V (continued 2)
Reading edition
„Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was für eine!“
„Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten“, sagte der Savezzo.
„Die Komödianten packen ihre Koffer und hüten sich hervorzukommen; sie wissen wohl, daß ich ihnen die Köpfe einschlagen würde. Aber statt ihrer werde ich den Advokaten durchprügeln! Ich werde ihn zwingen, die große Gelbe selbst zu heiraten!“
Camuzzi bemerkte trocken:
„Es war einfacher für Sie, heute nacht in ihrem Bett zu bleiben; dann würden Sie noch immer keine Schwiegertochter haben. Überhaupt, wenn die Herren ruhig geschlafen hätten wie ich —“
„Was denn!“ murrte der Herr Salvatori. „Man kann nicht schlafen, wenn in der Stadt ein Räuber umgeht, der den Arbeitern mehr Lohn verspricht. Als heute nacht die Feuerglocke zu läuten anfing, — fragen Sie nur meine Frau, ob nicht mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet haben.“
„So ist es!“ und alle riefen durcheinander. „Wir sind in den Händen eines Räubers.“
„Wer rettet uns!“ wimmerte Mancafede.
„Wir sind schon gerettet“, sagte der Leutnant und verbeugte sich gegen den Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens auf, er holte unter dem Tisch die geballte Faust hervor. Aber als alle ihm auf den Mund sahen, schloß er ihn wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretär neben ihm verstand, was er murmelte.
„Zwei Söhne auf der Universität . . . Die Zeiten sind vorbei . . . Man muß leben . . .“
„Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo,“ äußerte der Gevatter Achille, „daß Sie der einzige sind, der uns retten kann.“
Angstvolles Schweigen; — aber der Savezzo stemmte die Fäuste auf die Schenkel und ließ sich Zeit.
„Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem Advokaten die Stange gehalten, dafür müßt ihr nun büßen, in der Politik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem Volk zu sagen, daß ihr euren Untergang vorauswißt und ihn fürchtet.“
Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich auf seine Arme.
„Ein Wort, Savezzo! Verständigen wir uns! Was kostet es Sie, ein Wort anzuhören. Der Advokat hat uns betrogen, er hat uns gedroht, durch Schrecken hat er uns gezwungen, das Geld des Volkes zu verschwenden und mit Don Taddeo und dem Mittelstand in Krieg zu leben.“
„Wie oft“, — und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, „haben wir untereinander dem Advokaten geflucht!“
„Wäre nicht der Advokat gewesen,“ rief der Gevatter Achille, „niemand hätte uns gehindert, die öffentliche Sache in Ihre Hand zu legen, Herr Savezzo.“
Und alle durcheinander:
„Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel genommen und Sie bei den Gemeindewahlen von der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa ich? . . . Aber ich bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich vielmehr, ich, denn ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten untergraben . . . Hören Sie mich, ich habe mehr getan!“ — und der Kaufmann Mancafede zeigte, über den Tisch gereckt, seine blanken, flehenden Augen. „Ich bin heimlich beim Bürgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er solle Sie in den Gemeinderat bringen, er solle, wenn denn sein Alter ihn zum Rücktritt nötige, nicht den Advokaten zu seinem Nachfolger machen, sondern den Herrn Savezzo, unsern großen Mann.“
„Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt!“ rief der Herr Salvatori und schwang anfeuernd den Arm.
„Einen Künstler,“ setzte der Gevatter Achille hinzu, „der so gut auf dem Bleistift bläst!“
„Ah!“ machten alle, — indes der Savezzo dastand und heftig auf seine Nase schielte.
„Was verlangen Sie?“ fragte der Herr Salvatori. „Wir sind bereit, den Advokaten zu opfern;“ — und Polli bestätigte es.
„Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?“
„Wir liefern ihn aus!“ schrie Mancafede in der Fistel. „Ich bin der erste gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, wie das Volk es will, auf die Galeere!“
„Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt hat“, meinte der Gevatter Achille. „Nur müssen wir Zeugen haben.“
„Eure Sache, sie zu finden“, ließ der Savezzo vernehmen. „Beseitigt den Advokaten, und ich will an euch Gnade üben.“
„Wir haben Zeugen, so viele wir wollen“, riefen sie; der Kaufmann packte sich vorn an seiner wolligen Jacke und schüttelte sich.
„Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wie die ganze Stadt weiß, alles sieht und hört, meine Tochter sagt, es ist der Advokat.“
Camuzzi drückte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl.
„Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen. Auch Ihre Tochter sollte ihre Diät ändern, dann würde ihr vielleicht manches vergehen.“
Sogleich fuhren alle gegen ihn los.
„Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?“
„Noch niemand“, — und der Kaufmann schnellte den Finger gegen den Sekretär, „hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es wird Ihnen Unglück bringen!“
Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her stürmte es.
„Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben preisgeben! Wer sein Freund ist und nicht der des Herrn Savezzo, muß fallen. Hüten Sie sich, Herr Camuzzi!“
Der Gemeindesekretär wehrte ab.
„Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; und ich glaube nicht, daß irgend etwas geschieht.“
Da rief in den Lärm der Gevatter Achille:
„Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, daß er wieder da ist?“
Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen Geste. Da der Herr Giocondi mit umständlichem Ächzen Platz nahm:
„Nun, was sagt Don Taddeo?“
„Soll ich den Advokaten sogleich verhaften?“ fragte der Leutnant.
„Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?“
„Nichts“, sagte der Herr Giocondi, bewegte flüchtig eine Schulter und sah weg. „Nichts. Er ist verrückt geworden.“
„Wie? Von wem sprichst du?“
„Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrückt geworden, er will meiner Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.“
Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer Weile sagte Polli und zog die Stirn in Falten:
„Versteht sich, er ist ein Heiliger.“
Der Herr Giocondi fuhr fort:
„Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von mir, ich wiederhole, was ich gehört habe. Der Advokat sei unschuldig, sagt Don Taddeo, und er will zahlen.“
Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace tanzte auf seinem Holzbein um den Tisch.
„Er wird nicht zahlen“, meinte zögernd der Herr Salvatori.
„Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben wollte. Ich hatte Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß zuerst die Gesellschaft sich entscheiden müsse, ob und unter welcher Form sie seine zwanzigtausend Lire annehmen will. Denn das ist alles, was er hat.“
Der Savezzo tat, die Arme verschränkt, einen Schritt gegen den Herrn Giocondi:
„Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrügen! Hierher!“ rief er über den Platz, „da ist ein Spion des Advokaten!“
Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das ganze Café „zum heiligen Agapitus“ sich in Bewegung. Aber der Herr Giocondi polterte, rot vor Entrüstung:
„Ich ein Spion? Ein Inspektor der ‚Gegenseitigen‘ bin ich, und wenn mir jemand anbietet, er wolle für die Gesellschaft zahlen, dann weiß ich, was ich zu tun habe.“
„Er weiß, was er zu tun hat!“ brüllte der Apotheker, „und der Advokat bleibt ein großer Mann!“
„Und warum will er zahlen?“ fragte der Barbier. Der Bäcker Crepalini, an der Spitze des murrenden Haufens, wiederholte gebieterisch:
„Und warum will er zahlen?“
„Ah das —“ und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern und Arme hoch, „das ist ein anderes Paar Ärmel. Er stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und kaum daß er sich auf den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den anderen Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor der ‚Gegenseitigen‘.“
„Er hat nicht gesagt, daß der Advokat unschuldig ist!“
Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fäuste vors Gesicht. Der Herr Giocondi schob sie weg.
„Er hat sogar gesagt, er selbst sei sündhafter als der Advokat. Die ganze Stadt sei sündhaft, er aber am meisten. Und er will keinen Bürgerkrieg mehr, sondern lieber zwanzigtausend Lire zahlen. Übrigens wird er euch sogleich in seiner Predigt alles selbst erklären, also laßt mich und geht zum Teufel! . . . Zum Teufel!“ schnob er den Männern zu, die ihn bedrängten.
„Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht behalten!“ riefen sie, einander über die Köpfe weg, auf den Platz hinaus, der sich füllte.
„Wir sind verraten!“ keifte der Bäcker; und ein Gemurmel des Schreckens griff um sich.
„Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den Advokaten nicht mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: wir alle sollen zahlen. Der Advokat wird uns aus Rache aushungern.“
„Wo ist Don Taddeo?“ kreischte in der Mitte des Gedränges eine Frau auf. „Sie halten ihn gefangen!“
„Das ist ein wenig stark,“ sagten die Männer, daß es an den Mauern hinrollte. Beim Turm stieg eine Stimme auf:
„Der Advokat ist in der Unterpräfektur; man hat ihn gesehen!“
Und drüben beim Rathaus eine andere:
„Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, und sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.“
„Wir sind verloren!“
„Was, verloren! Auf, nach der Unterpräfektur!“
„Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!“
Die Menge stieß sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die Stirn vorgestreckt, der Savezzo.
„Lügen!“ brüllte er rauh und unförmlich. „Alles Lügen! Ich hole euch den Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hört. Auf die Galeere der Advokat! Oder ich selbst auf die Galeere!“
Aber beim Dom prallte er zurück: Don Taddeo erschien im Corso. Schon umringten ihn Frauen, sie hängten sich an ihn: „Unser Heiliger! Wer ihn uns nehmen will, ist tot!“ Das Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen: „Sprich, Don Taddeo!“ Er aber: mit einem gehetzten Lächeln, mit roten Lidern, die zuckten, wich er im Zickzack den Anstürmenden aus; seine bleich tastenden Hände, auf die so viele Hilfesuchende sich stürzten, schienen selbst zu flehen.
„Sprich, Don Taddeo!“
Er öffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darüber, man sah seinen Kehlkopf arbeiten, aber niemand hörte etwas . . . Nun stand er oben auf der Domtreppe; alle sahen ihn nun; ein Klatschen erhob sich — und gleich fiel es wieder. Er war fort.
„Er hat etwas gesagt? Was ist es?“
„Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare Dinge.“
„Niemand hat es gehört. Niemand wird es je hören. Der heilige Mann wird sterben.“
„Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den Dom!“
„Alle in den Dom!“
Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tür. Ihr Getrappel, Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; die letzten Rinnsel Volkes waren hinweg; — und beim Café „zum heiligen Agapitus“ stand, das Kinn über den gekreuzten Armen, der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . . Plötzlich griff er um sich, riß vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie hin. Dann plumpste er auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlüpfte aus seinem dunkeln Spalt, dienerte schief, rieb sich die Schenkel und wollte das Geld für seinen Likör; aber der Savezzo nahm nicht die Faust von der Schläfe. Der Freund Giovaccone berührte sein Knie: da war der Savezzo mit einem Krach auf den Beinen; er grub in den Taschen, zog die Finger leer heraus, stieß den Freund Giovaccone um und sprang polternd in den Dom.
Beim Café „zum Fortschritt“ sahen sie noch immer versteint einander an. Der Apotheker schlug ein neues Freudengebrüll auf und stampfte. Darauf schalt Polli:
„Es hat keinen Zweck, den Verrückten zu spielen. Es handelt sich darum, was man jetzt tut.“
„Deixel, man geht in die Predigt“, meinte der Herr Giocondi. „Vielleicht, daß Don Taddeo von der ‚Gegenseitigen‘ spricht.“
Der Herr Salvatori äußerte starr:
„Der Advokat ist entschieden stärker, als man glauben konnte. Was hat er nur angezettelt.“
„Wenn man es wüßte!“ sagte der Leutnant. „Für die bewaffnete Macht ist es schwierig zu handeln, bevor wir den Ausgang kennen.“
Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein.
„Ich habe genug davon. Ich schließe mich ein und lasse sie die Stadt verbrennen oder beschießen, wie sie wollen.“
„Auf jeden Fall scheint es, —“ und Polli kratzte sich den Kopf, „daß wir uns übereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur ein Prahlhans.“
Der Gemeindesekretär betrachtete lächelnd seine Fingernägel.
„Habe ich euch nicht vorausgesagt, daß nichts geschehen werde? Jetzt schlage ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn das einzige Sichere ist schließlich die Religion.“
„Tatsächlich“, erklärte der Gevatter Achille, „wird es das Klügste sein, sich dort aufzuhalten, wo alle sind.“
Polli schlug vor:
„Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, daß alle uns sehen, und wenn Don Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.“
„Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart“, schloß der Leutnant, und man brach auf. Der Apotheker wollte sich davonmachen, um den Advokaten vom Umschwung der Dinge zu unterrichten; alle mußten ihn festhalten.
„Du bist ein Mann ohne Gewissen, daß du deine Freunde bloßstellen willst.“
Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt wäre.
„Das ist nicht hübsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!“
Auf den Fußspitzen drückten sie sich durch den Schweif von Menschen im Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, und nur die Stimme vom Hochaltar:
„Feuer! Alles wird brennen!“
Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Köpfe hin. Ihr Echo fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein auf die demütige Menge.
„Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das Haus Polli und alle Häuser am Corso! Der Platz wird brennen, und niemand weiß mehr, wohin flüchten!“
Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen Schreckenswort. Polli drehte wirr den Hals umher.
„Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?“
„Denn diese Stadt wars, über die Jesus weinte, als er über Jerusalem weinte! Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem anderen. Wehe! schon stürzt das Rathaus ein, und ich sehe, wie es euch erschlägt: dich, Fierabelli, dich, Coccola, euch Weiber da, — und haltet das Kind, haltet!“
Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom Schenkel des Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und winselte. Die Mutter überrannte jammernd die Leute.
