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Die kleine Stadt

V (continued 3)

Reading edition

„Auch du, Masetti,“ rief der Advokat, den Arm hingestoßen, „hast noch zu lernen, daß der Wille aller ehrwürdiger ist als ein einzelner, mag er sich selbst auf Regeln und Gesetze berufen!“

Er kehrte zum Volk zurück.

„Und mehr Schlimmes, mehr Gutes hat in wenigen Wochen unsere Herzen und Gassen erregt, als sonst durch Jahre.“

„Es ist wahr!“

„Was sind wir? Eine kleine Stadt. Was haben jene uns gebracht? Ein wenig Musik. Und dennoch —“

Der Advokat machte die Arme weit.

„— wir haben uns begeistert, wir haben gekämpft, und wir sind ein Stück vorwärtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit!“

Er zog die Hände vor die Brust und sah beglänzt in den Beifall. Dann, mit einem großen Schwung und die Hände schwenkend droben in der Luft:

„Darum leben die Komödianten und lebe die Stadt!“

Alle wollten ihm herunterhelfen und alle schrien: „Sie leben!“ — indes schon die Tische fortgetragen wurden und die Hausfrauen ihr Geschirr retteten, bevor Masetti hineinfuhr.

„Warum weinst du denn?“ fragte Galileo Belotti seine Schwester Pastecaldi und stieß ihr die Knöchel in die Seite. „Kann etwa eine andere Familie sich rühmen, daß sie solch einen Buffonen in ihrer Mitte hat wie wir? Kein Grund zu weinen.“

Aber er selbst riß die Augen auf, damit sie nicht überschwemmt wurden.

Masetti knallte mit der Peitsche, und aus den Gassen eilten die Komödianten. Der Wirt Malandrini drückte die Hände seiner Gäste, des Fräuleins Italia und des Herrn Nello Gennari, und er bat sie um Entschuldigung wegen der Störung ihrer letzten Nachtruhe. Die Primadonna Flora Garlinda kam, die Hände in den Taschen ihres Mantels, aus der Gasse der Hühnerlucia, und vor ihr her trug der Schneider Chiaralunzi wie bei ihrer Ankunft ihren kleinen Koffer turmhoch auf seinen Schultern. Der Cavaliere Giordano verabschiedete sich gnädig von allen, er ließ ringsum den Brillanten blitzen. Und wie in einem Windstoß flatterte aus allen Spalten der Stadt, mit den leichten Farben der Blusen, der gefärbten Haare und bemalten Gesichter der Schwarm der kleinen Choristinnen, fremde Insekten, aufgestört man weiß nicht wovon, die noch einmal die alten Häuser entlang schillern und stäuben und sogleich verweht sein werden, man weiß nicht wohin.

Sie sollten auf den Gepäckwagen klettern; der Bariton Gaddi beaufsichtigte, in fester Haltung, das Laden, er hob seine Familie hinauf; — und inzwischen mußten sie den jungen Leuten, die ihnen die Bündel trugen, ewige Treue schwören. Renzo, der Gehilfe des Barbiers Bonometti, ließ seine kleine Bunte nicht aus den Armen, er wollte bei ihr bleiben und Sänger werden; er versuchte seinen Tenor zu zeigen und brachte vor Aufregung keinen Ton fertig. Die Freunde trösteten ihn; er solle ein Stück mitfahren, auch sie kämen; und sie holten ihre Räder.

„Wir alle kommen mit!“ — und das Volk nötigte Masetti, der durchgehen wollte, im Schritt zu fahren. Kaum in der Rathausgasse, mußte er halten: der Tenor Nello Gennari rief nach seinem Freund Gaddi, auch er wolle im Leiterwagen nachkommen, und er stieg aus.

Masetti schrie auf die Pferde ein, da lief noch der Baron Torroni, zur Jagd gerüstet, hinterher. Auch Polli, Acquistapace, der Kaufmann Mancafede und der Herr Giocondi wollten mit hinein. Italia schluchzte immerfort.

„Und der Advokat?“ fragte sie, wehte mit dem Tuch und schluchzte.

Die Primadonna Flora Garlinda reichte noch einmal die Hand aus dem Fenster nach dem Schneider Chiaralunzi, der reglos dastand und sie ansah. Er stürzte vor mit plötzlich verstörtem Gesicht; aber der Wagen rollte schon wieder, der Schneider verfehlte die Hand, er stolperte. Alle lachten; aber Flora Garlinda nahm ernst von ihrer Brust eine kleine staubige Rose aus Leinen und warf sie an die Brust des Schneiders.

