der ihn kannte, machte keine Einwendungen, sondern erklärte bloß: er selber bleibe da. Auch Christel bat nicht; sondern von seinen Bildern und Worten fromm ergriffen, segnete sie seinen Weg. Ihr war, als müsse seinem klaren Auge die Nacht helle sein und der Weg licht; die Steine müßten vor seinem Fuße wegrollen, und die Kinder aus den Dörfern kommen und seine Hände küssen, weil er es gar so wohl, gar so herzlich meinte — und sie küßte ihm selber die Hände zum Abschied, worüber er sie lächelnd ansah. — „Ihr wollt noch etwas wissen?“ frug er als Menschenkenner . . . „Was in dem dritten Sarge war? Meint Ihr, Goldstücke, die daraus emporflogen wie flügge Vögeleier, und die sich im Fluge verwandelten in bunte Spielsachen der großen und kleinen Kinder, in Pferde, Häuser, Kirchen, Schäfereien, kurz in die goldene Zeit! — Ja wohl. Aber nicht so. Es lagen darin die Urkunden der Nachwelt; Landkarten mit den neuen Grenzen; blutig unterstrichene Städte und Dörfer mit den zwei Schwertern dabei, zum Zeichen der bei denselben zu liefernden Schlacht. — Dann Volkslieder, und wie soll ich es ausdrücken: gedämpfte Kronen; mattgoldene Scepter mit Pergamentrollen umwunden, und kleine geschnitzte Modelle zu Thronen, alle mit eines gewissen Rousseau Bildniß in Brillanten. Dazu aber die Namen derer, die in fünfzig Jahren darauf sitzen werden; denn das kann ein Kind begreifen, daß alle jetzigen Daraufsitzer alsdann zu Staube sein werden, so herzhaft sie jetzt auch noch reiten, befehlen und unterschreiben. Wie es aber dann sein wird; und wie die von ihrem Anführer zehn Jahr angeführten oder betrogenen Franzosen dann im Geiste wiederkommen werden, also mächtig unschlagbar und gar nicht todt zu machen, und wie sie für ihre Erlösung dann dankbar sein werden, nämlich ein bloßes Licht, das will ich meinem lieben Vorkämpfer des deutschen Volkes getreulich, aber geheim berichten! Denn Wissen ist dem Guten gut!“ —
„Ach nein!“ sagte Christel, „das kümmert uns nicht, und Gott Vater auch nicht, denn der wird alles ohne Sorge und Mühe gewißlich thun; und wie Wecker sagt, weiß Er gewiß auch so viel von der heiligen Rechnenkunst: ob fünfzig Familien oder fünfzig Millionen Familien mehr sind; ich wollte nur wissen, wie es uns ergehen wird in dieser Zeit?“ — „Euch?“ frug der Prophet sich verwundernd, „Euch, meine liebe Frau Christel, und Eurem ganzen Hause wird es immer wohl, ganz wohl gehen! denn also seht Ihr mir aus! Wie der Mensch lebt, so geschieht ihm. Wie er ist, so ist ihm! Das kann ein Kind begreifen. Drum ist es mir auch immer wohl ergangen, und wird mir immer wohl gehn, so lange ich weiß — daß ich bin. Länger braucht es nicht. Lebt wohl!“
So ging der alte Mann allein fort in der Nacht, von einem innern Drange unaufhaltsam hingezogen. Krieg hatte nicht geglaubt, daß er ohne ihn, ohne Ausruhe, gleich wirklich jetzt um Mitternacht sich aufmachen werde, und er that ihm leid, schon als er hundert Schritt auf dem Wege nicht mehr zu sehen war. Er wollte ihm nachrufen, auf ihn zu warten; aber sein guter — Verstand hielt ihn davon ab. Und sie waren kaum hineingetreten, als sie hörten, daß doppelte Wache vor Haus- und Hofthür angestellt ward. Sie schliefen aber ruhig; bis am Morgen St. Etienne herüber kam und erstaunte und frug, wo der fremde