„Die Sache wird ernst“, murmelte unter dem Chor der Gevatter Achille. „Hat er nicht auch mich genannt?“
„In den Dom!“ rief Don Taddeo, und seine Stimme überschlug sich. „Alle in den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen den Feuerregen. Vielleicht, daß Gott ihn aufhält, wenn ihr betet. Nein, Gott zählt euch: ist ein Gerechter unter euch, einer? Dies ist die äußerste Minute . . .“
Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; jedem brach die Hitze aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen öffneten sich wieder; noch kam aus ihnen kein Hauch, aber eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in Ohnmacht gefallen, — und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine drüben, kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreßten Hände, kreuz und quer durch das Schiff bis vor die Füße des Priesters. Er ließ langsam den Kopf auf die Brust hinab und sagte, halb erloschen:
„Keiner. Es komme das Feuer.“
Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebückten Nacken zitterten, als erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute von sich, wie der bewegte Halbschlaf eines Sterbenden.
„Nur ein Haus bleibt stehen!“ befahl Don Taddeo schrill. „Von der ganzen Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!“
„Wie?“ fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. Junge Leute sahen sich nacheinander um. In der Kapelle Cipolla entstand ein Gewühl; der Konditor Serafini steckte den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin Ginevra und sagte:
„Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr fort, — da ihr die einzigen sein sollt, die übrig bleiben.“
Theo und Lauretta widersprachen.
„Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen läßt, ist es nicht gerecht, daß wir allein übrig bleiben sollen.“
Und sie schluchzten feucht ins Tuch, — indes Mama Farinaggi, unbekümmert um die Damen draußen in den Bänken, Kreuze schlug und die große Raffaella aus ihren gemalten Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch verächtlicher und fremder als sie.
Der Kaufmann Mancafede nahm die Hände vom Kopf, über den er sie als Dach gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden Stellung.
„Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, mein Haus stände nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun ginge es an mich.“
„Wer weiß, wie es jetzt draußen aussieht“, entgegnete Camuzzi. „Es geschieht so wenig, daß wohl endlich Gott selbst eingreifen muß, damit etwas geschieht.“
Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam rote Flecken, und er schrie:
„Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen darin!“
„Gute Unterhaltung!“ sagten die Mägde Fania und Nanà, und obwohl sie immer fester an die Wand gedrückt wurden, glucksten sie laut. Hier und da pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeo brach ab; sein Gesicht entfärbte sich ganz, — und dann, wie einzeln ausgesandte Glockentöne, und so sanft:
„Darüber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging unter durch ihre Laster. Jesus hat über sie geweint, aber sie hat nicht gehört.“
Die Töne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; — und als alle die Lider gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. Leiser, in der gepreßten Stille:
„Denn alle Laster — und die Stadt hat sie alle — sind eins. Sie kommen alle daher, daß wir Gott nicht lieben. Das höchste Gebot heißt, wir sollen Gott lieben und unsern Nächsten. Aber wir liebten sie nicht: darum verdarben wir.“
Und mild eindringlich, überallhin, wo ein Schluchzen sich löste: „Denn wir lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nächsten nicht lieben. Es ist nicht wahr. Es genügt nicht, einen Geist zu lieben, der Gott heißt. Liebt die Menschen, dann liebt ihr Gott!“
Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank.
„Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst Gott, auch wenn du nicht jede Woche beichtest.“
Vor den Bänken der Bürgerfrauen, gleich zu seinen Füßen, hockten hinter ihren Strohstühlen die kleinen Leute. Er neigte die Augen zu ihnen.
„Hasse den Krämer Serafini nicht,“ sagte er zu der Frau des kleinen Zollbeamten Cigogna vom Tor; „wenn er schlecht gewogen hat, denke, daß er sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes von der Rina,“ sagte er zu Elena, der Arbeiterin des Schusters Malagodi, „obwohl sie dich verklatscht hat.“
Und zu der Pipistrelli:
„Verfolge die Sünder nicht! Wir sollen weder die Komödianten noch den Advokaten verfolgen, denn was sind wir selbst. Wenn die Stadt brennt, wo ist dann der, der nicht mitschuldig wäre, weil seine Sünden das Feuer herabriefen.“
Don Taddeo seufzte und schloß die Lider.
„Was sagt er? Was will er?“ — und bei den Männern in dem Raum zwischen den Bänken und den Pfeilern ward es unruhig.
„Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.“
„Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben“, erklärte der Schneider Coccola; und der Schlosser Fantapiè:
„Es fehlte nichts weiter.“
„Er sagt, wer den Advokaten haßt, ist mitschuldig an dem Brand beim Malandrini.“
„Man muß gestehen,“ äußerte der Wirt von den ‚Verlobten‘, „daß Malandrini bei der Partei des Advokaten ist. Sollte wirklich einer der Unseren —?“
„Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, nun der ‚Mond‘ abgebrannt ist, so gute Geschäfte wie du?“
„Alle, wenn man näher nachdenkt, alle sind verdächtig.“
„Es ist schrecklich.“
„Man hört nichts“, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr Giocondi. „Spricht er von der ‚Gegenseitigen‘?“
„An meinem Platz“, — und Polli hißte sich auf die Fußspitzen, „sitzt die Frau des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt uns die Kirchenbänke weg, dann soll er uns wenigstens die Logen lassen.“
„Ihr alle seid mitschuldig“, wiederholte Don Taddeo, wich gegen den Altar zurück und spreizte die Hände. Aber da traf er in ein Gesicht: mitten unter den kleinen Leuten zu seinen Füßen in ein Gesicht, das er kennen mußte und doch nicht kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und fest. Umsonst versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen ihn zurück, wie die einer vertrauten Heiligen, die viele Jahre lang über seinem Betstuhl gestanden hätte, alles von ihm wußte, ja, so sehr mit seiner Seele vermengt war, daß sie seine Schwester schien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn schauderte, er sagte rasch:
„Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur war wissend genug, um zu sündigen.“
Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. In seiner Brust quoll es, als sollte sie springen.
„Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im Geist, und das heißt, daß er den Geist zu seinem Gott machte, und durch den Geist, seinen Gott, stolz und einsam ward. Seine Strafe aber war, daß noch immer eins ihn an die Menschen band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da mußte er die Brunst leiden; mußte sich hassen, der vom Geist abgefallen war, und die Welt, die ihn verführt hatte; mußte auf sie und auf sich das Feuer herabrufen; mußte mit eigener Hand es entzünden . . .“
„Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er muß sich sehr schlecht fühlen“, — und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank zu Mama Paradisi hinüber. „Es ist kein Wunder, nachdem er sich für die Komödiantin geopfert hat.“
„Man sagt, daß er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden ist und nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.“
„Und dennoch will er die Komödianten, noch bevor sie fortziehen, zu Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der Primadonna, — als habe er uns alle vergessen.“
Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den großen goldenen Haarknoten dort vorn, unter dem weißen, verbogenen Filzhut.
„Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen auf der Stirn. Sie muß eine Frau von großem Verdienst sein. Ich werde niemals wieder glauben, daß eine Komödiantin keine anständige Frau sei. Welch Heiliger, Don Taddeo! Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein gegen sie. Wie er leidet um unserer Sünden willen! Seht seine Augen! Sie erlöschen . . .“
„Wie?“ fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwärts gezogen von jenen hellen unbeugsamen Augen. „Muß ich noch mehr sagen? Alles denn?“
Die Zähne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli plapperte laut aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum raunten miteinander. Don Taddeo griff sich an die Brust; er riß daran, er riß es heraus:
„Ja, ich bins, ich habe es getan.“
Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene schrecklichen und erlösenden Augen senkten sich. Don Taddeo griff um sich.
„Er schwankt! Er fällt! Wehe! Der Heilige stirbt.“
Alles sprang auf, ein heißer Stoß warf alle nach vorn. Bevor sie ihn erreicht hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar empor. Das Chorhemd fiel zurück.
„Seht die Brandlöcher in seiner Soutane!“
Weinende Gesichter, betende Hände strebten zu ihm herauf. Er streckte über sie hin die Arme.
„Friede!“ rief er auf einmal mit läutender Stimme. „Das Opfer ist gebracht, wir sollen Frieden haben. Laßt euren Zwist! Fragt nicht länger nach dem Brandstifter! Er hat gebeichtet, und er ist fort. Ihr habt ihn nicht gekannt. Beschuldigt niemand! Seine Tat gehört nicht ihm; wir selbst —“ und Don Taddeo schlug sich, „haben sie begangen! Denn wir hatten nicht genug Liebe. Wir haßten uns, wir befeindeten uns; jeder hielt sich für den Gerechten, und dadurch wurden wir eine Stadt von Ungerechten, die brennen mußte. Ich klage mich an —“
Die Hand hinaufgereckt:
„— des Bürgerkrieges, in den ich die Stadt gestürzt habe, des geistigen Stolzes, der mich verdarb, — und ich will Buße tun. Holt den Advokaten, damit ich ihm den Schlüssel zum Eimer ausliefere. Er ist ein großer Bürger —“
Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, — aber er breitete die Arme aus.
„— den ich ungerecht habe leiden lassen.“
Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hände, Stimmen setzten an:
„Aber! Reverendo!“
„— den ich ungerecht habe leiden lassen!“ rief Don Taddeo noch einmal, hoch und zitternd. „Niemand hat mehr für euch getan als er.“
„Ihr! Ihr!“ antwortete es ihm.
Er reckte den Hals noch höher, als entflöhe er den Stimmen dort unten.
„Liebt euch! seid gütig! gütig!“
Da geschah ein Krach, als stürzte das Gewölbe ein. Es polterte, inmitten eines großen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah Weiber rennen und am Boden einen Knäuel. Alles stob fort vom Hochaltar; — und ein Kopf rollte herbei und blieb liegen vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau.
Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedränge. Da lag in seinen geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don Taddeo an, der ihn ansah. Er war weiß wie der Kopf, und die Hände hielt er gespreizt. Plötzlich schlug er sie vors Gesicht und war fort. Kaum, daß im Vorhang hinter dem Altar noch eine Falte von ihm flatterte.
„Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . Nein nein! es kommt aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf der guten Fürstin Ginevra.“
Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal der Fürstin gehockt. Um Don Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf den Kopf geklettert, — und welchen dünnen Hals die Ginevra hatte! Sie waren heruntergestürzt, als der Kopf abbrach, über Fania und Nanà, über die Mädchen aus der Via Tripoli, und mit ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug und einen Haufen Leute von den Stufen fegte. Da wälzten sich noch welche.
„Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht ihn zwischen den Beinen der andern. Wie du komisch bist! Ja, dein Schuh hat ein Loch bekommen, es nützt nichts, daß du uns anbläst wie ein Kater.“
Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder am Fuß und stampfte auf.
„Seht ihr nicht, daß das wieder eine Intrige des Advokaten ist? Er wollte mich umbringen lassen, weil ich ihn gestürzt habe.“
Die Männer sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli äußerte zögernd:
„Eh! der Advokat wird kein Mörder sein.“
„Man redet nicht mehr gegen den Advokaten“, sagte Frau Zampieri entschlossen. „Don Taddeo will es nicht.“
„Don Taddeo will es nicht“, wiederholten die Frauen.
„Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.“
Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrümmte, scharfe Finger vor den Augen.
„Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!“
„Frieden! Frieden!“ rief der Seiler. „Da kommt Don Taddeo mit dem Kelch.“
Die Frauen drängten eilig in die Mitte.
„Wie er doch schön ist in seinem Meßgewand!“
Aber sie sahen, daß ihm das Haar herabgefallen war und spitz bis über die Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein Gesicht schien schief. Sie flüsterten:
„Wie er sich zerwühlt hat! Er hat geweint um uns.“
Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge.
„Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? daß der Advokat wieder obenauf kommen werde. Wer jetzt bei ihm in Gnade will“, — und er schnitt dem Bäcker Crepalini eine Fratze „der wende sich an mich, seinen Freund.“
Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward:
„Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet nur noch auf Euch.“
„So wird er umsonst warten,“ entgegnete der Schneider, „denn ich werde in seiner Messe nicht spielen.“
Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein.
„Tut es für mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die Schwester des Weines.“
Alle redeten dem Schneider zu.
„Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr haßt; es handelt sich um unser aller Erbauung, was Deixel.“
Die Frauen sagten:
„Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?“
Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister stumm und wild die Arme warf, den Schneider vor sich her in die Wendeltreppe. Sie hielten Wache, bis er droben war.
„Immer Ihr!“
Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz.
„Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. Aber dann —: ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fühle ich, wessen ich fähig wäre.“
Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel das Gesicht des Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, und wandte sich erstaunt um. Die Musiker ließen die Instrumente sinken. Der kleine alte Beamte Dotti sagte:
„Seien wir vernünftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.“
„Und meine Ehre?“ fauchte der Kapellmeister. Die großen Schulmädchen im Chor stießen sich an und kicherten.
Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, so stark in sein Horn, daß alle auffuhren. Man lugte hinauf und lachte.
„Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Sünden . . . als ob er welche hätte, der heilige Mann.“
„Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu groß.“ „Aber er schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.“
„Woran hast du während des Sündenbekenntnisses gedacht, Scarpetta? Ich habe mich daran erinnert, daß der Advokat meinem Bruder den Schreiberposten in der Unterpräfektur verschafft hat.“
Der dicke alte Corvi brummte:
„Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, daß er mir die Stelle bei der öffentlichen Wage gegeben hat?“
Der Schlosser Fantapiè schüttelte den Kopf.
„Man muß gestehen, daß wir seit vier Wochen nicht immer richtig gehandelt haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat habe das Feuer gelegt. Wußten es nicht alle, und war nicht der Advokat für die Freiheit und für die Komödianten? Aber wenn Don Taddeo sagt, daß es ein anderer ist und daß er ihn kennt —“
„Es wird der Engländer sein, denn er ist in aller Frühe abgereist.“
„Du redest Unsinn, Coccola: ein Engländer! Aber ein Landstreicher hat bei Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist verschwunden.“
„Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! Was tut die Regierung! Bürgerkrieg und Feuer: ah! man kann sagen, daß wir in Not sind, dank unsern Sünden.“
Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Unwissenheit. „Ich habe dich nicht gekannt, o Herr, da ich die Liebe nicht kannte; und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir anklagen, weil ich dich ihnen nicht offenbarte!“ . . . Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Strafe, — rief langgezogen, nasal und zitternd; und sein letzter Ton irrte noch, ein armer, suchender Mißklang, durch das Aufbrausen der Orgel hin, das wie der stöhnende Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus gleich einem großen Weinen, und alle Instrumente hoben leidenschaftlich zu klagen an.
„Das ist das Kyrie. Hört Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, ach, ich will Euch nur bekennen, daß Euer Carluccio hübscher ist als mein Lino. Darum sagte ich, ihm sei das Chorhemd zu groß.“
„Ach, ach“, ging es durch die Bänke. Das Volk in den Kapellen erbebte.
Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends zum Schweigen. Seine Stimme erhob sich, in einsamer Tapferkeit:
„Gloria in excelsis!“
Und es antwortete ihm der Chor:
„Gloria in excelsis!“
Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die Hörner stürmten feierlich. Wie der Wind schwang sich die Orgel auf.
Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapiè.
„Mir scheint, daß Gott will, wir sollen den Advokaten zurückholen.“
„Ich sage nicht nein,“ antwortete der Krämer Serafini, „aber wird Crepalini wollen?“
Denn der Bäcker wühlte umher.
„Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den öffentlichen Feind zurückzurufen? Don Taddeo: ah! Don Taddeo mag reden; er ist nicht in den Geschäften. Wir aber; der Advokat wird sich an uns rächen! Dir, Scarpetta, entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer weiß, erneuert er nicht das Monopol.“
„Welch Glück für alle!“ riefen die jungen Leute mit bunten Halstüchern; — und der Bäcker, kirschrot bis in die Augen, kollerte vergeblich gegen das Volk an, das sich beglückwünschte.
Der Herr Giocondi wagte sich hervor:
„Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer Brot noch viel kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der Macht wäret, müßten wir alle verhungern; —“ und der Herr Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht gab. Er kehrte, den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurück.
„Mut!“ sagte er. „Ich haue euch alle heraus, und ich rette den Advokaten. Seit ich mit Don Taddeo gesprochen habe, geht alles gut. Die Tätigkeit eines Versicherungsinspektors ist die beste Schule für Diplomaten.“
Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zähnen:
„Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, daß Sie alle von ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, ich schwöre es Ihnen.“
„Nicht antworten!“ raunte der Herr Giocondi dem Apotheker zu, der schon losfuhr. „Man muß vorsichtig sein in unserer verwickelten Lage.“
Und alle zogen sich zurück von dem Savezzo. Er hörte ein Hüsteln und fand sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi kniete. Der Spitzenschleier stand weit um ihren Kopf; niemand konnte sie sprechen sehen.
„Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf Don Taddeo! Er betet um unsere Würdigung; beten auch wir.“
Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er knirschte.
„Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, und der Advokat, den ich getötet habe, kehrt zurück, wie ein Gespenst.“
Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die Betenden. Dann, flüsternd:
„Knien Sie hin!“
Und als sein Ohr ganz nahe war:
„Um den Tenor bekümmere ich mich: er mag ruhig sein. Er glaubt, er solle heute abend eine große Sünde begehen und ein Mädchen entführen, das dem Herrn bestimmt ist. Ich aber werde ihn hindern, zu sündigen, und werde Alba retten. Lassen Sie mich beten!“
Nach einer Weile, mit Aufseufzen:
„Ich fühle, daß der heilige Agapitus mich hört. Wissen Sie nicht, daß er schon einmal eine Jungfrau, die einem Verführer in die Hände gefallen war, rettete, indem er durch sein Gebet dem Verführer jede Fähigkeit nahm, einer Frau gefährlich zu werden?“
Da sie den Savezzo schnauben hörte:
„Hätten Sie doch den Glauben! Dann hätten Sie auch den Erfolg . . . Den Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben nicht versucht, Don Taddeo umzustimmen? Es wäre auch unnötig. Er ist krank, — und die Leute verehren ihn als Heiligen, das macht ihn noch schwächer. Sie müssen ihn aufgeben und sich an den Advokaten halten.“
„An wen?“
„An den Advokaten. Sogleich müssen Sie zu ihm gehen, denn sonst kommen andere Ihnen zuvor, — und sich ihm anbieten. Sie sagen ihm, jetzt, da er Ihre Kraft kennt, wollen Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie machen sich anheischig, ihm Ihre Partei zuzuführen und gemeinsam mit ihm zu herrschen.“
„Niemals“, sagte der Savezzo ganz laut. Sie ließ Zeit verstreichen. Dann:
„Er wird zu glücklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu können; und da Sie den Frieden zurückbringen, werden alle Sie gut empfangen. Dann ist Zeit gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, das uns endgültig von dem Advokaten befreit.“
Sie neigte sich tiefer.
„Libera nos a malo!“
„Niemals!“ wiederholte er. „Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange mußte ich heucheln. Für einen von uns hat die Stadt nur Raum. Kehrt er zurück, dann habe ich verspielt . . . Aber er wird nicht zurückkehren. Ich werde dem Volk verbieten, ihn zurückzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich werde —“
„Still da!“ — und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. „Finden Sie nicht, man sollte nicht sprechen, während Don Taddeo betet?“
Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hände, ergeben wie der, für den er handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten zurückbannten. Er ging von der linken Seite des Altars auf die rechte. „Sein Wandel war noch schwerer“, dachte er; und wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und Coccola der Weihrauch um ihn her dampfte: „Aber seine Werke duften. Seine duften.“
„Es ist höchste Zeit“, — und der Savezzo packte den Schlosser Fantapiè und den Schuster Malagodi am Arm. „Don Taddeo liest die Epistel, jetzt heißt es wählen. Wollt ihr die Macht nehmen oder den Tyrannen zurückrufen?“
„Eh! auch das kleine Volk ist noch da“, sagte der Schuster.
„Und Don Taddeo“, setzte Fantapiè hinzu. Druso, Scarpetta, die beiden Serafini, alle sagten dasselbe.
„Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; denn wie bekommen wir ohne ihn das Volk?“
Der Unterpräfekt Herr Fiorio stand in der Nähe, der Savezzo tat einen Schritt auf ihn zu. Sofort verschwand er hinter dem Pfeiler, — und der Savezzo spürte eine Kälte auf dem Scheitel: geradeso hatte der Unterpräfekt — wie viele Stunden wars her? — den Advokaten fallen gelassen!
Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. Sie zuckten die Achseln.
„Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt das Volk.“
Der Savezzo stieß, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, über deren Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. Es stand in Pyramiden bis auf den Altar; es kniete, die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den Schultern; und in den verschränkten Händen eines jungen Mannes stand ein Mädchen, für das am Boden kein Platz mehr war.
„Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat!“ — und der Savezzo wollte die Arme schwingen; die aber, die er damit getroffen hatte, schlugen sie ihm herunter. Statt der Arme rollte er die Augen.
„Der Advokat ist gestürzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen lernen!“
„Laßt uns in Ruhe! Siehst du nicht, daß du uns trittst?“
„Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht!“ — und er hüpfte auf einem Fuß, um den andern aus der Enge herauszuziehen. „Meine Schuhe sind durchlöchert. Und hier!“
Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen Nägeln. Sie antworteten:
„Schon recht, die Schuhe und die Hände. Aber dein Gesicht gefällt uns nicht.“
Der Mann, der das Mädchen trug, sagte:
„Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.“
„Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten“, rief eine Frau; und eine andere:
„Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und das Volk.“
Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch die Arme gekreuzt, um Raum zu sparen für seine Nachbarn. Von dort oben sah er dem Savezzo in die Augen.
„Der Advokat liebt die Freiheit, das fühlt man. Ihr, Herr Savezzo, wollt bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten damit besiegen könntet, würdet Ihr vom Gipfel des Glockenturmes bis hinüber zum Rathaus auf einem Seil gehen.“
Alle murmelten Beifall. Aus einem großen Zahntuch sagte jemand:
„Der Advokat ist ein großer Mann.“
Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister, droben im Chor, hörte es.
„Ach ja, ich weiß wohl, daß das schön ist“, — und er dirigierte ganz leise, den Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen Lächeln.
„Und es ist so schön, dieses Graduale, weil ich es in jener Nacht erfunden habe, als Flora Garlinda so böse war und mich so unglücklich machte. Wie gut, daß ich jene schlimme Nacht gehabt habe! Damals zeigte sich, daß alles, was ich um sie gelitten hatte, in diesen ‚Fortschritt des geistlichen Lebens‘ paßte; und als er fertig war, da war ich sicher, ich hätte sie gewonnen, und vor Freude machte ich sogleich mein Halleluja.“
Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus. Das Herz ging ihm auf einmal heftig. „Mein Halleluja! Jetzt kommt es! Nur diese Minute noch leben!“ Und der Stock zitterte.
„Halleluja!“ sang Don Taddeo.
Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er langsam die Hand senkte, ergriff ein Lächeln fiebriger Seligkeit ihn unwiderstehlich . . . Da zuckte er auf. „Das Tenorhorn! Ich wußte es.“ Er war plötzlich weiß, wie der Pfeiler hinter ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus.
„Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr müßt falsch einsetzen.“
„Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben“, zischelte der Barbier Nonoggi über seine Klarinette hinweg, während der Schneider, dunkelrot, das Horn von sich stieß.
„Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhören? Ich tue Euch unrecht? Dann also“ — und der Kapellmeister sprang, die Arme erhoben, vom Podium, „nehmt doch Ihr den Stock, Ihr werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als ich.“
Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang versiegte. Die Orgel allein führte das Halleluja zu Ende, und nur noch Nina Zampieri ließ ein paar Harfentöne hineinfallen, wie Tropfen in ein Gewitter. Der Schneider hatte seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenüber. Dem Kapellmeister quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau an. Er griff sich an den Hals. Ganz heiser:
„Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau mit einem Tenor schläft.“
Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und der junge Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider zu halten. Der schöne Alfò hängte sich um seine Schenkel, — indes Nonoggi und der kleine alte Beamte Dotti in die Wendeltreppe flüchteten. Der Chor drängte gegen die Wände. Jemand rief: „Hilfe!“
„Was trampelt ihr dort oben?“ fragte man hinauf. „Was gibts?“
Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinüber.
„Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, und er hat es selbst geschrieben.“
„Man muß jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen anzuzünden.“
Don Taddeo ging zurück auf die linke Seite des Hochaltars. „Wie er gebückt geht!“ bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri setzte hinzu:
„Man würde glauben, er steige einen Berg hinauf.“
Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewühl, mit Augen übergroß und voll Kerzenschein, drückten die Mägde Fania und Nanà die kleinen schwarzen Hände vor die Brust.
„Siehst du das Kreuz? Er trägt das Kreuz. Er trägt für uns das Kreuz.“
Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen Grund der Apsis ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der kleinen Druso und Coccola schwangen höher, dichter ballte sich der Weihrauch, woraus die Stimme des Evangeliums erklang.
Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den Schneider hinunter. Er keuchte nach seiner Frau; aber sie saß dahinten im Haufen, er mußte in der Vorhalle bleiben. Man hörte noch seine ungleichen Schritte hin und her, man riet, was er habe, — da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen befreiten Brust, schwungvoll und voll Zuversicht.
„Das Kredo! Aber das ist glänzend!“
„Es ist aus der ‚Armen Tonietta‘“, behauptete Polli.
„Sieh nur den jungen Mann, ich hätte es ihm nicht zugetraut.“ Und da das Stück aus war, unterdrückt, mit Hälserecken:
„Bravo Maestro!“ — indes Don Taddeo sich, schillernd und funkelnd in seinem bestickten Gewand, demütiger über den Altar neigte und seine Hände höher hinauftasteten.
„Komm, heiliger Geist!“
Er wusch sich murmelnd die Hände. Sein Ruf:
„Orate, fratres!“
Ein jähes Aufschwellen des Chores:
„Sanctus! Sanctus! Sanctus!“
Und die bewegte Stille der Erwartung. Schnell flüsterten die Frauen noch miteinander, durch die Männer ging eine letzte Unruhe . . . Das Klingeln.