Der Kapellmeister Dorlenghi stand abgewendet und sah zu Boden. Man verlangte, daß er mit der ganzen Musik ausziehe, aber da begann er die Arme zu werfen: „Ich soll hinter diesen armseligen Komödianten hermarschieren? Ich, der ich in Venedig die großen Opern dirigieren werde?“ — und auf einmal brach er in Tränen aus. Das Volk schwieg, es ließ ihm eine Gasse; er entkam.

„Abfahrt! Alle hinterher!“ — und als die Diligenza durch das Tor fuhr, wimmelte schon die ganze Rathausgasse. Die jungen Leute mit großen Hüten und bunten Halstüchern überholten im Eilschritt die Post, sie ließen die flinke, klirrende Musik ihrer Mandolinen dem Zuge voranspringen. Mitten darin tänzelte das Pferd des jungen Severino Salvatori, der leichte Korb wippte zwischen seinen zwei großen Rädern, und, ah! er hatte sie aufsteigen lassen, der schöne Herr — bunt schwirrend quoll es heraus von kleinen Choristinnen. Sie saßen übereinander, sie hingen dem jungen Salvatori um den Hals, nahmen ihm, indes er auf seinem niedrigen Kutschbock die Beine bis unter das Kinn hinaufzog, das Monokel aus dem Auge und setzten es, ohne daß er die elegante Miene verzog, wieder ein. Vor ihnen auf bliesen der Chiaralunzi und seine Freunde aus vollen Backen in ihre Instrumente, und, versteht sich, hinten lärmte um so mehr der Barbier Nonoggi mit seiner Bande. Was die Damen in dem weiten Landauer des Wirtes „zu den Verlobten“ für betäubte Gesichter machten! — und dennoch erklärten alle, sie wollten bis Spello mitfahren. Eh! sie hatten es bequem, aber ringsum das Volk mußte sich wehren, weil der Schlächter Cimabue mit seinem Fleischwagen, worauf er seine Freunde hatte, durchaus allen vorauswollte. Der Krämer Serafini sagte zu seiner Frau:

„Du glaubst doch nicht, daß er sie zum Vergnügen hinauskutschiert? Bei der Rückkehr wird er ein Kalb mit einschmuggeln. Denn auch die vom Stadtzoll sind ausgezogen.“

Sie antwortete:

„Dann könnten auch wir vom Rufini die Weintrauben holen.“ Und sie liefen zurück, um den Karren zu nehmen. Noch immer kamen Leute. Die Männer trugen die Kinder, die Frauen fächelten sich, ihre hohen Absätze klappten, und: „Guten Tag, Sora Anna, so begleitet man denn die Komödianten nach Spello. Welch schöne Sonne!“ — da schlug schon Staub hinter ihnen auf. Die letzten eilten nach.

„In der Stadt ist keine lebende Seele mehr! Die nicht gehen konnten, haben sich wieder Beine gemacht. Seht nur! Die Frau Nonoggi fährt ihre Schwiegermutter auf einem Schubkarren. Man muß ihr helfen.“

Sie waren beim Waschhaus, da kam von rückwärts Getrappel. „Es scheint, daß es der große Schimmel des Schmiedes ist; aber wer sitzt darauf? . . . Beim Bacchus, der Advokat! Gruß Ihnen, Herr Advokat!“

Der Advokat grüßte zurück mit dem Strohhut und wippte dabei auf seinem breiten Roß.

„Ists erlaubt?“ fragte er das Volk. Es antwortete:

„Ob es erlaubt ist! Das ist nicht wie mit dem Schlächter. Nur vorwärts, Advokat, Sie gehören an die Spitze.“

„Der Advokat an die Spitze!“ — und alles wich aus nach beiden Seiten. Den Mund ein wenig offen von der Anstrengung, aber glorreich lächelnd, ritt der Advokat hindurch.

„Da ist auch Galileo! Es lebe der Esel des Galileo!“

„Versteht sich, daß er lebt!“ polterte Galileo unter seinem glockenförmigen Strohhut; und streng hinausspähend über den blauen Klemmer, durchmaß er, im eiligen Getrippel seines kleinen braunen Tieres, die Spuren des Advokaten.