Wahrsager sei? Er erfuhr die Wahrheit und sandte ihm Flüche nach, weil ein wenig Sauerteig von einem Narren, ein ganzes landgroßes Backfaß zu Narren machen könnte; wenn auch solche neue Mähren nur schädlich würden, wenn sie Jemand glaubte und wahr machen wollte! Oder wahr machte . . . was möglich sei — wie das Türkenthum oder die Peterskirche. Und der Unglücklichen wären jetzt sehr viel, und der Hoffenden noch mehr — und die wollten alle einen Kern in ihre hohlen Nüsse, und ein Bild in den leeren Rahmen ihres Gehirns. Und zum Beweise seiner Rede setzte er zornig hinzu: „Bei uns hat man Länder — das ganze große Reich — nach dem Spiel Karten einer Mamsell aus der Normandie regiert und wird nach ihren Karten verspielen, ja sterben! Nun, laßt ihn, laßt ihn laufen; wer weiß, wem er mit seinem Hirngespinnst die Augen blind macht, daß er die Zeit nicht sieht, und ihm ein Brett vor die Stirn hängt, das zehn Tischler nicht durchschroppen können — weil es unsichtbar ist! Ja das Herz kann er damit versteinern und Männer zu furchtsamen Hasen machen — laßt den Hasenfuß laufen! Doch zwei Husaren . . .“
Der Leinweber Krieg sprach aber beherzt den Vers darein: „Er ließ keinen Menschen ihnen Schaden thun, und strafte Könige um ihretwillen. Tastet meine Gesalbten nicht an, und thut meinen Propheten kein Leid!“ — St. Etienne aber sagte: „Weil Ihr unserer Frau Christel Pathe seid . . . versteht Ihr mich! . .“
Christel schwieg. Denn so geneigt sie ihr Herz dem unbekannten Bruder fühlte, so gefürchtet und widerlich waren ihr seine freundlichen Blicke, und seine zutraulichen Reden mit ihr; und ihr war nur freier zu Muth, wenn er zürnte und grob war, oder wenn er recht log oder großsprach; dann war dem guten Weibe das Herz leicht; denn an der Stelle der Neigung quoll dann das Blut feindselig in ihrem Herzen. Und mit ihm war ja das Unglück ins Haus gekommen. Mit ihm hatte sie das Zutrauen zur Welt und den Verlaß auf sich selbst verloren. Er war an allem Unglücke Schuld, oder hatte seine Hände dabei mit im Spiel, was ihren lieben Johannes betroffen, ja was der Großvater gethan hatte und deswegen jetzt noch litt. Und dennoch weinte sie im Geheimen nur über Alles — auch über den verhaßten Etienne! Als sie sich aber eines Abends Zeit genommen bei Licht zu spinnen, und er erst heimlich nur mit dem Schatten ihrer schönen, an der Wand sich bewegenden Haare gespielt; dann als er sich sogar geneigt und das liebliche schwarze Bild ihres sich auf den Faden neigenden Gesichtes geküßt hatte, worauf sie, wie aus Versehn, den Rocken angezündet, um eine halblächerliche und halbgefährliche Beschäftigung auf die Bahn zu bringen, um alle Fenster aufzumachen, ihn in dem Rauch und der Kälte stehen zu lassen, und selbst zu Johannes hinüber zu gehen oder zu flüchten; — als er angefangen von seinem Golde für den schweren Bedarf in ihrem Hause einzukaufen und mit zu sorgen; — — als er sie eines Morgens an den Stall geführt, die Thüre aufgestoßen, und ihr ihre beiden schönen Kühe wieder gezeigt, und als sie ihn darauf sogar an der Hand gehalten, oder sie gar gedrückt hatte, sie wußte das nicht gewiß, da sprach sie nur zu sich; „Ich weiß nicht wie mir ist! Aber Zeit ist es, daß . . . daß . . . .“ Und sie wußte nicht, was geschehen sollte oder möchte.