In einem großen Rauschen rutschte alles von Bänken, Mauerwerk und Stufen. Man hörte die Krücken der alten Nonoggi klappern, wie sie hinkniete. Frau Giocondi, die schnarchte, bekam von ihren Töchtern einen Stoß und tauchte eilig nieder. Alle Stirnen senkten sich tief, nun Don Taddeo das strahlende Gefäß erhob. Das kleine weiße Rund darin sah über alles Volk hin, wie des Gottes gebrochenes Auge, — und ihm zur Seite erloschen, in einer langen Stille, vor Müdigkeit und Gram die Augen des Priesters.
„Auch uns Sündern“, sagte er schwach; mit Anstrengung, die Arme, wie am Kreuz, weit offen gegen das Volk: „Pax Domini!“ — und indes alles sich räusperte, Stühle umherstieß und hinausdrängte, antwortete seinem Gebet der Chor:
„Sondern erlöse uns von dem Übel.“
Der Apotheker Acquistapace ward unter den ersten aus der Tür geschoben.
„Was hast du? Was gibts denn zu weinen?“ fragte Polli ihn. „Ah! wie sie schön das Agnus Dei spielen! Wie die Messe rührend und erbauend war! Ich bin so lange nicht in der Bude gewesen.“
Und da in einem Schub seine Frau erschien, umfaßte er sie und drückte ihr, links und rechts, zwei dicke Küsse auf. Sie hielt ganz still.
„Es handelt sich nicht darum“, sagte Polli. „Es handelt sich um den Advokaten. Wir müssen ihn holen.“
Er trat an Malagodi, den Seiler und Scarpetta hinan.
„Habe ich nicht recht, Ihr Herren? Dies ist die Stunde, Frieden zu schließen. Er ist besser für die Geschäfte, — und schließlich sind wir Menschen.“
„Eh! ich sage nicht nein“, erwiderten sie. „Denn wegen des Bürgerkrieges bleiben die Bauern aus, heute am Sonntag. Das trifft euch: gut; aber es trifft auch uns.“
Der Gevatter Achille sammelte auch den Bäcker Crepalini und seine Freunde vor dem Dom.
„Ah! ihr glaubt, der Advokat werde sich an euch rächen? Ihr kennt ihn nicht. Der Advokat ist ein Gentleman mit dem edelsten Herzen.“
„Ich verbürge mich für meinen Freund,“ sagte der Apotheker, „daß er Euch das Monopol erneuert.“
Dennoch kratzte der Bäcker sich den Kopf und verkroch sich sacht in den Haufen, der den Kapellmeister beglückwünschte. Er lehnte am Dom, drückte die heißen Handflächen gegen die Mauer und lächelte verstört. „Ich habe sie also erbaut“, dachte er. „Ich habe ihre Leidenschaften verklärt; sie fühlen Frieden. Ich aber mußte leiden, als ich meine Messe erfand, leiden für Flora Garlinda.“
Da er nichts sagte, schwand der Haufe. Der Kapellmeister lehnte noch immer und lächelte. Auf einmal streckte ihm, mit einem Gesicht voll glänzender Gnade, der Cavaliere Giordano die beringte Hand hin.
„Maestro, ich habe eine gute Nachricht für Sie: — gestern abend schon ist sie mir mit der Post gekommen; aber ich wollte den Erfolg Ihrer Messe abwarten, um Ihr Glück verdoppeln zu können. Maestro —“
Mit einer Geste, leicht und glücklich, als bewegte sie einen Zauberstab:
„— Sie sind zweiter Orchesterdirigent bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi und werden zur Herbstsaison nach Venedig gehen.“
Das Lächeln des Kapellmeisters erstarrte. Der Cavaliere Giordano winkte die nächsten zu Zeugen herbei.
„Wie? das ist eine wohlverdiente Auszeichnung. Denn unser Maestro Dorlenghi ist nicht nur ein Talent, er ist ein sympathisches Talent.“
Man stimmte bei. Frau Camuzzi stieß Frau Paradisi an:
„Ah! Signora Aida, noch soeben stellten wir fest, daß uns nie so fromme Gedanken gekommen sind, wie in der Messe des Maestro, und jetzt verläßt er uns.“
„Das ist zu natürlich“, sagte Flora Garlinda. Sie hatte auf einmal große blasse Halbkreise unter ihren Augen, die todernst blieben, obwohl sie die Lippen, wie zum Lächeln, von den Zähnen zog. Sie hob die schlaffe Hand des Kapellmeisters auf und schüttelte sie hart.
„Es war leicht vorauszusehen, daß er uns andere überholen werde. Ich, die Sie hinter sich lassen, empfehle mich Ihnen, Maestro. Sie müssen wissen, daß ich Ihnen geholfen habe. Denn ich habe von der Gesellschaft Mondi-Berlendi der kleinen Rina gesprochen: Sie erinnern sich, Maestro, Ihrer Geliebten, der Dienstmagd Rina, die Sie dem Cavaliere Giordano abgetreten haben.“
Man kicherte. Der alte Zecchini pruschte aus. Der Kapellmeister warf sich plötzlich herum; man sah seinen Nacken heftig zucken, während er sich auf der Mauer um die Ecke drückte. Der Cavaliere Giordano ging ihm mit ausgestreckten Händen nach.
„Mein lieber Dorlenghi, wie kann der Irrtum dieser braven Leute —. Ich versichere Sie, daß nur Ihr ungewöhnliches Talent —.“
„Lassen Sie, Cavaliere, es ist das unverdiente Glück, dem meine Nerven nicht widerstehen. Und bei alledem —“
Unvermittelt stieß er nach allen Seiten, er hielt sich die Stirn, er stöhnte wund.
„— habe ich Sie kompromittiert und in Gefahr gebracht: Sie, meinen Wohltäter!“
Der Cavaliere begann zu schnuppern.
„Wie denn, mein Lieber? Erklären Sie sich.“
Der Kapellmeister machte, die Fäuste an den Schläfen, fortwährend:
„O! O!“
Vom Platz kam ein Durcheinander von Rufen:
„Wir wollen Frieden! Wir wollen den Advokaten!“ — und immer wieder das Gebrüll des Savezzo:
„Wenn ihr ihn ruft, werde ich machen, daß ihr die ersten seid, die seine Rache spüren!“
Der Cavaliere Giordano sah sich unruhig um.
„Was habe ich zu fürchten? Sie müssen nun sprechen.“
„Der Schneider . . .“
Der Kapellmeister legte die Hand um den Mund und preßte die Worte zwischen den Fingern hervor:
„Ich war von Sinnen, ich wußte seine Beleidigungen nicht mehr zu erwidern . . . Da habe ich ihm gesagt, Sie betrögen ihn mit seiner Frau.“
Der alte Tenor lachte meckernd.
„Eh! und wenn es wahr wäre.“
„Aber der Schneider tobt, er wird Sie vielleicht umbringen.“ Die Miene des Alten fiel zusammen; er spreizte die Hand.
„Es ist nicht wahr! Ich schwöre, daß es nicht wahr ist. Möglich, daß ich es versucht habe. Ich leugne nicht, daß ich —“
„Wir wollen den Advokaten! Die Herren sollen ihn holen! Schweige, Intrigant!“
Der Kapellmeister und der Cavaliere Giordano irrten, die Hände gerungen, im Kreise umeinander her.
„Ah! diese jungen Leute“, jammerte der Alte. „Immer gleich ist der Kopf dahin. Die Leidenschaften! Das heiße Blut! Schöne Sache!“
„Was habe ich getan!“ stöhnte der Kapellmeister. Der Alte blieb stehen, sein Kopf wackelte vor Zorn.
„Aber Sie schuldeten mir Rücksicht für meine Wohltaten! Was Sie getan haben, ist niedrig und gemein!“
Gleich darauf, einknickend, zum Weinen verzogen:
„Er bringt mich um. Wohin verkrieche ich mich jetzt. Ah! ich wußte wohl, daß ich hier enden würde: in einer Stadt mit weniger als hunderttausend Einwohnern und umgeben von Geheimnis. Es ist jene verdammte Unsichtbare, die mich umbringen wird durch die Hand des Schneiders!“
Plötzlich lief er auf krummen Knien davon, in den Corso hinein, lief und kam nicht von der Stelle. Frau Camuzzi erschien an der Ecke.
„Cavaliere!“
Sie holte ihn ein; sie flüsterte:
„Nicht dorthin. Der Schneider ist auf dieser Seite.“
Da er stöhnend herumfuhr:
„Der Platz ist voller Leute: dort werden Sie am sichersten sein. Gut, daß Sie noch heute die Stadt verlassen.“
„Ich werde sie nie mehr verlassen.“
„Man muß Vorkehrungen treffen. Ich könnte Sie bei mir verstecken; aber da der Schneider Ihre Wohnung kennt —.“
„Retten Sie mich!“
Der Alte klammerte sich an ihren Arm. Sie wiegte nur den Kopf. Dem weiten, stürmischen Haufen, den, aus seinem Innern heraus, die Leidenschaften hin und her über den Platz schoben, entrangen sich Polli und Acquistapace.
„Alle sind einig; wir gehen zum Advokaten.“
Aber der Savezzo brach hervor:
„Umsonst! Er ist verhaftet, er geht auf die Galeere.“
Der Savezzo riß sich aus der Brust einen Packen schmutziger Papiere, machte den Finger naß:
„Das ist sein Geständnis! Er hat gestanden, daß er das Feuer gelegt hat.“
Die Menge wich zurück — und plötzlich stürzte sie vor.
„Laß sehen! Wo!“
„Es ist falsch!“ rief donnernd der Apotheker und griff mächtig zu. Er hielt das Papier in die Höhe. „Der Schurke hat es gefälscht. Da habt ihr den Schurken. Jetzt wißt ihr, wen ihr auf die Galeere schicken sollt.“
Er stellte die Hand gegen das Geheul des Volkes, stampfte mit dem Holzbein und schrie, daß ihm die Adern schwollen:
„Laßt ihn! Vergreift euch nicht! Ah! bewundert die Milde des Advokaten. Er verzeiht allen, die etwas gegen ihn unternommen haben: er verzeiht sogar diesem und gibt ihm sein Papier zurück.“
Und der Alte reichte es mit großer Geste dem Savezzo, der auf seine Nase schielte. Das Volk klatschte.
„Bravo! Hole den Advokaten!“
„Der Schneider“, sagte Frau Camuzzi, „hat vom Maestro nicht ihren Namen gehört, wie, Cavaliere? Nur, daß ein Tenor bei seiner Frau ist, weiß er. Aber ihr seid zwei Tenore hier. Schicken Sie den andern hin!“
Da er sie ansah:
„Ja, schicken Sie ihn, damit er Sie bei der Frau des Schneiders entschuldige. Er soll ihr eine Stunde geben statt Ihrer, er soll tun, was ihm gut scheint; — wir aber geben dem Schneider einen Wink. Ah! er wird nicht lange fragen, wie die Sachen liegen; er wird die Überlegung verlieren . . .“
„Aber das wäre ein Mord“, sagte der Cavaliere Giordano und zog sich einen Schritt zurück. Frau Camuzzi hob die Schultern. „Ich rate Ihnen, weil Sie es wünschen. Scheint es Ihnen nicht, daß hinter allen diesen Leuten, bei der Gasse der Hühnerlucia, der Schneider steht und herübersieht? Was er für Augen hat!“
„Hilfe! Ich will tun, wie Sie sagen.“
„Mut, Cavaliere! Ich gehe und versuche, ihn zu besänftigen . . . Ah! er ist fort. Wo war er denn? Aber Sie sind nun gewarnt.“
Der Kaufmann Mancafede stürzte hinter Acquistapace und Polli drein.
„Ihr werdet nicht ohne mich gehen! Bin ich nicht der treueste Parteigänger des Advokaten, der keinen Augenblick an ihm gezweifelt hat?“
Auch der Herr Giocondi wackelte herbei.
„Und ich? Denn, man muß gerecht sein, ohne meine Verhandlungen mit Don Taddeo wäre der Advokat niemals wieder an die Oberfläche gelangt.“
Sie erklärten ihm, seine diplomatischen Talente seien im Augenblick nötiger auf dem Platz, um das Volk in seiner guten Gesinnung zu erhalten.
Vor der Treppengasse warf sich ihnen noch einmal der Savezzo in den Weg. Er schlug blindlings sich selbst mit den Fäusten, und wie er sprechen wollte, spritzte es.
„Feiglinge! Elende Feiglinge!“ heulte er. „Doppelte Verräter, die abfallen in der Gefahr und, wenn sichs wendet, wieder herbeikriechen. Ich: ah! ich gehe unter. Aber ich gehe unter, indem ich euch verachte.“
Mit einem Schlag auf seine Brust, daß sie dröhnte, machte er kehrt.
Sie stiegen schweigend . . . Der Kaufmann wandte sich zum Apotheker:
„Du hättest ihm antworten sollen. Warum hast du ihn nicht niedergeschlagen?“
Nach einer Weile seufzte Polli:
„Es scheint, daß wir den Kopf verloren und manches geredet haben, was wir trotzdem niemals getan haben würden. Ich wenigstens darf von mir sagen, daß ich auch in der Not zum Advokaten gehalten hätte.“
Der Apotheker blieb stumm und ließ den Kopf gesenkt.
„. . . Im Zimmer des Advokaten steht seine Nichte am Fenster“, bemerkte Mancafede. Der Tabakhändler meinte:
„Er wird Trost gesucht haben im Schoß der Familie. Sogleich aber soll er sehen, daß es auch noch Freunde gibt.“
Und schon von weitem begann er hinaufzupfeifen. Die junge Amelia wandte sich ins Zimmer zurück.