„Der Advokat ist ein großer Mann“, erklärte er. „Aber auch wir sind nicht von Pappe.“

Den Damen im Landauer machte der Advokat, schief im Sattel, eine Verbeugung.

„Welch schöner Tag! Welch Bild der bürgerlichen Eintracht, Fruchtbarkeit und Größe!“ — und er führte die Rechte weithin über Stadt, Felder und Volk. Dann aber fragte er nach dem Tenor Gennari. Sein Freund auf dem Gepäckwagen wisse nichts von ihm. Aus der Post sei er ausgestiegen.

„Aber er ist wieder eingestiegen“, erklärte Frau Camuzzi.

„Sie haben es gesehen?“

„Alle haben es gesehen, nicht wahr, Ihr Damen?“

Der Advokat warf sich anmutig in die Brust für Jole Capitani, bevor er seinen Schimmel wieder in Trab setzte. Alles strahlte, wo er hindurchritt; und die Kinder klatschten, nun Galileo auf dem Esel kam.

„Aber — der Gennari?“ rief der Advokat, sobald er bei der Diligenza anlangte. „Du hast ihn also nicht mit, Masetti? Weißt du wohl, daß wir für unsere Gäste verantwortlich sind?“

„Beruhigen Sie sich, Advokat,“ — und der Cavaliere Giordano winkte ihn ans Fenster, „es ist ein Zwischenfall von eher heiterer Art.“

Er flüsterte, und der Advokat schmunzelte.

„Ah! ihr Künstler. Ich hätte es mir denken können. Galante Abenteuer bis zum letzten Augenblick! Aber die Schönste von allen — das ist die Rache von uns Bürgern — die Schönste hat keiner von euch zu sehen bekommen. Denn sie tritt selten aus ihrem Schatten hervor . . .“

Und er wies auf den schwarzen Garten, dessen Kühle soeben die Vorbeiziehenden ergriff. Sie legte sich einem auf die Schultern, sie hatte den toten Duft uralter Zypressen; man wendete, zusammenschauernd, den Kopf, und bis man aus dem Knie der Straße heraus und wieder in der Sonne war, schwieg man. Dann sagte der Advokat:

„Dort wohnen die einzigen, die sich um euch nicht bekümmert haben. Bekümmern sie sich doch auch um uns nicht. Es ist erstaunlich, aber es gibt Menschen, denen die Stadt nichts gilt; Fanatiker, die den großen Dingen der Menschheit fremd bleiben. Ein enger Garten, und dann der Tod: das ist alles.“

Und eine Strecke weiterhin:

„Aber es ist ein Ort mit schwerer Luft. Am selben Fleck, wo man jetzt im Banne des Klosters lebt, haben einst die Häuser jener Hetären gestanden, die der Venus als Priesterinnen dienten und zuweilen sogar ihr Blut über den Altar der Göttin gossen.“

Er schrie in die Musik hinein, denn jenseits des Gartens fing Chiaralunzi mit den Seinen aus ganzer Kraft ein neues Stück an, und die Bande des Barbiers ließ sich nichts nehmen. Es war der Hochzeitsmarsch aus der „Armen Tonietta“; alle sangen ihn mit: ein wenig leiser und unsicherer, solange sie in dem düsteren Winkel gingen, und um so herzhafter, wenn sie draußen waren. Und als die Räder und die Mandolinen, die Diligenza, der Advokat, Galileo und das Volk, die beiden Banden, der Korb voll Choristinnen und das Volk, die Damen im Landauer, das Gefährt des Schlächters, der Gepäckwagen mit Gaddi und dem männlichen Chor, das Volk ringsum und das Volk dahinter, bis zu den Kleinen, die die noch Kleineren im Staub nachschleppten, bis zu einem Paar, das sich versäumte, bis zu der alten Nonoggi auf ihrem Schubkarren: als sie alle einige leisere Atemzüge lang den Schatten von Villascura auf sich getragen hatten und ihm entronnen waren ins Licht, da bewegte er sich; ein Gesicht schimmerte hervor.