Darum war es ihr willkommen — ein gutes Werk zu thun, und in die Stadt zu Dorothea zu gehn, deren Namen nennen zu hören sie jedoch erschütterte, aber mit Muth: unter tausend Feinden, ja unter hunderttausend Freunden: Christel zu sein und zu bleiben. Paschalis schrieb ihr nämlich ein Blatt voll — „Hauszeitungen.“ Dorothea hatte einen Frauenverein gestiftet, die Verwundeten und Kranken zu pflegen. Sie hatte aber nicht nur Geld und Leinwand gegeben, wie viele Andere, sondern sich selbst als Pflegerin gestellt, vielleicht als Opfer. Doch mit eigensinniger Auswahl hatte sie nur solche Opfer ihres Vaterlandes übernommen, deren Wunden an Kopf oder Brust — Lanzenwunden, also wahrscheinlich Kosakenwunden waren. Jetzt lag sie an der mitgebrachten Krankheit darnieder, und begehrte herzlich nach Christel. Und wie die Tochter bat, flehte auch der Vater nach ihr — „nur auf kurze Zeit! Denn die Zeit der Kranken rinnt durch eine zerbrochene Sanduhr; ihr Leben ist Sand und ihr Leib ist Glas und der Mensch überhaupt nur Vexier — Erde — nur durch Einschmelzen in das ewige läuternde Feuer wieder aus Staube zu einem Gefäß zu blasen, und bleibt Blase, worin sich die Welt nur schimmernd spiegelt, hier die Erde oder dort die Sonne, der Himmel oder die Hölle!“ —
Der Brief war vom 20. Februar 1814. In der Nachschrift stand: „Kann ein Selbst- oder Andere-Beherrscher in ein gesundes feindliches Land pestbehaftete Soldaten schicken, oder kranke angesteckte Soldaten in alle gesunden Dörfer ihrer eigenen Heimath — nach Hause schicken; so darf ein Mensch, ein wahrer Vater wohl einmal die Pflegemutter seiner Tochter bitten: in ihrer letzten Krankheit zu ihr zu kommen. „Völkerrecht — Hausrecht!“ Ich habe gebeten, — das Kommen nun steht bei Euch. Ich sage Euch aber aufrichtig: Eure Kinder bitten: Ihr sollt nicht kommen! Daniel aber gesteht doch: der Großvater wundere sich, daß er Euch noch mit keinem Auge in seinem Kerker gesehen habe, und meine: er habe das verdient.“ —
Der Christel war der Sinn der Worte des Briefes zu hoch, und sie verstand nicht: durch dieselben das zerrissene Gemüth des Vaters zu sehen, der, um seine Leiden nicht ewig fühlen zu müssen, lieber gewünscht hätte — neu eingeschmolzen zu werden und überall — auch in der Sonne . . . . im Himmel . . . . oder in der Hölle schmelzbar oder zerbrechlich zu sein. Aber die Weiber werden von dem Unverständlichen oder Unverstandenen am tiefsten ergriffen, und leben und bewegen sich darum so sicher und froh in der Welt, weil sie ihre Gefühle und Gedanken ganz unbehindert hineinlegen können, und unbeschränkt darinnen verbreiten. Und so erschütterte der Brief ihre Seele. Die Nachschrift aber erinnerte sie an Anderer Grausamkeit; — an die guten, für sie fürchtenden Kinder; — an den Großvater, der seine Leiden meinte zu verdienen, indeß sie den durch ihn erlösten Johannes besaß und genoß; und so war sie weiblich wunderlich, grade entschieden, diesen ihren Johannes zu verlassen und grade zu den sie liebenden Kindern hinzueilen! Und ihr Herz war doppelt froh.
Die Ereignisse erleichterten ihr aber auch den Gang. Die Verbündeten hatten an demselben Tage Mainz berannt. Die Soldaten, die noch draußen auf den Dörfern sich genährt, und gesund erhalten hatten, waren alle, bis auf hundert Mann, aus Zahlbach fort, hineingezogen — und in ihrem Hause lag nur noch St. Etienne allein. Dagegen war nun der Leineweber Krieg bei Johannes, bei welchem er bleiben mußte: denn er war durch eine Vorpostenkette rund abgesperrt, und konnte nirgends hinaus nach der nahen Heimath. Die Feinde standen sogar in Britzenheim nur eine Viertelstunde von Zahlbach. Dieses ihres schönen freundlichen Dorfes Schicksal war voraus zu sehen, und Johannes trieb seine liebe Christel nicht allein zu dem Gange nach Mainz, sondern er bat sie auch dort zu bleiben. Denn die Einwohner von Zahlbach vergalten jetzt den braven Mainzern ihre tagtäglichen Spaziergänge zu ihnen heraus, die Sonntagsfeste und Morgen- und Abendbesuche unter ihren grünen Weinlauben, Kastanienbäumen und Wallnußbäumen, und flüchtete, jetzt ihr — Vieh in die Häuser der Stadt, ihre Habe und Gut, ja Weiber und Kinder; denn das Dorf war kein Dorf mehr, sondern nur eine Caserne. Die