„Advokat, da kommen drei Herren!“
Der Advokat zuckte im Bett mit den Schultern. Er behielt die Augen geschlossen. Die Witwe Pastecaldi sah hinaus.
„Gottlob, es sind Freunde.“
„Was denn, Freunde,“ — und Galileo Belotti zog die Brauen bis unter die Haare hinauf. „Es gibt keine Freunde mehr. Sie werden dem Advokaten sagen wollen, daß er auf die Galeere kommt.“
„Du bist gottlos. Siehst du nicht, daß der Advokat krank ist? Du würdest besser tun, auf den Platz zu gehen, zu den anderen häßlichen Leuten. Würde er nicht besser tun, Doktor?“
Der Doktor Capitani, der das Nachtgeschirr des Advokaten untersuchte, stimmte zu.
„Du würdest besser tun, du würdest besser tun, pappappapp. Aber wenn der Platz langweilig ist ohne den Advokaten.“
Und Galileo kugelte polternd durchs Zimmer.
„Galileo!“ rief, gleich unter dem Hause, die Stimme des Tabakhändlers. „Sage dem Advokaten, daß wir gekommen sind, um ihn zu verhaften.“
Die Witwe Pastecaldi stieß, die Faust an der Wange, einen Schrei aus, wie ein kleines Mädchen.
„Was habe ich gesagt“, — und Galileo streckte die Brust heraus. Der Advokat tat einen Ruck; rasch stützte der Doktor ihn.
„Auch das härteste Geschick wird mich stark finden“, sagte der Advokat und beschrieb mit der Hand einen Bogen, der zitterte. „Aber ich fühle mich nicht verloren; denn —“
Er fand Stimme:
„— ich glaube an die Gerechtigkeit des Volkes.“
Da flog die Tür auf. Polli rief herein:
„Guten Tag die Gesellschaft. Ist der große Mann zu Hause?“ Aber sogleich verstummte er und machte einen Schritt rückwärts.
„Signora Artemisia,“ flüsterte der Apotheker, „was gibts? Der Advokat sieht uns nicht an, geht es ihm sehr schlecht?“
Da sie nur die gefalteten Hände erhob:
„Dann müssen wir dem Volk wohl sagen, daß es ihn nicht haben kann. Denn das Volk will ihn wieder haben.“
„Wie? Wollt ihr ihn nicht verhaften?“ fragte Galileo.
„Was denn! Versteht Ihr nicht, daß das ein Scherz war?“ sagte Polli. „Das Volk ruft dich, Advokat.“
„Da bin ich“, sagte der Advokat und zog die Beine unter der Decke hervor. Er schob den Doktor fort, — aber dann saß er in seinen Unterhosen auf dem Bettrand und konnte nicht weiter. Seine Schwester stürzte herbei.
„Du wirst dich ruinieren, Advokat. Der Ruhm bringt dich um.“
„Was, Ruhm!“ — und Galileo erklärte den Herren:
„Er hat zu viele warme Bäder genommen, der Advokat. Immer gerade, wenn man essen will, braucht er die ganze Küche für sein heißes Wasser. Und dann, versteht sich, sieht man in seinem Bureau seit vier Wochen nichts anderes mehr, als Unterröcke . . .“
Die Schwester jammerte auf.
„Ich habe es dir immer gesagt, Advokat, wenn du an der Macht wärest, könntest du den Frauen nichts abschlagen und sie würden dich ruinieren. Jetzt ist es geschehen.“
„Denn der Advokat“, schloß Galileo, „hat heute morgen in der Badewanne einen Schlaganfall gehabt.“
Der Advokat war plötzlich auf den Füßen, er klopfte die Luft mit dem Handrücken.
„Was für Albernheiten! Einen Schlaganfall, ein Mann wie ich! Sagen Sie den Herren, Doktor, daß ich ganz gesund bin!“
„Es war nur ein wenig Schwäche“, entschied der Doktor; „denn, Advokat, es sieht ganz so aus, als hätten Sie wieder mehr Zucker verloren!“
Der Apotheker kam, schwer stelzend, herbei; er nahm die Hand des Advokaten.
„Mein armer Freund, du hast gelitten. Wir, das Volk, haben dir Leiden verursacht. Jetzt aber wollen wir dich wieder haben und dir danken. Komm!“
„Ich komme, es geht schon besser. Meine Kleider! Ah! das Volk ruft mich. Sie, Doktor, wollen mich krank; aber das Volk will mich gesund, und es ist stärker als Sie, ich bin gesund.“
Er umarmte den Freund, die Schwester und den Arzt.
„Ihr Gesicht ist schon weniger grau,“ sagte der Doktor Capitani, „Ihre Augen haben schon Glanz. Ich lasse Sie also dem Volk, — wenn Sie mir versprechen, daß Sie in Zukunft nehmen wollen, was ich Ihnen gebe.“
„Mehr als das! Ich nehme auch, was Sie mir nicht geben!“ — und der Advokat tätschelte ihm den Bauch, er küßte ihn schallend auf die breiten blonden Backen.
„Wie Sie sympathisch sind, Doktor! Ah! wie wir alle glücklich sind. Ich habe wohl gewußt, es werde so kommen. Nie habe ich den Glauben verloren an die Gerechtigkeit des Volkes.“
„Nicht diese Hose!“ rief Polli. „Es ist ein großer Tag; der Advokat muß gekleidet sein, wie zu seiner Hochzeit.“
„Wo hast du die neue?“ fragte die Witwe Pastecaldi. „Sieh doch Galileo: er hat sie gefunden.“
Galileo polterte:
„Wenn einer die Sachen des Advokaten kennt, bin ich es.“
Die Schwester band dem Advokaten die Krawatte. Mancafede äußerte:
„Als ich sie dir verkauft habe, wer uns da gesagt hätte, du würdest sie auf einem solchen Feste tragen. Denn wir haben alle besiegt. Don Taddeo hat uns um Gnade gebeten.“
„Es ist nicht wahr“, sagte der Apotheker. „Er hat uns alle zum Frieden ermahnt. Gott hat ihn vernünftig gemacht: so hat er nun eingesehen, Advokat, daß du ein Mann von großem Verdienst bist.“
„Und daß auch er einer ist,“ sagte der Advokat, „das weiß ich seit heute nacht.“
Er ließ sich vom Doktor den Rock anziehen und griff nach dem Hut.
„Gehen wir! Artemisia, komm!“
Sie betastete ihr ländliches Mieder.
„Wie kann ich. Das Volk wird dich auslachen, wenn es mich bei dir sieht.“
Er antwortete:
„Sei ruhig, das Volk wird nicht verlangen, daß ich etwas anderes sei, als es selbst.“
„Der Advokat auf die Galeere?“ sagte am Fenster aus ihrem weißen Mullkleid die junge Amelia, die Augen weit verdreht. Man mußte ihr einen Stoß geben.
Wie sie aus dem Hause traten, ging gerade ein Schuß los, und drunten schrie das Volk auf.
„Beim Bacchus“, sagte Polli. „Sie haben auch die Kanone aus dem Rathaus geholt.“
„Wenn sie nur kein Unglück anrichten“, sagte der Advokat. „Ich werde nachsehen müssen.“
„Eh!“ machte der Apotheker, „glaubst du, es sei nichts Wichtigeres zu tun? Don Taddeo will dir den Schlüssel zum Eimer geben.“
Da der Advokat mit offenem Munde stehen blieb, äußerte Mancafede:
„Du siehst, daß er Furcht vor uns hat.“
Der Advokat erlangte Worte:
„Wie? Das Gericht hat ihm den Eimer zugesprochen, und er will —. Das ist ja ein Dummkopf!“
Sein Lachen brach ab, er ging weiter.
„Ich wollte sagen, daß ich das nicht getan haben würde. Man sieht, daß Don Taddeo eine erlesene Seele hat.“
Bis zur Ecke sprach er nicht mehr, — und da öffnete drunten sich der Platz, summend und schwarz, und schon stürmten ausgestreckte Hände herauf, und Schreie knatterten:
„Da ist er! Da ist der Advokat! Es lebe der Advokat!“
Er hielt an auf dem letzten Absatz der Treppe; die Seinen zogen sich einige Stufen zurück; und in weitem Bogen senkte er den Hut vor dem Volk, das ihn begrüßte. Der Schatten des Rathauses fiel über ihn, über sein Gesicht, das er zurücklehnte, — und dennoch sah man breite Sonne darauf. Ja, sie dehnte die Muskeln im Gesicht des Advokaten, verklärte die gegerbte Haut, machte alle Runzeln hüpfen und sandte weithin einen Schein aus.
„Nie hat man den Advokaten so gesehen“, riefen die Frauen. „Er ist schön!“
Die Männer sagten einander:
„Wir sollten den Advokaten wirklich ins Parlament schicken, damit sie in der Hauptstadt sehen, welch einen großen Mann wir haben.“
„Meine lieben Freunde“, sagte der Advokat erstickt und schüttelte Hände. Der Apotheker drang vor: „Platz, Ihr Herren!“ und vom Dom her bahnte der Leutnant Cantinelli die Gasse. Wie der Advokat hineinging, sah er drüben einen andern sie betreten: Don Taddeo! Und über den Dom herab hing die päpstliche Fahne! Da fing auf dem Turm die Glocke an zu läuten, und sogleich dröhnte auf der andern Seite ein Schuß. Der Advokat fuhr herum: vom Rathaus flatterte die Trikolore. „Es lebe der Advokat!“
Sie ließen ihn nicht weiter, bevor nicht jede Hand geschüttelt war; und er, bleich vor Glück, erkannte kaum noch die Gesichter. Plötzlich:
„Camuzzi! Ah!“
Mit einem Blick auf die Trikolore:
„Mein lieber Freund Camuzzi!“
„Den Hymnus an Garibaldi!“ schrie der Apotheker. Denn vor seinem Hause, hinter dem Wogen des Volkes blitzten die Musikinstrumente. Darüber schwenkte, auf einem Stuhl, der Gevatter Achille seine Fahne.
„Den Hymnus an Garibaldi!“ wiederholte das Volk. Der Unterpräfekt, Herr Fiorio, konnte gerade noch dem Maestro in den Arm fallen. Er beschwor ihn um den Königsmarsch.
Der Marsch sprengte daher, man klatschte; der Advokat entriß sich dem Volk; er sah auf sich zu den großen rostigen Schlüssel kommen, den Don Taddeo mit beiden Händen vor sich hinhielt. Don Taddeo war bleich, als sei er tot; seine scharf roten Augen wichen nie von dem Advokaten. Wenn eine Frau sich nach seiner Soutane bückte, um sie zu küssen, tat er eine rasche Wendung, sonst aber hielt er, obwohl alle von ihm die Hände ließen, seine Schritte lange zurück, als wollte er diesen Gang verlängern, immer noch verlängern . . . Der Advokat streckte plötzlich beide Hände aus und begann zu eilen. Er hatte eine achtungsvolle Miene, und fast lief er. So trafen sie sich, noch ehe Don Taddeo beim Brunnen war. Er hielt den Schlüssel weiter von sich, der Advokat nahm ihn mit einem Kratzfuß. Dann zogen sie sich leise voneinander zurück. Das Volk wartete, verstummt. Der Advokat hüstelte, und Don Taddeo sah zu Boden. Auf einmal hatte er mit einem Lächeln die Augen aufgeschlagen und der Advokat die Arme ausgebreitet. Der Beifall des Volkes umstürmte sie, wie sie einander auf der Brust lagen. Am Dom klatschte die Fahne des Papstes, gelb und rot gleißend, in ihre schweren Falten. Der Gevatter Achille warf über dem Gewimmel sein weiß-rot-grünes Tuch rasend hin und her durch die blaue Luft. Pipistrelli zog nun beide Glocken, er ließ sie tanzen. Die Musik setzte sich in Bewegung, im Eilschritt blies sie ihr Stück, wie einen berauschenden Wind, um den Platz; — und da ging zum drittenmal die Kanone los. Don Taddeo und der Advokat hielten sich an den Händen; „Es lebe der Advokat! Es lebe Don Taddeo!“ — und indes jeder sich nach seiner Seite verneigte, gaben in der Mitte ihre Hände sich manchmal einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab: gerade wie man es in der „Armen Tonietta“ an der Primadonna und dem Tenor gesehen hatte.
„Es lebe Don Taddeo!“
Die Frauen brachen die Scheu, sie warfen sich über ihn, er bekam schallende Küsse auf die Wangen, stand da mit einem Fleck Röte unter den Augen und einem flüchtenden Lächeln.
„Es lebe der Advokat!“
„Meine lieben Freunde! Da ist der Schlüssel zum Eimer!“ — und er reckte sich hinauf. „Wir haben ihn zurück; jetzt werden wir den Komödianten den Eimer zeigen!“
„Wir werden den Komödianten den Eimer zeigen!“ rief das Volk. Der Advokat drückte den Finger auf den Mund, er schielte nach Don Taddeo. Aber Don Taddeo erklärte hastig, mit Spreizen und Einziehen der Hand, die Komödianten sollten nur kommen, er wolle mitgehen.