Alba hielt hinter sich die Hand am Gitter, zog den Schleier enger um den Kopf, spähte vorgeneigt . . . Noch hing der Staub der Menge in der Luft. Ein Zucken — sie lief. Sie lief der Stadt zu, ungeschickt, als seis in einem Gedränge, mit ungeregeltem Atem, angstvoll geöffnetem Munde, — und immer krampfte ihre Hand sich auf der Brust, zwischen den dichten Knoten des Schleiers.

Plötzlich, ein Ebereschenbusch stand blutrot im Graben, riß sie den Schritt zurück, sah entsetzten Blicks in den leeren Staub der Straße, als läge irgend etwas Grauenhaftes quer darin, — und dann taumelte sie, die Hände vor das Gesicht geschlagen, auf einen Stein.

Sie hob die Stirn; die Reste der Musik klangen herüber, klein, ineinander gezogen, schwankend, und dazu ging das Glöckchen einer Kapelle in den Feldern. Ihr war es, alle jene Stimmen sängen ihr nach; sie wiederholten, als sei es Traum und Neckerei, ihren eigenen Schmerz. So hatte Piero, als er die Tonietta verlor, im Hochzeitszuge weit dahinten die Flöte der Pifferari gehört! Und das machte, daß Alba aufstand und, den Kopf gesenkt, auf den Heimweg trat. War ihr Schmerz nicht auch seiner? Gingen unser aller Schmerzen nicht ein in die große Harmonie der Welt?

Schwindelnd warf sie sich wieder herum und lief weiter: in Stürzen, mit Pausen der Atemlosigkeit, des Wankens. Einmal blieb sie stehen und sah, langsam den Kopf schüttelnd, umher. Der Wind roch noch immer nach dem Rauch auf den Feldern, sanft wie je glänzte das Öllaub, der Himmel war blau, — und Alba rang zu den kühlen Bäumen hinan die Hände.

Vor dem Stadttor blieb sie, das Taschentuch in den Mund gewühlt, daß niemand sie atmen höre, hinter der schwarzen Säule und horchte. Keine Stimme in der Zollwache, auf dem Pflaster kein Fuß. Sie griff sich an die Stirn; wars nicht vielleicht Lüge und Wahnsinn? Wenn sie bis zwanzig zählte und es blieb still, wollte sie umkehren . . . Ein Hahn krähte, sie trat ein.

Sie schlich auf den Zehen, sie tastete an den Häusern hin. Von einem Blinken in einer schwarzen Tür fuhr ihr Herz auf. Endlich: der Platz; sie lugte hinaus, er lag grell und leer. Eine Katze, die in der Sonne ihren Buckel machte, entfloh. Der Brunnen rann schwach. Welche zitternde Müdigkeit! Wie schwer die Füße! Kaum daß sie noch bis zur Gasse der Hühnerlucia gelangte, und sie fiel auf die Mauer und schloß die Augen.

Die Stille fing an, zu schwingen und zu dröhnen, als gingen alle Glocken der Stadt; und durch den Lärm ihres Fiebers hindurch neigte sie das Ohr nach der Ecke der Gasse. Die Sonne brannte ihr auf den Lidern, den klaffenden Lippen; ihr Rücken glitt kraftlos von der Wand ab, in dem Knoten des Schleiers krampfte sich ihre Hand; — Alba wartete und lauschte.

In der leeren, verstummten Stadt, stumm, als wartete sie mit Alba, geschah eine unmerkliche Regung: jener Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte, ganz sacht zitterte er und hob sich ein wenig.

Und am Ende der Stadt, hinter dem Corso, in seinem luftigen Zimmer oben auf der Schmiede setzte der Kapellmeister Dorlenghi über die Stühle weg, hielt sich keuchend das Herz, jagte weiter. Nur einmal stockte er jäh, wie vor etwas Unüberschreitbarem, ließ die Lippe hängen und die Hände sinken . . . Ein trotziger Satz: er hieb im Triumph auf das Klavier ein, und bei jedem Takt schnellte er mit kühnem Kopfrücken vom Sessel auf, als ritte er und hätte unter den Hufen die Welt.