Clubbistenschanze stand mit Kanonen bespickt und mit Soldaten besetzt, deren Vorhut im Dorfe stand, das nun der Belagerungsschauplatz werden mußte. Und so hatte Christel nur eine Bitte: daß Johannes mit ihr in die sichere Festung Mainz käme! Er aber wollte sein Erbe nicht Preis geben, und Alles zu Grunde gehen lassen, ohne es so lange wie möglich geschützt — und dann seinen Untergang wenigstens selbst mit angesehen zu haben. Und so zeigte er jetzt den Muth des Landmanns, den Muth, den er seiner Christel unlängst mit kurzen aber wahren Worten versichert; und er wollte nicht sich selber, was sie besaßen, für sich bewahren, sondern eben für seine Christel und ihre Kinder. Und so gut er ihr war, so fest blieb er bei seinem Vorsatz, wenn er ihn auch nur in halblauten milden Worten mehr andeutete als vertheidigte. „Thut es Noth,“ sprach er, sie bei der Hand fassend, „dann bist Du bei mir, oder ich bei Dir — wie der Herr trifft. Denn die Soldaten laden und feuern nur los — auf Gottes Gnade und in Gottes blauen Himmel.“
Da nun auch ihr Pathe Leinweber Krieg dablieb, der als vieljähriger Wittwer sein Hauswesen und selbst Küche und Heerd und Töpfe zu seiner eigenen Zufriedenheit wohl bestellt, ja wie er sagte, sich sogar nie eine sogenannte Suppe versalzen habe, die — er nicht habe essen können oder müssen; so brachte Christel ihr Haus in enge, leicht übersehliche Ordnung, führte die beiden Männer in Stall, in Keller, in Hausgewölbe bedächtig und belehrend umher, und deckte alles auf, und wieder zu, damit sie wüßten, wo, wieviel und in wie gutem Zustande alles vorhanden sei; klopfte mit dem Knöchel des Fingers an die ganzen Töpfe, und stellte die wenigen bei Seite, die einen Riß hatten, aber doch noch gute trockene Dienste leisteten; wobei der Pathe versprach, einen sogenannten Ring von Draht um dieselben zu legen, oder nach Verdienst und Würdigkeit dieser alten stillen Freunde und Hausgenossen, sie über und über in Ketten und Banden zu legen, oder zu überstricken. Als sie dann auch beide, Einer nach dem Andern, in die Rauchkammer hatten gucken müssen, was sie, des Rauches wegen, mit zugemachten Augen gethan, und als der Gevatter Pathe die prächtig gefärbten starken wohlriechenden Schinken, Speckseiten und Würste — aus Liebe und Zutrauen zu Christel — mit Verwunderung über das sogenannte quale et quantum aufrichtig gelobt hatte, so war die Uebergabe geschehen; und Christel stand im Hause als sei sie überflüssig, verborgt, verschenkt oder verkauft, und ihr war zu Muthe, sie wußte nicht wie. Sie legte an die Bestellung des Abendessens keine Hand an, schlich nur einmal heimlich nachsehen, schürete das Feuer, legte, wie ein kleines Mädchen, spielend ein Scheitchen mit zu, nahm es aber aus Rechtschaffenheit wieder weg und löschte es in der Asche aus — und legte es doch wieder ins Feuer, weil es einmal angebrannt war und verrathen hätte, daß sie die Küchenmeisterin gemacht. Dann setzte sie sich an den Tisch wie ein Gast beim Kirchweihfeste, ließ lächelnd decken und auftragen und Jedem und sich selber austhun und aß — ob ihr gleich vor Bangigkeit kein Bissen schmeckte — von allem recht viel, und lobte die Speisen und die zwei Köche, die dasmal nichts versalzen noch verdorben, und vermahnte sie scherzhaft so fortzufahren! St. Etienne war über Nacht auf dem Posten; und Johannes ließ in der Ferne der ruhigen Zeiten dem Gevatter Pathen, zur Dankbarkeit für seinen Beistand, wieder die Aussicht auf einen fröhlichen Kindtaufenschmauß erblicken, bei einer kleinen neuen Clementine, oder am liebsten: der alten vorigen — wenn der Herr seiner Christel dieselbe wieder in ähnlicher Gestalt in die Wiege legen wolle. Ihre in Thränen schwimmenden Augen aber verlöschten die Aussicht wieder, und sie saßen still, dankten still, und standen still vom Tische auf, nachdem sie ihrem Johannes noch einmal die Hand über das weiße Tuch hinüber gereicht, um seines Lebens Wärme zu empfinden und von seinem Dasein recht handgreiflich überzeugt zu werden. Dann aber sprach sie als gute Wirthin nur leicht: „Aber ihr alten Kinder, das ist ein gutes Tischtuch! Jetzt verrichten es die mittlen. Und ihr kleckt nicht wie die Kleinen — zur großen Wäsche bin ich wieder zu Hause.“