„Wie, Reverendo?“ — und der Advokat lüftete mehrmals nacheinander den Hut.
„Welch Heiliger!“ sagte das Volk, indes Gaddi und der Cavaliere Giordano herbeigeschoben wurden. Der Advokat stellte sie dem Priester vor.
„Der Cavaliere ist ein über den Erdkreis hin berühmter Mann, dem die Menschheit für hohe Dinge verpflichtet ist. Der Herr Gaddi aber hat heute nacht an der Spritze gearbeitet wie einer von uns. Sie freilich, Reverendo, der Sie mehr getan haben als alle —“
„Große Sünden“, sagte Don Taddeo rasch und preßte die Hand auf die Brust, „verlangen große Tugenden; und was ich erkannt habe, ist, daß unsere Verdienste eins sind mit unserer Schuld.“
„Ich bin Ihrer Meinung“, sagte der Advokat. „Wir werden immer nur tun können, was wir schulden, und das wenige Gute, das mir zu vollbringen erlaubt ist —“
Mit einem Bogen des Armes:
„— das kommt mir vom Volk.“
Es ward geklatscht, — und ein langer Schub beförderte die beiden samt ihren getragenen Mienen bis vor die Tür des Turmes. Keiner wollte vorangehen; sie drehten einander rundum und wurden drehend hineingestoßen. Die Menge quoll nach. Über die Stufen zum Dom schwemmte eine Welle Volkes. Ihr entstieg der Savezzo und drückte sich unbemerkt unter die Matratze. Er schlich durch die Vorhalle. Aus all den leeren Bänken dahinten erhob sich ein einziges, dämmerweißes Gesicht.
„Sie hier, Herr Savezzo?“ fragte Frau Camuzzi.
„Da Sie mir ein Zeichen gegeben haben —.“
„Ich, ein Zeichen?“
Die Stimmen klappten von den Pfeilern zurück; Frau Camuzzi flüsterte:
„Sie irren sich . . . Aber Sie sind im Mantel, und Sie tragen ein Bündel?“
„Ja. Denn ich gehe; ich verlasse den Schauplatz meiner Niederlage. Lieber in der Fremde einen neuen Kampf beginnen, als hier den frechen Triumph des alten Feindes erleiden.“
Gedämpfter Jubel drang in die Stille.
„Hören Sie?“ — und er knirschte. Er warf seinen Hut auf den Boden.
„Heben Sie ihn auf,“ sagte Frau Camuzzi, „wir sind in der Kirche. Da Gott selbst für den Advokaten ist, werden Sie die Dinge nicht ändern.“
„Ich werde sie ändern, — nachdem ich draußen gesiegt habe und groß geworden bin.“
„Ich“, sagte Frau Camuzzi und seufzte still, „habe einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. So muß ich wohl in der Stadt mein Leben enden und warten, ob es den Heiligen gefällt, mich zu erhören.“
„Ich stürze mich in die große Welt! Welch andere Interessen und Leidenschaften!“
„Glauben Sie?“ — ganz sanft den Kopf geneigt.
„Man wird von mir hören. Nachdem ich in der Hauptstadt ein großer Journalist geworden bin, den alle fürchten, kehre ich zurück, und der Advokat wird dann sehen, wen man ins Parlament schickt. Ah! wie ich aufräumen will in der Stadt. Zu welchem Brei ich die herrschenden Familien zerstampfe! Ich sehe den Platz mit bankerotten Leichen bedeckt.“
Er schielte schwarz, und das Knirschen verrenkte seinen Mund. Draußen heulte es auf:
„Zurück! Um Gottes Liebe! Man erstickt!“
Die beiden sahen sich an.
„Es scheint,“ sagte langsam Frau Camuzzi, „daß der Turm, der ein wenig eng ist für solch großes Fest der allgemeinen Versöhnung, Ihnen die Mühe abnimmt, Herr Savezzo, und alle umbringt.“
Ihre Mundwinkel zitterten; durch ihre Augen strich ein Blitz, aber sie deckte sogleich die Lider darüber. Nach einer Weile:
„Sie fahren also mit den Komödianten in der Post?“
Er breitete die Flügel seines Mantels aus.
„Ich gehe zu Fuß, wie es sich für einen harten und armen Eroberer schickt, und in denselben Schuhen, die eine feindliche Menge mir zerrissen hat.“
„Dann wird es Ihnen um so leichter sein, unterwegs jemandem ein Wort zu sagen . . . Der Alba Nardini in Villascura: Sie sagen ihr, der Tenor werde sie warten lassen, er sei aufgehalten bei der Frau des Schneiders Chiaralunzi.“
Er schloß seinen Mantel über den Armen, die er kreuzte. Forschend von unten:
„Wie haben Sie das gemacht?“
„Die Heiligen! Das taten die Heiligen . . . Vielleicht war es mein Gebet, das sie bewog? Gleichviel, es handelt sich um die Interessen des Himmels, dessen Braut die arme Alba ist, — und sollen nicht, nun alle zur Eintracht bekehrt sind, auch wir ein wenig Gutes tun?“
„So hat dieser eine Tenor Sie tiefer gekränkt, als mich die ganze Stadt?“
Da er einen schwarzen Blick bekam:
„O lassen Sie! Ich weiß nichts, und ich tue, wie Sie wollen. Was daraus entsteht, kümmert es mich? Ich bin ein Fremder, der vorübergeht und ein Wort fallen läßt. Könnte davon die Stadt zusammenstürzen!“
Er warf den Zipfel seines Mantels um sich her, daß er über die andere Schulter wieder zurückflog.
„Auf Wiedersehen, wenn ich Sieger bin!“
Und er ging davon, mit Schritten, die wüst hallten. Wie hinter ihm die Matratze fiel, hob Frau Camuzzi leise die Schultern.
Draußen brach Geschrei aus:
„Der Savezzo!“
Der Überschuß von Volk, den der Turm zurückspie, umdrängte die Stufen zum Dom.
„Seht den häßlichen Affen! Es scheint, daß er es ist, der uns in den Bürgerkrieg gehetzt hat. Sollte er nicht auch das Gasthaus angezündet haben? Ergreift ihn doch!“
Der Savezzo grub das Kinn in den Mantel. Den Hut über den Augen, die Schultern nach vorn geworfen, sprang er polternd hinab, brach hindurch, stampfte von dannen.
„Hohoho!“ machten die Fortgeschleuderten und rieben sich. Der Savezzo verschwand in der Rathausgasse. Eine Frau sagte:
„Auch er will leben, der Arme; und wer weiß, auf welche harte Reise er geht.“
„Da kommt das Fräulein Italia. Beeilen Sie sich, Fräulein, der Advokat zeigt euch Komödianten den Eimer. Warum sind Sie nicht früher gekommen?“
Italia hatte ihr Kleid ausbessern müssen; alle anderen waren ihr durch Feuer und Wasser verdorben.
„Wie?“ riefen Frau Druso und die Magd Pomponia, „so werden Sie die Stadt ärmer verlassen, als Sie gekommen sind? Kann man es dulden, Signora Aida?“
„Platz für das Fräulein Italia!“ — und der dicke alte Corvi nahm sie bei der Hand, er zwängte sich mit ihr in den Turm. Sein Bauch schob links und rechts die Leute an die Wand; und auf jeder Stufe hieß es:
„Ah! das Fräulein Italia. Sie ist gerade noch entwischt, dank Don Taddeo . . . Es freut mich so sehr, Sie gesund zu sehen, Fräulein . . . Er ist droben, Don Taddeo, im Zimmer des Eimers. Der Advokat hat schon nach Ihnen gefragt.“
Man hörte ihn sprechen. Wie Italia auf der Schwelle erschien, brach er ab.
„Treten Sie ein, Fräulein! der Eimer erwartet Sie, er hat dreihundert Jahre auf diese Stunde gewartet. Sehen Sie ihn an, Fräulein, sehen Sie ihn gut an!“
Italia sah hinauf, wo er hing; es waren morsche kleine Bretter, die auseinanderklafften und durch eiserne Ringe vor dem Herabfallen behütet wurden; — und dann suchte sie, zweifelnd, die Gesichter der andern. Don Taddeo blickte, die Hände zusammengelegt, durch das Fenster starr ins Leere. Flora Garlinda verzog den Mund, und der Cavaliere Giordano hatte einen Taschenspiegel hervorgeholt. Hinter der Menge sah sie Nello Gennari sich heimlich wälzen, wie ein Junge; Gaddi mußte ihn halten; da wagte Italia es.
„Mit dem Eimer könnte man kein Wasser schöpfen“, sagte sie.
„Aber eine Lehre läßt sich damit schöpfen“, erwiderte der Advokat pünktlich. „Dieser Eimer, ein so armes, verbrauchtes Ding er scheinen mag, lehrt uns dennoch“, — und der Advokat erhob die Stimme, „den Glauben an den menschlichen Fortschritt!“
Er bewegte die gerundeten Arme, als zöge er alle herein, die über die Schwelle des vollgestopften Gelasses die Hälse reckten.
„Denn als wir ihn zum erstenmal eroberten, da war es ein großer, grausamer Krieg, in dem die von Adorna so viel Blut lassen mußten, daß man den Eimer damit füllen konnte. Jetzt aber: niemand ist unterlegen. Wir alle bleiben Sieger, da jeder sich selbst besiegt hat und jeder entschlossen ist, nur noch im Wettstreit des Guten mit dem andern zu kämpfen!“
Er ließ, mit glänzendem Lächeln, den Beifall verrauschen.
„Sie aber, Fräulein Italia, umarmen Sie Ihren Retter, wie wir alle ihn umarmen; denn er rettete nicht nur Sie.“
„Wo ist Don Taddeo?“
Vergebens durchwühlte sich die Menge. Auf der Treppe rief jemand:
„Er ist drunten auf dem Platz!“
Gerade zog er, ganz oben, den Riegel von der Tür zur Plattform. Er huschte hinaus, er hielt mit beiden Händen die Tür zu, er zitterte vor jäher Auflehnung: „Geht! Warum quält ihr mich noch! Ists nicht genug, was ich euch geopfert habe?“
Niemand hörte ihn. Der Advokat gelangte, von einer Welle Volkes hinabgeschwemmt, auf den Platz. Er verlor, sooft er auch stolperte, sein seliges Lächeln nie, und den Schlüssel zum Eimer reckte er immer hoch aus dem Schwall.
„Der Advokat soll ihn um den Hals hängen!“ verlangte das Volk; und man suchte nach einer Schnur.
„Das Band, das du im Haar hast, würde passen“, sagte der Doktor Capitani zu seiner Frau. Sie nahm es, mit hochroten Wangen, vom Kopf und zog es durch den Schlüssel. Als sie es ihm um den Hals knüpfte, sagte der Advokat:
„Man weiß, wie ich denke: all unser Ruhm wäre umsonst, ohne den Lohn der Frauen!“
Die Frauen klatschten. Der Advokat küßte der Jole Capitani die Hand; im Lärm flüsterte er ihr zu:
„Deine Liebe hat mich aufrecht erhalten.“
Und er glaubte es, — so gut er auch wußte, daß heute nacht, als alle ihn verleugnet hatten, die Geliebte nicht stärker gewesen war als alle. Er drückte die Hände, wie sie kamen; und wo er sie zaudern sah, als hielte ein befangenes Gewissen sie auf, da zog er sie an sich.
„Eh! Scarpetta, die Lieferungen für das Rathaus sind heute nacht nicht mitverbrannt . . . Wie denn, Malagodi! das sind menschliche Irrungen, und im Grunde haben wir nie vergessen, daß wir zueinander gehören . . . Man sagt mir, Crepalini, Ihr fürchtet für Euren Vertrag? Welch seltsame Einbildung. Dagegen bitte ich Euch, wenn die Komödianten wiederkommen, um einen bescheidenen Platz in Eurer Loge, denn die mein war, wird dann Euer sein.“
Da er an den Apotheker geriet:
„Und du, Freund Romolo? Diese Freudentränen, man darf es sagen, haben wir uns verdient.“
Sie umarmten sich. Der alte Krieger stammelte am Hals des Freundes:
„Ich kann in die Hölle kommen; aber das eine weiß ich: aufhängen werde ich mich niemals mehr, — da ich es heute früh nicht getan habe.“
Der Advokat drückte ihn fester; — wie er aber dann das Schnupftuch zog, hatte er plötzlich ein paar andere Arme um den Hals, und noch eins und noch eins. Billiger Puder stäubte ihn in die Nase, Federn kitzelten ihn; grelle kleine Stimmen, mehlweiße Stumpfnasen und bunte Fähnchen, alles wirbelte um ihn her.
„Du bist der schönste Mann der Stadt, Advokat, mit deinem Schlüssel am blauen Band . . . Wie glücklich bin ich, daß Sie wieder gesund sind . . . Nie werden wir unsern Direktor vergessen . . . Keiner mehr gibt uns solche Vorschüsse . . .“
Der Advokat sträubte sich, er lugte nach Jole Capitani umher. „Seid gut, Kinder“, murmelte er. Die kleinen Choristinnen lachten auf, alle auf einmal, und entflatterten. Die jungen Leute in großen Hüten und bunten Halstüchern fingen sie ein.