Vom Glockenturm aber blickte Don Taddeo. Er stand in der engen Krone des Turmes, er sah unter sich nur den Ring der Zinnen. Von unsichtbaren Dächern stießen braune Falken zu ihm empor; um ihn wehte die Bläue; — und sein inständiger Blick folgte jenseits der Stadt, im weiten Land einem kleinen Gedränge, einem Häuflein Staub, das dahinschlich. Ein Korn dieses Staubes war die Welt gewesen! Es war Sehnsucht und Haß, Brunst und Erkenntnis, Sünde und Abdankung gewesen. Wo war es nun? Wer fand es heraus? Sie ging dahin, dahin. Welche Angst! „Noch einmal! O Gott, zeige sie mir noch einmal! Tue ein Wunder, zeige sie mir!“ . . . Da ward feierlich sein Herz berührt. Don Taddeo kniete hin; Gott war vorbeigegangen, seine Worte klangen nach. „Da sie ein Korn Staubes ist, nimm allen Staub an dein Herz! Da du einen Menschen nicht lieben darfst, liebe alle Menschen!“

Ein Geräusch in der Gasse: Alba schlug die Zähne in die Lippe. Ein Schritt: der Kopf fiel ihr in den Nacken, sie griff um sich . . . Nein, noch nicht sterben, nicht ungerächt sterben! Sein unsichtbarer Schritt, näher und näher: wie er dumpf und schrecklich war! Er ging ihr auf dem Herzen, es spritzte Blut. Sie riß, verzerrt, am Schleier, sie würgte sich, schnitt sich, — bis endlich, endlich ihre Hand aufblitzte gegen diese verhaßte Brust.

Er brach in die Knie, gleich an der Ecke, mit einem erschreckten und unwissenden Blick. Dann sah er sie, seine Lippen bildeten, indes er vor ihr kniete, ohne Laut ihren Namen; und dann fiel er um. Er wälzte sich auf die Seite, wollte sich aufstützen . . .

Sie war taumelnd davongegangen, wenige Schritte, da drehte sie sich um sich selbst, wendete den Hals umher. „Allein? Allein? Ich wußte nicht, daß ich allein sein würde.“ Und sie stürzte dahin, wo er lag, sie rüttelte ihn.

„Nello! Auf!“ — den Atem angehalten.

„Böser, warum rührst du dich nicht?“

Und zusammensinkend, mit einem Blick in die leere Runde: „Habe ich es denn getan?“

Sie warf das Gesicht auf seine Brust, sie wimmerte, wimmerte . . .

Dahinten der Fensterladen zitterte heftig.

Alba trocknete sich das Gesicht an seinem Haar, sie küßte ihn auf den Mund und legte sich zu ihm, Leib an Leib. Indes ihre Hand am Boden suchte, sprach sie zu ihm:

„Die Sonne wärmt nun uns beide nie wieder. Wie es schon dunkel ist! Ich sehe mich nicht mehr in deinen Augen.“

Sie hatte das Messer gefunden; sie sagte:

„Wir Armen, die wir das Leben lassen mußten“; — und drückte es sich ins Herz.

Der Fensterladen hinter dem Turm klappte zu. Von den beiden dort am Rande des stillen, grellen Platzes zog sich, Strich um Strich, der Schatten zurück. Dann löste sich ein Glockenschlag, langsam und vergessen hallend . . . Als aber die zwölf gleichen Klänge vergangen waren, kam den Corso herauf ein dünnes Singen, eine Gespensterstimme mit einer Melodie, die kein Lebender kannte; — und der kleine Uralte trippelte geziert auf den Platz hinaus. Er zog den Hut, und er dienerte ringsum vor einer unsichtbaren Gesellschaft. Wie er jene beiden umarmt am Boden sah, wich er weit aus und legte, schelmisch lächelnd, den Finger auf die Lippen.

Dieses Buch wurde gedruckt bei Breitkopf und Härtel in Leipzig

Folgende Bücher von Heinrich Mann sind früher erschienen:

Romane (bei Alb. Langen, München).

Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten.

Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy.

Die Jagd nach Liebe.

Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen.

Zwischen den Rassen.

Novellen.

Das Wunderbare. (Bei Alb. Langen, München.)

Flöten und Dolche. (Bei Alb. Langen, München.)

Stürmische Morgen. (Bei Alb Langen, München.)

Schauspielerin. (Wiener Verlag.)

Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.)

Die Bösen. (Inselverlag.)

Eine Freundschaft: Gustave Flaubert und George Sand. Essai. (Bei Bonsels, München.)

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

... hieher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ... ... hierher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ...

... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einer seiner mürben ... ... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mürben ...

... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit. ... ... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit.“ ...

... Fremder! Der Vorsitzende der Komitees ein Fremder! Er ... ... Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er ...

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