„Alle hierher!“ rief es vom Café „zum Fortschritt.“ „Die Herren zahlen.“
„Auch hier wird bezahlt!“ schrie beim Café „zum heiligen Agapitus“ der Bäcker. Er setzte hinzu:
„Aber nur ein Glas, und du warst schon einmal hier.“
Es strömte rascher über den Platz. Alle Gesichter waren heller, alle Stimmen lauter. Mama Paradisi und ihre Töchter, Frau Camuzzi, die Damen Giocondi kehrten frisch gepudert aus ihren Häusern zurück. Man sagte:
„Niemand würde glauben, daß wir die ganze Nacht auf den Beinen waren.“
„Welch schöne Sache: die Eintracht und die Freigebigkeit!“ verkündete der Herr Giocondi. „Sogar der Herr Salvatori hat seinen Arbeitern den Lohn erhöht.“
„Ich denke nicht daran!“ rief der Herr Salvatori. „Der Herr Giocondi will mich hineinlegen, weil seine Fabrik jetzt mir gehört.“
Aber es nützte ihm nichts; schon war er umringt, seine Arbeiter waren herbeigeholt, und er ward beglückwünscht und gerühmt, bis er vor Stolz weinte und den Arbeitern auch noch Wein gab.
„Und seit zwanzig Jahren nennt man ihn einen Geizhals“, sagte Frau Camuzzi, sanft zischelnd. „Wie viele Vorurteile müssen wir ablegen, arme Unwissende, die wir sind. Ich meinesteils halte eine Komödiantin für meinesgleichen.“
Sie umarmte Italia, und man klatschte. Die Mägde Fania und Nanà riefen umher, daß der armen Komödiantin alle Kleider verbrannt seien. Ringsum wallte es auf vor Mitleid; Frau Nonoggi war sogleich mit einer Winterjacke da, Frau Acquistapace mit einem Rock: „Möge er Euch Glück bringen, ich habe ihn öfter in der Kirche getragen als im Theater;“ — und Mama Paradisi zog schon die Nadeln aus ihrem neuen Riesenhut. Ihre Hände zitterten dabei, aber obwohl man Einspruch erhob, er sei der Stolz der Stadt, beharrte sie bei ihrem Opfer: Italia mußte ihr erst weinend in den Arm fallen.
„Wie wir alle gut sind!“ sagte Frau Camuzzi.
„He! Freund Giovaccone!“ — und der Gevatter Achille wühlte sich hindurch. „Ich habe wohl gesehen, daß der Dummkopf von Savezzo dir einen Strega-Likör ausgeschüttet hat, und kann mir denken, daß es deine einzige Flasche war. In einem Geschäft wie meinem gibt es mehr davon; da hast du eine, ich helfe dir aus. Man muß vernünftig sein, die Stadt wird uns beide nähren.“
„Alle glücklich!“ — und der Herr Giocondi kniff seine Frau in die Wange, so daß sie müde lächelte. „Unsere Töchter werden Männer bekommen, denn in meiner denkwürdigen Unterredung mit Don Taddeo hat er mir versprochen, euch welche zu verschaffen. He, was sagt ihr zu eurem Vater, der an nichts denkt als nur an euch?“
Er machte den Mund spitz, und Cesira warf sich unter erstickten Jubelschreien mit den Lippen darauf. Die Augen der entlobten Rosina wurden blank und weich; sie dachte:
„Sollte es dennoch ein Glück geben?“
„Das alles ist so schön, weil wir glücklich sind, Alba und ich“, sagte Nello sich und ging, allein und unermüdlich, hin und her durch das besonnte Volk. Wie alles schwebte, wie alles traumhaft leicht war! Man wünschte, und es war da. „Ich wußte nicht, wo ich mich verstecken sollte, wenn die andern fortziehen: da spricht mir der Cavaliere von dem Schneider! Es ist, als habe Gott ihn geschickt, oder als komme er von Alba selbst. Aber ich wußte wohl, die Menschen könnten nicht böse bleiben, wie sie heute nacht waren; sie müßten glücklich werden wie wir. Nun wollen alle mir wohl . . .“
Und er schickte dankbare Blicke zu den beiden Fräulein Paradisi, die sich früher seinetwegen geschlagen, in dieser Nacht aber tobend auf ihn eingeschrien hatten und die jetzt für ihn ihre Fächer spielen ließen. Nina Zampieri hängte sich, wenn sie an Nello vorbeikam, fester in den Arm ihres Verlobten, des jungen Mandolini, und sie schlug die Augen nieder, als erinnerte sie sich an den Beifall, den sie in der Nacht dem Sturz des jungen Sängers geklatscht hatte, wie an eine unkeusche Handlung.
Überall aber war der Barbier Bonometti, starrte aus seinem großen Zahntuch jeden stolz an und rief:
„Der Advokat ist ein großer Mann!“
Dann sahen viele weg oder verschwanden. Nello Gennari hielt ihn an.
„Ihr habt recht behalten, Herr Bonometti, und die Euch mißhandelt haben, fürchten Euch jetzt. Aber da alle sich versöhnen, solltet nicht auch Ihr sie lieber schonen?“
Nello lächelte zärtlich, er dachte: „Welch schöner Gedanke!
Habe ich selbst ihn gefunden? Es ist Alba, die durch mich denkt: es ist Alba!“ Er setzte noch hinzu:
„Auch werdet Ihr dem Advokaten damit nützen.“
„Wer recht hat, sind Sie!“ — und Bonometti riß sich das Tuch ab, er warf es in die Luft.
„Es lebe der Advokat!“
Da riefen alle mit, und der Advokat machte Kratzfüße. Plötzlich stürzte er sich auf die beiden Fräulein Pernici, die nicht mitriefen und die lange Mienen hatten.
„Wie? Es gibt noch Mitbürgerinnen, die nicht zufrieden sind? Ich weiß, meine Damen, Sie haben Schaden erlitten. Ich könnte Ihnen erwidern, daß Sie nicht nötig hatten, mit Ihren Federhüten auf dem Arm sich ins Gedränge zu begeben; aber ich werde es nicht erwidern. Die Furcht verdunkelte in Ihren, wie in unser aller Köpfen das Bild der Tatsachen. Auch war keine Dampfspritze da. Das ist die Wahrheit, die ich niemals leugnen werde: es war keine Dampfspritze da. Und darum, o meine Damen —“
Er bewegte den Arm über den Kreis der Zuhörer.
„— da Don Taddeo dem Malandrini sein Haus bezahlt: die Frauen nennen mich ihren Freund, sie sollen sich nicht geirrt haben: ich bezahle Ihnen Ihren Putz.“
Alle Hände rasten, — und der Advokat, die Brust gewölbt unter dem großen rostigen Schlüssel, suchte weiter.
„Gaddi!“ — mit weit ausgestreckten Händen. „Sie, der Sie heute nacht an Bürgertugend uns alle übertroffen haben, wollen Sie uns denn wirklich verlassen? Wir verlieren Sie, Freund, mit Schmerz.“
Es sei nun so, erwiderte der Bariton, was solle man machen.
„Eh! und wenn wir Sie dabehielten? Ich will mit unserm Gemeindesekretär sprechen; er ist mein lieber Freund, ich bin sicher, daß er Ihnen in einem unserer Bureaus einen Posten als Vorstand gibt. Sie sind ein Familienvater, Gaddi, ein tüchtiger Mann. Wie? kein Umherziehen mehr, keine Sorgen!“
Gaddi sagte:
„Die Sache verdient, überlegt zu werden . . . Und doch, nein. Ich danke Ihnen, Herr Advokat. Man stiege nicht länger in Lokalzüge, und die Zukunft wäre sicher, wohl wahr. Aber hätte man noch solche Freunde? — und würde man noch wie jetzt, so mittelmäßig man immer singen mag, zuweilen die großen Dinge fühlen, die das Leben hat?“
„Eh! auch andere fühlen sie . . . Sie wollen nicht? Es ist schade, denn Sie wären wert, einer der Unseren zu sein.“
Und da er den Cavaliere Giordano gewahrte:
„Sie wenigstens, Cavaliere, werden uns bleiben, auf marmorner Tafel. Ihr großer Name verläßt nie wieder die Stadt!“
Der alte Tenor geriet in Bewegung.
„Meine Gedenktafel ist also nicht abgelehnt?“
„Abgelehnt oder nicht: der Gemeinderat wird glücklich sein, seinen Irrtum berichtigt zu sehen. Beim Bacchus, ich werde ihm keine Tafel am Rathaus mehr zumuten. Man muß als Politiker handeln, der mit den menschlichen Schwächen rechnet: ein Mann wie Sie, Cavaliere, versteht mich. Aber — he, Malandrini!“
Er holte den Wirt herbei.
„Sie, Malandrini, dem Don Taddeo sein Haus neu aufbaut, werden sich nicht weigern, auf Ihre Kosten eine Gedenktafel für Ihren berühmtesten Gast daran zu befestigen.“
„Aber er war nicht mein Gast“, sagte Malandrini.
„Ich war nicht sein Gast“, sagte der Cavaliere Giordano. Der Advokat fuchtelte.
„Wenn schon! Soll an solcher Kleinigkeit ein großer Plan scheitern? Die Nachwelt, Cavaliere, wird Ihren Ruhm bewundern, wo immer sie ihn findet.“
„Ich sage nicht nein“, erklärte der Wirt. „Vielleicht, daß die Engländer kommen, um die Inschrift zu lesen.“
„Welch schönes Genie ist das Ihre!“ — und der alte Sänger fiel dem Advokaten um den Hals.
Aber die Menge tat einen Stoß gegen die Treppengasse. Dort in der Ecke stand schimpfend auf seinem Postwagen das rote Gesicht des Kutschers Masetti.
„Man fährt nicht ab! Die Komödianten sollen hier bleiben!“ befahl das Volk.
Der Advokat eilte hinüber; er stellte den Antrag, vor der Abreise der Komödianten sollten alle auf dem Platz frühstücken. Masetti schrie umsonst, es sei zehn Uhr; wenn man schon das Ende der Messe abgewartet habe —
„Herunter!“ schrie das Volk und holte ihn vom Bock. Schon hatte es die Tische des Gevatters Achille und des Freundes Giovaccone schräg über den Platz geschoben, daß sie unter den Rathausbogen zusammenstießen. Man deckte sie, die Frauen schleppten ihr Geschirr herbei. Mama Paradisi trug selbst ihre riesige Suppenschüssel auf, der Krämer Serafini brachte Würste, und im Nu war die Witwe Pastecaldi mit ihren berühmten Ölkuchen zurück. Der alte Zecchini und seine Zechbrüder verfolgten den Kaufmann Mancafede, bis er von seinem Wein hergab. Polli hatte seine Frau, Olindo und die gelbhaarige Schwiegertochter mit Zigarren beladen.
„Eh! an einem Tage wie diesem muß man wohl die Frau aus dem Laden holen und ihn zumachen.“
Die Armen tränkten, in den Schatten der Häuser gelagert, ihr Brot mit Öl. Coletto klingelte an seinem Karren mit Kuchen; er machte dabei Pipistrelli nach, wenn er betete; und die Mädchen gingen fächelnd um den Karren herum, blinzelten und warteten, daß jemand ihnen etwas anbiete.
„Komm her, Corvi! Es gibt zu essen auch für die, die nichts haben.“
Frau Zampieri, Nina und der junge Mandolini aßen nicht, sie verteilten ihre Vorräte unter eine große Runde von Kindern, — indes Gesellen und Mägde die Hühnerlucia aus ihrer Gasse zogen.
„Sie soll neben dem Advokaten sitzen! Die Hühnerlucia neben dem Advokaten!“
Der Advokat empfing sie mit einer Verbeugung.
„Was denn! Es war Scherz. Neben dem Advokaten ist der Platz des Don Taddeo. Wo ist er?“
„Wie?“ rief Galileo Belotti und versperrte dem kleinen buckligen Schreiber aus Spello die Rathausgasse, in die er entwischen wollte. „Habe ich vielleicht nicht recht? Sie sind buck —“
Er verschluckte das Wort.
„Aber darum sind wir doch alle gleich.“
Und er ging Arm in Arm mit ihm zu Tisch.
„Don Taddeo ist nicht zu finden! In der ganzen Stadt nicht!“
Teufel, ihm war etwas zugestoßen. Was denn! Gewiß schlief er, und man sollte ihn lassen, denn er hatte sich mehr ermüdet als alle andern. Auf die Gesundheit des Heiligen!
Der Advokat führte statt der Hühnerlucia, strahlend und schwänzelnd, Frau Jole Capitani auf den Ehrenplatz unter den Bogen, und an seine andere Seite nahm er den Cavaliere Giordano. Aber man ließ ihn sich nicht setzen.
„Der Chiaralunzi will weggehen, weil in seiner Nähe der Maestro sitzt!“
Der Advokat griff ein.
„Zwei Männer wie ihr! Niemand hätte euch zugetraut, daß ihr dies bürgerliche Fest stören würdet. Da Ihr Euch mit Eurer Frau versöhnt habt, Chiaralunzi —“
Denn die Frau lächelte, wenn auch mit geschwollenen Augen.
Der Maestro habe sie verleumdet, wiederholte der Schneider störrisch, er sei nun einmal sein Feind. Der Advokat behauptete, der Maestro habe das nur gesagt, um etwas Witziges zu sagen.
„Ihr wißt wohl, Chiaralunzi, daß es komisch ist, wenn die Frau den Mann betrügt.“
Der Kapellmeister spreizte die Hand.
„Haltet mich für einen Intriganten, obwohl ich nur zornig war, — aber glaubt nie wieder, o glaubt nie wieder, daß ich die Wahrheit gesprochen habe! Wie könnte ichs ertragen, Euch unglücklich gemacht zu haben, ich, der ich jetzt so glücklich bin.“
Er schluchzte; kaum verstand man ihn. Der Advokat sagte, mit erschütterter Stimme:
„Könnt Ihr zweifeln?“
Der Schneider ward langsam rot, schnaufte unruhig, — und plötzlich griff er nach der Hand des andern. Der Advokat klatschte Beifall.
„So haßt ihr euch denn nicht mehr.“
„Haßten wir uns wirklich?“ sagte der Kapellmeister. „Es war wie der Haß eines andern, durch Zufall aufgelesen. Man wirft ihn nicht weg, weil man ihn hat. Es scheint, daß der menschliche Haß in unserem Stolze wächst; weil man ungerecht war, wird man noch ungerechter. Aber das größte Unrecht tut man sich selbst. Wie hätte ich noch meine Oper schreiben können!“
Zum Advokaten:
„Denn Sie glauben nicht, wie gut man sein muß, um zu schaffen.“
„Eh! wem sagen Sie das“, erwiderte der Advokat.
Dahinten, im Winkel bei der Treppengasse, lehnte Flora Garlinda sich zurück, betrachtete das Schmausen, unbedachte Schwatzen, das vertrauensvolle Gelächter, die Verbrüderungen . . . „Welch ärmlicher Betrug! Als ob man etwas hätte außer sich. Güte? Alles Große ist ohne Güte. Don Taddeo hat sich geirrt, als er herabstieg, und er wird es merken. Uns gebührt keine Gemeinschaft . . . Dennoch wird dem Unschuldigen dort der Weg geebnet, er geht zur Gesellschaft Mondi-Berlendi, indes ich weiter vor Bauern singe. Es ist anders gekommen, als ich dachte. Ich werde es wohl schwerer haben als er? Trotz meiner Bereitschaft, und obwohl ich ein so hartes Leben führe?“
„Hört doch, Fräulein!“ riefen Zecchini und die Trinker, „Ihr sollt etwas singen. Da ist Wein, um Euch zu stärken. Kommt her!“
„Flora!“ sagte, ihr gegenüber, Italia und wendete sich um, soweit die Aufmerksamkeit auf den jungen Severino Salvatori es ihr erlaubte, denn er wollte sie küssen. „Flora, man ruft dich! . . . Ah, sie hört nicht. Sie ist ein Mädchen, das zuviel denkt; drum hat sie auch schon Falten wie eine Alte.“
Die Primadonna sah hin, mit seltsam tiefen und starren Augen, die das Gesehene sogleich wieder verloren hatten.
„Er ist also sympathisch. Und er ist ihnen sympathisch, weil er sich ihnen gleich macht; weil er ihnen gefällig ist, weil er mit ihnen das Herz tauscht. Aber es gilt, um groß zu werden, sein Herz ganz fest zu halten . . . Heute tritt er jenem Alten seine Geliebte ab und nimmt dafür den Lohn. Morgen wird er den Leuten seine Musik verkaufen. Nein! Er hat mich nicht überholt; und es könnte sein, daß dies der Tag ist, an dem sein Untergang begann. Möge er noch eine Weile die lustige Sympathie der Gassen haben, — bevor die große Kunst meiner Leidenschaft darüber hinfährt.“
Ihr Stuhl bekam einen Stoß. Jungen, die auf allen vieren unter den Tischen krochen, schnappten nach Bissen wie Hunde. Der weiße Koch von den ‚Verlobten‘ traf mit einem riesigen Kessel ein, und alles stürzte sich darauf. Der Cavaliere Giordano rief umher nach Nello Gennari. Frau Camuzzi hielt ihn zurück.
„Ich errate, Cavaliere, daß Sie im Begriff sind, eine Dummheit zu machen. Sie wollen dem jungen Manne sagen, er solle nicht mehr zum Schneider gehen.“
„Sie haben sich versöhnt! Ich bin gerettet, verstehen Sie? gerettet,“ — und der Alte hüpfte auf. „Die Unsichtbare hat das Nachsehen, ich sterbe noch lange nicht!“
„Ich werde für Sie beten“, sagte Frau Camuzzi. „Aber darum trägt dennoch der Schneider Hörner. Wie? Ein Mann von Ihrer Erfahrung merkt nicht den Zusammenhang? Die Frau des Schneiders und der Gennari kennen sich schon längst.“
Da der Alte zurückwich:
„Machen Sie sich doch sogar Zeichen! Man hat die beiden Tenore verwechselt und den Verdacht auf Sie geworfen, Cavaliere. Ist es zu verwundern, daß man den Besieger der Frauen in Ihnen sieht?“
Frau Camuzzi seufzte. Der Alte wendete angstvoll den Kopf umher.
„Er darf nicht mehr zu der Frau des Schneiders gehen“, jammerte er. „Wenn der Schneider aufs neue Mißtrauen faßt, schlägt er, ohne hinzusehen, mich tot. Ah! was für verwickelte Dinge. Nello!“
Frau Camuzzi packte hart seine Hände.
„Schweigen Sie! Schweigen Sie doch!“ zischelte sie, und ihr Mund stand verzerrt offen in ihrem kleinen, bleichen Kopf. Er hielt auf einmal still, er musterte sie aus gekniffenen Lidern. Sie ließ ihn sofort los und schlug die Augen nieder.
„Wie Sie mich quälen“, murmelte sie. „Schon so lange, ach, verrate ich Ihnen meine Eifersucht auf die Frau des Schneiders, aber Sie, Böser, wollen nichts sehen.“
Mit einem Ruck bekam der Alte eine Miene voll gnädiger Zärtlichkeit.
„Beruhigen Sie sich, nur meine allzu große Liebe zu Ihnen war schuld, daß ich nichts sah.“
Sie schickte vom Rande des Lides einen raschen Blick umher. Ihr Mann fuchtelte zusammen mit dem Advokaten. Polli, der Bäcker Crepalini, Malagodi, der Apotheker, Herren und Mittelstand lagen sich ringsum geräuschvoll in den Armen.
„Jetzt wissen Sie es, Grausamer. Sie werden geliebt.“
„Teure Frau! Welches Feuer ich fühle!“
Da sah sie auf. Der Alte erbebte.
„Wenn Sie nicht mehr an die andern denken wollen, nur noch an mich —. Gehen Sie nach Hause, ich folge Ihnen.“
In dem rauhen Gesang der Trinker schwebte, dünn und durchdringend, die Stimme des Kaufmannes Mancafede.
„Trinkt nur! Es ist mein Wein, und er kostet euch nichts. Wenn es nichts kostet, würde sich auch die Madonna betrinken. Dies Glas aber bekommt sie nicht.“
Und er goß es hinunter. Die Höhlen in seinen Wangen waren rosig, und seine gewölbten Hasenaugen glänzten wie Glas. Der alte Zecchini schlug ihn auf den Rücken; ob seine Tochter es vorausgewußt habe, daß er heute am hellen Tage betrunken sein werde.
„Eh!“ machte der Kaufmann. „Wenn sie es nicht gewußt hat, sieht sie es auch jetzt noch früh genug.“
„Aber das Unglück?“ fragte der Bariton Gaddi. „Ihre Tochter hat doch prophezeit, daß ein Unglück geschehen solle, während wir Künstler da seien. Heute reisen wir ab: wo ist nun das Unglück? Vielleicht kommt es noch?“
„Warum soll es noch kommen? Ist es nicht schon Unglück genug, daß ich euch meinen Wein geben muß?“
Und der Kaufmann begann zu kichern. Er krümmte sich über seinen Magen und ward blau. Man wich mit den Stühlen zurück.
„Ob man dich jemals so gesehen hat, Mancafede!“
„Gebt acht! Ich sage euch etwas.“
Und als er genug Luft hatte:
„Meine Tochter ist — ist eine —“
Der Schluckauf fuhr dazwischen. Mit unsicherer Hand machte der Kaufmann nach dem verschlossenen Fensterladen seines Hauses eine lange Nase. Entsetztes Murren erhob sich. Die Trinker brüllten.
„Still da!“ rief man. „Der Tenor singt.“
Denn Nello stand auf einem Tisch, hatte den Kopf in den Nacken gelehnt und sang in den blauen Himmel hinein:
„Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus —“
Alle drängten sich zusammen unter den Rathausbogen, im schmalen Schatten der Leinendächer: nur er hatte das weiße Gesicht mit den scharfen kleinen Spitzen der Wimpern nach der Sonne gebreitet, und wenn die Leidenschaft der Töne seinen Kopf schüttelte, schwankte ihm das Haar, düster glänzend, in die Stirn.
„Immer die ‚Arme Tonietta‘“, sagte der Herr Giocondi. „Diese jungen Leute wissen entschieden nichts weiter.“
„Tut nichts“, — und Polli tätschelte seine Schwiegertochter. „Da nun einmal diese in die Familie eintritt, soll sie manchmal des Abends mit dem Phonographen zusammen die ‚Arme Tonietta‘ singen, und man lädt die Freunde ein.“
„Wir wissen nicht von Schatten, noch Tod. Unser Himmel ist rein und ewig unser Glück“, schloß Nello, und sein hoher Ton dauerte, dauerte . . . Zuletzt hielten alle den Atem an und starrten, dem Schrecken nah: als schnitte durch den Himmel der unvergängliche Ruf eines Unsterblichen, eines Marmors, glühend von ungeheurem Leben.
Plötzlich sprang er herab.
„Welch tüchtiger Junge! Wir werden ihn nie vergessen.“
Alle griffen nach ihm. Mama Paradisi wogte fassungslos; sie küßte ihn laut auf beide Wangen. Wie er schwindlig unter der schwarzen Wolke ihres Hutes hervortauchte, zog Gaddi ihn in das Tor der Post.
„Auch ich, mein Nello, nehme nun von dir Abschied. Ich will dich nicht mehr warnen . . .“
Da Nello die Hand bewegte:
„Ich weiß, es wäre umsonst. Auch kenne ich keinen vernünftigen Grund, weshalb ich Furcht habe um dich. Aber ich habe Furcht. Ich ahne dich hier in einem Netz. Durchbrich es! Komm mit uns! Nein: ich weiß, daß du nicht kannst, und ich sollte schweigen. Aber ich sehe Blicke, die dich treffen, ich bin seltsam hellhörig; ich erscheine mir wie eine Frau und lächerlich.“
„Du bist nicht lächerlich, Virginio, du bist mein Freund. So wohl wie du will keiner mir von den Menschen. Alba: ah! das ist mehr als menschlich.“
„Die Sache ist,“ sagte Gaddi, „daß du der späteste Freund meiner Jugend bist. Solange ich dich jung sehe —. Als wir Freundschaft schlossen, war auch ich es fast noch. Erinnerst du dich an jenen Abend am Meer in Sinigaglia? Wir hatten nichts zu essen und brachen Muscheln von den Pfählen. Für die Nacht gingen wir in eine Sandgrube und fanden dort ein Mädchen, in das wir uns teilten. Die Zeiten sind vorbei.“
Nello lachte hell auf.
„Ja, sie sind vorbei. Aber es kommen immer schönere.“
„So grüße ich dich denn“, — und Gaddi umarmte ihn lange. „Adieu, mein Bruder!“
Gerade keifte der Bäcker Crepalini gegen den dicken Corvi, der noch immer aß. So sei es nicht gemeint, und er solle nicht die ganze Stadt bankerott essen, weil er selbst es sei. Der dicke Alte blinzelte gelassen; er erklärte:
„Ich esse, weil der Advokat ein großer Mann ist. Lange genug hat man nicht gewußt, was man glauben, zu wem man halten sollte. Jetzt, Gott sei Dank, habe ich wieder Appetit. Es lebe der Advokat, und es lebe die Freiheit!“
„Denn der Advokat“, sagte der Apotheker Acquistapace, „ist, und das findet Ihr nicht wieder, ein großer Mann, der die Freiheit liebt.“
Der Bäcker bellte:
„Er liebt die Freiheit, er liebt die Freiheit. Aber wir haben es ihn erst lehren müssen, sie zu lieben, indem wir ihm die Zähne zeigten. Die Freiheit ist eine gute Sache; darum soll man genau achtgeben, daß niemand zuviel davon nimmt.“
„Bravo Advokat!“ riefen alle, denn der Advokat erkletterte den Tisch in der Sonne. Er stellte die Hand vor sich hin und hielt die Brauen ganz hoch, bis es still wurde.
„Mitbürger! Unsre Künstler ziehen ab!“ keuchte er, und schon ward geklatscht. Er wiederholte und bewegte den steilen Finger hin und her:
„Sie ziehen ab; aber sie verlassen uns anders, als sie uns gefunden haben. Durch große Dinge —“ und er hob sich auf die Zehen, „durch große Dinge sind wir hindurchgegangen . . . Aber so warte doch, Masetti!“
Denn der Kutscher war nicht länger zu halten. Er klapperte mit seinem Gefährt aus dem Tor der Post und drohte alles umzuwerfen, wenn man ihn nicht durchlasse.